Qualvoll stirbt ein junges Mädchen in einer New Yorker Musikschule. Der Täter flieht in einen fensterlosen Probenraum. ...
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Qualvoll stirbt ein junges Mädchen in einer New Yorker Musikschule. Der Täter flieht in einen fensterlosen Probenraum. Drinnen fällt ein Schuss, bevor die Polizei das Zimmer stürmen kann. Die Beamten finden es leer … Für Lincoln Rhyme, den gelähmten Ermittler, und seine ambitionierte Partnerin Amelia Sachs ist sofort klar: Es war nicht der letzte Mord dieses Täters. Zu lustvoll missbraucht er die Tricks großer Magier wie Houdini oder David Copperfield, zu schlau sind seine Ablenkungsmanöver. Und schon nach wenigen Stunden schlägt der Mörder tatsächlich ein zweites Mal zu. Wieder liefert er einen beeindruckenden Beweis seiner Täuschungskunst und hinterlässt die Ermittler ratlos: Was ist Zaubertrick, was ist Wirklichkeit? Erst die junge Illusionistin Kara bringt Lincoln Rhyme und Amelia Sachs auf die richtige Spur: Es gilt den perfiden Plan hinter den vordergründigen Effekten zu entschlüsseln, um so vielleicht noch in letzter Sekunde einen wahrhaft grausigen Racheakt zu verhindern – den akribisch geplanten Höhepunkt in der mörderischen Glanzvorstellung eines psychopathischen Magiers …
Jeffery Deaver gilt als einer der weltweit besten Autoren intelligenter psychologischer Thriller. Seit seinem ersten großen Erfolg als Schriftsteller hat er sich aus seinem Beruf als Rechtsanwalt zurückgezogen und lebt nun abwechselnd in Virginia und Kalifornien. Seine Bücher wurden in zwölf Sprachen übersetzt und haben ihm bereits zahlreiche renommierte Auszeichnungen eingebracht.
Jeffery Deaver
Der faule Henker Roman
Deutsch von Thomas Haufschild
Blanvalet
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »The Vanished Man« bei Simon & Schuster, Inc., New York.
Der Blanvalet Verlag ist ein Unternehmen der Verlagsgruppe Random House. 3. Auflage © 2003 by Jeffery Deaver © der deutschsprachigen Ausgabe 2004 by Blanvalet Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH Satz: Uhl + Massopust, Aalen Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Pößneck Printed in Germany ISBN 3-7645-0179-0 www. blanvalet-verlag. de
Für Madelyn Warcholik »Zauberkünstler unterscheiden bei ihrer Arbeit für gewöhnlich zwischen Effekt und Methode. Der Effekt ist, was der Zuschauer zu sehen bekommt. Die Methode ist das geheime Verfahren, durch das der Effekt entsteht.« Peter Lamont und Richard Wiseman, Magic in Theory
ERSTER TEIL Effekt Samstag, 20. April »Ein erfahrener Zauberkünstler bemüht sich, den Verstand zu täuschen, nicht etwa das Auge.« Marvin Kaye, The Creative Magician’s Handbook
… Eins Seien Sie gegrüßt, verehrtes Publikum. Herzlich willkommen. Willkommen zu unserer Show. Es erwartet Sie ein ganz besonderer Nervenkitzel, denn unsere Illusionisten, Zauberer und Taschenspieler werden sich zwei Tage lang nach Kräften bemühen, Ihnen Vergnügen zu bereiten und Sie in ihren Bann zu schlagen. Unsere erste Nummer stammt aus dem Repertoire eines Mannes, von dem jeder schon gehört hat: Harry Houdini, der größte Entfesselungskünstler der Vereinigten Staaten, wenn nicht sogar der ganzen Welt, der vor gekrönten Staatsoberhäuptern und amerikanischen Präsidenten aufgetreten ist. Manche seiner Bravourstücke sind dermaßen schwierig, dass sich in all den Jahren seit seinem viel zu frühen Tod niemand mehr an ihre Aufführung gewagt hat. Wir wollen uns heute an einer Nummer versuchen, bei der akute Erstickungsgefahr besteht und die als Der Faule Henker bekannt geworden ist. Der Künstler legt sich dazu auf den Bauch und lässt sich die Arme mit klassischen Darby-Handschellen auf den Rücken fesseln. Dann werden die Füße mit einem Strick verschnürt, und schließlich legt man dem Probanden eine Seilschlinge um den Hals, deren anderes Ende ebenfalls an den Knöcheln befestigt wird. Da jeder Mensch unwillkürlich versucht, die Beine auszustrecken, zieht die Schlinge sich zu und leitet den furchtbaren Vorgang der Strangulation ein. 9
Weshalb nennt man dieses Verfahren den »Faulen« Henker? – Weil der Verurteilte sich selbst erdrosselt. Bei vielen von Mr. Houdinis riskanteren Auftritten waren Assistenten zugegen, um ihn im Notfall mit Messern und Schlüsseln befreien zu können. Oft hielt sich auch ein Arzt bereit. Heute wird es keine dieser Vorsichtsmaßnahmen geben. Falls dem Probanden nicht innerhalb von vier Minuten die Entfesselung gelingt, stirbt er. Wir fangen gleich an … aber zuvor noch ein Hinweis: Vergessen Sie nie, dass Sie mit dem Besuch unserer Show die Realität hinter sich zurücklassen. Sie mögen felsenfest überzeugt sein, etwas Bestimmtes zu sehen, und doch existiert es gar nicht. Etwas anderes halten Sie eventuell für eine Illusion, obwohl es sich um nichts als die erbarmungslose Wirklichkeit handelt. Ihr Begleiter könnte sich in unserer Show als vollkommen Fremder erweisen, und ein Unbekannter im Publikum weiß vielleicht mehr über Sie, als Sie ahnen. Was sicher scheint, kann tödlich sein. Und die Bedrohungen, gegen die Sie sich wappnen, sind unter Umständen nur ein Ablenkungsmanöver, um Sie in noch größere Gefahr zu locken. Was können Sie hier noch glauben? Wem dürfen Sie vertrauen? Nun, verehrtes Publikum, die Antwort lautet, dass Sie am besten gar nichts glauben. Und Sie sollten niemandem trauen. Absolut niemandem. Jetzt hebt sich der Vorhang, das Licht wird gedämpft, und die Musik verklingt, so dass nur noch der Herzschlag all jener zu erahnen ist, die in gespannter Erwartung verharren. Und unsere Show beginnt … 10
Das Gebäude sah aus, als habe es schon so manches Gespenst beherbergt. Errichtet im gotischen Stil, schmutzig, finster. Eingezwängt zwischen zwei Hochhäusern an der Upper West Side, das Dach mit einer Balustrade und die zahlreichen Scheiben mit Fensterläden versehen. Es stammte aus viktorianischer Zeit, hatte einst als Internat gedient und später als Sanatorium, in dem die für unzurechnungsfähig befundenen Insassen den Rest ihres umnachteten Daseins zubringen mussten. Die Manhattan School of Music and Performing Arts hätte durchaus auch Dutzenden Geistern Unterschlupf gewähren können. Ein solcher Geist schwebte im Augenblick womöglich über dem warmen Körper der jungen Frau, die bäuchlings in dem dunklen Vorraum eines kleinen Auditoriums lag. Ihre reglosen Augen waren weit aufgerissen, aber noch nicht glasig, und das Blut auf ihrer Wange hatte sich noch nicht bräunlich verfärbt. Ihr Gesicht war dunkelblau angelaufen, denn ein straffes Seil verband Hals und Fußgelenke. Um sie herum lagen Notenblätter verstreut, dazu ein Flötenkoffer und ein großer Pappbecher von Starbucks. Der Kaffee hatte sich über ihre Jeans und das grüne Shirt Marke Izod ergossen. Der Rest der dunklen Flüssigkeit bildete auf dem Marmorboden eine schmale Pfütze in gekrümmter Form. Ebenfalls anwesend war der Mann, der die Frau getötet hatte, sich nun bückte und sie genau in Augenschein nahm. Er ließ sich Zeit und sah keinen Anlass zur Eile. Es war Samstag, noch ziemlich früh, und wie er in Erfahrung gebracht 11
hatte, fand in dieser Schule am Wochenende kein Unterricht statt. Einige der Studenten nutzten die Übungsräume, aber die lagen in einem anderen Gebäudeflügel. Der Mann beugte sich weiter vor, kniff die Augen zusammen und fragte sich, ob er wohl irgendeine Wesenheit erspähen würde, eine Art Seele, die sich von dem Körper der Toten löste. Fehlanzeige. Er richtete sich auf und überlegte, was er mit der leblosen Gestalt vor ihm sonst noch anfangen könnte. »Und Sie sind sicher, dass da jemand geschrien hat?« »Ja … nein«, sagte der Wachmann. »Es war nicht unbedingt ein Schrei, wissen Sie. Jemand hat aufgeregt etwas gerufen. Nur ein oder zwei Sekunden lang. Dann war es auch schon vorbei.« Officer Diane Franciscovich, eine Streifenbeamtin vom Zwanzigsten Revier, fragte weiter. »Hat sonst noch jemand etwas gehört?« Der schwergewichtige Wachmann atmete tief durch, sah die hochgewachsene brünette Polizistin an, schüttelte den Kopf, ballte die riesigen Pranken zu Fäusten und öffnete sie wieder. Dann wischte er sich die dunklen Handflächen an den blauen Hosenbeinen ab. »Sollen wir Verstärkung rufen?«, fragte Nancy Ausonio, ebenfalls eine junge Beamtin, aber kleiner als ihre Partnerin und blond. Eher nicht, dachte Franciscovich, blieb jedoch unschlüssig. Die Streifen in diesem Teil der Upper West Side hatten meistens mit Verkehrsunfällen, Ladendiebstählen und entwendeten Fahrzeugen zu tun (oder mussten die fassungslosen Eigentümer beruhigen). Das hier war neu für sie beide. 12
Der Wachmann hatte die zwei Beamtinnen auf ihrer morgendlichen Runde erblickt und sie aufgeregt vom Bürgersteig nach drinnen gewinkt, damit sie ihm helfen würden, dem Schrei auf den Grund zu gehen. Nun ja, dem aufgeregten Rufen. »Lass uns damit noch warten«, sagte die ruhige Franciscovich. »Sehen wir erst mal nach.« »Es klang, als würde es irgendwo aus der Nähe kommen«, sagte der Wachmann. »Keine Ahnung.« »Gruseliger Schuppen«, warf Ausonio seltsam verunsichert ein. Eigentlich war sie diejenige im Team, die am ehesten in eine tätliche Auseinandersetzung eingreifen würde, selbst wenn die Streithähne doppelt so groß waren wie sie selbst. »Die Geräusche, Sie wissen schon. Schwer zu sagen, wo die herkommen. Verstehen Sie, was ich meine?« Franciscovich dachte immer noch über die Worte ihrer Partnerin nach. Verdammt gruselig, fügte sie im Stillen hinzu. Die dunklen Flure schienen endlos, doch es war nichts Außergewöhnliches zu entdecken. Dann blieb der Wachmann stehen. Franciscovich deutete auf einen Durchgang vor ihnen. »Wohin geht’s dort entlang?« »Da treibt sich bestimmt keiner der Studenten herum. Es ist bloß …« Franciscovich stieß die Tür auf. Dahinter erstreckte sich ein kleines Foyer, an dessen anderem Ende eine Tür in den Vortragssaal A führte, wie die Aufschrift besagte. Und in der Nähe jener Tür lag eine gefesselte junge Frau mit einem Seil um den Hals, die Hände mit 13
Handschellen auf dem Rücken gefesselt. Ihre Augen waren im Tode weit aufgerissen. Ein braunhaariger, bärtiger Mann Anfang fünfzig hockte über ihr. Überrascht blickte er auf. »Nein!«, rief Ausonio. »O mein Gott«, keuchte der Wachmann. Die Beamtinnen zogen ihre Waffen, und Franciscovich war erstaunt, wie ruhig ihre Hand blieb, als sie den Fremden anvisierte. »Sie da, keine hastige Bewegung! Stehen Sie langsam auf, gehen Sie von der Frau weg, und nehmen Sie die Hände hoch.« Ihre Stimme war bei weitem nicht so fest wie der Griff, mit dem sie die Glock Automatik umklammerte. Der Mann kam der Aufforderung nach. »Legen Sie sich auf den Bauch. Und ich will immer Ihre Hände sehen!« Ausonio lief auf das Mädchen zu. In dieser Sekunde bemerkte Franciscovich, dass der Mann die rechte Hand über dem Kopf zur Faust geballt hatte. »Öffnen Sie …« Puff … Ein gleißender Lichtblitz nahm ihr die Sicht. Er schien direkt aus der Hand des Verdächtigen zu entspringen und hing einen Moment in der Luft, bevor er erlosch. Ausonio erstarrte. Franciscovich duckte sich, wich zurück, kniff die Augen zusammen und schwenkte die Glock hin und her. Sie geriet in Panik, denn sie wusste, dass der Mörder rechtzeitig die Lider geschlossen hatte und nun ebenfalls eine Schusswaffe ziehen oder mit einem Messer auf sie losgehen würde. »Wo, wo, wo?«, rief sie. Dann sah sie – nur verschwommen, weil sie immer noch halb geblendet war und der Rauch sich ausbreitete –, dass der 14
Täter in den Vortragssaal lief. Er schlug die Tür hinter sich zu, und man hörte, wie er mit einem Stuhl oder Tisch den Zugang blockierte. Ausonio kniete sich neben die junge Frau, schnitt mit einem Schweizer Armeemesser das Seil durch, rollte sie auf den Rücken, zog ein Einwegmundstück aus der Tasche und versuchte eine Wiederbelebung. »Gibt’s noch andere Ausgänge?«, fragte Franciscovich den Wachmann. »Nur einen … da hinten um die Ecke. Auf der rechten Seite.« »Fenster?« »Nein.« »He!«, rief sie Ausonio zu und rannte los. »Pass auf diese Tür auf!« »Alles klar«, erwiderte die blonde Beamtin und blies einen weiteren Atemzug zwischen die bleichen Lippen des Opfers. Von drinnen ertönte dumpfes Poltern, als der Mörder sich offenbar gründlicher verbarrikadierte. Franciscovich bog um die Ecke, hielt auf die Tür zu, die der Wachmann ihr genannt hatte, und forderte unterdessen über Funk Verstärkung an. Als sie den Kopf hob, entdeckte sie jemanden am Ende des Korridors. Sie blieb abrupt stehen, visierte die Brust des Mannes an und richtete den hellen Strahl ihrer Halogenlampe auf ihn. »Um Gottes willen«, krächzte der ältliche Hauswart und ließ seinen Besen fallen. Franciscovich war froh, dass sie den Finger nicht um den Abzugsbügel der Glock gelegt hatte. »Ist jemand aus dieser Tür gekommen?« 15
»Was ist denn los?« »Haben Sie jemanden gesehen?«, rief Franciscovich. »Nein, Ma’am.« »Wie lange sind Sie schon hier?« »Ich weiß nicht. Zehn Minuten oder so.« Aus dem Innern des Raums war erneut Lärm zu vernehmen, weil der Täter immer mehr Mobiliar auftürmte. Franciscovich schickte den Hauswart zu dem Wachmann ins Foyer und näherte sich vorsichtig der Seitentür. Mit schussbereit ausgestreckter Waffe drehte sie langsam den Knauf. Es war nicht abgeschlossen. Sie trat beiseite, um nicht in der Schusslinie zu stehen, falls der Mann durch das Holz feuerte. Diesen Trick hatte sie bei NYPD Blue gesehen. Vielleicht hatte auch einer der Ausbilder auf der Akademie davon gesprochen. Wiederum Poltern von drinnen. »Nancy, hörst du mich?«, flüsterte Franciscovich in ihr Funkgerät. Ausonio meldete sich mit zitternder Stimme. »Sie ist tot, Diane. Ich hab’s versucht, aber sie ist tot.« »Hier entlang ist er nicht geflohen. Er ist immer noch da drinnen. Ich kann ihn hören.« Stille. »Ich hab’s versucht, Diane. Ich hab’s versucht.« »Vergiss es. Komm schon. Ist bei dir alles klar? Ist alles klar?« »Ja, alles okay. Ehrlich.« Die Stimme der Beamtin wurde eisig. »Holen wir ihn uns.« »Nein, wir bewachen diese Ausgänge, bis die ESU eintrifft«, sagte Franciscovich. Die Emergency Services Unit war das Sondereinsatzkommando der New Yorker Polizei. 16
»Das ist alles. Halt die Stellung, und bleib von der Tür weg. Rühr dich nicht vom Fleck.« In diesem Moment hörte sie den Mann von drinnen rufen: »Ich habe eine Geisel. Ich habe ein Mädchen bei mir. Falls ihr versucht, hier einzudringen, bringe ich sie um.« O Gott … »He, Sie da drinnen!«, rief Franciscovich. »Niemand versucht hier irgendwas. Keine Angst. Tun Sie bloß niemandem mehr weh.« Entsprach das der vorgeschriebenen Verfahrensweise?, grübelte sie. Weder irgendeine Fernsehserie noch ihre Ausbildung waren ihr in diesem Punkt von Nutzen. Sie hörte, wie Ausonio Kontakt zur Zentrale herstellte und meldete, dass sie es mittlerweile mit einem verschanzten Geiselnehmer zu tun hatten. »Bleiben Sie ruhig!«, rief Franciscovich dem Mörder zu. »Sie können …« Drinnen ertönte ein ohrenbetäubend lauter Schuss. Franciscovich zuckte zusammen. »Was ist los? Warst du das?«, rief sie ins Funkgerät. »Nein«, entgegnete ihre Partnerin. »Ich dachte, du seist das gewesen.« »Nein, es war dieser Kerl. Bei dir alles in Ordnung?« »Ja. Er hat von einer Geisel gesprochen. Glaubst du, er hat sie erschossen?« »Keine Ahnung. Woher soll ich das wissen?« Und wo, zum Teufel, bleibt die Verstärkung?, fügte Franciscovich in Gedanken hinzu. »Diane«, flüsterte kurz darauf Ausonio. »Wir müssen da rein. Vielleicht ist sie verletzt.« Dann rief sie: »He, Sie da drinnen!« Keine Antwort. »He!« 17
Nichts. »Womöglich hat er sich umgebracht«, sagte Franciscovich. Oder er will, dass wir genau das glauben, und wartet nur darauf, dass jemand sich ihm als Zielscheibe präsentiert. Dann sah sie wieder dieses schreckliche Bild vor sich: Die altersschwache Tür zum Foyer schwang auf, und fahles Licht fiel auf das Opfer, dessen Gesicht so blau und kalt wie ein Wintertag schien. Franciscovich war in erster Linie deswegen Polizistin geworden, weil sie solche Taten verhindern wollte. »Wir müssen da rein, Diane«, flüsterte Ausonio. »Das sehe ich auch so. Okay. Wir gehen rein.« Sie klang ein wenig hektisch, denn sie dachte im selben Moment an ihre Familie und daran, wie sie mit der Linken die rechte Schusshand abstützen musste, um die Automatikpistole sicher in Anschlag zu bringen. »Sag dem Wachmann, dass wir im Saal Licht brauchen.« Es dauerte einen Augenblick, dann meldete Ausonio sich zurück. »Die Beleuchtungstafel ist hier draußen. Auf mein Signal schaltet er ein.« Franciscovich hörte über Funk einen tiefen Atemzug. »Ich bin so weit«, sagte Ausonio dann. »Auf drei. Du zählst.« »Okay. Eins … Halt! Von dir aus gesehen befinde ich mich auf zwei Uhr. Erschieß mich nicht.« »Okay. Zwei Uhr. Und ich bin …« »Du bist links von mir.« »Mach weiter.« »Eins.« Franciscovich packte mit der linken Hand den Knauf. »Zwei.« Diesmal legte sie den Finger um den Abzug der Waffe und 18
strich behutsam über den dort integrierten Sicherungshebel – eine Besonderheit des Herstellers Glock. »Drei!«, rief Franciscovich so laut, dass ihre Partnerin es auch ohne das Funkgerät gehört haben durfte. Sie riss die Tür auf und sprang in den großen rechteckigen Raum vor. Im selben Moment wurde die grelle Beleuchtung eingeschaltet. »Keine Bewegung!«, schrie sie – doch es war niemand da. Sie ging in die Hocke, schwenkte die Waffe hin und her und suchte jeden Zentimeter des Saals ab. Ihre Haut kribbelte vor Anspannung. Keine Spur von dem Mörder, keine Spur von einer Geisel. Sie schaute nach links zu dem anderen Eingang, wo Nancy Ausonio stand und ebenfalls fieberhaft den Raum absuchte. »Wo?«, flüsterte die Frau. Franciscovich schüttelte den Kopf. Sie registrierte ungefähr fünfzig hölzerne Klappstühle in ordentlichen Reihen. Vier oder fünf lagen auf dem Rücken oder der Seite, nicht etwa zu einer Barrikade aufgetürmt, sondern als habe man sie achtlos umgeworfen. Zur Rechten befand sich eine niedrige Bühne, auf der ein Verstärker, zwei Lautsprecher und ein ramponierter Konzertflügel standen. Die jungen Beamtinnen konnten nahezu alles im Raum sehen. Nur nicht den Täter. »Was ist passiert, Nancy? Was hat das zu bedeuten?« Ausonio antwortete nicht. Genau wie ihre Partnerin blickte sie sich hektisch nach allen Seiten um, suchte jeden Schatten und jedes Möbelstück ab, obwohl der Mann eindeutig nicht hier war. Gruselig … 19
Bei dem Saal handelte es sich im Wesentlichen um einen geschlossenen Kubus ohne Fenster. Die Schächte der Klimaanlage und Heizung waren lediglich fünfzehn Zentimeter breit. Eine Holzdecke, keine Akustikvertäfelung. Keine erkennbaren Falltüren. Nur zwei Zugänge führten hinein: der Haupteingang, den Ausonio benutzt hatte, und die Brandschutztür, durch die Franciscovich eingetreten war. Wo?, formte Franciscovich unhörbar mit den Lippen. Ihre Partnerin antwortete auf gleiche Weise. Die Polizistin konnte die Worte nicht ablesen, aber Ausonios Miene sprach Bände: Ich habe nicht die geringste Ahnung. »He«, rief eine laute Stimme an der Tür. Sie wirbelten herum und richteten die Waffen auf den leeren Vorraum. »Soeben sind ein Krankenwagen und ein paar Ihrer Kollegen eingetroffen.« Es war der Wachmann, und er blieb außer Sicht. Franciscovich rief ihn herein. Das Herz schlug ihr nach dem Schreck noch immer bis zum Hals. »Ist denn, äh … ich meine, haben Sie ihn erwischt?«, fragte der Mann. »Er ist nicht hier«, erwiderte Ausonio mit zittriger Stimme. »Was?« Er schaute vorsichtig um die Ecke. Franciscovich hörte die Stimmen der sich nähernden Polizisten und Rettungssanitäter. Das Klirren von Ausrüstungsgegenständen. Trotzdem brachten die beiden beunruhigten und verwirrten Frauen es noch nicht fertig, sich zu ihren Kollegen zu gesellen. Sie standen wie gelähmt mitten in dem Vortragssaal und versuchten vergeblich zu ergründen, wie der Mörder aus einem Raum ohne Ausgang entkommen konnte.
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… Zwei »Er hört Musik.« »Ich höre keine Musik. Es läuft gerade eine CD. Das ist alles.« »Musik, ja?«, murmelte Lon Sellitto, als er Lincoln Rhymes Schlafzimmer betrat. »Na, das nenne ich aber einen Zufall.« »Er interessiert sich neuerdings für Jazz«, erläuterte Thom dem stämmigen Detective. »Ich war ganz schön überrascht, das dürfen Sie mir glauben.« »Wie ich schon sagte«, fuhr Lincoln Rhyme gereizt fort, »befinde ich mich bei der Arbeit und habe im Hintergrund ein wenig Musik laufen. Was meinst du mit Zufall?« Der schlanke junge Betreuer, bekleidet mit einem weißen Hemd, gelbbrauner Stoffhose und leuchtend violetter Krawatte, deutete auf den Flachbildschirm vor Rhymes FlexicairBett. »Nein, er arbeitet nicht. Es sei denn, man wollte es als Arbeit bezeichnen, dass er seit einer Stunde ein und dieselbe Seite anstarrt. Mir würde er so etwas nicht als Arbeit durchgehen lassen.« »Kommando, umblättern.« Der Computer erkannte Rhymes Stimme und befolgte den Befehl, so dass die nächste Seite der Forensic Science Review auf dem Monitor erschien. »Möchtest du mir vielleicht ein paar Fragen zu dem Thema stellen, das ich da angestarrt habe?«, fragte er Thom bissig. »Die Zusammensetzung der fünf wichtigsten exotischen Toxine, die in letzter 21
Zeit in den Labors europäischer Terroristen sichergestellt wurden?« »Nein, wir müssen uns um andere Dinge kümmern«, entgegnete der Betreuer und spielte damit auf die diversen Körperfunktionen an, die bei querschnittsgelähmten Patienten wie Lincoln Rhyme mehrmals am Tag spezieller Aufmerksamkeit bedurften. »Das hat noch ein paar Minuten Zeit«, sagte der Kriminalist und lauschte dabei einem besonders kraftvollen Trompetenriff. »Nein, hat es nicht. Bitte entschuldigen Sie uns kurz, Lon.« »Na klar.« Der massige, etwas derangiert wirkende Sellitto trat hinaus auf den Flur im ersten Stock von Rhymes Haus am Central Park West und schloss die Tür hinter sich. Während Thom fachkundig seine Pflicht tat, konzentrierte Rhyme sich weiterhin auf die Musik. Zufall?, grübelte er. Fünf Minuten später bat Thom den Detective wieder herein. »Kaffee?« »Gern, den kann ich gut gebrauchen. Es ist noch viel zu früh am Samstagmorgen, um schon mit der Arbeit anzufangen.« Der Betreuer verließ den Raum. »Also, wie sehe ich aus, Linc?«, fragte der nicht mehr ganz junge Sellitto und vollführte eine Pirouette. Er trug einen seiner typischen grauen Anzüge, die allesamt aus permanent zerknittertem Stoff gefertigt zu sein schienen. »Ist das hier etwa eine Modenschau?«, fragte Rhyme. Zufall? Dann lenkte ihn abermals die CD ab. Wie, zum Teufel, konnte jemand dermaßen weich auf einer Trompete spielen? 22
Wie war es möglich, einem Metallinstrument solche Töne zu entlocken? »Ich habe rund sieben Kilo abgenommen«, erklärte der Detective. »Rachel hat mich auf Diät gesetzt. Das Hauptproblem ist das Fett. Man lässt einfach das Fett weg, und es ist erstaunlich, wie viel Gewicht man dann verliert.« »Fett, aha. Ich schätze, das ist keine ganz neue Erkenntnis, Lon. Also …?« Red nicht länger um den heißen Brei herum, sollte das heißen. »Wir haben einen bizarren Fall. Vor einer halben Stunde wurde hier ganz in der Nähe in einer Musikschule eine Leiche gefunden. Ich bin der leitende Beamte, und ein wenig Hilfe käme uns gerade recht.« Eine Musikschule. Und bei mir läuft soeben Musik. Ein ziemlich armseliger Zufall. Sellitto zählte ein paar Fakten auf: Studentin ermordet, der Täter beinahe verhaftet, aber dann doch noch auf irgendeinem Fluchtweg entwischt, den bislang niemand gefunden hatte. Musik war mathematisch. Das zumindest konnte Rhyme, der Wissenschaftler, nachvollziehen. Sie war logisch, sie war perfekt strukturiert. Und außerdem war sie allumfassend. Es musste eine unendliche Anzahl von Melodien geben, und das Komponieren wurde bestimmt nie langweilig. Rhyme fragte sich, wie man eine solche Aufgabe wohl am besten anpackte. Er selbst hielt sich in künstlerischer Hinsicht für vollständig unbegabt. Im Alter von elf oder zwölf Jahren hatte er Klavierstunden genommen und sich prompt in seine Lehrerin Miss Osborne verliebt, aber der eigentliche Unterricht war ein Fehlschlag gewesen. Mit dem Instrument verband sich für 23
ihn nur eine angenehme Erinnerung, und zwar an die Stroboskopbilder der schwingenden Saiten, die er für ein Schülerforschungsprojekt aufgenommen hatte. »Hörst du mir überhaupt zu, Linc?« »Ein Fall, hast du gesagt. Ein bizarrer Fall.« Sellitto schilderte den Sachverhalt etwas ausführlicher und weckte allmählich Rhymes Interesse. »Es muss einen Weg aus diesem Saal geben, aber weder die Leute von der Schule noch unsere Jungs können ihn entdecken.« »Und der Tatort?« »Ist noch ziemlich unberührt. Kann Amelia sich ihn mal vornehmen?« Rhyme sah zur Wanduhr. »Sie ist noch ungefähr zwanzig Minuten beschäftigt.« »Kein Problem«, sagte Sellitto und tätschelte sich den Bauch, als suchte er nach den verlorenen Pfunden. »Ich piepse sie an.« »Lass sie uns jetzt noch nicht ablenken.« »Warum? Was macht sie denn gerade?« »Ach, irgendwas Riskantes«, sagte Rhyme und widmete sich wieder dem seidigen Klang der Trompete. »Was sonst?« Sie drückte die Wange an die Hauswand und roch die nassen Ziegel. Ihre Hände schwitzten, und die Kopfhaut unter der verstaubten Dienstmütze und dem hochgesteckten feuerroten Haar juckte wie verrückt. Dennoch verharrte sie völlig reglos, als ein uniformierter Beamter sich dicht neben sie schob und das Gesicht ebenfalls an die Mauer presste. »Okay, folgende Lage«, sagte der Mann, wies mit dem Kopf 24
nach rechts und erklärte, dass sich unmittelbar hinter der Hausecke ein leerer Parkplatz befinde, auf dem ein Fluchtwagen stehe, der nach einer Verfolgungsjagd vor einigen Minuten einen Unfall erlitten habe. »Noch fahrtüchtig?«, fragte Amelia Sachs. »Nein. Ist gegen einen Müllcontainer geknallt und hinüber. Drei Täter. Sie wollten abhauen, aber wir haben einen erwischt. Der zweite sitzt noch im Wagen, hat irgendein ellenlanges Jagdgewehr und bereits einen Streifenbeamten angeschossen.« »Ist der Kollege schwer verletzt?« »Nein, zum Glück nicht.« »Hat der Kerl ihn immer noch im Visier?« »Nein, unser Mann befindet sich ein Haus weiter westlich und ist außer Sichtweite.« »Was ist mit dem dritten Täter?« Der Officer seufzte. »Tja, der hat’s leider ins Erdgeschoss dieses Gebäudes hier geschafft.« Er deutete auf die Mauer, an der sie standen. »Und er hat sich mit einer Geisel verbarrikadiert. Einer schwangeren Frau.« Sachs sog die vielen Informationen in sich auf und verlagerte dabei ihr Gewicht von einem Bein auf das andere, damit der Arthritisschmerz in ihren Gelenken nachließ. Verdammt, tat das weh. Sie las das Namensschild an der Brust ihres Begleiters. »Womit ist der Geiselnehmer bewaffnet, Wilkins?« »Mit einer Faustfeuerwaffe. Mehr wissen wir nicht.« »Wo stecken unsere Leute?« Der junge Mann zeigte auf zwei Beamte hinter einer Mauer am Ende des Parkplatzes. »Zwei weitere sind auf der Vorderseite und halten den Geiselnehmer in Schach.« 25
»Hat schon jemand die ESU verständigt?« »Keine Ahnung. Als wir unter Feuer geraten sind, hab ich mein Funkgerät verloren.« »Tragen Sie eine kugelsichere Weste?« »Nein. Ich war dabei, den Verkehr zu regeln … Was, zum Teufel, sollen wir jetzt machen?« Amelia stellte ihr Motorola auf eine andere Frequenz um. »Spurensicherung, Einheit Fünf Acht Acht Fünf an Zentrale.« »Hier Captain Sieben Vier. Was gibt’s?« »Wir haben einen Zehn-dreizehn auf einem Parkplatz östlich der Sechs Null Fünf Delancey. Officer verwundet. Brauchen sofort Verstärkung, Krankenwagen und ESU. Zwei Verdächtige, beide bewaffnet, einer mit Geisel. Ein Verhandlungsführer wäre nicht schlecht.« »Roger, Fünf Acht Acht Fünf. Benötigen Sie einen Beobachtungshubschrauber?« »Negativ, Sieben Vier. Einer der Täter hat ein Jagdgewehr und keine Hemmungen, auf unsere Uniformierten zu schießen.« »Wir schicken so schnell wie möglich Verstärkung, aber der Secret Service hat die halbe Innenstadt abgesperrt, weil der Vizepräsident vom JFK hierher unterwegs ist. Es wird also länger dauern. Gehen Sie nach eigenem Ermessen vor. Ende.« »Roger. Ende.« Mr. Vice President, meine Stimme kriegen Sie nicht mehr, dachte Amelia. Wilkins schüttelte den Kopf. »Wir können unmöglich einen Verhandlungsführer in die Nähe des Apartments lassen. Nicht solange der Schütze noch in dem Wagen hockt.« 26
»Ich arbeite daran«, erwiderte Sachs. Sie schob sich zur Hausecke vor und warf einen Blick auf den Wagen, eine tiefer gelegte Schrottkarre, deren Front an einem Müllcontainer klebte. Die Türen standen offen, und man konnte einen schmächtigen Mann mit Gewehr erkennen. Ich arbeite daran … »Sie da im Wagen, Sie sind umstellt«, rief sie. »Lassen Sie die Waffe fallen, oder wir eröffnen das Feuer. Sofort!« Er duckte sich und zielte in ihre Richtung. Amelia ging in Deckung und rief über Funk die beiden Beamten im hinteren Bereich des Parkplatzes. »Befinden sich Geiseln im Auto?« »Nein.« »Sind Sie sicher?« »Positiv«, sagte der Officer. »Bevor er angefangen hat zu ballern, hatten wir einen Moment lang freie Sicht.« »Okay. Können Sie ihn erwischen?« »Wahrscheinlich durch die Tür.« »Nein, feuern Sie nicht auf Verdacht. Suchen Sie sich ein freies Schussfeld, aber nur, wenn Sie dabei ständig in Deckung bleiben können.« »Roger.« Sie sah, wie die Männer ihren Standort zur Seite hin veränderten. Kurz darauf meldete sich einer der beiden. »Ich hab ihn jetzt deutlich im Visier. Soll ich ihn umlegen?« »Halten Sie sich bereit.« Dann wandte Amelia sich erneut an den Verdächtigen. »Sie da im Wagen. Mit dem Gewehr. Sie haben zehn Sekunden, oder wir eröffnen das Feuer. Lassen Sie die Waffe fallen. Haben Sie mich verstanden?« Sie wiederholte alles auf Spanisch. 27
»Leck mich!« Sie nahm das als Bejahung. »Zehn Sekunden«, rief sie. »Ab jetzt.« Die nächste Anweisung galt über Funk den beiden Beamten. »Geben Sie ihm zwanzig. Danach haben Sie grünes Licht.« Unmittelbar vor Ablauf der zehn Sekunden ließ der Mann das Gewehr fallen, stieg aus und hob die Hände. »Nicht schießen, nicht schießen!« »Lassen Sie die Arme da, wo sie sind, und kommen Sie langsam hierher zur Hausecke. Falls Sie die Hände herunternehmen, wird man Sie erschießen.« Als der Mann die Ecke erreichte, legte Wilkins ihm Handschellen an und durchsuchte ihn. Sachs verharrte geduckt. »Der Kerl da drinnen«, wandte sie sich an den Verdächtigen. »Ihr Kumpel. Wer ist er?« »Ihnen muss ich hier gar nichts erzählen …« »Irrtum, denn wenn wir gezwungen sind, ihn zu erschießen, womit wir notfalls keine Sekunde zögern werden, sind Sie dran. Laut Gesetz kann man Sie als Beteiligten eines Verbrechens für jeden Toten zur Rechenschaft ziehen. Also, ist dieser Kerl fünfundvierzig Jahre in Ossining wert?« Der Mann seufzte. »Na los«, herrschte sie ihn an. »Name, Anschrift, Familie, sein Lieblingsessen, den Vornamen seiner Mutter, Verwandte im Knast Ihnen fallen doch bestimmt jede Menge hilfreicher Einzelheiten über ihn ein.« Er seufzte noch einmal und fing an zu reden. Sachs machte sich eifrig Notizen. Jemand meldete sich über Funk. Der Verhandlungsführer 28
und das ESU-Team waren soeben vor dem Gebäude eingetroffen. Amelia gab die Aufzeichnungen an Wilkins weiter. »Bringen Sie das dem Unterhändler.« Dann belehrte sie den Verhafteten über seine Rechte. Hatte sie die Situation bestmöglich bewältigt? Hatte sie unnötig Leben in Gefahr gebracht? Hätte sie sich persönlich um den verwundeten Beamten kümmern sollen? Fünf Minuten später kam der befehlshabende Captain um die Gebäudeecke. Er lächelte. »Der Geiselnehmer hat die Frau freigelassen. Es gab keine weiteren Verletzten, und wir haben drei Festnahmen. Dem angeschossenen Beamten geht’s bald wieder gut. Er hat bloß einen Kratzer abbekommen.« Eine uniformierte Polizistin mit kurzem blonden Haar gesellte sich zu ihnen. »He, sehen Sie sich das mal an. Nette Zugabe, oder?« Sie hielt zwei Plastiktüten hoch. Eine enthielt weißes Pulver, die andere Haschpfeifen und weitere Drogenutensilien. Der Captain nahm die Sachen genauer in Augenschein und nickte beifällig. »Lag das im Wagen der Täter?«, fragte Amelia. »Nein. Ich hab’s in einem Ford auf der anderen Straßenseite gefunden. Eigentlich wollte ich den Besitzer als Zeugen vernehmen, aber dann fing er an zu schwitzen und wurde immer nervöser, also habe ich mir seinen Wagen vorgenommen.« »Wo war der abgestellt?«, fragte Sachs. »In der Garage.« »Haben Sie sich einen Durchsuchungsbefehl besorgt?« »Nein. Wie ich schon sagte, der Kerl war nervös, und ich konnte vom Gehweg aus einen Zipfel der Tüte erkennen. Das war ein hinreichender Tatverdacht.« 29
»Nein.« Sachs schüttelte den Kopf. »Das war eine widerrechtliche Durchsuchung.« »Widerrechtlich? Letzte Woche haben wir einen Typen wegen Geschwindigkeitsübertretung angehalten und bei dieser Gelegenheit ein Kilo Pot auf dem Rücksitz gesehen. Bei dessen Verhaftung gab’s keine Probleme.« »Das war auch etwas anderes. Wenn ein Wagen auf einer öffentlichen Straße unterwegs ist, besteht nur ein eingeschränktes Recht auf Privatsphäre, und für eine Festnahme genügt ein hinreichender Verdacht. Befindet ein Fahrzeug sich hingegen auf privatem Grund und Boden, benötigt man einen Durchsuchungsbefehl, auch wenn man die Drogen mit bloßem Auge erkennen kann.« »Das ist doch verrückt«, wandte die Beamtin ein. »In dieser Tüte sind dreihundert Gramm reines Kokain. Der Kerl ist eindeutig ein Dealer. Unsere Drogenfahnder mühen sich monatelang ab, um einen wie ihn dingfest zu machen.« »Sind Sie sich sicher, Officer Sachs?«, fragte der Captain. »Absolut.« »Was würden Sie empfehlen?« »Beschlagnahmen Sie das Zeug, jagen Sie dem Verdächtigen eine Höllenangst ein, und reichen Sie Autokennzeichen und Personalien ans Rauschgiftdezernat weiter«, sagte Amelia und sah die Polizistin an. »Und Sie sollten lieber Ihre Kenntnisse auffrischen, damit die nächste Durchsuchung korrekt verläuft.« Die Frau wollte sich rechtfertigen, aber Sachs achtete nicht mehr auf sie, sondern ließ den Blick über den leeren Parkplatz schweifen, wo der Wagen bei dem Müllcontainer stand. Sie kniff die Augen zusammen. 30
»Officer …«, setzte der Captain an. Amelia ignorierte ihn. »Es waren insgesamt drei Täter?«, fragte sie Wilkins. »Genau.« »Woher wissen Sie das?« »Das hat der Juwelier gemeldet, den sie überfallen haben.« Amelia trat vor und zog ihre Glock. »Dann sehen Sie sich mal genau den Fluchtwagen an«, rief sie. »Mein Gott«, sagte Wilkins. Alle Türen standen offen. Also waren vier Personen ausgestiegen. Sachs ging in die Hocke, musterte das Gelände und richtete ihre Waffe auf das einzig mögliche Versteck im näheren Umkreis: eine kurze Sackgasse hinter dem Müllcontainer. »Achtung!«, schrie sie, fast noch bevor sie die Bewegung sah. Alle wirbelten herum, während ein hoch gewachsener Mann mit einer Schrotflinte aus der Nische stürmte und zur Straße laufen wollte. Amelia visierte sofort sein T-Shirt an. »Waffe fallen lassen!«, befahl sie. Er zögerte kurz, grinste dann und wollte das Gewehr auf die Beamten richten. Sachs reagierte sofort. »Peng, peng«, rief sie fröhlich. »Sie sind tot.« Der Mann hielt lachend inne und schüttelte bewundernd den Kopf. »Verdammt gut. Ich dachte, ich hätte es geschafft.« Er legte sich den abgesägten Lauf der Waffe über die Schulter und schlenderte zu den Beamtenkollegen neben dem Haus. Der andere »Täter«, der im Wagen gesessen hatte, drehte sich 31
um, damit man ihm die Handschellen abnehmen konnte. Wilkins befreite ihn. Die »Geisel«, verkörpert von einer vollkommen unschwangeren Beamtin mexikanischer Abstammung, die Sachs schon seit Jahren kannte, gesellte sich ebenfalls hinzu und klopfte Amelia auf die Schulter. »Gute Arbeit. Danke, dass du meinen Hintern gerettet hast.« Sachs blieb ernst und verbarg ihre Zufriedenheit. Sie fühlte sich wie eine Studentin, die soeben eine wichtige Prüfung bestanden hatte. Was genau genommen auch den Tatsachen entsprach. Amelia Sachs verfolgte ein neues Ziel. Herman, ihr Vater, war zeit seines Lebens ein Streifenbeamter der Patrol Services Division gewesen. Sachs besaß mittlerweile den gleichen Rang, war eigentlich zufrieden damit und hätte normalerweise erst in einigen Jahren eine Beförderung angestrebt. Dann ereigneten sich die Anschläge des 11. September 2001, und in Amelia erwachte der Wunsch, mehr für ihre Heimatstadt zu tun. Also reichte sie die notwendigen Anträge ein und bewarb sich für eine Laufbahn als Detective Sergeant. Die Detectives des New York Police Department konnten auf eine einzigartige Geschichte verweisen und standen in der Tradition des zähen, brillanten Inspector Thomas Byrnes, der in den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts zum Leiter des neu eingerichteten Detective Bureaus ernannt wurde. Zu seinen Methoden gehörten Drohungen und Schläge genauso wie scharfsinnige Schlussfolgerungen – so ließ er beispielsweise einen großen Einbrecherring auffliegen, indem er eine winzige Faser zurückverfolgte, die man an einem der Tatorte gefunden hatte. Unter Byrnes’ eindrucksvoller Füh32
rung wurden die Detectives bald als die »Unsterblichen« bekannt und sorgten für einen dramatischen Rückgang der Verbrechensrate, obwohl es in der Stadt damals ebenso turbulent zuging wie im Wilden Westen. Officer Herman Sachs hatte Andenken aus dem Polizeialltag gesammelt und Amelia kurz vor seinem Tod einen seiner größten Schätze vermacht: ein zerfleddertes Notizbuch aus dem Besitz von Byrnes, versehen mit zahlreichen Einträgen zu diversen Ermittlungen. Als Sachs noch klein war – und ohne dass ihre Mutter davon erfuhr –, las ihr Vater häufig Passagen aus dem Buch vor, und dann dachten die beiden sich Geschichten dazu aus. 12. Oktober 1883. Das andere Bein wurde gefunden! Slaggardys Kohlenbunker, Five Points. Rechnen nun mit Cotton Williams’ Geständnis. In Anbetracht seiner Reputation (und der für Polizeiverhältnisse guten Bezahlung) war es erstaunlich, dass Frauen im Detective Bureau größere Aufstiegsmöglichkeiten vorfanden als in jeder anderen Abteilung des NYPD. Wenn man Thomas Byrnes als männlichen Inbegriff eines Detectives annahm, durfte Mary Shanley gewiss als sein weibliches Gegenstück gelten – und als eines von Amelias persönlichen Vorbildern. Shanley war in den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts aktiv, eine raue, kompromisslose Beamtin, die einmal sagte: »Wenn man schon eine Waffe mit sich herumschleppt, kann man sie genauso gut auch benutzen.« Was sie relativ häufig tat. Nach Jahren der Verbrechensbekämpfung in Midtown setzte sie sich als Detective First Grade zur Ruhe. Sachs hingegen wollte mehr als nur ein Detective sein, denn das war lediglich eine Tätigkeitsbezeichnung; sie wollte 33
außerdem einen Dienstgrad. Beim NYPD, genau wie bei den meisten anderen Polizeibehörden, wurde man zum Detective ernannt, sobald man sich berufliche Verdienste erworben hatte und eine gewisse Erfahrung vorweisen konnte. Um Sergeant zu werden, musste man jedoch einen mühsamen Prüfungstriathlon durchlaufen, bestehend aus schriftlichem und mündlichem Examen sowie einer praktischen Übung – und die hatte Sachs soeben absolviert. Bei dieser Simulation kam es auf geschickte Personalführung, Teamfähigkeit und das Urteilsvermögen in einer Krisensituation an. Der Captain, ein freundlicher Polizeiveteran, der fast wie der Schauspieler Laurence Fishburne aussah, fungierte als Sachverständiger und hatte sich während der Übung Notizen gemacht. »Okay, Officer«, sagte er. »Wir werden einen Bericht verfassen und Ihrer Beurteilung beifügen. Aber gestatten Sie mir eine inoffizielle Bemerkung.« Er zog seine Aufzeichnungen zu Rate. »Ihre Einschätzung der Bedrohungslage für Zivilisten und Beamte war perfekt. Die Verstärkung wurde rechtzeitig und im richtigen Umfang angefordert. Unsere Leute wurden von Ihnen so postiert, dass für die Täter zu keinem Zeitpunkt eine Fluchtchance bestand, und zwar bei minimiertem Eigenrisiko. Die widerrechtliche Durchsuchung haben Sie korrekt erkannt. Und dass Sie dem ersten Täter persönliche Informationen für unseren Verhandlungsführer entlockt haben, war eine hervorragende Idee. Wir hatten gar nicht daran gedacht, das als Bestandteil der Übung zu sehen, aber das wird sich ab jetzt ändern. Und was den letzten Punkt angeht … Tja, ehrlich gesagt hätten wir nie damit gerechnet, dass Sie Rückschlüsse auf einen vierten 34
Verdächtigen ziehen würden. Geplant war, dass der Kerl unseren Officer Wilkins hier niederschießt und wir dann sehen, wie Sie mit der Situation umgehen und die Verhaftung des Flüchtigen organisieren.« Er hob den Kopf und lächelte. »Aber Sie haben den Schweinehund erwischt.« Peng, peng. »Die mündlichen und schriftlichen Prüfungen liegen bereits hinter Ihnen, nicht wahr?«, fragte er. »Jawohl, Sir. Die Ergebnisse müssten demnächst eintreffen.« »Wir werden den Bericht schnellstmöglich abschließen, mit unserer Empfehlung versehen und an den Ausschuss schicken. Sie sind für heute hier fertig.« »Jawohl, Sir.« Der Beamte, der den letzten der Täter gespielt hatte – den Mann mit der Schrotflinte – kam auf Amelia zu. Er war ein stattlicher Italiener, nach ihrer Einschätzung seit einer halben Generation den Brooklyner Docks entwachsen, und hatte die Muskeln eines Boxers. Ein ungepflegter Stoppelbart bedeckte Wangen und Kinn. Hoch an der schmalen Hüfte steckte eine großkalibrige verchromte Automatikpistole, und sein angeberisches Lächeln verleitete Sachs beinahe zu der Aufforderung, er könne die Waffe ja als Rasierspiegel benutzen. »Eines kann ich dir sagen … ich hab schon ein Dutzend dieser Simulationen mitgemacht, und das hier war von allen die beste, Babe.« Sie musste unwillkürlich lachen. Es gab bei der Polizei bestimmt noch so manchen Chauvinisten – sowohl bei den Streifenbeamten als auch in den Chefbüros am Police Plaza –, 35
aber normalerweise waren diese Leute eher herablassend als offen sexistisch. Sachs hatte von ihren männlichen Kollegen seit mindestens einem Jahr kein »Babe« oder »Honey« mehr zu hören bekommen. »Bleiben wir doch lieber bei ›Officer‹, falls Sie nichts dagegen haben.« »Nein, nein, nein«, sagte er und lachte. »Entspann dich. Die Prüfung ist vorbei.« »Und?« »Als ich ›Babe‹ gesagt habe, war das nicht abschätzig gemeint. Du brauchst dich nicht, du weißt schon, angegriffen zu fühlen oder so. Ich hab das bloß gesagt, weil ich beeindruckt war. Und weil du … du weißt schon.« Er lächelte sie strahlend an, und seine Zähne funkelten genauso hell wie seine Pistole. »Ich verteile nur selten Komplimente. Aus meinem Mund ist das was ganz Besonderes.« Weil du … du weißt schon. »He, du bist doch jetzt hoffentlich nicht sauer oder so«, sagte er. »Nein, ganz und gar nicht. Aber es heißt trotzdem ›Officer‹. So nennen Sie mich, und so nenne ich Sie.« Zumindest wenn ich dich direkt anspreche. »He, ich wollte dich wirklich nicht beleidigen oder so. Du bist ein hübsches Mädchen. Und ich bin ein Kerl. Du weißt doch, wie das läuft … Also.« »Also«, erwiderte sie und ging los. Er stellte sich ihr in den Weg und runzelte die Stirn. »He, warte mal. Das hier läuft völlig daneben. Hör mal, lass mich dich zu einem Kaffee einladen. Wenn du mich erst mal kennen lernst, wirst du mich mögen.« 36
»Darauf würde ich nicht wetten«, rief einer seiner Kumpel und lachte. Der Angesprochene zeigte ihm grinsend den Mittelfinger und wandte sich wieder zu Sachs um. In diesem Moment piepste ihr Pager, und im Anzeigefeld erschien Lincoln Rhymes Nummer, gefolgt von dem Wort »Dringend«. »Ich muss los«, sagte sie. »Keine Zeit mehr für einen Kaffee?«, fragte er und verzog mit gespieltem Schmollen das gut aussehende Gesicht. »Leider nein.« »Tja, wie wär’s dann mit einer Telefonnummer?« Mit Zeigefinger und Daumen deutete sie eine Pistole an und zielte auf ihn. »Peng, peng«, sagte sie. Und lief zu ihrem gelben Camaro.
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… Drei Das soll eine Schule sein? Amelia Sachs zog einen großen schwarzen Gerätekoffer auf Rollen hinter sich her und ging durch den halbdunklen Korridor. Sie roch Schimmel und altes Holz. An der hohen Decke hingen Staubflocken, und von den Wänden blätterte die grüne Farbe ab. Wie konnte man hier etwas über Musik lernen? Es sah aus wie in einem der Romane von Anne Rice, die Amelias Mutter so gern las. »Gruselig«, hatte einer der Beamten über Funk gemurmelt und dabei nur halb scherzhaft geklungen. Eine adäquate Beschreibung. Ein halbes Dutzend Cops – vier in Uniform, zwei in Zivil – standen in der Nähe einer Doppeltür am Ende des Flurs. Der zerzauste Lon Sellitto, den Kopf gesenkt und in der Hand einen Notizblock, sprach mit einem Wachmann, dessen Dienstkleidung verstaubt und fleckig war und damit bestens zu den Wänden und Böden passte. Hinter der offenen Tür sah Amelia einen weiteren dunklen Raum, in dem eine helle Gestalt lag. Das Opfer. »Wir brauchen Lampen«, sagte sie zu dem Techniker, der neben ihr ging. »Mehrere Sets.« Der junge Mann nickte und lief zurück zum Einsatzwagen der Spurensicherung – einem Kombi voller kriminaltechnischer Werkzeuge, der draußen halb auf dem Bürgersteig stand und wahrscheinlich nicht ganz so schnell hergerast war wie Sachs in ihrem 1969er Ca38
maro SS. Sie hatte die Strecke vom Übungsgelände zur Schule mit durchschnittlich hundertzehn Stundenkilometern zurückgelegt. Sachs musterte die junge blonde Frau, die drei Meter vor ihr auf dem Rücken lag und deren Leib sich emporwölbte, weil die gefesselten Hände sich unter ihr befanden. Sogar im trüben Licht der Halle nahm Amelias geschulter Blick die tiefen Erdrosselungsmale am Hals und das Blut auf Lippen und Kinn wahr – weil das Opfer sich vermutlich auf die Zunge gebissen hatte, was bei Strangulationen häufig vorkam. Automatisch registrierte sie weitere Details: smaragdgrüne Ohrstecker, abgetragene Laufschuhe. Offenbar weder Raubüberfall noch Vergewaltigung oder Verstümmelung. Kein Ehering. »Wer war als Erster am Tatort?« »Wir beide«, sagte eine hoch gewachsene Frau mit kurzem braunen Haar, auf deren Namensschild D. Franciscovich stand, und deutete auf ihre blonde Partnerin, N. Ausonio. Sie wirkten beunruhigt, und Franciscovich trommelte mit den Fingern der rechten Hand auf ihrem Holster herum. Ausonio konnte den Blick nicht von der Leiche abwenden. Sachs vermutete, dass dies für die zwei Beamtinnen der erste Mordfall war. Die beiden schilderten den Ablauf der Ereignisse. Das Auffinden des Täters, den Lichtblitz, die Flucht in den Vortragssaal, die Verbarrikadierung. Und dann war der Kerl auf einmal weg. »Sie sagen, er hat behauptet, eine Geisel bei sich zu haben?« »Das waren seine Worte«, bestätigte Ausonio. »Aber an39
sonsten wird hier in der Schule niemand vermisst. Wir sind überzeugt, dass er geblufft hat.« »Das Opfer?« »Swetlana Rasnikow«, sagte Ausonio. »Vierundzwanzig. Studentin.« Sellitto beendete die Vernehmung des Wachmanns. »Bedding und Saul befragen soeben alle anderen, die heute Morgen im Gebäude gewesen sind«, sagte er zu Sachs. Sie wies in Richtung des Tatorts. »Wer war da drin?« »Die beiden Officers«, antwortete Sellitto mit Blick auf die Frauen. »Dann zwei Sanitäter und zwei ESU-Leute, doch die haben sich gleich wieder zurückgezogen, als keine Gefahr mehr drohte. Es ist alles noch ziemlich unberührt.« »Der Wachmann war auch drinnen«, sagte Ausonio. »Aber nur für eine Minute. Wir haben ihn so schnell wie möglich wieder rausgeschickt.« »Gut«, sagte Sachs. »Gibt’s Zeugen?« »Als wir hergekommen sind, war da hinten ein Hauswart«, sagte Ausonio. »Er hat nichts gesehen«, fügte Franciscovich hinzu. »Dennoch brauche ich zu Vergleichszwecken die Abdrücke seiner Schuhsohlen«, sagte Sachs. »Würde eine von Ihnen den Mann bitte suchen?« »Na klar.« Ausonio machte sich auf den Weg. Sachs entnahm dem schwarzen Koffer einen Reißverschlussbeutel aus durchsichtigem Kunststoff, stieg in den darin verstauten weißen Tyvek-Overall, setzte die Kapuze auf und zog sich Handschuhe an. Der Anzug gehörte zur Standardausrüstung der Spurensicherung des NYPD und sollte verhindern, dass der Träger den Tatort versehentlich durch 40
eigene Spurenpartikel verunreinigte – beispielsweise durch Haare, Hautschuppen oder Fremdsubstanzen. Zwar verfügte der Overall über Füßlinge, doch Sachs kam trotzdem Rhymes strikter Anweisung nach und streifte sich Gummiringe über die Schuhe, damit man ihre Abdrücke zweifelsfrei von denen des Opfers und des Täters unterscheiden konnte. Nachdem Amelia das Headset angelegt und das Funkgerät eingeschaltet hatte, ließ sie sich mit einem Festnetzanschluss verbinden, und kurz darauf drang dank der komplex zusammengeschalteten Kommunikationssysteme Lincoln Rhymes tiefe Stimme an ihr Ohr. »Sachs, hörst du mich?« »Ja. Es war genau, wie du gesagt hast – man hat ihn in die Enge getrieben, und dann ist er verschwunden.« Rhyme lachte leise auf. »Und nun sollen wir ihn finden. Müssen wir eigentlich immer die Fehler anderer Leute ausbügeln? Warte mal kurz. Kommando, Lautstärke leiser … leiser.« Die Musik im Hintergrund verklang. Der Techniker, den Sachs zum Wagen geschickt hatte, kehrte mit mehreren Stativlampen zurück. Amelia stellte sie in der Halle auf und schaltete sie ein. Es war in Fachkreisen durchaus umstritten, mit welcher Methode ein Tatort auf Spuren untersucht werden sollte, und während viele Kriminalisten nach dem Prinzip »weniger ist mehr« verfuhren, setzten manche von vornherein ganze Teams ein. Lincoln Rhyme hingegen hatte vor seinem Unfall die meisten Tatorte allein inspiziert, und er bestand darauf, dass Amelia Sachs auf die gleiche Weise vorging. Je mehr andere Techniker zugegen waren, desto stärker wurde man abgelenkt und desto nachlässiger arbeitete man, weil sich auto41
matisch die unterschwellige Erwartung einstellte, dass die Kollegen etwaige eigene Versäumnisse kompensieren würden. Und es gab noch einen Grund für Rhymes Anordnung. Der Kriminalist hatte erkannt, dass ein Gewaltverbrechen eine makabre Art von intimer Atmosphäre ausstrahlte. Wenn man bei der Untersuchung eines Tatorts allein blieb, konnte man viel eher eine innere Verbindung zu Opfer und Täter herstellen und besser erkennen, welches die relevanten Spuren waren und wo man sie vermutlich finden würde. Genau diese mentale Beziehung versuchte Amelia Sachs nun herzustellen, während sie die Leiche der jungen Frau betrachtete, die neben einem Holzfasertisch am Boden lag. In der Nähe der Toten sah sie einen verschütteten Becher Kaffee, Notenblätter, einen Instrumentenkoffer und ein Stück einer silbernen Flöte. Als der Mörder ihr das Seil um den Hals geschlungen hatte, war die Frau offenbar soeben damit beschäftigt gewesen, das Instrument zusammenzustecken. Sie hielt sogar immer noch eines der Flötenteile umklammert. Hatte sie versucht, es als Waffe zu benutzen? Oder wollte die verzweifelte junge Frau im Tode einfach nur etwas Vertrautes und Tröstliches zwischen den Fingern spüren? »Ich bin bei der Leiche, Rhyme«, sagte Amelia und schoss unterdessen einige Digitalfotos von der Toten. »Fang an.« »Sie liegt auf dem Rücken – aber aufgefunden wurde sie bäuchlings. Die Beamten haben sie umgedreht, um eine Wiederbelebung zu versuchen. Typische Strangulationsmale.« Sachs rollte die Frau nun vorsichtig zurück auf den Bauch. »Die 42
Hände sind mit irgendwelchen altmodischen Handschellen gefesselt. Das Fabrikat sagt mir nichts. Ihre Armbanduhr ist kaputt und zeigt exakt acht Uhr an. Das sieht nicht nach einem Zufall aus.« Amelia tastete das schmale Handgelenk der Toten ab. Es war gebrochen. »Ja, Rhyme, er hat mit Wucht draufgetreten. Ein hübsches Modell, eine Seiko. Warum hat er die Uhr zertrümmert und nicht etwa gestohlen?« »Gute Frage, Sachs … Vielleicht hat es etwas zu bedeuten, vielleicht auch nicht.« Ein prima Wahlspruch für einen forensischen Wissenschaftler, dachte sie. »Eine der Polizistinnen hat das Seil um den Hals durchgeschnitten, aber der Knoten ist unversehrt.« Die Beamtin war korrekt vorgegangen, denn ein solcher Knoten konnte viel über die Person verraten, die ihn geknüpft hatte. Dann sammelte Sachs mit einem Kleberoller kleinere Spurenpartikel ein. Man war in Fachkreisen allgemein zu der Ansicht gelangt, dass ein tragbarer Staubsauger zu viele unerwünschte Teilchen mit aufsog, und so griffen die meisten kriminaltechnischen Abteilungen mittlerweile auf diese Roller zurück, die in privaten Haushalten oft zur Entfernung von Hunde- und Katzenhaaren genutzt wurden. Amelia verpackte die gewonnenen Spuren in kleine Plastiktüten, kämmte mit einem Spezialkamm die Haare der Toten durch und nahm Proben unter den Fingernägeln der Leiche. »Ich mache mich jetzt an das Gitternetz«, sagte sie dann. Dieser Ausdruck stammte von Lincoln Rhyme und bezeichnete seine bevorzugte, weil gründlichste Methode zur Untersuchung eines Tatorts. Man durchmaß dabei das betreffende Areal in mehreren Bahnen erst senkrecht und dann waa43
gerecht, wobei die Decken und Wände ebenso viel Beachtung finden mussten wie der Boden. Sachs fing an, hielt nach weggeworfenen oder fallen gelassenen Gegenständen Ausschau, sammelte Partikel ein, nahm elektrostatische Abdrücke der Fußspuren und schoss Digitalfotos. Das Aufnahmeteam der Spurensicherung würde später noch eine umfassende Bild und Videodokumentation des Schauplatzes anfertigen, aber da dieser Vorgang einige Zeit beanspruchte, ließ Rhyme sich stets mit einer Reihe von Vorabfotos versorgen. »Officer?«, rief Sellitto. Amelia wandte sich um. »Nur eine kurze Frage … Da wir nicht wissen, wo dieses Arschloch abgeblieben ist, soll ich Ihnen nicht lieber jemanden zur Verstärkung reinschicken?« »Nein«, sagte sie und dankte ihm insgeheim dafür, dass er sie an den verschwundenen Mörder erinnert hatte. Ein weiterer von Lincoln Rhymes Wahlsprüchen lautete: Lass dir keine Einzelheit entgehen, aber pass auf dich auf. Sie tastete nach dem Griff der Glock, um die Waffe bei Bedarf schnell ziehen zu können – unter dem Tyvek-Overall rutschte das Holster immer ein Stück nach oben –, und setzte die Suche fort. »Okay, ich hab was«, teilte sie wenig später Rhyme mit. »In der Vorhalle, ungefähr drei Meter vom Opfer entfernt. Ein Stück schwarzer Stoff. Seide. Ich meine natürlich, es sieht wie Seide aus. Es liegt über einem Teil der Flöte des Opfers, also muss es von ihm oder ihr stammen.« »Interessant«, murmelte Rhyme. »Was das wohl wieder zu bedeuten hat?« Darüber hinaus fand sich in der Vorhalle nichts. Amelia 44
betrat das Auditorium und hielt die Hand in der Nähe der Waffe. Im ersten Moment ließ ihre Anspannung nach, weil sofort ersichtlich war, dass es hier tatsächlich kein Versteck für einen Täter geben konnte, keine Geheimtüren oder verborgenen Ausgänge. Doch als sie das Gitternetz abschritt, wurde ihr immer unbehaglicher zumute. Gruselig … »Rhyme, das ist irgendwie merkwürdig …« »Ich kann dich nicht hören, Sachs.« Ihr wurde klar, dass sie vor lauter Verunsicherung geflüstert hatte. »Die umgeworfenen Stühle sind mit einer verbrannten Kordel umwickelt, außerdem mit Zündschnüren, so wie’s aussieht. Ich rieche Nitrat- und Schwefelrückstände. Die Beamtinnen sagten, er habe einen Schuss abgefeuert. Aber es riecht nicht nach rauchlosem Schießpulver, sondern anders. Ah, okay … Da liegt ein kleiner grauer Knallkörper. Vielleicht war das der vermeintliche Schuss … Halt, da ist noch etwas – unter einem der Stühle. Eine kleine grüne Platine, an der ein Lautsprecher hängt.« »›Klein‹?«, fragte Rhyme sarkastisch. »Ein Schuh ist klein, verglichen mit einem Quadratmeter. Und ein Quadratmeter ist klein, verglichen mit einem Hektar, Sachs.« »Tut mir Leid. Die Platine misst ungefähr fünf mal zwölf Zentimeter.« »Was ziemlich groß ist, verglichen mit einer Münze, nicht wahr?« Ich hab’s begriffen, vielen herzlichen Dank, entgegnete sie in Gedanken. Sie verpackte alles in Tüten, ging dann zur zweiten Tür – 45
der Brandschutztür – hinaus und sicherte sämtliche Fußabdrücke, die sie dort fand. Schließlich nahm sie Kontrollproben, um sie später mit den Opfer- und Täterspuren vergleichen zu können. »Das war’s, Rhyme. Ich bin in einer halben Stunde zurück.« »Und die Falltüren und Geheimgänge, von denen alle reden?« »Ich kann keine finden.« »Also gut, komm nach Hause, Sachs.« Sie kehrte ins Foyer zurück und ließ die Foto- und Fingerabdruckspezialisten an die Arbeit gehen. Franciscovich und Ausonio standen an der Tür. »Haben Sie den Hauswart gefunden?«, fragte Amelia. »Ich muss mir seine Schuhe ansehen.« Ausonio schüttelte den Kopf. »Er hat dem Wachmann gesagt, er müsse seine Frau zur Arbeit fahren. Ich habe im Verwaltungsbüro die Nachricht hinterlassen, er möge sich bei uns melden.« »He, Officer, Nancy und ich haben uns unterhalten«, sagte ihre Partnerin ernst. »Wir wollen beide nicht, dass dieser Mistkerl davonkommt. Falls wir Ihnen noch irgendwie behilflich sein können, lassen Sie es uns bitte wissen.« Sachs verstand genau, wie die beiden sich fühlten. »Ich werde sehen, was ich tun kann«, versprach sie. Sellitto wurde angefunkt und hörte kurz zu. »Das sind die Hardy Boys«, sagte er dann. »Sie haben alle Zeugen vernommen und warten am Eingang.« Sachs, Sellitto und die beiden Streifenbeamtinnen kehrten zur Vorderseite der Schule zurück. Dort trafen sie auf Bedding und Saul, einer groß, der andere klein, einer mit Sommer46
sprossen, der andere ohne. Die zwei waren Detectives aus dem Big Building und auf die Befragung von Zeugen spezialisiert. »Wir haben mit den sieben Leuten gesprochen, die heute Morgen hier gewesen sind.« »Außer dem Wachmann.« »Keine Lehrer …« »…nur Studenten.« Man nannte die beiden auch die »Zwillinge«, obwohl sie völlig unterschiedlich aussahen, denn sie waren ein eingespieltes Verhörteam ganz gleich, ob es um Täter oder Zeugen ging. Mit einem von ihnen allein zu reden, war nahezu unmöglich und viel zu verwirrend. Am besten, man betrachtete sie als zwei Teile ein und derselben Person. »Die Informationen sind nicht gerade erhellend.« »Die Leute waren alle ganz außer sich.« »Und der Ort ist auch nicht unbedingt hilfreich.« Ein Nicken in Richtung der Spinnweben, die unter der dunklen, von Wasserflecken verunzierten Decke hingen. »Niemand kannte das Opfer besonders gut. Als sie heute Morgen herkam, hat eine Freundin sie zum Vortragssaal begleitet. Sie …« »Die Freundin.« »… hat dort niemanden gesehen. Die beiden standen fünf oder zehn Minuten im Vorraum und haben sich unterhalten. Gegen acht Uhr ist die Freundin gegangen.« »Demnach lag der Täter dort bereits auf der Lauer«, sagte Rhyme, der über Funk mithörte. »Das Opfer«, fuhr der kleinere der beiden rotblonden Detectives fort, »stammt aus Georgien und ist vor etwa zwei Monaten eingereist. Sie war eher eine Einzelgängerin.« 47
»Das Konsulat benachrichtigt ihre Familie.« »Die anderen Studenten haben sich heute alle in verschiedenen Übungsräumen aufgehalten, und keiner von ihnen hat etwas gehört oder eine unbekannte Person bemerkt.« »Warum war Swetlana nicht in einem der Übungsräume?«, fragte Sachs. »Ihre Freundin sagt, Swetlana habe die Akustik in dem Vortragssaal besser gefallen.« »Ehemann, fester Freund oder Freundin?«, fragte Sachs und dachte dabei an die Regel Nummer eins bei Mordermittlungen: Täter und Opfer kannten sich meistens. »Nicht, dass die anderen Studenten wüssten.« »Wie ist er ins Gebäude gelangt?«, wollte Rhyme wissen. Sachs gab die Frage weiter. »Nur der Haupteingang ist offen«, sagte der Wachmann. »Es gibt natürlich Notausgänge, aber die kann man von außen nicht öffnen.« »Also hätte er an Ihnen vorbeigemusst, richtig?« »Und er hätte sich eintragen müssen. Und die Kamera hätte ihn aufgenommen.« Sachs hob den Kopf. »Da hängt eine Überwachungskamera, Rhyme, aber die Linse ist bestimmt schon einige Monate nicht mehr gereinigt worden.« Sie versammelten sich hinter dem Schaltpult. Der Wachmann betätigte ein paar Knöpfe und spielte das Band ab. Sieben der Leute waren von Bedding und Saul überprüft worden. Eine Person jedoch – ein braunhaariger, bärtiger älterer Mann in Jeans und ausgebeulter Jacke – hatte nicht zu den Zeugen gezählt, da waren die beiden sich einig. 48
»Das ist er«, sagte Franciscovich. »Das ist der Mörder.« Nancy Ausonio nickte. Auf dem verschwommenen Band konnte man sehen, wie er sich in die Besucherliste eintrug und dann hineinging. Der Wachmann achtete während der gesamten Zeit nur auf die Liste, nicht auf das Gesicht des Fremden. »Haben Sie ihn sich denn nicht genauer angesehen?«, fragte Sachs. »Ich hab nicht darauf geachtet«, erwiderte er ungerührt. »Wer sich einträgt, wird reingelassen. Das ist alles. Das ist mein Job. Ich bin in erster Linie hier, damit niemand mit unserem Kram zur Tür hinausspaziert.« »Immerhin haben wir seine Unterschrift, Rhyme. Und einen Namen. Natürlich dürfte beides gefälscht sein, aber wenigstens ist es eine Handschriftenprobe. Wo hat er unterzeichnet?«, fragte Sachs, streifte sich Latexhandschuhe über und nahm das Besucherbuch. Sie spulten das Band zurück und ließen es vom Anfang ablaufen. Der Mörder war die vierte Person, die sich eintrug, aber an vierter Stelle der Liste stand der Name einer Frau. »Zählt alle Leute, die sich heute da verewigt haben«, rief Rhyme. Sachs gab die Anweisung weiter, und so verfolgten sie, wie neun Personen ihre Namen eintrugen – acht Studenten, darunter das Opfer, und der Mörder. »Insgesamt neun, Rhyme, aber auf der Liste stehen nur acht Namen.« »Wie ist das möglich?«, fragte Sellitto. »Ist der Wachmann sicher, dass der Täter sich auch wirk49
lich eingetragen hat?«, warf Rhyme ein. »Vielleicht hat er bloß so getan.« Amelia reichte die Frage an den seelenruhig wirkenden Mann weiter. »Doch, das hat er. Ich hab’s gesehen. Ich achte nicht immer auf die Gesichter, aber ohne Unterschrift kommt mir hier keiner ins Haus.« Das ist alles. Das ist mein Job. Sachs schüttelte den Kopf und grub einen Fingernagel tief in die Nagelhaut ihres Daumens. »Na gut, dann bring mir das Besucherbuch zusammen mit dem anderen Zeug her, und wir sehen es uns genauer an«, sagte Rhyme. In einer Ecke des Raums stand eine junge Asiatin mit vor der Brust verschränkten Armen und schaute durch die ungleichmäßige Bleiverglasung nach draußen. Dann drehte sie sich um und sah Sachs an. »Ich hab gehört, was Sie gesagt haben. Es klang so, als ob Sie nicht wüssten, ob der Kerl das Gebäude verlassen hat, nachdem … Hinterher, meine ich. Glauben Sie, er ist immer noch hier?« »Nein, das glaube ich nicht«, sagte Sachs. »Wir sind uns lediglich nicht sicher, wie er entkommen konnte.« »Aber wenn Sie das nicht wissen, dann könnte er sich doch tatsächlich noch irgendwo im Haus versteckt halten, um dem nächsten Opfer aufzulauern. Und Sie haben nicht die geringste Ahnung, wo das sein wird.« Sachs lächelte ihr beruhigend zu. »Solange diese Frage ungeklärt ist, werden jede Menge Polizisten hier sein. Sie brauchen keine Angst zu haben.« Doch sie dachte etwas anderes: Das Mädchen hat absolut 50
Recht. Ja, womöglich ist er noch hier und will erneut zuschlagen. Und nein, wir haben keinerlei Anhaltspunkte für seine Identität oder seinen Aufenthaltsort.
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… Vier Und nun, verehrtes Publikum, legen wir eine kurze Pause ein. Bitte erinnern Sie sich mit Wohlgefallen an den Faulen Henker … und genießen Sie die Vorfreude auf die kommenden Ereignisse. Machen Sie es sich bequem. Unsere nächste Nummer folgt in Kürze … Der Mann ging an der Upper West Side von Manhattan den Broadway entlang. An einer Ecke hielt er plötzlich inne, als sei ihm gerade etwas eingefallen, und trat in den Schatten eines Gebäudes. Dort nahm er sein Mobiltelefon vom Gürtel und hob es ans Ohr. Dann sprach er, lächelte gelegentlich, so wie die meisten Leute es beim Telefonieren taten, und ließ beiläufig den Blick in die Runde schweifen, was in dieser Situation ebenfalls nicht unüblich war. In Wahrheit führte er allerdings gar kein Telefonat, sondern vergewisserte sich, dass niemand ihm von der Musikschule gefolgt war. Inzwischen sah Malerick völlig anders aus. Er war nun blond und bartlos, trug einen Jogginganzug und ein hochgeschlossenes Trikot. Hätten die Passanten genauer auf ihn geachtet, wären ihnen vielleicht ein paar Besonderheiten aufgefallen: Oberhalb des Kragens erstreckte sich ledriges Narbengewebe den Hals hinauf, und zwei Finger seiner linken Hand – der kleine und der Ringfinger – waren miteinander verschmolzen. 52
Aber es achtete niemand auf ihn. Seine Gesten und seine Mimik waren nämlich vollkommen natürlich, was – wie jeder Illusionist wusste – dafür sorgte, dass er unsichtbar wurde. Da er keinen Verfolger entdecken konnte, schlenderte er schließlich weiter, bog in eine Seitenstraße ab und folgte dem von Bäumen gesäumten Bürgersteig bis zu seiner Wohnung. Zu dieser Zeit waren hier nur ein paar Jogger und zwei oder drei Anwohner unterwegs, die mit der Times und einer Tüte Brötchen nach Hause zurückkehrten und sich schon darauf freuten, ihren Kaffee zu trinken, in Ruhe die Zeitung zu lesen und eventuell eine gemütliche Samstagmorgennummer zu schieben. Malerick stieg die Stufen zu dem Apartment hinauf, das er vor einigen Monaten gemietet hatte, gelegen im hinteren Teil eines dunklen, ruhigen Gebäudes, das so ganz anders war als sein Haus und die Werkstatt in der Wüste bei Las Vegas. Wie ich schon sagte, unsere nächste Nummer folgt in Kürze. Vorerst, verehrtes Publikum, sollten Sie sich vielleicht über die soeben gesehene Illusion austauschen, mit den Leuten um Sie herum ein wenig plaudern und zu erraten versuchen, was als Nächstes auf dem Programm steht. Unser zweiter Auftritt wird dem Probanden grundlegend andere Fähigkeiten als Der Faule Henker abfordern, dabei jedoch, das versichere ich Ihnen, nicht minder beeindruckend ausfallen. Diese und noch Dutzende anderer Sätze kamen Malerick immer wieder ganz von selbst in den Sinn. Verehrtes Publikum … Er sprach andauernd zu seinen imaginären Zuschau53
ern. (Manchmal vernahm er sogar ihren Beifall, hörte jemanden lachen oder mitunter vor Entsetzen aufkeuchen.) Ein Hintergrundrauschen voller Worte, in genau dem theatralischen Tonfall, den ein geschminkter Zirkusdirektor oder ein Illusionist aus viktorianischer Zeit benutzt haben würde. Geplapper hieß das in Fachkreisen – ein Monolog, der eine Beziehung zum Publikum herstellen und die zum Gelingen des Tricks notwendigen Informationen übermitteln sollte. Und der zum Ziel hatte, die Leute einzulullen und abzulenken. Nach dem Feuer hatte Malerick den Kontakt zu seinen Mitmenschen weitgehend abgebrochen. An ihre Stelle war mehr und mehr das imaginäre verehrte Publikum getreten, das letztlich zu seinem ständigen Begleiter wurde. Bald schon erfüllte das Geplapper Malericks Gedanken und Träume, und bisweilen fürchtete er, es könnte ihn vollends in den Wahnsinn treiben. Gleichzeitig aber empfand er es als einen verlässlichen Halt, denn es vermittelte ihm den Eindruck, nach dem tragischen Unglück vor drei Jahren nicht ganz allein dazustehen. Sein verehrtes Publikum war immer bei ihm. Das Apartment roch nach billigem Firnis und einem seltsam durchdringenden Aroma, das die Tapeten und Böden verströmten. Die ursprüngliche Möblierung schien eher karg und bestand aus ein paar schlichten Sofas und Sesseln sowie einem zweckmäßigen Esstisch, an dem gegenwärtig nur ein einziger Platz eingedeckt war. Die Schlafzimmer hingegen waren voll gestopft mit den Utensilien der Illusionistenzunft: Requisiten, Vorrichtungen, Seile, Kostüme, Gussformen zur Latexverarbeitung, Perücken, Stoffballen, eine Nähmaschine, Farben, Feuerwerkskörper, Schminke, Platinen, Drähte, Bat54
terien, Kollodiumpapier und Schießbaumwolle, Zündschnüre, Werkzeuge zur Holzbearbeitung … und unzählige andere Dinge. Malerick bereitete sich einen Kräutertee zu, nahm am Esstisch Platz, trank Schluck um Schluck des dünnen Gebräus, aß dazu etwas Obst und schließlich einen fettarmen Müsliriegel. Als Illusionist wurde man physisch stark gefordert, und das Gelingen einer Nummer hing von der körperlichen Verfassung des Künstlers ab. Eine gesunde Ernährung und regelmäßiger Sport waren für den Erfolg unerlässlich. Mit dem Verlauf des heutigen Morgens war Malerick durchaus zufrieden. Er hatte die erste Probandin ganz mühelos getötet – und ihn überkam ein Schauder der Erregung, wenn er daran dachte, wie sie vor Schreck erstarrt war, als er ihr von hinten die Schlinge über den Kopf gestreift hatte. Sie war völlig ahnungslos gewesen, obwohl er schon seit einer halben Stunde in der Ecke gelauert hatte, verborgen unter schwarzer Seide. Das überraschende Auftauchen der Polizei nun ja, das hatte ihn einen Moment lang aus dem Konzept gebracht. Aber wie alle guten Illusionisten war Malerick auf einen solchen Fall vorbereitet gewesen, und die Flucht war ihm perfekt gelungen. Er beendete sein Frühstück, brachte die Tasse in die Küche, wusch sie sorgfältig ab und legte sie zum Trocknen auf ein Gestell. Diese Akribie war ihm bei allem, was er tat, zur zweiten Natur geworden; sein Mentor, ein leidenschaftlicher, reizbarer und fast schon fanatischer Illusionist, hatte ihm die Disziplin gründlich eingebläut. Dann ging der Mann in das größere der beiden Schlafzimmer und sah sich die Videoaufnahme an, die er vom 55
Schauplatz der nächsten Vorstellung angefertigt hatte. Er kannte dieses Band bereits in- und auswendig, doch er wollte sich ein weiteres Mal vergewissern. (Sein Mentor hatte ihm nachdrücklich – und mitunter handgreiflich – eingeschärft, wie wichtig die 100:1-Regel war: Für jede Minute auf der Bühne musste man hundert Minuten proben.) Während er die Aufzeichnung verfolgte, zog er einen mit Samt bespannten Tisch zu sich heran und übte einige simple Kartentricks, ohne auf seine Hände zu achten: das präzise Mischen gezinkter Werte und das Abheben mit drei Stapeln. Danach ein paar schwierigere Aufgaben: das wiederholte Umdrehen einer Karte, das Auffächern des Stapels und das passgenaue Geben. Schließlich versuchte er sich an einigen komplizierten Nummern, darunter Stanley Palms Geisterkarten, Maldos berühmtes Sechs-Karten-Rätsel, mehrere Tricks des bekannten Kartenzauberers und Schauspielers Ricky Jay und manche seines Kollegen Cardini. Dann nahm Malerick sich ein paar Kartentricks aus dem Repertoire des frühen Harry Houdini vor. Die meisten Leute kannten Houdini nur als Entfesselungskünstler, doch in Wirklichkeit war der Mann ein vielseitiger Zauberer gewesen, der sowohl das Illusionistenhandwerk – aufwendige Bühnennummern, bei denen Assistentinnen oder Elefanten verschwanden – als auch die üblichen Taschenspielertricks beherrscht hatte. Malerick betrachtete Houdini als eines seiner großen Vorbilder. Zu Beginn seiner Karriere, noch als Teenager, war er als »der junge Houdini« aufgetreten, und der hintere Teil seines jetzigen Namens, »erick«, stellte nicht nur eine Anspielung auf sein früheres Leben – das Leben vor dem Feuer – dar, sondern war zudem als Hommage an Houdini 56
gedacht, der als Erich Weisz das Licht der Welt erblickt hatte. Bei der Vorsilbe »Mal« würden viele Kenner der Zunft womöglich auf einen anderen weltberühmten Künstler getippt haben, nämlich Max Breit, besser bekannt als Malini. In Wahrheit jedoch hatte Malerick diese drei Buchstaben gewählt, weil sie dem lateinischen Wortstamm für »böse« entsprachen und somit widerspiegelten, welch dunklen Zweig der Kunst er bevorzugte. Er konzentrierte sich auf das Video, zog die Abmessungen des Schauplatzes in Betracht, bedachte die Anordnung der Fenster und die Aufenthaltsorte eventueller Zeugen und konzipierte daraus seine jeweiligen Handlungen, so wie es jeder geübte Künstler tun würde. Während er zusah, mischten die Karten zwischen seinen Fingern sich scheinbar wie von selbst und blitzschnell, begleitet von einem leisen, schlangenartigen Zischeln. Die Könige, Buben, Königinnen, Joker und all die anderen Karten glitten über den schwarzen Samt, schienen dann der Schwerkraft zu trotzen und sprangen in seine starken Hände zurück, in denen sie wieder verschwanden. Wäre bei dieser Stegreifdarbietung ein Publikum zugegen gewesen, hätten die Leute nun die Köpfe geschüttelt und unwillkürlich geglaubt, einem Trugbild aufzusitzen, da das Gesehene sich anscheinend unmöglich erklären ließ. Doch das Gegenteil war der Fall. Die Kartentricks, die Malerick beiläufig auf dem edlen schwarzen Stoff vollführte, hatten nichts Übernatürliches an sich, sondern waren das Ergebnis sorgfältig einstudierter Geschicklichkeitsübungen. Sie basierten auf einer Sinnestäuschung des Betrachters und den natürlichen Gesetzen der Physik.
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O ja, verehrtes Publikum, was Sie soeben gesehen haben und noch sehen werden, ist durchaus real. So real wie Fleisch, das im Feuer verbrennt. So real wie eine Schlinge, die sich um den weißen Hals eines Mädchens legt. So real wie die Zeiger der Uhr, die sich langsam und unaufhörlich dem Zeitpunkt nähern, an dem unser nächster Proband Entsetzliches erleben wird. »Hallo.« Die junge Frau setzte sich neben das Bett ihrer Mutter. Durch das Fenster konnte sie draußen im gepflegten Garten eine hohe Eiche erkennen, auf deren Stamm eine Efeuranke wuchs, die im Verlauf der letzten Monate immer wieder anders ausgesehen hatte. Heute kam sie ihr weder wie ein Drache noch wie ein Vogelschwarm oder ein Soldat vor, sondern einfach wie eine farblose Pflanze, die mitten in der Stadt ums Überleben kämpfte. »Also, wie fühlst du dich, Mum?«, fragte Kara. Die Anrede ging auf einen der vielen Familienurlaube zurück – in diesem Fall in England. Kara hatte jeden mit einem Spitznamen bedacht: »Seine Königliche Hoheit« und »Queen Mum« für ihre Eltern und »Prinzessin« für sich selbst. »Gut, Liebes. Und wie geht’s dir?« »Mal besser, mal schlechter. He, wie gefallen dir die?« Kara hob die Hände und zeigte ihre kurzen, gleichmäßig gefeilten Fingernägel vor, die allesamt schwarz lackiert waren. »Prima, mein Schatz. Von dem Rosa hatte ich langsam genug. Das trägt heutzutage jeder. Furchtbar spießig.« Kara stand auf und rückte ihrer Mutter das Daunenkissen 58
zurecht. Dann setzte sie sich wieder und trank einen Schluck aus dem großen Starbucks-Becher. Kaffee war ihr einziges Laster, aber dafür ein sehr innig gepflegtes. Dies war bereits ihr dritter Becher an jenem Morgen. Nachdem Kara während der Jahre in New York City alle möglichen Haarfarben ausprobiert hatte, war ihre Wahl kürzlich auf eine Mischung aus Kastanienbraun und Lila gefallen, verbunden mit einer eher knabenhaften Frisur. Manche Leute behaupteten, sie sehe damit wie ein Kobold aus, was Kara überhaupt nicht gern hörte; sie selbst fand den Haarschnitt eher »praktisch«, denn er gestattete ihr, schon wenige Minuten nach dem Duschen das Haus zu verlassen – was für jemanden wie sie, der selten vor drei Uhr nachts zu Bett ging und ein erklärter Morgenmuffel war, echte Vorteile besaß. Heute trug sie eine schwarze Stretchhose und flache Schuhe, obwohl sie weniger als einen Meter sechzig maß. Ihr ärmelloses dunkelviolettes Oberteil ließ feste Muskeln mit klaren Konturen erkennen. Kara hatte ein College besucht, auf dem Kunst und Politik mehr galten als körperliche Ertüchtigung, doch nach ihrem Abschluss war sie Mitglied in einem Fitnessstudio geworden, stemmte inzwischen regelmäßig Gewichte und hetzte sich auf dem Laufband ab. Bei einer Frau Ende zwanzig, die seit acht Jahren im Szeneviertel Greenwich Village wohnte, hätten die meisten wohl irgendeine Art von dauerhaftem Körperschmuck vermutet, und sei es nur ein versteckter Ring, aber Karas auffallend weiße Haut trug keine einzige Tätowierung und war ungepierct. »Hör mal, Mum, ich hab morgen eine Show. Eine von Mr. Balzacs kleinen Veranstaltungen. Du weißt schon.« 59
»Ich erinnere mich.« »Aber diesmal ist es anders. Diesmal lässt er mich solo auftreten. Nicht nur zum Aufwärmen, sondern mit dem vollen Programm.« »Wirklich, Liebling?« »So wahr ich hier sitze.« Auf dem Flur schlurfte Mr. Geldter vorbei. »Guten Morgen.« Kara nickte ihm zu. Sie musste unwillkürlich daran denken, was geschehen war, als ihre Mutter damals in das Stuyvesant Manor einzog, eines der besten Seniorenheime der Stadt. Die Frau und der Witwer hatten einen ganz schönen Aufruhr verursacht. »Die glauben, wir wollen zusammenziehen«, hatte sie ihrer Tochter zugeflüstert. »Und – wollt ihr?«, hatte Kara gefragt und dabei gedacht, dass es nach fünf Jahren Witwendasein höchste Zeit für eine neue Beziehung sei. »Natürlich nicht!«, hatte ihre Mutter wütend erwidert. »Was für ein Gedanke!« (Der Zwischenfall war typisch für sie: Es gefiel ihr, ein wenig anrüchig zu erscheinen, aber es gab eine klare Grenze – deren Verlauf sich je nach Laune ändern konnte –, hinter der man für sie zum Feind wurde, auch als ihr eigen Fleisch und Blut.) Jetzt beugte Kara sich aufgeregt vor, schilderte ihrer Mutter voller Begeisterung den geplanten Ablauf der Aufführung und nahm sie derweil genau in Augenschein. Für eine Frau Mitte siebzig hatte sie außergewöhnlich glatte Haut, die zudem rosig gesund wie die eines Babys wirkte. Ihr Haar war weitgehend ergraut, aber es gab noch jede Menge wider60
spenstiger schwarzer Strähnen. Die Kosmetikerin des Hauses hatte es zu einer modischen Frisur aufgesteckt. »Wie dem auch sei, Mum, ein paar Freunde von mir werden dort sein, und es wäre toll, wenn du auch kommen könntest.« »Ich werd’s versuchen.« Kara, die mittlerweile auf der Sesselkante saß, bemerkte plötzlich, dass sie die Hände zu Fäusten geballt und sich am ganzen Körper verkrampft hatte. Ihr Atem glich einem abgehackten Keuchen. Ich werd’s versuchen. Kara schloss die Augen und kämpfte gegen die Tränen an. Verdammt! Ich werd’s versuchen … Nein, nein, nein, das ist völlig falsch, dachte sie. Ihre Mutter würde nicht sagen: »Ich werd’s versuchen.« Das passte überhaupt nicht zu ihr. Viel besser wäre: »Ich werde da sein, mein Schatz. In der ersten Reihe.« Oder sie würde kühl entgegnen: »Tja, morgen kann ich leider nicht. Du hättest mir früher Bescheid geben sollen.« Was auch immer man ihrer Mutter nachsagen konnte, sie machte keine halben Sachen. Sie war für oder gegen dich, und das stets aus vollem Herzen. Nur jetzt nicht mehr – denn die alte Dame war kaum noch ein menschliches Wesen. Bestenfalls ein kleines Kind, das mit offenen Augen schlief. Das Gespräch zwischen den beiden Frauen hatte nur in Karas Fantasie stattgefunden. Nun ja, Karas Anteil war echt gewesen. Aber die Äußerungen ihrer Mutter, von Gut, Liebes. Und wie geht’s dir? bis zu dem missglückten Ich werd’s versuchen, hatte sie sich hinzugedacht. 61
Nein, ihre Mutter hatte heute kein einziges Wort gesprochen. Auch nicht während des gestrigen Besuchs. Oder am Tag davor. Sie hatte in einer Art Wachkoma neben dem efeuumrankten Fenster gelegen. An manchen Tagen war es so. An anderen war sie zwar wach, stammelte aber nur erschreckenden Unsinn vor sich hin, der deutlich erkennen ließ, wie gnadenlos die unsichtbare Armee durch ihr Hirn marschierte und dabei Gedächtnis und Verstand auslöschte. Doch die Tragödie hatte noch weitaus perfidere Seiten. Hin und wieder trat ein fragiler Moment der Klarheit ein, der Kara – so kurz er auch sein mochte – neue Hoffnung einflößte. Immer wenn sie fast bereit war, sich damit abzufinden, dass die Mutter, die sie einst gekannt hatte, nicht mehr zurückkehren würde, kam die Frau zu sich, als hätte es nie eine Gehirnblutung gegeben. Und jedes Mal fiel Kara aufs Neue darauf herein, so wie eine misshandelte Frau ihrem prügelnden Ehemann beim kleinsten Zeichen der Reue immer wieder verzieh. In solchen Momenten redete sie sich ein, dass ihre Mutter sich wieder erhole. Die Ärzte behaupteten natürlich, es gäbe so gut wie keine Hoffnung mehr. Allerdings hatte keiner von ihnen vor einigen Monaten am Bett der Mutter gesessen, als diese plötzlich aufgewacht war. »Hallo, mein Schatz«, hatte sie zu Kara gesagt. »Ich hab die Kekse gegessen, die du mir gestern mitgebracht hast. Mit extra viel Pekannüssen, genau wie ich es mag. Zum Teufel mit den Kalorien.« Ein verschmitztes Lächeln. »Ach, ich freu mich, dass du hier bist. Ich wollte dir doch noch erzählen, was Mrs. Brandon gestern Abend gemacht hat. Mit der Fernbedienung.« Kara hatte vor lauter Verblüffung kein Wort über die Lippen bekommen. Denn, verflucht noch mal, sie hatte ihrer 62
Mutter am Vortag Kekse mit extra viel Pekannüssen mitgebracht. Und ja, die verrückte Mrs. Brandon aus dem vierten Stock hatte eine Fernbedienung geklaut, sich aus dem Fenster gelehnt und nebenan im Aufenthaltsraum des Pflegeheims eine halbe Stunde lang für Tumult gesorgt, weil sie wie ein Poltergeist immer wieder den Sender des Fernsehgeräts umschaltete und die Lautstärke veränderte. Na also! Welchen besseren Beweis gab es, dass ihre lebensfrohe Mutter, ihre wirkliche Mutter, noch immer in diesem beschädigten Körper hauste und irgendwann wieder dauerhaft zum Vorschein kommen würde? Doch am nächsten Tag hatte Kara eine Frau angetroffen, die ihre Tochter misstrauisch beäugte und fragte, wer sie sei und was sie wolle. Falls es um die Stromrechnung in Höhe von zweiundzwanzig Dollar und fünfzehn Cents gehe, so habe sie diese bereits bezahlt und könne den Bankbeleg über die Scheckeinlösung als Beweis vorlegen. Ein Vorfall wie der mit den Nusskeksen und der Fernbedienung hatte sich seitdem nicht wiederholt. Kara berührte ihre Mutter am Arm, warm, faltenlos, babyrosa. Und sie spürte, was sie bei jedem ihrer täglichen Besuche empfand einen lähmenden Dreiklang aus Wünschen: dass ihre Mutter ein gnädiger Tod ereilen würde, dass sie wieder zu alter Lebensfreude erwachen möge – und dass Kara sich von der schrecklichen Last befreien könnte, diese beiden unvereinbaren Hoffnungen gleichzeitig zu hegen. Ein Blick auf die Uhr. Sie war spät dran, so wie immer. Mr. Balzac würde nicht erfreut sein. Samstags war stets am meisten zu tun. Sie trank den Kaffee aus, warf den Becher in den Abfalleimer und ging hinaus auf den Flur. 63
Eine korpulente Schwarze in weißer Schwesterntracht hob grüßend die Hand. »Kara! Wie lange sind Sie schon hier?« Ihr rundes Gesicht verzog sich zu einem breiten Lächeln. »Seit zwanzig Minuten.« »Hätte ich das gewusst, wäre ich kurz vorbeigekommen«, sagte Jaynene. »Ist sie immer noch wach?« »Nein. Als ich herkam, war sie völlig weggetreten.« »Oh, das tut mir aber Leid.« »Hat sie denn etwas gesagt?«, fragte Kara. »Ja, aber nur Kleinigkeiten. Ich weiß nicht, ob sie wirklich etwas mitbekommen hat, aber es kam mir so vor … Ein herrlicher Tag, nicht wahr? Sephie und ich machen nachher einen Spaziergang im Garten mit ihr, falls sie wach ist. Das gefällt ihr. Hinterher geht’s ihr immer ein wenig besser.« »Ich muss jetzt zur Arbeit«, sagte Kara. »He, ich hab morgen eine Show. Im Laden. Wissen Sie noch, wo der ist?« »Na klar. Wann denn?« »Um vier. Kommen Sie doch auch.« »Ich hab morgen ziemlich früh Schluss. Ich komme gern. Danach können wir ja wieder ein paar Pfirsich-Margaritas trinken. So wie letztes Mal.« »Ja, genau«, erwiderte Kara. »Ach, und bringen Sie Pete mit.« Die Schwester verzog das Gesicht. »Kleines, bitte verstehen Sie mich nicht falsch, aber es gibt nur eine einzige Möglichkeit, dass dieser Kerl Sie an einem Sonntag zu Gesicht bekommt: Sie müssen bei den Knicks oder Lakers die Halbzeitshow bestreiten, und es muss im Fernsehen übertragen werden.« »Ihr Wort in Gottes Ohr«, sagte Kara.
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… Fünf Vor hundert Jahren hatte in diesem Haus womöglich ein halbwegs erfolgreicher Investor gewohnt. Oder der Eigentümer eines kleinen Herrenmodengeschäfts im luxuriösen Einkaufsviertel der Vierzehnten Straße. Vielleicht auch ein Politiker aus dem Umfeld der Tammany Hall, der Zentrale der Demokratischen Partei New Yorks, der die zeitlose Kunst beherrschte, sich durch ein öffentliches Amt persönlichen Wohlstand zu verschaffen. Dem gegenwärtigen Besitzer des Stadthauses am Central Park West war die Geschichte des Gebäudes jedoch herzlich egal. Auch das viktorianische Mobiliar und die edlen Kunstgegenstände aus dem Fin de Siecle, die einst diese Räume geziert hatten, wären nicht nach Lincoln Rhymes Geschmack gewesen. Ihm gefiel, was ihn derzeit umgab: ein Durcheinander aus robusten Tischen, Drehstühlen, Computern und wissenschaftlichen Geräten, darunter ein Dichtegradient, ein Gaschromatograph, kombiniert mit einem Massenspektrometer, mehrere Mikroskope, Plastikboxen in unzähligen verschiedenen Farben, Becher- und Reagenzgläser, Thermometer, Propangasflaschen, Schutzbrillen sowie seltsam geformte schwarze und graue Koffer, die aussahen, als würden sie irgendwelche exotischen Musikinstrumente beherbergen. Und Leitungen. Überall verliefen Leitungen und Kabel und bedeckten ei65
nen Großteil des ohnehin begrenzten Freiraums im Zimmer. Einige waren ordentlich aufgerollt und verbanden benachbarte Apparate miteinander, andere verschwanden in gezackten Löchern, die man einfach so in den Putz oder die in Würde gealterte Wandvertäfelung geschlagen hatte. Im Hinblick auf seine eigene Person kam Lincoln Rhyme inzwischen weitgehend ohne Kabel aus, denn dank fortschrittlicher Infrarot- und Funksender war er in der Lage, die Haustechnik und seine Computer vom Rollstuhl oder Bett aus per Mikrofon zu steuern. Den Storm-Arrow-Rollstuhl lenkte er mit dem linken Ringfinger über ein MKIV-Touchpad, aber alle anderen Befehle gab Rhyme mit seiner Stimme – ob er nun einen Anruf erledigen, eine E-Mail verfassen oder das Abbild des Stereomikroskops auf einen der Monitore legen wollte. Auch der neue Receiver seiner Hi-Fi-Anlage, ein Harman Kardon 8000, wurde auf diese Weise kontrolliert. Im Augenblick hallte ein melodisches Jazz-Solo durch das Arbeitszimmer. »Kommando, Stereoanlage aus«, befahl Rhyme widerwillig, als er die Haustür ins Schloss fallen hörte. Die Musik verklang und wich dem ungleichmäßigen Geräusch von Schritten, die sich durch den Flur und den Vorraum näherten. In einem der Besucher erkannte Rhyme sofort Amelia Sachs; für eine so hoch gewachsene Frau hatte sie einen überaus leichten Tritt. Dann vernahm er das charakteristische Trampeln von Lon Sellittos großen, beständig nach außen weisenden Füßen. »Sachs, war es ein großer Tatort?«, fragte er, als sie das Zimmer betrat. »Ein riesiges Areal?« 66
»Nein, nicht so groß.« Sie runzelte die Stirn. »Wieso?« Sein Blick war auf die grauen Plastikkisten voller Beweismaterial gerichtet, die Amelia und einige Beamte hineintrugen. »Ich hatte nur irgendwie den Eindruck, weil es so lange gedauert hat, alles abzusuchen und wieder herzukommen. Du darfst übrigens ruhig das Blinklicht auf deinem Wagendach einschalten. Genau zu diesem Zweck ist es nämlich da, weißt du? Und die Sirene ist ebenfalls erlaubt.« Wenn Rhyme zu lange warten musste, wurde er gereizt. Er hasste nichts so sehr wie Langeweile. Sachs hingegen wirkte ausgesprochen gut gelaunt und ließ sich von seinem Unmut nicht im Mindesten beirren. »Hier ist einiges recht merkwürdig, Rhyme«, sagte sie lediglich. Er erinnerte sich, dass Sellitto den Mord als »bizarr« bezeichnet hatte. »Leg los. Was ist passiert?« Sachs fasste den vermutlichen Ablauf der Ereignisse zusammen, an deren Ende die Flucht des Täters aus dem Vortragssaal stand. »Die Kolleginnen hörten von drinnen einen Schuss und beschlossen, den Zugriff zu versuchen. Sie sind gleichzeitig durch die beiden einzigen Türen des Raums vorgedrungen, aber der Täter war verschwunden.« Sellitto zog seine Notizen zu Rate. »Die Beamtinnen beschreiben ihn als Anfang fünfzig, mittelgroß, braunhaarig, von durchschnittlicher Statur und ohne besondere Kennzeichen, abgesehen von einem Vollbart. Es war ein Hauswart vor Ort, aber der hat angeblich niemanden durch die Tür kommen gesehen. Na ja, du weißt, wie Zeugen manchmal sind. Die Schule wird uns seinen Namen und die Telefon67
nummer durchgeben. Mal sehen, ob ich sein Gedächtnis nicht ein wenig auffrischen kann.« »Was habt ihr über das Opfer? Und wie lautet das Tatmotiv?« »Es war weder Vergewaltigung noch Raub«, sagte Sachs. »Ich hab eben noch mit den Zwillingen gesprochen«, fügte Sellitto hinzu. »Sie ist in letzter Zeit offenbar Single gewesen, und auch davor gab es keinen Freund, der Probleme bereitet hätte.« »War sie nur Studentin, oder hatte sie außerdem einen Job?«, fragte Rhyme. »Nur Studentin, aber nebenbei ist sie anscheinend irgendwo aufgetreten. Bedding und Saul sind an der Sache dran.« Rhyme bat Thom, ihnen wie so oft als Protokollant zu dienen und die einzelnen Punkte in seiner eleganten Handschrift auf einer der großen weißen Wandtafeln festzuhalten. Der Betreuer nahm einen Filzstift und machte sich an die Arbeit. Es klingelte an der Haustür, und Thom verschwand kurz nach draußen. »Besuch im Anmarsch! «, rief er aus dem Korridor. »Besuch?«, fragte Rhyme, dem kaum der Sinn nach Gesellschaft stand, doch Thom hatte sich einen Scherz erlaubt. Mel Cooper betrat den Raum, der schlanke Kriminaltechniker mit schütterem Haar, den Rhyme schon seit einigen Jahren kannte. Damals war Rhyme noch Leiter der forensischen Abteilung des NYPD gewesen und hatte in einem Fall von Einbruchdiebstahl und Entführung mit einer Polizeibehörde des Staates New York zusammengearbeitet. Cooper hatte Rhy68
mes Analyse einer bestimmten Bodenprobe widersprochen und damit letztendlich Recht behalten. Rhyme war beeindruckt gewesen und hatte ein paar Erkundigungen über den Techniker eingezogen. Wie sich herausstellte, gehörte Cooper genau wie Rhyme als aktives und weithin geachtetes Mitglied der International Association for Identification an – einer Expertengemeinschaft, die Personen anhand von Fingerabdrücken, DNS-Spuren, Zahnschemata und forensischen Rekonstruktionen zu identifizieren vermochte. Mit Abschlüssen in Mathematik, Physik und organischer Chemie war Cooper zudem ein erstklassiger Spurenauswerter. Daraufhin hatte Rhyme sich bemüht, den Mann zur Rückkehr in seine Geburtsstadt zu bewegen, was ihm schließlich auch gelungen war. Der zurückhaltende Kriminaltechniker und preisgekrönte Gesellschaftstänzer arbeitete nun beim NYPD-Labor in Queens, stand Rhyme jedoch häufig zur Seite, wenn dieser zu einem Fall als Berater hinzugezogen wurde. Nachdem Cooper alle Anwesenden begrüßt hatte, schob er sich die dicke Harry-Potter-Brille ein Stück höher auf die Nase und musterte prüfend die Kisten mit Beweismaterial, als wäre er ein Schachspieler, der seinen Kontrahenten einzuschätzen versuchte. »Womit haben wir es hier zu tun?« »Mit einigen Rätseln, wenn ich unsere liebe Sachs richtig verstanden habe«, sagte Rhyme. »Tja, dann lasst uns mal versuchen, ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen.« Sellitto schilderte noch einmal den Ablauf des Verbrechens, während Cooper sich Latexhandschuhe anzog und die einzelnen Tüten und Gläser durchsah. Rhyme fuhr mit sei69
nem Rollstuhl näher heran. »Da – was ist das?« Er meinte die grüne Platine, an der ein Lautsprecher befestigt war. »Die habe ich im Vortragssaal gefunden«, sagte Sachs. »Keine Ahnung, wozu die gut ist. Ich weiß bloß, dass der Verdächtige sie dort platziert hat – das haben die Fußabdrücke ergeben.« Die Platine sah aus wie ein Computerbauteil, und Rhyme war keineswegs überrascht, denn Kriminelle hatten sich schon immer der neuesten Technik bedient. Als 1911 die berühmte halbautomatische 45er-Pistole der Firma Colt herauskam, wurden innerhalb weniger Tage die ersten Banküberfälle damit begangen, obwohl nur das Militär diese Waffe besitzen durfte. Funkgeräte, abhörsichere Leitungen, Maschinenpistolen, Laserzielvorrichtungen, Satellitennavigationssysteme, Mobiltelefone, Überwachungstechnik und Datenverschlüsselung gehörten oft schon längst zum Arsenal der Kriminellen, bevor die Strafverfolgungsbehörden damit ausgestattet wurden. Rhyme machte nie einen Hehl daraus, dass er nicht auf allen Fachgebieten bewandert war, darunter auch »NASDAQBeweise«, wie er sie zu nennen pflegte. Funde wie Computer, Mobiltelefone und diese seltsame Platine gehörten in Expertenhände. »Bringt das Ding in die Stadt. Zu Tobe Geller«, ordnete er an. In der New Yorker Zweigstelle des FBI arbeitete ein begabter junger Elektronikspezialist, der ihnen bei früheren Fällen bereits hilfreiche Dienste geleistet hatte. Falls überhaupt jemand ihnen verraten konnte, was diese Platine bewirkte und woher sie eventuell stammte, dann Geller, so wusste Rhyme. 70
Cooper reichte die Tüte an Sellitto weiter, der sie einem uniformierten Beamten übergab, doch der angehende Sergeant Amelia Sachs hielt den Kollegen zurück und ließ ihn sich in die vorgeschriebene Registrierkarte eintragen, auf der genau festgehalten wurde, wer zu welchem Zeitpunkt ein Beweisstück übernahm, angefangen bei der Sicherstellung bis hin zur späteren Gerichtsverhandlung. Erst danach durfte der Mann sich auf den Weg machen. »Und wie war deine Prüfung heute, Sachs?«, fragte Rhyme. »Nun ja«, sagte sie und zögerte kurz. »Ich schätze, ich hab’s gepackt.« Die Antwort überraschte Rhyme. Normalerweise tat Amelia Sachs sich ziemlich schwer damit, ein Lob entgegenzunehmen, und so stellte sie ihr Licht meistens unter den Scheffel. »Ich habe nicht daran gezweifelt«, sagte er. »Sergeant Sachs«, murmelte Lon Sellitto. »Klingt gut.« Dann wandten sie ihre Aufmerksamkeit den pyrotechnischen Utensilien zu, die in der Musikschule gefunden worden waren: den Zündschnüren und dem Feuerwerkskörper. Zumindest eines der Geheimnisse hatte Sachs lüften können. Der Mörder, so erläuterte sie, hatte mehrere Stühle halb nach hinten gekippt und in dieser Position mit dünnen Baumwollkordeln fixiert. Danach hatte er in der Mitte jedes Strangs eine Lunte befestigt und sie angezündet. Nach einer Weile hatte die Flamme das Baumwollband erreicht und durchtrennt, woraufhin der jeweilige Stuhl zu Boden gefallen war und den akustischen Eindruck erweckt hatte, der Täter befinde sich noch im Raum. Eine weitere Zündschnur hatte mit einiger Verzögerung den Knallkörper explodieren lassen, was von 71
den Beamtinnen irrtümlich für einen Schuss gehalten worden war. »Lässt das Material sich irgendwie zurückverfolgen?«, fragte Sellitto. »Diese Allerweltszündschnur hilft uns nicht weiter, und der Feuerwerkskörper wurde zerstört. Kein Hersteller, gar nichts.« Cooper schüttelte den Kopf. Rhyme konnte sehen, dass bis auf ein paar winzige Papierfetzen und den verbrannten Drahtkern der Lunte nichts übrig geblieben war. Die Kordel erwies sich als ordinärer Baumwollfaden, wie es ihn an jeder Ecke zu kaufen gab. »Dann war da noch dieser Blitz«, sagte Sachs mit Blick auf ihre Notizen. »Als die Beamtinnen den Kerl bei dem Opfer sahen, hob er die Hand, und es flammte ein gleißendes Licht auf, fast wie eine Leuchtkugel. Sie wurden beide geblendet.« »Irgendwelche Überreste?« »Ich konnte keine finden. Sie sagten, er habe sich einfach in Luft aufgelöst.« Okay, Lon, du hattest Recht: bizarr. »Machen wir weiter. Was ist mit den Fußspuren?« Cooper rief die entsprechende Datenbank des NYPD auf, eine digitalisierte Version der Unterlagen, die Rhyme während seiner Zeit als Leiter der kriminaltechnischen Abteilung zusammengetragen hatte. »Die Schuhe sind schwarze Slipper Marke Ecco«, teilte er nach einigen Minuten mit. »Offenbar Größe zehn.« »Partikel?« Sachs holte aus einer der Kisten mehrere Plastiktüten, in denen sich jeweils ein Streifen Klebeband befand. »Das hier 72
habe ich mit dem Roller rund um das Opfer und bei den Fußabdrücken des Täters aufgelesen.« Cooper nahm die Tüten und legte jeden der rechteckigen Streifen in eine eigene kleine Schale, um eine gegenseitige Verunreinigung zu vermeiden. Die meisten der Partikel entsprachen Amelias Kontrollproben, was bedeutete, dass sie nicht vom Täter oder Opfer stammten, sondern auf natürlichem Weg an den Tatort gelangt waren. Auf manchen der Streifen klebten jedoch Fasern, die Sachs ausschließlich dort gefunden hatte, wo der Täter entlanggegangen war oder etwas berührt hatte. »Unters Mikroskop damit.« Der Techniker nahm die Streifen mit einer Pinzette, montierte sie auf Objektträger, legte den ersten unter das Stereomikroskop – das bevorzugte Instrument zur Faseranalyse – und drückte einen Knopf. Der Anblick, der sich ihm durch das Okular bot, wurde nun zu dem großen Flachbildschirm des Computers übertragen, so dass alle es sehen konnten. Die Fasern erschienen als dicke gräuliche Stränge. Bei einer forensischen Untersuchung waren Spuren dieser Art von großer Bedeutung, denn Fasern kamen überall vor, wechselten schnell von einem Träger zum nächsten und ließen sich leicht klassifizieren. Man unterschied zwischen zwei Kategorien: natürlich und künstlich. Rhyme erkannte sofort, dass es sich in diesem Fall weder um glänzende Viskose noch um ein Polymerprodukt handelte; demnach mussten es Naturfasern sein. »Aber welche genau?«, grübelte Mel Cooper. »Sieh dir die Zellstruktur an. Ich wette, sie ist exkremental.« 73
»Was?«, fragte Sellitto. »Exkrement? Wie Scheiße?« »Exkrement wie Seide. Die kommt nämlich aus dem Verdauungstrakt von Raupen. Grau gefärbt, mit matter Oberfläche. Was ist auf den übrigen Objektträgern, Mel?« Er überprüfte die anderen Proben ebenfalls unter dem Mikroskop und fand dort identische Fasern vor. »Hat der Täter graue Kleidung getragen?« »Nein«, berichtete Sellitto. »Das Opfer auch nicht«, sagte Sachs. Noch mehr Rätsel. »Ah«, sagte Cooper beim Blick durch das Okular. »Das hier dürften Haare sein.« Auf dem Monitor wurde eine lange braune Strähne sichtbar. »Und zwar menschliche Haare«, rief Rhyme, der die vielen hundert Schuppen bemerkte. Ein Tierhaar hätte höchstens ein paar Dutzend davon aufgewiesen. »Aber sie sind falsch.« »Falsch?«, fragte Sellitto. »Nun, es ist zwar Echthaar«, erklärte Rhyme ungeduldig, »aber es stammt von einer Perücke. Ganz eindeutig. Sieh dir mal das Ende da an. Das ist keine Wurzel, sondern Klebstoff. Natürlich könnte es von einer anderen Person hinterlassen worden sein, aber wir sollten es in der Tabelle vermerken.« »Dass er kein braunes Haar hat?«, fragte Thom. »Wir halten uns strikt an die Fakten«, wies Rhyme ihn zurecht. »Schreib, dass der Verdächtige vermutlich eine braune Perücke trägt.« »Okay, Bwana.« Cooper setzte die Untersuchung fort und stellte fest, dass auf zweien der Klebebänder ein winziger Erdkrümel beziehungsweise ein wenig pflanzliches Material hing. 74
»Zuerst die Pflanze, Mel.« Bei seiner Tatortarbeit in New York hatte Lincoln Rhyme stets besonderen Wert auf die Erd-, Pflanzen- und Tierspuren gelegt, weil genau genommen nur ein Achtel der Stadt auf dem nordamerikanischen Festland, der Rest hingegen über mehrere Inseln verteilt lag. Aus diesem Grund kamen manche Mineralien, Pflanzen und Tiere je nach Bezirk und teils sogar je nach Viertel mehr oder weniger häufig vor, so dass man gewisse Spuren mit einiger Verlässlichkeit spezifischen Orten zuordnen konnte. Kurz darauf erschien das irgendwie künstlerisch anmutende Abbild eines rötlichen Zweigs und eines Blattstückchens auf dem Monitor. »Gut«, verkündete Rhyme. »Was soll daran denn gut sein?«, fragte Thom. »Es ist gut, weil es selten vorkommt. Das ist roter Hickory. Soweit ich weiß, wachsen diese Bäume hier bei uns nur im Central und im Riverside Park. Und … oh, schaut euch das an. Dieses blaugrüne Zeug.« »Wo?«, fragte Sachs. »Na, da! Siehst du es denn nicht?« Es ärgerte ihn, dass er nicht aufspringen und mit dem Finger auf den Bildschirm zeigen konnte. »Unten links. Wenn du dir den Zweig als Italien vorstellst, ist dieser Fleck Sizilien.« »Ich seh ihn.« »Was meinst du, Mel? Eine Flechte, nicht wahr? Und ich würde auf Parmelia conspersa tippen.« »Schon möglich«, sagte der Techniker zögernd. »Aber es gibt jede Menge Flechten.« »Doch nur wenige sind blaugrün und grau«, stellte Rhyme 75
lakonisch fest. »Kaum eine, um genau zu sein. Und diese Sorte kommt überall im Central Park vor … Damit haben wir zwei Verweise auf den Park. Gut. Jetzt nehmen wir uns die Erdprobe vor.« Cooper wechselte den Objektträger. Das Bild des Mikroskops – felsengroße Krümel – war wenig aufschlussreich. »Schick einen Teil davon durch den Chromatographen«, sagte Rhyme. Die Kombination aus Gaschromatograph und Massenspektrometer vereinte zwei chemische Analyseinstrumente in einem Gehäuse. Der Chromatograph spaltete eine unbekannte Substanz in ihre Bestandteile auf, deren genauere Bestimmung dann das Spektrometer übernahm. Ein weißes, einheitlich wirkendes Pulver zum Beispiel konnte ein Dutzend verschiedene Chemikalien enthalten: Natron, Arsen, Babypuder, Phenol oder Kokain. Irgendjemand hatte den Vorgang der Chromatographie mal mit einem Pferderennen verglichen: Die Bestandteile begannen ihren Weg durch das Instrument zum selben Zeitpunkt, kamen jedoch mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten voran, so dass sie sich voneinander absetzten. An der »Ziellinie« verglich das Massenspektrometer jeden der eintreffenden Stoffe mit einer riesigen Datenbank bekannter Substanzen und identifizierte ihn. Coopers Analyse ergab, dass die von Sachs sichergestellte Erdprobe mit einem Öl durchtränkt war. Leider existierte kein entsprechender Referenzeintrag in der Datenbank, und so erfuhren sie lediglich, dass es sich um einen anorganischen Stoff handelte. »Setzt euch mit dem FBI-Labor in Verbindung«, befahl Rhyme. »Womöglich haben die das Zeug schon mal gesehen.« 76
Er betrachtete eine der Plastiktüten. »Ist das der schwarze Stoff, den du gefunden hast?« Vielleicht hat es etwas zu bedeuten, vielleicht auch nicht … Sie nickte. »Das Tuch lag in der Ecke des Vorraums, in der das Opfer erdrosselt wurde.« »Hat es der Frau gehört?«, fragte Cooper. »Kann sein«, sagte Rhyme, »aber lass uns vorerst davon ausgehen, dass es vom Täter stammt.« Vorsichtig zog Cooper den Stoff aus der Tüte und nahm ihn in Augenschein. »Seide. Von Hand umgenäht.« Das Tuch war erstaunlich groß, ungefähr zwei mal anderthalb Meter, doch es ließ sich zu einem kleinen Viereck zusammenfalten. »Aufgrund der Zeitangaben wissen wir, dass er sie dort bereits erwartet hat«, sagte Rhyme. »Ich wette, er hat sich in die Ecke gekauert und dieses Tuch über sich ausgebreitet. Damit war er nahezu unsichtbar. Vermutlich wollte er den Stoff wieder mitnehmen, aber dann sind die Beamtinnen aufgetaucht und haben ihn zur Flucht gezwungen.« Was wohl in diesem armen Mädchen vorgegangen sein musste, als wie durch Zauberei der Mörder über sie herfiel, sie mit Handschellen fesselte und ihr das Seil um den Hals legte? Cooper fand auf dem schwarzen Stoff mehrere Partikel und übertrug sie auf einen Objektträger. Wenig später erschien das Abbild auf dem Monitor. In der Vergrößerung sahen die Teilchen wie gezackte fleischfarbene Salatblätter aus. Mel berührte eines mit einer feinen Sonde. Das Material war elastisch. »Was, zum Teufel, ist das?«, fragte Sellitto. 77
»Irgendein Gummi«, vermutete Rhyme. »Von einem Luftballon nein, dafür sind sie zu dick. Und sieh mal genau hin, Mel. Da hat es eine Schmierspur gegeben, ebenfalls fleischfarben. Steck es in den Chromatographen.« Während sie auf das Ergebnis warteten, klingelte es an der Tür. Thom ging nach vorn und kehrte mit einem Umschlag zurück. »Die Fingerabdrücke«, verkündete er. »Ah, gut«, sagte Rhyme. »Schick sie an AFIS, Mel.« Die leistungsstarken FBI-Server des Automatischen Fingerabdruck-Identifizierungs-Systems in West Virginia würden eine Vielzahl digitalisierter Bundes- und Staatskarteien abfragen und innerhalb weniger Stunden ein Resultat liefern. Wenn gutes und deutlich erkennbares Ausgangsmaterial vorlag, dauerte die Abgleichung manchmal nur Minuten. »Wie ist die Qualität?«, fragte Rhyme. »Ziemlich sauber.« Sachs legte ihm die Fotos vor. Viele zeigten nur Teilabdrücke, aber auf einem konnte man die komplette linke Hand erkennen. Rhyme fiel sofort auf, dass zwei Finger des Mörders – der kleine und der Ringfinger – verformt waren. Sie schienen zusammengewachsen zu sein, und zwar mit vollkommen glatter Haut, ohne jede Papillarleiste. Rhyme kannte sich recht gut in forensischer Pathologie aus, doch er vermochte nicht zu erkennen, ob hier ein Geburtsfehler oder eine Unfallfolge vorlag. Irgendwie komisch, dachte Rhyme. Der linke Ringfinger des Täters ist geschädigt, und meiner ist das einzige Körperteil unterhalb des Halses, das ich überhaupt noch bewegen kann. 78
Dann runzelte er die Stirn. »Warte noch eine Minute mit dem Scannen, Mel … Komm näher, Sachs. Ich will das genauer sehen.« Sie kam zu ihm, und er schaute sich die Fotos ein weiteres Mal an. »Fällt dir irgendetwas Ungewöhnliches daran auf?« »Nicht wirklich«, sagte sie. »Moment mal …« Sie lachte. »Die sind alle gleich.« Sie blätterte die Bilder durch. »Seine Finger sehen alle gleich aus. Auf jedem ist diese kleine Narbe.« »Er muss eine Art Handschuh mit falschen Papillarleisten tragen«, sagte Cooper. »So etwas habe ich noch nie gesehen.« Wer, zum Teufel, war dieser Kerl? Auf einem der Bildschirme erschienen die Ergebnisse der spektrometrischen Analyse. »Okay, wir haben hier reinen Latex und … was ist das?«, fragte er. »Der Computer hat es als ein Alginat identifiziert. Das höre ich zum ersten …« »Zähne«, sagte Rhyme. »Was?«, fragte Cooper. »Es ist ein Pulver, das man mit Wasser anrührt, um daraus Abdruckmassen zu erstellen. Zahnärzte benutzen es, um Kronen und andere Prothesen anzufertigen. Vielleicht war unser Mann einfach nur in medizinischer Behandlung.« Cooper las die weiteren Stoffe vor. »Außerdem gibt es minimale Spuren von Rizinusöl, Propylenglykol, Cetylalkohol, Glimmer, Eisenoxid, Titandioxid, Steinkohlenteer und ein paar neutrale Pigmente.« »Manches davon kommt in Make-up vor«, sagte Rhyme und musste an einen früheren Fall denken, bei dem ein Mörder auf dem Spiegel des Opfers obszöne Botschaften hinterlassen hatte, geschrieben mit einem Abdeckstift. Da sich auf 79
seinem Ärmel entsprechende Schmierspuren fanden, war es letztlich gelungen, den Täter mit dem Tatort in Verbindung zu bringen. Bei den damaligen Ermittlungen hatte Rhyme viel über Kosmetika gelernt. »Könnte es von der Frau stammen?«, fragte Cooper. »Nein«, antwortete Sachs. »Ich habe bei ihr Proben genommen. Sie war nicht geschminkt.« »Nun ja, schreibt es mit auf die Tafel. Wir werden noch sehen, ob es etwas zu bedeuten hat.« Mel Cooper wandte sich der Mordwaffe zu, dem Seil, und legte es auf ein Porzellantablett. Nach einer Weile blickte er auf. »Es handelt sich um ein Seil mit weißer Hülle und schwarzem Kern, beides aus geflochtener Seide und daher so leicht und dünn, dass es nicht dicker als ein normales Seil wirkt, obwohl es in Wahrheit zwei Komponenten sind.« »Was soll das? Ist es dank des Kerns stabiler?«, fragte Rhyme. »Lässt es sich einfacher aufknoten? Oder schwieriger? Was?« »Keine Ahnung.« »Das wird immer rätselhafter«, sagte Sachs mit einem theatralischen Unterton, der Rhyme geärgert hätte, wäre er nicht zufällig der gleichen Meinung gewesen. »Ja«, stimmte er ihr beunruhigt zu. »So etwas hatten wir noch nicht. Lasst uns weitermachen. Ich möchte etwas Vertrautes, etwas, das wir benutzen können.« »Und der Knoten?« »Wurde von einem Experten geknüpft, aber ich erkenne die Technik nicht wieder«, sagte Cooper. »Schick ein Bild davon ans FBI. Und … kennen wir nicht jemanden im Schifffahrtsmuseum?« 80
»Die haben uns schon ein paarmal bei Knoten geholfen«, sagte Sachs. »Ich werde auch ihnen eine E-Mail mit dem Bild schicken.« Tobe Geller von der Abteilung für Computerkriminalität rief aus seinem New Yorker FBI-Büro an. »Das ist ja ein tolles Ding, Lincoln.« »Wie schön, dass wir Ihnen eine kleine Freude machen durften«, murmelte Rhyme. »Können Sie uns über unser Spielzeug denn auch etwas Nützliches mitteilen?« Geller, ein junger Lockenkopf, war für Rhymes Sarkasmus vollkommen unempfänglich, vor allem, da es um ein Computerprodukt ging. »Es ist ein digitaler Audiorekorder. Ein faszinierendes kleines Gerät. Ihr Täter hat etwas damit aufgenommen, den Ton auf einer Festplatte gespeichert und es dann so programmiert, dass alles mit Verzögerung wieder abgespielt wurde. Wir wissen nicht, um was für eine Aufzeichnung es sich gehandelt hat – er hat ein Löschprogramm eingebaut und alle Daten vernichten lassen.« »Es war seine Stimme«, murmelte Rhyme. »Als er behauptete, er habe eine Geisel bei sich, war das bloß eine Sounddatei. Genau wie bei dem Trick mit den Stühlen. Wir sollten glauben, dass er sich noch in dem Raum aufhielt.« »Das passt. Der Lautsprecher ist ein besonderes Modell – klein, aber mit exzellentem Bass und Mitteltöner. Eine menschliche Stimme dürfte daraus ziemlich echt klingen.« »Auf der Platte ist nichts mehr drauf?« »Nein, alles weg.« »Verflucht. Ich wollte eine Stimmprobe haben.« »Tut mir Leid. Keine Chance.« Rhyme seufzte enttäuscht und fuhr zurück zu Coopers 81
Tisch; es blieb Sachs überlassen, sich bei Geller herzlich für die Hilfe zu bedanken. Das Team wandte sich nun der Armbanduhr des Opfers zu, die aus unbekannten Gründen zertrümmert worden war, aber außer dem genauen Zeitpunkt der Zerstörung barg sie keinerlei Hinweise. Bisweilen legten Täter falsche Spuren, indem sie vor der absichtlichen Beschädigung einer Uhr die falsche Zeit einstellten, doch hier lag offenbar kein solcher Täuschungsversuch vor. Was sollten sie davon halten? Das wird immer rätselhafter … Während Thom die Erkenntnisse auf der Tafel festhielt, fiel Rhymes Blick auf die Tüte mit dem Besucherbuch. »Der fehlende Name.« Er überlegte. »Neun Leute haben sich eingetragen, aber es stehen nur acht Namen da … Ich glaube, wir benötigen einen Experten.« Er wandte den Kopf zum Mikrofon. »Kommando, Telefon. Anrufen, Kincaid Komma Parker.«
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… Sechs Auf dem Bildschirm erschien die Vorwahl von Virginia, 703, gefolgt von der Nummer des gewünschten Teilnehmers. Es klingelte. »Hier bei Kincaid«, meldete sich die Stimme eines jungen Mädchens. »Äh, ja. Ist Parker da? Dein Vater, meine ich.« »Wer spricht denn dort?« »Lincoln Rhyme. Aus New York.« »Einen Moment, bitte.« Kurz darauf ertönte am anderen Ende die gelassene Stimme eines der hervorragendsten Dokumentengutachter des Landes. »He, Lincoln. Ist eine ganze Weile her, was?« »Hatte viel zu tun«, sagte Rhyme. »Und wie sieht’s bei dir aus, Parker?« »Ach, es war ziemlich hektisch. Ich habe beinahe einen internationalen Zwischenfall verursacht. Die British Cultural Society aus Washington wollte, dass ich die Echtheit eines Tagebuchs beglaubige, angeblich aus dem Besitz von König Edward VIII. Sie hatten es von einem Privatsammler gekauft. Man beachte den letzten Satz, Lincoln.« »Sie hatten bereits dafür bezahlt.« »Sechshunderttausend.« »Ganz schön teuer. Waren die Leute denn dermaßen versessen darauf?« »Na ja, es stand richtig saftiger Klatsch über Churchill und Chamberlain darin. Natürlich nicht diese Art von Klatsch.« 83
»Natürlich nicht.« Wie üblich, wenn Rhyme jemanden um unentgeltliche Unterstützung bitten wollte, bemühte er sich um Geduld. »Ich hab’s mir angesehen, und was blieb mir übrig? Ich musste die Echtheit anzweifeln.« Bei einem so geachteten Fachmann wie Kincaid war dieser harmlose Einwand gleichbedeutend mit einem vernichtenden Urteil: Es handelte sich um eine schamlose Fälschung. »Ach, die werden schon darüber hinwegkommen«, fuhr er fort. »Obwohl, dabei fällt mir ein, die haben meine Rechnung noch nicht bezahlt … Nein, mein Schatz, der Zuckerguss kommt erst, wenn der Kuchen abgekühlt ist … Weil ich das sage.« Kincaid war allein erziehender Vater und zudem der frühere Leiter der zentralen FBI-Dokumentenstelle. Er hatte die Behörde verlassen und sich selbstständig gemacht, um mehr Zeit mit seinen Kindern verbringen zu können, Robby und Stephanie. »Was macht Margaret?«, rief Sachs in den Lautsprecher. »Amelia, sind Sie das?« »Ja.« »Ihr geht’s gut. Ich hab sie jetzt ein paar Tage nicht gesehen. Am Mittwoch waren wir mit den Kindern bei Planet Play, und ich hatte Margaret fast schon beim Laser-Duell geschlagen, als ihr Pager losging. Sie musste irgendwo eine Tür eintreten und Leute verhaften. In Panama oder Ecuador oder so. Sie verrät mir nie die Einzelheiten. Also, was gibt’s?« »Wir brauchen deine Hilfe bei einem Fall. Folgendes ist 84
passiert: Der Täter hat sich am Eingang eines Gebäudes in ein Besucherbuch eingetragen. So weit alles klar?« »Ja. Und nun soll die Handschrift analysiert werden?« »Das Problem ist: Es gibt keine Handschrift.« »Sie ist verschwunden?« »Ja.« »Und du bist sicher, dass der Täter nicht bloß so getan hat?« »Hundertprozentig. Der Wachmann dort hat Tinte auf Papier gesehen, kein Zweifel.« »Kann man noch irgendwas erkennen?« »Nein, nichts.« Kincaid lachte auf. »Ziemlich schlau. Zuerst löste der Eintrag sich in Luft auf. Und dann hat jemand anders seinen Namen über die freie Stelle geschrieben und dafür gesorgt, dass nicht mal mehr ein Abdruck der ursprünglichen Worte geblieben ist.« »Genau.« »Habt ihr es schon mit dem Blatt unter der Liste probiert?« Rhyme sah Cooper an. Der Techniker versuchte es nicht mit einer Bleistiftschraffur, sondern ließ in spitzem Winkel helles Licht auf die nächste Seite des Buchs scheinen, was dem üblichen Verfahren entsprach. Er schüttelte den Kopf. »Nichts«, teilte Rhyme dem Gutachter mit. »Wie hat er das angestellt?« »Er hat den Namen ex-laxt.« »Wie bitte?«, fragte Sellitto. »Er hat eine Tinte benutzt, die wieder unsichtbar wird. Bei uns in der Branche heißt das ›ex-laxen‹, nach dem gleichna85
migen Produkt. Das alte Ex-Lax enthielt Phenolphthalein, bevor es von der Gesundheitsbehörde verboten wurde. Man löst eine Pille in Alkohol auf und erhält blaue Tinte mit einem alkalischen pH-Wert. Dann schreibt man damit. Nach einer Weile an der Luft verschwindet das Blau.« »Ja«, sagte Rhyme und dachte an sein Grundwissen über chemische Vorgänge. »Das Kohlendioxid der Luft erhöht den Säuregehalt der Tinte, und das neutralisiert die Farbe.« »Korrekt. Phenolphthalein kommt heutzutage kaum noch vor. Aber man erreicht das gleiche Ergebnis, wenn man als Indikator Thymolphthalein und Natriumhydroxid verwendet.« »Wird dieses Zeug in bestimmten Läden verkauft?« »Hm«, überlegte Kincaid. »Nun ja … Hab etwas Geduld, mein Schatz. Daddy telefoniert … Nein, das ist schon in Ordnung. Im Ofen sieht jeder Kuchen schief aus. Ich komme gleich … Lincoln? Was ich sagen wollte, ist: Diese Sache mit der verschwindenden Tinte hört sich theoretisch nach einer großartigen Idee an, aber während meiner Zeit beim FBI ist uns kein einziger Verbrecher oder Spion untergekommen, der so etwas tatsächlich benutzt hätte. Es ist ein eher modischer Effekt, wenn du verstehst, was ich meine. Etwas für einen Entertainer.« Ein Entertainer, dachte Rhyme säuerlich und schaute zur Tafel, an der die Fotos der armen Swetlana Rasnikow hingen. »Wo könnte unser Täter solche Tinte bekommen?« »Höchstwahrscheinlich in einem Spielwarenladen oder in einem Fachhandel für Zauberkünstler.« Interessant … »Okay, danke, das hilft uns schon weiter, Parker.« 86
»Kommen Sie uns doch mal besuchen«, rief Sachs. »Und bringen Sie die Kinder mit.« Rhyme verzog das Gesicht. »Warum lädst du nicht auch gleich all ihre Freunde ein?«, flüsterte er Sachs zu. »Am besten die ganze Schule …« Sie bat ihn lachend, den Mund zu halten. Rhyme beendete das Telefonat und unterbrach die Verbindung. »Je mehr wir erfahren, desto weniger wissen wir«, stellte er mürrisch fest. Bedding und Saul riefen an und berichteten, dass Swetlana in der Musikschule offenbar allseits beliebt gewesen sei und dort keine Feinde gehabt habe. Ihre Nebenbeschäftigung schien in dieser Hinsicht ebenfalls unverdächtig: Sie hatte auf Kindergeburtstagen Singspiele veranstaltet. Aus der Gerichtsmedizin traf ein Päckchen ein. Es enthielt eine Plastiktüte mit den alten Handschellen, die dem Opfer mittlerweile abgenommen worden waren. Gemäß Rhymes Anweisung hatte man die Fesseln nicht geöffnet, sondern stattdessen die Hände der Leiche zusammengepresst, da durch das Aufbohren der Schlösser womöglich wertvolle Spuren vernichtet worden wären. »Solche Dinger hab ich noch nie gesehen, allenfalls im Kino«, sagte Cooper und hielt die Tüte hoch. Rhyme ging es genauso. Die Handschellen waren uralt, schwer und aus ungleichmäßig geschmiedetem Eisen gefertigt. Cooper bürstete den Bereich rund um die Schlüsselöffnungen ab und klopfte die Fesseln sorgfältig aus, fand aber keine verwertbaren Partikel. Zumindest das Alter der Handschellen war ein ermutigender Umstand, denn es limitierte 87
die Anzahl der möglichen Herkunftsorte. Rhyme wies Cooper an, die Fesseln zu fotografieren und einige Bilder auszudrucken, die man dann diversen Händlern vorlegen konnte. Sellitto erhielt einen weiteren Anruf. Er hörte kurz zu und wirkte auf einmal ziemlich verwirrt. »Unmöglich … Sind Sie sicher?… Ja, okay. Danke.« Er legte auf und sah Rhyme an. »Das kapiere ich nicht.« »Was denn?«, fragte Rhyme, der keine Lust auf noch mehr Rätsel verspürte. »Das war der Verwalter der Musikschule. Es gibt da keinen Hauswart.« »Aber die Streifenbeamtinnen haben ihn gesehen«, wandte Sachs ein. »Das Reinigungspersonal arbeitet samstags nicht, sondern nur unter der Woche, und zwar abends. Außerdem sieht keiner von denen so aus wie der Kerl, dessen Beschreibung wir haben.« Kein Hauswart? Sellitto blätterte seine Notizen durch. »Er war ganz in der Nähe der zweiten Tür und hat den Boden gefegt. Er …« »Oh, verdammt!«, fluchte Rhyme. »Das war er!« Ein Blick zu dem Detective. »Der Hauswart hat ganz anders ausgesehen als der Täter, nicht wahr?« Sellitto las vor. »Anfang sechzig, kahlköpfig, ohne Bart, grauer Overall.« »Grauer Overall!«, rief Rhyme. »Ja.« »Daher die Seidenfasern. Es war ein Kostüm.« »Wovon redest du da?«, fragte Cooper. »Unser Täter hat die Studentin ermordet. Dann wurde er 88
von den Beamtinnen überrascht, blendete sie mit dem Lichtblitz, rannte in den Vortragssaal, zündete die Lunten an und schaltete den Digitalrekorder ein, damit man glauben würde, er befinde sich weiterhin im Raum. Stattdessen hat er jedoch die Hauswartverkleidung angezogen und ist zur zweiten Tür hinausgelaufen.« »Aber er hat sich die alte Kluft nicht einfach vom Leib gerupft wie ein Rennfahrer das Abreißvisier vom Helm, Linc«, erwiderte der rundliche Polizist. »Wie, zum Teufel, soll er das alles geschafft haben? Er war doch höchstens für sechzig Sekunden außer Sicht.« »Von mir aus. Falls du eine Erklärung hast, die ein göttliches Eingreifen ausschließt, höre ich sie mir gern an.« »Komm schon. Das ist völlig unmöglich.« »Ach ja?«, fragte Rhyme zynisch und fuhr zur Tafel, an der Thom die Ausdrucke von Amelias Digitalfotos aufgehängt hatte. »Wie wär’s dann mit ein paar Beweisen?« Er musterte zuerst die Fußabdrücke des Täters und danach die Spuren, die Sachs auf dem hinteren Flur gesichert hatte. »Die Schuhe«, rief er. »Sind es dieselben?«, fragte der Detective. »Ja«, sagte Sachs und kam zur Tafel. »Ecco, Größe zehn.« »Mein Gott«, murmelte Sellitto. »Okay, was haben wir?«, fragte Rhyme. »Ein Täter Anfang fünfzig, durchschnittliche Statur und bartlos, zwei verformte Finger, vermutlich mit Strafakte, weil er seine Papillarleisten verbirgt – und das ist auch schon alles, was wir wissen.« Doch dann runzelte Rhyme die Stirn. »Nein«, murmelte er finster, »das ist nicht alles. Da ist noch etwas. Er hatte Kleidung zum Wechseln und seine Mordinstrumente dabei … Der Täter 89
geht methodisch vor.« Er sah Sellitto an. »Er wird es wieder tun.« Sachs nickte mit bitterer Miene. Rhyme verfolgte, wie Thom eifrig die Einzelheiten niederschrieb, und suchte nach einem verbindenden Element. Die schwarze Seide, das Make-up, der Kostümwechsel, die Verkleidungen, der Lichtblitz und die Pyrotechnik. Die verschwindende Tinte. »Ich vermute«, sagte Rhyme langsam, »dass unser Mann sich recht gut aufs Zaubern versteht.« Sachs nickte. »Das ergibt einen Sinn.« Auch Sellitto nickte. »Okay. Kann schon sein. Aber was machen wir jetzt?« »Das liegt doch auf der Hand«, sagte Rhyme. »Wir besorgen uns auch einen.« »Einen was?«, fragte Sellitto. »Einen Zauberkünstler natürlich.« »Mach das noch mal.« Sie hatte es bereits achtmal vorgeführt. »Noch mal?« Der Mann nickte. Also machte Kara es noch mal. Der Drei-Taschentuch-Trick – entwickelt von dem berühmten Zauberkünstler und Lehrmeister Harlan Tarbell – kam beim Publikum immer gut an. Es ging darum, drei verschiedenfarbige Seidentücher, die hoffnungslos verknotet schienen, voneinander zu trennen, was nur mit einiger Übung reibungslos zu bewerkstelligen war. Nach Karas Ansicht hatte sie sich ziemlich gut geschlagen. 90
David Balzac war leider anderer Meinung. »Deine Münzen haben geklimpert«, sagte er seufzend – was einer harten Kritik gleichkam und bedeutete, dass die Illusion oder der Trick unbeholfen und durchschaubar wirkte. Der massige alte Mann mit dem weißen Schöpf und dem von Nikotin verfärbten Spitzbart schüttelte verärgert den Kopf, nahm die dicke Brille ab, rieb sich die Augen und setzte die Brille wieder auf. »Ich fand es ziemlich flüssig«, protestierte Kara. »Ehrlich, ich fand’s gut.« »Aber nicht du warst das Publikum, sondern ich. Noch mal von vorn.« Sie standen auf einer kleinen Bühne im hinteren Teil des Smoke & Mirrors, eines Ladens, den Balzac vor zehn Jahren gekauft hatte, kurz nach seinem Rückzug aus den internationalen Zauberkünstler- und Illusionistenkreisen. In dem etwas heruntergekommenen Geschäft wurden Zauberutensilien verkauft, Kostüme und Requisiten verliehen sowie kostenlose Amateurshows für die Kunden und Nachbarn veranstaltet. Vor anderthalb fahren hatte Kara, damals freiberufliche Redakteurin der Zeitschrift Self, endlich allen Mut zusammengenommen und war zum ersten Mal auf die Bühne gestiegen – bis dahin hatte der Ruf des Großen Balzac sie monatelang eingeschüchtert. Der alte Mann verfolgte den Auftritt und rief sie im Anschluss in sein Büro, um ihr auf seine schroffe und doch warmherzige Art mitzuteilen, sie habe Potential und könne mit der richtigen Ausbildung eine großartige Illusionistin werden. Dann bot er ihr eine Stelle in seinem Laden an, um in Zukunft ihr Mentor und Lehrer zu sein. Kara lebte schon seit geraumer Zeit in New York und 91
wusste, wie es in dieser Stadt zuging. Ihr war sofort klar, was der Mann womöglich unter dem Begriff »Mentor« verstehen würde, vor allem angesichts der Tatsache, dass er vierfach geschieden und sie eine attraktive, vierzig Jahre jüngere Frau war. Andererseits galt Balzac als namhafter Künstler, mit einst regelmäßigen Auftritten bei Johnny Carson und einem mehrjährigen Engagement in Las Vegas. Der Mann hatte Dutzende von Welttourneen hinter sich und kannte nahezu jeden noch lebenden Berufskollegen. Das Illusionistenhandwerk war Karas große Leidenschaft, und nun bot sich ihr eine einmalige Chance. Sie nahm sein Angebot ohne zu zögern an. Bei der ersten Sitzung war sie argwöhnisch und jederzeit darauf gefasst gewesen, sich eines Annäherungsversuchs zu erwehren. Die Lektion verlief dann tatsächlich sehr aufregend für sie – allerdings aus einem vollkommen anderen Grund. Er zerriss sie in der Luft. Nachdem Balzac eine Stunde lang so gut wie jedes Detail ihrer Technik kritisiert hatte, richtete sein Blick sich auf ihr blasses, tränenüberströmtes Gesicht. »Ich sagte, du hast Potential«, herrschte er sie an. »Ich habe nicht behauptet, du seist gut. Falls du jemanden willst, der dein Ego streichelt, bist du hier falsch. Also, läufst du jetzt nach Hause, um dich bei deiner Mami auszuheulen, oder machen wir mit der Arbeit weiter?« Sie machten mit der Arbeit weiter. Und so begann eine achtzehn Monate währende Hassliebe zwischen Mentor und Schülerin, die Kara sechs oder sieben Tage pro Woche bis in die frühen Morgenstunden auf Trab hielt, denn sie musste üben, üben und nochmals üben. Während seiner aktiven Zeit hatte Balzac zwar mit zahlreichen Assistenten 92
zusammengearbeitet, insgesamt aber nur zweimal Lehrlinge bei sich aufgenommen. Wie es schien, waren die beiden jungen Männer große Enttäuschungen für ihn gewesen, und er wollte mit Kara nicht noch einmal die gleiche Erfahrung machen. Freunde fragten sie manchmal, woher ihre an Besessenheit grenzende Begeisterung für die Zauberkunst rührte, und hofften vermutlich auf die fernsehreife Kitschgeschichte einer qualvollen Kindheit mit zerrüttetem Elternhaus und gemeinen Lehrern oder wenigstens auf die Variante des kleinen unscheinbaren Mädchens, das vor den grausamen Schulcliquen in eine Fantasiewelt flüchtete. Stattdessen bekamen sie ein ganz normales Mädchen präsentiert – eine fröhliche Schülerin mit guten Noten, die zum Turnverein ging, Kekse für den Wohltätigkeitsbasar backte und im Schulchor sang. Ihr Interesse für die Unterhaltungsbranche wurde ganz undramatisch geweckt, nämlich in Cleveland und in Begleitung ihrer Großeltern: beim Besuch einer Vorstellung des erfolgreichen Illusionistenduos Penn & Teller. Einen Monat später machte die ganze Familie einen Ausflug nach Las Vegas, weil der Vater einen Kongress besuchen wollte. Dort lernte Kara die aufregendste Seite der Magie kennen, sah fliegende Tiger und spektakuläre Feuerzauber. Mehr war nicht nötig. Im Alter von dreizehn Jahren gründete sie an der JFK Junior Highschool einen Zauberklub und gab bald jeden Penny ihres Babysitterlohns für entsprechende Fachzeitschriften, Lehrvideos und Utensilien aus. Später nahm sie auch Gartenarbeit und Schneeschaufeln in ihren Leistungskatalog auf und ließ sich dafür zum Big Apple Circus oder dem Cirque du Soleil fahren, wann immer diese im Umkreis von achtzig Kilometern gastierten. 93
Darüber hinaus gab es natürlich einen wichtigen Beweggrund für Karas ursprünglichen und nie erlahmenden Eifer, und der manifestierte sich in den ungläubigen, entzückten und überraschten Mienen ihres Publikums – ob dies nun zwei Dutzend Verwandte bei einer Thanksgiving-Feier waren (eine komplette Vorstellung mit Taschenspielertricks und einer schwebenden Katze, wenngleich ohne die Falltür, die Kara nicht in den Wohnzimmerfußboden sägen durfte) oder die Mitschüler und Eltern bei einer Aufführung in der Highschool, wo Kara stürmischen Beifall erntete und zu zwei Zugaben auf die Bühne gerufen wurde. Das Leben mit David Balzac hingegen unterschied sich deutlich von jenem triumphalen Auftritt. Im Verlauf der letzten anderthalb Jahre hatte Kara bisweilen den Eindruck gehabt, ihr sei jegliches Talent abhanden gekommen, doch immer wenn sie kurz vor dem Aufgeben stand, nickte Balzac oder deutete ein Lächeln an. Einige Male hatte er sie sogar ausdrücklich gelobt. In solchen Momenten war ihre Welt in Ordnung. Für ein Privatleben blieb allerdings so gut wie keine Zeit mehr, denn Kara hielt sich immer häufiger im Laden auf, führte die Bücher und das Inventar, sorgte für die Begleichung der Rechnungen und betreute die Internetseite des Geschäfts. Da Balzac ihr nur wenig zahlte, benötigte sie zusätzliche Einkünfte und suchte sich Jobs, die zumindest am Rande mit ihrem Anglistik-Abschluss zu tun hatten: Sie verfasste Artikel für andere Zauber- und Theaterseiten im Internet. Vor rund einem Jahr hatte sich dann der Zustand ihrer Mutter verschlechtert. Seitdem brachte Kara, das Einzelkind, ihr letztes bisschen Freizeit im Pflegeheim zu. 94
Ein anstrengendes Leben. Aber sie kam vorläufig damit zurecht. In ein paar Jahren würde Balzac sie für bühnenreif befinden und hinaus in die weite Welt entlassen, mitsamt seinem Segen und seinen erstklassigen Kontakten. Lass nicht locker, Kleines, und lass dich bloß nicht unterkriegen, wie Jaynene es vielleicht ausdrücken würde. Nun führte Kara also ein weiteres Mal Tarbells Drei-TuchTrick vor. Balzac klopfte achtlos die Asche seiner Zigarette ab und runzelte die Stirn. »Linker Zeigefinger ein kleines Stück höher.« »Konnten Sie die Schleife sehen?« »Falls ich sie nicht gesehen hätte, weshalb sollte ich dich dann wohl bitten, den Finger höher zu halten?«, fragte er verärgert. »Versuch’s noch mal.« Wieder von vorn. Den verdammten Zeigefinger ein verdammtes Stückchen höher. Ssssst … die ineinander verschlungenen Tücher lösten sich und flatterten wie Siegesflaggen empor. »Ah«, sagte Balzac, begleitet von einem kaum wahrnehmbaren Nicken. Es war keine allzu überschwängliche Gefühlsäußerung, aber Kara hatte gelernt, sich mit wenig zufrieden zu geben. Sie legte die Utensilien beiseite und trat hinter den Tresen des voll gestopften Verkaufsraums, um die Waren der Freitagnachmittagslieferung einzubuchen. Balzac kehrte an seinen Computer zurück und widmete sich wieder einem Artikel für die Internetseite des Ladens. Es ging um Jasper Maskelyne, den britischen Zauberkünstler 95
und Gründer einer Spezialeinheit im Zweiten Weltkrieg, die in Nordafrika mit Illusionistentechniken gegen die deutschen Truppen gearbeitet hatte. Balzac schrieb vollständig aus dem Gedächtnis, ohne vorherige Aufzeichnungen oder Recherchen, was durchaus typisch für ihn war: profunde Kenntnisse, gepaart mit einem aufbrausenden und leidenschaftlichen Temperament. »Haben Sie schon gehört, dass der Cirque Fantastique bei uns gastiert?«, rief Kara. »Heute Abend ist Premiere.« Der alte Illusionist antwortete lediglich mit einem Brummen, denn er war soeben damit beschäftigt, statt der Brille Kontaktlinsen einzusetzen. Balzac wusste, wie überaus wichtig das äußere Erscheinungsbild eines Künstlers war, und bemühte sich stets, für sein Publikum und sogar für seine Kunden so gut wie möglich auszusehen. »Gehen Sie hin? «, hakte Kara nach. »Ich denke, wir sollten uns das anschauen.« Der Cirque Fantastique – ein Konkurrenzbetrieb zum älteren und größeren Cirque du Soleil – gehörte zu einer neuen Generation von Veranstaltungsunternehmen, die altvertraute Zirkusnummern, Theater in der Tradition der Commedia dell’Arte, zeitgenössische Musik- und Tanzdarbietungen, avantgardistische Performancekunst und Taschenspielertricks unter einem Dach vereinten. David Balzac war ein Künstler der alten Schule: Las Vegas, Atlantic City, The Late Show. »Wieso etwas ändern, das funktioniert?«, murrte er häufig. Kara hingegen liebte den Cirque Fantastique und war entschlossen, ihren Lehrer in eine der Vorstellungen mitzunehmen. Noch bevor sie versuchen konnte, ihn zu überreden, 96
öffnete sich die Tür des Ladens. Eine attraktive rothaarige Polizistin kam herein und erkundigte sich nach dem Eigentümer. »Das bin ich, David Balzac. Was kann ich für Sie tun?« »Wir ermitteln in einem Fall«, erklärte die Beamtin. »Einer der Beteiligten scheint ein halbwegs geübter Zauberkünstler zu sein. Wir wenden uns nun an die einschlägigen Geschäfte in der Stadt und hoffen, dass Sie uns vielleicht helfen können.« »Sie meinen, jemand zieht irgendeinen Schwindel ab?«, fragte Balzac. Er klang misstrauisch, und auch Kara schaute argwöhnisch. Ihrer beider Profession war in der Vergangenheit schon häufig mit Gaunern in Verbindung gebracht worden – Trickbetrügern und Taschendieben zum Beispiel oder auch vermeintlichen Hellsehern, die Illusionistentechniken benutzten, um trauernden Hinterbliebenen vorzugaukeln, die Geister ihrer verstorbenen Verwandten würden zu ihnen sprechen. Doch wie sich herausstellte, war die Polizistin aus einem ganz anderen Grund zu ihnen gekommen. »Nun ja«, sagte sie und schaute dabei erst zu Kara und dann wieder zurück zu Balzac. »Eigentlich geht es um einen Mord.«
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… Sieben »Ich habe hier die Liste einiger Gegenstände, die wir am Tatort sichergestellt haben«, sagte Amelia Sachs. »Wurden die eventuell bei Ihnen gekauft?« Balzac nahm den Zettel, den sie ihm reichte. Während er las, ließ Sachs den Blick durch das Smoke & Mirrors schweifen. Der schwarz gestrichene, höhlenartige Laden im Fotobezirk, einem Teil von Manhattans Chelsea-Viertel, roch nach Schimmel, Chemikalien und Kunststoff – Letzteres vor allem infolge der Ausdünstungen der vielen hundert Kostüme, die wie schlaffe Gestalten an langen Kleiderstangen hingen. Die schmutzigen Glasvitrinen, zur Hälfte beschädigt und mit Klebestreifen geflickt, enthielten zahllose Kartenspiele, Zauberstäbe, falsche Münzen und verstaubte Kartons mit jeweils allen Utensilien für eine bestimmte Vorführung. In einer Ecke stand eine lebensgroße Kopie des Ungeheuers aus den AlienFilmen unmittelbar neben einer Puppe mit Lady-Diana-Maske und -Kleid. (Sei die Prinzessin der Party!, lautete das dazugehörige Schild, als würde hier niemand wissen, dass die Frau seit Jahren tot war.) Balzac wies auf die Liste und nickte in Richtung der Vitrinen. »Ich glaube nicht, dass ich helfen kann. Sicher, manches davon gibt es bei uns zu kaufen. Aber das gilt auch für jeden anderen Laden dieser Art im ganzen Land und außerdem für viele Spielwarengeschäfte.« Sachs war nicht entgangen, dass er allenfalls ein paar Se98
kunden auf das Blatt geschaut hatte. »Was ist hiermit?« Sie zeigte ihm ein Foto der alten Handschellen. Er warf einen kurzen Blick darauf. »Mit Entfesselungstricks kenne ich mich nicht aus.« War das eine Antwort? »Heißt das, Sie erkennen die Fesseln nicht wieder?« »Nein.« »Es ist sehr wichtig«, ließ Sachs nicht locker. Die junge Frau mit den bemerkenswert blauen Augen und den schwarzen Fingernägeln sah sich das Bild an. »Das sind Darbys«, sagte sie. Der Mann bedachte sie mit einem frostigen Blick, und sie verstummte kurz. »Im neunzehnten Jahrhundert waren Handschellen wie diese bei Scotland Yard gebräuchlich«, fuhr sie dann fort. »Viele Entfesselungskünstler benutzen sie. Auch Houdini hat dieses Modell bevorzugt.« »Woher könnten die stammen?« Balzac lehnte sich ungehalten auf seinem Bürostuhl zurück. »Keine Ahnung. Wie ich schon sagte, auf dem Gebiet können wir keinerlei Erfahrung vorweisen.« Die Frau nickte zustimmend. »Es gibt vermutlich Museen mit entsprechenden Ausstellungsstücken. Vielleicht sollten Sie dort mal nachfragen.« »Sobald du die Ware eingebucht hast, kümmerst du dich um die Bestellungen«, sagte Balzac zu seiner Angestellten. »Nachdem du gestern Abend gegangen bist, sind ungefähr noch ein Dutzend Aufträge hereingekommen.« Er zündete sich eine Zigarette an. Sachs hielt ihm abermals die Liste entgegen. »Sie sagten, manches davon gäbe es hier zu kaufen. Führen Sie eine Kundenkartei?« 99
»Ich habe gemeint, Produkte dieser Art. Und nein, die Daten unserer Kunden werden nicht gespeichert.« Als Sachs weiter nachfragte, räumte er schließlich ein, dass zumindest die jüngsten Post- und Internetbestellungen noch im System vorhanden waren. Die junge Angestellte überprüfte daraufhin die Datensätze, fand aber keinen Kunden, der auch nur einen der gesuchten Gegenstände gekauft hätte. »Tut mir Leid«, sagte Balzac. »Ich wünschte, wir könnten Ihnen behilflich sein.« »Ich ebenfalls«, sagte Sachs und beugte sich vor. »Denn sehen Sie, dieser Kerl hat eine Frau ermordet und ist mit Hilfe von Zaubertricks entkommen. Und wir befürchten, dass er es wieder tun wird.« Balzac runzelte beunruhigt die Stirn. »Schrecklich … Sie sollten es mal bei East Side Magic and Theatrical versuchen. Die sind größer als wir.« »Einer meiner Kollegen ist bereits dort.« »Ah, na bitte.« Schweigend ließ Sachs einen Moment vergehen. »Tja, falls Ihnen noch etwas einfällt, rufen Sie mich bitte an«, sagte sie dann und lächelte freundlich, wie es sich für einen guten Staatsbediensteten gehörte, erst recht für einen Sergeant des NYPD (»Merke: Kontakt zu den Bürgern ist genauso wichtig wie die eigentliche Ermittlungsarbeit«). »Viel Glück, Officer«, sagte Balzac. »Danke«, erwiderte sie. Du teilnahmsloser Mistkerl. Sie nickte zum Abschied der jungen Frau zu und registrierte den Pappbecher, aus dem sie trank. »He, gibt’s hier irgendwo in der Nähe anständigen Kaffee?« 100
»Ecke Fünfte und Neunzehnte«, lautete die Antwort. »Da kriegt man auch gute Bagels«, sagte Balzac. Nun, da er sich weder anzustrengen noch ein Risiko einzugehen brauchte, wirkte er auf einmal sehr leutselig. Sachs verließ den Laden, wandte sich in Richtung Fünfte Avenue und fand das empfohlene Café. Sie ging hinein und bestellte einen Cappuccino. Dann lehnte sie sich an den schmalen Mahagonitresen vor dem fleckigen Fenster, nippte an dem heißen Getränk und beobachtete das samstägliche Treiben hier in Chelsea – Verkäufer aus den Bekleidungsgeschäften der Gegend, Berufsfotografen und ihre Assistenten, reiche Yuppies, die in den riesigen Lofts wohnten, arme Künstler, junge und alte Liebespaare sowie ein oder zwei seltsame Gestalten, die sich immerfort Notizen machten. Und die Angestellte eines Ladens für Zaubereibedarf, die soeben das Café betrat. »Hallo«, sagte die Frau mit dem rötlich lilafarbenen Haar, die eine abgenutzte Handtasche aus falschem Zebrafell über der Schulter trug. Sie bestellte einen großen Kaffee, schüttete etwas Zucker hinein und gesellte sich zu Sachs. Amelia hatte im Smoke & Mirrors nur deswegen nach einem Café gefragt, weil ein verstohlener Blick der Angestellten zu besagen schien, dass diese unter vier Augen mit ihr sprechen wollte. Durstig trank die junge Frau nun ihren Kaffee. »Wissen Sie, David ist generell …«, setzte sie an. »Wenig entgegenkommend?« Sie runzelte nachdenklich die Stirn. »Ja. Das beschreibt es recht gut. Er misstraut allem, was außerhalb seiner eigenen Welt liegt, und will nichts damit zu tun haben. Er hat be101
fürchtet, wir würden Zeugenaussagen zu Protokoll geben müssen oder so. Ich soll nicht abgelenkt werden.« »Wovon?« »Von dem Beruf.« »Der Zauberkunst?« »Ja. David ist eigentlich eher mein Mentor als mein Chef.« »Wie heißen Sie?« »Kara – das ist mein Künstlername, aber ich benutze ihn meistens.« Sie lächelte gequält. »Er gefällt mir besser als der Name, den meine Eltern mir dankenswerterweise verpasst haben.« Sachs hob fragend eine Augenbraue. »Der bleibt mein Geheimnis.« »Na gut«, sagte Sachs. »Was hatte der Blick drüben im Laden zu bedeuten?« »In Bezug auf die Liste hat David Recht. Man kann die Sachen überall kaufen, in praktisch jedem Geschäft. Oder bei einem von vielen hundert Internethändlern. Aber die Darbys, diese Handschellen, die sind selten. Sie sollten sich mit dem Houdini and Escapology Museum in New Orleans in Verbindung setzen. Es ist das beste auf der ganzen Welt. Ich interessiere mich sehr für Entfesselungskunst, aber ihm erzähle ich nichts davon.« Es klang regelrecht ehrfürchtig, wie sie von Balzac sprach. »David ist ein wenig eigensinnig … Können Sie mir verraten, was bei diesem Mord geschehen ist?« Für gewöhnlich gab Sachs nur sehr zögernd Informationen über laufende Ermittlungen preis, aber in diesem Fall waren sie auf fremde Hilfe dringend angewiesen, und so schilderte sie Kara in groben Zügen den Ablauf der Ereignisse. 102
»O wie furchtbar«, flüsterte die junge Frau. »Ja«, entgegnete Sachs leise. »Das ist es.« »Die Art, wie er geflohen ist … Da gibt es etwas, das Sie wissen sollten, Officer. Übrigens, ist der Dienstgrad überhaupt richtig, oder sind Sie ein Detective oder so?« »Nennen Sie mich einfach Amelia.« Sie musste unwillkürlich an die erfolgreich absolvierte Prüfung denken. Peng, peng … Kara trank einen Schluck, kam zu dem Schluss, dass der Kaffee noch nicht süß genug war, schraubte den Deckel des Zuckerstreuers ab und schüttete nach. Sachs beobachtete die geschickten Hände der jungen Frau und schaute hinunter auf ihre eigenen Fingernägel; zwei waren eingerissen, die Nagelhaut blutig. Die des Mädchens waren perfekt gefeilt, und in dem glänzenden schwarzen Lack spiegelten sich detailgetreue Miniaturabbilder der Deckenleuchten. Für einen flüchtigen Augenblick flammte Eifersucht in Amelia auf – weil die Nägel so makellos waren und die Frau genug Selbstbeherrschung besaß, sie nicht zu verunstalten –, doch sie hatte sich sofort wieder unter Kontrolle. »Können Sie sich etwas unter dem Begriff ›Illusionist‹ vorstellen?«, fragte Kara. »David Copperfield«, antwortete Sachs und zuckte die Achseln. »Houdini.« »Copperfield ja, Houdini nein – der war Entfesselungskünstler. Nun, das Illusionistenhandwerk ist etwas anderes als die üblichen Taschenspielertricks, also als so etwas zum Beispiel …« Kara hielt den Vierteldollar hoch, den sie gerade erst als Wechselgeld erhalten hatte, schloss kurz die Hand und öffnete sie wieder. Die Münze war weg. 103
Sachs lachte. Wo, zum Teufel, hatte Kara das Geldstück gelassen? »Das war ein typisches Taschenspielerkunststück. Bei den Illusionisten geht es um größere Objekte, Menschen oder Tiere. Was Sie mir eben beschrieben haben – die Flucht des Mörders –, ist ein klassischer Illusionistentrick. Er heißt Der Verschwundene.« »Reden Sie weiter.« »Der Ablauf ist normalerweise etwas anders als bei Ihrem Täter, aber im Grunde geht es darum, wie man aus einem geschlossenen Raum entkommt. Das Publikum verfolgt, wie der Illusionist auf der Bühne eine kleine Kammer betritt, deren Rückseite man ebenfalls sehen kann, weil dahinter ein großer Spiegel aufgestellt ist. Es hört ihn von innen an die Wände hämmern. Die Assistenten klappen die Seiten herunter, und der Mann ist nicht mehr da. Dann dreht einer der Assistenten sich um, und o Wunder: Es ist der Illusionist.« »Wie funktioniert das?« »Die Rückseite der Kammer hat einen Ausgang. Der Illusionist verbirgt sich unter einem großen Stück schwarzer Seide, so dass die Zuschauer ihn nicht im Spiegel erkennen können, und schlüpft sofort wieder nach draußen. In einer der Wände befindet sich ein Lautsprecher, aus dem die Stimme des Mannes ertönt, als wäre er noch im Innern, sowie eine kleine Apparatur, die für die nötigen Klopfgeräusche sorgt. Sobald er draußen ist, legt der Illusionist hinter der Seide in Windeseile das Assistentenkostüm an.« Sachs nickte. »Stimmt, so ist es abgelaufen. Könnte man eine kurze Liste all jener Leute bekommen, die diesen Trick kennen?« 104
»Nein, tut mir Leid – der ist in unserer Branche nahezu Allgemeinwissen.« Der Verschwundene … Sachs fiel die blitzschnelle Verwandlung des Mörders in einen alten Mann ein. und sie dachte daran, wie abweisend Balzac gewesen war und wie kalt – mit nahezu sadistischem Blick – er Kara angesehen hatte. »Ich muss das leider fragen … Wo ist er heute Morgen gewesen?« »Wer?« »Mr. Balzac.« »Hier. Ich meine, im Haus. Er wohnt dort, über dem Laden … Moment mal, Sie glauben doch nicht etwa, dass er mit der Sache zu tun hat?« »Diese Fragen sind reine Routine«, stellte Sachs sachlich fest. Die junge Frau wirkte jedoch eher amüsiert als aufgebracht. Sie lachte. »Hören Sie, ich weiß ja, dass er mürrisch ist und diese … diese aufbrausende Art an sich hat. Aber er würde keiner Fliege etwas zuleide tun.« Sachs nickte, fragte aber weiter. »Wie dem auch sei, Sie wissen, wo er heute Morgen um acht Uhr war?« Kara nickte. »Ja, er war im Laden. Er ist früher aufgestanden, weil einer seiner Freunde irgendwo in der Stadt eine Vorstellung gibt und sich ein paar Sachen leihen wollte. Ich habe ihn heute früh angerufen, um Bescheid zu sagen, dass ich mich verspäten würde.« Sachs nickte erneut und hielt kurz inne. »Können Sie sich eine Weile freinehmen?«, fragte sie dann. »Ich? Nein, auf gar keinen Fall.« Sie lachte gekünstelt auf. »Ich hatte schon Glück, dass ich mich jetzt kurz raus schlei105
chen konnte. Es gibt im Laden noch tausend Dinge zu erledigen. Dann muss ich mit David drei oder vier Stunden proben, weil ich morgen einen Auftritt habe. Am Tag vor einer Show gönnt er mir keine Ruhe. Ich …« Sachs sah ihr tief in die strahlend blauen Augen. »Wir haben wirklich große Angst, dass dieser Mann noch jemanden umbringt.« Karas Blick wanderte über den klebrigen Mahagonitresen. »Bitte. Nur für ein paar Stunden. Sehen Sie sich zusammen mit uns die Beweisstücke an. Vielleicht fällt Ihnen etwas dazu ein.« »Er wird mich nicht lassen. Sie wissen nicht, wie David ist.« »Aber ich weiß, dass ich keinen weiteren Mord zulassen werde, falls ich es irgendwie verhindern kann.« Kara trank aus und spielte geistesabwesend mit der Tasse. »Er benutzt unsere Tricks, um Menschen zu töten«, flüsterte sie entsetzt. Sachs sagte nichts dazu, sondern setzte auf die nachdrückliche Wirkung der Stille. Schließlich verzog die junge Frau das Gesicht. »Meine Mutter lebt in einem Pflegeheim und war dort schon häufig auf der Krankenstation. Mr. Balzac weiß das. Ich schätze, ich könnte ihm vormachen, dass ich nach ihr sehen muss.« »Wir wüssten Ihre Hilfe sehr zu schätzen.« »Oh-oh. Die kranke Mutter als Ausrede … Das wird Gott mir nicht so einfach durchgehen lassen.« Sachs sah abermals auf Karas perfekte schwarze Fingernägel. »Ach ja, eines noch: Wo ist dieser Vierteldollar geblieben?« »Schauen Sie unter Ihrer Kaffeetasse nach«, erwiderte das Mädchen. 106
»Unmöglich.« Sachs hob die Tasse an. Da lag die Münze. »Wie haben Sie das denn fertig gebracht?« Kara lächelte lediglich geheimnisvoll und deutete auf die Tassen. »Lassen Sie uns zwei Becher Kaffee mitnehmen.« Sie nahm das Geldstück. »Bei Kopf zahlen Sie, bei Zahl ich. Wer zuerst zwei Treffer hat.« Sie warf die Münze in die Luft. Sachs nickte. »Einverstanden.« Die junge Frau fing das Geldstück auf, sah auf die gewölbte Handfläche und hob den Kopf. »Wer zuerst zwei Treffer hat, richtig?« »Richtig.« Kara hielt ihr die Hand entgegen. Darauf lagen zwei Zehncentstücke und ein Fünfcentstück, Erstere mit der Kopfprägung nach oben. Der Vierteldollar war verschwunden. »Ich würde sagen, die Runde geht auf Ihre Rechnung.«
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… Acht »Lincoln, das ist Kara.« Die junge Frau war vorgewarnt, das sah Rhyme ihr an, aber sie riss dennoch überrascht die Augen auf und bedachte ihn mit dem Blick, den er so gut kannte, begleitet von dem Lächeln. Es war der berühmte Starr-seinen-Körper-nicht-an-Blick, verbunden mit dem Ach-Sie-sind-behindert-das-ist-mir-garnicht-aufgefallen-Lächeln. Und Rhyme wusste, dass sie nun insgeheim die Minuten abzählen würde, bis sie endlich wieder die Flucht ergreifen könnte. Die elfenhafte junge Frau betrat das Arbeitszimmer in Rhymes Haus. »Hallo. Freut mich, Sie kennen zu lernen.« Sie schaute ihm unverwandt in die Augen. Immerhin beugte sie sich nicht unwillkürlich ein winziges Stück vor, was bedeutet hätte, dass sie ihm eigentlich die Hand geben wollte und die Bewegung vor lauter Schreck über den Fauxpas sofort im Keim erstickte. Okay, Kara. Keine Angst. Lass den Krüppel einfach deine Meinung hören, und dann darfst du gleich wieder abhauen. Er schenkte ihr ein oberflächliches Lächeln, das Fältchen für Fältchen dem ihren glich, und betonte, wie sehr auch er sich freue, ihre Bekanntschaft zu machen. Was zumindest auf professioneller Ebene durchaus nicht gehässig gemeint war, denn außer Kara hatten sie keinen ein108
zigen Zauberkünstler auftreiben können. Niemand aus den anderen Fachgeschäften der Stadt war ihnen eine große Hilfe gewesen – und für die Mordzeit besaßen alle ein Alibi. Sachs stellte der jungen Frau Lon Sellitto und Mel Cooper vor. Thom nickte ihr zu und tat dann, was er immer tat, ob es Rhyme nun gefiel oder nicht: Er bot eine Erfrischung an. »Wir sind hier nicht beim Plauderkreis der Kirchengemeinde, Thom«, murmelte Rhyme. Kara sagte, es sei schon in Ordnung, aber Thom ließ sich nicht beirren. »Vielleicht einen Kaffee?«, fragte sie. »Kommt sofort.« »Schwarz. Mit Zucker. Viel Zucker, falls möglich.« »Wir sind wirklich …«, setzte Rhyme an. »Für alle hier im Raum«, verkündete Thom. »Ich koche gleich eine ganze Kanne und hole uns ein paar Bagels.« »Bagels?«, fragte Sellitto. »Wenn du ein Restaurant eröffnen willst, dann gefälligst in deiner Freizeit«, herrschte Rhyme den Betreuer an. »Gewöhn dir das ab.« »Was ist das – Freizeit?«, gab der adrette blonde Mann schlagfertig zurück und ging in die Küche. »Officer Sachs hat erzählt, Sie könnten uns womöglich behilflich sein«, wandte Rhyme sich an Kara. »Hoffentlich.« Sie schaute ihm abermals prüfend ins Gesicht. Wieder der Blick, diesmal aus der Nähe. Oh, um Gottes willen, sag doch was. Frag mich, wie es geschehen ist. Frag mich, ob es wehtut. Frag mich, wie es ist, durch einen Katheter zu pinkeln. »He, wie wollen wir ihn nennen?« Sellitto wies auf die Ta109
fel. Wenn die Identität eines Verdächtigen unbekannt war, erhielt er von der Polizei häufig einen Spitznamen. »Wie wär’s mit ›Zauberkünstler‹?« »Nein, das klingt zu lasch«, sagte Rhyme mit Blick auf die Fotos des Opfers. »Was haltet ihr von ›Hexer‹?« Dieser Vorschlag mit Anspielung auf eine bekannte Roman- und Filmfigur überraschte ihn selbst. »Von mir aus.« Der Detective schrieb die Worte über die Tabelle. Seine Handschrift war weitaus ungelenker als die des Betreuers. Der Hexer … »So, und nun lasst uns versuchen, mehr über ihn herauszubekommen«, sagte Rhyme. »Schildern Sie für die anderen bitte noch einmal den Verschwundenen«, sagte Sachs. Die junge Frau fuhr sich mit der Hand durch das kurze Haar und beschrieb einen Illusionistentrick, der fast hundertprozentig dem Vorgehen des Hexers in der Musikschule entsprach. Leider schloss sie mit der enttäuschenden Mitteilung, dass diese Nummer den meisten Illusionisten bekannt sein dürfte. »Bitte erläutern Sie uns, wie ein solcher Trick in technischer Hinsicht abläuft«, bat Rhyme. »Falls der Täter etwas Ähnliches noch mal versucht, wissen wir wenigstens, womit wir zu rechnen haben.« »Ich soll also aus dem Nähkästchen plaudern, ja?« »Ich bitte darum.« »Nun«, sagte Kara, »jeder Zaubertrick besteht aus einem Effekt und einer Methode. Der Effekt ist, was das Publikum zu sehen bekommt. Sie wissen schon: die schwebende Jung110
frau oder die Münzen, die durch eine solide Tischplatte fallen. Die Methode ist die Technik, die der Zauberkünstler zu diesem Zweck anwendet – Drähte, an denen das Mädchen hängt, oder die Vorrichtung unter dem Tisch, aus der identische Münzen fallen, während die ursprünglichen Geldstücke in der Hand des Taschenspielers verschwinden.« Effekt und Methode, dachte Rhyme. Fast so wie das, was wir hier tun: Der Effekt ist, dass wir einen Täter fangen, obwohl dies zunächst unmöglich erscheint. Und unsere Methoden sind Wissenschaft und Logik. »Den Ablauf des ersten Tricks, des Verschwundenen, habe ich ja bereits beschrieben«, fuhr Kara fort. »Damit begebe ich mich auf dünnes Eis – Mr. Balzac, mein Mentor, hat nichts für Kollegen übrig, die öffentlich die Methoden anderer preisgeben.« Thom schob einen Servierwagen ins Zimmer und schenkte jedem, der wollte, eine Tasse Kaffee ein. Kara nahm einige Stücke Würfelzucker dazu und trank dann mit schnellen kleinen Schlucken, obwohl Rhyme den Eindruck hatte, dass das Gebräu kochend heiß war. Er warf einen Blick auf den achtzehn Jahre alten Macallan Single Malt, der in einem der Bücherregale stand. »Es ist mitten am Vormittag«, sagte Thom, dem das nicht entging. »Denk gar nicht erst daran.« Sellitto schaute ebenso sehnsüchtig zu den Bagels, gestattete sich aber nur eine Hälfte, noch dazu ohne Streichkäse. Jeder einzelne Bissen schien ihm Schmerzen zu bereiten. Danach gingen sie mit Kara die einzelnen Beweisstücke durch. Die junge Frau nahm alles genau in Augenschein und kam zu dem wenig zufrieden stellenden Schluss, das meiste davon sei nahezu überall problemlos erhältlich. Das außen 111
weiße und innen schwarze Seil zum Beispiel sei eigentlich ein Utensil, das auf der Bühne überraschend die Farbe wechseln sollte, und werde im ganzen Land sowohl über große Kaufhäuser als auch über die einschlägigen Fachgeschäfte vertrieben. Der Knoten gehe auf Houdini zurück und sei von ihm bei all jenen Nummern eingesetzt worden, zu deren Ablauf es gehört hatte, das Seil letztlich durchzuschneiden. Sich auf andere Weise zu befreien, sei für den Gefesselten nahezu unmöglich. »Auch ohne die Handschellen hätte das Mädchen keine Chance gehabt, ihm zu entkommen«, sagte Kara leise. »Ist der wenigstens selten? Der Knoten?« Nein, erklärte sie. Jeder, der sich auch nur ein wenig mit Houdinis Repertoire auskenne, würde darüber Bescheid wissen. Das Rizinusöl in dem Make-up bedeute, dass er eine sehr realistisch wirkende und haltbare Theaterschminke benutze, fuhr Kara fort, und der Latex stamme, genau wie Rhyme vermutet hatte, wahrscheinlich von den falschen Fingerkuppen, die ebenfalls zum üblichen Handwerkszeug eines Zauberkünstlers zählten. Das Alginat war nach Karas Ansicht nicht auf eine zahnärztliche Behandlung zurückzuführen, sondern auf die Verwendung von Gussformen zur Latexverarbeitung, mit denen der Täter die Fingerkuppen oder die Glatze des Hauswartkostüms hergestellt hatte. Die unsichtbar werdende Tinte sei eher ungewöhnlich, werde von manchen Illusionisten jedoch gelegentlich verwendet. Nur wenige der Gegenstände seien einzigartig, erklärte sie: beispielsweise die vom Täter zusammengebaute Platine, ein so genanntes »Gimmick«, also eine Vorrichtung, die für das Publikum unsichtbar bleibe. Und die Darby-Handschellen seien überaus selten. 112
Rhyme ordnete an, jemand solle sich mit dem Museum in New Orleans in Verbindung setzen, von dem Kara erzählt hatte. Sachs schlug vor, das Hilfsangebot der beiden Streifenbeamtinnen vom Tatort anzunehmen, Franciscovich und Ausonio, denn dieser Auftrag sei genau das Richtige für zwei eifrige junge Polizistinnen. Rhyme war einverstanden, und Sellitto leitete bei der Patrol Services Division alles Notwendige in die Wege. »Was ist mit seiner Flucht?«, fragte der Detective dann. »Wie konnte er sich so schnell als Hauswart verkleiden?« »So etwas heißt bei uns Proteuszauber«, sagte Kara. »Verwandlungskunst. Ich beschäftige mich schon seit Jahren damit, aber für mich ist es nur einer von mehreren Teilbereichen. Es gibt Leute, die machen nichts anderes und erzielen dabei erstaunliche Resultate. Vor ein paar Jahren habe ich eine Vorstellung von Arturo Brachetti besucht. Im Verlauf der Show hat er sein Äußeres drei oder vier Dutzend Mal total verändert – mitunter in weniger als drei Sekunden.« »Drei Sekunden?« »Ja. Sehen Sie, echte Verwandlungskünstler wechseln nicht bloß die Kleidung, sondern sind außerdem gute Schauspieler. Sie gehen anders, halten sich anders, sprechen anders. Alles ist genau vorbereitet. Die Kleidungsstücke lassen sich herunterreißen – sie werden von Druckknöpfen oder Klettverschlüssen zusammengehalten. Und sie bestehen aus Seide oder Nylon, sind also sehr dünn, so dass man mehrere Schichten übereinander tragen kann. Ich selbst habe auf der Bühne bisweilen sechs Kostüme gleichzeitig am Leib.« »Seide?«, fragte Rhyme. »Wir haben nämlich graue Seidenfasern gefunden«, erklärte er. »Laut Aussage der Kollegen 113
vor Ort trug der Hauswart einen grauen Overall. Die Fasern waren bearbeitet, so dass die Oberfläche matt erschien.« Kara nickte. »Sie sollen den typischen Seidenglanz verlieren und wie Baumwolle oder Leinen aussehen. Daneben benutzen wir faltbare Hüte und Koffer, Gamaschen, Teleskopschirme und alle möglichen anderen Hilfsmittel, die wir am Körper verbergen können. Und natürlich Perücken.« Sie trank einen Schluck. »Um ein Gesicht zu verändern, fängt man am besten bei den Augenbrauen an, denn allein dadurch erreicht man schon sechzig oder siebzig Prozent Unterschied. Dann fügt man einige Prothesen hinzu: Latexstreifen und -polster, bestrichen mit einem hautverträglichen Klebstoff. Darüber hinaus sind gute Verwandlungskünstler mit der grundlegenden Gesichtsstruktur verschiedener menschlicher Rassen vertraut und kennen die Proportionen einer weiblichen beziehungsweise männlichen Miene sehr genau. Sie können nicht nur innerhalb von Sekunden das Geschlecht wechseln, sondern haben zudem die menschlichen Reaktionen auf Gesichter und Körpersprachen studiert – sie sehen hübsch oder hässlich, Furcht einflößend, sympathisch oder hilfsbedürftig aus. Ganz nach Belieben.« Diese Hintergrundinformationen waren zwar interessant, aber Rhyme wollte konkrete Vorschläge hören. »Können Sie uns etwas wirklich Greifbares nennen, das wir bei der Suche nach dem Täter beachten sollten?« Sie schüttelte den Kopf. »Ich sehe hier nichts, das auf einen bestimmten Laden oder Ort hindeutet, aber es gibt durchaus ein paar Besonderheiten.« »Reden Sie weiter.« 114
»Nun, die Tatsache, dass er das zweifarbige Seil und die falschen Fingerkuppen benutzt hat, verrät mir, dass er die üblichen Taschenspielertricks kennt. Das heißt, er kann problemlos Schusswaffen und Messer am Körper verbergen oder jemandem unbemerkt die Schlüssel und den Ausweis entwenden. Überdies ist er ein Verwandlungskünstler, und ich brauche wohl nicht zu erläutern, welche Probleme das für Sie mit sich bringt. Am wichtigsten aber ist etwas anderes die Art seines Verschwindens, die Zündschnüre und Knallkörper, die unsichtbar werdende Tinte, die schwarze Seide und der Lichtblitz bedeuten, dass der Mann als klassischer Illusionist ausgebildet wurde.« Sie erklärte den Unterschied zwischen einem Taschenspieler und einem echten Illusionisten, der mit Menschen und großen Objekten hantierte. »Warum ist das wichtig für uns?« »Weil es hier um mehr als nur um die Anwendung technischer Tricks geht. Illusionisten beschäftigen sich mit Psychologie und bauen darauf ihre Nummern auf – nicht nur die Augen, sondern auch der Verstand des Publikums soll in die Irre geführt werden. Der Zuschauer soll nicht darüber lachen, dass ein Geldstück verschwindet; er soll von ganzem Herzen glauben, was er sieht, obwohl es sich in Wahrheit genau umgekehrt verhält. Eines sollten Sie stets bedenken. Vergessen Sie es auf gar keinen Fall.« »Was denn?«, fragte Rhyme. »Täuschung … Mr. Balzac sagt, sie sei der Kern einer jeden Illusion. Kennen Sie den Ausdruck, die Hand sei schneller als das Auge? Tja, das stimmt nicht. Das Auge ist immer schneller. Daher verleitet ein Illusionist das Auge dazu, nicht zu bemerken, was die Hand tut.« 115
»Meinen Sie, er startet ein Ablenkungsmanöver oder stiftet Verwirrung?«, fragte Sellitto. »Das ist ein Teil davon. Die Täuschung zielt darauf ab, die Aufmerksamkeit des Publikums bewusst zu steuern. Balzac hat mir jede Menge Regeln eingehämmert – zum Beispiel, dass die Zuschauer etwas Vertrautes ignorieren, um sich stattdessen auf das Ungewöhnliche zu konzentrieren. Sie nehmen eine Reihe von Dingen überhaupt nicht wahr, wenn es eines gibt, das sich merklich davon abhebt. Sie kümmern sich nicht um reglose Gegenstände oder Personen, sondern reagieren auf Bewegungen. Soll etwas unsichtbar werden? Man muss eine Geste nur vier- oder fünfmal wiederholen, und schon schweift das Interesse des Publikums gelangweilt ab. Die Leute können dir direkt auf die Hände starren und werden doch nicht sehen, was du tust. Das ist genau der Moment, auf den du gewartet hast. Okay, also … Der Täter wird zwei verschiedene Arten der Täuschung einsetzen: zunächst die physische Täuschung. Schauen Sie mir zu.« Kara trat neben Sachs, hob langsam den rechten Arm, wies auf einen Punkt an der Wand und kniff die Augen zusammen. Dann ließ sie die Hand wieder sinken. »Sehen Sie, Sie haben auf meinen Arm und auf die Stelle an der Wand geachtet. Eine vollkommen natürliche Reaktion. Vermutlich ist keinem von Ihnen aufgefallen, dass ich mit meiner Linken nach Amelias Waffe gegriffen habe.« Sachs zuckte kaum merklich zusammen, sah an sich herunter und erkannte, dass Kara die Glock tatsächlich ein Stück aus dem Holster gezogen hatte. »Seien Sie bloß vorsichtig damit«, sagte Amelia und steckte die Pistole wieder zurück. 116
»Jetzt schauen Sie in diese Ecke.« Kara streckte erneut den rechten Arm aus. Diesmal behielten Rhyme und die anderen natürlich ihre linke Hand im Blick. »Sie haben meine Linke nicht aus den Augen gelassen, oder?« Sie lachte. »Aber Sie haben meinen Fuß ignoriert, der dieses weiße Ding hinter dem Tisch weggeschoben hat.« »Eine Bettpfanne«, stellte Rhyme lakonisch fest. Es ärgerte ihn, dass er der jungen Frau schon wieder auf den Leim gegangen war. Indem er den peinlichen Gegenstand benannte, den sie verschoben hatte, hoffte er ein oder zwei Punkte wettzumachen. »Ach ja?«, fragte sie völlig unbeeindruckt. »Nun, es ist nicht nur eine Bettpfanne, sondern außerdem eine Täuschung. Während Sie nämlich dorthin geblickt haben, habe ich das hier mit meiner anderen Hand erbeutet. Bitte schön«, sagte sie. »Ist das wichtig?« Sie gab Sachs eine Dose Pfefferspray. Amelia runzelte die Stirn, steckte die Dose zurück in die Gürtelschlaufe und überprüfte, ob noch etwas fehlte. »Das wäre also die physische Täuschung. Sie ist ziemlich einfach, ganz im Gegensatz zur psychologischen Täuschung. Die Zuschauer sind nicht dumm. Sie wissen, dass man versuchen wird, sie zu überlisten. Immerhin sind die Leute aus genau diesem Grund in die Vorstellung gekommen, oder? Deshalb bemühen wir uns, das Misstrauen des Publikums zu beschwichtigen oder gar zu überwinden. Die wichtigste Regel der psychologischen Täuschung lautet, sich ungekünstelt zu verhalten. Man tut und sagt Dinge, die den Erwartungen der Zuschauer entsprechen, doch gleichzeitig könnte man unbemerkt einen …« Sie verstummte schlagartig, denn ihr wurde klar, dass sie 117
beinahe ein Sinnbild gewählt hätte, das am Morgen auf schreckliche Weise real geworden war. »Sobald du dich unnatürlich benimmst«, fuhr Kara schließlich fort, »kommt das Publikum dir auf die Schliche. Okay, ich sage, ich werde Ihre Gedanken lesen, und tue dann Folgendes.« Sie legte Sachs die Hände auf beide Schläfen und schloss kurz die Augen. Dann wich sie zurück und gab Amelia den Ring, den diese soeben noch am linken Ohr getragen hatte. »Ich habe nicht das Geringste gespürt.« »Aber die Zuschauer würden sofort wissen, wie ich es angestellt habe – denn es ist kein natürliches Verhalten, jemanden zu berühren, während man vorgibt, seine Gedanken zu lesen, woran die meisten Leute sowieso nicht glauben. Doch nehmen wir an, ich behaupte, ich wolle Ihnen ein Wort zuflüstern.« Sie beugte sich dichter an Sachs heran und schirmte dabei mit der rechten Hand ihren Mund ab. »Sehen Sie, das ist eine ganz natürliche Geste.« »Doch den anderen Ring haben Sie nicht bekommen«, sagte Sachs lachend und ließ die Hand wieder sinken, die sie schützend ans Ohr gehoben hatte. »Dafür aber Ihre Halskette. Sie ist weg.« Sogar Rhyme war unwillkürlich beeindruckt und amüsiert, während er verfolgte, wie Sachs sich an Hals und Brust griff und dabei zwar lächelte, aber eindeutig beunruhigt darüber war, dass sie immer mehr Gegenstände verlor. Sellitto lachte wie ein kleines Kind, und Mel Cooper ließ die Arbeit ruhen und genoss die Show. Amelia hielt nach dem Schmuckstück Ausschau und sah Kara an, die ihr die leere rechte Hand entgegenstreckte. »Weg«, wiederholte sie. 118
»Aber mir fällt auf, dass Sie Ihre linke Faust hinter dem Rücken halten«, warf Rhyme argwöhnisch ein. »Wobei es sich, nebenbei bemerkt, um eine eher unnatürliche Geste handelt. Daher gehe ich davon aus, dass dort die Kette ist.« »Ah, Sie sind gut«, sagte Kara – und lachte. »Aber nicht auf diesem Gebiet, fürchte ich.« Sie öffnete die linke Hand. Es war nichts darin. Rhymes Miene verfinsterte sich. »Die linke Hand zur Faust ballen und außer Sicht halten? Tja, das war die wichtigste Täuschung von allen. Ich habe das gemacht, weil ich wusste, dass es Ihnen auffallen und Ihre ganze Aufmerksamkeit auf meine linke Hand lenken würde. Wir nennen das ›Nötigung‹. Ich habe Sie genötigt zu glauben, Sie hätten meine Methode durchschaut. Und sobald Sie davon überzeugt waren, schaltete Ihr Verstand auf stur und zog keine andere Erklärung mehr in Betracht. Während Sie und alle anderen – auf meine linke Hand gestarrt haben, hatte ich Gelegenheit, die Kette in Amelias Tasche gleiten zu lassen.« Sachs griff hinein und zog das Schmuckstück heraus. Cooper klatschte Beifall. Rhyme gab ein mürrisches, aber anerkennendes Grunzen von sich. Kara nickte in Richtung der Tafel. »Darauf müssen Sie sich bei diesem Killer einstellen. Auf Täuschungen. Sie werden glauben, Sie hätten seine Absicht durchschaut, aber das ist Teil seines Plans. So wie ich wird er Ihr eigenes Misstrauen – und Ihre Intelligenz – gegen Sie einsetzen. Genau genommen ist er sogar auf Ihr Misstrauen und Ihre Intelligenz angewiesen, sonst funktionieren seine Tricks nicht. Mr. Balzac sagt, die besten Illusionisten beherrschen ihre Nummern dermaßen gut, dass sie direkt auf ihre Methode verweisen, 119
direkt auf das, was sie tatsächlich tun werden. Doch der Zuschauer glaubt ihnen nicht und schaut in die andere Richtung. Wenn das geschieht, ist nichts mehr zu retten. Der Zuschauer hat verloren, und der Illusionist ist Sieger.« Der Gedanke an ihren Mentor schien sie zu beunruhigen. Sie sah auf die Uhr und verzog das Gesicht. »Ich muss jetzt wirklich gehen. Ich bin schon viel zu lange weg.« Sachs bedankte sich bei ihr. »Ich lasse einen Wagen kommen, der Sie beim Laden absetzt«, sagte Sellitto. »In der Nähe des Ladens, bitte. Ich möchte nicht, dass er erfährt, wo ich gewesen bin … Ach ja, eines noch. Es ist ein Zirkus in der Stadt, der Cirque Fantastique. Die haben einen hervorragenden Verwandlungskünstler. Vielleicht sollten Sie sich die Nummer mal ansehen.« Sachs nickte. »Das Zelt steht direkt gegenüber im Central Park.« Im Frühling und Sommer diente der Park häufig als Schauplatz groß angelegter Freiluftkonzerte und anderer Veranstaltungen. Bei einer früheren Gelegenheit hatten Rhyme und Sachs hier im Haus vor den offenen Schlafzimmerfenstern gesessen und einem Konzert von Paul Simon gelauscht. Rhyme schnaubte verächtlich. »Ach, die haben gestern also den ganzen Abend lang diese schaurige Musik geprobt.« »Magst du den Zirkus etwa nicht?«, fragte Sellitto. »Natürlich mag ich den Zirkus nicht«, herrschte Rhyme ihn an. »Wie sollte ich auch? Schlechtes Essen, Clowns, Akrobaten, die sich vor deinen Kindern fast zu Tode stürzen … Aber«, wandte er sich an Kara, »es ist eine gute Idee. Danke … Darauf 120
hätten wir eigentlich von selbst kommen müssen«, sagte er sarkastisch und ließ den Blick über die Teammitglieder schweifen. Dann verfolgte er, wie Kara eine scheußliche gestreifte Handtasche über die Schulter schwang. Um den Blick und das Lächeln mitzunehmen und vor ihm zu fliehen, hinaus in die krüppelfreie Welt. Keine Angst. Lass den Krüppel einfach deine Meinung hören, und dann darfst du gleich wieder abhauen. Sie hielt kurz inne, warf einen letzten bekümmerten Blick auf die Tafel und ging zur Tür. »Warten Sie«, sagte Rhyme. Sie drehte sich um. »Ich möchte, dass Sie bleiben.« »Was?« »Arbeiten Sie mit uns an dem Fall. Wenigstens heute. Sie könnten mit Lon oder Amelia die Leute beim Zirkus befragen. Und vielleicht finden wir noch weitere Beweisstücke, die in Ihr Metier fallen.« »Nein, ehrlich, es geht nicht. Es war jetzt schon schwierig genug. Ich kann nicht noch mehr Zeit investieren.« »Wir könnten Ihre Hilfe wirklich gut gebrauchen«, sagte Rhyme. »Wir stehen bei diesem Kerl noch ganz am Anfang.« »Sie haben Mr. Balzac doch gesehen«, sagte Kara zu Sachs. In nomine patris … »Weißt du, Linc«, wandte Sellitto unschlüssig ein, »wir sollten lieber nicht allzu viele Zivilisten hinzuziehen. Es gibt da durchaus entsprechende Vorschriften.« »Hast du nicht sogar mal mit einer Hellseherin zusammengearbeitet?«, fragte Rhyme trocken. 121
»Nicht ich hab sie damals angeheuert, sondern jemand aus der Chefetage.« »Und dann hattest du diesen Kerl mit seinem Spürhund und …« »Wieso sagst du immer ›du‹? Nein, ich stelle keine Zivilisten an. Abgesehen von dir. Und das reitet mich oft genug in die Scheiße.« »Ach, bei der Polizeiarbeit ist Scheiße ein relativer Begriff, Lon.« Er sah Kara an. »Bitte. Es ist sehr wichtig.« Die junge Frau zögerte. »Glauben Sie wirklich, dass er noch jemanden umbringen wird?« »Ja«, erwiderte er, »wir sind davon überzeugt.« Letztendlich nickte das Mädchen. »Wenn ich schon gefeuert werde, dann immerhin für einen guten Zweck.« Sie lachte. »Wissen Sie, Robert-Houdin hat das auch so gemacht.« »Wer ist das?« »Ein berühmter französischer Illusionist und Zauberkünstler. Er hat auch der Polizei geholfen, na ja, der französischen Armee. Irgendwann, ich weiß nicht genau, im neunzehnten Jahrhundert, gab es in Algerien diese Extremisten, die Marabuts. Sie versuchten, einheimische Stämme zum Aufstand gegen die Franzosen zu bewegen, und behaupteten immer wieder, sie würden über Zauberkräfte verfügen. Die französische Regierung schickte Robert-Houdin nach Algerien, um eine Art magisches Duell auszufechten und den Stämmen die Überlegenheit der französischen Zauberei zu demonstrieren. Es funktionierte. Robert-Houdin hatte bessere Tricks drauf als die Marabuts.« Sie runzelte die Stirn. »Obwohl sie ihn fast umgebracht haben, wenn ich mich recht entsinne.« 122
»Keine Angst«, beruhigte Sachs sie. »Ich sorge schon dafür, dass Ihnen so etwas nicht widerfährt.« Kara schaute ein weiteres Mal zu der Tafel. »Machen Sie das bei all Ihren Fällen? Die Spuren und Erkenntnisse aufschreiben, meine ich.« »Ja«, bestätigte Sachs. »Mir fällt da gerade noch etwas ein: Die meisten Zauberer spezialisieren sich. Es kommt mir ungewöhnlich vor, dass der Hexer als Verwandlungskünstler und als Illusionist geschult ist. Lassen Sie uns seine Techniken notieren. Vielleicht hilft das, die Anzahl der Verdächtigen einzugrenzen.« »Ja«, sagte Sellitto. »Ein Profil. Gut.« Die junge Frau verzog das Gesicht. »Und ich muss jemanden auftreiben, der mich im Laden vertritt. Mr. Balzac wollte weggehen und irgendetwas mit seinem Freund unternehmen … O Mann, das wird ihm gar nicht gefallen.« Sie sah sich im Zimmer um. »Darf ich hier irgendwo ein Telefon benutzen? Sie wissen schon, einen dieser besonderen Apparate.« »Ein besonderer Apparat?«, fragte Thom. »Ja, einer ohne Mithörer. Damit niemand Zeuge wird, wie ich meinen Boss anlüge.« »Ach, diese Apparate«, sagte der Betreuer, legte ihr einen Arm um die Schultern und führte sie zur Tür. »Ich benutze in solchen Fällen das Telefon auf dem Flur.«
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DER HEXER Musikschule, Tatort
• Täterbeschreibung: braune Haare, falscher Bart, keine besonderen Merkmale, mittlere Statur und Größe. Alter: Anfang fünfzig. Kleiner und Ringfinger der linken Hand miteinander verschmolzen. Hat schnell Verkleidung gewechselt, um wie alter kahlköpfiger Hauswart auszusehen. • Kein erkennbares Tatmotiv. • Opfer: Swetlana Rasnikow. ♦ Musikstudentin; kein zusätzlicher Job. ♦ Überprüfen Familie, Freunde, Studenten, engeren Umkreis auf mögliche Hinweise. - Kein fester Freund, keine bekannten Feinde. Ist auf Kindergeburtstagen aufgetreten. • Platine mit Lautsprecher. ♦ An FBI-Labor New York geschickt. - Digitaler Audiorekorder, vermutlich mit Stimme des Täters. Alle Daten gelöscht. ♦ Rekorder ist ein »Gimmick«. Selbst gebaut. • Täter hat Opfer mit altmodischen Eisenhandschellen gefesselt. ♦ Darby-Handschellen. Scotland Yard. Anfrage beim Houdini Museum in New Orleans läuft. • Uhr des Opfers wurde um genau 8.00 Uhr zertrümmert. • Stühle mit Baumwollkordel fixiert. Handelsüblich. ♦ Zu viele mögliche Quellen; nicht zurückverfolgbar. • Knallkörper, um Schuss zu simulieren. Wurde zerstört. ♦ Zu viele mögliche Quellen; nicht zurückverfolgbar. 124
• Zündschnur. Handelsüblich. ♦ Zu viele mögliche Quellen; nicht zurückverfolgbar. • Beamte vor Ort berichten von Lichtblitz. Keine Überreste gefunden. ♦ Wurde durch Schießbaumwolle oder Kollodiumpapier ausgelöst. - Zu viele mögliche Quellen; nicht zurückverfolgbar. • Schuhe des Täters: Marke Ecco, Größe 10. • Seidenfasern, grau gefärbt, bearbeitet, matte Oberfläche. ♦ Stammen vom Hauswartkostüm des Täters. • Täter trägt vermutlich eine braune Perücke. • Roter Hickory und Flechte (Parmelia conspersa); beide kommen hauptsächlich im Central Park vor. • Erdprobe mit anorganischem Öl durchtränkt. Zur Analyse an FBI-Labor geschickt. • Schwarzes Seidentuch, ca. 2 x 1,5 Meter. Zur Tarnung benutzt. Nicht zurückverfolgbar. ♦ Wird häufig von Illusionisten benutzt. • Täter hinterlässt falsche Fingerabdrücke durch Tragen von Kappen. ♦ Übliches Utensil von Zauberkünstlern. • Reste von Latex, Rizinusöl, Make-up. ♦ Theaterschminke. • Spuren von Alginat. ♦ Wird für Latexgussformen verwendet. • Mordwaffe: Seil aus geflochtener weißer Seide mit schwarzem Seidenkern. ♦ Utensil eines Zaubertricks (Farbwechsel). Nicht zurückverfolgbar. • Ungewöhnlicher Knoten. 125
♦ An FBI und Schifffahrtsmuseum geschickt – ohne Ergebnis. ♦ Knoten stammt aus Houdini-Nummern; praktisch unmöglich zu lösen. • Täter hat sich in Besucherbuch eingetragen. Tinte ist verschwunden.
Profil als Illusionist
• Täter wird versuchen, Opfer und Polizei zu täuschen. • Physische Täuschung (zur Ablenkung). • Psychologische Täuschung (um Misstrauen zu überwinden). • Flucht in Musikschule verlief analog zu Illusionistennummer »Der Verschwundene«. ♦ Weithin bekannt; nicht zurückverfolgbar. • Täter ist in erster Linie Illusionist. • Täter ist geübter Taschenspieler. • Täter kennt sich mit Verwandlungskunst (Proteuszauber) aus. Kostüme lassen sich herunterreißen, sind aus Nylon oder Seide. Falsche Glatze, Fingerkuppen und andere Latexprothesen. Beliebiges Alter, Geschlecht oder Rasse.
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… Neun Ihnen stiegen allerlei Gerüche in die Nase: blühender Flieder, Brezelduft von den Verkaufskarren, Rauch von den Grills der zahlreichen Familien, Sonnenschutzmittel. Sachs und Kara stapften durch das feuchte Gras des Central Park und hielten auf das riesige weiße Zelt des Cirque Fantastique zu. Kara sah auf einer der Bänke ein Liebespaar sitzen. »Er ist mehr als nur Ihr Chef, nicht wahr?«, fragte sie. »Lincoln? Ja, stimmt.« »Es ist mir aufgefallen … Wie haben Sie beide sich kennen gelernt?« »Bei einem Fall. Ein mehrfacher Entführer. Vor ein paar Jahren.« »Stört Sie seine Behinderung?« »Nein«, entgegnete Sachs einfach, was voll und ganz der Wahrheit entsprach. »Können die Ärzte nichts für ihn tun?« »Es gibt einen bestimmten chirurgischen Eingriff, über den er seit einer Weile nachdenkt. Die Prozedur ist allerdings riskant und würde wahrscheinlich ohnehin keine Verbesserung bewirken. Letztes Jahr hat er einen bereits angesetzten Operationstermin wieder abgesagt und seitdem nicht mehr davon gesprochen. Vorerst scheint es kein Thema für ihn zu sein, doch vielleicht ändert er seine Meinung irgendwann wieder. Wir werden sehen.« 127
»Sie klingen nicht, als wären Sie für diesen Eingriff.« »Das bin ich auch nicht. Das Wagnis ist hoch und die Erfolgsaussicht gering. Ich finde, man sollte die Risiken abwägen. Nehmen wir an, Sie wollen unbedingt einen Täter verhaften, einen richtig üblen Kerl, der in mehreren Staaten gesucht wird, und Sie kennen die Wohnung, in der er sich aufhält. Tja, was tun Sie? Stürmen Sie vor und treten die Tür ein, auch wenn Sie nicht wissen, ob er schläft oder ob er und seine Komplizen zwei Maschinenpistolen auf den Eingang gerichtet haben? Oder warten Sie auf Verstärkung und nehmen in Kauf, dass er flieht? Manchmal ist es das Risiko wert und manchmal nicht. Aber falls Lincoln sich letztlich für die Operation entscheidet, stehe ich hinter ihm. So läuft das bei uns.« Dann erzählte Sachs, dass Rhyme sich schon mehrfach Reizstrombehandlungen unterzogen hatte, um die Muskeln zu stimulieren, und unter Anleitung von Thom und einigen Physiotherapeuten Übungsprogramme absolvierte – die gleichen Übungen, die auch bei dem Schauspieler Christopher Reeve zu beachtlichen Resultaten geführt hatten. »Reeve ist ein toller Mann mit unglaublichem Durchhaltevermögen«, sagte Sachs. »Lincoln ist genauso. Er redet nicht viel darüber, aber hin und wieder verdrückt er sich einfach, zieht mit Thom und den Physiotherapeuten sein Training durch, und ich höre ein paar Tage nichts von ihm.« »Auch so eine Art Verschwundener, was?«, fragte die junge Frau. »Ja«, sagte Sachs und lächelte. Sie schwiegen für einen Moment, und Amelia fragte sich, ob Kara wohl mehr über die Beziehung zu Lincoln hören wollte. Wie man die offensichtlichen Schwierigkeiten überwand oder welche Probleme 128
das Dasein eines Querschnittsgelähmten mit sich brachte. Wie die Leute reagierten, wenn sie beide in der Öffentlichkeit unterwegs waren. Womöglich sogar einen Hinweis auf die Art ihres Intimlebens. Doch falls Kara neugierig war, ließ sie es sich nicht anmerken. Stattdessen meinte Sachs bei der jungen Frau so etwas wie Neid zu spüren. »Ich hatte mit Männern in letzter Zeit nicht so viel Glück«, sagte Kara. »Kein Verehrer?« »Ich bin mir nicht sicher«, erwiderte sie nachdenklich. »Zum letzten Mal gesehen haben wir uns bei French Toast und Mimosen. Bei mir zu Hause. Ein Brunch im Bett. Sehr romantisch. Er hat gesagt, er würde mich am nächsten Tag anrufen.« »Und es kam kein Anruf.« »Kein Anruf. Ach, vielleicht sollte ich noch anfügen, dass der besagte Brunch vor drei Wochen stattgefunden hat.« »Haben Sie ihn angerufen?« »Das kommt überhaupt nicht in Frage«, stellte sie fest. »Die Initiative liegt bei ihm.« »Gut für Sie.« Sachs wusste, dass Stolz und Kraft zwei Seiten derselben Medaille waren. Kara lachte. »Es gibt da einen alten Zaubertrick von William Ellsworth Robinson, der früher ziemlich populär war. Die Nummer hieß Wie man eine Ehefrau los wird oder Die Scheidungsmaschine.« Sie lachte erneut. »Fast wie bei mir. Ich kann Verehrer schneller verschwinden lassen als jede andere.« »Nun ja, bisweilen lösen sie sich ganz von selbst in Luft auf«, sagte Sachs. »Die meisten Kerle, die ich kennen lerne – sowohl früher 129
als freiberufliche Redakteurin als auch heutzutage im Laden –, wollen eines von zwei Dingen. Entweder einen One-NightStand oder das exakte Gegenteil – eine feste Beziehung mit anschließender Heirat und einem Häuschen außerhalb der Stadt … Sind Sie von einem Mann schon mal so richtig unter Druck gesetzt worden?« »Na klar«, sagte Sachs. »Das kann ziemlich unangenehm sein. Je nach Verehrer, natürlich.« »Sie sagen’s, Schwester. Entweder eine schnelle Nummer oder das volle Programm inklusive Heim und Herd … und beides behagt mir nicht. Ich will weder das eine noch das andere. Na ja, zu einer kurzen Affäre hier und da lasse ich mich trotzdem noch hinreißen. Man sollte schon realistisch bleiben.« »Was ist mit den Männern aus der Branche?« »Ah, Ihnen ist also aufgefallen, dass ich diese Jungs bewusst ausgespart habe. Andere Zauberkünstler … nein, davon lasse ich lieber die Finger. Zu viele Interessenkonflikte. Die meisten von ihnen behaupten zwar, sie hätten was für starke Frauen übrig, doch in Wahrheit wäre ihnen am liebsten, wir würden aus dem Metier verschwinden. Auf hundert Männer kam bei uns früher ungefähr eine Frau. Mittlerweile ist es ein wenig besser. Oh, es gibt durchaus berühmte weibliche Illusionisten. Prinzessin Tenko zum Beispiel, eine asiatische Künstlerin, ist brillant. Da sind noch ein paar andere, aber erst seit kurzem. Vor zwanzig oder dreißig Jahren waren Frauen niemals die Stars, nur die Assistentinnen.« Sie warf Sachs einen Blick zu. »Ähnlich wie bei der Polizei, oder?« »Es ist längst nicht mehr so schlimm wie früher. Nicht für meine Generation. Die Sechziger und Siebziger – das war die 130
Zeit, in der die Frauen den Durchbruch geschafft haben, die wirklich harte Phase. Aber ich habe auch noch so einiges abbekommen. Bevor ich zur Spurensicherung kam, war ich ein Plattfuß und …« »Ein was?« »Ein Plattfuß ist ein Streifenbeamter. Immer wenn es nach Hell’s Kitchen in Midtown ging, wurde den Frauen ein erfahrener männlicher Cop zur Seite gestellt. Manchmal bekam ich einen Macho ab, der es hasste, mit einer Frau losgeschickt zu werden. Er hasste es einfach. Während der kompletten Schicht sprach er kein einziges Wort mit mir. Acht Stunden lang zu Fuß die Straßen rauf und wieder runter, und der Typ kriegte den Mund nicht auf. Mittags haben wir uns mit einem Zehn-dreiundsechzig zur Pause abgemeldet, und dann saß ich da und versuchte, nett zu sein, und er hockte einen halben Meter entfernt, las den Sportteil und seufzte, weil er seine Zeit mit einer Frau verschwenden musste.« Die Erinnerungen kamen zurück. »Ich arbeitete damals im Haus Siebenfünf …« »Dem was?« »Dem Revier«, erklärte Sachs. »Bei uns heißen sie ›Häuser‹. Und die meisten Polizisten nennen es nicht das Fünfundsiebzigste, sondern betonen die einzelnen Ziffern, also Sieben-fünf oder Siebzig-fünf. So wie man sagen würde, Macy’s liegt an der Drei-vier-Straße.« »Okay.« »Wie dem auch sei, unser üblicher Schichtführer war im Urlaub, und wir hatten vorübergehend einen Sergeant der alten Schule. Es war einer meiner ersten Tage im Sieben-fünf und ich die einzige Frau in dieser speziellen Schicht. Als ich 131
zur Befehlsausgabe in den Besprechungsraum kam, hingen vorn am Stehpult ein Dutzend Tampons.« »Nein!« »Allen Ernstes. Der normale Schichtführer hätte das niemals durchgehen lassen, aber Cops sind in vielerlei Hinsicht wie kleine Kinder. Sie tollen so lange herum, bis ein Erwachsener ihnen Grenzen setzt.« »In den Spielfilmen kommt so etwas nie vor.« »Filme werden in Hollywood gedreht, nicht im Siebenfünf.« »Was haben Sie gemacht? Wegen der Tampons, meine ich.« »Ich bin zur vordersten Reihe gegangen und habe den Kollegen direkt vor dem Pult gefragt, ob er mir seinen Platz überlassen würde ich wollte ohnehin dort sitzen. Die Jungs sind in dermaßen schallendes Gelächter ausgebrochen, dass einige von ihnen sich fast in die Hose gepinkelt haben. Nun ja, ich habe mich hingesetzt und einfach angefangen, mir Notizen zu den Instruktionen des Sergeants zu machen – Sie wissen schon, offene Haftbefehle, Spannungen unter den Einwohnern des Bezirks und Straßenecken, an denen bekanntermaßen Drogen verkauft wurden. Etwa zwei Minuten später hat niemand mehr gelacht. Die ganze Sache wurde peinlich. Nicht für mich. Für die anderen.« »Wissen Sie, wer dafür verantwortlich war?« »Na klar.« »Haben Sie ihn gemeldet?« »Nein. Sehen Sie, das ist der schwierigste Teil, wenn man als Frau bei der Polizei ist. Man muss mit diesen Leuten zusammenarbeiten. Man braucht ihre Unterstützung und Rü132
ckendeckung. Natürlich kann man voll auf Konfrontationskurs gehen, aber dann hat man eigentlich schon verloren. Das ist keine Frage des Mutes. Man sollte wissen, wann ein Kampf sich lohnt und wann man die Sache lieber auf sich beruhen lässt.« Stolz und Kraft … »Wie bei uns, schätze ich. In meiner Branche. Wenn man als Frau gut ist und Zuschauer anlockt, bekommt man ein Engagement. Allerdings hat die Sache einen Haken. Man kann nicht beweisen, dass man ausreichend Publikum bringt, solange man nicht engagiert ist, und man wird nicht engagiert, solange man nicht die Zahl der verkauften Eintrittskarten steigert.« Sie näherten sich dem gewaltigen leuchtenden Zelt, und Sachs sah, wie Karas Gesicht bei diesem Anblick erstrahlte. »Würden Sie gern an einem Ort wie diesem arbeiten?« »O Mann, das können Sie laut sagen. Das hier ist meine Vorstellung vom Himmel. Der Cirque Fantastique und Fernsehspecials « Sie ließ den Blick in die Runde schweifen. »Mr. Balzac bringt mir all die alten Nummern bei, und das ist wichtig – man muss sie blind beherrschen. Aber das …«, sie nickte in Richtung des Zeltes, »…das ist die Richtung, in die wir uns weiterentwickeln. David Copperfield. David Blaine … Performancekunst, Taschenspielertricks. Zauberhaft und sexy.« »Sie sollten sich hier bewerben.« »Ich? Sie machen Witze«, entgegnete Kara. »Ich bin noch nicht mal annähernd so weit. Man muss perfekt sein, um hier zu arbeiten. Man muss die Beste sein.« »Besser als ein Mann, meinen Sie?« 133
»Nein, besser als jeder andere, ob nun Mann oder Frau.« »Warum?« »Für das Publikum«, erklärte Kara. »Mr. Balzac betont es immer wieder: Du bist es dem Publikum schuldig. Jeder Atemzug, den du auf der Bühne tust, gilt deinem Publikum. Ein Illusionszauber kann nicht bloß mittelprächtig sein. Du darfst nicht einfach nur genügen – du musst elektrisieren. Falls auch nur einer der Zuschauer dir auf die Schliche kommt, hast du versagt. Falls du einen Augenblick zu lange zögerst und dadurch den Effekt abschwächst, hast du versagt. Falls jemand gähnt oder auf die Uhr schaut, hast du versagt.« »Man kann doch nicht immer hundertprozentig funktionieren«, wandte Sachs ein. »Aber das muss man«, sagte Kara kurzerhand und klang überrascht, dass jemand anderer Ansicht war. Sie erreichten den Cirque Fantastique, wo zur Stunde für die abendliche Premierenvorstellung geprobt wurde. Dutzende von Künstlern liefen umher, einige kostümiert, andere in T-Shirts und Shorts oder Jeans. »O Mann …«, flüsterte jemand atemlos. Es war Kara. Ihre Augen funkelten wie die eines kleinen Mädchens und musterten das blendend weiße geschwungene Zelt. Sachs zuckte zusammen, als über ihr ein lauter Knall ertönte. Sie hob den Kopf und sah zwei riesige Banner, die in zwölf oder dreizehn Metern Höhe im Wind flatterten und in der Sonne glänzten. Auf einem stand in gemalten Lettern der Name Cirque Fantastique. Auf dem anderen sah man die Abbildung eines schmalen Mannes in einem schwarz-weiß karierten Kostüm. Er hielt die Arme ausgestreckt, und seine Handflächen wiesen nach 134
oben, als bitte er das Publikum hinein. Die obere Hälfte seines Gesichts lag unter einer schwarzen stupsnasigen Maske mit grotesken Zügen verborgen. Es war ein beunruhigendes Bild. Sachs musste sofort an den Hexer denken, der sich durch vielerlei Masken tarnte. Und ebenso seine Motive und Pläne. Kara folgte Amelias Blick. »Das ist Arlecchino, der Harlekin«, sagte sie. »Kennen Sie die Commedia dell’Arte?« »Nein.« »Eine italienische Theaterform. Es gab sie von der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts bis, ich weiß auch nicht, so ungefähr zweihundert Jahre später. Der Cirque Fantastique hat sie sich zum Thema genommen.« Sie deutete auf kleinere Banner zu beiden Seiten des Zeltes, auf denen andere Masken abgebildet waren. Mit ihren Hakennasen oder Schnäbeln, den vorspringenden Stirnen und sich aufwölbenden Wangenknochen wirkten sie wie aus einer anderen Welt und irgendwie gespenstisch. »In den Stücken der Commedia dell’Arte gab es etwa ein Dutzend fester Charaktere«, fuhr Kara fort. »Die Schauspieler trugen die typischen Masken, um kenntlich zu machen, wen sie verkörperten.« »Und das waren Komödien?«, fragte Sachs mit Blick auf eine besonders dämonische Maske und zog eine Augenbraue hoch. »Ich schätze, heutzutage würden wir sie als schwarze Komödien bezeichnen. Der Harlekin war keine sehr heroische Figur, handelte völlig ohne Moral und interessierte sich nur für zwei Dinge: Essen und Frauen. Er tauchte kurz auf und verschwand gleich wieder, ein eher heimtückischer Kerl. Eine andere Gestalt, Pulcinella, war ziemlich sadistisch veranlagt. 135
Er hat den Leuten und sogar seinen Geliebten üble Streiche gespielt. Dann gab es da einen Arzt, der regelmäßig Menschen vergiftete. Die einzige Stimme der Vernunft war diese weibliche Figur, Kolumbine, und eines der Dinge, die ich an der Commedia dell’Arte mag, ist die Tatsache, dass Kolumbines Rolle tatsächlich von einer Frau gespielt wurde. Nicht so wie in England, wo Frauen nicht öffentlich auftreten durften.« Das Banner knallte abermals im Wind. Harlekins Augen schienen einen Punkt dicht hinter Amelia zu fixieren, als würde der Hexer sich von dort anschleichen – ein Nachklang der Suche in der Musikschule. Nein, wir haben keinerlei Anhaltspunkte für seine Identität oder seinen Aufenthaltsort … Amelia sah einen Wachmann näher kommen, der anscheinend ihre Uniform entdeckt hatte. »Kann ich Ihnen helfen, Officer?« Sachs erkundigte sich nach dem Direktor. Der sei leider gerade nicht da, erklärte der Mann und fragte, ob sie stattdessen mit einer der Assistentinnen sprechen wollte. Sachs war einverstanden, und wenig später tauchte eine kleine, zierliche, gestresst wirkende Frau vor ihnen auf. Sie hatte einen dunklen Teint und sah ein wenig wie eine Zigeunerin aus. »Was kann ich für Sie tun?«, fragte sie mit unbestimmbarem Akzent. Sachs stellte sich und Kara vor. »Wir untersuchen eine Reihe von Straftaten und würden gern wissen, ob in Ihrer Show Illusionisten oder Verwandlungskünstler auftreten.« Die Frau war beunruhigt. »Ja, natürlich«, sagte sie. »Irina und Vlad Klodoja.« 136
»Bitte buchstabieren Sie das für mich.« Als Sachs sich die Namen notierte, nickte Kara. »Ich habe schon von den beiden gehört, na klar. Vor ein paar Jahren waren sie noch beim Moskauer Staatszirkus.« »Richtig«, bestätigte die Assistentin. »Sind die Leute den ganzen Morgen hier gewesen?« »Ja. Sie haben bis vor ungefähr zwanzig Minuten geprobt. Dann sind sie zu einem Einkaufsbummel aufgebrochen.« »Sind Sie sicher, dass die beiden vorher nicht weg waren?« »Ja. Ich überwache persönlich, wer sich wo aufhält.« »Gibt es sonst noch jemanden?«, fragte Sachs. »Vielleicht eine Person, die früher mal zum Illusionisten oder Zauberkünstler ausgebildet wurde, auch wenn sie heute nicht in dieser Funktion auftritt?« »Nein, niemanden. Die zwei sind die Einzigen.« »Okay«, sagte Sachs. »Wir werden einen Streifenwagen in der Nähe des Zeltes postieren. Die Kollegen müssten in etwa fünfzehn Minuten hier sein. Falls jemand Ihre Angestellten oder das Publikum belästigt oder sich sonst wie verdächtig verhält, geben Sie bitte sofort den Beamten Bescheid.« Das war Rhymes Idee gewesen. »Ich werde alle entsprechend instruieren. Aber würden Sie mir vielleicht verraten, worum es hier geht?« »Ein offenbar als Illusionist geschulter Mann war heute Morgen in einen Mordfall verwickelt. Unseres Wissens besteht keinerlei Verbindung zu Ihrem Unternehmen, aber wir wollten auf Nummer sicher gehen.« Sie bedankte sich bei der Assistentin, die ihnen besorgt alles Gute wünschte und vermutlich bedauerte, überhaupt nach dem Anlass für den Besuch gefragt zu haben. 137
»Was wissen Sie über diese Künstler?«, erkundigte Sachs sich bei Kara. »Die Ukrainer?« »Ja. Sind es seriöse Leute?« »Die beiden sind ein Ehepaar mit mehreren Kindern, die sie auf ihren Reisen begleiten, und sie gehören zu den besten Verwandlungskünstlern der Welt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie auch nur das Geringste mit dem Mord zu tun haben.« Sie lachte. »Sehen Sie, das ist genau die Sorte von Künstlern, die einen Job beim Cirque Fantastique bekommt – Profis, die schon im Alter von fünf oder sechs Jahren auf der Bühne gestanden haben.« Sachs wählte Rhymes Nummer. Thom hob ab. Sie brachte ihn auf den neuesten Stand und nannte ihm die Namen der ukrainischen Künstler. »Mel oder jemand anders soll beim National Crime Information Center des FBI und beim Außenministerium nachfragen, ob etwas gegen die Leute vorliegt.« »Alles klar.« Sie unterbrach die Verbindung und machte sich mit Kara auf den Rückweg. Im Westen hingen am leuchtend blauen Himmel ein paar fahle Wolkenfetzen, die fast wie Schrammen oder Kratzer aussahen. Hinter ihr ertönte erneut ein lauter Knall, der auch diesmal wieder von den windgepeitschten Bannern stammte – und der ausgelassene Harlekin lockte weiterhin Passanten in sein magisches Königreich. Haben Sie eine Erfrischung zu sich genommen, verehrtes Publikum? Sitzen Sie bequem? 138
Gut, denn es ist nun an der Zeit, mit der zweiten Nummer zu beginnen. Der Name P. T. Selbit sagt Ihnen vermutlich nichts, doch wenn Sie schon einmal eine Zaubervorstellung besucht oder einen Illusionisten im Fernsehen gesehen haben, kennen Sie mit Sicherheit einige der Tricks, die dieser Engländer Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts populär gemacht hat. Zu Beginn seiner Karriere trat Selbit noch unter seinem Geburtsnamen Percy Thomas Tibbles auf, doch ihm wurde bald klar, dass dies viel zu harmlos klang, denn seine Stärke waren nicht etwa Kartentricks, verschwindende Tauben oder schwebende Kinder, sondern sadomasochistische Nummern, die überall auf der Welt schockierten und demzufolge natürlich ein großes Interesse beim Publikum hervorriefen. Selbit – also Tibbles von hinten nach vorn gelesen – erfand das berühmte Lebende Nadelkissen, bei dem ein Mädchen vermeintlich von vierundachtzig spitzen Stacheln aufgespießt wurde. Eine weitere seiner Schöpfungen war die Vierte Dimension, bei der die Zuschauer entsetzt verfolgten, wie eine riesige Kiste anscheinend eine junge Frau zerquetschte. Eine meiner Lieblingsnummern aus Selbits Repertoire stammt aus dem Jahr 1922. Der Titel sagt eigentlich schon alles, verehrtes Publikum: Der Blutgötze oder Die Vernichtung eines Mädchens. Heute darf ich Ihnen eine aktualisierte Variante von Selbits bekanntester Illusion präsentieren, die er in Dutzenden von Ländern aufgeführt hat und mit der er zur Teilnahme an der Royal Command Variety Performance ins Londoner Hippodrom eingeladen wurde. Sie heißt … Nein, lieber nicht … 139
Nein, verehrtes Publikum. Ich glaube, ich erhalte die Spannung noch ein wenig aufrecht und verrate den Namen vorerst nicht. Aber ich gebe Ihnen einen Hinweis: Immer wenn Selbit diese Nummer aufführte, ließ er seine Assistenten vor dem jeweiligen Theater falsches Blut in die Rinnsteine schütten, damit die Passanten neugierig wurden und Eintrittskarten kauften. Was selbstverständlich stets der Fall war. Haben Sie nun viel Spaß bei der Vorstellung. Ich hoffe, Sie werden sich gut unterhalten. Mit Ausnahme einer bestimmten Person, die alles andere als begeistert sein dürfte.
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… Zehn Wie lange habe ich geschlafen?, überlegte der junge Mann. Das Stück war um Mitternacht zu Ende gewesen. Danach hatten sie im White Horse ein paar Drinks gekippt. Um drei Uhr war er zu Hause eingetroffen und hatte dann vierzig Minuten mit Bragg telefoniert, nein, eher eine Stunde. Und um halb neun musste dieser bescheuerte Klempner mit seinem dämlichen Hämmern anfangen. Also, wie viele Stunden Schlaf waren das? Doch Tony Calvert bekam sogar diese simple Rechenaufgabe nicht hin und beschloss, dass es vermutlich besser war, sich das Ausmaß der eigenen Erschöpfung gar nicht erst vor Augen zu führen. Wenigstens hatte er eine Anstellung am Broadway und konnte daher auf die Werbeaufnahmen verzichten, die bisweilen – Himmel hilf! – um sechs Uhr morgens begannen. Die Nachmittagsschicht im Gielgud Theater war ein netter Ausgleich dafür, dass er samstags und sonntags arbeiten musste. Er inspizierte sein Handwerkszeug und kam zu dem Schluss, dass er mehr Schminke zum Verdecken der Tätowierungen benötigte. Heute war der Kerl mit dem markanten Kinn an der Reihe, und die Damen aus Teaneck und Garden City würden womöglich die Glaubwürdigkeit des Hauptdarstellers anzweifeln, wenn dieser einerseits das naive Starlet anschmachtete und andererseits auf seinem stattlichen Bizeps »In ewiger Liebe – Robert« zu lesen stand. Calvert klappte den großen gelben Schminkkoffer zu und 141
schaute in den Spiegel neben der Tür. Er sah besser aus, als er sich fühlte, das ließ sich nicht leugnen. Auch mehrere Wochen nach dem herrlichen Urlaub auf St. Thomas war seine Haut immer noch leicht gebräunt. Und seine sportliche Statur täuschte über das jämmerlich flaue Gefühl im Magen hinweg. (Um Gottes willen, in Zukunft höchstens vier Biere. Okay? Hallo, geht das in deinen Schädel?) Die Augen? Ja, ziemlich gerötet. Aber das ließ sich leicht in den Griff bekommen. Ein Visagist kannte Hunderte von Möglichkeiten, um Alte jung aussehen zu lassen, Unscheinbare in Schönheiten zu verwandeln und Müdigkeit durch Munterkeit zu ersetzen. Er verabreichte sich ein paar Augentropfen und griff dann zu seiner Geheimwaffe gegen dunkle Ringe – ein oder zwei schwungvolle Striche mit einem Abdeckstift. Calvert zog die Lederjacke an, schloss die Tür ab und ging den Flur des Apartmentgebäudes hinunter. Jetzt, wenige Minuten vor zwölf, herrschte fast völlige Stille. Die meisten seiner Nachbarn, so vermutete er, schliefen entweder ebenfalls noch ihren Rausch aus oder waren draußen im East Village unterwegs und genossen das erste schöne Frühlingswochenende dieses Jahres. Er benutzte wie immer den Hinterausgang und gelangte auf die Gasse hinter dem Haus. Bis zur Straße waren es ungefähr zwölf Meter, und gerade als Tony losging, registrierte er in einer der seitlich abzweigenden Nischen eine Bewegung. Er blieb stehen und spähte ins Halbdunkel. Ein Tier. Herrje, etwa eine Ratte? Nein – es war eine Katze, die sich anscheinend verletzt hatte. Calvert sah sich nach einem möglichen Eigentümer um, aber die Gasse war menschenleer. 142
Ach, das arme Ding! Tony war genau genommen kein großer Tierfreund, aber er hatte letztes Jahr vorübergehend auf den Norwichterrier eines Nachbarn aufgepasst. Nun erinnerte er sich daran, was der Mann ihm damals für den Fall der Fälle eingeschärft hatte: Die Praxis von Bilbos Tierarzt lag gleich um die Ecke bei der St.-Marks-Kirche. Er würde die Katze auf dem Weg zur U-Bahn dort abgeben. Vielleicht hätte ja auch seine Schwester Interesse. Sie adoptierte Kinder. Wieso nicht auch Katzen? In dieser Gegend empfahl es sich kaum, zu lange in einer Gasse zu verweilen, aber Calvert sah, dass auch weiterhin niemand in der Nähe war. Er schob sich langsam vor, um das Tier nicht zu erschrecken. Es lag auf den Pflastersteinen und miaute leise. Konnte er es einfach so aufheben? Würde es ihn kratzen? Er erinnerte sich an eine Gesundheitssendung, in der vor entsprechenden Infektionen gewarnt worden war. Aber das Tier schien zu schwach, um ihn zu verletzen. »He, was ist denn los mit dir, Kleines?«, fragte er in besänftigendem Tonfall. »Hast du dir wehgetan?« Er ging in die Hocke, stellte den Schminkkoffer ab und streckte die Hand vorsichtig aus, damit die Katze nicht unvermittelt nach ihm schlagen würde. Dann berührte er ihr Fell und zog die Finger sofort wieder zurück. Das Tier war eiskalt und völlig ausgemergelt – er konnte die steifen Knochen unter der Haut spüren. War es in diesem Moment gestorben? Nein, das Bein bewegte sich immer noch. Und dann ertönte wieder ein leises Miau. Er berührte es erneut. Moment mal, das unter dem Fell 143
waren ja gar keine Knochen, sondern Stangen, und im Innern des Körpers befand sich ein Metallkasten. Scheiße, was sollte das? War das hier die Versteckte Kamera? Oder wollte ihm bloß irgendein Arschloch einen Streich spielen? Dann hob er den Kopf und entdeckte in drei Metern Entfernung eine Gestalt. Calvert keuchte auf und wich zurück. Da kauerte ein Mann … Nein, doch nicht, erkannte er. Das war er selbst, und zwar als Bild in einem großen Spiegel, der am Ende der dunklen Abzweigung in der Ecke stand. Calvert sah das eigene Gesicht, die Augen weit aufgerissen und war einen Moment lang starr vor Schreck. Er atmete tief durch und lachte leise. Dann aber runzelte er die Stirn, denn er sah sich langsam vornüberkippen – weil der Spiegel auf das Pflaster fiel und zerbrach. Der bärtige Mann mittleren Alters, der sich dahinter versteckt hatte, sprang vor und hob ein langes Metallrohr. »Nein! Hilfe!«, rief Calvert und stolperte zurück. »Mein Gott! Mein Gott!« Das Rohr sauste mit Wucht auf seinen Kopf zu. Tony jedoch riss den Schminkkoffer hoch und blockte den Schlag ab. Dann rappelte er sich auf und rannte los. Der Angreifer wollte ihm folgen, rutschte aber auf den glatten Pflastersteinen aus und fiel hart auf ein Knie. »Nehmen Sie das Geld! Nehmen Sie es!« Calvert zerrte seine Brieftasche aus der Jacke und schleuderte sie hinter sich, aber der Mann achtete nicht darauf, sondern folgte ihm. Er befand sich zwischen Tony und der Straße; somit blieb nur der Weg zurück ins Gebäude. 144
O Gott, o Gott, o Gott … »Hilf mir, hilf mir, hilf mir!« Schlüssel!, dachte er. Hol die Schlüssel raus! Er zog sie aus der Jeans und warf einen kurzen Blick über die Schulter. Der Mann war keine zehn Meter hinter ihm. Falls ich die Tür nicht im ersten Anlauf aufbekomme, dann war’s das … dann bin ich tot. Calvert wurde nicht mal langsamer. Er krachte gegen das metallene Türblatt, traf – o Wunder – sofort das Schlüsselloch und drehte den Schlüssel herum. Der Riegel glitt zurück, Tony zog den Schlüssel heraus, sprang ins Haus und riss die Stahltür zu. Das Schnappschloss rastete automatisch ein. Sein Herz schlug ihm vor Angst bis zum Hals. Keuchend hielt er kurz inne. Ein Straßenräuber? Schwulenhasser? Junkie? Egal, dachte er. Dieser Dreckskerl darf nicht davonkommen. Er lief den Flur entlang zu seiner Wohnung, öffnete auch diese Tür in Windeseile, sprang hinein, knallte die Tür zu und schloss sie ab. Dann rannte er in die Küche, packte den Telefonhörer und wählte die Notrufnummer. »Notrufzentrale der Polizei und Feuerwehr«, meldete sich gleich darauf die Stimme einer Frau. »Ein Mann! Ein Mann hat mich angegriffen! Er ist draußen!« »Sind Sie verletzt?« »Nein, aber Sie müssen die Polizei schicken!«, rief er. »Schnell!« »Ist er dort bei Ihnen?« »Nein, er ist nicht ins Haus gekommen. Ich habe die Türen abgeschlossen. Aber er könnte immer noch in der Gasse sein! Sie müssen sich beeilen!« 145
Was war das?, wunderte er sich, denn er spürte plötzlich einen Lufthauch im Gesicht. Das Gefühl kam ihm irgendwie vertraut vor, und dann begriff er, dass es sich um den Durchzug handelte, der entstand, wenn jemand die Wohnungstür öffnete. »Hallo, Sir, sind Sie noch da?«, fragte die Frau am anderen Ende der Leitung. »Können Sie …?« Calvert wirbelte herum und schrie auf. Nur ein kurzes Stück vor ihm stand der Bärtige mit dem Rohrstück und zog in aller Ruhe das Telefonkabel aus der Wand. Die Türen! Wie hatte der Kerl die Schlösser geöffnet? Tony wich zurück – bis zum Kühlschrank; weiter ging es nicht. »Was?«, flüsterte er und bemerkte die Narben am Hals des Fremden sowie die deformierte linke Hand. »Was wollen Sie?« Der Angreifer ignorierte ihn für einen Moment und schaute sich um – musterte erst den Küchentisch und dann den großen hölzernen Couchtisch im Wohnzimmer. Der Anblick schien ihm zu gefallen. Als er sich umdrehte und das Rohr auf Calverts erhobene Arme niedersausen ließ, wirkte der Schlag fast wie ein nachträglicher Einfall. Sie näherten sich ohne Sirene und Blaulicht. Zwei Streifenwagen, bemannt mit jeweils zwei Beamten. Der Sergeant stieg aus dem ersten Fahrzeug, bevor es vollständig zum Stillstand gekommen war. Der Notruf lag nur sechs Minuten zurück. Obwohl jemand die Verbindung unterbrochen hatte, war die Nummer des Teilnehmers auf dem Display der Zentrale angezeigt worden, und so wussten sie, aus welchem Gebäude und welcher Wohnung der Anruf stammte. 146
Sechs Minuten … Falls sie Glück hatten, war das Opfer gesund und munter. Falls sie weniger Glück hatten, würde sich immerhin noch der Täter in dem Apartment befinden und soeben die Wertgegenstände einsammeln. Er drückte den Knopf an seinem Motorola. »Sergeant Vier Fünf Drei Eins an Zentrale. Ich bin Zehn-vierundachtzig am Schauplatz des Überfalls an der Neunten Straße. Kommen.« »Roger, Vier Fünf Drei Eins. Krankenwagen ist unterwegs. Gibt’s Verletzte? Kommen.« »Wissen wir noch nicht. Ende.« »Roger, Vier Fünf. Ende und Aus.« Er schickte einen seiner Männer auf die Rückseite, um den Hinterausgang und die rückwärtigen Fenster zu überwachen, und ließ einen weiteren vorn bei den Wagen Position beziehen. Der dritte Officer lief mit dem Sergeant zur Lobby. Mit etwas Glück würde der Täter aus einem der Fenster springen und sich den Knöchel brechen. Der Sergeant hatte wenig Lust, an einem so schönen Tag irgendwelchen Arschlöchern hinterherzuhetzen. Das hier war Alphabet City, benannt nach den drei NordSüd-Avenues A, B und C, ein Tummelplatz für Drogensüchtige aller Art. Die Lage besserte sich allmählich, doch die Gegend gehörte auch weiterhin zu den gefährlichsten Ecken Manhattans. Noch bevor die beiden Cops die Haustür erreichten, zogen sie bereits die Pistolen. Falls sie Glück hatten, würde der Täter nur mit einem Messer bewaffnet sein. Oder mit einem Essstäbchen und einem Mülleimerdeckel als Schild, so wie der Crackjunkie, der den Sergeant letzte Woche bedroht hatte. Nun ja, wenigstens einen Lichtblick gab es – sie mussten 147
niemanden auftreiben, der ihnen die Sicherheitstür öffnen würde. Eine ältere Frau, die sichtlich an ihrem schweren Einkaufsbeutel zu schleppen hatte, aus dem eine große Ananas ragte, war gerade auf dem Weg nach draußen. Mit überraschtem Blick hielt sie den beiden Beamten die Tür auf. Diese eilten hinein und beantworteten die unausgesprochene Frage nach dem Anlass ihres Hierseins mit einem unverbindlichen: »Kein Grund zur Besorgnis, Ma’am.« Falls wir Glück haben … Apartment 1 J lag im Erdgeschoss und im hinteren Teil des Gebäudes. Der Sergeant nahm links des Eingangs Aufstellung. Sein Kollege postierte sich auf der anderen Seite, sah ihn an und nickte. Der Sergeant klopfte laut an die Tür. »Polizei. Sofort aufmachen!« Drinnen regte sich nichts. »Polizei!« Er drehte am Knauf. Noch mehr Glück, Es war nicht abgeschlossen. Der Sergeant stieß die Tür auf, zuckte gleich wieder zurück und wartete einen Moment. Schließlich wagte er einen Blick um die Ecke. »O Herr im Himmel«, flüsterte er, als er sah, was dort mitten im Wohnzimmer lag. Das Wörtchen »Glück« kam ihm fortan nicht mehr in den Sinn. Das Geheimnis erfolgreicher Proteuszauberer bestand darin, simple, aber entscheidende Änderungen am eigenen Erscheinungsbild und Verhalten vorzunehmen, während man gleichzeitig das Publikum mit einer Täuschung ablenkte. Und keine Veränderung war so entscheidend wie die Ver148
wandlung in eine fünfundsiebzigjährige Frau mit Einkaufstasche. Malerick hatte gewusst, dass die Polizei schnell vor Ort sein würde, und war daher nach dem kurzen Auftritt in Tony Calverts Apartment sogleich in eines seiner Fluchtkostüme geschlüpft: ein hochgeschlossenes blaues Kleid und eine weiße Perücke. Die elastischen Hosenbeine seiner Jeans zog er bis unter den Saum des Kleides hoch, so dass die fleischfarbenen Stützstrümpfe sichtbar wurden. Der Bart kam ab und wurde durch eine dicke Schicht Altfrauenrouge ersetzt, gefolgt von breiten aufgemalten Augenbrauen. Ein paar Dutzend Striche mit einem dünnen sienafarbenen Stift verliehen ihm die Falten einer Fünfundsiebzigjährigen. Dann wechselte er die Schuhe. Zur Vorbereitung der Täuschung nahm er eine Einkaufstasche, füllte sie halb mit Zeitungspapier – sowie mit dem Rohr und der anderen Waffe, die er für seine Nummer benutzt hatte – und verstaute zuletzt eine große frische Ananas aus Calverts Küche darin. Falls er beim Verlassen des Gebäudes jemandem begegnete, würde der ihm vielleicht einen kurzen Blick zuwerfen, sich im Wesentlichen aber auf die stattliche Ananas konzentrieren. Und genau das war dann tatsächlich der Fall, als er den eintreffenden Polizisten höflich die Tür aufhielt. Nun, etwa vierhundert Meter von dem Haus entfernt und noch immer als Frau verkleidet, blieb er stehen und lehnte sich kurz an eine Wand, als müsse er wieder zu Atem kommen. Dann bog er in eine dunkle Gasse ab, riss sich das Kleid, das von winzigen Klettverschlüssen zusammengehalten wurde, mit einem Ruck vom Leib und versteckte es samt der Pe149
rücke unter der dreißig Zentimeter breiten elastischen Bandage, die er um den Bauch trug. Dort wurden die Gegenstände bis auf wenige Millimeter zusammengepresst und blieben unter seinem Hemd unsichtbar. Er zog die Hosenbeine herunter, entnahm einem Beutel in seiner Tasche einige Wattepads und wischte sich damit das Rouge, die Falten und den Augenbrauenstift aus dem Gesicht. Mit einem kleinen Taschenspiegel überzeugte er sich, dass alle Schminkspuren beseitigt waren. Die gebrauchten Pads warf er zu der Ananas in den Einkaufsbeutel und steckte diesen dann in eine grüne Mülltüte. Als Nächstes suchte er sich einen Wagen, der im Halteverbot stand, knackte das Kofferraumschloss und legte die Tüte hinein. Die Polizei würde niemals auf den Gedanken kommen, die Kofferräume geparkter Autos zu durchsuchen, und zudem wäre das Fahrzeug wahrscheinlich längst abgeschleppt, bevor der Eigentümer zurückkehrte. Auf der Straße wandte Malerick sich in Richtung der nächstbesten U-Bahn-Linie, die zur West Side fuhr. Und wie hat Ihnen unsere zweite Nummer gefallen, verehrtes Publikum? Er selbst war recht zufrieden mit dem Ergebnis, vor allem angesichts der Tatsache, dass er auf den verfluchten Pflastersteinen ausgerutscht war und der Proband zunächst fliehen und zwei Türen hinter sich verschließen konnte. Doch noch im Laufen hatte Malerick bereits die Dietriche gezückt. Die hohe Kunst des Schlösseröffnens war ihm seit vielen Jahren vertraut und gehörte zu den ersten Dingen, die sein Mentor ihm damals beigebracht hatte. Man brauchte dazu 150
zwei Werkzeuge: eine Blattfeder, die in das Schloss gesteckt und gekippt wurde, um Druck auf die Zapfen im Innern auszuüben, und den eigentlichen Dietrich, der jeden einzelnen Zapfen aus dem Weg schob und dadurch das Drehen des Schließzylinders ermöglichte. Diese Vorgehensweise war mitunter sehr zeitraubend, und so hatte Malerick sich eine überaus schwierige Technik angeeignet, die man als »scheuern« bezeichnete. Dabei wurde der Dietrich schnell vor und zurück bewegt und stieß die Zapfen des Schlosses beiseite. Das funktionierte nur dann, wenn es dem Ausübenden gelang, exakt die richtige Kombination aus Drehmoment auf dem Zylinder und Druck auf den Zapfen zu finden. Mit den wenige Zentimeter langen Werkzeugen hatte Malerick insgesamt knapp dreißig Sekunden benötigt, um erst das Schloss des Hinterausgangs und dann Calverts Wohnungstür zu öffnen. Kommt Ihnen das unmöglich vor, verehrtes Publikum? Aber sehen Sie, genau das ist die Aufgabe eines Illusionisten: das Unmögliche real werden zu lassen. An der Treppe zur U-Bahn-Station kaufte er sich eine New York Times und blätterte ein paar Seiten um, während er in Wirklichkeit die Passanten beobachtete. Auch diesmal schien ihm niemand gefolgt zu sein. Er lief die Stufen hinunter, um die Bahn nicht zu verpassen. Ein noch vorsichtigerer Künstler hätte womöglich etwas länger gewartet, um absolut sicherzugehen, doch Malerick blieb nicht viel Zeit. Die nächste Nummer würde überaus schwierig werden und erforderte einige Vorarbeit. Er stellte sich gern großen Herausforderungen und wollte nicht riskieren, sein Publikum zu enttäuschen. 151
… Elf »Hier sieht’s ziemlich übel aus, Rhyme.« Amelia Sachs stand mitten in Alphabet City an der Tür von Apartment 1 J und sprach in das Mikrofon ihres Headsets. Einige Stunden zuvor hatte Lon Sellitto angeordnet, dass die Zentrale ihn über jeden Mord in New York City unverzüglich zu informieren habe. Als sie von diesem speziellen Toten erfuhren, gelangten sie zu dem Schluss, es müsse sich um eine weitere Tat des Hexers handeln: Die rätselhafte Art und Weise, auf die der Täter sich Zutritt zu der Wohnung verschafft hatte, wies bereits in diese Richtung, doch der maßgebliche Umstand war die Tatsache, dass man die Armbanduhr des Opfers zerschmettert hatte – genau wie beim ersten Mord an jenem Morgen. Die Todesursache hingegen war diesmal eine andere und hatte Sachs zu der anfänglichen Bemerkung verleitet. Während Sellitto den Detectives und Streifenbeamten auf dem Flur Anweisungen erteilte, betrachtete Sachs das bedauernswerte Opfer – einen jungen Mann namens Anthony Calvert. Er lag rücklings auf dem Couchtisch im Wohnzimmer. Man hatte seine Hände und Füße an die jeweiligen Tischbeine gefesselt und ihn dann in der Körpermitte durchgesägt. Sachs schilderte Rhyme den grausigen Anblick, der sich ihr bot. »Tja, es ist nur folgerichtig«, stellte der Kriminalist ungerührt fest. 152
»Folgerichtig?« »Er bleibt seinem Zauberthema treu. Die Seile beim ersten Mord, die Säge in diesem Fall.« Er wandte sich mit lauter Stimme an jemanden im Raum, vermutlich an Kara. »Das ist doch ein Zaubertrick, oder? Jemanden in der Mitte durchzusägen?« Er wartete die Antwort ab und sprach dann wieder mit Sachs. »Sie sagt, es sei eine klassische Illusionistennummer.« Er hatte Recht, begriff sie. Der schockierende Anblick hatte sie die Verbindung zwischen den beiden Morden im ersten Moment gar nicht erkennen lassen. Eine Illusionistennummer … Wenngleich groteske Zerstückelung es wesentlich besser beschrieb. Bleib objektiv, ermahnte sie sich. Ein Sergeant musste objektiv bleiben. Aber dann kam ihr ein Gedanke. »Rhyme, glaubst du…« »Was?« »Glaubst du, dass er bei Bewusstsein war, als der Täter angefangen hat? Er liegt auf dem Rücken, und seine vier Gliedmaßen sind an die Tischbeine gebunden.« »Ach, du meinst, er hat uns vielleicht irgendeinen Hinweis auf die Identität des Mörders hinterlassen? Gut.« »Nein«, sagte sie leise. »Ich dachte an die Schmerzen.« »Oh. Das.« Oh. Das … »Man wird es bei der Autopsie herausfinden.« Dann bemerkte sie eine deutliche Verletzung an Calverts Schläfe, offenbar hervorgerufen durch einen stumpfen Gegenstand. Die Wunde hatte nur wenig geblutet, was darauf 153
schließen ließ, dass der Herzschlag schon kurz nach der Zertrümmerung des Schädels ausgeblieben war. »Nein, Rhyme, wie es scheint, ist das Opfer vorher gestorben.« Sie nahm kaum wahr, wie der Kriminalist seinen Betreuer anwies, die Erkenntnisse in die Tabelle einzutragen. Dann sagte er noch etwas, aber Amelia achtete nicht darauf. Der Anblick des Opfers erschütterte sie nachhaltig. Doch sie wollte es so. Ja, sie war durchaus in der Lage, nicht an die Toten zu denken – jeder, der bei der Spurensicherung arbeitete, musste das irgendwie hinbekommen –, und die Anwandlung würde gleich verflogen sein. Doch der Tod verdiente nach ihrer Ansicht einen Moment der Stille. Sachs tat dies nicht aus religiöser Überzeugung oder aus einem eher abstrakten Respekt vor den Opfern; nein, sie tat es für sich selbst, damit ihr Herz nicht irgendwann versteinerte, wie es bei Menschen in diesem Beruf nur allzu häufig geschah. Sie registrierte, dass Rhyme mit ihr sprach. »Wie bitte?«, fragte sie. »Ich wollte wissen, ob dort irgendwelche Waffen liegen.« »Auf den ersten Blick nicht, aber ich habe noch nicht danach gesucht.« Ein Sergeant und ein uniformierter Officer gesellten sich zu Sellitto, der an der Wohnungstür stand. »Wir haben die Nachbarn befragt«, sagte einer von ihnen, schaute in Richtung der Leiche und zuckte zusammen. Amelia vermutete, dass er das Blutbad zum ersten Mal aus der Nähe sah. »Der Tote war ein netter, ruhiger Kerl. Alle haben ihn gemocht. Schwul, aber keiner von der harten Sorte oder so. In letzter Zeit scheint er Single gewesen zu sein.« 154
Sachs nickte. »Es klingt nicht danach, als hätte er den Mörder gekannt, Rhyme«, sagte sie ins Mikrofon. »Das haben wir auch nicht angenommen, oder?«, erwiderte der Kriminalist. »Der Hexer geht nach einem anderen Schema vor – wie auch immer das im Einzelnen aussehen mag.« »Womit hat er sein Geld verdient?«, fragte Amelia die Beamten. »Er war Maskenbildner an einem Broadwaytheater. Wir haben seinen Koffer in der Gasse gefunden. Sie wissen schon, Haarspray, Make-up, Pinsel.« Sachs fragte sich, ob Calvert wohl je für Werbefotografen gearbeitet hatte und ob sie ihm in dieser Funktion womöglich einmal begegnet war – damals, als Mannequin in Diensten der Modellagentur Chantelle an der Madison Avenue. Im Gegensatz zu vielen Fotografen und den Geschäftsführern der Werbeagenturen behandelten Visagisten die Modelle wie menschliche Wesen. »Also gut, lasst sie uns anpinseln, und dann schauen wir mal, wie sie aussieht«, würde einer dieser typischen Erbsenzähler vielleicht fordern. »Verzeihung, aber ich wusste nicht, dass sie ein Lattenzaun ist«, mochte dann der Maskenbildner entgegnen. Ein Detective asiatischer Abstammung kam zur Tür und klappte sein Mobiltelefon zu. Er arbeitete beim Neunten Revier, zu dessen Bezirk diese Gegend gehörte. »Was haben wir denn hier?«, fragte er fröhlich. »Na, was schon?«, murmelte Sellitto. »Weiß jemand, wie der Täter entkommen konnte? Das Opfer hat noch eigenhändig den Notruf gewählt. Ihre Beamten dürften nach zehn Minuten vor Ort gewesen sein.« 155
»Nach sechs«, sagte der Detective. »Wir haben uns ohne Sirene genähert und alle Ausgänge und Fenster im Blick behalten«, sagte der Sergeant. »Als wir hereinkamen, war der Körper noch warm, und ich rede hier von siebenunddreißig Grad. Dann sind wir von Tür zu Tür gegangen, aber leider ohne Ergebnis.« »Gab es Zeugen?« Der Sergeant nickte. »Die einzige Person auf dem Flur war eine alte Dame. Sie hat uns ins Haus gelassen. Wenn sie zurückkommt, werden wir mit ihr sprechen. Vielleicht hat sie den Täter gesehen.« »Sie ist weggegangen?«, fragte Sellitto. »Ja.« Rhyme hatte mitgehört. »Du weißt, wer das gewesen ist, nicht wahr?« »Verdammter Mist«, fluchte Sachs. »Nein, keine Sorge«, sagte der Detective. »Wir haben jedem eine Nachricht unter der Tür hindurchgeschoben. Sie wird uns anrufen.« »Nein, wird sie nicht«, sagte Sachs und seufzte. »Das war der Täter.« »Die Frau?«, fragte der Sergeant. Seine Stimme überschlug sich fast. Er lachte. »Das war keine Sie“, erklärte Sachs. »Sie sah lediglich wie eine alte Frau aus.« »He, Officer, wir dürfen nicht zu paranoid werden«, sagte Sellitto. »Dieser Kerl kann doch nicht so einfach sein Geschlecht wechseln.« »Doch, er kann. Denken Sie daran, was Kara uns erzählt hat. Es war die Frau, Lieutenant. Wollen wir wetten?« 156
»Ich halte nicht dagegen, Sachs«, sagte Rhymes Stimme in ihrem Ohr. »Sie war so ungefähr siebzig Jahre alt«, verteidigte sich der Sergeant. »Und sie hat eine große Einkaufstasche mit sich herumgeschleppt. Man konnte deutlich eine Ananas …« »Sehen Sie«, unterbrach Amelia ihn und deutete in Richtung des Küchentresens, auf dem zwei spitze Blätter lagen. Unmittelbar daneben konnte man ein Gummiband erkennen, an dem eine kleine Karte hing. Darauf leuchtete das Logo der Firma Dole, gefolgt von einigen schmackhaften Rezepten für frische Ananas. Verflucht. Sie hatten ihn direkt vor der Nase gehabt – nur wenige Zentimeter entfernt. »In der Einkaufstasche steckte vermutlich die Mordwaffe«, sagte Rhyme. Sachs wiederholte das für den immer mürrischer werdenden Detective vom Neunten Revier. »Auf das Gesicht der Frau haben Sie nicht geachtet, richtig?«, fragte sie den Sergeant. »Nicht wirklich. Ich hab ihr bloß einen kurzen Blick zugeworfen. Sie war mächtig geschminkt. Wie heißt das Zeug doch gleich? Meine Großmutter hat es auch immer benutzt.« »Rouge?«, schlug Sachs vor. »Ja. Und die Augenbrauen waren aufgemalt … Na ja, wir werden sie schon finden. Sie … er kann noch nicht besonders weit gekommen sein.« »Er hat sich längst wieder umgezogen und die alten Sachen wahrscheinlich weggeworfen, Sachs«, sagte Rhyme. »Er trägt mittlerweile andere Kleidung«, wandte sie sich 157
an den asiatischen Detective. »Aber der Sergeant hier kann Ihnen eine Beschreibung des Kostüms liefern. Sie sollten die Mülltonnen und Gassen der näheren Umgebung danach absuchen lassen.« Der Detective runzelte kühl die Stirn und musterte Sachs von oben bis unten. Ein warnender Blick von Sellitto erinnerte sie daran, dass ein zukünftiger Sergeant sich tunlichst erst nach der Beförderung wie ein Vorgesetzter aufführen sollte. Dann ordnete der Lieutenant die Suche an, und der Detective erteilte über Funk die notwendigen Weisungen. Nachdem Sachs sich den Tyvek-Overall übergestreift hatte, schritt sie auf dem Flur und in der Gasse das Gitternetz ab. Dabei fand sie das seltsamste Beweisstück, das ihr jemals untergekommen war: eine schwarze Spielzeugkatze. Danach nahm sie sich den grausigen Tatort in der Wohnung des jungen Mannes vor, untersuchte die Leiche und packte sämtliche Spuren ein. Sie war schon zum Wagen unterwegs, als Sellitto sie zu sich rief. »He, warten Sie, Officer.« Er hatte soeben ein Telefonat geführt. Nach seiner finsteren Miene zu urteilen, war es nicht allzu erfreulich verlaufen. »Der Captain und der stellvertretende Polizeichef wollen mich sprechen. Ich muss Sie bitten, etwas für mich zu erledigen. Wir werden unser Team vergrößern. Ich möchte, dass Sie jemanden abholen.« »Kein Problem. Aber wieso brauchen wir Verstärkung?« »Weil wir heute innerhalb von vier Stunden zwei Leichen und keinen einzigen verdammten Verdächtigen gehabt haben«, erwiderte er barsch. »Unsere Chefetage ist alles andere als begeistert. Sie erhalten nun Ihre erste Lektion über das 158
Dasein als Sergeant – wenn die hohen Tiere unglücklich sind, dann sind Sie gefälligst ebenfalls unglücklich.« Die Seufzerbrücke. So nannten sie den Gang, der in luftiger Höhe die beiden Türme des Untersuchungsgefängnisses von Manhattan verband, gelegen an der Centre Street in Downtown. Die Seufzerbrücke – über die schon die größten Mafiosi marschiert waren, auf deren Konto unzählige Auftragsmorde gingen. Manchmal kamen auch verängstigte junge Männer hier entlang, die nichts anderes getan hatten, als dem Arschloch, dem ihre Schwester oder Kusine das uneheliche Kind verdankte, mit einem Baseballschläger gründlich die Meinung zu sagen. Oder auch durchgeknallte Junkies, die einen Touristen wegen seiner zweiundvierzig Dollar umgebracht hatten, denn ich brauchte das Crack, brauchte das Zeug, ich hab es gebraucht, Mann, hab es so dringend gebraucht … Nun überquerte Amelia Sachs die Brücke zum zweiten Turm technisch gesehen der Bernard B. Kerik Komplex, doch insgeheim weiterhin als die »Gruft« bekannt, genau wie früher das ursprüngliche Stadtgefängnis auf der anderen Straßenseite. Hier, hoch über dem Verwaltungsviertel von New York, nannte Sachs einem Justizbeamten ihren Namen, übergab ihm die Glock (ihre inoffizielle Waffe – ein Springmesser – hatte sie im Camaro gelassen) und betrat die gesicherte Lobby jenseits der lauten, elektrisch verriegelten Tür, die hinter ihr wieder ächzend ins Schloss fiel. Wenige Minuten später kam der Mann, den sie abholen sollte, aus einem nahen Verhörraum. Er war durchtrainiert, Ende dreißig, mit schütterem braunen Haar und unbe159
schwerte Miene. Zu seiner Jeans und dem blauen Anzughemd trug er ein schwarzes Sportsakko. »Hallo, Amelia«, begrüßte er sie in gedehntem Tonfall. »Nehmen Sie mich mit zu Lincoln?« »Hallo, Rol. Aber klar.« Detective Roland Bell öffnete den Jackettknopf. Gemäß den Vorschriften trug auch er keine Waffe bei sich, doch Amelia bemerkte zwei leere Holster an seinem Gürtel. Sie erinnerte sich daran, wie häufig sie bei der Arbeit schon ihre Schießergebnisse miteinander verglichen hatten – für ihn ein Hobby und für Sachs ein Wettkampfsport. Zwei weitere Männer traten aus dem Verhörzimmer und gesellten sich zu ihnen. Der Erste war ein Detective, den Amelia bereits kannte: Luis Martinez, Bürstenfrisur und dunkler Anzug, ein ruhiger Mann mit flinken, aufmerksamen Augen. Der andere Mann war legerer gekleidet: khakifarbene Stoffhose, schwarzes Polohemd Marke Izod und ein ausgeblichener Blouson. Er wurde Sachs als Charles Grady vorgestellt, doch sie hatte ihn ohnehin sofort erkannt; der stellvertretende Bezirksstaatsanwalt genoss bei den New Yorker Strafverfolgungsbehörden regelrechte Berühmtheit. Während die meisten seiner Kollegen schon längst lukrativere Posten angenommen hatten, war der schlanke Harvardabsolvent dem Staatsdienst treu geblieben. Zu den vielen Klischees, die in der Presse regelmäßig über den Mittvierziger zu lesen standen, gehörten Attribute wie »Pitbull« und »hartnäckig«. An Beliebtheit konnte er es leicht mit Rudolph Guiliani aufnehmen, strebte im Gegensatz zu dem ehemaligen Bürgermeister jedoch kein politisches Amt an. Es genügte ihm vollauf, bei der Staatsanwaltschaft zu arbeiten und seiner Lieblingsbeschäftigung 160
nachzugehen, die laut seinen eigenen Worten darin bestand, die bösen Jungs hinter Gitter zu bringen. Und er war verdammt gut in seinem Job; seine Erfolgsbilanz vor Gericht gehörte zu den besten in der Geschichte der Stadt. Gradys aktueller Fall war der Grund für Bells Anwesenheit. Der Staat bereitete die Anklage gegen einen fünfundvierzigjährigen Versicherungsvertreter vor, wohnhaft in einer ländlichen Kleinstadt nördlich von New York. Bekannt geworden war Andrew Constable aber weniger durch seine Hausratpolicen als vielmehr wegen der von ihm geleiteten Miliz namens »Gesellschaft der Patrioten«. Man warf ihm vor, mehrere Morde und rassistisch motivierte Gewalttaten vorbereitet zu haben. Um den Fall vor neutraler Kulisse verhandeln zu können, hatte man ihn an die hiesige Staatsanwaltschaft verwiesen. Als der Prozesstermin näher rückte, erhielt Grady erste Morddrohungen. Vor ein paar Tagen hatte sich dann das Büro von Fred Dellray bei ihm gemeldet. Dellray, ein FBI-Agent, der häufig mit Rhyme und Sellitto zusammenarbeitete, befand sich gegenwärtig an einem unbekannten Ort in einer geheimen Anti-Terror-Mission, doch seine Kollegen hatten erfahren, dass man mit einem akuten Anschlag auf Gradys Leben rechnen musste. In der Nacht von Donnerstag auf Freitag war in Gradys Büro eingebrochen worden. An diesem Punkt hatte man beschlossen, Roland Bell einzuschalten. Normalerweise kümmerte der sympathische, aus Norm Carolina stammende Bell sich gemeinsam mit Lon Sellitto um Mordfälle und andere Kapitalverbrechen, doch darüber hinaus stand er einer Gruppe von NYPD-Detectives vor, die sich intern spaßeshalber »die Zeugenschutzengel« nannten. 161
Bell verspürte, wie er es ausdrückte, »eine Art Ehrgeiz, genau die Leute am Leben zu erhalten, die auf irgendwelchen Todeslisten stehen«. Als Resultat widmete er sich neben der Vielzahl von regulären Fällen auch noch diversen Personenschutzaufgaben. Mittlerweile stand Grady unter ständiger Bewachung, und die hohen Tiere der Behörde – die unglücklichen hohen Tiere – hatten entschieden, die Jagd auf den Hexer zu forcieren. Das Team von Sellitto und Rhyme sollte aufgestockt werden, und Bell war der folgerichtige Kandidat. »Das also ist Andrew Constable«, sagte Grady zu Bell und wies auf die schmutzige Scheibe in der Tür des Verhörraums. Sachs schaute hindurch und sah einen schlanken, recht kultiviert wirkenden Häftling, der in seinem orangefarbenen Overall an einem Tisch saß und mit gesenktem Kopf langsam nickte. »Entspricht er Ihren Erwartungen?«, fragte Grady. »Ich kann ihn nicht einschätzen«, antwortete Bell. »Gerechnet habe ich mit einem Hinterwäldler, einem dieser typischen Fanatiker, wenn Sie verstehen, was ich meine. Aber dieser Kerl macht eigentlich einen ganz vernünftigen Eindruck. Um ehrlich zu sein, Charles, vom Gefühl her kommt er mir unschuldig vor.« »Den Geschworenen dürfte es ähnlich gehen.« Grady verzog das Gesicht. »Der Schuldspruch wird ein hartes Stück Arbeit.« Dann lachte er leise auf. »Aber dafür bekomme ich ja schließlich mein üppiges Gehalt.« Als Teilhaber einer Anwaltskanzlei an der Wall Street hätte Grady schon im ersten Jahr mehr verdient. »Gibt’s etwas Neues über den Einbruch in Ihrem Büro?«, 162
fragte Bell. »Was ist mit dem vorläufigen Bericht der Spurensicherung? Ich muss ihn dringend lesen.« »Die Angelegenheit läuft auf Hochtouren. Wir sorgen dafür, dass Sie eine Kopie erhalten.« »Man benötigt mich bei einem anderen Fall«, sagte Bell. »Meine Leute bleiben bei Ihnen und Ihrer Familie. Falls Sie mich sprechen möchten – ein Anruf genügt.« »Danke, Detective«, sagte Grady. »Meine Tochter lässt übrigens herzlich grüßen. Wir sollten sie unbedingt mal mit Ihren Jungs zusammenbringen. Und ich würde gern bei Gelegenheit Ihre Freundin kennen lernen. Wo wohnt sie doch gleich?« »Lucy lebt unten in North Carolina.« »Sie ist auch bei der Polizei, nicht wahr?« »Ja, sie leitet das Sheriffs Department. In der Weltstadt Tanner’s Corner.« Luis Martinez bemerkte, dass Grady die Tür ansteuern wollte, und schloss sofort zu ihm auf. »Bitte warten Sie eine Minute, Charles.« Er verließ den Sicherheitsbereich, holte sich von dem Aufseher am Eingang seine Pistole zurück und nahm die Brücke und die nähere Umgebung sorgfältig in Augenschein. In diesem Moment erklang hinter ihnen eine sanfte Stimme. »Hallo, Miss.« Sachs registrierte auf Anhieb einen ganz bestimmten Tonfall, der ihr verriet, dass der Sprecher öffentliche Auftritte gewohnt war und es verstand, eine Dienstleistung oder Ware an den Mann zu bringen. Sie drehte sich um und sah Andrew Constable neben einem kräftigen Justizbeamten stehen. Der 163
Gefangene war ziemlich groß und hielt sich kerzengerade. Er hatte leicht ergrautes, dichtes gewelltes Haar. Neben ihm stand sein kleiner dicker Anwalt. »Gehören Sie zu Mr. Gradys Beschützern?«, fragte er. »Andrew«, mahnte sein Anwalt. Der Häftling nickte, sah Sachs aber weiterhin fragend an. »Ich arbeite nicht an diesem Fall«, entgegnete sie reserviert. »Ach, nein? Ich wollte für Sie nämlich wiederholen, was ich auch schon zu Detective Bell gesagt habe. Ehrlich, ich weiß nicht das Geringste über diese Drohungen gegen Mr. Grady.« Er wandte sich Bell zu. Der Cop wirkte bisweilen schüchtern und zurückhaltend, doch niemals im Angesicht eines Verdächtigen. Auch jetzt hielt er dem Blick kühl und gelassen stand. »Sie tun nur Ihre Pflicht«, sagte Constable. »Ich habe Verständnis dafür. Aber bitte glauben Sie mir, ich würde Mr. Grady niemals ein Leid zufügen. Immerhin gehört Fairness zu den Dingen, die dieses Land groß gemacht haben.« Er lachte. »Ich werde ihn vor Gericht besiegen. Davon bin ich absolut überzeugt – und zwar dank meines brillanten jungen Freundes hier.« Er deutete auf seinen Anwalt. Dann wirkte er plötzlich neugierig. »Eines wollte ich noch erwähnen, Detective Bell. Ich habe mich gefragt, ob es Sie vielleicht interessiert, was meine Patrioten da oben in Canton Falls die ganze Zeit machen.« »Wie bitte?« »Oh, ich meine nicht diesen Blödsinn über angebliche Verschwörungen, sondern worum es uns wirklich geht.« »Lassen Sie’s gut sein, Andrew«, sagte der Anwalt des Gefangenen. »Es ist besser, Sie halten den Mund.« 164
»Wir plaudern doch nur ein wenig, Joe.« Ein Blick zu Bell. »Also, wie sieht’s aus?« »Ich weiß nicht, worauf Sie hinauswollen, Sir«, antwortete der Detective mit hörbarem Widerwillen. Doch es folgte nicht die befürchtete Anspielung auf Bells Südstaatenherkunft und den dort verbreiteten Rassismus. »Die Rechte der Bundesstaaten, die Interessen der arbeitenden Bevölkerung, das Für und Wider einer dezentralen Regierung«, sagte Constable stattdessen. »Sie sollten sich mal unsere Internetseite ansehen, Detective.« Er lachte. »Die Leute rechnen mit Hakenkreuzen, aber sie bekommen Thomas Jefferson und George Mason.« Als Bell nichts darauf erwiderte, legte sich drückende Stille über den warmen Raum. Der Häftling schüttelte verlegen den Kopf. »Herrje, bitte verzeihen Sie … Manchmal geht einfach mein Temperament mit mir durch – immer diese lächerlichen Predigten. Kaum stehen ein paar Leute um mich herum, ist es auch schon passiert – ich merke nicht, wann ich aufhören sollte.« »Gehen wir«, sagte der Wärter. »Also gut«, entgegnete der Gefangene, nickte erst Sachs, dann Bell zu und schlurfte den Gang hinunter. Die Kette der Fußfesseln klirrte leise. Sein Anwalt verabschiedete sich mit stummem Gruß von Grady zwei Gegenspieler, die einander respektierten und gleichzeitig misstrauten – und verließ den Sicherheitsbereich. Kurz darauf schlugen Grady, Bell und Sachs denselben Weg ein und gesellten sich zu Martinez. »Er wirkt gar nicht wie ein Ungeheuer«, sagte Amelia. »Was genau wirft man ihm vor?« 165
»Ein paar verdeckte Ermittler der Bundesbehörde für Alkohol, Tabak und Feuerwaffen haben im Staat New York illegale Waffengeschäfte untersucht und sind dabei auf ein Komplott gestoßen, hinter dem nach unserer Ansicht Constable steckt«, erklärte Grady. »Einige seiner Leute sollten mit fingierten Notrufen Streifen der Staatspolizei in entlegene Winkel des Bezirks locken. Sofern unter den Beamten Schwarze waren, wollte man sie entführen, nackt ausziehen und lynchen. Von Kastration ist übrigens auch die Rede gewesen.« Sachs hatte im Laufe ihrer Dienstjahre bereits eine Vielzahl schrecklicher Verbrechen erlebt, doch diese bestürzende Neuigkeit ließ sie ungläubig aufmerken. »Meinen Sie das ernst?« Grady nickte. »Und das sollte nur der Anfang sein. Offenbar stand im Hintergrund eine Art Masterplan. Man hoffte, mit zunehmender Anzahl der Polizistenmorde das Interesse des Fernsehens zu erregen. Die Bilder der aufgeknüpften Farbigen sollten eine Art Aufstand der schwarzen Bevölkerung bewirken und den Weißen überall im Land einen Grund liefern, Vergeltung zu üben und die Aufrührer auszulöschen. Wenn alles nach Wunsch verlief, würden die Latinos und Asiaten sich den Schwarzen anschließen und könnten im Zuge der weißen Revolution gleich mit erledigt werden.« »Und das in der heutigen Zeit?« »Glauben Sie mir, Sie wären überrascht.« Bell nickte Luis zu. »Er steht jetzt unter deiner Obhut. Lass ihn nicht aus den Augen.« »Selbstverständlich«, sagte der Detective. Grady und sein schlanker Leibwächter verließen die Lobby, während Sachs 166
und Bell sich am Schalter ihre Waffen zurückholten und dann ebenfalls die Seufzerbrücke betraten. Auf dem Weg in das Justizgebäude setzte Amelia den Kollegen über den Hexer und seine Opfer in Kenntnis. Als Bell von Anthony Calverts grauenhaftem Tod hörte, erschauderte er unwillkürlich. »Das Motiv?« »Kennen wir nicht.« »Das Schema?« »Dito.« »Wie sieht der Täter aus?« »Auch in diesem Punkt müssen wir passen.« »Ihr wisst gar nichts über ihn?« »Wir glauben, er ist ein Weißer von mittlerer Statur.« »Demnach hat niemand ihn zu Gesicht bekommen, richtig?« »Im Gegenteil, er wurde sogar von mehreren Leuten gesehen. Allerdings war er beim ersten Mal ein dunkelhaariger Mittfünfziger mit Vollbart, beim zweiten Mal ein glatzköpfiger Hauswart Anfang sechzig und zuletzt eine Frau Mitte siebzig.« Bell erwartete, dass sie lachen und ihn über den Scherz aufklären würde, doch nichts dergleichen geschah. »Das war kein Witz?« »Leider nicht, Roland.« »Ich bin gut«, sagte Bell kopfschüttelnd und klopfte auf die Automatikpistole, die rechts an seinem Gürtel hing. »Aber ich brauche ein Ziel.« Du nimmst mir das Wort aus dem Mund, dachte Amelia Sachs.
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… Zwölf Die sichergestellten Spuren vom zweiten Tatort waren eingetroffen, und Mel Cooper breitete die Tüten und Röhrchen soeben auf mehreren Tischen in Rhymes Arbeitszimmer aus. Sellitto kam von einer unangenehmen Besprechung im Big Building zurück. Der stellvertretende Polizeichef und der Bürgermeister wollten Einzelheiten über die Fortschritte eines Falls erfahren, zu dem es nur wenige Einzelheiten und keinerlei Fortschritte zu vermelden gab. Unterdessen hatte Rhyme Erkundigungen über die ukrainischen Illusionisten vom Cirque Fantastique eingezogen und erfahren, dass nichts gegen sie vorlag. Die beiden Beamten, die zu dem Zelt abkommandiert worden waren, hatten sich ausgiebig dort umgesehen und meldeten keine neuen Erkenntnisse oder verdächtigen Vorfälle. Kurz darauf betrat Sachs das Zimmer und brachte den besonnenen Roland Bell mit. Als Sellitto die Anweisung erteilt worden war, das Team durch einen weiteren Detective zu verstärken, hatte Rhyme sofort Bell vorgeschlagen; er hatte ein gutes Gefühl dabei, dort draußen im Einsatz einen erfahrenen Cop und Meisterschützen hinter Sachs zu wissen. Bell begrüßte alle Anwesenden, doch Kara war neu für ihn. Er sah sie fragend an. »Ich bin so eine Art Beraterin«, sagte sie und deutete auf Rhyme. »Ähnlich wie er.« »Freut mich, Sie kennen zu lernen«, sagte Bell und regist168
rierte erstaunt, dass sie ganz beiläufig drei Münzen gleichzeitig über die Knöchel einer Hand wandern ließ. Sachs ging zu Cooper, um mit der Arbeit an den Spuren zu beginnen. »Wer war das Opfer?«, fragte Rhyme. »Anthony Calvert. Zweiunddreißig. Unverheiratet. Na ja, ohne festen Freund müsste es in seinem Fall wohl heißen.« »Kannte er die Frau von der Musikschule?« »Anscheinend nicht«, sagte Sellitto. »Bedding und Saul haben das überprüft.« »Was war er von Beruf?«, fragte Cooper. »Maskenbildner am Broadway.« Und die Erste war Musikerin und Studentin, grübelte Rhyme. Eine heterosexuelle Frau und ein homosexueller Mann aus unterschiedlichen Ecken der Stadt. Welche Verbindungen mochte es da geben? »Irgendwelche Anzeichen für sexuelle Beweggründe?«, fragte er. Doch da auch das erste Verbrechen nicht in diese Kategorie gefallen war, überraschte ihn Sachs’ Antwort nicht: »Nein. Es sei denn, er nimmt seine Erinnerungen mit nach Hause ins Bett … und lässt sich hiervon erregen.« Sie trat an die Tafel und hängte die Digitalfotos der Leiche auf. Rhyme fuhr mit seinem Rollstuhl näher heran und nahm die grausigen Bilder prüfend in Augenschein. »Kranke Scheiße«, lautete Sellittos teilnahmslose Feststellung. »Was für eine Waffe hat er benutzt?«, fragte Roland Bell. »Das sieht nach einem Fuchsschwanz aus«, sagte Cooper, der einige Nahaufnahmen der Verletzungen betrachtete. Bell, der als Polizist sowohl in North Carolina als auch in 169
New York schon so manches Blutbad gesehen hatte, schüttelte den Kopf. »O Mann, das ist ganz schön heftig.« Rhyme vernahm auf einmal einen merkwürdigen Laut, ein abgehacktes Zischen. Er wendete den Rollstuhl und entdeckte Kara hinter sich. Das Geräusch kam von ihrem hektischen Atmen. Sie starrte wie versteinert die Fotos von Calverts Leiche an und fuhr sich mit der Hand immer wieder durch das kurze Haar. Ihre weit aufgerissenen Augen schimmerten feucht, und ihr Unterkiefer zitterte. Schließlich wandte sie sich ab. »Sind Sie …«, setzte Sachs an, doch Kara hob eine Hand, schloss die Augen und atmete mehrmals tief durch. Als Rhyme die Qual auf ihrem Gesicht sah, erkannte er, dass sie an ihre Grenzen gestoßen war. Sie würde aufgeben. Sein Leben – die Arbeit bei der Spurensicherung – hatte zwangsläufig mit dieser Art von Schrecken zu tun; ihre Welt nicht. In ihrem Beruf waren alle Wagnisse und Gefahren reine Illusion, und man durfte von einer Zivilistin nicht erwarten, dass sie sich freiwillig einem solchen Grauen aussetzen würde. Rhyme bedauerte dies zutiefst, denn sie waren auf Karas Hilfe dringend angewiesen, aber ihre Miene sprach Bände. Er hoffte nur, ihr würde nicht übel werden. Sachs machte einen Schritt auf sie zu, blieb jedoch stehen, als Rhyme den Kopf schüttelte. Er wusste, dass die Entscheidung längst gefallen war und sie das Mädchen gehen lassen mussten. Und damit irrte er sich. Kara atmete ein letztes Mal geräuschvoll ein und wieder aus – fast wie ein Turmspringer, der an den Rand des Bretts vortrat – und drehte sich mit entschlossenem Blick zur Tafel 170
um. Sie hatte lediglich einige Zeit benötigt, um sich zu sammeln. Sie ging dicht an die Fotos heran. Dann nickte sie. »P. T. Seibit«, sagte sie und wischte sich die Tränen aus den blauen Augen. »Ist das ein Name?«, fragte Sachs. Kara nickte erneut. »Mr. Balzac hatte früher manche seiner Tricks im Programm. Seibit war Illusionist und hat vor hundert Jahren gelebt. Diese Nummer stammt von ihm. Sie heißt Die zersägte Frau. Alles passt, die Rückenlage, die gefesselten Arme und Beine. Die Säge. Der einzige Unterschied ist, dass er einen Mann für den Auftritt gewählt hat.« Sie erschrak über den Versprecher. »Ich meine, für den Mord.« »Ist die Nummer weitgehend unbekannt?«, erkundigte Rhyme sich auch diesmal. »Nein. Es war ein berühmter Trick, sogar noch bekannter als Der Verschwundene. Jeder, der sich auch nur ein bisschen mit der Geschichte der Zauberkunst auskennt, weiß darüber Bescheid.« Rhyme hatte mit dieser entmutigenden Auskunft gerechnet. »Trag es trotzdem in das Profil ein, Thom«, sagte er und wandte sich dann an Sachs. »Okay, beschreib uns, was bei Calvert geschehen ist.« »Wie es aussieht, wollte das Opfer zur Arbeit gehen und hat das Haus durch den Hinterausgang verlassen – laut Auskunft der Nachbarn machte er das immer so. Er kam an einer Seitengasse vorbei und sah das hier.« Sie wies auf die schwarze Katze in einer der Plastiktüten. »Ein Spielzeug.« Kara sah genauer hin. »Das ist ein Automat, eine Art Roboter. Bei uns heißt so etwas ein Falsum.« 171
»Ein …?« »F-A-L-S-U-M. Ein Requisit, das vom Publikum für echt gehalten werden soll. Zum Beispiel ein Messer, dessen Klinge sich in den Griff schiebt, oder eine Kaffeetasse mit einem versteckten Reservoir.« Sie drückte einen Knopf, und das Tier fing plötzlich an, sich zu bewegen und täuschend echt zu miauen. »Calvert muss die Katze bemerkt haben und zu ihr gegangen sein. Vermutlich hat er geglaubt, sie sei verletzt«, fuhr Sachs fort. »Auf diese Weise hat der Hexer ihn in die Sackgasse gelockt.« »Woher stammt das Ding?«, fragte Rhyme. »Hersteller ist die Firma Sing-Lu in Hongkong«, antwortete Cooper. »Ich habe mal auf deren Internetseite nachgeschaut. Die Katze gibt es bei uns landesweit in Hunderten von Geschäften zu kaufen.« Rhyme seufzte. »Nicht zurückverfolgbar« schien für diesen Fall zum Leitsatz zu werden. Sachs berichtete weiter. »Calvert ist also zu dieser Katze gegangen und hat sich neben sie gekniet. Der Täter hatte sich irgendwo versteckt und …« »Der Spiegel«, fiel Rhyme ihr ins Wort und blickte kurz zu Kara. Die junge Frau nickte. »Illusionisten benutzen häufig Spiegel. Wenn man sie geschickt ausrichtet, kann man dahinter alles Mögliche verschwinden lassen.« Rhyme musste daran denken, dass der Laden, in dem sie arbeitete, Smoke & Mirrors hieß, Rauch und Spiegel. »Aber es ging etwas schief, und das Opfer konnte vorerst entwischen«, sagte Sellitto. »Und jetzt wird’s wirklich ver172
rückt. Wir haben uns den aufgezeichneten Notruf angehört. Calvert hat es bis in die Wohnung geschafft und dort das Telefon benutzt. Laut seinen Angaben konnte er den Täter aussperren und beide Türen abschließen. Dann wurde die Verbindung unterbrochen. Der Hexer ist ihm irgendwie gefolgt.« »Vielleicht durchs Fenster – Sachs, hast du die Feuertreppe überprüft?« »Nein. Das entsprechende Fenster war von innen verriegelt.« »Du hättest dich dennoch vergewissern sollen«, sagte Rhyme schroff. »Er ist nicht auf diesem Weg hineingekommen. Es blieb nicht genug Zeit.« »Tja, dann muss er wohl Calverts Schlüssel gehabt haben«, sagte der Kriminalist. »Es waren keine Fingerabdrücke darauf«, wandte Sachs ein. »Nur die des Opfers.« »Er muss aber«, beharrte Rhyme. »Nein«, widersprach Kara. »Er hat das Schloss geknackt.« »Unmöglich«, sagte Rhyme. »Vielleicht hat er sich irgendwann vorher einen Wachsabdruck der Schlüssel besorgt. Sachs, du solltest noch einmal dorthin fahren und überprüfen, ob …« »Er hat das Schloss geknackt«, wiederholte die junge Frau unbeirrt. »Ich bin mir absolut sicher.« Rhyme schüttelte den Kopf. »Er soll innerhalb von sechzig Sekunden zwei Türen geöffnet haben? Auf gar keinen Fall.« Kara seufzte. »Tut mir Leid, aber, ja, er hat innerhalb von sechzig Sekunden zwei Türen geöffnet. Und eventuell war er sogar noch schneller.« 173
»Nun, lassen Sie uns einstweilen annehmen, dass es nicht so war«, sagte Rhyme abweisend. »Wenn also …« »Nein, verdammt«, protestierte die junge Frau. »Hören Sie, wir dürfen das nicht einfach ignorieren. Es verrät uns etwas Neues über ihn – etwas Wichtiges: dass verschlossene Türen für ihn kein Hindernis darstellen.« Rhyme sah Sellitto an. »Damals beim Raubdezernat hab ich ein Dutzend Einbrecher festgenommen, und keiner von denen konnte dermaßen schnell ein Schloss öffnen«, sagte der Detective. »Mr. Balzac lässt es mich zehn Stunden pro Woche üben«, sagte Kara. »Ich habe mein Werkzeug nicht dabei. Andernfalls könnte ich Ihre Haustür in dreißig Sekunden aufbekommen und den zusätzlichen Riegel in einer Minute. Und ich beherrsche die Scheuertechnik nicht. Falls der Hexer gut darin ist, halbiert das die benötigte Zeit. Ich weiß, dass Sie greifbare Spuren bevorzugen, aber es wäre reine Zeitverschwendung, Amelia nach etwas suchen zu lassen, das nicht existiert.« »Sind Sie sicher?«, fragte Sellitto. »Wenn Sie meinem Urteil nicht trauen, wieso wollen Sie dann meine Unterstützung?« Sachs sah Rhyme an. Mit einem widerwilligen Nicken und starrer Miene gab er nach (wenngleich es ihm insgeheim gefiel, dass die Frau Rückgrat bewies; es wog den Blick und das Lächeln ein wenig auf). »Okay«, sagte er zu Thom. »Schreib auf, dass unser Mann außerdem erstklassig mit einem Dietrich umgehen kann.« »Wir wissen nicht genau, womit der Hexer das Opfer niedergeschlagen hat«, fuhr Sachs fort. »Die Kopfverletzung 174
stammt von einem stumpfen Gegenstand. Es könnte ein Rohr gewesen sein, aber der Täter hat es mitgenommen.« Das Material der Fingerabdruckspezialisten traf ein. Sie hatten am Tatort und an den mutmaßlich vom Hexer berührten Stellen insgesamt neunundachtzig Abdrücke genommen. Rhyme sah sofort, dass einige irgendwie merkwürdig wirkten, und erkannte bei näherer Betrachtung, dass sie von den falschen Fingerkuppen stammten. Daraufhin machte er sich gar nicht erst die Mühe, den Rest der Aufnahmen zu sichten. Sie wandten sich nun den von Sachs sichergestellten Spuren zu und stießen auf winzige Mengen des gleichen anorganischen Öls, das sie am Morgen in der Musikschule gefunden hatten. Auch Latex, Make-up und Alginat waren abermals vorhanden. Detective Kuan vom Neunten Revier rief an und berichtete, die Durchsuchung der Mülltonnen im näheren Umkreis von Calverts Haus habe keinen Hinweis auf die Verkleidung des Täters oder auf eine der Mordwaffen erbracht. Rhyme bedankte sich und bat ihn, das Suchgebiet auszudehnen. Der Mann erklärte sich zwar einverstanden, klang dabei aber viel zu diensteifrig, was Rhyme zu der Erkenntnis brachte, dass die Suchaktion bereits abgeblasen worden war. »Du sagst, er hat auch Calverts Uhr zertrümmert?«, fragte er Sachs. »Ja. Genau um zwölf. Ein paar Sekunden danach.« »Bei dem anderen Opfer war es acht Uhr. Offenbar folgt er einer Art Zeitplan. Und vermutlich ist heute Nachmittag um vier die nächste Person an der Reihe.« Von jetzt an gerechnet in weniger als drei Stunden. 175
»Der Spiegel hilft uns nicht weiter«, meldete Cooper sich zu Wort. »Kein Herstellername – der muss auf dem Rahmen gestanden haben und wurde weggeschabt. Ein paar echte Fingerabdrücke, aber die sind halb unter denen seiner Fingerkappen verschwunden, also stammen sie wahrscheinlich von einem Verkäufer oder jemandem aus der Herstellerfirma. Ich schicke sie trotzdem an AFIS.« »Ich hab hier zwei Schuhe«, sagte Sachs und nahm eine Tüte aus einem Karton. »Seine?« »Anscheinend. Marke Ecco, genau wie in der Musikschule – und die Größe stimmt ebenfalls überein.« »Er hat sie zurückgelassen. Warum?«, überlegte Sellitto. »Ich nehme an, ihm war bewusst, dass wir aufgrund der Spuren vom ersten Tatort die Marke mittlerweile kennen würden«, sagte Rhyme. »Und in seiner Verkleidung als ältere Frau musste er befürchten, bei den Streifenbeamten mit solchem Schuhwerk Verdacht zu erregen.« Mel Cooper nahm sich die Schuhe vor. »In der Kerbe vor dem Absatz und zwischen Oberleder und Sohle klebt eine ganze Menge Zeug«, sagte er, öffnete eine Tüte und kratzte die Partikel ab. »Ein wahres Füllhorn«, murmelte er geistesabwesend und beugte sich über das Material. Die Äußerung schien angesichts der paar Krümel etwas übertrieben, doch für ihre Zwecke hatten sie hier geradezu einen Berg vor sich, der allerlei Informationen erbringen konnte. »Pack es unter das Mikroskop, Mel«, befahl Rhyme. »Lass uns mal sehen, was wir hier haben.« Das Mikroskop gehörte in jedem kriminaltechnischen Labor zu den meistverwendeten Instrumenten, und obwohl es 176
im Laufe der Jahre vielfach weiterentwickelt worden war, unterschied sein Funktionsprinzip sich kaum von dem des winzigen Messinggeräts, das der Niederländer Antonie van Leeuwenhoek im siebzehnten Jahrhundert angefertigt hatte. Neben einem uralten und nur selten benötigten Rasterelektronenmikroskop verfügte Rhyme in seinem Privatlabor noch über zwei weitere Mikroskope. Eines davon war ein herkömmliches Leitz Orthoplan, ein älteres, aber vielfach erprobtes Modell mit zwei Okularen und einer mittig angebrachten Kamera. Das andere – und nun erforderliche – Exemplar war ein Stereomikroskop. Cooper hatte damit bereits die Fasern vom ersten Tatort untersucht. Es besaß eine relativ geringe Vergrößerungsstärke und wurde zur Begutachtung dreidimensionaler Objekte genutzt, beispielsweise Insekten oder Pflanzenpartikel. Das Abbild der Probe erschien für Rhyme und die anderen auf dem Computermonitor. Angehende Kriminalisten im ersten Studienjahr wählten bei der Untersuchung von Beweismaterial ausnahmslos die höchstmögliche Vergrößerung eines Mikroskops. In der Praxis lag der Wert zumeist sehr viel niedriger. Cooper fing mit einer vierfachen Vergrößerung an und steigerte sie schrittweise bis zum Faktor 30. »Ah, schärfer, schärfer«, rief Rhyme. Der Techniker drehte an einem Einstellring des Objektivs, bis die Probe deutlich zu erkennen war. »Okay, verschaffen wir uns einen Überblick«, sagte Rhyme. Mit den Bedienelementen des Stativs ließ Cooper den Objektträger an der Linse vorbeiziehen. Hunderte von Formen 177
wanderten über den Bildschirm, manche schwarz, andere rot oder grün, einige lichtdurchlässig. Rhyme kam sich beinahe wie ein Voyeur vor, so als blicke er auf eine Welt herab, die nichts von dem Beobachter ahnte. Eine Welt, die womöglich aufschlussreiche Botschaften in sich barg. »Haare«, sagte Rhyme mit Blick auf einen langen Strang. »Tierhaare.« Die Anzahl der Schuppen verriet es ihm. »Was genau?«, fragte Sachs. »Hund, würde ich sagen«, antwortete Cooper. Rhyme war der gleichen Meinung. Der Techniker stellte eine Verbindung zur Tierhaardatenbank des NYPD her und ließ die Probe überprüfen. »Wir haben hier zwei verschiedene Rassen, nein, drei. Eine hat ein mittellanges Fell. Deutscher Schäferhund oder Malinois. Die anderen beiden sind länger. Englischer Schäferhund oder Briard.« Cooper wandte sich wieder dem Mikroskop zu und rückte den Objektträger ein kleines Stück zur Seite. Sie sahen eine Masse aus bräunlichen Körnern, Stängeln und Röhren vor sich. »Was ist denn dieses lange Zeug?«, fragte Sellitto. »Fasern?«, mutmaßte Sachs. »Trockenes Gras, glaube ich«, sagte Rhyme. »Jedenfalls stammt es von einer Pflanze. Aber dieses andere Material gibt mir Rätsel auf. Schick es durch den Chromatographen, Mel.« Wenig später lag das Ergebnis der spektrometrischen Analyse vor. Auf dem Bildschirm erschien eine Liste der Inhaltsstoffe: Gallenflüssigkeit, Sterkobilin, Urobilin, Indol, Nitrat, Skatol, Merkaptan, Schwefelwasserstoff. »Ah.« »Ah?«, fragte Sellitto. »Was heißt ›ah‹?« 178
»Kommando, Mikroskop Eins«, befahl Rhyme. Das vorherige Bild kehrte auf den Monitor zurück. »Es ist ganz offensichtlich«, erklärte er dem Detective, »Fäulnisprodukte, teilweise verdaute Fasern und Gras. Das da ist Kacke. Oh, bitte verzeiht meine Ausdrucksweise«, fügte er sarkastisch hinzu. »Es handelt sich um Hundekot. Unser Täter ist in einen Haufen getreten.« Das war eine erfreuliche Nachricht; die Haare und Kotpartikel ließen sich gut klassifizieren, und falls man bei einem Verdächtigen, an einem bestimmten Ort oder in einem Fahrzeug ähnliche Spuren sicherstellte, bedeutete dies mit hoher Wahrscheinlichkeit, dass eine Verbindung zu dem Hexer bestand. Das Resultat der AFIS-Anfrage traf ein. Die auf den Spiegelscherben gefundenen Fingerabdrücke waren nirgendwo registriert, doch damit hatte hier ohnehin niemand gerechnet. »Was haben wir sonst noch vom Tatort vorliegen?«, fragte Rhyme. »Nichts«, erwiderte Sachs. »Das war alles.« Rhyme überflog noch einmal die Einträge auf der Wandtafel, als es an der Tür klingelte. Thom ging hin und kehrte mit einem uniformierten Beamten zurück. Der Mann blieb schüchtern am Eingang stehen, so wie die meisten jungen Polizisten oder Staatsanwälte, die zum ersten Mal das Reich des legendären Lincoln Rhyme betraten. »Ich bin auf der Suche nach Detective Bell. Man hat mir gesagt, er sei hier.« »Ich bin Bell«, meldete sich der Detective. »Der Bericht der Spurensicherung. Vom Einbruch in Charles Gradys Büro.« 179
»Danke, mein Freund.« Der Detective nahm den Umschlag entgegen und nickte dem jungen Mann zu, der nach einem kurzen zaghaften Blick auf Lincoln Rhyme kehrtmachte und ging. Bell blätterte die Seiten durch und zuckte die Achseln. »Das ist nicht mein Fachgebiet. He, Lincoln, könnten Sie vielleicht mal einen Blick darauf werfen?« »Na klar, Roland«, sagte Rhyme. »Ziehen Sie die Heftklammern heraus, und legen Sie die Seiten auf das Umblättergerät. Thom kann das übernehmen. Worum geht’s bei der Sache? Hat es mit dem Fall Andrew Constable zu tun?« »Ja.« Er erzählte Rhyme von dem nächtlichen Einbruch. Sobald der Betreuer den Bericht eingelegt hatte, fuhr Rhyme in Position und las aufmerksam die erste Seite. »Kommando, Umblättern.« Er las weiter. Man hatte vom Flur aus einfach das Türfenster eingeschlagen, hineingegriffen und das Schloss entriegelt. Die Tür zwischen dem Vorzimmer der Sekretärin und dem Büro des Staatsanwalts besaß hingegen zwei Schlösser, war aus dickem Holz gefertigt und hatte dem Einbrecher widerstanden. Die Leute von der Spurensicherung waren auf ein paar interessante Dinge gestoßen, wie Rhyme nun herausfand. Auf und neben dem Schreibtisch der Sekretärin hatten einige Fasern gelegen. Im Bericht wurde lediglich die Farbe angegeben, sonst nichts – die meisten waren weiß, einige schwarz und eine einzige rot. Ferner hatte man zwei winzige Teilchen einer Goldfolie sichergestellt. Laut den Ermittlungen war der Einbruch erst nach dem Durchgang des Reinigungspersonals geschehen, also stamm180
ten die Fasern vermutlich nicht von Gradys Sekretärin oder einem regulären Besucher des Büros, sondern von dem Eindringling. Rhyme las die letzte Seite. »Das ist alles?«, fragte er. »Sieht so aus«, sagte Bell. Der Kriminalist gab einen mürrischen Laut von sich. »Kommando, Telefon. Anrufen, Peretti Komma Vincent.« Rhyme hatte Peretti vor einigen Jahren bei der Spurensicherung eingestellt und als begabten Mitarbeiter kennen gelernt. Echte Höchstleistungen vollbrachte der Mann jedoch auf dem weitaus esoterischeren Gebiet der internen Behördenpolitik, das ihm – im Gegensatz zu Rhyme – sehr viel besser gefiel als die eigentliche Tatortarbeit. Mittlerweile war Peretti Leiter der Investigation and Resources Division (IRD) des NYPD und somit auch Chef der Spurensicherung. Es dauerte eine Weile, bis Rhyme zu ihm durchgestellt wurde. »Lincoln, wie geht’s dir?«, erklang es schließlich aus dem Hörer. »Gut, Vince. Ich …« »Du arbeitest an dieser Hexer-Geschichte, nicht wahr? Wie kommt ihr voran?« »Ganz passabel. Hör mal, ich rufe wegen einer anderen Sache an. Roland Bell ist gerade hier. Er hat den Bericht über den Einbruch in Staatsanwalt Gradys Büro erhalten …« »Ach, der Andrew-Constable-Fall. Diese Drohungen gegen Grady. Richtig. Was kann ich für euch tun?« »Ich habe den Bericht gelesen, aber er ist noch vorläufig. Ich brauche einige zusätzliche Informationen. Die Spurensicherung hat ein paar Fasern gefunden. Ich möchte jeweils die exakte Zusammensetzung wissen, dazu die Länge, den 181
Durchmesser, die Farbtemperatur, das benutzte Färbemittel und den Grad der Abnutzung.« »Moment, ich muss mir das notieren.« Es vergingen ein paar Sekunden. »Okay, weiter.« »Dann benötige ich elektrostatische Abdrücke sämtlicher Fußspuren sowie Fotos ihrer Anordnung auf dem Boden. Und ich möchte wissen, was sich auf dem Schreibtisch, den Aktenschränken und den Regalen befunden hat. Alles auf jeder Oberfläche, in jeder Schublade und an jeder Wand. Dazu jeweils den genauen Ort.« »Alles, was der Täter angefasst hat? Musste möglich sein. Wir werden …« »Nein, Vince. Alles, was sich im Büro befunden hat. Alles. Büroklammern, Fotos der Kinder der Sekretärin, Schimmel in der obersten Schublade. Ob er es angefasst hat oder nicht, spielt keine Rolle.« »Ich werde veranlassen, dass jemand sich darum kümmert«, sagte Peretti. Er klang verärgert. Rhyme verstand nicht, wieso Peretti nicht auf Nummer sicher ging und die Sache eigenhändig erledigte. Er selbst hätte keine solchen Berührungsängste gehabt, auch nicht als Leiter der IRD, doch in seiner gegenwärtigen Position als Berater verfügte er nur über begrenzten Einfluss. »Bitte so schnell wie möglich … Danke, Vince.« »Keine Ursache«, entgegnete der Mann kühl. Sie legten beide auf. »Mehr kann ich vorerst nicht tun, Roland«, sagte Rhyme zu Bell. »Wir müssen die Antwort der Spurensicherung abwarten.« Er warf einen letzten Blick auf den Bericht. Fasern und Pro182
vinzmilizionäre … Geheimnisse. Aber bis auf weiteres musste er es dabei belassen. Rhyme hatte eigene Rätsel zu lösen, und ihm stand nur wenig Zeit zur Verfügung: Die Einträge über die zertrümmerten Uhren erinnerten ihn daran, dass ihnen weniger als drei Stunden blieben, um den Hexer zu ergreifen, bevor dieser sich das nächste Opfer suchen würde.
DER HEXER Musikschule, Tatort • Täterbeschreibung: braune Haare, falscher Bart, keine besonderen Merkmale, mittlere Statur und Größe. Alter: Anfang fünfzig. Kleiner und Ringfinger der linken Hand miteinander verschmolzen. Hat schnell Verkleidung gewechselt, um wie alter kahlköpfiger Hauswart auszusehen. • Kein erkennbares Tatmotiv. • Opfer: Swetlana Rasnikow. ♦ Musikstudentin; kein zusätzlicher Job. ♦ Überprüfen Familie, Freunde, Studenten, engeren Umkreis auf mögliche Hinweise. - Kein fester Freund, keine bekannten Feinde. Ist auf Kindergeburtstagen aufgetreten. • Platine mit Lautsprecher. ♦ An FBI-Labor New York geschickt. - Digitaler Audiorekorder, vermutlich mit Stimme des Täters. Alle Daten gelöscht. • Rekorder ist ein »Gimmick«. Selbst gebaut. 183
• Täter hat Opfer mit altmodischen Eisenhandschellen gefesselt. • Darby-Handschellen. Scotland Yard. Anfrage beim Houdini Museum in New Orleans läuft. • Uhr des Opfers wurde um genau 8.00 Uhr zertrümmert. • Stühle mit Baumwollkordel fixiert. Handelsüblich. ♦ Zu viele mögliche Quellen; nicht zurückverfolgbar. • Knallkörper, um Schuss zu simulieren. Wurde zerstört. ♦ Zu viele mögliche Quellen; nicht zurückverfolgbar. • Zündschnur. Handelsüblich. ♦ Zu viele mögliche Quellen; nicht zurückverfolgbar. • Beamte vor Ort berichten von Lichtblitz. Keine Überreste gefunden. ♦ Wurde durch Schießbaumwolle oder Kollodiumpapier ausgelöst. - Zu viele mögliche Quellen; nicht zurückverfolgbar. • Schuhe des Täters: Marke Ecco, Größe 10. • Seidenfasern, grau gefärbt, bearbeitet, matte Oberfläche. ♦ Stammen vom Hauswartkostüm des Taters. • Täter trägt vermutlich eine braune Perücke. • Roter Hickory und Flechte (Parmelia conspersa); beide kommen hauptsächlich im Central Park vor. • Erdprobe mit anorganischem Öl durchtränkt. Zur Analyse an FBI-Labor geschickt. • Schwarzes Seidentuch, ca. 2 x 1,5 Meter. Zur Tarnung benutzt. Nicht zurückverfolgbar. ♦ Wird häufig von Illusionisten benutzt. • Täter hinterlässt falsche Fingerabdrücke durch Tragen von Kappen. ♦ Übliches Utensil von Zauberkünstlern. 184
• Reste von Latex, Rizinusöl, Make-up. ♦ Theaterschminke. • Spuren von Alginat. ♦ Wird für Latexgussformen verwendet. • Mordwaffe: Seil aus geflochtener weißer Seide mit schwarzem Seidenkern. ♦ Utensil eines Zaubertricks (Farbwechsel). Nicht zurückverfolgbar. • Ungewöhnlicher Knoten. ♦ An FBI und Schifffahrtsmuseum geschickt – ohne Ergebnis. ♦ Knoten stammt aus Houdini-Nummern; praktisch unmöglich zu lösen. • Täter hat sich in Besucherbuch eingetragen. Tinte ist verschwunden.
East Village, Tatort • Zweites Opfer: Tony Calvert. ♦ Maskenbildner; am Theater beschäftigt. ♦ Keine bekannten Feinde. ♦ Keine ersichtliche Verbindung zum ersten Opfer. • Kein erkennbares Tatmotiv. • Todesursache: ♦ Schädelverletzung durch stumpfen Gegenstand; postmortale Zerstückelung mit Säge. • Täter flieht als vermeintliche Frau Mitte siebzig. Umgegend wird nach Kostüm und anderen Spuren abgesucht. ♦ Suche ohne Ergebnis. 185
• Uhr des Opfers wurde um genau 12.00 Uhr zertrümmert. ♦ Muster? Nächstes Opfer vermutlich um 16.00 Uhr. • Täter hat sich hinter Spiegel versteckt. Nicht zurückverfolgbar. Fingerabdrücke an AFIS geschickt. ♦ Keine Übereinstimmungen. • Täter hat Spielzeugkatze (»Falsum«) benutzt, um Opfer in Gasse zu locken. Spielzeug ist nicht zurückverfolgbar. • Erneut anorganisches Öl gefunden; gleiche Sorte wie am ersten Tatort. Erwarten FBI-Bericht. • Erneut Reste von Latex und Make-up sowie Spuren von falschen Fingerkuppen gefunden. • Erneut Alginat gefunden. • Täter hat Ecco-Schuhe zurückgelassen. • Hundehaare dreier verschiedener Rassen an den Schuhen nachgewiesen. Außerdem Kot.
Profil als Illusionist • Täter wird versuchen, Opfer und Polizei zu täuschen. ♦ Physische Täuschung (zur Ablenkung). ♦ Psychologische Täuschung (um Misstrauen zu überwinden). • Flucht in Musikschule verlief analog zu Illusionistennummer »Der Verschwundene«. ♦ Weithin bekannt; nicht zurückverfolgbar. • Täter ist in erster Linie Illusionist. • Täter ist geübter Taschenspieler. • Täter kennt sich mit Verwandlungskunst (Proteuszauber) aus. Kostüme lassen sich herunterreißen, sind aus Nylon 186
oder Seide. Falsche Glatze, Fingerkuppen und andere Latexprothesen. Beliebiges Alter, Geschlecht oder Rasse. • Calverts Tod = Seibits Nummer »Die zersägte Frau«. • Täter ist geübt im Öffnen von Türschlössern (vermutlich »Scheuertechnik«).
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… Dreizehn Im Jahr 1900 lebten in Manhattan mehr als 100 000 Pferde, und da Baugrund auf dieser Insel auch damals schon hoch im Kurs stand, waren viele von ihnen in luftiger Höhe untergebracht – worunter man zu jener Zeit bereits Quartiere im ersten oder zweiten Stock zählte. Einer dieser Ställe existierte immer noch am ursprünglichen Ort, nämlich die berühmte Hammerstead Riding Academy an der Upper West Side. Das 1885 erbaute Gebäude beherbergte mehrere hundert Stellplätze; sein Erdgeschoss bestand aus einer einzigen großen Arena, in der sowohl Shows veranstaltet als auch private Reitstunden erteilt wurden. Auf den ersten Blick mochte eine solche Einrichtung im Manhattan des einundzwanzigsten Jahrhunderts wie ein Anachronismus erscheinen, doch nur wenige Blocks entfernt lagen die gepflegten, zehn Kilometer langen Reitwege des Central Park. In der Reitschule waren derzeit neunzig Tiere untergebracht, einige gehörten privaten Einstellern, andere konnten gemietet werden. Soeben wurde eines der Mietpferde von einer Pflegerin, einem rothaarigen Teenager, von seiner Box über eine steile Rampe nach unten zu einer wartenden Reiterin gebracht. Als Cheryl Marston das langbeinige muntere Tier mit dem gescheckten Appaloosa-Fell sah, verspürte sie das gleiche freudige Hochgefühl wie an jedem Samstag um diese Zeit. 188
»He, Donny Boy«, rief sie das Tier beim Spitznamen, obwohl es eigentlich Don Juan di Middleburg hieß. Ein echter Frauenheld, sagte sie oft. Es war als Scherz gemeint, entbehrte aber nicht einer gewissen Wahrheit: Unter einem männlichen Reiter scheute und wieherte der Hengst und leistete beständig Widerstand, doch bei Marston verhielt er sich lammfromm. »Bis in einer Stunde«, sagte sie zu der Pflegerin, schwang sich auf Donny Boys Rücken, nahm die geschmeidigen Zügel und spürte seine erstaunlichen Muskeln unter sich. Ein leichter Druck auf die Rippen, und schon ging es los. Sie bogen nach Osten auf die Achtundachtzigste Straße ein und hielten gemächlich auf den Central Park zu. Das laute Klappern der beschlagenen Hufe auf dem Asphalt ließ die Leute aufblicken, und so musterten sie nicht nur das prächtige Tier, sondern hoch auf ihm auch die Frau mit dem schmalen, ernsten Gesicht, die mit Reithose, roter Jacke und samtschwarzem Helm bekleidet war, unter dem ein langer blonder geflochtener Zopf hervorschaute. Als sie den Park erreichten, sah Marston kurz nach Süden und erspähte in der Ferne das Bürogebäude in Midtown, wo sie fünfzig Stunden pro Woche als Firmenanwältin arbeitete. Sie hätte sich über ihren Job und all die »supereiligen Projekte«, wie einer ihrer Partner sich mit ärgerlicher Häufigkeit auszudrücken pflegte, nun ohne weiteres den Kopf zerbrechen können, aber nichts dergleichen kam ihr in den Sinn. Das wäre auch gar nicht möglich gewesen, denn es fiel alles von ihr ab, sobald sie hier auf einem von Gottes herrlichsten Geschöpfen saß, die Sonne im Gesicht spürte, den Lehmboden roch und mit Donny Boy über den dunklen Pfad trabte, umgeben von jungen Narzissenblüten, Forsythien und Flieder. 189
Es war der erste schöne Frühlingstag in diesem Jahr. Eine halbe Stunde lang umrundete sie in aller Ruhe das große Wasserreservoir und schwelgte in dem herrlichen Gefühl, eine Verbindung mit einem anderen Wesen eingegangen zu sein, sodass sie einander ergänzten, ein jeder auf eigene Weise kraftvoll und klug. Sie ritt einen kurzen Galopp und fiel wieder in den Trab zurück, als sie die scharfen Wegbiegungen im wenig bevölkerten Nordteil des Parks nahe Harlem erreichte. Alles war friedlich. Bis auf einmal ein Unglück geschah. Sie war sich nicht ganz sicher, wie es dazu kommen konnte. Gerade als sie in langsamem Tempo eine schmale Lücke zwischen zwei Büschen passieren wollte, flatterte eine Taube Donny Boy genau ins Gesicht. Wiehernd hielt er dermaßen abrupt an, dass Marston beinahe abgeworfen wurde. Dann bäumte er sich auf, und sie rutschte fast nach hinten über die Kruppe. Sie packte seine Mähne und die Vorderkante des Sattels, um nicht zweieinhalb Meter auf den felsigen Boden zu stürzen. »Ruhig, Donny«, rief sie und versuchte, seinen Hals zu tätscheln. »Donny Boy – es ist alles in Ordnung. Ruhig!« Dennoch tänzelte er weiterhin panisch auf der Hinterhand umher. Hatte er sich bei dem Zusammenprall am Auge verletzt? Trotz aller Sorge um das Pferd fürchtete Marston auch um ihre eigene Gesundheit. Zu beiden Seiten ragten scharfkantige Steine aus dem unebenen Boden. Falls Donny Boy sich nicht beruhigte, würde er womöglich das Gleichgewicht verlieren und sie unter sich begraben. Nahezu alle schweren Reitunfälle, die Marston im Bekannten190
kreis mitbekommen hatte, waren auf diese Weise entstanden und nicht etwa durch einen einfachen Sturz vom Pferderücken. »Donny!«, stieß sie keuchend hervor. Aber er bäumte sich schon wieder auf und kam auf den Hinterbeinen den Felsen immer näher. »Mein Gott«, rief Marston. »Nein, nein …« Sie merkte, dass sie vollständig die Kontrolle verlor. Donnys Hufe klapperten auf den Steinen, und sie spürte die riesigen Muskeln vor Panik zittern, als der Hengst merkte, wie seine Balance schwand. Er wieherte laut. Ihr Bein würde dutzendfach gebrochen sein. Ihr Brustkorb vielleicht auch. Sie ahnte die Schmerzen bereits. Und sie konnte spüren, welch große Angst er hatte. »O Donny …« Dann tauchte wie aus dem Nichts ein Mann im Jogginganzug zwischen den Büschen auf, starrte mit großen Augen das Pferd an, sprang gleich darauf vor und packte Gebiss und Zaumzeug. »Nein, nicht!«, schrie Marston. »Er dreht durch!« Donny würde dem Mann den Schädel eintreten. »Gehen Sie aus dem …« Aber … was war das? Der Mann achtete nicht auf sie, sondern blickte dem Pferd direkt in die braunen Augen und sagte etwas, das sie nicht verstand. Es war kaum zu glauben, doch der Appaloosa beruhigte sich und stellte die Vorderbeine wieder auf den Boden. Donny Boy blieb nervös und zitterte immer noch – genau wie sie selbst –, aber das Schlimmste schien überstanden 191
zu sein. Der Mann zog den Kopf des Pferdes nach unten zu sich und sprach noch ein paar Worte. Schließlich trat er zurück, schenkte dem Tier ein beifälliges Lächeln und legte den Kopf in den Nacken. »Alles in Ordnung?«, fragte er. »Ich glaube schon.« Marston atmete tief durch und legte sich eine Hand auf die Brust. »Es ist nur … Das alles kam so plötzlich.« »Was war denn los?« »Ein Vogel hat ihn erschreckt. Ist ihm genau ins Gesicht geflogen. Wurde er am Auge getroffen?« Der Mann schaute nach. »Sieht nicht so aus. Vielleicht sollten Sie lieber einen Tierarzt konsultieren, aber ich kann keine Verletzung entdecken.« »Wie haben Sie das geschafft?«, fragte sie. »Sind Sie …?« »Ein Pferdeflüsterer?«, erwiderte er lachend und wandte verlegen den Blick ab. Er schien sich sicherer zu fühlen, wenn er das Pferd ansah. »Nein, überhaupt nicht. Aber ich reite viel. Aus irgendeinem Grund habe ich wohl eine beruhigende Wirkung auf die Tiere.« »Ich dachte schon, er würde stürzen.« Er lächelte zaghaft. »Ich wünschte, mir würde etwas einfallen, um Sie zu beruhigen.« »Was gut für mein Pferd ist, ist auch gut für mich. Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll.« Ein anderer Reiter näherte sich, und der unbekannte Retter führte Donny Boy vom Pfad, um den Braunen passieren zu lassen. Er sah sich das Pferd nun genauer an. »Wie heißt er?« »Don Juan.« 192
»Haben Sie ihn bei Hammerstead gemietet, oder gehört er Ihnen?« »Bei Hammerstead. Aber er kommt mir fast schon wie mein Eigentum vor. Ich reite ihn jede Woche.« »Ich leihe mir dort auch manchmal ein Pferd aus. Was für ein wunderschönes Tier!« Nachdem sie sich nunmehr beruhigt hatte, nahm Marston den Fremden genauer in Augenschein. Er war ein stattlicher Mann Anfang fünfzig mit gestutztem Vollbart und dichten Augenbrauen, die über seiner Nase aneinander stießen. Auf Hals und Brust konnte sie bei ihm schlimme Narben erkennen, und seine linke Hand war deformiert. Doch in Anbetracht seiner wichtigsten Eigenschaft spielte all das keine Rolle: Er mochte Pferde. Cheryl Marston, achtunddreißig und seit vier Jahren geschieden, begriff plötzlich, dass sie und der Fremde sich gegenseitig einzuschätzen versuchten. Er lachte leise auf und sah zur Seite. »Ich hab …« Seine Stimme erstarb, und er überbrückte die Stille, indem er Donny Boys bebende Schulter tätschelte. Marston zog eine Augenbraue hoch. »Was denn?«, ermutigte sie ihn. »Na ja, bevor Sie gleich in den Sonnenuntergang reiten und wir uns vielleicht nie wiedersehen …« Er nahm allen Mut zusammen, »…da hab ich mich gefragt, ob es wohl ungehörig wäre, Sie zu einer Tasse Kaffee einzuladen.« »Ganz und gar nicht«, erwiderte sie. Seine offene Art gefiel ihr. Aber auch er sollte von vornherein etwas über sie wissen. »Ich beende erst noch meine Stunde«, sagte sie. »Es sind noch ungefähr zwanzig Minuten … und ich möchte das Pferd weiter beruhigen. Haben Sie so viel Zeit?« 193
»Zwanzig Minuten sind perfekt. Ich hole Sie am Stall ab.« »Gut«, sagte Cheryl. »Ach, eines würde ich gern wissen: Reiten Sie mit englischem oder Westernsattel?« »Meistens auf dem blanken Pferderücken. Ich hab das mal beruflich gemacht.« »Wirklich? Wo denn?« »Ob Sie’s glauben oder nicht, ich war früher Zirkusreiter«, antwortete er schüchtern.
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… Vierzehn Coopers Computer gab einen leisen Klingelton von sich, was bedeutete, dass eine E-Mail eingetroffen war. »Post von unseren Freunden an der Neunten und Pennsylvania.« Er entschlüsselte die Nachricht aus dem FBI-Labor. »Das Ergebnis der Ölanalyse. Es ist ein kommerziell vertriebenes Produkt. Der Markenname lautet Tack-Pure. Ein Lederpflegemittel, hauptsächlich für Reiterbedarf, also Sättel, Zügel, lederne Futterbeutel und so weiter.« Pferde … Rhyme ließ den Storm Arrow herumwirbeln und sah auf die Wandtafel. »Nein, nein, nein …« »Was denn?«, fragte Sachs. »Der Kot an den Schuhen des Hexers.« »Was ist damit?« »Er stammt nicht von Hunden, sondern von Pferden! Sieh dir die Pflanzenreste an. Woran, zum Teufel, habe ich nur gedacht? Hunde sind Fleischfresser. Gras und Heu interessiert sie nicht … Also gut, lasst uns nachdenken. Der Schmutz und die Erde und das andere Zeug haben auf den Central Park hingedeutet. Und die Haare … Kennt ihr den Hundehügel? Der liegt ebenfalls im Park.« »Gleich auf der anderen Straßenseite«, sagte Sellitto und deutete zum Fenster hinaus. »Da gehen doch alle mit ihren Kläffern spazieren.« 195
»Kara, hat der Cirque Fantastique Pferde?«, fragte Rhyme barsch. »Nein«, sagte sie. »Es gibt dort überhaupt keine Tiernummern.« »Okay, damit fällt der Zirkus weg … Was könnte unser Täter sonst noch vorhaben? Unmittelbar am Hundehügel führt der Reitweg vorbei, richtig? Es klingt weit hergeholt, aber eventuell reitet er selbst oder hat Reiter ausgespäht. Einer von denen könnte zur Zielperson werden. Das muss nicht unbedingt sein nächstes Opfer sein, aber lasst uns trotzdem vorerst davon ausgehen, denn es ist unsere einzige solide Spur.« »Es gibt doch hier in der Gegend einen Stall, nicht wahr?«, fragte Sellitto. »Ja, der ist mir auch schon aufgefallen«, sagte Sachs. »Irgendwo in den achtziger Straßen, glaube ich.« »Findet es heraus«, rief Rhyme. »Und schickt sofort ein paar Leute hin.« Sachs sah auf die Uhr. Es war kurz nach halb zwei. »Uns bleiben noch zweieinhalb Stunden bis zum nächsten Opfer.« »Gut«, sagte Sellitto. »Ich werde im Park und am Stall Beobachtungsteams platzieren. Wenn die bis halb drei Position bezogen haben, ist noch genug Zeit übrig.« Dann bemerkte Rhyme, dass Kara die Stirn runzelte. »Was gibt’s?«, fragte er. »Ich bin mir nicht sicher, ob Ihnen tatsächlich so viel Zeit bleibt.« »Warum?« »Wissen Sie noch, was ich Ihnen über Täuschungen erzählt habe?« »Ja.« 196
»Nun, es gibt auch so etwas wie zeitliche Täuschungen. Dabei sollen die Zuschauer glauben, etwas würde zu einem bestimmten Zeitpunkt geschehen, obwohl es in Wahrheit in einem anderen Moment passiert. Beispielsweise könnte ein Illusionist irgendetwas in gleichmäßigen Intervallen tun. Das Publikum wird unweigerlich annehmen, dass was auch immer er da macht nur in diesen gleichmäßigen Intervallen stattfinden kann. Dann jedoch verkürzt der Künstler das Intervall, die Zuschauer geben nicht Acht, und so entgeht ihnen vollständig, was er tut. Man kann eine solche Zeittäuschung vorhersehen, weil der Illusionist das Publikum immer wissen lässt, wie groß das Intervall ist.« »Indem er zum Beispiel die Uhren zertrümmert?«, fragte Sachs. »Genau.« »Demnach glauben Sie nicht, dass wir bis vier Uhr Zeit haben?«, fragte Rhyme. Kara zuckte die Achseln. »Vielleicht doch. Vielleicht hat er geplant, drei Leute alle vier Stunden zu ermorden und dann das vierte Opfer nur eine Stunde später. Ich weiß es nicht.« »Wir wissen hier alle nicht das Geringste«, sagte Rhyme mit Nachdruck. »Was glauben Sie, Kara? Was würden Sie an seiner Stelle tun?« Sie lachte gequält auf, weil er wollte, dass sie sich in einen Mörder versetzte, und musste sichtlich mit sich ringen. »Er weiß, dass Sie inzwischen die Uhren gefunden haben«, sagte sie dann, »und er weiß, dass Sie schlau sind. Er braucht es Ihnen nicht noch ein weiteres Mal einzuhämmern. Wenn ich er wäre, würde ich mir das nächste Opfer vor vier Uhr schnappen. Ich wäre jetzt bereits unterwegs.« 197
»Das reicht mir«, sagte Rhyme. »Vergesst die Beobachtungsteams, und lasst die Tarnung fallen. Lon, ruf Haumann an, und schick die ESU in den Park. Mit vollem Gerät.« »Damit verscheuchen wir ihn womöglich, Linc – falls er sich verkleidet hat und das Gelände selbst beobachtet.« »Ich schätze, das Risiko müssen wir eingehen. Sag der ESU, wir suchen nach … verflucht, wer weiß denn schon, wonach wir suchen? Gib ihnen eine allgemeine Beschreibung, so gut es eben geht.« Fünfzigjähriger Mörder, sechzigjähriger Hauswart, siebzigjährige Frau … Cooper blickte von seinem Computer auf. »Ich hab den Stall gefunden. Die Hammerstead Riding Academy.« Bell, Sellitto und Sachs liefen zur Tür. »Ich will mit«, sagte Kara. »Nein«, sagte Rhyme. »Vielleicht fällt mir etwas auf. Ein Taschenspielertrick oder Kostümwechsel mitten in einer Menschenmenge. Ich könnte das bemerken.« Sie nickte in Richtung der Beamten. »Die anderen würden es übersehen.« »Nein. Es ist zu gefährlich. Keine Zivilisten bei einer taktischen Operation. Das ist die eiserne Regel.« »Regeln sind mir egal«, sagte die junge Frau und beugte sich trotzig vor. »Ich kann von Nutzen sein.« »Kara …« Doch sie brachte ihn zum Verstummen, indem sie kurz zu den Tatortfotos von Tony Calvert und Swetlana Rasnikowa schaute und dann wieder mit kaltem Blick Lincoln Rhyme ansah. Durch diese simple Geste rief sie ihm ins Gedächtnis, dass er es gewesen war, der ihre Hilfe erbeten hatte; dass sie 198
sich nur dank ihm nun in dieser Welt befand und von einer Unschuldigen zu jemandem geworden war, der solche entsetzlichen Bilder ertrug, ohne mit der Wimper zu zucken. »Also gut«, sagte Rhyme und sah dann Sachs an. »Aber bleibt in ihrer Nähe.« Sie war vorsichtig, stellte Malerick fest. So wie es wohl jede Frau gewesen wäre, die in Manhattan gerade einen Mann kennen gelernt hatte, selbst wenn dieser Fremde schüchtern, freundlich und in der Lage war, scheuende Pferde zu beruhigen. Dennoch taute Cheryl Marston spürbar auf und hatte viel Spaß an seinen Geschichten über die Zeit als Zirkusreiter. Natürlich schmückte er die Einzelheiten beträchtlich aus, um die Frau konstant zu unterhalten und ihren Argwohn zu beschwichtigen. Nachdem die Pflegerin und der bei Hammerstead Dienst habende Tierarzt Donny Boy untersucht und ihm eine gute Gesundheit bescheinigt hatten, waren Malerick und seine nächste ahnungslose Probandin vom Stall zu diesem Restaurant geschlendert, das unweit des Riverside Drive lag. Die Frau plauderte nun fröhlich mit John (Malericks Rolle für dieses Treffen) über ihr Leben in der Stadt und ihre schon früh erwachte Begeisterung für Pferde, über die Tiere, die sie besessen oder geritten hatte, und über ihre Hoffnung, sich irgendwann ein Ferienhaus in Middleburg, Virginia, leisten zu können. Er ließ hin und wieder ein wenig Pferdewissen einfließen – das er entweder aus Cheryls Kommentaren ableitete oder seiner Kenntnis der Zirkus- und Zauberkunstbranche verdankte. Tiere waren seit jeher ein wichtiger Teil seines Berufs. Man hypnotisierte sie, ließ sie verschwinden oder 199
verwandelte sie in eine andere Spezies. Schon im neunzehnten Jahrhundert hatte ein Illusionist einen weithin berühmten Trick entwickelt, bei dem ein Huhn blitzschnell zu einer Ente wurde. (Das Geheimnis dahinter war absolut banal: Es handelte sich von vornherein um eine Ente, die zunächst ein Hühnerkostüm trug.) Früher, als man noch nicht so viel Wert auf Political Correctness legte, gab es beliebte Nummern, bei denen Tiere scheinbar getötet und wieder zum Leben erweckt wurden, wenngleich ihnen nur selten tatsächlich etwas geschah. Immerhin sprach es nicht unbedingt für das Können eines Illusionisten, wenn dieser ein Tier wirklich umbringen musste, um den beabsichtigten Effekt zu erzielen. Und teuer war die Sache außerdem. Für den heutigen Auftritt im Central Park hatte Malerick sich aus dem Fundus von Howard Thurston bedient, einem bekannten Illusionisten des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, der auf Tiernummern spezialisiert gewesen war. Allerdings hätte Malericks Trick nur schwerlich Thurstons Billigung gefunden, denn der berühmte Vorgänger hatte seine Tiere stets wie menschliche Assistenten oder gar als Familienangehörige behandelt. Malerick kannte in dieser Hinsicht keine Skrupel. Er fing von Hand eine Taube, legte sie auf den Rücken und strich so lange gleichmäßig über ihren Hals und die Flanken, bis sie hypnotisiert war – eine Technik, die Zauberkünstler schon seit vielen Jahren nutzten, um den Anschein eines toten Vogels zu erwecken. Als Cheryl Marston sich näherte, schleuderte Malerick die Taube mit Wucht an den Kopf des Pferdes. Donny Boys anschließende Panik und das Aufbäumen wurden jedoch nicht durch den Vogel verursacht, sondern durch einen Ultraschallsender, dessen Fre200
quenz das Gehör des Tiers marterte. Als Malerick zwischen den Büschen hervortrat, um Cheryl zu »retten«, schaltete er den Sender ab, und als er dann das Zaumzeug packte, kam das Pferd bereits von selbst wieder zur Ruhe. Nun im Café ließ die Vorsicht der Reiterin immer mehr nach, denn sie erfuhr, wie viel sie und der Fremde gemeinsam hatten. Zumindest vermeintlich. Die Illusion klappte, weil Malerick mentale Tricks anwendete, was nicht zu seinen ausgeprägtesten Talenten zählte, aber gleichwohl zu passablen Resultaten führte. Natürlich hatte das nichts mit Telepathie zu tun, sondern stellte eine Kombination aus rhetorischen und psychologischen Techniken dar, die Rückschlüsse auf diverse Fakten erlaubten. Im Augenblick konzentrierte Malerick sich vornehmlich auf die Körpersprache seines Gegenübers und registrierte, mit welchen subtilen Veränderungen Cheryls Haltung, Mimik oder Gestik auf seine Bemerkungen reagierte. Manches davon verriet ihm, dass sie in Gedanken abschweifte, anderes, dass er einen wichtigen Punkt getroffen hatte. So erwähnte er beispielsweise eine Bekannte, die kürzlich eine Scheidung durchgemacht habe, und konnte leicht erkennen, dass es Cheryl ebenso ergangen war – und zwar unter großen Schmerzen. Also verzog er das Gesicht und verriet ihr, auch er selbst sei mittlerweile geschieden, denn seine Frau habe ihn betrogen und verlassen. Anfangs sei er am Boden zerstört gewesen, aber langsam gehe es ihm besser. »Ich habe freiwillig auf ein Boot verzichtet, nur um diesen Mistkerl loszuwerden«, sagte sie verbittert. »Ein acht Meter langes Segelboot.« 201
Um Cheryl vorzugaukeln, sie lägen auf gleicher Wellenlänge, setzte Malerick zudem »Barnum-Behauptungen« ein, benannt nach dem großen amerikanischen Zirkusunternehmer. Klinisches Beispiel dafür war ein Hellseher, der die Versuchsperson eindringlich musterte und mit ernster Stimme verkündete: »Ich spüre, dass Sie zwar häufig aus sich herausgehen, im Grunde Ihres Herzens aber oft schüchtern sind.« Was als tiefe Einsicht empfunden wurde, aber eigentlich auf fast jeden Menschen dieser Erde zutraf. Weder Cheryl noch der fiktive John hatten Kinder. Aber alle beide hatten Katzen, geschiedene Eltern und spielten gern Tennis. Was für ein Zufall! Wie gut sie doch zusammenpassten … Es wird langsam Zeit, dachte er. Besonders eilig hatte er es allerdings nicht. Selbst wenn die Polizei inzwischen einige Anhaltspunkte für sein Vorgehen besaß, würde sie mit dem nächsten Mord erst um sechzehn Uhr rechnen; es war gerade mal kurz nach zwei. Sie mögen glauben, dass die Welt der Illusion und die reale Welt sich niemals kreuzen, verehrtes Publikum, aber das stimmt nur bedingt. Mir fällt zu diesem Thema John Mulholland ein, namhafter Zauberkünstler und Redakteur des Fachmagazins The Sphinx, der in den fünfziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts plötzlich seinen vorzeitigen Ruhestand verkündete und sich sowohl von der Bühne als auch aus dem Journalismus zurückzog. Niemand konnte es sich erklären. Dann aber kamen die ersten Gerüchte auf, laut denen er begonnen hatte, für die amerikanischen Geheimdienste zu arbeiten und Spione darin zu unterweisen, wie man jemandem mittels gewisser Techniken auf 202
dermaßen subtile Art Drogen verabreichen konnte, dass sogar der argwöhnischste Kommunist nicht bemerkte, was vor sich ging. Was sehen Sie nun in meinen Händen, verehrtes Publikum? Schauen Sie genau hin. Nichts, richtig? Sie scheinen leer zu sein. Doch wie Sie vermutlich bereits ahnen, verhält es sich anders … Malerick wendete einen von Mulhollands schlichteren Tricks an, nahm mit der linken Hand seinen Löffel und klopfte wie geistesabwesend damit auf den Tisch. Cheryl schaute unwillkürlich hin, nur für den Bruchteil einer Sekunde, aber sie verschaffte Malerick dadurch genug Zeit, Pulver aus einer winzigen Kapsel in ihre Kaffeetasse zu schütten, während er mit der betreffenden Hand nach dem Zucker griff. John Mulholland wäre stolz auf ihn gewesen. Schon kurz darauf konnte Malerick erkennen, dass das Mittel Wirkung zeigte, denn Cheryls Blick schien ein wenig abzuschweifen, und sie schwankte leicht hin und her. Einen Verdacht schöpfte sie nicht. Das war das Gute an Flunitrazepam, dem Wirkstoff des berüchtigten Tranquilizers Rohypnol: Man erkannte nicht, dass man unter Drogen stand. Nicht bis zum nächsten Morgen. Was in Cheryl Marstons Fall ohnehin belanglos sein würde. Er sah sie an und lächelte. »He, soll ich Ihnen mal was Lustiges zeigen?« »Was Lustiges?«, fragte sie schleppend, blinzelte mehrmals und grinste breit. Er bezahlte die Rechnung. »Ich hab mir erst kürzlich ein Boot gekauft«, sagte er dann. 203
Sie lachte verzückt auf. »Ein Boot? Ich liebe Boote. Was für eins?« »Ein Segelboot, zwölf Meter lang. Meine Frau und ich hatten ein ähnliches Modell«, sagte Malerick bekümmert. »Bei der Scheidung wurde es ihr zugesprochen.« »John, nein, Sie machen Scherze!«, rief sie kichernd. »Mein Mann und ich hatten auch eins! Und bei der Scheidung wurde es ihm zugesprochen.« »Wirklich?« Er lachte und stand auf. »He, lassen Sie uns zum Fluss gehen. Sie können es von dort aus sehen.« »Sehr gern.« Sie erhob sich auf unsicheren Beinen und nahm seinen Arm. Er führte sie zur Tür. Die Dosis schien richtig bemessen zu sein. Cheryl war gefügig, würde aber bei Bewusstsein bleiben, bis sie das Gebüsch am Ufer des Hudson erreichten. Sie wandten sich in Richtung Riverside Park. »Haben Sie nicht irgendein Boot erwähnt?«, lallte Cheryl. »Ja.« »Mein Exmann und ich hatten auch mal eins.« »Ich weiß«, sagte Malerick. »Das haben Sie mir schon erzählt.« »Ach, hab ich?« Cheryl lachte. »Warten Sie kurz«, sagte er. »Ich muss etwas holen.« Er blieb bei seinem Wagen stehen, einem gestohlenen Mazda, nahm eine schwere Sporttasche von der Rückbank und schloss die Tür wieder ab. Etwas in der Tasche klirrte laut und metallisch. Cheryl schaute hin und öffnete den Mund, schien dann aber zu vergessen, was sie sagen wollte. »Hier entlang.« Malerick führte sie zum Ende der Querstraße, auf einer Fußgängerbrücke über den Parkway und 204
hinunter zu einem unübersichtlichen und menschenleeren Uferstreifen. Dort machte er sich von ihrer Hand los und legte ihr stattdessen einen Arm um die Schultern und unter die Achsel. Seine Finger streiften Cheryls Brust, während ihr Kopf sich bei ihm anlehnte. »Sehen Sie«, sagte sie und deutete mit wankender Hand auf den Hudson, wo Dutzende von Segelbooten und Kabinenkreuzern über das funkelnde dunkelblaue Wasser glitten. »Mein Boot liegt da unten«, sagte Malerick. »Ich mag Boote.« »Ich auch«, sagte er leise. »Wirklich?«, fragte sie und lachte. Dann fügte sie flüsternd hinzu, dass – wie überraschend – auch sie und ihr Exmann früher ein Boot besessen hätten. Leider sei es bei der Scheidung ihm zugesprochen worden.
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… Fünfzehn Die Reitschule war ein Teil des alten New York. Amelia Sachs stieg ein durchdringender Stallgeruch in die Nase, und durch den überwölbten Torweg konnte sie im Innern des mit Holz ausgekleideten alten Gebäudes die Pferde und ihre Reiter sehen. Mit den beigefarbenen Hosen, den schwarzen oder roten Reitjacken und den samtenen Helmen strahlten die Leute eine gewisse Würde aus. Vor und in der Eingangshalle stand ein halbes Dutzend uniformierter Beamter vom nahen Zwanzigsten Revier. Lon Sellitto hatte mit einer Vielzahl weiterer Kollegen im Park Position bezogen und hielt im Umkreis der Reitwege nach dem geheimnisvollen Täter Ausschau. Sachs und Bell betraten das Büro, und der Detective zeigte der Frau hinter dem Tresen seine goldene Dienstmarke. Sie schaute an ihm vorbei zu den Polizisten am Eingang. »Ja?«, fragte sie besorgt. »Gibt es ein Problem?« »Ma’am, werden bei Ihnen die Sättel und andere Ledergegenstände mit Tack-Pure behandelt?« Sie warf einem ihrer Mitarbeiter einen kurzen Blick zu. Der Mann nickte. »Ja, Sir, das ist richtig. Wir benutzen es häufig.« »Wir haben heute am Schauplatz eines Mordes Spuren dieses Mittels und Reste von Pferdekot gefunden«, fuhr Bell fort. »Es könnte sein, dass der Täter entweder bei Ihnen ar206
beitet oder jemandem hier nachspioniert – einem Angestellten oder einem Reiter.« »Nein! Wem denn?« »Tut mir Leid, wir sind uns in diesem Punkt nicht sicher. Und wir wissen auch nicht genau, wie der Verdächtige aussieht. Er dürfte von mittlerer Statur sein. Etwa fünfzig Jahre alt. Weiß. Eventuell trägt er einen Bart und hat braune Haare, aber das ist ebenfalls nicht gesichert. Die Finger seiner linken Hand sind womöglich deformiert. Wir möchten Sie bitten, Ihre Angestellten und die derzeit erreichbaren Stammkunden zu befragen, ob sie jemanden gesehen haben, auf den die Beschreibung zutrifft. Oder ob ihnen irgendetwas verdächtig vorgekommen ist.« »Natürlich«, sagte sie zögernd. »Ich werde tun, was ich kann.« Bell nahm einige der Uniformierten mit und ging durch das alte Tor in die mit Sägemehl ausgestreute, stechend riechende Reithalle. »Wir sehen uns ein wenig um«, rief er Sachs zu. Sie nickte und blickte zum Fenster hinaus zu Kara. Die junge Frau saß in Sellittos zivilem Einsatzfahrzeug, das am Straßenrand direkt neben Sachs’ leuchtend gelbem Camaro geparkt stand. Kara war nicht begeistert gewesen, aber Sachs hatte darauf bestanden, dass sie im Wagen blieb. Robert-Houdin hatte bessere Tricks drauf als die Marabuts. Obwohl sie ihn fast umgebracht haben, wenn ich mich recht entsinne. Keine Angst. Ich sorge schon dafür, dass Ihnen so etwas nicht widerfährt. Es war jetzt genau vierzehn Uhr. Sachs nahm Kontakt mit der Zentrale auf und ließ sich mit Rhymes Anschluss verbin207
den. Wenig später meldete sich der Kriminalist. »Sachs, Lons Teams haben im Central Park bislang nichts entdecken können. Hattet ihr mehr Glück?« »Die Chefin hier befragt soeben das Personal und die Reiter. Roland und seine Leute durchsuchen die Ställe.« Sie sah die Frau mit einigen Angestellten sprechen. Alle runzelten die Stirn und wirkten besorgt. Plötzlich hob ein Mädchen mit rundem Gesicht und roten Haaren erschrocken eine Hand an den Mund und nickte langsam. »Moment mal, Rhyme. Das könnte etwas sein.« Die Chefin winkte Sachs zu sich. »Ich weiß nicht, ob es wichtig ist«, sagte das Mädchen. »Aber da war was.« »Wie heißt du?« »Tracey?« Es klang wie eine Frage. »Ich bin hier Pferdepflegerin.« »Red weiter.« »Okay. Es gibt hier eine Reiterin, die kommt jeden Samstag. Cheryl Marston.« »Immer zur gleichen Zeit?«, rief Rhyme in Sachs’ Ohr. »Frag sie, ob die Frau jede Woche zur gleichen Zeit kommt.« Sachs reichte die Frage weiter. »O ja, allerdings«, sagte das Mädchen. »Man könnte die Uhr nach ihr stellen. Sie kommt schon seit Jahren.« »Leute mit festen Gewohnheiten lassen sich am leichtesten ausrechnen«, stellte der Kriminalist fest. »Sie soll mehr erzählen.« »Und was ist mit ihr, Tracey?« »Heute ist sie von einem Ritt zurückgekommen. Vor ungefähr einer halben Stunde. Und als sie mir Don Juan bringt 208
– das ist ihr Lieblingspferd –, da sollen ich und der Tierarzt ihn uns mal anschauen, weil ihm nämlich ein Vogel ins Gesicht geflogen ist und ihn erschreckt hat. Während wir damit zugange sind, erzählt sie mir von diesem Typen, der zufällig in der Nähe war und Donny beruhigt hat. Wir sagen ihr, das mit Donny alles in Ordnung ist, und sie plappert die ganze Zeit von dem Kerl, blabla, blabla, blabla, wie interessant er doch ist und dass sie ganz aufgeregt ist, weil sie jetzt mit ihm einen Kaffee trinken geht, und dass er ein echter Pferdeflüsterer sein könnte. Ich hab ihn unten gesehen, er hat auf sie gewartet. Und da denk ich, was ist denn bloß mit seiner Hand los? Weil er nämlich irgendwie versucht hat, sie zu verstecken. Es sah aus, als hätte er nur drei Finger.« »Das ist er!«, sagte Sachs. »Weißt du, wohin die beiden gegangen sind?« Sie deutete nach Westen, weg vom Park. »Ich glaube, in diese Richtung. Den genauen Ort hat sie nicht gesagt.« »Sie soll den Mann beschreiben!«, rief Rhyme. Das Mädchen erklärte, er habe einen Bart und merkwürdige Augenbrauen gehabt. »Fast wie zusammengewachsen.« Um ein Gesicht zu verändern, fängt man am besten bei den Augenbrauen an, denn allein dadurch erreicht man schon sechzig oder siebzig Prozent Unterschied. »Und seine Kleidung?«, fragte Sachs. »Anorak, Laufschuhe, Jogginghose.« »Farbe?« »Jacke und Hose waren dunkel. Blau oder schwarz. Sein Shirt hab ich nicht gesehen.« Bell und die anderen kamen zurück. »Das war ein Schuss in den Ofen«, murmelte er. 209
»Aber ich hab eine Spur.« Sachs berichtete kurz von der Reiterin und dem Bärtigen. »Und du bist sicher, dass sie den Mann gerade erst kennen gelernt hatte?«, fragte sie das Mädchen. »Hundertprozentig. Ich kenne Miss Marston jetzt seit einer ganzen Weile, und sie hat mir erzählt, dass sie schon ewig nicht mehr ausgegangen ist. Sie hat kein Vertrauen mehr. Ihr Ex hat sie betrogen, und später bei der Scheidung hat er das Segelboot bekommen. Sie ist deswegen immer noch stinksauer.« Die besten Illusionisten, liebe Freunde, planen den Ablauf und das Tempo ihrer Nummern sorgfältig im Voraus, um die Wirkung des Auftritts so intensiv wie möglich zu gestalten. Die dritte Vorführung des heutigen Tages fing mit einer Tierillusion im Central Park und dem Wunderpferd Donny Boy an. Dann haben wir uns Zeit für ein paar klassische Taschenspielertricks und eine Prise Hellseherei gelassen. Und nun wenden wir uns der Entfesselungskunst zu. Die folgende Nummer gehörte zu den spektakulärsten in Harry Houdinis Repertoire. Er ließ sich fesseln, kopfüber an den Fußgelenken aufhängen und dann in einen schmalen Wassertank eintauchen. Um nicht zu ertrinken, blieben ihm nur wenige Minuten, in denen er den Oberkörper aufrichten, seine Knöchel losmachen und den verschlossenen Deckel der Kammer öffnen musste. Natürlich war der Tank »präpariert«. Die Gitterstäbe, die vermeintlich verhindern sollten, dass er die Scheibe einschlug, dienten ihm als Haltegriffe, um sich zu den Fußgelenken hochzuziehen. Die Schlösser dort und am Deckel der Kammer verfügten über versteckte Hebel und ließen sich problemlos entriegeln. 210
Ich brauche wohl kaum zu betonen, dass wir bei unserer Variante dieser beliebten Nummer auf derlei Hilfsmittel verzichten werden. Unsere Probandin wird ganz auf sich allein gestellt sein. Und ich habe mir gestattet, ein paar Veränderungen vorzunehmen. Selbstverständlich nur zu Ihrer Unterhaltung. Und nun, in Anlehnung an Mr. Houdini, die Wasserfolterkammer. Malerick, mittlerweile ohne Bart und bekleidet mit khakifarbener Baumwollhose und weißem Anzughemd über einem ebenfalls weißen T-Shirt, wickelte die Ketten fest um Cheryl Marstons Fußgelenke und dann um ihre Brust und Arme. Er hielt inne und schaute sich um, aber das dichte Gebüsch schirmte sie sowohl zur Straße als auch zum Fluss hin ab. Sie befanden sich am Ufer des Hudson River in einer winzigen Bucht, die früher offenbar als Anleger für Beiboote gedient hatte. Im Laufe der Jahre war durch angeschwemmte Erde und Treibgut die Einfahrt versandet und hatte diesen stinkenden Pfuhl von etwa drei Metern Durchmesser geschaffen. Auf einer Seite stand ein verrotteter Steg mit einem rostigen Kran, der einst dazu benutzt worden war, Boote aus dem Wasser zu hieven. Malerick warf nun ein Seil über den Ausleger, fing das Ende ein und knotete es an Cheryls Fußkette fest. Entfesselungskünstler liebten Ketten. Sie sahen beeindruckend aus, verströmten ein wunderbar sadistisches Flair und wirkten nachhaltiger als Seidentücher oder Seile. Außerdem waren sie schwer also genau das Richtige, um einen gefesselten Probanden unter Wasser zu halten. »Nein, nein, neiiin«, flüsterte die halb bewusstlose Frau. Er strich ihr über das Haar und musterte die Ketten. 211
Schlicht und stabil. Houdini hatte geschrieben: »Es mag seltsam erscheinen, aber je Aufsehen erregender die Fesselung dem Publikum vorkommt, desto weniger kompliziert läuft die Befreiung letztlich ab.« Malerick wusste aus Erfahrung, dass dies stimmte. Dramatisch wirkende dicke Taue und massive Ketten, die unzählige Male um den Körper des Illusionisten geschlungen wurden, ließen sich leicht abstreifen. Schmucklose Fesseln und gewöhnliche Schlösser waren viel schwieriger zu bewältigen. Wie diese hier zum Beispiel. »Neiiin«, stöhnte sie mühsam. »Das tut weh. Bitte!… Was machen Sie …?« Malerick verschloss ihr den Mund mit einem Streifen Isolierband. Dann atmete er tief durch, packte mit festem Griff das Seilende und zog es zu sich herunter. Die Füße der wimmernden Anwältin wurden angehoben, und sie rutschte langsam auf das brackige Wasser zu. Auf dem großen zentralen Platz des West Side College, gelegen zwischen Neunundsiebzigster und Achtzigster Straße, fand an diesem herrlichen Frühlingsnachmittag ein gut besuchter Kunstgewerbemarkt statt. Der Andrang dort war dermaßen groß, dass man den Mörder und sein Opfer unmöglich würde entdecken können. In den Restaurants und Cafés der Gegend saßen Scharen von Leuten und eventuell auch der Hexer und Cheryl Marston. In genau diesem Moment schlug er ihr vielleicht vor, mit dem Wagen einen kleinen Ausflug zu unternehmen oder kurz bei ihr zu Hause vorbeizuschauen. Und zwischen den zahlreichen Häuserblocks verliefen 212
mindestens fünfzig dunkle Seitengassen, die sich perfekt für einen Mord eigneten. Sachs, Bell und Kara liefen die Straßen entlang und suchten den Markt, die Restaurants und die Gassen ab. Sie sahen in jeden Winkel, der ihnen einfiel, aber sie fanden nichts. Dann, nach einer endlos scheinenden Weile, stießen sie auf eine Spur. Die beiden Cops und Kara betraten Ely’s Coffee Shop in der Nähe des Riverside Drive und ließen ihre Blicke über die Menge schweifen. Sachs packte Bell am Arm und deutete zur Kasse. Dort auf dem Tresen lagen ein schwarzer Reithelm und eine fleckige Lederpeitsche. Sachs lief zum Geschäftsführer, einem dunkelhäutigen Araber. »Hat eine Frau diese Sachen hier vergessen?« »Ja, vor zehn Minuten. Sie …« »War ein Mann bei ihr?« »Ja.« »Bart und Jogginganzug?« »Genau. Sie hat den Helm und die Reitgerte unter dem Tisch Hegen gelassen.« »Wissen Sie, wohin die beiden gegangen sind?«, fragte Bell. »Was ist denn los? Gibt es …« »Wohin?«, drängte Sachs. »Schon gut, ich habe zufällig gehört, wie er sagte, er wolle ihr sein Boot zeigen. Aber ich hoffe, er hat sie nach Hause gebracht.« »Wie meinen Sie das?«, fragte Sachs. »Die Frau war krank. Ich schätze, deshalb hat sie auch ihre Sachen vergessen.« 213
»Krank?« »Sie konnte nicht mehr gerade gehen, wenn Sie verstehen, was ich meine. Als wäre sie betrunken, aber die beiden hatten bloß Kaffee. Und als sie hereinkam, war noch alles in Ordnung.« »Er hat sie unter Drogen gesetzt«, flüsterte Sachs ihrem Kollegen zu. »Drogen?«, fragte der Geschäftsführer. »He, was läuft denn hier ab?« »Wo haben die beiden gesessen?«, fragte Sachs. Er deutete auf einen Tisch, an dem nun vier Frauen lautstark plauderten und aßen. »Verzeihung«, entschuldigte Sachs sich bei ihnen und nahm den Bereich schnell in Augenschein. Auf den ersten Blick war weder auf noch unter dem Tisch etwas Ungewöhnliches zu entdecken. »Wir müssen weitersuchen«, sagte sie zu Bell. »Er hat was von einem Boot erzählt, also lassen Sie uns nach Westen gehen. Zum Hudson.« Sachs deutete auf den Tisch, an dem der Hexer und Cheryl gesessen hatten. »Das dort ist ein Tatort – wischen Sie nichts ab. Und setzen Sie die Leute bitte woanders hin«, rief sie und lief hinaus ins blendende Sonnenlicht. Die vier Frauen waren verstummt und starrten ihr mit weit aufgerissenen Augen hinterher.
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… Sechzehn Sie sah ihren Ehemann weinen. Aus lauter Bedauern, weil er »die Ehe beenden« müsse. Die Ehe beenden. Es klang wie »den Müll runterbringen«. Mit dem Hund Gassi gehen. Es war unsere Ehe, verdammt noch mal, nicht irgendein Ding! Aber Roy empfand es nicht so. Roy wollte lieber mit einer pummeligen stellvertretenden Aktienanalystin zusammen sein, und damit war das Thema erledigt. Ein weiterer Schwall übel riechenden, schlammigen Wassers schoss ihr in die Nase. Luft, Luft, Luft … Ich brauche Luft! Dann sah Cheryl Marston ihre Eltern bei einem Weihnachtsfest vor mehreren Jahrzehnten. Sie selbst schob soeben schüchtern das Fahrrad zur Tür hinaus, das der Nikolaus ihr vom Nordpol mitgebracht hatte. Sieh nur, Liebling, er hat sogar einen rosafarbenen Helm für dein hübsches kleines Köpfchen beigelegt … »Ahhhhh …« Hustend und würgend kam Cheryl aus dem trüben Wasser des ekelhaften Tümpels zum Vorschein und drehte sich langsam um die Längsachse. Sie war in Ketten gelegt und baumelte an einem Seil kopfüber von einem metallenen Auslegerkran herunter. 215
Ihr Blut sammelte sich im Kopf, und ihre Schläfen pochten. »Aufhören, bitte aufhören!«, wollte sie schreien, doch ihr Mund war zugeklebt. Was war los? Sie erinnerte sich, dass Donny Boy gescheut und jemand ihn beruhigt hatte, ein netter Mann, Kaffee in einem griechischen Restaurant, ein Gespräch, irgendetwas über Boote, dann verschwamm alles und wurde zu dümmlichem Kichern. Dann Ketten. Das schreckliche Wasser. Und nun dieser Mann, der ihr mit freundlicher und neugieriger Miene beim Sterben zuschaute. Wer ist das? Warum macht er das? Warum? Sie drehte sich träge im Kreis, und er konnte ihre flehenden Augen nicht länger sehen. Die verschwommene, auf dem Kopf stehende Küstenlinie New Jerseys rückte in Cheryls Sichtfeld. Es schienen Meilen bis zum anderen Ufer des Hudson zu sein. Dann drehte sie sich wieder zurück, bis sie die Dornensträucher und den Flieder sah. Und ihn. Er erwiderte den Blick, nickte und ließ sie an dem Seil erneut in den abscheulichen Teich hinab. Verzweifelt versuchte Cheryl, den Oberkörper zu heben und von der Wasseroberfläche wegzukommen, als wäre diese kochend heiß. Doch ihr eigenes Gewicht – das Gewicht der Ketten – zog sie nach unten. Sie hielt den Atem an, zerrte an den Fesseln und warf den Kopf hin und her, doch das Metall gab keinen Millimeter nach. Dann war auf einmal Cheryls Ehemann wieder da, saß direkt vor ihr und erklärte, erklärte, erklärte, dass die Scheidung ihr letztlich gut tun würde. Roy hob den Kopf, wischte sich die Krokodilstränen ab und sagte, es sei besser so. Sie 216
würde am Ende glücklicher sein. Und siehe da, er hatte ihr etwas mitgebracht. Roy öffnete eine Tür, und da stand ein glänzendes neues Fahrrad Marke Schwinn. Mit langen Flatterbändern am Lenker, Stützrädern und einem Helm – einem rosafarbenen –, um ihr Köpfchen zu schützen. Cheryl gab auf. Du hast gewonnen, du hast gewonnen. Nimm das verfluchte Boot, nimm deine gottverdammte Geliebte. Lass mich einfach nur gehen, lass mich in Frieden gehen. Sie atmete tief durch die Nase ein, um den tröstlichen Tod in ihre Lunge zu ziehen. »Da!«, rief Amelia Sachs. Sie und Bell rannten über die Fußgängerbrücke auf ein dichtes Gehölz am Ufer des Hudson River zu. Dort stand ein Mann auf einem verfallenen Steg – offenbar eine ehemalige Anlegestelle, deren Einfahrt versandet war. Das Gebiet war zugewuchert, voller Abfall und stank nach abgestandenem Wasser. Der Mann in khakifarbener Hose und weißem Hemd hielt ein Seil, das über einen kleinen rostigen Auslegerkran verlief und dessen anderes Ende unter der Wasseroberfläche verschwand. »He, Sie da!«, rief Bell. Er hatte braunes Haar, ja, aber die Kleidung war anders. Kein Bart. Und die Augenbrauen wirkten auch nicht besonders buschig. Seine linke Hand konnte Sachs nicht erkennen. Na, wenn schon! Der Hexer konnte ein Mann oder eine Frau sein. Der Hexer konnte unsichtbar werden. Als sie näher kamen, blickte er sichtlich erleichtert auf. 217
»Hier!«, schrie er. »Helfen Sie mir! Hier drüben! Da ist eine Frau im Wasser!« Bell und Sachs ließen Kara an der Überführung zurück und liefen zwischen den Büschen hindurch zu dem Brackwassertümpel. »Trauen Sie ihm nicht«, rief Amelia ihrem Kollegen keuchend zu. »Keine Angst, Sachs.« Der Mann zog fester, woraufhin Füße und dann Beine in beigefarbenen Hosen aus dem Wasser auftauchten, gefolgt von einem weiblichen Körper. Sie war mit einer Kette umwickelt. O mein Gott, die arme Frau!, dachte Sachs. Bitte lass sie noch am Leben sein. Sie waren fast da. Bell forderte über Funk Verstärkung und einen Krankenwagen an. Auf der Ostseite der Fußgängerbrücke blieben immer mehr Passanten stehen und verfolgten neugierig, was dort unten vor sich ging. »Helfen Sie mir! Ich kann sie nicht allein hochziehen!«, rief der Retter Bell und Sachs zu. Vor lauter Anstrengung kamen ihm die Worte nur keuchend über die Lippen. »Dieser Mann, er hat sie festgebunden und ins Wasser gestoßen. Er wollte sie umbringen!« Sachs zog ihre Waffe und richtete sie auf den Fremden. »He, was machen Sie da?«, fragte er erschrocken. »Ich versuche, die Frau zu retten!« Er sah auf das Mobiltelefon an seinem Gürtel. »Ich bin derjenige, der die Polizei verständigt hat.« Sie konnte seine linke Hand noch immer nicht erkennen; er hielt sie mit der Rechten umschlossen. »Lassen Sie das Seil nicht los, Sir«, sagte Sachs. »Ich will Ihre Hände sehen.« 218
»Ich hab nichts getan!« Er atmete merkwürdig pfeifend. Vielleicht litt er an Asthma. Bell achtete darauf, nicht in Amelias Schusslinie zu laufen, packte den Ausleger und schwang ihn in Richtung des schlammigen Ufers. Als die Frau in Reichweite kam, zog er sie zu sich heran, und der Fremde ließ langsam das Seil durch seine Hände gleiten, bis sie am Boden lag. Sie regte sich nicht, und ihr Gesicht war blau angelaufen. Der Detective zog ihr den Klebestreifen vom Mund, löste das Seil von den Ketten und fing mit der Wiederbelebung an. »Ist jemand von Ihnen Arzt?«, rief Sachs dem Dutzend Schaulustiger zu. Niemand meldete sich. Sie blickte zurück zu dem Opfer und sah, dass es sich bewegte … Dann fing die Frau an zu würgen und spuckte Wasser. Ja! Sie hatten sie rechtzeitig erreicht. Noch eine Minute – und Cheryl Marston würde die Identität des Mannes bestätigen können. Dann bemerkte Sachs jenseits des Schauplatzes ein Stück glänzenden dunkelblauen Stoff, anscheinend mit Reißverschluss und Ärmeln. War das die Windjacke, die der Täter abgelegt hatte? Der Fremde folgte ihrem Blick und sah den Gegenstand ebenfalls. Gab es eine Reaktion bei ihm, ein leichtes Zucken? Sachs hatte den Eindruck, aber sie war sich nicht sicher. »Sir«, sagte sie mit fester Stimme, »bis zur Klärung des Sachverhalts muss ich Ihnen leider Handschellen anlegen. Bitte strecken Sie …« »He, Lady, Achtung!«, rief plötzlich jemand voller Panik. »Der Jogger – da, rechts! Er hat ’ne Kanone!« Die Leute schrien und ließen sich zu Boden fallen. Sachs 219
ging blitzschnell in die Knie, wirbelte nach rechts und suchte den Angreifer. »Roland, aufpassen!« Bell hatte neben dem Opfer seine SIG in Anschlag genommen und sah in die gleiche Richtung wie Sachs. Aber Amelia konnte niemanden in einem Jogginganzug entdecken. O nein, dachte sie. Nein! Sie war wütend auf sich selbst und begriff, was gerade geschehen war – er hatte die Stimme selbst nachgemacht. Ein Bauchredner. Als sie sich umwandte, blitzte in der Hand des Retters ein gleißender Feuerball auf, blieb in der Luft schweben und blendete sie. »Amelia!«, rief Bell. »Ich kann nichts sehen! Wo ist er?« »Keine Ah…« Aus Richtung des Hexers peitschten mehrere schnelle Schüsse auf. Die Schaulustigen flohen in Panik, und Sachs visierte die Richtung an, aus der das Geräusch kam. Bell tat es ihr gleich. Mit zusammengekniffenen Augen suchten sie nach einem Ziel, doch als sie wieder alles erkennen konnten, war der Mörder nicht mehr da. Ihre Waffen zielten auf ein paar dünne Rauchschwaden – die Überreste der gezündeten Knallkörper. Dann erblickte Sachs den Hexer in östlicher Richtung auf der anderen Seite des Parkway. Er wollte die Straße hinunterlaufen, sah aber einen Streifenwagen mit Blaulicht und heulender Sirene auf sich zukommen, also sprang er die breiten Stufen zum College hinauf und verschwand im Gedränge des Kunstgewerbemarkts wie eine Mokassinschlange im hohen Gras.
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… Siebzehn Sie waren überall … Dutzende von Polizisten. Und alle suchten nach ihm. Durch den Sprint war er völlig außer Atem, seine Lunge schmerzte, und das Seitenstechen brachte ihn fast um. Erschöpft lehnte Malerick sich gegen die kühle Kalksteinwand eines der Unterrichtsgebäude. Vor ihm auf dem großen Platz fand eine Art Kunstmarkt mit unzähligen Besuchern statt. Er schaute zurück nach Westen, in die Richtung, aus der er gekommen war. Die Polizei hatte dort bereits alles abgeriegelt. Der Norden und Süden des Platzes wurden von hohen Betonbauten eingenommen. Die Fenster waren verriegelt, und es gab keine Türen. Der einzige Ausgang lag im Osten, auf der anderen Seite des fußballplatzgroßen Geländes voller Verkaufsstände und dichter Menschenmengen. Er machte sich auf den Weg, aber er beeilte sich nicht. Als Illusionist wusste er, dass hastige Bewegungen Aufmerksamkeit erregten. Wer langsam war, wurde unsichtbar. Er besichtigte die angebotenen Waren, nickte beifällig einem Straßenmusikanten zu, lachte über einen Clown, der Ballons verkaufte. Er tat, was alle anderen taten. Denn Abweichungen erregten Aufmerksamkeit. Wer sich wie die anderen verhielt, wurde unsichtbar. 221
Und so kam er weiter nach Osten. Unterdessen fragte er sich, wie die Polizei ihn wohl ausfindig gemacht hatte. Natürlich wäre die Leiche der ertrunkenen Anwältin irgendwann im Laufe des Tages gefunden worden. Aber sie waren zu schnell gewesen – beinahe als hätten sie vorhergesehen, dass er jemanden in diesem Teil der Stadt entführen würde, womöglich sogar direkt aus der Reitschule. Wie konnte das sein? Weiter nach Osten. Vorbei an den Ständen, vorbei an der Marktleitung, vorbei an einer Dixieland-Kapelle auf einer rot-weiß-blau drapierten Bühne. Vor ihm lag der Ausgang – die östliche Treppe, die vom Platz hinunter zum Broadway führte. Nur noch fünfzehn Meter bis zur Freiheit, nur noch zwölf. Zehn … Aber dann sah er die Signallichter. Sie kamen ihm fast so hell vor wie der Blitz der Schießbaumwolle, den er für die Flucht vor der rothaarigen Beamtin genutzt hatte. Insgesamt vier Streifenwagen hielten mit quietschenden Reifen am Fuß der Treppe. Ein halbes Dutzend Uniformierter sprang heraus und bezog dort unten Position. Nahezu gleichzeitig trafen Beamte in Zivil ein, liefen die Stufen empor, mischten sich unter die Menge und nahmen die Männer auf dem Platz in Augenschein. Malerick war umzingelt. Er machte kehrt und hielt auf die Mitte des Marktes zu. Die Beamten in Zivil bewegten sich langsam nach Westen und konzentrierten sich bei ihrer Suche auf bartlose Männer mittleren Alters, die helle Hemden und gelbbraune Hosen trugen. Genau wie er. 222
Doch außerdem hielten sie Männer mit Barten und anderer Garderobe an. Was bedeutete, dass sie von seinen Verwandlungstricks wussten. Dann sah er, was er befürchtet hatte. Am oberen Ende der Westtreppe tauchte die Polizistin mit dem stählernen Blick und dem feuerroten Haar auf, die ihn schon beim Tümpel verhaften wollte. Sie mischte sich unter die Leute. Malerick drehte sich zur Seite, senkte den Kopf und betrachtete eine ziemlich hässliche Keramikskulptur. Was tun?, überlegte er verzweifelt. Unter seiner gegenwärtigen Kleidung trug er noch genau ein Kostüm. Es war seine letzte Reserve. Die rothaarige Beamtin erspähte jemanden, der in Statur und Aussehen Malerick ähnelte, und musterte ihn prüfend. Dann wandte sie sich ab und ließ den Blick wieder über die Menge schweifen. Nun kam auch der athletische braunhaarige Cop, der Cheryl Marston wiederbelebt hatte, die Stufen hinauf und gesellte sich zu seiner Kollegin. Sie besprachen sich kurz. Bei ihm war noch eine andere Frau – und sie sah nicht nach einer Polizistin aus. Sie war recht zierlich, hatte leuchtend blaue Augen und kurzes rotlich lilafarbenes Haar. Nach einem schnellen Rundblick flüsterte sie der Beamtin etwas zu. Die Rothaarige machte sich daraufhin allein auf den Weg, während die Kleine bei dem Mann blieb und sich mit ihm in einer anderen Richtung durch die Menge vorarbeitete. Malerick wusste, dass man ihn früher oder später entdecken würde. Es musste ihm gelingen, so schnell wie möglich von hier zu verschwinden, bevor noch mehr Cops eintrafen. Er ging zu den Toiletten, betrat eines der transportablen 223
Kunststoffhäuschen und änderte sein Erscheinungsbild. Dreißig Sekunden später kam er wieder zum Vorschein und hielt einer älteren Dame höflich die Tür der Kabine auf. Die Frau zögerte und wandte sich dann ab. Offenbar war es ihr unangenehm, ein WC zu benutzen, auf dem sich unmittelbar vor ihr ein bezopfter Biker erleichtert hatte, der eine dreckige schwarze Jeans, eine Baseballmütze der Firma Pennzoil und über dem Bierbauch ein schmieriges langärmliges Denimhemd mit Harley-Davidson-Aufdruck trug. Er schnappte sich eine Zeitung, rollte sie zusammen und nahm sie in die linke Hand, um seine Finger zu verbergen. Dann bewegte er sich von neuem in Richtung Osten und interessierte sich dabei anscheinend für all die Glasmalereien, die Krüge und Schalen, handgefertigten Spielzeuge, Kristallwaren und CDs. Einer der Polizisten sah ihn direkt an, aber nur für einen kurzen Moment. Malerick erreichte das Ende des Platzes. Die Treppe hinunter zum Broadway war etwa fünfundzwanzig Meter breit und von den Uniformierten weitgehend abgeriegelt worden. Jeder Erwachsene, der den Bereich verlassen wollte, wurde angehalten und musste sich ausweisen. Malerick sah den Detective und die Frau mit den lilafarbenen Haaren beim Stand der Marktleitung stehen. Sie flüsterte dem Mann etwas ins Ohr. Hatte sie ihn bemerkt? Schlagartig kochte unbändige Wut in Malerick hoch. Er hatte die Vorstellung so sorgfältig geplant – jede Nummer, jeder einzelne Trick war genau auf das morgige Finale abgestimmt. Dieses Wochenende sollte zur perfektesten aller jemals aufgeführten Illusionen werden. Und nun geriet alles ins Wanken. Er dachte daran, wie enttäuscht sein Mentor sein 224
würde. Und zudem blamierte er sich vor seinem verehrten Publikum … Seine Hand, die derzeit ein kleines Ölgemälde der Freiheitsstatue hielt, fing unwillkürlich an zu zittern. Das kann ich nicht zulassen!, schoss es ihm durch den Kopf. Er legte das Bild zurück und drehte sich um. Doch noch im selben Moment erstarrte er und keuchte leise auf. Die rothaarige Polizistin stand nur ein kurzes Stück von ihm entfernt und schaute gerade in eine andere Richtung. Schnell wandte er seine Aufmerksamkeit einer Schmuckauslage zu und fragte den Verkäufer mit breitem Brooklyner Akzent, wie viel denn wohl ein Paar Ohrringe kostete. Aus dem Augenwinkel verfolgte er, wie der Blick der Polizistin ihn beiläufig streifte. Die Frau erkannte ihn nicht und setzte gleich darauf einen Funkspruch ab. »Hier Einheit Fünf Acht Acht Fünf. Bitte verbinden Sie mich mit dem Festnetzanschluss von Lincoln Rhyme.« Ein paar Sekunden vergingen. »Wir sind auf dem Markt, Rhyme. Er muss hier irgendwo sein … Die Ausgänge wurden schnell genug abgeriegelt. Wir werden ihn finden, selbst wenn wir dazu jeden einzelnen Besucher filzen müssen.« Malerick tauchte in der Menge unter. Wie sahen seine Optionen aus? Eine Täuschung – das schien die einzige Lösung zu sein. Er musste die Polizei irgendwie ablenken, nur für die fünf Sekunden, die er benötigte, um durch die Absperrung zu schlüpfen und zwischen den Passanten auf dem Broadway zu verschwinden. Aber was genau sollte er tun? 225
Er hatte keine Knallkörper mehr bei sich, um damit Schüsse vorzutäuschen. Sollte er eine der Buden anzünden? Nein, das würde nicht die Art von Panik auslösen, die er jetzt brauchte. Wiederum packten ihn Wut und Angst. Dann jedoch fiel ihm ein, was sein Mentor vor vielen Jahren zu ihm gesagt hatte, nachdem ihm auf der Bühne ein Fehler unterlaufen und die Nummer dadurch beinahe ruiniert worden war. Im Anschluss an die Vorstellung hatte der dämonische bärtige Illusionist den Jugendlichen, der verschämt zu Boden blickte und fast in Tränen ausbrach, beiseite genommen und ihn gefragt: »Was ist eine Illusion?« »Wissenschaft und Logik«, hatte Malerick sofort geantwortet. (Der Mentor pflegte seinen Mitarbeitern Hunderte solcher Leitsätze einzuprägen.) »Wissenschaft und Logik, ganz recht. Falls es zu einer Panne kommt – ob nun durch dich selbst, deinen Assistenten oder durch Gott höchstpersönlich –, nutze Wissenschaft und Logik, um sofort wieder die Initiative zu ergreifen. Zwischen dem Fehler und deiner Reaktion sollte nicht einmal eine Sekunde vergehen. Sei kühn. Reagiere auf dein Publikum. Verwandle die Katastrophe in Applaus.« Als Malerick sich dies nun vergegenwärtigte, wurde er ganz ruhig. Er hob den Kopf, schaute sich um und erwog, was zu tun war. Sei kühn. Reagiere auf dein Publikum. Verwandle die Katastrophe in Applaus. Sachs nahm die Leute in ihrer Umgebung ein weiteres Mal in Augenschein – eine Mutter und ein Vater mit zwei gelang226
weilten Kindern, ein älteres Ehepaar, ein Biker mit HarleyHemd, zwei junge Europäerinnen, die mit einem Verkäufer wegen ein paar Schmuckstücken feilschten. Ein Stück entfernt sah sie Bell neben dem Stand der Marktleitung stehen. Doch wo steckte Kara? Die junge Frau sollte eigentlich bei einem von ihnen bleiben. Sachs wollte dem Detective zuwinken, aber eine Menschentraube schob sich dazwischen und blockierte die Sicht. Amelia ging in seine Richtung und hielt dabei unablässig nach allen Seiten Ausschau. Ihr wurde klar, dass sie genauso beunruhigt war wie am Morgen in der Musikschule, obwohl der Platz hier bei blauem Himmel und strahlendem Sonnenschein alles andere als bedrückend wirkte. Gruselig … Sie wusste, woran es lag. Am Draht, wie die Polizisten es zu nennen pflegten. Wenn man zu Fuß auf Streife unterwegs war, hatte man entweder einen Draht zu der jeweiligen Gegend oder nicht. Es ging nicht bloß darum, die Anwohner und die Örtlichkeiten zu kennen; man musste spüren, wie die Leute strukturiert waren, mit welcher Art von Tätern man zu rechnen hatte, wie gefährlich sie sein würden und was ihren Opfern drohte – oder einem selbst. Falls man keinen Draht zu dem betreffenden Viertel fand, konnte man sich die Arbeit dort von vornherein schenken. Und zu dem Hexer, so erkannte Sachs nun, hatte sie nicht den geringsten Draht. Er saß vielleicht schon längst in der Linie Neun und fuhr Richtung Downtown. Oder er stand einen Meter neben ihr. Sie wusste es einfach nicht. Genau in diesem Moment ging jemand dicht hinter ihr 227
vorbei, und sie spürte einen Atemzug oder den Lufthauch eines Kleidungsstücks im Nacken. Zitternd vor Schreck fuhr sie herum und legte die Hand auf den Kolben der Waffe – sie hatte nicht vergessen, wie leicht es Kara gefallen war, sie abzulenken und nach ihrer Pistole zu greifen. In ihrer unmittelbaren Umgebung hielten sich fünf oder sechs Leute auf, aber keiner davon nahe genug, um als Verursacher in Betracht zu kommen. Oder doch nicht? Ein Mann entfernte sich von ihr. Er humpelte. Das konnte nicht der Hexer sein. Oder doch? Immerhin war der Hexer in der Lage, binnen weniger Sekunden die Identität zu wechseln, oder? Und die anderen? Das ältere Ehepaar, der Biker mit dem Pferdeschwanz, drei Teenager, ein massiger Mann in der Montur der Stadtwerke: Sachs tappte vollständig im Dunkeln. Sie war frustriert und voller Sorge. Kein Draht … Und plötzlich schrie eine Frau auf. »Da! Seht!«, rief jemand. »Mein Gott, sie ist verletzt.« Sachs zog die Waffe und lief zu der Menschenansammlung, die sich blitzschnell gebildet hatte. »Holt einen Arzt!« »Was ist denn da los?« »O Gott, sieh nicht hin, Liebling!« Immer mehr Leute strömten am östlichen Rand des Platzes in der Nähe der Marktleitung zusammen. Bestürzt starrten sie auf die Person, die dort am Boden lag. Sachs hob ihr Funkgerät an die Lippen, um einen Kran228
kenwagen zu rufen, und drängte sich durch die Menge. »Lassen Sie mich vorbei, lassen Sie …« Sie erreichte die vorderste Reihe der Schaulustigen und keuchte auf. »Nein«, flüsterte sie und erschauderte vor Entsetzen. Dort auf dem Pflaster lag das nächste Opfer des Hexers. Es war Kara. Blut bedeckte ihr dunkelviolettes Oberteil und bildete eine Lache. Ihr Kopf war nach hinten geneigt, und der Blick ihrer reglosen toten Augen verlor sich im blauen Nachmittagshimmel.
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… Achtzehn Sachs schlug sich wie betäubt eine Hand vor den Mund. O Gott, nein … Robert-Houdini hatte bessere Tricks drauf als die Marabuts. Obwohl sie ihn fast umgebracht haben, wenn ich mich recht entsinne. Keine Angst. Ich sorge schon dafür, dass Ihnen so etwas nicht widerfährt … Doch das hatte sie nicht. Sie war so sehr auf den Hexer fixiert gewesen, dass sie das Mädchen vernachlässigt hatte. Nein, nein, Rhyme, manche der Toten kann man nicht vergessen. Diese Tragödie würde ihr bis in alle Ewigkeit zu schaffen machen. Aber dann dachte sie: Es wird noch ausreichend Gelegenheit zur Trauer geben. Auch für die Schuldgefühle und Konsequenzen. Jetzt aber fang gefälligst an, wie ein verdammter Cop zu denken. Der Hexer ist in der Nähe. Und er wird nicht entkommen. Das hier ist ein Tatort, und du weißt, was zu tun ist. Erstens. Die Fluchtwege abriegeln. Zweitens. Den Tatort absperren. Drittens. Zeugen ausfindig machen, abschirmen und befragen. Sie winkte zwei Streifenbeamte heran, um einen Teil dieser Aufgaben zu delegieren, doch gerade als sie den Mund aufmachen wollte, erklang eine Stimme aus ihrem Funkgerät. 230
»Wagen Vier Sieben an alle verfügbaren Einsatzkräfte im Umfeld des Zehn-vierundzwanzig am Fluss. Verdächtiger hat soeben Sperre am östlichen Ende des Marktes durchbrochen. Befindet sich jetzt zu Fuß in nördlicher Richtung auf der West End, Nähe Einundachtzigste … Bekleidet mit Jeans, blauem Hemd mit Harley-Davidson-Logo und schwarzer Baseballmütze. Dunkle Haare und Zopf. Waffen kann ich nicht entdecken … Er taucht in der Menge unter … Brauche dringend Unterstützung.« Der Biker! Er hatte also erneut das Kostüm gewechselt und zur Ablenkung Kara erstochen. Dann war er entwischt, als die Beamten zum Schauplatz des Verbrechens liefen. Und ich hatte ihn direkt vor meiner Nase! Mehrere Cops bestätigten per Funk kurz den Empfang der Nachricht und schlossen sich der Verfolgung an, wenngleich der Mörder einen beträchtlichen Vorsprung zu haben schien. Sachs bemerkte Roland Bell, der mit gesenktem Kopf neben Kara stand und stirnrunzelnd dem Funkverkehr lauschte. Sie sahen sich an, und er nickte in Richtung der Treppe. Sachs befahl einem der Streifenbeamten, den Tatort abzusperren, die Gerichtsmedizin zu verständigen und nach Zeugen zu suchen. »Aber …«, wollte der junge Officer protestieren, offenbar weil eine gleichrangige Kollegin ihm Anweisungen erteilte. »Kein Aber«, fiel Sachs ihm ins Wort. Sie hatte keine Lust auf einen Streit darüber, wer von ihnen beiden der Dienstältere war. »Sie können sich ja später bei Ihrem Schichtführer beschweren.« Falls er danach noch etwas sagte, bekam sie es nicht mehr mit. Ungeachtet ihrer schmerzhaften Arthritis eilte sie Ro231
land Bell hinterher und nahm die Verfolgung des Mannes auf, der ihre Freundin ermordet hatte. Er ist schnell. Aber ich bin schneller. Lawrence Burke, ein erfahrener Streifenbeamter mit sechs Dienstjahren auf dem Buckel, rannte vom Riverside Park zur West End Avenue. Fünf oder sechs Meter vor ihm floh der Verdächtige, irgendein Bikerschwein mit Harley-Hemd. Im Zickzack wich Burke den Fußgängern aus, genau wie damals in der Highschool, wenn er beim Football den Receiver jagte. Und ebenfalls genau wie damals kam Legs Larry immer näher. Er war unterwegs zum Hudson River gewesen, um bei der Absicherung eines Zehn-vierundzwanzig, also dem Schauplatz eines tätlichen Überfalls, zu helfen, als ihn über Funk die Bitte um Unterstützung erreichte. Unmittelbar darauf lief der Täter ihm fast in die Arme – ein dreckiger Biker. »He, du! Stehen bleiben!« Doch der Mann blieb nicht stehen, sondern schlug einen Haken und hastete panisch weiter nach Norden. Daher musste Burke sich ganz plötzlich auf das legendäre Heimspiel an der Woodrow Wilson High besinnen, als es ihm gelungen war, Chris Broderick nach einem fünfundsechzig Meter langen Verfolgungssprint knapp einen Meter vor der Endzone wuchtig zu Fall zu bringen. Legs schaltete einen Gang höher und nahm die Verfolgung auf. Seine Pistole zog er nicht. Erst wenn ein Täter ebenfalls eine Waffe besaß und die unmittelbare Gefahr bestand, er 232
könnte auf den Beamten oder einen Unbeteiligten schießen, durfte man das Feuer auf ihn eröffnen. Und ein Schuss in den Rücken sah immer schlecht aus – sowohl bei der zwangsläufigen Untersuchung des Falls als auch in der Dienstakte oder den Medienberichten. »He, du Saftsack!«, keuchte Burke. Der Biker bog nach Osten in eine Querstraße ab, warf mit großen Augen einen Blick über die Schulter und sah, dass Legs immer mehr aufholte. Der Kerl schlitterte links herum in eine Gasse. Burke schaffte die Kurve besser als Mr. Harley und blieb dicht an ihm dran. In manch anderen Städten wurde die Polizei mit Netzen oder Elektroschockern ausgestattet, um fliehende Verbrecher aufzuhalten, aber das NYPD setzte auf gute alte Handarbeit. Davon abgesehen spielte es in diesem Fall ohnehin keine Rolle. Larry Burke konnte nicht nur schnell laufen, sondern wusste auch, was ein Tackling war. Aus einem Meter Entfernung sprang er ab und erinnerte sich daran, dass man hoch zielen und den Körper des anderen zum Abfedern des Aufpralls benutzen musste. »O Mann«, stöhnte der Biker, als sie auf die Pflastersteine krachten und in einen Müllhaufen rutschten. »Scheiße!«, fluchte Burke, der sich den Ellbogen aufgeschürft hatte. »Du blöder Wichser.« »Ich hab nichts getan!«, ächzte der Biker. »Warum haben Sie mich verfolgt?« »Halt’s Maul.« Burke legte ihm Handschellen an, und da der Kerl so verdammt flink war, fesselte er ihm außerdem die Fußgelenke 233
mit einem Plastikband. Schön fest. Dann untersuchte er seinen blutigen Ellbogen. »Mist, das hat mich ein Stück Haut gekostet. Aaah, tut das weh. Du Arsch.« »Ich hab nichts getan. Ich war bloß auf dem Markt. Ich hab nur …« Burke spuckte auf den Boden und atmete mehrmals tief durch. »Welchen Teil von halt’s Maul hast du nicht verstanden?«, keuchte er. »Ich sag’s nicht noch mal … Scheiße, das brennt!« Der Cop filzte den Mann sorgfältig und fand eine Brieftasche. Allerdings war kein Ausweis oder Führerschein darin, sondern nur Geld. Seltsam. Und er hatte weder Waffen noch Rauschgift bei sich, was bei Bikern eher ungewöhnlich war. »Sie können mir drohen, so viel Sie wollen, aber ich verlange einen Anwalt. Ich werd Sie verklagen! Falls Sie mir was anhängen wollen, haben Sie sich geschnitten, Mister.« Dann jedoch zog Burke Hemd und T-Shirt des Mannes hoch und erschrak. Brust und Bauch waren übel vernarbt. Es sah ganz schön unheimlich aus. Noch merkwürdiger war allerdings der Beutel um seine Taille, ähnlich wie die Gürteltaschen, die Burke und seine Frau während ihres Europaurlaubs getragen hatten. Der Cop rechnete mit Drogen, aber stattdessen versteckte der Kerl darin eine Jogginghose, ein Trikot mit hohem Kragen, eine khakifarbene Stoffhose, ein weißes Hemd und ein Mobiltelefon. Und – das war echt verrückt Make-up. Dazu ein ganzer Haufen Toilettenpapier, als wolle er besonders dick aussehen. Wirklich bizarr … Burke atmete wieder tief ein und bekam einen unangenehmen Schwall aus Müll- und Uringestank in die Nase. Er 234
drückte den Knopf an seinem Motorola. »Einheit Fünf Zwei Eins Zwei an Zentrale … Ich habe den Kerl von dem Zehnvierundzwanzig erwischt. Kommen.« »Verletzte?« »Negativ.« Abgesehen von einem teuflisch schmerzenden Ellbogen. »Standort?« »Anderthalb Blocks östlich der West End. Moment mal. Ich muss nachschauen, wie die Querstraße heißt.« Burke ging zum Eingang der Gasse, um das Straßenschild zu lesen und auf die Ankunft seiner Kollegen zu warten. Erst jetzt sank sein Adrenalinpegel allmählich ab und wich einer angenehmen Hochstimmung. Kein einziger Schuss abgefeuert. Ein dämlicher Versager in Handschellen am Boden … Das fühlte sich verdammt gut an – fast so gut wie bei dem Spiel vor zwölf Jahren, als Chris Broderick mit Schwung in die Ein-Yard-Linie gebissen und dabei aufgejault hatte wie ein Mädchen. Und während des Laufs über die gesamte Länge des Feldes war ihm zu keinem Zeitpunkt bewusst gewesen, dass Legs Larry die ganze Zeit dicht hinter ihm rannte. »He, alles in Ordnung?« Bell berührte Amelia Sachs am Arm. Sie war dermaßen bestürzt über Karas Tod, dass es ihr die Sprache verschlug, also nickte sie wortlos. Die Knie taten ihr immer noch weh, während sie nun mit dem Detective die West End Avenue hinaufeilte, um zu Officer Burke und dem verhafteten Mörder zu gelangen. Ob Kara wohl Geschwister hat? O mein Gott, wir müssen es ihrer Familie sagen. 235
Nein, nicht wir. Ich muss das übernehmen. Es ist meine Schuld. Ich erledige diesen Anruf. Voll tiefer Trauer lief sie weiter. Bell warf ihr erneut einen Blick zu und musste derweil hörbar nach Luft schnappen. Immerhin hatten sie den Hexer in Gewahrsam. Wenngleich es ihr insgeheim Leid tat, dass ein anderer die Verhaftung vorgenommen hatte. Sie wünschte, sie hätte den Hexer dort in der Gasse gestellt. Falls er bewaffnet gewesen wäre, hätte sie ihm einen gezielten Schuss in die Schulter verpasst und erst dann ihr Funkgerät benutzt. In Spielfilmen waren Schultertreffer simple Fleischwunden, kleine Unannehmlichkeiten, und die Helden mussten den Arm lediglich eine Weile in der Schlinge tragen. In der Wirklichkeit aber veränderte sogar eine kleine Schusswunde das Leben für sehr, sehr lange Zeit. Manchmal für immer. Doch der Täter war gefasst worden, und sie würde sich mit einer Verurteilung wegen mehrfachen Mordes begnügen müssen. Kein Angst, keine Angst, keine Angst … Kara … Sachs wurde klar, dass sie nicht mal ihren richtigen Namen kannten. Das ist mein Künstlername, aber ich benutze ihn meistens. Er gefällt mir besser als der Name, den meine Eltern mir dankenswerterweise verpasst haben. Bei diesem Gedanken brach sie fast in Tränen aus. Sie registrierte, dass Bell etwas zu ihr sagte. »Ist, äh … ist bei Ihnen auch wirklich alles klar, Amelia?« Ein schroffes Nicken. 236
Sie bogen auf die Achtundachtzigste Straße ein, in deren Nähe ihr Kollege den Täter erwischt hatte. Beide Enden des Teilstücks wurden soeben durch Streifenwagen abgeriegelt. Bell schaute den Block hinauf und bemerkte eine Gasse. »Da«, sagte er und streckte den Arm aus. Dann bedeutete er mehreren Cops – manche in Zivil, andere in Uniform – ihnen zu folgen. »Okay, schnappen wir ihn uns«, murmelte Sachs. »Bei Gott, ich hoffe, dass Grady auf die Todesstrafe plädiert.« Sie blieben stehen und starrten ins Halbdunkel. Die Gasse war leer. »Sind wir hier falsch?«, fragte Bell. »Er hat doch Achtundachtzigste gesagt, oder?«, wollte Sachs sich vergewissern. »Anderthalb Blocks östlich der West End. Das war der Funkruf, da bin ich mir sicher.« »Ich auch«, sagte ein Detective. »Dann muss es hier sein.« Sie sah sich um. »Hier gibt’s keine anderen Seitengassen.« Drei weitere Beamte gesellten sich zu ihnen. »Fehlalarm?«, fragte einer. »Das ist die Stelle – oder etwa nicht?« Bell benutzte sein Funkgerät. »Einheit Fünf Zwei Eins Zwei, bitte melden.« Keine Antwort. »Einheit Fünf Zwei, auf welcher Straße befinden Sie sich? Kommen.« Sachs kniff die Augen zusammen. »O nein.« Ihre Befürchtung wurde wahr. Sie lief bis zu einem Abfallhaufen vor. Dort auf dem Pflaster lag ein offenes Paar Handschellen, daneben ein durchtrenntes Plastikband. Bell eilte herbei. 237
»Er hat die verdammten Handschellen aufbekommen und die Fußfessel durchgeschnitten.« Sachs drehte sich um. »He, wo sind die beiden hin?«, fragte einer der Uniformierten. »Wo ist Larry?«, rief ein anderer. »Bei der Verfolgung?«, argwöhnte ein Dritter. »Vielleicht steckt er gerade in einem Funkloch.« »Vielleicht«, sagte Bell, doch sein besorgter Tonfall sprach eine andere Sprache. Die erprobten Motorolas funktionierten sehr zuverlässig und hatten im Stadtgebiet einen besseren Empfang als die meisten Mobiltelefone. Er meldete den Zehn-neununddreißig, den entflohenen Verdächtigen, und fügte hinzu, ein Officer werde vermisst. Wie die Zentrale bestätigte, hatte Burke keinen weiteren Funkspruch abgesetzt. Und niemand in der näheren Umgebung hatte Schüsse gehört. Sachs suchte die gesamte Gasse nach Hinweisen auf den Fluchtweg des Täters oder das mögliche Versteck der Leiche ab, denn sie mussten davon ausgehen, dass der Hexer Burkes Waffe in die Finger bekommen und den Polizisten getötet hatte. Weder sie noch Bell konnten auch nur das Geringste entdecken. Schließlich kehrten sie zu den Kollegen am Eingang der Gasse zurück. Was für ein furchtbarer Tag. Erst die zwei Toten vom Vormittag, dann Kara. Und nun wurde ein Cop vermisst. Sachs griff nach dem Mikrofon ihres SP-50 und zog es von der Schulter. Sie musste Rhyme verständigen. O Mann. Wie gern hätte sie sich vor diesem Gespräch gedrückt. Sie funkte die Zentrale an und bat, zu ihm durchgestellt zu werden. 238
Während sie auf die Verbindung wartete, zupfte jemand an ihrem Ärmel. Sachs drehte sich um. Vor lauter Schreck fiel ihr das Mikro aus der Hand und baumelte von ihrem Gürtel. Zwei Leute standen vor ihr. Einer war der junge Streifenbeamte, dem sie vor zehn Minuten auf dem Marktplatz Befehle erteilt hatte. Die andere war Kara, bekleidet mit einem NYPD-Anorak. Sie schaute stirnrunzelnd in die Gasse. »Also, wo ist er?«
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… Neunzehn »Sind Sie in Ordnung?«, stammelte Sachs. »Was … Moment mal, was war denn los?« »In Ordnung? Ja, mir geht’s gut …« Erst jetzt registrierte Kara ihren verblüfften Blick. »Soll das heißen, Sie haben nichts davon gewusst?« »Ich wollte es Ihnen ja sagen, aber Sie sind so schnell weggerannt«, meldete sich der Officer zu Wort. »Es mir sagen …?« Sachs’ Stimme erstarb. Sie war dermaßen überwältigt – und vor allem erleichtert –, dass sie kein Wort herausbekam. »Haben Sie etwa gedacht, ich sei wirklich verletzt?«, fragte Kara. »O Gott.« Bell kam und nickte Kara zu. »Amelia hatte keine Ahnung«, sagte sie. »Wovon?« »Von unserem Plan. Dem vorgetäuschten Mord.« Bell war sichtlich entsetzt. »Meine Güte, Sie haben geglaubt, Kara sei tatsächlich tot?« Der Streifenbeamte rechtfertigte sich erneut. »Ich hab versucht, es ihr zu sagen. Erst kann ich sie nicht finden, und als ich sie dann entdecke, befiehlt sie mir einfach, den Tatort abzuriegeln und die Gerichtsmedizin zu holen, und läuft los.« »Roland und ich haben uns unterhalten«, erklärte Kara. »Und wir sind zu dem Schluss gekommen, dass der Hexer vermutlich irgendeinen Schaden anrichten würde – durch ein 240
Feuer oder indem er jemanden verletzte. Sie wissen schon, als Ablenkungsmanöver, um fliehen zu können. Also haben wir uns überlegt, ihm mit einer eigenen Täuschung zuvorzukommen.« »Um den Kerl aus seinem Versteck zu locken«, fügte Bell hinzu. »Kara hat eine Ketchupflasche genommen, sich mit dem Zeug bespritzt, laut geschrien und sich zu Boden fallen lassen.« Kara schlug die blaue Jacke auf, so dass man den großen roten Fleck auf ihrem ärmellosen Oberteil sehen konnte. »Wir mussten befürchten, dass manche Leute auf dem Marktplatz ganz schön verstört sein würden …«, fuhr der Detective fort. Wem sagst du das?, dachte Amelia. »…aber das war immer noch besser, als wenn der Hexer wirklich jemanden umgelegt hätte.« Bell sah anerkennend zu Kara. »Es war ganz allein ihre Idee. Alle Achtung.« »Ich bekomme langsam ein Gefühl dafür, wie er denkt«, sagte die junge Frau. »Herrje.« Sachs stellte fest, dass sie zitterte. »Es war so real.« Bell nickte. »Sie kann sich prima tot stellen.« Sachs drückte Kara an sich. »Aber ab jetzt bleibt ihr in meiner Nähe oder haltet mich zumindest auf dem Laufenden«, sagte sie streng. »Ich bin zu jung für einen Herzinfarkt.« Sie warteten noch einen Moment, aber es kam keine Meldung herein, der Täter sei im näheren Umkreis gesichtet worden. 241
»Sie können sich den Tatort hier vornehmen, Amelia«, sagte Bell. »Ich werde das Opfer befragen. Mal sehen, ob sie uns mehr verraten kann. Wir treffen uns dann beim Marktplatz.« Auf der Achtundachtzigsten Straße stand ein Bus der Spurensicherung geparkt. Sachs ging hin und suchte sich die notwendige Ausrüstung zusammen, als plötzlich eine Stimme aus dem baumelnden Lautsprecher ihres Funkgeräts ertönte und sie zusammenzucken ließ. Sie nahm das Headset vom Gürtel und stöpselte es in das Motorola ein. »Fünf Acht Acht Fünf, bitte wiederholen. Kommen.« »Sachs, was, zum Teufel, geht da vor? Erst heißt es, ihr hättet ihn erwischt, und jetzt ist er doch wieder weg?« Sie erzählte Rhyme von dem Trick, mit dem sie den Hexer zur Flucht verleitet hatten. »Es war Karas Idee, einen Mord vorzutäuschen? Hmm.« Aus dem Mund von Lincoln Rhyme bedeutete dieses letzte Geräusch – eigentlich eine Art Knurren – ein großes Lob. »Aber er ist verschwunden«, fügte Sachs hinzu. »Und den Officer können wir auch nicht finden. Vielleicht hat er die Verfolgung aufgenommen, doch wir wissen es nicht. Roland befragt die Frau, die wir gerettet haben. Eventuell kann sie uns weiterhelfen.« »Okay, also gut, dann mach dich an die Arbeit, Sachs.« »Wir haben hier mehrere Tatorte«, gab sie missmutig zu bedenken. »Das Café, den Tümpel und die Gasse. Verdammt viel auf einmal.« »Aber ganz und gar nicht«, widersprach er. »Wir haben dreimal die Chance, richtig gute Spuren zu finden.«
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Rhyme behielt Recht. Die drei Schauplätze hatten eine Menge brauchbarer Hinweise hergegeben. Die Arbeit war Amelia nicht leicht gefallen, wenngleich aus einem ungewöhnlichen Grund: Der Hexer hatte ihr Gesellschaft geleistet besser gesagt sein Phantom. Es war in der Nähe geblieben und hatte Sachs häufig dazu veranlasst, innezuhalten und nach der Waffe zu greifen, sich umzudrehen und sicherzugehen, dass der Mörder nicht hinter ihr Gestalt angenommen hatte. Lass dir keine Einzelheit entgehen, aber pass auf dich auf. Tatsächlich gesehen hatte sie dabei niemanden. Doch auch Swetlana Rasnikow war ahnungslos geblieben, bis der Mörder das schwarze Tuch abgelegt und sich aus dem Schatten auf sie gestürzt hatte. Tony Calvert war zu der Spielzeugkatze in der Gasse gegangen, ohne zu bemerken, dass der Hexer sich hinter dem Spiegel versteckte. Und sogar Cheryl Marston hatte den Mann nicht wirklich gesehen, obwohl sie ihm in das Café gefolgt war, um eine Weile zu plaudern. Sie hatte eine vollkommen andere Person wahrgenommen und zu keinem Zeitpunkt geahnt, welch schrecklicher Tod ihr zugedacht worden war. Sachs schritt an den diversen Schauplätzen das Gitternetz ab, schoss erste Digitalaufnahmen und überließ das Terrain dann den Foto- und Fingerabdruckspezialisten. Danach kehrte sie zum Markt zurück und traf sich mit Roland Bell, der unterdessen im Krankenhaus bei Cheryl Marston gewesen war. Natürlich durften sie sich auf nichts von dem verlassen, was der Mörder ihr erzählt hatte (»Ein Haufen verdammter Lügen«, lautete Marstons verbittertes Resümee), 243
doch die Frau konnte sich an so manche Einzelheit erinnern, wenigstens bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Wirkung der Droge eingesetzt hatte. So lieferte sie ihnen beispielsweise eine gute Personenbeschreibung, einschließlich näherer Angaben zu seinen Narben. Außerdem wusste sie noch, dass er bei einem Wagen angehalten hatte, und nannte ihnen die Bauart sowie die Anfangsbuchstaben des Nummernschilds. Das war eine gute Nachricht, denn Fahrzeuge ließen sich auf vielerlei Weise mit einer bestimmten Person in Verbindung bringen. Lincoln Rhyme sprach in diesem Zusammenhang gern von »Spurenerzeugern«. Wie sich herausstellte, war ein Wagen, auf den die Beschreibung zutraf – ein beigefarbener Mazda 626, Baujahr 2001 –, eine Woche zuvor beim Flughafen White Plains als gestohlen gemeldet worden. Sellitto schrieb das Fahrzeug sofort zur dringlichen stadtweiten Fahndung aus und ließ die unmittelbare Umgebung der letzten Tatorte danach absuchen, obwohl keiner von ihnen damit rechnete, dort jetzt noch fündig zu werden. Bell schloss soeben seinen Bericht über Cheryl Marstons grausame Tortur ab, als einer der Streifenbeamten ihn unterbrach. »Detective Bell? Was war das doch gleich für ein Wagen? Den der Täter gefahren hat, meine ich.« »Ein beigefarbener Mazda 626, amtliches Kennzeichen F-E-T zwei drei sieben.« »Das ist er«, sagte der Officer in sein Funkgerät und wandte sich dann wieder Bell und Sachs zu. »Hier kam gerade eine Meldung rein ein Streifenwagen hat ihn am Central Park West gesehen und verfolgt, aber er ist – das muss man sich 244
mal vorstellen – einfach über den Bürgersteig gebrettert und in den Park geflohen. Die Streife wollte folgen, hat sich aber in der Böschung festgefahren.« »Central Park West – und wo genau?« »Höhe Zweiundneunzigste.« »Der Kerl ist vermutlich längst ausgestiegen«, sagte Bell. »Er wird mit Sicherheit aussteigen«, sagte Sachs. »Aber vorher will er bestimmt noch ausreichenden Abstand zwischen sich und seine Verfolger bringen.« Sie wies auf die Kisten voller Beweismaterial. »Verfrachten Sie alles in ein Auto, und bringen Sie es schnellstens zu Rhyme.« Zehn Sekunden später saß sie am Steuer ihres Camaro und startete den starken Motor. Dann legte sie die Kreuzgurte an und zurrte alles fest. »Amelia, warten Sie!«, rief Bell. »Die ESU ist schon unterwegs.« Doch als Antwort erntete er lediglich das Quietschen der Reifen und eine blaue Qualmwolke. Sachs bog schlitternd nach Norden auf den Central Park West ein und konzentrierte sich darauf, den zahlreichen Fußgängern, lahmen Karren, Radfahrern und Rollerbladern auszuweichen. Und den Kinderwägen. Die waren wirklich überall. Herrje, wieso lagen die Kleinen nicht zu Hause im Bett und schliefen? Sie drückte den Saugnapf des blauen Signallichts aufs Armaturenbrett und steckte das Kabel in die Buchse des Zigarettenanzünders. Die helle Leuchte fing an zu rotieren, und Amelia betätigte im gleichen Rhythmus die Hupe. 245
Vor ihr ein grauer Schemen. Scheiße … Sie stieg auf die Bremse und kam weniger als einen halben Meter vor der Flanke des abbiegenden Wagens zum Stehen, dessen Kaufpreis schätzungsweise zwei von Amelias Jahresgehältern betrug. Dann trat sie abermals das Gaspedal durch, und die Pferdchen aus dem Stall von General Motors reagierten sofort. Bis zur Neunzigsten Straße waren nicht mehr als achtzig Kilometer pro Stunde möglich, aber dahinter schien der Verkehr weniger dicht, also legte sie einen Zahn zu. Nach wenigen Sekunden zeigte der Tacho hundertzehn an. Aus ihrem Headset, das auf dem Beifahrersitz lag, ertönte eine Stimme. Sie nahm es mit einer Hand und setzte es auf. »Hallo?«, rief sie und ignorierte die Sprachregelung für den Polizeifunk. »Amelia? Roland hier«, meldete sich Bell. Auch er hielt sich nicht an die Dienstvorschrift. »Legen Sie los.« »Unsere Leute sind unterwegs.« »Wo ist er?«, fragte sie laut, um den Motorenlärm zu übertönen. »Moment … Okay, er hat den Park am Central Park North wieder verlassen, dabei einen Laster gestreift und ist weitergefahren.« »In welche Richtung?« »Das war … das war vor weniger als einer Minute. Er will nach Norden.« »Verstanden.« Nach Norden durch Harlem?, überlegte Sachs. Von dort 246
aus führten mehrere Routen aus dem Stadtgebiet hinaus, aber Amelia bezweifelte, dass er es auf diese Weise versuchen würde. Jede der Strecken führte über eine Brücke, die meisten zusätzlich durch eine Mautstelle, wo er schnell in der Falle sitzen könnte. Viel wahrscheinlicher war, dass er den Wagen in einer relativ ruhigen Gegend abstellen und ein anderes Fahrzeug stehlen würde. Eine neue Stimme erklang in ihrem Headset. »Sachs, wir haben ihn!« »Wo, Rhyme?« »Er ist nach Westen auf die Hundertfünfundzwanzigste Straße eingebogen, nahe der Fünften Avenue.« »Ich bin kurz vor der Eins-zwei-fünf, Höhe Adam Clayton Powell. Ich werd versuchen, ihm den Weg abzuschneiden. Aber schick mir Verstärkung«, rief sie. »Ist bereits angefordert, Sachs. Wie schnell bist du?« »Keine Ahnung, ich achte nicht unbedingt auf den Tacho.« »Ist wohl auch besser so. Behalt lieber die Straße im Blick.« Hupend drang Sachs mitten auf die belebte Kreuzung an der hundertfünfundzwanzigsten Straße vor und versperrte mit ihrem Camaro die beiden Fahrspuren nach Westen. Dann sprang sie aus dem Wagen und zog die Glock. Der Verkehr in Richtung Osten war ebenfalls vorübergehend zum Erliegen gekommen. »Aussteigen! Dies ist ein Polizeieinsatz. Steigen Sie aus, und gehen Sie in Deckung!«, schrie Sachs den Fahrern in der ersten Reihe zu. Die beiden – ein Paketzusteller und eine Frau in McDonald’s-Montur – gehorchten unverzüglich. 247
Nun waren sämtliche Fahrspuren der Hundertfünfundzwanzigsten blockiert. »Das gilt für alle«, rief sie. »Gehen Sie in Deckung! Sofort!« »Leck mich.« »Genau.« Sie schaute nach rechts und entdeckte vier Straßenjungs, die an einem Drahtzaun lehnten und mit müdem Interesse die österreichische Pistole, das Detroiter Cabrio und die Rothaarige beäugten. Die meisten anderen Leute auf der Straße hatten inzwischen Schutz gesucht, aber diese vier Teenager rührten sich nicht vom Fleck und wirkten dabei vollkommen gelassen. Warum sich von hier wegbewegen? Es kam nicht oft vor, dass in dieser Gegend ein Wesley-Snipes-Film mitzuerleben war. In einiger Entfernung sah Sachs den Mazda hektisch nach Westen durch den Verkehr kurven und in hohem Tempo auf ihre improvisierte Straßensperre zukommen. Der Hexer registrierte die Blockade erst, nachdem er die letztmögliche Seitenstraße passiert hatte. Mit einer Vollbremsung hielt er an. Hinter ihm stellte sich ein Müllwagen quer. Der Fahrer hatte die Situation erkannt und schnell reagiert. Zusammen mit den Müllmännern lief er nun weg und ließ das Fahrzeug als Hindernis stehen. Amelia wandte sich noch einmal an die Jugendlichen. »Runter mit euch!«, rief sie. Die vier grinsten bloß. Sachs zuckte die Achseln, beugte sich über die Motorhaube des Camaro und visierte die Windschutzscheibe des Mazda an. Hier war er also nun, der Hexer. Sie konnte sein Gesicht 248
und das blaue Harley-Hemd sehen. Unter der schwarzen Mütze flog der falsche Zopf hin und her, weil der Mann sich verzweifelt nach einem Fluchtweg umsah. Aber es gab keinen. »Sie! Dort im Mazda! Aussteigen und hinlegen!« Keine Reaktion. »Sachs?«, ertönte Rhymes Stimme im Headset. »Kannst du …« Sie riss sich den Hörer vom Kopf und richtete Kimme und Korn erneut auf die Silhouette des Mörders. Wenn man schon eine Waffe mit sich herumschleppt, kann man sie genauso gut auch benutzen … Die Worte von Detective Mary Shanley kamen ihr in den Sinn. Sachs atmete tief durch und hielt die Glock ganz ruhig, zielte ein Stück höher und eine Winzigkeit nach links, um die Schwerkraft und die angenehme Aprilbrise auszugleichen. Wenn du schießt, existiert nichts außer dir und dem Ziel, verbunden durch ein unsichtbares Kabel, ähnlich der stillen Energie des Lichts. Ob du dein Ziel triffst, hängt allein von der Quelle dieser Energie ab. Falls sie deinem Hirn entspringt, besteht eine gute Aussicht auf Erfolg. Aber falls dein Herz der Ursprung ist, wirst du fast immer siegreich sein. Die Opfer des Hexers – Tony Calvert, Swetlana Rasnikow, Cheryl Marston, Officer Larry Burke – sorgten dafür, dass dieser Schuss definitiv von Herzen kommen würde. Sachs wusste, dass sie den Mann nicht verfehlen konnte. Na los, du Mistkerl, dachte sie. Leg einen Gang ein. Tu mir den Gefallen. Komm schon! Gib mir einen Vorwand … 249
Der Wagen rollte an. Ihr Finger legte sich um den Abzug. Und als hätte er es gespürt, bremste der Hexer. »Komm schon«, flüsterte sie. In Gedanken ging sie den weiteren Ablauf durch. Falls er nur zu fliehen versuchte, würde sie den Kühler oder einen Reifen zerschießen und sich bemühen, ihn lebend zu erwischen. Aber falls er auf sie oder den Fußweg zuhielt und somit Unbeteiligte in Gefahr brachte, würde sie ihn töten. »Yo!«, rief einer der Teenager vom Bürgersteig. »Knall den Pisser ab!« »Mach ihn kalt, Alte!« Ihr braucht mich nicht zu überreden, Jungs. Ich warte ja nur darauf … Wenn er drei Meter auf sie zufuhr, egal in welcher Geschwindigkeit, würde sie ihn umlegen. Der Motor des heftpflasterfarbenen Wagens heulte auf, und sie sah – oder bildete sich ein –, dass die Karosserie erbebte. Drei Meter. Mehr will ich gar nicht. Der Motor heulte zum zweiten Mal auf. Fahr schon!, flehte sie stumm. Und dann sah Sachs, wie etwas großes Gelbes sich langsam hinter den Mazda schob. Ein Schulbus der Zion Prophetic Tabernacle Church, randvoll mit Kindern, umrundete den Müllwagen. Der Fahrer war vollkommen ahnungslos und blieb schräg hinter dem Hexer stehen. Nein … Sogar bei einem direkten Treffer würde die Kugel womöglich das Ziel durchdringen und als Querschläger den Bus gefährden. 250
Sachs nahm den Finger vom Abzug und richtete die Mündung der Glock nach oben. Hinter der Windschutzscheibe sah sie die leichte Bewegung des Hexers, als dieser den Kopf hob, nach rechts schaute und den Bus im Rückspiegel entdeckte. Dann wandte sein Blick sich wieder ihr zu, und sie hatte den Eindruck, dass der Mann lächelte. Die Vorderräder des Mazda drehten lautstark durch, als der Hexer das Gaspedal trat und mit dreißig, sechzig, achtzig Stundenkilometern losfuhr. Er raste in gerader Linie genau auf die Polizistin und ihren Camaro zu, dessen gelber Lack viel heller strahlte als der des Busses der Bibelschule, obwohl nur Letzterer für den heiligen Schutz gesorgt hatte, dessen der Hexer diesmal teilhaftig geworden war.
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… Zwanzig Sachs lief zur Seite, um von dort aus einen gezielten Schuss anbringen zu können. Sie richtete die Glock auf den Kopf des Hexers. Da das Ziel sich schnell bewegte, musste sie ungefähr einen Meter vorhalten. Doch auf der anderen Straßenseite gab es Dutzende von Fenstern, und mehrere Leute hockten geduckt auf dem Gehweg. Es war schlichtweg unmöglich, auch nur eine einzige sichere Kugel abzufeuern. Ihren Fanclub kümmerte das wenig. »He, Alte, lass uns Blut sehen.« »Worauf wartest du noch?« Frustriert senkte sie die Waffe und verfolgte, wie der Mazda direkt auf den Camaro zuschoss. Oh, bitte nicht den Wagen … Nein! Sie erinnerte sich daran, wie ihr Vater den damals fast schrottreifen 69er Sportwagen gekauft und wie sie gemeinsam Motor und Aufhängung restauriert, das Getriebe erneuert und das Leergewicht verringert hatten, um die effektive Leistung zu steigern. Dieser Wagen und die Liebe zur Polizeiarbeit stellten Herman Sachs’ wichtigstes Vermächtnis an seine Tochter dar. Zehn Meter vor dem Camaro steuerte der Hexer hart nach links auf Sachs zu. Sie sprang beiseite, und er vollführte sofort den nächsten Schlenker zurück in Richtung des Chevy. Der Mazda geriet ins Rutschen und prallte in flachem Winkel ge252
gen die Beifahrertür und den vorderen rechten Kotflügel des Camaro, so dass dieser quer über zwei Fahrbahnen weggeschleudert wurde. Die vier Jugendlichen setzten sich endlich in Bewegung und wichen vorsichtshalber ein Stück aus. Sachs brachte sich durch einen beherzten Sprung in Sicherheit und landete auf den Knien. Der Schmerz in den arthritischen Gelenken ließ sie fast aufschreien. Ihr Camaro kam nicht weit von ihr zum Stehen. Er hatte einen orangefarbenen Mülleimer mitgerissen, der nun unter der Hinterachse hing. Der Mazda rollte über die Gehwegkante, dann zurück auf die Straße und weiter in Richtung Norden. Sachs rappelte sich auf, unternahm aber gar nicht erst den Versuch, das Feuer zu eröffnen; es waren zu viele Unbeteiligte gefährdet. Ihr Blick streifte den Camaro. Der Schaden war beträchtlich, aber wenigstens klemmte der eingedrückte Kotflügel nicht am Rad fest. Ja, sie konnte den Kerl vermutlich einholen. Sie stieg ein und ließ den Motor an. Legte den ersten Gang ein. Gab Gas. Die Nadel des Drehzahlmessers schoss zur 5000erMarke hoch. Amelia ließ die Kupplung kommen. Doch der Wagen rührte sich keinen Zentimeter von der Stelle. Wo lag das Problem? War die Antriebswelle gebrochen? Sie sah aus dem Fenster und entdeckte, dass die Hinterräder wegen des eingeklemmten Mülleimers keinen Bodenkontakt hatten. Sachs seufzte und schlug mit der flachen Hand wütend auf das Lenkrad. Verdammt! Sie sah den Mazda, mittlerweile drei Blocks entfernt. Der Hexer kam nicht besonders schnell voran; offenbar hatte die Kollision auch sein Fahrzeug beschädigt. Sie konnte ihn immer noch erwischen. 253
Aber nicht in einem aufgebockten Wagen. Sie würde … Der Camaro fing an zu schaukeln. Sie sah in den Rückspiegel und erkannte, dass drei der Straßenjungs ihre Tarnjacken ausgezogen hatten und eifrig versuchten, den Wagen von dem Hindernis zu schieben. Der vierte, größer als die anderen und wahrscheinlich ihr Anführer, kam langsam zur Fahrertür. Dort beugte er sich vor und ließ mitten in seinem dunklen Gesicht einen Goldzahn aufblitzen. »Yo.« Sachs nickte und erwiderte den Blick. Er schaute kurz zu seinen Freunden. »He, Nigger, strengt euch gefälligst an! Ihr sollt euch da hinten keinen runterholen.« »Leck mich«, rief einer von ihnen keuchend. Er bückte sich erneut. »Yo, Lady, wir kriegen die Kiste schon wieder flott. Was is’n das für ’ne coole Kanone?« »Eine Glock. Kaliber 40.« Er musterte ihr Holster. »Super. Die Dreiundzwanziger? Die kompakte?« »Nein, das große Modell.« »Gute Waffe. Ich hab ’ne Smittie.« Er lüftete sein billiges Sweatshirt und zeigte ihr mit einer Mischung aus Trotz und Stolz den Griff einer silbernen Smith & Wesson Automatik, die in seinem Hosenbund steckte. »Aber ich werd mir auch so ’ne Glock besorgen.« Aha, dachte sie, ein bewaffneter Teenager. Wie würde ein Sergeant sich in dieser Situation verhalten? Der Wagen rollte von dem Mülleimer herunter und stand wieder fest auf dem Boden. 254
Amelia kam zu dem Schluss, dass es unter den gegebenen Umständen völlig egal war, was ein Sergeant tun würde. Sie nickte dem Jungen nun ernst zu. »Danke, Kumpel.« Und sie ließ eine Warnung folgen. »Schieß nicht auf andere Leute, sonst muss ich kommen und dich holen. Alles klar?« Er grinste breit. Sie legte den ersten Gang ein und startete mit quietschenden Reifen. Innerhalb weniger Sekunden hatte sie Tempo hundert erreicht. »Schnell, schnell, schnell«, murmelte sie und ließ den beigefarbenen Fleck in der Ferne nicht aus den Augen. Der Chevy eierte wie wild, blieb aber weitgehend in der Spur. Sachs setzte sich umständlich das Headset auf. Dann verständigte sie die Zentrale, damit die anderen Einheiten ihr folgen würden. Immer wieder musste sie hart abbremsen … die dicht bevölkerten Straßen von Harlem eigneten sich nicht für eine Verfolgungsjagd. Doch der Hexer steckte ebenfalls im Verkehr fest – und er war kein annähernd so guter Fahrer wie sie. Allmählich schloss Amelia zu ihm auf. Dann steuerte er einen Schulhof an, auf dem mehrere Kinder Basketball und Softball spielten. Es war nicht viel los. Das Tor hatte man mit einem Vorhängeschloss verriegelt, und wer hier spielen wollte, musste sich entweder wie ein Schlangenmensch durch eine Lücke quetschen oder den sechs Meter hohen Drahtzaun überklettern. Der Hexer jedoch gab einfach Gas und durchbrach das Tor. Die Kinder liefen auseinander, und er verfehlte einige von ihnen nur knapp, als er beschleunigte, um zu dem Tor auf der anderen Seite zu gelangen. Nach kurzem Zögern entschied Sachs, ihm wegen der 255
Kinder nicht direkt zu folgen – nicht in einem beschädigten Wagen. Stattdessen umrundete sie den Block und hoffte inständig, den Mazda dort vorzufinden. Sie schlitterte um die Ecke und hielt an. Er war nirgendwo zu entdecken. Sie hatte keine Ahnung, wo er geblieben sein konnte. Während der Fahrt um den Sportplatz und die Schule hatte sie ihn allenfalls für zehn Sekunden aus den Augen verloren. Und der einzig mögliche Fluchtweg war eine kurze Sackgasse, die vor einigen dichten Büschen und kleinen Bäumen endete. Über den Wipfeln konnte Sachs die erhöhte Fahrbahn des Harlem River Drive erkennen. Dahinter lag nur noch die schlammige Flussböschung. Er hat es also doch geschafft … Und mir bleiben fünftausend Dollar Karosserieschaden. O Mann … Dann erwachte plötzlich ihr Funkgerät zum Leben. »An alle Einheiten im Umkreis Frederick Douglass und Hundertdreiundfünfzigste. Uns wurde ein Zehn-vierundfünfzig gemeldet.« Autounfall mit möglichem Personenschaden. »Ein Fahrzeug ist in den Harlem River gestürzt. Ich wiederhole, wir haben ein Fahrzeug im Wasser.« Ob er das war?, überlegte Sachs. »Hier Spurensicherung, Einheit Fünf Acht Acht Fünf. Bezüglich des Zehn-vierundfünfzig. Wurde der Fahrzeugtyp mitgeteilt? Kommen.« »Mazda oder Toyota. Neues Modell. Beige.« »Okay. Zentrale, es handelt sich vermutlich um den verdächtigen Wagen, der am Central Park geflohen ist. Ich bin Zehn-vierundachtzig vor Ort. Ende.« 256
»Roger, Fünf Acht Acht Fünf. Ende.« Sachs fuhr die Sackgasse hinunter und parkte auf dem Gehweg. Als sie ausstieg, trafen ein Krankenwagen und ein Transporter der Emergency Services Unit ein und drangen langsam durch das Gebüsch vor, das der Mazda in hohem Tempo durchbrochen hatte. Amelia folgte zu Fuß. Als die Sträucher hinter ihr lagen, sah sie eine Ansammlung klappriger Hütten und Schuppen vor sich. Hier lebten mehrere Dutzend Obdachlose, zumeist Männer. Es war dreckig, und überall lag Abfall herum, dazu weggeworfene Haushaltsgeräte und ausgeschlachtete rostige Autowracks. Anscheinend hatte der Hexer erwartet, jenseits der Büsche auf eine Straße zu treffen. Sachs sah die tiefen Bremsspuren im Schlamm. Der Fahrer musste die Kontrolle verloren haben: Der Wagen war ausgebrochen, mit einer Hütte kollidiert, die den Zusammenstoß nicht überstanden hatte, und dann von einem verrotteten Steg in den Fluss gestürzt. Zwei ESU-Beamte halfen den – zum Glück unverletzten – Bewohnern der Hütte aus den Trümmern, während die anderen am Ufer nach dem Fahrer Ausschau hielten. Amelia funkte Rhyme und Sellitto an, fasste die Vorgänge kurz zusammen und bat den Detective, so schnell wie möglich einen Einsatzwagen der Spurensicherung zu entsenden. »Hat man ihn erwischt, Amelia?«, fragte Sellitto. »O bitte, sagen Sie ja.« Sie schaute zu dem Öl- und Benzinfilm auf der Wasseroberfläche. »Leider nein.« Sachs ging an einer zertrümmerten Toilettenschüssel und einem stinkenden Müllsack vorbei zu einigen Männern, die sich lautstark auf Spanisch unterhielten. Sie hatten Angelru257
ten dabei; es war in dieser Gegend üblich, mit Regenwürmern oder Köderstücken nach Barschen und Dorschen zu fischen. Die Männer wirkten nicht mehr ganz nüchtern, konnten ihr aber eine zusammenhängende Beschreibung der Ereignisse liefern. Das Auto war mit hoher Geschwindigkeit durch die Büsche gerast und direkt in den Fluss gestürzt. Sie alle hatten einen Mann auf dem Fahrersitz gesehen und waren absolut sicher, dass er nicht mehr rechtzeitig abspringen konnte. Dann sprach Sachs kurz mit Carlos und seinem Freund, den zwei Obdachlosen, die in der nun zertrümmerten Hütte gewohnt hatten. Sie standen beide unter Drogen und hatten nichts gesehen. Carlos war wütend und schien zu glauben, die Stadt schulde ihm eine Entschädigung für den Verlust der Behausung. Zwei andere Augenzeugen, die zum Zeitpunkt des Unfalls im Müll nach Pfandflaschen gewühlt hatten, bestätigten die Schilderung der Angler. Es trafen weitere Einsatzwagen ein, dazu mehrere Fernsehteams, die erst die Überreste der Hütte filmten und ihre Kameras dann auf das Polizeiboot richteten, von dessen Heck sich soeben zwei Taucher rückwärts ins Wasser fallen ließen. Da die Bergungsversuche sich auf den Fluss konzentrieren würden, konnte Sachs den Schauplatz am Ufer übernehmen. In ihrem Camaro lagen nur wenige Ausrüstungsgegenstände, doch immerhin zählte eine große Rolle gelbes Plastikband dazu, mit dem sie nun einen Teil des Ufers absperrte. Unterdessen fuhr der Wagen der Spurensicherung vor. Sachs setzte das Headset auf, funkte die Zentrale an und ließ sich abermals zu Rhyme durchstellen. »Wir sind unterrichtet, Sachs. Haben die Taucher schon was gefunden?« 258
»Nicht, dass ich wüsste.« »Ist er entkommen?« »Nein, wenn die Zeugen Recht behalten. Ich nehme mir jetzt den Schauplatz am Flussufer vor, Rhyme«, sagte sie. »Eigentlich könnte ich es mir sparen.« »Sparen?« »Na klar. Sieh mal, ich mache mir die ganze Mühe, obwohl die Taucher schon bald seine Leiche bergen werden. Also ist meine Suche reine Zeitverschwendung.« »Es wird dennoch eine Untersuchung geben und …« »Das war ein Scherz, Rhyme.« »Tja, weißt du, dieser spezielle Täter hat mir irgendwie die gute Laune verdorben. Sieh zu, dass du fertig wirst.« Sie schleppte einen der Gerätekoffer zur Absperrung und klappte gerade den Deckel hoch, als jemand mit deutlichem Akzent rief: »Mein Gott, was ist denn hier passiert? Wurde jemand verletzt?« In der Nähe der Fernsehteams drängte sich ein geschniegelter Latino in Jeans und Sportsakko durch die Menge. Erschrocken starrte er die beschädigte Hütte an und lief dann los. »He«, rief Sachs. Er hörte sie nicht. Der Mann duckte sich unter dem gelben Absperrband hindurch und steuerte unbeirrt die Hütte an, trampelte mitten durch die Reifenspuren und löschte vermutlich alle Hinweise darauf aus, ob der Hexer womöglich etwas verloren oder weggeworfen hatte – ganz zu schweigen von den Fußabdrücken des Täters, falls ihm doch die Flucht gelungen war, ungeachtet der Aussage der Angler. Voller Misstrauen achtete Amelia auf seine linke Hand 259
und sah, dass der kleine und der Ringfinger nicht miteinander verschmolzen waren. Demnach handelte es sich nicht um den Hexer. Aber wer, zum Teufel, war er dann? Und was hatte er an ihrem Tatort verloren? Der Mann stapfte nun durch die Trümmer der Hütte, packte Bretter, Spanplatten und Wellblechstücke und warf sie achtlos über die Schulter. »He, Sie!«, rief Sachs. »Hauen Sie ab, und zwar sofort!« »Es könnte noch jemand unter den Trümmern liegen!«, antwortete er, ohne sich umzuwenden. »Das ist ein Tatort!«, schrie sie wütend. »Sie haben da nichts zu suchen.« »Es könnte noch jemand unter den Trümmern liegen!«, wiederholte er. »Nein, nein, nein. Die Leute wurden alle geborgen. Es geht ihnen gut. He, hören Sie mich?… Verzeihung, Kumpel. Hören Sie mich?« Ob nun ja oder nein, er ignorierte sie und grub fieberhaft weiter. Was sollte das? Der Mann war gut gekleidet und trug eine goldene Rolex. Der Crackjunkie Carlos war mit Sicherheit keiner seiner Verwandten. Sachs murmelte in Gedanken das Stoßgebet aller Polizisten – Herr, erlöse uns von besorgten Bürgern – und winkte zwei Streifenbeamte heran. »Schafft ihn da weg.« »Wir brauchen mehr Sanitäter!«, rief der Fremde. »Vielleicht wurden Kinder verschüttet.« Resigniert verfolgte Sachs, wie die Fußabdrücke ihrer Kollegen zur langsamen Vernichtung der Spuren beitrugen. Die Beamten packten den Mann an den Armen und zogen ihn auf die Beine. Er riss sich los, rief Sachs hochnäsig seinen Namen 260
zu, als sei er eine Art Mafioso, den alle kennen müssten, und setzte zu einem Vortrag darüber an, wie schändlich die Polizei die ortsansässige Latino-Bevölkerung tyrannisierte. »Lady, wissen Sie eigentlich, wen Sie hier …« »Legt ihm Handschellen an«, sagte sie, »Und dann schafft ihn mir aus den Augen.« Mochte das Ausbildungshandbuch auch noch so sehr den guten Kontakt zu den Bürgern anraten, die Ermittlungsarbeit war in diesem Fall wichtiger. Die Kollegen nahmen den rotgesichtigen, vor Wut schäumenden Mann in Gewahrsam und führten ihn weg. »Sollen wir ihn einlochen?«, fragte einer der Männer. »Nein, zieht ihn bloß eine Weile aus dem Verkehr«, erwiderte Sachs, was bei einigen der Schaulustigen Heiterkeit hervorrief. Sie sah, dass er auf der Rückbank eines Streifenwagens Platz nehmen musste. Bei der Suche nach diesem Täter schien sich auch wirklich alles gegen sie verschworen zu haben. Dann stieg Sachs in den Tyvek-Overall, streifte sich Gummiringe über die Schuhe, nahm Fotoapparat und Plastiktüten und fing mit der Arbeit an, zunächst bei den Überresten von Carlos’ Behausung. Sie ließ sich Zeit und suchte sorgfältig. Nach den Erfahrungen dieses anstrengenden, schrecklichen Tages würde sie nichts mehr unbesehen glauben. Sicher, der Hexer lag eventuell in zwölf Metern Tiefe unter der graubraunen Wasseroberfläche. Doch genauso gut war es möglich, dass er jetzt irgendwo in der Nähe wohlbehalten das Ufer erklomm. Es hätte sie nicht einmal überrascht zu erfahren, dass er bereits meilenweit von hier entfernt war und in neuer Verkleidung dem nächsten Opfer auflauerte.
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Reverend Ralph Swensen hielt sich seit einigen Tagen – und zum ersten Mal – in New York City auf und hatte erkannt, dass er sich wohl nie an diese Stadt gewöhnen würde. Der schmächtige Mann, mit schütterem Haar und von eher zurückhaltender Natur, stand einer Gemeinde vor, die tausendfach kleiner als Manhattan und Dutzende von Jahren davon entfernt war. Wenn er zu Hause aus dem Kirchenfenster schaute, sah er wogende, schier endlose Hügel, auf denen friedliche Tiere grasten. Vom vergitterten Fenster des billigen Hotelzimmers in der Nähe Chinatowns fiel sein Blick auf eine Backsteinmauer, auf der in grauer Sprühfarbe eine Obszönität stand. Wenn er zu Hause die Straße entlangging, sagten die Leute »Hallo, Reverend« oder »Tolle Predigt, Ralph«. Hier sagten sie »Gib mir ’nen Dollar« oder »Ich hab AIDS« oder einfach »Leck mich«. Aber egal, Reverend Swensen würde nicht lange bleiben, und so hoffte er, den Kulturschock unbeschadet überstehen zu können. Während der letzten paar Stunden hatte er versucht, in der uralten zerfledderten Gideon-Bibel zu lesen, die hier zum Inventar gehörte. Doch schließlich gab er es auf. Das Matthäusevangelium mochte noch so verlockend sein, es konnte nicht den Lärm des Strichjungen übertönen, der nebenan mit einem Kunden beschäftigt war und lauthals stöhnte, ob nun vor Schmerz oder Lust oder aus beiden Gründen zugleich. Der Reverend wusste, dass es ihn eigentlich mit Stolz erfüllen sollte, für diese Mission nach New York entsandt worden zu sein, aber er fühlte sich wie der Apostel Paulus auf einer der Reisen zu den Ungläubigen in Griechenland und 262
Kleinasien, auf denen ihm nur Spott und Hohn entgegengeschlagen waren. Ah, ah, ah, ah … Genau da, genau da … O ja, ja, ja, weiter, weiter, weiter … Okay, bis hierhin und nicht weiter. Eine solche Verderbtheit wäre sogar Paulus zu viel geworden. Der Konzertabend würde erst in einigen Stunden beginnen, aber Reverend Swensen beschloss, früher aufzubrechen. Er kämmte sich, setzte die Brille auf und warf die Bibel, einen Stadtplan und eine Predigt, an der er arbeitete, in seinen Aktenkoffer. Dann ging er hinunter in die Lobby, wo eine weitere Prostituierte saß. Wenigstens schien es sich um eine Frau zu handeln. Herr im Himmel, voll der Gnaden … Sein Magen zog sich vor Anspannung zusammen. Er sah zu Boden, eilte vorbei und rechnete mit einem unsittlichen Angebot. Doch sie oder er oder was auch immer – lächelte nur. »Herrliches Wetter, nicht wahr, Pater?« Reverend Swensen blickte erstaunt auf und erwiderte nach kurzem Zögern das Lächeln. »Ja, in der Tat«, sagte er und widerstand dem Impuls, »mein Kind« anzufügen, was er in all den Jahren als Geistlicher noch nie getan hatte. »Einen schönen Tag noch«, sagte er stattdessen. Draußen erwartete ihn der harte Alltag der Lower East Side von New York City. Er blieb auf dem Gehweg vor dem Hotel stehen und ließ die Eindrücke einen Moment auf sich wirken. Taxis huschten vorbei, junge Asiaten und Latinos kreuzten zielstrebig seinen Weg, Busse stießen heiße, metallisch riechende Abgase aus, und chinesische Botenjungen rasten auf ihren alten Fahrrädern den Bürgersteig entlang. Das alles war so furchtbar an263
strengend. Nervös und gereizt kam der Reverend zu dem Entschluss, ein Spaziergang würde ihm gut tun. Er hatte auf dem Stadtplan nachgesehen und wusste, dass die Schule, in der das Konzert stattfinden sollte, relativ weit von hier entfernt lag, aber er musste irgendwie dieses übermächtige Gefühl der Beklemmung loswerden. Er würde einen Schaufensterbummel machen, eine Kleinigkeit zu Abend essen und an seiner Predigt schreiben. Noch während er sich orientierte, hatte er den Eindruck, beobachtet zu werden. Er schaute nach links in die Gasse neben dem Hotel. Ein Mann stand halb verborgen hinter einem Müllcontainer, ein schlanker braunhaariger Mann in einem Overall, der eine kleine Werkzeugtasche in der Hand hielt. Er musterte den Geistlichen von oben bis unten, als führe er irgendetwas im Schilde. Und als wäre er ertappt worden, wandte er sich hastig ab und wich in die Gasse zurück. Reverend Swensen schloss die Finger noch etwas fester um den Griff des Aktenkoffers und fragte sich, ob es ein Fehler gewesen war, das sichere Zimmer – so heruntergekommen und laut es auch sein mochte – vorzeitig zu verlassen. Dann lachte er leise auf. Übertreib’s nicht, ermahnte er sich im Stillen. Der Mann war ein einfacher Hauswart oder Handwerker gewesen, vielleicht sogar ein Angestellter des Hotels, den es einfach nur überrascht hatte, einen Pater aus einem so schäbigen Etablissement kommen zu sehen. Und außerdem wurde sein Gewand ihm mit Sicherheit eine gewisse Immunitat verleihen, sogar hier, in diesem modernen Sodom, überlegte er und brach in Richtung Norden auf.
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… Einundzwanzig In der einen Sekunde war er noch da, in der nächsten verschwunden. Der kleine rote Ball konnte unmöglich von Karas ausgestreckter rechter Hand zu dem Fleck hinter ihrem Ohr gelangen. Und dennoch war es so. Und als sie ihn dann in die Luft warf, konnte er nicht einfach verschwinden und in ihrer linken Armbeuge wieder auftauchen. Doch auch das geschah. Wie ist das nur möglich?, grübelte Rhyme. Er befand sich mit ihr im Arbeitszimmer seines Hauses und wartete auf Amelia Sachs und Roland Bell. Mel Cooper legte soeben die Beweisstucke auf den Tischen bereit, aus den Lautsprechern der Anlage erklang ein druckvolles Jazzpiano, und Kara gab eine kleine Privatvorstellung. Sie stand vor einem der Fenster und trug eines von Sachs’ schwarzen T-Shirts aus dem Schrank im ersten Stock. Thom wusch unterdessen ihr Oberteil, um die Ketchupflecke zu entfernen. »Wo haben Sie die Dinger hergeholt?«, fragte Rhyme mit Blick auf die Bälle. Kara hatte sie nicht aus ihrer Handtasche genommen glaubte er zumindest. Sie habe sie »materialisiert«, behauptete die junge Frau. (Es sei offenbar ein beliebter Zaubertrick, intransitive Verben 265
in transitive zu verwandeln, hatte Rhyme zuvor bereits trocken angemerkt.) »Wo wohnen Sie?«, fragte er. »Im Village.« Rhyme nickte. Es rief Erinnerungen wach. »Als ich noch verheiratet war, haben viele unserer Freunde dort unten gewohnt. Und in SoHo und TriBeCa.« »Ich bin nur selten nördlich der Dreiundzwanzigsten«, sagte sie. Er lachte. »Zu meiner Zeit war die Vierzehnte der Beginn der entmilitarisierten Zone.« »Unsere Seite gewinnt, so wie’s aussieht«, scherzte sie, ließ die roten Balle mal in der einen, mal in der anderen Hand aufblitzen und verschwinden und fing dann an, ein wenig damit zu jonglieren. »Woher kommt Ihr Akzent?«, fragte er. »Ich hab einen Akzent?« »Dann eben Betonung, Klangfarbe … Tonfall.« »Wahrscheinlich aus Ohio«, sagte sie. »Im Mittelwesten.« »Genau wie bei mir«, sagte Rhyme. »Ich stamme aus Illinois.« »Aber ich bin schon mit achtzehn nach New York gekommen, um in Bronxville aufs College zu gehen.« »Sarah Lawrence, Schauspielstudium«, folgerte Rhyme. »Anglistik.« »Und es hat Ihnen hier gefallen, also sind Sie geblieben.« »Na ja, richtig gut wurde es erst, als ich aus den Vororten wegkam und mitten in der Stadt wohnen konnte. Nach dem Tod meines Vaters ist meine Mutter ebenfalls hergezogen, um in meiner Nähe zu sein.« Die Tochter einer verwitweten 266
Mutter … genau wie Sachs, dachte Rhyme. Er fragte sich, ob Kara wohl mit den gleichen Problemen zu kämpfen hatte. Seit einigen Jahren herrschte zwischen Amelia und Rose eine Art Waffenstillstand, doch früher war ihre Mutter aufbrausend, launisch und unberechenbar gewesen. Rose konnte damals nicht begreifen, wieso ihr Mann mit dem Dasein als einfacher Streifenpolizist vollauf zufrieden war und weshalb ihre Tochter alles Mögliche sein wollte, nur nicht das, was ihre Mutter sich für sie gewünscht hatte. Natürlich wurden Vater und Tochter auf diese Weise zu Verbündeten, was die Angelegenheit zusätzlich erschwerte. Sachs hatte Rhyme erzählt, dass sie und Herman sich an schlechten Tagen gemeinsam in die Garage zurückzogen, wo alles so herrlich logisch funktionierte: Wenn ein Ventil zu viel Spiel hatte, dann infolge einer eindeutigen und physikalisch nachvollziehbaren Ursache – es war falsch eingestellt, oder ein Dichtungsring war kaputt. Motoren, Stoßdämpfer und Getriebe überraschten dich weder mit melodramatischen Stimmungswechseln noch mit kryptischen Vorwürfen, und auch im schlimmsten Fall gaben sie nicht dir die Schuld für ihre eigenen Fehler. Rhyme hatte Rose Sachs mittlerweile mehrmals getroffen und sie als charmante, gesprächige, ein wenig exzentrische Frau kennen gelernt, die stolz auf ihre Tochter war. Doch er wusste, dass die Vergangenheit nirgendwo so lebendig wurde wie zwischen Eltern und Kindern. »Und wie läuft es so, wenn man sich häufig sieht?«, fragte Rhyme skeptisch. »Klingt wie eine Sitcom aus der Hölle, was? Nein, nein, meine Mum ist großartig, wirklich. Sie ist … he, Sie wissen schon, eine Mutter. Die sind eben einfach so. Das hört niemals auf.« 267
»Wo wohnt sie?« »Sie lebt in einem Pflegeheim an der Upper East Side.« »Ist sie sehr krank?« »Nichts Ernstes. Sie kommt schon wieder auf die Beine.« Kara ließ geistesabwesend die Bälle über Fingerknöchel und Handfläche kreisen. »Sobald es ihr besser geht, fliegen wir nach England, nur wir zwei. London, Stratford, die Cotswold Hills. Meine Eltern und ich sind schon mal dort gewesen. Es war unser allerschönster Urlaub. Diesmal werde ich endlich auf der linken Straßenseite Auto fahren und warmes Bier trinken. Damals durfte ich das noch nicht. Na klar, ich war ja auch erst dreizehn. Kennen Sie England?« »Sicher, ich habe früher gelegentlich mit Scotland Yard zusammengearbeitet. Und ich habe dort Vorträge gehalten. Das letzte Mal liegt allerdings … nun ja, eine ganze Weile zurück.« »Zauberei und Illusionen waren in England schon immer populärer als hier. Es gibt da drüben so viel Bedeutendes zu sehen. Ich möchte Mum zeigen, wo in London die Egyptian Hall gestanden hat. Vor hundert Jahren war sie das Mekka aller Zauberkünstler. Ich glaube, das wird für mich so eine Art Wallfahrt.« Er schaute zur Tür. Keine Spur von Thom. »Bitte tun Sie mir einen Gefallen.« »Na klar.« »Ich brauche etwas Medizin.« Kara sah an der Wand einige Tablettenfläschchen stehen. »Nein, da drüben auf dem Bücherregal.« »Ah, ich verstehe. Welche Sorte?« »Die ganz außen. Macallan, achtzehn Jahre alt.« Er flüsterte. »Und schütten Sie ihn bitte sehr leise ein.« 268
»He, da haben Sie sich genau die Richtige ausgesucht. Robert-Houdin hat gesagt, um ein erfolgreicher Illusionist zu sein, müsse man drei Eigenschaften beherrschen: Geschicklichkeit, Geschicklichkeit und Geschicklichkeit.« Gleich darauf goss sie einen kräftigen Schluck des rauchigen Whiskys in Rhymes Becher – nahezu geräuschlos und mit einer blitzschnellen Bewegung. Thom hätte in unmittelbarer Nähe stehen können und würde nichts davon bemerkt haben. Kara steckte den Becher in die Halterung am Rollstuhl und schob den Strohhalm durch den Deckel. »Genehmigen Sie sich auch einen«, sagte Rhyme. Kara schüttelte den Kopf und deutete auf die Kaffeekanne, die sie fast im Alleingang geleert hatte. »Das ist meine Droge.« Rhyme trank einen Schluck, lehnte den Kopf zurück, ließ die scharfe Flüssigkeit in seinen Rachen rinnen und schluckte sie hinunter. Sein Blick richtete sich abermals auf Karas Hände und das unglaubliche Verhalten der roten Bälle. Er trank noch einen Schluck. »Das gefällt mir.« »Was?« »Dieser Begriff der Illusion.« Sei nicht rührselig, ermahnte er sich. Wenn du trinkst, wirst du immer so furchtbar sentimental. Doch diese Einsicht hielt ihn nicht davon ab, sich den nächsten Schluck Whisky zu genehmigen. »Wissen Sie, die Realität ist manchmal nur schwer zu ertragen.« Fast zwangsläufig folgte darauf der trübsinnige Blick auf seinen reglosen Körper. Noch im selben Moment bedauerte er den Kommentar – und den Blick – und wollte das Thema wechseln. Aber Kara verschonte ihn mit falscher Anteilnahme. »Ich bin mir nicht sicher, ob so etwas wie Realität überhaupt existiert«, sagte sie. 269
Er verstand nicht, was sie meinte, und runzelte die Stirn. »Ist nicht fast unser gesamtes Leben eine einzige Illusion?«, fuhr sie fort. »Wie das?« »Tja, alles Vergangene ist Erinnerung, nicht wahr?« »Stimmt.« »Und alles Zukünftige ist Vorstellung. Beides sind Illusionen unser Gedächtnis ist unzuverlässig, und was die Zukunft anbelangt, so spekulieren wir nur. Vollkommen real ist einzig und allein der jeweils gegenwärtige Moment – und der verwandelt sich ständig von einer Vorstellung in eine Erinnerung. Sehen Sie? Der Großteil unseres Lebens ist eine Illusion.« Rhyme lachte leise. Er war Logiker und Wissenschaftler und hätte Karas Theorie gern widerlegt, doch er fand keinen Ansatz. Sie hatte wohl Recht, folgerte er. Er verlor sich sehr oft in Gedanken an das Davor, an die Zeit vor dem Unfall, und daran, wie sein Leben sich im Danach verändert hatte. Und die Zukunft? O ja, die spielte auch eine große Rolle. Außer Sachs und Thom wusste kaum jemand, dass er fast jeden Tag mindestens eine Stunde lang trainierte – manuelle Übungen zur Steigerung seiner Bewegungsreichweite absolvierte, sich in einem nahen Krankenhaus einer Wassertherapie unterzog oder eine Runde auf dem Reizimpulsfahrrad durchlief, das in einem der oberen Schlafzimmer verstaut war. Das Programm sollte ihm zu mehr nervlichen und motorischen Funktionen verhelfen, seine Ausdauer kräftigen und den Gesundheitsproblemen vorbeugen, die einem Querschnittsgelähmten drohten. Hauptsächlich aber quälte er 270
sich, um seine Muskeln für den Tag zu stärken, an dem eine Heilung möglich sein würde. Karas Theorie ließ sich auch auf Rhymes Beruf übertragen: Bei der Arbeit an einem Fall brachte er ständig seine umfassenden Fachkenntnisse und das Wissen über frühere Verbrechen zur Anwendung, während er gleichzeitig vorauszusehen versuchte, wo ein Verdächtiger sich aufhielt und was er als Nächstes tun würde. Alles Vergangene ist Erinnerung, alles Zukünftige ist Vorstellung … »Da das Eis nun gebrochen ist«, sagte Kara und nahm Zucker zum Kaffee, »möchte ich ein Geständnis ablegen.« Er trank den nächsten Schluck. »Ja?« »Als ich Sie zum ersten Mal gesehen habe, ist mir ein bestimmter Gedanke gekommen.« Ach ja, erinnerte er sich. Der Blick. Der berühmte Ichwill-weg-von-dem-Krüppel-Blick. Begleitet von dem Lächeln. Es gab nur eines, das schlimmer war, und offenbar stand es ihm nun bevor: die furchtbar unbeholfene Entschuldigung für den Blick und das Lächeln. Sie zögerte verlegen. »Ich dachte, was für ein unglaublicher Illusionist Sie doch sein würden«, sagte sie dann. »Ich?«, fragte Rhyme verblüfft. Kara nickte. »Es ist alles eine Frage von Wahrnehmungsvermögen und Realität. Die Leute schauen Sie an und sehen, dass Sie behindert sind … Ist das der richtige Ausdruck?« »Die politisch besonders Korrekten nennen es ›benachteiligt‹. Ich selbst sage einfach, ich bin im Arsch.« 271
Kara lachte. »Die Menschen sehen, dass Sie sich nicht bewegen können. Und vermutlich denken die meisten, Sie seien geistig zurückgeblieben oder zumindest schwer von Begriff. Stimmt’s?« Sie hatte Recht. Leute, die ihn nicht kannten, sprachen oft langsamer oder lauter und erklärten ganz offensichtliche Dinge in möglichst einfachen Worten. (Zu Thoms Entrüstung reagierte Rhyme dann bisweilen mit zusammenhanglosem Gemurmel oder tat gar so, als litte er unter dem Tourette-Syndrom, einer neurologischen Störung, die zu unwillkürlichen Zuckungen und Lautäußerungen führte, woraufhin die entsetzten Besucher die Flucht ergriffen.) »Ein Publikum würde sofort von gewissen Annahmen ausgehen und überzeugt sein, dass Sie unmöglich hinter den dargebotenen Illusionen stecken können«, fuhr Kara fort. »Die eine Hälfte würde sich allein auf Ihren Zustand konzentrieren, die andere Hälfte beschämt die Blicke abwenden. Und in dem Moment hätten Sie praktisch schon gewonnen … Wie dem auch sei, hier stand ich nun also zum ersten Mal vor Ihnen, und Sie saßen in diesem Rollstuhl und hatten offenbar eine Menge mitgemacht. Und ich benahm mich nicht verständnisvoll, fragte nicht nach Ihrem Befinden und sagte nicht mal ›Es tut mir Leid‹. Ich hab einfach nur gedacht, Mann, was wäre das für ein genialer Künstler. Das war ziemlich krass, und ich hatte den Eindruck, es ist Ihnen nicht entgangen.« Rhyme war geradezu entzückt. »Glauben Sie mir, ich kann mit Mitleid oder Samthandschuhen nicht viel anfangen«, versicherte er. »Krassheit finde ich wesentlich besser.« »Ehrlich?« 272
»Ja.« Sie hob ihren Kaffeebecher. »Auf den berühmten Illusionisten, den Unbeweglichen.« »Taschenspielertricks könnten vielleicht zum Problem werden«, betonte Rhyme. »Mr. Balzac pflegt zu sagen, ein beweglicher Geist sei viel wichtiger als flinke Finger.« Dann hörten sie, wie die Haustür sich öffnete, unmittelbar gefolgt von zwei Stimmen. Es waren Sachs und Sellitto, die soeben den Flur betraten. Rhyme zog eine Augenbraue hoch und beugte sich zum Strohhalm seines Trinkbechers vor. »Sehen Sie mal«, flüsterte er. »Ich nenne diesen Trick Die Vernichtung der belastenden Beweise.« »Glauben wir denn überhaupt, dass er tot ist und bei den Fischen liegt?«, fragte Lon Sellitto. Sachs und Rhyme sahen sich an und antworteten wie aus einem Mund: »Nein.« »Wisst ihr eigentlich, wie tückisch der Harlem River ist?«, fragte der stämmige Detective. »Es passiert immer wieder, dass Jugendliche dort schwimmen gehen und nicht mehr zurückkommen.« »Ich glaube es erst, wenn ich seine Leiche sehe«, sagte Rhyme. Eines jedoch machte ihm ein wenig Mut: Es gab bislang keine weiteren Berichte über einen Mord oder ein ungeklärtes Verschwinden. Die haarscharf gelungene Flucht und das Bad im Fluss hatten dem Killer vermutlich sehr zugesetzt. Da er nun wusste, wie dicht die Polizei ihm auf den Fersen war, würde er seine Anschläge vielleicht aufgeben oder zumindest 273
eine Weile von der Bildfläche verschwinden, so dass die Verfolger Gelegenheit hätten, ihn aufzuspüren. »Was ist mit Larry Burke?«, fragte Rhyme. Sellitto schüttelte den Kopf. »Es befinden sich mehrere Dutzend Leute auf der Suche nach ihm. Dazu eine Menge Freiwilliger außerhalb der Dienstzeit, Kollegen von Polizei und Feuerwehr. Der Bürgermeister hat eine Belohnung ausgesetzt … Aber ich muss gestehen, es sieht nicht gut aus. Ich fürchte, er liegt im Kofferraum des Mazda.« »Der Wagen wurde noch nicht geborgen?« »Er wurde noch nicht mal gefunden. Das Wasser ist schwarz wie die Nacht. Einer der Taucher meinte, bei der Strömung könnte ein Fahrzeug mehrere hundert Meter abtreiben, bevor es den Grund erreicht.« »Wir müssen davon ausgehen, dass er Burkes Waffe und Funkgerät hat«, warnte Rhyme. »Lon, wir sollten die Frequenz wechseln, sonst weiß er, was wir vorhaben.« »Sicher.« Der Detective rief in der Zentrale an und sorgte dafür, dass der Funkverkehr zum Fall des Hexers auf eine stadtweite Sonderfrequenz umgestellt wurde. »Kümmern wir uns um die Spuren. Was haben wir, Sachs?« »In dem griechischen Restaurant leider gar nichts«, sagte sie und verzog das Gesicht. »Ich habe den Geschäftsführer angewiesen, alles unberührt zu lassen, aber er hat es irgendwie missverstanden. Oder er wollte es missverstehen. Als wir dorthin zurückkamen, hatte das Personal den Tisch gereinigt und den Boden gewischt.« »Was ist mit diesem Tümpel, an dem ihr ihn gestellt habt?« 274
»Dort konnten wir ein paar Spuren sichern«, sagte Sachs. »Er hat uns wieder mit Schießbaumwolle geblendet und dann einige Knallkörper gezündet. Im ersten Moment dachten wir, er hätte das Feuer eröffnet.« Cooper sah sich die verbrannten Überreste an. »Genau wie die anderen. Nichts davon lässt sich zurückverfolgen.« »Also gut.« Rhyme seufzte. »Was sonst noch?« »Zwei Ketten unterschiedlicher Länge.« Er hatte sie um Cheryl Marstons Brust, Arme und Fußgelenke geschlungen und mit Karabinerhaken gesichert. Cooper und Rhyme nahmen alles sorgfältig in Augenschein. Auf keinem der Gegenstände war ein Hersteller vermerkt. Das Gleiche galt für das Seil und das Stück Isolierband, das als Knebel gedient hatte. Die Sporttasche, die der Täter aus dem Wagen mitgenommen hatte und in der wahrscheinlich die Ketten und das Seil verstaut gewesen waren, trug keinerlei Markennamen und stammte aus chinesischer Fabrikation. Bisweilen gelang es, den Herkunftsort eines gewöhnlichen Gebrauchsartikels ausfindig zu machen, indem man eine ausreichend große Zahl von Leuten die Discountläden und Straßenverkäufer abgrasen ließ, doch bei einem solch billigen Massenprodukt wie dieser Tasche stand der Aufwand in keinem Verhältnis zum möglichen Ergebnis. Cooper hielt die offene Tasche umgedreht über ein Porzellantablett und klopfte mehrmals kräftig auf den Boden. Ein wenig weißes Pulver rieselte heraus. Der Techniker unterzog es einer Analyse und stellte fest, dass es sich um Flunitrazepam handelte. »Ein beliebter Tranquilizer«, erklärte Sachs für Kara. 275
Ferner fanden sich im Innern der Tasche Kügelchen einer klebrigen lichtdurchlässigen Substanz. Das gleiche Material schien im Reißverschluss und an dem Tragegriff zu haften. »Das kommt mir nicht bekannt vor«, sagte Cooper. Aber Kara sah genauer hin und roch daran. »Klebewachs«, sagte sie. »Ein Zauberkünstler benutzt es, um auf der Bühne Gegenstände vorübergehend zu befestigen. Vielleicht hat er sich eine offene Kapsel der Droge an die Handfläche geklebt und bei einer passenden Gelegenheit in das Getränk der Frau geleert.« »Und wo gibt es dieses Wachs zu kaufen?«, fragte Rhyme zynisch. »Lassen Sie mich raten – in jedem beliebigen Fachgeschäft der freien Welt?« Kara nickte. »Tut mir Leid.« Darüber hinaus stieß Cooper in der Tasche auf winzige Metallspäne und einen runden schwarzen Fleck – als hätte dort eine kleine Farbdose gestanden. Die Untersuchung mit dem Mikroskop erbrachte, dass die Späne offenbar aus Messing bestanden und ungewöhnliche maschinelle Bearbeitungsspuren trugen. Lincoln Rhyme hatte keine Idee. »Schick ein paar Fotos an unsere Freunde vom FBI.« Cooper fertigte Bilder an, komprimierte die Dateien und sandte sie als verschlüsselte E-Mail nach Washington. Der schwarze Fleck rührte nicht von Farbe, sondern von dokumentenechter Tinte her, doch die Datenbank erbrachte keinen Aufschluss über die exakte Marke, da sich keinerlei individuelle Kennzeichen fanden. »Was ist das?«, fragte Rhyme mit Blick auf eine Plastiktüte, in der ein dunkelblaues Kleidungsstück lag. »Da hatten wir echtes Glück«, sagte Sachs. »Das ist die 276
Windjacke, die er zunächst getragen hat. Als er fliehen musste, blieb ihm keine Gelegenheit mehr, sie mitzunehmen.« »Gibt’s charakteristische Merkmale?«, fragte Rhyme, der auf ein Monogramm oder ein Wäschezeichen hoffte. Cooper nahm sich das Kleidungsstück vor. »Nein«, sagte er dann. »Und alle Etiketten wurden entfernt.« »Aber wir haben einige Dinge in den Taschen gefunden.« Zuerst widmeten sie sich einem Presseausweis, ausgestellt von einem der großen Kabelsender. Der Name des CTNReporters lautete Stanley Saferstein, und auf dem Foto war ein schlanker braunhaariger Mann mit Bart zu sehen. Sellitto rief beim Sender an und sprach mit dem Sicherheitschef. Wie sich herausstellte, war Saferstein einer der leitenden Journalisten und seit Jahren für die Lokalredaktion tätig. Der Ausweis war ihm letzte Woche gestohlen worden, und zwar während oder kurz nach einer Pressekonferenz in Downtown. Anscheinend hatte der Dieb völlig unbemerkt die Umhängeschlaufe durchtrennt und den Pass eingesteckt. Rhyme nahm an, dass der Hexer ausgerechnet Saferstein bestohlen hatte, weil der Reporter ihm ähnlich sah: Mitte fünfzig, schmales Gesicht, dunkle Haare. »Der Ausweis wurde natürlich sofort gesperrt«, erklärte der Sicherheitschef, »aber das will nicht unbedingt etwas heißen. Wenn Wachleute oder Polizisten unser Logo sehen, schauen sie meistens nicht genauer hin und lassen die betreffende Person passieren.« »Überprüf Saferstein beim Violent Criminal Apprehension Program und beim National Crime Information Center«, bat Rhyme im Anschluss an das Telefonat. 277
»VICAP und NCIC? Wenn’s denn sein muss«, sagte Cooper. »Aber warum?« »Einfach nur so.« Es überraschte ihn nicht, dass die Anfragen kein Resultat erbrachten. Rhyme hatte nicht wirklich geglaubt, dass eine Verbindung zwischen dem Reporter und dem Hexer bestand, aber bei diesem speziellen Täter wollte er nichts unversucht lassen. In der Jacke hatte sich außerdem ein graues Stück Plastik befunden, die Türkarte eines Hotels. Rhyme war hocherfreut. Obwohl kein Hotelname darauf stand – lediglich das Abbild eines Schlüssels sowie ein Pfeil, um dem Gast anzuzeigen, welches Ende er ins Schloss stecken sollte –, würden auf dem Magnetstreifen hoffentlich alle erforderlichen Informationen kodiert sein. Auf der Rückseite der Karte war in kleinen Buchstaben der Name des Herstellers vermerkt: APC inc. Akron, Ohio. Cooper überprüfte den Firmennamen anhand einer Datenbank für eingetragene Warenzeichen. Die Abkürzung stand für American Plastic Cards, ein Betrieb, der Hunderte verschiedener Kenn- und Schlüsselkarten produzierte. Einige Minuten später meldete sich am anderen Ende der Leitung der Firmenchef persönlich – ein hemdsärmeliger Unternehmer, der nichts dabei fand, samstags zu arbeiten oder selbst ans Telefon zu gehen, mutmaßte Rhyme und schilderte ihm die Situation. Dann beschrieb er den Schlüssel und fragte, wie viele New Yorker Hotels damit ausgestattet worden seien. »Ach, das ist der APC-42, unser beliebtestes Modell. Wir stellen ihn für alle großen Schlossanbieter her. Ilco, Saflok, Tesa, Ving, Sargent und den ganzen Rest.« 278
»Haben Sie eine Idee, wie wir das betreffende Hotel ermitteln könnten?« »Ich fürchte, Sie werden in jedem Haus nachfragen müssen, ob dort graue APC-42er benutzt werden. Wir haben die betreffenden Informationen hier irgendwo in unserem System, aber ich weiß nicht, wie ich an sie herankommen sollte. Ich werde versuchen, meinen Verkaufsleiter oder seinen Assistenten zu erreichen, aber das könnte ein oder zwei Tage dauern.« »Autsch«, sagte Sellitto. Ja, autsch. Rhyme beschloss, nicht tatenlos abzuwarten, und veranlasste Sellitto, den Schlüssel an Bedding und Saul weiterzuleiten. Die Zwillinge sollten die Hotels von Manhattan abklappern und herausfinden, wo dieser leider so überaus beliebte APC-42 zum Einsatz kam. Zuvor wurden die Schlüsselkarte und der Presseausweis noch auf Fingerabdrücke untersucht – wiederum mit negativem Ergebnis. Zwei der Spuren stammten von den falschen Fingerkuppen, der Rest war verwischt. Roland Bell kehrte von den Einsatzorten an der West Side zurück, und Cooper fasste die bisherigen Ergebnisse für ihn zusammen. Dann nahmen sie die nächsten Spuren in Angriff und stellten fest, dass die Jacke des Hexers noch etwas enthielt: Die Rechnung eines Restaurants namens Riverside Inn, gelegen in Bedford Junction, New York. Laut diesem Beleg hatten am Samstag, dem sechsten April – also genau vor zwei Wochen –, vier Leute dort an Tisch 12 zu Mittag gegessen: Truthahn, Hackbraten, Steak und einmal das Tagesgericht, dazu jeweils ein Softdrink. Niemand hatte Alkohol getrunken. 279
Sachs schüttelte den Kopf. »Wo, zum Teufel, liegt Bedford Junction?« »Ein ganzes Stück nördlich, glaube ich«, sagte Mel Cooper. »Auf der Rechnung steht eine Telefonnummer«, sagte Bell. »Ruft doch einfach dort an, und fragt Debby oder Tanya oder wie auch immer die reizende Bedienung heißt, ob es vier Stammgäste gibt, die häufig an« – er schaute auf den Beleg – »Tisch zwölf sitzen. Oder ob sie sich wenigstens an diese Bestellung erinnern kann. Die Chancen stehen schlecht, aber wer weiß?« »Wie lautet die Nummer?«, fragte Sellitto. Bell diktierte sie ihm. Es war weit hergeholt – zu weit, so wie Rhyme es erwartet hatte. Der Geschäftsführer und die Bedienungen dort hatten keine Ahnung, um welche Gäste es sich gehandelt haben könnte. »Bei denen ist immer ›mordsviel los‹«, berichtete Sellitto und verdrehte die Augen. »Das war ein Zitat.« »Es gefällt mir nicht«, sagte Sachs. »Was?« »Wieso isst er mit drei anderen Leuten zu Mittag?« »Guter Einwand«, sagte Bell. »Glauben Sie, er arbeitet mit jemandem zusammen?« »Nein, bestimmt nicht«, warf Sellitto ein. »Wiederholungstäter sind fast immer Einzelgänger.« »Da wäre ich mir nicht so sicher«, gab Kara zu bedenken. »Taschenspieler und gewöhnliche Zauberkünstler – die arbeiten allein. Aber er ist Illusionist, vergessen Sie das nicht. Die benötigen für ihre Nummern stets auch andere Leute. Denken Sie an die Freiwilligen aus dem Publikum. Und an die 280
Assistenten auf der Bühne, die offen vor den Zuschauern agieren. Darüber hinaus gibt es geheime Helfer. Das sind die Leute, die für den Illusionisten arbeiten, ohne dass das Publikum es weiß, und sie tarnen sich als Bühnenarbeiter, Zuschauer oder vermeintlich Freiwillige. In einer guten Show kann man nie ganz sicher sein, wer wer ist.« Herrje, dachte Rhyme, mit seinen Verwandlungs-, Entfesselungs- und Illusionistenkünsten war dieser Täter allein schon schlimm genug. Falls er zudem über Assistenten verfügte, wurde er noch hundertmal gefährlicher. »Schreib es auf, Thom«, rief er. »Und jetzt die Spuren aus der Gasse, in der Burke ihn erwischt hatte.« Der erste Gegenstand waren die Handschellen des Beamten. »Er ist sie innerhalb weniger Sekunden losgeworden, also hatte er einen Schlüssel«, sagte Sachs. Zum Entsetzen aller Polizisten ließen sich die meisten Handschellen mit einem Generalschlüssel öffnen, der in entsprechenden Fachgeschäften für wenige Dollars erhältlich war. Rhyme fuhr mit dem Rollstuhl zum Tisch vor und besah sich die Handschellen aus der Nähe. »Dreh sie mal um … Halt sie hoch … Stimmt, er könnte einen Schlüssel benutzt haben, aber ich sehe hier am Schloss frische Kratzer. Ich würde sagen, es wurde mit einem Dietrich geöffnet …« »Burke hat ihn mit Sicherheit gefilzt«, wandte Sachs ein. »Wo hatte er also den Dietrich versteckt?« »Da gibt’s mehrere Möglichkeiten«, sagte Kara. »Zum Beispiel in seinen Haaren oder im Mund.« »Mund?«, grübelte Rhyme. »Versuch’s mal mit dem UVLicht, Mel.« 281
Cooper setzte den Ultraviolett-Verstärker auf. »Ja, hier sind winzige Schmierspuren und Tröpfchen rund um das Schlüsselloch.« Was ein deutlicher Hinweis auf Körperflüssigkeiten, vornehmlich Speichel, war. »Houdini hat das ständig so gemacht«, sagte Kara. »Manchmal ließ er jemanden aus dem Publikum in seinem Mund nachsehen. Unmittelbar vor der Nummer küsste ihn dann seine Frau – um ihm Glück zu wünschen, behauptete er, doch in Wahrheit hat sie ihm auf diese Weise einen Schlüssel in den Mund geschoben.« »Aber laut Vorschrift musste Burke ihm die Hände auf dem Rücken fesseln«, sagte Sellitto. »Wie konnte der Hexer den Mund überhaupt erreichen?« »Oh«, sagte Kara lachend. »Jeder Entfesselungskünstler benötigt höchstens drei oder vier Sekunden, und schon befinden die Hände sich vor dem Körper.« Cooper testete die Speichelspuren. Bei manchen Personen ließen sich in allen Körperflüssigkeiten Antikörper nachweisen, die eine Bestimmung der Blutgruppe erlaubten. Leider zählte der Hexer nicht dazu. Sachs hatte zudem ein Stückchen Metall mit gezackter Kante gefunden. »Ja, das stammt auch von ihm«, sagte Kara. »Ein weiteres typisches Hilfsmittel der Entfesselungskünstler. Eine kleine Säge. Damit hat er vermutlich die Fußfessel durchtrennt.« »Und die Säge hatte er ebenfalls im Mund? Wäre das nicht viel zu gefährlich?« »Oh, wir verstecken bei unseren Nummern häufig Nadeln oder Rasierklingen im Mund. Mit etwas Übung ist es relativ sicher.« 282
Die anderen in der Gasse gesicherten Spuren erbrachten auch diesmal wieder Latex- und Make-up-Reste sowie Rückstände des Lederpflegemittels Tack-Pure. »Hast du etwas am Flussufer gefunden, wo der Wagen ins Wasser gestürzt ist, Sachs?« »Nur die Reifenspuren im Schlamm.« Sie hängte die von Cooper ausgedruckten Digitalfotos an die Tafel. »Irgendein übereifriger Zivilist hat den Schauplatz auf den Kopf gestellt«, erklärte sie. »Aber ich habe den Dreck eine halbe Stunde lang durchwühlt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Hexer weder etwas verloren hat noch selbst aus dem Wagen gesprungen ist.« »Was ist mit Cheryl Marston?«, wandte Sellitto sich an Bell, »Hat sie irgendwelche zusätzlichen Informationen für uns?« Der Detective berichtete von dem Gespräch mit ihr. Eine Anwältin, dachte Rhyme. Warum ausgerechnet sie? Nach welchen Kriterien suchte der Hexer seine Opfer aus? Eine Musikerin, ein Maskenbildner, eine Anwältin. »Sie ist geschieden«, fuhr Bell fort. »Ihr Exmann lebt in Kalifornien. Die Trennung verlief nicht unbedingt freundschaftlich, aber ich bezweifle, dass er mit der Sache zu tun hat. Die Kollegen vom LAPD haben netterweise ein paar Nachforschungen angestellt: Er hat für heute ein Alibi. Und weder beim NCIC noch beim VICAP liegt etwas gegen ihn vor.« Cheryl Marston hatte den Hexer als schlank und kräftig beschrieben, mit einem Vollbart und Narben an Hals und Brust. »Ach ja, und sie hat bestätigt, dass seine Finger tatsächlich deformiert sind, genau wie wir vermutet haben. Mitein283
ander verschmolzen, hat sie gesagt. Sie weiß nicht, in welcher Gegend er wohnt, und er ist ihr gegenüber unter dem Namen ›John‹ aufgetreten. Auf den Kopf gefallen ist er jedenfalls nicht.« Nutzlose Informationen, dachte Rhyme. Dann schilderte Bell, wie der Täter sich an die Frau herangemacht hatte und was im Anschluss geschehen war. »Kommt Ihnen etwas davon bekannt vor?«, fragte Rhyme ihre junge Beraterin. »Er könnte eine Taube oder Möwe hypnotisiert haben, um sie dem Pferd an den Kopf zu werfen und es dann mit irgendeinem Gimmick zusätzlich zu beunruhigen«, sagte Kara. »Was für eine Art von Gimmick?«, fragte Rhyme. »Können Sie uns einen Hersteller nennen?« »Nein, er hat es wahrscheinlich selbst gebaut. Früher haben Zauberkünstler Elektroden oder Stacheln benutzt, um Löwen auf Kommando brüllen zu lassen, irgendwas in der Art. Heutzutage würden die Tierschützer so etwas sofort unterbinden.« Bell erzählte, was Marston ihm über die Unterhaltung in dem Café berichtet hatte. »Eines dabei kam ihr komisch vor: Es war, als könnte er ihre Gedanken lesen. Und er wusste unglaublich viel über sie.« »Körpersprache«, warf Kara ein. »Er sagt etwas und beobachtet dann genau ihre Reaktion. Das verrät ihm jede Menge über sie. Man nennt das ›provozierte Indikation‹. Ein erfahrener Hellseher kann durch ein völlig harmloses Gespräch alles Mögliche über die betreffende Person herausfinden.« »Und als sie dann immer lockerer wurde, hat er ihr die 284
Drogen verabreicht, sie ans Ufer verfrachtet und kopfüber ins Wasser getaucht.« »Das war eine Variation von Houdinis Wasserfolterkammer«, erklärte Kara. »Eine seiner berühmtesten Nummern.« »Wie lief seine Flucht von dort ab?«, wollte Rhyme von Sachs wissen. »Zuerst war ich mir gar nicht sicher, ob es sich überhaupt um den Hexer handelte – er hatte mittlerweile das Kostüm gewechselt«, sagte sie. »Auch die Augenbrauen waren anders.« Bei diesen Worten schaute sie kurz zu Kara. »Seine linke Hand konnte ich nicht erkennen. Dann hat er mich abgelenkt. Er ist ein Bauchredner. Ich hab ihm direkt ins Gesicht gesehen – und seine Lippen haben sich nicht bewegt.« »Ich möchte wetten, er hat Worte ohne die Buchstaben b, m oder p gewählt«, sagte Kara. »Vermutlich auch ohne f und v.« »Sie haben Recht. Ich glaube, es war so etwas wie: ›He, Achtung, da, rechts, der Jogger hat ’ne Knarre.‹« Sie verzog das Gesicht. »Ich hab weggeschaut – in die gleiche Richtung wie alle anderen. Dann hat er diese Schießbaumwolle gezündet und uns geblendet. Danach gingen die Knallkörper hoch, und ich dachte, er würde auf uns schießen. Er hat mich kalt erwischt.« Rhyme registrierte ihre verärgerte Miene. Am meisten war Amelia Sachs auf sich selbst wütend. »Nehmen Sie’s nicht zu schwer«, tröstete Kara. »Das Gehör lässt sich von allen Sinnen am einfachsten überlisten. Auf der Bühne werden Geräuschillusionen nur selten eingesetzt. Sie sind viel zu simpel.« Sachs tat den Zuspruch mit einem Achselzucken ab und fuhr fort: »Während Roland und ich noch immer geblendet 285
waren, ist der Hexer weggerannt und auf dem Marktplatz in der Menge verschwunden.« Sie schnitt die nächste Grimasse. »Und fünfzehn Minuten später habe ich ihn gesehen – diesen Biker mit dem Harley-Hemd. Das muss man sich mal vorstellen, er stand direkt vor meiner Nase.« »O Mann«, sagte Kara und schüttelte den Kopf. »Seine Münzen klimpern definitiv nicht.« »Was war das?«, fragte Rhyme. »Münzen?« »Ach, das ist so eine Redensart in unserer Branche. Ursprünglich bezog sie sich darauf, dass ein gelungener Münztrick absolut geräuschlos verläuft, aber inzwischen benutzt man sie allgemein, wenn jemand wirklich gut ist. Man sagt auch, eine Nummer sei ›wasserdicht‹.« Sie ging zu der Tafel, die für das Täterprofil reserviert war, nahm den Filzstift und trug die neuen Punkte ein. »Also, er ist Taschenspieler, Hellseher und sogar Bauchredner. Und er kennt sich mit Tiernummern aus. Dass er Schlösser öffnen kann, wissen wir seit dem zweiten Mord, aber er ist außerdem Entfesselungskünstler. Welchen Bereich der Zauberkunst beherrscht er denn eigentlich nicht?« Während Rhyme sich zurücklehnte und ihr beim Schreiben zusah, brachte Thom einen großen Umschlag ins Zimmer. Er gab ihn Bell. »Für Sie.« »Was is’n das?«, murmelte der Detective, zog die Schriftstücke heraus und überflog sie. Er nickte langsam. »Das hier ist der Bericht über die weiteren Nachforschungen in Gradys Büro, um die Sie Peretti gebeten haben. Wollen Sie mal einen schnellen Blick darauf werfen, Lincoln?« Die kurze Notiz auf dem ersten Blatt lautete: LR – Wie angekündigt. – VP. 286
Rhyme vertiefte sich in die Einzelheiten, und Thom blätterte nach jedem ernsten Nicken für ihn um. Die Techniker der Spurensicherung hatten ein vollständiges Inventar des Vorzimmers der Sekretärin angelegt, Abdrücke sämtlicher Fußspuren genommen und deren Anordnung exakt vermerkt, genau wie Rhyme es verlangt hatte. Er las diese Seiten sorgfältig mehrmals durch, schloss die Augen und stellte sich den Tatort vor. Dann widmete er sich der umfassenden Analyse der gefundenen Fasern. Die meisten der weißen Exemplare bestanden aus einer Polyester/Viskose-Mischung. Einige waren mit einer dicken Baumwollfaser verbunden – ebenfalls weiß –, und alle waren sie matt und schmutzig. Bei den schwarzen Fasern handelte es sich um Wolle. »Mel, was halten wir von diesen schwarzen Dingern hier?« Der Techniker sprang von seinem Stuhl auf und musterte die Fotos. »Die Aufnahmen könnten besser sein«, sagte er und betrachtete sie genauer. »Aus irgendeinem dichten Gewebe, einem Köperstoff.« »Gabardine?«, fragte Rhyme. »Da brauchte ich eine größere Probe, um die Schrägrippen erkennen zu können. Aber ich würde auch auf Gabardine tippen.« Rhyme las den Rest der Seite und erfuhr, dass die einzelne rote Faser, die man in dem Büro gefunden hatte, aus Satin bestand. »Okay, okay«, sagte er leise, schloss die Augen und ließ die Neuigkeiten auf sich wirken. »Was weißt du über Stoffe und Bekleidung, Mel?«, fragte Rhyme nach einer Weile. »Nicht viel. Aber – um dich zu zitieren, Lincoln – die 287
wichtige Frage ist nicht: ›Was weißt du über etwas?‹, sondern ›Weißt du, wo man es herausfinden kann?‹ Und die Antwort darauf lautet: Ja, das weiß ich.«
DER HEXER Musikschule, Tatort • Täterbeschreibung: braune Haare, falscher Bart, keine besonderen Merkmale, mittlere Statur und Größe. Alter: Anfang fünfzig. Kleiner und Ringfinger der linken Hand miteinander verschmolzen. Hat schnell Verkleidung gewechselt, um wie alter kahlköpfiger Hauswart auszusehen. • Kein erkennbares Tatmotiv. • Opfer: Swetlana Rasnikow. ♦ Musikstudentin; kein zusätzlicher Job. ♦ Überprüfen Familie, Freunde, Studenten, engeren Umkreis auf mögliche Hinweise. - Kein fester Freund, keine bekannten Feinde. Ist auf Kindergeburtstagen aufgetreten. • Platine mit Lautsprecher. ♦ An FBI-Labor New York geschickt. - Digitaler Audiorekorder, vermutlich mit Stimme des Täters. Alle Daten gelöscht. - Rekorder ist ein »Gimmick«. Selbst gebaut. • Täter hat Opfer mit altmodischen Eisenhandschellen gefesselt. ♦ Darby-Handschellen. 288
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♦ Scotland Yard. Anfrage beim Houdini Museum in New Orleans läuft. Uhr des Opfers wurde um genau 8.00 Uhr zertrümmert. Stühle mit Baumwollkordel fixiert. Handelsüblich. ♦ Zu viele mögliche Quellen; nicht zurückverfolgbar. Knallkörper, um Schuss zu simulieren. Wurde zerstört. ♦ Zu viele mögliche Quellen; nicht zurückverfolgbar. Zündschnur. Handelsüblich. ♦ Zu viele mögliche Quellen; nicht zurückverfolgbar. Beamte vor Ort berichten von Lichtblitz. Keine Überreste gefunden. ♦ Wurde durch Schießbaumwolle oder Kollodiumpapier ausgelöst. ♦ Zu viele mögliche Quellen; nicht zurückverfolgbar. Schuhe des Täters: Marke Ecco, Größe 10. Seidenfasern, grau gefärbt, bearbeitet, matte Oberfläche. ♦ Stammen vom Hauswartkostüm des Täters. Täter trägt vermutlich eine braune Perücke. Roter Hickory und Flechte (Parmelia conspersa); beide kommen hauptsächlich im Central Park vor. Erdprobe mit anorganischem Öl durchtränkt. Zur Analyse an FBI-Labor geschickt. ♦ Pflegemittel Tack-Pure für Sättel und Leder. Schwarzes Seidentuch, ca. 2 x 1,5 Meter. Zur Tarnung benutzt. Nicht zurückverfolgbar. ♦ Wird häufig von Illusionisten benutzt. Täter hinterlässt falsche Fingerabdrücke durch Tragen von Kappen. ♦ Übliches Utensil von Zauberkünstlern.
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• Reste von Latex, Rizinusöl, Make-up. • Theaterschminke. • Spuren von Alginat. ♦ Wird für Latexgussformen verwendet. • Mordwaffe: Seil aus geflochtener weißer Seide mit schwarzem Seidenkern. ♦ Utensil eines Zaubertricks (Farbwechsel). Nicht zurückverfolgbar. • Ungewöhnlicher Knoten. ♦ An FBI und Schifffahrtsmuseum geschickt – ohne Ergebnis. ♦ Knoten stammt aus Houdini-Nummern; praktisch unmöglich zu lösen. • Täter hat sich in Besucherbuch eingetragen. Tinte ist verschwunden.
East Village, Tatort • Zweites Opfer: Tony Calvert. ♦ Maskenbildner; am Theater beschäftigt. ♦ Keine bekannten Feinde. ♦ Keine ersichtliche Verbindung zum ersten Opfer. ♦ Kein erkennbares Tatmotiv. • Todesursache: ♦ Schädelverletzung durch stumpfen Gegenstand; postmortale Zerstückelung mit Säge. • Täter flieht als vermeintliche Frau Mitte siebzig. Umgegend wird nach Kostüm und anderen Spuren abgesucht. ♦ Suche ohne Ergebnis. 290
• Uhr des Opfers wurde um genau 12.00 Uhr zertrümmert. ♦ Muster? Nächstes Opfer vermutlich um 16.00 Uhr. • Täter hat sich hinter Spiegel versteckt. Nicht zurückverfolgbar. Fingerabdrücke an AFIS geschickt. ♦ Keine Übereinstimmungen. • Täter hat Spielzeugkatze (»Falsum«) benutzt, um Opfer in Gasse zu locken. Spielzeug ist nicht zurückverfolgbar. • Erneut anorganisches Öl gefunden; gleiche Sorte wie am ersten Tatort. Erwarten FBI-Bericht. ♦ Pflegemittel Tack-Pure für Sättel und Leder. • Erneut Reste von Latex und Make-up sowie Spuren von falschen Fingerkuppen gefunden. • Erneut Alginat gefunden. • Täter hat Ecco-Schuhe zurückgelassen. • Hundehaare dreier verschiedener Rassen an den Schuhen nachgewiesen. Außerdem Kot. ♦ Kot stammt von Pferden, nicht von Hunden.
Hudson River und zugehörige Tatorte • Opfer: Cheryl Marston. ♦ Anwältin. ♦ Geschieden, aber Exmann nicht verdächtig. • Kein Tatmotiv. • Täter hat den Namen »John« benutzt. Hatte Narben an Hals und Brust. Deformierte Hand bestätigt. • Täter hat zweimal Kostüm gewechselt: Zunächst bartloser Geschäftsmann mit Stoffhose und Anzughemd, dann Biker mit Harley-Jeanshemd. 291
• Wagen liegt im Harlem River. Täter vermutlich entkommen. • Opfer wurde mit Isolierband geknebelt. Nicht zurückverfolgbar. • Knallkörper, genau wie zuvor. Nicht zurückverfolgbar. • Ketten und Karabinerhaken. Handelsüblich. Nicht zurückverfolgbar. • Seil. Handelsüblich. Nicht zurückverfolgbar. • Erneut Make-up, Latex und Tack-Pure. • Sporttasche, hergestellt in China. Nicht zurückverfolgbar. Inhalt: ♦ Reste von Tranquilizer Flunitrazepam. ♦ Klebewachs. Nicht zurückverfolgbar. ♦ Messing(?)späne. An FBI geschickt. ♦ Dokumentenechte Tinte, schwarz. • Dunkelblaue Windjacke, kein Monogramm oder Wäschezeichen. Inhalt: ♦ Presseausweis des Kabelsenders CTN, lautend auf Stanley Saferstein. (Er ist nicht verdächtig; NCIC-, VICAPSuche negativ.) ♦ Plastiktürkarte eines Hotels. American Plastic Cards, Akron, Ohio. Modell APC-42. Keine Fingerabdrücke. - Firmenchef sucht nach Verkaufsunterlagen. - Detectives Bedding und Saul überprüfen Hotels. ♦ Restaurantbeleg des Riverside Inn, Bedford Junction, NY. Mittagessen für vier Personen, Tisch 12, Samstag vor zwei Wochen. Truthahn, Hackbraten, Steak, Tagesgericht. Softdrinks. Personal kann sich an Gäste nicht erinnern. (Komplizen?) 292
• Gasse, in der Hexer verhaftet wurde: ♦ Täter hat Schlösser der Handschellen geöffnet. ♦ Speichel (Dietrich im Mund versteckt). ♦ Blutgruppe lässt sich nicht feststellen. ♦ Kleine Säge, um Fußfessel zu durchtrennen (ebenfalls im Mund versteckt). • Verbleib von Officer Burke ungeklärt. • Tatort Harlem River: ♦ Keine Hinweise, abgesehen von Reifenspuren im Schlamm.
Profil als Illusionist • Täter wird versuchen, Opfer und Polizei zu tauschen. ♦ Physische Täuschung (zur Ablenkung). ♦ Psychologische Täuschung (um Misstrauen zu überwinden). • Flucht in Musikschule verlief analog zu Illusionistennummer »Der Verschwundene«. ♦ Weithin bekannt; nicht zurückverfolgbar. • Täter ist in erster Linie Illusionist. • Täter ist geübter Taschenspieler. • Täter kennt sich mit Verwandlungskunst (Proteuszauber) aus. Kostüme lassen sich herunterreißen, sind aus Nylon oder Seide. Falsche Glatze, Fingerkuppen und andere Latexprothesen. Beliebiges Alter, Geschlecht oder Rasse. • Calverts Tod = Seibits Nummer »Die zersägte Frau«. • Täter ist geübt im Öffnen von Türschlössern (vermutlich »Scheuertechnik«). 293
• Täter ist Entfesselungskünstler. • Täter hat Erfahrung mit Tierillusionen. • Täter hat Hellsehertricks benutzt, um Informationen über Opfer zu erlangen. • Täter hat Taschenspielertrick benutzt, um Opfer unter Drogen zu setzen. • Mordversuch an drittem Opfer = Houdinis Nummer »Die Wasserfolterkammer«. • Täter ist Bauchredner.
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… Zweiundzwanzig Harry Houdini war als Entfesselungskünstler sehr berühmt, doch er hatte viele großartige Vorgänger und eine Reihe fähiger Zeitgenossen. Der wesentliche Unterschied zwischen ihm und all den anderen lag darin, dass Houdini bei jedem seiner Auftritte eine Herausforderung aussprach. Wo auch immer er gerade gastierte, er forderte die Einheimischen auf, ihn mit einem beliebigen Gegenstand zu fesseln – beispielsweise mit den Handschellen eines der dortigen Polizisten – oder ihn irgendwo vor Ort einzusperren, etwa in einer Zelle des Stadtgefängnisses, wo er dann versuchen würde, sich zu befreien. Es war dieser Wettstreit, dieser Vergleich von Mann zu Mann, dem Houdini seine außerordentliche Berühmtheit verdankte – und sie wuchs mit jeder neuen Herausforderung. Mir geht es ebenso, dachte Malerick, als er sein Apartment betrat. Im Anschluss an die Flucht vom Harlem River hatte er ein paar Erkundigungen eingezogen, doch die Ereignisse des heutigen Nachmittags machten ihm immer noch zu schaffen. Damals, vor dem Feuer, als er noch regelmäßig aufgetreten war, hatte er sich oft in Gefahr befunden. In wirklicher Gefahr. Sein Mentor hatte ihm eingetrichtert, dass man stets ein Risiko eingehen musste, um das Publikum zu fesseln. Und für Malerick gab es kein schlimmeres Vergehen, als all jene zu langweilen, die gekommen waren, um von ihm unterhalten 295
zu werden. Diese spezielle Nummer jedoch hatte sich als eine Kette beachtlicher Herausforderungen erwiesen; die Polizei war viel besser als erwartet. Wie hatten sie ahnen können, dass er es auf die Frau von der Reitschule abgesehen hatte? Und wo er sie ertränken wollte? Die Abriegelung des Kunstgewerbemarkts, die Entdeckung des Mazda, die nächste Verfolgungsjagd – die dermaßen knapp verlaufen war, dass er das Fahrzeug im Fluss versenken musste, um haarscharf entwischen zu können. Herausforderungen waren ja schön und gut aber allmählich wurde er paranoid. Er hatte eigentlich vorgehabt, sich noch etwas gründlicher auf die nächste Nummer vorzubereiten, doch nun beschloss er, bis zur letzten Minute in seiner Wohnung zu bleiben. Außerdem musste er dringend etwas erledigen. Etwas für sich selbst – nicht für das verehrte Publikum. Er zog die Vorhänge des Apartments zu und stellte eine Kerze auf das Kaminsims, unmittelbar neben einen kleinen hölzernen Kasten mit Einlegearbeiten. Nachdem er die Kerze mit einem Streichholz entzündet hatte, setzte er sich auf den groben Bezug des billigen Sofas und konzentrierte sich auf seine Atmung. Langsam atmete er ein und wieder aus. Langsam, langsam, langsam … Seine Augen wichen nicht von der Flamme ab, und er versank in einer Art Meditation. Im Laufe ihrer langen Geschichte hatte die Zauberkunst sich in zwei Richtungen entwickelt. Auf der einen Seite gab es die Taschenspieler, die Jongleure und Illusionisten, deren Ziel es war, das Publikum mit Geschick und flinken Fingern zu unterhalten. Der andere Zweig der Magie war weitaus umstrittener: die 296
Schule des Okkulten. Sogar in der heutigen wissenschaftlich geprägten Zeit behaupteten manche Zauberer, sie besäßen tatsächlich übersinnliche Kräfte, mittels derer sie Gedanken lesen, Gegenstände telekinetisch bewegen, die Zukunft vorhersagen und mit Geistern sprechen konnten. Seit Tausenden von Jahren erleichterten angebliche Seher und Medien die Taschen ihrer von Trauer umnebelten Opfer, indem sie vermeintlich die Geister verstorbener Angehöriger heraufbeschworen. Als es noch keine Gesetze gegen derlei Scharlatane gab, waren es häufig die echten Zauberkünstler, die zum Schutz der Leichtgläubigen die Methoden der Betrüger öffentlich enttarnten. (Sogar heutzutage verwandte der hervorragende Illusionist James Randi einen beachtlichen Teil seiner Anstrengungen darauf, Schwindler zu entlarven.) Auch Harry Houdini setzte viel Zeit und Geld ein, um falsche Seher bloßzustellen. Ironischerweise tat er dies vornehmlich deshalb, weil er lange vergeblich nach einem echten Medium gesucht hatte, das in der Lage sein würde, mit dem Geist seiner Mutter in Verbindung zu treten, deren Tod er nie ganz verwinden konnte. Malerick starrte nun auf die Kerze, beobachtete sie angestrengt und hoffte inständig, der seelenverwandte Geist möge erscheinen und die gelbe Flamme liebkosen, auf dass er ein Zeichen erhalte. Er benutzte die Kerze als Kommunikationsmittel, weil es ein Feuer gewesen war, das ihm das Liebste geraubt und sein Leben auf ewig verändert hatte. Halt, war da ein Flackern? Vielleicht ja, vielleicht nein. Er konnte es nicht sagen. In ihm rangen beide Zweige der Magie miteinander um die Vorherrschaft. Als begabter Illusionist wusste Malerick 297
natürlich, dass seine Nummern nichts anderes waren als angewandte Physik, Chemie und Psychologie. Und trotzdem gab es diese eine kleine Ungewissheit in ihm, ob die Zauberei nicht womöglich doch den Schlüssel zum Reich des Übernatürlichen darstellte: Gott als Illusionist, der unsere anfälligen Leiber verschwinden ließ, die Seelen unserer Liebsten wegzauberte, verwandelte und zurückbrachte zu uns, seinem traurigen, hoffenden Publikum. Es war nicht völlig undenkbar, glaubte Malerick. Er … Und dann flackerte die Kerze! Ja, er sah es ganz genau. Die Flamme bewegte sich einen Millimeter in Richtung des hölzernen Kästchens. Möglicherweise bedeutete dies, dass die Seele der geliebten Person nun neben ihm schwebte, herbeigerufen nicht durch irgendeine Technik, sondern dank einer unsichtbaren Verbindung, die mittels der Magie enthüllt werden könnte, sofern er nur empfänglich dafür blieb. »Bist du da?«, flüsterte er. »Bist du’s?« Er atmete unendlich langsam, weil er fürchtete, durch seinen Hauch die Flamme erzittern zu lassen. Malerick wollte einen eindeutigen Beweis, dass er nicht allein war. Schließlich verlosch die Kerze von selbst. Malerick saß noch lange nachdenklich da und schaute dabei zu, wie der graue Rauch sich zur Decke hochringelte und verschwand. Er sah auf die Uhr. Es blieb keine Zeit mehr. Er suchte die Kostüme und Utensilien zusammen, legte alles bereit, zog sich sorgfältig an und schminkte sich. Der Spiegel verriet ihm, dass die neue Rolle perfekt saß. Er ging zur Haustür und blickte durch die Scheibe. Die Straße war leer. Dann trat er hinaus in den Frühlingsabend und brach zu 298
seiner nächsten Nummer auf, die, jawohl, sogar noch herausfordernder sein würde als die bisherigen Auftritte. Feuer und Illusion sind nah miteinander verwandt. Gleißendes Blitzpulver, Kerzen, Propanflammen, über denen Entfesselungskünstler baumeln … Feuer, verehrtes Publikum, ist ein Spielzeug des Teufels, und der Teufel ist seit jeher eng mit der Magie verknüpft, Feuer erhellt, und Feuer verbirgt, es zerstört und erschafft. Feuer verwandelt. Und es steht im Mittelpunkt unserer nächsten Nummer. Ich nenne sie Der Eingeäscherte. Die Neighborhood School lag unweit der Fünften Avenue in Greenwich Village und war in einem anheimelnden Kalksteingebäude untergebracht. Sie wirkte ebenso schlicht, wie sie hieß. Niemand wäre von selbst auf den Gedanken gekommen, dass hier die Kinder einiger der wohlhabendsten und politisch einflussreichsten Familien New Yorks lesen, schreiben und rechnen lernten. Die Schule galt nicht nur als herausragendes Bildungsinstitut – sofern man bei einer Grundschule überhaupt davon sprechen konnte –, sondern wurde zudem für allerlei kulturelle Aktivitäten genutzt. Zum Beispiel für Konzertabende, die stets samstags um zwanzig Uhr stattfanden. Und zu deren heutigen Besuchern auch der Reverend Ralph Swensen zählen würde. Er hatte seinen langen Spaziergang durch Chinatown und Little Italy bis nach Greenwich Village unbeschadet überstanden und war dabei bloß von einigen Bettlern ange299
schnorrt worden, welche er mittlerweile geflissentlich zu ignorieren verstand. In einem kleinen italienischen Restaurant hatte er einen Teller Spaghetti bestellt (was außer den Ravioli das einzige vertraute Gericht auf der Speisekarte gewesen war) und sich dazu ein Glas Rotwein gegönnt, denn immerhin reiste er diesmal nicht in Begleitung seiner Frau. Das Essen schmeckte großartig, und so blieb er eine ganze Weile dort sitzen, nippte an dem verbotenen Getränk und erfreute sich am Anblick der Kinder, die auf den Straßen des geschäftigen Viertels spielten. Als er am Ende die Rechnung bezahlte, beschlich ihn ein leises Schuldgefühl, weil er Kirchengelder für Alkohol ausgab. Dann ging der Reverend weiter nach Norden und tiefer ins Village hinein und gelangte dabei an einen Ort namens Washington Square. Auf den ersten Blick schien es sich um ein eigenes kleines Sodom zu handeln, aber als er den chaotisch wirkenden Park betrat, sah er dort lediglich Jugendliche, die laute Musik spielten, und Leute, die aus Flaschen in braunen Papiertüten Bier und Wein tranken. Obwohl es nach seinen Moralvorstellungen Missetäter gab, die für ihre Vergehen direkt in die Hölle wanderten (zum Beispiel laute Strichjungen, die ihre Zimmernachbarn nicht schlafen ließen), würden die hier begangenen Sünden niemandem einen Freifahrschein ins Fegefeuer bescheren. Mitten im Park überkam ihn dann doch ein unbehagliches Gefühl. Er musste wieder an den Mann denken, der ihn so seltsam angestarrt hatte, den Kerl mit dem Overall und der Werkzeugtasche. Der Reverend war sich sicher, ihn ein zweites Mal gesehen zu haben – als Spiegelbild in einem Schaufenster unweit des Hotels. Und auch jetzt hatte er den Ein300
druck, man würde ihn beobachten. Er drehte sich abrupt um. Tja, keine Spur von einem Handwerker. Allerdings war da ein gepflegt aussehender Mann mit dunklem Sakko, der in seine Richtung schaute. Im selben Moment wandte der Fremde ganz beiläufig den Blick ab und steuerte eine öffentliche Toilette an. Bildete er sich alles nur ein? Vermutlich ja. Dieser Mann sah dem Handwerker nicht mal ähnlich. Aber als der Reverend den Washington Square verließ, der Fünften Avenue nach Norden folgte und sich unter die vielen hundert Passanten mischte, verspürte er erneut eine gewisse Beklemmung. Er warf einen Blick über die Schulter. Diesmal sah er einen blonden Mann mit dicker Brille, braunem Jackett und T-Shirt, der soeben die Straße überquerte, genau wie Reverend Swensen vor wenigen Sekunden. Nun war er überzeugt davon, an Verfolgungswahn zu leiden. Es konnten unmöglich drei verschiedene Männer hinter ihm her sein. Mach dich nicht verrückt, dachte er und ging auf der Fünften Avenue weiter zur Neighborhood School, umgeben von zahllosen New Yorkern, die den herrlichen Frühlingsabend genossen. Um genau neunzehn Uhr traf Reverend Swensen an der Schule ein. Die Türen würden sich erst in einer halben Stunde öffnen. Er stellte den Aktenkoffer ab und verschränkte die Arme. Dann beschloss er, den Koffer doch lieber in der Hand zu behalten. Er lehnte sich an einen schmiedeeisernen Gartenzaun neben dem Schulgebäude und blickte nervös in die Richtung, aus der er gekommen war. Nein, da war niemand. Weder Handwerker mit Werkzeugtaschen noch Männer mit Jacketts. Er war … 301
»Verzeihung, Pater?« Erschrocken fuhr er herum und sah einen hoch gewachsenen dunkelhäutigen Mann mit Dreitagebart vor sich stehen. »Äh, ja?« »Sind Sie wegen des Konzerts hier?« Der Mann deutete auf die Neighborhood School. »Genau«, antwortete er und bemühte sich, möglichst ruhig zu klingen. »Wann fängt es denn an?« »Um acht. Einlass ist eine halbe Stunde vorher.« »Vielen Dank, Pater.« »Keine Ursache.« Der Mann lächelte und ging in Richtung der Schule weg. Reverend Swensen wartete weiterhin ab und umklammerte aufgeregt den Griff seines Aktenkoffers. Er sah auf die Uhr. Viertel nach sieben. Dann – nach endlos scheinenden fünf Minuten – sah er endlich, worauf er gewartet hatte und weswegen er den weiten Weg nach New York gereist war: eine schwarze LincolnLimousine mit Behördenkennzeichen. Einen Block vor der Neighborhood School blieb sie stehen. Der Reverend kniff die Augen zusammen und entzifferte das Nummernschild. Es war der richtige Wagen … Danke, o Herr. Zwei junge Männer in dunklen Anzügen stiegen aus, sahen sich gründlich um – wobei sie auch ihn bemerkten – und kamen offenbar zu dem Schluss, die Straße sei sicher. Einer von ihnen bückte sich und sprach durch das offene Fenster mit jemandem auf der Rückbank. Der Reverend wusste, wer dort saß: der stellvertretende 302
Bezirksstaatsanwalt Charles Grady, Anklagevertreter im Fall Andrew Constable. Grady wollte mit seiner Frau den Konzertabend besuchen, denn ihre junge Tochter zählte zu den Mitwirkenden. Swensens Wochenendausflug nach Sodom galt dem Staatsanwalt. Wie Paulus hatte der Reverend sich in die Welt der Ungläubigen begeben, um ihnen ihre Fehler aufzuzeigen und den rechten Weg zu weisen. Im Gegensatz zu dem Apostel würde er jedoch zu etwas handfesteren Mitteln greifen, nämlich zu der großkalibrigen Pistole in seinem Aktenkoffer, mit der er Charles Grady ermorden wollte. Er drückte den Koffer so fest an die Brust, als hielte er die heilige Bundeslade umschlungen.
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… Dreiundzwanzig Er musterte den Schauplatz und machte sich Gedanken über das Schussfeld, mögliche Fluchtwege, die Anzahl der Passanten und die Verkehrsdichte auf der Fünften Avenue. Er durfte nicht versagen. Vom Erfolg des Anschlags hing viel ab; Charles Gradys Tod lag in Swensens eigenem Interesse. Letzten Dienstag war gegen Mitternacht Jeddy Barnes bei ihm aufgetaucht, einer der örtlichen Milizionäre. Er hatte plötzlich in der Tür des eingeschossigen Fertighauses gestanden, das Reverend Swensen als Heim und Kirche diente. Als die Staatspolizei vor einigen Monaten begonnen hatte, aktiv gegen Andrew Constables Gesellschaft der Patrioten vorzugehen, war Barnes mit seinem Wohnmobil angeblich tief im Wald bei Canton Falls verschwunden. »Setz einen Kaffee auf«, befahl der Fanatiker und musterte den erschrockenen Reverend drohend. Auf das Wellblechdach prasselte der Regen herab. Barnes, ein grobschlächtiger, unheimlicher Einzelgänger mit grauem Bürstenschnitt und hagerem Gesicht, beugte sich vor. »Ich möchte, dass du etwas für mich erledigst, Ralph.« »Was denn?« Barnes streckte die Beine aus und schaute zu dem Sperrholzaltar, den Reverend Swensen sich selbst gebaut und stümperhaft lackiert hatte. »Da ist jemand hinter uns her und gibt keine Ruhe. Einer von denen.« 304
Swensen wusste, was mit »denen« gemeint war: eine nicht genau definierte Allianz aus Bundes- und Staatsbehörden, den Medien, allen Nicht-Christen, Mitgliedern der etablierten politischen Parteien und Intellektuellen – fürs Erste. (»Uns« beinhaltete jeden, der nicht in eine der genannten Kategorien fiel, vorausgesetzt er war weiß.) Der Reverend hatte nicht ganz so fanatische Ansichten wie Barnes und seine harten Milizkameraden – vor denen er im Übrigen höllische Angst verspürte –, doch er hielt viele ihrer Argumente für stichhaltig. »Wir müssen ihn aufhalten.« »Wer ist er?« »Ein Staatsanwalt in New York City.« »Ach, der Kerl, der es auf Andrew abgesehen hat?« »Genau der. Charles Grady.« »Was soll ich tun?«, fragte Reverend Swensen und dachte dabei an eine Protestaktion oder eine flammende Predigt. »Ihn töten«, sagte Barnes lakonisch. »Was?« »Ich will, dass du nach New York fährst und ihn umlegst.« »Ach du lieber Himmel. Das geht nicht.« Er versuchte, entschlossen zu wirken, aber seine Hände zitterten so sehr, dass er den Kaffee verschüttete und ein Gesangbuch besudelte. »Zunächst mal, was soll es nützen? Andrew wird nichts davon haben. Man wird wissen, dass er dahinter steckt, und ihm noch viel härter zusetzen …« »Constable ist unwichtig. Er spielt keine Rolle mehr. Es geht um größere Dinge. Wir müssen denen einen Denkzettel verpassen. Du weißt doch, was all diese Arschlöcher in Wa305
shington immer auf ihren Pressekonferenzen sagen: ›Wir möchten ein Zeichen setzen.‹« »Tja, vergiss es, Jeddy. Das kann ich nicht tun. Es ist verrückt.« »Nun, ich glaube, du bist genau der Richtige dafür.« »Aber ich bin ein Geistlicher.« »Du gehst jeden Sonntag auf die Jagd – das ist Mord, wenn man so will. Und du warst in Vietnam. Du hast Menschenleben auf dem Gewissen – falls deine Geschichten wahr sind.« »Das liegt dreißig Jahre zurück«, flüsterte Swensen entsetzt, wich dem Blick des Mannes aus und vermied zuzugeben, dass seine Kriegsgeschichten keineswegs der Wahrheit entsprachen. »Ich werde niemanden töten.« »Ich wette, Clara Sampson wäre auch dafür.« Einen Moment lang herrschte bleiernes Schweigen. »Oder hast du das etwa schon vergessen, Ralph?« O Gott, o Gott, o Gott … Jeddy Barnes hatte letztes Jahr Wayne Sampson davon abgehalten, die Polizei zu verständigen, nachdem der Milchbauer den Geistlichen mit Sampsons dreizehnjähriger Tochter auf dem Spielplatz hinter der Kirche erwischt hatte. Nun wurde dem Reverend allmählich klar, dass Barnes nur deswegen für ihn eingetreten war, um ihn später unter Druck setzen zu können. »Bitte, versteh doch …« »Clara hat einen hübschen Brief geschrieben, der sich zufällig in meinem Besitz befindet. Habe ich eigentlich je erwähnt, dass ich sie damals darum gebeten habe? Wie dem auch sei, sie hat deinen Schwanz detaillierter beschrieben, als es mich persönlich interessiert, aber die Geschworenen wären bestimmt begeistert.« 306
»Das darfst du nicht. Nein, nein, nein …« »Ich will mich nicht lange mit dir herumstreiten, Ralph. Du hast die Wahl. Falls du dich weigerst, wirst du schon nächsten Monat im Knast sitzen und für die Nigger dort das Gleiche tun, was Clara Sampson für dich tun musste. Also, wie lautet deine Entscheidung?« »Scheiße.« »Ich nehme an, das heißt Ja. So, und nun werde ich dir den Plan erläutern.« Dann hatte Barnes ihm eine Waffe gegeben, ihm die Adresse eines Hotels und die Anschrift von Gradys Büro genannt und ihn schließlich auf die Reise geschickt. Nach seiner Ankunft vor einigen Tagen hatte Reverend Swensen zunächst Erkundigungen eingezogen. Am späten Donnerstagnachmittag war er in seiner Amtstracht in das Regierungsgebäude marschiert und dank seiner harmlos wirkenden Art ungehindert durch die Flure gewandert, bis er in einem abgelegenen Gang eine Besenkammer fand und sich dort bis Mitternacht versteckte. Dann war er in Gradys Vorzimmer eingebrochen und hatte herausgefunden, dass der Staatsanwalt und seine Familie das heutige Konzert in der Neighborhood School besuchen würden; seine Tochter zählte zu den jungen Musikern. Und nun stand der Reverend bewaffnet und hochgradig nervös vor der Schule und beobachtete ungeduldig, wie der Leibwächter mit dem Staatsanwalt auf der Rückbank der Limousine sprach. Wenn alles planmäßig verlief, würde er Grady und seine Begleiter mit der schallgedämpften Pistole erschießen, sich zu Boden werfen und lauthals schreien, ein Mann sei soeben vorbeigefahren und habe aus dem Wagen 307
das Feuer eröffnet. In dem folgenden Durcheinander musste dem Geistlichen dann die Flucht gelingen. Musste … Er wollte ein Gebet sprechen, aber obwohl Charles Grady ein Werkzeug des Bösen war, brachte Reverend Swensen es nicht fertig, Gott um Beistand für den Mord an einem unbewaffneten weißen Christen zu bitten. Er begnügte sich stattdessen mit einer stummen Bibelrezitation. Und danach sah ich einen andern Engel niederfahren vom Himmel, der hatte große Macht, und die Erde ward erleuchtet von seinem Glanz … Reverend Swensen verlagerte sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen und konnte es kaum noch abwarten. Diese Anspannung, diese Anspannung … Er wollte zurück zu seinen Schafen, seinem Ackerland, seiner Kirche, seinen allseits beliebten Predigten. Und zu Clara Sampson, die inzwischen fast fünfzehn und somit in jeder Hinsicht verfügbar war. Und der Engel schrie mit lauter Stimme und sprach: Babylon die Große ist gefallen und eine Behausung der Teufel geworden und ein Gefängnis aller unreinen Geister … Er musste an Gradys Familie denken. Die Frau des Staatsanwalts hatte nichts Unrechtes getan. Mit einem Sünder verheiratet zu sein, war nicht dasselbe wie selbst ein Sünder zu sein oder freiwillig für einen Sünder zu arbeiten. Nein, er würde Mrs. Grady verschonen. Solange sie nicht sah, dass er der Schütze war. Und was Chrissy, die Tochter, anbetraf, von der Barnes ihm erzählt hatte … Er fragte sich, wie alt sie wohl war und wie sie aussah. 308
Und das Obst, daran deine Seele Lust hatte, ist dahin; und alles, was glänzend und herrlich war, ist von dir gewichen, und nimmermehr wirst du es finden … Jetzt, dachte er. Na los. Komm schon, komm schon, komm schon. Und ein starker Engel hob einen Stein auf wie einen großen Mühlstein, warf ihn ins Meer und sprach: So wird im Sturm verworfen die große Stadt Babylon und nicht mehr gefunden werden … Tja, Grady, mein Stein der Vergeltung ist eine präzise Waffe aus deutscher Fertigung, und der Überbringer der Botschaft ist kein Engel vom Himmel, sondern ein Vertreter aller rechtgläubigen Menschen in Amerika. Er ging los. Die Leibwächter schenkten ihm weiterhin keine Beachtung. Er öffnete den Aktenkoffer und nahm den Stadtplan heraus, in dessen Falten die schwere Waffe steckte. Wie zufällig schlenderte er in Richtung des Wagens. Gradys Leibwächter standen nun nebeneinander auf dem Bürgersteig und wandten ihm den Rücken zu. Einer streckte die Hand aus, um dem Staatsanwalt die Tür zu öffnen. Noch sechs Meter. Möge Gott deiner Seele gnädig … Und dann krachte der Mühlstein des Engels ihm mitten ins Kreuz. »Hinlegen, hinlegen, schnell, schnell, schnell, schnell!« Ein halbes Dutzend Männer und Frauen, hundert Dämonen, packten Reverend Swensens Arme und rissen ihn zu Boden. »Keine Bewegung, keine Bewegung, keine Bewegung, keine Bewegung!« 309
Einer schnappte sich die Waffe, einer den Aktenkoffer, einer hielt den Nacken des Reverends gepackt und drückte ihn mit der Wucht aller Sünden dieser Stadt nach unten. Sein Gesicht schrammte über den Beton, und Schmerz schoss durch seine Hand- und Schultergelenke, als man ihm die Arme auf den Rücken fesselte und seine Taschen durchsuchte. Aus dem Augenwinkel sah Swensen, dass die Tür von Gradys Wagen sich öffnete und drei Polizisten ausstiegen, ein jeder mit Helm und kugelsicherer Weste bekleidet. »Unten bleiben, halten Sie gefälligst den Kopf still!« O Jesus, Herr im Himmel … Er sah die Schuhe eines Mannes näher kommen. »So, Sir, wir werden Sie jetzt umdrehen, und dann lese ich Ihnen Ihre Rechte vor. Und Sie werden mich wissen lassen, ob Sie alles verstanden haben.« Im Gegensatz zu den barschen anderen Beamten war dieser Mann recht höflich. Und er sprach mit Südstaatenakzent. Mehrere Hände rollten ihn herum und stellten ihn auf die Beine. Der Reverend zuckte entsetzt zusammen. Der Mann, der mit ihm sprach, war der Kerl in dem dunklen Sakko, der ihm auf dem Washington Square aufgefallen war. Daneben stand der blonde Brillenträger, der offenbar als Nächster die Beschattung übernommen hatte. Und der unrasierte Schwarze, der nach dem Konzertbeginn gefragt hatte, war ebenfalls anwesend. »Sir, ich bin Detective Bell. Ich werde Ihnen jetzt Ihre Rechte vorlesen. Sind Sie bereit? Gut. Fangen wir an.«
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Bell nahm den Inhalt von Swensens Aktenkoffer in Augenschein. Reservemunition für die Heckler & Koch Automatik. Ein Notizblock mit dem Entwurf einer anscheinend ziemlich grausigen Predigt. Ein Reiseführer, New York für fünfzig Dollar am Tag. Und eine zerfledderte Gideon-Bibel, versehen mit einem Stempel: The Adelphi Hotel, 232 Bowery, New York, New York. Hmmm, dachte Bell. So wie es aussieht, kommt er auch noch wegen Bibeldiebstahl vor Gericht. Er fand jedoch nichts, das auf eine direkte Verbindung zwischen diesem versuchten Mordanschlag und Andrew Constable hindeutete. Enttäuscht ließ er die Beweise registrieren und rief Rhyme an, um ihm mitzuteilen, dass der hastig beschlossene Einsatz der Schutzengel erfolgreich verlaufen war. Eine Stunde zuvor hatte der Kriminalist noch über dem erweiterten Bericht der Spurensicherung gebrütet, während Mel Cooper dem Ursprung der in Gradys Büro aufgefundenen Fasern nachgegangen war. Letztendlich gelangte Rhyme zu einigen Besorgnis erregenden Schlussfolgerungen. Die Analyse der Fußspuren ergab, dass der Eindringling minutenlang an einer bestimmten Stelle gestanden hatte der rechten vorderen Ecke des Schreibtischs. Laut der Bestandsliste lag dort nur ein einziger Gegenstand: der Terminkalender. Und der einzige Eintrag an diesem Wochenende war Chrissy Gradys Konzert in der Neighborhood School. Der Einbrecher musste also zweifellos davon erfahren haben. Im Hinblick auf die Identität des Unbekannten äußerte Rhyme den Verdacht, er könnte sich als Geistlicher verkleidet 311
haben. Mit Hilfe einer FBI-Datenbank war es Cooper gelungen, die schwarzen Fasern und ihr Färbemittel zu einem Stofffabrikanten in Minnesota zurückzuverfolgen, der – so stand auf seiner Internetseite zu lesen – hauptsächlich schwarze Gabardine für klerikale Gewänder herstellte. Rhyme wies außerdem darauf hin, dass mehrere der weißen Fasern aus Polyester und gestärkter Baumwolle bestanden, wie sie beispielsweise bei einem dünnen weißen Hemd mit dem steifen Kragen eines Geistlichen verwendet wurden. Die einzelne rote Satinfaser konnte vom Lesebändchen eines alten Buches stammen, die Folienfragmente vom Goldschnitt. Beides kam Rhyme bekannt vor. Bei einem seiner früheren Fälle hatte ein Schmuggler Drogen in einer ausgehöhlten Bibel versteckt; damals waren die Ermittler im Büro des Verdächtigen auf ähnliche Spuren gestoßen. Bell nahm Kontakt mit Grady auf und ordnete an, dass die Familie nicht an dem Konzertabend teilnehmen würde. Stattdessen sollten einige ESU-Beamte im Wagen des Staatsanwalts zu der Veranstaltung fahren. Andere Teams postierten sich nördlich der Schule an der Fünften Avenue, in den Querstraßen, die nach Westen zur Sechsten Avenue und nach Osten zur University Place führten, und im Süden auf dem Washington Square. Und tatsächlich erspähte Bell, der den Park übernommen hatte, einen Geistlichen, der nervös in Richtung der Neighborhood School ging. Er machte sich an die Beschattung, wurde entdeckt und musste abbrechen. Ein anderer Kollege übernahm und verfolgte den Verdächtigen bis zu der Schule. Ein dritter Detective, der ebenfalls zu Bells Zeugenschutzengeln gehörte, sprach den Mann an und erkundigte sich nach 312
dem Konzert. Da er bei dieser Inaugenscheinnahme keine offensichtlichen Waffen bemerkte, bestand zunächst kein hinreichender Tatverdacht, um den Mann sofort verhaften und durchsuchen zu können. Also wurde der Verdächtige weiterhin überwacht, und sobald er die Waffe aus dem Koffer geholt hatte und den Wagen ansteuerte, erfolgte der Zugriff. Sie hatten mit einem falschen Priester gerechnet und waren erstaunt, dass sie dem Inhalt von Swensens Brieftasche zufolge einen echten erwischt hatten – trotz des gegenteiligen Eindrucks der beschämend schlechten Predigt. Bell deutete auf die Heckler & Koch Automatik. »Ziemlich große Knarre für einen Pfaffen«, sagte er. »Ich bin ein Reverend.« »Sag ich doch.« »Ich wurde ordentlich geweiht.« »Schön für Sie. Ich würde Ihnen gern eine Frage bezüglich der Rechte stellen, die ich Ihnen vorgelesen habe. Wollen Sie wirklich schweigen? Glauben Sie mir, Sir, wenn Sie sich zu der Tat äußern, wird alles sehr viel einfacher für Sie. Wer hat von Ihnen verlangt, dass Sie Mr. Grady töten?« »Gott.« »Hmm«, machte Bell. »Okay. Sonst noch jemand?« »Mehr werde ich nicht sagen, weder zu Ihnen noch zu einem anderen. Das ist meine Antwort. Gott.« »Tja, also gut. Dann buchten wir Sie jetzt ein. Mal sehen, ob Gott geneigt ist, eine Kaution für Sie zu stellen.«
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… Vierundzwanzig Das nennen die Musik? Das dumpfe Dröhnen einer Trommel, gefolgt vom schrillen Klang kurzer Blechbläserpassagen war bis in Rhymes Arbeitszimmer zu hören. Es stammte vom Cirque Fantastique, gleich gegenüber im Park. Die Töne waren verzerrt und wirkten grell und aufdringlich. Er bemühte sich, die Störung zu ignorieren, und wandte sich wieder dem Telefonat mit Charles Grady zu. Der Staatsanwalt bedankte sich soeben für die Festnahme des Geistlichen, der nach New York gekommen war, um ihn zu ermorden. Bell war derweil ins Untersuchungsgefängnis gefahren und hatte Constable verhört. Der Häftling sagte, er kenne Swensen, habe ihn aber vor mehr als einem Jahr aus der Gesellschaft der Patrioten rausgeworfen, weil der Reverend ein »ungesundes Interesse« an den Töchtern einiger Gemeindemitglieder gezeigt habe. Danach habe Constable nichts mehr mit ihm zu tun gehabt und lediglich das Gerücht gehört, Swensen sei irgendeiner Hinterwäldlerbürgerwehr beigetreten. Der Gefangene stritt hartnäckig ab, von dem geplanten Anschlag auf Grady gewusst zu haben. Dennoch waren auf Betreiben des Staatsanwalts zwei Kisten mit Beweismaterial zu Rhyme gebracht worden: eine vom Tatort an der Neighborhood School, die andere aus Reverend Swensens Hotelzimmer. Der Kriminalist hatte sich einen schnellen Überblick verschafft, war aber auf keine eindeutige Verbindung zu Constable gestoßen. 314
»Wir sollten das Zeug an die Kollegen vor Ort schicken, an die Spurensicherung von … wie heißt die Stadt doch gleich?« »Canton Falls.« »Die können dort Vergleiche der Erd- und Partikelproben anstellen. Vielleicht gibt es einen Hinweis auf Constable, aber mir liegen hier keine Vergleichsmuster der Gegend vor.« »Danke für Ihre Hilfe, Lincoln. Ich sorge dafür, dass das Material so schnell wie möglich hingebracht wird.« »Falls Sie zu den Ergebnissen ein Sachverständigengutachten möchten, stehe ich gern zur Verfügung«, sagte Rhyme und musste das Angebot wiederholen, weil die zweite Hälfte des Satzes von einem besonders wilden Trompetensolo übertönt wurde. O verdammt, da könnte ich ja noch bessere Musik komponieren, dachte er. Thom ordnete eine Pause an und maß Rhymes Blutdruck. Die Werte lagen ziemlich hoch. »Das gefällt mir nicht«, sagte er. »Tja, nur um das mal festzuhalten, mir gefällt eine ganze Menge nicht«, erwiderte Rhyme gereizt. Der zähe Fortgang der Ermittlungen ärgerte ihn; ein Techniker des FBI-Labors in Washington hatte angerufen und ihnen mitgeteilt, dass nähere Informationen zu den Metallspänen aus der Tasche des Hexers erst am nächsten Morgen vorliegen würden. Bedding und Saul hatten unterdessen mehr als fünfzig Hotels in Manhattan überprüft, von denen jedoch keines die APCTürkarten benutzte, nach denen sie suchten. Sellitto hatte ferner die Posten beim Cirque Fantastique angefunkt – mittlerweile waren die beiden ursprünglichen Cops von zwei Kollegen abgelöst worden –, doch auch dort tat sich nichts Verdächtiges. 315
Und was am quälendsten war – Larry Burke, der vermisste Streifenpolizist, der den Hexer in der Nähe des Kunstgewerbemarkts festgenommen hatte, blieb weiterhin verschwunden. Dutzende von Beamten suchten die gesamte West Side ab, hatten bislang aber weder irgendwelche Zeugen aufgetrieben noch Anhaltspunkte für seinen eventuellen Aufenthaltsort gefunden. Immerhin gab es eine ermutigende Nachricht: Er lag nicht tot in dem gestohlenen Mazda. Man hatte den Wagen zwar noch nicht geborgen, aber einer der Taucher war mutig durch die starke Strömung vorgedrungen und weder in der Fahrgastzelle noch im Kofferraum auf eine Leiche gestoßen. »Wo bleibt denn das Essen?«, fragte Sellitto und sah aus dem Fenster. Sachs und Kara waren zu einem nahen kubanischen Restaurant aufgebrochen, um für sie alle ein paar Kleinigkeiten zu holen. (Der jungen Illusionistin schien es dabei vor allem um die Aussicht auf ihren ersten kubanischen Kaffee zu gehen, den Thom ihr als »halb Espresso, halb Kondensmilch, halb Zucker« beschrieben hatte, eine offenbar unwiderstehliche Mischung, trotz der unmöglichen drei »Hälften«.) Der stämmige Detective drehte sich zu Rhyme und Thom um. »Habt ihr schon mal eines dieser kubanischen Sandwiches probiert? Das sind wirklich die besten.« Doch weder das Essen noch der Fall waren dem Betreuer nun wichtig. »Zeit fürs Bett.« »Es ist erst kurz nach halb zehn«, entgegnete Rhyme. »Praktisch noch Nachmittag. Und daher ist es nicht Zeit – fürs – Bett.« Es gelang ihm, beschwingt und bedrohlich zugleich zu klingen. »Da draußen läuft ein beschissener Killer 316
frei herum, der sich ständig neu überlegt, in welchen Abständen er jemanden umbringen möchte. Erst waren es vier Stunden, dann zwei.« Er sah zur Uhr. »Und in diesem Moment begeht er vielleicht seinen einundzwanzig-Uhr-achtunddreißigMord. Ich weiß zu schätzen, dass dir das nicht gefällt, aber ich habe Wichtigeres zu tun.« »Nein, hast du nicht. Falls du für heute noch nicht Schluss machen willst, meinetwegen. Aber wir gehen jetzt nach oben, um ein paar Dinge zu erledigen, und dann wirst du dich eine Weile ausruhen.« »Ha, du hoffst doch nur, dass ich bis morgen früh durchschlafe. Nun, da irrst du dich. Ich bleibe die ganze Nacht wach.« Der Betreuer verdrehte die Augen. »Lincoln wird jetzt für ein paar Stunden nach oben verschwinden«, verkündete er mit entschlossener Stimme. »Wie würde es dir gefallen, deinen Job zu verlieren?«, fuhr Rhyme ihn an. »Wie würde es dir gefallen, im Koma zu liegen?«, gab Thom zurück. »Das ist ein Fall von Krüppelmisshandlung«, murmelte er, fügte sich jedoch in sein Schicksal. Das Risiko war ihm bewusst. Wenn ein Querschnittsgelähmter zu lange in einer Position verharrte, wenn seine Gliedmaßen abgeschnürt wurden oder wenn – wie Rhyme dies gern taktlos vor Fremden darzulegen pflegte – er pinkeln oder kacken musste, es aber schon länger nicht mehr getan hatte, bestand die Gefahr, dass es zu einer autonomen Dysregulation kam. Der daraus resultierende hohe Anstieg des Blutdrucks konnte einen Schlaganfall nach sich ziehen, der zu noch schlimmeren Lähmungen 317
oder zum Tod führte. Ein solches Ereignis war zwar selten, bedeutete allerdings automatisch einen Krankenhausaufenthalt oder ein schnelles Grab, und so willigte Rhyme ein, die Behandlung über sich ergehen zu lassen und etwas auszuruhen. Es waren Augenblicke wie dieser – Unterbrechungen des »normalen« Alltags –, die ihn bezüglich seiner Behinderung am wütendsten machten. Und die ihn, obwohl er es niemals zugegeben hätte, zutiefst deprimierten. Oben im Schlafzimmer kümmerte Thom sich um die notwendigen Körperfunktionen. »Okay. Zwei Stunden Ruhe. Schlaf ein wenig.« »Eine Stunde«, murrte Rhyme. Der Betreuer wollte ihm widersprechen, aber dann sah er Rhyme ins Gesicht. Der Ärger und der trotzige Blick hätten ihn nicht im Mindesten gestört, aber er erkannte auch die tief empfundenen Sorgen, die Rhyme sich um die nächsten Opfer des Hexers machte. »Eine Stunde«, gab Thom sich geschlagen. »Unter der Voraussetzung, dass du schläfst.« »Abgemacht, eine Stunde«, sagte Rhyme. »Und ich verspreche, süß zu träumen«, fügte er ironisch hinzu. »Weißt du, ein Drink wäre echt hilfreich.« Der Betreuer zupfte an seiner eleganten violetten Krawatte – eine Verlegenheitsgeste, auf die Rhyme sich sofort stürzte wie ein Hai, der ein winziges Tröpfchen Blut gerochen hatte. »Nur einen«, bettelte er. »Na gut.« Thom goss einen Schluck des alten Macallan in einen von Rhymes Bechern und führte den Strohhalm bis dicht neben seinen Mund. Der Kriminalist trank alles auf einen Zug. »Ah, himmlisch …« Dann musterte er den leeren Becher. »Eines Tages 318
werde ich dir beibringen, wie man einen anständigen Drink einschenkt.« »Ich komme in einer Stunde zurück«, sagte Thom. »Kommando, Wecker«, lautete Rhymes entschlossene Reaktion. Auf dem Flachbildschirm erschien ein Zifferblatt, und er stellte per mündlichem Befehl das Wecksignal für eine Stunde später ein. »Ich hätte dich schon geweckt«, sagte der Betreuer. »Na ja, nur für den Fall, dass du irgendwie beschäftigt bist und nicht daran denkst«, sagte Rhyme schüchtern. »Jetzt kann nichts mehr schief gehen, richtig?« Der Betreuer ging hinaus und schloss die Tür hinter sich. Rhymes Blick richtete sich auf das Fenster, wo draußen auf dem Sims die Wanderfalken nisteten und über die Stadt herrschten. Ihre Köpfe drehten sich auf diese typisch seltsame Weise – ruckartig und anmutig zugleich. Einer der Vögel – das Weibchen, die bessere Jägerin – schaute kurz zu ihm herüber, als habe sie seinen Blick gespürt. Sie neigte den Kopf und schien ihm zuzuzwinkern. Dann widmete sie ihre Aufmerksamkeit wieder dem lauten Treiben beim Zirkus im Central Park. Rhyme schloss die Augen, doch im Geiste ließ er die Spuren Revue passieren und versuchte, einen Sinn dahinter zu entdecken: die Messingspäne, der Hotelschlüssel, der Presseausweis, die Tinte. Es wurde immer nur noch rätselhafter … Schließlich riss er die Augen wieder auf. Das war doch absurd. Er war kein bisschen müde. Er wollte so schnell wie möglich wieder nach unten und weiterarbeiten. Schlafen ging sowieso nicht. Er spürte einen Luftzug auf der Wange und wurde noch 319
wütender auf Thom – weil dieser die Klimaanlage nicht abgeschaltet hatte. Wenn ein Querschnittsgelähmter Schnupfen bekam, musste ständig jemand in der Nähe bleiben, um ihm die Nase zu putzen. Er rief sich die Lüftungs- und Heizungskontrolle auf den Bildschirm und malte sich aus, wie er Thom erzählen würde, dass er ja gern geschlafen hätte, wenn es im Zimmer nur nicht so kalt gewesen wäre. Doch ein Blick auf den Monitor verriet ihm, dass die Klimaanlage nicht in Betrieb war. Woher hatte dann dieser Luftzug gestammt? Die Tür war immer noch geschlossen. Da! Jetzt spürte er es wieder, ganz eindeutig ein Luftzug, nur diesmal auf der anderen, der rechten Wange. Er wandte schnell den Kopf. Kam das von den Fenstern? Nein, die waren auch alle geschlossen. Egal, es hatte vermutlich nichts zu … Doch dann bemerkte er die Tür. O nein, dachte er und erschauderte bis ins Mark. Die Schlafzimmertür verfügte über einen Riegel, der nur von innen vorgeschoben werden konnte, nicht von außen. Jemand hatte ihn vorgeschoben. Wieder streifte der Atem seine Haut. Heiß diesmal. Ganz aus der Nähe. Und er hörte ein leises pfeifendes Geräusch. »Wo sind Sie?«, flüsterte Rhyme. Er keuchte auf, als unvermittelt eine Hand vor seinem Gesicht erschien. Zwei der Finger waren deformiert, miteinander verschmolzen. Die Hand hielt eine Rasierklinge, und die scharfe Kante wies genau auf Rhymes Augen. »Falls Sie um Hilfe rufen oder irgendein lautes Geräusch von sich geben, werden Ihre Augäpfel dran glauben müssen«, flüsterte der Hexer. »Verstanden?« Lincoln Rhyme nickte. 320
… Fünfundzwanzig Die Klinge verschwand aus der Hand des Hexers. Er legte sie nicht beiseite, steckte sie nicht ein. Im einen Moment hielt er das metallene Rechteck noch zwischen den Fingern und zielte auf Rhymes Gesicht, im nächsten war es weg. Der Mann – braunhaarig, bartlos, bekleidet mit einer Polizeiuniform – ging im Zimmer umher und sah sich die Bücher, die CDs und die Poster an. Einmal schien er beifällig zu nicken. Dann musterte er einen merkwürdigen Einrichtungsgegenstand: einen kleinen roten Schrein mit einer Statuette von Guan Di, dem chinesischen Gott des Krieges und der Polizisten. Offenbar kam es dem Hexer nicht weiter ungewöhnlich vor, im Schlafzimmer eines forensischen Wissenschaftlers auf ein solches Kuriosum zu stoßen. Er kehrte zu Rhyme zurück. »Tja«, stieß er mit kehligem Flüstern hervor und ließ den Blick über das Flexicair-Bett wandern. »Sie sind nicht ganz das, was ich erwartet habe.« »Der Wagen«, sagte Rhyme. »Heute am Fluss. Wie haben Sie das angestellt?« »Ach, das!«, erwiderte er geringschätzig. »Die Nummer heißt Das versenkte Auto. Ich habe von vornherein nicht im Wagen gesessen, sondern bin schon in den Büschen am Ende der Sackgasse ausgestiegen. Ein simpler Trick: ein geschlossenes Fenster – so dass die Augenzeugen hauptsächlich eine 321
Spiegelung sehen würden – und meine Mütze auf der Kopfstütze. Es war die Einbildungskraft meines Publikums, die mich dort gesehen hat. Auch Houdini hat längst nicht in allen Kisten und Fässern gesteckt, aus denen er angeblich entkommen ist.« »Demnach stammten die Spuren im Schlamm gar nicht von einem Bremsversuch«, folgerte Rhyme. »Die Reifen haben beim Beschleunigen durchgedreht.« Er ärgerte sich, dass er nicht an diese Möglichkeit gedacht hatte. »Sie haben einen Stein auf das Gaspedal gelegt.« »Ein Stein wäre den Tauchern bei der Bergung des Wagens aufgefallen. Ich habe das Pedal mit einem Schuh verkeilt; das wirkt viel natürlicher.« Der Hexer sah Rhyme tief in die Augen. »Doch Sie haben zu keinem Zeitpunkt an meinen Tod geglaubt.« Es war eine Feststellung, keine Frage. »Wie sind Sie ins Zimmer gekommen, ohne dass ich Sie gehört habe?« »Ich war schon etwa zehn Minuten vor Ihnen hier. Und ich bin unten in Ihrer Befehlszentrale gewesen oder wie Sie das nennen. Niemand hat auf mich geachtet.« »Sie haben die Beweismittel hergebracht?« Rhyme erinnerte sich vage an zwei Streifenbeamte mit den Kisten von der Neighborhood School und aus Reverend Swensens Hotelzimmer. »Richtig. Ich hab draußen auf dem Gehweg gewartet. Dann kam dieser Cop mit den Kisten. Ich sagte hallo und hab meine Hilfe angeboten. Sobald man eine Uniform trägt und scheinbar zielgerichtet handelt, schöpft keiner je Verdacht.« »Und hier oben haben Sie sich dann versteckt – unter einem Stück Seide, das der Farbe der Wände entsprach.« 322
»Der Trick hat’s Ihnen besonders angetan, was?« Rhyme betrachtete stirnrunzelnd die Uniform des Mannes. Sie sah echt aus, nicht wie ein Kostüm. Aber entgegen der Vorschrift befand sich kein Namensschild an der Brust. Auf einmal wurde ihm alles klar. Er wusste, woher die Verkleidung stammte. »Larry Burke. Sie haben ihn getötet … Sie haben ihn getötet und seine Klamotten gestohlen.« Der Hexer schaute an sich hinunter und zuckte die Achseln. »In umgekehrter Reihenfolge. Zuerst kam die Uniform dran«, flüsterte er mit geisterhafter Stimme. »Ich hab ihm eingeredet, er müsse sich ausziehen, damit ich gefahrlos fliehen könne. So hat er mir die Mühe erspart, ihn hinterher aus seinen Sachen schälen zu dürfen. Dann habe ich ihn erschossen.« Angewidert musste Rhyme daran denken, dass er nur Burkes Funkgerät und Waffe als Gefahr eingeschätzt hatte. Es war ihm nicht in den Sinn gekommen, dass der Täter die Uniform als Kostüm benutzen und gegen seine Verfolger einsetzen könnte. »Wo liegt seine Leiche?«, fragte er leise. »An der West Side.« »Wo genau?« »Ich schätze, das bleibt vorerst mein Geheimnis. In ein oder zwei Tagen dürfte man ihn finden. Jemand wird ihn riechen. Es ist warm draußen.« »Sie Scheißkerl«, fluchte der Kriminalist. Er mochte nicht mehr zur aktiven Truppe gehören, doch im Herzen würde Lincoln Rhyme immer ein Cop bleiben. Und es gab kein engeres Zugehörigkeitsgefühl als zwischen Polizeikollegen. Es ist warm draußen … Mühsam zwang er sich zur Ruhe. »Wie haben Sie mich gefunden?«, fragte er. 323
»Auf diesem Markt stand ich dicht neben Ihrer Partnerin, dieser rothaarigen Beamtin. Sehr dicht. So dicht wie vorhin neben Ihnen. Und auch sie hat meinen Atem im Nacken gespürt – ich weiß nicht, bei welchem von Ihnen mir das besser gefallen hat … Wie dem auch sei, ich hörte, wie sie mit Ihnen über Funk gesprochen und dabei Ihren Namen genannt hat. Danach war es nicht weiter schwierig, Sie zu finden. Es stand viel über Sie in den Zeitungen. Sie sind eine regelrechte Berühmtheit.« »Eine Berühmtheit? Ein Krüppel wie ich?« »Wie es scheint.« Rhyme schüttelte den Kopf. »Das ist lange her«, sagte er langsam. »Das Kommando hat längst ein anderer.« Das Wort »Kommando« wurde von dem Mikrofon am Kopfende des Betts erfasst und an die Spracherkennungssoftware des Computers weitergeleitet. »Kommando« war das Schlüsselwort, das den Rechner veranlasste, einen Befehl entgegenzunehmen. Auf dem Monitor, den nur Rhyme, nicht aber der Hexer sehen konnte, öffnete sich ein Programmfenster. Anweisung?, stand dort zu lesen. »Kommando?«, fragte der Hexer. »Wie meinen Sie das?« »Ich habe früher die kriminaltechnische Abteilung geleitet. Heute gehen die jungen Beamten dort zwar noch ans Telefon, wenn ich mich melde, aber von selbst würden sie nie bei mir anrufen.“ Der Computer erfasste die beiden Schlüsselworte. Wen möchten Sie anrufen?, lautete die stumme Reaktion. Rhyme seufzte. »Nur als Beispiel: Neulich wollte ich jemanden dort sprechen. Einen Lieutenant. Lon Sellitto.« Der Computer meldete: Kontaktiere Teilnehmer Lon Sellitto. »Und ich hab zu ihm gesagt …« 324
Der Hexer runzelte plötzlich die Stirn. Er trat hastig vor, drehte den Monitor von Rhyme weg, las die Bildschirmanzeige und verzog das Gesicht. Dann riss er das Telefonkabel und den Stecker des Computers aus der Wand. Das Gerät erstarb mit einem leisen Ächzen. Rhyme drückte den Kopf tief in die Kissen und fürchtete, der Hexer würde die schreckliche Rasierklinge zücken. Doch stattdessen wich der Mann ein Stück zurück und rang mit asthmatischem Pfeifen nach Luft. Er schien eher beeindruckt als wütend zu sein. »Sie wissen, was das gewesen ist, nicht wahr?«, fragte er mit kaltem Lächeln. »Ein lupenreiner Illusionistenzauber. Sie haben mich mit Geplapper abgelenkt und dann eine klassische verbale Täuschung angewandt. Ein Kniff, würden wir dazu sagen. Das war gut. Ihre Worte klangen ganz natürlich – bis Sie den Namen erwähnt haben. Der hat es ruiniert. Denn, sehen Sie, mir gegenüber einen Namen zu nennen, war nicht mehr natürlich. Es ließ mich misstrauisch werden. Aber bis dahin waren Sie gut.« Der Unbewegliche … »Doch ich bin ebenfalls gut«, fuhr er fort und streckte die leere Handfläche aus. Rhymes Kopf zuckte zurück, als die Finger dicht an seinen Augen vorbeistrichen. Er spürte eine leichte Berührung am Ohr. Als die Hand des Hexers eine Sekunde später wieder in Sicht kam, steckten vier beidseitig geschliffene Rasierklingen zwischen den Fingern. Er ballte die Hand zur Faust, und aus den vier Klingen wurde eine einzige, die er nun wieder mit Daumen und Zeigefinger hielt. Nein, bitte … Mehr noch als den Schmerz fürchtete Rhyme das entsetzliche Schicksal, eines weiteren Sinnes beraubt zu 325
werden. Der Killer brachte die Klinge bis dicht vor Rhymes Auge und bewegte sie hin und her. Dann lächelte er, trat einen Schritt zurück und schaute quer durch den Raum auf die Schatten vor der gegenüberliegenden Wand. »Und nun, verehrtes Publikum, werden wir unseren Auftritt mit ein paar Taschenspielertricks beginnen. Unser Proband hier wird mir dabei assistieren.« Er sprach diese Worte in einem unheimlichen, theatralischen Tonfall. Dann hob er die Hand und zeigte die schimmernde Rasierklinge. Mit einer fließenden Bewegung hob der Hexer den Bund von Rhymes Hose an und schleuderte die Klinge wie eine Frisbeescheibe in Richtung der nackten Leistengegend. Der Kriminalist erstarrte vor Schreck. »Was muss jetzt wohl in ihm vorgehen …?«, fragte der Hexer sein imaginäres Publikum. »Zu wissen, dass eine Rasierklinge ihn berührt und womöglich seine Haut zerschneidet – oder seine Genitalien, eine Vene oder Arterie. Und er spürt davon nicht das Geringste!« Rhyme starrte auf die Vorderseite seiner Hose und wartete darauf, dass man das Blut sehen würde. Dann lächelte der Hexer. »Doch vielleicht ist die Klinge gar nicht dort … Vielleicht ist sie woanders. Vielleicht hier.« Er griff sich in den Mund, zog das kleine stählerne Rechteck heraus und hielt es hoch. Dann runzelte er die Stirn. »Moment.« Er holte noch eine Klinge aus dem Mund. Dann zwei weitere, so dass er abermals alle vier Exemplare in der Hand hielt. Er fächerte sie wie Spielkarten auf und warf sie über Rhyme in die Luft, der wiederum aufkeuchte und zusammenzuckte. Doch keine der Rasierklingen traf ihn. Sie waren verschwunden. 326
An Hals und Schläfen fühlte Rhyme seinen rasenden Herzschlag. Schweiß rann ihm über die Stirn. Er sah zur Uhr. Es kam ihm so vor, als seien mehrere Stunden verstrichen. Aber Thom war erst vor fünfzehn Minuten gegangen. »Warum machen Sie das?«, fragte er. »Aus welchem Grund haben Sie all diese Leute getötet?« »Es wurden nicht alle getötet«, korrigierte der Hexer ihn verärgert. »Die Nummer mit der Reiterin am Hudson River haben Sie mir verdorben.« »Na gut, von mir aus. Was sollten also diese Überfälle?« »Es war nichts Persönliches«, sagte er und bekam einen Hustenanfall. »Nichts Persönliches?«, wiederholte Rhyme ungläubig. »Sagen wir, es ging eher um das, wofür diese Leute standen, als um die eigentlichen Personen.« »Wie meinen Sie das? ›Wofür sie standen‹? Erklären Sie es mir.« »Nein, ich glaube nicht, dass ich das tun werde«, flüsterte der Hexer, ging langsam um Rhymes Bett herum und atmete immer noch schwer. »Wissen Sie, was während einer Vorstellung in den Köpfen der Zuschauer abläuft? Ein Teil von ihnen hofft, dass der Illusionist sich nicht rechtzeitig befreit, sondern dass er ertrinkt, verbrennt, aufgespießt oder zermalmt wird. Es gibt eine Nummer namens Der brennende Spiegel. Eine meiner Lieblingsnummern. Am Anfang schaut ein eitler Illusionist in einen Spiegel und entdeckt auf der anderen Seite des Glases eine schöne Frau. Sie winkt ihn zu sich, und schließlich erliegt er der Versuchung und schreitet hindurch. Das Publikum sieht, dass die beiden die Seiten getauscht haben und die Frau nun vor dem Spiegel steht. Dann 327
steigt jählings eine große Rauchwolke auf, und die Frau verwandelt sich in Satan. Der Illusionist ist also in der Hölle gefangen und wird an den Boden gekettet. Rund um ihn lodern Flammen empor. Die Feuerwand kommt immer näher. Kurz bevor die Flammen ihn verschlingen, kann er sich von den Ketten befreien und springt durch das Feuer hinter dem Spiegel in Sicherheit. Der Teufel rennt auf ihn zu, fliegt in die Höhe und verschwindet. Der Illusionist zertrümmert den Spiegel mit einem Hammer. Dann geht er quer über die Bühne, bleibt stehen und schnippt mit den Fingern. Es gibt einen Lichtblitz, und – Sie haben es vermutlich schon erraten – der Mann verwandelt sich in den Teufel … Das Publikum liebt diese Nummer … Aber ich weiß, dass so mancher insgeheim wünscht, das Feuer würde gewinnen und der Illusionist sterben.« Er hielt inne. »Und natürlich kommt so etwas bisweilen tatsächlich vor.« »Wer sind Sie?«, flüsterte Rhyme voller Verzweiflung. »Ich?« Der Hexer beugte sich vor. »Ich bin der Zauberer des Nordens«, erwiderte er leidenschaftlich. »Ich bin der größte Illusionist aller Zeiten. Ich bin Houdini. Ich bin der Mann, der dem brennenden Spiegel entflieht. Der sich von Handschellen und Ketten befreien kann, von Seilen oder aus verschlossenen Räumen, von allem …« Er sah Rhyme durchdringend an. »Außer … außer von Ihnen. Ich musste befürchten, dass Sie das einzige Risiko darstellen würden, dem ich nicht ausweichen könnte. Sie sind zu gut. Ich muss Sie vor morgen Nachmittag aufhalten …« »Warum? Was geschieht morgen Nachmittag?« Der Hexer antwortete nicht, sondern blickte ins Halbdun328
kel. »Und nun, verehrtes Publikum, kommen wir zu unserer Hauptnummer – Der Eingeäscherte. Sehen Sie sich unseren Probanden an – keine Ketten, keine Handschellen, keine Seile. Trotzdem kann er unmöglich entkommen. Das hier ist sogar noch schwieriger als die erste Entfesselungsnummer der Welt: die des heiligen Petrus. In ein Verlies geworfen, gefesselt, bewacht. Und doch ist er entflohen. Allerdings hatte er einen wichtigen Verbündeten. Gott. Unser Proband heute Abend muss hingegen allein zurechtkommen.« In der Hand des Hexers tauchte ein kleiner grauer Gegenstand auf, und noch bevor Rhyme reagieren und den Kopf abwenden konnte, zuckte die Hand vor und klebte ihm einen Streifen Isolierband auf den Mund. Dann löschte der Mörder alle Lampen bis auf ein kleines Nachtlicht, kehrte zu Rhymes Bett zurück, streckte den Zeigefinger aus und schnippte mit dem Daumen dagegen. Eine fast zehn Zentimeter hohe Flamme stieg aus der Fingerspitze empor. Der Hexer schwenkte den Finger hin und her. »Wie ich sehe, schwitzen Sie.« Er hielt die Flamme dicht vor Rhymes Gesicht. »Feuer … Ist es nicht faszinierend? Kaum etwas verfügt über eine dermaßen starke Anziehungskraft. Feuer ist die perfekte Ablenkung. Jeder achtet ganz automatisch darauf. Das Publikum wendet den Blick nicht davon ab und würde daher auch niemals bemerken, was ich mit meiner anderen Hand mache. Zum Beispiel …« Er hielt urplötzlich Rhymes Whiskyflasche umschlossen und wärmte ihren Boden eine Weile mit der Flamme an. Dann nahm er einen Schluck, hielt sich den brennenden Finger dicht vor die Lippen und sah Rhyme an, der unwillkür329
lich erschrak. Doch der Hexer lächelte, wandte sich ab, blies den Feuerstrahl in Richtung Zimmerdecke und wich ein Stück zurück, während die gleißende Helligkeit wieder zu Finsternis wurde. Rhyme schaute in eine Ecke seines Zimmers. Der Hexer lachte. »Der Rauchmelder? Um den habe ich mich schon gekümmert und die Batterie entfernt.« Er schickte noch einen Flammenstrahl zur Decke und stellte die Flasche ab. Auf einmal hatte er ein weißes Taschentuch in der Hand und streckte es Rhyme entgegen. Es war mit Benzin getränkt. Der beißende Dunst brannte in Rhymes Augen und Nase. Der Hexer rollte das Taschentuch zu einem kurzen Band zusammen, riss Rhymes Pyjamajacke auf und legte es ihm wie einen Schal um den Hals. Dann ging er zur Tür, schob leise den Riegel beiseite und schaute hinaus. Rhyme roch noch etwas anderes außer dem Benzin. Was war das? Ein schwerer, rauchiger Duft … Oh, der Scotch. Der Killer musste die Flasche offen gelassen haben. Doch der Geruch wurde immer stärker und überdeckte das Benzin. Fast schon betäubend. Überall war Whisky. Und Rhyme begriff entsetzt, was der Mann da tat. Er hatte mit dem Alkohol eine Spur vom Bett zur Tür gelegt, wie eine Lunte. Der Hexer schnippte mit dem Finger, und ein weißer Feuerball flog von seiner Hand in die Pfütze aus Single Malt. Der Alkohol entzündete sich, und blaue Flammen züngelten über den Boden. Gleich würden sie einen Stapel Zeitschriften und einen Karton neben dem Bett in Brand setzen. Außerdem einen der Rattansessel. 330
Bald darauf würde das Feuer über die Bettwäsche nach oben klettern und erst Rhymes Körper verschlingen, was er nicht spüren würde, und dann unter schrecklichen Qualen seinen Kopf. Er sah zu dem Hexer, aber der Mann war weg und die Tür geschlossen. Rauch stieg ihm in Augen und Nase. Das Feuer kroch näher, entzündete Schachteln, Bücher und Poster, schmolz CDs. Und schon streckten die ersten blaugelben Flammen sich nach den Decken am Fußende von Lincoln Rhymes Bett.
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… Sechsundzwanzig Ein gewissenhafter Streifenpolizist, der vielleicht ein merkwürdiges Geräusch gehört oder eine offene Tür gesehen hatte, verschwand in einer Gasse an der West Side. Fünfzehn Sekunden später kam ein anderer Mann daraus zum Vorschein. Er trug einen dünnen kastanienbraunen Rollkragenpullover, eine enge Jeans und eine Baseballmütze. Malerick, der die Rolle von Officer Larry Burke abgelegt hatte, ging zielstrebig den Broadway hinauf. Wer ihm ins Gesicht sah und den selbstsicheren, unternehmungslustigen Blick bemerkte, musste ihn für einen Nachtschwärmer halten, der zu einem der nahen Lokale wollte, um dort etwas für sein Ego und seinen Sexualtrieb zu tun, die vermutlich beide in letzter Zeit gelitten hatten, denn er war nicht mehr der Jüngste. Vor einer Kneipe blieb er stehen und sah hinein. Ja, dies schien genau der richtige Ort zu sein, um eine Weile abzuwarten und dann noch mal kurz bei Lincoln Rhymes Haus vorbeizuschauen und den Brandschaden zu begutachten. Er setzte sich auf einen Hocker am Ende des Tresens, in der Nähe der Küche, und bestellte sich ein Sprite und ein Putensandwich. Dann sah er sich um: die Spielautomaten mit ihrem elektronischen Gedudel, eine verstaubte Jukebox, der Raum verqualmt und dunkel. Es roch nach Schweiß, Parfum und Desinfektionsmittel. Er hörte trunkenes Gelächter und das Stimmengewirr banaler Gespräche. Das alles versetzte ihn zurück in seine Jugend, damals in der Wüstenstadt. 332
Las Vegas glich einem Spiegel, der von gleißenden Lichtern umgeben war. Man konnte stundenlang hineinstarren und sah doch immer nur sich selbst, mit allen Runzeln und Falten, aller Eitelkeit, Gier und Verzweiflung. Es war ein schmutziger, erbarmungsloser Ort, in dessen Seitenstraßen die fröhliche Neonwelt des Strips schon nach ein oder zwei Blocks verblasste und niemals den Rest der Stadt erreichte: die Wohnmobile und altersschwachen Bungalows, die öden Supermärkte, die Pfandleihen voller Verlobungsringe, Anzugjacketts, Armprothesen – was auch immer sich zu Bargeld machen ließ. Und überall die staubige, endlose, beigefarbene Wüste. In diese Welt wurde Malerick hineingeboren. Sein Vater war Geber am Blackjacktisch, seine Mutter Kellnerin im Casinorestaurant (bis man sie wegen ihres stetig zunehmenden Körpergewichts in einen der Zählräume hinter den Kulissen versetzte). Die beiden gehörten zu dem Heer dienstbarer Geister, das in Las Vegas sowohl vom Management als auch von den Gästen wie Luft behandelt wurde. Ihr ganzes Leben lang hatten sie ständig mit Bargeld zu tun, so dass sie irgendwann sogar die Druckfarbe, das Parfum und den Schweiß riechen konnten, der den Banknoten anhaftete. Dabei war ihnen ständig bewusst, dass diese erstaunlich hohen Beträge immer nur für wenige Sekunden in ihren Händen verweilen würden. So wie viele andere Kinder, die oft allein waren, weil ihre Eltern in langen und häufig wechselnden Schichten arbeiten mussten – ob nun in Vegas oder sonst wo auf der Welt –, hatte ihr Sohn an einem anderen Ort Trost gesucht. Und dieser Ort war der Strip. 333
Ich habe Ihnen bereits von den Täuschungen erzahlt, verehrtes Publikum – wie wir Illusionisten mittels Gesten, Farben, Lichtern, Überraschungen oder Geräuschen die Aufmerksamkeit der Zuschauer von unseren Methoden ablenken. Nun, eine Täuschung ist mehr als ein Bühnentrick; es ist darüber hinaus ein Aspekt unseres Lebens. Wir alle fühlen uns durch glanzvollen Prunk angezogen, weg von der Langeweile, dem ewigen Einerlei, den zankenden Familien, den heißen, ereignislosen Stunden am Rande der Wüste, den höhnisch lachenden Teenagern, die einen kleinen Jungen hetzen, weil er schmächtig und schüchtern ist, und ihn dann zum Spaß mit unerbittlich harten Fäusten verprügeln … Der Strip war seine Zuflucht. Vor allem die Läden für Zaubereibedarf. Und von denen gab es viele; Las Vegas galt in der Branche weltweit als Hauptstadt der Zauberkunst. Für den Jungen waren die Geschäfte mehr als nur simple Verkaufsstellen; sie waren Orte, an denen ehrgeizige Zauberkünstler teils noch aktiv, teils schon im Ruhestand – sich trafen, um miteinander zu plaudern, Klatsch auszutauschen und sich über ihre Tricks zu unterhalten. In einem dieser Läden lernte der Junge etwas Wichtiges über sich selbst. Er mochte schmächtig, schüchtern und ein langsamer Läufer sein, aber er war außerordentlich geschickt. Die Zauberer hier führten ihm die unterschiedlichsten Tricks vor, und er machte sie ihnen sofort nach. »Ein geborener Prestidigitateur«, sagte einer der Verkäufer über den Dreizehnjährigen und zog verblüfft eine Augenbraue hoch. Der Junge runzelte die Stirn, denn er hatte dieses Wort noch nie gehört. »Das ist ein französischer Begriff aus dem neunzehnten 334
Jahrhundert«, erklärte der Mann. »›Presto‹ heißt schnell, und ›digital‹ steht im Französischen für ›Finger‹. Also jemand mit flinken Fingern. Ein Taschenspieler.« Und so wuchs in ihm allmählich die Erkenntnis, dass er eventuell mehr war als nur ein lästiges Anhängsel seiner Familie, mehr als ein Prügelknabe für die anderen. Jeden Nachmittag lief er nach Schulschluss gleich in seinen Lieblingsladen, wo er aufmerksam zuhörte und das Wissen wie ein Schwamm in sich aufsog. Zu Hause übte er unaufhörlich. Bisweilen engagierte ihn einer der Geschäftsführer, damit er in der Vorführecke des Ladens den Kunden die Ware demonstrierte und kleine Showeinlagen zum Besten gab. Er konnte sich immer noch genau an seinen allerersten Auftritt erinnern. Von jenem Tag an drängte der junge Houdini – so sein erster Künstlername – sich bei jeder nur möglichen Gelegenheit auf die Bühne. Wie herrlich es doch war, das Publikum zu faszinieren, zu entzücken, herauszufordern und zu überlisten. Oder es zu erschrecken. Das gefiel ihm ganz besonders. Schließlich flog er auf – durch seine Mutter. Sie bemerkte irgendwann, dass der Junge kaum noch Zeit zu Hause verbrachte, und durchsuchte sein Zimmer nach einem Hinweis. »Ich habe dieses Geld gefunden«, herrschte sie ihn eines Abends an, als er zur Hintertür hereinkam, stand vom Essen auf und watschelte in die Küche. »Bitte erklär mir das.« »Es stammt aus dem Abracadabra.« »Was ist das?« »Ein Laden. In der Nähe des Tropicana. Ich habe dir davon erzählt …« 335
»Du hast auf dem Strip nichts zu suchen.« »Mom, es ist bloß ein Fachgeschäft für Zaubereibedarf.« »Wo bist du gewesen? Hast du getrunken? Hauch mich mal an.« »Mom, nein.« Er scheute vor der massigen Frau zurück. Ihr Shirt war mit Pastasoße befleckt, und ihr Atem stank abscheulich. »Wenn man dich in einem der Casinos erwischt, könnte das mich und deinen Vater unsere Jobs kosten.« »Ich war nur in dem Laden. Manchmal trete ich dort auf und bekomme etwas Trinkgeld.« »Das hier ist viel zu viel Geld dafür. Ich habe als Kellnerin nie solche Trinkgelder gekriegt.« »Ich bin gut«, sagte der Junge. »Das war ich auch … Du trittst auf? Als was denn?« »Als Zauberkünstler.« Er war enttäuscht. Er hatte es ihr schon vor Monaten erzählt. »Sieh mal.« Er zeigte ihr einen Kartentrick. »Gar nicht mal schlecht«, sagte sie und nickte. »Aber weil du mich angelogen hast, werde ich dieses Geld behalten.« »Ich hab nicht gelogen!« »Du hast mir nicht erzählt, was du machst. Das ist das Gleiche wie eine Lüge.« »Mom, es gehört mir.« »Du hast gelogen, also zahlst du.« Mit einiger Anstrengung stopfte sie sich das Geld in eine Tasche ihrer Jeans, was wegen der Fettwülste gar nicht so einfach war. Dann zögerte sie. »Okay, hier hast du zehn Dollar zurück. Vorausgesetzt, du verrätst mir etwas.« »Ich soll dir …?« 336
»Etwas verraten. Hast du deinen Vater je zusammen mit Tiffany Loam gesehen?« »Keine Ahnung … Wer ist das?« »Das weißt du sehr wohl, also tu nicht so scheinheilig. Sie ist Kellnerin im Sands und war vor ein paar Monaten mit ihrem Mann zum Essen bei uns. Die Frau mit der gelben Bluse.« »Ich …« »Hast du die beiden gesehen? Wie sie gestern zusammen in die Wüste gefahren sind?« »Nein, hab ich nicht.« Sie musterte ihn durchdringend und kam zu dem Schluss, dass er die Wahrheit sagte. »Falls du sie doch siehst, sagst du mir sofort Bescheid.« Und dann kehrte sie zu ihrem Teller Spaghetti zurück, der im Wohnzimmer auf einem Tablett vor dem Fernseher stand. »Mein Geld, Mom!« »Sei still, bei Jeopardy kommt gerade die Bonusfrage.« Als der Junge eines Tages wieder mal eine kleine Show im Abracadabra gab, betrat ein schlanker ernster Mann den Laden und ging nach hinten zu der Bühne. All die Zauberkünstler und Verkäufer verstummten. Er war ein berühmter Illusionist und zu jener Zeit im Tropicana engagiert. Jeder hier hatte von seinem jähzornigen Temperament gehört, und seine dunklen, schaurigen Nummern waren weithin berüchtigt. Nach der Vorstellung winkte der Illusionist den Jungen zu sich und deutete auf das handgeschriebene Schild, das neben der Bühne stand. »Du nennst dich den ›jungen Houdini‹?« »Ja.« 337
»Hältst du dich für würdig, diesen Namen zu tragen?« »Ich weiß nicht. Er hat mir einfach nur gefallen.« »Zeig mir noch ein paar Tricks.« Er wies auf einen mit Samt bespannten Tisch. Der Junge fing an, ziemlich nervös, denn eine lebende Legende sah ihm dabei zu. Ein Nicken, anscheinend beifällig gemeint. Dass ein vierzehnjähriger Junge ein solches Kompliment bekam, ließ alle anderen Zauberer im Raum andächtig schweigen. »Soll ich dir etwas zeigen?« Der Junge nickte begeistert. »Gib mir die Münzen.« Er streckte dem Mann bereitwillig die offene Handfläche entgegen. Der Illusionist runzelte die Stirn. »Wo sind sie?« Seine Hand war leer. Der Illusionist lachte barsch über das verdutzte Gesicht des Jungen. Er hatte sich die Münzen längst geholt. Der Junge war erstaunt; er hatte nicht das Geringste gespürt. »Jetzt werde ich die hier hochhalten …« Der Junge hob den Kopf, aber eine innere Stimme sagte plötzlich: Mach eine Faust! Er will die Münzen zurücklegen. Bring ihn vor all den anderen in Verlegenheit. Schnapp dir seine Hand! Auf einmal – und ohne nach unten zu schauen – erstarrte der Illusionist und flüsterte: »Willst du das wirklich tun?« Der Junge war perplex. »Ich …« »Denk lieber noch mal drüber nach.« Er deutete auf die Hand des Jungen. Der junge Houdini sah ebenfalls hin und erschrak. Der Mann hatte bereits etwas auf seine Handfläche gelegt, aber 338
nicht etwa die Münzen, sondern fünf beidseitig geschliffene Rasierklingen. Hätte er die Finger wie beabsichtigt zur Faust geballt, wäre eine Fahrt in die Notaufnahme fällig gewesen. »Zeig mir deine Hände«, sagte der Illusionist, nahm die Rasierklingen und ließ sie im selben Moment verschwinden. Der junge Houdini streckte ihm beide Hände entgegen, und der Mann berührte sie und strich mit den Daumen darüber. Für den Jungen fühlte es sich so an, als würde zwischen ihnen elektrischer Strom fließen. »Du hast die richtigen Hände, um ein ganz Großer zu werden«, flüsterte der Illusionist ihm so leise zu, dass kein anderer es hören konnte. »Du hast den Ehrgeiz, und ich weiß, dass du die nötige