Sir Henry Rider Haggard (1856–1925), einer der bedeutendsten englischen Erzähler der Jahrhundertwende, gehört zu den Kl...
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Sir Henry Rider Haggard (1856–1925), einer der bedeutendsten englischen Erzähler der Jahrhundertwende, gehört zu den Klassikern des phantastischen Abenteuerromans. Seine exotischen und farbenprächtigen Fantasy-Epen spielen vornehmlich im dunklen Herzen Afrikas, das zu jener Zeit noch weitgehend unerforscht und von wilden Völkerschaften bewohnt war und Raum bot für Spekulationen über geheimnisvolle unentdeckte Reiche und legendäre uralte Zivilisationen. In diesem Band sind die berühmten Jagdgeschichten von Henry Rider Haggard vereint, die sich um den legendären Großwildjäger Allan Quatermain ranken. Quatermain, unter anderem Held der bekannten und wiederholt verfilmten Bestseller »König Salomons Diamanten« und »Sie«, erzählt von seinen spannenden und phantastischen Abenteuern in den Savannen des dunklen Kontinents, von den magischen Fähigkeiten der schwarzen Ureinwohner und den blutigen Auseinandersetzungen mit den ersten Siedlern.
Von Henry Rider Haggard erschienen in gleicher Ausstattung in der Reihe HEYNE SCIENCE FICTION & FANTASY: Sie · 06/4130 Allan Quatermain · 06/4131 Ayesha – Sie kehrt zurück · 06/4133 Sie und Allan · 06/4133 König Salomons Diamanten · 06/4134 Die heilige Blume · 06/4135 Das Halsband des Wanderers · 06/4136 Tochter der Weisheit · 06/4137 Das Sehnen der Welt · 06/4138 Morgenstern · 06/4146 Als die Welt erbebte · 06/4147 Das Nebelvolk · 06/4148 Das Herz der Welt · 06/4149 Kleopatra · 06/4310 Der Geist von Bambatse · 06/4311 Allan Quatermain der Jäger · 06/4367 Allan Quatermain und die Eisgötter · 06/4368 Das Elfenbeinkind · 06/4369 Der gelbe Gott · 06/4370 Weitere Ausgaben sind in Vorbereitung.
HENRY RIDER HAGGARD
Allan Quatermain der Jäger Fantasy
16. Band der Haggard-Ausgabe
WILHELM HEYNE VERLAG MÜNCHEN Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!
HEYNE SCIENCE FICTION & FANTASY Band 06/4367 Titel der englischen Ausgaben MAIWA'S REVENGE und ALLAN'S WIFE Deutsche Übersetzung von Hans Maeter Das Umschlagbild schuf Vicente Segrelles/Norma Redaktion: Wolfgang Jeschke »Maiwa's Revenge« erschien als Vorabdruck in »Harper's New Monthly Magazine« im Juli und August 1888 (vol. LXXVII) und als selbständige Buchausgabe im Juli 1888 bei Harper in New York und im August 1888 bei Longmans, Green & Co in London. Die Collection »Allan's Wife« erschien im Dezember 1889 bei Spencer Blackett London, und im Dezember 1889 bei Frank F. Lovell in New York. Sie enthielt die Erzählungen »Allan's Wife«, »Hunter Quatermain's Story«, »A Tale of Three Lions« und »Long Odds«. »Hunter Quatermain's Story« wurde 1885 erstmals abgedruckt in der Zeitschrift »In A Good Cause«; erneut erschienen 1899 unter dem Titel »The Spring of A Lion«. »A Tale of Three Lions« war bereits im November 1887 bei John W. Lovell in New York als selbständige Buchausgabe erschienen und außerdem als Vorabdruck in der Zeitschrift »Atalanta« von Oktober bis Dezember 1887 (vol. 1, nos 1–3); 1898 erschien sie unter dem Titel »Allan the Hunter«. Der Nachtrag »On Going Back« erlebte seine Erstveröffentlichung November 1887 in »Longman's Magazine«. »Long Odds« in »Macmillan's Magazine« im Februar 1886 (vol. LIII). »Magepa the Buck« erschien ursprünglich in »Pears' Christmas Annual« von 1912 und war später in der Collection »Smith and the Pharaohs« enthalten, die im November 1920 bei J. W. Arrowsmith in Bristol und im August 1921 bei Longmans, Green & Co in New York erschien. Copyright © 1987 der deutschen Übersetzungen by Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München Copyright © 1987 des Nachworts by Bernhard Heere Printed in Germany 1986 Umschlaggestaltung: Atelier Ingrid Schütz, München Satz: Schaber, Wels Druck und Bindung: Elsnerdruck, Berlin ISBN 3-453-31371-2
Ich danke Roland Schmid für seinen Rat und seine hilfreiche Unterstützung bei der Entstehung dieses Bandes.
INHALT SCHLECHTE CHANCEN ................................ (LONG ODDS)
9
EINE ERZÄHLUNG VON DREI LÖWEN ...... 33 (A TALE OF THREE LIONS) 1 Die Zinsen für zehn Schillinge .................. 33 2 Was in dem Bassin gefunden wurde ....... 47 3 Jim-Jim wird gerächt ................................. 61 Nachtrag zu »Eine Erzählung von drei Löwen«: Über das Zurückkehren (»On Going Back«) ... 78 RACHE FÜR MAIWA ....................................... (MAIWA'S REVENGE) Vorwort ....................................................... 1 Gobo weigert sich ...................................... 2 Eine morgendliche Jagd ............................ 3 Die erste Runde .......................................... 4 Die letzte Runde ......................................... 5 Die Botschaft Maiwas ................................ 6 Der Schlachtplan ........................................ 7 Der Angriff ................................................. 8 Maiwa wird gerächt ..................................
88 88 88 101 118 134 154 176 193 210
JÄGER QUATERMAINS STORY ..................... 227 (HUNTER QUATERMAIN'S STORY)
INHALT STELLA UND HENDRIKA* ............................ (ALLAN'S WIFE) Widmung .................................................... 1 Die frühen Tage .......................................... 2 Der Feuerkampf ......................................... 3 Nordwärts .................................................. 4 Das Zulu-Impi ............................................ 5 Das Ende des Lagers .................................. 6 Stella ............................................................ 7 Die Pavianfrau ........................................... 8 Die Marmorkraals ...................................... 9 »Laß uns hineingehen, Allan!« ................. 10 Hendrika plant Unheil .............................. 11 Verschwunden! .......................................... 12 Die Magie Indaba-zimbis .......................... 13 Was Stella geschah ..................................... 14 Fünfzehn Jahre später ................................
254 254 256 269 284 300 318 336 357 371 384 396 413 424 437 449
MAGEPA, DER BOCK ...................................... 461 (MAGEPA THE BUCK) Ein weißer Jäger im Zululand .......................... 482 Nachwort von Bernhard Heere *
Die Erzählung »Allan's Wife« erschien 1898 in einer anderen Übersetzung unter dem Titel »Der Zauberer im Sululand« im Verlag Fr. E. Fehsenfeld in Freiburg i. Br.
Schlechte Chancen Die Geschichte, die auf den folgenden Seiten wiedergegeben wird, wurde mir von meinem alten Freund Quatermain berichtet, oder Großwildjäger Quatermain, wie wir ihn in Südafrika zu nennen pflegten. Er erzählte sie mir an einem Abend, als ich ihn in dem Haus bei Yorkshire, das er gekauft hatte, besuchte. Wenig später wurde er durch den Tod seines einzigen Sohnes so erschüttert, daß er England verließ, begleitet von seinen alten Reisekameraden, Sir Henry Curtis und Captain Good, und jetzt ist er im schwarzen Herzen Afrikas spurlos verschwunden. Er machte sich auch auf diese Reise, weil es Gerüchte gab, daß ein weißes Volk, von dessen Existenz er immer wieder gehört hatte, irgendwo auf der Hochebene des riesigen, noch unerforschten Innern des Kontinents leben sollte, und er den Ehrgeiz hatte, dieses Volk zu finden, bevor er starb. Es war ein wildes Abenteuer, zu dem er und seine Begleiter aufbrachen, und von dem er, wie ich annehme, nicht zurückkehren wird. Nur einen Brief habe ich von dem alten Gentleman erhalten, von einer Missionsstation hoch oben am Tara, einem Fluß an der Ostküste, etwa dreihundert Meilen nördlich von Sansibar. In diesem Brief sagte er, daß sie viele Strapazen und Abenteuer hinter sich gebracht hätten, aber am Leben und bei bester Gesundheit seien und Spuren gefunden hätten, welche ihnen Hoffnung machten, daß das Ergebnis ihrer abenteuerlichen Suche zu ›einer wunderbaren und unvorstellbaren Entdeckung‹ führen könnte. Ich fürchte jedoch, daß alles, was er entdeckt hat, der Tod
ist, denn dieser Brief ist vor einer geraumen Zeit eingetroffen, und seitdem hat niemand auch nur ein Wort von den dreien gehört. Sie sind spurlos verschwunden. Es war am letzten Abend meines Aufenthaltes in seinem Hause, als er die folgende Geschichte mir und Captain Good erzählte, als wir mit ihm dinierten. Nach dem Essen hatte er zwei oder drei Gläser alten Portweins getrunken, nur um Good und mir zu helfen, die zweite Flasche zu leeren. Das war sehr ungewöhnlich für ihn, da er ein sehr enthaltsamer Mensch war und, wie er es ausdrückte, das Trinken verabscheute, da er die Wirkung des Alkohols auf die Art von Männern – Jäger, Transportunternehmer und andere – erlebt hatte, unter denen er so viele Jahre seines Lebens verbracht hatte. Infolgedessen hatte der gute Wein eine größere Wirkung auf ihn, als er auf die meisten anderen Männer gehabt hätte, färbte seine faltigen Wangen ein wenig rosig und ließ ihn freier sprechen als dies sonst der Fall war. Lieber, alter Mann! Ich sehe ihn noch heute vor mir, wie er in dem Vestibül auf und ab hinkte, sein graues Haar bürstenartig gesträubt, mit seinem faltigen, gelben Gesicht, und mit seinen großen, dunklen Augen, die so scharf waren wie die eines Falken, und doch so sanft wie die eines Hirsches. Der ganze Raum hing voller Trophäen seiner zahllosen Jagdexpeditionen, und für jede von ihnen hatte er eine Geschichte, wenn man ihn nur dazu bringen konnte, sie zu erzählen. Von allein tat er das gewöhnlich nie, da er nicht dazu neigte, seine eigenen Erlebnisse zu berichten, doch an diesem Abend hatte der Portwein seine Zunge gelöst.
»Ah, du Bestie!« sagte er und blieb unter dem Schädel eines ungewöhnlich großen Löwen stehen, der über dem Kaminsims hing, unter einer langen Reihe von Gewehren, seinen Rachen zu voller Weite aufgerissen. »Ah, du Bestie! Du hast mir die letzten Jahre eine Menge Schmerzen bereitet, und wirst es sicher bis zur Stunde meines Todes tun.« »Erzählen Sie uns die Geschichte, Quatermain«, sagte Good. »Sie haben es mir oft versprochen, und es nie getan.« »Sie sollten mich lieber nicht darum bitten, weil sie ziemlich lang ist.« »Das macht nichts«, sagte ich, »der Abend ist noch jung, und es ist noch mehr Portwein da.« Auf diese Weise überredet, füllte er seine Pfeife aus einem Topf mit grob geschnittenem Burentabak, der immer auf dem Kaminsims stand, und begann, noch immer auf und ab gehend, zu erzählen. »Es muß, wie ich glaube, im März '69 gewesen sein, als ich in Sikukunis' Reich war. Es war unmittelbar nach Sequatis Zeit, und Sikukunis war gerade an die Macht gelangt – ich habe vergessen, auf welche Weise. Auf jeden Fall war ich dort. Ich hatte gehört, daß die Bapedis eine enorme Menge Elfenbein aus dem Landesinneren gebracht hätten, also brach ich mit einer Wagenladung Waren von Middleburg auf, um etwas von diesem Elfenbein einzuhandeln. Es war ziemlich riskant, so früh im Jahr in dieser Gegend zu reisen, wegen des Fiebers, doch wußte ich, daß noch zwei oder drei weitere Männer hinter dem Elfenbein her waren, also entschloß ich mich, es zu versuchen und das Risiko mit dem Fieber auf mich zu nehmen. Ich war inzwischen durch mein ständiges Umherzie-
hen so unanfällig geworden, daß ich es nicht für sehr groß hielt. Nun, einige Zeit ging alles gut. Es ist ein wunderbares, schönes Stück Busch-Veldt, das von großen Bergketten durchzogen ist, und mit runden GranitHügeln da und dort, die wie Wachtposten über die endlose Weite des Busches blicken. Es war sehr heiß – so heiß, wie in einem Kochtopf – und als ich in jenem März dort war, wo natürlich in jenem Teil Afrikas Herbst ist, roch das ganze Land förmlich nach Fieber. An jenem Morgen, während ich den Oliphant-Fluß entlangtreckte, kroch ich bei der Dämmerung aus dem Wagen und blickte hinaus. Doch es war kein Fluß zu sehen, nur lange Wolken von etwas, das aussah wie ein Hauch feinster Baumwolle. Es war der Fieber-Nebel. Und auch aus dem Busch kräuselten sich kleine Nebelspiralen, wie der Rauch von Hunderten winziger Feuer, die in ihm brannten – die Ausdünstungen von Tausenden von Tonnen faulender Vegetation. Es war ein sehr schönes Land, doch war seine Schönheit die Schönheit des Todes; und alle diese Schwaden und Kringel von Nebel schrieben ein riesiges Wort auf den Boden des Landes, und das Wort war: FIEBER. Es war dies ein besonders schlimmes Krankheitsjahr. Ich kam, wie ich mich erinnere, zu einem kleinen Kraal der Knobnoses*, wie der Stamm genannt wurde, und ging hinein, um zu sehen, ob ich dort etwas Maas, das ist geronnene Buttermilch, und Mais kaufen könnte. Als ich mich dem Kraal näherte, fiel mir die absolute Stille auf, die dort herrschte. Keine Kin*
Knollennasen
der schrien, keine Hunde bellten. Und ich konnte auch nirgends Schafe oder Rinder sehen. Der Kraal war zwar offensichtlich bis vor kurzem bewohnt gewesen, lag jetzt jedoch still wie der Busch, von dem er umgeben war, nur ein paar Perlhühner stoben aus dem Gestrüpp von Feigenkakteen auf, das am Tor des Kraals wuchs. Ich erinnere mich, daß ich ein wenig zögerte, bevor ich hineinging, weil eine solche Atmosphäre der Verlassenheit über diesem Ort hing. Die Natur wirkt niemals verlassen, solange der Mensch noch nicht seine Hand auf sie gelegt hat; sie ist nur still. Doch dort, wo der Mensch gewesen und wieder fortgegangen ist, wirkt sie verlassen. Schließlich ging ich aber doch in diesen Kraal und trat zu seiner größten Hütte. Vor ihr lag etwas, über das ein altes Kaross aus Schaffell geworfen worden war. Ich bückte mich und zog ihn fort – und fuhr entsetzt zurück, denn unter ihm lag die Leiche einer jungen Frau, die erst kürzlich gestorben sein konnte. Im ersten Augenblick wollte ich sofort kehrtmachen, doch dann siegte meine Neugier; also ging ich an der toten Frau vorbei, ließ mich auf Hände und Knie nieder und kroch in die Hütte. Es war dort so dunkel, daß ich überhaupt nichts sah, wohl aber recht viel riechen konnte. Ich riß ein Streichholz an. Es war eines dieser ›Tandstickor‹-Hölzer, die lange und langsam brennen, und als sein Licht heller wurde, sah ich eine ganze Familie, Männer, Frauen und Kinder, im festen Schlaf liegen. Als das Streichholz voll aufgeflammt war, erkannte ich, daß auch sie tot waren. Eins von ihnen war ein Baby. Ich ließ das Streichholz sofort fallen und wollte so schnell wie möglich von dort verschwinden, als ich zwei helle Augen ent-
deckte, die mich aus einer Ecke heraus anstarrten. In der Annahme, daß es eine Wildkatze sei, oder ein ähnliches Tier, verdoppelte ich meine Eile, hinauszukommen, als plötzlich eine Stimme bei den Augen zu murmeln begann und dann eine Reihe entsetzlicher Schreie ausstieß. Hastig riß ich ein zweites Streichholz an und sah, daß die Augen einer alten Frau gehörten, die in ein schmieriges Kleidungsstück aus Fell gewickelt war. Ich packte sie beim Arm und schleifte sie hinaus, da sie von sich aus nicht hinauskriechen konnte oder wollte, und der Gestank war betäubend. Sie bot einen entsetzlichen Anblick: ein mageres Gerippe, von schwarzer, pergamentartiger Haut überzogen. Das einzige Helle an ihr war die weiße Wolle auf ihrem Kopf, und sie schien tot zu sein, nur ihre Augen und ihre Stimme lebten noch. Sie glaubte, daß ich ein Teufel sei, der gekommen war, um sie zu holen, und das war der Grund dafür, daß sie so schrie. Nun, ich schleppte sie zu meinem Wagen, gab ihr eine Pfeife Kap-Tabak, und flößte ihr anschließend, sobald sie dazu bereit war, eine Tasse Fleischbrühe ein, aus dem Fleisch eines Wildebeest gekocht, das ich am Vortag geschossen hatte; danach wurde sie erheblich munterer. Sie konnte Zulu sprechen – es stellte sich sogar heraus, daß sie während T'Chakas Zeit aus Zululand geflohen war – und sie sagte mir, daß alle die Menschen, die ich gesehen hatte, am Fieber gestorben seien. Als sie starben, hätten die anderen Bewohner des Kraals die Rinder zusammengetrieben und seien fortgezogen. Die arme alte Frau, die von Alter und Krankheit geschwächt war, hatten sie zurückgelassen, damit sie verhungere oder an der Krankheit stürbe,
wie immer es geschehen mochte. Drei Tage lang habe sie dort zwischen den Leichen gesessen, als ich sie gefunden hatte. Ich nahm sie mit zum nächsten Kraal, gab dem Ältesten eine Decke, damit er sich um sie kümmere, und versprach ihm eine zweite, wenn ich sie bei meiner Rückkehr lebend und gesund vorfinden würde. Ich erinnere mich, wie erstaunt er war, daß ich mich für ein so wertloses, altes Weib von zwei Decken trennen wollte. ›Warum hast du sie nicht im Busch gelassen?‹ fragte er. Sie müssen wissen, daß diese Menschen die Doktrin des Überlebens der Stärkeren bis zum Extrem befolgten. Es war in der Nacht nach dem Tage, an dem ich die alte Frau losgeworden war, als ich meine erste Bekanntschaft mit jenem Freund machte«, und er deutete mit einem Kopfnicken auf den Löwenkopf, der uns aus dem Schatten über dem breiten Kaminsims anzugrinsen schien. »Ich hatte vom Morgengrauen bis gegen elf Uhr getreckt – es war ein langer Treck – wollte jedoch weitermachen, hatte die Ochsen zum Grasen ausgespannt und den Voorloper beauftragt, sie zu hüten, um gegen sechs Uhr wieder anzuspannen und im Licht des Mondes bis zehn Uhr weiterzutrecken. Dann kletterte ich in den Wagen und schlief bis gegen halb drei oder so, dann stand ich auf, briet mir ein Stück Fleisch, aß es und trank einen Becher schwarzen Kaffee – es war zu jener Zeit schwierig, Milchkonserven zu kaufen. Gerade als ich damit fertig war und mein Fahrer, ein Mann namens Tom, das Geschirr abwusch, erschien der junge Schurke von Voorloper und trieb einen Ochsen vor sich her. ›Wo sind die anderen Ochsen?‹ fragte ich.
›Koos!‹ antwortete er, ›Koos! Die anderen Ochsen sind verschwunden. Ich habe sie nur für eine Minute aus den Augen gelassen, und als ich wieder hinsah, waren sie alle fort, bis auf diesen, der seinen Rücken an einem Baum rieb.‹ ›Mit anderen Worten, du hast geschlafen und sie laufen lassen, du fauler Hund. Ich werde dir den Rücken mit einem Stock reiben‹, antwortete ich ziemlich wütend, da es keine angenehme Aussicht ist, eine Woche oder länger in einer Fieberfalle zu stecken, während wir die Ochsen suchten. ›Verschwinde! Und du auch, Tom! Und wagt ja nicht zurückzukommen, bevor ihr sie gefunden habt. Sie werden zur Straße nach Middleburg gelaufen und inzwischen ein Dutzend Meilen weit weg sein, wette ich. Keine Widerrede! Fort mit euch beiden!‹ Tom, der Fahrer, fluchte und gab dem anderen Burschen einen herzhaften Tritt, den dieser Kerl reichlich verdient hatte, und dann, nachdem sie den verbliebenen Ochsen an den Disselboom* gebunden hatten, nahmen sie ihre Assegais und Stöcke und zogen los. Ich wäre am liebsten mit ihnen gegangen, doch mußte einer zurückbleiben und auf den Wagen aufpassen, und ich ließ ihn niemals zur Nachtzeit in der Obhut einer der beiden Boys zurück. Ich war in einer sehr schlechten Stimmung, obwohl ich an Zwischenfälle dieser Art ziemlich gewöhnt war, und tröstete mich damit, daß ich mein Gewehr nahm, um etwas zu schießen. Zwei Stunden lang streifte ich umher, ohne etwas zu sehen, das zu erlegen sich lohnte, doch schließlich, als ich mich bereits wieder *
Deichsel
fast beim Wagen befand, sah ich einen alten ImpalaBock hinter einer Dornen-Mimose stehen. Er lief direkt auf den Wagen zu, und erst als er nur noch wenige Fuß von ihm entfernt war, bekam ich ihn richtig vor den Lauf. Ich drückte ab und erwischte ihn im Rückgrat; er stürzte, tot wie eine Sargnagel – es war ein herrlicher Schuß, obwohl es nicht an mir ist, das zu sagen. Das besserte meine Stimmung ein wenig, besonders da der Bock direkt vor dem hinteren Teil des Wagens lag, so daß ich ihn nur ausweiden, einen Riemen um seine Hinterbeine binden und ihn hochziehen mußte. Als ich das getan hatte, war die Sonne untergegangen, und der Mond stand am Himmel, und es war ein herrlicher Mond. Und dann kam diese wunderbare Stille, die sich manchmal während der frühen Nachtstunden über den afrikanischen Busch senkt. Kein Tier regte sich, kein Vogel schrie. Kein Lufthauch bewegte die Bäume, und nicht einmal die Schatten zitterten, sie wuchsen nur. Es war sehr bedrückend und sehr einsam, weil es keine Spur von den Ochsen und den Boys gab. Ich war sehr dankbar für die Gesellschaft des alten Kaptein*, der zufrieden neben dem Disselboom lag und gewissenhaft wiederkäute. Plötzlich jedoch begann Kaptein unruhig zu werden. Zuerst schnaubte er, dann erhob er sich und schnaubte wieder. Ich verstand es nicht, also sprang ich wie ein Narr vom Wagen herab und blickte umher, in der Annahme, daß die verlorenen Ochsen zurückkämen. Im nächsten Moment bedauerte ich diesen Leicht*
Leitochse
sinn, denn plötzlich hörte ich ein Brüllen und sah etwas Gelbes an mir vorbeifliegen und auf dem armen Kaptein landen. Dann kam ein lauter Schmerzensschrei von dem Ochsen, und ich hörte ein Knirschen, als der Löwe seine Zähne in das Genick des armen Tieres schlug, und ich begann zu begreifen, was geschehen war. Mein Gewehr befand sich im Wagen, und mein erster Gedanke war, es in die Hand zu bekommen, also warf ich mich herum und griff nach ihm. Ich bekam den Fuß auf das Rad und wollte mich in den Wagen schwingen, und dort erstarrte ich wie gelähmt, und das war auch kein Wunder, denn in diesem Moment hörte ich den Löwen hinter mir, und in der nächsten Sekunde fühlte ich ihn, ja, so deutlich, wie ich jetzt diesen Tisch vor mir sehe. Ich fühlte ihn, wie ich sagte, an meinem linken Bein, das herabhing, schnuppern. Sie können mir glauben, daß es ein sehr komisches Gefühl war! Ich glaube nicht, daß ich jemals zuvor ein so komisches Gefühl gehabt hatte. Ich wagte nicht, mich zu bewegen, und das Seltsame war, daß ich die Gewalt über mein Bein zu verlieren schien, das die unsinnige Bestrebung entwickelte, aus eigenem Willen auszuschlagen – gerade so, wie hysterische Menschen lachen müssen, wenn sie besonders ernst sein wollen. Also, der Löwe schnupperte und schnupperte, zuerst an meinem Knöchel, und dann arbeitete er sich langsam zu meinem Oberschenkel hinauf. Als er dort angelangt war, war ich überzeugt, daß er jetzt zuschnappen würde, doch er tat es nicht. Er knurrte nur leise und ging dann zu dem Ochsen zurück. Ich drehte den Kopf ein wenig und bekam ihn voll zu Gesicht. Er war der größte Löwe, den ich jemals ge-
sehen hatte, und ich habe recht viele gesehen; er hatte eine mächtige, schwarze Mähne. Wie seine Zähne aussahen, können Sie hier ja selbst sehen – ganz schön groß, nicht wahr? Alles in allem war er ein prächtiges Tier, und als ich dort ausgestreckt auf der Deichselgabel des Wagens lag, kam mir der Gedanke, daß er sich in einem Käfig außergewöhnlich gut ausnehmen mußte. Er stand neben dem Kadaver des armen Kaptein und weidete ihn aus, so sauber, wie es ein Metzger nicht besser getan haben könnte. Ich wagte mich nicht zu rühren, denn während der ganzen Zeit hob er immer wieder den Kopf und behielt mich im Auge, wenn er mit der Zunge über seine blutigen Lefzen fuhr. Als er den Ochsen ausgeweidet hatte, riß er das Maul auf und brüllte, und ich übertreibe nicht, wenn ich sage, daß dieses Brüllen den Wagen erzittern ließ. Sofort antwortete ein weiteres Brüllen ganz in der Nähe. Gütiger Himmel! dachte ich, da ist sein Weibchen! Kaum hatte ich das gesagt, als ich schon im Licht des Mondes eine Löwin durch das hohe Gras laufen sah, gefolgt von zwei Jungen, die die Größe von Doggen hatten. Wenige Fuß von meinem Kopf entfernt hielt sie inne, peitschte mit dem Schwanz und starrte mich mit ihren glühenden gelben Augen an; doch gerade als ich dachte, daß alles vorbei sei, wandte sie sich ab und begann am Kaptein zu fressen, und das taten auch die beiden Jungen. Jetzt waren also vier von ihnen nur etwa acht Fuß von mir entfernt, knurrend und streitend, reißend und zubeißend, und ich hörte, wie die Knochen des armen Kaptein zerkrachten; und ich lag, zitternd vor Angst und naß von kal-
tem Schweiß, und fühlte mich wie Daniel in der Löwengrube. Schließlich hatten die Jungen genug gefressen und wurden unruhig. Eins von ihnen trottete zum hinteren Teil des Wagens und riß an dem Impala-Bock, der dort hing, das andere kam in meine Richtung und begann das Schnüffelspiel an meinen Beinen. Es ging sogar noch weiter; da meine Hose ein wenig hochgerutscht war, leckte es mit seiner rauhen Zunge über die bloße Haut. Je mehr es leckte, desto mehr Gefallen schien es daran zu finden, denn es tat es mit immer größerer Inbrunst und begann leise zu schnurren. Da wußte ich, daß mein Ende gekommen war, denn in wenigen Sekunden mußte seine feilenrauhe Zunge die Haut durchgescheuert haben, und wenn es erst Blut schmeckte, hatte ich keine Chance mehr. Also lag ich ergeben still, dachte über meine Sünden nach, betete zu Gott, dem Allmächtigen, und kam zu dem Schluß, daß das Leben eigentlich doch eine recht schöne Sache ist. Dann, plötzlich, hörte ich das Brechen von Buschwerk, und das Rufen und Pfeifen von Männern, und da kamen die beiden Boys mit den Ochsen zurück, die bei ihrem Ausflug zusammengeblieben waren. Die Löwen hoben den Kopf und lauschten, dann sprangen sie lautlos davon – und ich verlor das Bewußtsein. Die Löwen kamen in jener Nacht nicht zurück, und am nächsten Morgen waren meine Nerven wieder einigermaßen in Ordnung; doch ich kochte vor Wut, wenn ich an all das dachte, das ich durch die vier Bestien hatte durchmachen müssen, und an das Los meines Kaptein. Er war ein prächtiger Leitochse gewesen, und ich hatte ihn sehr gemocht. So stark war ich von meiner Wut besessen, daß ich wie ein Narr
beschloß, die ganze Familie zu erschießen. Das war eines Grünhorns würdig, der den ersten Jagdausflug seines Lebens unternimmt, doch ich tat es trotzdem. Also brach ich nach dem Frühstück, und nachdem ich Öl auf mein Bein gerieben hatte, das von der Zunge des Löwenjungen ziemlich wundgerieben worden war, auf und nahm den Fahrer, Tom, mit mir, dem die Geschichte gar nicht gefiel, bewaffnet mit einem gewöhnlichen, doppelläufigen Nr. 12 Gewehr, dem ersten Hinterlader, den ich besaß. Ich hatte dieses Gewehr gewählt, weil seine glatten, nicht gezogenen Läufe sehr genau schossen; und ich hatte die Erfahrung gemacht, daß eine Rundkugel aus einem glatten Lauf bei einem Löwen genau so wirksam ist wie das Geschoß eines Expreß-Gewehrs. Das Fleisch des Löwen ist weich, und es ist nicht schwer, ihn zu erlegen, wenn man ihn irgendwo in den Körper trifft. Eine Antilope zu töten, ist weitaus schwieriger. Also, ich brach auf, und das erste, das ich tat, war, mich umzusehen, wo die Löwen tagsüber lagerten. Etwa dreihundert Yards vom Wagen entfernt befand sich eine kleine Erhebung, auf der einzelne Mimosenbäume standen, fast wie in einem Park, und hinter ihr lag ein Stück offenen Landes, das zu einer Trockenpfanne, oder Wasserloch, führte, die etwa einen Acre Boden bedeckte und mit einem Dickicht von Schilf bestanden war. Auf der anderen Seite dieser Trokkenpfanne stieg der Boden wieder an zu einer zerklüfteten Anhöhe oder Nullah, die vom Wasser ausgeschwemmt worden war und einen dichten Bestand von Buschwerk aufwies, aus dem eine Anzahl hoher Bäume ragten, an deren Art ich mich jedoch nicht mehr erinnern kann.
Ich erkannte sofort, daß diese Trockenpfanne ein Platz war, an dem ich meine Freunde sehr wahrscheinlich finden würde, denn nichts mag ein Löwe lieber, als im Röhricht zu liegen, durch das er alles sehen kann, ohne selbst gesehen zu werden. Also ging ich dorthin und begann die Senke zu erkunden. Bevor ich die Trockenpfanne halb umschritten hatte, entdeckte ich die Überreste von einem Wildebeest, das offensichtlich vor drei oder vier Tagen gerissen und zum Teil von Löwen gefressen worden war; das und einige weitere Anzeichen verrieten mir, daß die Familie, auch wenn sie jetzt nicht da sein sollte, doch einen großen Teil ihrer Freizeit dort verbrachte. Doch wenn die Löwen da sein sollten, so erhob sich die Frage, wie ich sie herauslocken konnte, denn es war nicht daran zu denken, hineinzugehen und nach ihnen zu suchen, wenn man nicht sehr lebensmüde war. Nun blies an diesem Tage ein ziemlich starker Wind aus der Richtung des Wagens durch die schilfbewachsene Trockenpfanne, und das brachte mich auf die Idee, das Schilf in Brand zu setzen, das, wie ich Ihnen erzählt zu haben glaube, recht trocken war. Also gab ich Tom eine Schachtel Streichhölzer, und er begann, auf der linken Seite kleine Feuer zu entfachen, und ich tat das gleiche von rechts. Doch die Schilfhalme waren noch ziemlich grün in den unteren Teilen, und wir hätten es bestimmt nicht geschafft, wenn der Wind nicht gewesen wäre, der stärker und stärker blies, als die Sonne höherkletterte, und die Flammen in das Schilf hineinzwang. Schließlich, nach einer halben Stunde Arbeit, hatte das Feuer richtig gefaßt, und der Brand begann sich auszubreiten wie ein Fächer, woraufhin ich um die Trocken-
pfanne herum zu deren anderer Seite lief, um dort auf die Löwen zu warten. Ich stand ein gutes Stück von dem Schilf entfernt auf offenem Veldt, so wie wir heute vor dem Wald standen, als Sie die Waldschnepfe schossen. Es war eine ziemlich riskante Sache, doch war ich mir meiner Treffsicherheit bewußt und scheute zu jenen Tagen das Risiko nicht. Kaum hatte ich meine Position erreicht, da hörte ich auch schon das Schilf rauschen und brechen, als irgendein Tier vor den Flammen floh. Jetzt war es soweit! Es schoß heran. Ich sah, daß es ein gelbes Fell hatte und bereitete mich auf Aktion vor, doch anstatt eines Löwen brach ein wunderbarer Antilopenbock heraus, der im Schutz des Schilfes geruht hatte. Es mußte übrigens ein besonders vertrauensvoller Bock gewesen sein, daß er sich so in die Nähe von Löwen legte, wie das Lamm in der Bibel, doch vermute ich, daß das Schilf sehr dicht war, und daß er einen gehörigen Abstand gehalten hatte. Nun, ich ließ den Bock sausen, der wie der Wind davonschoß; und hielt meinen Blick weiter auf das Schilf gerichtet. Das Feuer brannte jetzt wie eine Höllenglut; die Flammen prasselten und fauchten, während sie sich durch das Schilf fraßen, und spien Feuerzungen von zwanzig Fuß Höhe oder mehr in die Luft, und die Luft über dem Feuer war so heiß, daß sie flimmerte. Doch die Schilfhalme waren noch halb grün und entwickelten dichte Rauchwolken, die auf mich zuwehten wie ein Vorhang, und wegen des Windes dicht über dem Boden hingen. Schließlich hörte ich durch das Prasseln des Feuers ein überraschtes Brüllen, und noch eines, und noch eines. Also waren die Löwen doch zu Hause.
Jetzt begann ich aufgeregt zu werden, denn wie Sie wissen, gibt es nichts, das einem die Nerven so anwärmt, wie die Anwesenheit eines Löwen in unmittelbarer Nähe, es sei denn, die eines angeschossenen Büffels; und meine Aufregung steigerte sich noch, als ich durch die Rauchwolken sah, daß die Löwen sich am äußersten Rand des Schilfes bewegten. Hin und wieder reckten sie die Köpfe hervor, wie Kaninchen aus ihrem Bau, und zogen sie sofort wieder ein, als sie mich etwa fünfzig Yards entfernt stehen sahen. In all meinen Jahren der Jagderfahrung habe ich nie ein so herrliches Bild gesehen wie diese vier Löwen, die durch das Schilf liefen, überschattet von dem dichten Rauch, und vor dem Hintergrund des zum Himmel emporschlagenden Flammenmeeres. Ich rechnete damit, daß sie zu dem buschbewachsenen Hügel fliehen und in einer Entfernung zwischen fünf und zwanzig Fuß an mir vorbeikommen würden, also atmete ich tief durch, zog das Gewehr fest ein und zielte auf die Schulter des Löwen – des schwarzmähnigen – so daß ich, wenn ich ein paar Zoll für seine Bewegung berücksichtigte, ins Herz treffen würde. Ich hatte ihn genau im Visier, und mein Finger begann sich durchzukrümmen – als ich plötzlich blind war. Ein winziges Ascheflöckchen war mir vom Wind ins rechte Auge geblasen worden. Ich wandte den Kopf und rieb, und als ich es herausgerieben hatte, konnte ich gerade noch den Schwanz des letzten Löwen im Gebüsch des Hügels verschwinden sehen. Wenn jemals ein Mann wütend gewesen war, so war ich dieser Mann. Es war zum Verrücktwerden! So ein sicherer Schuß in offenem Gelände! Doch gab ich mich noch nicht geschlagen, sondern wandte
mich um und marschierte zur Schlucht. Tom, der Fahrer, flehte mich an, es nicht zu tun, doch obwohl ich allgemein nicht vorgebe, besonders tapfer zu sein (was ich auch nicht bin), war ich fest entschlossen, entweder diese Löwen zu töten, oder von ihnen getötet zu werden. Also erklärte ich Tom, daß er nicht mitzukommen brauche, wenn er es nicht wolle, ich jedoch auf jeden Fall gehen würde, und da er ein tapferer Bursche war, ein Swazi von Geburt, zuckte er nur die Achseln, murmelte, daß ich verrückt oder verhext sein müsse, und folgte mir. Kurz darauf erreichten wir den Hügel, der etwa dreihundert Yards lang sein mochte und mit dünner Vegetation bedeckt war, und jetzt begann der wirkliche Spaß. Hinter jedem Busch mochte ein Löwe stekken – ganz bestimmt waren hier irgendwo vier Löwen, und die entscheidende Frage war lediglich: wo? Ich blickte und stocherte in jede Richtung, während das Herz mir im Halse schlug, und wurde schließlich für meine Mühen belohnt, als ich etwas Gelbes sah, das sich hinter einem Busch bewegte. Im gleichen Augenblick brach aus einem anderen Busch mir gegenüber eines der Jungen heraus und lief zu dem brennenden Schilf zurück. Ich warf mich herum und drückte ab, und der nur flüchtig gezielte Schuß brach dem Löwen das Rückgrat dicht oberhalb der Schwanzwurzel, so daß er sich überschlug, und er lag nun da, hilflos, doch mit wütend starrenden Augen. Tom tötete ihn später mit seinem Assegai. Ich öffnete die Kammer des Gewehrs und entlud eilig die verfeuerte Patrone, die, nach allem, das späterhin geschah, geplatzt sein mußte, so daß ein Teil von ihr im Lauf kleben geblieben war. Auf jeden Fall, als ich eine
neue Patrone in die Kammer schob, klemmte sie und ich bekam sie nur halb hinein, und – würden Sie es glauben? – gerade diesen Augenblick suchte die Löwin sich aus, um aufzutauchen, zweifellos vom Schreien ihres Jungen alarmiert. Dort stand sie also, nur zwanzig Schritte von mir entfernt, peitschte mit ihrem Schwanz und sah so bösartig aus, wie man es sich nur vorzustellen vermag. Langsam wich ich zurück und versuchte, die neue Patrone hineinzudrükken, und während ich das tat, folgte sie mir mit kleinen Sätzen und kauerte sich nach jedem sprungbereit zu Boden. Meine Lage war wirklich bedrohlich, und die Patrone wollte sich nicht hineindrücken lassen. In dieser Situation dachte ich an den Munitionsfabrikanten, dessen Namen ich nicht nennen möchte, und hoffte ernsthaft, daß, wenn der Löwe mich erwischen würde, irgendein passendes Unglück ihn erledigen sollte. Die Patrone wollte nicht hineingehen, also versuchte ich, sie herauszuziehen. Doch auch das war mir nicht möglich, und so war mein Gewehr unnütz, da ich die Kammer nicht schließen konnte, um den anderen Lauf zu benutzen. Ich hätte genausogut gar keine Waffe bei mir haben können. Währenddessen wich ich immer weiter zurück und behielt die Löwin im Auge, die jetzt auf dem Bauch näherkroch, ohne einen Laut von sich zu geben, doch ständig mit ihrem Schwanz peitschte und keinen Blick von mir ließ; und in diesem Blick erkannte ich, daß sie in wenigen Sekunden losspringen würde. Ich schlug mit dem Handgelenk und mit dem Handballen gegen den Messingrand der Patrone, bis sie bluteten – sehen Sie, die Narben davon trage ich bis zum heutigen Tage!«
Quatermain hielt seine rechte Hand ins Licht der Lampe und zeigte uns vier oder fünf weiße Narben am Ansatz der Hand. »Doch es war alles zwecklos«, fuhr er fort, »die Patrone rückte und rührte sich nicht. Ich kann nur hoffen, daß niemals ein anderer Mann in eine so entsetzliche Lage gebracht wird. Die Löwin duckte sich zusammen, und ich wußte, daß ich verloren war, als plötzlich Tom irgendwo hinter mir rief: ›Du trittst gleich auf das verwundete Junge; halte dich nach rechts!‹ Trotz meiner Benommenheit war ich klug genug, diesen Rat zu befolgen, bog im rechten Winkel ab und wich weiter zurück, ohne die Löwin für eine Sekunde aus den Augen zu lassen. Zu meiner unermeßlichen Erleichterung richtete sie sich leise knurrend auf, wandte sich um und lief ins Gebüsch zurück. ›Komm, Inkoos!‹ rief Tom. ›Laß uns zum Wagen zurückgehen!‹ ›Gut, Tom‹, antwortete ich. ›Aber erst, wenn ich die drei Löwen geschossen habe.‹ Denn jetzt war ich so entschlossen, sie zu erlegen, wie ich nie zuvor und auch nicht nachher darauf versessen war. ›Du kannst gehen, wenn du willst, oder du kannst auf einen Baum klettern.‹ Er überlegte ein wenig, und dann entschied er sich sehr weise dafür, auf einen Baum zu klettern. Ich wünschte, ich hätte es auch getan. Inzwischen hatte ich mein Messer herausgezogen, das einen Extraktor hatte, und mit einiger Mühe gelang es mir schließlich, die Patrone herauszuziehen, die mich beinahe das Leben gekostet hatte, und den
störenden Patronenrest aus dem Lauf zu entfernen. Er war nur wenig stärker als eine Briefmarke, bestimmt nicht stärker als Briefpapier. Nachdem dies getan war, lud ich das Gewehr nach, band ein Taschentuch um Handgelenk und Hand, um die Blutung zu stillen, und war wieder bereit. Ich hatte bemerkt, daß die Löwin in einem dichten, grünen Gestrüpp verschwunden war, das beim Wasser stand, etwa fünfzig Yards höher, denn es rann ein kleiner Bach von den Felsen herab, und ich schritt auf dieses Gestrüpp zu. Als ich es erreichte, konnte ich jedoch nichts von ihr sehen, also nahm ich einen schweren Stein auf und warf ihn in die Büsche. Ich nehme an, daß es das andere Junge getroffen hat, denn es kam sofort herausgestürzt und wandte mir dabei seine Breitseite zu, eine Situation, die ich natürlich sofort nutzte, so daß es tot zu Boden stürzte. Doch im selben Moment kam auch die Löwin wie ein Blitz herausgeschossen, und so schnell sie auch war, gelang es mir doch, ihr eine Kugel zwischen die Rippen zu setzen, so daß sie sich dreimal überschlug wie ein getroffenes Kaninchen. Sofort schob ich zwei neue Patronen in die Läufe, und während ich das tat, erhob sich die Löwin wieder und schleppte sich auf ihren Vorderpfoten auf mich zu, brüllend und stöhnend, und mit einem Ausdruck einer solchen teuflischen Wut in ihrem Blick, wie ich es noch nie gesehen hatte. Ich schoß sie in die Brust, und sie fiel auf die Seite, nun endgültig tot. Dies war das erste Mal, daß ich ein Paar Löwen mit Schüssen nach links und nach rechts erlegt hatte, und ich habe nie davon gehört, daß ein anderer es geschafft hätte. Selbstverständlich war ich sehr zufrie-
den mit mir, und nachdem ich nachgeladen hatte, ging ich weiter, um nach dem gewaltigen, schwarzmähnigen Löwen zu suchen, der den Kaptein gerissen hatte. Langsam und mit äußerster Vorsicht schritt ich den Hügel hinauf und blickte dabei in jeden Busch und in jeden Strauch. Es war wunderbar aufregend, da ich zu keiner Sekunde sicher sein konnte, ob er mich nicht aus einem Hinterhalt anspringen würde. Ich tröstete mich jedoch mit dem Gedanken, daß ein Löwe nur selten einen Menschen angreift – selten, sagte ich, denn manchmal tut er es, wie Sie gleich sehen werden – falls er nicht in die Enge getrieben oder verwundet ist. Ich muß fast eine Stunde lang nach diesem Löwen gesucht haben. Einmal glaubte ich, eine Bewegung in einem Stand hohen Tamboukigrases zu sehen, doch war ich mir dessen nicht sicher, und als ich auf das Gras zutrat, konnte ich ihn dort nicht finden. Schließlich erreichte ich den Gipfel des Hügels, der einen cul-de-sac bildete. Er bestand aus einer etwa fünfzig Fuß hohen Felswand. Von dieser rann ein kleiner Wasserfall herab, und vor ihr, so um die siebzig Fuß entfernt, befand sich eine aufeinandergetürmte Masse von riesigen Steinen, aus deren Spalten Farne, Gräser und verkrüppelte Büsche wucherten. Dieser Steinhaufen war etwa fünfundzwanzig Fuß hoch. Die Seiten des Hügels fielen hier auch sehr steil ab. Ich kam also zu dem Gipfel und blickte mich nach allen Seiten um. Keine Spur von dem Löwen. Entweder hatte ich ihn weiter unten übersehen, oder aber er war entkommen. Es war zum Verzweifeln, doch drei Löwen waren schließlich auch keine schlechte Strekke, und ich konnte zufrieden sein. Also machte ich
mich auf den Rückweg, um den Steinhaufen herum, und begann jetzt, die Aufregung und die Strapazen des Tages zu spüren. Ich wußte, daß ich mich noch müder fühlen würde, wenn ich die drei Löwen abgehäutet hatte. Als ich, so weit ich es abschätzen konnte, etwa achtzehn Yards jenseits des Steinhaufens war, wandte ich mich um, und warf einen letzten Blick in die Runde. Ich habe zwar ein recht scharfes Auge, konnte jedoch nichts entdecken. Da, plötzlich, sah ich etwas, das mir den Schweiß aus den Poren trieb. Auf dem Gipfel des Steinhaufens, mir direkt gegenüber, stand der riesige Mähnenlöwe. Er hatte dort niedergekauert gehockt und sich jetzt aufgerichtet. Dort stand er also und peitschte mit dem Schwanz, wie eine lebende Nachbildung des Löwen vor dem Tor des Northumberland House, das ich einmal auf einer Photographie gesehen hatte. Aber er stand nicht lange so. Bevor ich abdrücken konnte – ja noch bevor ich das Gewehr an meine Schulter gerissen hatte – schnellte er sich von dem Felsen ab und flog, getrieben von diesem mächtigen Sprung, durch die Luft auf mich zu. Mein Gott! Wie großartig er aussah, und wie schrecklich! Hoch in die Luft schnellte er sich und beschrieb einen gewaltigen Bogen. Gerade, als er dessen höchsten Punkt erreichte, feuerte ich. Ich wagte nicht, abzuwarten, denn ich erkannte, daß er die Entfernung überwinden und direkt auf mir landen würde. Ohne genau zu zielen, fast blindlings, feuerte ich noch einmal, so wie man einen raschen Schuß auf eine Sumpfschnepfe abfeuern mag. Die Kugel traf, denn ich hörte deutlich ihren dumpfen Einschlag durch das Rauschen, das der durch die Luft fliegende
Körper des Löwen verursachte. Im nächsten Augenblick wurde ich zu Boden gerissen (glücklicherweise fiel ich in einen niedrigen, von Lianen umrankten Busch, der den Aufprall milderte), und der Löwe war über mir, und seine riesigen, weißen Zähne gruben sich in meinen Oberschenkel – ich hörte, wie sie gegen den Knochen knirschten. Ich schrie auf vor Schmerz, denn ich fühlte mich nicht im geringsten benommen und glücklich, wie Dr. Livingstone – den ich, nebenbei gesagt, recht gut kannte –, sondern bereitete mich auf den Tod vor. Doch plötzlich löste sich der Biß des Löwen um meinen Oberschenkel; das Tier stand über mich gebeugt, schwankte hin und her, und sein gewaltiges Maul, aus dem Blut strömte, war weit aufgerissen. Dann brüllte er, und sein Brüllen ließ die Felsen erbeben. Hin und her pendelte sein mächtiger Kopf, und plötzlich sank er auf mich herab, wobei er mir die Luft aus den Lungen prellte, und war tot. Meine Kugel war ihm mitten in die Brust geschlagen und auf der rechten Seite, dicht neben dem Rückgrat, wieder ausgetreten. Die Schmerzen meiner Wunde bewahrten mich davor, das Bewußtsein zu verlieren, und sobald ich wieder frei atmen konnte, kroch ich unter seinem Gewicht hervor. Gott sei Dank hatten die mächtigen Zähne nicht meinen Oberschenkelknochen zermalmt, doch blutete ich sehr stark, und wenn nicht Tom gewesen wäre, der gerade zur rechten Zeit eintraf, und mit dessen Hilfe ich das Taschentuch von meinem Handgelenk losband, es um mein Bein schnürte und mit einem Stecken festzog, wäre ich sicher verblutet. Aber das war nicht mehr als der Lohn für die Tor-
heit, allein auf eine Löwenfamilie loszugehen. Das Risiko war zu groß. Seit jenem Tage hinke ich und werde es bis zum Ende meiner Tage tun; vor allem im Monat März schmerzt die Wunde stark, und alle drei Jahre bricht sie auf. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, daß ich den Posten Elfenbein bei den Sikukuni nicht erhandelt habe. Ein anderer Mann hat ihn bekommen – ein Deutscher – und nach Abzug der Unkosten fünfhundert Pfund daran verdient. Ich verbrachte den nächsten Monat auf dem Rücken liegend und war danach für sechs Monate ein Krüppel. So, jetzt habe ich Ihnen die Geschichte erzählt, werde noch einen Schluck Portwein trinken und dann zu Bett gehen. Gute Nacht, meine Freunde, gute Nacht!«
Eine Erzählung von drei Löwen 1 Die Zinsen für zehn Schillinge Die meisten von Ihnen haben sicher von Allan Quatermain gehört, der zu jener Gruppe gehörte, die vor einiger Zeit die Diamantenminen Salomons entdeckte, und der später nach England kam, um in der Nähe seines Freundes Sir Henry Curtis zu leben. Er ging wieder in die Wildnis zurück, wie es diese alten Jäger unter dem einen Vorwand oder dem anderen fast immer tun.* Sie können die Zivilisation nicht für lange ertragen, ihren Lärm und ihre Unrast, und das ständige Gedränge aufgeputzter Menschen belasten ihre Nerven mehr, als die Gefahren der Wildnis. Ich vermute, daß sie sich hier einsamer fühlen, weil es zuwenig verstanden wird, obwohl es oft gesagt worden ist, daß es keine größere Einsamkeit gibt, als die Einsamkeit in der Masse, ganz besonders für solche, die nicht an sie gewöhnt sind. »Was gibt es Einsameres auf der Welt«, pflegte der alte Quatermain oft zu sagen, »als auf der Straße einer großen Stadt zu stehen, auf die Schritte zu lauschen, die fallen und fallen, so monoton wie ein Regen, und auf die weißen Gesichter zu starren, die vorübereilen, man weiß *
Dies wurde natürlich vor Quatermains Bericht über seine Abenteuer in dem von ihm neu entdeckten Land Zu-Vendis geschrieben, der Sir Henry Curtis und Captain John Good in England erreichte – Der Herausgeber.
nicht, wohin, und man weiß nicht, woher? Sie kommen und gehen, ihre Augen treffen die deinen mit einem kalten Starren, für einen Augenblick sind ihre Gesichter einem ins Bewußtsein geprägt, und dann sind sie für immer verschwunden. Du wirst sie niemals wiedersehen, und sie werden dich niemals wiedersehen; sie treten aus dem Unbekannten und verschwinden kurz darauf wieder ins Unbekannte und nehmen ihre Geheimnisse mit sich. Ja, das ist Einsamkeit, rein und unverfälscht; doch für einen, der die Wildnis kennt und liebt, ist sie nicht einsam, da der Geist der Natur immer dort ist, um dem Wanderer Gesellschaft zu leisten. Er findet einen Gefährten im Wind – sonnige Bäche spielen wie die Kinder der Natur zu seinen Füßen; hoch über ihm, im purpurnen Licht des Sonnenuntergangs, sind Dome und Minarette und Paläste, wie sie ein sterblicher Mensch noch niemals erbaut hat, durch deren flammende Portale die Engel der Sonne ständig ein- und auszufliegen scheinen. Und da sind auch die wilden Tiere, die in gewaltigen Armeen zu ihren Weideplätzen ziehen, umtanzt von Springböcken wie von Plänklern; dann Reihe um Reihe langgesichtiger Bleßböcke, die wie Infanterie marschieren und schwenken, und zuletzt die wildäugigen, zottelhaarigen Wildebeest, sozusagen die Kosakenhorden, die Flankensicherung und Nachhut bilden.« »O nein«, pflegte er zu sagen, »in der Wildnis ist es nicht einsam, denn denke daran, mein Junge: je weiter du dich von den Menschen entfernst, desto mehr näherst du dich Gott«, und obwohl dies ein Ausspruch ist, über den sich lange diskutieren ließe, ist es doch einer, den, wie ich glaube, jeder sofort verstehen
wird, der die Sonne auf grenzenlosen, verlassenen Ebenen hat auf- und untergehen sehen, der beobachtete, wie die Donnerwagen der Wolken majestätisch über die Weite eines unendlichen Himmels rollen. Nun, auf jeden Fall ist er wieder zurückgegangen, und jetzt haben wir schon seit vielen Monaten nichts mehr von ihm gehört, und, um ehrlich zu sein, bezweifle ich sehr, daß irgend jemand wieder von ihm hören wird. Ich befürchte, daß die Wildnis, die für so lange Jahre seine Mutter gewesen ist, jetzt für ihn auch zum Grab werden wird, für ihn und für jene, die ihn begleitet haben, denn das Abenteuer, zu dem er und sie aufgebrochen sind, ist wahrhaftig ein waghalsiges Unternehmen. Doch während er in England war, in jenen drei Jahren oder so, zwischen seiner Entdeckung der vergrabenen Schätze jenes weisen Königs und dem Tode seines einzigen Sohnes, habe ich den alten Allan Quatermain recht häufig gesehen. Ich hatte ihn zuvor schon viele Jahre in Afrika gekannt, und nachdem er nach Hause zurückgekehrt war, bin ich, wenn ich nichts anderes zu tun hatte, nach Yorkshire hinaufgefahren und für eine Weile bei ihm geblieben, und bei diesen Gelegenheiten hörte ich viele der Geschichten aus seinem langen Leben, von denen einige recht seltsam waren. Kein Mann kann all die Jahre draußen verbringen und das wilde Leben eines Elefantenjägers führen, ohne viele seltsame Abenteuer zu bestehen, und auf die eine oder die andere Weise hatte der alte Quatermain seinen Anteil davon gehabt. Nun, die Geschichte, die ich Ihnen auf den folgenden Seiten erzählen will, ist die eines seiner späteren Abenteuer, obwohl ich nicht sagen kann, in welchem Jahr
es sich ereignete. Auf jeden Fall weiß ich jedoch, daß es die einzige Reise war, bei der er seinen Sohn Harry (der inzwischen verstorben ist) mit sich nahm, und daß Harry damals etwa vierzehn Jahre alt war. Und nun zu der Geschichte, die ich, so gut mir das möglich ist, genauso wiedergeben möchte, wie Jäger Quatermain sie mir eines Abends in dem eichegetäfelten Vestibül seines Hauses in Yorkshire erzählt hat. Wir sprachen an jenem Abend über die Goldgräberei ... »Goldgräberei!« rief er sofort; »ah! Ja, einmal habe ich bei Pilgrims' Rest in Transvaal nach Gold gegraben, und danach hatten wir diese Geschichte mit JimJim und den Löwen. Kennen Sie Pilgrims' Rest? Glauben Sie mir, es ist, oder war zumindest, einer der komischsten kleinen Nester, die es jemals gab. Der Ort selbst lag in einem Tal, auf allen Seiten von Bergen umgeben, und inmitten einer Szenerie, wie man sie nicht oft zu Gesicht bekommt. Ich kann nicht sagen, wie oft ich Hacke und Schaufel angewidert hingeworfen und meinen Claim verlassen habe und zwei Meilen oder so zum Gipfel eines Berges gewandert bin. Dort habe ich mich dann im Gras ausgestreckt und über dieses wunderbare Fleckchen Erde geblickt: die lächelnden Täler, die hohen, von Gold bedeckten Berge – mit dem echten Gold des Sonnenuntergangs bedeckt, und in die wallenden Roben des Busches gekleidet – und in die Tiefe des blauen Himmels gestarrt; ja, und dem Himmel gedankt, daß ich den Flüchen und den groben Witzen der Goldgräber entronnen war, und den Stimmen jener Basutu-Kaffern, die in der sengenden Sonne arbeiteten, ein Anblick, den ich bis heute nicht vergessen habe.
Nun, einige Monate lang grub ich geduldig in meinem Claim, bis allein der Anblick einer Spitzhacke oder einer Waschpfanne mir übel werden ließ. Hundertmal pro Tag bereute ich meine Dummheit, achthundert Pfund, was so ziemlich alles war, das ich zu der Zeit besaß, in diese Goldgräberei gesteckt zu haben. Doch wie andere, bessere Männer vor mir war ich vom Goldfieber gepackt worden und sah mich jetzt gezwungen, die Konsequenzen davon zu tragen. Ich hatte einen Claim gekauft, in dem ein Mann ein Vermögen gemacht hatte – fünf- oder sechstausend Pfund zumindest –, und ich hatte ihn billig bekommen, sehr billig; das heißt, ich hatte ihm eine Anzahlung von fünfhundert Pfund gemacht. Das war alles, was ich in einem harten Jahr der Elefantenjagd jenseits des Sambesi verdient hatte, und ich hatte tief und prophetisch geseufzt, als ich sah, wie mein erfolgreicher Freund, der ein Yankee war, das Bündel Banknoten mit der überlegenen Art eines Mannes, der sein Glück gemacht hat, zusammenrollte und in die Hosentasche schob. ›Gut‹, sagte ich zu ihm, dem glücklichen Verkäufer, ›es ist ein guter Besitz, und ich hoffe, daß ich genauso viel Glück haben werde wie Sie.‹ Er lächelte, und meinen erregten Nerven kam es vor, als ob er unheilverkündend lächelte, als er mit diesem breiten Yankee-Englisch antwortete: ›Ich möchte sagen, Fremder, da ich kein Mann bin, der einem anderen das Essen streitig macht, besonders, wenn es keinen Nachschlag mehr gibt: was den Claim betrifft, so ist er mir ein guter Nigger gewesen; aber unter uns gesagt, Fremder, und von Mann zu Mann, jetzt, da keine schmutzigen Geldangelegen-
heiten mehr zwischen uns stehen, die das Gesicht der Wahrheit verschleiern: ich bin der Meinung, daß er so ziemlich ausgebeutet ist!‹ Mir blieb die Luft weg; die Frechheit dieses Kerls war unbeschreiblich. Noch fünf Minuten vorher hatte er mir bei all seinen Göttern geschworen – und diese schienen so zahlreich wie vielfältig zu sein –, daß noch ein halbes Dutzend Vermögen in jenem Claim ruhten, und daß er ihn nur verkaufe, weil er es leid sei, das Gold herauszuschaufeln. ›Nun sehen Sie mich doch nicht so enttäuscht an‹, fuhr er fort. ›Vielleicht ist doch noch ein Rest übriggeblieben; auf jeden Fall sind Sie ein netter Kerl, also ehrlich, und deshalb werden Sie, wie ich glaube, eine wirklich erstklassige Chance haben, Ihr Glück zu machen. Auf jeden Fall werden Sie Ihre Armmuskeln stärken, da der Boden ungewöhnlich hart ist, und vor allem werden Sie im Lauf eines Jahres um mehr als diese zweitausend Dollar an Erfahrung reicher sein.‹ Dann ging er, und gerade rechtzeitig, da ich ein paar Sekunden später zugeschlagen hätte, und ich sah ihn nie wieder. Nun, ich machte mich also an die Arbeit an dem alten Claim, und mein Sohn Harry und ein halbes Dutzend Kaffern halfen mir dabei. Und wir schufteten – mein Gott, wie wir schufteten! – von früh bis spät waren wir dabei –, doch niemals sahen wir auch nur ein Stückchen Gold, nein, nicht einmal ein Nugget, das groß genug war, um eine Krawattennadel daraus zu machen. Der amerikanische Gentleman hatte alles ausgeräumt und uns nur den Dreck hinterlassen. Drei Monate lang ging das so, bis ich schließlich
alles, oder doch so ziemlich alles, was von meinem kleinen Kapital übrig geblieben war, für Lohn und Essen der Kaffern ausgegeben hatte. Wenn ich Ihnen sage, daß Burenmehl manchmal bis zu vier Pfund pro Sack kostete, verstehen Sie vielleicht, daß es nicht lange dauerte, bis der letzte Penny verbraucht war. Schließlich kam es zur Krise. Eines Samstagabends hatte ich die Männer wie gewohnt ausbezahlt und ihnen für sechzig Schillinge einen Eimer Maismehl gekauft, damit sie sich die Bäuche vollschlagen konnten, und setzte mich anschließend mit meinem Sohn Harry an den Rand des riesigen Loches, das wir in den Berghang gegraben hatten, und das wir in bitterem Spott ›Eldorado‹ nannten. Dort saßen wir im Mondlicht, ließen die Beine in die Grube baumeln und waren so melancholisch wie noch nie. Schließlich zog ich meine Geldbörse heraus und leerte ihren Inhalt in meine Hand. Er bestand aus einem halben Sovereign, zwei Florins, und neun Pence in Silber – keine Kupfermünzen, da Kupfermünzen in Afrika praktisch nicht im Umlauf sind, was eins der Dinge ist, die das Leben dort so verteuern –, alles in allem vierzehn Schillinge und neun Pence. ›Sieh her, Harry, mein Junge!‹ sagte ich. ›Das ist unser ganzer weltlicher Besitz; alles andere hat dieses Loch verschlungen.‹ ›Wahrhaftig!‹ sagte Harry. ›Hör zu, Vater, du und ich werden uns bald zusammen mit den Kaffern als Tagelöhner anstellen lassen und von Maispapp leben müssen.‹ Und er kicherte über seinen makabren kleinen Scherz. Doch ich war nicht in der Stimmung für Scherze, denn es ist alles andere als lustig, drei Monate lang wie
ein Sklave zu schuften und davon völlig ruiniert zu werden, besonders, wenn man das Graben haßt, und deshalb mißfiel mir Harrys leichtfertige Bemerkung. ›Halte den Mund, Junge!‹ sagte ich und hob die Hand, als ob ich ihm eine Ohrfeige geben wollte, mit dem Ergebnis, daß der halbe Sovereign aus ihr herausglitt und in die tiefe Grube fiel. ›Verdammt‹, sagte ich, ›er ist weg.‹ ›Siehst du, Vater‹, sagte Harry, ›das kommt davon, wenn man sich nicht beherrschen kann. Jetzt haben wir nur noch vier Schillinge und neun Pence.‹ Ich antwortete auf diese weisen Worte nicht, sondern kletterte an der steilen Wand der Grube hinab, gefolgt von Harry, um nach meinem kleinen Vermögen zu suchen. Nun, wir suchten und suchten, doch das Mondlicht ist nicht gerade die beste Beleuchtung, um nach einer Münze zu suchen, und der Boden war aufgewühlt, da die Kaffern gerade an dieser Stelle bis vor zwei Stunden gegraben hatte. Ich nahm eine Spitzhacke und schob mit ihr die Erdklumpen beiseite, in der Hoffnung, die Münze zu entdecken, doch war alles vergebens. Schließlich schlug ich aus reiner Wut die Hacke tief in den harten Boden. Zu meiner Verwunderung verschwand sie bis zum Stiel darin. ›Harry!‹ rief ich, ›hier muß schon mal gegraben worden sein!‹ ›Das glaube ich nicht, Vater‹, antwortete er, ›doch wir werden es ja gleich sehen.‹ Und er begann die Erde mit seinen Händen herauszuschaufeln. ›Oh‹, sagte er kurz darauf, ›es sind nur ein paar Steine; die Spitzhacke ist zwischen ihnen hindurchgefahren. Sieh!‹ und er begann, einen der Steine herauszuziehen. ›Höre, Vater‹, sagte er dann, fast flüsternd, ›er ist
unheimlich schwer. Fühle nur!‹ Er richtete sich auf und reichte mir einen runden, bräunlichen Klumpen, etwa von der Größe eines sehr großen Apfels, den er in beiden Händen hielt. Ich blickte ihn neugierig an und hielt ihn ins Licht. Er war wirklich sehr schwer. Das Mondlicht fiel auf seine rauhe und mit Erde verklebte Oberfläche, und als ich ihn ansah, wurde ich von einer plötzlichen Erregung gepackt. ›Gib mir dein Messer, Harry‹, sagte ich. Er reichte es mir, und ich hielt den braunen Stein auf mein Knie und kratzte an ihm. Gütiger Himmel, er war weich! Und wenig später wußten wir es: wir hatten ein riesiges Nugget aus reinem Gold gefunden, das vier Pfund wiegen mochte, oder auch mehr. ›Es ist Gold, Junge‹, sagte ich. ›Ich wette darauf, daß es Gold ist!‹ Harry traten fast die Augen aus dem Kopf, als er auf den gelbglänzenden Kratzer starrte, den ich in das jungfräuliche Erz hineingeritzt hatte, und dann stieß er Jubelschreie aus, die laut über die stillen Claims hallten, als ob jemand ermordet würde. ›Sei ruhig!‹ ermahnte ich ihn. ›Oder willst du uns jeden Dieb dieser Felder auf den Hals locken?‹ Kaum hatte ich diese Worte ausgesprochen, als ich auch schon schleichende Schritte hörte, die sich uns näherten. Sofort legte ich das Nugget zu Boden und setzte mich darauf, was nicht gerade sehr bequem war. Im nächsten Moment beugte sich ein langes, dunkles Gesicht über den Rand des Claims, und ein Paar gieriger Augen starrte zu uns herab. Ich kannte das Gesicht; es gehörte einem Mann von sehr schlechtem Charakter, der als Knüppel-Tom bekannt war, und diesen Namen, wie ich gehört hatte, auf den
Diamanten-Feldern bekommen hatte, weil er dort seinen Partner mit einem Knüppel erschlagen hatte. Er schlich jetzt zweifellos umher wie eine menschliche Hyäne, um zu sehen, was er stehlen konnte. ›Sind Sie es, Jäger Quatermain?‹ fragte er. ›Ja, ich bin es, Mr. Tom‹, antwortete ich höflich. ›Und was war das für ein Schreien?‹ fragte er dann. ›Ich bin gerade ein bißchen spazierengegangen, um die Abendluft zu genießen und den Sternenhimmel zu betrachten, als ich plötzlich einen Schrei nach dem anderen hörte.‹ Ich antwortete nicht. ›Einen Schrei – nach dem anderen‹, wiederholte er mit Nachdruck, ›und ich bin stehengeblieben und habe mir gesagt: Da geschieht ein Mord! Und dann habe ich weiter gelauscht und mir gedacht: Nein, das ist es nicht; die Schreie sind Freudenschreie; irgend jemand hat seine Finger in einen dicken, gelben Topf gesteckt, möchte ich wetten, und ist übergeschnappt, als er sie ableckte. Nun, Jäger Quatermain, habe ich recht? Sind es Nuggets? Oder gar ...‹ – und er schmatzte laut mit den Lippen – ›große, gelbe Klumpen? Ist es das, worüber Sie eben gestolpert sind?‹ ›Nein‹, sagte ich scharf, ›das ist es nicht‹ – der grausame Glanz in seinen Augen überwand meine Abneigung gegen jede Form der Lüge, denn ich wußte, sobald er herausfand, was es war, worauf ich saß – übrigens habe ich oft gehört, daß in Gold zu schwimmen sehr angenehm sein soll, doch möchte ich niemandem, der die Bequemlichkeit schätzt, empfehlen, darauf zu sitzen –, alle Aussicht hatte, mit einem Knüppel erschlagen zu werden, bevor diese Nacht vorüber war.
›Wenn Sie wirklich wissen wollen, worum es ging, Mr. Tom‹, sagte ich mit größter Höflichkeit, obwohl das Nugget sich schmerzhaft in meinen Hintern drückte – denn ich halte es immer für das beste, gegenüber einem Mann höflich zu sein, der so gut mit einem Knüppel umzugehen versteht –, ›mein Junge und ich hatten eine kleine Meinungsverschiedenheit, und ich habe ihm sehr deutlich meine Meinung gesagt, das ist alles.‹ ›Ja, so war es, Mr. Tom‹, sagte Harry und begann zu schluchzen, denn Harry war ein sehr gescheiter Junge und erkannte die Schwierigkeit, in der wir steckten, ›so war es – ich habe geschrien, weil Vater mich geschlagen hat.‹ ›Hast du das, meine lieber Junge – hast du das? Nun, ich muß schon sagen, daß ein ausgeräumter, alter Claim ein recht seltsamer Ort ist, um dort um zehn Uhr nachts zu streiten, und außerdem, mein lieber Junge, falls ich mich jemals mit dir streiten sollte‹ – und er grinste Harry auf eine widerwärtige Art an –, ›würdest du nicht auf eine so freudige Art schreien. Und jetzt sage ich gute Nacht, da ich eine Familienangelegenheit nicht stören möchte. Nein, die Art Mensch bin ich nicht. Gute Nacht, Jäger Quatermain – und auch dir gute Nacht, mein streitsüchtiger Junge.‹ Damit wandte Mr. Tom sich enttäuscht ab und schlich weiter, ein menschlicher Schakal, um woanders zu sehen, was er stehlen oder töten könnte. ›Gott sei Dank!‹ stöhnte ich, als ich von dem Goldklumpen herunterglitt. ›Und jetzt, Harry, wirst du hinaufsteigen und nachsehen, ob dieser Erzschurke wirklich gegangen ist.‹ Harry tat es und berichtete mir, daß er in Richtung Pilgrims' Rest verschwunden
sei, und dann machten wir uns an die Arbeit und schaufelten sehr sorgsam, doch vor Erregung zitternd, mit unseren Händen die ganze Stelle aus, in der die Spitzhacke steckengeblieben war. Ja, so wie ich es erhofft hatte, war dort ein richtiggehendes Nest von Nuggets, zwölf insgesamt, deren Größe von der einer Haselnuß bis zu der eines Hühnereis reichte, obwohl das erste natürlich weitaus größer gewesen war. Wie sie alle dorthin geraten waren, konnte niemand sagen; es war dies eine dieser unerklärlichen Absonderlichkeiten, von denen alle Menschen, die mit der alluvialen Goldgräberei zu tun haben, vertraut sind. Später stellte sich heraus, daß der Amerikaner, der mir den Claim verkauft hatte, sein Vermögen auf dieselbe Art gemacht hatte – sein Fund war nur erheblich größer gewesen, als der unsere –, aus einer einzigen Ablagerung, und anschließend sechs Monate gearbeitet hatte, ohne auch nur einen Krümel Gold zu sehen, worauf er aufgab. Auf jeden Fall, dort waren die Nuggets, und sie hatten, wie sich später ergab, einen Wert von etwa zwölfhundertfünfzig Pfund, so daß ich schließlich doch vierhundertfünfzig Pfund mehr aus dem Loch herausholte, als ich hineingesteckt hatte. Wir gruben die Nuggets also alle aus, wickelten sie in ein Taschentuch, und da wir Bedenken hatten, einen solchen Schatz nach Hause zu tragen, besonders, da wir wußten, daß Knüppel-Tom umherschlich, beschlossen wir, die Nacht dort zu verbringen, wo wir waren – eine Notwendigkeit, die, so unangenehm sie auch sein mochte, durch die Gegenwart jenes Taschentuches voller jungfräulichen Goldes wunderbar versüßt wurde – den Zinsen für meinen verlorenen halben Sovereign.
Die Nacht verging sehr langsam, denn aus Furcht vor Knüppel-Tom wagte ich nicht zu schlafen, doch schließlich kam die Dämmerung. Ich erhob mich und sah ihrem Wachsen zu, bis sie schließlich wie eine Blume am östlichen Horizont aufging und die Strahlen der Sonne in all ihrer Pracht von einem Berggipfel zum anderen sprangen. Ich sah dem Sonnenaufgang zu, und während ich das tat, kam mir die plötzliche Einsicht, mit einer so vollständigen Überzeugung, wie ich sie nie zuvor gefühlt hatte, daß ich für den Rest meines Lebens vom Goldgraben genug hatte, und ich faßte an Ort und Stelle den Entschluß, Pilgrims' Rest zu verlassen und in die Gegend von Delagoa Bay zu gehen, um Büffel zu schießen. Dann wandte ich mich um, weckte Harry, und begann, obwohl es Sonntag war, zu graben, um zu sehen, ob noch mehr Nuggets da waren. Wie ich vermutet hatte, fand ich jedoch keine mehr. Was wir gefunden hatten, hatte sich in einer Art Tasche befunden, die mit einem Boden angefüllt war, der sich völlig anders anfühlte, als das steinharte Zeug außerhalb dieser Tasche. Wir entdeckten keine Spur von Gold mehr. Natürlich ist es durchaus möglich, daß es irgendwo in der Nähe noch weitere solcher Taschen voller Nuggets gab, doch hatte ich mich, wie gesagt, entschlossen, daß nicht ich derjenige sein würde, der nach ihnen suchte; und, nebenbei bemerkt, habe ich gehört, daß dieser Claim inzwischen zwei oder drei Männer ruiniert hat, so wie er beinahe auch mich ruiniert hatte. ›Harry‹, sagte ich nach einer Weile, ›ich werde in dieser Woche in die Gegend von Delagoa gehen, um Büffel zu schießen. Soll ich dich mitnehmen oder dich
nach Durban schicken?‹ ›Oh, nimm mich mit, Vater!‹ bat Harry. ›Ich möchte auch ein paar Büffel umbringen.‹ ›Und angenommen, daß der Büffel statt dessen dich umbringt?‹ fragte ich. ›Oh, das macht nichts‹, sagte er lachend, ›von meiner Sorte gibt es doch jede Menge.‹ Ich wies ihn wegen dieser losen Bemerkung zurecht, erklärte mich schließlich jedoch bereit, ihn mitzunehmen.
2 Was in dem Bassin gefunden wurde Etwa zwei Wochen waren vergangen seit jenem Abend, an dem ich den halben Sovereign verloren und bei der Suche nach ihm zwölfhundertfünfzig Pfund gefunden hatte, und statt der entsetzlichen Grube, für die sich ›Eldorado‹ schließlich doch nicht als ein so falscher Name erwiesen hatte, breitete sich jetzt vor uns eine andere Szenerie aus, die in das silberne Licht des Mondes gekleidet war. Wir – Harry und ich, zwei Kaffern, ein Wagen und sechs Ochsen – lagerten an dem schwellenden Hang einer großen Welle buschbewachsenen Landes. An der Stelle, an der wir lagerten, war der Busch jedoch ziemlich dünn und wuchs nur in einzelstehenden Gruppen, während da und dort flachkronige Mimosenbäume standen. Zu unserer Rechten floß ein kleiner Bach, der sich ein tiefes Bett in den Hang gegraben hatte, plätschernd zwischen grünen, mit Frauenhaar, wildem Spargel und vielen Arten wunderschöner Gräser bestandenen Ufern. Die Felsen hier waren roter Granit, und das Wasser hatte in Jahrhunderten geduldigen Schleifens einige der in seinem Weg liegenden, gewaltigen Platten zu riesigen Trögen und Bassins ausgehöhlt, und diese benutzten wir als Bäder. Keine der römischen Damen mit ihren Bädern aus Porphyr und Alabaster konnte sie so genossen haben wie wir jene, die wir in einer Entfernung von fünfzig Yards von unserem Lager fanden, einer rohen Einfriedung aus Mimosendornen, die wir um den Wagen gezogen
hatten, um uns vor den Angriffen von Löwen zu schützen. Es waren mehrere dieser Tiere in der Nähe, wie ich aus ihren Spuren erkannte, obwohl wir noch keines gehört oder gesehen hatten. Unser Bad befand sich in einer kleinen Biegung des Baches, wo die Strömung das Ufer unterspült hatte, und an deren Ufer ein herrlicher Mimosenbaum stand. Unterhalb dieses Baums lag eine riesige Granitplatte, deren Ränder ringsherum mit Frauenhaar und anderen Farnen bewachsen waren, und die zu einem Bassin reinsten, klarsten Wassers abfiel, einer ausgewaschenen Granitschüssel, die etwa zehn Fuß weit und in ihrer Mitte fünf Fuß tief sein mochte. Dorthin gingen wir jeden Morgen, um zu baden, und dieses herrliche Bad gehört zu meinen schönsten Jagderinnerungen, und auch, aus Gründen, die ich später erklären werde, zu meinen schmerzlichsten. Es war eine wunderbare Nacht. Harry und ich saßen an der Windseite des Feuers, an dem die beiden Kaffern gerade damit beschäftigt waren, die Steaks eines Impalabocks zu braten, den Harry, zu seinem großen Stolz, an jenem Vormittag erlegt hatte, und waren so rundum zufrieden mit uns selbst und der Welt um uns herum, wie es zwei Menschen nur sein können. Die Nacht war wunderbar, und es brauchte jemanden, der einen größeren Wortschatz besitzt, als ich ihn habe, um die strenge Majestät jener mondbeschienenen Wildnis zu beschreiben. Weiter und immer weiter, dem geheimnisvollen Norden zu, rollte der große Busch-Ozean, über dem absolute Stille lag. Unterhalb von uns, etwa eine Meile oder so nach rechts, strömte der ungebändigte Oliphant-Fluß, und seine Wasser reflektierten wie ein Spiegel das Licht
des Mondes, dessen silberne Speere auf seiner Brust erzitterten und dann in weiten, breiten Bahnen von Licht auf die Berge und die Ebene zurückgeworfen wurden. Unten, an den Ufern des Flusses, wuchsen riesige Bäume, die in der Stille himmelwärts deuteten, und die Schönheit der Natur ruhte auf ihnen wie eine Wolke. Überall war Stille – Stille in der sternenübersäten Tiefe des Himmels, Stille am Busen der schlafenden Erde. Jetzt, wenn überhaupt, mochten große Gedanken aus dem Gehirn eines Menschen aufsteigen, und für einen kurzen Augenblick mochte er seine Kleinheit vergessen, in dem Sinne, daß er ein Teil der reinen Immensität um sich herum war. ›Höre! Was war das?‹ Aus der Ferne, vom Ufer des Flusses, erklang ein Brüllen, und dann noch eines, und noch eines. Es waren Löwen, die ihr Fleisch suchten. Ich sah, wie Harry erschauerte und ein wenig blaß wurde. Er war ein recht tapferer Junge, doch wenn man das Brüllen von Löwen im nächtlich-stillen Busch-Veldt zum ersten Male hört, kann das die Nerven eines jeden Jungen erschüttern. ›Das sind Löwen, Harry‹, sagte ich; ›sie jagen dort unten beim Fluß, aber ich glaube nicht, daß du dich darüber beunruhigen mußt. Wir sind jetzt seit drei Nächten hier, und falls sie vorgehabt hätten, uns einen Besuch abzustatten, wären sie bestimmt längst hergekommen. Wir wollen jedoch für alle Fälle das Feuer warmhalten.‹ Ich wandte mich an die beiden Kaffern. ›Hört zu, Pharao und Jim-Jim! Holt noch mehr Holz, bevor ihr schlafen geht, sonst werden die Katzen um eure Hälse schnurren, bevor der Morgen graut!‹
Pharao, ein großer, muskulöser Swazi, der schon in Pilgrims' Rest bei mir gearbeitet hatte, lachte, stand auf und reckte sich, dann rief er Jim-Jim zu, eine Axt und einen Riemen zu bringen und ging durchs Mondlicht auf ein Dickicht von Zuckerbusch zu, in dem wir bisher unser Brennholz geschlagen hatten. Er war auf seine Art ein prächtiger Bursche, dieser Pharao, und ich vermute, daß er zu seinem Namen gekommen war, weil er einen ägyptischen Gesichtsschnitt besaß und eine Art königliche Haltung. Doch war sein Verhalten ein wenig seltsam, wegen seiner unberechenbaren Stimmungen, und nur wenige Menschen konnten mit ihm auskommen; außerdem neigte er dazu, wenn er Alkohol fand, wie ein Fisch zu trinken, und wenn er betrunken war, wurde er erschreckend blutrünstig. Dieses waren seine schlechten Eigenschaften; seine guten bestanden darin, daß er, wie die meisten Menschen von Zulu-Geblüt, wenn er sich einem Menschen überhaupt anschloß, absolut loyal war; er war ein hart arbeitender und intelligenter Mann, und einer der mutigsten Burschen, die ich jemals kennengelernt habe. Er war etwa fünfunddreißig Jahre alt, jedoch kein ›Keshla‹, oder beringter Mann. Ich vermute, daß er in Swaziland irgendwie in Schwierigkeiten geraten war und die Oberen seines Stammes ihm nicht gestatteten, den Ring zu tragen, was sicher auch der Grund dafür war, daß er Arbeit auf den Goldfeldern gesucht hatte. Der andere Mann, oder Junge, besser gesagt, Jim-Jim, war ein MapochKaffer, oder Knollennase, und selbst im Licht der folgenden Ereignisse kann ich nicht viel Gutes über ihn sagen. Er war ein fauler und leichtsinniger junger Bursche, und erst an diesem Morgen hatte ich Pharao
befehlen müssen, ihn zu verprügeln, weil er die Ochsen hatte weglaufen lassen, was Pharao mit größter Freude tat, obwohl er Jim-Jim sehr mochte. Tatsächlich sah ich später, wie er Jim-Jim mit einer Prise Tabak tröstete und ihm erklärte, daß er, wenn er wieder den Befehl erhielte, ihn zu verprügeln, die andere Hand benutzen würde, so daß er quer über die alten Striemen schlagen und ›hübsche Muster‹ auf seinem Rücken machen würde. Nun, sie zogen also los, obwohl es Jim-Jim gar nicht gefiel, das Lager um diese Stunde verlassen zu müssen, selbst wenn der Mond so hell schien, und wenig später kehrten sie gesund und munter mit einem großen Bündel Brennholz zurück. Ich lachte Jim-Jim aus und fragte ihn, ob er draußen irgend etwas gesehen hätte, und er sagte, ja, er habe zwei große, gelbe Augen gesehen, die ihn aus einem Busch hervor angestarrt hätten, und er habe irgend etwas schnarchen gehört. Da sich bei näherer Befragung jedoch herausstellte, daß die gelben Augen und das Schnarchen allein in Jim-Jims Phantasie existiert zu haben schien, war ich von seinem alarmierenden Bericht nicht allzu sehr beeindruckt, sondern ging mit Harry an meiner Seite ruhig schlafen, nachdem ich dafür gesorgt hatte, daß das Feuer neu angefacht worden war. Einige Stunden später fuhr ich erschrocken auf. Ich weiß nicht, was mich aus dem Schlaf gerissen hatte. Der Mond war untergegangen und zumindest hinter dem Horizont aus Busch verborgen, so daß nur noch sein roter Rand hervorsah. Außerdem war ein Wind aufgekommen und trieb lange, eilige Wolken über den sternenbesäten Himmel, und die Stimmung des Lichts hatte sich völlig verändert. Nach dem Ausse-
hen des Himmels schätzte ich, daß es etwa zwei Stunden vor Tagesanbruch sein mußte. Die Ochsen, die wie üblich an die Deichsel des Wagens gebunden waren, zeigten starke Unruhe – sie schnaubten und bliesen, standen auf und zerrten an ihren Stricken, so daß ich sofort vermutete, daß sie etwas wittern mußten. Und dann wußte ich, was sie witterten, denn etwa fünfzig Yards von uns entfernt brüllte ein Löwe, nicht sehr laut, doch laut genug, um mein Herz im Halse schlagen zu lassen. Pharao schlief auf der anderen Seite des Wagens, und als ich zu ihm hinüberblickte, sah ich, wie er den Kopf hob und lauschte. ›Löwe, Inkoos‹, flüsterte er. ›Löwe.‹ Jim-Jim sprang auf, und selbst bei dem schwachen Licht konnte ich erkennen, daß er sehr große Angst hatte. Da ich der Meinung war, daß es gut wäre, für alle Fälle vorbereitet zu sein, befahl ich Pharao, mehr Holz aufs Feuer zu werfen und weckte Harry, der, wie ich glaube, noch friedlich geschlafen hätte, wenn die Welt untergegangen wäre. Er war anfangs ein wenig verängstigt, doch dann siegte die Spannung dieser erregenden Situation, und er war begierig, dem König der Tiere von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen. Ich holte mir mein Gewehr und gab Harry das seine – ein Westly Richards mit Fallblock-Verschluß, eine sehr gute Waffe für einen Jungen, da sie leicht und doch recht wirkungsvoll ist – und dann warteten wir. Eine lange Zeit geschah nichts, und ich überlegte mir schon, ob wir nicht wieder schlafen gehen sollten, als ich plötzlich ein Geräusch hörte, das mehr wie ein
Husten klang als ein Brüllen, und in einer Entfernung von etwa zwanzig Yards von unserem Lager. Wir alle blickten in die Richtung, konnten jedoch nichts erkennen, und dann folgte eine weitere Periode angespannten Wartens. Es war sehr belastend für unsere Nerven, dieses Warten auf einen Angriff, der aus jeder Richtung erfolgen konnte – oder aber überhaupt nicht kommen mochte, und obwohl ich ein alter Hase in Situationen dieser Art bin, hatte ich doch Sorge um Harry, denn es ist sonderbar, wie sehr die Anwesenheit eines Menschen, an dem man hängt, einen in Augenblicken der Gefahr entnerven kann. Ich habe es damals erlebt, denn obwohl es recht kühl geworden war, konnte ich den Schweiß über meine Nase rinnen fühlen, und um mich von einer inneren Anspannung abzulenken, beschäftigte ich mich damit, einen Käfer zu beobachten, der anscheinend vom Licht des Feuers angelockt worden war und nun davor saß und nachdenklich seine Fühler gegeneinander rieb. Plötzlich schienen die Ochsen, die für einen Moment stockstill gestanden hatten, den Löwen zu wittern, und dann taten sie das, was ich befürchtete: sie ›skrekten‹, das heißt, sie versuchten, sich von ihren Stricken loszureißen und in panischer Angst in die Wildnis zu laufen. Löwen ist diese Verhaltensweise von Ochsen bekannt, die, wie ich glaube, die dümmsten Tiere unter der Sonne sind, und im Vergleich zu denen ein Schaf ein wahrer Salomon ist; und es ist durchaus nicht ungewöhnlich, daß ein Löwe sich in eine solche Position begibt, daß eine Herde oder ein Gespann von Ochsen ihn wittern muß, skrekt, die Haltestricke zerreißt, und in den Busch flüchtet. Natürlich sind sie dann in der Dunkelheit völlig hilflos,
und der Löwe sucht sich einen heraus, der ihm am besten gefällt und frißt ihn in aller Ruhe. Unsere sechs armen Ochsen fuhren in ihrer Panik herum und herum und rissen uns dabei beinahe zu Boden; in der Tat, wenn wir nicht eilig aus dem Weg gesprungen wären, hätten sie uns zertrampelt, oder doch zumindest schwer verletzt. Dennoch wurde Harry zu Boden gestoßen, und dem armen Jim-Jim geriet einer der Stricke unter den Arm, und als der sich straffte, wurde er quer durch das Lager geschleudert und landete nur wenige Schritte neben mir auf dem Boden. Mit einem harten Krachen brach die Deichsel des Wagens unter der Belastung der gegeneinander wirkenden Kräfte. Wenn sie nicht gebrochen wäre, hätte es den Wagen umgerissen. Im nächsten Augenblick waren Ochsen, Wagen, Stricke, die gebrochene Deichsel und alles andere zu einem riesigen, wogenden, stoßenden, brüllenden und scheinbar unentwirrbaren Knäuel verstrickt. Für eine kurze Weile wurde meine Aufmerksamkeit durch dieses Durcheinander von dem Löwen abgelenkt, der es verursacht hatte, doch während ich mich fragte, was um alles in der Welt ich dabei tun konnte, und wie wir weiterkommen sollten, wenn die Ochsen sich losrissen, in den Busch rannten und verloren gingen – denn Ochsen, die auf eine solche Weise in Panik geraten, laufen weite Strecken –, wurde ich auf eine sehr schmerzhafte Weise wieder an den Löwen erinnert. Denn in diesem Augenblick sah ich im Licht der Flammen eine Art gelben Glanz, der durch die Luft auf uns zuschoß.
›Der Löwe! Der Löwe!‹ schrie Pharao, und in diesem Augenblick sprang er – oder vielmehr sie, denn es war eine riesige, hagere Löwin, die zweifellos vor Hunger wild geworden war – genau in die Mitte unseres Lagerplatzes und stand dort in dem rauchgeschwängerten Dämmerlicht, peitschte mit ihrem Schwanz und brüllte. Ich riß mein Gewehr hoch und feuerte, doch in dem Durcheinander, meiner Aufregung und bei dem unsicheren Licht verfehlte ich sie und hätte um ein Haar Pharao getroffen. Das Mündungsfeuer des Gewehrs warf ein grelles Licht auf die Szene, und ich darf Ihnen sagen, daß es eine sehr wilde Szene war, mit der Masse der Ochsen, die um den Wagen tobten, so dicht ineinander verkeilt, daß es aussah, als ob ihre Köpfe aus Hintervierteln wüchsen, und ihre Hörner aus Rücken; das rauchende Feuer, das nur ein Lichtpunkt in dem dichten Qualm war, Jim-Jim auf dem Boden, wohin ihn die Ochsen in ihrer Panik geschleudert hatten, und wo er in seiner Panik liegengeblieben war, und im Zentrum dieses Bildes stand die große, hagere Löwin, starrte mit hungrigen, gelben Augen umher, und brüllte und knurrte, als ob sie sich nicht entscheiden könne, was sie tun sollte. Sie brauchte jedoch nicht lange dazu, nicht länger, als ein Blitz dazu braucht, im Dunkel zu erlöschen, denn bevor ich noch einmal feuern oder sonst etwas tun konnte, sprang sie den armen Jim-Jim an. Ich hörte den unglücklichen Jungen aufschreien, und fast im gleichen Augenblick sah ich, wie seine Beine in die Luft geworfen wurden. Die Löwin hatte ihn im Genick gepackt und mit einer heftigen Kopfbewegung seinen Körper über ihren Rücken gewor-
fen, so daß seine Beine auf der anderen Seite herabhingen.* Dann, ohne das geringste Zögern, und anscheinend ohne jede Schwierigkeit, sprang sie mit einem einzigen Satz über den Dornenzaun und verschwand mit dem armen Jim-Jim in der Dunkelheit, in Richtung des Badeplatzes, den ich bereits beschrieb. Wir waren alle wie gelähmt vor Entsetzen und Angst, rannten ihr nach und feuerten hinter ihr her, in der Hoffnung, daß sie sich erschrecken und ihre Beute fahren lassen würde, doch konnten wir nichts hören und nichts sehen. Die Löwin verschwand in der Dunkelheit und nahm Jim-Jim mit sich, und jeder Versuch, sie vor Tagesanbruch zu verfolgen, wäre Irrsinn gewesen. Also krochen wir ängstlichen und schweren Herzens zurück und setzten uns, um auf die Morgendämmerung zu warten, die jetzt nicht mehr als eine Stunde entfernt sein konnte. Bis dahin war es auch absolut unsinnig, die Ochsen auseinanderzuziehen und aus den Trümmern entwirren zu versuchen, also blieb uns nichts anderes übrig, als herumzusitzen und uns zu fragen, wie es kam, daß der eine genommen und der andere verschont geblieben war, und gegen alle Hoffnung zu hoffen, daß unser armer JimJim aus den Fängen der Löwin errettet werden mochte. Endlich stahl sich das erste Morgendämmern wie *
Ich habe selbst erlebt, wie ein Löwe einen zweijährigen Ochsen auf diese Weise über eine vier Fuß hohe Steinmauer gebracht und ihn dann eine Meile weit in den Busch geschleppt hat. Er wurde schließlich mit Strychnin vergiftet, das in den Kadaver dieses Ochsen gestreut wurde, und ich besitze noch immer seine Pranken. – Der Herausgeber.
ein Dieb über den langen, buschbewachsenen Hang, und glänzte auf den ineinander verkeilten Hörnern der Ochsen. Mit bleichen und ängstlichen Gesichtern standen wir auf, um Ochsen und Stricke zu entwirren, bis es hell genug sein würde, um der Spur der Löwin folgen zu können, die Jim-Jim fortgeschleppt hatte. Und hier ergab sich für uns eine neue Schwierigkeit, denn als es uns endlich gelungen war, das letzte der großen, hilflosen Tiere zu befreien, stellten wir fest, daß das beste von ihnen sehr krank war. Es war kein Irrtum möglich, als wir es so stehen sahen, die Beine weit gespreizt, und mit hängendem Kopf. Es war Blutharnen*, dessen war ich sicher. Von allen Schwierigkeiten, die mit dem Leben und dem Reisen in Südafrika verbunden sind, war dies vielleicht die schlimmste. Der Ochse ist das frustrierendste Tier auf der Welt (nur Neger können schlimmer sein). Er hat absolut keine Konstitution, und er läßt keine Gelegenheit aus, irgendeiner mysteriösen Krankheit zum Opfer zu fallen. Ein Ochse magert bei dem geringsten Anlaß bis zum Skelett ab und stirbt aus Trotz an ›Unterernährung‹, während sein größter Spaß darin besteht, stehenzubleiben und das Ziehen zu verweigern, wenn immer er sich in der Mitte eines Flusses befindet, oder wenn ein Wagenrad schön fest in einem Loch steckt. Wenn Sie ihn nur ein paar Meilen weit über rauhes Land treiben, fängt er an zu lahmen; lassen Sie ihn frei, damit er grasen kann, läuft er weg, oder wenn er nicht wegläuft, frißt er aus lauter Bösartigkeit irgendwelches Zeug, mit dem er sich vergiftet. Irgend etwas ist immer mit ihm nicht in Ord*
Piroplasmose
nung. Der Ochse ist eine Bestie. Es paßte genau zu seinem normalen Verhalten, daß dieser, wahrscheinlich aus purem Trotz Blutharnen bekam, gerade als ein Löwe mit seinem Treiberjungen verschwunden war. Es war genau das, was ich erwartet hatte, und darum war ich weder enttäuscht, noch überrascht. Aber es hatte keinen Sinn, zu weinen, wie ich es fast getan hätte, denn wenn ein Ochse dieses Fieber hatte, war es mehr als wahrscheinlich, daß die anderen es ebenfalls hatten, obwohl sie mir als ›gesalzen‹ verkauft worden waren, das heißt, gegen solche Übel wie Blutharnen und Lungenkrankheit gefeit. In Südafrika gewöhnt man sich im Laufe der Zeit an diese Dinge, denn ich vermute, daß in keinem anderen Lande der Welt das Leben von Tieren so billig ist. Also nahm ich mein Gewehr und sagte Harry, daß er mir folgen solle (wir mußten Pharao zurücklassen, damit er sich um die Ochsen kümmerte – Pharaos schlanke Kühe, nannte ich sie) und brach auf, um zu sehen, ob irgend etwas entdeckt werden konnte, das sich auf den armen Jim-Jim bezog. Der Boden um unser kleines Lager war hart und felsig, und wir konnten keine Fährte der Löwin entdecken, fanden jedoch unmittelbar außerhalb unseres Dornenzauns ein paar Blutstropfen. Etwa dreihundert Yards vom Lager entfernt und ein wenig nach rechts, stand ein Zuckerbuschdickicht, vermischt mit den üblichen Mimosen, und darauf ging ich zu, da ich glaubte, die Löwin könnte ihre Beute dorthin verschleppt haben, um sie zu fressen. Also schritten wir durch das hohe Gras, das von dem Gewicht des Taus niedergedrückt wurde. Innerhalb von zwei Minuten waren wir bis zu den Oberschenkeln durchnäßt, als ob wir durch Wasser
gegangen wären. Kurz darauf erreichten wir jedoch dieses Dickicht und drangen im grauen Licht des Morgens hinein. Es war sehr dunkel unter den Bäumen, denn die Sonne war noch nicht aufgegangen, und so drangen wir mit äußerster Vorsicht weiter vor und erwarteten in jeder Sekunde, auf die Löwin zu stoßen, die die Knochen des armen Jim-Jim ableckte. Doch sahen wir keine Löwin, und was Jim-Jim betraf, so fanden wir nicht einmal einen Fingerknöchel von ihm. Offensichtlich waren sie nicht hierhergekommen. Wir drängten uns weiter durch den Busch und suchten alle möglichen Stellen ab, doch mit dem gleichen Resultat. ›Ich nehme an, daß sie ihn ziemlich weit verschleppt hat‹, sagte ich schließlich niedergedrückt. ›Auf jeden Fall ist er jetzt tot, also mag Gott seiner armen Seele gnädig sein, wir können ihm nicht mehr helfen. Was sollen wir jetzt tun?‹ ›Ich meine, wir sollten uns in dem Bassin waschen und dann etwas essen. Ich bin dreckig‹, erklärte Harry. Dies war ein äußerst praktischer, wenn auch etwas gefühlloser Vorschlag. Auf jeden Fall kam es mir recht gefühllos vor, vom Waschen zu sprechen, wenn der arme Jim-Jim gerade irgendwo in der Nähe gefressen wurde. Doch ließ ich mich nicht von meinen Gefühlen überwältigen, und wir gingen zu dem herrlichen Platz, den ich beschrieben habe, um zu baden. Ich war der erste, der ihn erreichte, und stieg das farnbewachsene Ufer hinab. Doch plötzlich fuhr ich herum und schrie auf – und dazu hatte ich auch allen Grund, denn beinahe zu meinen Füßen ertönte ein wütendes Knurren.
Ich war um ein Haar der Löwin auf den Rücken getreten, die auf jener Felsplatte geschlafen hatte, auf der wir immer standen, wenn wir uns nach dem Baden abtrockneten. Bevor ich irgend etwas tun konnte, bevor ich auch nur die Hähne meines Gewehrs spannen konnte, machte sie einen langen Satz über das kristallklare Bassin und verschwand am gegenüberliegenden Ufer. Alles geschah in einer einzigen Sekunde, so schnell wie ein Gedanke. Sie hatte auf der Steinplatte gelegen, und – o nein! – was war das, was neben ihr gelegen hatte? Es waren die Reste des armen Jim-Jim, die auf dem blutverschmierten Felsen lagen. ›Oh, Vater, Vater!‹ schrie Harry, ›sieh doch ins Wasser!‹ Ich tat es. Dort, mitten in dem herrlichen, stillen Bassin, trieb Jim-Jims Kopf. Die Löwin hatte ihn glatt abgebissen, und er war über die schräge Steinplatte ins Wasser gerollt.
3 Jim-Jim wird gerächt Wir haben nie wieder in dem Bassin gebadet; es war mir unmöglich, auf dieses klare, von Farnen umwachsene Wasser zu schauen, ohne an den schrecklichen Anblick des abgebissenen Kopfes denken zu müssen, der durch das Wasser rollte, als wir versuchten, ihn zu ergreifen. Der arme Jim-Jim! Was von ihm übrig geblieben war – es war nicht viel – begruben wir in einem alten Brotsack, und obwohl seine Tugenden zu seinen Lebzeiten nicht gerade erhebend gewesen waren, jetzt, wo er tot war, hätten wir über ihn weinen mögen. Harry weinte tatsächlich, während Pharao auf Zulu vor sich hinfluchte, und ich schwor mir, daß ich das Tageslicht in diese Löwin hineinlassen würde, bevor ich achtundvierzig Stunden älter geworden war. Nun, wir begruben ihn, und dort liegt er nun in dem Brotsack (den ich ihm später etwas mißgönnte, da er der einzige war, den wir hatten), wo keine Löwen ihm mehr etwas anhaben können – höchstens die Hyänen, da genügend von ihm übriggeblieben war, daß sich das Ausgraben lohnte. Doch das wird ihm nichts mehr ausmachen, und damit ist das Buch über Jim-Jim geschlossen. Die Frage war nun, wie wir seine Mörderin stellen konnten. Ich war sicher, daß sie zurückkommen würde, wenn sie wieder hungrig war, aber ich wußte nicht, wann sie wieder hungrig sein würde. Sie hatte genug von Jim-Jim gefressen, daß ich kaum erwartete, sie in der kommenden Nacht wiederzusehen –
falls sie nicht Junge haben sollte. Trotzdem hielt ich es für klüger, mit ihrem Wiederkommen zu rechnen, also machten wir uns daran, die nötigen Vorbereitungen für ihren Empfang zu treffen. Als erstes verstärkten wir den Schutzzaun um das Lager, indem wir eine ziemlich große Menge Kronen von Dornbäumen heranschleppten, die wir auf eine solche Art nebeneinanderlegten, daß die Dornen nach außen wiesen. Dies schien mir nach den Erfahrungen der letzten Nacht und dem Tode Jim-Jims eine sehr notwendige Vorsichtsmaßnahme zu sein, denn wo eine Ziege hinüberspringen kann, können es auch andere, wie die Kaffern sagen, und um wieviel mehr ist das der Fall, wenn es um ein so aktives und kraftvolles Tier wie den Löwen geht! Und jetzt kam die nächste Frage: wie konnten wir die Löwin dazu bringen, wieder herzukommen? Löwen sind eigenartige Tiere und haben ein seltsames Talent dafür, immer dann zu erscheinen, wenn ihre Anwesenheit nicht erwünscht ist, sich aber niemals blicken zu lassen, wenn man auf sie wartet. Natürlich war es möglich, daß sie an Jim-Jim Gefallen gefunden hatte und zurückkommen würde, um zu sehen, ob noch mehr von seiner Sorte da waren, doch darauf konnte man sich nicht verlassen. Harry, der, wie ich bereits erwähnte, ein überaus praktisch veranlagter Bursche war, schlug Pharao vor, daß er hinausgehen und sich außerhalb des Zauns ins Mondlicht setzen sollte, als eine Art Köder, wobei er ihm versicherte, daß er nichts zu befürchten habe, denn ganz bestimmt würden wir die Löwin töten, bevor sie ihn töten könnte. Seltsamerweise schien Pharao dieser Vorschlag nicht sehr zu gefallen. Er stelzte beleidigt davon und war böse auf Harry, daß
er ihm so etwas zugemutet hatte. Ich kam durch ihn jedoch auf eine Idee. ›Bei Gott!‹ sagte ich, ›da ist doch dieser kranke Ochse. Früher oder später wird er ohnehin sterben, also kann er uns vorher noch nützlich sein.‹ Etwa dreißig Yards links von unserem Lager, hangabwärts in Richtung Fluß, stand der angekohlte Stumpf eines Baumes, der vor vielen Jahren vom Blitz getroffen worden war, und davor, etwa gleich weit von ihm und vom Lagerzaun entfernt, befanden sich zwei dichte Gebüsche. Das war eine ideale Stelle, um den Ochsen anzubinden, und so wurde das kranke Tier kurz vor Sonnenuntergang von Pharao hinausgeführt und dort festgebunden, und wir begannen eine lange Wache, diesmal ohne ein Feuer, denn wir hatten ja vor, die Löwin anzulocken, und nicht, sie zu verjagen. Stunde um Stunde warteten wir und hielten uns wach, indem wir einander kniffen (es ist übrigens bemerkenswert, was für eine Meinungsverschiedenheit bezüglich der notwendigen Stärke des Kneifens zwischen Kneifer und Gekniffenem besteht), aber keine Löwin ließ sich blicken. Schließlich ging der Mond unter, und die Dunkelheit verschlang die Welt, wie die Kaffern sagen, doch kein Löwe kam, um uns zu verschlingen. Wir warteten bis zum Morgengrauen, weil wir nicht wagten, schlafen zu gehen, und dann, schließlich, mit vielen schlechten Gedanken in unseren Herzen, versuchten wir, uns auszuruhen, so gut es eben ging, doch sehr gut ging es nicht. An jenem Vormittag gingen wir auf die Jagd, nicht, weil wir Lust dazu hatten, dazu waren wir viel zu niedergeschlagen und zu müde, sondern weil wir kein
Fleisch mehr hatten. Drei Stunden oder länger zogen wir in glühender Hitze umher und suchten nach etwas, das wir schießen konnten, aber ohne jedes Ergebnis. Aus irgendeinem unbekannten Grund war das Wild in diesem Gebiet selten geworden, obwohl es noch zwei Jahre zuvor, als ich dort gewesen war, alle nur vorstellbaren Wildarten gegeben hatte, mit Ausnahme von Nashörnern und Elefanten. Allein die Löwen waren geblieben, und ich vermute, es war der Umstand, daß das Wild, von dem sie lebten, vorübergehend abgezogen war, der sie so mutig und angriffslustig gemacht hatte. Im allgemeinen ist der Löwe nämlich ein recht friedliches Tier, solange man ihn in Ruhe läßt, doch ein hungriger Löwe ist fast so gefährlich wie ein hungriger Mensch. Man hört eine ganze Reihe unterschiedlicher Meinungen darüber, ob der Löwe ein besonders mutiges Tier sei oder nicht, doch nach meiner Erfahrung hängt das vor allem vom Zustand seines Magens ab. Ein hungriger Löwe läßt sich nicht so leicht abschrekken, während ein satter beim geringsten Anlaß flieht. Nun, wir suchten überall, fanden jedoch nichts, nicht einmal einen Duiker-, oder Buschbock, und schließlich, völlig ermüdet und mißgelaunt, machten wir uns auf den Rückweg zum Lager und mußten dazu die Kuppe eines recht steilen Hügels übersteigen. Und gerade, als ich ihren höchsten Punkt erreichte, blieb ich wie angewurzelt stehen, denn dort, etwa sechshundert Yards links von mir, seine wunderbaren, gekrümmten Hörner ein bizarres Muster von dem sanften Blau des Himmels, sah ich einen herrlichen Kudu-Bullen* stehen. Selbst auf diese Ent*
Strepsiceros kudu
fernung – denn wie Sie wissen, sind meine Augen sehr scharf – konnte ich deutlich die weißen Streifen auf seiner Flanke sehen, und seine langen, spitz zulaufenden Ohren, die zuckten, um die lästigen Fliegen zu verjagen. So weit, so gut; aber wie sollten wir an ihn herankommen? Es war lächerlich, einen Schuß auf diese Entfernung zu versuchen, doch sowohl der Boden als auch der Wind waren sehr ungünstig zum Heranpirschen. Die einzige Möglichkeit schien mir darin zu bestehen, einen Bogen von mindestens einer Meile zu schlagen, um von der anderen Seite an das Kudu heranzukommen. Ich winkte Harry neben mich und erklärte ihm, was ich für das beste Vorgehen hielt, als das Kudu uns alle weiteren Mühen abnahm, indem es plötzlich den Hang hinabzurasen begann, wie eine gezündete Rakete. Ich weiß nicht, was es erschreckt hat, wir waren es auf jeden Fall nicht. Vielleicht war eine Hyäne oder ein Leopard – ein ›Tiger‹, wie wir ihn dort nennen – plötzlich aufgetaucht. Auf jeden Fall raste es los und lief dabei ein wenig in unsere Richtung, und noch nie hatte ich einen Bock schneller laufen sehen. Ich fürchte, daß ich Harrys Gegenwart vergessen und recht harte Worte gebraucht habe, und dafür gibt es wahrlich eine Entschuldigung. Was Harry anging, so stand er reglos und beobachtete das prächtige Tier. Kurz darauf verschwand es hinter einem dichten Gehölz, um wenige Sekunden später etwa fünfhundert Schritte von uns entfernt auf einem relativ ebenen, mit Felsblöcken bestreuten Gelände wieder aufzutauchen. Weiter lief es, setzte über die auf seinem Weg liegenden Felsen mit mächtigen Sprüngen hinweg, die herrlich anzusehen waren. Als
ich es bewundernd anblickte, wandte ich mich zufällig Harry zu und sah zu meiner Verblüffung, daß er sein Gewehr in die Schulter gezogen hatte. ›Du junger Esel!‹ sagte ich, ›du hast doch nicht etwa vor ...‹ – und in diesem Augenblick krachte der Schuß. Und nun sah ich etwas, das meiner Meinung nach auf seine Weise das Schönste war, was ich jemals in meinen langen Jahren der Jagd erlebte. Das Kudu befand sich zu diesem Moment in der Luft, sprang mit unter den Körper gezogenen Vorderbeinen über einen Steinhaufen hinweg. Plötzlich streckten sich diese Beine krampfartig aus, es landete auf ihnen, und sie knickten unter ihm ein. Der edle Bock ging zu Boden, schien einen Moment auf seinen Hörnern zu stehen, die Hinterbeine in die Luft gestreckt, und dann rollte er auf die Seite und lag still. ›Gütiger Himmel!‹ rief ich, ›du hast ihn getroffen! Er ist tot.‹ Harry sagte nichts, sondern starrte nur ein wenig erschrocken vor sich hin, und dazu hatte er auch allen Grund, denn so einen wunderbaren Schuß zu erleben, war mir noch nie beschieden gewesen. Ein Mann, ganz abgesehen von einem Jungen, hätte tausend solcher Schüsse abgeben können, ohne das Ziel auch nur zu berühren, das ja, wie Sie wissen, gut fünfhundert Yards entfernt über Felsblöcke sprang; und dieser Junge – der einen schnellen Schuß riskierte, wobei er Geschwindigkeit und Höhenwinkel rein nach Instinkt einbezog, denn er hatte sein Visier nicht hochgestellt – hatte diesen Bullen mit einem Schuß erledigt. Ich enthielt mich weiterer Bemerkungen, die Gelegenheit war zu feierlich, um viele Worte
zu machen, sondern ging Harry voraus auf die Stelle zu, an der das Kudu zusammengebrochen war. Hier lag es nun, herrlich und völlig still; und dort, etwa auf halber Höhe des Halses, war ein sauberes, rundes Loch. Die Kugel hatte das Rückgrat durchschlagen und war auf der anderen Seite wieder ausgetreten. Es war bereits Abend, als wir, nachdem wir von dem Bullen so viel Fleisch abgeschnitten hatten, wie wir tragen konnten, und ein rotes Taschentuch und ein paar Grasbüschel an seine spiralförmig gebogenen Hörner gebunden hatten, die, übrigens, fast fünf Fuß lang gewesen sein mochten, in der Hoffnung, dadurch die Schakale und Geier fernhalten zu können, endlich das Lager erreichten, wo wir von Pharao, der sich wegen unseres langen Ausbleibens bereits Sorgen gemacht hatte, mit der erfreulichen Nachricht begrüßt wurden, daß ein zweiter Ochse krank geworden sei. Doch selbst diese niederschmetternde Neuigkeit konnte Harrys Hochstimmung nicht brechen; so unglaublich es auch erscheinen mag, bin ich doch überzeugt, daß er den Tod des Kudus auf sein waidmännisches Können zurückführte. Aber obgleich der Junge ein recht guter Schütze war, war das natürlich lächerlich, und ich sagte ihm das auch sehr deutlich. Als wir unser Abendessen aus Kudu-Steaks beendet hatten (die sicher zarter gewesen wären, hätte man das Kudu ein paar Jahre früher geschossen), war es an der Zeit, uns für Jim-Jims Mörderin bereit zu machen. Also beschlossen wir, den armen, kranken Ochsen erneut als Köder zu benutzen, da dieser kurz vor dem Ende war und sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Den ganzen Nachmittag lang sei
er ununterbrochen im Kreis umhergegangen, hatte Pharao uns berichtet, wie es Ochsen im letzten Stadium der Krankheit häufig tun. Jetzt war er zum Stehen gekommen, schwankte hin und her und ließ den Kopf hängen. Also banden wir ihn an den Baumstumpf, wie in der vorhergehenden Nacht, und wußten, wenn die Löwin ihn nicht tötete, würde er bis zum Morgen an der Krankheit sterben. Ich hatte sogar die Befürchtung, daß er gleich sterben würde, in welchem Falle er als Köder nur noch geringen Wert gehabt hätte, da der Löwe ein Jagdtier ist und es, wenn er nicht sehr hungrig ist, vorzieht, seine Mahlzeit selbst zu töten, obwohl er, wenn er sie getötet hat, immer wieder zu ihr zurückkehrt, um zu fressen. Dann wiederholte sich unsere Erfahrung der vergangenen Nacht; wir saßen und warteten Stunde um Stunde, bis Harry schließlich fest einschlief, und selbst ich, der ich an solche Dinge gewöhnt war, kaum noch die Augen offen halten konnte. Ich war, ehrlich gesagt, gerade am Einnicken, als Pharao mich plötzlich anstieß. ›Horch!‹ flüsterte er. Ich war sofort hellwach und lauschte angespannt. Aus dem Gebüsch rechts von dem Baumstumpf, an den der kranke Ochse angebunden war, kam ein knackendes Geräusch. Jetzt wieder. Irgend etwas bewegte sich dort, sehr vorsichtig und behutsam, doch unverkennbar, denn in der absoluten Stille erschien jedes Geräusch überlaut. Ich weckte Harry, der sofort sagte: ›Wo ist sie? Wo ist sie?‹ und mit seinem Gewehr auf eine Art herumfuchtelte, die für uns und die Ochsen gefährlicher
war, als für eine vielleicht vorhandene Löwin. ›Sei still!‹ zischte ich; und während ich das tat, schoß ein gelber Schatten mit einem lauten Knurren aus dem Gebüsch, an dem Ochsen vorbei und in das andere Gebüsch. Das arme, kranke Tier stieß eine Art Stöhnen aus, kam taumelnd auf die Beine und begann zu zittern. Ich konnte das klar erkennen, da das Mondlicht sehr hell war, und kam mir wie ein Barbar vor, weil ich das unglückliche Tier einer solchen Marter ausgesetzt hatte. Die Löwin, denn sie war es, war so rasch an uns vorbeigesprungen, daß wir nicht einmal ihre Bewegungen hatten erkennen können, ganz zu schweigen davon, einen Schuß auf sie abzufeuern. In der Nacht ist Schießen überhaupt nicht sehr wirksam, wenn das Ziel nicht sehr nahe ist und absolut still steht, und selbst dann ist das Licht trügerisch, und man hat Mühe, das Korn zu sehen, so daß selbst der beste Schütze öfter vorbeischießen als treffen wird. ›Sie wird gleich wieder zurückkommen‹, sagte ich, ›also halte die Augen offen, aber schieße um Himmelswillen nicht, bevor ich es dir sage.‹ Kaum hatte ich diese Worte ausgesprochen, als sie auch schon zurückkam, und wieder an dem Ochsen vorbeisprang, ohne ihn anzufallen. ›Was, zum Teufel, treibt sie da?‹ flüsterte Harry. ›Sie spielt mit dem Ochsen wie eine Katze mit der Maus, vermute ich. Sie wird ihn gleich töten.‹ Und während ich das sagte, sprang die Löwin wieder aus dem Gebüsch heraus, und dieses Mal direkt über den zitternden Ochsen hinweg. Es war ein herrlicher Anblick, wie sie im hellen Mondlicht über ihn hinwegschnellte, als ob es ein Trick wäre, den man ihr beigebracht hatte.
›Ich glaube, sie ist einem Zirkus entsprungen‹, flüsterte Harry, ›es ist wunderbar, sie springen zu sehen.‹ Ich sagte nichts dazu, mußte jedoch zugeben, daß er sehr recht hatte, obwohl er die Leistung nicht völlig zu würdigen verstand, doch wer konnte ihm das verübeln? Dann entstand eine längere Pause, und ich begann schon zu befürchten, daß die Löwin verschwunden sein mochte, als sie plötzlich wieder auftauchte, mit einem gewaltigen Satz direkt auf dem Ochsen landete und ihm einen furchtbaren Schlag mit ihrer Pranke versetzte. Der Ochse stürzte und lag schwach mit den Beinen zuckend auf dem Boden. Die Löwin senkte den Kopf, stieß ein befriedigtes Knurren aus und schlug ihre langen, weißen Zähne in die Kehle des sterbenden Tieres. Als sie das Maul wieder hob, war es blutverschmiert. Sie stand uns ein wenig schräg gegenüber, leckte das Blut von ihren Lefzen und machte eine Art schnurrendes Geräusch. ›Jetzt ist unsere Zeit gekommen‹, flüsterte ich, ›schieß auch du, wenn ich abdrücke!‹ Ich visierte sie an, so gut es mir möglich war, doch Harry wartete nicht, bis ich schoß, wie ich es ihm gesagt hatte, sondern feuerte vor mir, was mich natürlich zur Eile antrieb. Doch als der Pulverrauch sich verzogen hatte, sah ich, daß die Löwin hinter dem Kadaver des Ochsen auf ihre Seite rollte, von dem sie jedoch so verdeckt wurde, daß wir nicht sehen konnten, ob sie tödlich getroffen war. ›Sie ist erledigt! Sie ist tot, diese gelbe Teufelin!‹ schrie Pharao begeistert; und in diesem Moment verschwand die Löwin, in einer irgendwie konvulsiven
Flucht, halb rollend, halb springend, in dem dichten Gebüsch rechts vor unserem Zaun. Ich feuerte ihr hinterher, doch, so weit ich es sehen konnte, ohne jeden Erfolg; wahrscheinlich habe ich sie gar nicht getroffen. Auf jeden Fall verschwand sie in dem Gebüsch und begann, sobald sie dort in Sicherheit war, einen solchen diabolischen Lärm zu machen, wie ich ihn noch nie gehört hatte. Sie winselte und schrie vor Schmerzen, und dann begann sie so laut zu brüllen, daß der Boden erzitterte. ›In Ordnung‹, sagte ich, ›wir müssen sie brüllen lassen; ihr jetzt nachzusteigen, wäre reiner Wahnsinn.‹ In diesem Augenblick kam, zu meiner Verwunderung und meinem Schrecken, ein antwortendes Brüllen aus der Richtung des Flusses, und ein weiteres aus dem Busch. Offenbar befanden sich drei Löwen in der Gegend. Die angeschossene Löwin brüllte noch lauter, in der Absicht, wie ich annehme, die anderen zu Hilfe zu holen. Jedenfalls kamen sie, und sehr schnell, denn innerhalb von fünf Minuten sahen wir, als wir vorsichtig durch den Dornenzaun spähten, einen prachtvollen Löwen, der durch das Tamboukigras lief und von graugoldener Farbe war wie reifender Mais. Mit weiten Sprüngen kam er heran, und er war wunderbar anzusehen, wie er durch das Mondlicht sprang. Als er sich auf etwa fünfzig Yards genähert hatte, verhielt er auf einer offenen Stelle und brüllte. Die Löwin brüllte ebenfalls, und dann kam ein drittes Brüllen, und ein weiterer, ein schwarzmähniger Löwe kam majestätisch heran und verhielt neben Nummer zwei, und ich erkannte endlich, was der arme Ochse durchgemacht haben mußte.
›Hör zu, Harry‹, flüsterte ich, ›auf gar keinen Fall schießen, es ist zu riskant. Wenn sie uns in Ruhe lassen, werden wir es auch tun.‹ Die beiden Löwen liefen auf den Busch zu, wo die angeschossene Löwin nun mit doppelter Lautstärke brüllte, und alle drei begannen zu knurren und zu fauchen. Plötzlich jedoch hörte die Löwin auf zu brüllen, und die beiden Löwen kamen heraus, der schwarzmähnige zuerst – um zu kundschaften, wie ich vermute –, traten zu dem Kadaver des Ochsen und schnupperten an ihm. ›Oh, was für ein Schuß das wäre‹, flüsterte Harry, der vor Aufregung zitterte. ›Ja‹, sagte ich, ›aber halte dich zurück! Sie könnten beide gleichzeitig auf uns losgehen.‹ Harry sagte nichts, doch im nächsten Moment – sei es aus dem natürlichen Ungestüm der Jugend, oder weil er vor Erregung sein inneres Gleichgewicht verloren hatte, oder sei es aus reinem Trotz, ich kann es nicht sagen, da ich nie eine zufriedenstellende Antwort von ihm erhalten habe – riß er, ohne ein Wort zu sagen, ohne auf meine Warnung zu achten, sein Westley Richards hoch, feuerte auf den schwarzmähnigen Löwen und traf ihn sogar in die Flanke. Der verwundete Löwe stieß ein furchtbares Gebrüll aus. Er starrte umher und brüllte vor Schmerz, denn er war schwer angeschossen; und dann, bevor ich überlegen konnte, was ich tun sollte, sprang das riesige, schwarzmähnige Tier seinem Artgenossen an die Kehle, den es offenbar für seine Schmerzen verantwortlich machte. Es war komisch, die Verwunderung des anderen Löwen über diesen völlig unprovozierten Angriff zu sehen. Mit einem wütenden Knur-
ren rollte er sich ab, und der schwarzmähnige Löwe sprang auf ihn und begann ihn zu beißen. Dies schien dem gelbmähnigen Löwen die Situation endlich klarzumachen, und ich muß sagen, daß er sich ihr auf eine überzeugende Art gewachsen zeigte. Irgendwie gelang es ihm, auf die Füße zu kommen, und mit lautem Brüllen und Knurren sprang er seinen mächtigen Gegner an. Es entwickelte sich eine überwältigende Szene. Sie wissen, was für ein schrecklicher Anblick es ist, wenn zwei große Hunde miteinander kämpfen. Glauben Sie mir, ein ganzes Hundert von Hunden hätten nicht so ein entsetzliches Bild bieten können, wie diese beiden gewaltigen Tiere, als sie in ihrer übermächtigen Wut brüllten und bissen und rissen. Sie packten einander, sie rissen einander an der Kehle, bis das Mähnenhaar in großen Büscheln herumflog und das Blut über ihre gelben Körper strömte. Es war ein grausiges und doch prächtiges Bild, diese beiden mit all der Energie ihrer wilden Kraft aufeinander losgehen zu sehen, und dabei die Erde über ihrem gewaltigen Brüllen erzittern zu spüren. Es war ein gewaltiger Kampf. Einige Minuten lang war es unmöglich, zu bestimmen, wer die Oberhand gewann, doch schließlich erkannte ich, daß die Kraft des schwarzmähnigen Löwen, obwohl er ein wenig größer war, nachzulassen begann. Ich neige zu der Ansicht, daß die Wunde in seiner Flanke ihn geschwächt hatte. Auf jeden Fall bekam er jetzt das meiste ab, was ihm nur recht geschah, da er der Angreifer war. Trotzdem konnte ich mich eines gewissen Mitleids für ihn nicht erwehren, denn er hatte einen großartigen Kampf geliefert. Seinem Gegner gelang es schließlich, ihn bei der Gurgel zu pak-
ken und, so sehr er sich auch wehrte und sträubte, das Leben allmählich aus ihm herauszuschütteln. Über und über rollten sie, ineinander verbissen, ein entsetzliches und gewaltiges Bild, doch der gelbmähnige Löwe lockerte seinen Griff nicht, und schließlich verließen den armen schwarzmähnigen Löwen die Kräfte, sein Atem ging in langsamen gurgelnden Schnarchern und schien in seinen Nüstern zu rasseln, dann riß er seinen gewaltigen Rachen auf, brüllte leise, zitterte, und war tot. Als der gelbmähnige Löwe ganz sicher war, daß er den Sieg errungen hatte, gab er seinen toten Gegner frei und beschnupperte ihn. Dann fuhr er mit der Zunge über die Augen des toten Löwen, stellte sich mit den Vorderpranken auf den Kadaver und stieß ein Siegesgebrüll aus, das weit durch die dunkle Nacht hallte. An diesem Punkt griff ich ein. Ich zielte sorgfältig auf seine Körpermitte, um jeden Fehler ausgleichen zu können, feuerte und jagte ihm eine .570er Expreß-Kugel ins Herz, und er fiel tot auf den Kadaver seines besiegten Feindes. Danach schliefen wir, recht zufrieden mit unserer Leistung, bis zum Morgen, und ließen Pharao Wache halten, für den Fall, daß noch irgendwelche weiteren Löwen vorhaben sollten, in unsere Gegend zu kommen. Als wir erwachten, stand die Sonne schon ein ganzes Stück über dem Horizont, und wir gingen vorsichtig aus dem Lager – das heißt, Pharao und ich taten es, da ich Harry nicht erlaubte mitzukommen –, um zu sehen, ob wir irgendeine Spur der verwundeten Löwin finden könnten. Ihr Brüllen war unmittelbar nach der Ankunft der beiden Löwen verstummt,
und sie hatte seitdem keinen Laut mehr von sich gegeben, woraus wir schlossen, daß sie wahrscheinlich tot war. Ich war mit meiner Expreß-Büchse bewaffnet, während Pharao, in dessen Händen ein Gewehr eine höchst gefährliche Waffe darstellte – für seine Begleiter –, eine Axt mit sich führte. Auf unserem Wege blieben wir bei den beiden toten Löwen stehen. Es waren beides herrliche Tiere, doch ihre Felle waren völlig verdorben von dem Kampf, den sie miteinander ausgetragen hatten, was sehr bedauerlich war. Kurz darauf folgten wir der Blutspur der verwundeten Löwin in den Busch, wohin sie sich geflüchtet hatte. Wir taten dies, wie ich sicher nicht besonders betonen muß, mit äußerster Vorsicht; offen gestanden gefiel mir diese Sache überhaupt nicht, und ich tröstete mich allein mit dem Gedanken, daß es notwendig war, und daß der Busch nicht sehr dicht war. Nun, wir standen also dort, möglichst weit von allen Bäumen entfernt und blickten suchend umher, doch wir konnten keine Löwin entdecken, obwohl wir viel Blut sahen. ›Sie muß sich irgendwo verkrochen haben, um zu sterben, Pharao‹, sagte ich auf Zulu. ›Ja, Inkoos‹, antwortete er, ›auf jeden Fall ist sie verschwunden.‹ Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, als ich ein lautes Brüllen hörte, und als ich herumfuhr, sah ich die Löwin aus einem Gebüsch treten, in das sie sich verkrochen hatte, direkt hinter Pharao. Sie richtete sich auf ihre Hinterbeine auf, und als sie das tat, sah ich, daß einer ihrer Vorderläufe in der Nähe der Schulter gebrochen war, und die Pranke schlaff herabhing. Hoch aufgerichtet stand sie vor Pharao, den
sie weit überragte, und hob ihre unverletzte Pranke, um ihn zu Boden zu schlagen. Und dann, bevor ich mein Gewehr herumbringen und irgend etwas anderes tun konnte, um die kommende Katastrophe zu verhindern, zeigte der Zulu eine sehr tapfere und kluge Reaktion. Als er die unmittelbare Gefahr erkannte, in der er sich befand, sprang er zur Seite, schwang die schwere Axt über dem Kopf und schlug sie in den Rücken der Löwin, wodurch er ihr das Rückgrat durchtrennte und sie tötete. Es war ein überwältigender Anblick, sie zusammenbrechen zu sehen wie einen leeren Sack. ›Alle Achtung, Pharao‹, sagte ich, ›das war großartig, und keinen Augenblick zu früh.‹ ›Ja, Inkoos‹, antwortete er mit einem kleinen Lachen, ›das war ein guter Schlag. Jetzt wird Jim-Jim ruhiger schlafen.‹ Dann riefen wir Harry zu uns und untersuchten die Löwin. Sie war ziemlich alt, wie ihre abgenutzten Zähne bewiesen, und nicht sehr groß, doch ziemlich kräftig gebaut, und sie mußte eine ganz außergewöhnliche Vitalität besessen haben, um so lange durchhalten zu können, trotz ihrer Verwundung, denn abgesehen von der zerschmetterten Schulter hatte meine Expreß-Kugel ihr ein Loch in die Körpermitte gerissen, in das man eine Faust stecken konnte. Nun, das war also die Geschichte vom Tod des armen Jim-Jim, und wie wir ihn gerächt haben. Sie ist auf ihre Weise recht interessant, wegen des Kampfes zwischen zwei Löwen, wie ich ihn in all meinen Jahren nie erlebt habe, und ich weiß einiges von Löwen und ihren Gepflogenheiten.«
»Und wie sind Sie nach Pilgrims' Rest zurückgekommen?« fragte ich Jäger Quatermain, als er zu Ende gesprochen hatte. »Ah, das war eine ziemliche Plackerei«, antwortete er. »Der zweite Ochse ging ebenfalls ein, und wir mußten uns mit dreien behelfen, die wir hintereinander spannten, und selbst mitschieben. So schafften wir etwa vier Meilen pro Tag und brauchten fast einen ganzen Monat, in dessen letzter Woche wir ziemlich hungrig waren.« »Ich habe den Eindruck, daß die meisten Ihrer Trecks in irgendeiner Art Katastrophe endeten, aber dennoch haben Sie immer wieder neue unternommen, was mir etwas seltsam vorkommt.« »Ja, das kann man wohl sagen; doch denken Sie daran, daß ich viele Jahre lang meinen Lebensunterhalt mit Jagen verdient habe. Außerdem lag ja der Reiz dieser Unternehmungen in Gefahren und Katastrophen, obwohl sie im Moment des Erlebens ziemlich unangenehm waren. Außerdem waren keineswegs alle meine Trecks vom Unglück verfolgt. Irgendwann werde ich Ihnen, wenn Sie Lust haben, die Geschichte einer Reise erzählen, bei der ganz das Gegenteil der Fall war, da ich einige tausend Pfund dabei verdiente. Bei dieser Reise traf ich die tapferste Eingeborenenfrau, die ich jemals kennengelernt habe; ihr Name war Maiwa. Doch es ist heute zu spät, und ich bin es müde, immer von mir zu erzählen. Reichen Sie mir, bitte, die Wasserkaraffe!«
Nachtrag zu »Eine Erzählung von drei Löwen«:
Über das Zurückkehren Heute geschah es dem Verfasser dieser Zeilen, daß er einen Ort wieder aufgesucht hat, der ihm einst sehr vertraut war, den er jedoch seit seiner frühen Kindheit vor zwanzig Jahren nicht mehr gesehen hatte. Zwanzig Jahre! – Zwei Drittel einer Generation. Es ist eine lange Zeit, wir erkennen kaum, wie lang sie ist, bis wir wieder auf dem halbvergessenen Boden stehen, der unseren Füßen einst so vertraut war, und alles verändert finden, außer den alten Häusern und den Bäumen, und dem unveränderlichen Gesicht der Landschaft. Wenn wir uns nähern, beginnen wir wiederzuerkennen: die Dinge kommen zu uns zurück wie die Visionen eines vergessenen Traumes, die uns bei seiner Erfüllung wieder einfallen. Jener Weg – wir erinnern uns seiner jetzt –, einst haben wir vielleicht den Geistlichen begleitet, als er ihn an einem Novembernachmittag entlangschritt, um einem sterbenden Gemeindemitglied die letzte Ölung zu erteilen. Ja, der Schlamm lag knöcheltief, so tief, daß man gezwungen war, auf dem durchweichten Rand entlang der Hecke zu gehen. Und jenes graue, alte Bauernhaus – wie alles in die Erinnerung zurückkommt! –, es sollte eine Ulme hinter ihm stehen, und sie ist auch noch da – und so weiter. Der Ort, den ich so wieder aufsuchte, ist ein kleines Dorf im Herzen Englands. Das Land in seiner Umge-
bung wirkt ein wenig eintönig, doch das Dorf selbst ist an einer hügeligen und gut bewaldeten Stelle gelegen, und man kann von dort aus viele schöne Aussichten genießen. Es ist nichts Außergewöhnliches an diesem kleinen, weitläufigen Dorf. Es weist eine kleine, sehr alte Kirche auf, deren Architektur wahrscheinlich normannisch ist, eine sauber gebaute Schule, und eine Reihe von Bauernhäusern. Eins davon ist auf seine Art sehr hübsch. Es hat ein wunderbares, mittelalterliches Tor, von dem der Zufahrtsweg durch einen schmalen Garten zu einem grauen, alten Haus führt. Zu beiden Seiten dieses Gartens stehen wunderbare Taxushecken, die schönsten, die ich jemals sah; denn diese Hecken sind gut dreißig Fuß hoch und von entsprechender Dicke. Taxus gedeiht prächtig in diesem Boden; auf dem Friedhof steht ein riesiger Baum, der angeblich aus der Zeit Heinrichs VIII. stammt. Seine beste Zeit ist jedoch vorüber. Die oberen Äste wirken kränklich, und er ist nicht mehr so voll und grün, wie er es vor zwanzig Jahren gewesen ist. Als wir das Dorf erreichen, ist unsere erste Sorge, einen Ort zu finden, wo wir den Wagen abstellen können, also fahren wir zum Gasthof. Er hat zwar keinen Stall, doch der Wirt kommt heraus und sagt, daß einer der Jungen das Pferd versorgen wird. Es ist etwas Bekanntes in seinem Gesicht, und es kommt zu dem folgenden Gespräch: »Wir sind gekommen, um uns das Dorf anzusehen.« »Ja, Sir; aber es gibt hier nicht viel zu sehen.« »Nein, aber ich habe es einst gut gekannt. Erinnern Sie sich an den Reverend Mr. ...«
»Aber natürlich, Sir. Ich habe damals sogar im Kirchenchor gesungen, aber das liegt schon eine ganze Weile zurück.« Nun erinnerte ich mich an ihn. Er ist jetzt grauhaarig und in die Jahre gekommen, doch damals war er ein junger, frisch wirkender Mann. Ich habe mit ihm im Chor gesungen. »Erinnern Sie sich, daß er damals junge Gentlemen unterrichtete – Schüler?« »Ja, natürlich erinnere ich mich.« »Ah, ich war einer von denen.« »Wirklich, Sir? Nun, Sie werden hier nicht vieles verändert finden, außer daß sie das alte Pfarrhaus abgerissen haben, und, wenn Sie mich fragen, so hat es mir besser gefallen als das neue, wenn dieses auch zweckdienlicher sein mag.« »Lebt William Quatermain noch?« »William Quatermain? Der Schweinezüchter? Nein, der ist seit elf Jahren tot, und seine Frau auch; er ist an Krebs oder sowas gestorben – irgend etwas an seinen Lippen.« Das war ein harter Schlag, denn William Quatermain und seine Frau waren liebe Freunde des Autors gewesen. Wie oft habe ich bei ihm geweilt und habe ihm geholfen, seine Schweine zu füttern. Auf seiner Wiese stand ein großer Walnußbaum, der die größten Walnüsse trug, die ich jemals sah; er hat mir oft welche gegeben, und ich habe Boote aus ihren Schalen gemacht. Er war ein gutaussehender Mann von etwa fünfzig Jahren, mit grauem Haar und aristokratischen Gesichtszügen, die wahrscheinlich von seinem normannischen Blut kamen, und er trug immer einen eleganten, langschößigen Rock. Seine Frau war eben-
falls eine freundliche, großherzige Lady, und ich habe bei ihr oft Unmengen von Milch getrunken. Nun, sie sind den Weg allen Fleisches gegangen, und man erinnert sich ihrer kaum noch in dem Dorf, in dem sie ihr ganzes Leben zugebracht haben. So bald schon werden wir von dem Vergessen eingeholt! Doch gibt es zumindest einen, der sich ihrer erinnert und sich ihrer immer erinnern wird. Dann gehen wir die obere Straße entlang zum Pfarrhaus, und dort erhalten wir einen neuen Schock. Das alte Pfarrhaus ist verschwunden. Auf seine Art war es sowohl schön als auch einmalig. Ursprünglich – vor mehr als drei Jahrhunderten – war es das Pesthaus eines Oxford-College gewesen. Das heißt, es war als Asyl für die Mitglieder des College erbaut worden, wenn in Oxford die Pest grassierte. Es war langgestreckt und niedrig und grau gewesen, und einer seiner Räume, das Wohnzimmer, war von einmaliger Schönheit. Räume dieser Art kann man heute noch in einigen Colleges finden, und man hatte Blick auf einen Rasen, auf dem eine riesige Ulme wuchs. Im Garten befand sich ein großes, würfelförmiges Taubenhaus, bei dem wir uns bei Nacht oft herumtrieben und Tauben fingen, die wir dann in Pasteten gebakken aßen. Doch jetzt ist es abgerissen, und nicht ein Stein von ihm oder dem Taubenhaus ist auf dem anderen geblieben. An seiner Stelle beleidigt jetzt ein scheußliches, ›zweckdienliches‹ Pfarrhaus des neunzehnten Jahrhunderts den Himmel. Doch ist nicht alles zerstört worden, obwohl dieser Platz, als Platz, absolut ruiniert ist. Ein Teil der alten Gartenmauer ist stehengeblieben, und auch der berühmte JargonelleBirnbaum. Man fragt sich, ob er auch heute noch sol-
che Jargonellen trägt wie damals. Und da ist auch die Wiese mit ihren Apfelbäumen. Einige von ihnen sind umgesägt worden, doch andere sind uns erhalten geblieben. Einer inbesonders. Wie gut erinnert sich der Autor noch an jenen Baum. Einst wurde ein Pony gebracht, auf dem er reiten sollte. Das Pony war nervös und ging mit ihm durch. Es lief unter den Apfelbaum, und der Kopf seines Reiters wurde heftig gegen einen recht dicken Ast geschlagen. Doch erwies sich sein Kopf als härter, und der Reiter lebt, um von diesem Erlebnis zu berichten. Und noch etwas ist geblieben. Genau am Rand des Feldes steht die Schale einer herrlichen, alten Ulme. Wie alt dieser Baum ist, vermag niemand zu sagen; er könnte sehr wohl aus normannischer Zeit stammen. Er hat einen Umfang von vielen – ich fürchte mich zu sagen, von wie vielen – Fuß und ist völlig hohl; nichts ist von ihm übrig als eine dünne Borke, aus deren Krone jedoch kräftige Äste sprießen. Innerhalb dieser Borkenhaut war reichlich Platz zum Sitzen, und aus ihr wuchsen komische Knollen, die abzuschlagen und aufzuheben mir damals großen Spaß bereitete. Ich habe heute wieder versucht, eine abzuschlagen, schaffte es jedoch nicht mit meinem Regenschirm. Hier haben wir oft gesessen, und hier war es, daß der Autor und ein blondes Mädchen einander in die Grundlagen des Flirtens einführten. Es war eine Freude, an verschiedenen Spuren feststellen zu können, daß dieser Baum, obwohl sich ein Müllhaufen an seinem uralten Stamm angesammelt hat, noch immer Kindern als Spielplatz dient. Vielleicht lehren auch sie einander jene unsterblichen Prinzipien in seiner Höhlung. Der alte Baum muß sehr viele Flirts gesehen haben.
Vom Pfarrhaus zur Kirche ist es nur ein kurzer Weg. Wir passieren das kleine Haus, in dem William Quatermain einst lebte – übrigens, der Walnußbaum steht noch, aber er wirkt nicht mehr so groß wie einst –, und gehen durch ein Tor auf den Kirchhofspfad, der von Büschen einer Zypressenart eingefaßt war. Die Kirche ist noch wie damals. Kirchen in diesem Lande verändern sich nicht. Dort ist das alte Grab. Mit der Inschrift: ›Wie eitel sind alle die Lobreden über die Toten!‹ beginnt sie, und dann folgt eine sehr lange Lobrede. Es stehen jetzt jedoch viele Grabsteine dort, unter ihnen zwei zur Erinnerung an William Quatermain und seine ›geliebte Frau‹. Irgend jemand hat einen Hagebuttenstrauch auf die Gräber gepflanzt, und aus Sentimentalität pflücke ich einen kleinen Zweig davon. Einige der alten Gräber, die einst sehr gepflegt waren, sind verkommen; wahrscheinlich sind die Menschen, die sich um sie gekümmert haben, inzwischen gestorben. Dies trifft besonders auf eines zu, das Grab eines ehemaligen Vikars, dessen Grabsteininschrift jetzt von Moos überwuchert ist. Bei dem hohen Taxusbaum öffnet sich ein Tor auf einen grasbewachsenen Hang, der von einer anderen, größeren Wiese durch eine Grenzmarkierung getrennt wird, die aus einem senkrecht aufgestellten Stein besteht. Plötzlich erinnere ich mich, daß ich einst oft einen Reifen diesen Pfad hinab getrieben habe. Wenn man ihm genügend Geschwindigkeit gab, gelang es bei einigem Geschick, ihn über den schmalen Steg sausen zu lassen,
der den Graben überspannt, und wenn er gegen den Sockel jenes Grenzsteines prallte, sprang er drei Fuß oder mehr in die Luft, über den Stein hinweg, und setzte dann seinen Weg auf der anderen Seite fort. Ich bezweifle, daß es mir heute noch gelingen würde, doch wenn ein Reifen zur Hand gewesen wäre, hätte ich es liebend gerne probiert. Gleich rechts von diesem Stein, in einer kleinen feuchten Senke, stand eine dickstämmige Weide, die von wuchernden Misteln fast erstickt wurde, an dem die größten Beeren wuchsen, die man sich vorstellen kann. Wir haben sie oft für Weihnachtsdekorationen abgeschnitten. Die Weide ist noch da, und auch die Misteln, doch tragen sie zu dieser Jahreszeit keine Beeren. Bevor wir die Kirche betreten – denn heute ist Pfingstsonntag, und es findet ein Gottesdienst statt – bleiben wir vor ihr stehen und blicken sie an, und als wir das tun, ersteht in mir eine Vision der Vergangenheit. Ich glaube sie wieder an einem düsteren Dezembernachmittag zu sehen, vor dem Hintergrund der feurigen Röte des Sonnenuntergangs. Dunkle, nebelige Wolken hängen um sie herum, das Gras ist fahl und naß, und ein kalter Wind schüttelt Tropfen von den feierlich ernst wirkenden Taxus- und Zypressenbäumen. Vor dem Kirchhofstor steht der Geistliche in weißem, wehendem Gewand, und den Pfad entlang, gefolgt von schwarzgekleideten Trauernden, kommt langsam die Leichenprozession. »Ich bin die Auferstehung und das Leben, spricht der Herr: ein jeder, der an Mich glaubt, der wird leben, wenngleich er tot ist; und ein jeder, der lebt und an Mich glaubt, der wird das ewige Leben haben.« So sagt der Priester. Ich kann beinahe seine Stimme über den weiten Raum der Jahre
hinweg hören; und der Trauerzug biegt ab und verschwindet mit schweren Schritten wieder in der dunklen Stille der Vergangenheit. Wir betreten die kleine Kirche, unter den interessierten Blicken der ländlichen Gemeinde, die mir – doch das kann Einbildung sein – kleiner vorkommt als ich sie in Erinnerung hatte. Ich kann keins der Gesichter wiedererkennen. Eins oder zwei von ihnen kommen mir jedoch bekannt vor. Jene abgearbeitete Frau in den mittleren Jahren mag vor zwanzig Jahren die Dorfschönheit gewesen sein; und das Kind dort ist wahrscheinlich der Sohn eines anderen Kindes, das dort zu sitzen pflegte, wo es jetzt sitzt. Ansonsten ist alles so, wie es war; nur die Menschen haben gewechselt. Jetzt hat man also wirklich eine gläserne Trennwand vor den Eingang des Glockenturms gesetzt, um die Zugluft fernzuhalten, die, wie man sich erinnert, während der Wintermonate äußerst unangenehm war, und ein paar Hängelampen pendeln von der Decke – doch das ist alles. Man hat nichts getan, um das Eindringen der Feuchtigkeit in die Nordwand zu verhindern. Ansonsten unterscheidet sie sich nicht von den anderen. Dort ist die kleine Chortür, durch die eines heißen Sommernachmittags ein Esel seinen Kopf hereinstreckte und sehr respektlos zu schreien begann. Dort sind die Chorbänke, auf denen ich einst saß und sang, oder vielmehr schrie, bis ich schließlich, zu meiner tiefen und bitteren Beschämung, aus dem Chor entfernt wurde, da mir die für die Vokalmusik nötigen Qualifikationen mangelten. Der Chor ist heute genauso, wie er damals war, weder besser noch schlechter, doch fällt mir auf, daß das Harmonium recht deutliche Ver-
schleißerscheinungen zeigt, wie auch die alten, roten Vorhänge mit dem fleur-de-lis-Muster. Was alles andere betrifft: zwei Dekaden hinterlassen kaum einen Eindruck auf Eiche und Stein, und die pausbackigen Engel entlang den Dachplanken spielen noch immer mit gewohntem Eifer auf ihren Musikinstrumenten. Doch wenn man dort sitzt und der gut erinnerlichen Pfingstpredigt zuhört, kommt alles wieder. Wie lebhaft erinnert man sich an die Hoffnungen und Ängste, die Freuden und Leiden, an die Zweifel und die eifrige Gläubigkeit der Jugendzeit! Wie stark man in jenen Tagen fühlte, viel stärker als heute! Zwischen damals und jetzt erstrecken sich zwanzig lange Jahre – zwanzig Jahre des Kämpfens, des aktiven Lebens, des ernsten Mühens, gekrönt einmal mit Niederlage und dann wieder mit Triumph, oder gefahrvollen Reisen über Land und Meer. Zwanzig Jahre der Erfahrung auch jenes inneren Lebens, das mit dem physischen Leben Schritt gehalten und es sogar überholt hat. Blick zurück auf sie und denk über sie nach! – niemand kann das ohne Trauer tun. Denk an die Menge von Gesichtern von Männern und Frauen, die du kennengelernt hast zwischen heute und jenen vergangenen Tagen. Einige von ihnen sind bereits tot, andere fremd geworden, andere altern an unserer Seite. Und denk daran, daß vor all diesem du so warst, wie du es jetzt bist. Dieselben Gedanken haben deinen Geist bewegt, wenn auch vielleicht in einer etwas gröberen Form, und du warst immer von den gleichen Hoffnungen und Ängsten besessen, von denen du auch heute besessen bist. Dasselbe dunkle Mysterium hat über dir gehangen; es wird mit zunehmenden Jahren nur noch dunkler. Denk daran bei
den Worten des vertrauten Gebets, und erstaune über das Wunder der Identität, und erkenne die absolute Einsamkeit des Menschen. All diese Dinge, die einst ›gefühlt, angetan und bewiesen‹ wurden, haben diese Identität nicht mehr berührt, oder die Einsamkeit mehr gemildert, als Säuren die Substanz puren Goldes angreifen können. Sie mögen ein Muster auf die Oberfläche ätzen, doch die Bürste der Zeit kann auslöschen, was sie gezeichnet haben. Ob du ein Junge bist, der sich auf seine Mannesjahre freut, oder ein Mann, der dem Alter entgegensieht, du bist doch der gleiche, gleich keinem anderen Wesen, das je geschaffen wurde, und so wenig in der Lage, jene einsame Identität zu verlieren, wie du deinen Schatten verlieren kannst, bevor zur gegebenen Stunde die Nacht sich herabsenkt. Nun, wir verließen die Kirche gemeinsam mit der kleinen Gemeinde und fuhren dorthin zurück, woher wir gekommen waren. Wahrscheinlich werden wir den Ort nie wiedersehen. ›Zurückkehren‹ ist nicht ohne seine Freuden, im großen und ganzen jedoch trägt es nicht dazu bei, das Gemüt fröhlich zu stimmen.
Rache für Maiwa Vorwort Es mag angezeigt sein, hier festzustellen, daß das ›Ding, das beißt‹, welches in dieser Geschichte erwähnt wird, keine Ausgeburt der Phantasie ist. Im Gegenteil, es ist ›plagiatiert‹ worden. Mandara, ein bekannter Häuptling an der Ostküste Afrikas, besitzt einen solchen Gegenstand, und benutzt ihn. Und auch die Grausamkeit, die Wambe zugeschrieben wird, ist nicht ohne Vorbild. T'Chaka, der ›Napoleon der Zulus‹, ließ keines seiner Kinder am Leben. Er ging sogar noch weiter, denn als er herausfand, daß seine Mutter, Unandi, einen seiner Söhne heimlich aufzog, tötete er sie wie Nero, und mit eigener Hand.
1 Gobo weigert sich Eines Tages – es war etwa eine Woche, nachdem Allan Quatermain mir seine Geschichte von den drei Löwen und dem bewegenden Tode Jim-Jims erzählt hatte – gingen er und ich nach einem Tage der Jagd zusammen nach Hause. Er war Eigentümer von etwa zweitausend Acres* Jagdgebiet im Umland der Liegenschaft, die er in Yorkshire gekauft hatte, und über einhundert davon waren Wald. Es war das zweite Jahr nach seinem Erwerb des Anwesens, und er hatte *
1 Acre = 40,47 Ar – Anm. d. Übers.
bereits eine Menge Fasane gezüchtet, denn er war ein begeisterter Jäger, der mit der Schrotflinte genau so sicher schoß wie mit dem Gewehr. Wir waren an jenem Tage zu dritt gewesen, Sir Henry Curtis, der alte Quatermain und ich; doch Sir Henry hatte uns am Nachmittag verlassen müssen, um seinen Agenten zu treffen und mit ihm eine außerhalb gelegene Farm zu inspizieren, auf der ein neuer Schuppen gebaut werden mußte. Doch wollte er zum Abendessen zurück sein und Captain Good mitbringen, denn Brayley Hall war nicht mehr als zwei Meilen von dem kleinen Gut entfernt. Wir hatten eine recht annehmbare Strecke gehabt, wenn man bedenkt, daß wir lediglich die weiter entfernt gelegenen Unterhölzer nach Hähnen abgesucht hatten. Ich glaube, daß es etwa siebenundzwanzig waren, eine Waldschnepfe und eine Kette Rebhühner, die wir aus einem Schwarm aufgescheuchter Vögel herausgeschossen hatten. Auf unserem Heimweg kamen wir an einem langen, schmalen Hain vorbei, der ein beliebter Standort von Waldschnepfen war und zumeist auch zwei oder drei Fasane erhielt. »Na, was meinen Sie?« fragte der alte Quatermain. »Wollen wir zum Abschluß hier hindurch treiben?« Ich war einverstanden, und er rief nach seinem Waldhüter, der uns mit einer kleinen Gruppe von Treibern folgte, und befahl ihm, durch den Hain zu treiben. »Sehr wohl, Sir«, antwortete der Mann, »aber es wird sehr dunkel, und der Wind frischt zum Sturm auf. Sie brauchten schon sehr viel Glück, um eine Waldschnepfe herunterzuholen, falls eine in dem Gehölz stecken sollte.«
»Sie bringen die Waldschnepfe heraus, Jeffries«, erwiderte Quatermain scharf, da er keinen Widerspruch duldete, wenn es die Jagd betraf, »und wir werden uns darum kümmern, sie zu schießen.« Der Mann wandte sich um und ging ziemlich mürrisch davon. Ich hörte, wie er zu den Treibern sagte: »Er ist wirklich gut, der Herr, ich würde niemals sagen, daß er nicht gut ist, aber wenn er bei diesem Licht und diesem Sturm eine Waldschnepfe schießt, fresse ich einen Besen.« Ich vermute, daß Quatermain ihn auch hörte, obwohl er nichts sagte. Der Wind wurde von Minute zu Minute stärker, und als das Treiben begann, war er zum heulenden Orkan angeschwollen. Ich stand an der rechten Ecke des Gehölzes, das einen leichten Bogen beschrieb, und Quatermain an der linken, etwa vierzig Schritte von mir entfernt. Plötzlich schoß ein alter Fasanenhahn über mich hinweg, der aussah, als ob der Sturm ihm die Federn aus dem Schwanz risse. Mein erster Schuß ging daneben, und ich war überglücklich, als ich ihn mit der Schrotladung aus dem zweiten Lauf herunterholen konnte, denn der Schuß war alles andere als einfach. In dem schwachen Licht konnte ich gerade noch erkennen, wie Quatermain anerkennend nickte, als ich durch das Ächzen der Bäume die Rufe der Treiber hörte: »Hahn voraus! Hahn rechts!« Und dann eine ganze Salve von Rufen: »Waldschnepfe rechts! Hahn links! Hahn über Ihnen!« Ich blickte hinauf und sah eine der Waldschnepfen, die vom Sturm getrieben wie ein Geschoß auf mich zuraste. In dem unsicheren Licht konnte ich ihren Bewegungen nicht folgen, als sie im Zickzack durch
die nackten Baumwipfel flog: genaugenommen konnte ich sie nur sehen, wenn sie ihre Flügel nach oben schlug. Dann schoß sie an mir vorbei: peng! und ein Schwirren von Flügeln, ich hatte sie verfehlt; peng! krachte der zweite Lauf. Jetzt mußte ich sie getroffen haben; nein, sie strich nach links ab. »Hahn für Sie!« rief ich und trat ein Stück vor, um Quatermain zwischen mich und das schwache Licht des sinkenden Tages zu bringen, da ich sehen wollte, ob er mir ›das Auge wischen‹ würde. Ich wußte, daß er ein erstklassiger Schütze war, glaubte jedoch, daß dieser Hahn doch zu viel für ihn sei. Ich sah, wie er die Läufe seiner Flinte ein wenig höher hob und sich vorwärts neigte, und in diesem Moment schossen zwei Waldschnepfen aus dem Gehölz heraus, die, welche ich verfehlt hatte, rechts von ihm, die andere zu seiner Linken. Gleichzeitig ertönte wieder ein Ruf: »Schnepfe über Ihnen!«, und als ich emporblickte, sah ich einen dritten Vogel hoch in der Luft, der wie ein braunes, flatterndes Blatt direkt über Quatermains Kopf hinweggeweht wurde. Und jetzt folgte das beste Schießen, das ich jemals sah: Der Vogel zur Rechten flog tief, keine zehn Yards* von einer langen Hecke entfernt, und Quatermain nahm ihn als ersten, da er als erster von der Dunkelheit verschluckt werden würde. Genau genommen hätte niemand, der nicht sein Habichtsauge besaß, überhaupt noch Büchsenlicht gehabt. Doch er sah den Vogel so deutlich, daß er ihn abschießen konnte. Dann fuhr er herum, feuerte auf den zweiten Vogel, der etwa vierzig Yards entfernt *
1 Yard = 3 Feet = 0,9144 m
war, und holte ihn herunter. Inzwischen war der dritte Schnepfenhahn fast über ihm, und er flog ziemlich hoch mit dem Wind – hundert Fuß oder mehr, würde ich sagen. Ich sah ihn zu dem Vogel hinaufblicken, während er seine Flinte aufbrach, die rechte Patronenhülse hinauswarf, eine neue Patrone hineinschob, und sich dabei nach rechts drehte. Inzwischen war der Hahn etwa fünfzig Yards von ihm entfernt und schoß durch die Luft wie ein Blitz. Quatermain hob die Flinte und jagte ihm die Schrotladung hinterher; es war ein wunderbarer Schuß, und der Hahn fiel tot herab. Eine scharfe Bö packte den toten Vogel und riß ihn wie ein welkes Blatt mit sich fort, so daß er in einer Entfernung von hundertdreißig Yards oder mehr zu Boden fiel. »Sagen Sie, Quatermain«, wandte ich mich an ihn, als die Treiber herangekommen waren, »machen Sie so etwas öfter?« »Wissen Sie«, sagte er mit einem trockenen Lächeln, »beim letzten Mal, als ich drei Schüsse so schnell hintereinander feuern mußte, ging es um etwas größeres Wild. Es waren Elefanten. Ich habe alle drei so erwischt wie heute die Waldschnepfen; doch wäre es beinahe anders herum gekommen, kann ich Ihnen versichern; ich meine, daß sie um ein Haar mich erwischt hätten.« In diesem Moment trat der Waldhüter zu uns. »Haben Sie einen von den drei Hähnen herunterholen können, Sir?« fragte er mit dem Tonfall eines Menschen, der nicht damit rechnet, eine bejahende Antwort zu erhalten. »Habe ich, Jeffries«, erwiderte Quatermain; »Sie werden einen neben der Hecke finden, und einen
weiteren etwa fünfzig Yards entfernt bei dem Pflug dort.« Der Waldhüter wandte sich zum Gehen und wirkte ein wenig erstaunt, doch Quatermain rief ihn zurück. »Warten Sie noch etwas, Jeffries!« sagte er. »Sehen Sie den gekappten Baum dort, etwa hundertvierzig Yards von hier? Dort dürfte noch ein Hahn liegen, etwa sechzig Schritte im Feld.« »Also wenn das nicht das beste Schießen war, das ich je erlebt habe«, murmelte Jeffries und machte sich auf die Suche. Anschließend gingen wir nach Hause, und wenig später erschienen Sir Henry Curtis und Captain Good zum Abendessen, der letztere in der prachtvollsten Galauniform, die ich jemals sah. Ich erinnere mich, daß die Weste mit fünf roten Knöpfen aus Korallen geschlossen war. Es war ein sehr unterhaltsames Essen. Der alte Quatermain befand sich in ausgezeichneter Stimmung, welche, wie ich vermute, auf seinen Triumph über den zweifelnden Jeffries zurückzuführen war. Und auch Good war voller Anekdoten. Er erzählte uns eine höchst wunderbare Geschichte von einer Steinbockjagd in Kaschmir. Diesen Steinböcken war er, wie er berichtete, vier Tage lang auf der Spur geblieben. Am Morgen des fünften war es ihm endlich gelungen, sich der Herde auf Schußweite zu nähern, die aus fünf oder sechs weiblichen Tieren und einem herrlichen Bock bestand, dessen Hörner so mächtig waren, daß ich mich scheue, ihre Ausmaße zu nennen. Good hatte sich den Tieren kriechend genähert, jede Deckung hinter Felsen ausgenutzt, bis er auf etwa zweihundert Yards herangekommen war und
hatte dann den alten Bock genau ins Visier genommen. In diesem Augenblick war es jedoch zu einer Störung gekommen. Auf einem entfernten Berggipfel waren ein paar umherziehende Eingeborene aufgetaucht. Die weiblichen Tiere hatten sich herumgeworfen und waren in der nächsten Sekunde hinter einem Felsen verschwunden. Der alte Bock war jedoch tapferer. Vor ihm hatte sich eine mächtige Felsspalte erstreckt, die mindestens dreißig Fuß breit war. Mit einem gewaltigen Sprung hatte er über sie hinwegsetzen wollen. Während er in der Luft geschwebt war, hatte Good gefeuert und ihn erschossen. Der Bock hatte sich in der Luft überschlagen und war so gefallen, daß seine Hörner sich an einem Felsvorsprung der gegenüberliegenden Klippe verhakt hatten. Dort hatte er gehangen, bis es Good, nach einem langen, schwierigen Umweg zur anderen Seite der Schlucht, gelungen war, ein Lasso über ihn zu werfen und ihn heraufzuziehen. Die bewegende Geschichte dieses wilden Abenteuers wurde mit unverdienter Ungläubigkeit aufgenommen. »Nun«, sagte Good, »wenn Sie meine Geschichte nicht glauben wollen – eine absolut wahre Geschichte, wie ich betonen möchte –, so kann einer von Ihnen uns vielleicht eine bessere erzählen; mich kümmert es nicht besonders, ob sie wahr ist oder nicht.« Damit verfiel er in würdevolles Schweigen. »Also, Quatermain«, sagte ich, »lassen Sie sich nicht von Good beschämen und erzählen Sie uns, wie Sie die Elefanten erlegt haben, die Sie vorhin erwähnten, kurz nachdem Sie die drei Waldschnepfen heruntergeholt hatten.«
»Nun«, sagte Quatermain trocken und mit einem leichten Zwinkern seiner braunen Augen, »es ist ein hartes Los, wenn ein Mann Goods ›Fährte‹ folgen muß. Ehrlich gesagt, wenn es nicht um die galoppierende Giraffe wäre, die wir – Sie werden sich erinnern, Curtis – Good auf eine Entfernung von dreihundert Yards mit einem Martin-Gewehr abschießen sahen, wäre ich geneigt zu sagen, daß seine Geschichte unmöglich ist.« Good blickte mit einem Ausdruck indignierter Unschuld auf. »Aber«, fuhr Quatermain fort, stand auf und zündete sich die Pfeife an, »wenn Sie wollen, will ich Ihnen gerne ein Garn spinnen. Ich habe Ihnen vor einigen Abenden von den drei Löwen berichtet, und wie die Löwin meinen unglückseligen Voorlooper* JimJim tötete, den Jungen, den wir im Brotsack begruben. Nun, nach diesem Erlebnis glaubte ich, ein wenig ruhiger zu werden, also ging ich eine Partnerschaft mit einem Manne ein, der von der spekulativen Sorte war und den Plan hatte, in Pretoria ein Geschäft zu gründen, das allein auf Barzahlungsbasis arbeitete. Die Abmachung sah vor, daß ich das Kapital beisteuern sollte, und er seine Erfahrung. Unsere Partnerschaft war nicht von langer Dauer. Die Buren weigerten sich, bar zu zahlen, und nach Ablauf von etwa vier Monaten besaß mein Partner das Kapital und ich die Erfahrung. Aus diesem Erlebnis folgerte ich, daß das Führen eines Ladengeschäfts nicht auf meiner Li*
Aus dem Holländisch der Buren: Der Mann (oder Junge), der einem Ochsengespann beim Trecking vorausgeht. – Anm. d. Übers.
nie lag, und so schickte ich meinen Jungen, Harry, von den mir verbliebenen vierhundert Pfund auf eine Schule in Natal, kaufte mir von dem Rest des Geldes eine Ausrüstung und brach zu einem langen Treck auf. Dieses Mal wollte ich weiter hinausziehen als jemals zuvor, also kaufte ich mir für ein paar Pfund Passage auf einer Handels-Brigg, die zwischen Durban und Delagoa Bay verkehrte. Von Delagoa Bay marschierte ich in Begleitung von zwanzig Trägern landeinwärts, mit dem Plan, nach Norden vorzustoßen, auf den Limpopo zu, parallel zur Küste, in einer Entfernung von einhundertfünfzig Meilen zu ihr. Während der ersten zwanzig Tage unserer Reise litten wir sehr an Fieber, das heißt, meine Träger litten darunter, da ich anscheinend gegen Fieber gefeit bin. Außerdem war es schwer, unser Lager mit Fleisch zu versorgen, denn obwohl das Land sich als nur dünn besiedelt erwies, war wenig Wild vorhanden. Während der ganzen Zeit konnte ich nichts Größeres als einen Wasserbock vor den Lauf bekommen, und, wie Sie wissen, ist dessen Fleisch nicht gerade wohlschmeckend. Am zwanzigsten Tag erreichten wir jedoch das Ufer eines größeren Flusses, der Genooroo genannt wurde. Diesen durchquerten wir und zogen dann weiter landeinwärts auf die Gebirgskette zu, deren blaue Gipfel sich gegen den entfernten Horizont wie Schatten abhoben, eine Fortsetzung der Drakensberg-Kette, welche entlang der Küste von Natal verläuft, wie ich glaube. Von diesem Hauptkamm zweigt eine gewaltige Kette ab, die etwa fünfzig Meilen lang ist, auf die Küste zuführt und durch einen mächtigen Berg abgeschlossen wird. Dieser
Höhenzug bildete, wie ich später erfuhr, die Grenze zwischen den Herrschaftsgebieten zweier Häuptlinge, welche Nala und Wambe hießen; Wambes Territorium lag nördlich davon, Nalas Gebiet im Süden. Nala herrschte über einen Stamm von Bastard-Zulus, die sich Butiana nannten, Wambe über einen erheblich größeren, die Makutu, welche deutlich ButianaCharakteristiken aufwiesen. So haben, zum Beispiel, ihre Hütten Türen und Veranden, sind sie Meister in der Verarbeitung von Tierfellen und tragen Lendentücher anstelle von Moochas. Zu jener Zeit waren die Butiana den Makutu mehr oder weniger unterworfen, nachdem sie vor mehr als zwanzig Jahren von ihnen überfallen und gnadenlos dezimiert worden waren. Jetzt jedoch erholte der Stamm sich wieder von diesem Massaker, und, wie Sie sich unschwer vorstellen können, waren diese Leute auf die Makutu nicht gerade gut zu sprechen. Während ich weiterzog, hörte ich, daß es eine Menge Elefanten in den dichten Wäldern gab, die die Hänge und den Fuß der Berge bedecken, welche Wambes Territorium abgrenzten. Außerdem hörte ich einen recht bösen Bericht über diesen Stammesführer selbst, der in einem Kraal am Berghang lebte, welcher so stark befestigt war, daß er als uneinnehmbar galt. Es wurde gesagt, daß er der grausamste Häuptling in diesem Teil Afrikas sei, und daß er vor sieben Jahren eine Gruppe englischer Gentlemen ermordet habe, die in sein Land gekommen waren, um Elefanten zu jagen. Sie hatten einen alten Freund von mir als Führer mitgenommen, der John Every hieß, und ich habe seinen vorzeitigen Tod oft betrauert. Trotzdem, Wambe oder nicht, ich war entschlossen,
in seinem Lande Elefanten zu schießen. Ich hatte mich nie vor Eingeborenen gefürchtet und würde es auch jetzt nicht tun. Ich neige ein wenig zum Fatalismus, wie Sie wissen, und kam deshalb zu der Schlußfolgerung, daß ich, falls es vom Schicksal bestimmt war, meinen Freund John Every aufzusuchen, zu ihm würde gehen müssen, und dagegen war nichts zu machen. Doch bis es soweit war, würde ich mit friedvollem Herzen Elefanten jagen. Im dritten Tage nach jenem, an dem wir den großen Berggipfel gesichtet hatten, fanden wir uns in seinem Schatten. Weiterhin dem Lauf des Flusses folgend, der sich durch den am Fuße des Berges gelegenen Dschungel wand, betraten wir das Territorium des berüchtigten Wambe. Dies geschah jedoch nicht ohne eine gewisse Meinungsverschiedenheit zwischen mir und meinen Trägern, denn als wir eine Stelle erreichten, an der angeblich die Grenze von Wambes Reich verlief, setzten die Träger sich auf den Boden und weigerten sich nachdrücklich, auch nur einen Schritt weiterzugehen. Ich setzte mich ebenfalls und redete mit ihnen, versuchte, ihnen meine fatalistische Einstellung klarzumachen, so weit mir das möglich war. Doch gelang es mir nicht, sie dazu zu bringen, die Sache in demselben Licht zu sehen. Zur Zeit, so sagten sie, seien ihre Häute ganz; wenn sie in Wambes Land eindringen würden, ohne vorher seine Erlaubnis dafür einzuholen, würden sie bald so voller Löcher sein wie ein vom Wasser zerfressenes Blatt. Es sei für mich gut und schön, so etwas für Schicksal zu halten, da das Schicksal zweifellos in Wambes Land umherginge, doch wenn sie draußen blieben, würden sie ihm nicht begegnen.
›Und was gedenkt ihr nun zu tun?‹ fragte ich Gobo, meinen Vormann. ›Wir gedenken, zur Küste zurückzukehren, Macumazahn‹, antwortete er aufsässig. ›So? Wollt ihr das?‹ erwiderte ich, da mir die Galle überlief. ›Du und zwei oder drei andere werden sie jedenfalls nicht erreichen. Sieh, mein Freund‹ – ich nahm ein Repetiergewehr in die Hand und lehnte mich gegen einen Baumstamm – ›ich habe gerade gefrühstückt und kann den Tag genausogut hier verbringen, wie irgendwo anders. Aber falls du oder einer der anderen Männer auch nur einen Schritt aus dem Lager tun und in Richtung Küste gehen solltet, werde ich auf euch schießen; und du weißt, daß ich mein Ziel nie verfehle.‹ Der Mann fingerte nervös an dem Speer herum, den er bei sich trug – glücklicherweise standen alle meine Gewehre an den Baum gelehnt – und wandte sich dann um, als ob er fortgehen wollte, während die anderen ihn gespannt anstarrten. Ich setzte mich auf und richtete die Mündung meines Gewehrs auf seinen Rücken, und wenngleich er tapfer den Eindruck von Gleichmut zu erwecken versuchte, sah ich, daß er ständig nervös zu mir herüberblickte. Als er gute zwanzig Yards weit gegangen war, sagte ich sehr ruhig: ›Und jetzt, Gobo, komm zurück, oder ich schieße!‹ Natürlich war das ein sehr riskanter Bluff; ich hatte keinerlei Recht, Gobo oder irgendeinen der anderen zu töten, nur weil sie sich weigerten, ihr Leben zu riskieren, indem sie in das Territorium eines feindseligen Häuptlings eindrangen. Doch wußte ich, daß es absolut notwendig war, diese Sache durchzustehen,
wenn ich ihn auch nicht erschießen würde, um meine Autorität aufrechtzuerhalten. Also saß ich dort, blickte finster wie ein Löwe, und hielt die Mündung meines Gewehrs auf Gobos Rippen gerichtet. Jetzt hatte Gobo das Gefühl, daß die Situation zu angespannt wurde und gab nach. ›Nicht schießen, Boß!‹ rief er und hob die Hände. ›Ich werde mit dir gehen.‹ ›Das hatte ich auch angenommen‹, antwortete ich ruhig; ›du siehst, daß das Schicksal ebenso außerhalb von Wambes Land umhergeht wie in ihm.‹ Danach hatte ich keine Schwierigkeiten mehr, denn Gobo war der Anführer der Unbotmäßigen, und als er zusammenbrach, brachen auch die anderen zusammen. Der Friede war wieder hergestellt, wir überschritten die Grenzlinie von Wambes Reich, und am nächsten Morgen begann ich mit der Jagd.«
2 Eine morgendliche Jagd »Nachdem wir fünf oder sechs Meilen am Fuß des mächtigen Berges, von dem ich sprach, entlanggezogen waren, gelangten wir am gleichen Tage zu einem der schönsten Gebiete Afrikas, die ich außerhalb von Kukuanaland gesehen habe. An dieser Stelle bog sich die Bergkette, die im rechten Winkel von dem Hauptkamm abzweigte, dessen wolkengekröntes Massiv sich nach Norden und Süden erstreckte, so weit das Auge reichte, zu einem riesigen, majestätischen Halbkreis. Dieser Halbkreis maß von einem Ende zum anderen etwa fünfunddreißig Meilen, und durch die von ihr umschlossene halbmondförmige Fläche schlängelte sich ein Fluß, eine silbrig schimmernde Lichtbahn. Auf der anderen Seite des Flusses lag eine unendliche Weite welligen Landes, eine natürliche Parklandschaft, die von großen Buschinseln übersät war, von denen manche einen Durchmesser von mehreren Meilen aufwiesen. Diese wurden durch grasbewachsene Lichtungen voneinander getrennt, auf denen da und dort große Baumgruppen standen, und aus denen an einigen Stellen seltsam isolierte Hügeln wuchsen, und sogar einzelne Granitfelsen, die in die Luft emporragten, als ob sie von Menschen geschaffene Monumente wären und nicht Grabmäler, die von der Natur auf das Grab vergangener Zeitalter gesetzt worden waren. Im Westen wurde diese wunderbare Ebene durch den gewaltigen Berg begrenzt, von dessen Fuß sie sich bis zur Fieberküste erstreckte;
doch wie weit sie nordwärts reichte, kann ich nicht sagen – acht Tagesmärsche weit, wie mir die Eingeborenen später erklärten, wo sie sich in einem von Menschen nie betretenen Moorgebiet verlor. Auf der Fläche an dieser Seite des Flusses sah es anders aus. Entlang dem Ufer, wo das Land flach war, lagen grüne Sumpfgebiete. Davor befand sich ein breiter Gürtel wunderbaren Graslandes, das von riesigen Wildherden bevölkert war und sich in sanfter Steigung zum Rand des Waldes erhob, der in einer Hütte von etwa tausend Fuß oberhalb der Ebene begann und den Berghang fast bis zu seinem Gipfel bedeckte. In diesem Wald wuchsen hohe Bäume, zumeist von der Gelbholz-Spezies. Manche von ihnen wiesen eine solche Höhe auf, daß ein Vogel, der auf einem seiner obersten Äste säße, sich außerhalb der Reichweite einer Schrotflinte befinden würde. Eine andere Besonderheit dieser Bäume war, daß sie zum größten Teil von wucherndem Orachillamoos bewachsen waren, aus dem die Eingeborenen eine wunderbare Farbe von tiefem Purpur herstellen, mit welcher sie gegerbtes Leder einfärben, und auch Stoffe, wenn sie welche bekommen. Ich glaube nicht, jemals etwas so Außergewöhnliches gesehen zu haben wie einen dieser gewaltigen Bäume, die vom Wipfel bis zum Boden mit langen Bärten düsterfarbenen Mooses behangen waren, und durch die der Wind flüsterte, wenn er sich bewegte. Aus der Entfernung wirkten sie wie die grauen Locken eines Titanen, die von leuchtend grünem Blattwerk gekrönt wurden, und aus denen da und dort die Sterne üppiger Orchideenblüten glänzten. Am Abend des Tages, an welchem ich meine kleine
Auseinandersetzung mit Gobo gehabt hatte, lagerten wir am Rande jenes großen Waldes, und am folgenden Morgen bei Tagesanbruch ging ich auf die Jagd. Da wir kaum noch Fleisch hatten, wollte ich zunächst einen der Büffel schießen, von denen es hier große Herden gab, bevor ich nach Spuren von Elefanten suchte. Nicht weiter als eine halbe Meile vom Lager entfernt stießen wir auf eine Masse von Büffelspuren, so breit wie ein Karrenweg, die augenscheinlich von einer großen Herde stammten, die im Morgengrauen von ihren Weidegründen bei den Marschen hier entlanggezogen waren, um den Tag in der Kühle des höher gelegenen Landes zu verbringen. Dieser Spur folgte ich ohne jede Vorsicht, da der leichte Wind vom Berghang herabwehte, aus der Richtung, die die Büffelherde genommen hatte, auf mich zu. Nach etwa einer Meile begann der Wald sehr dicht zu werden, und die Spuren verrieten mir, daß ich dem Wild schon sehr nahe war. Nach weiteren zweihundert Yards wurde der Busch so dicht, daß wir ihn nicht hätten durchdringen können, wenn der Trampelpfad der Büffel nicht gewesen wäre. Dennoch zeigten sowohl Gobo, der meine Elefantenbüchse trug (ich hielt das .570 Expreßgewehr in meiner Hand) als auch die anderen beiden Männer, die ich mitgenommen hatte, den größten Widerwillen, weiterzugehen und wiesen mich darauf hin, daß es ›keinen Raum zum Weglaufen‹ gäbe. Ich sagte ihnen, daß sie nicht mitzukommen brauchten, wenn sie Angst hätten, ich jedoch auf jeden Fall weitergehen würde; beschämt trotteten sie weiter. Nach weiteren fünfzig Yards öffnete sich der Wildwechsel zu einer kleinen Lichtung. Ich kniete
nieder und spähte vorsichtig hinaus, konnte jedoch nicht einen einzigen Büffel entdecken. Offensichtlich war die Herde hier auseinandergelaufen, wie ich an den Spuren erkannte, und in kleinen Gruppen in den gegenüberliegenden Waldrand eingedrungen. Ich überquerte die Lichtung, folgte einer der Fährten für etwa sechzig Yards und spürte, daß ich von Büffeln umgeben war; doch so dicht war das Unterholz, daß ich nicht einen entdecken konnte. Ein paar Yards rechts von mir hörte ich einen seine Hörner an einem Baumstamm reiben, während links von mir hin und wieder ein leises, kehliges Grunzen ertönte, das mir verriet, daß ich mich unangenehm nahe bei einem alten Bullen befand. Mein Herz schlug mir im Halse, als ich vorsichtig auf ihn zuschlich, so behutsam, als ob ich auf Eiern ginge, jedes kleinste Holzstückchen auf meinem Wege aufhob und es hinter mich legte, damit ich nicht darauftreten und den Bullen warnen mochte. Hinter mir kamen, einer nach dem anderen, meine drei Jagdgehilfen, und ich kann nicht sagen, welcher von ihnen mehr verängstigt wirkte. Schließlich berührte Gobo mich am Bein; ich wandte den Kopf und sah ihn rechts voraus deuten. Ich richtete mich vorsichtig ein Stück auf und blickte über ein Lianengestrüpp hinweg. Hinter ihm befand sich ein dichtes Gestrüpp von Aloen der Art, deren Blätter waagrecht stehen, und jenseits dieser Aloen, keine fünfzehn Schritte von uns entfernt, sah ich die Hörner, den Nacken und den Rücken eines gewaltigen alten Bullen. Ich ließ mich auf ein Knie nieder, hob mein Gewehr und zielte auf sein Genick, in der Hoffnung, ihm einen Wirbel zu durchtrennen. Ich hatte ihn schon im Visier, so gut es die Aloen zuließen, als
er eine Art Seufzer ausstieß und sich auf den Boden legte. Ich blickte enttäuscht umher. Was sollte ich jetzt tun? Ich konnte mich nicht dazu aufraffen, auf ein liegendes Tier zu schießen, selbst wenn meine Kugel das Aloendickicht durchschlagen hätte – was zweifelhaft war – und wenn ich aufstand, würde der Bulle entweder fliehen oder angreifen. Ich überlegte und kam zu dem Schluß, daß mir nichts anderes übrig blieb, als mich ebenfalls hinzulegen, da ich keine Lust hatte, in dem dichten Unterholz nach anderen Büffeln zu suchen. Wenn ein Büffel sich hinlegt, muß er sich irgendwann auch wieder erheben, also war es lediglich eine Frage der Geduld – ›den Kampf des Sitzens zu kämpfen‹, wie die Zulus es nennen. Also setzte ich mich hin und zündete mir die Pfeife an, in der Hoffnung, daß der Geruch den Büffel erreichen und ihn zum Aufstehen bewegen würde. Doch der Wind stand falsch, und der Büffel rührte sich nicht; also füllte ich die Pfeife, als ich sie ausgeraucht hatte, erneut. Später sollte ich Grund dazu haben, diese zweite Pfeife zu bereuen. Wir saßen so für eine halbe oder dreiviertel Stunde, und ich wurde der Sache gründlich müde. Sie war so langweilig wie die letzte Stunde einer komischen Oper. Rings um uns herum konnte ich Büffel schnauben und im Unterholz rascheln hören, sah die rotschnäbeligen Zeckenvögel von ihren Rücken auffliegen, die dabei eine Art zischenden Laut ausstießen, ähnlich dem der englischen Drossel, konnte jedoch nicht einen einzigen Büffel sehen. Was meinen alten Bullen betraf, so schien er den Schlaf der Gerechten zu schlafen, denn er rührte sich nicht einmal.
Gerade als ich zu dem Entschluß kam, daß etwas getan werden mußte, um die Situation zu retten, wurde meine Aufmerksamkeit durch ein seltsames knirschendes Geräusch abgelenkt. Im ersten Moment glaubte ich, daß es vom Wiederkauen eines Büffels verursacht wurde, sah mich jedoch gezwungen, diese Erklärung zu verwerfen, da es zu laut dafür war. Ich drehte mich um und starrte durch die Lücken des Gebüsches in die Richtung, aus der das Geräusch zu kommen schien, und glaubte, in einer Entfernung von etwa fünfzig Yards etwas Graues zu sehen, das sich bewegte, war mir dessen jedoch nicht sicher. Obwohl das knirschende Geräusch weiter vernehmbar war, konnte ich nichts mehr sehen, also dachte ich nicht weiter daran und wandte meine Aufmerksamkeit wieder dem Büffel zu. Doch dann geschah etwas. Plötzlich ertönte aus einer Entfernung von etwa vierzig Yards ein gewaltiges Schnauben, das eher wie das Puffen einer Lokomotive klang, die einen schweren Zug in Bewegung setzt, als alles andere. Bei Gott, dachte ich, als ich in die Richtung herumfuhr, aus der das Geräusch gekommen war, das muß ein Nashorn sein, und es hat uns gewittert. Denn, wie Sie wissen, meine Freunde, ist das Schnauben eines Rhinozerosses, das jemanden wittert, unverwechselbar. Im nächsten Augenblick hörte ich ein lautes Krachen. Bevor ich mir überlegen konnte, was ich tun sollte, barst das Gebüsch hinter mir auseinander, und keine acht Yards von uns entfernt erschienen das gewaltige Horn und die blinzelnden Augen eines angreifenden Nashorns. Es hatte uns gewittert oder den Rauch meiner Pfeife in die Nase bekommen, und griff
nun diesen fremden Geruch an, wie es die Art dieser Tiere ist. Ich konnte nicht aufspringen, ich konnte nicht einmal das Gewehr hochreißen, dazu war keine Zeit. Ich konnte nichts weiter tun, als mich so weit aus dem Weg des heranstürmenden Monsters zu rollen, wie das Gebüsch es erlaubte. Im nächsten Augenblick war es über mir, und ich schwöre, daß ich seinen Geruch eine ganze Woche lang nicht aus der Nase bekam. Die Umstände hatten ihn fest in meine Erinnerung geprägt, zumindest nehme ich das an. Sein heißer Atem fuhr mir ins Gesicht, einer seiner Vorderläufe verfehlte um eine Handbreite meinen Kopf, und sein hinterer trat auf den losen Teil meiner Hose und zwickte ein Stück Haut ein. Ich sah ihn über mich hinwegstampfen, während ich wehrlos auf dem Rücken lag, und im nächsten Augenblick sah ich noch etwas. Meine Männer lagen ein kurzes Stück von mir entfernt und genau in der Richtung des Biestes. Einer von ihnen warf sich rücklings in das Gebüsch und entkam ihm auf diese Weise. Der zweite sprang mit einem wilden Schrei auf die Füße, schnellte sich wie ein Gummiball direkt in den Aloenbusch und landete zwischen dessen nadelspitzen Blättern. Doch der dritte, es war mein Freund Gobo, konnte nicht entkommen. Es gelang ihm zwar, auf die Füße zu springen, doch das war alles. Das Nashorn stürmte mit gesenktem Kopf auf ihn zu. Sein Horn fuhr zwischen Gobos Beine, und als es ein Gewicht auf seiner Nase spürte, riß es sie empor. Gobo wurde hoch in die Luft geschleudert. Auf dem Höhepunkt seiner Flugbahn schlug er einen kompletten Salto, und dabei sah ich sein Gesicht. Es war grau vor Entsetzen, sein Mund weit aufgerissen. Er kam herabge-
segelt und landete direkt auf dem Rücken der Bestie. Zu seinem Glück zeigte das Vieh nicht die geringste Reaktion, sondern brach mitten durch den Aloebusch, wobei es den Mann, der in diesen rasch hineingesprungen war, nur um einen knappen Yard verfehlte. Dann kam es zu einer Komplikation. Der schlafende Büffel auf der anderen Seite des Gebüsches sprang auf die Füße, als er das brechende Geräusch hörte, und da er nicht wußte, wie er reagieren sollte, blieb er einen Moment lang reglos stehen. In diesem Augenblick raste das riesige Nashorn in ihn hinein, stieß ihm sein Horn mit einer solchen Wucht in den Bauch, daß der Büffel auf den Rücken geworfen wurde, während sein Angreifer über den gewaltigen Körper stolperte und sich überschlug. Im nächsten Augenblick war das Nashorn jedoch wieder auf den Beinen, warf sich herum und brach hangabwärts durch das Unterholz, auf das offene Land zu. Im gleichen Moment hörte man aus allen Richtungen erschreckte Geräusche. Überall brachen schnaubende Büffel wild vor Angst durch das Gehölz, und der verwundete Bulle auf der anderen Seite des Aloengestrüpps begann zu brüllen, als ob er verrückt geworden wäre. Ich lag für einen Moment stockstill und betete inbrünstig, daß keiner der fliehenden Büffel in meine Richtung kommen würde. Dann, als die Gefahr geringer wurde, sprang ich auf die Füße, schüttelte mich und blickte umher. Einer meiner Boys – der, welcher sich rücklings in das Gebüsch geworfen hatte – war bereits bis zur halben Höhe einen Baum hinaufgeklettert – wenn im Wipfel des Baumes der Himmel gelegen hätte, würde er nicht schneller
geklettert sein. Gobo lag unweit von mir auf dem Rücken, stöhnte erbärmlich, war jedoch, so weit ich sehen konnte, unverletzt; und aus dem Aloegebüsch, in den der dritte wie ein Tennisball gesprungen war, ertönten gellende Schreie. Ich trat näher und sah, daß der arme Bursche sich in einer recht ungemütlichen Lage befand. Eins der speerartigen Blätter der Aloe war in Höhe seiner Gürtellinie durch seine Haut gedrungen, zwar ohne sein Fleisch zu verletzen, doch auf eine solche Weise, daß er sich nicht bewegen konnte, während keine sechs Fuß vor ihm der Büffelbulle, welcher ihn anscheinend für seinen Angreifer hielt, brüllte und stampfte und versuchte, an ihn heranzukommen, wobei er die dicken Aloeblätter mit seinen Hörnern zerfetzte. Daß ich keine Sekunde verlieren durfte, wenn ich diesen Mann retten wollte, war mir augenblicklich klar. Also packte ich mein Gewehr, das zum Glück unbeschädigt geblieben war, trat einen Schritt zur Seite – denn das Nashorn hatte das Loch in dem Gebüsch vergrößert – und zielte auf einen Punkt an der Schulter des Büffels, da ich von meiner Position aus keinen sicheren Blattschuß anbringen konnte. Während ich zielte, sah ich, daß das Nashorn dem Büffel eine riesige Wunde in den Bauch gerissen hatte, und daß sein linkes Hinterbein durch die Wucht des Aufpralls aus dem Gelenk gerissen worden war. Ich feuerte, und die Kugel, die in die Schulter des Büffels fuhr, brach den Knochen und riß den Büffel zu Boden. Ich wußte, daß er nicht mehr auf die Beine kommen würde, da er jetzt an einem der vorderen, wie auch an einem der hinteren verletzt worden war, deshalb ließ ich mich durch sein wütendes Gebrüll
nicht davon abhalten, mich seitlich von dem Aloengestrüpp durch das Unterholz zu drängen und an ihn heranzutreten. Er lag auf der Seite und wühlte mit seinen Hörnern wütend den Boden auf. Ich trat bis auf zwei Yards an ihn heran, zielte auf seine Nakkenwirbeln und feuerte. Die Kugel traf genau, der mächtige Kopf fiel mit dumpfem Aufschlag zu Boden, er stöhnte einmal und war tot. Nachdem ich diese kleine Angelegenheit erledigt hatte, unter Mithilfe Gobos, der inzwischen wieder auf den Beinen stand, machte ich mich daran, unseren unglücklichen Begleiter aus den Aloen zu befreien. Dies erwies sich als eine sehr dornige Angelegenheit, doch gelang es uns schließlich, ihn unverletzt herauszuziehen, wenn auch in einem sehr frommen Gemütszustand. Sein ›Geist habe gewiß auf ihn geblickt‹, versicherte er, denn sonst wäre er jetzt tot. Und da ich echter Frömmigkeit niemals widerspreche, sagte ich ihm nicht, daß sein Geist sich meines Gewehres bedient hatte, um seine Interessen zu wahren. Nachdem ich diesen Boy zum Lager zurückgesandt hatte, mit dem Auftrag, die Träger herzuschicken, um den Büffel zu zerteilen, wurde ich mir bewußt, daß ich eine Wut auf das Nashorn hatte und mich an ihm rächen wollte. Ohne Gobo etwas von meinem Vorhaben zu sagen – er war inzwischen mehr denn je davon überzeugt, daß das Schicksal in Wambes Land einherginge – folgte ich also mit ihm und einem anderen Boy der Fährte des Tieres. Es war durch das Unterholz gebrochen und hatte die kleine Lichtung erreicht. Dort hatte es seinen Lauf etwas verlangsamt, als es über die Lichtung getrottet und dabei ein wenig
nach rechts abgebogen war, um durch den Waldgürtel in das offene Land zu gelangen, das zwischen dem Waldrand und dem Fluß lag. Nachdem ich der Fährte eine weitere Meile gefolgt war, befanden wir uns auf der freien Ebene. Ich nahm das Fernglas heraus und suchte die Ebene ab. Etwa eine Meile entfernt entdeckte ich eine braune Masse, die ich für das Nashorn hielt. Ich schritt etwa eine Viertelmeile näher und musterte sie erneut: es war nicht das Nashorn, sondern ein riesiger Termitenbau. Das war enttäuschend, doch gab ich nicht auf, da ich durch die Fährte wußte, daß das gesuchte Tier irgendwo voraus sein mußte. Doch da der Wind von mir in die Richtung wehte, in die es gezogen war, und da ein Nashorn einen Menschen auf eine Entfernung von fast einer Meile riechen kann, hielt ich es nicht für sicher, seiner Fährte weiter zu folgen; also schlug ich einen weiten Bogen, bis ich mich seitlich des Ameisenhaufens befand, und suchte wieder die Ebene ab. Jedoch vergeblich; da ich nichts von ihm entdecken konnte, wollte ich schon aufgeben und mich einer Herde Antilopen zuwenden, die ich am Horizont entdeckte, als ich plötzlich etwa dreihundert Yards von dem Termitenbau entfernt, auf seiner gegenüberliegenden Seite, mein Nashorn auf einer kleinen Grasfläche stehen sah. ›Himmel‹, murmelte ich leise, ›der Bursche zieht wieder weiter.‹ Aber nein, nachdem er etwa eine Minute so gestanden hatte, legte er sich wieder hin. Jetzt saß ich in der Klemme. Wie Sie wissen, ist das Nashorn ein sehr kurzsichtiges Tier, seine Augen sind genau so schlecht, wie seine Nase gut ist. Und dessen ist es sich auch sehr wohl bewußt, doch macht es das Beste aus seinen natürlichen Gaben. So legt es sich,
wenn es ruht, stets mit der Nase abwindig. Auf diese Weise kann es einen Feind, der in seine Windrichtung gerät, noch immer riechen und fliehen oder angreifen; und wenn sich ihm eine Gefahr gegen die Windrichtung nähert, hat er zumindest die Möglichkeit, sie zu sehen. Denn sonst würde man es mit einem Fußtritt aufscheuchen können, wie eine Wachtel, wenn man sich ihm nur gegen den Wind näherte. Es erhob sich also die Frage: wie, zum Teufel, sollte ich auf Schußentfernung an dieses Nashorn herankommen? Nach langem Überlegen beschloß ich, mich ihm von der Seite zu nähern, da ich hoffte, aus dieser Richtung einen Schulterschuß anbringen zu können. Also gingen wir in gebückter Haltung los, ich voran, dann Gobo, der sich an meinen Rockschössen festhielt, und als letzter der andere Boy, eine Hand an Gobos Moocha geklammert. Ich halte es immer so, wenn ich Wild beschleiche, da bei jeder anderen Methode die Leute außer Kontrolle geraten. Wir gelangten bis auf dreihundert Yards an das Nashorn heran, doch an diesem Punkt begannen die Schwierigkeiten. Das Gras war vom Wild so kurz abgeweidet worden, daß es uns kaum noch Deckung bot. Also mußten wir auf Händen und Knien weiterkriechen, was in meinem Falle bedeutete, das schwere Gewehr bei jedem Schritt auf den Boden zu legen und dann wieder hochzuheben. Doch schaffte ich es irgendwie, recht zügig voranzukommen, und es wäre sicher alles gut gegangen, wenn es nicht um Gobo und seinen Freund gewesen wäre. Doch wie Sie alle sicher selbst beobachtet haben, beschleicht ein Eingeborener Wild auf die Art, die angeblich einem Strauß eigen sein soll: solange sein Kopf verborgen ist, scheint er anzuneh-
men, daß auch sonst nichts von ihm gesehen werden kann. Und so war es auch in diesem Falle. Gobo und der andere Boy krochen auf Händen und Zehenspitzen, den Kopf tief am Boden, doch, wie ich leider erst zu spät entdeckte, den fundamentalen Teil ihres Körpers hoch emporgereckt. Nun hegen Tiere diesem Teil der menschlichen Anatomie gegenüber ein genauso starkes Mißtrauen wie gegenüber seinem Gesicht, eine Tatsache, die ich sehr bald bestätigt finden sollte. Gerade als wir uns dem Tier auf zweihundert Yards genähert hatten und ich mir dazu gratulierte, daß ich mich nicht umsonst gequält hatte mit diesem endlosen Kriechen in der glühenden Sonne, die mir wie ein Schmiedefeuer in den Nacken brannte, hörte ich das Zischen von Nashornvögeln, und vier oder fünf von ihnen flogen von dem Rücken des Tieres auf, wo sie in aller Seelenruhe damit beschäftigt gewesen waren, nach Zecken zu picken. Nun ist dieses Verhalten für ein Nashorn ein Alarmsignal, das es sofort in den qui vive versetzt. Noch bevor die Vögel in der Luft waren, sah ich, wie das Gras sich bewegte. ›Hinlegen!‹ flüsterte ich den Boys zu, und während sie das taten, erhob sich das Nashorn und blickte mißtrauisch umher. Doch es bemerkte nichts, und ich bezweifle sogar, daß es uns auf diese Entfernung gesehen hätte, wenn wir aufrecht gestanden wären; also schnaubte es nur zwei- oder dreimal und legte sich wieder hin, den Kopf wie vorher windabwärts gewandt, und die Vögel ließen sich erneut auf seinem Rücken nieder. Mir war jedoch klar geworden, daß es beim Schlafen ein Augen offen hielt, da es allgemein von einem unchristlichen Mißtrauen erfüllt war, und daß es des-
halb sinnlos war, zu versuchen mich ihm weiter zu nähern, also zogen wir uns lautlos zurück, um die Lage zu durchdenken und das Gelände zu sondieren. Das Ergebnis war nicht sehr ermutigend. Es gab nirgends eine Deckung, außer dem Termitenbau, und der befand sich etwa dreihundert Yards von ihm entfernt, an der Windseite des Nashorns. Ich wußte, daß es mir nicht gelingen würde, mich von vorn heranzuschleichen, und wenn ich es von hinten versuchen sollte, würden es oder die Vögel mich bemerken; also gelangte ich zu dem Entschluß, aufrecht auf den Ameisenhaufen zuzugehen, wodurch es meine Witterung in die Nase bekommen würde, und anstatt es anzugreifen, würde ich es mich angreifen lassen. Es war ein riskantes Unterfangen, das ich keinem Jäger raten möchte, doch hatte ich irgendwie das Gefühl, daß das Vieh und ich diese Sache durchstehen mußten. Ich erklärte den Männern meine Absichten, und sie reckten entsetzt ihre Arme gen Himmel. Ihre Befürchtungen um mein Wohlergehen legten sich jedoch erheblich, als ich ihnen erklärte, daß sie nicht mit mir zu kommen brauchten. Gobo murmelte ein Gebet, daß ich nicht dem hier einherwandernden Schicksal begegnen mochte, und der andere hoffte ehrlich darauf, daß mein Geist in meine Richtung blicken möge, wenn das Nashorn angriff, und dann verzogen sie sich in sichere Entfernung. Ich nahm meine schwere Büchse, steckte ein halbes Dutzend Patronen in die Tasche, näherte mich auf einem Umweg dem Termitenhügel, den ich auch unbemerkt erreichte, und legte mich dort zu Boden. Der
Wind war vorübergehend eingeschlafen, doch jetzt wehte eine leichte Brise über mich hinweg und trug meine Witterung dem Nashorn zu. Übrigens, ich frage mich, was es sein mag, das einen Menschen so stark riechen läßt? Ist es sein Körper, oder sein Atem? Es ist mir nie gelungen, das herauszufinden, doch ich sah vor einiger Zeit bei einer Entenjagd, daß der Mann, der die Lockvögel ins Wasser ließ, ein kleines Stück brennenden Grasbodens vor seinen Mund hielt, und daß die Enten ihn dadurch nicht riechen konnten, was darauf schließen läßt, daß es der Atem ist. Aber was immer es sein mochte, das die Aufmerksamkeit des Nashorns auf mich zog, es roch mich, denn wenige Sekunden nachdem die kurze Brise über mich hinweggeweht war, stand es auf den Beinen und richtete seinen Kopf in den Wind. Eine Weile stand es so und schnupperte, und dann setzte es sich in Bewegung, zuerst in einen Trott, und dann, als der Geruch stärker wurde, in einen wütenden Galopp. Es kam auf mich zugeprescht, schnaubend wie eine durchgehende Lokomotive, den Schwanz steil aufgerichtet; wenn es mich dort am Boden hätte liegen sehen, es hätte nicht zielstrebiger auf mich zustürmen können. Es war eine ziemlich ungemütliche Situation, kann ich Ihnen versichern, dort zu liegen und auf seinen Angriff zu warten, denn es sah wie ein Berg von Fleisch aus. Ich beschloß jedoch, nicht eher zu feuern, bis ich klar sein Auge erkennen konnte, denn ich glaube, daß diese Regel einem immer die richtige Entfernung zum Wild gibt, also stützte ich den Lauf meines Gewehrs auf den Termitenhügel und erwartete den Angriff kniend. Schließlich, als das Nashorn nur noch etwa vierzig Yards entfernt war, sah ich,
daß die Zeit gekommen war, zielte auf die Mitte der Brust und drückte ab. Wumm machte es, als die schwere Kugel aus dem Lauf fuhr, und ihre Wucht warf das wild schnaubende Tier zu Boden wie einen von einer Schrotladung getroffenen Hasen. Doch wenn ich gedacht hätte, daß es erledigt war, so irrte ich mich gewaltig, denn im nächsten Augenblick war es wieder auf den Beinen und kam genau so wütend wie vorher auf mich zugeprescht, jetzt jedoch mit gesenktem Schädel. Ich wartete, bis es auf zehn Yards heran war, in der Hoffnung, daß es den Kopf heben und seine Brust freilegen würde, doch tat es nichts dergleichen, also mußte ich mit dem linken Lauf auf seine Stirn feuern und es darauf ankommen lassen. Wie das Glück es haben wollte, reckte das Tier sein Horn in die Schußlinie, das die Kugel etwa drei Zoll oberhalb des Ansatzes durchschlug und dann von ihm abgelenkt wurde. Jetzt wurde die Lage ziemlich ernst. Mein Gewehr war leergeschossen, und das Biest kam rasch näher, so rasch, daß es mir richtiger erschien, ihm Platz zu machen. Also sprang ich auf die Füße und lief so rasch wie ich konnte nach rechts. Während ich das tat, kam das Nashorn herangerast, stolperte über meinen freundlichen Termitenbau und ging zum dritten Mal an diesem Tag zu Boden. Das gab mir ein paar Sekunden Zeit, in den Wind zu laufen – und ich bin wahrhaftig gelaufen! Unglücklicherweise wurde meine Flucht jedoch bemerkt, und sowie das Nashorn wieder auf den Beinen stand, kam es hinter mir her. Nun kann kein Mensch auf dieser Erde so schnell laufen, wie ein wütendes Nashorn galoppiert, und ich
wußte, daß es mich bald einholen würde. Da ich jedoch glücklicherweise einige Erfahrungen auf diesem Gebiet hatte, behielt ich einen kühlen Kopf, riß die beiden Gewehrkammern auf, warf die abgefeuerten Patronen heraus und lud zwei neue nach. Um das zu tun, mußte ich meinen Schritt jedoch ein wenig verlangsamen, und als ich die Kammern zuschnappen ließ, hörte ich die Bestie nur wenige Schritte hinter mir schnauben und trampeln. Ich hielt inne in meinem Lauf, fuhr auf dem Absatz herum und spannte dabei beide Hähne meines Gewehrs. Inzwischen war die Bestie auf sechs oder sieben Yards herangekommen, doch glücklicherweise hatte sie den Kopf wieder gehoben. Ich riß mein Gewehr hoch und feuerte. Es war ein fast ungezielter Schuß, doch die Kugel schlug in die Brust des Tieres, wenige Zoll von dem ersten Einschuß entfernt, und traf die Lunge. Der Treffer konnte es jedoch nicht stoppen, also blieb mir nichts anderes übrig, als zur Seite zu springen, was ich mit überraschender Schnelligkeit tat, und als es dicht an mir vorbeistürmte, feuerte ich ihm die Kugel aus dem zweiten Lauf in die Seite. Sie traf es dicht hinter der Schulter und durchbohrte das Herz. Es stürzte auf die Seite, stieß einen entsetzlichen Schrei aus – ein Dutzend Schweine hätten diesen Laut nicht hervorbringen können und starb, wobei seine tückischen Augen ständig offen blieben. Was mich betraf, so schnaubte ich mir die Nase, trat zu dem Nashorn, setzte mich auf seinen Kopf und überlegte, daß die Jagd dieses Vormittags recht beachtlich gewesen war.
3 Die erste Runde Anschließend – es war inzwischen Mittag geworden, und ich hatte genügend Fleisch geschossen – marschierten wir triumphierend zum Lager zurück, wo ich sofort damit begann, einen Stew aus Büffelfleisch und Trockengemüse zu kochen. Als er fertig war, aßen wir ihn, und anschließend machte ich einen Mittagsschlaf. Gegen vier Uhr weckte mich Gobo jedoch und teilte mir mit, daß der Älteste aus einem von Wambes Kraals gekommen sei und mich zu sprechen wünsche. Ich befahl, ihn zu mir zu bringen, und kurz darauf stand er vor mir, ein kleiner, grauhaariger, gesprächiger, alter Mann, mit einem Hüfttuch um seine Leibesmitte und einem verschmierten, ausgefransten Kaross* aus den Fellen von Bergkaninchen auf seinen Schultern. Ich forderte ihn auf, sich zu setzen, und begann dann, ihn gehörig abzukanzeln. Wie er dazu käme, fragte ich ihn, mich auf eine so grobe Art zu stören? Wie er es wagen könnte, einen Mann meines Standes und meiner klar erkennbaren Bedeutung wecken zu lassen, damit ein so verachtenswürdiger Mensch wie er mit ihm reden könne? So sprach ich, weil ich wußte, daß das bei ihm Eindruck hervorrufen würde. Niemand, außer einem wirklich bedeutenden Mann, würde er folgern, konnte es wagen, auf eine solche Weise mit ihm zu *
Kaross: ärmelloses Gewand
sprechen. Die meisten Wilden sind im Innern ihres Herzens Tyrannen und betrachten Unverschämtheit als ein Zeichen von Macht. Der alte Mann brach sofort zusammen. Er sei völlig überwältigt, sagte er; sein Herz sei in zwei Teile zerrissen, und das Ausmaß seiner Unbotmäßigkeit sei ihm wohl bewußt. Doch sei sein Anliegen von äußerster Dringlichkeit. Er habe gehört, daß ein gewaltiger Jäger sich in der Gegend aufhalte, ein schöner, weißer Mann, von einer solchen Schönheit, die er für unmöglich gehalten hätte, wenn er sie nicht selbst vor sich sehen würde (dies zu mir!), und er sei gekommen, um die Hilfe dieses großen Jägers zu erbitten. Tatsache sei daß drei Elefantenbullen von einer Größe, wie sie ein Mensch nie zuvor gesehen hatte, seit Jahren der Schrecken seines Kraals seien, der nur geringe Ausmaße habe – eines Rinder-Kraals des großen Häuptlings Wambe, in dem sie lebten, um das Vieh zu hüten. Schon seit geraumer Zeit hätten die Elefanten ihnen großen Schaden zugefügt; doch während der vergangenen Nacht sei von ihnen ein großer Teil der Maisanpflanzungen zerstört worden, und wenn sie noch einmal kommen würden, stünde zu befürchten, daß er und seine Leute während der nächsten Zeit hungern müßten. Ob der mächtige weiße Mann deshalb die Güte haben würde, zu ihnen zu kommen und die Elefanten zu töten? Es müßte dem weißen Mann doch ein Leichtes sein, oh, nur eine Kleinigkeit! Er brauchte sich doch nur in einem Baum zu verstecken, denn es sei ja Vollmond, und dann, wenn die Elefanten erschienen, könnte er mit seinem Gewehr zu ihnen sprechen, und sie würden tot umfallen, und das sei das Ende ihres Kummers.
Natürlich fand ich eine Menge Ausflüchte und Einwände, bevor ich mich endlich bereit erklärte, seiner Bitte zu willfahren, obwohl ich innerlich begeistert war, daß sich mir eine solche Gelegenheit bot. Eine der Bedingungen, die ich stellte, bestand darin, daß sofort ein Bote zu Wambe entsandt würde, dessen Kraal sich etwa zwei Tagesmärsche von unserem Standpunkt entfernt befand, und ihm meldete, daß ich unterwegs sei, um ihm in einigen Tagen meine Hochachtung zu erweisen und seine formelle Erlaubnis zu erbitten, in seinem Lande jagen zu dürfen. Außerdem ließ ich durchblicken, daß ich bereit sei, ihm ein größeres ›Hongo‹ zu übergeben, ein Bestechungsgeschenk, und daß ich hoffte, mit ihm ein paar Geschäfte in Elfenbein abschließen zu können, von dem er, wie ich gehört hätte, eine erhebliche Menge besäße. Diese Nachricht versprach der alte Mann sofort auf den Weg zu bringen, doch war da etwas in seinem Verhalten, das mir zeigte, daß er starke Zweifel daran hegte, ob sie wohlwollend aufgenommen werden würde. Anschließend brachen wir unser Lager ab und zogen zu dem Kraal, den wir etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang erreichten. Dieser Kraal war eine Ansammlung von Hütten, die von einem leichten Dornenzaun umgeben waren; es mochten etwa zehn Hütten gewesen sein. Sie standen in einem Einschnitt des Berges, durch den ein Bach floß. Dieser Einschnitt war von dichtem Wald bestanden, doch hatte man oberhalb des Kraals eine Fläche von Bäumen und Buschwerk befreit, und hier, auf dem fruchtbaren Boden, der von dem Bach angeschwemmt worden war, befand sich das bebaute Land, das einen Um-
fang von zwanzig oder fünfundzwanzig Acres hatte. An dem an den Kraal grenzenden Rand dieses Landes stand eine einzelne Hütte, die als Maislager diente, zur Zeit jedoch der Wohnort einer alten Frau war, der ersten Ehefrau unseres Freundes, des Dorfältesten. Es hatte den Anschein, als ob diese Dame mit ihrem Gemahl gewisse Meinungsverschiedenheiten über das Ausmaß der Autorität hätte, welche er seiner jüngeren und liebenswürdigeren Frau zugestand, und sich, um ihr Mißfallen darüber auszudrücken weigerte, länger im Kraal zu leben und ihre Wohnung am Rand der Felder genommen hatte. Wie es sich bald zeigen sollte, hatte sie damit selbst den Ast abgesägt, auf dem sie saß. Nahe dieser Hütte stand ein großer Baobab-Baum. Ein Blick auf die Maisfelder zeigte mir, daß der alte Mann nicht übertrieben hatte, als er mir den Schaden schilderte, den die Elefanten bei dem Getreide angerichtet hatten, das jetzt gerade reif wurde. Fast die Hälfte der Felder war zertrampelt. Die Tiere hatten so viel gefressen, wie sie fressen konnten, und dabei große Flächen niedergetreten. Ich ging zu ihrer Fährte und starrte sie verwundert an. Noch nie zuvor hatte ich so gewaltige Fußabdrücke gesehen. Sie waren einfach überwältigend, besonders die eines alten Bullen, der, wie die Eingeborenen behaupteten, nur einen Stoßzahn besaß. Jeden der tiefen Eindrücke hätte man für ein Sitzbad verwenden können. Nachdem ich die Lage erkundet hatte, war meine nächste Aufgabe, die Vorbereitungen für den Kampf zu treffen. Die drei Bullen waren nach Aussage der Eingeborenen, die ihre Spur verfolgt hatten, in das
Dickicht oberhalb des Einschnitts gezogen. Das ließ es mir als sehr wahrscheinlich erscheinen, daß sie heute nacht zurückkehren würden, um sich an den verbliebenen reifenden Maisstauden gütlich zu tun. Wenn dem so sein sollte, glaubte ich im hellen Licht des Mondes bei einigem Geschick einen oder auch zwei von ihnen erlegen zu können, ohne mich in irgendwelche Gefahr bringen zu müssen, was mir, der ich großen Respekt für die Kraft von wütenden Elefantenbullen habe, überaus wichtig war. Dieses war mein Plan: Zur Rechten der Hütten, in Richtung des Einschnitts gesehen, und mit einem guten Blick über die Maisfelder stand der BaobabBaum, den ich bereits erwähnte. Auf diesem Baum wollte ich Posten beziehen. Von dort würde ich, wenn die Elefanten erschienen, gutes Schußfeld haben. Ich erklärte diese Absicht dem Dorfältesten, der davon begeistert war. Jetzt würden seine Leute wieder ruhig schlafen können, meinte er, denn wenn der mächtige weiße Jäger wie ein Geist dort oben säße, und über seinen Kraal wachte, was gab es da noch zu fürchten? Ich erklärte ihm, daß er ein ganz undankbarer Bursche sei, der nur daran dächte, in Frieden zu schlafen, während ich wie ein verwundeter Geier in dem Geäst des Baumes hockend wachsam sein Wohlergehen behütete; und wieder brach er zusammen und gab zu, daß meine Worte ›scharf, doch gerechtfertigt‹ seien. Jedoch wurde die Vertrauensbasis rasch wiederhergestellt, und an diesem Abend ging jeder, einschließlich der durch ihre Eifersucht abgesonderten Frau in der kleinen Hütte, wo die Maiskolben gelagert wurden, mit dem Bewußtsein beruhigender Si-
cherheit vor Elefanten und anderen Tieren, die bei Nacht auf Beutesuche gehen, zu Bett. Was mich betraf, so schlug ich mein Lager unterhalb des Kraals auf, ließ mir von dem Dorfältesten einen Holzbalken geben – der sich, nebenbei gesagt, als recht morsch erwies – und legte ihn über zwei Äste, die in einer Höhe von etwa fünfundzwanzig Fuß waagrecht aus dem Stamm des Baobab herauswuchsen, so daß ich und ein zweiter Mann darauf sitzen konnten, die Beine herabbaumelnd und den Rücken an den Stamm gelehnt. Als dieses getan war, ging ich zum Lager zurück und aß mein Abendbrot. Gegen neun Uhr, eine halbe Stunde vor Mondaufgang, rief ich Gobo, der offensichtlich der Meinung war, daß er für diesen Tag genug der Freuden der Großwildjagd gehabt hätte, und dem der neue Auftrag ganz und gar nicht gefiel, und gab ihm trotz all seiner Einwände meine schwere Büchse zu tragen, während ich das .570 Expreßgewehr mitnahm. Dann machten wir uns auf den Weg zum Baum. Es war sehr dunkel, doch fanden wir ihn ohne Schwierigkeit; auf ihn hinaufzukommen hingegen war eine andere Sache. Schließlich jedoch waren wir oben und setzten uns auf den Balken, wie zwei kleine Jungen auf einer Schaukel, die zu hoch für sie ist, und warteten. Ich wagte nicht zu rauchen, weil ich mich an das Nashorn erinnerte und fürchtete, daß die Elefanten den Tabak riechen mochten, wenn sie in meine Richtung kamen, und das machte die Sache noch langweiliger; also hing ich meinen Gedanken nach und meiner Verwunderung über die Tiefe der uns umgebenen Stille. Schließlich stieg der Mond auf, und mit ihm kam ein seufzender Wind, mit dessen Atem die Stille ge-
heimnisvoll zu wispern begann. Sehr verlassen wirkte das Licht in der Weite des Berges, der Ebene und des Waldes, eher wie die Vision eines Traums, irgendeine Spiegelung einer wunderbaren Welt jenseits unseres Horizonts, als nur das Antlitz der häßlichen Erde, das im Schlaf sanft wirkte. Wenn ich den Balken, auf dem ich saß, nicht sehr hart gefunden hätte, würde der wundervolle Anblick mich sehr sentimental gestimmt haben; doch glaube ich nicht, daß irgend jemand sentimental werden kann, wenn er in feuchter Luft auf einem sehr harten Holzbalken in halber Höhe eines Baumes sitzt. Also registrierte ich lediglich, daß es eine besonders schöne Nacht war, und wandte meine Aufmerksamkeit wieder der Jagd auf Elefanten zu, doch ließen sich keine Elefanten sehen, und nachdem ich etwa eine weitere Stunde gewartet hatte, mußte ich, wahrscheinlich aus Müdigkeit und Enttäuschung, eingeschlummert sein. Plötzlich fuhr ich erschrocken aus dem Schlaf. Gobo, der neben mir hockte, jedoch so weit von mir entfernt wie der Balken es zuließ – denn weder weiße noch schwarze Menschen mögen den Geruch, von dem jeder behauptet, daß er die besondere und unangenehme Eigenschaft des anderen sei – schnippte leise, kaum hörbar, mit den Fingern. Dieses Signal, das bei eingeborenen Jägern und Gewehrträgern sehr beliebt ist, sagte mir, daß er irgend etwas gesehen und gehört haben mußte. Ich blickte auf sein Gesicht und sah, daß er angespannt auf den vage erkennbaren Waldrand jenseits der grünen Maisfelder starrte, blickte ebenfalls in diese Richtung und lauschte. Kurz darauf hörte ich ein leises Geräusch, als ob ein Riese behutsam seine Hand ausstreckte und mit ihr die
Halme eines Maisfeldes zurückdrückte. Dann kam eine Pause, und dann trat der mächtigste Elefant, den ich jemals gesehen habe und auch jemals sehen werde, majestätisch zwischen den Bäumen hervor. Mein Gott! Was für ein Monstrum das war! Wie wunderbar sein einziger Stoßzahn im Licht des Mondes schimmerte – denn der zweite fehlte ihm – als er zwischen den Maisstauden stand, seine riesigen Ohren vor und zurück bewegte und mit seinem Rüssel den Wind prüfte. Während ich noch über seine gewaltige Größe staunte und das Gewicht des riesigen Stoßzahns abzuschätzen versuchte, der, wie ich mir schwor, bald mir gehören sollte, trat ein zweiter Bulle heraus und stellte sich neben ihn. Er war nicht ganz so hoch, schien jedoch fast einen noch größeren Leibesumfang zu haben als er erste, und selbst bei diesem schwachen Licht konnte ich erkennen, daß seine beiden Stoßzähne in perfektem Zustand waren. Wieder eine kurze Pause, und dann trat ein dritter hervor. Er war kürzer als die beiden anderen, jedoch von größerer Schulterhöhe als Nummer zwei, und wenn ich Ihnen sage, daß der kleinste dieser drei mächtigen Bullen, wie ich später durch genaues Messen feststellte, an der Schulter zwölf Fuß und einen halben Zoll maß, mag Ihnen das eine gewisse Vorstellung von ihrer Größe geben. Die drei standen nebeneinander und verhielten sich für eine Weile völlig still, nur der mit dem einzelnen Stoßzahn streichelte das Tier zu seiner Linken mit dem Rüssel. Dann begannen sie zu fressen, schritten langsam voran und ein wenig nach rechts, wobei sie große Buschen von dem Mais ausrissen und sie in ihr Maul stopften. Während all dieser Zeit waren sie mehr als
einhundertzwanzig Yards von mir entfernt (ich wußte das, weil ich die Entfernungen verschiedener Punkte von meinem Baum abgeschritten hatte), also viel zu weit, als daß ich bei diesem schwachen Licht einen sicheren Schuß anbringen konnte. Sie näherten sich in einem Halbkreis und kamen dabei auf die einzelstehende Hütte zu, in der der Mais aufbewahrt wurde, und in dem die alte Frau schlief. Dieses ging zwischen einer und anderthalb Stunden so weiter, bis ich, zwischen Aufregung und Hoffnung, die das Herz krank machen, so müde wurde, daß ich tatsächlich daran dachte, vom Baum herabzuklettern und mich im Mondlicht an sie heranzuschleichen. Ein solches Unternehmen in einem derartig offenen Gelände wäre natürlich heller Wahnsinn gewesen, und allein die Tatsache, daß ich so etwas überhaupt in Erwägung zog, mag Ihnen meine geistige Verfassung schildern. Doch kommt alles zu dem, welcher warten kann, und manchmal auch zu dem, der es nicht kann, und so kamen die Elefanten, oder, richtiger gesagt, einer von ihnen, schließlich zu mir. Nachdem sie ihre Leiber gefüllt hatten, wozu eine gewaltige Menge Mais nötig war, standen diese drei wieder in einer Reihe, ein Stück links von der Hütte am Rand des bebauten Landes und etwa fünfundachtzig Yards von dem Baum entfernt, in dessen Geäst ich hockte. Dann gab der mit dem einzelnen Stoßzahn ein seltsames rasselndes Geräusch von sich, das klang, als ob er seinen Rüssel freischnaubte, und begann langsam auf die Hütte loszugehen, in der die alte Frau schlief. Ich entsicherte mein Gewehr und warf einen Blick zum Mond empor, nur um zu entdecken, daß eine neue Komplikation in der unmittel-
baren Zukunft lauerte. Ich habe bereits erwähnt, daß sich mit dem Aufsteigen des Mondes ein Wind erhoben hatte. Nun, dieser Wind brachte Regenwolken heran. Ein paar leichte von ihnen hatten das Licht bereits für eine Weile verdunkelt, ohne es jedoch ganz zu verfinstern, und jetzt trieben zwei weitere heran, beide sehr dunkel und dicht. Die erste Wolke war schmal und lang, die andere groß und breit. Ich erinnere mich, daß dieses Paar eine komische Ähnlichkeit mit einem Wagen und einem sehr knochigen Pferd aufwies. Wie es mein Glück wollte, schob sich der Kopf dieses Pferdes in dem Moment vor den Mond, als der Elefant sich auf eine Entfernung von fünfundzwanzig Yards oder so genähert hatte, so daß es mir unmöglich war, auf ihn zu schießen. In dem schwachen Licht konnte ich jedoch gerade noch erkennen, daß die riesige Masse des Tieres sich weiter der Hütte näherte. Dann wurde es völlig dunkel, und ich mußte mich ganz auf meine Ohren verlassen. Ich hörte ihn mit seinem Rüssel umherfummeln, wahrscheinlich am Dach der Hütte; als nächstes kam ein Geräusch, als ob Stroh herausgezerrt würde, und dann war vollkommene Stille. Die Wolke zog vorbei; ich konnte die Umrisse des Elefanten wieder erkennen; er stand vor der Hütte, seinen Kopf über ihr Dach gereckt. Doch ich konnte seinen Rüssel nicht sehen, und das war auch kein Wunder, denn er befand sich im Innern der Hütte. Er hatte ihn durch das Strohdach gebohrt und tastete mit ihm, zweifellos durch den Geruch des Maises angezogen, darin umher. Es wurde jetzt wieder hell, und ich hob mein Gewehr, als plötzlich ein entsetzlicher Schrei ertönte, und dann sah ich den Rüssel
auftauchen, und in seinem gewaltigen Griff hielt er die alte Frau, die in der Hütte geschlafen hatte. Sie tauchte aus dem Loch im Dach auf wie ein Kastenmännchen, noch immer in ihre Decke gewickelt, ihre hageren Arme und Beine nach allen vier Himmelsrichtungen gestreckt, und sie schrie gellend. Ich kann wirklich nicht sagen, wer mehr Angst hatte, sie, oder ich, oder der Elefant. Zumindest war der letztere sehr verblüfft; er hatte nach Maiskolben gefischt – daß er die alte Frau erwischt hatte, war reiner Zufall gewesen, und einer, der ihm sehr an die Nerven ging. Er stieß einen trompetenartigen Laut aus und schleuderte sie fort, direkt in die Krone eines niedrigen Mimosenbaums, wo sie hängenblieb und kreischte wie die Dampfpfeife einer Lokomotive. Der alte Bulle hob seinen Schwanz, wedelte mit seinen großen Ohren und machte sich zur Flucht bereit. Ich legte mein Gewehr an, zielte hastig auf einen Punkt seiner Schulter (weil er breitseits zu mir stand) und feuerte. Der Knall des Schusses dröhnte wie ein Donnerschlag und hallte als tausendfaches Echo von den stillen Bergen wider. Ich sah den Bullen zu Boden stürzen, als ob er tot sei. Und dann – ob durch den Rückschlag der schweren Waffe, oder durch das aufgeregte Strampeln dieses idiotischen Gobo, oder durch beides zusammen, oder lediglich durch einen unglücklichen Zufall – brach der morsche Balken, und auch ich stürzte zu Boden und landete am Fuße des Baums auf dem hinteren Teil des menschlichen Körpers. Der Aufprall war so hart, daß ich das Gefühl hatte, meine Zähne würden mir durch den Gaumen schießen, doch obwohl ich ein paar Sekunden lang wie betäubt saß, war ich glücklicherweise unverletzt geblieben.
Der Elefant hatte inzwischen vor Angst und Wut zu trompeten begonnen, und von seinem Getöse alarmiert kamen die anderen beiden herangestürmt. Ich tastete nach meinem Gewehr; es war nicht da. Dann erinnerte ich mich, daß ich es zum Schießen auf eine Astgabel abgestützt hatte, und dort war es zweifellos verblieben. Meine Lage war jetzt äußerst unbehaglich. Ich wagte nicht, wieder auf den Baum zu klettern, was, angeschlagen wie ich war, einigermaßen schwierig gewesen wäre, da die Elefanten mich zweifellos erblickt hätten, und auch Gobo, der sich an einem Ast festgeklammert hatte und noch immer mit dem anderen Gewehr dort oben saß. Ich konnte auch nicht weglaufen, da es keinerlei Schutz in der Nähe gab. Also tat ich das einzige, das unter diesen Umständen möglich war, schlich so leise wie möglich um den Baumstamm herum, behielt die Elefanten im Auge, flüsterte Gobo zu, mir das Gewehr herunterzubringen, und wartete die weitere Entwicklung der Dinge ab. Wenn die Elefanten mich nicht bemerken würden – wozu sie glücklicherweise zu wütend waren –, war ich gerettet, denn riechen konnten sie mich nicht, da ich abwindig von ihnen stand. Gobo jedoch hörte mich nicht oder wollte mich nicht hören, da er es vorzog, in der Sicherheit seines luftigen Baumsitzes zu bleiben. Er sagte mir später, daß ersteres der Fall gewesen sei, doch ich glaube, daß es das Letztere war, da ich wußte, daß sein Jagdeifer nicht so groß war, um Freude daran zu haben, Elefanten bei Mondlicht in offenem Gelände zu schießen. Also stand ich hinter meinem Baum, enttäuscht, unbewaffnet, doch höchst interessiert, denn ich wurde Zeuge einer höchst bemerkenswerten Szene.
Als die beiden anderen Bullen den verwundeten Elefanten erreichten, hörte dieser auf zu schreien und begann leise, stöhnende Laute auszustoßen und mit seinem Rüssel vorsichtig die Wunde nahe seiner Schulter zu berühren, aus der das Blut in dickem Strahl hervorschoß. Die anderen beiden schienen ihn zu verstehen, jedenfalls taten sie dieses: sie knieten sich zu beiden Seiten des angeschossenen Bullen, schoben ihre Rüssel und ihre Stoßzähne unter seinen Leib und stemmten ihn, von seiner eigenen Anstrengung unterstützt, mit einem einzigen Ruck auf die Beine. Dann lehnten sie sich von beiden Seiten an ihn, um ihn zu stützen, und marschierten in langsamem Schritt auf das Dorf zu.* Es war ein jammervoller Anblick, der mir das Gefühl gab, ein Barbar zu sein. Kurz darauf, als der verwundete Elefant sich ein wenig erholt zu haben schien, gingen sie vom Schritt in einen langsamen Trott über, und danach konnte ich ihnen nicht mehr mit meinen Blicken folgen, da sich die zweite, schwarze Wolke vor den Mond schob und ihn bedeckte, so wie ein Kerzenlöscher ein Licht erstickt. Ich sagte, ›mit meinen Blicken‹, doch meine Ohren ließen mich ziemlich gut erraten, was geschah. Als die Wolke heraufzog, trotteten die drei Tiere direkt auf den Kraal zu, wahrscheinlich, weil der Weg dorthin offen und eben war. Ich glaube, daß sie durch die Dunkelheit verwirrt waren, denn als sie zur Dornenhecke des Kraals gelangten, umgingen sie diese nicht, sondern brachen hindurch. Nachdem sie die *
Der Herausgeber wäre geneigt zu glauben, daß Mr. Quatermain sich mit dieser Schilderung auf Kosten der Wahrheit interessant zu machen versuchte, wenn ihm nicht ein ähnlicher Fall zu Kenntnis gekommen wäre.
Hecke überwunden hatten, glaubten sie wohl, daß sie mit dem Kraal genau so gut fertig werden würden, also trampelten sie hindurch. Eine der bienenkorbförmigen Hütten wurde von ihnen umgeworfen und stand auf ihrem Kopf, und als ich den Schauplatz erreichte, summten die Menschen, die darin geschlafen hatten, wie Bienen, die in der Nacht gestört werden, während zwei weitere Hütten flachgetreten worden waren und eine weitere zerfetzt auf dem Boden lag. Seltsamerweise war jedoch niemand verletzt worden, obwohl mehrere Menschen um ein Haar zu Tode getrampelt worden wären. Als ich dort eintraf, fand ich den Dorfältesten in einem Zustand, der mich schmerzlich an den von der griechischen Kunst bevorzugten erinnerte; er tanzte zwischen seinen zerstörten Behausungen umher, als ob er gerade von einem Skorpion gestochen worden wäre. Ich fragte ihn, was ihm fehle, und er stieß eine Flut von Verwünschungen aus. Er nannte mich einen Zauberer, einen Betrüger, einen Unglücksbringer. Ich hätte versprochen, die Elefanten zu töten und es so eingerichtet, daß die Elefanten beinahe ihn getötet hätten, und so weiter. Dies war in meinem Zustand – mir schmerzten noch alle Glieder von dem harten Sturz – zu viel für meine Gefühle, also stürzte ich auf meinen Freund zu, packte ihn bei den Ohren und schlug seinen Kopf gegen den Türrahmen seiner Hütte, der alles war, was von ihr noch stand. ›Du verdammter, alter Halunke!‹ schrie ich ihn an, ›du wagst es, dich über deine lächerlichen Ungelegenheiten zu beklagen, wenn du mir einen verrotte-
ten Balken als Sitz gabst und mich dadurch der Wut der Elefanten ausliefertest? (bumm! bumm! bumm!) Wenn deine eigene Frau (bumm!) gerade aus ihrer Hütte herausgezerrt wurde (bumm!) wie eine Schnekke aus ihrem Haus, und der Erd-Erschütterer sie in einen Baum geworfen hat? (bumm! bumm!)‹ ›Gnade, mein Vater, Gnade!‹ keuchte der alte Knabe. ›Wahrlich, ich habe Unrecht getan – mein Herz verrät es mir.‹ ›Das kann man wohl sagen, du alter Schurke.‹ (bumm!) ›Gnade, großer weißer Mann! Ich glaubte, das Holz sei in Ordnung. Doch was sagt der überragende Häuptling – ist die alte Frau, die mir gehört, wirklich tot? Ah, wenn sie tot sein sollte, mag alles doch noch sein Gutes gehabt haben.‹ Er faltete seine Hände und blickte fromm zum Himmel auf, von dem der Mond nun wieder hell herabschien. Ich ließ seine Ohren los und lachte schallend. Die ganze Szene, und seine fromme Hoffnung auf das Ableben des Partners seiner Freuden – oder besser: seiner Leiden – waren absolut lächerlich. ›Nein, du alter Bock‹, erwiderte ich; ›sie hängt in der Krone eines Dornenbaumes und schreit wie tausend Elstern. Der Elefant hat sie dort deponiert.‹ ›Oh, oh‹, sagte er, ›der Rücken des Ochsen ist für seine Lasten geformt. Zweifellos, mein Vater, wird sie herabkommen, wenn sie müde geworden ist.‹ Und ohne sich weiter um diese Angelegenheit zu kümmern, begann er, die Glut des Kochfeuers anzublasen. Und sie erschien auch wenig später, erheblich zerkratzt und durcheinander, doch sonst unbeschädigt. Ich ging danach in mein kleines Lager zurück, wel-
ches glücklicherweise nicht von den Elefanten zertrampelt worden war, rollte mich in eine Decke und war bald fest eingeschlafen. So endete meine erste Runde mit jenen drei Elefanten.«
4 Die letzte Runde »Am nächsten Morgen erwachte ich voller schmerzhafter Erinnerungen und nicht ohne ein gewisses Gefühl der Dankbarkeit, daß ich noch da war, um aufzuwachen. Der vorhergehende Tag war stürmisch gewesen; mit den Büffeln, dem Nashorn und den Elefanten sogar sehr stürmisch. Nachdem ich diese Tatsache erkannt hatte, dachte ich wieder an die herrlichen Stoßzähne, und sofort, obwohl es noch so früh am Morgen war, brach ich das zehnte Gebot. Ich begehrte meines Nächsten Stoßzähne, falls man einen Elefanten de jure als Nächsten auffassen konnte, was er erst in der vergangenen Nacht de facto gewiß gewesen war – ein sehr viel näherer Nächster als es mir wünschenswert erschienen war, um ehrlich zu sein. Wenn man nun das Gut seines Nächsten begehrt, ist es das beste, wenn auch nicht das moralischste, als kräftiger, bewaffneter Mann in sein Haus zu treten und es sich zu nehmen. Ich war kein sehr kräftiger Mann, doch nachdem ich meine schwere Büchse wieder hatte, war ich bewaffnet, genau wie mein starker Gegner, der Elefant mit seinen Stoßzähnen. Also bereitete ich mich auf einen Kampf bis zum Tode vor. Mit anderen Worten, ich rief meine treuen Diener zusammen und verkündete ihnen, daß ich jetzt diesen Elefanten folgen würde, bis zum Ende der Welt, wenn es sich als notwendig erweisen sollte. Sie schienen nicht gerade begeistert von meinem Vorhaben, doch widersprachen sie mir nicht, da sie das nicht
wagten. Seitdem ich mit allem Ernst angedroht hatte, den rebellischen Gobo zu erschießen, waren sie mir gegenüber äußerst respektvoll geworden. Also ging ich zu dem alten Dorfältesten, um mich von ihm zu verabschieden. Er war gerade dabei, abwechselnd die Trümmer seines Kraals zu betrachten, und, mit der fähigen Mithilfe seiner zweiten Frau, die eifersüchtige Dame zu verdreschen, die in der Maishütte geschlafen hatte, da nur sie, wie er erklärte, die Quelle all seines Kummers sei. Ich überließ sie der Regelung ihrer häuslichen Meinungsverschiedenheiten, erhob eine Steuer in Form von Mais und Gemüse von dem Kraal – als Bezahlung für geleistete Dienste – und verließ ihn mit meinen besten Segenswünschen. Ich weiß nicht, wie der häusliche Streit beigelegt wurde, da ich seither nicht wieder dortgewesen bin. Dann setzte ich mich auf die Fährte der drei Bullen. Auf einer Strecke von zwei Meilen oder so – genau genommen bis zu dem Sumpfgürtel, der am Ufer des Flusses liegt – war der Boden ziemlich steinig und von verstreut stehendem Buschwerk bedeckt. Bei Morgengrauen hatte es geregnet, und dieser Umstand, zusammen mit der Natur des Bodens, machte die Verfolgung der Spuren zu einem schwierigen Unternehmen. Der angeschossene Bulle hatte zwar stark geschweißt, doch der Regen hatte das Blut von Blättern und Gräsern gewaschen, und da der Boden sehr hart war, zeichneten sich die Fußabdrücke in ihm nicht so deutlich ab, wie es wünschenswert gewesen wäre. Wir konnten der Fährte jedoch folgen, wenn auch recht langsam, teils durch die Spuren im Boden, teils, indem wir vorsichtig Blätter und Gras-
halme anhoben und unter ihnen nach Blut suchten, denn das Blut, das aus der Wunde eines angeschossenen Tieres quillt, haftet häufig auf der Unterseite und kann dort natürlich nicht fortgewaschen werden, falls der Regen nicht sehr heftig ist. Wir brauchten etwas mehr als eine Stunde, um den Rand des Sumpfes zu erreichen, doch von dort an wurde unsere Aufgabe erheblich leichter, denn der weiche Boden zeigte zahllose Spuren der riesigen Tiere. Nachdem wir unseren Weg durch den Sumpf erzwungen hatten, gelangten wir schließlich ans Flußufer und zu einer Furt, und hier konnten wir sehen, daß das arme, verwundete Tier sich in Schlamm und Wasser niedergelegt hatte, in der Hoffnung, so seine Schmerzen lindern zu können, und wir sahen auch, daß seine beiden Gefährten ihm wieder auf die Beine geholfen hatten. Wir durchquerten den Fluß bei der Furt, nahmen am anderen Ufer die Fährte wieder auf und folgten ihr durch die Marschen, die jenseits davon lagen. Auf dieser Seite des Flusses war kein Regen gefallen, und deshalb waren die Schweißspuren häufiger und stärker. Den ganzen Tag über folgten wir den drei Bullen, einmal über offene Ebenen, und dann durch Inseln von Wald und Dickicht. Sie schienen fast ohne Aufenthalt marschiert zu sein, und ich bemerkte, daß der verwundete Bulle im Laufe der Zeit wieder etwas zu Kräften gekommen zu sein schien. Ich erkannte das an seiner Fährte, deren Tritte fester geworden waren, und auch an dem Umstand, daß die beiden anderen ihn nicht mehr stützten. Schließlich wurde es Abend, und nachdem wir achtzehn Meilen marschiert waren, schlugen wir das Lager auf.
Schon vor Sonnenaufgang des folgenden Tages waren wir aufgestanden, und das erste Sonnenlicht sah uns wieder auf der Spur. Etwa gegen halb sechs erreichten wir die Stelle, wo die Elefanten gefressen und geschlafen hatten. Die beiden unverletzten Bullen hatten sich den Magen gefüllt, wie der Zustand der Büsche der Umgebung verriet, doch der verwundete hatte nichts gefressen. Er hatte die Nacht an den Stamm eines recht ansehnlichen Baumes gelehnt verbracht, der von seinem Gewicht aus der Senkrechten gedrückt worden war. Sie hatten diese Stelle noch nicht lange verlassen und konnten inzwischen nicht weit gekommen sein, besonders, da der verwundete Bulle nach der Ruhe der Nacht so steif geworden war, daß die anderen beiden ihn erneut stützen mußten. Doch kommen Elefanten recht schnell voran, selbst wenn sie langsam zu gehen scheinen, da Gebüsch und Schlingpflanzen, die einem Menschen jedes Weiterkommen fast unmöglich machen, für sie keine Hindernisse darstellen. Die drei hatten sich inzwischen nach links gewandt und zogen in einem halben Kreisbogen auf die Berge zu, wahrscheinlich in der Absicht auf der anderen Seite des Flusses zurückzukehren. Uns blieb nichts anderes übrig, als ihnen zu folgen, und das taten wir auch, so schnell es uns möglich war. Während dieses ganzen, heißen Tages marschierten wir, sahen große Herden aller möglichen Wildarten und trafen sogar auf die Fährten weiterer Elefanten. Doch trotz aller Bitten meiner Männer ließ ich mich nicht dazu überreden, diesen zu folgen. Ich wollte jene mächtigen Stoßzähne haben oder gar keine.
Gegen Abend waren wir den drei Bullen recht nahe gekommen, schätzungsweise auf eine Viertelmeile, doch der Busch war so dicht, daß wir nichts von ihnen sehen konnten, also mußten wir noch einmal lagern, sehr enttäuscht von unserem Pech. In jener Nacht, als der Mond aufgegangen war und ich an einen Baumstamm gelehnt am Feuer saß und meine Pfeife rauchte, hörte ich einen Elefanten trompeten, als ob er durch irgend etwas aufgeschreckt worden wäre, und er konnte nicht mehr als dreihundert Yards entfernt sein. Ich war todmüde, doch meine Neugier war stärker als meine Erschöpfung, also nahm ich, ohne die Männer zu stören, die allesamt fest schliefen, meine schwere Büchse auf, steckte ein paar Reservepatronen ein und ging in die Richtung, aus welcher das Trompeten gekommen war. Der Wildwechsel, dem wir den ganzen Tag über gefolgt waren, verlief geradewegs in jene Richtung. Er war schmal, doch tief ausgetreten, und das Licht fiel in einer geraden, weißen Bahn hinein. Ich schlich ihn vorsichtig entlang, und nach etwa zweihundert Yards öffnete er sich auf eine wunderbare Lichtung, die einen Durchmesser von über hundert Yards aufwies und mit hohem Gras und mehreren einzelstehenden, flachkronigen Bäumen bestanden war. Mit einer aus langer Erfahrung geborenen Vorsicht beobachtete ich für eine Weile, bevor ich auf die Lichtung trat, und dann sah ich, warum der Elefant trompetet hatte. Dort, in der Mitte der Lichtung, stand ein großer Mähnenlöwe. Er stand völlig reglos, gab ein leises, schnurrendes Geräusch von sich und peitschte mit dem Schwanz hin und her. Dann bewegte sich das Gras etwa vierzig Yards diesseits des Löwen, und ei-
ne Löwin schoß wie ein Blitz daraus hervor und auf den Löwen zu. Als sie ihn erreichte, verhielt die große Katze und rieb ihren Kopf an seiner Schulter. Dann begannen sie beide laut zu schnurren, so laut, daß man sie, wie ich glaube, in jener Stille mindestens zweihundert Yards weit gehört haben mußte. Nach einer Weile, während ich mich noch immer fragte, was ich tun sollte, entdeckten sie entweder meine Witterung, oder sie wurden es müde, still auf einem Fleck zu stehen, und beschlossen, nach Wild zu jagen. Jedenfalls liefen sie, wie durch einen gemeinsamen Impuls bewegt, plötzlich davon und verschwanden in der Tiefe des Unterholzes zu meiner Linken. Ich wartete noch ein wenig länger, um zu sehen, ob noch mehr dieser Katzen in der Gegend waren, sah jedoch keine und kam zu dem Schluß, daß die beiden meine Elefanten in die Flucht geschlagen hatten und deshalb mein Ausflug umsonst gewesen war. Doch als ich mich gerade umwandte, um zurückzugehen, glaubte ich auf der anderen Seite der Lichtung einen Ast brechen zu hören, und wenn es auch mehr als leichtfertig war, folgte ich sofort diesem Geräusch. Lautlos wie ein Schatten überquerte ich die Lichtung. Auf ihrer anderen Seite führte der Wildwechsel weiter. Trotz vieler Bedenken folgte ich ihm. Die Dschungelvegetation war hier so dicht, daß sie über dem Pfad fast zusammenwuchs und nur so wenig Licht hindurchließ, daß ich kaum in der Lage war, mich voranzutasten. Schließlich jedoch wurde er breiter und mündete auf eine zweite Lichtung, die ein wenig kleiner war als die erste, und dort, auf ihrer anderen Seite, etwa achtzig Yards von mir entfernt, standen die drei gewaltigen Elefanten.
Sie standen so: direkt mir gegenüber und mir zugewandt stand der angeschossene Bulle mit dem einzelnen Stoßzahn. Er lehnte sich an einen abgestorbenen Dornenbaum, den einzigen Baum, der sich auf der Lichtung befand, und er wirkte sehr geschwächt. In seiner Nähe stand einer der anderen Bullen, so als ob er bei ihm Wache hielte. Der dritte Elefant stand ein gutes Stück näher und breitseits zu mir. Während ich die Szene beobachtete, setzte dieser Elefant sich plötzlich in Bewegung und verschwand auf einem Wildwechsel im Busch zur Rechten. Ich hatte jetzt zwei Möglichkeiten: ich konnte entweder zum Lager zurückgehen und in der Morgendämmerung zurückkommen, oder ich konnte sie sofort angreifen. Die erste Möglichkeit war natürlich die weitaus klügere und sichere. Einen Elefanten bei Mondlicht und im Alleingang anzugehen ist schon mehr als verwegen; auf drei loszugehen war heller Wahnsinn. Andererseits war mir klar, daß sie vor Hellwerden wieder auf dem Marsch sein würden, und daß es mich einen weiteren Tag mühseliger Verfolgung kosten mochte, bevor ich sie wieder eingeholt hatte, oder sie konnten mir auch entwischen. Nein, überlegte ich, ein schwaches Herz gewinnt niemals einen schönen Stoßzahn. Ich will es riskieren und ihnen eins aufbrennen. Aber wie? Ich konnte nicht über die offene Lichtung vorgehen, denn dann würden sie mich sehen; es blieb mir nichts anderes übrig, als im Schatten des Unterholzes herumzukriechen und auf diese Weise an sie heranzukommen. Also ging ich los. Nach sieben oder acht Minuten vorsichtigen Anschleichens gelangte ich zur Einmündung des Wildwechsels, in dem der dritte Elefant
verschwunden war. Die anderen beiden standen jetzt etwa fünfzig Yards von mir entfernt, und das Buschwerk war von solcher Art, daß ich keine Möglichkeit sah, mich ihnen zu nähern, ohne entdeckt zu werden. Ich zögerte und starrte den Wildwechsel entlang, in dem ich den Elefanten hatte verschwinden sehen. In einer Entfernung von etwa fünf Yards machte er einen Bogen um ein dichtes Gestrüpp. Ich wollte einen Blick dahinter werfen und ging weiter, in der Hoffnung, den Schwanz des Elefanten zu Gesicht zu bekommen. Doch sah ich mich seinem Rüssel gegenüber, als ich die Biegung umrundete. Es ist sehr verwirrend, den Rüssel eines Elefanten vor sich zu sehen, wenn man erwartet, seinen Schwanz zu erblikken, und für einen Moment stand ich wie gelähmt fast unterhalb des Kopfes dieses mächtigen Tiers, denn es war keine fünf Yards von mir entfernt. Auch der Elefant blieb stehen, da er mich gesehen oder gerochen hatte, wahrscheinlich letzteres, und dann warf er den Rüssel empor und trompetete in Vorbereitung eines Angriffs. Ich war verloren, da ich weder nach rechts noch nach links ausweichen konnte wegen des dichten Unterholzes zu beiden Seiten des Wechsels, und ich wagte nicht zurückzulaufen. Also tat ich das einzige, das mir übrigblieb: ich riß das Gewehr hoch und feuerte auf die dunkle Masse seiner Brust. Es war zu dunkel, um zu zielen; ich mußte mich auf mein Glück verlassen. Der Schuß dröhnte wie ein Donnerschlag durch die Stille, und der Elefant beantwortete ihn mit einem schrillen Schrei; dann ließ er den Rüssel sinken und stand ein paar Sekunden so reglos, als ob er aus Stein gemeißelt wäre. Ich gebe zu, daß ich meine Nerven
verlor; ich hätte meinen zweiten Lauf abfeuern sollen, tat es jedoch nicht. Statt dessen brach ich die Büchse auf, warf die verschossene Patrone heraus und schob eine neue in die Kammer. Doch bevor ich sie schließen konnte, war der Bulle über mir. Ich sah seinen mächtigen Rüssel wie einen Balken emporschwingen, und da wartete ich nicht mehr länger. Ich warf mich herum und rannte um mein Leben, verfolgt von den dröhnenden Schritten des Elefanten. Ich lief auf die Lichtung, und dort – dem Himmel sei Dank! – gerade, als er mich einholte, zeigte die Kugel endlich Wirkung. Ich hatte ihn ins Herz oder in die Lunge getroffen, und er stürzte dröhnend zu Boden, tot wie ein Stein. Doch wenn ich Scylla entronnen war, so geriet ich jetzt an die Zähne von Charybdis. Ich hörte den Elefanten fallen und blickte umher. Direkt vor mir, keine fünfzehn Schritte entfernt, standen die beiden anderen Bullen. Sie starrten umher und entdeckten mich. Dann kamen sie heran, alle beide – wie Blitze schossen sie auf mich zu, und aus verschiedenen Richtungen. Ich hatte nur Zeit, meine Büchse zuschnappen zu lassen, sie emporzureißen und fast ungezielt auf den Kopf des nächsten, des unverwundeten Bullen zu feuern. Wie Sie wissen, ist dies bei einem afrikanischen Elefanten, dessen Schädel konvex ist, und nicht konkav, wie der des indischen, immer ein sehr riskanter und häufig völlig wirkungsloser Schuß. Die Kugel verliert sich in der Knochenmasse, das ist alles. Doch gibt es eine kleine tödliche Stelle, und wenn die Kugel dort einschlagen sollte, folgt sie dem Nüsternkanal – zumindest glaube ich, daß es der ist – und dringt ins
Gehirn ein. Und das war es, was in diesem Falle geschah: die Kugel traf die tödliche Stelle in der Augenregion und drang ins Gehirn vor. Der riesige Bulle brach zusammen und rollte auf die Seite, so tot wie ein Stein. Ich fuhr im gleichen Moment herum und wandte mich dem dritten zu, dem Monster-Bullen, mit dem einen Stoßzahn, den ich vor zwei Tagen angeschossen hatte. Er war fast über mir und erschien mir in dem matten Mondlicht so gewaltig wie ein Haus. Ich riß mein Gewehr hoch und zielte auf seinen Hals. Doch der Schuß löste sich nicht! Und dann erinnerte ich mich, daß ich den Hahn nur halb gespannt hatte. Das Schloß dieses Laufes war ein wenig schwach, und erst vor wenigen Tagen, als ich auf eine Antilopenkuh geschossen hatte, hatte sich beim Abfeuern des rechten Laufes durch die Erschütterung auch die Ladung des linken gelöst, und ich war durch den Rückstoß fast zu Boden geschleudert worden; aus diesem Grunde hatte ich den Hahn des linken Laufes immer nur halb gespannt, bis ich ihn abfeuern wollte. Ich machte einen verzweifelten Satz nach rechts, und trotz meines lahmen Beines glaube ich, daß nur wenige Männer jemals weiter gesprungen sind. Und es war nicht eine Sekunde zu früh, denn noch während des Sprunges spürte ich den Luftzug, den der gewaltige Rüssel hervorrief, als das Monster mit ihm zuschlug. Dann lief ich los. Ich rannte wie ein gehetztes Wild, hielt jedoch mein Gewehr fest umklammert. Mein Vorhaben – so weit man bei mir von einem festen Vorhaben sprechen konnte – bestand darin, in dem Wildwechsel zu laufen, durch den ich gekommen war, so wie ein Kanin-
chen in seinen Bau hinabschießt, in der Hoffnung, daß der Bulle mich bei dem unsicheren Licht aus den Augen verlieren würde. Ich hetzte über die Lichtung. Zu meinem Glück konnte der Bulle durch seine Verwundung mir nicht mit voller Geschwindigkeit folgen; doch verwundet oder nicht lief er doch genau so schnell wie ich. Es gelang mir nicht, meinen Vorsprung auch nur um einen Zoll zu vergrößern, und so rannten wir weiter, mit einem Abstand von nur drei Fuß zwischen uns. Wir waren jetzt auf der anderen Seite, und ein Blick belehrte mich, daß ich mich verkalkuliert hatte und an der Öffnung des Wechsels vorbeigerannt war. Jetzt war es hoffnungslos, ihn zu erreichen; ich wäre dabei direkt in den Elefanten hineingelaufen. Also tat ich das einzige, das zu tun mir übrig blieb: ich schlug einen Haken wie ein flüchtender Hase und lief am Rande der Lichtung entlang, in der Hoffnung, irgendeine Öffnung zu finden, in die ich hineinstürmen konnte. Der Hakenschlag hatte mir einen winzigen Vorsprung eingebracht, da der Elefant nicht so schnell die Richtung wechseln konnte wie ich, und ich nutzte ihn, so gut es mir möglich war. Doch konnte ich nirgends eine Öffnung entdekken; der Busch stand so dicht wie eine Mauer. Wir hetzten um die Lichtung herum, und der Elefant holte wieder auf. Er hatte den Abstand auf etwa sechs Fuß verringert, und als er jetzt trompetete, oder schrie, besser gesagt, konnte ich seinen heißen Atem an meinem Kopf spüren. Himmel! Was für eine Angst ich hatte! Wir hatten die Lichtung zu drei Vierteln umrundet, und etwa fünfzig Yards voraus stand der einzelne, große, abgestorbene Dornenbaum, an dem der Bulle
vorher gelehnt hatte. Ich spurtete auf ihn zu, denn er war meine letzte Chance. Doch so sehr ich auch spurten mochte, es schien Stunden zu dauern, bevor ich den Baum erreichte. Ich packte den Stamm mit meiner rechten Hand und schwang mich um ihn herum, so daß ich den Elefanten nun vor mir hatte. Mir blieb keine Zeit, das Gewehr abzufeuern, sie reichte gerade, um den Hahn zu spannen und nach links zurückzuweichen, als er auch schon über mir war. Krach! Er rammte den Baumstamm voll mit seiner Stirn. Der Stamm brach wie eine Karotte etwa vierzig Zoll über dem Boden ab. Glücklicherweise stand ich nicht in seiner Fallrichtung, doch einer der toten Äste schlug mir gegen die Brust und schleuderte mich zu Boden. Ich stürzte auf den Rücken, und der Elefant stürmte an mir vorbei. Mehr aus Instinkt als aus Überlegung hob ich mit einer Hand das Gewehr und drückte ab. Der Schuß krachte, und die Kugel traf ihn, wie ich später feststellte, in die Rippen. Doch der Rückstoß der schweren Waffe, auf diese Weise gehalten, war ungeheuer; er riß meinen Arm zurück, schlug mir den Kolben des Gewehrs gegen Schulterknochen und Hals, wodurch ich momentan betäubt wurde, und schleuderte mir die Waffe aus der Hand. Der Bulle war währenddessen weitergestürmt. Er lief etwa zwanzig Schritte und blieb dann plötzlich stehen. Benommen überlegte ich, daß er jetzt wohl zurückkommen würde, um mich zu erledigen, doch selbst die Aussicht auf einen unmittelbar bevorstehenden, grausamen Tod konnte mich nicht aus meiner Betäubung reißen. Ich war völlig ausgebrannt; ich hatte keine Kraft mehr, mich zu rühren. Ruhig, fast unbeteiligt, beobachtete ich seinen Be-
wegungen: er trompetete schrill, und dann kniete er sich langsam, mit großer Würde, nieder. In diesem Augenblick verlor ich die Besinnung. Als ich wieder zu mir kam, sah ich am Stand des Mondes, daß ich gute zwei Stunden lang bewußtlos gewesen sein mußte. Mein Körper war mit Morgentau bedeckt, und ich zitterte. Im ersten Moment wußte ich nicht, wo ich war, bis ich den Kopf hob und in einer Entfernung von etwa fünfundzwanzig Schritten die Umrisse des Elefantenbullen mit dem einen Stoßzahn erblickte, der noch immer kniete. Da kam mir die Erinnerung zurück. Langsam richtete ich mich auf und wurde augenblicklich von einem starken Schwindelgefühl gepackt – das Resultat meiner völligen Erschöpfung – ich hätte beinahe zum zweiten Mal die Besinnung verloren. Wenig später fühlte ich mich jedoch wieder besser und überdachte die Situation. Zwei Elefanten waren, wie ich wußte, tot; doch was war mit Nummer drei? Dort kniete er in majestätischer Einsamkeit im Mondlicht. Die Frage war: ruhte er sich aus, oder war er tot? Ich erhob mich auf Hände und Knie, lud mein Gewehr und kroch vorsichtig, mit schmerzenden Gliedern einige Schritte näher. Jetzt konnte ich eins seiner Augen sehen, da das Mondlicht voll darauf fiel; es war offen und schien ein wenig vorzustehen. Ich duckte mich auf den Boden und beobachtete. Das Augenlid bewegte sich nicht, und auch nicht der massige, braune Körper, weder der Rüssel, noch das Ohr, noch der Schwanz – nichts bewegte sich. Da wußte ich, daß er tot sein mußte. Ich kroch auf ihn zu, das Gewehr noch immer vor mir und auf ihn gerichtet, und stieß ihn mit dem Lauf
an, wobei ich mir überlegte, wie nahe daran ich gewesen war, von ihm angestoßen zu werden. Er rührte sich nicht; er war tot, doch bis zum heutigen Tage weiß ich nicht, ob es mein ungezielter Schuß war, der ihn tötete, oder ob er an einer Gehirnerschütterung gestorben ist, die er erlitten hatte, als er seinen Schädel gegen den mächtigen, toten Baum rammte. Auf jeden Fall war er tot. Kalt und schön lag er, oder kniete er, richtiger gesagt. Ich glaube nicht, daß ich jemals einen auf seine Art imposanteren Anblick gesehen habe, als den dieses mächtigen Tieres, das in majestätischem Tode auf der Lichtung kauerte und vom Licht des einsamen Mondes beleuchtet wurde. Während ich so stand und die Szene bewunderte, und mir erneut von Herzen zu meinem Entkommen gratulierte, wurde mir wieder übel. Ohne mir die Zeit zu nehmen, die beiden anderen Bullen zu examinieren, taumelte ich zum Lager zurück, das ich auch sicher erreichte. Dort lag alles in tiefem Schlaf. Ich weckte keinen der Männer, sondern genehmigte mir einen guten Schluck Brandy, rollte mich in eine Decke und war kurz darauf fest eingeschlafen. Als ich erwachte, war es bereits Tag, und im ersten Moment dachte ich, wie weiland Joseph, daß ich nur einen Traum geträumt hätte. Als ich jedoch meinen Kopf wandte, merkte ich sofort, daß es kein Traum gewesen war, denn meine Schulter und mein Hals waren so steif von dem Rückstoß des Gewehrs, daß jede Bewegung höllisch schmerzte. Ich ließ den Kopf wieder sinken und blieb eine Minute oder länger reglos liegen. Gobo und ein weiterer Mann, in ihre Decken gewickelt, da der Morgen kühl und feucht war, saßen an einem kleinen Feuer, das sie entzündet
hatten, und unterhielten sich leise. Gobo sagte, daß er es müde sei, hinter Elefanten herzulaufen, die sie niemals fingen. Macumazahn (damit meinte er mich) sei zweifellos ein großer Herr, und auch ein recht guter Schütze, doch auch ein großer Narr. Nur ein Narr würde so schnell und so weit hinter Elefanten herlaufen, die man unmöglich erwischen könnte, wenn er die Spur von frischen kreuzte. Ja, er sei ganz gewiß ein Narr, doch dürfe man ihm nicht gestatten, seine Narretei fortzusetzen, und er, Gobo, sei entschlossen, dem ein Ende zu machen. Er würde sich weigern, den Macumazahn weiter auf einer so verrückten Jagd zu begleiten. ›Ja‹, antwortete der andere, ›der arme Mann hat ganz sicher den Verstand verloren, und es wird Zeit, daß wir ihm diese Flausen austreiben, solange wir noch einen Fetzen Haut an unseren Füßen haben. Außerdem mag ich dieses Land Wambes nicht, das wahrhaftig voller Geister ist. Erst in der vergangenen Nacht habe ich sie bei der Arbeit hören können – sie waren auf der Jagd und haben geschossen, zumindest hat es so geklungen. Es ist alles sehr seltsam, aber vielleicht hat der Irrsinn des Macumazahn ...‹ ›Gobo, du Schurke!‹ rief ich und setzte mich auf meiner Decke kerzengerade auf. ›Sitz nicht faul herum, sondern mach mir einen Kaffee!‹ Sofort sprangen Gobo und sein Freund auf und eilten respektvoll hin und her auf eine Art, die in starkem Kontrast zu der Überheblichkeit ihrer vorangegangenen Worte stand. Doch was sie über die weitere Jagd auf die drei Elefanten gesagt hatten, war ihnen durchaus ernst gewesen, denn noch bevor ich meinen Kaffee ausgetrunken hatte, traten alle Boys
geschlossen vor mich hin und erklärten, falls ich die Absicht haben sollte, den Elefanten weiter zu folgen, so müßte ich das alleine tun, denn sie würden nicht mehr mitkommen. Ich redete auf sie ein, bat sie, mich nicht im Stich zu lassen und tat, als ob ich über ihre Weigerung sehr betroffen wäre. Die Elefanten befänden sich in unmittelbarer Nähe, erklärte ich ihnen, dessen sei ich absolut sicher, da ich sie während der Nacht trompeten gehört hätte. ›Ja‹, antworteten die Männer gewichtig, ›auch wir haben in der Nacht Geräusche gehört, Geräusche, die nicht angenehm zu hören waren; wir haben Geister gehört, die zum Schießen umherzogen, und wir wollen nicht länger in einem Land bleiben, in dem es so unheimlich spukt.‹ ›Das ist Unsinn‹, antwortete ich, ›wenn Geister umherzögen und schössen, würden sie Luftgewehre benutzen, und nicht Schwarzpulverpatronen abfeuern, und ein Luftgewehr kann niemand hören. Aber wenn ihr Feiglinge seid und nicht mitkommen wollt, kann ich euch natürlich nicht dazu zwingen, doch möchte ich euch einen Vorschlag machen. Wir wollen diese Elefanten noch eine halbe Stunde länger verfolgen. Wenn wir sie dann nicht finden, werden wir die Jagd abbrechen und geradewegs zu Wambe gehen, dem Häuptling der Matuku, und ihm unsere Aufwartung machen.‹ Diesem Kompromißvorschlag stimmten die Männer sofort zu. Also brachen wir etwa eine halbe Stunde darauf unser Lager ab und machten uns auf den Weg, und trotz meiner Kratzer, Blutergüsse und Schmerzen habe ich mich wahrscheinlich niemals
besser gefühlt als während dieses Marsches. Es ist schließlich etwas, am Morgen aufzuwachen und sich daran zu erinnern, in der vergangenen Nacht ganz allein gegen drei der größten Elefanten Afrikas gekämpft und sie besiegt zu haben, sie mit drei Kugeln getötet zu haben. Das ist meines Wissens noch nie zuvor jemandem gelungen, und an jenem Morgen kam ich mir wahrlich wie ein Riese vor. Ich fürchtete nur, daß niemand mir diese Geschichte glauben würde, wenn ich Gelegenheit finden sollte, sie zu erzählen, denn wenn eine außergewöhnliche Geschichte von einem Jäger erzählt wird, nehmen die Menschen an, daß sie bestimmt erlogen ist, und nicht nur wahrscheinlicherweise.* Wir zogen also weiter, bis wir die erste Lichtung erreichten, auf der ich die Löwen gesehen hatte, und gelangten zu dem Buschstreifen, welcher sie von der zweiten trennte, auf der die toten Elefanten lagen. Und hier begann ich, ausgedehnte Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen; so befahl ich Gobo, einige Yards vorauszugehen und die Augen offen zu halten, da ich vermute, daß die Elefanten sich in diesem Gebiet aufhielten. Er befolgte meine Anordnung mit einem überlegenen Lächeln und ging los. Kurz darauf sah *
Um jene zu befriedigen, die einen solchen Standpunkt gegenüber Mr. Quatermains Geschichte einnehmen mögen, darf der Herausgeber bestätigen, daß ein Gentleman, mit dem er gut bekannt ist, und dessen Glaubwürdigkeit nach seinem Dafürhalten über jeden Zweifel erhaben ist, ihm vor noch nicht lange zurückliegender Zeit schilderte, wie es ihm gelungen war, vier afrikanische Elefanten mit vier Kugeln zu töten. Zwei dieser Elefanten hatten ihn gleichzeitig angegriffen, und von den vieren wurden zwei durch Kopfschuß getötet, was bei afrikanischen Elefanten nur selten gelingt. – Der Herausgeber.
ich, wie er so plötzlich stehenblieb, als ob er von einer Kugel getroffen worden wäre, und dann begann er kaum hörbar mit den Fingern zu schnippen. ›Was gibt's?‹ flüsterte ich. ›Der Elefant, der große Elefant mit dem einen Stoßzahn kniet dort vorn!‹ Ich kroch neben ihn. Dort kniete der Bulle, so, wie ich ihn in der vergangenen Nacht zurückgelassen hatte, und unweit von ihm lagen die beiden anderen Bullen. ›Schlafen diese Elefanten?‹ flüsterte ich dem verblüfften Gobo zu. ›Ja, Macumazahn, sie schlafen.‹ ›Nein, Gobo, sie sind tot.‹ ›Tot? Wie können sie denn nur tot sein? Wer hat sie getötet?‹ ›Wie nennen die Menschen mich, Gobo?‹ ›Sie nennen dich Macumazahn.‹ ›Und was bedeutet Macumazahn?‹ ›Es ist der Name für den Mann, der seine Augen offen hält, den Mann, der in der Nacht wach ist.‹ ›Ja, Gobo, und der Mann bin ich. Seht, ihr faulen, nichtsnutzigen Feiglinge, während ihr in der vergangenen Nacht schlieft, stand ich auf, verfolgte allein diese großen Elefanten und tötete sie beim Licht des Mondes. Jedem von ihnen gab ich eine Kugel, und nur eine einzige, und er sank tot zu Boden. Seht‹, fuhr ich fort und trat auf die Lichtung, ›hier ist meine Spur, und dort die Spur des großen Bullen, der mich angriff, und hier ist der Baum, hinter dem ich mich in Sicherheit brachte; seht, der Elefant hat ihn bei seinem Ansturm abgebrochen. Oh, ihr Feiglinge, die ihr die Jagd aufgeben wolltet, während die Schweißspur vor
euren Nüstern dampfte, seht, was ich ganz allein getan habe, während ihr schliefet, und verkriecht euch vor Scham!‹ ›Ou!‹, sagten die Männer, ›ou! Koos y umcool!‹ (Häuptling, großer Häuptling!) Und dann verfielen sie in Schweigen, traten zu den drei toten Tieren und starrten sie wortlos an. Danach jedoch behandelten diese Männer mich mit einem Respekt, als ob ich mehr als menschlich wäre. Kein Sterblicher, so sagten sie, hätte jene drei Elefanten allein und in der Nacht töten können. Von da an hatte ich nie wieder irgendwelche Schwierigkeiten mit ihnen. Ich glaube, wenn ich ihnen befohlen hätte, von einer hohen Klippe hinabzuspringen, mit der Versicherung, daß ihnen dabei nichts geschehen würde, sie hätten es getan. Nun trat ich zu den drei Bullen und prüfte sie. Solche Stoßzähne, wie sie sie aufwiesen, hatte ich noch nie zuvor gesehen und werde ich auch niemals mehr sehen. Wir brauchten den ganzen Tag dazu, sie herauszuschneiden, und als sie schließlich nach Delagoa Bay gelangten, wenn auch nicht mehr in meinem Besitz, drückte der einzelne Stoßzahn des großen Bullen die Waage auf einhundertsechzig Pfund, und die anderen vier Stoßzähne hatten ein Durchschnittsgewicht von neunundneunzig Pfund – eine herrliche, eine fast einmalig große Menge Elfenbein.* Unglücklicherweise war ich gezwungen, den großen Stoßzahn in zwei Teile zu zersägen, da wir ihn sonst nicht hätten tragen können.« *
Der größte Stoßzahn eines Elefanten, von dem der Herausgeber erfahren hat wog einhundertfünfzig Pfund. – Der Herausgeber.
»Oh, Quatermain, Sie Barbar!« unterbrach ich an dieser Stelle seine Erzählung. »Wie konnten Sie einen solchen Stoßzahn zerstören! Also, ich würde ihn ganz gelassen haben, und wenn ich ihn allein hätte über den Boden schleifen müssen.« »O ja, junger Mann«, antwortete er, »Sie haben gut reden, doch wenn Sie sich in der Lage befunden hätten, die mir ein paar Stunden später beschieden war, würden Sie wahrscheinlich die Stoßzähne auf der Stelle weggeworfen haben und so schnell wie möglich fortgelaufen sein.« »Oh«, sagte Good, »ist das das Ende Ihrer Geschichte? Eine sehr gute Geschichte übrigens, Quatermain – ich hätte mir keine bessere ausdenken können.« Der alte Mann blickte Good mißbilligend an, denn es irritierte ihn, wenn jemand abfällige Bemerkungen über seine Geschichten machte. »Ich weiß nicht, was das heißen soll, Good. Ich kann keinen Zusammenhang erkennen zwischen der wahrheitsgemäßen Schilderung eines Abenteuers und den unglaubhaften Schilderungen von Steinbökken, die an ihren Hörnern hängen, die Sie uns auftischten. Nein, es ist nicht das Ende der Geschichte, der aufregendste Teil steht noch bevor. Doch für diesen Abend habe ich genug geredet, und wenn Sie so weitermachen, Good, mag es eine geraume Zeit dauern, bis ich weitererzähle.« »Es tut mir leid, daß ich unhöflich gewesen bin«, sagte Good zerknirscht. »Trinken wir zum Zeichen dafür, daß Sie es mir nicht übel nehmen.« Und das taten sie.
5 Die Botschaft Maiwas Am darauffolgenden Abend speisten wir wieder zusammen, und Quatermain erklärte sich nach einigem Zureden dazu bereit, mit seiner Geschichte fortzufahren – denn Goods Bemerkung wurmte ihn noch immer. »Endlich«, begann er, »ein paar Minuten vor Sonnenuntergang war die Arbeit geschafft. Wir hatten den ganzen Tag lang geschuftet und uns lediglich eine kurze Mittagspause gegönnt, denn es ist keine leichte Aufgabe, fünf solche Stoßzähne herauszubrechen, wie sie nun in einer weißen, schimmernden Reihe vor mir lagen. Das Abendessen war sehr bemerkenswert, kann ich Ihnen versichern, denn es bestand aus dem Herzen des gewaltigen Elefantenbullen mit dem einen Stoßzahn, und es war so riesig, daß der Mann, den ich in den Kadaver hineingeschickt hatte, um danach zu suchen, es nur in zwei Teile zerlegt herausbringen konnte. Wir schnitten es in Scheiben und brieten es in Fett, und ich habe nie ein Herz gegessen, das so gut geschmeckt hat wie dieses, denn das Fleisch schien einem auf der Zunge zu zergehen. Übrigens habe ich das Maul dieses Bullen untersucht: er hatte nie einen zweiten Stoßzahn gehabt; der andere war also nicht abgebrochen und auch nicht in rudimentärer Form vorhanden. Nun, da lagen sie also, die fünf Prachtstücke, oder vielmehr vier von ihnen, denn Gobo und ein anderer Mann waren damit beschäftigt, den Stoßzahn des großen Bullen in zwei Teile zu sägen. Schweren Herzens
hatte ich ihnen den Auftrag dazu erteilt, jedoch nicht, bevor ich mich davon überzeugt hatte, daß es in der Tat unmöglich war, ihn in einem Stück zu transportieren. Einhundertundsechzig Pfund soliden Elfenbeins sind einfach zu viel, um von zwei Männern über längere Strecken unwegsamen Landes getragen zu werden. Ich sah ihnen bei der Arbeit zu und rauchte meine Pfeife, als sich plötzlich die Dschungelwand auftat und ein sehr hübsches und vornehm wirkendes Eingeborenenmädchen, etwa zwanzig Jahre alt, heraustrat, mit einem Korb grüner Maiskolben auf dem Kopf. Obwohl ich ziemlich überrascht war, ein Eingeborenenmädchen in einer so unwirtlichen Gegend und, soweit ich wußte, weitab von jedem Kraal, anzutreffen, habe ich dieser Angelegenheit keine große Bedeutung beigemessen; ich rief lediglich einen der Männer heran und befahl ihm, der Frau die Maiskolben abzukaufen und sie zu fragen, ob man noch mehr davon in dieser Gegend erwerben könnte. Dann wandte ich mich wieder um und überwachte weiter das Zersägen des Stoßzahns. Plötzlich fiel ein Schatten auf mich. Ich blickte auf und sah, daß das Mädchen direkt vor mir stand, den Korb mit den Maiskolben noch immer auf dem Kopf. ›Marême, Marême‹, sagte sie leise und klatschte in die Hände. Das Wort ›Marême‹ hat bei diesen Matuku (sie war selbst keine Matuku, wie sich herausstellte) die gleiche Bedeutung wie bei den Zulus ›Koos‹, und das Händeklatschen ist eine ehrfürchtige Grußform, die bei den Stämmen der Basutu sehr verbreitet ist. ›Was ist, Mädchen?‹ fragte ich sie auf Sisutu. ›Sind diese Maiskolben zu kaufen?‹
›Nein, großer weißer Jäger‹, antwortete sie auf Zulu, ›ich bringe sie als Geschenk.‹ ›Gut‹, sagte ich, ›dann stell sie dorthin!‹ ›Ein Geschenk für ein Geschenk, weißer Mann.‹ ›Ah‹, knurrte ich, ›die alte Geschichte – es gibt nichts für nichts in dieser sündigen Welt. Was willst du – Glasperlen?‹ Sie nickte, und ich wollte gerade einem der Männer sagen, daß er welche aus den Traglasten holen sollte, als sie abwinkte. ›Ein Geschenk aus der Hand des Gebers ist eine doppelte Gabe‹, sagte sie, und ich hatte den Eindruck, als ob sie das ernst meinte. ›Du meinst damit, daß ich sie dir selbst geben soll?‹ ›Ja.‹ Ich erhob mich, um mit ihr zu gehen. ›Wie kommt es, daß du, die du eine Matuku bist, die Sprache der Zulus sprichst?‹ fragte ich mißtrauisch. ›Ich bin nicht von den Matuku‹, antwortete sie, sobald wir außer Hörweite der Männer waren. ›Ich gehöre zum Volke Nala, dessen Stamm der ButianaStamm ist und das hier lebt.‹ Sie deutete über die Berge hinweg. ›Und ich bin auch eine der Frauen von Wambe‹, setzte sie hinzu, und ihre Augen funkelten, als sie den Namen aussprach. ›Wie bist du hierhergekommen?‹ ›Auf meinen Füßen‹, antwortete sie lakonisch. Wir hatten die Traglasten erreicht, ich öffnete eine von ihnen und nahm eine Handvoll Glasperlen heraus. ›Jetzt‹, sagte ich, ›eine Gabe für die andere. Gib mir die Maiskolben.‹ Sie nahm die Glasperlen, ohne sie auch nur anzusehen, was mich sehr verwunderte, dann stellte sie
den Korb auf die Erde und leerte ihn aus. Auf dem Boden des Korbes befanden sich einige seltsame grüne Blätter, die in ihrer Form eine gewisse Ähnlichkeit mit den Blättern des Guttaperchabaums aufwiesen, jedoch etwas dicker waren, und viel fleischiger. Wie nebenbei nahm das Mädchen eins dieser Blätter aus dem Korb und roch daran. Dann reichte sie es mir. Ich nahm das Blatt, und da ich annahm, sie wollte, daß ich ebenfalls daran röche, wollte ich dies gerade tun, als mein Blick auf seltsame rote Kratzer in der grünen Oberfläche des Blattes fiel. ›Ah‹, sagte das Mädchen (dessen Name übrigens Maiwa war) flüsternd, ›lies die Zeichen, weißer Mann! Lies die Zeichen!‹ Ohne ihr zu antworten, starrte ich weiter auf das Blatt. Es war mit einem scharfen Instrument geritzt oder vielmehr beschriftet worden, mit etwas wie einem Nagel, und wo immer dieses Instrument es berührt hatte, war der säurehaltige Saft durch die äußere Schicht gequollen und hatte sie rostrot verfärbt. Schließlich fand ich den Anfang dieses Gekritzels, das auf englisch abgefaßt war und die ganze Oberfläche des Blattes bedeckte, und auch noch die zweier weiterer, die sich in dem Korb befanden. Ich habe gehört, daß ein weißer Mann im Land der Matuku jagt. Dies ist eine Warnung an ihn, nicht über die Berge zu kommen. Wambe hat bei Tagesanbruch ein Impi* ausgesandt, um ihn zu töten, weil er gejagt hat, bevor er ihm Hongo** brachte. Um Gottes willen, wer immer Sie sein mögen, versuchen Sie, mir zu helfen! Ich * **
Ein Trupp Krieger Tribut
bin seit fast sieben Jahren der Sklave dieses Teufels Wambe, und ich werde ständig geschlagen und gefoltert. Er hat alle anderen von uns ermordet, mich jedoch am Leben gelassen, da ich Eisen gießen und schmieden kann. Maiwa, seine Frau, bringt diese Nachricht zu Ihnen; sie ist auf der Flucht zu Nala, ihrem Vater, weil Wambe ihr Kind getötet hat. Versuchen Sie, Nala dazu zu bringen, Wambe anzugreifen! Maiwa kann Sie über die Berge führen. Sie werden es nicht umsonst tun, denn der Zaun von Wambes privatem Kraal besteht aus Elefantenstoßzähnen. Um Gottes willen, lassen Sie mich nicht im Stich, denn sonst werde ich mich töten. Ich kann dieses Leben nicht länger ertragen. John Every. ›Gott im Himmel‹, flüsterte ich. ›Every! – das muß doch mein alter Freund sein.‹ Das Mädchen – oder vielmehr die junge Frau – Maiwa, bedeutete mir, das Blatt umzudrehen, da dort noch mehr geschrieben stünde. Die Inschrift lautete: Eben habe ich erfahren, daß der weiße Mann Macumazahn genannt wird. Wenn dem so ist, so muß es mein Freund Quatermain sein. Ich flehe zum Himmel, daß er es ist, denn ich weiß, daß er einen alten Freund, der in einer solchen Lage ist, wie ich es bin, nicht im Stich lassen wird. Es ist nicht so, daß ich mich vor dem Tod fürchten würde, mir ist es gleich, ob ich lebe oder sterbe, aber ich will vorher eine Chance haben, mir Wambe vorzunehmen. Nein, alter Junge, dachte ich mir, ich denke nicht daran, dich hier stecken zu lassen, wenn ich die Mög-
lichkeit habe, dich herauszuholen. Ich habe schon früher den Fuchs gespielt – und ich habe mir noch ein paar Tricks davon aufgehoben. Ich muß jetzt einen Plan machen, das ist alles. Und dann ist da auch noch dieser Zaun aus Stoßzähnen. Den werde ich auch nicht im Stich lassen. Ich wandte mich wieder an die Frau. ›Du heißt Maiwa?‹ ›So ist es.‹ ›Und du fliehst von Wambe zu Nala?‹ ›Das tue ich.‹ ›Warum fliehst du? Warte, ich werde gleich die nötigen Befehle geben.‹ Ich rief nach Gobo und befahl ihm, alles für einen sofortigen Aufbruch vorzubereiten. Die Frau, die, wie ich bereits sagte, sehr jung und ausnehmend hübsch war, fuhr mit der Hand in eine Tasche aus Antilopenfell, die sie an ihrem Gürtel trug, und zog zu meinem Entsetzen die verdorrte Hand eines Kindes heraus, die offensichtlich sorgfältig im Rauch getrocknet worden war. ›Das ist der Grund für meine Flucht‹, antwortete sie und streckte mir die winzige Hand entgegen. ›Sieh, ich habe ein Kind geboren. Wambe war sein Vater, und achtzehn Monde hat das Kind gelebt, und ich habe es geliebt. Doch Wambe liebt seine Kinder nicht; er tötet sie alle. Er fürchtet, daß sie aufwachsen und einen, der so furchtbar ist, töten könnten, und er würde dieses Kind auch sofort nach seiner Geburt getötet haben, doch habe ich um sein Leben gefleht. Eines Tages aber kamen ein paar Krieger an der Hütte vorbei, sahen das Kind, salutierten und sprachen den Jungen als ‚Häuptling, der bald sein wird‘ an. Wambe hörte das und wurde wütend. Er prügelte
das Kind, und es weinte. Da sagte er, daß er ihm einen wirklichen Grund zum weinen geben würde. Unter den Dingen, die er den weißen Männern geraubt hatte, die er tötete, befindet sich eine Löwenfalle. Sie ist so stark, daß vier Männer sich daraufstellen müssen, zwei auf jeder Seite, um sie zu spannen.‹« Hier brach der alte Quatermain plötzlich ab. »Hören Sie, meine Freunde«, sagte er. »Ich kann diesen Teil der Geschichte nicht erzählen, weil ich es nie ertragen kann, Kinder leiden zu sehen oder von dem Leiden von Kindern zu sprechen. Sie können sich vorstellen, was dieser Teufel getan hat, und was diese arme Mutter gezwungen war, mit anzusehen. Ob Sie es glauben oder nicht, sie hat mir die Geschichte ohne das geringste Zittern in ihrer Stimme berichtet, auf eine unvorstellbar sachliche Art. Ich bemerkte lediglich, daß ihre Augenlider dabei ständig zitterten. ›Nun‹, sagte ich so unbeteiligt, wie es mir möglich war, als ob sie mir nur von dem Tod eines Lammes erzählt hätte, obwohl ich innerlich krank vor Entsetzen war und vor Wut kochte, ›und was gedenkst du jetzt zu tun, Maiwa, Frau von Wambe?‹ ›Ich gedenke dieses zu tun, weißer Mann‹, antwortete sie, richtete sich zu ihrer vollen Größe auf und sprach mit einer Stimme, die so hart wie Stahl war, und so kalt wie Eis – ›ich gedenke daran zu arbeiten, und zu arbeiten, und zu arbeiten, um dieses zu erreichen, und um jenes zu erreichen, bis endlich der Tag kommt, an dem diese meine Augen Wambe den Tod sterben sehen, den er seinem Kind und meinem Kind gegeben hat.‹
›Gut gesprochen‹, antwortete ich. ›Ja, gut gesprochen, Macumazahn, gut gesprochen, und nicht leicht vergessen. Wer könnte auch vergessen, oh, wer könnte vergessen? Sieh, so wie diese verdorrte Hand jetzt an meiner Seite liegt, ruhte sie einst auf ihr, als sie noch lebte. Und jetzt, obwohl sie tot ist, kriecht sie Nacht für Nacht aus ihrem Nest und streichelt mein Haar und umschließt meine Finger mit ihren winzigen. Jede Nacht tut sie das, aus Furcht, daß ich vergessen könnte. Oh, mein Kind! Mein Kind! Noch vor zehn Tagen hielt ich dich an meiner Brust, und jetzt ist mir dies allein von dir geblieben.‹ Und sie küßte die kleine tote Hand und erschauerte, doch kein Schluchzen drang aus ihrer Brust. ›Höre‹, fuhr sie fort, ›der weiße Mann, der Gefangene in Wambes Kraal, er war gut zu mir. Er liebte das Kind, das jetzt tot ist, ja, er weinte, als sein Vater es umbrachte, und sagte unter Riskierung seines Lebens Wambe, meinem Ehegemahl – ah, ja, meinem Ehegemahl! – seine Meinung. Er war es auch, der den Plan gemacht hat. Er sagte zu mir: ‚Geh, Maiwa, wie es der Brauch deines Volkes ist, geh, um dich allein im Busch zu reinigen, nachdem du einen Toten berührt hast. Sag Wambe, daß du für fünfzehn Tage allein in den Busch gehen wirst, um dich zu reinigen, wie es der Brauch deines Volkes ist. Dann fliehe zu deinem Vater, Nala, und stachle ihn gegen Wambe auf, wegen deines Kindes, das tot ist.‘ Dies sagte er zu mir, und seine Worte klangen gut in meinen Ohren, und noch in jener Nacht, bevor ich fortging, um mich zu reinigen, kam die Nachricht, daß ein weißer Mann im Lande jage, und Wambe, der vom Trunk wütend
war, begann zu toben und befahl, daß ein Impi ausziehen solle, um den weißen Mann und seine Diener zu töten und seine Habe zu rauben. Dann war es, daß der ‚Hämmerer des Eisens‘ (Every) die Botschaft auf die grünen Blätter schrieb und mir befahl, dich aufzufinden und dir alles zu sagen, so daß du dich durch die Flucht retten könntest; und siehe, dies habe ich nun getan, Macumazahn, der Jäger, der Elefantentöter.‹ ›Ah‹, sagte ich, ›und dafür danke ich dir. Und wie viele Männer umfaßt dieses Impi Wambes?‹ ›Ein Hundert Männer, und ein halbes Hundert.‹ ›Und wo ist dieses Impi jetzt?‹ ›Dort im Norden. Es folgt deiner Spur. Ich sah es gestern vorbeiziehen, dachte mir jedoch, daß du näher den Bergen sein würdest und kam diesen Weg und fand dich. Morgen bei Tagesanbruch werden die Krieger, die dich töten sollen, hier sein.‹ ›Sehr wahrscheinlich‹, murmelte ich. Aber sie werden Macumazahn hier nicht finden, setzte ich in Gedanken hinzu. Ich überlegte mir jedoch ernsthaft, eine Dosis Strychnin in die Kadaver der Elefanten zu verteilen, als besondere Aufmerksamkeit. Ich wußte, daß sie hier eine Rast einlegen würden, um von den Elefanten zu essen, und das taten sie auch, zu unserem großen Glück, doch verwarf ich die Idee, sie zu vergiften wieder, da ich nicht mehr viel Strychnin hatte.« »Oder weil es Ihnen nicht gefiel, sie so hereinzulegen, Quatermain?« sagte ich lachend. »Ich sagte, weil ich nicht mehr genug Strychnin besaß. Es hätte eine Menge Strychnin erfordert, um drei Elefantenkadaver damit wirksam zu vergiften«, antwortete der alte Gentleman scharf.
Ich sagte nichts weiter, lächelte vor mich hin, da ich wußte, daß der alte Allan sich niemals hätte dazu überwinden können, zu einem solchen Mittel zu greifen, ganz gleich, wie schwierig seine Lage auch sein mochte. Doch das war so seine Art: er gefiel sich darin, sich als kalten, gnadenlosen Mann hinzustellen. »In diesem Augenblick«, fuhr er in seiner Erzählung fort, »trat Gobo zu mir und verkündete, daß alles zum Aufbruch vorbereitet sei. ›Ich bin froh, daß ihr marschbereit seid‹, sagte ich zu ihm, ›denn wenn ihr jetzt nicht marschiert, und zwar sehr schnell, werdet ihr nie wieder marschieren. Das ist alles. Wambe hat nämlich ein Impi ausgesandt, um uns zu töten, und es wird sehr bald hier sein.‹ Gobo wurde wahrhaftig grün im Gesicht, und seine Knie schlotterten. ›Ah! Was habe ich gesagt?‹ schrie er. ›Das Schicksal ist in Wambes Land losgelassen!‹ ›Sehr richtig; aber ihr braucht jetzt nichts weiter zu tun, als euch ein wenig schneller zu bewegen als das Schicksal. Nein, nein, ihr werdet die Elefantenzähne nicht zurücklassen – die gebe ich auf gar keinen Fall auf!‹ Gobo sagte nichts mehr, sondern befahl den Männern hastig, ihre Lasten aufzunehmen und fragte mich dann, in welche Richtung wir fortlaufen würden. ›Ja, richtig‹, sagte ich zu Maiwa, ›in welche Richtung?‹ ›Dorthin‹, sagte sie und deutete auf die hohe, vom Hauptmassiv abführende Bergkette, die etwa vierzig Meilen entfernt zum Himmel emporragte und die Herrschaftsgebiete von Wambe und Nala trennte.
›Dort, unterhalb jenes kleinen Gipfels, gibt es eine Stelle, die Menschen passieren können, aber nur einer nach dem anderen. Sie kann auch leicht von oben blockiert werden. Wenn man nicht die Schlucht benutzt, muß man um den hohen Gipfel herumgehen, und das ist ein Marsch von zwei Tagen und einem halben.‹ ›Und wie weit ist dieser Gipfel von uns entfernt?‹ ›Die ganze Nacht durch müßt ihr marschieren und den ganzen morgigen Tag, und wenn ihr schnell marschiert, werdet ihr bei Sonnenuntergang auf dem Gipfel dieses Berges stehen.‹ Ich stieß einen leisen Pfiff aus, denn das bedeutete eine Plackerei von fünfundvierzig Meilen ohne Schlaf. Ich befahl den Männern, daß jeder von ihnen so viel gebratenes Elefantenfleisch mitnehmen sollte, wie er ohne Schwierigkeit tragen konnte. Ich tat das gleiche und zwang die junge Frau dazu, etwas davon zu essen, während wir marschierten. Dies gelang mir aber nur unter großen Schwierigkeiten, denn sie schien zu der Zeit weder Nahrung, noch Schlaf, noch Ruhe zu brauchen, so fanatisch war sie entschlossen, Rache zu nehmen. Wir brachen auf, und Maiwa führte uns. Nachdem wir etwa eine halbe Stunde über allmählich ansteigendes Gelände gegangen waren, erreichten wir den jenseitigen Rand einer großen, buschbewachsenen Senke, die wie der Grund eines ausgetrockneten Sees wirkte. Diese Senke, die wir durchschritten hatten, war mit sehr dichtem Busch bestanden, ja, fast von ihm bedeckt, mit Ausnahme der Stellen, an denen sich Lichtungen befanden, wie jene, auf denen ich die Elefanten geschossen hatte.
Auf der Höhe dieses Hanges blieb Maiwa stehen, legte die Hand über die Augen und blickte zurück. Dann berührte sie mich am Arm und deutete über das Meer von Wald zu einem relativ freien Teil des Landes, der etwa sechs oder sieben Meilen entfernt war. Ich blickte in die Richtung, und plötzlich sah ich in den roten Strahlen der untergehenden Sonne etwas aufblitzen. ›Was ist es?‹ fragte ich. ›Das sind die Speere von Wambes Impi, und sie kommen rasch näher‹, antwortete sie kühl. Ich nehme an, daß mein Gesicht verriet, wie wenig mir diese Mitteilung gefiel, denn sie fuhr fort: ›Keine Angst, sie werden bleiben, um sich an den Elefanten zu mästen. Und während sie sich mästen, marschieren wir. Wir können ihnen sicher entkommen.‹ Danach zogen wir weiter, bis es schließlich dunkel wurde und wir eine Rast einlegen mußten, bis der Mond aufgehen würde, was zwar Zeit kostete, uns jedoch auch bitter benötigte Ruhe schenkte. Glücklicherweise hatte keiner der Männer das unheildrohende Aufblitzen der Speere bemerkt, denn wenn das der Fall gewesen wäre, hätten wir sie, wie ich glaube, kaum im Zaum halten können. So wie die Dinge lagen, marschierten sie schneller, als ich es bei lastentragenden Eingeborenen jemals erlebt hatte, so gewaltig war ihr Bestreben, Wambes Land hinter sich zu lassen. Ich traf jedoch die Vorsichtsmaßnahme, als letzter zu marschieren, da ich befürchtete, daß sie ihre Lasten wegwerfen könnten, um sich das Marschieren zu erleichtern, oder, noch schlimmer, die Stoßzähne; denn diese Burschen würden alles wegwerfen, wenn ihr Fell in Gefahr war. Wenn der fromme Äneas, des-
sen Geschichte Sie mir neulich vorlasen, ein bastardisierter Eingeborener von Delagoa Bay gewesen wäre, hätte Anchises kaum eine Chance gehabt, aus Troja zu entkommen, das heißt, wenn bekannt geworden wäre, daß er ein zufriedenstellendes Testament aufgesetzt hatte. Bei Mondaufgang brachen wir wieder auf und marschierten mit nur wenigen, kurzen Unterbrechungen bis zum Morgengrauen, wo wir gezwungen waren, uns auszuruhen und zu essen. Etwa gegen halb sechs brachen wir wieder auf und erreichten um die Mittagszeit den Fluß. Dann begann der lange, mühsame Aufstieg durch dichten Busch, derselbe, in dem ich den Büffel geschossen hatte, nur etwa zwanzig Meilen westlich von jener Stelle, und nicht mehr als fünfundzwanzig Meilen von der diesseitigen Grenze von Wambes Kraal entfernt. Sechs oder sieben Meilen dieses dichten Busches waren zu überwinden, und es war eine sehr harte Arbeit, hindurchzukommen. Anschließend kam ein Gürtel dünneren Waldes, wo wir es leichter hatten, obwohl der Boden hier steiler anstieg, wie um die Erleichterung auszugleichen. Dieses Stück war etwa zwei Meilen breit, und gegen vier Uhr nachmittags hatten wir es hinter uns gebracht. Hinter diesem Waldgürtel befand sich ein langer, steiler, mit Felsblöcken übersäter Hang, der sich bis zu dem etwa drei Meilen entfernten Fuß des Berggipfels erstreckte. Als wir aus dem Wald heraustraten, mit schmerzenden Füßen und völlig erschöpft, und diesen unfreundlichen Berghang vor uns liegen sahen, blickten ein paar der Männer zurück und entdeckten die Speere des heranrückenden Impis, das von Wambe ausgeschickt worden war, und das
sich jetzt nicht mehr als eine Meile hinter uns befand. Die erste Reaktion war Panik; die Träger wollten augenblicklich ihre Lasten abwerfen und weglaufen, doch ich schrie sie an und drohte, jeden Mann zu erschießen, der das täte, und daß ich sie aus dieser Situation herausbringen würde, wenn sie mir nur vertrauten. Nun hatte ich seit der Zeit, als ich allein die drei Elefantenbullen getötet hatte, einen großen Einfluß auf diese Männer, und deshalb hörten sie auf mich. Also marschierten wir weiter, so schnell, wie es uns möglich war – die Männer des Alpen-Clubs hätten sicher nicht mit uns Schritt halten können. Wir liefen uns die Schuhsohlen heiß, wie man so sagt. Als wir etwa eine Meile hinter uns gebracht hatten, begannen die Speere aus dem Waldgürtel aufzutauchen, und wir hörten die wilden Schreie ihrer Träger, als sie uns entdeckten. So schnell unser Tempo auch bisher gewesen sein mochte, beschleunigte es sich nun noch mehr, denn die Angst verlieh meiner tapferen Mannschaft geradezu Flügel. Doch waren die Männer wirklich am Ende ihrer Kraft, und die Lasten wogen schwer, so daß, wir mochten so rasch marschieren, oder vielmehr steigen, wie wir konnten, Wambes Männer, ein verkommen wirkender Haufen, mit langen Speeren und kleinen Schilden bewaffnet, unaufhaltsam näher kamen. Die letzte Meile dieser Verfolgung war wie eine Fuchsjagd, wobei wir der Fuchs waren und immer in Sichtweite der Jäger blieben. Was mich in Erstaunen setzte, war die ungewöhnliche Ausdauer und Energie Maiwas. Sie zeigte zu keinem Zeitpunkt ein Nachlassen ihrer Kräfte. Die Muskeln dieses Mädchens mußten aus Stahl sein, oder vielleicht war es die Stärke ihres Willens, der sie
aufrecht hielt. Auf jeden Fall war sie die zweite, die den Fuß des Gipfels erreichte; der arme Gobo, der immer vornean war, wenn es ums Weglaufen ging, war natürlich als erster dort. Schließlich erreichte auch ich keuchend den Fuß des Gipfels und blickte an ihm hinauf. Vor uns erhob sich eine Felswand von etwa einhundertfünfzig Fuß Höhe, deren Schichten so lagen, daß sie eine Reihe von Vorsprüngen bildeten, die eine gewisse Ähnlichkeit mit Treppenstufen aufwiesen, wodurch der Anstieg erleichtert wurde, so weit man diesen Begriff überhaupt anwenden konnte, mit Ausnahme einer Stelle, wo man gezwungen war, einen Überhang zu erklimmen und dabei nach links zu steigen. Es war keine wirklich schwierige Stelle; was sie gefährlich machte, war, daß unmittelbar unterhalb der vorspringenden Klippe eine tiefe Schlucht, oder Donga, klaffte, an deren Rand wir jetzt standen, und die wohl einst von herabstürzendem Wasser ausgewaschen worden war. Dieser Abgrund unter ihnen würde wahrscheinlich die Nerven der weniger mutigen Männer bis zum Zerreißen anspannen, und so sollte es auch kommen. Wenn der Überhang überwunden war, bot der weitere Aufstieg keinerlei Schwierigkeiten mehr. Am Gipfel hing der Fels ebenfalls über und wurde lediglich von einer engen Schneise durchbrochen, die vom Wasser eingeschnitten war, und die durch einen einzigen Felsblock, von oben in ihn hineingerollt, so wirksam versperrt werden konnte, daß sie für Männer ohne Kletterseile unpassierbar war. In diesem Augenblick waren Wambes Krieger nur noch etwa tausend Yards von uns entfernt, also hatten wir keine Zeit zu verlieren. Ich befahl den Män-
nern, sofort mit dem Aufstieg zu beginnen. Das Mädchen Maiwa, das den Paß gut kannte, übernahm die Führung. Also begannen sie, hinaufzuklettern, wobei sie ihre Lasten vor sich her schoben und hoben. Als die ersten von ihnen, von Maiwa geführt, den überhängenden Felsen erreichten, legten sie ihre Lasten auf einem Felssims ab und kletterten hinauf. Oben angelangt, konnten sie, auf dem Bauch liegend, mit ihren Händen die Lasten erreichen, die von den unten stehenden Männern hochgestemmt wurden, und sie so über die schwierige Stelle heben, von wo aus sie dann leicht zum Gipfel weitergebracht werden konnten. Doch dies alles erforderte Zeit, und inzwischen waren die Krieger Wambes rasch näher gekommen, und sie schrien triumphierend und stießen ihre Speere in die Luft. Sie waren jetzt auf etwa vierhundert Yards heran, und noch immer mußten mehrere Lasten, vor allem alle Stoßzähne, über die hervorragende Klippe geschafft werden. Ich stand noch immer am Fuß des Gipfels und schrie den Männern oben Anweisungen zu, doch erkannte ich, daß es auch für mich bald an der Zeit sein würde, mich in Bewegung zu setzen. Bevor ich das tat, wollte ich jedoch den heranrückenden Feinden eine kleine Lektion erteilen. Ich hielt das Winchester-Repetiergewehr in der Hand, doch war die Entfernung noch zu groß, um es wirkungsvoll einsetzen zu können, also wandte ich mich an Gobo, der vor Angst schlotternd neben mir stand, reichte ihm das Gewehr und nahm ihm die schwere Expreßbüchse aus der Hand. Wambes Krieger waren inzwischen auf etwa dreihundertfünfzig Yards herangekommen, und das Vi-
sier der Expreßbüchse war nur bis auf dreihundert Yards einstellbar. Trotzdem wußte ich, daß sie auf die zusätzlichen fünfzig Yards verläßlich war. An der Spitze von Wambes Kriegern liefen zwei Männer – ihre Anführer, vermutete ich –, von denen einer ungewöhnlich groß war. Ich regulierte das Visier auf dreihundert Yards ein, setzte mich mit dem Rücken an seinen Felsen gelehnt, atmete tief durch, um ruhig zu werden, und richtete dann die Mündung auf den großen Mann, wobei ich den Abkommpunkt etwas höher legte. Als ich das Gefühl hatte, genau richtig zu halten, drückte ich ab, und bevor das Geräusch der einschlagenden Kugel meine Ohren erreichen konnte, sah ich, wie der Mann die Arme hochriß und zu Boden stürzte. Sein Gefährte hielt mitten im Lauf inne, wodurch er mir eine unverhoffte Chance gab. Ich zielte kurz und feuerte den linken Lauf ab. Der Mann drehte sich einmal um die eigene Achse und brach zusammen. Die anderen Krieger verhielten zögernd – sie hatten noch nie erlebt, daß ein Mann auf diese Entfernung getötet worden war, und fanden diese Vorstellung ziemlich unheimlich. Ich nutzte diese Atempause aus, gab die Expreßbüchse an Gobo zurück, hängte das Winchester-Repetiergewehr über die Schulter und begann, die Bergwand emporzusteigen. Als wir die überhängende Platte erreichten, waren alle Lasten nach oben gewuchtet worden, doch die Stoßzähne lagen noch immer auf dem darunter befindlichen Felssims: weil sie so schwer waren und weil sie eine so glatte Oberfläche hatten. Natürlich hätte ich die Stoßzähne aufgeben sollen; wie oft habe ich mir nicht seither bittere Vorwürfe gemacht! Offen gesagt bin ich heute der Meinung, daß meine Hart-
näckigkeit, sie um jeden Preis mitzunehmen, nichts weniger als sündhaft war, doch ich bin nun mal von jeher ein überaus hartnäckiger Bursche gewesen und konnte den Gedanken einfach nicht ertragen, diese herrlichen Elfenbeinzähne zu verlieren, die zu erringen mich so viele Mühe und Gefahren gekostet hatte. Nun, kurz gesagt, beinahe hätten sie mich auch mein Leben gekostet, und das des armen Gobo haben sie genommen, wie man gleich sehen wird, gar nicht zu sprechen von den Verlusten, die unsere Feinde durch mein Gewehr erlitten. Als ich den Überhang erreichte, sah ich, daß die Männer in ihrer gewohnten Ungeschicklichkeit, die Stoßzähne mit der Spitze voran hinaufzuschieben versuchten. Das Resultat war natürlich, daß die oben liegenden Männer keine andere Grifffläche hatten, als die runde, glatt polierte Oberfläche des Elfenbeins, die ihnen in der Position, in der sie sich befanden, nicht genügend Halt gab, um das schwere Gewicht hochzuziehen. Ich rief ihnen zu, die Stoßzähne umzudrehen, damit die oben liegenden Männer in ihren Hohlraum greifen könnten. Dies taten sie, und die ersten beiden Stoßzähne wurden in Sicherheit gebracht. Als ich mich darauf umwandte, sah ich die Matukus in einer losen, auseinandergezogenen Schlachtordnung, den Hang heraufschwärmen – und keine hundert Yards entfernt. Ich entsicherte die Winchester und legte an, um das Feuer auf sie zu eröffnen. Ich kann nicht genau sagen, wie viele meiner Schüsse danebengegangen sind, doch weiß ich, daß ich noch nie in meinem Leben besser geschossen habe. Ich mußte mein Ziel von einem Feind zum anderen wechseln und fast ohne ihn richtig ins Visier zu be-
kommen abdrücken, das heißt, allein nach Sicht, nach der Art, wie Varietékünstler Glaskugeln zerschießen. Doch so hastig ich auch feuern mußte, fielen doch Feinde in Haufen zu Boden, und als ich das Magazin von zwölf Schuß geleert hatte, war der Angriff für den Moment zum Stehen gebracht worden. In aller Eile lud ich nach, und kaum war das getan, als der Feind, der merkte, daß ich zu entkommen drohte, wieder mit einem mörderischen Geschrei voranstürmte. Inzwischen waren die beiden Hälften des gewaltigen Stoßzahns des großen Bullen allein übriggeblieben, um hinaufgewuchtet zu werden. Ich feuerte so schnell und so wirksam wie zuvor, doch einige Männer entkamen meinem Kugelhagel und begannen die Klippe emporzusteigen. Und dann war mein Gewehr leergeschossen. Ich schlang es über meinen Rücken, zog den Revolver, warf mich herum und ergriff die Flucht, da die Angreifer jetzt sehr nahe herangekommen waren. In diesem Moment fuhr ein Speer unmittelbar neben meinem Kopf in den Fels. Die zweite Hälfte des großen Stoßzahns wurde jetzt emporgezogen, und ich rief Gobo und dem Mann, der ihm geholfen hatte sie emporzuwuchten, zu, jetzt hinaufzuklettern und sich in Sicherheit zu bringen. Gobo, der arme Kerl, brauchte keine zweite Einladung dazu; genaugenommen war seine Eile sein Verhängnis. Mit einem Satz sprang er zu dem überhängenden Felsen hinauf. Das Ende des letzten hinaufgestemmten Stoßzahnes ragte noch immer darüber hinaus, und anstatt Halt an dem Felsen zu finden, ergriffen seine Hände das Elfenbein. Es glitt ihm aus der Hand – er verlor den Halt – er fiel; mit einem
Entsetzensschrei verschwand er in der darunter liegenden Felsspalte, und sein Körper berührte mich, während er stürzte. Einen Augenblick standen wir wie gelähmt, und dann drang das Geräusch des dumpfen Aufschlags seines Körpers zu uns herauf. Der arme Kerl, er war dem Schicksal begegnet, das, wie er immer wieder behauptet hatte, in Wambes Land umherging. Der andere Mann sprang jetzt mit neuer Energie und einem lauten Fluch auf und kletterte in Sicherheit. Entsetzt über das Grauenhafte, das geschehen war, stand ich reglos, bis ich die breite Klinge eines Makutu-Speers zwischen meinen Füßen gegen den Fels fahren sah. Das brachte mich zur Besinnung, und ich begann wie eine Katze den Fels hinaufzuklettern. Ich hatte es fast geschafft. Ich hatte bereits die Hand des tapferen Mädchens ergriffen, das herabgestiegen war, um mir zu helfen, nachdem die Männer mit den Lasten und dem Elfenbein weitergestiegen waren, als ich spürte, wie jemand mein linkes Fußgelenk umklammerte. ›Zieh, Maiwa, zieh!‹ keuchte ich, und sie zog mit aller Kraft. Maiwa war ein sehr kräftiges Mädchen, und noch nie zuvor habe ich die Vorteile guter körperlicher Entwicklung bei einer Frau mehr geschätzt, als in dieser Situation. Sie zog an meinem rechten Arm, und der Wilde unter mir zog an meinen rechten Bein, bis mir klar zu werden begann, daß früher oder später irgend etwas würde nachgeben müssen. Glücklicherweise behielt ich meine Nerven, wie jener Mann, der, als im Haus Feuer ausbrach, seine Schwiegermutter aus dem Fenster warf, und die Matratze sorgfältig hinaustrug. Meine rechte Hand war noch immer frei, und in ihr hielt ich den Revolver,
der mit einer Lederschnur an meinem Handgelenk befestigt war. Der Hahn des Revolvers war gespannt, und ich brauchte ihn nur nach unten zu richten und abzudrücken. Die Wirkung war plötzlich und – so weit sie mich betraf – sehr befriedigend. Die Kugel traf den Mann unter mir irgendwo, doch kann ich nicht sagen, an welcher Stelle; auf jeden Fall ließ er mein Bein sofort los und stürzte kopfüber in den Felsspalt, um Gobo Gesellschaft zu leisten. Im nächsten Augenblick war ich auf dem Felsüberhang und kletterte die restlichen Stufen empor wie ein Laternenanzünder. Ein einziger der Krieger setzte meine Verfolgung weiter fort, doch einer meiner Boys auf dem Gipfel schoß mit der Elefantenbüchse nach ihm. Ich weiß nicht, ob er ihn auch getroffen hat, oder ihm lediglich einen Schreck einjagte, auf jeden Fall verschwand er sehr eilig dorthin, von wo er gekommen war. Ich weiß jedoch, daß der Schütze um ein Haar mich getroffen hätte, denn ich spürte den Luftzug der Kugel. Dreißig Sekunden später waren Maiwa und ich auf dem Gipfel des Berges, atemlos, aber in Sicherheit. Meine Männer, von Maiwa entsprechend angewiesen, hatten inzwischen einige riesige Steine herangerollt, von denen dort viele herumlagen, und mit diesen gelang es uns in kurzer Zeit den engen Durchlaß zwischen den überhängenden Felsklippen so zu blokkieren, daß die Krieger auf keinen Fall hindurchgelangen konnten. Und so weit ich es beobachten konnte, haben sie nicht einmal den Versuch gemacht – ihr Herz hatte sich in Fett verwandelt, wie die Zulus zu sagen pflegen. Dann, nachdem wir uns ein wenig ausgeruht hat-
ten, nahmen wir die Lasten wieder auf, darunter auch die Stoßzähne, die einen so hohen Preis gefordert hatten, und marschierten schweigend eine Meile oder so, bis wir in dichten Busch gelangten. Und hier schlugen wir das Lager für die Nacht auf, da wir völlig erschöpft waren, trafen jedoch die Vorsichtsmaßnahme, Wachen aufzustellen, um vor Überraschungen sicher zu sein.«
6 Der Schlachtplan »Ungeachtet dessen, was wir durchgemacht hatten, oder vielleicht gerade deswegen, denn ich war absolut erledigt, schlief ich in jener Nacht so tief und fest wie der arme Gobo, um dessen zerschellten Körper jetzt die Hyänen schlichen. Wir standen am nächsten Morgen erfrischt und ausgeruht auf und marschierten weiter auf Nalas Kraal zu, den wir bei Sonnenuntergang erreichten. Er lag nach Zulu-Art auf einer offenen Fläche und bestand aus einer ringförmigen Dornenhecke und bienenkorbartigen Hütten. Der Rinderkraal lag hinter ihm und ein wenig nach links versetzt. Sowohl an den Gewohnheiten, als auch an der Sprache dieser Leute war klar zu erkennen, daß diese Butiana zu jener Gruppe der Bantu-Völker gehörten, die seit den Tagen T'Chakas als die ZuluRasse bekannt ist. Den Häuptling Nala sahen wir an jenem Abend nicht. Seine Tochter Maiwa ging sofort nach unserer Ankunft zu seinen Hütten, und wenig später erschien einer seiner Männer bei uns und brachte uns ein Schaf und Maiskolben und Milch. ›Der Häuptling entbietet dir seinen Gruß und wird morgen mit dir sprechen‹, erklärte er. Inzwischen solle er uns auf Befehl des Häuptlings zu einem Rastplatz bringen, wo wir und unsere Habe sicher und ungestört sein würden. Damit führte er uns zu mehreren sehr guten Hütten in unmittelbarer Nähe der Nalas, und dort schliefen wir ruhig und bequem. Am nächsten Morgen gegen acht Uhr erschien die-
ser Mann wieder und erklärte, daß Nala mich zu sprechen wünsche. Ich folgte ihm zu den Hütten Nalas und wurde dem Häuptling vorgestellt, einem gut aussehenden Mann von etwa fünfzig, mit sehr fein geformten Händen und Füßen und einem etwas nervös wirkenden Mund. Der Häuptling saß auf einem gegerbten Ochsenfell vor seiner Hütte. Neben ihm stand seine Tochter Maiwa, und um ihn herum hockten etwa zwanzig Dorfälteste oder Indunas, deren Zahl durch Neuankömmlinge ständig größer wurde. Diese Männer grüßten mich, als ich auf sie zutrat, und der Häuptling erhob sich, gab mir die Hand und befahl, einen Hocker zu bringen, auf den ich mich setzen konnte. Als dies getan war und ich Platz genommen hatte, dankte er mir wortreich und mit viel Eingeborenenhöflichkeit für den Schutz, den ich seiner Tochter in deren schmerzlicher und gefahrvoller Lage, in der sie sich befunden habe, hätte angedeihen lassen, und komplimentierte mich weidlich für das, was er meine Tapferkeit zu nennen beliebte, mit der ich den Paß gegen die Feinde verteidigt habe. Ich antwortete ihm mit passenden Worten und betonte, daß der Dank Maiwa gebühre, denn wenn nicht ihre Warnung und ihre Kenntnis des Landes gewesen wäre, würden wir heute nicht mehr unter den Lebenden sein; und was meine Verteidigung des Passes beträfe, so kämpfte ich um mein Leben, und das habe mir Mut verliehen. Nachdem diese Höflichkeiten ausgetauscht worden waren, forderte Nala seine Tochter auf, ihre Geschichte den Ältesten des Stammes zu erzählen, und dies tat sie sehr einfach und sehr wirkungsvoll. Sie rief ihnen ins Gedächtnis zurück, daß sie mit großem
Widerwillen Wambes Ehefrau geworden sei, und daß keine Rinder für sie bezahlt worden seien, da Wambe Krieg angedroht habe, wenn man sie ihm nicht ohne Bezahlung geben würde. Seit dem Tage, an dem sie in Wambes Kraal gebracht worden war, seien ihre Tage voller Leid und ihre Nächte voller Tränen gewesen. Sie sei geschlagen worden, sie sei vernachlässigt worden, und man habe sie gezwungen, die Arbeit einer niedrig geborenen Frau zu verrichten – sie, die sie die Tochter eines Häuptlings sei. Sie habe ihm ein Kind geboren, und dies sei die Geschichte jenes Kindes. Und bei absoluter Stille berichtete sie ihnen von den Entsetzlichkeiten, die sie mir bereits erzählt hatte. Als sie zu Ende gekommen war, schrien ihre Zuhörer entsetzt auf. ›Ou!‹ riefen sie, ›ou! Maiwa, Tochter Nalas!‹ ›So war es‹, fuhr sie mit blitzenden Augen fort, ›und es ist wahr; mein Mund ist so voller Wahrheit, wie eine Blume voller Honig ist, und meine Augen sind so voller Tränen, wie das Gras voller Tau ist, wenn der Morgen dämmert. Es ist wahr, denn ich sah das Kind sterben – und hier ist der Beweis dafür!‹ Und sie zog die winzige, tote Hand hervor und hielt sie ihnen vor Augen. ›Ou!‹ riefen sie wieder, ›ou! Es ist die tote Hand!‹ ›Ja‹, fuhr sie fort, ›es ist die tote Hand meines toten Kindes, und ich trage sie bei mir, auf daß ich nie vergessen möge, selbst nicht für eine kurze Stunde, daß ich lebe, damit ich Wambe sterben sehen möge, und meine Rache habe. Wirst du es zulassen, mein Vater, daß deine Tochter und deiner Tochter Kind von den Matuku so behandelt werden? Werdet ihr es zulassen, Männer meines Volkes?‹
›Niemals!‹ sagte ein alter Induna und erhob sich, ›das können wir nicht ertragen. Mehr als genug haben wir schon von diesen Matuku-Hunden erleiden müssen, und von ihrem prahlerischen Häuptling. Laßt uns handeln!‹ ›Es ist wahrlich nicht zu ertragen‹, sagte Nala, ›doch wie können wir uns gegen ein so mächtiges Volk stellen?‹ ›Frage ihn – frage Macumazahn, den weisen, weißen Mann!‹ sagte Maiwa und deutete auf mich. ›Wie können wir Wambe besiegen, Macumazahn, der Jäger?‹ ›Wie besiegt der Schakal den Löwen, Nala?‹ ›Durch Schläue, Macumazahn.‹ ›Und durch Schläue sollt ihr auch Wambe besiegen, Nala.‹ In diesem Augenblick kam es zu einer Unterbrechung. Ein Mann trat auf Nala zu und sagte, daß Botschafter von Wambe eingetroffen seien. ›Was ist ihre Botschaft?‹ fragte Nala. ›Sie sind gekommen, um zu verlangen, daß deine Tochter Maiwa zu ihm zurückgebracht werde, und mit ihr der weiße Jäger.‹ ›Welche Antwort soll ich ihnen darauf geben, Macumazahn?‹ fragte Nala, als der Mann wieder gegangen war. ›Dieses sollst du ihm antworten‹, sagte ich nach einigem Überlegen: ›Sage, daß die Frau ihm gesandt werden wird, und ich mit ihr, und dann befehle den Boten, daß sie gehen.‹ Ich erhob mich. ›Bleib hier, ich werde mich in der Hütte verbergen, so daß die Männer mich nicht sehen.‹ Und dies tat ich. Wenig später sah ich durch einen Spalt in der
Wand der Hütte die Botschafter Wambes eintreffen. Es waren riesige, wild aussehende Kerle. Sie waren zu viert und offensichtlich Tag und Nacht unterwegs gewesen. Mit arroganter Haltung traten sie auf Nala zu und hockten sich vor ihm auf den Boden. ›Was ist euer Begehr?‹ fragte Nala und runzelte die Stirn. ›Wir kommen von Wambe und überbringen Wambes Befehle an Nala, seinen Diener‹, antwortete der Sprecher der vier. ›Sprich!‹ sagte Nala mit einem nervösen Zucken seines Mundes. ›Dies sind die Worte Wambes: ‚Schick die Frau zurück, meine Gemahlin, die aus meinem Kraal entflohen ist, und mit ihr den weißen Mann, der es gewagt hat, ohne meine Erlaubnis in meinem Lande zu jagen, und der meine Krieger getötet hat.‘‹ ›Und wenn ich sage, daß ich sie ihm nicht schicken werde?‹ fragte Nala. ›Dann werden wir dir im Namen Wambes den Krieg erklären. Wambe wird dich auffressen. Er wird dein Volk vernichten, eure Kraals werden dem Erdboden gleichgemacht werden – so!‹ und mit einer ausdrucksvollen Geste fuhr er mit der Hand über seinen Mund, um zu demonstrieren, wie vollständig die Vernichtung des Häuptlings sein würde, der es wagte, sich Wambe zu widersetzen. ›Das sind schwerwiegende Worte‹, sagte Nala. ›Laßt uns beraten, bevor ich euch meine Antwort gebe!‹ Nun folgte ein Schauspiel, das für darin ungeübte Wilde wirklich eine Leistung war. Die Boten gingen außer Hörweite, und Nala tat so, als ob er sich ernsthaft mit seinen Indunas beriete. Das Mädchen Maiwa
spielte ebenfalls mit, warf sich ihm zu Füßen und schien zu weinen und ihn um Schutz anzuflehen, und er rang die Hände, als ob er von inneren Kämpfen zerrissen würde. Schließlich winkte er den Boten, wieder näherzutreten und sprach zu ihnen, während Maiwa äußerst überzeugend schluchzend neben ihm stand. ›Wambe ist ein großer Häuptling‹, sagte Nala, ›und diese Frau ist seine rechtmäßige Gemahlin, deren Herausgabe er verlangen kann. Sie muß deshalb zu ihm zurückkehren, doch sind ihre Füße aufgeschunden von ihrem langen Marsch hierher, und sie kann nicht sofort zu ihm gehen. In acht Tagen, von heute an gezählt, wird sie im Kraal Wambes abgeliefert werden; ich werde sie mit einem Trupp meiner Männer losschicken. Was jedoch den weißen Jäger und seine Diener betrifft, so habe ich nichts mit ihnen zu tun und kann nicht für ihre Missetaten verantwortlich gemacht werden. Sie sind ungebeten zu mir gekommen, aber ich werde sie dorthin zurückbringen lassen, woher sie gekommen sind, auf daß Wambe sie nach seinen Gesetzen verurteilen möge; sie sollen zusammen mit dem Mädchen in sein Land gebracht werden. Und nun geht eures Weges. Man wird euch außerhalb des Kraals Nahrung bringen und ein Geschenk für Wambe, zur Sühne für die Missetaten meiner Tochter. Ich habe gesprochen.‹ Zunächst schienen Wambes Männer darauf bestehen zu wollen, Maiwa sofort mitzunehmen, doch nachdem man ihnen die zerschundenen Füße des Mädchens gezeigt hatte, gaben sie schließlich nach und gingen. Als sie sich weit genug entfernt hatten, kroch ich
aus der Hütte, und wir begannen die Situation durchzusprechen und Pläne zu schmieden. Als erstes erklärte ich Nala, daß er meine Erfahrung und meine Dienste nicht umsonst bekommen würde. Ich habe gehört, daß Wambe um seinen Kraal einen Zaun habe, der aus Elefantenstoßzähnen bestünde. Diese Stoßzähne würde ich, wenn unser Vorhaben erfolgreich verlaufen würde, für mich beanspruchen, und daß Nala dann verpflichtet sei, mir Männer zu stellen, um sie zur Küste zu bringen. Diese bescheidene Bitte beantworteten Nala und seine Indunas mit freudiger Zustimmung, die um so williger ausfiel, da sie niemals erwarten konnten, das Elfenbein für sich zu bekommen. Die nächste Bedingung, die ich stellte, war, daß im Falle eines Erfolges der weiße Mann John Every, mir übergeben werden solle, zusammen mit allen Gütern, die er für sich beanspruchen mochte. Seine grausame Gefangenschaft war, wie ich sicher nicht zu betonen brauche, der einzige Grund, der mich dazu veranlaßte, mich einem so idiotischen Unternehmen anzuschließen, doch schien es mir klüger, diese Tatsache nicht zu enthüllen. Nala nahm auch diese Bedingung an. Meine dritte Forderung war, daß keine Frauen und Kinder getötet werden dürften. Auch damit erklärte man sich einverstanden, und nun machten wir uns daran, Mittel und Wege zu besprechen. Wambe war, wie es schien, ein recht mächtiger Häuptling, das heißt, er konnte zumindest sechstausend Krieger ins Feld schicken, von denen er ständig drei- bis viertausend um seinen Kraal gesammelt hielt, der als uneinnehmbar galt. Nala dagegen konnte in so kurzer Zeit lediglich zwölf- bis dreizehnhundert Krieger zu-
sammenbringen, obwohl diese, da von den Zulus abstammend, erheblich bessere Kämpfer waren, als Wambes Matukus. Diese Überlegenheit war zwar groß, doch nicht überwältigend. Die wirkliche Schwierigkeit unseres Vorhabens lag darin, daß es uns unmöglich schien, einen erfolgreichen Sturm auf Wambes Festung zu unternehmen. Diese war, wie es schien, ringsrum von Schanzen und Steinmauern umgeben und wies zahlreiche natürliche Höhlen und Schluchten auf, sowohl in dem Hügel, auf dem sie stand, als auch am Fuße des Berges, und noch nie war es jemandem gelungen, sie zu erobern. Es wurde behauptet, daß zu Zeiten des großen Zulu-Königs Dingaan ein starkes Impi jenes Königs in das Gebiet vorgestoßen sei und einen Sturm auf den Kraal unternommen habe, der damals einem Vorvater Wambes gehörte, der jedoch mit einem Verlust von mehr als tausend Mann zurückgeschlagen worden sei. Nachdem ich über dieses Problem nachgedacht hatte, befragte ich Maiwa eingehend über die Befestigungen und die topographischen Gegebenheiten des Kraals, und nicht ohne Erfolg. Ich fand heraus, daß der Kraal in der Tat durch einen Frontalangriff nicht einzunehmen war, er jedoch an seiner Rückseite nur schwer verteidigt werden konnte, da diese auf dem Berghang verlief und lediglich durch zwei Reihen von Steinmauern geschützt war. Der Grund dafür lag darin, daß dieser Berghang unpassierbar war, mit Ausnahme eines geheimen Pfades, der vermeintlich allein dem Häuptling und seinen Räten bekannt war, und man es aus diesem Grunde nicht für nötig hielt, ihn besonders zu schützen.
›Nun‹, sagte ich, als sie zu Ende gesprochen hatte, ›was ist mit diesem geheimen Pfad? – Weißt du etwas davon?‹ ›Ja‹, antwortete sie. ›Denn ich bin nicht dumm, Macumazahn. Erlerntes Wissen ist verdiente Macht. Ich habe das Geheimnis dieses Pfades herausgefunden.‹ ›Und kannst du auch ein Impi zu ihm führen, so daß es den Kraal von hinten angreifen kann?‹ ›Ja, das kann ich tun, wenn nur Wambes Krieger nicht wissen, daß ein Impi kommt, denn wenn sie es wissen, können sie den Pfad sperren.‹ ›Dann ist dies mein Plan: Höre, Nala, und sage mir, ob er gut ist, oder wenn du einen besseren haben solltest, so bringe ihn vor. Laß Boten ausziehen und dein ganzes Impi zusammenrufen, damit es sich am dritten Tag von diesem hier versammelt. Wenn das getan ist, laß dieses Impi, geführt von Maiwa, am Morgen des vierten Tages aufbrechen, und, nachdem es die Berge überschritten hat, auf deren anderer Seite weiterziehen, bis es dort zu jenem Ort gelangt, welcher der Kraal Wambes ist. Dies sollte alles in allem ein Marsch von drei Tagen sein.* Dann, in der Nacht des dritten Tages dieses Marsches, laß das Impi unbemerkt von Maiwa den geheimen Pfad hinaufführen, so daß es auf den Gipfel jenes Berges gelangt, der oberhalb der Festung liegt, und dort sollen die Krieger sich zwischen den Felsen verbergen. Währenddessen, am sechsten Tag von heute, Nala, laß einen deiner Indunas mich und meine Männer von zweihundert Kriegern, die Gewehre haben, als *
Etwa einhundertzwanzig Meilen. – Der Herausgeber.
Gefangene fortführen, und auch ein Mädchen des Butiana-Volkes, das in Gestalt und Größe Maiwa ähnlich ist, und ihre Hände binden, und uns den Weg entlangführen, auf dem wir hierhergekommen sind, und durch den Paß am Gipfel, und zum Kraal Wambes. Doch sollen diese Krieger keine Schilde und keine Schmuckfedern tragen, lediglich ihre Gewehre und einen kurzen Speer, und wenn sie Männer von Wambe begegnen, sollen sie sagen, daß sie kommen, um die Frau und den weißen Mann und seine Leute Wambe zu übergeben und Wambe Sühne zu erweisen. Dann wird man sie in Frieden gehen lassen. Und auf diese Weise werden wir am Abend des siebten Tages zu den Toren von Wambes Kraal gelangen, und in der Nähe dieses Tores befindet sich, wie Maiwa sagt, ein zerklüfteter Hügel, der voller Felsen und Höhlen ist, doch niemals von Kriegern gesichert wird, außer zu Kriegszeiten, oder schlimmstenfalls von einigen wenigen, die leicht überwältigt werden können. Nachdem dies getan ist, muß das Impi, das sich hinter dem Kraal auf dem Berge befindet, beim Grauen des Morgens ein Feuer entzünden und feuchtes Gras darauf tun, so daß Rauch emporsteigt. Wenn wir auf dem Hügel diesen Rauch sehen, werden wir beginnen, auf den Kraal Wambes zu feuern, und alle Krieger werden hervorstürzen, um uns zu töten. Doch werden wir uns halten, und während wir kämpfen, wird das Impi den Berg herabstürmen, und die Schanzen überwinden, und alle, die sie verteidigen, dem Assegai* übergeben. Wenn sie dann über *
Speer
den Kraal herfallen, können sie ihn überraschen und die Krieger Wambes zurücktreiben, wie der Wind tote Blätter vor sich her treibt. Dies ist mein Plan. Ich habe gesprochen.‹ ›Ou!‹ sagte Nala; ›er ist gut, er ist sehr gut. Der weiße Mann ist so schlau wie ein Schakal. Ja, so soll es sein; und möge die Schlange des Volkes der Butiana sich aufrichten und sich für den Krieg stärken, denn so werden wir uns von Wambe und der Tyrannei Wambes befreien.‹ Danach erhob sich das Mädchen Maiwa, zog erneut die schreckliche kleine verdorrte Hand hervor und ließ ihren Vater und seine obersten Indunas darauf schwören, daß sie den Rachekrieg bis zu seinem bitteren Ende durchführen würden. Es war ein unbeschreibliches Bild. Und, übrigens, der Krieg, der daraus entstand, wurde später bei den Stämmen jenes Gebietes als der ›Krieg der Kleinen Hand‹ bekannt. Die nächsten zwei Tage waren für uns äußerst geschäftig. Boten wurden ausgesandt, und jeder kriegsfähige Mann des Butiana-Stammes wurde zu einem ›großen Tanz‹ befohlen. Das Land war nur klein, und am Abend des zweiten Tages hatten sich um die zwölfhundertundfünfzig Männer mit ihren Assegais und ihren Schilden versammelt, und es waren wunderbare Krieger. Beim Morgengrauen des folgenden Tages, vier Tage nach der Ankunft von Wambes Boten, wurde das Haupt-Impi, nachdem es von den Medizinmännern auf die übliche Art für den Kampf vorbereitet worden war, unter dem Kommando von Nala selbst in Marsch gesetzt, da dieser, der sehr wohl wußte, daß sein Leben und seine Häuptlingswürde vom Ausgang dieses Kampfes abhingen, klu-
gerweise beschloß, ihn selbst zu leiten. Mit ihnen ging Maiwa, die sie über den geheimen Pfad führen sollte. Natürlich waren wir gezwungen, dem Impi einen Vorsprung von zwei Tagen zu geben, da es einen Weg von über hundert Meilen durch unwegsames Land hinter sich zu bringen hatte, darunter das Überqueren der Großen Bergkette, die in nord-südlicher Richtung verlief, da das Impi einen großen Umweg machen mußte, um nicht entdeckt zu werden. Schließlich jedoch, bei der Morgendämmerung des sechsten Tages, brach auch ich auf, begleitet von meinen höchst unwilligen Trägern, denen die Vorstellung, ihren Kopf in den Rachen des Löwen zu stekken, nicht im geringsten gefiel. Ehrlich gesagt war es allein die Angst vor Nalas Kriegern, zusammen mit einem vagen Vertrauen in mich, das sie dazu brachte, sich diesem Abenteuer zu ergeben. Außer ihnen hatte ich auch etwa zweihundert Butianas bei mir, alle mit Gewehren unterschiedlichster Art bewaffnet, denn viele dieser Leute besaßen Gewehre, obwohl sie nicht sehr gut mit ihnen umzugehen wußten. Doch trugen sie keine Schilde, und auch keine Ärmlinge und keinen Kopfschmuck; jede kriegerische Ausstattung war sorgfältig vermieden worden. Bei uns war auch eine Schwester Maiwas, obwohl von einer anderen Mutter, die ihr in Gestalt und Gesicht sehr ähnlich war, und deren Aufgabe darin bestand, die entflohene Ehefrau Wambes darzustellen. An jenem Abend lagerten wir auf dem Gipfel, von dem ich mit so knapper Not entkommen war, und am nächsten Morgen, beim ersten Licht der Dämmerung, rollten wir die Steine beiseite, mit denen wir vor wenigen Tagen die Passage blockiert hatten, und stiegen
den darunterliegenden Hang hinab. Hier lagen noch immer die Leichen, oder, richtiger gesagt, die Skelette, der Männer herum, die meine Schüsse zu Boden gestreckt hatten. Die Matuke-Krieger hatten ihre Kameraden zurückgelassen, damit sie von den Geiern begraben wurden. Ich stieg in den Felsspalt hinab, in den Gobo gestürzt war, und suchte nach seiner Leiche, jedoch vergeblich, denn obwohl ich die Stelle fand, an der er und der andere Mann aufgeschlagen waren, entdeckte ich lediglich die Knochen des letzteren, zusammen mit einem Lendentuch. Entweder hatte irgendein Raubtier Gobo fortgeschleppt, oder aber die Matukus hatten seine Leiche fortgebracht, und auch mein Expreßgewehr, das er bei sich gehabt hatte. Auf jeden Fall habe ich nie wieder etwas von ihm gesehen oder gehört. Sobald wir uns in Wambes Land befanden, nahmen wir eine andere Marschordnung an. Etwa fünfzig Männer gingen in loser Ordnung als Vorhut voraus, um uns vor Überraschungen zu sichern, und etwa genau so viele folgten als Nachhut. Die restlichen hundert marschierten in dichter Formation zwischen beiden, und in der Mitte von ihnen marschierte ich, zusammen mit dem Mädchen, das Maiwa darstellen sollte, gefolgt von allen meinen Trägern. Wir waren entwaffnet, und einige meiner Männer waren aneinandergefesselt, um zu zeigen, daß wir Gefangene waren, während dem Mädchen eine Decke über den Kopf geworfen war und sie in einer Haltung größter Niedergeschlagenheit zwischen den Kriegern ging. Wir marschierten auf geradem Weg auf Wambes Kraal zu, der in einer Entfernung von etwa fünfundzwanzig Meilen von dem Paß entfernt lag.
Als wir um die fünf Meilen zurückgelegt hatten, begegneten wir einer Gruppe von etwa fünfundzwanzig Kriegern Wambes, die uns ganz offensichtlich entgegengeschickt worden waren. Sie hielten uns an, und ihr Anführer fragte uns, wohin wir gingen. Der Induna unserer Truppe erklärte ihm, daß wir Maiwa zurückbrächten, Wambes entflohene Frau, zusammen mit dem weißen Jäger und seinen Männern, die alle Wambe übergeben werden sollten, so wie er es befohlen habe. Nun wollte der Anführer wissen, warum wir so viele seien, worauf unser Induna erwiderte, daß ich und meine Männer gefährlich seien und man befürchte, daß wir entfliehen könnten, wenn man uns mit einer geringeren Bewachung losgeschickt hätte, wodurch Schande und der Zorn Wambes auf ihren Stamm geladen würde. Daraufhin begann dieser Gentleman, der Anführer der Matukus, sich über mich lustig zu machen und erklärte, daß Wambe mich teuer für die Krieger bezahlen lassen würde, die ich getötet hatte. Er würde mich in ›das Ding, das beißt‹ werfen, mit anderen Worten, in die Löwenfalle, und mich darin lassen, bis ich stürbe wie ein Schakal. Und das war keine leere Drohung, und ich wurde von Furcht gepackt. Ich konnte nicht abstreiten, daß wir uns auf ein äußerst riskantes Unternehmen eingelassen hatten, und es sehr gut möglich war, daß ich die Bekanntschaft jener Löwenfalle machen mochte, bevor ich viele Tage älter war. Es war mir jedoch nicht möglich, den armen Every in seiner Notlage im Stich zu lassen, also mußte ich weitermachen und der Vorsehung vertrauen, wozu ich sowohl vorher als auch später häufig gezwungen war. Und nun ergab sich eine neue Schwierigkeit.
Wambes Krieger bestanden darauf, uns zu begleiten, und taten alles, um uns rascher voranzutreiben, da sie natürlich darauf bedacht waren, vor Anbruch der Nacht zum Kraal ihres Häuptlings zu gelangen. Wir dagegen hatten sehr zwingende Gründe, nicht vor Dunkelwerden dort einzutreffen, da wir sie brauchten, um ungesehen zu dem Hügel zu gelangen, der vor dem Kraal lag und seinen Zugang beherrschte. Schließlich wurden sie so aufdringlich, daß wir uns offen weigern mußten, rascher zu gehen, unter dem Vorwand, daß das Mädchen müde sei. Sie nahmen diese Entschuldigung jedoch nicht an, und zu einem Zeitpunkt fürchtete ich, daß es zu handgreiflichen Auseinandersetzungen kommen würde, da zwischen Butianas und Matukus keine große Sympathie herrschte. Schließlich jedoch, entweder aus Gründen der Vernunft, oder aber, weil sie zahlenmäßig so weit unterlegen waren, gaben sie nach und ließen uns in dem Tempo marschieren, das wir für richtig hielten. Ich wünschte mir ernsthaft, daß sie auch so freundlich gewesen wären, das ihre einzuhalten, doch dachten sie nicht daran. Im Gegenteil, die blieben dicht bei uns und reizten uns durch ständige spöttische Hinweise auf ›das Ding, das beißt‹, was an meinen Nerven zerrte, und manchmal drohte ich fast die Selbstbeherrschung zu verlieren. Um etwa halb vier Uhr nachmittags erreichten wir eine felsige Erhebung, von der aus wir Wambes Kraal in einer Entfernung von sechs oder sieben Meilen, und etwa dreitausend Fuß unterhalb von uns deutlich erkennen konnten. Der Kraal lag in einem Tal, mit Ausnahme von Wambes privatem Komplex, der vor den Eingängen mehrerer Höhlen am Hang jenes
Berges angelegt war, auf dem ich beim morgigen Frühlicht die Speere unseres Impis blitzen zu sehen hoffte. Selbst aus dieser Entfernung konnte man klar erkennen, wie stark der Kraal durch Schanzen und Mauern befestigt war, und wie schwierig es sein würde, ihn zu stürmen. Ehrlich gestanden erschien er mir uneinnehmbar für eine Truppe, die keine Kanonen besaß, und selbst Kanonen würden an den Felsen und in den steinigen, mit Höhlen durchsetzten Schluchten keine allzugroße Wirkung erzielen. Dann kam der Abstieg vom Paß, der sich als eine Strapaze erwies, denn dieser Pfad – falls man ihn einen Pfad nennen konnte – bestand fast ausschließlich aus von Wasser abgeschliffenen, riesigen Steinen, und wir mußten vom einen zum anderen springen wie Grashüpfer. Wir brauchten zwei Stunden für den Abstieg, und als wir, von der glühenden Sonne fast gebraten, endlich die Talsohle erreichten, war zumindest ich völlig erledigt. Wenig später, als es gerade zu dunkeln begann, gelangten wir zu der vordersten Befestigungslinie, die aus einer dreifachen Steinmauer bestand, von einem Einlaß durchbrochen, der so eng war, daß ein Mann sich kaum hindurchzwängen konnte. Wir passierten ihn, ohne aufgehalten zu werden, da wir ja von Wambes Kriegern begleitet wurden. Hinter den Mauern lag ein Streifen Land, der etwa dreihundert Yards tief sein mochte, sehr steinig und rauh war, und keinerlei Hütten aufwies. Hierher, in diesen Gürtel zwischen Außen- und Innenmauer des Kraals, wurden bei Gefahr die Rinder getrieben. Hinter ihm lagen die inneren Befestigungen, durchbrochen von einem Einlaß, der wie ein V geformt war, und durch ihn sah ich den Felsenhügel, den zu nehmen wir gekommen
waren, vor dem Hintergrund der Bergkette aufragen. Während wir weitergingen, flüsterte ich dem Führer unserer Truppe meine Anweisungen zu, mit dem Ergebnis, daß er unsere Kavalkade bei dem zweiten Durchgang anhielt und dem Anführer von Wambes Krieger erklärte, daß wir hier warten wollten, bis Wambe uns die Genehmigung erteilen würde, den Kraal zu betreten. Der Mann sagte, es sei gut so, doch müsse er ihm die Gefangenen sofort übergeben, damit er sie zum Haus des Häuptlings bringe, denn Wambe sei ›hungrig, mit ihnen zu beginnen‹, und ›sein Herz wünsche, den weißen Mann tot zu sehen, bevor er seine Augen zum Schlaf schlösse‹, und was seine Frau anginge, so würde er sie ›gebührend empfangen‹. Unser Führer erwiderte, daß er dies nicht tun könne, da er den Befehl habe, die Gefangenen persönlich zu übergeben, und er diesen Befehl nicht brechen dürfe. Wie könne er die Verantwortung für die Gefangenen übernehmen, wenn er sie aus der Hand gäbe? Nein, sie würden hier warten, bis ihm der Befehl Wambes überbracht würde. Nach einigen Einwänden erklärte sich der Anführer damit einverstanden und ging fort, mit der Bemerkung, daß er bald zurück sein würde. Als er an mir vorbeikam, rief er mich an, deutete auf das vergehende Abendrot am westlichen Himmel und sagte grinsend: ›Sieh dir zum letzten Mal das Licht an, weißer Mann, denn ‚das Ding, das beißt‘ lebt im Dunkel.‹ Am nächsten Tag kam es so, daß ich diesen Mann erschoß, und ich kann Ihnen versichern, daß er der einzige durch meine Hand getötete Mensch war, für den ich nicht die geringste Trauer und bis zu einem gewissen Grad auch keine Reue empfand.«
7 Der Angriff »An der Stelle, an welcher wir hielten, floß ein schmaler Bach. Ich blickte auf ihn, und dabei kam mir ein Gedanke: Wahrscheinlich würde es kein Wasser auf dem Hügel geben. Ich teilte diese Vermutung dem Induna mit, und er wies alle Männer an, soviel Wasser wie möglich zu trinken, und auch die sieben oder acht Kochtöpfe, die wir mit uns führten, mit Wasser zu füllen. Dann kam der entscheidende Moment. Wie konnten wir den Hügel in Besitz nehmen? Als der Induna mich das fragte, sagte ich, daß wir einfach losmarschieren und ihn nehmen sollten, und mit diesem Vorsatz brachen wir dann auf. Als wir den engen Durchlaß erreichten, wurden wir, wie erwartet, von den zwei Kriegern, die dort Wache standen, aufgehalten und gefragt, was wir wollten. Der Induna antwortete, daß wir unsere Meinung geändert hätten und doch gleich zu Wambes Kraal gehen wollten. Die Posten erwiderten, daß wir warten müßten. Darauf stießen wir sie einfach beiseite und marschierten, einer hinter dem anderen, durch den Einlaß, der kaum mehr als hundert Yards von dem Hügel entfernt lag. Während wir uns hindurchdrängten, liefen die beiden Posten, die wir beiseite gestoßen hatten, auf den Kraal zu und schrien um Hilfe, ein Ruf, der sofort beantwortet wurde, denn eine Minute später sahen wir über hundert bewaffnete Männer auf uns zulaufen. Also liefen wir ebenfalls auf den
Hügel zu. Sobald die anderen erkannten, was wir vorhatten, was wegen des schwachen Lichts nicht gleich der Fall war, taten sie ihr bestes, ihn vor uns zu erreichen. Doch wir hatten einen guten Vorsprung ihnen gegenüber, und mit Ausnahme eines unglückseligen Mannes, der stolperte und hinfiel, waren wir alle bereits auf dem Hügel, als sie ihn erreichten. Diesen Mann nahmen sie gefangen, und als am folgenden Morgen der Kampf begann und er sich weigerte, irgendwelche Informationen zu geben, töteten sie ihn. Glücklicherweise hatten sie keine Zeit, ihn zu foltern, was sie sonst zweifellos getan hätten, denn diese Matukus haben Freude daran, ihre Feinde zu quälen. Als wir den Hügel erreichten, dessen Basis etwa einen halben Acre bedeckte, blieben die Krieger, die versucht hatten, uns den Weg abzuschneiden, unschlüssig stehen, da sie die Stärke unserer Position erkannten. Das gab uns mehrere Minuten vor dem völligen Erlöschen des Lichts, um uns umzusehen. Wir stellten fest, daß der Hügel nicht besetzt war, jedoch durch ein wahres Labyrinth von Steinmauern zu einer Festung gemacht wurde, und sich in ihm drei größere Höhlen und einige kleinere befanden. Als nächstes mußten wir unsere Krieger an den günstigsten Stellen plazieren, so weit die Zeit uns das erlaubte. Meine Männer ließ ich vorsichtshalber oben auf dem Gipfel Stellung beziehen. Sie waren derart verängstigt, daß sie zu nichts zu gebrauchen waren, und ich fürchtete, daß sie zu fliehen versuchen könnten, um unsere Pläne an Wambe zu verraten. Also hütete ich sie wie meine Augäpfel und drohte, sie zu erschießen, falls sie es wagen sollten, sich von der Stelle zu rühren.
Inzwischen war es völlig dunkel geworden, und aus dem Dunkel hörte ich eine Stimme – es war die des Anführers der Krieger, die uns begleitet hatten – rufen, daß wir herabkommen sollten. Wir riefen zurück, daß es zu dunkel sei und wir uns die Füße an den rauhen Felsen verletzen würden. Er bestand darauf, daß wir herabkämen, und wir weigerten uns offen und drohten, daß wir schießen würden, falls man versuchen sollte, uns mit Gewalt zu vertreiben. Daraufhin zogen sie sich zurück, da sie nicht wirklich die Absicht hatten, uns im Dunkeln anzugreifen, doch erkannten wir an den Feuern, die rings um den Hügel aufflammten, daß sie unsere Stellung genau beobachteten. Jene Nacht wurde uns sehr lang, da wir niemals wußten, in welche Richtung die Dinge sich entwikkeln mochten. Zum Glück hatten wir bereits zubereitete Nahrung bei uns, so daß wir nicht hungern mußten. Es war jedoch gut, daß wir viel getrunken hatten, bevor wir heraufgekommen waren, denn, wie ich es erwartet hatte, gab es nicht einen Tropfen Wasser auf dem Hügel. Schließlich ging diese Nacht zu Ende, und im ersten Licht des Morgens begann ich meine Runde zu machen, stolperte die steinigen Pfade entlang und bereitete alles, so gut es mir möglich war, auf den Angriff vor, der, wie ich sicher war, erfolgen würde, bevor wir zwei Stunden älter geworden waren. Die Männer waren steif vor Kälte und deshalb nicht gerade sehr munter, doch ermutigte ich sie, so gut es mir möglich war, und forderte sie auf, sich daran zu erinnern, welcher Rasse sie entstammten, und sich vor einer Bande von Matuku-Hunden nicht feige zu
zeigen. Schließlich wurde es hell, und wenig später sah ich lange Kolonnen von Männern auf den Hügel vorrücken. In einer Entfernung von etwa einhundertfünfzig Yards machten sie Halt und gingen in Dekkung, und gerade als die ersten Sonnenstrahlen über den Horizont krochen, trat ein Herold vor und rief uns an. Unser Induna stieg auf einen Felsblock und antwortete ihm. ›Dieses sind die Worte Wambes‹, verkündete der Herold. ›Kommt von diesem Hügel herab und übergebt die Übeltäter, und geht hin in Frieden, oder bleibt auf dem Hügel und sterbt!‹ ›Es ist noch zu früh, um herabzusteigen‹, antwortete unser Mann sehr diplomatisch. ›Wenn die Sonne den Nebel vertrieben hat, werden wir herabkommen. Unsere Glieder sind steif vor Kälte.‹ ›Kommt sofort herab!‹ rief der Herold. ›Wir denken nicht daran, mein Junge‹, murmelte ich; und der Induna antwortete, daß wir herabkommen würden, wenn wir es für richtig hielten, und nicht vorher. ›Dann bereitet euch auf den Tod vor‹, sagte der Herold, wie der Schurke in einem Schmierendrama, und schritt majestätisch zu den Kriegern zurück. Ich traf meine letzten Vorbereitungen und blickte angespannt zum Gipfel des Berges hinüber, der etwa zwei Meilen entfernt lag, und auf dem sich jetzt der Nebel zu heben begann, doch konnte ich dort keine Rauchfahne entdecken. Ich stieß erregt den Atem zwischen den Zähnen hervor, denn wenn unsere Angriffstruppe sich verspätet oder irgendeinen Fehler begangen hatte, würde unsere Lage ziemlich ungemütlich werden. Wir hatten kaum genügend Wasser,
um uns den Mund anzufeuchten, und wenn das aufgebraucht war, würden wir unsere Stellung in der glühenden Hitze nicht lange halten können. Schließlich, gerade als die Sonne in ihrer ganzen Pracht hinter uns über den Horizont stieg, begannen die Matuku-Krieger, von denen sich inzwischen gut fünfzehnhundert versammelt haben mochten, ein seltsames, pfeifendes Geräusch auszustoßen, das mit einem Singen endete. Dann wurden mehrere Schüsse abgefeuert – denn die Matuku besaßen ein paar Gewehre –, die jedoch unwirksam blieben, wenngleich eine Kugel dicht an dem Kopf eines Mannes vorbeifuhr. ›Jetzt geht es los‹, flüsterte ich, und ich sollte mich nicht irren, denn kaum eine Minute später teilte die Masse der Krieger sich in drei Einheiten, von denen jede etwa fünfhundert Mann stark sein mochte, die uns dann, im Laufen feuernd, von drei Seiten angriffen. Unsere Leute waren inzwischen jedoch alle in Deckung, so daß das Feuer keinen Schaden anrichtete. Ich kletterte auf einen Felsen, damit ich einen möglichst weiten Blick auf den ganzen Hügel und auf die Ebene hatte, und schrie unseren Männern zu, ihr Feuer zurückzuhalten, bis ich den Befehl dazu geben würde, und dann tief zu halten und so schnell wie möglich nachzuladen. Ich wußte, daß sie, wie alle Eingeborenen, entsetzlich schlechte Schützen waren, und daß ihre Waffen aus alten Gasrohren bestanden; also bestand die einzige Möglichkeit für ein wirksames Feuer darin, die Feinde sehr nahe herankommen zu lassen. Sie stürmten den Berghang herauf; sie hatten sich uns jetzt auf achtzig Yards genähert, und ich sah, daß
sie sich in Vorbereitung des Sturms auf unsere Stellungen näher zusammendrängten, was sehr viel günstiger für uns war. ›Sollten wir jetzt nicht feuern, mein Vater?‹ rief der Induna zu mir herüber. ›Nein, verdammt noch mal!‹ schrie ich zurück. Ich murmelte die Entfernungen vor mich hin. ›Sechzig Yards – fünfzig – vierzig – dreißig – Feuert, ihr Hunde!‹ schrie ich und gab ihnen ein Beispiel, indem ich beide Läufe meiner Elefantenbüchse in das dichteste Gewühl der Feinde abfeuerte. Sofort erdröhnte der Hügel von den Schüssen von über zweihundert Gewehren, und die Luft wurde von Geschossen aller möglichen Arten zerrissen, von eisernen Topfstützen und Rundkugeln bis zu bleiüberzogenen Kieselsteinen. Das Ergebnis war prompt und beeindruckend. Die Matukus waren so nahe gekommen, daß wir sie unmöglich verfehlen konnten, und auf eine Entfernung von dreißig Yards ist ein aus einem Gasrohr gefeuerter, bleiüberzogener Kieselstein genauso wirkungsvoll wie die Kugel aus einem Martin-Gewehr, vielleicht noch wirkungsvoller. Zu Dutzenden gingen die angreifenden Krieger zu Boden, während die Überlebenden, in heller Panik, die Flucht ergriffen. Wir feuerten ihnen nach, bis sie außer Reichweite waren – und ich heizte ihnen mit meiner Elefantenbüchse gehörig ein, darf ich behaupten –, dann luden wir nach und waren recht fröhlich dabei, da wir nicht einen einzigen Mann verloren hatten, während ich mehr als fünfzig tote und verwundete Matukus zählen konnte. Das einzige, das meine Freude dämpfte, war der Umstand, daß ich, so sehr ich auch zu dem Berg hinüberstarren mochte, dort
auch nicht die Spur einer Rauchwolke zu entdecken vermochte. Eine halbe Stunde verstrich, bevor der nächste Schritt gegen uns unternommen wurde. Nun wandten die Angreifer eine andere Taktik an. Aus der Erkenntnis heraus, daß es äußerst riskant war, uns in dichtgedrängten Massen anzugreifen, gingen sie nun in weit auseinandergezogener Linie vor und liefen in kleinen Gruppen von fünf oder sechs Mann über das offene Gelände. Am Fuße des Hügels fiel der Grund steil ab, so daß es uns fast unmöglich war, ihn unter Beschuß zu halten. Auf der uns zugekehrten Seite dieses Knicks sammelten sich jetzt Wambes Krieger in ständig wachsender Zahl. Natürlich fügten wir ihnen soviel Schaden zu, wie wir es konnten, wenn sie herüberliefen, doch muß man für diese Art Tätigkeit schon ein guter Schütze sein, und davon hatten wir keine. Außerdem hatten es sich viele unserer Leute in den Kopf gesetzt, mit den Dingern, die sie Gewehre nannten, auf jede kleine Gruppe von Feinden zu ballern, die herüberliefen. Auf diese Weise wurden zwar die ersten von ihnen niedergemäht, doch die folgenden gelangten so gut wie ungeschoren auf diese Seite, da es lange Zeit dauerte, bis die Gasrohre und alten Steinschloß-Musketen wieder geladen waren. Was mich betraf, so feuerte ich pausenlos mit meinem Winchester-Repetiergewehr, bis es fast zu heiß war, um es in den Händen halten zu können, doch war ich allein nicht in der Lage, einen solchen Ansturm aufzuhalten oder die Zahl unserer Angreifer spürbar zu verringern. Schließlich drängten sich zumindest tausend Mann in der Senke, die nur wenige Yards von uns entfernt
lag, und aus der solche, die Gewehre besaßen, nun ein Dauerfeuer auf den Hügel eröffneten. Sie töteten zwei meiner Träger auf diese Weise und verwundeten einen dritten, da diese Männer auf der Kuppe des Hügels dem Feuer aus der Senke an seinem Fuß am meisten ausgesetzt waren. Da ich erkannte, daß unsere Lage sehr ernst wurde, konnte ich die meisten unserer Leute durch Drohungen und Bitten dazu bewegen, nicht unnütz zu feuern, neu zu laden, und sich auf einen Ausfall vorzubereiten. Kaum hatte ich das getan, als die Feinde brüllend zum Sturm ansetzten. Ich muß zugeben, daß ich Matukus nie für fähig gehalten hätte, einen solchen entschlossenen Angriff durchzuführen. Ein starker Trupp lief um den Fuß des Berges herum und griff uns aus der Flanke an, während die anderen heraufschwärmten, wo immer ihre Füße einen Halt fanden, so daß wir von allen Seiten umzingelt waren. ›Feuer!‹ brüllte ich, und wir schossen, mit einer durchschlagenden Wirkung. Viele ihrer Männer fielen, doch obwohl wir sie aufhalten konnten, gelang es uns doch nicht, den Angriff abzuschlagen. Sie schlossen ihre Reihen und stürmten die ersten Befestigungen, wobei sie viele ihrer Verteidiger töteten. Es war jetzt fast ausschließlich ein Kampf mit blankem Stahl, da wir keine Zeit zum Nachladen mehr hatten, und das paßte ausgezeichnet zu der Kampfesweise der Butianas, denn der zustoßende Assegai war eine Waffe, die sie beherrschten. Diejenigen unserer Männer, die dem Anschlag auf die vordersten Verteidigungsmauern entronnen waren, nahmen Zuflucht hinter der nächsten, wo auch ich stand und sie anfeuerte, und hier tobte der Kampf am stärksten. Hin und wie-
der gelang es einer Gruppe von Feinden, einzubrechen, nur um auf dieser Seite unter den Speeren der Butianas zu sterben. Doch es kamen immer neue, und ich erkannte, daß wir, so tapfer wir uns auch wehren mochten, verloren waren. Die zahlenmäßige Überlegenheit der Feinde war einfach zu groß, und um unsere Lage noch zu verschlechtern, kamen neue Massen von Kriegern über die Ebene gezogen, um den Angreifern beizustehen. Also beschloß ich, daß wir uns in die Höhlen zurückziehen sollten, um dort zu sterben, so würdig, wie es die Umstände uns erlaubten; und während ich im Geiste mein hartes Schicksal beweinte und an meine Sünden dachte, kämpfte ich wie ein Teufel. Zu diesem Zeitpunkt geschah es, wenn ich mich recht erinnere, daß ich meinen besonderen Freund, den Anführer des Trupps, der uns am Vortage so hartnäckig begleitet hatte, erschoß. Er hatte mich entdeckt, und während er mit seinem Speer nach mir stieß (dem ich ausweichen konnte) schrie er, oder vielmehr begann er zu schreien: ›das Ding, das ...‹ Er kam nicht mehr dazu, ›beißt‹ zu sagen, weil ich ihn nach dem ›das‹ erschoß. Nun, es war so gut wie vorbei. Ich sah, wie ein Mann bereits seinen Speer zu Boden warf, zum Zeichen der Ergebung – ein Akt der Feigheit, der ihn das Leben kostete, nebenbei gesagt – als plötzlich ein Geschrei ertönte. ›Seht auf den Berg!‹ schrien sie. ›Da ist ein Impi auf dem Hang des Berges!‹ Ich blickte auf, und tatsächlich, etwa auf halber Höhe des Berges, dicht vor den ersten Befestigungen, stürmte eine Doppellinie von Nalas Kriegern in die Schlacht, und die Strahlen der Morgensonne wurden
von den Spitzen ihrer Speere reflektiert. Später sollten wir herausfinden, daß der Grund für ihr verspätetes Eingreifen darin lag, daß sie von einem angeschwollenen Fluß aufgehalten worden waren und deshalb den Berggipfel nicht bei Morgengrauen erreichen konnten. Als sie ihn erreichten, erkannten sie jedoch sofort, daß der Kampf bereits begonnen hatte – ›in voller Blüte stand‹, wie sie es nannten –, und griffen sofort an, ohne sich damit aufzuhalten, Signalfeuer anzuzünden. Inzwischen waren sie vom Kraal aus entdeckt worden, und Kolonnen von Kriegern stürmten die steile Flanke des Berghanges hinauf, um die Schanzen zu bemannen, und auch die zweite Befestigungslinie hinter ihnen. Die vorderen Schanzen versuchten sie nicht einmal zu erreichen, dafür war Nala ihnen zu nahe auf den Pelz gerückt, doch gelangten sie zu einer zweiten Linie von Schanzen oder Gruben, die von Steinmauern geschützt wurden, formten dort Verteidigungsgruppen von zwölf bis fünfzehn Mann und begannen aus ihnen, oder von verstreuten Felsen, zu feuern. Ich wandte mich um und blickte zu den Toren des Kraals, die an Nord- und Südseite lagen. Vor ihnen drängten sich bereits Hunderte von Frauen und Kindern, die zu den Felsen und Höhlen flohen, um sich vor dem Feind in Sicherheit zu bringen. Was uns selbst betraf, so war Nalas Erscheinen in unserer Lage eine wunderbare Wende zum Besseren. Die Krieger, die uns angriffen, liefen zurück, als sie erkannten, daß der Kraal von der anderen Seite bedroht wurde und stiegen von dem Hügel hinab, um ihre Hütten gegen den neuen Feind zu verteidigen. Innerhalb von fünf Minuten befand sich kein Mann
mehr auf dem Hügel, mit Ausnahme derer, die sich nie wieder bewegen würden oder zu schwer verwundet waren, um zu fliehen. ›Gerettet!‹ wollte ich rufen wie die Gentlemen in dem berühmten Schauspiel, tat es jedoch nicht, da die Situation zu ernst dazu war. Ich beschränkte mich darauf, nach den Männern zu sehen und unsere Verluste zu zählen. Es ergab sich, daß einundfünfzig von ihnen getötet oder verwundet worden waren. Anschließend schickte ich ein paar Männer zum Bach, um unsere Kochtöpfe aufzufüllen, und wir tranken. Danach befahl ich meinen Trägern, die als Kämpfer absolut unbrauchbar waren, sich um die Verwundeten zu kümmern, dann wandte ich mich um und beobachtete den Kampf. Währenddessen hatte Nalas Impi die vordere Verteidigungslinie ohne jeden Widerstand genommen und ging in weit auseinandergezogener Formation auf die Schanzen und Gruben zu, welche sich zwischen ihr und der nächsten Befestigung befanden, und sie brüllten einen Kriegsgesang, während sie vorrückten. Kurz darauf zeigten sich Pulverwolken auf den Schanzen, und durch mein Fernglas sah ich, daß mehrere unserer Männer fielen. Doch als sie eine der Schanzen erreichten, ballte sich diese Linie von Kriegern zu einem dichten Haufen zusammen, und sie griffen in einem wilden Vorstoß an. Ich sah, wie sie an der Mauer emporsprangen und hinter ihr verschwanden, wobei jedes Mal einige von ihnen herabfielen, von Kugeln oder Speeren getroffen. Nun begann der nächste Akt der Tragödie. Von diesseits der Schanzen flohen solche Verteidiger, die noch am Leben waren, in Gruppen von vier oder fünf, oder vielleicht einem Dutzend, und die um ihr
Leben rannten, verfolgt von Nalas Kriegern. Einer nach dem anderen wurden sie gefangen, und dann blitzte ein Speer auf und sie stürzten zu Boden – tot. Ich sah zehn unserer Männer in eine der letzten Schanzen springen, doch so sehr ich auch starrte, nicht einer von ihnen tauchte wieder auf. Später, als wir diese Stelle untersuchten, fanden wir diese Männer alle tot auf, zusammen mit zwanzig Matukus. Keine Seite hatte aufgeben wollen und es bis zum bitteren Ende durchgekämpft. Schließlich näherten sie sich der zweiten Befestigungslinie, hinter welcher die gesamte, verbliebene Streitmacht der Matukus, die jetzt noch zweitausend Mann betragen mochte, zusammenströmte. Nala gönnte seinen Männern eine kurze Verschnaufpause, dann kamen sie herangestürmt, mit dem wilden Schrei ›Bulala Matuku!‹ (tötet die Matuku!) der mir durch Mark und Bein drang und jeden Nerv erschütterte. Dann kamen das Antwortgebrüll, und der Lärm heftigen Feuers, und schließlich sah ich, wie unsere Männer den Rückzug antraten, und es waren erheblich weniger, als vorgerückt waren. Ihr Empfang war überaus herzlich gewesen, denn die Matuku sind recht gute Kämpfer, wenn sie von Mauern geschützt sind. Diese Erkenntnis machte mir klar, daß wir ein Ablenkungsmanöver unternehmen mußten, denn wenn wir es nicht taten, mochten wir, so wie die Dinge lagen, trotz allem den kürzeren ziehen. Ich rief also den Führer unserer kleinen Streitmacht zu mir und erklärte ihm die Lage. Da er die Dringlichkeit der Situation erkannte, sah er ein, daß wir dieses Risiko auf uns nehmen mußten, und zwei Minuten darauf trabten wir alle, mit Aus-
nahme meiner Männer, die ich zur Bewachung der Verwundeten zurückließ, über das freie Feld und durch den menschenleeren Kraal zu der Stelle, wo die Schlacht tobte, etwa siebenhundert Yards entfernt. Nach sechs oder sieben Minuten erreichten wir eine Gruppe von Hütten – es war der Kraal eines Induna – die etwa hundert oder hundertzwanzig Fuß hinter der Mauer lagen, und nahmen sie, ohne bemerkt zu werden, in Besitz. Die Makutu waren so mit den Angreifern beschäftigt, daß sie keine Notiz von uns nahmen, und außerdem lag eine kleine Erhebung, wie ein Schweinerücken geformt, zwischen ihnen und uns. Dort warteten wir eine Minute lang oder zwei, um wieder zu Atem zu kommen, und ich erteilte meine Anweisungen. So bald wir das ButianaImpi erneut angreifen hörten, würden wir auf die Kuppe des Schweinerückens laufen und von dort auf die Masse der Verteidiger hinter der Mauer feuern. Dann sollten die Männer die Gewehre fallen lassen und mit dem Assegai angreifen. Sie hatten zwar keine Schilde, doch dem war nicht abzuhelfen; es würde nicht genug Zeit bleiben, die Gewehre neu zu laden, und es war absolut notwendig, den Feind abzulenken, wenn der Hauptangriff erfolgte. Die Männer, so tapfere Burschen, wie sie mir selten begegnet waren, und deren Blut jetzt aufgewühlt war, erklärten sich mit dem Plan einverstanden, obwohl sie ihn, wie ich erkannte, für eine starke Anforderung hielten – was er ja auch tatsächlich war. Doch war mir eines klar: Falls das Impi ein zweites Mal zurückgeschlagen werden sollte, war das Spiel zu Ende, und zumindest für mich würde es dann ein Fall für ›das Ding, das beißt‹, werden, und dieses Wissen er-
füllte mich mit Mut. Wir brauchten nicht lange zu warten. Wenig später hörten wir das Kriegsgeschrei der Butiana; sie hatten ihren zweiten Angriff begonnen. Ich gab das Zeichen, und die hundertfünfzig Männer, von mir angeführt, stürzten aus dem Kraal und liefen in auseinandergezogenen Linien über die fünfzig oder sechzig Yards, die sich zwischen dem Kraal und der schweinerükkenförmigen Erhebung befanden. In dreißig Sekunden hatten wir sie erreicht, und direkt vor uns lag die Hauptmacht der Matuku, die mit Gewehren und Speeren den Angriff des Impi erwarteten. Ich gab meinen Männern ein Zeichen, sorgfältig zu zielen, dann gab ich den Feuerbefehl, und in ihrem Kugelhagel fielen dreißig oder vierzig Matukus. ›Angriff!‹ schrie ich, warf mein rauchendes Gewehr zu Boden und riß den Revolver heraus, ein Beispiel, dem sie folgten, indem sie ihre Speere vom Boden aufgriffen, wo sie sie abgelegt hatten, um beide Hände zum Schießen freizuhaben. Die Männer stießen wilde Schreie aus, und wir stürmten los. Ich sah, wie Hunderte von Matuku-Kriegern herumfuhren, völlig überrascht von der neuen Entwicklung der Lage. Und bevor wir zwanzig Yards vorgestürmt waren, sah ich, über sie hinwegblickend, noch etwas: Plötzlich, wie aus dem Erdboden gewachsen, tauchten jenseits der Mauer Hunderte langer Speere auf, gefolgt von Hunderten wilder Gesichter unter wippenden Federbüschen. Mit wilden Schreien sprangen sie auf die Mauer, und mit wilden Schreien sprangen sie von dort mitten unter die verblüfften Feinde. Peng! Jetzt hatten wir sie erreicht und fielen wie Dämonen kämpfend von der anderen Seite über sie
her. Nalas Impi war an der Arbeit, und immer mehr Speere und Federbüsche erschienen vor dem braunen Hintergrund des Berges, sprangen herab und fielen wie ein Sturmwind über die Feinde her. Die gewaltige Masse von Männern wandte sich nach dieser Seite um, dann nach jener, verwundert, verwirrt, überwältigt von Zweifeln und Angst. Und der Tod hielt reiche Ernte; auf beiden Seiten blitzten Speere auf und wilde Triumphschreie gellten zum Himmel empor. Und auf der Mauer stand Maiwa, in einem fließenden, weißen Gewand, einen Assegai in der Hand, mit wogender Brust und funkelnden Augen. Durch den ganzen Schlachtenlärm konnte ich ihre klare Stimme hören, die die Krieger zum Sieg anfeuerte. Doch der Sieg war noch nicht in Sicht. Wambes Krieger hatten sich wieder gesammelt und begannen, unsere Männer, allein durch ihre zahlenmäßige Überlegenheit, zurückzudrängen. Sie wichen zurück, konnten jedoch bald wieder standhalten, und der Ausgang der Schlacht hing in der Schwebe. ›Tötet, ihr Kriegs-Welpen!‹ rief Maiwa von der Krone der Mauer. ›Habt ihr Angst, ihr Weiber, ihr Weiber mit Hennenherzen? Schlagt zu, oder sterbt wie Hunde! Was? Ihr weicht zurück? Folgt mir, ihr Kinder Nalas!‹ Und mit einem lauten Schrei sprang sie von der Mauer herab wie eine Antilope und stürzte sich, mit über dem Kopf geschwungenem Speer in das dichteste Schlachtgewühl. Die Krieger sahen es, und stießen ein Gebrüll aus, das wie Donnerhall von den Bergwänden zurückgeworfen wurde. Sie strömten zusammen und warfen sich, dem wehenden weißen Gewand folgend, in das Herz der
feindlichen Streitmacht. Die Matukus sanken vor ihnen zu Boden wie Bäume vor einem Wirbelsturm. Nichts konnte einem solchen Ansturm standhalten. Es war wie ein mächtiger Sturzbach, der seine Ufer sprengt. Die ganze Front entlang raste die wilde, verzweifelte Angriffswut, und dort, noch vor den voranstürmenden Kriegern, wehte das weiße Gewand Maiwas. Wambes Kriegern war das Rückgrat gebrochen. Sie stoben nach allen Seiten auseinander wie eine in Panik geratene Rinderherde, und hinter ihnen dröhnten die Schritte der Sieger. Die Schlacht war geschlagen, und der Sieg war unser. Was mich betraf, so setzte ich mich auf einen Stein, wischte mir den Schweiß von der Stirn und dankte der Vorsehung, daß ich ihr Ende erleben durfte. Zwanzig Minuten später begannen Nalas Krieger zurückzukehren. ›Wambes Männer haben sich im Busch und in den Höhlen verkrochen‹, berichteten sie keuchend, ›wo sie sicher sein können, daß wir ihnen nicht folgen würden.‹ Und sie fügten hinzu, daß viele von ihnen auf der Strecke geblieben waren. Ich war wie benommen, und jetzt, da der Kampf vorüber war, schienen alle meine Kräfte mich verlassen zu haben, so daß ich kaum darauf achtete, was um mich herum vorging, bis jemand mich bei meinem Namen rief. Ich blickte auf und sah, daß es der Häuptling Nala war, der aus einer Fleischwunde an seinem Arm blutete. Neben ihm stand Maiwa, atemlos, doch unverletzt, und ihr Gesicht war stolz und zeigte einen schrecklichen Ausdruck. ›Sie sind fort, Macumazahn‹, sagte der Häuptling,
›und wir haben kaum noch etwas von ihnen zu befürchten, denn ihr Herz ist zerbrochen. Aber wo ist Wambe, der Häuptling? – Und wo ist der weiße Mann, den zu retten du gekommen bist?‹ ›Das weiß ich nicht‹, antwortete ich. In unserer Nähe lag ein Matuku, ein junger Mann, der einen Schuß durch die Muskelpartie des Unterschenkels erhalten hatte. Es war eine geringfügige Wunde, doch hatte sie ihn daran gehindert, davonzulaufen. ›Sage, du Hund!‹ fuhr Nala ihn an, trat auf ihn zu und schüttelte seinen Speer vor dem Gesicht des Mannes. ›Sage mir: wo ist Wambe? Sprich, oder ich töte dich! War er bei seinen Kriegern?‹ ›Nein, o Herr, ich weiß es nicht‹, sagte der verängstigte Mann, ›er hat nicht mit uns gekämpft. Wambe liebt den Kampf nicht. Vielleicht ist er in jenem Kraal dort drüben, oder in der Höhle hinter dem Kraal.‹ Er deutete auf eine kleine Einfriedung am Hang des Berges, etwa vierhundert Yards rechts von uns. ›Laßt uns gehen und nachsehen!‹ sagte Nala und rief nach seinen Kriegern.
8 Maiwa wird gerächt Das Impi formierte sich; ach, vor einer Stunde war es um ein Drittel stärker gewesen als jetzt. Nala teilte zweihundert Mann ab, welche die Verwundeten einsammeln und versorgen sollten, und erteilte ihnen auf meine Veranlassung hin den strikten Befehl, daß keiner der feindlichen Verwundeten getötet werden dürfe, und vor allem keine Frauen und Kinder, wie es der Brauch bei afrikanischen Wilden ist. Im Gegenteil, ordnete ich an, sollten die Verwundeten ihren Frauen Nachricht zukommen lassen, daß sie zurückkehren sollten, um sie zu pflegen, und daß sie keine Furcht zu haben brauchten, da Nala nur gegen den Tyrannen Wambe Krieg führe, nicht aber gegen das Volk der Matuku. Dann marschierten wir mit etwa vierhundert Kriegern auf den Kraal des Häuptlings zu. Kurz darauf waren wir dort. Er war, wie ich bereits sagte, an den Berghang gebaut und stark befestigt, bedeckte jedoch nicht mehr als anderthalb Acres Grund. Wir stießen zunächst auf einen sorgsam geflochtenen Zaun aus Schilfrohr, hinter welchem, in einem Halbkreis angeordnet, die Hütten der Hauptfrauen des Häuptlings standen. Maiwa kannte natürlich jeden Quadratfuß dieses Kraals, da sie schließlich in ihm gelebt hatte, und führte uns direkt zu seinem Eingang. Wir blickten vorsichtig hindurch – keine Menschenseele war zu erblicken. Dort standen die Hütten, und dort war der freie Platz aus festgestampftem Kalkstein, auf den
die Sonne sengend herniederbrannte, doch konnten wir niemanden sehen oder hören. ›Der Schakal hat sich verkrochen‹, sagte Maiwa. ›Er wird in der Höhle hinter seiner Hütte stecken.‹ Sie deutete mit ihrem Speer auf eine zweite, halbkreisförmige Einfriedung, hinter der eine große Hütte sichtbar war, die direkt an den Felsen gebaut war. Ich starrte auf die Umzäunung. Wahrhaftig! Es stimmte! Sie bestand ausschließlich aus Stoßzähnen, die mit nach außen gerichteten Spitzen in den Boden gerammt waren. Die kleinsten von ihnen – obwohl keiner wirklich klein war – befanden sich vor der Bergklippe, und die anderen standen der Größe nach geordnet und kulminierten in zwei gewaltigen Stoßzähnen, die so aufgestellt waren, daß ihre Spitzen zusammenstießen und das zu der Hütte führende Tor bildeten. Ich war sprachlos vor Freude; und welcher Elefantenjäger wäre das nicht, wenn er plötzlich fünfbis sechshundert Stoßzähne in einer Reihe vor sich stehen sähe, die nur darauf warteten, von ihm mitgenommen zu werden? Natürlich war es ›schwarzes‹ Elfenbein, das heißt, die Außenseite der Stoßzähne war im Laufe der Jahre, oder vielleicht Jahrhunderte, in denen sie Wind und Wetter ausgesetzt gewesen waren, schwarz geworden, doch war ich sicher, daß ihnen das keinen Abbruch getan hatte. Jede Gefahr mißachtend lief ich in meiner Begeisterung sofort über die offene Fläche, zog mein Taschenmesser heraus und begann fieberhaft an einem der großen Stoßzähne zu schaben, um zu sehen, wie tief die Verwitterung ging. Wie ich es mir gedacht hatte, war es nicht der Rede wert; unter einer dünnen, schwarzen Schicht glänzte pures, weißes Elfenbein. Ich hätte vor
Freude Purzelbäume schlagen können, da ich, wie ich fürchte, im Innern meines Herzens recht gierig bin, als ich plötzlich von irgendwoher einen leisen Schrei hörte. ›Hilfe!‹ rief eine Stimme von irgendwoher hinter der Hütte im Sisutu-Dialekt; ›Hilfe, sie ermorden mich!‹ Ich kannte diese Stimme; es war John Every. Oh, was für ein selbstsüchtiger Barbar ich doch war! Der Anblick des Elfenbeins hatte mich für einen Moment sein Schicksal vergessen lassen – und jetzt war es vielleicht zu spät! Inzwischen waren Nala, Maiwa und die Krieger herangekommen. Auch sie hörten jetzt die Stimme und interpretierten ihren Ton, wenn sie auch die Worte nicht verstehen konnten. ›Hier entlang!‹ rief Maiwa, und wir liefen um die Hütte Wambes herum. Hinter ihr befand sich der enge Eingang zu einer Höhle. Wir stürzten hinein, ohne der Gefahr eines Hinterhalts zu achten, und dieses ist es, was wir sahen, obwohl zuerst sehr undeutlich, wegen des in der Höhle herrschenden Halbdunkels: In der Mitte der Höhle, mit kräftigen Pflöcken im Boden verankert, stand eine riesige, von einer Doppelfeder gespannte Löwenfalle, deren scharfe Zähne uns angrinsten. Ihr Rachen war geöffnet, und hinter dieser Falle, fast unmittelbar auf ihr, fand ein entsetzlicher Kampf statt. Ein nackter oder fast nackter weißer Mann, dem ein langer Bart über die Brust hing, wurde trotz seiner heftigen Gegenwehr von sechs oder acht Frauen langsam in die Falle gezerrt. Nur ein Mann war dabei, ein fetter, grausam wirkender Kerl mit kleinen Augen und einer hängenden Unterlippe. Es war der Häuptling Wambe, und er stand neben
der Falle, bereit, das Opfer in sie hineinzudrücken, sobald die Frauen ihn in die richtige Position gebracht hatten. In dem Augenblick, als sie unserer ansichtig wurden, verhielten sie für einen Augenblick, und dann, bevor ich wußte, was geschah, riß Maiwa den Assegai empor, den sie noch immer in der Hand hielt, und schleuderte ihn nach Wambes Kopf. Ich sah den aufblitzenden Stahl auf ihn zufliegen, und er sah es auch, denn er sprang zurück, um ihm auszuweichen – und taumelte dabei rücklings in die Falle. Er schrie auf vor Schmerzen, als ›das Ding, das beißt‹ mit einem rasselnden Krachen zuschnappte und die scharfen Zähne sich in seinen Leib schlugen – es war ein Schrei wie ich ihn nicht oft gehört habe. Jetzt endlich bekam er selbst eine Kostprobe der Tortur, unter der er so viele hatte leiden lassen, und obwohl ich von mir behaupten möchte, ein guter Christ zu sein, kann ich nicht sagen, daß er mir leid tat. Der Assegai, der ihn verfehlt hatte, traf eine der Frauen, die den unglücklichen Every gepackt hatten, und durchschlug ihren Arm. Deshalb mußte sie ihn loslassen, ein Beispiel, dem die anderen Frauen sogleich folgten, so daß Every zu Boden fiel, wo er nach Atem ringend liegen blieb. ›Tötet die Hexen!‹ rief Nala mit Donnerstimme und deutete auf die Frauen. ›Nein‹, keuchte Every, ›verschont sie! Er hat sie dazu gezwungen.‹ Er deutete auf den menschlichen Satan, der in der Löwenfalle steckte. Dann winkte Maiwa uns zurück, denn der Augenblick ihrer Rache war gekommen. Wir taten es, und sie trat zu ihrem ehemaligen Herrn, warf ihr weißes Gewand von sich
und stand mit nackter Brust vor ihm, das schöne Gesicht wie aus Stein gemeißelt. ›Wer bin ich?‹ rief sie mit einer so schrecklichen Stimme, daß er zu schreien aufhörte. ›Bin ich jene Frau, die dir gegeben wurde, und deren Kind du getötet hast? Oder bin ich ein Racheengel, der gekommen ist, um dich sterben zu sehen? Was ist dies?‹ fuhr sie fort und zog die verdorrte Kinderhand aus dem Beutel an ihrem Gürtel. ›Ist dies die Hand eines Kindes? Wie kommt es dann, daß diese Hand so allein ist? Was hat sie dem Kind abgeschnitten? Und wo ist dieses Kind? Ist dies eine Hand? Oder ist es nur die Vision einer Hand, die jetzt deine Kehle zerreißen wird? Wo sind deine Krieger, Wambe? Schlafen und essen sie gerade, um dann wieder deinen Befehlen zu gehorchen? Oder sind sie vielleicht tot und verstreut wie Herbstlaub?‹ Er stöhnte und rollte mit den Augen, während die von Rachedurst erfüllte Frau weitersprach. ›Bist du noch ein Häuptling, Wambe? Oder hat ein anderer deine Macht übernommen und sagt: was hast du hier zu suchen? Und was hat die Sklavenfessel um deinen Körper zu bedeuten? Ist es ein Traum, Wambe, du großer Herr und Häuptling? Oder ...‹ – und sie hob ihre geballten Fäuste und schüttelte sie vor seinem Gesicht – ›hat die Rache einer Frau dich gefunden und der Verstand einer Frau deine tyrannische Kraft besiegt? Und bist du jetzt dazu verurteilt, langsam zu sterben, so grauenvoll, daß man nicht einmal daran zu denken vermag, du verfluchter Mörder von kleinen Kindern?‹ Mit einem wilden Schrei warf sie ihm die tote Hand
des Kindes ins Gesicht und fiel dann bewußtlos zu Boden. Was den Dämon in seiner Falle anging, so sank er zurück, so weit seine eiserne Fessel das zuließ, seine gelben Augen quollen ihm vor Schmerz und Angst aus dem Kopf, und er begann wieder zu schreien. Es war mehr, als ich ertragen konnte. ›Nala‹, sagte ich, ›dies muß aufhören. Dieser Mann ist zwar ein Satan, doch dürfen wir ihn nicht so sterben lassen. Kümmere dich darum!‹ ›Nein‹, antwortete Nala, ›er soll von dem Essen kosten, mit dem er so viele gefüttert hat; laß ihn hier zurück, bis der Tod ihn findet.‹ ›Das werde ich nicht tun‹, antwortete ich. ›Mach dem ein rasches Ende! Kümmere dich darum!‹ ›Wie du willst, Macumazahn‹, antwortete der Häuptling mit einem Achselzucken. ›Doch erst bringe den weißen Mann und Maiwa hinaus.‹ Also traten einige Krieger heran und trugen Every und die Frau an die frische Luft. Als Every an seinem Folterer vorbeigetragen wurde, flehte dieser ihn an – so feige war sein sündiges Herz – für ihn zu sprechen, ihn vor einem Tode zu erretten, der ohne unser Erscheinen dessen eigener gewesen wäre. Also gingen wir hinaus, und wenige Sekunden später war die Erde von einem ihrer größten Schurken erlöst. Sobald Every in der frischen Luft war, erholte er sich rasch. Ich sah ihn an, und Entsetzen und Mitleid packten mich bei seinem Anblick. Sein Gesicht war das eines Mannes von sechzig Jahren, obwohl er noch nicht einmal vierzig war, und sein abgezehrter Körper war von Schwielen und Narben übersät, und mit anderen Zeichen der Foltern, denen Wambe ihn zu seinem Vergnügen unterworfen hatte.
Sobald er sich ein wenig erholt hatte, richtete er sich auf die Knie auf, brach in hemmungsloses Schluchzen aus, und umklammerte meine Beine mit seinen abgemagerten Armen, und versuchte sogar, meine Füße zu küssen. ›Was machst du da, alter Junge?‹ fuhr ich ihn an, da ich an so etwas nicht gewöhnt bin und es mir peinlich war. ›Oh, Gott segne dich‹, stöhnte er, ›Gott segne dich! Wenn du wüßtest, was ich durchgemacht habe; und wenn ich daran denke, daß gerade du mir zu Hilfe kommen würdest, und das unter höchster Gefahr für dein eigenes Leben! Aber du bist schon immer ein echter Freund gewesen – ja, ja, ein echter Freund.‹ ›Unsinn!‹ erwiderte ich hart, ›ich bin ein Händler, und ich bin allein wegen des Elfenbeins hergekommen.‹ Ich deutete auf die Einfriedung aus Stoßzähnen. ›Hast du schon jemals von einem Elefantenjäger gehört, der nicht dafür seine unsterbliche Seele riskiert hätte – von seinem Leib ganz zu schweigen?‹ Doch er hörte nicht auf mich, sondern beschwor immer wieder Gottes Segen auf mich herab, bis ich mich schließlich darauf besann, daß ein Schluck Brandy, wovon ich eine Flasche bei mir hatte, seine Nerven beruhigen mochte. Ich gab ihm einen, und das Resultat war nicht enttäuschend, denn er wurde sofort sehr viel munterer. Dann sah ich mich in Wambes Hütte um und fand ein Kaross für ihn, den er über seine knochigen, zerschundenen Schultern legen konnte, und danach war er wieder ein Mensch. ›Und jetzt‹, sagte ich, ›erkläre mir, warum dich der verblichene, schmerzlich beklagte Wambe in die Falle stecken wollte.‹
›Weil er, sobald er hörte, daß die Schlacht zu seinen Ungunsten ausging und daß Maiwa an der Spitze von Nalas Impi stand, von einer der Frauen erfuhr, daß sie gesehen habe, wie ich etwas auf Blätter geschrieben und diese Maiwa gegeben hätte, bevor sie fortging, um sich zu reinigen. Da wußte er natürlich, daß ich etwas damit zu tun hatte, daß ihr den Hügel einnahmt und ihn hieltet, während ein Impi vom Berghang aus angriff. Also beschloß er, mich zu Tode zu foltern, bevor ich gerettet werden konnte. Oh, Himmel, was für ein Segen, endlich wieder die englische Sprache zu hören.‹ ›Wie lange bist du hier gefangen gewesen, John?‹ fragte ich. ›Sechs Jahre und einige Monate; ich habe das Gefühl für die Zeit verloren. Ich bin mit Major Adley und drei anderen Gentlemen und vierzig Trägern hergekommen. Dieser Teufel Wambe hat uns in einen Hinterhalt gelockt und alle anderen töten lassen, um ihre Gewehre zu rauben. Er konnte nicht viel mit ihnen anfangen, weil es Hinterlader waren, denn diese Narren hatten innerhalb eines Monats oder so die ganze Munition verballert. Doch die Waffen sind noch in Ordnung und dort in der Hütte aufgehängt. Mich haben sie nicht getötet, weil einer von ihnen mich beobachtet hatte, wie ich ein Gewehr reparierte, und sie mich deshalb für eine Art Waffenschmied hielten. Zweimal habe ich versucht, ihnen zu entfliehen, wurde jedoch immer erwischt. Beim letzten Mal hat Wambe mich fast zu Tode geprügelt – du kannst die Narben auf meinem Rücken sehen. Und ich wäre bestimmt gestorben, wenn nicht das Mädchen Maiwa gewesen wäre, das mich heimlich gepflegt hat. Unter
vielen anderen Dingen, die er von uns erbeutete, befand sich auch die Löwenfalle, und ich schätze, daß er zwischen ein- und zweihundert Menschen mit ihr zu Tode gefoltert hat. Es war sein beliebtester Zeitvertreib, und er ist jeden Tag in die Höhle gegangen, um sich sein Opfer anzusehen, bis es endlich starb. Manchmal gab er ihm auch zu essen und Wasser, um es länger am Leben zu erhalten, und versprach ihm, es gehen zu lassen, wenn es bis zu einem bestimmten Tage leben würde. Doch hat er das nie getan. Sie sind alle hier gestorben, und ich kann dir ihre Knochen zeigen, die hinter dem Fels vergraben sind.‹ ›Dieser Teufel!‹ sagte ich zwischen zusammengebissenen Zähnen. ›Ich wünschte fast, ich hätte mich nicht eingemischt; ich wünschte, ich hätte ihn dem gleichen Schicksal überlassen.‹ ›Nun, immerhin hat er einen Vorgeschmack davon bekommen‹, sagte Every, ›und darüber bin ich froh. Es liegt Gerechtigkeit darin, und jetzt ist er in die Hölle hinabgefahren, und ich hoffe, daß dort eine zweite Falle für ihn bereitsteht. Bei Gott! Ich würde sie liebend gern mit meinen eigenen Händen spannen!‹ Und so sprach er weiter, und ich saß und hörte ihm zu und fragte mich, wie es ihm gelungen sein mochte, über so viele Jahre seinen klaren Verstand zu bewahren. Doch sprach er nicht, so wie ich es hier wiedergegeben habe, in flüssigem Englisch, sondern so, als ob er etwas im Munde hätte, und er gebrauchte immer wieder Worte der Eingeborenen, weil die englischen ihm entfallen waren. Schließlich trat Nala heran und sagte uns, daß das Essen bereit sei, und wir waren sehr dankbar, etwas
zu essen zu bekommen, das darf ich Ihnen versichern, Gentlemen. Nachdem wir gegessen hatten, hielten wir eine Besprechung ab. Über tausend von Wambes Kriegern waren hors de combat gesetzt worden, doch mindestens zweitausend weitere hatten sich im Busch und zwischen den Felsen versteckt, und diese Männer, zusammen mit denen von außerhalb gelegenen Kraals, stellten eine potentielle Gefahr dar. Daher erhob sich die Frage, was zu tun sei: Sollten wir ihnen folgen, oder sie in Ruhe lassen? Ich wartete, bis alle anderen gesprochen hatten, wobei die einen dieser Möglichkeit den Vorzug gaben, die anderen jener, und dann in mich drangen, meine Meinung zu äußern. Sie ging dahin, daß Nala ein Blatt aus dem großen Zulu T'Chaka-Buch nehmen und den Stamm dem seinen angliedern sollte, anstatt ihn zu vernichten. Unter den Gefangenen befand sich eine große Anzahl von Frauen. Sie sollte man, schlug ich vor, zu den Verstecken der Krieger schicken, um ihnen das Angebot zu unterbreiten. Wenn die Männer herauskommen, ihre Waffen niederlegen und Nala Loyalität schwören würden, sollten sie und ihr Kraal und ihre Rinder verschont bleiben. Allein Wambes Rinder sollten als Kriegsbeute beschlagnahmt werden. Außerdem sollte, da Wambe keine Nachkommen hinterlassen habe, seine Ehefrau Maiwa Häuptling des Stammes werden. Falls sie dieses Angebot nicht bis zum Morgen des zweiten Tages angenommen hätten, würde man das als dahingehend auslegen, daß Sie die Fortsetzung des Krieges wollten. Dann würde man ihren Kraal niederbrennen, ihre Rinder, die von unseren Männern bereits in großen Zahlen zusammengetrieben und zum Kraal ge-
bracht wurden, als Beute nehmen, und sie selbst von unseren Kriegern zu Tode hetzen lassen. Dieser Rat wurde als weise erklärt und angenommen. Die Frauen wurden losgeschickt, und ich sah ihren Gesichtern an, daß sie nicht erwartet hatten, ein so gutes Angebot unterbreitet zu bekommen, und sie waren überzeugt, daß auch die Männer das erkennen würden. Trotzdem verbrachten wir den Nachmittag damit, Vorbereitungen für mögliche Überraschungen zu treffen. Die Verwundeten beider Seiten wurden in einige Hütten gebracht, die wir zu einer Art Behelfslazarett gemacht hatten, und dort nach besten Kräften versorgt. An jenem Abend rauchte Every zum ersten Mal nach über sechs Jahren wieder eine Pfeife Tabak. Der arme Bursche weinte beinahe vor Freude. Die Nacht verging ohne irgendein Zeichen feindlicher Aktivität, und am nächsten Morgen sahen wir die Auswirkung unseres Plans, denn Frauen, Kinder, und ein paar Männer kamen in kleinen Gruppen zurück und nahmen ihre Hütten in Besitz. Es war natürlich etwas schwierig, unsere Männer daran zu hindern, zu plündern und sich andere Freiheiten herauszunehmen, da dies nun einmal die Art der Eingeborenen nach einem Sieg ist – und die weißer Männer ebenfalls. Doch wurde ein Mann, der trotz einer Verwarnung eine Frau vergewaltigte, ergriffen und auf Befehl Nalas hingerichtet, und obwohl dies einige Proteste hervorrief, setzte es den Übergriffen ein Ende. Am zweiten Morgen kehrten Wambes Indunas und eine große Zahl ihrer Gefolgsleute gruppenweise zurück, und gegen Mittag trat eine Delegation von Indunas ohne Waffen vor uns. Sie seien besiegt, erklär-
ten sie, und Wambe sei tot, also seien sie gekommen, um die Worte des großen Löwen zu hören, der sie gefressen habe, und die des schlauen weißen Mannes, des Schakals, welcher die Grube gegraben habe, in die sie gestürzt seien, und die Maiwas, der Kriegsfürstin, welche den Angriff angeführt und den Ausgang der Schlacht entschieden habe. Also ließen wir sie die Worte hören, und als wir das getan hatten, erhob sich ein alter Mann und sagte, daß er im Namen des Volkes das Joch annehme, das auf ihre Schultern gelegt würde, und das um so lieber, als selbst die Herrschaft einer Frau nicht schlimmer sein könne als die Wambes. Außerdem kannten sie Maiwa, die Kriegsfürstin, und fürchteten sie nicht, obwohl sie eine Hexe sei, und schrecklich anzusehen in der Schlacht. Dann fragte Nala seine Tochter, ob sie willens sei, unter ihm Häuptling dieses Stammes zu werden. Maiwa, die sehr still geworden war, seit sie ihre Rache vollzogen hatte, antwortete, daß sie dazu bereit sei, und daß ihre Herrschaft gut und freundlich sein würde für alle, die gut und freundlich zu ihr seien, die Schlechten und Rebellischen jedoch von ihr mit einem Stab aus Eisen erschlagen werden würden; was sie bei meiner Kenntnis ihres Charakters auch sehr wohl tun mochte. Der Induna erklärte, daß dies gute Worte seien und sie sich nicht über sie beklagen könnten, und damit war das Treffen beendet. Den nächsten Tag verbrachten wir mit den Vorbereitungen unseres Aufbruchs. Die meinen bestanden hauptsächlich darin, den Zaun aus Elefantenstoßzähnen ausgraben zu lassen, was ich mit großer Befriedi-
gung tat. Es waren insgesamt etwa fünfhundert. Ich erkundigte mich bei Every nach ihrer Herkunft, und dieser sagte mir, daß der Zaun bereits seit so langer Zeit dort gestanden habe, daß niemand genau wisse, wer diese Stoßzähne zusammengetragen habe. Es gäbe jedoch eine Art abergläubischer Furcht um sie, welche die Generationen von Häuptlingen stets daran gehindert habe, diese große Menge Elfenbein zu verkaufen. Every und ich untersuchten die Stoßzähne sehr sorgfältig und stellten fest, daß sie trotz ihres Alters in bestem Zustand waren. Anfangs hatte ich die leise Befürchtung, daß Nala jetzt, wo ich meinen Dienst geleistet hatte, sich nicht leicht von diesem wertvollen Schatz trennen könnte, doch dem war nicht so. Als ich mit ihm über dieses Thema sprach, sagte er lediglich: ›Nimm sie dir, Macumazahn, nimm sie, du hast sie dir redlich verdient‹, und, um ehrlich zu sein, war ich ebenfalls dieser Ansicht. Also zwangen wir mehrere hundert MatukuTräger in unseren Dienst und marschierten am nächsten Tage mit der Beute los. Bevor wir aufbrachen, verabschiedete ich mich von Maiwa, die wir mit einer Leibwache von dreihundert Mann zurückließen, welche ihr helfen sollten, das Land zu befrieden. Sie reichte mir auf eine fast königliche Art ihre Hand zum Kuß. ›Macumazahn‹, sagte sie, ›du bist ein tapferer Mann und warst mir ein Freund in der Not. Falls du jemals Hilfe oder Obdach brauchen solltest, denk daran, daß Maiwa ein gutes Gedächtnis für Freunde und für Feinde hat. Alles, das ich besitze, gehört dir.‹ Ich dankte ihr und ging. Sie war wirklich eine höchst bemerkenswerte Frau. Vor etwa zwei Jahren
hörte ich, daß Nala, ihr Vater, gestorben sei und sie als seine Nachfolgerin die Herrschaft über beide Stämme übernommen habe, die sie mit großer Gerechtigkeit und fester Hand führe. Ich kann Ihnen versichern, daß wir den Paß, der zu Wambes Kraal führt, mit völlig anderen Gefühlen hinaufstiegen, als wir ihn vor wenigen Tagen herabgekommen waren. Doch wenn ich schon für den Verlauf der Dinge dankbar war, so können Sie sich bestimmt vorstellen, was der arme Every empfunden haben mußte. Als wir die Höhe des Passes erreichten, warf er sich in Gegenwart des ganzen Impis auf die Knie und dankte dem Himmel für seine Errettung, und Tränen rannen dabei über sein Gesicht. Doch, wie bereits gesagt, war er mit seinen Nerven am Ende – obwohl er jetzt seinen Bart getrimmt und er eine Art Bekleidung auf seinem Körper trug, und Hoffnung im Herzen, ja überhaupt ein ganz anderer Mensch war als jener armer Kerl, den wir vor dem Foltertod gerettet hatten. Auf der anderen Seite des Passes trennten wir uns von Nala. Every und ich und das Elfenbein reisten weiter zum Fluß, auf dem ich vor einigen Wochen heraufgekommen war, und der Häuptling kehrte zu seinem Kraal auf der anderen Seite der Berge zurück. Er gab uns eine Eskorte von hundertfünfzig Männern mit, die den Befehl hatten, uns sechs Tage lang zu begleiten und die Matuku-Träger zu bewachen, und dann zurückzukehren. Ich wußte, daß wir in sechs Tagen eine Gegend erreichen konnten, in der wir jede Menge von Trägern finden würden, und von wo wir das Elfenbein ohne Schwierigkeit zur Delagoa Bay schaffen konnten.«
»Und haben Sie es sicher dorthin schaffen können?« fragte ich. »Nein«, antwortete Quatermain. »Etwa ein Drittel davon ging verloren, als wir einen Fluß durchquerten. Die Wasser schwollen plötzlich an, gerade, als die Männer hindurchwateten, und viele von ihnen mußten ihre Lasten abwerfen, um ihr Leben zu retten. Wir besaßen keinerlei Hilfsmittel, um die Stoßzähne suchen und bergen zu können, und waren deshalb gezwungen, sie aufzugeben, was sehr bitter war. Die verbliebenen haben wir jedoch für fast siebentausend Pfund verkaufen können, was nicht so schlecht war. Damit will ich jedoch nicht sagen, daß ich siebentausend Pfund damit verdient habe, denn, sehen Sie, ich bestand darauf, daß Every die Hälfte davon annahm. Der arme Teufel hatte es ehrlich verdient. Er verwendete das Geld dazu, in der alten Kolonie einen Laden zu eröffnen, der sehr gut florierte.« »Und was haben Sie mit der Löwenfalle getan?« wollte Sir Henry wissen. »Oh, die habe ich natürlich auch mitgenommen und als ich Durban erreichte, in mein Haus gebracht. Aber ich konnte es wirklich nicht ertragen, ihr gegenüberzusitzen, wenn ich meine Pfeife rauchte. Visionen von jener armen Frau und der Hand ihres toten Kindes stiegen dann in mir auf, und von allen anderen Grausamkeiten, für die sie benutzt worden war. Schließlich begann ich sogar zu träumen, daß sie mich an einem Bein gepackt hatte und festhielt. Das war zu viel für meine Nerven, also ließ ich sie einfach einpacken und sie zu ihrer Herstellerfirma nach England zurückschicken, deren Name in den Stahl eingraviert war, und gleichzeitig sandte ich ihr einen
Brief, in dem ich beschrieb, zu welch teuflischen Zwecken ihr Gerät benutzt worden war. Ich glaube, daß sie inzwischen irgendeinem Museum vermacht worden ist.« »Und was ist aus den Stoßzähnen jener drei Bullen geworden, die Sie erlegt haben? Die haben Sie wahrscheinlich in Nalas Kraal zurückgelassen.« Das Gesicht des alten Gentleman verzog sich schmerzlich bei dieser Frage. »Ach ja«, sagte er, »das ist eine sehr traurige Geschichte. Nala versprach mir, sie zusammen mit meinem anderen Besitz meinem Agenten in Delagoa zuzuschicken, und das tat er auch. Doch die Männer, die er aussandte, waren unbewaffnet, und gerieten in die Fänge einer Sklavenkarawane unter dem Befehl eines Mulatten von halb-portugiesischem Blut, der die Stoßzähne raubte und, was noch schlimmer war, den Männern drohte, daß er sie erschießen würde. Ich habe sie später natürlich ausgelöst«, fügte er mit einem befriedigten Lächeln hinzu, »aber meine Stoßzähne hat er mir nicht zurückgegeben, und die sind inzwischen sicher längst zu Haarbürsten verarbeitet worden.« Er seufzte. »Also«, sagte Good, »das war wirklich ein schönes Garn, das Sie da gesponnen haben, Quatermain, aber ...« »Aber was?« fragte er scharf, da er das Patt voraussah. »Aber ich glaube nicht, daß es sich mit dem meinen über die Steinböcke messen kann – es hatte nicht ein so schönes Ende.« Mr. Quatermain antwortete nicht. Good enthielt sich eines Kommentars.
»Wissen Sie, Gentlemen«, sagte er schließlich, »es ist halb drei Uhr morgens, und wenn wir morgen im Wald jagen wollen, sollten wir spätestens um neun Uhr dreißig von hier aufbrechen.« »Oh, und wenn Sie noch hundert Jahre lang schießen, werden sie niemals den Rekord von den drei Waldschnepfen brechen«, sagte ich. »Oder den von den drei Elefanten«, setzte Sir Henry hinzu. Und dann gingen wir alle zu Bett, und ich träumte, daß mich Maiwa geheiratet hätte, und ich hatte nicht wenig Angst vor dieser attraktiven und dominierenden Dame.
Jäger Quatermains Story Sir Henry Curtis ist, wie jeder, der ihn kennt, weiß, einer der gastfreundlichsten Menschen auf Erden. Es war zu einer Zeit, als ich seine Gastfreundschaft auf seinem Besitz in Yorkshire genoß, daß ich die Jagdgeschichte hörte, die ich jetzt aufzeichnen will. Viele von denen, die sie lesen werden, haben zweifellos einige der seltsamen Gerüchte gehört, die sich in Umlauf befinden und behaupten, daß Sir Henry Curtis und sein Freund, Captain Good, kürzlich im Herzen Afrikas einen riesigen Schatz an Diamanten gefunden hätten, der dort von den Ägyptern oder von König Salomon oder von irgendeinem anderen Menschen der Antike vergraben worden sein soll. Den ersten Hinweis darauf fand ich in einem Artikel einer der Gesellschaftszeitungen am Vortag meiner Abreise nach Yorkshire zu einem Besuch bei Curtis, und traf dort, wie man sich vorstellen kann, brennend vor Neugier ein, denn es liegt etwas Faszinierendes in der Vorstellung eines vergrabenen Schatzes. Als ich in Curtis' Haus eintraf, fragte ich ihn sofort danach, und er stritt die Wahrheit der Geschichte auch nicht ab, doch als ich ihn drängte, sie mir zu erzählen, weigerte er sich, genau wie Captain Good, der zu jener Zeit ebenfalls im Haus weilte. »Sie würden sie mir ja doch nicht glauben«, sagte Sir Henry mit seinem herzlichen Lachen, das direkt aus seinen mächtigen Lungen zu kommen schien. »Sie müssen schon warten, bis Jäger Quatermain eintrifft; er kommt heute abend von Afrika zurück, und ich werde nicht ein einziges Wort über diese Sache verlieren,
und Good ebenfalls nicht, bevor er hier ist. Quatermain war während der ganzen Reise bei uns; er hatte von dem Schatz seit vielen Jahren gewußt, und wenn er nicht gewesen wäre, so säßen wir heute nicht hier. Ich werde gleich losfahren, um ihn abzuholen.« Ich brachte kein einziges Wort mehr aus ihm heraus, und auch die anderen nicht, obwohl wir alle vor Neugier platzten, besonders die Damen. Ich werde niemals den Ausdruck ihrer Gesichter vergessen, als Captain Good ihnen vor dem Abendessen im Wohnzimmer einen großen Rohdiamanten zeigte, der fünfzig Karat oder mehr wiegen mochte, und ihnen sagte, daß er viele habe, die noch größer seien. Falls ich jemals Neugier und Neid auf hübschen Gesichtern gesehen habe, so dort. Gerade in diesem Moment war es, daß die Tür geöffnet und Mr. Allan Quatermain angekündigt wurde, woraufhin Good den Diamanten in die Tasche steckte und auf den kleinen Mann zueilte, der in Begleitung von Sir Henry Curtis etwas scheu in den Raum hinkte. »Hier ist er, heil und gesund«, sagte Sir Henry triumphierend. »Ladies und Gentlemen, lassen Sie mich Ihnen einen der ältesten Jäger und den allerbesten Schützen von ganz Afrika vorstellen, der mehr Elefanten und Löwen erlegt hat, als irgendein anderer Mann unserer Zeit.« Alle Anwesenden wandten sich um und blickten den lahmen kleinen Mann mit höflicher Neugier an, und obwohl seine Größe unerheblich war, bot er doch einen beachtenswerten Anblick. Er hatte kurzgeschnittenes, graues Haar, das sich auf seinem Kopf sträubte wie die Borsten eines Igels, freundliche, braune Augen, die alles zu sehen schienen, und ein zerfurchtes
Gesicht, das von Wind und Sonne zur Farbe von Mahagoni gegerbt war. Und er sprach, als er Goods enthusiastische Begrüßung erwiderte, mit einem seltsamen, kleinen Akzent, der seine Worte unterstrich. Der Zufall wollte es, daß ich beim Abendessen neben Mr. Allan Quatermain saß und natürlich mein Bestes tat, um ihn auszuhorchen; doch er ließ sich nicht aushorchen. Er gab zwar zu, kürzlich mit Sir Henry Curtis und Captain Good eine lange Reise ins Innere Afrikas unternommen zu haben, und daß sie dort einen Schatz gefunden hätten, dann aber wechselte er höflich das Thema und begann mir Fragen über England zu stellen, wo er noch nie zuvor gewesen war – jedenfalls nicht in seinen erwachsenen Jahren. Natürlich fand ich das nicht sehr interessant und suchte deshalb nach einer Möglichkeit, das Gespräch wieder auf ihn zurückzubringen. Nun dinierten wir in einem eichengetäfelten Vestibül, und an der mir gegenüberliegenden Wand hingen zwei gewaltige Elefanten-Stoßzähne, und unter diesen die Hörner eines Büffels, sehr abgestoßen und knotig, was zeigte, daß sie von einem alten Bullen stammten, und die Spitze eines der Hörner war aufgesplittert und teilweise abgebrochen. Ich bemerkte, daß Jäger Quatermains Blicke immer wieder zu diesen Trophäen wanderten und nahm diese Gelegenheit wahr, ihn zu fragen, ob er etwas von ihnen wisse. »Das sollte ich«, antwortete er mit einem kleinen Lachen; »der Elefant, dem diese Stoßzähne gehörten, hat vor etwa achtzehn Monaten einen unserer Leute in zwei Teile zerrissen, und was das Büffelgehörn betrifft, so hätte es mir beinahe den Tod gebracht und hat einen meiner Diener durchbohrt, an dem ich sehr
hing. Ich habe die Trophäen Sir Henry geschenkt, als er vor einigen Monaten Natal verließ.« Mr. Quatermain seufzte und wandte sich ab, um eine Frage seiner Tischdame zu beantworten, die natürlich auch versuchte, ihn wegen der Diamanten auszuhorchen. Genaugenommen brannten alle, die um die Tafel saßen, vor unterdrückter Neugier, die wir, sobald die Dienerschaft den Raum verlassen hatte, nicht länger zurückhalten konnten. »Jetzt, Mr. Quatermain«, sagte dessen Tischdame, »sind wir von Sir Henry und Captain Good lange genug auf die Folter gespannt worden, die sich strikt geweigert haben, uns auch nur ein Wort von der Geschichte des verborgenen Schatzes zu erzählen, bevor Sie kämen, und wir können es einfach nicht mehr länger ertragen; also, bitte, fangen Sie sofort an!« »Ja«, griffen alle anderen den Vorschlag auf. »Erzählen Sie!« Jäger Quatermain blickte unsicher umher; es schien ihm offensichtlich unangenehm zu sein, sich im Mittelpunkt so großen Interesses zu finden. »Ladies und Gentlemen«, sagte er schließlich mit einem Schütteln seines grauhaarigen Kopfes. »Es tut mir sehr leid, Sie enttäuschen zu müssen, doch ich kann es nicht tun. Es ist nämlich so: Auf ausdrückliches Bitten von Sir Henry und Captain Good hin habe ich einen wahrheitsgetreuen, ausführlichen Bericht über König Salomons Minen, und wie wir diese entdeckt haben, geschrieben*, also können Sie später alle *
König Salomons Diamanten, 5. Band der Henry Rider HaggardAusgabe im Wilhelm Heyne Verlag (HEYNE-BUCH Nr. 06/4134)
selbst über dieses wunderbare Abenteuer nachlesen, und bis dahin möchte ich nichts darüber sagen, nicht, weil ich Ihre Neugier enttäuschen will, oder um mich wichtig zu machen, sondern einfach, weil diese Geschichte so viel des Wunderbaren enthält, so daß ich Angst habe, sie auf eine verstümmelte, hastige Art zu erzählen, da ich befürchte, man könnte mich dann für einen dieser Burschen halten, von denen es recht viele in meinem Beruf gibt, die sich nicht schämen, von Dingen zu berichten, die sie gar nicht erlebt haben, und abenteuerliche Geschichten über Tiere erzählen, die sie nicht erlegt haben. Und ich glaube, daß meine Gefährten dieses Erlebnisses, Sir Henry Curtis und Captain Good, mir darin recht geben werden.« »Ja, Quatermain, ich stimme Ihnen da völlig zu«, sagte Sir Henry. »Eben diese Überlegung hat auch Good und mich dazu veranlaßt, den Mund zu halten. Wir wollten einfach vermeiden, mit ... ah ... nun, mit gewissen anderen berühmten Reisenden in einen Topf geworfen zu werden.« Enttäuschtes Gemurmel quittierte diese Erklärungen. »Ich glaube, Sie führen uns alle an der Nase herum«, sagte die junge Dame, die neben Mr. Quatermain saß, ziemlich scharf. »Glauben Sie mir«, antwortete der alte Jäger mit einem höflichen Neigen seines grauhaarigen Kopfes, »obwohl ich mein ganzes Leben in der Wildnis verbracht habe, und unter Wilden, würde ich es doch niemals über mich bringen, oder so schlechte Manieren haben, eine so entzückende junge Dame zu täuschen.« Daraufhin war die junge Dame, die übrigens sehr
hübsch war, etwas besänftigt. »Das ist entsetzlich«, erklärte ich. »Wir bitten um Brot, und Sie geben uns einen Stein, Mr. Quatermain. Zumindest müssen Sie uns die Geschichte jener Stoßzähne und des darunter hängenden Büffelgehörns erzählen. Mit weniger kommen Sie uns nicht davon.« »Ich bin ein sehr schlechter Erzähler«, antwortete der alte Jäger, »doch wenn Sie mir diese Schwäche nachsehen wollen, bin ich gerne bereit, Ihnen eine Geschichte zu erzählen, nicht die der Stoßzähne, da sie Teil der Geschichte unserer Reise zu König Salomons Minen sind, doch die der Büffelhörner, die darunter hängen, und die jetzt zehn Jahre alt ist.« »Bravo, Quatermain!« sagte Sir Henry. »Wir sind alle begierig, sie zu hören. Schießen Sie los! Aber füllen Sie vorher Ihr Glas auf!« Der kleine Mann tat, was ihm befohlen worden war, nahm einen Schluck Claret und begann: »Vor etwa zehn Jahren jagte ich tief im Innern Afrikas, in einer Gegend, die Gatgarra genannt wird, und die nicht weit vom Chobe-Fluß entfernt liegt. Ich hatte vier eingeborene Diener bei mir, nämlich einen Fahrer und einen Voorloper oder Führer, beides Männer aus Matabeland, einen Hottentotten, der Hans genannt wurde und vorher der Sklave eines Buren in Transvaal gewesen war, und einen Zulu-Jäger, der mich seit fünf Jahren auf meinen Reisen begleitet hatte und Mashune hieß. In der Nähe von Gatgarra entdeckte ich ein wunderbares, gesundes, parkartiges Land, wo sehr gutes Gras wuchs, wenn man die Jahreszeit bedachte; und hier schlug ich ein kleines Lager oder Hauptquartier auf, von wo aus ich nach allen Richtungen auf die Suche nach Wild ging, vor allem
nach Elefanten. Ich hatte jedoch kein Glück; ich konnte nur wenig Elfenbein erbeuten. Deshalb war ich sehr glücklich, als ein paar Eingeborene mir die Nachricht brachten, daß eine große Elefantenherde bei einem etwa dreißig Meilen entfernten Dorf äse. Im ersten Moment dachte ich daran, sofort zu diesem Tal zu trecken, mit Wagen und allem, gab diese Idee jedoch sofort wieder auf, als ich hörte, daß es von der TsetseFliege verseucht sei, die für alle Lebewesen, außer Eseln und Wildtieren den sicheren Tod bedeutet. Also entschied ich mich widerwillig dafür, den Wagen in der Obhut des Matabele-Voorlopers und des Fahrers zurückzulassen und zu Fuß durch das dornenreiche Land zu marschieren, begleitet von Hans, dem Hottentotten, und Mashune. Also brachen wir am folgenden Morgen auf, und am Abend des nächsten Tages erreichten wir die Stelle, an der die Elefanten angeblich stehen sollten. Doch wieder hatte ich kein Glück. Daß die Elefanten hier gewesen waren, bewiesen ihre unübersehbaren Fährten, und auch andere Spure, wie aus dem Boden gerissene Mimosenbäume, die umgedreht auf ihre Kronen geworfen waren, damit die großen Tiere sich an ihren süßen Wurzeln delektieren konnten; doch von den Elefanten selbst war nichts zu entdecken. Offensichtlich waren sie weitergezogen. Unter diesen Umständen blieb uns nichts anderes übrig, als ihnen nachzuziehen, was wir auch taten, und das führte uns auf eine böse Jagd. Zwei Wochen lang oder mehr zogen wir hinter diesen Elefanten her, konnten sie auch zweimal einholen, und es war wirklich eine prachtvolle Herde – doch wir verloren sie wieder. Schließlich holten wir sie ein drittes Mal ein, und es gelang
mir, einen Bullen zu schießen, und dann liefen sie wieder weiter, in ein Gebiet, wo es sinnlos war, ihnen weiter zu folgen. Also gaben wir es auf und machten uns, nicht gerade in rosigster Stimmung, auf den Rückweg zum Lager, wobei wir die Stoßzähne des einen Elefanten, den ich geschossen hatte, mit uns schleppten. Es war am Nachmittag des fünften Tages unseres Rückmarsches, daß wir den kleinen Hügel erreichten, der vor dem Tal lag, in dem unser Wagen stand, und ich muß gestehen, daß ich ihn mit dem angenehmen Gefühl des Heimkommens erstieg, denn der Wagen ist das Heim des Jägers, genauso wie es das Haus für einen zivilisierten Menschen ist. Ich erreichte die Kuppe des Hügels und blickte in die Richtung, in der die freundliche, weiße Plane des Wagens schimmern sollte, doch war kein Wagen da, nur schwarze, verbrannte Ebene erstreckte sich, so weit das Auge reichte. Ich rieb mir die Augen, sah wieder hin und erkannte die Stelle des Lagers, nicht meinen Wagen, sondern nur einige verkohlte Holzteile. Halb von Sinnen vor Trauer und Sorge lief ich, gefolgt von Hans und Mashune, den Hang des Hügels hinab und über die Ebene zu der Quelle, an der mein Lager gestanden hatte. Ich hatte sie bald erreicht, doch nur, um meine schlimmsten Befürchtungen bestätigt zu finden. Der Wagen und sein ganzer Inhalt, einschließlich meiner Reservegewehre und der Munition, waren durch ein Buschfeuer vernichtet worden. Nun hatte ich, bevor ich aufgebrochen war, dem Fahrer befohlen, das Gras im Umkreis des Lagers abzubrennen, eben, um es vor Unfällen dieser Art zu
schützen, und hier hatte ich die Quittung für meine Torheit: eine sehr drastische Demonstration dafür, daß man alles selbst tun muß, wenn man etwas getan haben will, und nichts ohne Aufsicht Eingeborenen überlassen darf. Offensichtlich hatten die faulen Hunde das Feuer nicht um den Wagen herum angelegt, sondern wahrscheinlich das hohe und kienige Tamboukigras in der Nähe in Brand gesteckt; der Wind hatte die Flammen auf die Wagenplane zugetrieben, und das war das Ende der Angelegenheit gewesen. Was den Fahrer und den Voorloper anging, so wußte ich nicht, wo sie abgeblieben waren; wahrscheinlich hatten sie, meinen Zorn fürchtend, die Flucht ergriffen und die Ochsen mitgenommen. Ich habe bis heute nie wieder etwas von ihnen gehört. Ich setzte mich auf das verbrannte Veldt neben der Quelle und starrte auf die verkohlten Reste von Achsen und Deichsel meines Wagens, und ich kann Ihnen versichern, Ladies und Gentlemen, daß mir zum Heulen zumute war. Was Mashune und Hans betraf, so fluchten sie kräftig vor sich hin, der eine auf Zulu, der andere auf Holländisch. Wir befanden uns auch in keiner beneidenswerten Lage. Wir waren fast 300 Meilen von Bamangwato entfernt, der Hauptstadt des Khama-Landes, welches der nächste Ort war, wo wir irgendwelche Hilfe erhalten konnten, und unsere Munition, Reservegewehre, Kleidung, Nahrung, und alles andere, war zerstört. Ich besaß nur noch das, was ich am Leibe trug, nämlich ein Flanellhemd, ein Paar ›Veldt-Schoons‹, oder Stiefel aus rohem Fell, mein schweres Gewehr, und eine Handvoll Patronen. Hans und Mashune hatten jeder ein Martin-Gewehr mit ein paar Schuß Munition, jedoch nicht sehr vielen.
Und so ausgerüstet sollten wir einen Marsch von 300 Meilen durch ein ödes und zum größten Teil menschenleeres Land bewältigen? Ich darf Ihnen versichern, daß ich selten in meinem Leben in einer schlimmeren Lage gewesen bin, und ich habe auf dem Gebiet einiges erlebt. Doch sind solche Dinge die natürlichen Vorkommnisse im Leben eines Jägers, und man konnte nichts weiter tun als zu versuchen, das beste aus ihnen zu machen. Nachdem wir also eine recht unbequeme Nacht neben den Resten meines Wagens zugebracht hatten, brachen wir am nächsten Morgen zu unserer Reise in die Zivilisation auf. Falls ich Ihnen jetzt alle die Schwierigkeiten und Zwischenfälle dieser Reise erzählen wollte, würde ich Sie bis Mitternacht damit aufhalten; also werde ich, mit Ihrer Erlaubnis, gleich zu dem Abenteuer kommen, von dem das Büffelgehörn an der gegenüberliegenden Wand ein trauriges Memento ist. Wir waren etwa einen Monat lang so getreckt, hatten uns, so gut es ging, durchgeschlagen, als wir eines Abends etwa vierzig Meilen vor Bamangwato lagerten. Zu dieser Zeit befanden wir uns wirklich in einem bedauernswerten Zustand, mit wundgelaufenen Füßen, halb verhungert und völlig ausgepumpt; außerdem litt ich an einem scheußlichen Fieberanfall, von dem ich halb blind wurde, und so schwach wie ein Kind. Auch unsere Munition ging zu Ende; für meine schwere Büchse hatte ich nur noch eine einzige Patrone, und Hans und Mashune, die mit MartinHenry-Gewehren bewaffnet waren, besaßen gemeinsam nur noch drei. Es war etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang, als wir haltmachten und ein Feuer an-
zündeten – glücklicherweise besaßen wir noch einige Streichhölzer. Es war ein hübscher Platz zum Lagern, wie ich mich erinnere. Unmittelbar neben dem Wildwechsel, dem wir folgten, befand sich eine kleine Senke, die von flachkronigen Mimosenbäumen eingerahmt war, und auf dem Boden dieser Senke sprudelte eine Quelle klaren Wassers aus dem Boden und formte einen kleinen Teich, an dessen Ufer ein dichter Teppich aus Wasserkresse wuchs, etwa von der Art, wie sie uns eben bei Tisch gereicht wurde. Nun hatten wir überhaupt keine Nahrung mehr, nachdem wir an jenem Morgen die letzten Reste einer kleinen Oribé-Antilope verzehrt hatten, die ich zwei Tage zuvor geschossen hatte. Also nahm Hans, der ein besserer Schütze war als Mashune, zwei der verbliebenen Martin-Patronen und ging los, um zu sehen, ob er nicht irgend etwas für unser Abendessen erlegen könne. Ich war zu schwach, um es selbst zu tun. Mashune machte sich währenddessen nützlich, indem er dürre Äste von Mimosenbäumen heranschleppte, um etwa vierzig Fuß vom Wasser entfernt einen Schutzzaun zu errichten, hinter dem wir schlafen wollten. Im Verlauf unseres langen Trecks waren wir häufig von Löwen belästigt und erst in der vergangenen Nacht von ihnen angegriffen worden, was mich nervös machte, besonders wegen meines geschwächten Zustandes. Gerade als wir diesen recht notdürftigen Zaun fertiggestellt hatten, hörten Mashune und ich den Knall eines Schusses, der in einer Entfernung von etwa einer Meile abgefeuert wurde. ›Horch!‹ rief Mashune auf Zulu, wahrscheinlich eher, um seine Lebensgeister aufrechtzuerhalten, als aus irgendeinem anderen Grund – denn er konnte in
schwierigen Situationen recht aufmunternd sein. ›Horche auf den wunderbaren Klang, mit dem die Maboona (Buren) unsere Väter in der Schlacht am Blutigen Fluß zu Boden warfen. Wir sind jetzt hungrig, mein Vater, unsere Mägen sind klein und verdorrt wie eine Tasche aus getrocknetem Ochsenfell, doch werden sie bald wieder mit gutem Fleisch gefüllt sein. Hans ist zwar nur ein Hottentotte und ein Umfagozan*, aber er kann schießen – ah! Er kann wahrlich schießen! Sei also frohen Mutes, mein Vater, denn bald wird Fleisch auf diesem Feuer braten, und wir werden wieder Männer sein.‹ Und er fuhr fort, Unsinn zu reden, bis ich ihm befahl, den Mund zu halten, weil mir der Kopf von seinem leeren Geschwätz dröhnte. Kurz nachdem wir den Schuß gehört hatten, ging die Sonne in ihrer roten Pracht unter, und die große Stille der afrikanischen Wildnis breitete sich über Erde und Himmel. Die Löwen waren noch nicht auf, sie warteten wahrscheinlich auf den Mond, und die Vögel und die anderen Tiere waren zur Ruhe gegangen. Ich kann die Intensität der Stille jener Nacht nicht mit Worten beschreiben; mir erschien sie in meinem geschwächten Zustand und in meiner Sorge um das Ausbleiben des Hottentotten Hans fast unheilverkündend – als ob die Natur über irgendeine Tragödie nachgrübelte, die sich vor ihren Augen abspielte. Es war still – so still wie der Tod, und so einsam wie in einem Grab. ›Mashune‹, sagte ich schließlich, ›wo bleibt Hans? Mein Herz ist schwer für ihn.‹ *
Ein niedriggeborener Bursche
›Ich weiß es nicht, mein Vater; vielleicht ist er müde und schläft, oder er mag sich verirrt haben.‹ ›Mashune, bin ich ein Kind, daß du so zu mir sprichst?‹ erwiderte ich. ›Sag mir, hast du in all den Jahren, die du mit mir gejagt hast, jemals erlebt, daß ein Hottentotte sich auf dem Weg zum Lager verlaufen hat oder eingeschlafen ist?‹ ›Nein, Macumazahn, (das, meine Ladies, ist mein Eingeborenenname; er bezeichnet einen Mann, der ‚bei Nacht aufsteht‘, oder der ‚immer wach ist‘) ich kann nicht sagen, wo er sein mag.‹ Doch obwohl wir so sprachen, wagte keiner von uns das anzudeuten, was wir beide dachten, nämlich, daß dem armen Hottentotten ein Unglück zugestoßen sein mochte. ›Mashune‹, sagte ich schließlich, ›geh zum Wasser und hol mir etwas von den grünen Kräutern, die dort wachsen! Ich bin hungrig und muß etwas essen.‹ ›Nein, mein Vater, sicher sind dort Geister; sie steigen nachts aus dem Wasser und sitzen am Ufer, um sich zu trocknen. Ein Isanusi* hat mir das gesagt.‹ Mashune war, wie ich glaube, einer der tapfersten Männer, die ich jemals gekannt habe – bei Tageslicht, doch hatte er eine furchtbare Angst vor dem Übernatürlichen. ›Muß ich wirklich selbst gehen, du Narr?‹ sagte ich scharf. ›Nein, Macumazahn, wenn dein Herz sich nach seltsamen Dingen sehnt, wie das einer kranken Frau, gehe ich, selbst wenn die Geister mich verschlingen sollten.‹ *
Hexensucher
Also ging er und kehrte bald darauf mit einem großen Bund Wasserkresse zurück, die ich gierig aß. ›Bist du nicht hungrig?‹ fragte ich dann den kräftigen Zulu, der mir schweigend beim Essen zusah. ›Noch nie in meinem Leben war ich hungriger, mein Vater.‹ ›Dann iß!‹ Ich deutete auf die Wasserkresse. ›Nein, Macumazahn, diese Kräuter kann ich nicht essen.‹ ›Wenn du nicht ißt, wirst du verhungern. Iß, Mashune!‹ Er starrte eine Weile zweifelnd auf die Wasserkresse, packte schließlich eine Handvoll und stopfte sie sich in den Mund, und dabei schrie er: ›Oh, warum bin ich geboren worden, da ich mich von grünen Kräutern nähren muß, wie ein Ochse? Wenn meine Mutter das gewußt hätte, als sie mich gebar, hätte sie mich gewiß sofort getötet!‹, und so lamentierte er weiter zwischen den Handvoll Wasserkresse, die er sich in den Mund stopfte, bis nichts mehr da war; dann erklärte er, daß das Zeug seinen Magen randvoll gefüllt habe, es jedoch so kalt in ihm liege, ›wie der Schnee auf einem Berggipfel.‹ Zu jeder anderen Zeit hätte ich darüber gelacht, denn man muß zugeben, daß er eine komische Art besaß, Dinge zu beschreiben. Zulus mögen kein Grünzeug. Kurz nachdem Mashune die Wasserkresse gegessen hatte, hörten wir das laute ›Wuff-Wuff!‹ eines Löwen, der offensichtlich erheblich näher von unserem Lager spazierenging, als es uns angenehm war. Und während ich in das Dunkel starrte und aufmerksam lauschte, konnte ich seinen schnarchenden Atem hören und sah die Spiegelung des Feuers in seinen gel-
ben Augen. Wir schrien ihn mit lauter Stimme an, und Mashune warf ein paar Knüppel ins Feuer, um ihn zu verscheuchen, was scheinbar auch die gewünschte Wirkung erzielte, denn für eine Weile sahen und hörten wir nichts mehr von ihm. Kurz nachdem dieser Löwe uns auf diese Weise erschreckt hatte, stieg der Mond in seiner ganzen Pracht über den Horizont und breitete eine Robe silbernen Lichts über die Erde. Selten habe ich einen schöneren Mondaufgang erlebt. Ich erinnere mich, daß ich, als ich in unserem Lager saß, ohne jede Schwierigkeit schwach mit Bleistift geschriebene Eintragungen in meinem Notizbuch lesen konnte. Sobald der Mond aufgegangen war, begann Wild zu der dicht unterhalb unseres Lagers gelegenen Wasserstelle zu ziehen. Ich konnte alle möglichen Arten über die kleine Anhöhe, die rechts von uns lag, kommen und zur Tränke gehen sehen. Ein Bock – ein großes Eland – kam sogar bis auf zwanzig Fuß an den Dornenzaun heran, blieb stehen und starrte ihn mißtrauisch an, wobei sein wunderbares, spiralförmiges Gehörn sich klar gegen den Himmel abhob. Ich hatte, wie ich mich erinnere, durchaus vor, einen Schuß auf ihn zu riskieren, und die Chance wahrzunehmen, uns vielleicht mit gutem Fleisch zu versorgen, doch schließlich entschied ich mich dagegen, als ich bedachte, daß wir nur noch zwei Patronen besaßen und ein Schuß im Mondlicht reichlich unsicher war. Das Eland zog kurz darauf weiter zur Tränke, und nach einer Minute oder so hörte man das Geräusch aufschäumenden Wassers, gefolgt von dem Trappeln eiliger Hufe. ›Was ist das, Mashune?‹ fragte ich.
›Es ist dieser verdammte Löwe; der Bock hat ihn gewittert‹, antwortete der Zulu auf englisch, von dem er ein paar sehr oberflächliche Kenntnisse besaß. Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, als wir eine Art Winseln von der anderen Seite des Wassers hörten, das sofort von einem hustenden Brüllen ganz in unserer Nähe beantwortet wurde. ›Mein Gott!‹ sagte ich, ›da sind zwei von der Sorte. Sie haben den Bock verloren; jetzt müssen wir aufpassen, daß sie nicht uns erwischen.‹ Und wieder warfen wir mehr Holz in das Feuer und schrien, mit dem Ergebnis, daß die Löwen sich verzogen. ›Mashune‹, sagte ich, ›du wirst jetzt wachen, bis der Mond über jenem Baum steht, das um die Mitte der Nacht der Fall sein wird; und dann weckst du mich. Paß gut auf, oder die Löwen werden deinen nutzlosen Knochen abnagen, bevor du drei Stunden älter bist. Ich muß jetzt ein wenig ruhen, oder ich sterbe.‹ ›Koos!‹* antwortete der Zulu. ›Schlafe mein Vater, schlafe in Frieden; meine Augen werden so offen sein wie die Sterne; und wie die Sterne werden sie über dich wachen.‹ Obwohl ich so schwach und müde war, konnte ich doch seinem Rat nicht sofort folgen. Einmal schmerzte mein Kopf vor Fieber, und zum anderen wurde ich von der Sorge um den Hottentotten Hans zerrissen; und auch von der um unser eigenes Schicksal, die wir mit wunden Füßen, leeren Bäuchen und nur noch zwei Patronen hier saßen, um unseren Weg nach Bamangwato zu finden, das vierzig Meilen ent*
Häuptling
fernt lag. Und auch allein das Gefühl, daß zwei oder mehr hungrige Löwen irgendwo im Dunkel um einen herumschleichen, ist irgendwie beunruhigend, so sehr man auch daran gewöhnt sein mag, und auch die über eine lange Zeit andauernde Nervenanspannung trägt dazu bei, daß man keinen Schlaf finden kann. Außerdem wurde ich, wie ich mich erinnere, von einem starken Verlangen nach einer Pfeife Tabak gepackt, und das unter Umständen, wo ich genausogut den Mond begehrt haben könnte. Schließlich verfiel ich in einen unruhigen Schlaf, der so voller Alpträume war wie ein Kaktus voller Stacheln, und von denen einer war, wie ich mich erinnere, daß ich meinen nackten Fuß einer Kobra entgegenhielt, die sich aufrichtete und mir meinen Namen ›Macumazahn‹ ins Ohr zischte. Und die Kobra zischte ihn so hartnäckig, daß ich schließlich aufwachte. ›Macumazahn, nanzia, nanzia!‹* flüsterte die Stimme Mashunes in mein verschlafenes Ohr. Ich richtete mich auf, öffnete die Augen und sah Mashune neben mir knien und zum Wasser deuten. Als ich der Richtung seines ausgestreckten Armes mit meinen Blicken folgte, bot sich meinen Augen ein Anblick, der mich zusammenfahren ließ, obwohl ich schon in jenen Tagen ein alter, erfahrener Jäger war. Etwa zwanzig Schritte von unserer jämmerlichen Dornenhecke entfernt befand sich ein großer Termitenbau, und auf dem Gipfel dieses Termitenbaus hockte, die vier Pranken eng beisammen, um Halt zu finden, die Gestalt einer riesigen Löwin. Ihr Blick war uns zuge*
Dort, dort!
wandt, und im Licht des Mondes sah ich, wie sie den Kopf senkte und sich die Pranken leckte. Mashune drückte mir das Martin-Gewehr in die Hände und flüsterte mir zu, daß es geladen sei. Ich zog es in die Schulter und richtete es auf die Löwin, erkannte jedoch, daß ich nicht einmal in dem hellen Mondlicht das Korn des Gewehrs sehen konnte. Da es unter diesen Umständen reiner Irrsinn war, zu feuern, weil ich wahrscheinlich die Löwin lediglich verwundet hätte, falls der Schuß nicht ganz vorbeigehen mochte, ließ ich das Gewehr sinken; dann riß ich ein winziges Stück Papier von einem Blatt meines Notizbuchs, in dem ich geblättert hatte, bevor ich schlafen gegangen war, und befestigte es an dem Korn des Gewehrs. Doch nahm dies alles einige Zeit in Anspruch, und bevor das Papierstück richtig befestigt war, packte Mashune mich am Arm und deutete auf einen dunklen Haufen im Schatten eines kleinen Mimosenbaumes, der nicht mehr als zehn Schritte von unserem Zaun entfernt war. ›Nun, was ist?‹ flüsterte ich. ›Ich kann nichts erkennen.‹ ›Da ist ein zweiter Löwe‹, antwortete er. ›Unsinn! Dein Herz ist vor Angst gestorben, und du siehst doppelt.‹ Ich beugte mich über die Dornenhecke und starrte auf den Haufen. Und noch während ich dies sagte, erhob sich die dunkle Masse und trat ins Mondlicht. Vor mir stand ein herrlicher, schwarzmähniger Löwe, einer der mächtigsten, die ich jemals gesehen hatte. Als er zwei oder drei Schritte getan hatte, wurde er meiner ansichtig, blieb stehen und starrte zu uns herüber – er war so nahe, daß ich den Widerschein der Flammen
unseres Feuers in seinen grausamen, gelblichen Augen sehen konnte. ›Schieß, schieß!‹ sagte Mashune. ›Der Teufel kommt! – er wird uns gleich anspringen!‹ Ich hob das Gewehr und richtete das Papierstückchen auf den kleinen weißen Haarfleck an der Stelle, wo seine Kehle in Brust und Schultern überging. Während ich das tat, wandte der Löwe den Kopf und blickte über seine Schulter, was Löwen, nach meiner Erfahrung, immer tun, bevor sie springen. Dann senkte sich sein Körper ein wenig, und ich sah, daß seine großen Pranken sich auf dem Boden spreizten, als er sein Gewicht auf sie verteilte, um Halt zu finden. Hastig zog ich den Abzug des Martin-Gewehrs durch, und nicht einen Moment zu früh, denn als ich es tat, duckte er sich zum Sprung. Das Krachen des Schusses klang scharf und klar durch die absolute Stille der Nacht, und in der nächsten Sekunde landete die riesige Bestie nur vier Fuß vor uns auf ihrem Kopf, rollte auf uns zu und zerfetzte die Büsche, aus denen unsere lächerliche Hecke bestand, durch konvulsive Schläge seiner mächtigen Pranken. Wir sprangen sofort zur anderen Seite des ›Zaunes‹ hinüber, und er rollte durch ihn hindurch und noch weiter, bis ins Feuer. Dann sprang er auf, setzte sich auf seine Keulen wie ein riesiger Hund, und begann zu brüllen. Mein Gott! Wie er brüllte! So etwas habe ich weder zuvor noch seither gehört. Er füllte seine Lungen immer wieder mit Luft und stieß sie dann mit einem gewaltigen Lautvolumen wieder aus. Plötzlich, mitten in einem der lautesten Brüllen, rollte er auf die Seite und lag still, und ich wußte, daß er tot war. Ein Löwe stirbt meist auf der Seite liegend.
Mit einem erleichterten Seufzer wandte ich meinen Blick wieder seinem Weibchen zu, das auf dem Termitenbau saß. Die Löwin hockte dort, anscheinend versteinert vor Erstaunen, blickte über ihre Schultern und peitschte mit dem Schwanz; doch zu unserer immensen Erleichterung wandte sie sich ab, als der sterbende Löwe zu brüllen aufhörte, und verschwand mit einem riesigen Satz in der Nacht. Dann traten wir vorsichtig auf den reglos am Boden liegenden Löwen zu, wobei Mashune leise einen Zulu-Gesang improvisierte, der davon handelte, wie Macumazahn, der Jäger aller Jäger, dessen Augen sowohl bei Nacht als auch tagsüber offen sind, seine Hand durch den Rachen des Löwen zu dessen Magen hinabstreckte, als er kam, um uns zu verschlingen, und sein Herz mit den Wurzeln herausriß, und so weiter, und so weiter, um damit auf seine hyperbolische Zulu-Art seine Befriedigung darüber auszudrücken, welche Wendung die Dinge genommen hatten. Es bestand nun kein Grund mehr zur Vorsicht. Der Löwe war so tot, als ob er bereits ausgestopft wäre. Die Martin-Kugel war einen Zoll neben dem weißen Fleck eingeschlagen, auf den ich gezielt hatte, durch seinen ganzen Körper gedrungen und in seinem rechten Hinterteil, dicht neben der Schwanzwurzel ausgetreten. Das Martin-Gewehr hat eine unglaubliche Durchschlagskraft, obwohl sein Rückstoß relativ gering ist, da es ein kleines Kaliber hat. Aber glücklicherweise ist der Löwe ein leicht zu tötendes Tier. Ich verbrachte den Rest dieser Nacht in tiefem Schlummer, den Kopf auf die Flanke des toten Löwen gebettet, eine Position, die nicht ganz ohne eine Spur von Ironie war, obwohl der Geruch seiner versengten
Haare mir unangenehm in die Nase drang. Als ich wieder erwachte, stieg das erste, blaßrosa Licht der Dämmerung über den östlichen Horizont. Im ersten Moment konnte ich nicht das kalte Gefühl einer Beunruhigung verstehen, das wie ein Eisklumpen auf meinem Herzen lag, bis der Geruch und das Gefühl des toten Löwen unter meinem Kopf mir die Situation in Erinnerung zurückrief, in der wir uns befanden. Ich erhob mich und blickte suchend umher, in der Hoffnung, irgendein Zeichen von Hans zu entdecken, der, falls ihm kein Unglück zugestoßen sein sollte, bestimmt im ersten Morgengrauen zurückgekehrt sein würde, doch er tauchte nicht auf. Da erlosch meine Hoffnung, und mich überkam das Gefühl, daß es nicht gut stand um den armen Burschen. Nachdem ich Mashune befohlen hatte, mehr Holz aufs Feuer zu legen, zog ich eilig das Fell des Löwen ab, der wirklich ein herrliches Tier war, und schnitt ein paar Fleischstücke heraus, die wir brieten und gierig verschlangen. Löwenfleisch ist, so seltsam es klingen mag, äußerst schmackhaft und ähnelt mehr Wild als irgend etwas anderem. Als wir unser so dringend benötigtes Mahl beendet hatten, ging die Sonne auf, und nach einem Trunk Wasser und dem Waschen im Teich brachen wir auf und versuchten, Hans zu finden; den Löwen überließen wir der Fürsorge der Hyänen. Sowohl Mashune als auch ich waren aufgrund langer Praxis recht gute Fährtensucher, und so hatten wir keine Mühe, der Spur des Hottentotten zu folgen, so schwach sie auch sein mochte. Wir waren auf diese Weise etwa eine halbe Stunde lang gegangen und, wie ich schätzte, ungefähr eine Meile von unserem Lager entfernt, als
wir die Fährte eines einzelnen Büffels entdeckten, die sich mit der von Hans vermischte, und aus verschiedenen Anzeichen konnten wir erkennen, daß Hans den Büffel verfolgt hatte. Schließlich gelangten wir auf eine kleine Lichtung, auf der ein alter verkrüppelter Dornmimosenbaum stand, dessen Wurzelwerk eine Art Höhlung bildete, in der ein Stachelschwein, oder ein Ameisenbär, oder ein anderes Tier dieser Art, sich einen tiefen Bau gegraben hatte. Etwa zehn oder fünfzehn Schritte von dem Dornenbaum entfernt, befand sich ein umfangreiches Dickicht. ›Sieh, Macumazahn! Sieh!‹ sagte Mashune aufgeregt, als wir uns der Dornenmimose näherten, ›der Büffel hat ihn angegriffen. Sieh, hier hat er gestanden, und auf ihn gefeuert; du siehst, wie fest er seine Füße in den Boden gestemmt hat; hier ist der Eindruck seiner komischen Zehe (Hans hatte eine verbogene Zehe). Sieh! Hier ist der Büffel wie ein Sturmwind den Hang herabgerast, seine Hufe haben den Boden wie Hacken aufgerissen. Hans hat ihn getroffen; er hat geblutet, als er den Hang herab kam; dort sind Blutspritzer. Alles ist hier niedergeschrieben, mein Vater – hier auf der Erde.‹ ›Ja‹, sagte ich, ›ja, aber wo ist Hans?‹ Und noch während ich das sagte, packte Mashune meinen Arm und deutete auf die verkrüppelte Dornenmimose direkt vor uns. Und selbst jetzt noch, Gentlemen, wird mir übel, wenn ich daran denke, was ich dort sah. Denn in einer starken Astgabel des Baums, etwa acht Fuß über dem Boden, hing Hans, oder vielmehr, sein Körper, der offensichtlich von dem wütenden Büffel dort hinaufgeschleudert worden war. Eins sei-
ner Beine war um die Astgabel geschlungen, offenbar im Todeskampf. In seiner Lende, dicht unterhalb der Rippen, klaffte ein großes Loch, aus dem die Eingeweide heraushingen. Und dies war nicht alles. Das andere Bein hing bis auf fünf Fuß über dem Boden herab, und es bestand fast nur noch aus blanken Knochen. Einen Moment lang stand ich wie versteinert und starrte auf dieses entsetzliche Bild. Dann begriff ich, was geschehen war. Der Büffel hatte, mit der teuflischen Grausamkeit, die diesem Tiere eigen ist, sich unter seinen toten Feind gestellt und mit seiner feilenscharfen Zunge das Fleisch von dem herabhängenden Bein geleckt. Ich hatte schon vorher von so etwas gehört, es jedoch immer für Jägerlatein gehalten; jetzt jedoch hatte ich keinerlei Zweifel mehr. Der skelettierte Fuß und Knöchel des armen Hans waren Beweis genug. Wir standen schweigend vor dem Baum und starrten und starrten auf diesen entsetzlichen Anblick, als unsere Gedanken plötzlich auf eine überaus schmerzhafte Weise unterbrochen wurden. Das dichte Gebüsch, etwa fünfzehn Schritte von uns entfernt, barst plötzlich krachend auseinander, und mit einem wütenden, schweineartigen Grunzen stürmte der Büffelbulle direkt auf uns zu. Deutlich erkannte ich die Blutspur an seiner Flanke, wo die Kugel des armen Hans ihn getroffen hatte, und auch, wie es oft bei besonders wilden Büffeln der Fall ist, daß seine Flanken kürzlich bei einem Kampf mit einem Löwen furchtbar zerrissen worden waren. Weiter stürmte er heran, den Kopf stolz erhoben (ein Büffel senkt seinen Kopf erst kurz vor dem Zustoßen); und diese gewaltigen, schwarzen Hörner –
wenn ich sie jetzt so vor mir sehe, Gentlemen, scheinen sie wie damals, vor zehn Jahren, auf mich zuzukommen, eine scharfe Silhouette vor dem hellen Grün des Dickichts. Weiter – weiter! Mit einem Schrei sprang Mashune auf das Gebüsch zu. Ich hatte instinktiv mein Gewehr hochgerissen, das ich in meiner Hand hielt. Es war absolut sinnlos, auf die Stirn des Büffels zu schießen, denn der dichte Hornpanzer würde die Kugel ablenken, doch als Mashune lossprang, stockte der Büffel für eine Sekunde, als ob er beabsichtigte, ihn zu verfolgen, und da mir das eine geringfügige Chance gab, ließ ich meine letzte Kugel fliegen. Sie traf ihn in das Schulterblatt und zertrümmerte es, und fuhr dann weiter in seine Flanke; doch konnte sie ihn nicht stoppen, obwohl er eine Sekunde lang taumelte. Mit der Energie der Verzweiflung warf ich mich zu Boden, rollte mich in die Deckung der hervorstehenden Wurzeln der Dornenmimose und quetschte mich so tief wie möglich in das Ameisenbärenloch. In der nächsten Sekunde war der Büffel hinter mir her. Er kniete sich auf sein unverletztes Vorderbein – denn das, dessen Schulterblatt ich zerschossen hatte, baumelte kraftlos hin und her – und machte sich daran, mich mit seinen gebogenen Hörnern auszugraben. Anfangs stieß er mit aller Gewalt nach mir, und es war einer der Stöße gegen den Stamm des Baumes, welcher die Spitze eines der Hörner auf die Weise aufgesplittert hat, wie Sie es dort sehen. Dann aber wurde er gewitzter, schob sein Gehörn so weit wie möglich unter die Wurzeln und machte weite, halbkreisförmige Stöße mit ihnen, wobei er furchtbar grunzte, und Speichel und heißen, feuchten Atem
über mich versprühte. Ich befand mich knapp außerhalb der Reichweite des Gehörns, obwohl es mit jedem Stoß, der ja die Öffnung erweiterte und mehr Raum für seinen Kopf schuf, mir näher rückte und ich immer wieder schwere Schläge von seiner Schnauze erhielt. Da ich das Gefühl hatte, auf diese Weise ausgeknockt zu werden, griff ich in meiner Verzweiflung nach seiner Zunge, die aus seinem Maul hing, und riß sie mit aller Kraft zur Seite. Die riesige Bestie brüllte auf vor Schmerz und Wut, und fuhr mit einer solchen Gewalt zurück, daß sie mich ein kleines Stück aus dem Loch riß, stieß dann wieder nach mir und erwischte mich dieses Mal mit der Krümmung ihres Horns an der Schulter. Ich wußte, daß mein Ende gekommen war und begann laut zu schreien. ›Er hat mich erwischt!‹ schrie ich in meiner Todesangst. ›Gwasa, Mashune, gwasa!‹* Der riesige Kopf fuhr hoch, und wie ein Stehaufmännchen kam ich aus meinem Loch herausgeschossen. Und während ich das tat, sah ich den tapferen Mashune vorspringen, seinen ›Bangwang‹, den breiten Assegai, über dem Kopf schwingend. Eine Viertelsekunde später fiel ich von dem Horn herab und hörte den Einschlag des Speeres, gefolgt von dem nicht beschreibbaren Geräusch von Stahl, der sich einen Weg durch Fleisch bohrt. Ich war auf den Rücken gefallen, und als ich aufblickte, sah ich, daß der tapfere Mashune seinen Assegai einen Fuß oder tiefer in den Körper des Büffels gejagt hatte und sich gerade herumwarf, um zu fliehen. *
Stech zu, Mashune, stech zu!
Aber es war zu spät! Mit wütendem Brüllen und aus Maul und Nüstern blutend stürzte die teuflische Bestie sich auf ihn, warf ihn wie eine Feder in die Luft und durchbohrte ihn zweimal mit ihren Hörnern, als er am Boden lag. Ich versuchte verzweifelt, auf die Beine zu kommen, als er hilflos dort lag, mit der wilden Vorstellung, daß ich ihm helfen könnte, doch noch bevor ich mich aufstemmen konnte, stieß der Büffel ein langes, seufzendes Keuchen aus und fiel neben seinem Opfer tot zu Boden. Mashune lebte noch, doch ein einziger Blick sagte mir, daß seine Stunde geschlagen hatte. Das Horn des Büffels hatte ein riesiges Loch in seine linke Lunge gebohrt und ihm auch noch andere Verletzungen zugefügt. Ich kniete mich neben ihn und nahm seine Hand in die meine. ›Ist er tot, Macumazahn?‹ flüsterte er. ›Meine Augen sind blind, ich kann nicht sehen.‹ ›Ja, er ist tot.‹ ›Hat der schwarze Teufel dich verletzt, Macumazahn?‹ ›Nein, mein armer Freund, ich bin nicht sehr verwundet.‹ ›Ou! Da bin ich froh!‹ Dann folgte eine lange Stille, unterbrochen nur von dem Geräusch der Luft, die durch das Loch in seiner Lunge rasselte, wenn er atmete. ›Macumazahn, bist du da? Ich kann dich nicht fühlen.‹ ›Ich bin hier, Mashune.‹ ›Ich sterbe, Macumazahn – die Welt dreht und dreht sich. Ich gehe – ich gehe in das Dunkel! Ich hof-
fe, mein Vater, daß du manchmal, an kommenden Tagen – an Mashune denken wirst, der dir zur Seite stand –, wenn du Elefanten geschossen hast, als wir damals ... als wir damals ...‹ Das waren seine letzten Worte, und sein tapferer Geist ging mit ihnen davon. Ich schleppte seinen Körper zu dem Loch unter dem Baum und drückte ihn hinein, und legte seinen breiten Assegai ihm zur Seite, wie es der Brauch ist bei seinem Volke, damit er nicht ohne Waffe auf seine lange Reise gehen mußte; und dann, Ladies, das schäme ich mich nicht, zu gestehen, stand ich vor diesem Grab und weinte.«
Stella und Hendrika Widmung Mein lieber Macumazahn, Es war Ihr Eingeborenenname, den ich mir bei der Taufe jenes Allan auslieh, der mir so vertraut geworden ist, wie kein anderer Freund: Deshalb ist es nicht mehr als recht, daß ich diese, seine letzte Geschichte, Ihnen widme – die Geschichte seiner Frau, und die einiger weiterer Abenteuer, die ihm zugestoßen sind. Sie werden Sie an so manche andere afrikanische Geschichte gemahnen – die von den Pavianen mag Sie an ein eigenes Erlebnis erinnern, das ich nicht mit Ihnen geteilt habe. Und vielleicht werden sie noch mehr tun. Vielleicht werden sie in Ihnen die Romantik einer Zeit wachrufen, die uns verloren gegangen ist. Das Land, von dem Allan Quatermain in seinen Geschichten berichtet, ist jetzt zum größten Teil so bekannt und so gründlich erforscht wie die Felder von Norfolk. Dort, wo wir einst schossen und treckten und galoppierten, und nur selten das Gesicht eines zivilisierten Menschen erblickten, errichten die Goldsucher heute ihre Städte. Der Schatten der britischen Flagge hat vorübergehend aufgehört auf die weiten Ebenen Transvaals zu fallen; das Wild ist verschwunden; der nebelige Charme des Morgens ist zum grellen Licht des Tages geworden. Alles ist verändert. Die Setzlinge der blauen Gummibäume, die wir im Garten des ›Palatial‹ gepflanzt haben, müssen jetzt hohe Bäume sein, und das ›Palatial‹ gibt es nicht mehr. In ihm hat Jess gesessen und auf ihren Geliebten gewartet. Dort hat sie ihn gesundgepflegt. Doch Jess ist tot, und Fremde leben jetzt dort, oder vielleicht ist es nur noch eine Ruine.
Und auch für uns, Macumazahn, genau wie für das Land, das wir liebten, sind das Mysterium und das Versprechen des Morgens vergangen; die Mittagssonne brennt auf uns herab und zeitweise ist unser Weg mühsam. Nur wenige derer, die wir kannten, sind übriggeblieben. Manche von ihnen wurden Opfer von Krieg und Mord, und ihre Knochen liegen über das Veldt verstreut; andere hat der Tod sich auf eine friedlichere Art genommen; manche sind unseren Blicken verborgen, wir wissen nicht, wo. Mit Recht fürchten wir uns vor einer Rückkehr in jenes Land, da wir Angst haben, Geistern zu begegnen. Doch mögen wir jetzt auch verschiedene Wege gehen, die Vergangenheit blickt uns mit ihren unergründlichen Augen an. Aber wir erinnern uns noch an so manches jungenhafte Unternehmen und Abenteuer, in das wir uns leichtherzig gestürzt haben, und das uns heute als äußerst gefährlich erscheinen würde. Wir erinnern uns noch an die vertraute Gestalt des Pretoria-Pferdes, an Krieg und Panik, an die Müdigkeit auf mitternächtlichen Patrouillenritten; ja, und wir hören noch immer das Dröhnen der Kanonen, deren Echo vom Shameful Hill zurückgeworfen wurde. Ihnen also, Macumazahn, widme ich diese Aufzeichnung zur bleibenden Erinnerung an jene ereignisreichen Jahre der Jugend, die wir gemeinsam in den afrikanischen Städten und auf dem afrikanischen Veldt verbracht haben, und unterzeichne jetzt, wie immer, als Ihr aufrichtiger Freund, INDANDA 1889 An Arthur H. D. Cochrane, Esqu.
1 Die frühen Tage Es mag erinnerlich sein, daß Allan Quatermain auf den letzten Seiten seines Tagebuches*, die er kurz vor seinem Tode schrieb, Andeutungen über seine seit langen Jahren verstorbene Frau machte und erklärte, an anderer Stelle ausführlich über sie geschrieben zu haben. Als sein Tod bekannt wurde, sind alle seine Schriften mir als seinem literarischen Testamentsvollstrekker übergeben worden. Unter ihnen entdeckte ich zwei Manuskripte, von denen das vorliegende eines ist. Das andere ist einfach ein Bericht über Ereignisse, an denen Mr. Quatermain nicht persönlich beteiligt war – ein Zulu-Roman, dessen zugrundeliegenden Fakten ihm von dem Helden der Geschehnisse viele Jahre nach diesem tragischen Geschehen berichtet wurden. Doch damit haben wir an dieser Stelle nichts zu tun. Ich habe mir oft vorgenommen (so beginnt Mr. Quatermains Manuskript), die Ereignisse, die mit meiner Heirat und mit dem Verlust meiner geliebten Frau zusammenhängen, zu Papier zu bringen. Viele Jahre sind nun seither vergangen, und zu einem gewissen Grade hat die Zeit diese alten Wunden heilen können, obwohl der Himmel weiß, daß sie noch immer *
Allan Quatermain, 2. Band der Henry Rider Haggard-Ausgabe im Wilhelm Heyne Verlag (HEYNE-BUCH 06/4131), Seite 391.
schmerzen. Zwei- oder dreimal habe ich sogar mit der Niederschrift begonnen. Beim ersten Mal gab ich es wieder auf, da mich das Schreiben darüber auf unerträgliche Weise niederdrückte, beim zweiten, weil ich plötzlich zu einer Reise abgerufen wurde, und beim dritten Mal, weil ein Kaffern-Diener mein Manuskript dazu geeignet fand, das Herdfeuer anzufachen. Doch jetzt, da ich ruhig und ungestört in England sitze, will ich einen vierten Versuch unternehmen. Falls es mir gelingen sollte, mag die Geschichte vielleicht das Interesse einiger Menschen finden, wenn ich tot und begraben bin, denn vorher soll sie nicht veröffentlicht werden. Es ist eine recht abenteuerliche Schilderung, die zu seltsamen Betrachtungen führen mag. Ich bin der Sohn eines Missionars. Mein Vater war Kurat einer kleinen Gemeinde in Oxfordshire. Er war bereits einige Jahre mit meiner lieben Mutter verheiratet, als er dorthin versetzt wurde, und er hatte vier Kinder, von denen ich das jüngste bin. Ich erinnere mich noch vage an das Haus, in dem wir lebten. Es war ein alter Bau aus grauen Steinen und lag an der Straße. In seinem Garten wuchs ein hoher Baum. Sein Stamm war ausgehöhlt, und wir Kinder spielten oft darin und schlugen Stücke seiner dicken, rauhen Rinde ab. Wir schliefen alle vier in einer Art Dachkammer, und meine Mutter kam jeden Abend herauf und küßte uns, wenn wir zu Bett gegangen waren. Ich wachte häufig auf und sah sie über mich gebeugt, eine Kerze in der Hand. Über meinem Bett ragte ein seltsames Balkenstück aus der Wand. Einmal hatte ich entsetzliche Angst, da mein ältester Bruder mich
emporhob und, an dieses Holzstück geklammert, dort hängen ließ. Das ist alles, was mir von meinem alten Heim in der Erinnerung geblieben ist. Es ist längst abgerissen worden, denn sonst wäre ich schon einmal dorthin gereist, um es wiederzusehen. Ein Stück von ihm entfernt und ebenfalls an der Straße stand ein großes Haus, dessen Zufahrt durch ein schmiedeeisernes Tor verschlossen war, mit aus Stein gemeißelten Löwen auf den mächtigen Torpfosten; diese Löwen waren so gräßlich, daß ich Angst vor ihnen hatte. Vielleicht war dieses Gefühl prophetisch. Wenn man durch die Gitterstäbe des Tores blickte, konnte man das Haus sehen. Es war ein düster wirkendes Gebäude, das von einer hohen Hecke umgeben war; doch im Sommer wuchsen Blumen über die Sonnenuhr, die in den Rasen eingelassen war. Dieses Haus wurde ›Die Halle‹ genannt, und Squire Carson wohnte dort. An einem Weihnachtstag – es muß das letzte Weihnachten vor der Auswanderung meines Vaters gewesen sein, denn sonst würde ich mich nicht so lebhaft daran erinnern – gingen wir Kinder zu einer Weihnachtsfeier in dieses Haus. Es waren viele Menschen dort versammelt, und Diener in roten Schoßröcken standen bei der Tür. Im Speisesaal, der mit dunkler Eiche getäfelt war, stand der Weihnachtsbaum, und Squire Carson stand vor ihm. Er war ein großer, dunkelhaariger Mann, sehr ruhig und höflich in seiner Art, und er trug eine Goldkette über seiner Weste. Wir hielten ihn für alt, doch war er zu jener Zeit nicht älter als vierzig. Er hatte, wie ich später erfuhr, in seiner Jugend viele großen Reisen unternommen, und sechs oder sieben Jahre vor diesem Tag eine Dame geheiratet, die zur Hälfte Spanie-
rin war – eine Papistin, nannte mein Vater sie. Ich kann mich gut an sie erinnern. Sie war klein und ausnehmend hübsch, mit einer gerundeten Gestalt, großen, schwarzen Augen und blendend weißen Zähnen. Sie sprach englisch mit einem seltsamen Akzent. Ich muß damals wohl ein sehr komisch wirkendes Kind gewesen sein; ich weiß, daß mein Haar sich wie eine Bürste auf meinem Kopf sträubte, wie es das noch heute tut, denn ich besitze noch eine von meiner Mutter angefertigte Skizze von mir, auf der diese Eigenheit besonders stark zum Ausdruck kommt. Bei dieser Weihnachtsfeier, erinnere ich mich, wandte sich Mrs. Carson an einen hochgewachsenen, ausländisch wirkenden Gentleman, der neben ihr stand, tippte ihm vertraulich mit ihrer goldgefaßten Lorgnette auf die Schulter und sagte: »Sieh doch, Cousin – sieh dir nur diesen komischen kleinen Jungen mit den großen braunen Augen an; sein Haar wirkt wie eine – wie nennt man das noch? – Scheuerbürste. Oh, was für ein drolliger kleiner Junge!« Der hochgewachsene Gentleman zupfte an seinem Schnurrbart, nahm Mrs. Carsons Hand in die seine und fuhr damit über mein Haar, bis ich sie flüstern hörte: »Laß meine Hand los, Cousin! Thomas macht ein Gesicht wie ... wie ein Gewitter.« Thomas war der Name Mr. Carsons, ihres Ehemanns. Danach versteckte ich mich, so gut es mir möglich war, hinter einem Sessel und sah der kleinen Stella Carson zu, dem einzigen Kind des Squire, die Geschenke vom Weihnachtsbaum nahm und sie an die Kinder verteilte. Sie war als Weihnachtsmann verkleidet, mit irgendeinem weichen, weißen Zeug um
ihr hübsches, kleines Gesicht, und sie hatte große, dunkle Augen, die mir als das Schönste erschienen, das ich jemals gesehen hatte. Schließlich war ich an der Reihe, ein Geschenk zu erhalten – es war, seltsamerweise im Hinblick auf zukünftige Ereignisse, ein großer Plüschaffe. Stella nahm ihn von einem der unteren Äste des Weihnachtsbaums und reichte ihn mir. »Das ist mein Weihnachtsgeschenk für dich, kleiner Allan Quatermain«, sagte sie dabei. Während sie das tat, berührte ihr Ärmel, der mit Watteflocken bestreut war, und mit irgendeinem Glitzerzeug, eine Kerzenflamme und fing Feuer, und die Flamme raste an ihrem Arm empor zum Hals. Sie stand völlig reglos. Ich nehme an, daß sie vor Schreck gelähmt war; und die Damen, die in der Nähe standen, schrien laut auf, unternahmen jedoch nichts. Ich wurde von einem Entschluß gepackt – Impuls wäre vielleicht der richtigere Ausdruck, wenn man mein Alter berücksichtigt. Ich warf mich über das Kind, schlug mit den Händen auf die Flammen ein und konnte sie glücklicherweise ersticken, bevor sie richtig Halt gefunden hatten. Meine Handgelenke waren davon so stark angesengt, daß ich sie lange verbunden tragen mußte, doch Stella Carson war bis auf eine kleine Brandblase an ihrem Hals unverletzt geblieben. Das ist alles, was mir von dieser Weihnachtsfeier in der Erinnerung geblieben ist. Was nach diesem Zwischenfall geschah, weiß ich nicht mehr, doch sehe ich bis zum heutigen Tage manchmal im Schlaf Stellas liebliches Gesicht vor mir, und den Ausdruck von Entsetzen in ihren Augen, als die Flammen an ihrem
Arm emporzüngelten. Das ist jedoch nicht verwunderlich, denn ich hatte an jenem Abend das Leben des Mädchens gerettet, das dazu bestimmt war, meine Frau zu werden. Das nächste Ereignis, an das ich mich deutlich erinnern kann, war, daß meine Mutter und meine drei Brüder plötzlich an einem schweren Fieber erkrankten, das, wie wir später feststellten, darauf zurückzuführen war, daß ein uns übel gesonnener Mensch unseren Brunnen vergiftet hatte, indem er ein totes Schaf, mit Steinen beschwert, auf den Grund des Schachtes warf. Es muß während ihrer Krankheit gewesen sein, daß Squire Carson eines Tages zum Pfarrhaus kam. Es war noch immer kalt, denn der Wohnzimmerkamin brannte, und ich saß davor und schrieb etwas mit Bleistift auf ein Stück Papier, während mein Vater im Zimmer auf und ab schritt und leise Selbstgespräche führte. Später erfuhr ich, daß er für das Leben seiner Frau und seiner Kinder gebetet hatte. Kurz darauf trat das Dienstmädchen ein und meldete, daß jemand gekommen sei, um mit ihm zu sprechen. »Es ist der Squire«, sagte das Dienstmädchen, »und er sagt, daß es sehr dringend sei.« »Führen Sie ihn herein!« sagte mein Vater müde, und kurz darauf trat Squire Carson ins Zimmer. Sein Gesicht war bleich und hager, und seine Augen glänzten so furchtbar, daß ich Angst vor ihm bekam. »Verzeihen Sie mir, daß ich Sie zu so einer Zeit belästige, Quatermain«, sagte er mit heiserer Stimme, »doch morgen werde ich für immer von hier fortgehen, und bevor ich gehe, möchte ich mit Ihnen sprechen – muß ich mit Ihnen sprechen.«
»Soll ich Allan hinausschicken?« fragte mein Vater und deutete auf mich. »Nein, lassen Sie ihn bleiben! Er wird es nicht begreifen.« Ich begriff das damals auch nicht, behielt jedoch jedes der Worte im Gedächtnis und erkannte in späteren Jahren ihre Bedeutung. »Zuerst sagen Sie mir bitte, wie geht es ihnen?« Er deutete mit dem Daumen nach oben. »Für meine Frau und zwei der Jungen besteht keine Hoffnung mehr«, antwortete mein Vater mit einem gequälten Stöhnen. »Wie es mit dem dritten ausgehen wird, weiß ich nicht. Der Wille des Herrn geschehe!« »Der Wille des Herrn geschehe«, wiederholte der Squire feierlich. »Und jetzt hören Sie, Quatermain: meine Frau ist durchgebrannt.« »Durchgebrannt!« sagte mein Vater. »Mit wem?« »Mit diesem ausländischen Cousin von ihr. Aus einem zurückgelassenen Brief geht hervor, daß sie immer nur ihn geliebt hat, und nicht mich. Sie hat mich nur geheiratet, weil sie mich für einen steinreichen englischen Edelmann hielt. Jetzt hat sie mein Vermögen durchgebracht, oder zumindest den größten Teil davon, und ist fort. Ich habe keine Ahnung, wohin. Zum Glück hatte sie keine Lust, ihr neues Leben mit einem Kind zu belasten; Stella hat sie also mir überlassen.« »Das kommt davon, wenn man eine Papistin heiratet, Carson«, sagte mein Vater. Das war seine Schwäche: Er war einer der besten und mitfühlendsten Menschen, die jemals lebten, doch er war absolut bigott. »Was werden Sie jetzt tun – sie suchen?« Carson lachte bitter auf. »Sie suchen? Warum sollte ich sie suchen? Wenn ich sie finden sollte, würde ich
sie vielleicht töten – oder ihn, oder beide, wegen der Schande, die sie auf den Namen meines Kindes gebracht haben. Nein, ich will sie niemals wiedersehen. Ich habe ihr vertraut, und sie hat mich betrogen. Soll sie gehen und ihr Schicksal finden. Aber ich werde ebenfalls gehen; ich bin meines Lebens müde.« »Carson!« sagte mein Vater erschrocken, »Sie haben doch nicht etwa vor ...« »Nein, nein, nicht das. Der Tod kommt bald genug. Aber ich will diese zivilisierte Welt verlassen, die durch und durch verlogen ist. Wir werden in die Wildnis gehen, ich und mein Kind, und dort unsere Schande verstecken. Wohin? Ich weiß nicht, wohin. Es ist auch egal, solange es dort keine weißen Gesichter gibt, keine glatten, gebildeten Zungen.« »Sie sind verrückt, Carson«, sagte mein Vater. »Wovon wollen Sie leben? Wie wollen Sie Stella erziehen? Seien Sie ein Mann und kommen Sie darüber hinweg!« »Ich werde ein Mann sein, und ich werde darüber hinwegkommen, aber nicht hier, Quatermain. Erziehung! Hatte nicht sie – jene Frau, die ich geheiratet habe – hatte nicht sie die beste Erziehung genossen? – war sie nicht, Gott behüte, die klügste Frau weit und breit? Zu klug für mich, Quatermain – viel zu klug! Nein, nein, Stella soll in einer anderen Schule aufwachsen; wenn möglich, soll sie sogar ihren Namen vergessen. Leben Sie wohl, mein Freund, ich sage Ihnen für immer Lebewohl. Versuchen Sie bitte nicht, mich zu finden, von dieser Stunde an bin ich für Sie gestorben, für Sie und für alle anderen, die ich kannte.« Damit ging er. »Verrückt«, sagte mein Vater mit einem schweren
Seufzer. »Sein Kummer hat ihm den Verstand verwirrt. Aber er wird schon wieder zur Besinnung kommen.« In diesem Augenblick kam die Krankenschwester hereingestürzt und flüsterte meinem Vater etwas ins Ohr. Seine Hände umklammerten den Rand des Tisches, um sich zu stützen, dann ging er taumelnd aus dem Zimmer. Meine Mutter lag im Sterben! Es war einige Tage später, ich kann nicht mehr genau sagen, wie viele, als mein Vater mich bei der Hand nahm und in das große Schlafzimmer führte, welches das Krankenzimmer meiner Mutter gewesen war. Dort lag sie tot in ihrem Sarg, mit Blumen in den Händen. Entlang den Wänden standen drei weiße Betten, und auf jedem lag einer meiner Brüder. Alle drei sahen aus, als ob sie schliefen, und alle drei hielten Blumen in ihren Händen. Mein Vater sagte mir, daß ich sie küssen solle, und ich tat es, obwohl ich große Angst dabei hatte. Ich weiß nicht, warum. Dann schloß er mich in die Arme und küßte mich. »Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen«, sagte er, »der Name des Herrn sei gelobt.« Ich begann zu weinen, und er brachte mich wieder hinunter, und von dem, was danach geschah, habe ich nur eine konfuse Erinnerung an Männer in Schwarz, die schwere Lasten zum grauen Friedhof trugen. Das nächste ist das Bild eines großen Schiffes, und weitem, sturmgepeitschtem Meer. Nach dem Verlust, der ihn befallen hatte, ertrug mein Vater es nicht länger, in England zu leben, und so hatte er beschlossen, nach Südafrika auszuwandern. Wir müssen zu jener Zeit arm gewesen sein – ich vermute, daß ein großer
Teil der Ersparnisse meines Vaters durch Krankheit und Tod seiner Familie verbraucht worden waren. Auf jeden Fall reisten wir im Zwischendeck, und die Unbequemlichkeiten dieser Reise, vor allem die rauhen Sitten unserer Mitreisenden sind mir noch heute in Erinnerung. Schließlich aber ging sie zu Ende, und wir erreichten Afrika, das ich für viele, viele Jahre nicht wieder verlassen sollte. In jenen Tagen hatte die Zivilisation in Südafrika noch nicht richtig Fuß gefaßt. Mein Vater ging ins Landesinnere und wurde Missionar bei den Kaffern, in der Gegend, wo heute die Stadt Cradock liegt, und dort bin ich zum Manne herangewachsen. Es lebten ein paar Burenfamilien in unserer Nachbarschaft, und nach und nach entstand eine kleine Siedlung von Weißen um unsere Missionsstation – ein alkoholsüchtiger schottischer Huf- und Wagenschmied war der interessanteste Typ unter ihnen, der, wenn er mal nüchtern war, den schottischen Lyriker Burns und die ›Ingoldsby Legends‹ zitieren konnte, die damals gerade veröffentlicht worden waren, und zwar fast wortgetreu und Seite für Seite. Von ihm habe ich meine Vorliebe für die amüsanten Formulierungen der letzteren, die mich nie mehr verlassen hat. Burns habe ich nicht so gemocht, wahrscheinlich wegen des schottischen Dialekts, der mich abstieß. Das bißchen Bildung, das mir zuteil wurde, bekam ich von meinem Vater, doch entwickelte ich niemals eine Neigung zu Büchern, und er hatte auch nicht genug Zeit, sie mir nahe zu bringen. Andererseits aber entwikkelte ich mich zu einem aufmerksamen Beobachter von Mensch und Natur. Als ich zwanzig Jahre alt war, sprach ich fließend Holländisch und drei oder
vier Kafferndialekte, und ich bezweifle, ob es in ganz Südafrika einen Menschen gab, der Denken und Handeln der Eingeborenen besser verstand als ich. Außerdem war ich ein wirklich guter Schütze und Reiter geworden, und war – wie es meine folgende Karriere hinreichend bewies – erheblich widerstandsfähiger als die meisten anderen Männer. Obwohl ich damals, wie auch heute, klein und schlank war, schien nichts mich ermüden zu können. Ich konnte jede Menge Strapazen und Entbehrungen ertragen und habe keinen Eingeborenen getroffen, der mir an Ausdauer überlegen gewesen wäre. Natürlich ist das inzwischen anders geworden, ich spreche von meinen frühesten Mannesjahren. Man mag sich wundern, daß ich unter solchen Umständen nicht völlig verwilderte, doch davor bewahrte mich die Gesellschaft meines Vaters. Er war einer der nettesten und gütigsten Menschen, die ich jemals gekannt habe; selbst der wildeste Kaffer liebte ihn, und sein Einfluß auf mich war ein Segen. Er pflegte sich als eine der Fehlschöpfungen der Natur zu bezeichnen. Ich wünschte, es gäbe mehr solcher Fehlschöpfungen. An jedem Abend, wenn die Arbeit des Tages getan war, nahm er sein Gebetbuch, setzte sich auf die kleine Veranda unserer Station und las mit lauter Stimme die Abend-Psalmen. Manchmal war es schon zu dunkel geworden, um sie lesen zu können, doch das machte nichts da er sie alle auswendig kannte. Wenn er damit fertig war, blickte er lange auf das bebaute Land hinaus, auf dem die Hütten der Missionskaffern standen. Doch ich wußte, daß es nicht sie waren, die er sah, sondern die graue, englische Kirche, und die Gräber,
die nebeneinander in der Nähe des Friedhoftores lagen. Es war dort, auf der Veranda, als er starb. Er hatte sich seit einiger Zeit nicht wohl gefühlt, und eines Abends, als ich mit ihm sprach, gingen seine Gedanken zurück nach Oxfordshire und zu meiner Mutter. Er sprach sehr lange von ihr und erklärte mir, daß er sie während all dieser Jahre nicht einen einzigen Tag lang vergessen habe, und daß er glücklich sei, nun bald in jenes Land hinübergehen zu können, in das sie vorausgegangen sei. Dann fragte er mich, ob ich mich an jenen Abend erinnern könne, an dem Squire Carson ins Pfarrhaus gekommen sei und ihm berichtet habe, daß seine Frau durchgebrannt sei, und daß er seinen Namen vergessen und sich in einem fernen Land verkriechen wolle. Ich antwortete, daß ich mich sehr genau daran erinnere. »Ich frage mich, wohin er gegangen sein mag, und ob er und seine Tochter Stella noch leben. Nun ja, ich werde sie nicht wiedersehen. Doch das Leben geht seltsame Wege, Allan, und dir mag es vielleicht vergönnt sein. Falls das wirklich der Fall sein sollte, so übermittle ihnen meine herzlichsten Wünsche.« Danach ließ ich ihn allein. Wir hatten in letzter Zeit mehr als gewöhnlich unter Kafferndieben zu leiden gehabt, die nachts unsere Schafe stahlen, und wie zuvor, und nicht ohne Erfolg, wollte ich auch jetzt unseren Viehkraal bewachen und versuchen, sie zu erwischen. Es war diese Gewohnheit, nachts zu wachen, die mir meinen Eingeborenennamen ›Macumazahn‹ eintrug, der roh übersetzt bedeutet: ›er, der schläft und mit einem Auge wacht‹. Also nahm ich mein
Gewehr und erhob mich, um zu gehen. Doch er rief mich zurück, küßte mich auf die Stirn und sagte: »Gott segne dich, Allan. Ich hoffe, daß du hin und wieder an deinen alten Vater denken und ein gutes und glückliches Leben führen wirst.« Ich weiß noch, daß mir sein Ton seltsam vorkam, führte ihn jedoch auf die Depressionen zurück, unter denen er hin und wieder litt, als er in die Jahre kam. Ich ging zum Viehkraal hinab und wachte dort bis zur Stunde des Sonnenaufgangs, und da sich keine Viehdiebe hatten blicken lassen, kehrte ich zur Station zurück. Als ich mich ihr näherte, war ich erstaunt, einen Mann auf dem Stuhl meines Vaters sitzen zu sehen. Zunächst nahm ich an, daß es ein betrunkener Kaffer sei, dann, daß mein Vater dort eingeschlafen sein mochte. Und das war auch der Fall – denn er war tot!
2 Der Feuerkampf Als ich meinen Vater begraben und dafür gesorgt hatte, daß ein Nachfolger an seiner statt eingesetzt wurde – denn die Station gehörte einer Missionsgesellschaft –, machte ich mich an die Durchführung eines Plans, den ich seit langem gehegt und ihn nur nicht ausgeführt hatte, weil er die Trennung von meinem Vater erfordert hätte. Um es kurz zu sagen: ich wollte eine Handels- und Forschungsreise durch die Länder unternehmen, die heute als der Freistaat und Transvaal bekannt sind, und von dort aus so weit nach Norden vordringen, wie es mir möglich sein würde. Es war dies ein sehr abenteuerliches Vorhaben, denn obwohl die eingewanderten Buren einige Stellen dieser Länder zu besiedeln begonnen hatten, waren sie zum größten Teil nach wie vor unerforscht. Doch ich stand jetzt allein auf der Welt, und es spielte kaum noch eine Rolle, was aus mir wurde; also war ich, von meiner Abenteuerlust getrieben, die, so alt ich jetzt auch sein mag, noch immer zu meinem Tode führen mag, entschlossen, diese Reise zu unternehmen. Also verkaufte ich alles, was wir auf der Station besaßen, und behielt lediglich die beiden besten Wagen und zwei Ochsengespanne. Den Erlös investierte ich in solche Handelswaren, wie sie zu jener Zeit begehrt waren, und in Gewehre und Munition. Diese Gewehre würden bei jedem modernen Forschungsreisenden einen Lachanfall provozieren, aber dennoch konnte ich mit ihnen eine große Zahl von Opfern auf der
Strecke zurücklassen. Eins von ihnen war ein einläufiger, ungezogener Vorderlader, der eine Dreiunzenkugel verschoß und mit einer Handvoll groben Schwarzpulvers geladen wurde. Groß ist die Zahl der Elefanten, die ich mit diesem Gewehr erlegt habe, obwohl sein Rückstoß mich meistens auf den Hintern warf und ich es nur abfeuerte, wenn es unumgänglich war. Die beste von allen war vielleicht eine doppelläufige Nr. 12 Schrotflinte, die jedoch ein Steinschloß besaß. Außerdem hatte ich noch ein paar alte TowerMusketen, die auf eine Entfernung von siebzig Yards einigermaßen zuverlässig waren – oder auch nicht. Ich nahm sechs Kaffern mit mir, und drei gute Pferde, die angeblich ›gesalzen‹, das heißt, gegen Krankheiten immun waren. Unter den Kaffern befand sich ein alter Bursche namens Indaba-zimbi, das übersetzt ›Eisenzunge‹ bedeutet. Ich nehme an, daß er seinen Namen seiner lauten Stimme und seiner unermüdlichen Redseligkeit verdankte. Dieser Mann war auf seine Art einmalig. Er war einst ein berühmter Medizinmann bei einigen benachbarten Stämmen gewesen und unter den folgenden Umständen zur Station gekommen, welche, da er bei den Ereignissen dieser Aufzeichnungen eine wesentliche Rolle spielt, sicher verdienen, erwähnt zu werden. Zwei Jahre vor dem Tode meines Vaters hatte ich Gelegenheit, mich ein wenig im Lande umzusehen, da ich nach entlaufenen Ochsen suchen mußte. Nach einer langen und erfolglosen Suche fiel mir ein, daß ich vielleicht zu jenem Kraal gehen sollte, wo diese Ochsen von einem Kaffernhäuptling gezüchtet worden waren, dessen Namen ich zwar vergessen habe, dessen Kraal jedoch etwa fünfzig Meilen von unserer
Station entfernt lag. Dorthin zog ich also und dort fand ich auch unsere Ochsen. Der Häuptling bewirtete mich äußerst großzügig, und am folgenden Morgen suchte ich ihn auf, um mich von ihm zu verabschieden, und war einigermaßen überrascht, mehrere hundert Männer und Frauen um ihn herum sitzen zu sehen, die alle wie gebannt zum Himmel emporstarrten, an dem sich unheilverkündende Gewitterwolken zusammenballten. »Du solltest lieber bleiben, weißer Mann«, sagte der Häuptling, »und zusehen, wie die Regen-Doktoren die Blitze bekämpfen.« Ich fragte ihn, was er damit sagen wolle, und erfuhr, daß dieser Mann, Indaba-zimbi, seit mehreren Jahren die Stellung des Haupt-Medizinmannes jenes Stammes innehatte, obwohl er nicht zu ihm gehörte, da er in einem Lande geboren war, das wir heute als das Zulu-Land kennen. Doch ein Sohn des Häuptlings, ein Mann von etwa dreißig Jahren, hatte sich kürzlich als Rivale in übernatürlichen Kräften aufgestellt. Dieses reizte Indaba-zimbi überaus, und daraus ergab sich ein Streit zwischen den beiden Medizinmännern, der zu einer Herausforderung zu einem Kampf mit Blitzen führte. Dieses waren die Bedingungen: Die Rivalen sollten auf das Aufziehen eines schweren Unwetters warten, denn kein normales Gewitter würde für ihre Zwecke ausreichen. Dann mußten sie, ihre Assegais in der Hand, in einer Entfernung von fünfzig Schritten voneinander Aufstellung nehmen, und zwar auf einem bestimmten Stück Grund, in den man die Blitze immer wieder hatte einschlagen sehen, und durch ihre Zauberkräfte den Tod von sich fernzuhalten und auf ihren Gegner zu len-
ken versuchen. Die Bedingungen dieses einmaligen Duells waren bereits einen Monat zuvor festgelegt worden, doch hatte sich noch nie ein Unwetter, das dieses Anlasses wert gewesen wäre, gezeigt. Jetzt jedoch schien es, wie die örtlichen Wetterpropheten voraussagten, unmittelbar bevorzustehen. Ich fragte, was geschehen würde, wenn keiner der beiden Männer von einem Blitzschlag getroffen werden würde, und erfuhr, daß man dann eben auf das nächste Unwetter warten müßte. Falls sie jedoch auch beim zweiten Mal beide entkommen sollten, würde man sie als an Macht gleichwertig akzeptieren und sich bei wichtigen Stammesangelegenheiten von ihnen gemeinsam beraten lassen. Die Aussicht, bei einem so außergewöhnlichen Schauspiel dabeisein zu können, war stärker als mein Wunsch, wieder nach Hause zu kommen, also nahm ich die Einladung des Häuptlings, diesem Zweikampf beizuwohnen, an. Doch noch bevor es Mittag geworden war, bedauerte ich diesen Entschluß, denn der westliche Himmel verdunkelte sich zwar mehr und mehr, und die Luft roch noch immer nach einem heraufziehenden Unwetter, doch wollte es nicht losbrechen. Gegen vier Uhr nachmittags jedoch wurde es klar, daß dies bald der Fall sein würde – gegen Sonnenuntergang erklärte der alte Häuptling, und so zog ich mit der ganzen Gesellschaft auf die Walstatt. Der Kraal war auf der Kuppe eines Hügels errichtet, und unter ihm senkte sich das Land allmählich zum Ufer eines Flusses ab, der etwa eine halbe Meile entfernt lag. Diesseits des Flusses lag jenes Land, das, wie die Eingeborenen es ausdrückten, ›von den Blitzen geliebt wurde‹. Hier nahmen die beiden Zauberer Auf-
stellung, und die Zuschauer versammelten sich in etwa zweihundert Yards Entfernung auf dem Hang, was, für meinen Geschmack, etwas zu nahe an dem Geschehen war. Als wir eine Weile dort gesessen hatten,