Smilla Ebeling · Sigrid Schmitz (Hrsg.) Geschlechterforschung und Naturwissenschaften
Studien Interdisziplinäre Gesch...
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Smilla Ebeling · Sigrid Schmitz (Hrsg.) Geschlechterforschung und Naturwissenschaften
Studien Interdisziplinäre Geschlechterforschung Band 14 Herausgegeben vom Zentrum für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg (ZFG), Zentrum für feministische Studien – Frauenstudien / Gender Studies der Universität Bremen (ZFS).
Smilla Ebeling Sigrid Schmitz (Hrsg.)
Geschlechterforschung und Naturwissenschaften Einführung in ein komplexes Wechselspiel
Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über abrufbar.
. 1. Auflage Juni 2006 Alle Rechte vorbehalten © VS Verlag für Sozialwissenschaften | GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2006 Lektorat: Monika Mülhausen / Tanja Köhler Der VS Verlag für Sozialwissenschaften ist ein Unternehmen von Springer Science+Business Media. www.vs-verlag.de Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem Werk berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichen- und Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürften. Umschlaggestaltung: KünkelLopka Medienentwicklung, Heidelberg Druck und buchbinderische Verarbeitung: Krips b.v., Meppel Gedruckt auf säurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier Printed in the Netherlands ISBN-10 3-531-14912-1 ISBN-13 978-3-531-14912-7
Inhalt
Sigrid Schmitz, Smilla Ebeling Geschlechterforschung und Naturwissenschaften. Eine notwendige Verbindung ........................................................................ 7 Teil I T
Sigrid Schmitz Geschlechtergrenzen. Geschlechtsentwicklung, Intersex und Transsex im Spannungsfeld zwischen biologischer Determination und kultureller Konstruktion ..................................................................................... 33 Smilla Ebeling Alles so schön bunt. Geschlecht, Sexualität und Reproduktion im Tierreich ........................................................................................................... 57 Smilla Ebeling Amazonen, Jungfernzeugung, Pseudomännchen und ein feministisches Paradies. Metaphern in evolutionsbiologischen Fortpflanzungstheorien.................................................................................. 75 Kristina Hackmann Professorinnen in der Mathematik. Karrierewege und disziplinäre Verortungen............................................................................... 95 Ines Weller Geschlechterforschung in der Chemie. Spurensuche in der Welt der Stoffe............................................................................................... 117 Kathrin Buchholz Genderrelevanz und Genderaspekte von Chemikalienpolitik............... 139 Helene Götschel Die Welt der Elementarteilchen. Geschlechterforschung in der Physik .. 161
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Sigrid Schmitz Jägerinnen und Sammler. Evolutionsgeschichten zur Menschwerdung ........................................................................................... 189 Sigrid Schmitz Frauen und Männergehirne. Mythos oder Wirklichkeit? ...................... 211 Smilla Ebeling Wenn ich meine Hormone nehme, werde ich zum Tier. Zur Geschichte der ‘Geschlechtshormone’ ............................................... 235 Teil II Robin Bauer Grundlagen der Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsforschung ... 247 Smilla Ebeling De/Konstruktion von Geschlecht und Sexualität .................................... 281 Smilla Ebeling, Jennifer Jäckel,Ruth Meßmer, Katrin Nicoleyczik, Sigrid Schmitz Methodenauswahl der geschlechterperspektivischen Naturwissenschaftsanalyse ......................................................................... 297 Sigrid Schmitz Entweder – Oder? Zum Umgang mit binären Kategorien...................... 331 Smilla Ebeling, Sigrid Schmitz, Robin Bauer Tierisch menschlich. Ein un/geliebter Dualismus und seine Wirkungen ........................................................................................... 347 Sigrid Schmitz, Christian Schmieder Popularisierungen. Zwischen Naturwissenschaften, Medien und Gesellschaft ............................................................................ 363 Verzeichnis der Autorinnen und Autoren ................................................ 379
Geschlechterforschung und Naturwissenschaften. Eine notwendige Verbindung Sigrid Schmitz, Smilla Ebeling
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Eine individuelle Vorgeschichte von Sigrid Schmitz und Smilla Ebeling
Einleitend möchten wir mit Blick auf die universitäre Lehre die Besonderheiten der Geschlechterforschung zu naturwissenschaftlichen Themenbereichen im Vergleich zu der Geschlechterforschung der Kulturund Gesellschaftswissenschaften hervorheben. Seit mehr als einem Jahrzehnt beschäftigen wir uns beide mit feministischer Naturwissenschaftsforschung und lehren und forschen zur Geschlechterforschung und Naturwissenschaften. Zwar begannen wir in unterschiedlichen Zeiten und an verschiedenen Orten – Sigrid Schmitz in den 1980er Jahren in Marburg und Smilla Ebeling in den 1990ern in Hamburg –, doch haben wir ähnliche Erfahrungen gemacht: Verortet in der Biologie begannen wir beide die Auseinandersetzung mit der Biologie und genereller den Naturwissenschaften aus einer Geschlechterperspektive durch unsere Teilnahme in einer Arbeitsgruppe – Sigrid Schmitz in der Arbeitsgruppe Biofrauen am Fachbereich Biologie der Universität Marburg und Smilla Ebeling in dem interdisziplinären Arbeitskreis für feministische Naturwissenschaftsanalyse und -kritik (afn). Diese Arbeit führte uns dazu, mit Kolleginnen Lehrveranstaltungen an den jeweiligen Universitäten anzubieten.1 So bot Sigrid Schmitz eine Seminarreihe an der Fakultät für Biologie der Universität Marburg zu Themen der Geschlechterforschung an. Smilla Ebeling bot verschiedene Seminare zu geschlechterperspektivischen Analysen der Naturwissenschaften in den Instituten der Biologie, Chemie 1 Die Lehrveranstaltungen von Smilla Ebeling und ihren Kolleginnen Helene Götschel, Dorit Heinsohn und Julia Lademann wurden dankenswerterweise in Form von Lehraufträgen durch die Gemeinsame Kommission und Koordinationsstelle für Frauenstudien/ Frauenforschung der Universitäten Hamburg finanziert, diejenigen von Sigrid Schmitz und Imke Troltenier an der Universität Marburg vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst über die Interdisziplinäre Arbeitsgruppe Frauenforschung (IAG) der Universität Marburg (siehe hierzu Ebeling & Götschel 2000).
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und Physik der Universität Hamburg an. Alle Veranstaltungen sollten einen umfassenden Blick auf Theoriebildung und Methodik der Naturwissenschaften unter geschlechterperspektivischem Blickwinkel vermitteln und damit das eigene Fachgebiet und weitere naturwissenschaftliche Fächer sowie deren Forschungspraxen von einer Meta-Ebene her beleuchten. Unsere Erfahrungen zeigten, dass Studierende der Naturwissenschaften entsprechend ihrer fachspezifischen Ausbildung und Sozialisation an solche geschlechterperspektivische Analysen herangeführt werden müssen. So waren die Studierenden zunächst überfordert, wenn sie theoretische Arbeiten textanalytisch bearbeiten, verstehen und dann auf das eigene Fachgebiet anwenden sollten. Eine kritische und reflexive Betrachtung auf das eigene Fachgebiet wird in den Naturwissenschaften in der Regel nicht gelehrt, geschweige denn innerhalb der eigenen Fachkultur betrieben. Erschwerend kam die erkenntnistheoretische Position hinzu, die Naturwissenschaftler/innen erlernen. Nach naturwissenschaftlichem Paradigma können naturwissenschaftliche Tatsachen erfasst und beschrieben werden, wenn sie durch wiederholte Experimente reproduziert wurden. Dies wird als ein nach rein rationalen Erwägungen objektives und wertneutrales Vorgehen angesehen, das vor allem unabhängig von der Position und Sichtweise der Experimentierenden zu erfolgen habe. Aus dieser Perspektive erscheint es zunächst überflüssig, nach soziokulturellen Wechselwirkungen zwischen Naturwissenschaften und Gesellschaft zu fragen. Es erwies sich für die Vermittlung der Geschlechterforschung der Naturwissenschaften daher als erfolgreich, zunächst konkrete biologische Themengebiete zu behandeln, in denen Geschlechtskörper behandelt und Geschlechterzuschreibungen vorgenommen werden, und deren Begründungen zu untersuchen. Die Studierenden lernten dabei, die jeweiligen naturwissenschaftlichen Befunde und Theorien kritisch zu hinterfragen, und Gründe für die Etablierung einer bestimmten Theorie oder Bewertungen von Geschlecht im gesellschaftlichen und historischen Kontext zu ermitteln. Deren Auswirkungen auf die weitere Theoriebildung innerhalb und außerhalb der Naturwissenschaften sowie das Objektivitätspostulat der Naturwissenschaften konnten dann ebenfalls thematisiert werden. In den letzten Jahren haben wir zunehmend interdisziplinäre Lehrveranstaltungen zur Geschlechterforschung der Naturwissenschaften mit Studierenden der Gender Studies und der Naturwissenschaften durchgeführt. Dabei stellte sich heraus, dass Studierende der Gesellschafts- und
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Kulturwissenschaften zwar einen leichteren Zugang zu komplexen feministischen Theorien zeigen, doch überfordert es sie, den ‘Wahrheitsgehalt’ naturwissenschaftlicher Aussagen über Geschlechterdifferenzen in den Genen, in den Hormonen, im Gehirn oder im Körper kritisch zu beurteilen. Häufig fallen dann Sätze wie “ich glaube das mit den biologischen Unterschieden zwar nicht so ganz, aber ich weiß auch nicht, was ich dagegen sagen soll”. Hier hilft es unserer Erfahrung nach, sowohl die Grundlagen der naturwissenschaftlichen Disziplinen im Detail als auch Brüche des scheinbar logischen Argumentationsgebäudes zu den angeblich natürlichen Geschlechterdifferenzen aufzuzeigen, die erst bei genauerer Kenntnis der Disziplin sichtbar werden können. In der interdisziplinären Arbeit mit den Studierenden der Naturwissenschaften und der Gesellschafts- und Kulturwissenschaften wird immer wieder der Mangel an Einführungsliteratur zu diesem Themenbereich deutlich. In unserer Arbeit haben wir darüber hinaus gelernt, die verschiedenen Ausgangspunkte unserer interdisziplinären Studierenden einzubeziehen und einen kritischen Dialog aufzubauen. Unser Vorgehen von der wissenschaftsimmanenten Ebene eines bestimmten Themengebietes zur Meta-Ebene der Geschlechterforschung erweist sich für uns bis heute als erfolgreich für die Vermittlung der Geschlechterforschung der Naturwissenschaften. Beides mündet nun in einen Leitfaden für dieses Buch. 2
Etablierung der geschlechterperspektivischen Analysen der Naturwissenschaften
Im deutschsprachigen Raum kursieren viele Bezeichnungen für das noch recht junge Forschungs- und Studiengebiet, das die Geschlechterforschung mit den Naturwissenschaften verbindet. So wird es beispielsweise “Geschlechterforschung in den Naturwissenschaften”, “feministische Naturwissenschaftsanalyse”, “feministische Naturwissenschaftsforschung” oder “feministische Naturwissenschaftskritik” genannt. Entsprechendes gilt für die Technik-, Medizin- und Ingenieurswissenschaften. In diesem Buch konzentrieren wir uns auf die Verknüpfung der Geschlechterforschung mit den Naturwissenschaften. Zunächst gehen wir auf die zentra-
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len Aspekte dieses Forschungs- und Studiengebietes ein und geben einen kurzen Situationsbericht.2 In den letzten drei Jahrzehnten hat die Frauen- und Geschlechterforschung enorme Fortschritte in der Analyse der Geschlechterverhältnisse und der Kategorie Geschlecht in Gesellschaft und Wissenschaft erlangt und sich auch an bundesdeutschen Universitäten institutionalisiert und etabliert. Zu ihren bedeutenden Marksteinen, die für dieses Buch bedeutend sind, gehören die anhaltende Debatte um die Unterscheidung von SEX und GENDER, das Konzept des DOING GENDER und die Herausarbeitung der Bedeutung von GESCHLECHT ALS STRUKTURKATEGORIE. Hiernach kommt der Kategorie Geschlecht ebenso wie anderen sozialen Kategorien, wie etwa Klasse, Alter und Rasse, eine strukturgebende Rolle in der Gesellschaft zu. Mit der Kategorie Geschlecht werden die Gesellschaftsmitglieder sozial kategorisiert und unterschiedlichen Statuspositionen zugeordnet.3 Bedeutsam ist die Entwicklung von der Frauen- zur Geschlechterforschung, die seit einigen Jahren auch die Männerforschung einbezieht, sowie die verschiedenen Positionen des Differenz- und Gleichheitsansatzes und poststrukturalistischer Theorien. Damit konnte die Bedeutung des Geschlechts in fast allen Bereichen der Gesellschaft herausgearbeitet und der sozial-konstruierte Charakter der Geschlechterunterschiede auf der individuellen, strukturellen und symbolischen Ebene in ihrer kulturhistorischen Bedingtheit deutlich gemacht werden (Harding 1991: 14). Der relativ junge Begriff GENDER MAINSTREAMING besagt, dass die Geschlechterperspektive in alle Politikbereiche zu integrieren ist. Diese politische Strategie wurde erstmals auf der 3. Weltfrauenkonferenz der Vereinten Nationen in Nairobi vorgestellt und auf der 4. Weltfrauenkonferenz 1994 in Peking in der dort verabschiedeten Aktionsplattform ver2 Im Englischen hat sich dieses Forschungsgebiet unter der Bezeichnung “Feminist Science Studies” etabliert. Siehe hierzu auch den Beitrag “Grundlagen der Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsforschung” von Robin Bauer in Teil II. Dort ist die Verknüpfung von Geschlechterforschung und Naturwissenschaften viel weiter vorangeschritten und auch institutionalisiert. Es liegen inzwischen zahlreiche geschlechterperspektivische Analysen der Naturwissenschaften – hauptsächlich aus dem US-amerikanischen Kontext – vor, die breit rezipiert werden, wie etwa von Ruth Bleier (1984), Anne Fausto-Sterling (1988, 2000), Donna Haraway (1989, 1990, 1995, 1995a, 1995b), Ruth Hubbard (1990), Evelyn Fox Keller (1993, 1995a, 1986), Carolin Merchant (1987) und Londa Schiebinger (1993a, 1993b, 1999), um nur einige wenige zu nennen. 3 Im US-amerikanischen Raum wird die Gleichzeitigkeit und Verwobenheit der verschiedenen Strukturkategorien sehr viel stärker untersucht, als es bisher im deutschsprachigen Raum erfolgte.
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ankert. In der Europäischen Union ist GENDER MAINSTREAMING seit 1996 durch eine Mitteilung der Kommission und seit 1999 durch den Vertrag von Amsterdam als rechtsverbindliche Querschnittsaufgabe festgeschrieben. Vor diesem Hintergrund ist es Aufgabe der Bundesministerien, das GENDER MAINSTREAMING in ihren Geschäftsbereichen umzusetzen.4 Offen bleibt jedoch die Diskussion darüber, welche Chancen GENDER MAINSTREAMING für die Institutionalisierung und Verankerung der Geschlechterforschung in den Naturwissenschaften hat. Kann es als Türöffner dienen, indem es für weitreichende Fragen nach geschlechterrelevanten Aspekten in diesen Forschungsperspektiven sensibilisiert? Oder besteht die Gefahr, dass GENDER MAINSTREAMING als ein Türschließer fungiert, wenn sich sein Einsatz ausschließlich dem Ziel eines gleichwertigen Frauenproporzes in den Disziplinen verschreibt? Hier spielen nicht zuletzt auch wirtschaftliche Interessen eine Rolle. Denn wenn es heute um die Rekrutierung von Nachwuchskräften für die zu gering besetzten Naturwissenschaften geht, ist auch der Ruf nach den ‘weiblichen Humanressourcen’ nicht weit (vgl. Frauen geben Technik neue Impulse 2002). Nach diesem Verständnis liegt es gefährlich nahe, zu argumentieren, dass die Frauen- und Geschlechterforschung überflüssig werde, sobald alle Disziplinen ‘gemainstreamt’ sind. Parallel zur Weiterentwicklung der Geschlechtertheorien wurde ein ausdifferenziertes Methodenrepertoire für multi-, inter-, trans- und postdisziplinäre Projekte entwickelt (siehe z. B. Kahlert et al. 2005, von Braun & Stephan 2000, Mauss & Petersen 1998). Denn es zeigte sich, dass Geschlechterphänomene in ihrer Vielgestaltigkeit multiperspektivisch zu bearbeiten sind. Die Begriffe der Multi-, Inter-, Trans- und Postdisziplinarität werden jedoch nicht einheitlich verwendet. Die Soziologin Helga Nowotny definiert Multidisziplinarität als einen Ansatz, in dem ein Thema unter verschiedenen disziplinären Blickwinkeln bearbeitet wird, wobei jedoch die Eigenständigkeit der Disziplinen in Theorie und Methoden bestehen bleibt. Interdisziplinarität zeichne sich dadurch aus, dass ein Phänomen aus mehreren Disziplinen betrachtet und untersucht wird, wobei die Formulierung einer disziplinenübergreifenden Terminologie und eine Kooperation in der Bearbeitung eines Themas erkennbar werde. Transdisziplinarität erfordere über die Einigung auf eine gemeinsame Begrifflichkeit hinaus Disziplinen übergreifend eine gegenseitige Durchdringung der Erkenntnismethoden. Die verschiedenen Bearbeitun4 Mit Dank für diese Ausführungen an Kathrin Buchholz.
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gen innerhalb der Disziplinen berufen sich dann auf einen gemeinsamen Theorien-Pool (vgl. Nowotny 1997). Mit ihren vielgestaltigen Grenzgängerinnen und institutionellen Verankerungen weist die Geschlechterforschung der Naturwissenschaften zu großen Teilen einen inter- oder transdisziplinären Charakter auf. Die Naturwissenschaften haben – anders als die Gesellschafts- und Kulturwissenschaften – nicht eine an emanzipatorische Ansprüche gekoppelte Analyse der gesellschaftlichen Geschlechterverhältnisse als Forschungsgegenstand. Sie pflegen weiterhin ein Selbstverständnis, dem zufolge das Geschlecht nur als biologisch-medizinischer Forschungsgegenstand eine Rolle spielt. Daher gehen sie davon aus, dass soziokulturelle Geschlechtervorstellungen nicht in das ‘objektive’ und ‘wertneutrale’ naturwissenschaftliche Wissen eingeschrieben sein könnten. Was könnten beispielsweise die Naturgesetze der Physik, chemische Reaktionen oder Bakterien schon mit Geschlecht zu tun haben? Und umgekehrt, wie sollten etwa die Thermodynamik oder biologische Darstellungen von Einzellern die Geschlechterverhältnisse beeinflussen? Derartige Fragen berührten nicht die Forschungsinteressen der Naturwissenschaften – und zunächst auch nicht die der Geschlechterforschung in den Gesellschaftsund Kulturwissenschaften. Doch bereits in den 1980er Jahren wurden die Naturwissenschaften zum Untersuchungsgegenstand der Geschlechterforschung gemacht. Dabei wurde zunächst vor allem argumentiert, dass ihr Dasein als ‘Männermonokultur’ (Rübsamen 1983) Konsequenzen auf den Forschungsprozess und seine Ergebnisse haben müsse (Honegger & Wobbe 1998). Analog den Gesellschafts- und Kulturwissenschaften wurde von der Geschlechterforschung in den Naturwissenschaften anfänglich die Abwesenheit von Frauen, ihre vermeintlich geringere Fähigkeit zum wissenschaftlichen Arbeiten sowie geschlechtsspezifische Ausgrenzungs- und Diskriminierungsmechanismen aus der Wissenschaft bzw. aus einzelnen Disziplinen untersucht und die Leistungen von Frauen hervorgehoben und gewürdigt. Inzwischen richten viele feministische Analysen der Naturwissenschaften ihr Hauptaugenmerk auf die Rolle der soziokulturellen Geschlechterverständnisse in der naturwissenschaftlichen Wissensproduktion. Untersucht werden dabei die soziale und berufliche Welt, die Themen und Inhalte, die grundlegenden Vorannahmen, die erkenntnistheoretischen Positionen, die Theorien und Methoden der Naturwissenschaften sowie das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft. Geschlecht kann damit als Analysekategorie genutzt wer-
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den, um gesellschaftliche Einflüsse in den Forschungspraxen und Erkenntnissystemen der Naturwissenschaften deutlich zu machen. Viele geschlechterperspektivische Analysen der Naturwissenschaften knüpfen dabei an Ansätze der Wissenschaftstheorie, Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftssoziologie an. In diesen Arbeiten geht es nicht um eine ‘Verbesserung’ der inhaltlichen Aussagen, sondern um kritische Analysen, die naturwissenschaftliches Wissen als Ergebnis soziokultureller Unternehmungen ansehen. Dabei wurden von der feministischen Forschung die Dekonstruktion des Objektivitätsmythos und die Darstellung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse als gesellschaftlich eingebundene Prozesse um die querliegende Kategorie des Geschlechts erweitert. Denn gesellschaftliche Prozesse sind immer auch vergeschlechtlichte Prozesse. Die Naturwissenschaften sind nicht ob der Reproduzierbarkeit ihres experimentellen Vorgehens objektiv, denn jedes Experiment ist abgeleitet aus einer bestimmten Theorie. Diese wiederum entwickelt sich, setzt sich durch und verschwindet wieder im Verlauf der kulturellen Historie einer Scientific Community. Einschlüsse und Auslassungen, Interpretationen und Verallgemeinerungen sind keine Wahrheiten, sondern Entscheidungen im Rahmen dieses Forschungsprozesses. Gefragt wird also einerseits nach dem Einfluss des gesellschaftlichen Faktors Geschlecht auf Erkenntnis- und Gestaltungsprozesse in den Naturwissenschaften. Findet die Geschlechterforschung Eingang in die Naturwissenschaften, so kann sie dort als eye-opener (Weller 2002) wirken. Auf der anderen Seite leistet die Geschlechterforschung in den Naturwissenschaften ebenfalls Beiträge für die Theorienentwicklung der Geschlechterforschung und für das Verständnis der Geschlechterverhältnisse. So wird heute analysiert, wie die naturwissenschaftlichen Theorien über Geschlecht und Sexualität in unser Verständnis der Geschlechter und der Geschlechterverhältnisse einfließen. Denn die Naturwissenschaften nehmen eine bedeutende Rolle bei der Konstruktion der bipolaren Geschlechterordnung ein. Mit der Autorität einer Naturwissenschaft ausgestattet produzieren sie Wahrheiten über die Geschlechter und ihre Verhältnisse, sodass ihnen weiterhin eine starke Definitionsmacht in der Geschlechterkonstruktion zukommt. Der Einbezug der Naturwissenschaften in die kritische Reflexion birgt die Möglichkeit, die Verwobenheit von Geschlecht und Natur genauer zu betrachten, Körperlichkeiten in den Blick zu nehmen und nicht zuletzt naturwissenschaftliche Konzepte zu berücksichtigen. Ein intensiver Dialog zwischen Geschlechter-
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forschung und Naturwissenschaften kann also für beide Seiten fruchtbar sein. Die Naturwissenschaften zeigten und zeigen jedoch eine starke Abwehr gegen die Geschlechterforschung. Da sie vom einem Objektivitätspostulat und einer empiristisch/positivistischen Perspektive geprägt sind, verstehen sie die geschlechterperspektivischen Fragen leicht als Vorwurf einer ‘schlechten Wissenschaft’. Der Einbezug sozialer, politischer oder persönlicher Faktoren stellt für sie keine verbesserte Form der Objektivität dar, sondern eher einen Ausdruck von Unwissenschaftlichkeit. Obwohl die Naturwissenschaften also seit guten 20 Jahren aus einer Geschlechterperspektive analysiert werden, ist die feministische Naturwissenschaftsanalyse nur in Einzelfällen an den Universitäten institutionalisiert und selten in die Lehre integriert. Oft wird zwar von der Geschlechterforschung in den Naturwissenschaften gesprochen, doch meist ist sie nicht in den naturwissenschaftlichen Instituten verortet. Auf der institutionellen Ebene liegen heute unterschiedliche Modelle der Anbindung vor: Erstens werden in den Naturwissenschaften die Fragestellungen, Methoden und erkenntnistheoretischen Positionen der Geschlechterforschung oft als fachfremd ausgegrenzt. Viele Naturwissenschaftlerinnen, welche die Naturwissenschaften mit Blick auf die Kategorie Geschlecht kritisch analysieren,5 sich dabei an gesellschafts- und kulturwissenschaftlichen Theorien orientieren und deren Methoden anwenden, wechseln oftmals von ihrer ursprünglichen Disziplin in die Gesellschaftsund Kulturwissenschaften. Zweitens sind zwar an bundesdeutschen Universitäten zweifache Anbindungen in einer Naturwissenschaft und in den Gesellschafts- und Kulturwissenschaften prinzipiell möglich. Drittens sind die inter- und transdisziplinären Zentren und Studiengänge der Geschlechterforschung bis heute stärker auf die Gesellschafts- und Kulturwissenschaften ausgerichtet und an ihnen orientiert. Selbst, wenn der Einbezug der Naturwissenschaften in ein Curriculum erfolgt, entspricht der Umfang nicht der disziplinären und thematischen Bandbreite dieser 5 Die Geschlechterforschung wird in den Naturwissenschaften hauptsächlich durch einzelne Forscher/innen betrieben. Ein wichtiger Zusammenschluss ist der Verein “NuT, Frauen in Naturwissenschaft und Technik, e.V.” (http://www.nut.de/). Erste größere Forschungsprojekte und Forschungsverbünde haben sich bisher an der Universität Hamburg (Projekt “Degendering Science”, http://www.erzwiss.uni-hamburg.de/ degendering_science/) und an der Universität Freiburg (Kompetenzforum “Genderforschung in Informatik und Naturwissenschaften [gin]” (http://gin.iig.uni-freiburg.de) etabliert. Überregional wurde von Forscherinnen und Lehrenden im Bereich Geschlechterforschung in technischen und naturwissenschaftlichen Disziplinen 2005 das Netzwerk “Gender Studies + TechnoMedSciences” gegründet.
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Studien- und Forschungsgebiete und ihre Beteiligung ist weiterhin als gering zu bezeichnen.6 Auf der institutionellen Ebene liegt das Schwergewicht der geschlechterperspektivischen Analysen der Naturwissenschaften also außerhalb der Naturwissenschaften und die Geschlechterforschung in den Naturwissenschaften ist eher eine Geschlechterforschung der oder über die Naturwissenschaften, die noch keinen institutionellen Ort gefunden hat. Es ist daher an der Zeit, sowohl die Naturwissenschaften stärker in die Geschlechterforschung der Kultur- und Gesellschaftswissenschaften einzubinden als auch die Geschlechterforschung stärker in die Naturwissenschaften zu integrieren. Die Biologin und Wissenschaftsforscherin Anne Fausto-Sterling bezeichnet die hierfür zu verfolgende Strategie zur Weiterentwicklung der Geschlechterforschung der Naturwissenschaften als “building a two-way-street” (Fausto-Sterling 1992). Das bedeutet auch, SEX stärker in die Analyse der Gender Studies einzubeziehen und gleichzeitig GENDER für Naturwissenschaftler/innen fruchtbar zu machen. Denn über die Beziehungen zwischen der gesellschaftlichen Geschlechterordnung und den naturwissenschaftlichen Theorien über Geschlecht liegen zwar für einzelne Themenfelder bereits geschlechterperspektivische Studien vor, doch sind die Wechselwirkungen noch nicht ausreichend untersucht. Beispielsweise scheint es derzeit unterschiedliche Vorstellungen von Geschlecht und den Geschlechterverhältnissen in feministischen Theorien, in naturwissenschaftlichen und in populärwissenschaftlichen Darstellungen sowie in gesellschaftlichen Bildern zu geben. Diese transdisziplinäre Arbeit erfordert außerdem den Abbau gegenseitiger Abwertungen und Vorurteile sowie die Vermittlung der verschiedenen disziplinären Forschungsansätze und -gegenstände und der verschiedenen Fachsprachen, was unseren Erfahrungen nach keine banale Angelegenheit ist und leicht zu Missverständnissen führt. Die geschlechterperspektivische Beschäftigung mit den Naturwissenschaften bringt für (angehende) Naturwissenschaftler/innen beispielsweise die Lektüre 6 Nur in wenigen Universitäten im deutschsprachigen Raum sind die Naturwissenschaften in die Geschlechterstudien integriert. Zu erwähnen sind die Studiengänge an der Humboldt Universität Berlin, der Universität Freiburg, der Universität Hamburg, und der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. In Österreich sind es die Universitäten in Graz, Salzburg und Wien, in der Schweiz die Universitäten in Basel und Zürich. Meist werden die Geschlechterstudien der Naturwissenschaften in Form von Wahlpflichtfächern angeboten. Dabei wird u. a. ein Mangel an Lehrenden mit Doppelqualifikationen in der Geschlechterforschung und in einem naturwissenschaftlichen Fach deutlich, was wiederum auf die Notwendigkeit der Integration in die Lehre verweist.
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fachfremder Studien, wie etwa soziologische, philosophische, historische oder kulturwissenschaftliche, mit sich. Das Verständnis der dort entwickelten Geschlechtertheorien und der fachspezifischen Terminologien sowie deren Anwendung in den eigenen naturwissenschaftlichen Fächern erweist sich für viele Naturwissenschaftler/innen, wie eingangs schon erwähnt, verständlicherweise als schwierig. Diese Schwierigkeit verschärft sich, wenn an den jeweiligen Universitäten die Geschlechterforschung in den Naturwissenschaften nur vereinzelt unterrichtet wird und sich die interessierten Studierenden ebenso wie die etablierten Naturwissenschaftler/innen die Ansätze im privaten Zusammenhang aneignen müssen. Diese Situation trägt dazu bei, dass sich (angehende) Naturwissenschaftler/innen der Geschlechterforschung ‘neben’ ihrer naturwissenschaftlichen Tätigkeit nur selten zuwenden. Die Notwendigkeit einer Vermittlungsarbeit des transdisziplinären Arbeitens trifft ebenfalls für Studierende und Wissenschaftler/innen der Gesellschafts- und Kulturwissenschaften zu, wenn sie sich mit der naturwissenschaftlichen Fachterminologie und dem dortigen Spezialwissen auseinandersetzen. Hier ist zum Beispiel eine Scheu vor der Beschäftigung mit naturwissenschaftlichem ‘Faktenwissen’ zu beobachten, die es zu überwinden gilt.7 Insgesamt ist die Geschlechterforschung in den Naturwissenschaften also kaum als Forschungs- und Studiengebiet etabliert und den Interessierten nur schwer zugänglich. Für den konstruktiven Dialog in Forschung und Lehre fehlen auf der institutionellen Ebene nach wie vor gute Bedingungen, so dass disziplinäre Grenzüberschreitungen bis heute schwierig bleiben (Bath 2002, Grundy 2004, Schmitz & Wolfrum 2006). Dies wird auch in den verschiedenen Sammelbänden und Handbüchern der letzten Jahre zur Geschlechterforschung in Deutschland sichtbar, denn sie behandeln nur vereinzelt die Natur- und Technikwissenschaften (vgl. von Braun & Stefan 2000, dies. 2005, Kroll 2002, Becker & Kortendiek 2004). Dem Mangel an deutschsprachigem Lehr- und Einführungsmaterial wollen wir mit diesem Buch begegnen.
7 Dass es in Deutschland ein großes Interesse an der Verknüpfung der Geschlechterforschung mit den Naturwissenschaften unter den Studentinnen, wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und in der freien Wirtschaft tätigen Naturwissenschaftlerinnen gibt, zeigt sich an dem “Kongress Frauen in Natur- und Technikwissenschaften”, der seit 1977 jährlich hauptsächlich von Studentinnen autonom organisiert und von 300-600 Teilnehmerinnen besucht wird (Götschel 2001).
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Analyseebenen der Frauen- und Geschlechterforschung der Naturwissenschaften
Eine Systematisierung der geschlechterperspektivischen Analysen der Naturwissenschaften wurde von der Wissenschaftshistorikerin und Biologin Evelyn Fox Keller vorgelegt (Keller 1995a). Sie nahm die Unterscheidung der drei Analyseebenen WOMEN IN SCIENCE, SCIENCE OF GENDER und GENDER IN SCIENCE vor. Die Beiträge zu unterschiedlichen Themenfeldern der naturwissenschaftlichen Geschlechterforschung in Teil I dieses Buches sind entlang dieser Analyseebenen gegliedert. Diese drei Ebenen sind nicht immer scharf voneinander abzugrenzen, erscheinen uns jedoch sehr hilfreich, um einen Überblick über den Forschungsbereich vorzunehmen. Wir gestalten diesen Überblick für unsere Einführung relativ kurz mit einigen ausgewählten Literaturangaben und verweisen an dieser Stelle auf weitere Zusammenstellungen mit ausführlicher Bibliografie (Heinsohn 1998, Orland & Rössler 1995, Schmitz 2002). Auf der Ebene WOMEN IN SCIENCE geht es in erster Linie um die Sozialverhältnisse und die Situation von Frauen in den Naturwissenschaften als Studien- und Berufsfeld. Mittels der Biographieforschung werden beispielsweise ausgeblendete Frauen in den Naturwissenschaften sichtbar gemacht und deren Leistungen gewürdigt. Diese Biographien stellen ein Korrektiv der Wissenschaftsgeschichte dar und gehen oftmals über eine Darstellungsweise von heroischen Frauen als Ebenbilder ‘männlicher Größen’ hinaus, indem sie nach den Barrieren und Gründen der Karriereverläufe von Naturwissenschaftlerinnen fragen. Darüber hinaus verdeutlichen sie androzentrische (männerzentrierte) Perspektiven in der Geschichtsschreibung der Naturwissenschaften sowie die Verwobenheit naturwissenschaftlicher Theorien mit gesellschaftlichen Verhältnissen in ihrer historischen Bedingtheit. Mit Hilfe qualitativer und quantitativer Methoden der Sozialforschung wird die unterschiedliche Präsenz von Frauen und Männern in den Naturwissenschaften dokumentiert und auf dieser Basis werden die strukturellen Barrieren für Naturwissenschaftlerinnen, deren Folgen und die Ausschlussmechanismen untersucht. Die Institutionengeschichte sowie die Sozial- und Alltagsgeschichte zeichnen ein Bild der Naturwissenschaften als männliches, weißes, heterosexuelles Feld der Mittelschicht. Mit Blick auf die Geschlechterverhältnisse werden dabei unterschiedliche Diskriminierungsmechanismen aufgezeigt. Dazu gehören die Deklarierung von ‘frauenspezifischen Arbeitsplätzen’ – wie
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etwa Laborarbeiten – ebenso wie unterschiedliche Förderungen von Frauen und Männern durch ungleiche Ressourcenverteilungen, Zitierweisen und Bewertungen in Review-Verfahren. Im bundesdeutschen Biologiestudium liegt beispielsweise der Anteil von Frauen über 50%. Über 35% der Promovierten und 17% der Habilitierten sind Frauen. Dagegen hat sich die 5%-Hürde bei den Professorinnen seit den 1980er Jahren nicht verändert (Statistisches Bundesamt 2004). Die Abnahme des Frauenanteils beim Übergang vom Studium in die wissenschaftliche Karriere wird als Pipelineeffekt bezeichnet und vordergründig immer noch mit der fehlenden Motivation von Frauen erklärt. Quantitative Strukturanalysen können diese Argumentation widerlegen. In einer Erhebung an der Universität Marburg Anfang der 1990er Jahre erreichten 36% der promovierten Frauen diese Qualifikation über eine Stelle im universitären Mittelbau, dagegen 52% der Männer (vgl. Schmitz 2002). Dies bedeutet, dass mehr Frauen hoch motiviert und ohne feste finanzielle Absicherung, wie etwa über Stipendien oder Eigenfinanzierungen, promovierten. Dass solche Strukturanalysen nicht unwirksam sind, zeigt die Diskussion um den Frauenanteil in den Naturwissenschaften auf der Grundlage quantitativer Erhebungen im renommiertesten naturwissenschaftlichen Journal Nature (Nature Debates 1999). Große Beachtung hat in diesem Zusammenhang die Analyse der Medizinerinnen Christine Wennerås und Agnes World (1997) erfahren: Das Hauptkriterium in der schwedischen Nachwuchsförderung für die Auswahl zur Projektfinanzierung ist der Publikationsimpakt, d. h. die Wertung der Publikationen nach dem Prestige des Publikationsorgans und der Nennung als Erstautor/in. Dieses angeblich geschlechtsneutrale Kriterium stellte sich als geschlechtsverzerrt heraus, denn der gleiche Impakt-Faktor führte bei weiblichen Bewerbern zu wesentlich geringeren Einstufungen.8 Die Studien dieser Ebene zielen insgesamt auf eine Erhöhung des Frauenanteils in den Naturwissenschaften, behandeln jedoch wie erwähnt auch grundlegende Fragen der Geschlechterforschung in den Naturwissenschaften (z. B. Alic 1986, Schiebinger 1993, Strohmeier 1998, Tobies 1997, Rossiter 1995, Henrion 1999, Murray 2000). Auf der Ebene SCIENCE OF GENDER werden diejenigen Naturwissenschaften untersucht, deren explizites Ziel und Aufgabe es ist, Definitio8 Um anhand ihres Impakt-Faktors beispielsweise die höchste Bewertung zu erhalten, mussten Frauen mindestens eine Publikation mehr als Männer in Nature oder einer entsprechend hochdotierten Zeitschrift aufweisen.
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nen von Geschlecht, Geschlechterdifferenzen und Geschlechterverhältnissen zu liefern. Es geht also in erster Linie um die Biologie, die Medizin und heute auch um die naturwissenschaftlich orientierte Psychologie, und zwar insbesondere um deren Inhalte. Die Analysen decken beispielsweise Androzentrismen in der Forschungsperspektive auf und ergänzen sie mitunter um eine gynozentrische (frauenzentrierte) Perspektive. Sie verdeutlichen, dass es in der Dateninterpretation häufig zu NATURALISIERUNGEN der Geschlechterverhältnisse bzw. zu einer Verschränkung von Kultur und Natur kommt. Darüber hinaus zeigen sie, dass das umfassende Konzept einer natürlichen Zweigeschlechtlichkeit einen konstruierten Charakter aufweist. Zu den Zielen der Analysen der Ebene SCIENCE OF GENDER können – je nach erkenntnistheoretischer Position – eine adäquatere Beschreibung der Natur und die Verbesserung biologischer Aussagen gehören. Doch auch die kritische Analyse der naturwissenschaftlichen Vorannahmen stellt auf dieser Ebene ein wichtiges Ziel dar, da sie Einfluss auf die Konstitution des Forschungsobjektes und auf die konkreten Forschungsfragen und Vorgehensweisen haben (z. B. Bleier 1988, dies. 1992, Fausto-Sterling 1992, Haraway 1990). Auf der dritten Ebene GENDER IN SCIENCE wird das Geschlecht als ein strukturierendes Element der Naturwissenschaften untersucht, wobei es vornehmlich um deren Paradigmen und erkenntnistheoretische Grundannahmen geht. Hier werden weniger die Geschlechtskörper fokussiert, sondern die vermittelte Herstellung von Geschlecht und die symbolische Ebene der Geschlechterverhältnisse. Gleichzeitig können über diese Ansätze diejenigen Naturwissenschaften besser analysiert werden, die auf den ersten Blick keinen Bezug zum Geschlecht erkennen lassen. Denn die Analyseebene GENDER IN SCIENCE analysiert generelle Aspekte der Vorannahmen, Theorien, Methodologien, Forschungspraxen und des Wissenskanons der Naturwissenschaften. Sie untersucht die Zusammenhänge zwischen den gesellschaftlich-kulturell ausgeprägten Geschlechterverhältnissen und den geschichtlichen, sozialen und wissensgenetischen Konstellationen, auf denen die Vorgehensweisen der Naturwissenschaften beruhen. Analysiert werden auf dieser Ebene beispielsweise DICHOTOMIEN in den Naturwissenschaften, wie Körper/Geist, Natur/Kultur, Passivität/Aktivität und Reproduktion/Produktion. Diese Kategorien sind geschlechtskodiert und in einem hierarchischen Verhältnis angeordnet, wobei traditionellerweise die ersten Positionen weiblich markiert sind und die letzteren männlich belegt und höhergestellt werden. Die
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geschlechtskodierten DICHOTOMIEN werden als erkenntnisleitende Prinzipien aufgedeckt, welche die Perspektiven und Wertvorstellungen der Naturwissenschaftler/innen beeinflussen. Sie kommen in den Subtexten zahlreicher naturwissenschaftlicher Erzählungen zum Ausdruck und stellen somit strukturierende Elemente des naturwissenschaftlichen Denkens dar. Das Geschlecht wird auch hier als STRUKTURKATEGORIE sichtbar, die einen Rahmen vorgibt, in dem wissenschaftliche Fragen gestellt, Erklärungen akzeptiert und Antworten gefunden werden können. Darüber hinaus wird auf dieser Analyseebene nicht nur die gesellschaftliche Ebene, sondern auch die Subjektebene erfasst, denn Forschende sind immer Subjekte innerhalb eines bestimmten psychosozialen und kulturellen Kontextes. Ihre Perspektiven, Vorannahmen und Vorgehensweisen entstehen eingebettet in eine kulturelle Geschlechterdichotomie. Ihr ‘wissenschaftlicher Blick’ wird häufig auf das gelenkt, was ihnen in diesem Gebäude plausibel erscheint. Außerdem sind es in den Naturwissenschaften weiterhin überwiegend Männer, die forschen und damit einen männlichen Blick, einen ‘male bias’, in diese Forschung einbringen. Analysen zur Historie der experimentellen Naturwissenschaft haben gezeigt, wie eng selbst die Entwicklungen und die Formulierung der rationalen Erkenntnistheorie auf der Schaffung eines Dualismus zwischen dem erkennenden, aktiven Subjekt (dem Forscher) und dem zu betrachtenden, passiven Objekt (der Natur) beruht (vgl. Fausto-Sterling 2000, Harding 1991, Keller 1986, dies. 1995b, Longino 1990, dies. 1996, Longino & Doell 1983, Merchant 1987, Scheich 1993, dies. 1996). Die Geschlechterforschung und die Naturwissenschaften zu verbinden, ist also nach wie vor eine aufschlussreiche und vielversprechende Aufgabe. Es geht dabei um ein kritisches Wissenschaftspotential, um Erkenntnisse über die Einbettung der Naturwissenschaften in die Gesellschaft und deren Wechselwirkungen, über wissenschaftliche und gesellschaftliche Ausdifferenzierungen, über die Subjektgebundenheit naturwissenschaftlicher Forschung und um die Aufdeckung von Leerstellen in den Naturwissenschaften. Auf der Grundlage der Geschlechterforschung können konstruktive Interventionen in die Naturwissenschaften eingebracht und gleichzeitig zum Erkenntnisgewinn über gesellschaftliche Verhältnisse beigetragen werden. Zu einer solchen Positivliste versuchen wir, in den Beiträgen dieses Buches einige Anregungen zu geben.
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Buchaufbau
Das vorliegende Buch soll sowohl Studierenden der Naturwissenschaften, die sich in die Geschlechterforschung einarbeiten wollen, als auch Studierenden der Gesellschafts- und Kulturwissenschaften, welche die Geschlechterforschung der Naturwissenschaften kennen lernen möchten, eine Einführung geben. Ziel ist es, eine gut verständliche Darstellung der Geschlechterforschung der Naturwissenschaften für Einsteiger/innen zu liefern, die auch als Lehrmaterial dienen kann. Da diese Einführung an ein interdisziplinäres Publikum gerichtet ist, wurde auf eine leichte Verständlichkeit der Texte Wert gelegt. Das Buch ist in zwei Teile untergliedert. Im ersten Teil werden geschlechterperspektivische Analysen exemplarisch an verschiedenen Themenfeldern innerhalb der Naturwissenschaften veranschaulicht. Die Verbindung von Geschlechterforschung und Naturwissenschaften weist eine enorme Vielfalt hinsichtlich der Fächer, der Themen, der Methoden und der Analyseebenen auf, die insbesondere in den Beiträgen des ersten Teils deutlich wird. In Teil II werden zentrale Theorien, Begrifflichkeiten9 und methodische Ansätze der Geschlechterforschung vertiefend erläutert, die in den Beiträgen des ersten Teils verwendet werden. Dabei geht es uns weniger um eine umfassende und bündelnde Darstellung oder Weiterentwicklung feministischer Theorien. Vielmehr ist es unser Ziel, die Konzepte und theoretischen Zugänge für Einsteiger/innen in die geschlechterperspektivischen Analysen der Naturwissenschaften zu erläutern. Der zweite Teil dieses Buches soll also einen Einblick in grundlegende Begriffe und theoretische Ansätze der Frauen- und Geschlechterforschung und in hoch spannende wissenschaftliche Debatten liefern. Die Gesamtheit der Diskussionen kann dabei nicht umfassend dargestellt werden, da der Rahmen einer Einführung eine Einschränkung und Engführung der theoretischen Zugänge, zentralen Begrifflichkeiten und methodischen Ansätze erfordert. Dies birgt die Gefahr, eine allzu gradlinige Entwicklung in der feministischen Theoriedebatte zu skizzieren, was der regen und lebhaften Diskussionskultur der feministischen Theorien nicht gerecht werden würde. Daher möchten wir an dieser Stelle wenigstens auf sie verwiesen und geben in den Beiträgen jeweils vertiefende Literaturangaben. 9 Die BEGRIFFE sind jeweils in den Beiträgen in Teil I hervorgehoben und mit Referenzen auf die erklärenden Theoriebeiträge in Teil II versehen.
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Im ersten Teil beginnt Sigrid Schmitz in ihrem Beitrag “Geschlechtergrenzen. Geschlechtsentwicklung, Intersex und Transsex zwischen biologischer Determination und kultureller Konstruktion” auf den Analyseebenen SCIENCE OF GENDER und GENDER IN SCIENCE zunächst mit der vielleicht banal klingenden Frage, wie viele Geschlechter es gibt, und zwar beim Menschen. Angelehnt an den feministischen Empirismus werden die Befunde und Theorien der biologischen Geschlechtsentwicklung sowie der Intersex- und Transsex-Forschung bearbeitet. Hierdurch werden die heteronormativen Kategorienbildungen, Methoden, theoretischen Grundlagen und die Dateninterpretation von Geschlechtszuschreibungen hinterfragt. Entgegen der gängigen Vorstellung von genau zwei Geschlechtern zeigt Schmitz in einem interkulturellen Vergleich andere Antworten hierzu auf und legt dar, wie die Geschlechter beim Menschen in bio-medizinischen und psychologischen Disziplinen bestimmt werden. Schmitz behandelt die Entwicklungsgeschichte der Geschlechterkonzepte und dabei die Debatten um die soziokulturelle Konstruktion versus biologischer Determination von Geschlecht, die Beziehung von Naturwissenschaft und Gesellschaft und die Rolle von Populärwissenschaften. Insgesamt stellt sich die spannende Frage, ob nicht besser von fünf oder mehr Geschlechtern zu sprechen ist oder Geschlecht gar ein Kontinuum ohne festgelegte Grenzen darstellt. Smilla Ebeling nimmt in ihrem Beitrag “Alles so schön bunt. Geschlecht, Sexualität und Reproduktion im Tierreich” hingegen die Tierwelt in den Fokus. Sie gibt einerseits einen Einblick in das vielfältige Repertoire gleichgeschlechtlichen Sexualverhaltens, der Geschlechterwechsel und des transgeschlechtlichen Verhaltens bei verschieden Tierarten. Andererseits zeigt Ebeling, wie dieses tierische Verhalten durch die Begriffe der Homosexualität und der Transsexualität mit kulturhistorisch geprägten Kategorien beschreiben wird und dabei gleichzeitig versucht wird, das heteronormative Bild der Zweigeschlechtlichkeit bei Tieren und Menschen aufrecht zu erhalten. Damit verbindet sie an diesem Thema ebenfalls die Analyseebenen SCIENCE OF GENDER und GENDER IN SCIENCE. Mit der Vorstellung einiger kritischer Analysen weist Ebeling schließlich auf die Brüchigkeit dieser Verschränkungen hin und zeigt, wie diese Ansätze der Geschlechterforschung die Übertragungen von Menschen auf Tiere und umgekehrt die Legitimationen menschlicher Geschlechterverhältnisse aus der Tierwelt unterwandern können.
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In ihrem Beitrag “Amazonen, Jungfernzeugung, Pseudomännchen und ein feministisches Paradies. Metaphern in evolutionsbiologischen Fortpflanzungstheorien” setzt Smilla Ebeling ihre Analyse des Tierreichs fort und zeigt mit Hilfe von Metaphern- und Diskursanalysen die gegenseitige Beeinflussung naturwissenschaftlicher und gesellschaftlicher Perspektiven auf. Sie untersucht hier die biologischen DISKURSE über Parthenogenese (Jungfernzeugung) im Tierreich und reine Weibchenarten. Ebeling arbeitet dabei anschaulich heraus, wie in den Texten der Evolutionsbiologie gesellschaftliche Geschlechter- und Machtverhältnisse durch die Verwendung von Metaphern eingeschrieben werden. Sie deckt auf, welche Subtexte den zunächst neutral erscheinenden naturwissenschaftlichen Beschreibungen unterliegen, die alle darauf hinaus laufen, dass es eine reine Weibchenfortpflanzung ‘eigentlich nicht gibt’. Der Beitrag “Professorinnen in der Mathematik. Karrierewege und disziplinäre Verortungen” von Kristina Hackmann widmet sich wiederum ganz den Verhältnissen der Menschen, und zwar auf der Analyseebene WOMEN IN SCIENCE. Die von Hackmann skizzierte Interviewstudie untersuchte zum einen die institutionellen und individuellen Bedingungen, unter denen sich Frauen in der männlich dominierten Wissenschaftsdisziplin Mathematik erfolgreich behaupten konnten. Zum anderen wurden die Strukturen des Faches Mathematik aus einer Geschlechterperspektive sowie deren Veränderungen durch die zunehmende Präsenz von Frauen thematisiert. Dabei fokussiert Hackmann nicht – wie oft üblich – die Hindernisse und Schwierigkeiten von weiblichen Karriereverläufen in einer männlich dominierten Wissenschaft, sondern stellt vielmehr die Unterstützungserfahrungen und Förderungen von Frauen in den Vordergrund. Sie informiert mit ihrer Rekonstruktion der Berufsbiographien detailliert über die Hintergründe von Mathematikprofessorinnen. So zeigt sie beispielsweise auf, wie und wann das Interesse an der Mathematik durch lebensgeschichtliche Stationen und Bedingungen gefördert wurde und wie die Verknüpfung beruflicher und privater Lebensbereiche verläuft. Der Status von Frauen in der Wissenschaftsdisziplin Mathematik wird ebenfalls genauer untersucht. Dazu gehören beispielsweise die Möglichkeiten von Professorinnen zur Gestaltung und aktiven Weiterentwicklung der Mathematik, ihre Integration und Akzeptanz in den mathematischen Fachbereichen, die Diskriminierungserfahrungen und Ausschlussmechanismen sowie frauenförderpolitische Maßnahmen.
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Der Beitrag “Geschlechterforschung in der Chemie. Spurensuche in der Welt der Stoffe” von Ines Weller liefert einen Überblick in die Geschlechterstudien der Chemie, die sich bisher überwiegend auf der Analyseebene WOMEN IN SCIENCE bewegen, indem sie die Partizipation von Frauen und die Chancengleichheit in der Chemie untersuchen und unsichtbare Chemikerinnen und ihre Forschungen herausarbeiten. Weller verdeutlicht aber auch Verbindungen zur Ebene GENDER IN SCIENCE, indem sie etwa fragt, wie die Inhalte und Fragestellungen der Chemie durch die – wenn auch immer noch – geringe Beteiligung von Frauen beeinflusst werden. Sie zeigt “handfeste Spuren der Geschlechterverhältnisse” (S. 1) in der als geschlechtsneutral geltenden Chemie auf und stellt damit einen großen Forschungsbedarf in dieser naturwissenschaftliche Disziplin fest, in der die Geschlechterforschung bisher weniger entwickelt ist, als in der Biologie und Medizin. In ihrer Darstellung der Forschungs- und Themenbereiche der Chemie als ‘Welt der Stoffe’ und ihres Selbstverständnisses als eine ‘exakte’ und ‘objektive’ Naturwissenschaft wird die Verflochtenheit von Chemie und gesellschaftlichen Bedingungen leicht nachvollziehbar. So wird die Wirkmächtigkeit der Geschlechterverhältnisse beispielsweise hinsichtlich des Umgangs mit Stoffen und der Rolle der Akteure und Akteurinnen in umweltpolitischen Themenbereichen sehr schnell offensichtlich. Kathrin Buchholz führt mit ihrem Beitrag “Genderrelevanz und Genderaspekte von Chemikalienpolitik” in einen Anwendungsbereich ein, in dem naturwissenschaftliche Grundlagen für die gesellschaftspolitische Umsetzung herangezogen werden und in dem der Einbezug der Geschlechterperspektive dringend erforderlich ist. Am Beispiel der Gesetzesgrundlagen zum Umgang mit und zum Schutz vor gefährlichen Stoffen im Haushalt und am Arbeitsplatz beschreibt sie eindrücklich, wie geschlechtliche Kodierungen bei der Trennung von privatem und öffentlichem Raum zu unterschiedlichen Bewertungen der Gefahren und Sicherungssysteme in diesen gesellschaftlichen Räumen führt. Analog zeichnet Buchholz nach, wie Frauen aufgrund ihrer Reproduktionsfähigkeit als ‘Ausnahme’ aus der Risikoabschätzung herausgenommen werden und wie dies gleichzeitig zu geschlechtsspezifischen Arbeitsteilungen führt. Nicht zuletzt zeigt sie aufgrund dieser Analyse Möglichkeiten zur Gestaltungsmacht von Frauen und Männern in der Chemikalienpolitik auf und bezieht hiermit eine erweiterte Geschlechterperspektive in die Ansätze des GENDER MAINSTREAMING ein.
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In der “Welt der Elementarteilchen. Geschlechterforschung in der Physik” stellt Helene Götschel Ansätze der Geschlechterforschung in der Physik zusammen. Nach einem Einblick in die Elementarteilchenphysik werden die geschlechterperspektivischen Forschungsarbeiten über diese als geschlechtsneutral geltende Naturwissenschaft gut nachvollziehbar dargestellt. Mit Blick auf die Physik als Studien- und Berufsfeld, ihr disziplinäres Selbstverständnis, ihre Tugenden und ihren Habitus sowie auf die Fachsozialisation dieser männlich geprägten Disziplin zeigt Götschel, dass Geschlecht in der Physik sehr wohl eine Rolle spielt. Dabei wird deutlich, wie gesellschaftliche Geschlechterverhältnisse in die Entwicklung von Forschungsfragen, in die Ausformulierung von Theorien und in die Bezeichnung der physikalischen Werkzeuge und Untersuchungsgegenstände einfließen. Ihr Beitrag bewegt sich damit auf den Analyseebenen WOMEN IN SCIENCE und GENDER IN SCIENCE. Sigrid Schmitz hinterfragt in dem Beitrag “Jägerinnen und Sammler. Evolutionsgeschichten zur Menschwerdung” die Erklärung und Festschreibung der heutigen Geschlechterrollen westlicher industrieller Gesellschaften durch vermeintlich natürliche Bedingungen, die in den Theorien der Ur- und Frühgeschichte des Menschen zu finden sind. Die heutigen Geschlechterverhältnisse und die heutigen Stereotype und Rollen von Frauen und Männern, wurden diesen Theorien zu Folge bereits vor 4 - 5 Millionen Jahren vorherbestimmt. Schmitz zeichnet in einem Vergleich verschiedener Evolutionstheorien hingegen nach, wie komplexe kulturhistorische Prozesse in die angenommene Naturgeschichte des Menschen projiziert und naturalisiert werden. Sie gibt zunächst einen Einblick in deren wichtigste Befunde, wie etwa die Ernährungsweise, die Zweibeinigkeit und die Lebensräume der Frühmenschen. Dann zeigt sie Brüche und Widersprüche in den darauf aufbauenden Interpretationen über Jäger, Sammlerinnen und Familienstrukturen auf. Dabei wird sehr anschaulich herausgearbeitet, wie das Zusammenspiel von theoriegeladenen Fakten, wertgeladenen Theorien und historisch bedingten Werten zu einer Vorstellung der Menschheitsentwicklung führt, die das Zweigeschlechtersystem, die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung und eine universale Monogamie determiniert. Schmitz verwendet für ihre Analyse die Ansätze des kritischen Empirismus, der Bild- und Metaphernanalysen und epistemologischer Kritiken. Insgesamt thematisiert sie die Wechselwirkungen und zirkulären Argumentationen zwischen modernen Gesellschaftstheorien und der naturwissenschaftlichen Theoriebildung,
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wobei ihre Analyse alle drei Ebenen WOMEN IN SCIENCE, SCIENCE OF GENDER und GENDER IN SCIENCE einbezieht. In dem Beitrag “Frauen- und Männergehirne. Mythos oder Wirklichkeit?” beschäftigt sich Sigrid Schmitz auf der Analyseebene SCIENCE OF GENDER mit Einschreibungen von stereotypen Geschlechtervorstellungen in die Theorien der Hirnforschung. Hier analysiert sie wiederum in Anlehnung an den feministischen Empirismus die Strukturen, Arbeitsweisen und aktuellen Erkenntnisse eines bio-medizinischen Forschungsfeldes. Auf der Ebene GENDER IN SCIENCE zeigt sie zudem auf, wie populärwissenschaftliche Darstellungen der Hirnforschung die Geschlechterdifferenzen in einer breiten Öffentlichkeit ‘bewahrheiten’ und umgekehrt, wie gesellschaftliche Geschlechtervorstellungen auf die Wissenschaft Einfluss nehmen. Inhaltlich behandelt sie die für Fragen nach Geschlechterdifferenzen relevanten aktuellen Vorstellungen über den Aufbau und die Funktion der Hirnrinde, vergleicht deterministische Konzepte mit Plastizitätskonzepten, diskutiert die Lateralitätshypothese und die Forschungen über Sprachfähigkeiten, Raumorientierung und das Corpus Callosum bei Frauen und Männern. Indem sie die Datenerhebungs- und Interpretationsverfahren und deren theoretische Grundlagen untersucht, arbeitet Schmitz Widersprüche, Verzerrungen, unausgesprochene Postulate und Konstruktionsprozesse heraus, die beispielsweise in modernen Verfahren des Brain Imaging entstehen können. Insgesamt verdeutlicht sie, dass die Hirnforschung bis heute eine Geschlechterdifferenzforschung ist, die vorwiegend Unterschiede herausstellt. Smilla Ebeling schließt den Gang durch naturwissenschaftliche Themenfelder mit dem Beitrag “Wenn ich meine Hormone nehme, werde ich zum Tier. Zur Geschichte der ‘Geschlechtshormone’”. Mit einer detaillierten Analyse zur ‘Entdeckungshistorie’ und zur Namensgebung der so genannten Geschlechtshormone zeigt sie auf, wie das binäre Konzept der Zweigeschlechtlichkeit leitend für die Kategorisierung der Östrogene und Androgene war. Überschneidungen und nicht geschlechtsbezogene Wirkungsweisen dieser Hormone wurden aus dem Forschungsprozess zunehmend ausgeblendet. Gleichzeitig fanden geschlechtsspezifische Kodierungen von Männlichkeit und Weiblichkeit Eingang in den angeblich neutralen Kategorisierungsprozess der physiologischen Stoffgruppen. Ebeling verbindet die Analyseebenen SCIENCE OF GENDER und GENDER IN SCIENCE mit einer kritischen Analyse der biploaren Konzepte in der BioMedizin. Sie hinterfragt schließlich, welche Auswirkungen diese angeb-
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lich eindeutige Geschlechtlichkeit der Östrogen- und Testosteronwirkungen auf den heutigen Umgang mit eben jenen Hormonen zur Behandlung der Menopause oder zur Leistungssteigerung und Konkurrenzfähigkeit haben und zeigt auf, wie eindeutig die Geschlechtergrenzen und ihre Bewertungen aufrecht erhalten bleiben, bzw. gestärkt werden. Der Teil II des Buches wird mit einer ausführlichen Übersicht zu “Grundlagen der Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsforschung” von Robin Bauer eröffnet. In diesem Beitrag werden zunächst verschiedene erkenntnistheoretische Ansätze vorgestellt von Rationalismus, Empirismus und Kritizismus bis zum Realismus, Essentialismus und Idealismus – die zum Verständnis der Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsforschung bezüglich der Naturwissenschaften grundlegend sind. Mit Bezug zu den Gender & Science Studies spannt Bauer dann den Bogen über die Naturwissenschaften als gesellschaftliches Unternehmen und stellt die Theoriegeladenheit auch dieser angeblich objektiven Wissenschaftsdisziplinen heraus. Mit den Ausführungen zum Strong Programme, zu Laborstudien und zum Empirischen Konstruktivismus sowie zur AktorNetzwerk-Theorie zeichnet Bauer anhand einiger Ansätze der Geschlechterforschung nach, wie die Akzeptanz von Theorien über naturwissenschaftliche Phänomene nicht nur von den naturwissenschaftlichen Daten, sondern auch von den sozialen Faktoren und den beteiligten Akteuren und Aktuerinnen abhängt. Als eine Hauptströmung der neueren feministischen Forschung werden die verschiedenen Standpunkttheorien ausführlich vorgestellt und leiten über zur Frage, wie die feministische Forschung mit der Kritik an der vermeintlichen Objektivität der Naturwissenschaften umgehen kann. Mit der Forderung nach der Integration gesellschaftlicher Werte in eine “starke Objektivität” oder der Berücksichtigung von Partialität und eigener Verortung in “situierte Wissen” stellt sich die Frage, welche Bedeutung dem Subjekt der Wissensproduzentin und des Wissensproduzenten beikommt und nicht zuletzt auch den Machtverhältnissen. Gesellschaftliche Machtverhältnisse bestimmten schließlich auch die Ein- und Ausschlussverfahren der Subjekte in die wissenschaftlichen DISKURSE. Bauer stellt mit einem Kapitel zum Dekonstruktions- und Différance-Begriff des Philosophen Jacques Derrida abschließend einen Ansatz vor, um mit dem Netzwerk vielfältiger Unterschiede ohne Dualismen und Ursachenzuweisung umzugehen. Er schließt mit der Forderung, auch im Dialog zwischen der naturwissenschaftlichen und der gesellschafts-/kulturwissenschaftlichen Geschlech-
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terforschung eine solche Brücke zu schlagen um von den gegenseitigen Ansätzen zu profitieren. Im folgenden Beitrag “Methodenauswahl der geschlechterperspektivischen Naturwissenschaftsanalyse” stellen Smilla Ebeling, Jennifer Jäckel, Ruth Meßmer, Katrin Nikoleyczik und Sigrid Schmitz ein Methodenrepertoire zur Analyse von Geschlechteraspekten aus unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen vor. Hier geht es nicht um eine vollständige Übersicht der jeweiligen disziplinspezifischen Analysemethoden. Vielmehr wird in diejenigen Ansätze und Methoden eingeführt, die in unterschiedlichen Kombinationen in den Beiträgen aus Teil I eingesetzt wurden. Hier wird also eine spezifische Auswahl und Strukturierung entlang der naturwissenschaftlichen Themenfelder aus Teil I dieses Buches vorgenommen. Zu diesem Methodenspektrum gehören u. a. die Befragung und die Beobachtung, die Bildanalyse, die Diskursanalyse, die Inhaltsanalyse, der feministische Empirismus, die Historische Biographieforschung und die Metaphernanalyse. Ihre Kombinationen werden in den geschlechterperspektivischen Analysen der Naturwissenschaften gebündelt, um Geschlecht nicht nur biologisch, sondern in seinen historischen, sozialen, gesellschaftlichen und kulturellen Bedeutungen zu erfassen. Smilla Ebeling zeichnet in dem Beitrag “De/Konstruktion von Geschlecht und Sexualität” nach, wie in der Frauen- und Geschlechterforschung die Trennung der Geschlechterkategorie in SEX und GENDER hervorgehoben wurde, um die einseitige Determination vielfältiger Geschlechterphänomene durch biologische Zuschreibungen aufzubrechen. Sie führt außerdem ein in die Konzepte des DOING GENDER, mit denen herausgearbeitet wird, wie Geschlecht durch Alltagshandlungen und soziale Interaktionen immer wieder neue ausgehandelt wird und macht damit die komplexe Verflechtung individueller Praxen und gesellschaftlicher Strukturprozesse deutlich. Ebeling gibt zusätzlich einen Einblick in die neueren Konzepte zur PERFORMANZ und PERFORMATIVITÄT, die sich mit der Analyse der wissenschaftlichen, rechtlichen und literarischen DISKURSE und Normierungen in der Aushandlung von Geschlecht befassen. Am Beispiel der Hetero- und Homosexualitätsdebatte führt sie in den Begriff der HETERONORMATIVITÄT ein, mit dem die Festschreibung heterosexueller Prinzipien als gesellschaftliche Normen charakterisiert wird. Abschließend führt Ebeling an einigen Ansätzen der QUEER THEORY aus, wie diese Normen der Zweigeschlechtlichkeit und Heterosexualität dekonstruiert und destabilisiert werden.
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In den anschließenden zwei Beiträgen geht es vertiefend um die naturwissenschaftlichen Paradigmen, welche die Geschlechtervorstellungen nachhaltig geprägt haben und immer noch prägen. Sigrid Schmitz führt in dem Beitrag “Entweder – Oder? Zum Umgang mit binären Kategorien” in den Begriff der DICHOTOMIE aus. Sie zeigt auf, wie binäre Kategorien aus dem Grundprinzip der biologisch begründeten Zweigeschlechtlichkeit abgeleitet und auf unterschiedliche Dualismenpaare mit geschlechtlicher Kodierung übertragen werden. Diesem deterministischen Grundprinzip der Dualismen stellt sie Ansätze der Geschlechterforschung gegenüber, in denen sich die binären Kategorien als gesellschaftliche Konstruktionen erweisen. Mit zwei Beispielen stellt sie Dekonstruktionsversuche in engem Bezug zu den Naturwissenschaften vor: erstens das Cyborg Manifest und das Companion Species Manifest von Donna Haraway und zweitens die Auflösung des Dualismus SEX/GENDER mit Hilfe der Entwicklungssystemtheorie von Anne Fausto Sterling. Die Auflösung der Trennlinie zwischen SEX und GENDER wird vertieft im EMBODIMENTKONZEPT. Dieses versteht körperlicher Materialität nicht nur als Grundlage von Denken und Handeln, sondern auch als Ergebnis derselben. Körperliche Realität wird durch soziale und kulturelle Praxen hergestellt. Der Beitrag “Tierisch menschlich. Ein un/geliebter Dualismus und seine Folgen” von Smilla Ebeling, Sigrid Schmitz und Robin Bauer fokussiert den für die Naturwissenschaften sehr elementaren Dualismus der TierMensch Beziehung. Die Grenze zwischen Tier und Mensch wird in verschiedenen Disziplinen aus unterschiedlichen Gründen ganz unterschiedlich und entgegengesetzt gezogen, etwa zur Abgrenzung des Menschen von seinen natürlichen Trieben, zur Legitimation gerade jener Triebe aus dem natürlichen Erbe, zur Auf- oder Abwertung von Eigenschaften. In diesem Spannungsfeld der gegenseitigen Bezugnahmen und Grenzziehungen sind wichtige Begrifflichkeiten verortet, die in diesem Beitrag erklärt werden, wie etwa ANTHROPOMORPHISMEN, NATURALISIERUNG, BIOLOGISCHER DETERMINISMUS und GENETIFIZIERUNGEN. Diese Determinanten bilden die Grundlage vieler zirkulärer Argumentationen zur NATURALISIERUNG der Geschlechterphänomene, die in den Themenfeldern aus Teil I immer wieder eine Rolle spielen. Die Argumentationslogiken werden in diesem Beitrag schrittweise auseinender genommen. Dabei zeigen die Autorinnen und der Autor Brüche auf und arbeiten Kritikansätze an den einzelnen Argumentationsschritten heraus. Ab-
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schließend stellen sie die Frage, wie die Grenze zwischen Mensch und Tier sinnvollerweise zu überwinden sei. Im letzten Beitrag dieses Buches gehen Sigrid Schmitz und Christian Schmieder auf “Popularisierungen. Zwischen Naturwissenschaften, Medien und Gesellschaft” ein. Da populärwissenschaftliche Medien heute eine wichtige Funktion in der Wissensvermittlung und Wissensproduktion darstellen, werden hier einige Ansätze vorgestellt, die das wechselseitige Verhältnis von Naturwissenschaft, Medien und Gesellschaft beschreiben. Denn es geht nicht mehr nur um die reine Wissensvermittlung von der Naturwissenschaft in die Gesellschaft, sondern um gegenseitige Einflussnahme auf diejenigen Prozesse, die bestimmen, welches Wissen wie vermittelt wird und wie dieses Wissen in der Gesellschaft und der Wissenschaft Wirkmacht erlangt. Anhand populärwissenschaftlicher Beispiele zur NATURALISIERUNG von Geschlecht, die heute vielfach in den Populärwissenschaften präsentiert werden, arbeiten Schmitz und Schmieder einige Argumentationsstrategien in den populärwissenschaftlichen Medien heraus. Literatur Alic, Margaret (1987): Hypathias Töchter. Der verleugnete Anteil von Frauen an der Naturwissenschaft. Zürich: Unionsverlag Bath, Corinna (2002): Genderforschung in der Informatik: 10 Jahre zurück - 10 Jahre voraus? In: FIfF-Kommunikation 3/2002. 41-46 Becker, Ruth/ Kortendiek, Beate (Hrsg.) (2004): Handbuch der Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften Bleier, Ruth (1992): Feminist Approaches to Science. New York: Teachers Colleges Bleier, Ruth (1988): A decade of feminist critiques in the natural sciences. In: Signs 14. 182-195 Bleier, Ruth (1984): Science and Gender. New York: Pergamon Braun von, Christina/ Stephan, Inge (2005): Gender @ Wissen. Ein Handbuch der GenderTheorien. Köln, Weimar, Wien: Böhlau Braun von, Christina/ Stephan, Inge (2000): Gender-Studien: eine Einführung. Stuttgart, Weimar: Metzler Ebeling, Smilla/ Götschel, Helene (2000): Feministische Wissenschaftskritik – Frauen- und Geschlechterforschung in der Lehre in der Mathematik und den Naturwissenschaften. Eine Untersuchung im Auftrag der hochschulübergreifenden Gemeinsamen Kommission und Koordinationsstelle Frauenstudien und Frauenforschung in Hamburg. Hamburg: Koordinationsstelle Frauenstudien und Frauenforschung Fausto-Sterling, Anne (2000): Sexing the Body: Gender Politics and the Construction of Sexuality. New York: Basic Books Fausto-Sterling, Anne (1992): Building two-way streets: the case of feminism and science. In: National Women's Studies Association Journal 4. 336-349 Fausto-Sterling, Anne (1988): Gefangene des Geschlechts? München, Zürich: Piper Verlag
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Geschlechtergrenzen. Geschlechtsentwicklung, Intersex und Transsex im Spannungsfeld zwischen biologischer Determination und kultureller Konstruktion Sigrid Schmitz
Auf die Frage, wie viele Geschlechter es beim Menschen gibt, erhalten wir in unserem Kulturkreis meist die spontane Antwort: “natürlich zwei: männlich und weiblich.” Gehen wir allerdings auf die Suche, so finden wir eine Reihe weiterer Antworten. Die Biologin und feministische Wissenschaftsforscherin Anne Fausto-Sterling (1993, 2000c) spricht beispielsweise von fünf Geschlechtern, den “five sexes”: male, female, herms (echte Hermaphroditen), ferms (weibliche Pseudohermaphroditen) und merms (männliche Pseudohermaphroditen). Der Anthropologe Gilbert Herdt (1996) berichtet von einer Ethnie in Papua Neuguinea, den Sambia, die bis zur Pubertät drei Geschlechter definieren. Thomas Wesley, Ethnologe an der University of Washington, beschreibt multiple Geschlechtersysteme bei Native American Cultures, etwa die Berdache oder die vier Geschlechter bei den Navajos: männlich, weiblich sowie männliche und weibliche Nadleehes, welche jeweils die Rolle des anderen Geschlechts übernehmen (Schröter 2002, Wesley & Jacobs 1999). Die Frage nach den Geschlechtern des Menschen erscheint also doch nicht so einfach, wie es den ersten Anschein hat. In diesem Kapitel gehe ich der Frage nach, wie Geschlechter beim Menschen bestimmt und festgelegt werden. Gibt es nur zwei oder gibt es viele Geschlechterkategorien? Sind diese Kategorien immer eindeutig zu trennen oder ist Geschlecht ein Kontinuum ohne festlegbare Grenzen? Mit Hilfe der Analyseebene SCIENCE OF GENDER werde ich zunächst – mit Fokus auf dem westlich-industriellen Kulturkreis – Erklärungsansätze aus Biologie, Medizin und Psychologie entlang der Methodik des feministischen Empirismus durchleuchten.1 An Beispielen aus drei For1 Zu den Analyseebenen der Geschlechterforschung siehe “Geschlechterforschung und Naturwissenschaften” von Sigrid Schmitz und Smilla Ebeling; zum feministischen Empirismus siehe vertiefend den Beitrag “Methodenauswahl der geschlechterperspektivischen Naturwissenschaftsanalyse” von Smilla Ebeling, Jennifer Jäckel, Ruth Meßmer, Katrin Nikoleyczik und Sigrid Schmitz in Teil II.
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schungsfeldern, der bio-medizinischen Forschung zur Geschlechtsentwicklung, der Intersex- und der Transsex-Forschung,2 analysiere ich, wo Geschlechterzuschreibungen vorgenommen und wie sie begründet werden: Welche Befunde und welche Theorien werden zur Bestimmung der Geschlechterkategorien herangezogen? Gibt es methodische und inhaltliche Kritikpunkte an der Interpretation der Befunde? Wo zeigen die aktuellen Befunde und Theorien Bruchstellen im klassischen ZWEIGESCHLECHTER-MODELL3 auf? In allen drei Forschungsfeldern, die sich mit der Geschlechtlichkeit der Körper beschäftigen, geht es immer wieder um die Kategorien SEX und GENDER. Es geht beispielsweise um die Frage, ob die Argumentationslinie ‘biologischer SEX = natürlich = Ursache/Essenz’ so einfach zu ziehen ist und welche Bedeutung die Debatte um soziale und kulturelle Konstruktionen von GENDER im biologisch-medizinisch-psychologischen DISKURS einnimmt. Der EMBODIMENT-Ansatz versteht biologisches und kulturelles/soziales Geschlecht als vernetzt und sich beständig gegenseitig beeinflussend. Daher bemühe ich mich im Folgenden, wo immer möglich, von ‘Geschlecht’ zu sprechen, um die Dichotomie von SEX und GENDER zu überwinden und einer einseitigen ESSENTIALISIERUNG und NATURALISIERUNG von Geschlecht entgegen zu wirken.4 Es soll in diesem Beitrag weniger darum gehen, die ‘Wahrheit’ naturwissenschaftlicher Konzepte über Geschlechterkategorien zu finden, 2 Ich benutze in diesem Beitrag die Begriffe Intersex und Transsex, weil sich die hier behandelten Phänomene primär auf die körperlichen Geschlechtsmerkmale beziehen und nicht primär auf die Ausprägung der sexuellen Orientierung, wie mit den häufig verwendeten Begriffen Intersexualität und Transsexualität fälschlich impliziert wird. Denn die Kombinationen zwischen körperlicher Ausprägung der Geschlechtsmerkmale und sexueller Orientierung sind bei Intersex- und Transsex-Personen genauso vielfältig wie bei anderen Menschen; zur Verwendung der Begriffe bezogen auf das Tierreich vgl. den Beitrag “Alles so schön bunt” von Smilla Ebeling in Teil I. 3 Das ZWEI-GESCHLECHTER-MODELL ist dem Historiker Thomas Laqueur zufolge nicht das einzige Modell in der Geschichte des westlichen Kulturkreises. Das Ein-GeschlechtModell wurde von der Medizin bis weit in das 18. Jahrhundert hinein prominent vertreten (Laqueur 1992). Laqueur gibt eine detaillierte Analyse zur Entstehung und Veränderung der medizinischen Ein-Geschlecht- und Zwei-Geschlechter-Modelle, eingebunden in gesellschaftliche Prozesse; siehe hierzu auch den Beitrag “Entweder – Oder?” von Sigrid Schmitz in Teil II. 4 Zum Konzept von SEX und GENDER siehe vertiefend den Beitrag “De/Konstruktion von Geschlecht und Sexualität” von Smilla Ebeling; Zum DISKURS siehe den Beitrag “Grundlagen der Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsforschung” von Robin Bauer; zum EMBODIMENT-Ansatz siehe den Beitrag “Entweder – Oder?” von Sigrid Schmitz; zur ESSENTIALISIERUNG und NATURALISIERUNG siehe den Beitrag “Tierisch menschlich” von Smilla Ebeling, Sigrid Schmitz und Robin Bauer in Teil II.
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als vielmehr darum, die Entwicklungshistorie dieser Konzepte aufzuzeigen. Für alle drei Forschungsfelder können dann mit Hilfe der Analyseebene GENDER IN SCIENCE generelle Aspekte der naturwissenschaftlichen Methodologie und Forschungspraxis zur Herstellung von Objektivität im Zusammenspiel zwischen Wissenschaft und Gesellschaft in Frage gestellt werden: Warum setzt sich eine bestimmte Theoriebildung, eine bestimmte Bewertung von Geschlecht in einer bestimmten Zeit in einer Gesellschaft durch? Wie wird in der wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Präsentation versucht, das klassische Geschlechterdifferenzmodell aufrecht zu erhalten, auch wenn aktuelle Befunde dazu im Widerspruch stehen? Welche Auswirkungen hat das auf gesellschaftliche Geschlechtervorstellungen und umgekehrt, wie beeinflusst die Gesellschaft auch die wissenschaftliche Theoriebildung und Forschungspraxis?5 Unsere Gesellschaft unterscheidet sich von den Kulturkreisen der Sambia oder der Navajos, so dass die Berücksichtigung Kultur vergleichender Analysen6 zur Einschätzung beitragen kann, wie Gesellschaften mit zwei oder mehr Geschlechtern und generell mit der Kategorie Geschlecht umgehen oder umgehen könnten (vgl. Haller 2001). 1
Forschungsfeld Entwicklungsbiologie – Wie entsteht Geschlecht?
Der biologische Geschlechterbegriff SEX lässt sich historisch von dem Begriff secare (schneiden, trennen) ableiten und verweist damit schon auf ein zugrunde liegendes wissenschaftliches ZWEI-GESCHLECHTER-MODELL. Obwohl schon seit Anfang des letzten Jahrhunderts die Festschreibung von Geschlechterdifferenzen ursächlich am genetischen Material diskutiert wurde, liegt erst seit den 1950er Jahren ein ausdifferenziertes biomedizinisches Modell zur Geschlechtsentwicklung vor.
5 Zur OBJEKTIVITÄTSKRITIK siehe den Beitrag “Grundlagen der Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsforschung” von Robin Bauer; zur populärwissenschaftlichen Präsentation siehe den Beitrag “Popularisierungen” von Sigrid Schmitz und Christian Schmieder in Teil II. 6 Der Einbezug interdisziplinärer und Kultur vergleichenden Analysen ist ein wichtiger methodischer Ansatz der Geschlechterforschung der Naturwissenschaften; siehe hierzu vertiefend den Beitrag “Methodenauswahl der geschlechterperspektivischen Naturwissenschaftsanalyse” von Smilla Ebeling, Jennifer Jäckel, Ruth Meßmer, Katrin Nikoleyczik und Sigrid Schmitz in Teil II.
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1.1 Das klassische Model Zu Beginn dieser Beschreibung sei daran erinnert, dass das entwicklungsbiologische Stufenmodell der 50er Jahre zwar bis heute das prominenteste bio-medizinische Konzept zur Geschlechtsentwicklung ist, dennoch ist es ein Modell und keine Wahrheit. Das chromosomale Geschlecht, also der XX-Chromosomensatz im weiblichen und der XY-Chromosomensatz im männlichen Individuum, wird hier als primäre Geschlechterdifferenz benannt. Auf dieser Grundlage vollziehe sich die Entwicklung des gonadalen Geschlechts, das die Differenzierung der Eierstöcke und Eileiter im weiblichen bzw. der Hoden, Nebenhoden und Samenleiter im männlichen Geschlecht umfasse. Die Gonaden bildeten dann die Grundlage für die weitere Entwicklung zum somatischen oder morphologischen Geschlecht, das die Differenzierung innerer und äußerer Genitalien bezeichnet (Gebärmutter, Klitoris, Vagina und Schamlippen bzw. Eichel, Penis, Hodensack). Zusätzlich wurde in diesem Modell das hormonelle Geschlecht determiniert, mit dem vor der Geburt und zeitlebens die Wirkung der so genannten Geschlechtshormone, der Androgene und Östrogene, bezeichnet wird.7 Die Geschlechtshormone steuern demnach nicht nur die körperlichen Entwicklungen, sondern sollen ebenfalls Einfluss auf die Gehirnentwicklung nehmen. Im Rahmen eines solchen Erklärungsansatzes wird diskutiert, welche Auswirkungen die Hormone auch auf die sexuelle Orientierung bis hin zur Verhaltenssteuerung haben. Manche Forscher/innen definierten zusätzlich ein zentralnervöses Geschlecht, um der geschlechterdifferenten Gehirnentwicklung eine besondere Bedeutung zuzuweisen (vgl. Christiansen 1995). Bis zur 6. - 8. fötalen Entwicklungswoche kann die Genitalanlage noch keiner Geschlechterkategorie zugeordnet werden. Je nach Autor/in werden zur Beschreibung die Begriffe ‘indifferent’, ‘ungeschlechtlich’, ‘eingeschlechtlich’, ‘zwittrig’ oder ‘bipotentiell’ verwendet. Dabei ist es interessant, welche Vorstellungen sich hinter den einzelnen Begriffen verbergen. Die Begriffe ‘indifferent’ und ‘ungeschlechtlich’ verweisen auf eine zugrunde liegende Vorstellung, dass es keine Vordetermination in dieser Anlage gäbe. Mit der Verwendung des Begriffs ‘eingeschlechtlich’ wird dagegen ein Primärgeschlecht angedeutet (in diesem Fall das 7 Zu dem Konzept der Geschlechtshormone siehe den Beitrag “Wenn ich meine Hormone nehme, werde ich zum Tier” von Smilla Ebeling in Teil II.
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weibliche, s. u.). Die Begriffe ‘zwittrig’ und ‘bipotentiell’ verweisen auf die Annahme einer grundsätzlich angelegten Zweigeschlechtlichkeit, aus der dann aber nur ein Geschlecht zur Ausprägung komme.8 Nach dem Stufenmodell soll in der 8. - 12. Entwicklungswoche durch die Wirkung eines Gens auf dem Y-Chromosom über mehrere Zwischenschritte die Entwicklung der Hoden (Testes) induziert werden. In den Hodenzellen des XY-Fötus werde nun die Testosteronproduktion aktiviert. Das Hormon Testosteron steuere die weitere männliche Entwicklung zum morphologischen Geschlecht mit Penis, Eichel und Hodensack. Für den Anstoß dieser Entwicklungsschritte wurde schon vor seiner Identifikation ein Testis determinierendes Gen auf dem YChromosom vermutet. Ohne ein solches Gen und ohne die induzierte Testosteronproduktion würden sich die weiblichen Gonaden, also die Eierstöcke (Ovarien) ausbilden, dann die Eileiter und die Gebärmutter (Uterus) und schließlich Vagina, Klitoris und Schamlippen (vgl. Christiansen 1995). Am entwicklungsbiologischen Stufenmodell sind zwei zentrale Prinzipien hervorzuheben. Erstens wird die männliche Entwicklung als induktiv und aktiv, die weibliche als konstitutiv und passiv verstanden. Das weibliche Geschlecht sei primär angelegt und entstehe ohne weitere Einwirkungen, also quasi von selbst. Unter dem Namen der basic femaleness wird auch vom “default mechanism” (der Grundeinstellung) der weiblichen Entwicklung gesprochen (vgl. Scott 1998: 782). Allerdings lässt sich der Begriff ‘default’ in zweierlei Weise übersetzen. Er bedeutet nicht nur Voreinstellung, sondern auch Nichterfüllung oder Versäumnis und indiziert damit gleichzeitig eine Abwertung des Weiblichen. Dieses Modell hält sich bis heute in Lehrbüchern und in vielen populärwissenschaftlichen Medien. Auffällig sind die Zuordnungen von Aktivität zur männlichen und Passivität zur weiblichen Entwicklung sowie die einseitige Verwendung der Begriffe ‘maskulinisierend’ und ‘defeminisierend’, aber nicht der Begriffe ‘feminisierend’ oder ‘demaskulinisierend’. Zweitens ist der Schaltermechanismus ein prägnantes Merkmal des klassischen Modells. Das Testis determinierende Gen auf dem Y-Chromosom sei der Schalter: Werde es aktiviert, setze es die Maskulinisierung 8 Interessant ist hierzu die Analyse der Begriffsverwendung in Lehrbuchtexten mit Hilfe der Metaphern- und Diskursanalyse; siehe hierzu den Beitrag “Methodenauswahl der geschlechterperspektivischen Naturwissenschaftsanalyse” von Smilla Ebeling, Jennifer Jäckel, Ruth Meßmer, Katrin Nikoleyczik und Sigrid Schmitz in Teil II.
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in Gang; werde es nicht aktiviert, oder sei es nicht vorhanden, bliebe es bei der weiblichen Entwicklung (vgl. Wolf 1983). Es gibt in diesem Konzept nur ein ‘entweder/oder’ ein ‘ja-männlich/nein-weiblich’, aber es gibt keine Zwischenräume. Am Stufenmodell lässt sich demnach aufzeigen, wie Stereotypen und DICHOTOMIEN9 über Geschlecht, z. B. Zuschreibungen der passiven Weiblichkeit und der aktiven Männlichkeit, in die wissenschaftliche Darstellung der Befunde hinein interpretiert werden. 1.2 ... neue Befunde Da das Stufenmodell seit einem halben Jahrhundert die wissenschaftliche Fachmeinung repräsentiert, stellt sich die Frage, ob und wie neue Erkenntnisse dieses Modell stützen oder zu ihm in Widerspruch stehen und wie damit umgegangen wird. Ich werde hierzu nur einige Befunde der biologisch-medizinischen Forschung der letzten 10 Jahre zur Geschlechtsentwicklung herausgreifen. Zunächst einmal wurde das Gen, das für die Differenzierung der Hoden mit verantwortlich scheint, tatsächlich auf dem Y-Chromosom identifiziert, und es erhielt den bezeichnenden Namen SRY-gene (sexdetermining region on the y-chromosome, vgl. Scott 1998). Allerdings stellte sich heraus, dass das Produkt dieses Gens noch gar nicht der aktivierende/induzierende Auslöser für die Hodendifferenzierung war, sondern das dieses wiederum an anderen Genen andockt und dort weitere Genaktivierungen reguliert. Und diese anderen Gene liegen nicht auf dem Y-Chromosom, sondern auf Chromosomen, die alle Föten, weibliche und männliche, besitzen. SOX-9 (SRY-box-related-9 gene) ist ein solches autosomales10 Gen, das neben vielen anderen Genen angeregt wird. Erst die Gesamtheit dieser Genprodukte scheint die Hodendifferenzierung sowie die Ausdifferenzierung der Samenleiter zu regulieren. Erst dann wird in bestimmten Hodenzellen, den Leydig’schen Zellen, die Testosteronsynthese aktiviert und damit die weitere männliche Entwicklung angeregt. Hierzu gehört beispielsweise das SF-1 Gen (steriodogenic factor). 9 Zur DICHOTOMIE von Geschlechtermodellen siehe den Beitrag “Entweder – Oder?” von Sigrid Schmitz in Teil II. 10 Autosomale Gene liegen auf den Körperchromosomen, gonosomale Gene liegen auf den Geschlechtschromosomen X oder Y.
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Bis heute wurden in diesem komplexen Gen-Netzwerk 19 Gene identifiziert, die vermutlich alle zusammenarbeiten müssen, um die männliche Entwicklung zu regulieren. Inzwischen wurde auch ein Gen auf dem X-Chromosom gefunden, das Dax-1 (dorsage-sensitive sex reversal locus-adrenal hypoplasia congenital-critical region on the X chromosome) genannt wurde. Dessen Aktivierung und nachfolgend die Protein- und Hormonregulation wird für die aktive Entwicklung der Eierstöcke aus der Keimanlage mit verantwortlich gemacht (vgl. Scott 1998). Dax-1 wirkt als aktiver Gegenspieler (Antagonist) zum SRY, die beiden Gene regulieren sich gegenseitig. Und auch hier wirkt Dax-1 wahrscheinlich nicht alleine in der weiblichen Entwicklung, sondern ist eingebettet in ein ganzes Gefüge von Genen, Proteinen und Hormonen, die sich gegenseitig aktivieren und regulieren müssen. Ein weiteres wichtiges Gen für die Ausdifferenzierung der weiblichen Geschlechtsmerkmale wurde ebenfalls vor kurzem identifiziert, wnt-4, das sowohl an der aktiven Differenzierung der Primärfollikel in den Eierstöcken11 als auch an der Unterdrückung der Testosteronsynthese in den Hoden-Zellen beteiligt sein soll. Interessant ist in diesem Fall die Entdeckungsgeschichte verbunden mit der Namensgebung von Dax-1 (sex reversal locus, s. o.). Während schon seit den 1950er Jahren der Testes determinierende Faktor postuliert wurde, fand eine Suche nach aktiven Genen für die weibliche Entwicklung gar nicht statt, denn diese passten nicht in das Konzept der basic femaleness. Die Entdeckung des Dax-1 Gens beruhte daher auch auf einer Mutation bei männlichen Ratten: Eine Verdopplung des Dax-1 auf dem X-Chromosom (eine Mutation) bei gleichzeitig vorhandenem YChromosom (also einem chromosomal männlichen Embryo) wurde bei Ratten mit der Feminisierung der männlichen Geschlechtsmerkmale in Zusammenhang gestellt (vgl. Scott 1998). Daher stammt der Name sex reversal locus (Ort der Geschlechtsumkehr). Jedoch wirkt Dax-1 normalerweise nicht als ‘Geschlechts-Umkehr-Gen’, sondern ist aktiv an der Differenzierung der weiblichen Gonaden (s. o.) beteiligt. Die Begrifflichkeiten, mit denen die beteiligten ‘Akteure’ der Geschlechterdifferenzierung belegt werden, sind also nicht neutral, sondern sie verbinden sich mit bestimmten Metaphern. Deutlich wird der eingegrenzte Fokus der Forschung zunächst auf die männliche Entwicklung. Wie sähen die Be11 Die Primärfollikel in den Ovarien sind die schon embryonal angelegten Vorläufer der weiblichen Eizellen.
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grifflichkeiten aus, wenn zunächst die ‘weiblichen’ Gene gefunden worden wären? Die kritisch empirische Analyse unter Einbezug neuerer Forschungsergebnisse liefert zusammenfassend ein Bild, das dem klassischen Stufenmodell zumindest teilweise widerspricht. Ganze Gruppen von Genen, sowohl auf den X- und Y-Chromosomen als auch auf den Körperchromosomen, scheinen an der Regulation der Geschlechtsentwicklung beteiligt zu sein. Demnach handelt es sich nicht um einen einfachen Schaltermechanismus, sondern um komplexe Gen-Netzwerke, die aktiv sowohl die weibliche als auch die männliche Entwicklung regulieren. Häufig entstehen als Ergebnis weibliche und männliche Geschlechtsmerkmale, aber nicht immer (s. u., Intersex). Denn diese komplexe Regulation der körperlichen Geschlechterdifferenzierung wird durch Konzentrationsverschiebungen der beteiligten Proteine und Hormone, durch ihre gegenseitige Aktivierung und Hemmung vielfach beeinflusst. Schließlich wird durch die Analyse deutlich, dass die Vorgänge der körperlichen Geschlechtsentwicklung nicht einfach in männlich/weiblich dichotomisierbar sind. Sie lassen auch die Vermutung eines Kontinuums mit polarisierter Entwicklung offen. 1.3 ... und sie konnten zusammen nicht kommen Was haben die neuen Befunde nun für Auswirkungen auf die Modellbildung und die Wissensverbreitung zur Geschlechtsentwicklung? In einem Lehrbuch zur Entwicklungsbiologie des Biologen Gilbert Scott12 (1998) finden sich folgende Sätze: “It should be realized that both testis and ovary development are active processes. In mammalian primary sex determination, neither is a ‘default state’. (...) Although remarkable progress has been made in recent years, we still do not know what the testis- or ovary-determining genes are doing, and the problem of primary sex determination remains (as it has since prehistory) one of the great unsolved problems of biology.” (Scott 1998: 782).
Das hört sich spannend an, und ließe vermuten, dass nun ein ganzer Forschungsschub über die komplexen aktiven Regulationsvorgänge ein12 Gilbert Scott ist in einer Gruppe von Genderforschern und Genderforscherinnen in der kritischen Biologie, u. a. mit Anne Fausto-Sterling, engagiert. Sein Lehrbuch stellt daher sicher eine Ausnahme dar.
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setzt, über die noch so wenig bekannt ist. Einen Dämpfer erfährt dieser Ansatz jedoch in der populärwissenschaftlichen Verbreitung.13 Der Wissenschaftsjournalist Klaus Bachmann beschreibt die aktuelle Forschungslage ausführlich in einem GeoWissen Spezialheft (Bachmann 2000) und unterlegt seinen Bericht mit eindrucksvollen Bildern, welche die Gruppen der neu entdeckten Gene und ihre komplexe Regulation präsentieren. Umso mehr erstaunt es, wenn in dem gleichen Artikel steht: “Dem ‘einfachen’ Weg zur Frau steht der komplizierte Werdegang zum Mann gegenüber. Eine Genese, die der französische Endokrinologie Alfred Jost als ‘langes, risikoreiches Unternehmen’, beschreibt”. “Als eine Art Kampf gegen innewohnende Trends Richtung Weiblichkeit.” (Bachmann 2000: 22/23; Zitierungen im Text).
Es scheint also immer noch unglaublich schwierig zu sein, sich von lieb gewonnenen Modellvorstellungen zu lösen und umzudenken, neue Modelle zu entwickeln und zu verbreiten, selbst wenn die Befundlage Modelländerungen nahe legt. Das gilt sowohl innerwissenschaftlich, in viel stärkerem Maße aber noch in der populärwissenschaftlichen Verbreitung. 2
Forschungsfeld Intersex
Schon immer gab es Menschen, deren Körper sich nicht eindeutig in das binäre Schema der zwei Geschlechter einordnen ließen. Eine nicht eindeutige Zuordnung der Geschlechtsmerkmale zum weiblichen oder männlichen Pol kann auf verschiedenen Ebenen zu finden sein. Da die Zuordnung zum Intersex primär nach Ansicht der äußeren Genitalien direkt nach der Geburt getroffen wird, will ich für eine kurze Übersicht von außen nach innen vorgehen. Intersex bezieht sich zunächst einmal auf Merkmale des morphologischen Geschlechts, in dem die sichtbaren Geschlechtsmerkmale in einem Kontinuum zwischen Mikropenis oder vergrößerter Klitoris, offenen Schamlippen oder geschlossenem Hodensack (die ja alle einer gemeinsamen Keimanlage entstammen, s. o.) liegen und nicht eindeutig einem Geschlecht zugeordnet werden können. Der medizinische Fachbegriff Pseudohermaphroditismus masculinus bezeichnet Personen mit männlichem 13 Ausführlich wird auf die Transformationsprozesse zwischen Wissenschaft und Gesellschaft im Beitrag “Popularisierungen” von Sigrid Schmitz und Christian Schmieder in Teil II eingegangen.
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Chromosomensatz (XY) und männlichen Gonaden (Hoden), bei denen die äußeren Merkmale ‘verweiblicht’ erscheinen (Mikropenis, nicht verwachsener Hodensack). Mit dem Begriff Pseusohermaphroditismus femininus werden in der Medizin Personen klassifiziert, die einen XXChromosomensatz und weibliche Gonaden (Eierstock, Uterus) besitzen, deren äußere Merkmale jedoch ‘vermännlicht’ erscheinen (vergrößerte Klitoris, enge und verkürzte Vagina, teilweise verwachsene Schamlippen).14 Als echte Hermaphroditen werden Personen bezeichnet, die meist mit einem XX-Chromosomensatz sowohl Hoden als auch Eierstöcke besitzen, entweder vermischt auf beiden Seiten (H. bilateralis), oder jeweils Hoden auf der einen und Eierstöcke auf der anderen Seite (H. unilateralis). Die äußeren Merkmale können uneindeutig sein, müssen aber nicht. Schließlich gibt es Personen mit veränderter Chromosomenanzahl, am bekanntesten das Turner-Syndrom mit X0-Chromosomensatz und das Klinefelter-Syndrom mit XXY-Chromosomensatz (vgl. Sadler 1998). Die verwendeten Begrifflichkeiten, z. B. ‘Syndrom’, verweisen darauf, dass Intersex in der Medizin als eine ‘disorder’, also als eine Funktionsstörung angesehen wird. Diese Bewertung eines biologischen Phänomens ist eine kulturelle Setzung, ebenso wie die Festlegung, welches Erscheinungsbild der äußeren Geschlechtsmerkmale noch als eindeutig weiblich oder männlich und welches als uneindeutig zu klassifizieren ist. Schon hier stellt sich die Frage, inwieweit Intersex in dem oben beschriebenen Netzwerk der Geschlechtsentwicklung als Abweichung oder Störung bezeichnet werden kann. Eine in keinem Falle wissenschaftlichere Begründung der Pathologie ist, dass Intersex ein Exotikum, also eine seltene Ausnahme von der Norm sei. Doch gibt es bis heute kaum valide Zahlen zum Anteil der Intersexe an der Gesamtbevölkerung, da die Diagnose und Behandlung sehr abhängig davon war und ist, ob medizinische Kenntnisse und Möglichkeiten vor Ort vorhanden sind. Es liegen Angaben von durchschnittlich 2 - 3 ‰ vor, d. h. 2 bis 3 Kinder pro 1000 Neugeborene werden mit uneindeutigen – oder besser ausgedrückt – mit nicht-dimorphen Ge14 Bei der Diskussion um das Phänomen Intersex sehe ich mich gezwungen, immer wieder Vokabeln der dichotomen Kategorien weiblich und männlich zu benutzen, um eine derzeit verständliche Sprache zu finden. Ich bemühe mich im Folgenden diese Begriffe jeweils zu ‘kennzeichnen’. Uns fehlen heute noch Begrifflichkeiten für das ‘zwischen’ oder ‘außerhalb’ oder ‘que(e)ren’ der körperlichen Geschlechterkategorien, es sei denn, wir greifen auf den umstrittenen Begriff der Zwitter zurück, der selber wieder eine Kategorie bildet.
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schlechtsmerkmalen geboren oder zeigen nicht-dimorphe Besonderheiten in der Entwicklung. Eine neue Übersicht stammt von Fausto-Sterling (2000b). Sie analysierte medizinische Statistiken verschiedener ‘Krankheiten’ oder ‘Funktionsstörungen’, die alle mit dem Vorkommen intersexer Geschlechtsentwicklung in Zusammenhang gestellt werden. Zusammengefasst kommt sie auf einen Anteil von rund 1,7 % im Bevölkerungsdurchschnitt, also einer wesentlich höheren Zahl. Aus der Fülle der Intersex-Phänomene15 möchte ich zwei Beispiele etwas genauer vorstellen: das Androgenitale Syndrom (englisch CAH: Congenital Adrenal Hyperplasia), das dem weiblichen Pseudohermaphroditismus zugeordnet wird, und das Phänomen der Androgen-Resistenz (englisch AIS: Androgene Insensivity Syndrome), das zum männlichen Pseudohermaphroditismus gerechnet wird. Das Androgenitale Syndrom beruht wahrscheinlich auf genetisch bedingten Veränderungen in der Produktion und Konzentration von mehreren Enzymen, was in der Nebennierenrinde zur Überproduktion von Testosteron an Stelle von Kortisol führt. Insbesondere XX-Personen (chromosomal weiblich) mit homozygot veränderten Genen (d. h. einer doppelten Mutation) haben zwar Eierstöcke, Eileiter und Gebärmutter, aber gleichzeitig eine vergrößerte Klitoris (vielfach auch als Mikropenis bezeichnet) und die Schamlippen sind teilweise verwachsen. In der Pubertät kann es zur Brustbehaarung kommen. Da die Nebennierenrinde kaum Kortisol produziert, haben diese Personen Probleme in der Regulation des Salz-Haushaltes und müssen zeitlebens Kortisol einnehmen. Die Frequenz der beteiligten Gene variiert weltweit. So fand eine Studie in einer Inuit-Ethnie einen Anteil von 3,5 ‰ der homozygoten Gene, gegenüber 0,005 ‰ in Neuseeland (Fausto-Sterling 2000b: 53). Das zweite Phänomen, die Androgenresistenz, betrifft Personen mit XY-Chromosomensatz, bei denen jedoch in den Genitalien die Rezeptoren für Testosteron fehlen. Das in den Hoden produzierte Testosteron kann von den Zielzellen nicht erkannt werden und seine Wirkung nicht entfalten. Die Hoden bleiben im Bauchraum, der Hodensack ist unver15 Eine ausführliche Übersicht über medizinische Intersex-Klassifizierungen findet sich bei Thomas Sadler (1998). Interessant ist in diesem Zusammenhang die Frage, in welchem Ausmaß es schon immer Intersex-Phänomene gab, oder sie erst im Zuge der medizinischen Definition der jeweiligen Kategorien ‘existent’ wurden. Leider liegen hierzu nur anekdotische Verweise vor, beispielsweise die Memoiren der französischen Hermaphroditin Herculine Barbin (Spiers & Boden 1980) aber noch keine systematische historische Analyse.
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wachsen und ähnelt Schamlippen, der Penis gleicht einer Klitoris und in der Pubertät kann es zur weiblichen Brustbildung kommen. Vielfach werden diese Personen nach der Geburt als Mädchen klassifiziert und das Phänomen wird erst erkannt, wenn in der Pubertät die Menstruation ausbleibt. 2.1 Medizinische Argumentationen zur Herstellung eines eindeutigen Geschlechts Einige Aspekte der Intersex-Phänomene sind medizinisch zu behandeln, z. B. die Kortisolgabe zur Stabilisierung des Salzhaushaltes bei Personen mit Androgenitalem Syndrom. Es passiert aber viel mehr. Wenn die äußeren Genitalien als nicht eindeutig klassifiziert werden, wird zu einer frühzeitigen Operation geraten (am besten bis zum zweiten Lebensjahr), um die Geschlechtsmerkmale einem Geschlecht ‘anzupassen’ (vgl. de Silva 2004). Die Begründungen für eine solche Operation sind zweierlei. Erstens sei eine Operation zu einem solch frühen Zeitpunkt einfacher durchzuführen und zweitens sei es für die ‘gesunde’ psychische Entwicklung wichtig, spätestens ab dem zweiten Lebensjahr ein eindeutiges körperliches Geschlecht zu haben.16 Die Psychologin Suzanne Kessler (1990) befragte Mediziner, Endokrinologen, und Psychoendokrinologen zu ihrem Umgang mit dem Phänomen Intersex. Für die meisten der Befragten war die Penisgröße entscheidend, ob eine Operation in Richtung Mann oder Frau durchgeführt werden sollte. Wenn der Penis nicht groß genug für einen befriedigenden Geschlechtsverkehr (sprich Penetration) sei, dann solle eine Operation zur Frau durchgeführt werden, denn der einfachere Weg führt nach verbreiteter medizinischer Meinung zur Frau (vgl. Reiter 1997). Neben der fragwürdigen Behauptung, dass nur eine Penetration zu befriedigendem Geschlechtsverkehr führe, die eindeutig heteronormativen Sexualvorstellungen17 entspringt, ist das, was sich so einfach anhört, aber keinesfalls einfach. Bei der operativen ‘Anpassung’ an die weibli16 Die Angaben schwanken zwischen dem 2. und 4. Lebensjahr; auf der Internetseite http://www.netzwerk-is.de (Letzter Zugriff: 13.03.2006) finden sich Hintergrundinformationen und links zur Community der Intersexe und zu Intersex-Foschugnsgruppen; eine weitere Informationsseite ist http://www.xy-frauen.de (Letzter Zugriff: 22.02.2006). 17 Zur HETERONORMATIVITÄT siehe den Beitrag “De/Konstruktion von Geschlecht und Sexualität” von Smilla Ebeling in Teil II.
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chen Geschlechtsorgane handelt sich nicht um eine einzige Operation, sondern um eine ganze Folge von Operationen bis weit in die Pubertät. Nach Erstellung der ersten operativen Vaginoplastik muss diese kontinuierlich während des Wachstums in Folgeoperationen mit eingeführten Röhren und Tuben erweitert werden. Eine ständige hormonelle Begleitbehandlung ist zudem nötig. Die Anpassung und sukzessive Vergrößerung der Vagina hat vielfach Vernarbungen zur Folge, die zum Verlust der Sensibilität bis hin zu chronischen Entzündungen führen. Die Behauptung einer Ermöglichung eines befriedigenden Geschlechtsverkehrs persifliert sich hier geradezu. Die zweite Begründung für einen frühzeitigen operativen Eingriff betont die Notwendigkeit einer körperlichen Eindeutigkeit für die eigene Geschlechtsidentifikation als Grundlage für eine ‘gesunde’ psychosexuelle Entwicklung.18 Diese Begründung beruht auf der Theorie des Mediziners und Psychologen John Money aus den 1970er Jahren (vgl. Money & Erhardt 1980). Er postulierte, dass für die Ausbildung einer ‘gesunden’ Geschlechtsidentität und Geschlechterrolle sowohl bei den Kindern selber als auch bei ihren Eltern die Wahrnehmung einer eindeutigen Körperlichkeit ausschlaggebend sei. Obwohl der von Money hierzu prominent verbreitete John/Joan-Fall inzwischen eindeutig widerlegt wurde (Diamond & Sigmundson 1997)19, ist die Money’sche Begründung für eine möglichst frühzeitige Operation bis heute in der Medizin unumstritten.
18 Diese Vermischung von körperlichem Geschlecht, Geschlechtsidentität und psychosexueller Orientierung ist sicherlich ein Grund, warum Intersex immer wieder zur Intersexualität umgedeutet wird. 19 John hieß in Wirklichkeit Bruce und verlor mit zwei Jahren aufgrund eines chirurgischen Fehlers seinen Penis. Der Junge wurde danach auf Anraten von John Money zum Mädchen umoperiert und fortan als Brenda aufgezogen. Obwohl es sich hier eindeutig nicht um ein Intersex-Phänomen handelte, verbreitete Money diesen Fall als gelungenes Beispiel seiner Theorie, dass die Erziehung zum Mädchen die biologische Männlichkeit eindeutig überdecke. Schon früh wurden Kritiken am Erfolg der Genese zur weiblichen Identität laut, u. a. von dem Mediziner Milton Diamond (1977). Doch erst 20 Jahre später wurde die gesamte tragische Historie aufgedeckt. Bruce/Brenda unterzog sich als Erwachsener einer erneuten Geschlechtsumwandlung, lebte dann als David und beging am 4. Mai 2004 im Alter von 38 Jahren Selbstmord. Die Wissenschaftsjournalistin Anke Sparmann und der Wissenschaftsjournalist Henning Wagenbreth (2000) haben diese persönliche Geschichte dokumentiert.
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2.2 Nature versus Nurture – ein Blick über die Grenzen westlicher Wissenschaftskultur Fausto-Sterling (2000b) analysierte die Auseinandersetzung zwischen den Forschern Money und Diamond und zeigte auf, wie die Durchsetzung von Theorien teilweise mehr von wissenschaftlichem Ergeiz zeugt als von ihrer Validität. Doch liegt diesem jahrelangen Streit eine tiefere Auseinandersetzung zugrunde. Es ist die andauernde Kontroverse zwischen der Vorstellung, dass Geschlechtsidentität und Geschlechterrolle sozial bedingt seien entgegen der Annahme, dass diese durch biologische Faktoren eindeutig determiniert seien. Money war zwar ein Vertreter der möglichst frühzeitigen Operation, gleichzeitig vertrat er aber vehement das Konzept, dass Geschlechtsidentität und Geschlechterrollen erziehungsabhängig seien, wobei die körperlich-geschlechtliche Eindeutigkeit allerdings als wichtige Referenz im erzieherischen Umgang wirke. Diesem GENDER-Konzept stellte Diamond ein biologisches SEX-Modell entgegen, in dem er die Hormone für die schon vorgeburtliche (und spätestens in der Pubertät festgelegte) geschlechtliche Ausprägung des Gehirns verantwortlich machte, die dann die Geschlechtsidentität bestimme. Aus diesem Grund argumentierte er gegen einen operativen Eingriff, da sich die biologische Bestimmtheit in jedem Falle durchsetze (Diamond 1977). Es lohnt sich, zu dieser Frage einmal den Umgang mit IntersexPhänomenen in anderen Kulturen zu betrachten, die nicht nach den Kriterien einer westlichen Medizin handeln. In einigen Orten der Dominikanischen Republik wird das sogenannte DHT-Syndrom (Dihydrotestosteron-Syndrom) beschrieben, von den Einheimischen guevedoce (Penis mit 12), genannt. Neugeborene XY-Kinder haben einen Mikropenis bzw. eine vergrößerte Klitoris, die Hoden steigen nicht ab, der Hodensack ist unterteilt, ähnlich den Schamlippen. Erst mit Beginn der Pubertät ‘maskulinisiert’ sich der Körper: Die Hoden steigen ab in den Hodensack, der sich nun schließt. Sekundäre Geschlechtsmerkmale, z. B. Behaarung und tiefere Stimme, bilden sich aus. Die wissenschaftliche Forschung der Industrienationen analysierte, dass diesem Phänomen eine genetische Mutation des Enzyms 5-D-Reduktase zugrunde liegt. Dieses Enzym wandelt Testosteron in Dihydrotestosteron um. Denn im Embryo wirkt das Dihydrotestosteron auf die Ausbildung der männlichen Geschlechtsmerkmale. Ist das Enzym durch die Mutation gestört, kann das Hormon Dihydrotestosteron seine ‘maskulinisierende’ Wirkung nicht entfalten. Erst
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in der Pubertät kann die erhöhte Produktion von Testosteron bei XYKindern die Ausbildung der sekundären Geschlechtsmerkmale induzieren (Wilson 1999). In der westlichen Kultur werden solche Kinder möglichst frühzeitig behandelt und teilweise operiert, um – folgend der Money’schen These – schon vor der Pubertät eine eindeutige Geschlechtsidentität zu entwickeln. Die Endokrinologin Julianne Imperato-McGinley untersuchte Fälle von guevedoce in einer Ethnie in der Dominikanischen Republik (Imperato-McGinley et al. 1979). Sie beschrieb 18 als Mädchen erzogene guevedoce, von denen nach ihrer Analyse 17 Mädchen nach der Pubertät zur männlichen Geschlechtsidentität wechselten und 16 auch die männliche Geschlechterrolle annahmen. Sie postulierte gleichfalls, dass diese Kinder in einer ‘laissez faire’ Umwelt aufwuchsen, ihre Entscheidungen also frei von Erziehungseinflüssen gewesen seien. Sie folgerte daher, dass Geschlechtsidentität und Geschlechterrolle mit Beginn der Pubertät durch den nun auftretenden Testosteronschub biologisch gesteuert seien und trat damit in Widerspruch zu Moneys Erziehungshypothese. Diese Untersuchungen und insbesondere ihre Interpretationen wurden sehr kritisch diskutiert (Fausto-Sterling 1988, Herdt 1996). Eine genauere Betrachtung der individuellen Geschichten der guevedoce ergab nämlich, dass der Wechsel der Geschlechterrolle bei weitem nicht so ‘einfach’ erfolgte, wie Imperato-McGinley dies beschrieben hatte. So habe von den 16 Fällen eine Person ihre weibliche Geschlechterrolle behalten, eine weitere lebe als Transvestit und eine dritte schließlich lebe gänzlich außerhalb der Gesellschaft als Eremit. Es blieben also nur 13 Geschlechtswechsel übrig. Herdt kritisierte an den Untersuchungen gravierende Mängel der Feldforschung. Es liege keine Ethnographie der sozialen Zusammenhänge der Ethnie vor, die Interviewdaten seien bruchstückhaft und unabhängig vom gesellschaftlichen Kontext wiedergegeben. So sei anzuzweifeln, dass die Entwicklung der Kinder wirklich in einer ‘laissezfaire’ Umgebung stattgefunden habe. Die patriarchale Gesellschaftsstruktur dieser Ethnie bewerte die männliche Rolle deutlich höher als die weibliche, und so ist es für Fausto-Sterling kein Wunder, wenn die “Option ein Mann zu werden, für einen Teenager, der als Mädchen aufgezogen wurde, durchaus attraktiv erscheint. Das würde speziell dann zutreffen, wenn das Mädchen abnorme Genitalien hat und das ‘Penis-mit-12-Syndrom’ kennt.” (FaustoSterling 1988: 126).
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Fausto-Sterling wendet insbesondere ein, dass eine Kontrollgruppe fehle, also Jungen, die als Mädchen aufgezogen wurden, und trotz der höher bewerteten männlichen Rolle zur weiblichen wechselten. Ein zentrales Argument gegen die biologische Theorie der einzig durch Testosteron in der Pubertät vermittelten Geschlechtsidentifikation bzw. Geschlechterrollenübernahme liege auch darin, dass die Identitäts- und Rollenwechsel in der Untersuchungsgruppe erst in einem längeren Zeitraum nach der Pubertät, im Alter von 16 - 24 Jahren stattfanden. Die Frage nach Biologie oder Erziehung als Ursachenerklärung bleibt im Vergleich der Interpretationen von Imperato-McGinley und Money bis heute ungeklärt. Beide Ansätze weisen methodische Mängel, Auslassungen und Fehlinterpretationen auf, die nicht zuletzt mit Hilfe der Geschlechterforschung aufgedeckt wurden. Interessant ist es jedoch, zu verfolgen, wo und wie die Erklärungen in unterschiedlichen Argumentationen eingesetzt werden. Beide Ansätze stammen zwar aus den 1970er Jahren, zeigen aber bis heute in unterschiedlichen Kreisen eine permanente und häufig unreflektierte Wirkmacht. Money wird nach wie vor zur Begründung der operativen Eingriffe herangezogen. Die Theorie der biologisch determinierten und durch Testosteron induzierten Geschlechtsidentifikation und Geschlechterrollenübernahme von Diamond und Imperato-McGinley erfährt eine Neuauflage (Wilson 1999) im Zuge der aktuellen Argumentationen zur NATURALISIERUNG von Geschlecht und Geschlechterdifferenzen. Charakteristisch ist nach wie vor, dass die Vertreter/innen der jeweiligen Theorien auf ihren jeweils linearen Erklärungskonzepten und DICHOTOMIEN, Biologie contra Erziehung und Natur contra Kultur, verharren und Wechselwirkungen nicht oder kaum diskutiert werden. Die Permanenz dichotomer Geschlechterzuordnungen lässt sich weiter aufdecken im Zusammenhang zwischen den wissenschaftlichen Forschungen und der gesellschaftlichen Bewertung von Geschlecht. Die Vorstellung, dass Zweigeschlechtlichkeit ein universelles biologisches Phänomen sei, wird aufrechterhalten und die Kategorie SEX bleibt dichotom und essentiell. Die westlichen Erklärungsmuster klassifizieren die biologischen Variationen der Intersex-Phänomene als ‘disorder’ (Fehlfunktionen), die im Falle des DHT-Syndroms mit der Pubertät, in anderen Fällen durch die Operation wieder in eine eindeutige Dichotomie münden sollen. Die Ethnien in der Dominikanischen Republik und in Neu Guinea
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waren lange Zeit von solchen Forschungsansätzen unberührt.20 Sie bewerteten die biologischen Mutationen als natürliche Variationen, nicht als Fehlfunktionen. Die guevedoce-Kinder in der Dominikanischen Republik oder die Kwolu-aatmwol in Papua NeuGuinea wurden als ‘drittes’ Sex bezeichnet. Allerdings stellte Herdt (1996) heraus, dass es auch in diesen patriarchalen Gesellschaften nur zwei Geschlechterrollen für Erwachsene gebe, weiblich und männlich. In diesen Ethnien lässt sich also eine Dissoziation zwischen der Vorstellung von möglicherweise drei Sexen in der Kindheit gegenüber einer eindeutigen gesellschaftlichen Dichotomie von zwei Gendern für Erwachsene vermuten. Die Nadlehee bei den Navajos in Nordamerika, die Thomas Wesley – selbst Navajo und Nadlahee – beschreibt, übernehmen die Geschlechterrolle des jeweils ‘anderen’ Geschlechts. Diese Ethnien kennen also vier Geschlechter (männlich, weiblich, männliche und weibliche Nadlehees), aber auch hier nur zwei Geschlechterrollen (Wesley & Jacobs 1999).21 Unsere heutige westliche Zivilisation ist dagegen beherrscht von der Vorstellung einer eindeutigen biologischen Dichotomie der zwei Geschlechter, vom bipolaren SEX. Allerdings können wir eine zunehmende Verwischung oder Überlappung der Geschlechterrollen als Transformationen und Übergänge im GENDER feststellen. Prägnant ist in der westlich-industriellen Welt der gesellschaftliche Zwang zur biologischen Zweigeschlechtlichkeit, wichtig ist und bleibt der – wenn auch im Fall der Intersexen nur durch eine Operation hergestellte – eindeutige Geschlechterkörper, binär männlich oder weiblich. 3
Forschungsfeld Transsex
Transsexe oder Transidente sind Personen, deren eigene Geschlechtsidentität nicht mit ihren körperlichen Geschlechtsmerkmalen übereinstimmt. Sie haben meistens einen eindeutig männlichen oder weiblichen Körper. Wichtig ist aber ihr Gefühl, in einem ‘falschen’ Körper zu sein. Mit Hormonbehandlungen und in weitester Konsequenz mit operativen 20 Herdt diskutiert auch, inwieweit bei diesen ursprünglichen Ethnien durch die westliche ‘Feldforschung’ die Geschlechtermodelle und die Medikalisierung der westlich industriellen Welt eingeführt wurden. 21 Es gibt inzwischen eine Reihe weiterer Analysen zu Gesellschaften mit nicht-dichotomen Geschlechterkategorien oder vielfältigen Geschlechterrollen (vgl. Haller 2001, Rösing 2005, Schröter 2002).
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Eingriffen möchten sie zu einer Übereinstimmung der körperlichen Geschlechtsmerkmale mit der individuellen Identität gelangen.22 Im Gegensatz zum in der Medizin gebräuchlichen Begriff der ‘Geschlechtsumwandlung’ verwendet die Transsex Gemeinschaft daher auch eher den Begriff ‘Geschlechtsanpassung’.23 Das, was sich hier wieder einmal so linear anhört, beinhaltet in der Realität einen langen, beschwerlichen und oft schmerzlichen und gesundheitlich risikoreichen Weg: Von der Erkenntnis, dass etwas “mit mir nicht stimmt”, über die Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Vorgaben einer eindeutigen Geschlechtlichkeit, in der Körperlichkeit als primäres Merkmal gilt, bis zum mehrjährigen Gang durch medizinische, psychologische und juristische Institutionen, um eine operative Geschlechtsanpassung durchführen lassen zu können. Festzuhalten ist, dass eine körperliche Geschlechtsanpassung bei Transsexen von medizinischer Seite mit wesentlich mehr Hürden versehen wird als die Operation bei Intersexen.24 Es würde diesen Beitrag sprengen, das vielfältige Feld der TranssexDISKURSE, geschweige denn die weiterführende Transgender Bewegung behandeln zu wollen.25 Stattdessen möchte ich mich hier wiederum auf die Ursachenerklärungen zum Transsex im Spannungsfeld zwischen biologischen und sozialen Begründungen konzentrieren.
22 Auch hier verwende ich bewusst den Begriff ‘Transsex’ anstelle von Transsexualität, da die Nicht-Übereinstimmung von körperlichen Geschlechtsmerkmalen mit der eigenen Geschlechtsidentität primär unabhängig von der sexuellen Orientierung ist. Vielfach bezeichnen sich diese Menschen deshalb als Transidente. Sie können sich der Heterosexualität, der Homosexualität oder allen anderen Formen sexueller Orientierung zuordnen. 23 In der Begrifflichkeit der Geschlechtsanpassung bei Transsexen bzw. Transidenten wird deutlich, dass auch sie weiterhin einem ZWEI-GESCHLECHTER-MODELL folgen, wohingegen die neuere Transgender und QUEER Bewegung die Einordnung in eine binäre Zweigeschlechtlichkeit generell ablehnt; vgl. hierzu den Beitrag “De/Konstruktion von Geschlecht und Sexualität” von Smilla Ebeling in Teil II. 24 Eine Übersicht über den langen Weg durch medizinische, psychologische und juristische Institutionen hat der Mediziner Hans-Günther Pichlo (o. J.) zusammengestellt; Einblick geben auch die Standards der Behandlung und Begutachtung von Transsexuellen (vgl. Becker et al. 1997, de Silva 2005). 25 Weiterführende Literatur findet sich z. B. bei Stefan Hirschauer (1993), Hubert Knoblauch (2002), Gesa Lindemann (1993) oder Sandy Stone (1993).
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3.1 Und wieder ist es das Testosteron Über die Ursachen von Transsex gibt es, ebenso wie in der Intersex-Frage eine intensive Diskussion, die geprägt ist von biologischen gegenüber psychosozialen Ursachenerklärungen. Auf biologischer Seite wird wiederum das Hormon Testosteron als entscheidender Faktor diskutiert, das schon vorgeburtlich Hirnstrukturen bei weiblichen Föten ‘vermännlichen’ soll, sodass diese Personen dann Frau-zu-Mann Transsexe würden. Auffällig ist im biologisch-medizinischen Forschungsfeld der Fokus auf Frau-zu-Mann Transsex, denn nur hier kann die Testosteron-Hypothese zur Anwendung kommen. Darüber hinaus werden Erziehungseinflüsse diskutiert, die zu Störungen der Geschlechtsidentität in beide Richtungen führen sollen, z. B. die ‘männliche’ Erziehung der Tochter, die ein Sohn sein sollte (als Ursache für Frau-zu-Mann Transsex), oder umkehrt fehlende Vorbilder für Jungen, wenn der Vater häufig abwesend sei (als Ursache für Mann-zu-Frau Transsex). Hartmut Bosinski, Sexualmediziner an der Universität Kiel, untersuchte 19 erwachsene Frau-zu-Mann Transsexe im Vergleich mit Kontrollgruppen (Bosinski 2000). Er folgt erklärtermaßen einem bio-psychosozialen Ansatz, d. h. er möchte sowohl biologische Phänomene als auch Einflüsse gesellschaftlicher Faktoren oder Sozialisationsmuster auf die Ausbildung einer Transsex-Identität erforschen. Diesem Ansatz folgend verknüpfte er sozialempirische Erhebungsmethoden mit der Analyse medizinisch-biologischer Indikatoren, in diesem Fall des Hormonspiegels. Bosinski fand sowohl soziale Effekte (u. a. asymmetrische Familienstrukturen mit häufigerer Abwesenheit des Vaters), aber auch erhöhte Testosteron-Werte bei den erwachsenen Frau-zu-Mann Transsexen gegenüber den Kontrollgruppen. Es lassen sich einige methodische Kritiken an der Untersuchung festhalten, beispielsweise an der rückwirkenden Befragung von Erwachsenen nach ihren Kindheitserfahrungen26 oder hinsichtlich der Validität der Kontrollgruppe, die wie üblich eine studentische Gruppe im Gegensatz zur gesellschaftlich variableren Untersuchungsgruppe der Transsexen war. Tiefer gehende, kritische Fragen richten sich allerdings an das Erklärungsmodell zu den Befunden. Bosinski interpretierte seine Resultate als Hinweise für eine Entwicklungsfolge, in 26 Die Kulturwissenschaftlerin Sandy Stone (1993) gibt einen Überblick über die häufig notwendigen Strategien von Transsexen, ihre persönliche Historie dem medizinischen Diagnosekatalog anzupassen, um dem Verfahren ‘gerecht’ zu werden.
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der er die biologische Disposition des erhöhten Testosterons als primäre Ursache für Frau-zu-Mann Transsex annimmt, die in der weiteren Entwicklung der Geschlechtsidentität dann durch psychosoziale Faktoren verstärkt werde. Sein Modell hat also eine Richtung mit der Biologie als Grundlage und der Erweiterung bzw. Modulierung dieser Biologie durch die Umwelt. Es separiert einen biologischen Entwicklungsstrang mit eigener Dynamik von den sekundären psychosozialen ‘Modulatoren’, die zwar zusätzlich auf Verhalten und Identität Einfluss nähmen, von denen die biologischen Phänomene aber erst einmal unberührt blieben. Trotz eines von ihm postulierten “Feldes von Möglichkeiten” spricht Bosinski immer noch von Funktionsstörungen in der Geschlechtsidentität der Transsexe. Das Beharren auf der ursächlichen Wirkung des Testosterons, also einer ursächlich biologischen Erklärung, schreitet heute weiter zur Verortung der Transsex-Phänomene in den Genen. Mit der Erklärung einer genetischen Grundlage für Transsex sind schon heute erste Spekulationen über Gen-Tests zur Frühdiagnose verbunden, “... that it may one day become possible to use genetic tests to allow decisions about gender decisions to be taken with confidence at an earlier age” (Dennis 2004: 392). Die Kombination der postulierten genetischen Verankerung mit der pathologischen Zuweisung als Funktionsstörung wirft neue Fragen auf. Sollen diese ‘Patienten’ und ‘Patientinnen’ in Zukunft, eventuell schon vorgeburtlich gentherapeutisch behandelt werden? Im Gegensatz zu diesen unilinearen Erklärungsmodellen hat die Geschlechterforschung in den Naturwissenschaften andere Konzepte entwickelt, die nicht die Dichotomie von ‘entweder Biologie oder Sozialisation’ in den Vordergrund stellen, sondern nach den ständigen Wechselwirkungen der Fassetten fragen. Mit Hilfe des EMBODIMENT-Konzepts (Fausto-Sterling 2000a, Schmitz & Wolfrum 2006)27 können körperliche Indikatoren, im Falle der Frau-zu-Mann Transsexe die Testosteronkonzentration im Blut, zwar als existent behandelt, allerdings ihre Rolle als ursächliche Determinante hinterfraget werden. Die Entwicklungsfolge des Transsex kann dann auch umgekehrt dargestellt werden und es kann nach dem Einfluss psychischer und sozialer Erfahrungen auf biologische Phänomene gefragt werden: Könnte es sein, dass die erhöhten Testosteronkonzentrationen bei erwachsenen Transsexen auch Folge der eigenen 27 Zum Konzept des EMBODIMENT siehe vertiefend den Beitrag “Entweder – Oder?” von Sigrid Schmitz in Teil II.
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Geschlechtererfahrungen im psychischen und sozialen Umfeld sind? Hormone sind Botenstoffe, die körperliche ebenso wie Erfahrungs- und Handlungsbotschaften vermitteln. Für die Auswirkungen von Stress, körperlicher und geistiger Anstrengung und anderen Handlungen auf den Hormonspiegel gibt es viele Beispiele (vgl. Bauer 2002, Schmitz & Wolfrum 2005). 4
Wo bleibt die Kategorie Geschlecht? Ein Resümee
Ausgehend von der Frage, wie viele Geschlechter es gibt, hat die Analyse der Forschungslage zur biologischen Geschlechtsentwicklung gezeigt, dass diese Prozesse höchst komplex sind. Ein Netzwerk von Genen statt eines einfachen Schaltermechanismus reguliert die Ausbildung der körperlichen Geschlechtsmerkmale. Eine Betrachtung der IntersexPhänomene ohne gleichzeitige Pathologisierung deckt viele Zwischenräume zwischen den Kategorien Mann und Frau auf. Die Debatte um die Behandlung und Benennung von Intersex in der westlich-industriellen im Vergleich zu anderen Gesellschaften macht deutlich, dass nicht nur biologische, sondern auch kulturelle Geschlechtsbestimmungen in diesem DISKURS verwoben sind. In der Gegenüberstellung des Operationszwanges zur Behandlung von Intersex im Gegensatz zum schwierigen Weg zur Operation für Transsexe werden in der westlich-industriellen Kultur die gesellschaftlichen Einflüsse zu Herstellung und Stabilisierung der HETERONORMATIVITÄT deutlich. Im Gegensatz zum forcierten operativen Eingriff bei Intersexen mit dem Ziel, eindeutige Körper herzustellen, wird für Transsexe die Operation zur Veränderung des zuvor eindeutigen Körpers eher erschwert.28 So scheinen diese beiden Beispiele zwei Fassetten desselben gesellschaftlichen Musters zu zeigen, das auf die Aufrechterhaltung des ZWEI-GESCHLECHTER-MODELLS zielt. Die beiden Geschlechter sollen qua ihrer natürlichen Bestimmung lebenslang unveränderbar bleiben,29 alles andere ist abweichend und pathologisch. 28 Die vorgeschriebene Operation zur Sterilisation bzw. Eierstock-, Eileiter- und Gebärmutterentfernung als Voraussetzung zur Personenstands- und Namensänderung steht hierzu nur scheinbar im Widerspruch, soll sie doch sicherstellen, dass sich Transexe in unserer Gesellschaft nicht mehr fortpflanzen können. 29 Das gilt auch, obwohl inzwischen viele Geschlechterwechsel im Tierreich beschrieben wurden, siehe vertiefend den Beitrag “Alles so schön bunt” von Smilla Ebeling in Teil II.
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Der Intersex- und Transsex-DISKURS wirft schließlich auch die Frage auf, ob sich SEX und GENDER überhaupt trennen lassen und wie sehr sich biologische und psychosoziale/kulturelle Fassetten beständig vermischen. Inwieweit wirken individuelle Erfahrung und kulturelle Handlungspraxen zurück auf körperliche Phänomene, z. B. den Hormonspiegel? Das EMBODIMENT-Konzept bietet eine Möglichkeit, um die polarisierte Zuordnung von biologischen oder sozialen Ursachen zu den Kategorien SEX oder GENDER zu dekonstruieren. Die Frage nach der Grenze oder der Quantität zwischen dem angeblich essentiell-natürlichen gegenüber dem gesellschaftlich-kulturellen Geschlecht wird nie zu beantworten sein. Es zeigt sich vielmehr, dass diese Frage falsch gestellt ist. Der Begriff des Kaspar Hauser als von außen unbeeinflusstem Wesen ist absurd, wenn die vielfältigen äußeren Einflüsse auf die körperliche Entwicklung und Gehirndifferenzierung30 mit in Betracht genommen werden. FaustoSterling (2000a) bezeichnet SEX und GENDER als “two systems indivisible”. Sex und Gender sind untrennbar miteinander verwoben, bedingen und beeinflussen sich gegenseitig und unterliegen beständig wechselseitigen Veränderungsprozessen. Körper ist Materialität, deren Realität von uns wahrgenommen wird und die auf individuelles und gesellschaftliches Handeln wirkt. Umgekehrt verkörpern sich individuelle Erfahrung und gesellschaftliches Handeln in dieser Materialität und kulturelle Konstruktion geht ein in die körperliche Realität. EMBODIMENT negiert daher nicht die körperliche Materialität, hinterfragt aber kritisch die postulierte InEins-Setzung von körperlicher Materie mit natürlicher Essenz im Sinne einer ursächlichen und deterministischen Erklärungslogik (Natur ist Essenz ń Körper ist Natur ń Körper ist Essenz. Es gibt nur ein gegenseitiges Wechselspiel, aber keine klare Ursache-Wirkungs-Beziehung, weder von SEX auf GENDER noch von GENDER auf SEX. Literatur Autrum, Hansjoachim/ Bender, Klaus (Hrsg.) (1983): Humanbiologie. Heidelberg: Springer Bachmann, Klaus (2000): Geschlechterdifferenzierung. Der genetische Bauplan für Frau und Mann. In: GeoWissen 26: Frau & Mann. Alte Mythen Neue Rollen. 20-29 Bauer, Joachim (2002): Das Gedächtnis des Körpers. Frankfurt: Eichborn Becker, Sophinette/ Bosinski, Hatmut A.G./ Clement, Ulrich/ Eicher, Wolf/ Goerlich,
30 Zur Erfahrungsabhängigkeit der Hirnentwicklung siehe den Betrag “Frauen- und Männergehirne” von Sigrid Schmitz in Teil I.
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Alles so schön bunt. Geschlecht, Sexualität und Reproduktion im Tierreich Smilla Ebeling
Allgemein wird davon ausgegangen, dass die meisten Tiere zwei- und getrenntgeschlechtlich sind und dass sie sich zweigeschlechtlich fortpflanzen. Tiere, die von dieser Vorstellung abweichen, wie etwa als ‘reine Weibchenarten’, durch eingeschlechtliche Fortpflanzungsformen, Intersexualität oder gleichgeschlechtliches Sexualverhalten, werden leicht als bizarr, merkwürdig oder ungewöhnlich bezeichnet. Diese Bewertungen bestätigen die Normsetzung der Zwei- und Getrenntgeschlechtlichkeit. Doch ein genauerer Blick ins Tierreich zeigt, dass die Formen von Geschlecht, Sexualität und Fortpflanzung unter Tieren sehr viel variationsreicher sind, als allgemein angenommen. In diesem Beitrag werde ich anhand einiger Beispiele darstellen, dass in der Zoologie zahlreiche Tierarten beschrieben werden, die ihr Geschlecht wechseln, gleichgeschlechtliches Sexualverhalten zeigen, intersexuell oder hermaphroditisch sind und damit in unterschiedlicher Weise von der Zwei- und Getrenntgeschlechtlichkeit ebenso abweichen wie von dem bipolaren Geschlechterkonzept. Dabei frage ich auf der Ebene SCIENCE OF GENDER, wie diese Tiere in der Zoologie beschrieben werden. Führen sie zu einer Infragestellung der angenommenen vorherrschenden Zweigeschlechtlichkeit oder werden sie missachtet, verschwiegen und der Zweigeschlechtlichkeit angepasst? Diese Fragen führen zu der Ebene GENDER IN SCIENCE, auf der ich eine heteronormative Perspektive in den biologischen Tierdarstellungen kritisiere.1 Eine zweite Fragestellung zielt auf die Erklärung und Legitimierung der Geschlechterverhältnisse und Sexualitäten westlicher industrialisierter Gesellschaften. So werden biologische Theorien über Geschlecht und Sexualität im Tierreich oft zur Legitimation menschlicher Verhältnisse herangezogen. Und auch die Darstellungen ‘homo- und transsexueller’ Tiere werden zur Legitimation von Inter-, Homo- und Transsexualität 1 Zu den Analyseebenen der Geschlechterforschung siehe “Geschlechterforschung und Naturwissenschaften” von Sigrid Schmitz und Smilla Ebeling.
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beim Menschen verwendet. Hier geht es wiederum auf der Ebene GENum eine kritische Diskussion von ANTHROPOMORPHISMEN, der Übertragbarkeit von Tieren auf Menschen, der OBJEKTIVITÄTSKRITIK in der Zoologie und der Verwobenheit von Biologie und Gesellschaft.2 Schließlich lässt sich aufzeigen, dass Ansätze der QUEER THEORY3 und geschlechterperspektivische Analysen der Zoologie gegenseitig fruchtbar gemacht werden können.
DER IN SCIENCE
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Hetero-, homo- und transsexuelle Tiere?
Zunächst einige Begriffsklärungen: Das Geschlecht wird in der Biologie über die Gameten (Geschlechtszellen) definiert. Weibchen sind diejenigen Organismen, die wenige, unbewegliche und große Gameten produzieren, während Männchen eine relativ große Anzahl kleiner, beweglicher Gameten produzieren. Das ist auch schon alles, was man für die Definition der Geschlechter in der Biologie braucht. Der Begriff der Sexualität meint in der Biologie genau diese Geschlechtsverschiedenheit, womit ein gewichtiger Unterschied zur Sexualität beim Menschen deutlich wird, zu der Aspekte wie erotische Anziehung, Liebe und Geschlechtsidentität gehören. Mit dem Begriff der sexuellen Fortpflanzung ist das Zusammenbringen des Genoms zweier verschiedener Organismen gemeint. Sie wird der asexuellen Fortpflanzung gegenübergestellt, mit der die Fortpflanzung durch einfache Zellteilung und Ausläufer gemeint ist.4 Da es in diesem Beitrag auch um Geschlechterwechsel, gleichgeschlechtliches Sexualverhalten und transgeschlechtliches Verhalten geht, möchte ich kurz auf ein Wahrnehmungs- und Interpretationsproblem eingehen. Die Autoren und Autorinnen, auf die ich mich beziehe, ver2 Zu ANTHROPOMORPHISMEN siehe den Beitrag “Tierisch menschlich” von Smilla Ebeling, Sigrid Schmitz und Robin Bauer in Teil II; zur OBJEKTIVITÄTSKRITIK siehe den Beitrag “Grundlagen der Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsforschung” von Robin Bauer in Teil II. 3 Zur QUEER THEORY siehe den Beitrag “De/Konstruktion von Geschlecht und Sexualität” von Smilla Ebeling in Teil II. 4 Die Begriffe der Sexualität und des Geschlechts werden in der Biologie nicht einheitlich verwendet (siehe hierzu Ebeling 2002). Angesichts der unterschiedlichen Bedeutungen von Sexualität beim Menschen und bei Tieren wird es auch in diesem Text problematisch sein, vom Sexualverhalten zu sprechen. Doch andere biologische Begriffe, wie beispielsweise der des Fortpflanzungsverhaltens bergen ebenfalls Schwierigkeiten. So liegt hier die Vorannahme vor, das jeweilige beobachtete Verhalten erfolge im Dienste der Fortpflanzung.
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wenden die Begriffe ‘Homo-, Hetero- und Transsexualität’ für ihre Beschreibungen von Tieren. Sie sind im Kontext menschlicher Verhältnisse bedeutungsvoll, so dass durch die Verknüpfungen menschlicher Sexualität mit dem Sexualverhalten und den Fortpflanzungsformen von Tieren spezifische historisch und kulturell gebundene Bedeutungen in Interaktionen mit den Vorstellungen über Geschlecht und Sexualität bei Tieren gebracht werden.5 Das gilt insbesondere für Normsetzungen und Wertvorstellungen, wie am Beispiel der homophoben Perspektive einiger Biologen deutlich wird, die ‘sexuell abweichende’ Tiere pathologisieren und für ‘heilungsbedürftig’ erklären. Doch unterscheiden Tiere zwischen ‘normaler’ und ‘abweichender’ Sexualität? Sie zeigen immerhin kein ‘homophobes’ Verhalten (Bagemihl 1999). Um Übertragungen vom Menschen auf das Tierreich zu minimieren, wäre die Verwendung anderer Begriffe hilfreich, die weniger bedeutungsgeladen sind. Tierbeschreibungen sind meines Erachtens jedoch gar nicht ohne ANTHROPOMORPHISMEN möglich, doch ich möchte sowohl auf diese anthropomorphe Perspektive wie auf unterschiedliche Bedeutungen bei Mensch und Tier aufmerksam machen. Dabei ist die erkenntnistheoretische Ebene wichtig, denn mit der Verwendung von spezifischen Begrifflichkeiten für Tiere ziele ich weniger auf eine ‘objektivere’ Tierbeschreibung, sondern vielmehr auf die Sichtbarmachung einer Perspektive, die den Menschen zentriert und seine Wertvorstellungen und Eigenschaften überträgt.6
5 In der Hauptsache beziehe ich mich auf den Biologen Bruce Bagemihl (1999), der in seinem Buch Animal Exuberance eine beeindruckende Fülle von wissenschaftlichen Daten über – wie er es nennt – Homosexualität und Transgender in zoologischen Texten über Säugetiere und Vögel zusammenstellte. Sein Hauptziel war es, dem ZWEIGESCHLECHTER-MODELL im Tierreich eine Vielfalt an Geschlechtern und Sexualitäten entgegenzustellen. 2004 erschien ein von der Biologin Joan Roughgarden verfasstes weiteres interessantes Buch über die Vielfalt von ‘Gender’ und Sexualität im Tierreich mit ähnlicher Zielsetzung, auf das ich mich ebenfalls beziehe. 6 Die Trennung von Mensch und Tier ist durchaus kritisch zu hinterfragen, siehe hierzu den Beitrag “Tierisch menschlich” von Smilla Ebeling, Sigrid Schmitz und Robin Bauer in Teil II, vgl. auch Bauer & Ebeling (2004).
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“The universe is not only queerer than we suppose, it is queerer than we can suppose.”
Dieses Zitat stammt von dem Evolutionsbiologen John B. S. Haldane (Haldane 1928: 298). Er hatte sich 1928 weder auf die Homosexuellenund Transgenderbewegungen noch auf die QUEER THEORY beziehen können, und den Begriff queer sicherlich im Sinne von ‘merkwürdig’ gemeint. Doch inzwischen wurden unter der Bezeichnung QUEER THEORY die Kategorien Geschlecht, Homo- und Heterosexualität in Verbindung mit Identitätspraktiken in menschlichen Gesellschaften kritisch analysiert und die Wirkungsmacht der HETERONORMATIVITÄT auf verschiedenen Ebenen herausgearbeitet.7 Zentrale Ziele der QUEER THEORY sind die kritische Analyse politischer und kultureller Funktionen von Sexualität und ihrer Rolle in der Identitätsbildung sowie der HETERONORMATIVITÄT als gesellschaftliche Ordnungskategorie. Die Analysen sollen von einer Destabilisierung der gesellschaftlichen Normen von Heterosexualität und Zweigeschlechtlichkeit begleitet werden (Haller 2001, Jagose 2001). Mit Haldanes Zitat möchte ich die Analyse heteronormativer Strukturen von menschlichen Gesellschaften auf die Zoologie erweitern und den Blick für eine ‘quere’ Biologie eröffnen.8 Dabei werden heteronormative Strukturen und die Vielfalt an Geschlechtern und Sexualitäten in der Zoologie sichtbar und die dualistische Konzeption von Hetero- und Homosexualität aufgebrochen. Ich gehe außerdem der Frage nach, wie Sexualität naturalisiert und reguliert wird, die eine der zentralen Fragen der QUEER THEORY ist. Dabei gehe ich auf zoologische Darstellungen von Tieren ein, die quer zur bipolaren Konzeption von Geschlecht, Sexualität und Zweigeschlechtlichkeit stehen. Der Begriff ‘quer’ erinnert an ‘queer’,
7 HETERONORMATIVITÄT ist ein zentraler Begriff der QUEER THEORY (Warner 1993). Er besagt, dass Heterosexualität unhinterfragt als essentielle Grundlage des Menschen vorausgesetzt und alles Abweichende ausgeschlossen, abgewertet, ignoriert oder pathologisiert wird. Heterosexualität wird diesem Verständnis nach als selbstverständliche soziale Bindung verstanden, die weder benannt noch erklärt werden muss. Nur das davon abweichende muss sich erklären. Die Heterosexualität impliziert Zweigeschlechtlichkeit als natürlich gegeben und alternativlos und baut auf einem Wertesystem auf, das in biologisch-medizinischen Aussagen über die Reproduktion, im Begehren, in der Sprache, in Arbeits- und ökonomischen Strukturen, in der Religion und in Sozial- und Kultursystemen einen Ausdruck findet. Siehe hierzu den Beitrag “De/Konstruktion von Geschlecht und Sexualität” von Smilla Ebeling in Teil II. 8 Siehe hierzu auch Bauer & Ebeling (2004).
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macht also auf Ähnlichkeiten aufmerksam, vermeidet aber eine simple Übertragung der Bedeutungen des Begriffs queer auf das Tierreich. 2.1 Gleichgeschlechtliches Sexualverhalten Was ist unter gleichgeschlechtlichem Sexualverhalten bei Tieren zu verstehen? Nur wenige Biologen und Biologinnen erforschen gleichgeschlechtliches Verhalten im Tierreich und sprechen dann meist von Homosexualität. Sozio- und Verhaltensbiologen, wie etwa Edward O. Wilson und Wolfgang Wickler fragen vor allem, wie gleichgeschlechtliches Verhaltens evoluieren konnte. Welche Funktion haben Verhaltensweisen aus dem Sexualbereich, die nicht der eigenen Fortpflanzung dienen, und wie werden sie (trotzdem) durch die natürliche Selektion gefördert? Diskutiert wurde im Zusammenhang mit gleichgeschlechtlichem Sexualverhalten beispielsweise die Funktion der Populationsregulierung (Sommer 1990) und die Thesen des altruistischen Verhaltens (Hamilton 1964) bzw. der Verwandtschaftsselektion (Wilson 1977). Dabei wird von Homosexualität gesprochen, ohne zu definieren, was darunter verstanden wird. Es scheint, dass in den Texten der hier genannten Biologen die Analpenetration ein entscheidendes Kriterium ausmacht, die meistens mit männlichem Sexualverhalten assoziiert wird, womit wiederum eine androzentrische Perspektive deutlich wird. Bagemihl problematisiert einige Aspekte der biologischen Beschreibungen gleichgeschlechtlicher Verhaltensweisen im Tierreich und betont ihre große Variabilität und Komplexität. Er plädiert dafür, von Homosexualitäten zu sprechen, anstelle der sehr engen biologischen Definition von Homosexualität zu folgen, nach der nur die Penetration durch einen Penis, manchmal sogar nur im Zusammenhang mit einer Ejakulation als Homosexualität gelte.9 Diese Definition reduziere die zu beobachtende 9 Der Biologe Volker Sommer beschreibt ebenfalls eine Fülle von Verhaltensweisen im Tierreich, die er dem gleichgeschlechtlichen Sexualverhalten von Tieren zuschreibt und kritisiert damit ebenso wie Bagemihl die enge Definition des gleichgeschlechtlichen Sexualverhaltens im Tierreich. In seinem Buch Wider die Natur (1990) zeigt er auf, dass gleichgeschlechtliches Sexualverhalten auch im Tierreich weit verbreitet ist und diskutiert unterschiedliche Argumentationen über das Verhältnis von ‘Homosexualität’ im Tierreich und beim Menschen. 1995 wurde laut Bagemihl (1999) auf einer verhaltensökologischen Tagung erstmalig sexuelle Orientierung im Tierreich thematisiert und damit auch gleichgeschlechtliches Sexualverhalten bei Tieren in der zoologischen Community als Untersuchungsgegenstand anerkannt.
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Rate gleichgeschlechtlicher Begegnungen stark. Eine Folge sei, dass beispielsweise ein männlicher Vogel, der ein monogames lebenslanges Paar mit einem Weibchen bildet, gemeinsam mit dem Weibchen die Jungen aufzieht und einmal mit einem Männchen kopuliert, als ‘homosexuell’ gelte. Nicht ‘homosexuell’ seien dieser Definition zufolge hingegen zwei weibliche Vögel, die miteinander eine lebenslange Paarbindung eingehen, zusammen balzen und Nester bauen, ihre von Männchen befruchteten Eier als gleichgeschlechtliches Paar ausbrüten und die Jungen aufziehen, aber niemals miteinander kopulieren. Bagemihl definiert ‘Homosexualität’ aufgrund dieser Kritik als sexuelle Aktivität im gleichen Geschlecht und zählt dazu das Balzverhalten, wie etwa Balztänze und -gesänge, liebevolles Verhalten (Küssen, Streicheln, Umarmen, Spiel-Kämpfe, Beißen und Kuscheln), Kopulationen in diversen Positionen, Genitalreiben, oralen Sex und Masturbation sowie gleichgeschlechtliche Paarbildungen, die entweder sexuelle Handlungen einschließen oder auch ohne sexuelle Handlungen erfolgen. Gleichgeschlechtliche Paare ziehen seinen Beschreibungen zufolge auch Junge auf. Zum Beispiel sind unter den Schwarzen Schwänen 13-20 % der Paare männlich. Die Männchen dieser Paare kopulieren mit Weibchen, vertreiben sie nach der Eiablage und ziehen die Küken ohne Weibchen groß. Laut Bagemihl könnte man die Weibchen in diesen Fällen als ‘Leihmütter’ betrachten. Gleichgeschlechtliches Sexualverhalten sei ebenfalls unter weiblichen Trios und Quartetts zu beobachten, wie etwa unter Grizzlies, die ihre Jungen gemeinsam säugen und in den ‘alternativen Familienarrangements’ von Gorilla-Gruppen mit ‘hetero-, bi- und homosexuellen’ Mitgliedern, die gemeinsam ihre Jungen aufziehen (Bagemihl 1999). Analog zu sexualwissenschaftlichen Argumentationen an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, in denen vor allem lesbische Sexualität als eine Nachahmung heterosexueller Muster bezeichnet wurde, sprechen Biologen und Biologinnen bei gleichgeschlechtlichem Sexualverhalten unter Weibchen von einer ‘Pseudoheterosexualität’. Ein beteiligtes Weibchen übernehme dabei die Rolle des anderen Geschlechts. Ein anschauliches Beispiel für die Fragwürdigkeit dieser Interpretationsweise sind die Darstellungen der reinen Weibchenart Cnemidophorus uniparens. In dieser Rennechsenart wurden bisher keine Männchen gefunden, weswegen man annimmt, dass es keine gibt. Die Cnemidophorus uniparens-Weibchen kopulieren miteinander, wobei ein Weibchen aufreitet und ‘männliches
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Sexualverhalten’ zeige (Crews 1988, ders. 1993, ders. 1994, Crews & Fitzgerald 1980, Moore et al. 1985). Das Sexualverhalten dieser reinen Weibchenart liegt quer zum allgemeingültigen dichotomen Geschlechterkonzept, bzw. zur heteronormativen Perspektive. Doch die Biologen und Biologinnen arbeiten mit den vorgegebenen Strukturen der Zweigeschlechtlichkeit und geraten dabei hinsichtlich der Kategorien Geschlecht und Sexualität in Schwierigkeiten. Sie behelfen sich mit Umschreibungen wie ‘männchenähnliches Verhalten’, ‘weibchen-typisches’ und ‘pseudo-sexuelles Sexualverhalten’ und setzen Begriffe wie weiblich und männlich in Anführungszeichen. Auffällig ist, dass sie die gleichgeschlechtlichen Kopulationen der Cnemidophorus uniparens-Weibchen nicht als solche bezeichnen, sondern Begrifflichkeiten verwenden, die eigentlich nur für gegengeschlechtliches Sexualverhalten und, ihren eigenen Aussagen zufolge, nicht für die Cnemidophorus uniparens-Weibchen stimmig sind. Sie zitieren damit die heterosexuelle Norm, obwohl diese ‘eingeschlechtliche’ Tierart dem ZWEI-GESCHLECHTER-MODELL nur schwer anzupassen ist.10 Dieses Beispiel verdeutlicht, dass gegengeschlechtliches Sexualverhalten in der Zoologie einen konstruierten Charakter aufweisen kann, und dass die heteronormative Struktur auch bei Tierarten, die quer zu ihr stehen, nicht aufgegeben sondern aufrechterhalten wird.11 HETERONORMATIVITÄT findet ebenfalls in Funktionszuschreibungen zum Sexualverhalten von Tieren einen Ausdruck wie weitere Kostproben aus Bagemihls Studie zeigen: Gleichgeschlechtlichen Aktivitäten würden Funktionen aus anderen Bereichen zugeschrieben, so dass sie nicht als ‘genuin homosexuell’ bezeichnet werden. So gelte es als Begrüßung, wenn eine weibliche Bonobo ihre Beine um ein anderes Weibchen schlingt und ihre Klitoris an der der anderen reibt. Gerne werde auch gesagt, dieses Verhalten diene der Beschwichtigung oder dem Spannungsabbau. Außerdem diene Fellatio beim Orang-Utan der Ernährung. Diese nicht sexuellen Funktionen könnten einen Aspekt des Sexualverhaltens ausmachen, es sei jedoch problematisch, dass sie in den biologischen Beschreibungen an Stelle der sexuellen Motivationen als primäre Funktionen und Verursachung angesehen würden (Bagemihl 1999).
10 Siehe hierzu auch den Beitrag “Geschlechtergrenzen” von Sigrid Schmitz in Teil I. 11 Zur Beschreibung von Cnemidophorus uniparens in biologischen Texten siehe auch Ebeling (2002).
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Außerdem würden einzelne Verhaltensweisen in der Biologie oftmals nur als sexuelle angesehen, wenn sie zwischen den Geschlechtern und nicht innerhalb eines Geschlechts erfolgen: So sei bei Rotschenkeln ein Verfolgungsverhalten beobachtet und als Territorialverhalten bezeichnet worden. Dann sei beobachtet worden, dass ein Männchen ein Weibchen verfolgte, was als Sexualverhalten interpretiert wurde. Würden dagegen Verfolgungen unter Männchen beobachtet, die mit einer Kopulation endeten, so gelte dies weiterhin nicht als sexuelles Verhalten. Ein weiteres Problem sei, dass Balzverhalten und Kopulationen grundsätzlich als gegengeschlechtliches Verhalten angesehen würden. Ebenso gelte das Aufreiten allgemein als männliches und AufreitenLassen als weibliches Verhalten. Oft bestimmen Verhaltensbiologen sogar das Geschlecht eines Tieres über sein Sexualverhalten, wie in dem folgenden Beispiel der Königspinguine: Aufgrund beobachteter als gegengeschlechtlich angenommener Kopulationen wurden fünf Königspinguinen die Namen Andrew, Bertha, Caroline, Erik und Dora gegeben. Durch die Namen wurden in weiteren Studien gleichgeschlechtliche Kopulationen erkannt, die jedoch für unwahrscheinlich gehalten wurden und die Korrektheit der Geschlechtsbestimmungen anzweifeln ließen. Daher wurden die Geschlechter der Tiere überprüft, mit dem Ergebnis, dass nur ein Geschlecht richtig war und die Namen geändert wurden: Andrew wurde zu Ann, Bertha zu Bertrand, Caroline zu Charles, Erik zu Erika und Dora blieb Dora. Während weiterer Beobachtungen stellten sich einige gleichgeschlechtliche Kopulationen als gegengeschlechtliche und umgekehrt gegengeschlechtliche als gleichgeschlechtliche heraus. Und aus den weiblich gleichgeschlechtlichen Kopulationen von Bertha und Caroline wurden männlich gleichgeschlechtliche von Bertrand und Charles (Bagemihl 1999). Diese Beschreibungen und Bewertungen gleich- und gegengeschlechtlichen Verhaltens von Tieren verdeutlichen, dass die Tierbeobachtungen aus einer heteronormativen Perspektive erfolgen. Im Kontext mit der Fülle der von Bagemihl beschriebenen trivialisierenden und abwertenden Bezeichnungen und Erklärungen für gleichgeschlechtliche Interaktionen scheint die Grenze zur homophoben Perspektive fließend zu sein. So gelten gleichgeschlechtliche Verhaltensweisen als bizarr, merkwürdig, pervers, abweichend, abnormal, unnatürlich und falsch. Und obwohl die Daten oft andere Aussagen nahe legten, sei bei gleichgeschlechtlichen Handlungen die Rede von ‘nur 15 %’, einem ‘seltenen
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Vorkommen’, ‘Ausnahmen’ und ‘isoliertem Erscheinen’. Wird hingegen einmal eine gegengeschlechtliche Aktivität beobachtet, so gelte sie als Standard (Bagemihl 1999, Kap. 3). Darüber hinaus findet die heteronormative Perspektive in der Zoologie auch darin einen Ausdruck, dass die Frage nach den Ursachen für Verhaltensweisen nur bei gleichgeschlechtlichem, nicht aber bei gegengeschlechtlichem Verhalten gestellt wird. Entsprechend der gepflegten Erklärungsbedürftigkeit menschlicher Homosexualität in den Gesellschaftsund Humanwissenschaften scheint damit auch in der Zoologie nur gleichgeschlechtliches Verhalten erklärungsbedürftig zu sein. Dabei negieren die zoologischen Erklärungsvorschläge laut Bagemihl gleichgeschlechtliches Sexualverhalten, indem gleichgeschlechtliche Verhaltensweisen von Tieren beispielsweise als Imitation und Umkehrung von ‘Heterosexualität’ verstanden werden. Doch allein schon die Beobachtung, dass zahlreiche gleichgeschlechtliche sexuelle Verhaltensweisen ausschließlich unter gleichen Geschlechtern und gar nicht zwischen den Geschlechtern zu beobachten seien, entkräfte diese Argumentation. Gegen die Imitationsthese spreche außerdem, dass nie exakte Kopien sondern komplexe Mischungen von weiblichen und männlichen Verhaltensmustern zu beobachten seien. Die häufigste Erklärung zur Homosexualität bei Tieren liege jedoch in der Behauptung vor, dass gleichgeschlechtliches Sexualverhalten Ersatzhandlungen für gegengeschlechtliches Verhalten seien. Es werde beispielsweise durch einen Mangel an gegengeschlechtlichen Partnern oder durch unbefriedigende gegengeschlechtliche Begegnungen verursacht. Diese Behauptung könne allerdings durch die aktuelle Datenlage widerlegt werden – beispielsweise seien gleichgeschlechtliche Handlungen durchaus auch bei einem Überschuss gegengeschlechtlicher Partner zu beobachten. Gerne werde auch die Erklärung geliefert, gleichgeschlechtliches Sexualverhalten sei fehlerhaft. So sei eigentlich gegengeschlechtliches Verhalten intendiert, die Tiere könnten nur nicht zwischen Weibchen und Männchen unterscheiden. Schließlich werde gegengeschlechtliches Sexualverhalten als pathologische Erscheinung oder Abnormalität erklärt (Bagemihl 1999, Kap. 4).
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2.2 Geschlechterwechsel und transgeschlechtliches Verhalten Bagemihl verwendet auch den Begriff des Transvestiten (Bagemihl 1999: 38). Hierunter versteht er die Imitation des anderen Geschlechts, was im Tierreich – insbesondere bei Vögeln und Schmetterlingen – weit verbreitet und sehr variabel sei. Die Imitation erfolge auf der Verhaltensebene, beispielsweise ahmen die Männchen der Dickhornschafe weibliches Verhalten nach. Dickhornschafe leben außerhalb der Fortpflanzungszeit in getrenntgeschlechtlichen Gruppen, wobei in der Männchen-Gruppe das Aufreiten unter Männchen üblich sei, während es in der Weibchen-Gruppe nicht beobachtet werde, denn die Weibchen ließen die Männchen nur in der Fortpflanzungszeit aufreiten. Einige Männchen hielten sich immer – also auch außerhalb der Fortpflanzungszeit – in den Weibchen-Gruppen auf, jedoch nicht, um mit den Weibchen zu kopulieren, sondern um das Aufreiten durch Männchen bei sich selbst zu vermeiden. Indem sie nicht aufreiten ließen, verhielten sich diese Männchen also wie Weibchen. Interessant ist auch Wilsons Beschreibung der Fortpflanzungsstrategie einiger Männchen des Blattfischs Polycentrus schomburgkii. So würden einige Männchen, die kein Territorium besitzen, die Körperfarbe von Weibchen annehmen, um sich in ein Territorium eines anderen Männchens einzuschleichen und in dieser Tarnung die abgelaichten Eier eines Weibchens zu befruchten. Wilson bezeichnet dieses Verhalten als “transvestism evolved to serve heterosexuality!” (Wilson 1977: 22) und bringt damit wiederum eine heteronormative Perspektive zum Ausdruck. Unter Transsexualität versteht Bagemihl einen Geschlechterwechsel.12 Er werde häufig in biologischen Texten über Fische und wirbellosen Tiere beschrieben. Ein anschauliches Beispiel ist ein Fisch, der Blaukopf (Thalassoma bifasciatum) heißt. Die Blauköpfe werden biologischen Beschreibungen zufolge als Weibchen geboren und wechseln ihr Geschlecht, sobald sie eine gewisse Körpergröße erlangen. Sind die Weibchen Männchen geworden, so werden sie als ‘supermales’, ‘sekundäre Männchen’ oder ‘Territorialmännchen’ bezeichnet (z. B. Kuhn 1976).13 Dieser Geschlechterwechsel wird in der Verhaltensbiologie als sozial 12 Zur Transsexualität beim Menschen siehe auch den Beitrag “Geschlechtergrenzen” von Sigrid Schmitz in Teil I. 13 Die Biologin Machteld Jacoba Roede wies schon 1972 darauf hin, dass die Erforschung des Geschlechterwechsels bei Tieren in der Biologie umgangen wird, so dass biologische Frage- und Problemstellungen ignoriert werden (vgl. Roede 1972).
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kontrolliert angesehen, womit das jeweilige Zahlenverhältnis der Geschlechter gemeint ist. So wechseln beispielsweise besonders viele Weibchen ihr Geschlecht, wenn nur wenig große Männchen vorhanden sind (vgl. Krebs & Davis 1984). Da die Tiere mit dem Geschlechterwechsel ein anderes Aussehen und ein anderes Sozialverhalten annehmen, spricht Bagemihl auch von einem neuen ‘gender’ (Bagemihl 1999: z. B. 124). Der Geschlechterwechsel der Tiere verdeutliche die Vielzahl und Wandelbarkeit von GENDER im Tierreich (Bagemihl 1999).14 Bagemihl liefert aber keine Erläuterung seines Verständnisses von GENDER und scheint den Begriff für die Verhaltensebene zu verwenden. Joan Roughgarden verwendet in ihren Tierbeschreibungen ebenfalls den Begriff GENDER und versteht darunter “the appearance, behavior, and the life history of a sexed body”, wobei sie das Geschlecht auf die Gametengröße bezieht (Roughgarden 2004: 27). Da in der feministischen Theorieentwicklung der Begriff GENDER für sehr komplexe Konstruktionsprozesse steht und u. a. die alltagspraktische Herstellung von Geschlecht sowie Bedeutungsproduktionen auf der symbolischen Ebene einbezieht, erscheint mir seine Verwendung im Tierreich, insbesondere ohne Erläuterungen, problematisch. Bei den Clownfischen (Amphiprion ocellaris) wechseln nur Männchen das Geschlecht. Die Clownfische bewohnen als monogames Paar eine Anemone. Wird ein Weibchen entfernt, so wandelt sich das Männchen in ein Weibchen um und ein jüngeres Männchen gesellt sich hinzu (vgl. Roughgarden 2004). Der Clownfisch wurde 2003 durch den Kinofilm Findet Nemo berühmt, in dem jedoch der Geschlechterwechsel nicht beschrieben wurde, obwohl die Abenteuergeschichte von Nemo den Verlust seiner Mutter zum Ausgangspunkt hatte. Sein Vater hätte sich eigentlich zur Mutter umwandeln müssen. Im Internet findet sich allerdings auf einer Seite für Kinder die Beschreibung der Fortpflanzungsbiologie inklusive des Geschlechterwechsels. Die Erklärung lautet dort: “Diese Geschlechtsumwandlung hat einen Vorteil: Die Fische müssen ihre schützende Anemone nicht verlassen, um sich ein neues Weibchen zu suchen”.15 Der Geschlechterwechsel erfolgt in dieser Interpretation mit der Zielsetzung, eine monogame zweigeschlechtliche Fortpflanzung auf14 Zum Begriff GENDER siehe den Beitrag “De/Konstruktion von Geschlecht und Sexualität” von Smilla Ebeling in Teil II. 15 http://www.kindernetz.de/oli/tierdb/index.php?tid=114&reiter=verhalten (Letzter Zugriff: 22.02.2006).
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recht zu halten, ohne Risiken dafür eingehen zu müssen, was – ebenso wie in der Blattfischbeschreibung – eine heteronormative Perspektive verdeutlicht. Unter dem Begriff der Intersexualität bzw. des Cross-Gender beschreibt Bagemihl Tiere, die Charaktere beider Geschlechter aufweisen, sich entgegen früherer biologischer Ansichten als reproduktionsfähig erwiesen haben und heute in der Zoologie kategorisiert sind.16 So werden beispielsweise so genannte ‘maskulinisierte Weibchen’ mit inneren weiblichen und äußeren teilweise männlichen Geschlechtsorganen beschrieben, wie etwa die weiblichen Tüpfelhyänen (Crocuta crocuta), die keine Vagina dafür aber eine zum Penis vergrößerte Klitoris haben. Diese wird als ‘weiblicher Penis’ (Margulis & Sagan 1997) oder “extraordinarily pseudopenis” (Wilson 1977: 229)17 bezeichnet. Roughgarden bezeichnet die männlichen Geschlechtsorgane der Zahnwale (Cetacea) als ‘feminisiert’. So haben die männlichen Delfine und Wale keine äußerlichen Geschlechtsmerkmale, ihre Hoden liegen in der Bauchhöhle, es gibt kein Scrotum und der Penis ist in einem Genitalschlitz verborgen (vgl. Roughgarden 2004). Ein anderes Beispiel für die Intersexualität ist der Cassowary, ein australischer, flugunfähiger Vogel mit androgynen Geschlechtsorganen, die als ‘Penis-Klitoris’ bezeichnet werden könnten. Die Männchen hätten einen ‘vaginierten’ Penis ohne Samenleiter – die Samenabgabe erfolge über die Kloake –, der einen Hohlraum mit einer Öffnung an der Penisspitze habe. In diesen Hohlraum werde der Penis wie die Finger eines Gummihandschuhs zurückgezogen. Die Weibchen hätten ebenfalls einen Penis, der aufgebaut sei wie der männliche. Er sei etwas kleiner und werde als Klitoris bezeichnet. Da der männliche Penis kein Ejakulationsorgan sei, könnte er ebenfalls als Klitoris bezeichnet werden (Bagemihl 1999). So genannte ‘mosaikartige’ Tiere weisen variable Chromosomenmuster – wie etwa XXY, XXX – und damit korrespondierende Mischungen von weiblichen und männlichen Merkmalen auf. Hierzu werden die Halbseitigen-Gynandromorphe gezählt, deren eine Körperhälfte männlich und deren andere weiblich ist. Man kennt dies bei Vögeln, Rochen, Schmetterlingen und Spinnen (vgl. Remane et al. 1989).
16 Zur Intersexualität beim Menschen siehe auch den Beitrag “Geschlechtergrenzen” von Sigrid Schmitz in Teil I. 17 Wilson gibt hierzu die Volkserzählung wieder, dass die weiblichen Hyänen mit ihrem berühmten ‘Lachen’ ihre bösartige Freude über ihre Fähigkeit zum Geschlechterwechsel ausdrücken (vgl. Wilson 1977).
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2.3 Homosexualität und Transgender denied? Zusammenfassend kritisiert Bagemihl ein systematisches Übersehen, Missachten, Bagatellisieren und Verleugnen von gleichgeschlechtlichem Sexualverhalten und ‘Transgender-Phänomenen’18 in der Zoologie. Sie würden im Gegensatz zum gegengeschlechtlichen Sexualverhalten zudem negativ kommentiert. Diese Beobachtungen spiegelten eine heterozentrische und homophobe Perspektive in den biologischen Tierbeschreibungen wider. In der Hoffnung, dass Tiere ein ‘humaneres’ Modell für Sexualität liefern können, möchte Bagemihl mit seinen Informationen über den Geschlechterwechsel und gleichgeschlechtliches Sexualverhalten im Tierreich dazu beitragen, unser Denken über die Welt und die Menschen zu verändern. Insgesamt ergebe sich im Tierreich eine breite Palette sexueller Verhaltensweisen, die als Kontinuum anzusehen seien (Bagemihl 1999). Bagemihl und auch Roughgarden beschreiben beide sehr viele Beispiele von Hermaphroditen, Geschlechterwechseln und Intersexualitäten. Roughgarden dienen diese Beispiele dem Argument, dass die Binarität der Gameten nicht auf den Körper zu übertragen ist. So produzierten etwa Hermaphroditen beide Gametentypen und intersexuelle Tiere zeigten verschiedene Mischformen männlicher und weiblicher Geschlechtsorgane und Eigenschaften. Außerdem seien der ‘weibliche Penis’ der Tüpfelhyänen und die ‘feminisierten’ Geschlechtsorgane der Zahnwale nicht eine Abweichung, sondern die Norm in diesen Tiergruppen (Roughgarden 2004: 41f.). 3
Natur ist gut –Tiere sind gut – alles wird gut?
Wie in dem Beitrag “Amazonen, Jungfernzeugung, Pseudomännchen und ein feministisches Paradies” werden auch bei den Themen des Geschlechterwechsels, der Intersexualität und des gleichgeschlechtlichen Verhaltens im Tierreich sowohl Interaktionen zwischen den Geschlechterverhältnissen des Menschen und den biologischen Aussagen über Tiere als auch eine heteronormative Perspektive in der Zoologie deutlich. Die Annahmen einer naturgegebenen Vorherrschaft der Zwei- und Getrenntgeschlechtlichkeit und eines lebenslang unveränderlichen Ge18 Unter dem Begriff ‘Transgender’ fasst Bagemihl Transvestiten sowie Trans- und Intersexualität zusammen (vgl. Bagemihl 1999: 37).
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schlechts eines Organismus stellen strukturgebende Elemente der Geschlechterverhältnisse des Menschen dar. Diese Annahmen und Bewertungen fließen in Tierbeschreibungen ein und werden dabei naturalisiert. Alles, was von dieser Vorstellung abweicht, wird missachtet, ignoriert, negativ kommentiert und abgewertet. Die biologischen Beschreibungen von Geschlecht, Fortpflanzungsverhalten und Sexualität bei Tieren können wiederum der Legitimation menschlicher Geschlechterverhältnisse dienen. Ein bekanntes Beispiel für diese Argumentationsfigur ist die Erklärung und Legitimierung der ‘Seitensprünge’ von Männern, die in monogamen Beziehungsstrukturen leben. Wie die Männchen vieler Tierarten, so würden auch Männer danach streben, ihre vielen ‘billigen’ Spermien an möglichst viele Frauen zu verteilen, um ihre Fortpflanzungsrate zu steigern. Für Frauen sei es hingegen aus verhaltensökologischer Perspektive betrachtet besser, für ihre wenigen ‘teuren’ Eizellen einen ‘fitten’ Fortpflanzungspartner und einen guten Ernährer ihrer Kinder zu finden. Ist eine Eizelle einmal befruchtet, so können Frauen ihre Fortpflanzungsrate vorerst nicht durch weitere Kopulationen mit anderen Männern steigern, daher seien sie insgesamt wählerischer und auf eine feste monogame Beziehung bedacht. Gekrönt wird diese Argumentationslinie durch soziobiologische Erklärungen der Vergewaltigung, die ebenfalls vom Tierreich auf den Menschen übertragen werden und eine fließende Grenze zur Legitimation aufweisen.19 Als Stellvertreter der Natur fungieren Tiere hier als eine höhere Instanz, aus der herausgelesen wird, was richtig für den Menschen ist. Problematisch ist hierbei die Vermischung von wissenschaftlichen und ethischen DISKURSEN. Zwar wollen Biologen und Biologinnen in der Regel nur beschreiben, was in der Natur vorzufinden ist, und damit nicht vom Sein auf das Sollen schließen. Auch sehen sie die Natur als frei von moralischen Kriterien an, so dass sie der Definition von Gut und Böse enthoben ist. Gleichzeitig wird Natur jedoch oftmals als Gegebenheit geschildert, die qua ihrer Existenz ‘richtig’ ist. Natur- und Tierbeschreibungen können damit der Beschreibung von guten und schlechten Eigenschaften dienen und zur Grundlage für ethische Argumente und legitimierende Argumentationen werden. Wichtig ist, dass die ‘guten’ und ‘schlechten’ Eigenschaften und Verhaltensweisen bereits vor den Tierbeobachtungen festliegen. Dement19 Zum Thema Vergewaltigung im Tierreich siehe beispielsweise Voland (1993) und Thornhill & Palmer (2000) sowie die Kritiken daran, beispielsweise Brown Travis (2003), Coyne & Berry (2005) und Armstrong (2000).
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sprechend darf beispielsweise Homosexualität beim Menschen in der Natur gar nicht vorkommen und muss auch im Tierreich negiert werden, solange sie als schlecht angesehen wird. Das Wissen über gleichgeschlechtliches Verhalten im Tierreich scheint aber andersherum ebenfalls für die Erleichterung zu sorgen, in der Tierwelt bzw. in der Natur eine Ordnungsinstanz für die Geschlechterverhältnisse und Sexualitäten des Menschen finden zu können. So stelle ich in meinen Vorträgen über gleichgeschlechtliches Sexualverhalten, Intersexualität und Geschlechterwechsel im Tierreich immer wieder fest, dass diese Informationen zu einer leichteren Akzeptanz von Homosexualität und Transgender beim Menschen führen. Diese Reaktion mag auch eine Freude darüber sein, dass es im Tierreich offensichtlich bunter zugeht, als allgemein angenommen. Ebenso wie im Fall der Heterosexualität findet sich hier eine argumentative Zirkelbewegung von anthropomorphen Tierbeschreibungen und ihren erklärenden bzw. legitimierenden Funktionen für die Verhältnisse des Menschen, wobei die Vorstellungen von Homo-, Inter- und Transsexualität ebenfalls naturalisiert werden.20 In diesem Beitrag sollte deutlich geworden sein, dass auch biologiekritische Autoren und Autorinnen ihre Analysen biologischer Tierbeschreibungen im Kontext ihrer gesellschaftlichen und politischen Perspektiven vornehmen.21 Dabei nutzen sie zum einen die Beschreibungen und Bekanntmachung des gleichgeschlechtlichen Sexualverhaltens, der Intersexualität und des Geschlechterwechsels bei Tieren für die Erklärung, Akzeptanz und Legitimation von Homo-, Hetero- und Transsexualität. Zum anderen bringen sie das normative herkömmliche Konzept der Zweigeschlechtlichkeit in der Zoologie ins Wanken und unterwandern seine Funktionalisierung als natürliche Grundlage menschlicher Sexualitäten und Geschlechterverhältnisse. Wegen dieser – aus meiner Sicht – positiven Wirkungen halte ich Bagemihls und Roughgardens kritische Aufarbeitungen der biologischen heterozentrischen Geschlechter- und Sexualitätsbeschreibungen für sehr wichtig. Allerdings ist aus ihren Studien nicht zu schließen, dass Homo-, Hetero- und Transsexualität im Tierreich vorkommen. Diese Argumentation würde den Zirkelschluss 20 Zu solchen und weiteren Argumentationslogiken zur NATURALISIERUNG siehe den Beitrag “Tierisch menschlich” von Smilla Ebeling, Sigrid Schmitz und Robin Bauer in Teil II. 21 Eine detaillierte Auseinandersetzung mit Verwobenheit von Tier- bzw. Naturdeutungen und den Verhältnissen des Menschen liefert Donna Haraway (1989; 1995a; 1995b).
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der NATURALISIERUNG menschlicher Geschlechterverhältnisse und ihrer Legitimation durch Tierbeschreibungen nicht durchbrechen, sondern unkritisch wiederholen, wie in Bagemihls Vorstellung eines ‘humaneren Modells’ für Sexualitäten besonders deutlich wird. Ihre Studien verdeutlichen vielmehr, dass Tierbeschreibungen immer auch ein Spiegel der Gesellschaft sind, und dass mit Biologie Geschlechterpolitik betrieben wird. Das gilt ebenso für meinen Beitrag. Ich verstehe mich nicht als unbeteiligte Beobachterin, sondern als feministische Wissenschaftsforscherin, die ihren kulturellen und politischen Hintergrund in ihre Arbeit mit einbringt. Dabei mische ich mich in die biologischen Deutungen tierischen Verhaltens ein und liefere denjenigen, die auf das Tierreich bzw. auf ‘die Natur’ rekurrieren, um die Verhältnisse des Menschen zu legitimieren, von der HETERONORMATIVITÄT abweichende Erzählungen über Tiere. Vorläufig plädiere ich dafür, zoologische Tierbeschreibungen für die Aushandlung gesellschaftlicher und politischer Verhältnisse zu nutzen und selbst mittels Biologie Geschlechterpolitik zu betreiben. Dabei halte ich es für unerlässlich, die Übertragungen zwischen Mensch und Tier kritisch zu reflektieren und sich bewusst zu machen, dass es immer riskant bleiben wird, sich auf Tiere als erklärende und legitimierende ‘natürliche’ Grundlage für die Verhältnisse des Menschen zu beziehen. Tierdarstellungen bleiben Interpretationen von Beobachtenden, die sehr variabel sein können. Zusammenfassend sollten am Beispiel von Fortpflanzung, Sexualverhalten und Geschlecht Wechselwirkungen zwischen Biologie und Gesellschaft aufgezeigt werden. Dieser Aspekt ist in wissenschaftstheoretischer Hinsicht interessant und wirft ein Licht auf die Mechanismen der biologischen Wissensproduktion.22 Bezüglich der Inhalte biologischer Tierbeschreibungen wurden heteronormative Strukturen deutlich. Gleichzeitig leistet dieser Artikel einen Beitrag zu einer der zentralen Fragen der QUEER THEORY, nämlich wie Sexualität naturalisiert und reguliert wird. Er stützt eine ihrer zentralen Zielsetzungen, über die dualistische Konzeption von Hetero- und Homosexualität hinauszugehen und auch Homogenitäten innerhalb gleichgeschlechtlichen Verhaltens zu überwinden und eine Vielfalt an Sexualitäten zu eröffnen.
22 Siehe hierzu auch den Beitrag “Grundlagen der Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsforschung” von Robin Bauer in Teil II.
Alles so schön bunt
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Amazonen, Jungfernzeugung, Pseudomännchen und ein feministisches Paradies. Metaphern in evolutionsbiologischen Fortpflanzungstheorien Smilla Ebeling
In der Evolutionsbiologie werden verschiedene Fortpflanzungsformen aus einer ökonomischen Perspektive diskutiert, wobei die Kosten und Nutzen von zwei-, ein- und ungeschlechtlichen Fortpflanzungsformen gegeneinander abgewogen werden. Ich konzentriere mich in diesem Beitrag auf die so genannte Parthenogenese (Jungfernzeugung) im Tierreich. Dabei zeige ich mit Hilfe einer Metaphernanalyse1 auf, wie die Geschlechterverhältnisse des Menschen in die evolutionsbiologischen Theorien über Parthenogenese und in diesem Zusammenhang über ‘reine Weibchenarten’ eingehen. Die biologischen Aussagen über diese Fortpflanzungsformen sind für die Geschlechterverhältnisse westlicher industrialisierter Gesellschaften von Bedeutung, da sie auf diese wirken und gerne als Legitimationsgrundlage für die asymmetrischen Geschlechter- und Machtverhältnisse herangezogen werden. Dieser Beitrag untersucht damit einen biologischen DISKURS und bewegt sich auf der Ebene SCIENCE OF GENDER. Es werden aber auch soziokulturelle Vorannahmen über die Geschlechter und heteronormative Perspektiven aufgezeigt, die in die Biologie einfließen, so dass es ebenfalls um die Ebene GENDER IN SCIENCE geht.2 1
Eingeschlechtliche Fortpflanzung und Macht
In der abendländischen Kultur sind Fortpflanzung und Macht miteinander verbunden. So ist diese Koppelung etwa in Texten der Mythenforschung, Ethnologie, Psychologie, Geschichtsschreibung und modernen 1 Zur Metaphernanalyse siehe den Beitrag “Methodenauswahl der geschlechterperspektivischen Naturwissenschaftsanalyse” von Smilla Ebeling, Jennifer Jäckel, Ruth Meßmer, Katrin Nikoleyczik und Sigrid Schmitz in Teil II. 2 Zu den Analyseebenen der Geschlechterforschung siehe “Geschlechterforschung und Naturwissenschaften” von Sigrid Schmitz und Smilla Ebeling.
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Reproduktionsmedizin zu finden. Für die kritische Analyse der evolutionsbiologischen Fortpflanzungstheorien ist interessant, dass dabei demjenigen Geschlecht, das den jeweiligen Theorien oder Vorstellungen nach zur alleinigen Fortpflanzung fähig ist, eine sozial und politisch machtvollere Stellung zugewiesen wird als dem jeweils anderen Geschlecht. Die Fähigkeit zur alleinigen Fortpflanzung eines Geschlechts und die damit verbundene Vorherrschaft dieses Geschlechts über Jahrtausende scheint jedoch keine vollständig etablierte und feststehende gesellschaftliche Struktur darzustellen, sondern wird durch kontinuierliche diskursive Aushandlungs- und Verfestigungsprozesse aufrecht erhalten oder verändert (Ebeling 2002).3 Neben der Hauptargumentationsfigur, einem Geschlecht die wichtigste Funktion in der Fortpflanzung oder eine alleinige Fortpflanzungskraft zuzuschreiben, kommen weitere argumentative Gemeinsamkeiten innerhalb der diskursiven Auseinandersetzungen um eine alleinige Fortpflanzung vor. So sind in allen Texten die Aussagen zu finden, dass Schwangerschaft und Gebären nicht nur als biologische Eigenschaft, sondern allgemein als weibliche Fähigkeit und Macht angesehen werden, und dass Männer wegen dieser alleinigen Gebärfähigkeit Angst vor Frauen hätten und/oder sie beneiden würden. Ferner wird deutlich, dass Frauen ihre Gebärfähigkeit und auch die Parthenogenese vielfach als machtvolle Fähigkeit bewerten. In Beschreibungen der Schöpfungsmythen etwa, insbesondere in Berichten über die Große Göttin, scheint die Frage nach dem eingeschlechtlichen Ursprung der Menschheit ausschlaggebend für die Höherwertigkeit eines Geschlechts zu sein. Für so genannte ‘ursprüngliche Kulturen’ wird geschildert, dass sowohl die angenommene alleinige Fortpflanzungskraft von Frauen als auch die geschlechtsspezifischen körperlichen Merkmale als machtvolle Eigenschaften angesehen werden, die Ehrfurcht und Ängste verursachen können (vgl. Badinter 1988, Bettelheim 1982, Lederer 1970). Die Texte über die Menschheitsgeschichte stellen einen männlichen Gebärneid und Gebärwunsch als durchgängiges Element dar. Er begann demnach mit der Ablösung der Verehrung der Großen Göttin und der als Wunder verehrten Parthenogenten. Der Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat sei von Versuchen der Aneignung der Gebärfähigkeit und der 3 Zum DISKURS um Geschlechterverhältnisse und Machtstrukturen siehe auch die Beiträge “De/Konstruktion von Geschlecht und Sexualität” von Smilla Ebeling und “Grundlagen der Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsforschung” von Robin Bauer in Teil II.
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Umdeutung einer weiblichen in eine männliche Zeugungskraft begleitet worden (Badinter 1988, Göttner-Abendroth 1989, 1990, Lederer 1970). In männlichen Schöpfungsmythen finden sich entsprechende Vorstellungen von eingeschlechtlichen männlichen Zeugungsvorgängen, wie zum Beispiel in der griechischen Mythologie. Hier gebiert der Gott Zeus seine Tochter Athene aus seinem Kopf und seinen Sohn Dionysos aus seinem Oberschenkel. Aphrodite entstand allein aus den ins Meer gefallenen Genitalien des Uranos (vgl. Badinter 1988 und Kerényi 1996). Im Christentum wird die Gebärfähigkeit des Mannes durch die Darstellungen der Rippengeburt und der Taufe symbolisch angeeignet. Wird Eva in der Schöpfungslehre des Christentums zunächst von Gott erschaffen, indem er dem schlafenden Adam eine Rippe entnahm und aus ihr Eva formte, so wird sie in späteren bildlichen Darstellungen direkt aus Adams Körper herausgezogen, womit die Schöpfung Evas zur Geburt und Adam zum Gebärenden wurde (vgl. Zapperi 1984). Die Idee der “Zeugungsmacht: Der Gott-Vater” (Badinter 1988: 91) zeigt sich ebenfalls in der Entwicklung und Kanonisierung der christlichen Glaubenslehren. So wurde über Jahrhunderte hinweg um die Legitimation der ‘Gewalt über Kinder’ gestritten. Letztendlich ging es immer darum, “zu entscheiden, wer dem Kind zu befehlen habe, und dazu musste man wissen, wessen Werk es war. Die Geburt durch den Mann war also ein Mittel der symbolischen Darstellung, in welcher die natürliche Zeugungsordnung auf den Kopf gestellt wurde, um sie mit den tatsächlichen Herrschaftsverhältnissen in Einklang bringen zu können.” (Zapperi 1984: 22).
Auch die Auffassung der christlichen Kirche als die ‘Mutter aller Menschen’ hat Konsequenzen für die Symbolik, denn der Vater gebiert nicht nur, sondern er kann auch säugen: “Denn für jene, die das Wort einsaugen, wird des Vaters Brust genügend Milch bereithalten” (Corea 1988: 260). Die Etablierung der monogamen (christlichen) Familienstruktur baut ebenfalls auf den Vorstellungen unterschiedlicher geschlechtsspezifischer Beiträge zur Fortpflanzung auf, d. h. dem männlichen Geschlecht wird aufgrund eines angenommenen höheren Fortpflanzungsbeitrags eine Vormachtstellung in der Familie zugeschrieben (vgl. Sonnleitner 1988). Die Machtpositionen und die Würde der Geschlechter wird – wie in den frühen Hochkulturen – in enger Beziehung zu ihrem jeweiligen Fortpflanzungsvermögen gesehen. Frühe wissenschaftliche Theorien über die Geschlechter und über die Fortpflanzung weisen die Frage nach dem höheren Fortpflanzungsanteil
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eines Geschlechts über Jahrtausende als ein zentrales Element auf. Mit der Entwicklung der modernen Naturwissenschaften wurden die sozialen Geschlechterverhältnisse aus den ‘Fakten’ der Biologie bzw. aus der ‘Natur der Geschlechter’ abgeleitet, wobei letztere eine ‘natürliche’ Hierarchie der Geschlechter begründen sollten. In den Darstellungen einer alleinigen männlichen Fortpflanzungskraft wird die männliche Überlegenheit aus einer kosmischen Weltordnung abgeleitet und mit einer biologischen Begründung verbunden, denn auch hier bestimmen physiologische Faktoren, wie beispielsweise die angenommenen unterschiedlichen Hitzegrade von Männern und Frauen bei Aristoteles oder Galen, die gesellschaftlichen Stellungen der Geschlechter (vgl. Jahn 1998, Laqueur 1992, Tuana 1988). Anatomische Untersuchungsergebnisse sowie die ‘Entdeckungen’ von Eizelle und Spermium setzen im 18. Jahrhundert den untersuchten Texten zufolge in der modernen Wissenschaft die Argumentationslinie eines biologischen Determinismus fort. “Der als Erzeuger anerkannte Vater führte die väterliche Abstammung ein >...@ Die Allmacht des Vaters trat an die Stelle der Allmacht der Mutter. Die Zeugungsmacht liegt jetzt vor allem bei ihm.” (Badinter 1988: 91). Die Idee rein männlicher Fortpflanzungsweisen findet sich schließlich in den modernen Reproduktionstechnologien wieder: “Und sollten die Reproduktionsingenieure die künstliche Gebärmutter entwickeln, wären die Frauen sogar völlig ersetzbar. Dann wäre der uralte Traum der Männer vom Selbstgebären Wirklichkeit.”4 Auch formulieren Reproduktionsmediziner angesichts der Parthenogenese beim Menschen – ähnlich den Schilderungen der frühen Hochkulturen und der klassischen Griechen – eine Angst vor einer alleinigen weiblichen Fortpflanzungskraft. So schrieb beispielsweise Roderic Gomey: “The emotional consequences alone are cause enough for concern. What happens to the already flagging self-esteem of men when they are further deflated by also being made genetically superfluous? >...@ through parthenogenesis women with this makeup would be quite able to reproduce and pass on to their daughters an ever-mounting disdain for men that in several generations could lead to establishment of matriarchy, with eventual demand for separate statehood” (Gomey 1973: 221).
Zusammenfassend wird sowohl in den Beschreibungen weiblicher Fortpflanzungskraft als auch in denen männlicher Zeugungsmacht eine Verbindung von Lebensschaffung und Macht bzw. von Fortpflanzung und 4 Die Grünen im Wahlkampf 1987, zitiert nach Günther Hirsch 1987: 269.
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Macht formuliert, wobei die Frage nach der Gebärfähigkeit oder Zeugungskraft eine strukturierende Wirkung auf die Gestaltung der Geschlechterrollen und geschlechtsspezifischer gesellschaftlicher Machtpositionen aufweist. Die Begründung einer Überlegenheit oder einer bedeutenderen Rolle eines Geschlechts erfolgt in beiden Fällen über die angenommene alleinige Fortpflanzungskraft oder einen angenommenen höheren Anteil an der Fortpflanzung. In den Beschreibungen der männlichen Zeugungsmythen sowie der modernen Naturwissenschaften, der Fortpflanzungslehren antiker Theoretiker, der monogamen (christlichen) Familienstruktur und der psychologischen Theorien wird eine Ablösung einer angenommenen eingeschlechtlichen Fortpflanzung von Frauen durch männliche Schöpfungsmythen bzw. durch einen angenommen höheren Fortpflanzungsbeitrag von Männern formuliert. Die Texte der Mythenforschung, Ethnologie, Psychologie, Geschichtsschreibung und modernen Reproduktionsmedizin geben diesen Umdeutungsprozess der alleinigen Fortpflanzungsfähigkeit eines Geschlechts wieder. Die beschriebene Koppelung von Fortpflanzung und Macht stellt einen soziokulturellen Kontext der evolutionsbiologischen Fortpflanzungstheorien dar und lässt den Stellenwert von Parthenogenese für den Menschen aufscheinen. Für die Analyse des evolutionsbiologischen Fortpflanzungsdiskurses ergibt sich folgendes Bild: Da Fortpflanzung an Macht gekoppelt ist und die alleinige Fortpflanzung eines Geschlechts ein wichtiges Element für die Konstituierung einer besonders machtvollen Position ausmacht, sollten die in der Biologie beschriebenen und unter dem Begriff ‘Parthenogenese’ zusammengefassten eingeschlechtlichen Fortpflanzungsformen ein besonders geeignetes Aushandlungsfeld von Machtverhältnissen darstellen. 2
Metaphern in der Biologie als Elemente der Wissensproduktion
Meine Darstellung beruht auf einer Metaphernanalyse evolutionsbiologischer Texte. Die Fülle von unterschiedlichen Theorien über Metaphern wird in dem Beitrag “Methodenauswahl der geschlechterperspektivischen Naturwissenschaftsanalyse” von Smilla Ebeling, Jennifer Jäckel, Ruth Meßmer, Katrin Nikoleyczik und Sigrid Schmitz im Teil II dieses Buches erörtert. In Anlehnung an die dort erläuterte Interaktionstheorie gehe ich nicht davon aus, dass ein Gegenstand eine Bedeutung trägt,
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sondern dass er die Bedeutung erst in einem Sprachprozess erhält. Ebenso wenig überträgt eine Metapher eine Bedeutung von einem Gegenstand auf einen anderen. Vielmehr werden Bedeutungen während der Entstehung und Verwendung von Metaphern gebildet. Der Sinn einer Metapher entsteht in der Zusammenführung von Ähnlichkeiten und Gegensätzen oder einer Koppelung verschiedener Assoziationen. Eine Metapher stellt damit eine Konstruktionsleistung bzw. ein Ergebnis von Interpretationsprozessen dar. Die Konstruktionsprozesse sind komplex und erfolgen auf unterschiedlichen Ebenen. So werden beispielsweise Analogien meist nicht von der Natur vorgegeben, sondern unsere Vorstellungen über die Welt und unsere Hypothesen werden durch metaphorische Analogiesetzungen erst in die Natur hineingelesen. Vor diesem Hintergrund möchte ich klar stellen, dass ich mit meiner Metaphernanalyse nicht den Vorwurf der ‘Unwissenschaftlichkeit’ an die Evolutionsbiologie erhebe, und dass es nicht mein Ziel ist, ‘gute’ von ‘schlechter’ Wissenschaft zu trennen. Aus einer sozial-konstruktivistischen erkenntnistheoretischen Perspektive heraus möchte ich vielmehr Mechanismen biologischer Wissensproduktion analysieren. Metaphern haben meinem Verständnis nach vielfältige Funktionen in der Wissensproduktion. Sie können beispielsweise als Übersetzungseinheiten von sozialen Strukturen auf die Wissensproduktion dienen, die Ansichten über einen Gegenstand neu organisieren, neue Perspektiven herstellen und neue Fragen aufwerfen (vgl. Maasen & Weingart 1995). Mit einer Metaphernanalyse könne daher auch aufgezeigt werden, wie Interessen, Kosmologien und Weltsichten in wissenschaftliches Wissen einfließen. Erfolgt der Transfer von einer Wissenschaft in nicht-wissenschaftliche DISKURSE, so könnten Metaphern Unumstößlichkeiten suggerieren und dabei zur Erzeugung bzw. zum Missbrauch wissenschaftlicher Autorität verwendet werden. Sie hätten dann keine illustrative Funktion, sondern dienten der Normsetzung. Mich interessiert, wie Metaphern in der Biologie DISKURSE über die Geschlechterverhältnisse westlicher industrialisierter Gesellschaften mit evolutionsbiologischen Fortpflanzungstheorien verbinden und interagieren lassen und wie dabei Bedeutungen produziert werden.5 Dabei fokussiere ich den Einfluss ‘nicht-biologischer’ Assoziationen auf ‘biologische’ 5 Zur Diskursanalyse siehe den Beitrag “Methodenauswahl der geschlechterperspektivischen Naturwissenschaftsanalyse” von Smilla Ebeling, Jennifer Jäckel, Ruth Meßmer, Katrin Nikoleyczik und Sigrid Schmitz in Teil II.
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indem ich etwa frage, wie die Geschlechterverhältnisse in den evolutionsbiologischen Fortpflanzungsdiskurs integriert werden, ob das Geschlecht eine Ordnungsstruktur der evolutionsbiologischen Aussagen und damit einen wirkmächtigen Faktor der evolutionsbiologischen Wissensproduktion darstellt, wie die Geschlechterverhältnisse die Wahrnehmung biologischer Untersuchungsgegenstände strukturieren und welche Normalisierungsprozesse in Hinblick auf die Fortpflanzungsformen vorliegen. 3
Parthenogenese im Tierreich – ja oder nein?
Das Wort ‘Parthenogenese’ stammt aus dem Griechischen und heißt wörtlich übersetzt ‘Jungfernzeugung’. Allgemein werden unter dem Begriff der Parthenogenese Fortpflanzungsformen zusammengefasst, in denen Eizellen ohne Befruchtung durch Samenzellen zur Entwicklung gelangen. Einige Parthenogeneseformen werde ich in den nachfolgenden Tier- und Metaphernbeschreibungen darstellen.6 3.1 Jungfernzeugung Der biologische Fachbegriff der Parthenogenese oder Jungfernzeugung ist selbst metaphorisch. Passend zu diesem Bildfeld sind in evolutionsbiologischen Texten Metaphern wie Zölibat, Keuschheit, jungfräuliche Geburt, Jungfern und unbefleckte Empfängnis zu finden. Über einen Sackfalter heißt es beispielsweise in einem populärwissenschaftlichen Text: “Die Jungfer heißt Solenobia >...@ Als Imago ist sie flügellos und harrt keusch und züchtig in ihrem Gehäuse aus wie eine Nonne in ihrem Kloster. Dort legt sie ihre Eier ab und stirbt als Jungfrau, ohne es je verlassen und sich je gepaart zu haben.” (Forsyth 1987: 213).
In wissenschaftlichen Texten werden die Weibchen der parthenogenetischen Fischart Poecilia formosa häufig als ‘jungfräuliche Weibchen’ bezeichnet (Schlupp 1995: 1996). Diese Metaphern verknüpfen die Fort6 Eine umfassende Darstellung der verschiedenen Parthenogeneseformen liefert Ebeling (2002).
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pflanzungsformen von Tieren z. B. mit der unbefleckten Empfängnis Marias. Weibliche Insekten, Rädertiere und Fische, deren Eizellen sich ohne Befruchtung entwickeln, werden als unberührt, rein und unschuldig assoziiert. Dies ist nur eine Interpretationsvariante der Parthenogenese-Metaphorik und bezieht sich auf die Verknüpfung des Fortpflanzungsverhaltens von Tieren mit der christlichen Vorstellung eines Gottes, der seinen Geist durch Maria weitergibt, die selbst nur als Gefäß und Nährmaterial für Gottes Sohn dient. In dieser Verknüpfung der Parthenogenese mit der unbefleckten Empfängnis Marias erscheint die biologisch als rein weiblich geltende Fortpflanzungsform als rein männliche Fortpflanzung, denn nur der Geist Gottes pflanzt sich fort. Die rein weibliche ist hier eigentlich eine männliche Fortpflanzung. Dieser Prozess kann als eine Aushandlung um die alleinige Fortpflanzungskraft eines Geschlechts angesehen werden, wie er sich auch in dem kulturhistorischen Kontext der Verknüpfung von Fortpflanzung und Macht (s. o.) schon zeigte. Die Metaphern dieses Bildfeldes implizieren außerdem, dass die Parthenogenten als etwas skizziert werden, das es eigentlich nicht gibt, denn die Parthenogeneseformen stellen in Verbindung mit den christlichen Lehren eine Glaubensfrage dar und stehen damit außerhalb wissenschaftlicher Fragen. 3.2 Evolutionsbiologisch erfolgreiche Parthenogenten – ein Skandal Die Bdelloidea sind eine Untergruppe der Rotatoria – auch Rotifera genannt. Es sind mikroskopisch kleine Organismen, die in Gewässern und feuchten Habitaten wie Moos- und Flechtenlagern leben. Die rein parthenogenetische Gruppe der Bdelloidea wird auf ein Alter von mehreren Millionen Jahren geschätzt. In ihr wurden bisher keine Männchen gefunden. Von dem Evolutionsbiologen John Maynard Smith werden sie wegen ihres hohen Alters als ‘evolutionärer Skandal’ bezeichnet (vgl. Smith 1986). Diese Metaphorik ist das Ergebnis eines weitergeführten Metaphernfadens, denn Smith prägte zunächst die Metapher der ‘evolutionären Sackgasse’ und verknüpfte dabei Assoziationen des Verkehrswesens mit evolutionären Prozessen, um die angenommenen Nachteile der Parthenogenese zu veranschaulichen. Dieser Metapher zufolge können Parthenogenten nicht lange existieren, weil ihre genetische Variabilität zu
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gering bleibe und eine anhaltende Weiterentwicklung in einer Sackgasse unmöglich sei. Allein eine Umkehr könne aus der Sackgasse heraus führen, was wiederum mit evolutionsbiologischen Theorien schwer vereinbar ist, so dass nur ein Stillstand am Ende der Sackgasse und damit ein evolutionäres Ende assoziiert werden kann. Die Metapher der ‘evolutionären Sackgasse’ beschreibt zwar das Aussterben vieler, relativ junger parthenogenetischer Tierarten, sie wird aber nicht von der Natur bzw. von dem gegenwärtigen Wissenstand der Biologie vorgegeben und schließt die in biologischen Studien beschriebenen variationsreichen parthenogenetischen Tierarten hohen Alters aus. Dass Parthenogenese zum schnellen Aussterben einer Art führt – also eine ‘evolutionäre Sackgasse’ darstellt –, ist demnach nicht von der Natur vorgegeben, sondern eine Hypothese, die in die Natur hineingelesen wird. Den evolutionsbiologischen Grundannahmen zufolge darf es längerfristig existierende Parthenogenten eigentlich nicht geben. Existieren sie wie die Bdelloidea trotzdem, so werden sie, wie es die immanente Metaphernlogik der ‘evolutionären Sackgasse’ vorgibt, zum Skandal erklärt. 3.3 Amazonen – eine Gefahr für Männchen Poecilia formosa wird ebenfalls als eine so genannte ‘reine Weibchenart’ angesehen, d. h. es wurden bisher keine Männchen gefunden, weswegen angenommen wird, dass keine Männchen existieren. Sie ist eine lebendgebärende Fischart, die sich gynogenetisch fortpflanzt, d. h. ihre Eizellen entwickeln sich nur nach der Initiierung der Eizellenteilung durch Spermien. Eine Verschmelzung von Eizelle und Spermium bleibt jedoch aus, so dass die spermalen Erbanlagen nicht in die Nachkommen übergehen. Die Spermien erhalten die Poecilia formosa-Weibchen, indem sie mit artfremden, nahverwandten Männchen kopulieren. Poecilia formosa kommt in Texas und Mexiko vor und lebt sympatrisch, d. h. im selben Biotop mit Poecilia mexicana oder Poecilia latipinna. Smith sieht Poecilia formosa als ein Beispiel für eine Verdrängung zweigeschlechtlicher Arten durch Parthenogenten an (vgl. Smith 1992). Der deutsche Trivialname von Poecilia formosa lautet ‘Amazonenkärpfling’. In der Amazonen-Metapher werden die Fisch-Weibchen mit den Amazonen der griechischen Mythologie assoziiert. Die griechischen Amazonen gelten als die Feinde der Griechen, die kriegerisch und unab-
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hängig von Männern lebten, Männer sogar ablehnten: “Amazonen negieren den Mann, vernichten die männliche Frucht, gestehen der Aktivität in Männergestalt keinen Sonderstatus zu, resorbieren sie, leben sie selber aus” (Sir Galahad 1987: 299f). Interessant ist auch, dass im AmanzonenMythos die Frage nach der alleinigen Fortpflanzungsfähigkeit in Verbindung mit einem Kampf um Vorherrschaft thematisiert wird: “Beim Amazonenkampf aber ging es darum, welche der beiden lebendigen Urformen, aus denen das Werden hervorbricht, hier auf europäischem Boden sein Weltbild prägen dürfe. Die Menschheit sieht sich gespalten >...@ in ‘Söhne’ und ‘Töchter’, und sie schmettern ihr reines ‘Ja’ und ‘Nein’ erschütternd gegeneinander.” (Sir Galahad 1987: 304).
Entsprechend dieser Sagen werden auch die Fischweibchen als bedrohlich für artfremde Männchen geschildert. Sie schaden den artfremden Männchen, indem sie beispielsweise die Männchen zu Kopulationen anregen, die Samen der Männchen ‘klauen’7, ohne dass die Männchen ihre Erbanlagen weitergeben könnten und die Männchen gleichzeitig von der Fortpflanzung mit ihren arteigenen Weibchen abhalten (vgl. Schlupp 1995). Die Poecilia formosa-Weibchen werden damit negativ bewertet, was auf die Fragestellungen und experimentellen Designs der biologischen Forschungsarbeiten wirkt (vgl. Ebeling 2002). In einer verhaltensökologischen Studie über Poecilia formosa des Verhaltensbiologen Ingo Schlupp wird zum Beispiel eine strukturierende Wirkung der AmazonenMetapher deutlich: Sie wird dort zwar nicht oft verwendet, doch der Trivialname Amazonenkärpfling wird einleitend mit dem Verweis auf seinen Ursprung genannt: “Der englische bzw. deutsche Trivialname von P. formosa, Amazon Molly (Meffe 1989) bzw. Amazonenkärpfling bezieht sich auf den Stamm rein weiblicher Kriegerinnen der griechischen Mythologie” (Schlupp 1995: 10). Auch das Fortpflanzungssystem der Gynogenese wird einleitend erklärt. In einigen Aspekten zeigen sich Parallelen zwischen dem beschriebenen Fortpflanzungsverhalten der Poecilia formosa-Weibchen und dem Mythos der männerfeindlichen und kriegerischen Amazonen, die auf eine Verknüpfung sozialer und kultureller Kriterien mit den biologischen Beschreibungen der Fische hinweisen und sie plausibel machen. So geht der Autor angesichts des angenommenen aggressi7 So wurde beispielsweise vorgeschlagen, “hinter den Genusnamen die Abkürzung ‘kl’ für das Wort ‘klepton’ einzufügen, um die Einzigartigkeit von Organismen, die Keimzellen ‘stehlen’, zu verdeutlichen” (Schlupp 1995: 113).
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ven und schädigenden Charakters der Poecilia formosa-Weibchen für die artfremden Männchen von der Beziehungsform eines Parasitismus aus und stellt fest: “Eine der ersten Fragen, die sich stellt, ist, warum Männchen der sexuellen Arten überhaupt mit P. formosa Weibchen kopulieren” (Schlupp 1995: 113). Er fragt weiter, ob die Männchen arteigene und artfremde Weibchen nicht unterscheiden können. Doch Wahlversuche hätten ergeben, dass die Männchen ein gutes Diskriminationsvermögen besäßen, was darauf hindeute, dass sie einen Vorteil aus den vermeintlich ‘falschen’ Kopulationen mit den Poecilia formosa-Weibchen erzielen könnten. Schließlich wird die These des interspezifischen ‘mate copying’ für diese Fischarten überprüft. Demnach erwirkten die Männchen unter den arteigenen Weibchen eine höhere Kopulationsrate und damit eine höhere Reproduktionsrate, da die arteigenen Weibchen die Kopulationen mit den Poecilia formosa-Weibchen beobachten und nachahmen würden. Im Ergebnis wird festgehalten, dass kein Parasitismus sondern ein Mutualismus vorliege, d. h. eine Beziehung zwischen artverschiedenen Individuen mit wechselseitigem Nutzen (Schlupp 1995). Zusammenfassend ergibt sich folgende Situation: Zum einen wird die Notwendigkeit der Weibchen zur Kopulation mit artfremden Männchen vielfach benannt. Zum anderen ist unter verhaltensökologischen Aspekten ein Eigennutz für die Kopulationen der artfremden Männchen anzunehmen, so dass sowohl für die Weibchen als auch für die Männchen ein Vorteil aus den Kopulationen zu erwarten ist. Doch am Anfang seiner Darstellungen führt Schlupp (1995) mit der Metapher der Amazonen ein Bildfeld ein, in dem ‘männchenlose’ Weibchen mit ihrem aggressiven Fortpflanzungsverhalten andere Arten, insbesondere deren Männchen, schädigen. Die Weibchen erscheinen den Amazonen des griechischen Mythos entsprechend zunächst als ‘sexuelle Parasiten’ (Bell 1982: 39) und die artfremden Männchen als ihre Wirte. Ein unter verhaltensökologischen Kriterien zu erwartender Nutzen für die artfremden Männchen sowie mögliche Kosten durch die Kopulationen für die Poecilia formosa-Weibchen werden hingegen ohne Untersuchungen ausgeschlossen. Am Ende wird die These des ‘mate copying’ und des Mutualismus zur erstaunlichen Neuheit, was nicht im verhaltensökologischen Kontext, wohl aber innerhalb der Anwendungslogik der Amazonen-Metapher überraschend ist. In dem Bildfeld der Amazonen werden Assoziationen rein weiblicher Tiergruppen mit Vorstellungen von Frauengesellschaften verknüpft, die für ihre Fortpflanzung ‘fremde’ Männer bzw. artfremde
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Männchen benötigen. Das aktive Paarungsverhalten der Poecilia formosaWeibchen – als aggressiv und schädigend angesehen – entspricht den Geschlechterverhältnissen westlicher industrialisierter Gesellschaften insofern, als dass eine aktive Sexualität von Frauen als aggressiv gilt und mit anderen negativen Eigenschaften konnotiert wird. Die Beziehungsstruktur des Parasitismus skizziert die Männchen als Opfer der Poecilia formosa-Weibchen, wobei der Nutzen der Männchen zunächst nicht ins Blickfeld gelangt. Die Weibchen erscheinen hingegen als Täterinnen, deren mögliche Kosten übersehen werden. Inhaltlich impliziert der Amazonen-Mythos ebenso wie die Metapher der evolutionären Sackgasse ein frühes Aussterben der Fische, nämlich dass die Poecilia formosa-Weibchen ebenso wie das besiegte Volk der Amazonen aussterben werden. Es wird sie also nicht lange geben. Die Verknüpfung mit einem Mythos erfolgt meines Erachtens aus einem in den Naturwissenschaften auch heute verbreiteten traditionellen Verständnis von Mythen, dem zufolge ein Mythos als Aberglaube und Fiktion einer wissenschaftlichen Rationalität gegenübergestellt wird. Wie im Fall der Parthenogenese selbst, stehen die Amazonenkärpflinge damit außerhalb wissenschaftlicher Bereiche. Auch hier gibt es also den Subtext, dass es Parthenogenten eigentlich gar nicht gibt. 3.4 Parthenogenten im feministischen Paradies und die Angst der Männer Die Poecilia formosa-Weibchen und die Bdelloidea werden gerne mit der Frauenbewegung und dem Feminismus in Verbindung gebracht. So heißt es über die bdelloiden Rädertiere, sie repräsentierten mit ihrem männchenlosen Leben eine ‘Antwort auf die Befreiungsbewegungen der Frauen’. In gleicher Weise hätte die reine Weibchenart Poecilia formosa dem ‘Geschlechterkampf ein Ende gesetzt’; die Weibchen würden in einem ‘feministischen Paradies’ leben (vgl. Margulis & Sagan 1997, Glaubrecht 1998, Miersch 1999). In diesen Metaphern wird nicht nur die Fortpflanzung der Weibchen in den Kontext der Frauenbewegungen gestellt, wobei die Weibchen je nach Meinung der Leser/innen über die Frauenbewegung und über den Feminismus negativ oder positiv konnotiert werden. Vielmehr wird gleichzeitig die Abschaffung der Männer als Ziel des Geschlechterkampfs bzw. der Frauenbewegung formuliert, denn wie auch in der Metapher des feministischen Paradieses wird hier impliziert,
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dass Frauenrechtler/innen und Feministinnen ein Leben ohne Männer anstreben. In diesen Metaphern finden sich also mehrfache Bedeutungsproduktionen, die Aussagen sowohl über die reinen Weibchenarten als auch über menschliche Geschlechterverhältnisse beinhalten. Sie sind ein gutes Beispiel dafür, wie durch einen metaphorischen Sprachgebrauch Interaktionen gesellschaftlicher und wissenschaftlicher DISKURSE erfolgen und wie dabei antagonistische Geschlechterverhältnisse naturalisiert und zugleich gestärkt werden.8 Außerdem ist die Verknüpfung von Parthenogenese mit einer Welt ohne Männchen bzw. ohne Männer in vielfältiger Weise in biologischen Texten vorhanden. In dem folgenden Zitat wird dieser Aspekt sechsmal benannt und damit stark betont: “Und wieder sind alle Nachkommen weiblich. Die Männchen fehlen. Sie sind überflüssig - die Eier entwickeln sich ohne sie; Parthenogenese ist die Regel. Wie es kommt, daß sich die Eier der Daphnia von selbst, ohne die Hilfe von Spermatozoen, zu entwickeln vermögen, geht, soweit ich sehen kann, heute noch über unseren Verstand.” (Berill 1954: 41f).
Umgekehrt zur Wertung des ‘feministischen Paradieses’ wird in einem wissenschaftlichen Text das Nichtvorhandensein von Männchen als ‘dramatisch’ bezeichnet (Smith 1992: 662). Da die Parthenogeneseformen den biologischen Beschreibungen zufolge von der Norm der zweigeschlechtlichen Fortpflanzung abweichen und bei den reinen Weibchenarten gar keine Männchen beobachtet werden, können sie für Männer eine erschreckende Wirkung haben, was in den Zitaten einen Ausdruck findet. Und so wird in den biologischen Texten ein ständiger Bezug zu Männern benannt. Beispielsweise wird der Begriff ‘Mann’ in der Rede über Tiere verwendet oder es wird von der Situation von Tieren auf die Situation von Männern geschlossen. Eine Kapitelüberschrift eines populärwissenschaftlichen Buchs, in dem Parthenogenese bei Wirbellosen thematisiert wird, lautet: “Die Abschaffung der Männer (Parthenogenese)” (von Buddenbrock 1953: 50). In einem anderen Text über Rädertiere heißt es: “Werden Männer jetzt völlig überflüssig? Genetik und Reproduktionsmedizin entwickeln sich rasant. Eine friedliche, sexlose Mutter-Tochter-Gesellschaft, in der die Frauen unter sich bleiben, wird zur machbaren Utopie. Schließlich hat eine ganze Klasse im Tierreich, die Bdelloidea aus der Ordnung der Rädertierchen, in dreißig Millionen
8 Zur NATURALISIERUNG siehe den Beitrag “Tierisch menschlich” von Smilla Ebeling, Sigrid Schmitz und Robin Bauer in Teil II.
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Smilla Ebeling Jahren kein einziges Männchen hervorgebracht und sich dabei sehr erfolgreich auf dem Planeten verbreitet.” (Miersch 1999: 68).
In diesen Beispielen evoziert Parthenogenese bei wirbellosen Tieren die Vorstellungen von überflüssigen Männern und reinen Frauengesellschaften. In ähnlicher Weise werden die Parthenogeneseformen bei Vertebraten mit einem ‘erschütterten männlichen Selbstbewusstsein’ und ‘dem Schicksal des Mannes’ verknüpft (Berill 1954). Im evolutionsbiologischen Kontext, in dem die Fortpflanzung als eine Hauptfunktion des Lebens gilt, kommt den Fortpflanzungsanteilen der Geschlechter eine erhöhte Bedeutung zu. Pflanzt sich ein Organismus nicht fort, so hat sein Leben evolutionsbiologisch betrachtet keinen Sinn. Bei der obligaten Parthenogenese geben nur Weibchen ihre Erbanlagen weiter. Diese Fortpflanzung ohne männlichen Anteil kann als Ausschluss von Männchen gelesen werden. Jedoch nur vor dem Hintergrund einer androzentrischen Perspektive und einer Vorrangigkeit der Zweigeschlechtlichkeit sind die Bewertungen der Überflüssigkeit von Männchen als ‘bedenklich’ oder gar ‘dramatisch’ nachvollziehbar. Ein strukturierender Effekt dieses ANDROZENTRISMUS9 wird im nachfolgenden auszugsweise zitierten Beispiel besonders deutlich: “Asexuelle Geschöpfe sparen sich zudem die aufreibende Balz, die Paarung und die oft mühselige Partnersuche >...@ Sie brauchen keine langen bunten Federn, die sie im Flug behindern, kein Geweih, mit dem sie im Unterholz hängen bleiben, und keinen Porsche, mit dem sie sich auf der Autobahn überschlagen >...@ Schließlich gibt es kein anderes Geschlecht, das sie beeindrucken müssten.” (Miersch 1996: 35).
Mit den asexuellen Geschöpfen sind Parthenogenten gemeint. Es werden also Weibchen beschrieben, die sich ohne Befruchtung vermehren und bei denen Männchen den biologischen Schilderungen zufolge keine oder eine eingeschränkte Rolle zukommt. Doch der Autor beschreibt eine Situation, in der Männchen nicht mehr balzen müssten, weil es das andere Geschlecht – sprich Weibchen – nicht gäbe. Damit werden allerdings die Verhältnisse verdreht. Denn sollte bei der Parthenogenese ein Geschlecht fehlen, so wäre es nicht das weibliche, sondern das männliche. Hier zeigt sich erneut ein Aushandlungsprozess um eine alleinige Fortpflanzungsfähigkeit, die im evolutionsbiologischen Kontext an die Existenz eines Geschlechts gekoppelt ist. 9 Zum ANDROZENTRISMUS siehe ebenfalls den Beitrag “Tierisch menschlich” von Smilla Ebeling, Sigrid Schmitz und Robin Bauer in Teil II.
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3.5 Pseudomännchen oder Lesben Cnemidophorus uniparens ist eine Rennechsenart, von der bisher ebenfalls keine Männchen gefunden wurden. Die Cnemidophorus uniparensWeibchen pflanzen sich durch obligative Parthenogenese fort. Die Weibchen zeigen untereinander ein Sexualverhalten, das dem ihrer zweigeschlechtlichen nah verwandten Arten ähnelt, wobei ein Weibchen einem anderen Weibchen aufreitet und beide Weibchen ihre Kloaken aneinander drücken, was vermutlich der Eizellenreifung dient.10 Die Verbreitungsgebiete von Cnemidophorus uniparens liegen im Südwesten Nordamerikas sowie in Mittelamerika. In den wissenschaftlichen Beschreibungen der Rennechsen Cnemidophorus uniparens fällt auf, dass die Autoren und Autorinnen Begrifflichkeiten verwenden, die nur für die zweigeschlechtliche Fortpflanzung und ihren eigenen Aussagen zufolge nicht für die Cnemidophorus uniparens Weibchen stimmig sind. Gemeint sind Ausdrücke wie ‘weibchen- und männchenähnliches’ Verhalten, ‘männchenartige Weibchen’, ‘Pseudokopulationen’, ‘Pseudomännchen’ und durch Anführungsstriche hinterfragte Zuordnung zur Sexualität. Die Weibchen werden sogar entsprechend ihrem vermeintlich männlichen oder weiblichen Verhalten nach mit einem M oder einem W gekennzeichnet: “Das obere Weibchen (‘M’) zeigt männchenähnliches, das untere (‘W’) weibchenähnliches Verhalten. ‘M’ besteigt das paarungswillige ‘W’ und ergreift mit seiner Schnauzenspitze die Nackenhaut von ‘W’. Wenige Minuten später schwingt ‘M’ seinen Schwanz unter ‘W’, und die Pseudokopulation erfolgt.” (Wehner & Gehring 1990: 464).
In diesen Beschreibungen einer eingeschlechtlichen Tierart wird ein kontinuierlicher Bezug zur Zweigeschlechtlichkeit und zur Heterosexualität hergestellt. Beide Konzeptionen werden dabei aufrechterhalten. Das vermeintlich männliche Kopulationsverhalten der Cnemidophorus uniparens-Weibchen wird u. a. durch das weibliche Geschlechtshormon Progesteron ausgelöst. Hier wird also bei einem Weibchen ein männliches Sexualverhalten durch ein weibliches Sexualhormon ausgelöst (vgl. Crews 1988, 1993 und 1994, Moore et al. 1980). Insgesamt löst sich in dieser Tierart die bipolare Geschlechterkonzeption in verschiedener Hinsicht auf. So macht es keinen Sinn, von einem männlichen 10 Zur Negierung gleichgeschlechtlichen Sexualverhaltens am Beispiel dieser Tierart siehe auch den Beitrag “Alles so schön bunt” von Smilla Ebeling in Teil I.
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Sexualverhalten zu sprechen, wenn dieses Verhalten von einem Weibchen ausgeführt und durch ein weibliches Sexualhormon ausgelöst wird. Auch wird die Unterscheidung von männlichen und weiblichen Hormonen fragwürdig, wenn ein weibliches Geschlechtshormon ein männliches Sexualverhalten auslöst.11 Schließlich ist zu fragen, ob es noch Sinn macht, von Weibchen zu sprechen, wenn der zweite Pol dieser binären Kategorisierung fehlt. Doch in den biologischen Darstellungen von Cnemidophorus uniparens wird die dichotome, heterosexuelle Geschlechterkonzeption zitiert, obwohl diese eingeschlechtliche Tierart mit ihrer eingeschlechtlichen Fortpflanzungsweise dieser Konzeption nur schwer anzupassen ist. Hingegen wird ihr Kopulationsverhalten nicht als homosexuell, lesbisch oder gleichgeschlechtlich bezeichnet und damit diskursiv negiert. In den biologischen Beschreibungen von Cnemidophorus uniparens fällt außerdem die gehäufte Benennung aktiven Verhaltens auf: Unterschieden werden einerseits aktive, d. h. aufreitende Weibchen und passive Weibchen, die aufreiten lassen. Damit spiegeln sich also die klassischen Zuschreibungen von Männlichkeit und Aktivität und von Weiblichkeit und Passivität wieder. Andererseits gelten die Weibchen als reproduktiv aktiv, wenn sie aufreiten lassen und reproduktiv passiv, wenn sie aufreiten. Da jedes Weibchen damit hinsichtlich des Kopulationsverhaltens und hinsichtlich des Reproduktionsbeitrags gleichzeitig als aktiv und passiv beschrieben wird, stellt sich die Frage, warum auf diese Zuschreibungen nicht verzichtet wird. Sie erscheinen inhaltlich fragwürdig und zugleich überflüssig und verkomplizieren die Beschreibungen des Fortpflanzungsverhaltens. In diesem Beispiel wird deutlich, dass die dichotome Zuschreibung von Männlichkeit/Aktivität und Weiblichkeit/Passivität auch unter erschwerten Gegebenheiten strukturgebend bleibt, was wiederum auf ihre tiefe kulturelle Verankerung hinweist. Insgesamt wird in diesen Beispiel der konstruierte Charakter der Geschlechter deutlich. Es zeigt sich, dass die herkömmliche dichotome Geschlechterkonzeption auch bei Tierarten, die quer zu ihr stehen, nicht gänzlich aufgegeben sondern auch dort aufrechterhalten wird.12 Die zweigeschlechtliche Fortpflanzung wird als Folie für die eingeschlechtli11 Zur Fragwürdigkeit des Konzepts der Geschlechtshormone siehe Fausto-Sterling (2000) und den Beitrag “Wenn ich meine Hormone nehme, werde ich zum Tier” von Smilla Ebeling in Teil I. 12 Zur DICHOTOMIE von Geschlechterkonzeptionen siehe auch den Beitrag “Entweder – Oder?” von Sigrid Schmitz in Teil II.
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che Fortpflanzungsweise verwendet, auch wenn dies erhebliche Probleme bereitet. Ebenso wird weiterhin auf zwei Geschlechter rekurriert, obwohl über eine ‘reine Weibchenart’ berichtet wird. 4
Parthenogenese gibt es eigentlich nicht
In den biologischen Beschreibungen der ‘reinen Weibchenarten’ wurde deutlich, dass durch einen metaphorischen Sprachgebrauch der Subtext ‘Parthenogenese und reine Weibchenarten gibt es eigentlich nicht’ erzählt wird: Als religiöse Glaubensfrage im Christentum oder als Bestandteil eines griechischen Mythos werden Parthenogenten als außerwissenschaftliche Phänomene dargestellt. In der inhaltlichen Erzählstruktur erscheint die Parthenogenese in der Metaphorik der unbefleckten Empfängnis als rein männliche Fortpflanzung und die miteinander kopulierenden Eidechsen-Weibchen werden als Pseudomännchen beschrieben. In einem populärwissenschaftlichen Text13 wird eine Szene über Parthenogenese mit den eigentlich nicht mehr vorhandenen Männchen dargestellt, während die Parthenogenten als nicht existent erscheinen. Eine andere Variante dieses Subtextes lautet ‘Parthenogenten kann es nicht lange geben’: So werden etwa die Amazonenkärpflinge ebenso aussterben wie die griechischen Amazonen. Als allgemeingültige Aussage kommt das zwangsläufige frühe Aussterben der Parthenogenten in der Metapher der ‘evolutionsbiologischen Sackgasse’ ebenfalls zum Ausdruck. In der weiteren Metapher des ‘Lotteriespiels’ wird impliziert, dass es eingeschlechtliche Fortpflanzungsweisen gar nicht geben kann. Parthenogenten würden Lose mit der gleichen Nummer und sich zweigeschlechtlich fortpflanzende Tiere Lose mit verschiedenen Nummern kaufen, so dass Parthenogenten extrem geringe Gewinnchancen aufweisen und letztendlich aussterben würden (z. B. Smith 1976). Werden dennoch reine Weibchenarten wie die Bdelloidea beobachtet, so gelten sie als Aufsehen erregendes Ärgernis und es wird deutlich, dass es Parthenogenese ‘gar nicht geben darf’. Einige Metaphern enthalten sogar Handlungsanweisungen, wie zum Beispiel die Metaphern des ‘Unkrauts’ und des ‘Unfalls’, in denen Parthenogenten zu beseitigen oder zu vermeiden sind (vgl. Bell 1982). 13 Zur populärwissenschaftlichen Argumentationslogik siehe den Beitrag “Popularisierungen” von Sigrid Schmitz und Christian Schmieder in Teil II.
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Insgesamt zeigt sich also insofern ein Aushandlungsprozess um eine alleinige Fortpflanzungsfähigkeit eines Geschlechts, als es die so genannten ‘reinen Weibchenarten’ nicht gibt, nicht geben wird, nicht geben kann und auch nicht geben darf. Hierzu passt ebenfalls die Konzeption der zweigeschlechtlichen Fortpflanzung und der bipolaren Geschlechterkonzeption als Norm, der die Parthenogeneseformen und die ‘reinen Weibchenarten’ als Abweichung gegenübergestellt werden. Die Parthenogenten stehen außerhalb der Norm und gelten normalisierungsbedürftig. Dem entsprechend wird zum Beispiel versucht, Männchen von Poecilia formosa und von Cnemidophorus uniparens im Labor herzustellen, was jedoch nur selten gelingt.14 Die Norm der bipolaren Geschlechterkonzeption und der zweigeschlechtlichen Fortpflanzung liegt auch den Fällen als Ausgangspunkt zugrunde, in denen nur ein Geschlecht beschrieben wird, so dass die Zweigeschlechtlichkeit auf zweifache Weise als Norm bestätigt wird. Mit der Darstellung der Metaphern wurde außerdem deutlich, dass die Geschlechterverhältnisse auf verschiedene Weise in die evolutionsbiologischen Aussagen eingeschrieben sind. Die bipolare Geschlechterkonzeption, die zweigeschlechtliche Fortpflanzung und die Geschlechterverhältnisse des Menschen wirken in den evolutionsbiologischen Fortpflanzungstheorien als Deutungsmuster. In den DISKURSEN über eingeschlechtliche Fortpflanzung beim Menschen wurden anhaltende Aushandlungsprozesse um die Fähigkeit zur alleinigen Reproduktion durch ein Geschlecht dargestellt. In den biologischen Darstellungen über Parthenogenten findet sich eine ähnlich hartnäckige Aushandlung der Möglichkeit einer eingeschlechtlichen weiblichen Fortpflanzung, was ebenfalls als Ausdruck der Geschlechterverhältnisse westlicher industrieller Gesellschaften interpretiert werden kann. In die biologischen Theorien integriert, dienen diese Konzepte wiederum als Interpretationsgrundlage der Geschlechterverhältnisse, die auf diese Weise gestärkt werden.
14 Siehe beispielsweise Miller & Schultz (1959) und Darnell & Abramoff (1968) über Poecilia formosa sowie Wennstrom & Crews (1995) und Crews (1994) über Cnemidophorus uniparens.
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Professorinnen in der Mathematik. Karrierewege und disziplinäre Verortungen Kristina Hackmann
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Women in Mathematics/Frauen in der Mathematik
Die Wissenschaft Mathematik ist in ihrer über 2500-jährigen Geschichte ganz überwiegend von Männern entwickelt und tradiert worden. Sie gilt, besonders in Deutschland, als männliche Domäne. Im 20. Jahrhundert haben dennoch Frauen in dieser Disziplin Erfolg gehabt und ihre Zahl nimmt deutlich zu. Aber immer noch sind Frauen im Status hoher Positionen in dieser Disziplin an den Universitäten stark unterrepräsentiert: Mehr als 95 % aller Professuren und festen Dozenturen in diesem Bereich sind von Männern besetzt. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes lag 2002 der Frauenanteil in der Mathematik innerhalb der Professorenund Professorinnengruppe an deutschen Universitäten (einschließlich pädagogischer und theologischer Hochschulen) knapp unter 4,4 %. Zum Vergleich: In der Physik (einschließlich Astronomie) beträgt der entsprechende Frauenanteil knapp 3 %, in der Informatik 6,4 %, in der Mathematik und den Naturwissenschaften zusammen 6,3 %. In den Sozialwissenschaften beträgt der Frauenanteil innerhalb der Professoren- und Professorinnengruppe fast 18 % (Statistisches Bundesamt 2003: 84f.) Über alle Fächer an Universitäten und Kunsthochschulen beträgt der Professorinnenanteil (C4, C3, C2 auf Dauer) 10,1 % (BMBF 2002: 231f.).1 In diesem Beitrag wird in erster Linie die Analyseebene WOMEN IN SCIENCE behandelt.2 Am Beispiel eines Forschungsprojektes sollen die institutionellen und individuellen Bedingungen herausgearbeitet werden, unter denen sich Frauen in der Mathematik als universitärer Wissenschaft erfolgreich behaupten konnten, d. h. promovieren, habilitieren und auf eine Professur berufen wurden. Dabei geht es im Sinne einer 1 Zu entsprechenden Strukturanalysen der Frauenanteile in der Physik und Chemie siehe die Beiträge “Die Welt der Elementarteilchen” von Helene Götschel in Teil I und “Geschlechterforschung in der Chemie” von Ines Weller in Teil I. 2 Zu den Analyseebenen der Geschlechterforschung siehe “Geschlechterforschung und Naturwissenschaften” von Sigrid Schmitz und Smilla Ebeling.
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Positiv-Untersuchung vor allem um Unterstützungserfahrungen und Förderungen, nicht in erster Linie um die Barrieren der universitären Karriereverläufe von Frauen. Zugleich sind die Strukturen des Faches Mathematik unter geschlechterdifferenzierender Perspektive und Veränderungen durch die zunehmende Präsenz von Frauen Thema. 2
Anlage der Untersuchung
Das Forschungsprojekt “Status von Frauen in der Wissenschaftsdisziplin Mathematik” war angesiedelt am Zentrum für interdisziplinäre Frauenund Geschlechterforschung (ZFG) und am Institut für Mathematik an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Entsprechend der interdisziplinären Fragestellung, die aus der mathematikbezogenen Frauen- und Geschlechterforschung entwickelt wurde, arbeiteten Mathematikerinnen und Sozialwissenschaftlerinnen eng zusammen.3 Da Fragen nach sozialen Bedingungen und Beziehungen sowie subjektive Sicht- und Darstellungsweisen eine wesentliche Rolle spielten, waren sozialwissenschaftliche Theorien, Kategorien und Methoden unerlässlich für die Arbeit an diesem Thema. Andererseits wurden Erkenntnisse angestrebt, welche die spezifischen Arbeitsweisen, Gegenstände und institutionelle Verfassung der Mathematik betrafen. Dies war nicht möglich ohne einen Hintergrund intensiver Erfahrungen in diesem Wissenschaftsfeld. Mit dieser interdisziplinären Anlage, der Verbindung soziologischer Methoden und Auswertungsstrategien mit einer mathematischen Innensicht, erhofften wir uns Ergebnisse und Einsichten in die Strukturen und in die Community des Faches. Dabei war uns bewusst, dass dieser Innenblick, der u. a. Einfluss auf die Gestaltung und Art der Fragestellung sowie die Datenerhebung hatte, neben seiner intensivierenden Wirkung durchaus auch Probleme mit sich bringen konnte. Die Gefahr einer Einengung und vorgeprägten Sichtweise musste im Blickfeld gehalten werden. Die besondere und neuartige Konstellation dieser Forschungsstrate3 Projektleiterinnen waren Prof. Dr. Karin Flaake (Soziologie) und Prof. Dr. Irene PieperSeier (Mathematik). Dr. Kristina Hackmann (Sozialwissenschaftlerin) und Stephanie Radtke (Mathematikerin) waren als wissenschaftliche Mitarbeiterinnen in dem Projekt tätig. Auch die wissenschaftlichen und studentischen Hilfskräfte, zuletzt Dipl. päd. Dörthe Heien, Eva Buckstegge (Geistes- und Sozialwissenschaften) und Alina Rull (Mathematik und Informatik), kamen aus den beteiligten Disziplinen. Weitere Hilfskräfte waren Barbara Langfeld (Mathematik) und Damaris Mühe (Erziehungswissenschaften).
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gie und deren Auswirkungen für die gesamte Studie wurden deshalb auf einer Metaebene ständig berücksichtigt und reflektiert. 2.1 Zielgruppe, Forschungsfragen und methodisches Vorgehen Zielgruppe unserer Untersuchung waren Mathematikerinnen, die in der Bundesrepublik Deutschland zum Stichtag 31.12.2002 eine Professur oder dauerhafte Stelle als Dozentin an einer Universität, einer Technischen Hochschule oder einer Gesamthochschule innehatten. Sie wurden in Leitfaden-Interviews und einem ergänzenden statistischen Fragebogen zu ihrem berufsbiographischen Werdegang, zu unterschiedlichen Aspekten der Wissenschaftsdisziplin Mathematik und der eigenen Verortung in dieser Disziplin befragt.4 Von den 76 zu unserer Zielgruppe gehörenden Mathematikerinnen konnten 66 für ein Interview gewonnen werden, das entspricht einem Anteil von 87 % der Zielgruppe. 65 Interviews konnten verwertet werden. Die Gesamt-Untersuchungsgruppe bestand damit aus 40 Mathematikerinnen im engeren Sinne5, fünf emeritierten Mathematikerinnen, 13 Didaktikerinnen (davon zwei emeritierte) sowie sieben in anderen wissenschaftlichen Bereichen (z. B. Informatik) tätige Mathematikerinnen. Von diesen 65 Befragten waren zum Zeitpunkt der Interviews 49 Frauen in den alten und 16 in den neuen Bundesländern beschäftigt. Unsere Forschungsfragen bezogen sich auf zwei Bereiche: a) Berufsbiographischer Hintergrund – förderliche und behindernde Bedingungen für die berufliche Karriere: x Welche Bedingungen in der Universität und in der Mathematik als akademischer Disziplin haben aus der Sicht der in diesem System erfolgreichen Mathematikerinnen zum Erfolg beigetragen? Welche Bedingungen wurden für die Karriere als behindernd erlebt? x Welche vor dem Studium liegenden lebensgeschichtlichen Stationen und Bedingungen waren wichtig für die Entwicklung und Stabilisierung des Interesses an Mathematik? 4 Zu Befragungen siehe den Beitrag “Methodenauswahl der geschlechterperspektivischen Naturwissenschaftsanalyse” von Smilla Ebeling, Jennifer Jäckel, Ruth Meßmer, Katrin Nikoleyczik und Sigrid Schmitz in Teil II. 5 D. h. Frauen, die ihre wissenschaftliche Ausbildung bis zur Promotion in der Mathematik absolviert haben.
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Wie waren und sind der berufliche und der als privat angesehene Lebensbereich miteinander verknüpft? Wie sehen die außerberuflichen Lebensbedingungen der erfolgreichen Mathematikerinnen aus?
Status von Frauen in der Wissenschaftsdisziplin Mathematik: x Gibt es Teildisziplinen, die von Frauen besonders bevorzugt werden? x Welche Gestaltungsmöglichkeiten haben Frauen bezogen auf die Weiterentwicklung der Mathematik als wissenschaftlicher Disziplin? x Erfahren die Frauen sich als in der Disziplin integriert, akzeptiert und angesehen?
Mit der inhaltsanalytischen Auswertung der Interviews und der Erstellung deskriptiver Statistiken ließen sich sowohl die individuellen Besonderheiten der einzelnen Karriereverläufe, als auch vergleichend Aussagen über Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den organisations- (d. h. universitäts-) und disziplinspezifischen Karrierebedingungen herausarbeiten.6 Mit den ersten Erkenntnissen erweiterten und konkretisierten sich diese Fragestellungen um drei Aspekte und es wurden weitere Quellen hinzugezogen: a) Möglichkeiten des Geschlechtervergleichs zu ausgewählten Aspekten7 b) Ausgewiesene fachliche Schwerpunkte und Publikationen der Wissenschaftlerinnen c) Status und Teilhabe in der Community am Beispiel des Mathematischen Forschungsinstituts Oberwolfach. 6 Zur Inhaltsanalyse siehe den Beitrag “Methodenauswahl der geschlechterperspektivischen Naturwissenschaftsanalyse” von Smilla Ebeling, Jennifer Jäckel, Ruth Meßmer, Katrin Nikoleyczik und Sigrid Schmitz in Teil II. 7 Interesse und Probleme dieser Fragestellung liegen gleichermaßen auf der Hand: Mit Blick auf die im Vergleich zu anderen akademischen Disziplinen frappierende Überrepräsentanz von Männern an mathematischen Universitätsprofessuren stellt sich die Frage, ob sich geschlechtsspezifische Unterschiede in den Karrierebedingungen in der Disziplin erkennen lassen. Mit Blick auf die Zielgruppe wird aber gleichzeitig deutlich, dass die Erhebung einer vergleichbaren Gruppe von männlichen Professoren, also über 80 % von 1500 Mathematikprofessoren, jeden Rahmen eines zeitlich befristeten Forschungsvorhabens gesprengt hätte. Um dennoch mögliche Tendenzen aufzeigen zu können, haben wir unsere Ergebnisse mit denen des Projekts “Wissenschaftskarriere an der Universität” (Universität Münster), die in einer Telefonbefragung 44 Mathematikprofessoren befragt haben, so weit wie möglich verglichen und in Beziehung gesetzt (mit Dank an Prof. Dr. Annette Zimmer und Holger Krimmer für die kooperative Zusammenarbeit).
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Die Studie reiht sich ein in eine Reihe von Untersuchungen, die sich in jüngerer Vergangenheit dem Thema ‘Wissenschaftskarrieren an Universitäten’ angenommen haben (z. B. Abele-Brehm 1999, Baus 1994, Engler 2001, Geenen 1994, Macha et al. 2000, Mischau et al. 2000, Projekt “Wissenschaftskarriere an der Universität” 2003, Vogel & Hinz 2004; für einen Überblick über das Themenfeld ‘Frauen in der Wissenschaft’ vgl. Zimmer 2003). Sie alle leisten einen Beitrag, umfassendes Wissen über den Arbeitsplatz Universität, die Entwicklung der Berufswege und Karriereverläufe sowie der Kontextbedingungen des universitären Alltags zu generieren, ggf. auch mit dem Ziel, unterstützend bei der Konzeption möglichst zielgenauer Maßnahmen der Förderung und Stützung des Berufsweges von Wissenschaftlerinnen zu wirken. Mit der Anlage unserer Untersuchung erwarteten wir, den Blick auf universitäre Wissenschaftskarrieren aus der Sicht erfolgreich etablierter Frauen in der Mathematik sowohl berufsbiographisch als auch gegenstandsspezifisch schärfen zu können. 3
Rekonstruktion der Berufsbiographien – ausgewählte Aspekte
Im Folgenden möchte ich zentrale Ergebnisse der Untersuchung zunächst in Bezug auf Unterstützungserfahrungen in den verschiedenen biographischen Statuspassagen, in Bezug auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und hinsichtlich geschlechtsspezifischer Diskriminierungserfahrungen vorstellen. Ferner geht es um die Selbstverortung und Wahrnehmung der Mathematikerinnen in der Disziplin. 3.1 Erfahrene Unterstützung und Förderung 3.1.1 Erfahrungen in der Familie und soziale Herkunft Gefragt nach Erfahrungen in der Familie, die eine positive Rolle für das Interesse an Mathematik gespielt haben, antworteten knapp 40 % der befragten Frauen im Sinne von “ja, gab es”. Jede Vierte knüpfte diese positiven Erfahrungen an den Vater. Besonders für die Gruppe der vor 1961 geborenen (n = 40) wurde deutlich, dass ein mathematischnaturwissenschaftliches Interesse und eine gehobene berufliche Stellung
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des Vaters, beispielsweise als Lehrer oder Wissenschaftler, günstige Bedingungen waren, das mathematische Interesse der Töchter zu fördern. So berichtete eine in der BRD aufgewachsene Mathematikerin: “Also mein Interesse an der Mathematik begann schon sehr früh, also schon im Alter von drei Jahren fand ich Mathematik faszinierend. Das kommt wahrscheinlich daher, dass mein Vater Lehrer für Mathematik und Physik an Gymnasien gewesen ist, und ich hatte zu meinem Vater immer eine sehr gute Beziehung, und ich habe ihn bewundert, und ich kann mich erinnern, wie ich im Vorschulalter, mehr als fünf kann ich nicht gewesen sein, ihn fragte, drei mal drei ist neun, was bedeutet denn das, was ist denn das, und dann hat er mir das also wortgewaltig erklärt, ich habe nichts verstanden, aber ich war tief beeindruckt und beschloss, Mathematiker zu werden.”8
Frau Puls verweist hier auf die frühe Entwicklung ihres Interesses an Mathematik, das sie mit Erfahrungen mit ihrem Vater verknüpft. Mit diesem, der als Gymnasiallehrer für Mathematik und Physik selbst ein starkes mathematisches Interesse hatte, verband sie eine explizit gute Beziehung. Sie wandte sich mit ihrem Interesse und mathematischen Fragen schon im Vorschulalter an den bewunderten Vater, der ihr zwar nicht kindgerecht, aber auf beeindruckende Weise fachliche Erklärungen gab. Dem bewunderten Vater nacheifernd, beschloss sie schon im Alter von fünf Jahren ‘Mathematiker’ zu werden. Die nach 1961 Geborenen nannten den Vater deutlich seltener als einflussreich für die Entwicklung des Interesses an Mathematik. Die Mütter spielten nach den Beschreibungen der Befragten insgesamt nur eine marginale Rolle. Unabhängig vom Bildungsabschluss waren sie mehrheitlich nicht berufstätig und nahmen das Interesse ihrer Töchter an Mathematik eher zur Kenntnis, allerdings ohne Einwände dagegen zu haben. Bei der jüngeren Generation war eine häufigere Nennung eines positiven Einflusses der Mutter auffällig, der jedoch unabhängig von deren beruflicher Tätigkeit war. Widerstände in der Familie gegen das Interesse an Mathematik spielten nur in Einzelfällen eine Rolle. 3.1.2 Erfahrungen während der Schulzeit Noch deutlicher als familiäre wurden von mehr als 80 % der Befragten positive schulische Erfahrungen als bedeutsam für die Entwicklung des Interesses an Mathematik beschrieben, die in den meisten Fällen mit po8 Bereinigtes Zitat, Interview Puls (Name anonymisiert), Z. 12-19.
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sitivem Einfluss der Lehrenden, z. B. in Form von Anerkennung oder besonderer Förderung und Ermutigung, in Verbindung gebracht wurden. Der Besuch von Mädchenschulen erwies sich als stark altersabhängig, was im Zusammenhang mit der schrittweisen Umwandlung in koedukative Schulen ab 1960 stehen dürfte. Dennoch war festzustellen, dass es in den Mädchenschulen häufiger als in den koedukativen Schulen Mathematiklehrerinnen gab, die in der Wahrnehmung der Befragten meistens auch positiv und unterstützend auf die Entwicklung des Interesses an Mathematik und im Sinne von weiblichen Vorbildern gewirkt haben.9 Das Fach selbst und gute Leistungen darin wurden von den Mitschülerinnen in der Regel allerdings eher negativ bewertet. Die Beschreibung des Schulklimas in der Untersuchungsgruppe insgesamt lief dabei entlang zweier Differenzlinien: Zum einen beschrieben die Älteren die schulischen Erfahrungen in Bezug auf Mathematik als Fach positiver, gleichzeitig erinnerten sich auch mehr in der DDR aufgewachsene Frauen an Erfahrungen in der Schule, die positiven Einfluss auf die Entwicklung des Interesses an Mathematik hatten. Dies betrifft sowohl das Ansehen des Faches Mathematik als auch die Bedeutung, die gute mathematische Leistungen in der Klasse hatten. Für die Mathematikerinnen mit DDR-geprägtem Bildungshintergrund (n=18) waren für das Schulklima vor allem mathematikspezifische Schulen bzw. Klassen und die Teilnahme an mathematischen Wettbewerben von Bedeutung: Deutlich mehr als die Hälfte der Befragten nannte als Antwort auf die Eingangsfrage “Können Sie bitte erzählen, wie sich Ihr Interesse an Mathematik entwickelt hat?” die Mathematik-Olympiade als wichtige Erfahrung für die Entwicklung des Interesses an Mathematik, jedoch nur eine der Befragten mit BRD-geprägtem Bildungshintergrund. Von den Mathematikerinnen im engeren Sinne nannten sogar dreiviertel aller Befragten mit DDR-Schulbiographie die Teilnahme an der Mathematik-Olympiade als bedeutsam für die Entwicklung des Interesses an Mathematik. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass ein allgemein positives und unterstützendes, auch auf Leistungen bezogenes mathematisches Klima und Vorbilder in der Schule sich positiv auf die Stabilisierung des Interesses an Mathematik, das Selbstbewusstsein in die eigenen Fähigkeiten und auf die Eröffnung weiterer mathematischer Perspektiven aus9 Zur Bedeutung von Vorbildern siehe auch den Beitrag “Die Welt der Elementarteilchen” von Helene Götschel in Teil I.
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wirkte. Es ist auffällig, dass die erfolgreich etablierten Mathematikerinnen sowohl in der Familie als auch in der Schule weitgehend positive Erfahrungen gemacht haben. Die Notwendigkeit, sich gegen Widerstände durchsetzen zu müssen, fand sich nur bei wenigen Ausnahmen. Der Boden für eine erfolgreiche mathematikbezogene Wissenschaftskarriere wurde bei den Befragten also durchaus schon in frühen Jahren bereitet. 3.1.3 Erfahrungen während des Studiums und der Übergang zur Promotion Eine Tätigkeit als studentische Hilfskraft spielte in den Anfängen der akademischen Karriere eine wichtige Rolle: 80 % der Befragten gaben an, während des Studiums als studentische Hilfskraft tätig gewesen zu sein. Dabei wurde eine solche Anstellung weniger als institutionelle Förderung wahrgenommen, sondern als eine von einzelnen Förderpersonen initiierte. Ein früher individueller Kontakt zum Lehrpersonal war eine günstige Bedingung für die eigene Ausbildung und Einführung in die Welt wissenschaftlichen Arbeitens. Als zentrale Motive für die Promotion wurden jeweils von einem Drittel der Befragten Interesse und Spaß an Mathematik sowie das Angebot einer Promotionsstelle bzw. eines Stipendiums genannt. Eine Stelle oder ein Stipendium wurden sowohl im Sinne einer Ermutigung, diesen Weg einzuschlagen als auch im Sinne einer finanziellen Absicherung als die wichtigsten unterstützenden Bedingungen an der Universität während der Promotionsphase genannt. Gerade der Übergang vom Studium zur Promotion ist in der Mathematik von einer hohen drop-out-Quote von Frauen gekennzeichnet und stellt eine der wichtigsten Barrieren für eine Karriere von Frauen in dieser Disziplin dar. So liegt an niedersächsischen Universitäten10 der Frauenanteil an den Studienabschlüssen in der Mathematik bei 32,2 %, an den Promotionen dagegen nur bei 20 % (vgl. Noeres & Kirschbaum 2004: 20). Curdes et al. (2004) haben in einer Studie zu fachbezogenen Strategien, Einstellungen und Einschätzungen von Mathematikstudierenden herausgearbeitet, dass die Überzeugung von der eigenen Leistungsstärke und das Interesse an mathematischer Forschung die wichtigsten Faktoren für 10 Untersucht wurden die Quoten an den Universitäten Hannover, Göttingen, Oldenburg und TU Braunschweig (vgl. Noeres & Kirschbaum 2004: 20).
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eine positive Einstellung zur Promotion sind. Eben dieses fachbezogene Selbstvertrauen stellt sich bei den befragten Studentinnen im Vergleich zu ihren männlichen Kommilitonen als erheblich weniger ausgeprägt dar. Neben einer finanziellen Absicherung und Anerkennung scheint also die persönliche Ermutigung und Bestätigung eine wichtige Rolle bei der Entscheidung für die Promotion in der Mathematik zu spielen. Die Berichte der Professorinnen bestätigten dieses Ergebnis: Etwa Dreiviertel der befragten Mathematikprofessorinnen nahmen den Kontakt zu Professoren und Kollegen, gelegentlich auch zu Professorinnen von Beginn der Promotion bis zum Erreichen der ersten Dauerstelle, als unterstützend und fördernd wahr. 3.2 Geradlinigkeit der Karrierewege erfolgreicher Mathematikerinnen und Vereinbarkeit von Beruf und Familie 35 % der befragten Mathematikprofessorinnen hatten schon während der Schulzeit explizit und ausschließlich auf Mathematik bzw. Naturwissenschaften bezogene Berufswünsche. Für zehn der Befragten (15 %) war ein Berufsweg mit wissenschaftlichem Kontext bereits zu Beginn des Studiums denkbar. Hinsichtlich der Berufsorientierung konkretisierten sich bei vielen Befragten die Vorstellungen während des Studiums: Im Laufe des Studiums verdreifachte sich der Anteil jener, die einen konkreten Berufswunsch – bezogen auf eine wissenschaftliche Karriere – verfolgten, auf fast 45 % aller Befragten. Dem Studium wurde entsprechend konsequent nachgegangen: Mit einem durchschnittlichen Alter von knapp über 23 Jahren absolvierten die Mathematikprofessorinnen ihr Diplom oder Examen früher als ihre Kolleginnen und Kollegen in anderen Disziplinen und auch früher als ihre männlichen Kollegen in der Mathematik (vgl. Projekt “Wissenschaftskarriere an der Universität” 2003). Der Übergang vom Studium zur akademischen Karriere gestaltete sich für die meisten als geradliniger Weg. Fast 90 % der befragten Mathematikprofessorinnen im engeren Sinne gaben an, direkt nach dem Studium mit der Promotion begonnen zu haben. Uneinheitlicher gestaltete sich der Übergang in die nächste Statuspassage: Knapp die Hälfte der Befragten gab an, nach der Promotion eine Bewerbung um eine außeruniversitäre Tätigkeit zumindest in Erwägung
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gezogen zu haben. Jede fünfte der befragten Frauen mit BRDAusbildungshintergrund hat eine solche Tätigkeit auch tatsächlich ausgeübt, von den Frauen mit DDR-Biographie dagegen keine. In diesem Zusammenhang stellte sich auch die Frage, ob und in welcher Weise das Vorhandensein von Kindern Einfluss auf den weiteren Karriereweg hatte. Hinsichtlich der privaten Lebensgestaltung unterscheiden sich die Biographien der in der BRD und in der DDR ausgebildeten Frauen dabei deutlich: Während nur knapp über 40 % der Frauen mit BRD-Biographie Kinder haben11, trifft dies für fast 90 % der Frauen mit DDR-Biographie zu. Zudem haben sich die Frauen aus der ehemaligen DDR deutlich früher auf dem Karriereweg für ein Leben mit Kindern entschieden, mehrheitlich während der Promotionsphase, während die Frauen in der ehemaligen BRD oft erst während der Habilitationsphase das erste Kind bekamen. Es liegt nahe, hierfür sozialstrukturelle Gründe zu suchen: Die Unterstützung für Studentinnen in der ehemaligen DDR, die während des Studiums oder in der Promotionsphase Kinder bekamen, war sowohl gesellschaftlich als auch institutionell deutlich höher als in der BRD.12 So wurden Mütter und Familien beispielsweise bevorzugt in der Wohnungszuteilung berücksichtigt und formal stand jedem gesunden Kind ein Kinderkrippenplatz zu. Hinsichtlich der Frage, ob das Vorhandensein von Kindern Einfluss auf den Karriereweg hatte, lassen sich die Zahlen zwischen den beiden deutschen Staaten nur bedingt vergleichen. Für die DDR-Biographien ist zunächst ein anderes Bildungssystem und schließlich stärker als für die BRD-Biographien der Systemzusammenbruch zu berücksichtigen. Bezogen auf durchgehende Westbiographien stellte sich heraus, dass Frauen
11 Diese Zahl liegt damit noch unter dem Wert aller Professorinnen an deutschen Universitäten, der nach Ergebnissen des Projekts “Wissenschaftskarriere an der Universität” (2003) bei 50 % liegt (2003: 25). 12 Dass neben diesen vermeintlich günstigen strukturellen und gesellschaftlichen Bedingungen in der DDR (auf die Problematik ideologischer Politik kann an dieser Stelle nicht eingegangen werden), die auch von den Mathematikprofessorinnen hervorgehoben wurden, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie dennoch problematisch war, wesentlich von den Anstrengungen der Mütter abhing und eine entsprechende Belastung darstellte, haben die Studentinnen Katrin Gewecke, Melanie Thiel de Gafenco und Kerstin Schulte im Rahmen eines Forschungsseminars in Einzelfallanalysen der Interviews herausgearbeitet. Jennifer Glandorf und Stefanie Tönns haben in den manifest – auf der Textoberfläche – positiven Beschreibungen der Unterstützungsleistungen der Partner bei der Familienarbeit Ambivalenzen und Widersprüchlichkeiten auf der latenten Textebene – sozusagen zwischen den Zeilen – aufdecken können.
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mit Kindern im Durchschnitt 22 Jahre vom Studienbeginn bis zur ersten Professur benötigten und dass der Ausbildungsweg von Frauen ohne Kinder im Mittel sechs Jahre kürzer war. Die Notwendigkeit, Kinder und Karriere miteinander zu verbinden, schien auf den ersten Blick also verzögernd auf den Karriereweg zu wirken, es wäre jedoch im Einzelfall zu untersuchen, ob auch andere Gründe eine Rolle spielten. Für die Gruppe aller Professorinnen an deutschen Universitäten konnte bisher jedenfalls kein direkter Zusammenhang zwischen dem Vorhandensein von Kindern und dem Tempo, in dem akademische Statuspassagen passiert werden, nachgewiesen werden (vgl. Projekt “Wissenschaftskarriere an der Universität” 2003: 20). Über 30 % der Befragten erhielten direkt im Anschluss an ihre Habilitation ihren ersten Ruf, Zeiten der Arbeitslosigkeit spielten nur in Einzelfällen eine Rolle. Hinsichtlich der Altersstruktur der befragten Professorinnen zum Stichtag 31.12.2002 ergab sich ein unerwartetes Bild: 37 der 65 Befragten waren jünger als 50 Jahre alt und im Vergleich wurde deutlich, dass ein großer Teil der Mathematikprofessorinnen sowohl jünger war als die männlichen Kollegen, als auch jünger als die Kolleginnen und Kollegen in anderen Disziplinen (vgl. den Anteil der nach 1961 Geborenen in Tabelle 1). Möglicherweise zeichnet sich hier ein beginnender Wandel zugunsten einer Erhöhung des Frauenanteils in der Mathematik ab, für dessen Bestätigung es aber fortlaufender Studien bedürfte. Tabelle 1: Befragte Mathematikerinnen nach Alterskohorten/Häufigkeiten absolut (n = 65) und prozentual Bis 1940 10* = 15 %
1941 – 1950 13 = 20 %
* davon sieben Emeritierte
1951 - 1960 27 = 42 %
Nach 1961 15 = 23 %
Tabelle 2: Vergleichsgruppe Mathematik-Professoren (n = 44)** Bis 1940 2=5%
1941 – 1950 17 = 39 %
1951 - 1960 21 = 48 %
** Vgl. Projekt Wissenschaftskarriere (2003)
Nach 1961 4=9%
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Tabelle 3: Vergleichsgruppe Professorinnen und Professoren über alle Fächer (n = 975)*** Bis 1940 134 = 14 %
1941 - 1950 358 = 37 %
1951 - 1960 382 = 39 %
*** Vgl. Projekt Wissenschaftskarriere (2003)
Nach 1961 101 = 10 %
3.2.1 Das Phänomen akademischer Endogamie Etwa 70 % der Professorinnen lebten zum Zeitpunkt der Befragung in fester Partnerschaft und die meisten von ihnen fühlten sich im Laufe ihrer Karriere von ihren Partnern und Partnerinnen unterstützt. Auffällig ist dabei, dass 65 % dieser Partner/innen (auch) habilitiert oder zumindest promoviert sind, nahezu 50 % haben dabei einen Bildungsgang in Mathematik, Naturwissenschaften, Informatik oder im Ingenieurswesen durchlaufen. Auch die Ergebnisse des Projekts “Wissenschaftskarriere an der Universität” (2003: 24) zeigen auf, “dass ein sehr großer Teil von Professorinnen sich einen Lebenspartner aus dem eigenen beruflichen Umfeld sucht, zudem ein weiterer Hinweis dafür, dass vor allem bei den Professorinnen universitärer Arbeitsplatz und private Lebenswelt eng miteinander verwoben sind”, ein Phänomen, das diese Forschungsgruppe als “akademische Endogamie” (ebd.) beschreibt. Die Unterstützungserfahrungen, von denen Mathematikerinnen in diesen Beziehungskonstellationen berichteten, bezogen sich vor allem auf emotionale Unterstützung und Verständnis seitens des Partners. Ein kausaler Zusammenhang zwischen dem Phänomen akademischer Endogamie und einer geschlechtergerechten Verteilung familiärer Aufgaben in Bezug auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie konnte bei den Befragten nicht festgestellt werden. 3.3 Geschlechtsspezifische Diskriminierungserfahrungen Obwohl die Mehrheit der befragten Mathematikprofessorinnen von unterstützenden und förderlichen Bedingungen berichtete und sich die Karriereverläufe mehrheitlich durch Geradlinigkeit und Zielstrebigkeit auszeichneten, nahm die Wahrnehmung geschlechtsspezifischer Diskriminierungserfahrungen mit jeder Qualifikationsstufe zu.
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Tabelle 4: Geschlechtsspezifische Diskriminierungserfahrungen, Vergleich in den verschiedenen Statuspassagen/Häufigkeiten absolut und prozentual* Gesamt n = 65 12 / 18 % 47 / 72 % 23 / 35 % 33 / 51 %
BRD Bio. n = 47 DDR Bio. n =1 8 12 / 26 % 0 30 / 64 % 17 / 94 % 17 / 36 % 6 / 33 % 24 / 51 % 9 / 50%
Ja Nein
Gesamt n = 59** 26 / 44 % 24 / 41 %
BRD Bio. n = 41 DDR Bio. n = 18 19 / 46 % 7 / 39 % 16 / 39 % 8 / 44 %
Weiterer Weg Ja Nein
Gesamt n = 65 29 / 45 % 17 / 26 %
BRD Bio. n = 47 DDR Bio. n = 18 21 / 45 % 8 / 44 % 11 / 23 % 6 / 33 %
Studium
Ja Nein Promotion Ja Nein
Habilitation
*
Nicht aufgeführt sind die Nennungen geschlechtsspezifische Bevorteilung, teils-teils, sonstiges und keine Angabe. ** Sechs Frauen mit BRD-Ausbildungsbiographie haben nicht habilitiert.
Darüber hinaus beschrieben die Frauen mit DDR-geprägter Ausbildungsbiographie Schwierigkeiten an den Universitäten während der Wendezeit. Auf dieser deskriptiven Ebene muss allerdings offen bleiben, ob es in der DDR und allgemein in den frühen Jahren der akademischen Karriere weniger Diskriminierungen und Vorurteile gab, oder ob solche nicht wahrgenommen und verdrängt wurden.13 So berichtete zum Beispiel eine heutige Informatik-Professorin: “Was ich damals sehr verdrängt und nicht als negativ erlebt habe, war natürlich, dass alle gesagt haben: Mathematik – du als Mädchen, das passt doch nicht zusammen oder das gibt’s doch nicht, dass Frauen in Mathematik gut sind oder so – das Erstaunen halt, dass man das macht. Und das ging so weit, da war ich dabei, dass ein befreundeter Frauenarzt, der aber auch ’n bisschen gesponnen hat, meinen Vater angeschrien 13 Anke Genius und Imke Gerdes haben in einer studentischen Forschungsarbeit anhand von Einzelfallanalysen herausgearbeitet, dass die interviewten Frauen mit DDRAusbildungsbiographie auf der manifesten Ebene oft mit der gesetzlich verankerten Gleichstellung der Geschlechter und dem damit verbundenen Rollenbild der Frau in der DDR argumentierten, auf der latenten Ebene aber durchaus Widersprüche und Ambivalenzen in diesen Deutungen erkennbar waren.
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Kristina Hackmann hat: Wie können Sie das nur erlauben, dass sie Mathematik studiert, sie wird alle ihre Hormone verlieren und niemals heiraten und keine Kinder kriegen [lacht] und Recht hat er gehabt [lacht].” 14
Frau Ilmstedt verweist nachträglich auf einen Verdrängungsprozess in jungen Jahren. Obwohl mathematische Kompetenzen gesellschaftlich Mädchen und Frauen abgesprochen wurden, wurde diese Zuschreibung nicht als negativ wahrgenommen. Biologistische Erklärungsversuche und Drohungen wurden verdrängt und standen dem mathematischen Werdegang damit nicht im Weg. Erst nachträglich erkennt Frau Ilmstedt diesen DISKURS als abwertend und diskriminierend, kann sich als etablierte und erfolgreiche Karrierefrau aber leicht ironisch davon distanzieren. Insgesamt war festzustellen, dass die Benennung von Wahrnehmungen diskriminierender Erfahrungen deutlich heterogener war, als die der unterstützenden Erfahrungen. Unterschiedliche Erklärungsansätze wären hierfür denkbar: Anders als für Unterstützungsmechanismen gibt es auf der diskursiven Ebene keinen Konsens darüber, was als Behinderungsstruktur benannt werden kann oder darf, mit der Folge, dass als geschlechtsspezifische Diskriminierung wahrgenommene Erfahrungen ins Subjektive und damit ins Nicht-Allgemeingültige und NichtBenennbare verschoben werden (vgl. Engler et al. 2002: 194; Kuhlmann et al. 2002: 231ff). Eine damit zusammenhängende Erklärung könnte sein, dass in der Erhebung nur die Frauen befragt wurden, die es ggf. trotz Widerständen geschafft haben, sich in der Disziplin akademisch zu etablieren. So bleibt unklar, ob diese Frauen tatsächlich weniger diskriminierende Erfahrungen (auf struktureller Ebene) gemacht haben und/oder ob sie diese z. B. im Sinne einer positiven Selbstdarstellung individuell anders oder gar nicht benennen. Ich werde auf dieses (Untersuchungs-)Problem abschließend noch einmal kurz eingehen. 4
Selbstverortung und Wahrnehmung in der Disziplin15
Eine wichtige Forschungsfrage unseres Projektes war die nach Teildisziplinen, die von Frauen besonders bevorzugt werden. Für die 40 aktiven Mathematikerinnen im engeren Sinne sollen im Folgenden die fachlichen 14 Bereinigtes Zitat, Interview Ilmstedt (Name anonymisiert), Z. 679-688. 15 Die Ergebnisse dieses Kapitels sind im Wesentlichen von Stefanie Radtke und Prof. Dr. Irene Pieper-Seier ausgearbeitet und formuliert worden.
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Neigungen und Interessen und die Beteiligung und Wahrnehmung in der mathematischen Fachöffentlichkeit dargestellt werden. 4.1 Fachliche Interessen Insgesamt zeigten sich die befragten Mathematikprofessorinnen im Vergleich zur gesamten Community in ihren disziplinären Interessen und Verortungen wenig auffällig. Teildisziplinäre Neigungen zeigten sich erst während des Studiums deutlich. Dabei überwogen zunächst Themen der reinen Mathematik. 22 Frauen (55 %) gaben an, in der Abschlussarbeit ein Thema aus der reinen Mathematik bearbeitet zu haben, bei 16 Frauen (40 %) kam es aus den anwendungsorientierten Gebieten inklusive Stochastik. Dabei war die Wahl des Themas mehrheitlich durch den positiven Bezug zu einer Person, in der Regel einem Professor, motiviert. Das Thema der Promotion wurde oft im Sinne einer Fortsetzung und Ausweitung der bisherigen Studienschwerpunkte und der Abschlussarbeit gewählt. Für die Habilitation verschob sich die Verteilung auf reine und angewandte Mathematik praktisch nicht: Von den 38 habilitierten Frauen hatten 20 (53 %) ein Thema aus der reinen Mathematik, 18 (47 %) ein Thema aus der angewandten Mathematik. Aus ihrer persönlichen Sicht gaben 20 Frauen an, dass sich das Themengebiet gegenüber der Promotion verändert hat und nannten dafür sehr unterschiedliche Motive, u. a. in fünf Fällen karrierestrategische Gründe. Die Hinwendung zu angewandten Themen nahm dann aber mit den Berufungen zu. Mit ihrer Professur vertreten heute mehr Frauen angewandte Fachgebiete als dafür habilitiert sind. Insgesamt haben 25 der 40 Professorinnen (63 %) einen ihrer Arbeitsschwerpunkte in der angewandten Mathematik. Von ihnen haben 15 die Ausrichtung ihres Interesses vom Studium an beibehalten, sind also ihrer ursprünglichen Neigung gefolgt, während die anderen zehn ihre Interessen unterschiedlich stark ausgeweitet bzw. verändert haben. Dies ist vermutlich auch auf die größere Verfügbarkeit finanzieller Ressourcen für angewandte Forschung zurückzuführen. 24 der 40 Mathematikerinnen (60 %) glaubten, dass es bevorzugte Teildisziplinen von Frauen gibt. Bei der konkreten Benennung solcher Gebiete streuten die Meinungen dann jedoch weit, so dass zwar ein
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Stimmenhoch (zehn Nennungen) für Algebra/Zahlentheorie erscheint, aber insgesamt reine und angewandte Mathematik etwa gleich stark genannt wurden. 4.2 Ausgewiesene fachliche Schwerpunkte und Publikationen der Wissenschaftlerinnen Insgesamt schienen uns diese Einschätzungen eher unbefriedigend und unklar, so dass wir uns um ‘objektive’ Daten bemüht haben. Die Datenbank des “Zentralblattes für Mathematik und ihre Grenzgebiete”16 enthält als bedeutendstes europäisches Referateorgan einen Überblick über die Artikel in nahezu allen wichtigen mathematischen Zeitschriften weltweit und über andere Publikationen, die jeweils nach einem international anerkannten System thematisch klassifiziert werden.17 Daraus haben wir verschiedene Auszählungen vorgenommen: x alle im Zentralblatt erfassten Publikationen der letzten fünf bzw. zehn Jahre nach Klassifikationsnummer x alle im Zentralblatt erfassten Publikationen der gesamten Zielgruppe von Mathematikerinnen (inkl. der nicht interviewten Frauen) der letzten fünf bzw. zehn Jahre nach Klassifikationsnummer. Starke Unterschiede ergaben sich bei der Auswertung für die letzten fünf Jahre nicht, lediglich ein algebraisches Gebiet (Nicht-assoziative Ringe und Algebren) wurde von den Frauen deutlich weniger bedient. Wenn man die letzten zehn Jahre zusammenfasst, relativiert sich dieser Eindruck noch. Die Professorinnen der Mathematik in Deutschland verhielten sich im internationalen Publikationsvergleich also eher unauffällig, d. h., dass es weder Nischen gab, die sie bevorzugten, noch Gebiete, die sie mieden. Der niedrige Frauenanteil an mathematischen Professuren kann demnach nicht darauf zurückgeführt werden, dass die Frauen sich in Randgebieten aufhalten, für die es nur geringen professoralen Bedarf gibt.
16 Vgl. http://www.emis.de/ZMATH (Letzter Zugriff: 02.03.2006). 17 Einschränkend muss bedacht werden, dass das Zentralblatt vom Fleiß und der Einschätzung der jeweiligen Referenten abhängt, nicht alle Artikel werden erfasst und die Klassifikation wird nicht vom Autor bzw. der Autorin, sondern vom Referenten bestimmt.
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4.3 Selbstwahrnehmung in der Community Die Bedeutung des eigenen Arbeitsgebietes in der Fakultät hielten 15 Frauen (38 %) für hoch, zehn Frauen (25 %) für eher unwichtig. Wenn es um das Ansehen ihrer Teildisziplin in der Community insgesamt geht, sieht das Ergebnis anders aus: Nur noch elf Mathematikerinnen (28 %) hielten ihr Arbeitsgebiet für eher angesehen, 15 für weniger angesehen. Wichtig für die innerfachliche Resonanz sind Tagungen und Zeitschriften: Auf die Frage, ob sie Mitherausgeberin einer mathematischen Zeitschrift sei, antworteten 9 von 40 Frauen, d. h. 23 % positiv; 35 von 40 der Frauen (88 %) gaben an, bereits einmal eine Fachtagung organisiert zu haben; 73 % (29 von 40) der Frauen gaben an, mindestens einmal einen Hauptvortrag auf einer größeren Tagung gehalten zu haben. Vergleichsdaten männlicher Professoren wären gerade hier hilfreich. 4.4 Status und Teilhabe in der Community am Beispiel des Mathematischen Forschungsinstituts Oberwolfach Insgesamt scheint der subjektive Grad der Integration in die Community sehr hoch zu sein. Daher ist es nicht erstaunlich, dass die Frauen mehrheitlich sagten, dass sie mit der Resonanz auf ihre Arbeit zufrieden seien. Ein erheblicher Anteil war der Meinung, dass sie wesentlich Neues zur Mathematik beigetragen haben. 40 % der Frauen gaben an, in der Forschung mit anderen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen zu kooperieren, überwiegend auch mit ausländischen Kollegen/innen.18 Die befragten Mathematikerinnen sahen sich also persönlich gut in die Community integriert und hatten dafür deutliche Belege, nahmen allerdings ihr Fachgebiet nicht im selben Maß als angesehen wahr. Wie erscheint diese subjektive Wahrnehmung in einem ‘objektiven’ Licht? Wir haben, um dieser Frage näher zu kommen, die Daten über die Tagungen des Mathematischen Forschungsinstituts Oberwolfach (MFO) geschlechterdifferenzierend untersucht.
18 In einer Studie in England hat die Mathematikerin Leonie Burton ermittelt, dass mehr als 90 % der von ihr befragten Mathematiker/innen in der Forschung sehr eng mit Kollegen und Kolleginnen kooperieren. In Deutschland scheint der Wert von über 40 % dennoch eher hoch, da traditionell die Qualifikation über Individualpublikationen eingeschätzt wird.
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Das Mathematische Forschungsinstitut Oberwolfach (MFO) spielt innerhalb der mathematischen Community eine wichtige Rolle. Das MFO ist die einzige Institution in Deutschland, in der wöchentlich mindestens eine international bedeutende, die aktuelle Forschung zum jeweiligen Thema repräsentierende mathematische Tagung durchgeführt wird. Ein ähnliches Konzept verfolgt in Frankreich das Centre International de Rencontres Mathématiques in Luminy. Beide Institutionen haben sehr hohes Ansehen nicht nur in Europa, sondern weltweit, wobei Oberwolfach die längere Tradition (seit 1945) aufzuweisen hat. Ein Antrag auf eine Tagung in Oberwolfach wird nach Begutachtung vom Beirat der Institution entschieden; dabei wird erwartet, dass bereits die Antragstellenden, die dann auch die Leitung übernehmen, ein internationales Spektrum repräsentieren. Zu jeder Tagung werden etwa 50 bis 60 Teilnehmende eingeladen, die für das jeweilige Spezialgebiet in besonderer, auch im internationalen Vergleich beachtlicher Weise ausgewiesen sind. Dieses Procedere, die Tradition und das Ansehen von Oberwolfach bringen es mit sich, dass die Teilnahme an einer Tagung dort, aber noch viel mehr die Leitung einer Tagung in Oberwolfach, mit außerordentlichem Prestige verbunden ist und daher einen Hinweis auf den Status innerhalb der Disziplin gibt. Während die Einladung, an einer Tagung in Oberwolfach teilzunehmen, in der Community vielfach als notwendige Bedingung dafür genommen wird, dass eine Person überhaupt professorabel in Mathematik ist, wird die Beteiligung an der Leitung einer Tagung in Oberwolfach deutlich höher eingeschätzt. Aus unserem Sample von 40 Frauen gaben 34 an, mindestens einmal eine Einladung zu einer Tagung in Oberwolfach erhalten zu haben, das sind 85 %; zehn der Frauen gaben an, schon einmal eine Tagung in Oberwolfach geleitet zu haben, also 25 %. Die ausgewerteten Daten beziehen sich auf die Jahre 1998-2003. Zu berücksichtigen ist, dass die Veranstaltungen nicht ausschließlich von Professorinnen oder Professoren organisiert werden. Das Organisationsteam einer Tagung besteht i. d. R. aus mindestens zwei, häufig jedoch aus drei oder vier Mitgliedern. Des Weiteren finden sich zu jeder Person in den Listen Ortsangaben, aus denen unsere Einteilungen in die Gruppen Deutschland bzw. Ausland resultieren. Von den Personen, die in den sechs Jahren im MFO Tagungen geleitet haben, waren 4 % Frauen. Der Anteil der Frauen mit deutscher Ortsangabe liegt bei 1 %. In dem untersuchten Zeitraum haben insgesamt 343
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Veranstaltungen stattgefunden. Nur bei 29, also 9 %, der Veranstaltungen waren Frauen an der Leitung beteiligt. Dabei handelte es sich bei nahezu der Hälfte dieser Veranstaltungen um so genannte Mini-Workshops. Dagegen waren bei mehr als 85 % der großen Hauptveranstaltungen die Tagungsleitungen ausschließlich mit Männern besetzt. Bemerkenswert erscheint auch die Tatsache, dass 1999 keine einzige Frau an einer Tagungsleitung im MFO beteiligt war und zudem in den Jahren 2001 und 1998 keine Frau mit deutscher Ortsangabe. Aus diesen Daten wird deutlich, dass sich die Mathematik in der Institution Mathematisches Forschungsinstitut Oberwolfach sehr deutlich und ungebrochener als in der Institution Universität als männliche Domäne behauptet. Wir können davon ausgehen, dass die zehn Frauen unter unseren Interviewpartnerinnen, die Tagungen in Oberwolfach mitorganisiert haben, dies verteilt über mindestens neun Jahre getan haben. Der zunächst sehr positive Eindruck, dass ein Viertel der Frauen diese besonders prestigeträchtige Aufgabe übernehmen konnten, wird durch die Gesamtübersicht deutlich relativiert. Die Erkenntnis – je höher der Status und das Prestige, desto geringer der Frauenanteil (vgl. Wetterer 1994: 94) – trifft eindeutig auch auf Oberwolfach zu.19 5
Resümee und Ausblick
Als zentrale Ergebnisse unserer Untersuchung konnten u. a. herausgearbeitet werden: Fast alle Frauen, die wissenschaftliche UniversitätsKarrieren erfolgreich abschließen konnten, sind in ihrem mathematischen Interesse und in ihren Kompetenzen schon früh und im weiteren Verlauf ihres Berufsweges immer wieder unterstützt und gefördert worden. Die Karrierewege zeichneten sich mehrheitlich durch Geradlinigkeit aus, allerdings berichtete auch die Gruppe der Erfolgreichen von mit jeder Statuspassage zunehmenden, wenn auch sehr unterschiedlichen geschlechtsspezifischen Diskriminierungserfahrungen in der Institution Universität. Mit ihren Professuren vertreten die Frauen eher Themen der angewandten als der reinen Mathematik, die Verteilung der Publikationen auf die Teilgebiete wies aber keine Auffälligkeiten im Sinne bevorzugter oder gemiedener Teilbereiche der Mathematik auf. Die Mathema19 Zur Prestigefrage siehe auch den Beitrag “Geschlechterforschung in der Chemie” von Ines Weller in Teil I.
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tikprofessorinnen gaben an, sich in der Community akzeptiert und integriert zu fühlen, aber es gab auch Hinweise auf Ausschlussmechanismen. Über diese zentralen Ergebnisse der Studie hinaus zeichneten sich in der Untersuchung Tendenzen ab, deren weitere Betrachtung sinnvoll erscheint, die im Rahmen des Projekts aber nicht mehr differenziert analysiert werden konnten. Die große Bedeutung männlicher Vorbilder in den Karrierewegen der Mathematikprofessorinnen legt zum einen eine stärker tiefenhermeneutisch orientierte Interpretation der Interviews nahe, zum anderen und damit verbunden könnte eine ethnomethodologisch orientierte Interpretation der Texte Aufschlüsse darüber geben, in welcher Art und Weise Konstruktionen von Geschlecht im Sinne des DOING GENDER Bestandteil der biographischen Erzählungen der Interviewten sind.20 Der hier an einigen Stellen ausgeführte Vergleich zwischen den Generationen und den BRD- und DDR-Biographien bedürfte einer detaillierteren und kontexterweiterten Analyse. Beispielhaft seien hier die Ergebnisse zum Thema Einschätzungen zur Notwendigkeit der Förderung von Nachwuchswissenschaftlerinnen genannt: Mehr als 70 % der Befragten hielten eine gezielte Förderung von Studentinnen und Nachwuchswissenschaftlerinnen für sinnvoll, knapp 30 % beschrieben in diesem Zusammenhang auch Eigenaktivitäten. Die Einschätzungen, welche konkreten Maßnahmen zur Erhöhung des Frauenanteils sinnvoll wären, waren dabei allerdings stark von den eigenen biographischen Erfahrungen beeinflusst: Während die Professorinnen mit BRD-Ausbildungsbiographie die Stärkung des Selbstbewusstseins und des fachlichen Selbstvertrauens junger Mathematikerinnen hervorhoben, hielten die Frauen mit DDR-Ausbildungsbiographie verbesserte Kinderbetreuungsmöglichkeiten für ein entscheidendes Moment der Förderung von Nachwuchswissenschaftlerinnen. Auf die Schwierigkeiten einer geschlechtervergleichenden Perspektive wurde bereits hingewiesen, auch im Zusammenhang mit der konsequenten Einbeziehung außerberuflicher Lebensumstände steht die Entwicklung adäquater Forschungsdesigns und die Durchführung entspre-
20 Zum Konzept DOING GENDER siehe den Beitrag “De/Konstruktionen von Geschlecht und Sexualität” von Smilla Ebeling in Teil II. Zu biographischen Analysen siehe den Beitrag “Methodenauswahl der geschlechterperspektivischen Naturwissenschaftsanalyse” von Smilla Ebeling, Jennifer Jäckel, Ruth Meßmer, Katrin Nikoleyczik und Sigrid Schmitz in Teil II.
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chender Forschung im Rahmen der mathematikbezogenen Frauen- und Geschlechterforschung noch aus. Eine strukturiert angelegte ländervergleichende Untersuchung mit Mathematikerinnen aus Nationen, in denen der Frauenanteil an mathematischen Professuren deutlich höher ist als in Deutschland, könnte Hinweise auf Veränderungsmöglichkeiten des Ungleichheitsverhältnisses in Deutschland liefern, aber auch auf unerwünschte Nebeneffekte frauenförderpolitischer Maßnahmen. Schließlich liegt in dem umfangreichen Interviewmaterial ein größeres Potenzial einzelfallanalytischer Betrachtungen. Denkbar wären z. B. Interpretationen im Anschluss an den Begriff des autobiographischen Prozesses, der in den neueren Debatten der Biographieforschung zunehmend thematisiert wird. Dieser Begriff hebt das Geschehen hervor, “in dem Menschen ihre Lebensgeschichte im Prozess der Narration ordnen und sie dabei als einen mehr oder weniger kohärenten Zusammenhang [...] überhaupt erst erschaffen” (Brockmeier 1999: 23; zitiert nach Hartmann 2004: 24). Diese diskurstheoretische Auffassung begreift die Lebensgeschichte als die Identität eines Menschen, die damit nichts Substantielles, über die Zeit gleich bleibendes ist, sondern im Prozess des Erzählens erst herausgebildet wird. Selbst-Konstruktionen entstehen über unterschiedliche Arten der Selbstthematisierung, sie werden immer wieder neu erzählt, anders und mit neuen Bedeutungen verknüpft, wodurch sich auch die selbstgebenden Identitäten des Individuums verändern. Geht man davon aus, dass Muster des Erzählens auf vorherrschende Konventionen zurückgreifen, dann sind Selbst-Konstruktionen als gemeinschaftliches Produkt innerhalb lebensgeschichtlicher Zeit und innerhalb verschiedener sozialer Begegnungen zu begreifen, bei denen sich das sprechende Subjekt in aktuellen DISKURSEN21 konstituiert (vgl. Hartmann 2004: 24). Eine solche diskurstheoretische Betrachtung berufsbiografischer Interviews von erfolgreichen Frauen in einer männerdominierten Wissenschaftsdisziplin wie der Mathematik könnte mit Blick auf die Untersuchung akademischer Identitäten aufschlussreich sein.
21 Zum DISKURS siehe die Beiträge “Grundlagen der Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsforschung” von Robin Bauer und “Methodenauswahl der geschlechterperspektivischen Naturwissenschaftsanalyse” von Smilla Ebeling, Jennifer Jäckel, Ruth Meßmer, Katrin Nikoleyczik und Sigrid Schmitz in Teil II.
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Kristina Hackmann
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Geschlechterforschung in der Chemie. Spurensuche in der Welt der Stoffe Ines Weller
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Zur Bedeutung der Chemie in der Geschlechterforschung
Die Geschlechterforschung in der Chemie ist im Vergleich zu anderen naturwissenschaftlich-technischen Disziplinen wie der Biologie, der Physik, der Informatik und den Ingenieurwissenschaften deutlich weniger entwickelt. Dies zeigt z. B. ein Blick in die verschiedenen Sammelbände und Handbücher, die in den letzten Jahren zur Geschlechterforschung in Deutschland erschienen sind und sich vereinzelt auch mit den Naturund Technikwissenschaften beschäftigen. Diese thematisieren die Geschlechterforschung in verschiedenen naturwissenschaftlich-technischen Disziplinen wie der Biologie, Medizin, Architektur, Agrarwissenschaften, Ökologie, Informatik oder Mathematik (vgl. Becker & Kortendiek 2004, Niedersächsisches Ministerium für Wissenschaft und Kultur 1997, Schiebinger 2000, von Braun & Stephan 2000), die Wissenschaft Chemie wird in diesem Zusammenhang nicht erwähnt. Die im Vergleich zu anderen naturwissenschaftlich-technischen Disziplinen geringe Präsenz der Chemie in der Geschlechterforschung bedeutet aber nicht, dass überhaupt keine Diskussionen über den Einfluss der STRUKTURKATEGORIE GESCHLECHT in der bzw. bezogen auf die Chemie geführt wurden und werden. Wie ich im Folgenden aufzeigen werde, sind handfeste Spuren der Geschlechterverhältnisse durchaus auch für die Chemie aufgedeckt worden. Bevor ich auf die Geschlechterspuren in der Chemie genauer eingehen und dabei die beiden Ebenen WOMEN IN SCIENCE and GENDER IN SCIENCE betrachten werde, möchte ich kurz die Wissenschaft Chemie und ihr Selbstverständnis umreißen.1
1 Zum Begriff STRUKTURKATEGORIE GESCHLECHT und den Analyseebenen der Geschlechterforschung siehe “Geschlechterforschung und Naturwissenschaften” von Sigrid Schmitz und Smilla Ebeling.
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Ines Weller
Aufgabengebiet und Selbstverständnis der Chemie
Die Chemie untersucht den Aufbau und das Verhalten der Materie und die dabei auftretenden Gesetzmäßigkeiten. Sie wird als exakte Naturwissenschaft verstanden, in der Enzyklopädie von Brockhaus wird sie definiert als “Naturwissenschaft, die sich mit dem Aufbau und der Umwandlung von Stoffen beschäftigt” (Brockhaus 1996: 431). Ihre wesentlichen Aufgabengebiete sind die chemische Analyse und Synthese. In der Analytik beschäftigt sie sich damit, die Zusammensetzung von Materie zu untersuchen, Stoffe zu identifizieren und sie mengenmäßig zu bestimmen. Gegenstand der synthetischen Chemie ist die gezielte Herstellung von Stoffen. Wie werden nun Stoffe in der Chemie definiert? Zu dem Begriff Stoff führt der Brockhaus aus: “jede in chemisch mehr oder weniger einheitlicher Form vorliegende Erscheinungsart der Materie, (...) gekennzeichnet durch ihre unabhängig von der äußeren Gestalt charakteristischen physikalischen und chemischen Eigenschaften und Stoffkonstanten” (Brockhaus 1996: 174).
Beispielsweise wird der Stoff Wasser u. a. durch seinen spezifischen Gefrier- und Siedepunkt, durch seine spezifische Viskosität, Dichte und elektrische Leitfähigkeit gekennzeichnet. Zum Vergleich zu dieser Stoffdefinition der Chemie möchte ich noch eine Definition von Stoffen anführen, die aus der Umweltpolitik bzw. -forschung stammt. In Anlehnung an das Chemikaliengesetz werden hier Stoffe als sowohl natürlich vorkommende als auch synthetisch hergestellte chemische Elemente und Verbindungen definiert (Enquête-Kommission “Schutz des Menschen und der Umwelt” 1994). Diese Definition differenziert explizit zwischen einerseits anthropogen, d. h. menschlich, erzeugten und andererseits natürlich vorkommenden Stoffen und weist damit darauf hin, dass die Untersuchung von Stoffen, ihre Herstellung und Umwandlung, von Menschen betrieben wird. Die Wissenschaft der Chemie basiert demnach auf dem gesellschaftlichen Umgang mit Stoffen, den sie untersucht und gestaltet. Wenngleich dies eigentlich trivial und eine Selbstverständlichkeit ist, wird dieser Zusammenhang in der Chemie selbst selten thematisiert. Die besondere Aufmerksamkeit der Umweltforschung für den Einfluss der Akteure und Akteurinnen, d. h. derjenigen, die Stoffe entwi-
Geschlechterforschung in der Chemie
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ckeln und produzieren, hängt sicherlich damit zusammen, dass sie sich insgesamt mit den nicht-intendierten Nebenfolgen und ökologischen Problemen der Chemie beschäftigt und damit Aspekte deutlich macht, die von der Chemie über lange Zeit hinweg ausgegrenzt und abgespalten wurden. Diese Problemsicht lenkt den Blick auf den Kontext der Chemie und die Frage, wie die Untersuchung und Herstellung von Stoffen von gesellschaftlichen Machtverhältnissen und Strukturen, von institutionellen und individuellen Interessenlagen, von Wertvorstellungen und ökonomischen Einflussfaktoren geprägt wird. Wird berücksichtigt, dass die Chemie in gesellschaftliche Kontexte eingebunden ist, folgt daraus ganz unmittelbar die Frage nach dem Einfluss der gesellschaftlich wirkmächtigen STRUKTURKATEGORIE GESCHLECHT, d. h. wie sich die Geschlechterverhältnisse auf den gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Umgang mit Stoffen auswirken. Angesichts des Selbstverständnisses der Chemie als ‘exakte und objektive’ Naturwissenschaft2 war und ist aber bereits der Einfluss des gesellschaftlichen Kontextes auf die inhaltliche Entwicklung der Chemie kaum Thema. Damit bleibt auch die Wirkmächtigkeit der Geschlechterverhältnisse weitgehend verborgen. Dies bedeutet, dass an konkreten Problemen und Beispielen herauszuarbeiten ist, wie sich die Geschlechterordnung z. B. auf das Wissen und die Produkte, die in der Chemie produziert werden, oder auf die Forschungs- und Entwicklungsrichtungen, die verfolgt werden, auswirkt. Hierfür sind Kompetenzen sowohl in der Chemie als auch in der Geschlechterforschung, die in dieser Kombination bislang eher äußerst selten sind, erforderlich. Zugleich unterstreicht dies die grundlegende Bedeutung von Interdisziplinarität, die eine grundlegende Voraussetzung für die Geschlechterforschung in den Naturwissenschaften darstellt. 3
Die Anfänge der Geschlechterforschung in der Chemie
Trotz der vergleichsweise geringen Präsenz der Chemie in der Geschlechterforschung waren und sind Chemikerinnen in Deutschland bereits seit Beginn an der Entwicklung der feministischen Naturwissenschafts- und Technikkritik beteiligt. Wesentlich für die Entwicklung der Diskussionen über den Zusammenhang zwischen Geschlechterverhält2 Zur OBJEKTIVITÄTSKRITIK siehe den Beitrag “Grundlagen der Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsforschung” von Robin Bauer in Teil II.
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nissen und Chemie war und ist in Deutschland der “Kongress Frauen in Naturwissenschaft und Technik”, der 1977 initiiert wurde, bis heute kontinuierlich stattfindet und jedes Jahr auf große Resonanz bei Naturwissenschaftlerinnen und Technikerinnen stößt (Götschel 2001). Diese von Naturwissenschaftlerinnen und Technikerinnen selbst organisierte Tagung war Teil der neuen Frauenbewegung und diese wiederum Teil der ‘neuen sozialen Bewegungen’ in der Bundesrepublik Deutschland, die in den 1970er Jahren durch Politik ‘von unten’ zu gesellschaftlichen Veränderungen beitragen wollten. Zu ihren wesentlichen Themen und Zielen gehörten Umweltschutz, Frauenemanzipation und Frieden, ein weiteres wichtiges Thema war die Anti-Atomkraft-Bewegung. Ein wesentliches Anliegen des Kongresses von Frauen in Naturwissenschaft und Technik war der Austausch von Naturwissenschaftlerinnen und Technikerinnen sowohl über “ihre Situation als Frauen in einem Männerbereich” als auch über “ihr Unbehagen an naturwissenschaftlichtechnischen Inhalten” (Götschel 2001: 29). Von Beginn an waren an diesen Diskussionen auch Chemikerinnen beteiligt.3 Im Vordergrund stand bei ihren Diskussionen in den Fachgruppen Chemie zunächst die Auseinandersetzung mit der Studien- und Arbeitssituation von Frauen in der Chemie, die damals erheblich stärker als heute durch männliche Dominanz geprägt war. Dabei ging es auch darum, die jeweilige persönliche Situation besser in allgemeine politische und gesellschaftliche Strukturen einordnen zu können. Eine direkte Beschäftigung mit den Inhalten der Chemie und ihren Geschlechterbezügen ist erstmals für 1992 nachzulesen (Weller 1995a). Im Rahmen eines ersten Brainstormings wurden dazu in der Fachgruppe Chemie Fragen gesammelt, die sich u. a. auf die Kritik an dem absoluten Objektivitätsanspruch der Chemie, auf ihre Sprache, auf die fehlende Reflexion ihrer Modelle und Theorien sowie auf den Zusammenhang zwischen Entwicklung der Gesellschaft und der Chemie bezogen. Es wurden damit Fragen der feministischen Kritik an Naturwissenschaft und Technik allgemein aufgeworfen und auf die Notwen3 Dies kann ich zumindest für den zweiten Kongress, der 1978 in Hamburg stattfand, mit meinen persönlichen Erfahrungen belegen. An diesem habe ich selbst als Chemiestudentin teilgenommen, hier bildete sich ad hoc eine kleine Arbeitsgruppe von Chemikerinnen bzw. Chemiestudentinnen. Auch die Aufarbeitung der Geschichte des Kongresses von Frauen in Naturwissenschaft und Technik von der Physikerin und Wissenschaftshistorikerin Helene Götschel kann für den Zeitraum zwischen 1977 und 1989 das Treffen von fünf Fachgruppen Chemie belegen (Götschel 2001: 321f.). Es waren aber sicherlich mehr, da die schriftlichen Dokumentationen der Kongresse keineswegs vollständig sind und insbesondere spontan gebildete Arbeitsgruppen nicht immer dokumentiert wurden.
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digkeit hingewiesen, diese in ihrer Bedeutung speziell für die Chemie zu untersuchen und zu konkretisieren. In den Diskussionen über Geschlechterverhältnisse und Chemie zeichnen sich zwei Hauptstränge ab, die sich auf zwei in der Geschlechterforschung in Naturwissenschaft und Technik eingeführte Analyseebenen von Geschlecht beziehen (vgl. Heinsohn 1998, Weller 2004). In dem Bereich WOMEN IN SCIENCE steht die Analyse der Situation von Frauen in der Chemie im Mittelpunkt. Beispielsweise werden die Beteiligungs- und Mitgestaltungsmöglichkeiten von Frauen in den verschiedenen Bereichen und Feldern der Chemie untersucht und in Hinblick auf das Ziel Chancengleichheit und angemessene Partizipation von Frauen bewertet. Die Analyse richtet sich weiterhin auf das Aufdecken und Sichtbarmachen der Beiträge von Frauen zur inhaltlichen (Weiter-)Entwicklung der Chemie, wobei die historische Perspektive von besonderer Bedeutung ist. Zu dem Bereich GENDER IN SCIENCE gehören Arbeiten zu der Frage, wie sich die Geschlechterverhältnisse auf die Produktion von Wissen und materiellen Produkten in der Chemie auswirken. Sie analysieren, ob und wie sich diese in die Grundannahmen der Chemie, ihren Fragestellungen, ihren Modellen und ihren Forschungs- und Entwicklungsprozess einschreiben. Hier stellt sich insbesondere die Herausforderung, in geschlechtsneutral formulierten und gedachten Problemformulierungen und -lösungen Leerstellen und Schieflagen zu erkennen, die in Bezug zu den Geschlechterverhältnissen und geschlechtlich kodierten Bereichen und Begriffen stehen. Analytisch macht es Sinn, die beiden Ebenen der Geschlechterverhältnisse WOMEN IN SCIENCE und GENDER IN SCIENCE zu unterscheiden. Es ist jedoch zu berücksichtigen, dass sie sich wechselseitig bedingen und teilweise auch überschneiden. Im Folgenden werde ich nun zu beiden Bereichen einige Beispiele aus der Chemie vorstellen, die diese noch weiter erläutern. 4
Women in Chemistry/Frauen in der Chemie
Arbeiten, die sich mit der Situation von Frauen in der Chemie beschäftigen, lassen sich ihrerseits wiederum einteilen in Analysen über die Partizipation von Frauen und die Umsetzung von Chancengleichheit in den verschiedenen Feldern und Bereichen der Chemie. Einen zweiten
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Schwerpunkt bilden Studien, die sich auf die Suche nach bislang unsichtbaren Frauen und ihrem Beitrag an der Entwicklung der Wissenschaft Chemie machen und hierbei häufig eine historisch-bibliographische Perspektive einnehmen.4 4.1 Partizipation von Frauen und Chancengleichheit in der Chemie In den 1970er Jahren lagen geschlechtsspezifisch disaggregierte, d. h. nach Geschlecht differenzierte, Daten über Studium und Berufsleben kaum vor. Eine der ersten Arbeiten, die die Entwicklung der Situation speziell von Chemikerinnen im Studium und insbesondere im Beruf genauer untersucht hat, wurde von Christine Roloff Ende der 1980er Jahre durchgeführt (Roloff 1989). Heute ist die Datenlage über die Beteiligung von Frauen in der Chemie dagegen vergleichsweise gut. Neben einer allgemeinen Sensibilisierung für das Thema Frauen in Naturwissenschaft und Technik ist dies mit zurückzuführen auf das Konzept GENDER MAINSTREAMING.5 Es zielt auf die de facto Umsetzung der Chancengleichheit der Geschlechter und hat europaweit seit Ende der 1990er Jahre eine hohe Verbindlichkeit entfaltet. Vor seinem Hintergrund erhalten Analysen über die Beteiligung von Frauen in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft zunehmende Bedeutung. Für die verschiedenen gesellschaftlichen Bereiche der Chemie werden daher immer mehr nach Geschlecht differenzierte Daten erhoben, um sie mit Blick auf das Ziel Chancengleichheit zu bewerten und daraus mögliche Maßnahmen und Konzepte für ihre Verbesserung abzuleiten. Ihre hohe politische und auch programmatische Relevanz ergibt sich für Deutschland mit daraus, dass im europaweiten Vergleich Deutschland häufig das Schlusslicht bei der Beteiligung von Frauen in Naturwissenschaft und Technik bildet (Färber et al. 2003). Speziell bezogen auf die Situation in der Chemie zeigt sich eine deutliche Diskrepanz zwischen Studium und Beruf bzw. wissenschaftlicher Professionalisierung. Auf der einen Seite ist der Anteil von Frauen im Studium im Vergleich zur Physik oder zu den Ingenieurwissenschaften 4 Zur historischen Biographieforschung siehe den Beitrag “Methodenauswahl der geschlechterperspektivischen Naturwissenschaftsanalyse” von Smilla Ebeling, Jennifer Jäckel, Ruth Meßmer, Katrin Nikoleyczik und Sigrid Schmitz in Teil II. 5 Zum Begriff GENDER MAINSTREAMING siehe “Geschlechterforschung und Naturwissenschaften” von Sigrid Schmitz und Smilla Ebeling.
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sehr hoch. So liegt der Frauenanteil bei den Studienanfängern in der Chemie aktuell bei knapp 50 %.6 Andererseits gelingt es nicht, diese hohe Frauenbeteiligung zu halten, vielmehr nimmt sie im Verlauf des Studiums erheblich ab, so lag 2003 der Frauenanteil beim Diplom nur noch bei 32 % und bei den Promotionen bei 26 % (GDCh 2004). Auffallend ist, dass Chemiestudentinnen mit durchschnittlich besseren Abiturnoten als Chemiestudenten das Studium beginnen, sich bei den Diplom- und Promotionsnoten dies Verhältnis aber umkehrt: Während 63,1 % der Chemiker mit Auszeichnung bzw. der Note 1 ihr Diplom abschließen, sind dies nur 51,4 % bei den Chemikerinnen (Könekamp 2004).7 Auch der Eintritt in den Beruf stellt für Chemikerinnen eine Hürde dar. So waren beispielsweise 36 % der in 2003 promovierten Chemiker/ innen, die noch keine Anstellung hatten, weiblich (GDCh 2004). Im Berufsleben sind die Chancen auf Erfolg und Anerkennung zwischen den Geschlechtern ebenfalls ungleich verteilt, wie eine aktuelle Befragung der Mitglieder der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) aus dem Jahr 2003 zeigt (Könekamp 2004). Männer arbeiten deutlich mehr in Führungspositionen, 16,1 % der männlichen und nur 5,1 % der weiblichen GDCh-Mitglieder hatten eine Position in der Bereichsleitung, Geschäftsführung oder im Vorstand. Besonders deutlich sind die Einkommensunterschiede zwischen den Geschlechtern, nur 6 % der Chemikerinnen, aber immerhin 23 % der Chemiker hatten ein Jahreseinkommen über 90.000 € (Könekamp 2004). Gerade in den einflussreichen Bereichen und Spitzenpositionen der chemischen Forschung und Entwicklung sowohl in den Hochschulen als auch in der Industrie verharrt somit die Zahl der Chemikerinnen trotz leichter Verbesserungen in den letzten fünfzehn Jahren auf niedrigem Niveau. Dies bestätigen zwei Studien des Verbands angestellter Akademiker und leitender Angestellter in der chemischen Industrie (VAA) über den Anteil von Frauen in verschiedenen Hierarchieebenen. Nach den VAA-Befragungen lag er 1993 in den beiden oberen Führungsebenen in 6 Nach der aktuellen statistischen Auswertung der GDCh (Gesellschaft Deutscher Chemiker) lag der Frauenanteil bei den Studienanfängern im Jahr 2003 bei 45 %, gegenüber 46 % im Vorjahr (GDCh 2004). Zum Vergleich: 1982 betrug er 36,8 % (Weller 1995a). 7 Zu entsprechenden statistischen Erhebungen der Frauenanteile in der Mathematik und Physik siehe die Beiträge “Professorinnen in der Mathematik” von Kristina Hackmann in Teil I und “Die Welt der Elementarteilchen” von Helene Götschel in Teil I; zur Methodik siehe den Beitrag “Methodenauswahl der geschlechterperspektivischen Naturwissenschaftsanalyse” von Smilla Ebeling, Jennifer Jäckel, Ruth Meßmer, Katrin Nikoleyczik und Sigrid Schmitz in Teil II.
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der Chemieindustrie bei 2 % (Betriebs- bzw. Bereichsleitung) und in der Ebene darunter durchschnittlich bei 3,2 % (Abteilungs- bzw. Gruppenleitung), in Großunternehmen wie Bayer und BASF sogar noch deutlich darunter (Fell 1999, VAA 1996). Bei der jüngsten Befragung 2001 zeigte sich eine Verbesserung insofern, dass bei den Befragten 18 % der Frauen als Abteilungs- bzw. Gruppenleiterinnen arbeiteten, sie aber in den Spitzenpositionen als Führungskräfte mit 4,5 % nach wie vor kaum vertreten waren (VAA 2001). Ähnlich stellt sich die Situation in der universitären Forschung dar, hier sind rund 4 % der Professuren in Chemie weiblich besetzt (Statistisches Bundesamt 1999). Während aber die Frage nach der (adäquaten) Beteiligung von Frauen bis Anfang der 1990er Jahre für die Chemie kaum ein Thema war8, hat sie heute deutlich mehr Gewicht. Dies ist u. a. daran zu erkennen, dass einer der wichtigsten Berufsverbände der Chemie, die Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) im Jahr 2000 eine Arbeitsgruppe “Chancengleichheit in der Chemie” gegründet hat. Dass heute die geringe Partizipation von Frauen in der Chemie zunehmend als Problem anerkannt wird, ist meines Erachtens wesentlich darauf zurückzuführen, dass die Chemie sich angesichts deutlich gesunkener Studierendenzahlen Sorgen um ihren Nachwuchs macht und dabei das Potenzial von Frauen entdeckt. Zum anderen trägt dazu auch die bereits erwähnte EU-Strategie zum GENDER MAINSTREAMING bei, die zur Folge hat, dass europaweit systematisch Statistiken über die Beteiligung von Frauen und Männern in Naturwissenschaft und Technik erarbeitet werden und es hier zu einem Ranking kommt, in dem Deutschland bislang eher schlecht abschneidet und damit der Veränderungsbedarf auf nationaler Ebene nicht mehr geleugnet werden kann. Welche Rolle dabei das Ziel Chancengleichheit der Geschlechter jenseits der Forderung nach einer besseren Beteiligung von Frauen hat, wird sich erst noch zeigen müssen. Die unzureichende Partizipation von Frauen insbesondere in den einflussreichen Positionen der Chemie in Wissenschaft und Unternehmen wirft die Frage auf, worauf dies zurückzuführen ist. Hier bieten z. B. Studien über den Einfluss der jeweiligen Fachkultur und den Habitus ihrer Vertreter/innen Ansatzpunkte für Erklärungen. Für die Chemie hat dies beispielsweise die Sozialwissenschaftlerin Barbara Nägele untersucht (Nägele 1998). An einem konkreten Fachbereich, dem Fachbereich Che8 So sprach sich der Bundesarbeitgeberverband Chemie 1988 noch gezielt gegen spezifische Frauenfördermaßnahmen aus (siehe Weller 1995a).
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mie der Universität Göttingen, hat sie eine Fallstudie zu den Geschlechterverhältnissen durchgeführt und dazu weibliche und männliche Mitglieder der verschiedenen Statusgruppen zu ihrer Wahrnehmung der Geschlechterordnung befragt, mit ihnen Gruppendiskussionen durchgeführt und das Geschehen an diesem Fachbereich mit der Methode der teilnehmenden Beobachtung untersucht. Dabei hat sie zum einen die häufig wenig greifbaren Formen der Benachteiligung von Frauen z. B. bei der Vergabe von Qualifizierungsstellen und Forschungsressourcen sowie bei der Einbindung in professionelle Netzwerke nachgezeichnet.9 Beispielsweise konnte sie zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit einer Besetzung eines Arbeitsplatzes mit einer Chemikerin abnehme, “je besser eine Stelle bezahlt ist, je mehr Karriereaussichten sie bietet und je besser sie sozialrechtlich abgesichert ist” (Nägele 1998: 48). Ihre Untersuchungen verdeutlichen außerdem den nach wie vor schwierigen Zugang von Chemikerinnen zu den Netzwerken der jeweiligen Scientific Community, der für den erfolgreichen Aufbau einer wissenschaftlichen Karriere jedoch eine wesentliche Voraussetzung darstellt. Zum anderen hat sie versucht, den Habitus, d. h. die Selbstdarstellungen und -inszenierungen der Chemiker und Chemikerinnen, zu bestimmen. Als ein Ergebnis hat sie bei den von ihr befragten Repräsentanten und Repräsentantinnen der Chemie die geschlechtliche Codierung des ‘erfolgreichen Chemikers’ herausgearbeitet. Danach wird das Bild eines erfolgreichen Chemikers implizit mit Eigenschaften wie z. B. praktisches Geschick und Intuition verknüpft. Diese werden sowohl männlich gedacht als auch naturalisiert, d. h. dass sie gelten als biologisch gegeben: “Die meisten Professoren betreiben in ihren Diskursen eine Vergeschlechtlichung ihres Berufes (insbesondere Intuitionsdiskurs und Praktikerdiskurs). Sie konstruieren ihn so, dass er rein männlich ist und bleibt.” (Nägele 1998: 142).10
Zugleich verweist sie auf mögliche, in Ansätzen erkennbare Modernisierungstendenzen in den jüngeren Generationen der Chemiker/innen, 9 Zu den Methoden der Befragung in Gruppendiskussionen, der teilnehmenden Beobachtung und Netzwerkanalysen siehe in “Methodenauswahl der geschlechterperspektivischen Naturwissenschaftsanalyse” von Smilla Ebeling, Jennifer Jäckel, Ruth Meßmer, Katrin Nikoleyczik und Sigrid Schmitz in Teil II. 10 Zu geschlechtsspezifischen Fähigkeitszuschreibungen siehe den Beitrag “Tierisch menschlich” von Smilla Ebeling, Sigrid Schmitz und Robin Bauer in Teil II; zur Prestigefrage siehe auch den Beitrag “Professorinnen in der Mathematik” von Kristina Hackmann in Teil I.
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deren Relevanz für eine tatsächliche Umsetzung von mehr Chancengleichheit in der Chemie allerdings noch zu überprüfen ist. Nägeles Untersuchung über einen chemischen Fachbereich einer Universität bezieht sich streng genommen nicht allein auf die Ebene women in chemistry, sondern verweist durch ihren Blick auf die Fachkultur bereits auf gender in chemistry und die Wechselbeziehungen zwischen beiden. 4.2 Auf der Suche nach Beiträgen von Frauen für die Entwicklung der Chemie Die Suche nach Beiträgen von Frauen für die (inhaltliche) Weiterentwicklung der Wissenschaft Chemie findet insbesondere in der Naturwissenschafts- und Technikgeschichte statt. Hier stellt sich die Frage, welche Rolle und welche Bedeutung Frauen für die inhaltliche Entwicklung der Chemie gehabt haben und wie die Geschichtsschreibung mit ihren Beiträgen umgeht.11 Die vorliegenden Ergebnisse möchte ich in zwei Bereiche einteilen: Dabei handelt es sich erstens um inhaltliche Beiträge von Frauen für die Entwicklung der Chemie ganz direkt. Im Mittelpunkt steht hier das Aufzeigen von bislang von der Geschichtsschreibung nicht oder nicht angemessen gewürdigten Chemikerinnen sowie das Aufzeigen von Frauen als unsichtbare und unbekannte Helferinnen, die wichtige Aufgaben z. B. bei der Durchführung von Experimenten übernehmen. Ein zweiter Bereich weist auf eher indirekte Beiträge von Frauen für die Weiterentwicklung der Chemie hin, die sich insbesondere auf die Vermittlung und Weiterverbreitung ihrer theoretischen und experimentellen DISKURSE12, d. h. auf ihre didaktische Aufarbeitung, erstrecken. Diese hatten zwar keinen direkten Einfluss auf die Chemie selbst, aber auf die Ausbildung chemischer Kompetenzen und damit indirekt auch auf die Entwicklung der Chemie. Für den ersten Bereich möchte ich exemplarisch drei Beispiele anführen. So scheinen Frauen gerade in den Anfängen der Chemie, der Alchemie, bei der Entwicklung grundlegender chemischer Techniken eine wichtige Rolle gespielt zu haben. Beispielhaft hierfür lässt sich die Alchimistin Maria, die Jüdin, im 1. Jahrhundert vor Christus anführen, 11 Erste Ergebnisse siehe Löchel & Weller (1985) und aktuelle Übersichtsarbeit siehe Wiemeler (2001). 12 Zum DISKURS siehe den Beitrag “Grundlagen der Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsforschung” von Robin Bauer in Teil II.
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die zu ihrer Zeit sehr bekannt war und der die Entwicklung zahlreicher chemischer Grundtechniken zugeschrieben wird. Beispielsweise soll sie das Wasser-, Sand- und Ölbad entwickelt haben, mit dem es möglich wurde, eine bestimmte Temperatur über längere Zeit konstant zu halten. Die Erfindung des Wasserbads durch Maria, die Jüdin, lässt sich noch heute in dem französischen Wort für Wasserbad (bain marie) erkennen. Auf die Bedeutung dieser Grundtechnik für die Entwicklung der Chemie allgemein wird in der Geschichtsschreibung der Chemie selten verwiesen, noch weniger wird der Beitrag von Frauen in dieser Phase thematisiert (Löchel & Weller 1985). Das zweite Beispiel bezieht sich auf das 18. Jahrhundert, eine Zeit, in der sich die Chemie als (Natur-)Wissenschaft etablierte. An der Herausbildung der neuzeitlichen Chemie war der Chemiker Antoine Lavoisier beteiligt, der die Theorie der Verbrennungsprozesse erarbeitet hat und dessen herausragende Bedeutung in der Chemiegeschichte immer wieder betont wird. Der Geschichtsschreibung lässt sich aber nicht entnehmen, dass an der Entwicklung dieser theoretischen Grundlagen auch seine Ehefrau Madame Lavoisier beteiligt war. Genauere Recherchen zeigen allerdings, dass sie die für Lavoisier äußerst wichtigen Arbeiten des englischen Chemikers Priestley ins Französische übersetzt und ihm damit zugänglich gemacht hat. Außerdem war sie bei den Experimenten und Diskussionen über die Interpretation der experimentellen Ergebnisse eine damals in Chemikerkreisen allgemein anerkannte und geschätzte Diskussionspartnerin, die zudem alle Experimente protokolliert hat (Löchel & Weller 1985). Dies Beispiel soll stellvertretend dafür stehen, dass viele Chemiker sowohl in der Vergangenheit als auch heute auf die unsichtbare fachliche Zuarbeit und Unterstützung von Ehefrauen oder anderen weiblichen Verwandten zurückgreifen, diese aber selten Erwähnung und Anerkennung findet. Als drittes Beispiel für das Wirken von Frauen in der Chemie möchte ich noch auf die Biographie der promovierten Chemikerin Clara Immerwahr eingehen. Sie verdeutlicht die Schwierigkeiten selbstständiger Forschertätigkeiten für Frauen Anfang des letzten Jahrhunderts. Und sie zeigt, dass Clara Immerwahr sich als Naturwissenschaftlerin in der Verantwortung für die sozialen und gesellschaftlichen Folgen der naturwissenschaftlichen Forschung sah. Die Biographie wurde von der Historikerin Gerit von Leitner erarbeitet, nachdem diese erste Hinweise über das Leben und Wirken von Clara Immerwahr auf einem Hearing von Frauen
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in naturwissenschaftlichen Berufen erhalten hatte (Leitner 1993: 9). Clara Immerwahr gehörte zu der ersten Generation von Frauen, die Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts in Chemie promoviert wurden. Sie schloss ihre Promotion in physikalischer Chemie 1900 in Breslau ab und galt als begeisterte und talentierte Chemikerin. Anschließend heiratete sie den Chemiker und späteren Nobelpreisträger Fritz Haber und verband damit, nach den von Gerit von Leitner aufgearbeiteten Dokumenten, auch die Hoffnung, Ehe und Forschung verbinden zu können. Diese Erwartung erwies sich allerdings als trügerisch, sie war so stark in den Haushalt und die Unterstützung seiner wissenschaftlichen Karriere eingespannt, dass sie ihre eigenen wissenschaftlichen Fragen und Ideen nicht mehr verfolgen konnte. Um dennoch weiter auf dem aktuellen Stand der Forschung zu bleiben, übernahm sie Übersetzungen chemischer Fachartikel und bot Fortbildungen für Frauen in Haushaltschemie an. Ihr Mann Fritz Haber, Chemieprofessor in Karlsruhe und später in Berlin, begann 1914 im Auftrag der deutschen Regierung über den Einsatz von chemischen Kampfstoffen, insbesondere Chlor, zu forschen. Clara Immerwahr lehnte diese Entwicklung und die Durchführung von Tierversuchen, bei denen die (tödliche) Wirkung der Begasung mit Chlor erprobt wurde, entschieden ab. Sie versuchte, über die Entwicklung der Chemie und ihre möglichen Gefahren aufzuklären. Nach dem ersten großflächigen Einsatz von Chlor im ersten Weltkrieg beging Clara Immerwahr Selbstmord. Ihre Abschiedsbriefe, in denen sie ihre Ablehnung des Krieges und der Rolle der Naturwissenschaften dabei dargelegt haben soll, wurden nie gefunden. Offiziell wurde ihr Selbstmord mit erblichen Belastungen in der Familie begründet, ihre politische und wissenschaftskritische Einstellung, die an die gesellschaftliche und soziale Verantwortung der Naturwissenschaften und Naturwissenschaftler appellierte, nach Gerit von Leitner dagegen ignoriert (Leitner 1993).13 Dem Überblick der Chemikerin und Wissenschaftshistorikerin Mirjam Wiemeler über Chemikerinnen Anfang des 20. Jahrhunderts ist zu entnehmen, dass als weitere Einzelbiographie einer Chemikerin nur noch die von Margarete von Wrangell bekannt ist. Sie stammt von ihrem Mann, der ihren erfolgreichen wissenschaftlichen Werdegang beschreibt
13 An der Biographie von Gerit von Leitner wird allerdings auch kritisiert, dass sie Clara Immerwahr insbesondere als Opfer dargestellt und einseitig zu einer Märtyrerin überzeichnet habe (Wiemeler 2001).
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(Wiemeler 2001).14 Diese beiden sind nach dem derzeitigen Wissensstand bis auf die zahlreichen Schriften über die Nobelpreisträgerin Marie Curie, deren Leben und Wirken vielfach gewürdigt wurde, die einzigen bekannten Beispiele. Für den zweiten Bereich der Beiträge von Frauen im Bereich der Vermittlung und Didaktik der Chemie möchte ich als besonders beeindruckendes Beispiel die Arbeiten von Jane Marcet herausgreifen, die mich schon bei meinen Recherchen vor 20 Jahren beeindruckt hatten und in der Zwischenzeit auch von immer mehr Seiten gewürdigt werden (Löchel/Weller 1985, Szász 1997). Jane Marcet hat speziell für Frauen die “Unterhaltungen über die Chemie, in welchen die Anfangsgründe dieser nützlichen Wissenschaft allgemein verständlich erläutert werden”15 geschrieben (Marcet 1982). Die erste Auflage erschien 1806 in englischer Sprache, es folgten weitere Auflagen in Englisch (vermutlich insgesamt 16), zwei französische und eine deutsche Übersetzungen sowie mindestens 15 amerikanische Editionen (Szász 1997). Dass sich gerade Chemielehrbücher speziell an Frauen richteten, war für diese Zeit nicht ungewöhnlich, wenn auch umstritten angesichts der kontroversen Diskussionen über den Sinn naturwissenschaftlicher Bildung für Frauen (Szász 1997). Ungewöhnlich war insbesondere die Tatsache, dass die Übersetzung von einer Frau erstellt wurde sowie ihre außerordentlich hohe Zahl von Auflagen. Dies ist zum einen auf ihr spezifisches Konzept zurückzuführen: Der aktuelle Wissensstand der Chemie wird in Dialogform zwischen einer Lehrerin und zwei Schülerinnen dargestellt und umfasst auch die Beschreibung und Erläuterung von Experimenten. Zum anderen wird die große Resonanz damit erklärt, dass Jane Marcet den jeweils neuesten Forschungsstand der Chemie darstellte und damit auch ihre Folgeauflagen auf hohem wissenschaftlichen Niveau hielt (Szász 1997). Ihre Bücher wurden sowohl viel von Frauen als die von ihr direkt angesprochene Zielgruppe als auch von Männern gelesen. So hat beispielsweise Faraday, ein bedeutender englischer Chemiker, vielfach darauf hingewiesen, dass er es ihren Büchern zu verdanken habe, dass er sich der Chemie zugewandt habe.
14 Margarete von Wrangell hatte nach ihrer Promotion und Habilitation eine ordentliche Professur an der Landwirtschaftlichen Hochschule in Hohenheim. 15 Im englischen Original lautet der Titel: Conversations on chemistry, in which the elements of that science are familiarly explained and illustrated by experiments.
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Abschließend ist zu dem Bereich women in chemistry festzuhalten, dass insbesondere angestoßen durch die feministischen Debatten über Naturwissenschaft und Technik die Suche nach Frauen in und ihre Beteiligung an der Chemie in Gang gesetzt und durch Impulse der Geschlechterforschung in den Naturwissenschaften sowie gleichstellungspolitische Konzepte, wie GENDER MAINSTREAMING, weiter unterstützt und fortgeführt wurde bzw. heute noch wird. Im Ergebnis gibt es aktuell im Vergleich zu den 1970er und 1980er Jahren eine erheblich bessere Datenlage über Frauen in der Chemie und eine stärkere Sensibilisierung für die Notwendigkeit, sie angemessen an der Chemie zu beteiligen. Zudem ist es in dieser Zeit gelungen, einige ihrer Beiträge für die Wissenschaft Chemie, die über Jahrhunderte hinweg kaum vom Mainstream der Chemie und ihrer Geschichtsschreibung wahrgenommen wurden, aus dem Schatten zu holen und sichtbar zu machen. 5
Gender in Chemistry/Geschlecht (in) der Chemie
Auf dieser Ebene der Geschlechterforschung stellt sich die Situation deutlich schwieriger dar. Wie sich die Geschlechterverhältnisse in die inhaltliche Entwicklung der Chemie, in die Art ihrer Fragestellungen und die Gestaltung ihrer Produkte und Prozesse einschreiben, ist bislang nur in ersten Ansätzen untersucht. Hier gilt es, wie bereits erwähnt, Fragestellungen und Kritikpunkte der feministischen Naturwissenschafts- und Technikkritik aufzugreifen und auf konkrete Fragestellungen der Chemie zu beziehen und ihre theoretischen Modelle und Grundannahmen kritisch zu hinterfragen. Als eines der wenigen Beispiele, die dezidiert nach der Bedeutung der Geschlechterverhältnisse für die Chemie gefragt haben, ist die Dissertation der Chemikerin und Wissenschaftsforscherin Dorit Heinsohn anzuführen (Heinsohn 2001).16 Sie hat am Beispiel der Thermodynamik “‘strukturelle Korrespondenzen’ zwischen der Geschlechterordnung und der Weltdeutung der Naturwissenschaften” Ende des 19. Jahrhunderts nachgezeichnet (Heinsohn 2001: 200). Dazu hat sie zwei Debatten, die zu dieser Zeit im Bereich der Naturwissenschaften und in der Gesellschaft 16 Diese ist an der Schnittfläche zwischen Chemie und Physik angesiedelt, weil die Thermodynamik Anfang des 19. Jh. eher in der Chemie und die Energetik in Chemie und Physik behandelt wurde.
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allgemein geführt wurden, nach Zusammenhängen untersucht. Es handelte sich zum einen um die naturwissenschaftliche Kontroverse über atomistisch-mechanistische und energetische Naturauffassungen17 und zum anderen um den geschlechterpolitischen DISKURS über das Frauenstudium und die Öffnung der Universitäten für Frauen. Ihre Untersuchung richtete sich auf die Frage, ob an dem geschlechterpolitischen DISKURS auch Naturwissenschaftler und/oder naturwissenschaftliche Argumente beteiligt waren. Dorit Heinsohn konnte u. a. am Beispiel von Wilhelm Ostwald, der wie viele seiner Kollegen gegen die Öffnung der Universitäten für Frauen war, zeigen, dass er seine Ablehnung des Frauenstudiums mit damals aktuellen naturwissenschaftlichen Wissensbeständen begründete, indem er eine Analogie zwischen weiblichen Körpern und der Dampfmaschine herstellte. Nach Heinsohn argumentierte er energetisch-ökonomistisch: Er ging von einer Geschlechterdifferenz im Energieverbrauch der Fortpflanzungsorgane aus und wies Frauen dabei einen höheren Energieverbrauch zu. Damit kam er zu dem Schluss, dass die geistige Arbeit von Frauen wegen ihres höheren Energieverbrauchs der Fortpflanzungsfähigkeit schade und insofern das Frauenstudium als Energievergeudung zu betrachten und somit aus rein objektiven, da naturwissenschaftlich begründeten, Argumenten abzulehnen sei (Heinsohn 2001). Mit dieser Diskursanalyse zeigt Heinsohn an einem konkreten Beispiel, wie die (Physikalische) Chemie zur gesellschaftlichen Konstruktion der Geschlechterordnung beigetragen hat und verdeutlicht zugleich die wechselseitigen Bezüge zwischen Naturwissenschaft und Gesellschaft, die von den Naturwissenschaften selbst häufig geleugnet werden.18 Zu dem Bereich gender in chemistry gehören weiterhin Auseinandersetzungen mit den Grundannahmen und Begriffen der Chemie. Sie gehen der Frage nach, ob bzw. inwieweit diese Verzerrungen und Ausgrenzungen enthalten, die die Geschlechterordnung widerspiegeln. Hintergrund ist die feministische Kritik an der – häufig verdeckten – geschlechtlichen Aufspaltung und Zuweisung von gesellschaftlichen Bereichen und Aufgaben, die sich im Zuge der Industrialisierung und der damit einherge17 Atomistisch bedeutet in diesem Fall, dass Naturprozesse auf die Bewegung von Atomen zurückgeführt wurden, während aus Sicht einer energetischen Naturauffassung hierfür energetische Prozesse verantwortlich gemacht wurden. 18 Zur Diskursanalyse siehe den Beitrag “Methodenauswahl der geschlechterperspektivischen Naturwissenschaftsanalyse” von Smilla Ebeling, Jennifer Jäckel, Ruth Meßmer, Katrin Nikoleyczik und Sigrid Schmitz in Teil II.
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henden geschlechtsspezifischen Teilung und Bewertung von Aufgaben und Arbeit herausgebildet haben und die noch immer – in der Regel implizit und zwischen den Zeilen als Subtext – das wissenschaftliche und alltägliche Denken prägen. Entscheidend für den gesellschaftlichen Umgang mit Natur war die grundlegende DICHOTOMIE zwischen Natur und Kultur sowie zwischen weiblich und männlich mit ihrer Zuweisung von Frauen zu Natur und Männern zu Kultur.19 So war die Herausbildung der neuzeitlichen Naturwissenschaft zu Beginn durch den Ausschluss von Frauen und zugleich durch die Abspaltung von als weiblich gedachten Eigenschaften, Bildern und Prinzipien geprägt. Die Naturwissenschaften galten als gesellschaftliches Aufgabenfeld sowohl ausschließlich für Männer als auch geprägt durch ‘männliche’ Werte wie objektiv, wertneutral und rational. Auch wenn heute der Ausschluss von Frauen in dieser Form nicht mehr gegeben ist, sich die strikten Grenzziehungen zwischen Natur und Kultur, zwischen Technik und Gesellschaft zunehmend auflösen, finden sich immer noch tiefe Spuren dieser Aufspaltungen und Ausgrenzungen im Denken und Handeln von Wissenschaft und Gesellschaft (Weller 2004). Eine erste Analyse des gesellschaftlichen Stoffumgangs mit Bezug zu den von der feministischen Naturwissenschaftskritik aufgezeigten DICHOTOMIEN und Ausgrenzungen bezieht sich auf das Verhältnis zwischen dem ‘weiblich’ gedachten Bereich der Reproduktion, dem privaten Konsum und damit verknüpft der Nutzung von Stoffen, zu dem ‘männlich’ gedachten Bereich der Entwicklung, Gestaltung und Herstellung von Stoffen (Weller 2004).20 Für die Chemie als die Wissenschaft von den Stoffen stellt sich vor diesem Hintergrund z. B. die Frage nach der Übertragbarkeit des Wissens über die Eigenschaften von Stoffen, die in chemischen Experimenten im Labormaßstab gewonnen wurden und werden, auf das Verhalten dieser Stoffe außerhalb der Reagenzgläser und Produktionsanlagen der Chemieindustrie. Hier zeigt sich das Paradox, dass für die Durchführung von chemischen Analysen und Synthesen einerseits standardisierte Reaktionsbedingungen (u. a. durch das Einhalten bestimmter Temperaturen und durch den weitestgehenden Ausschluss von Störfaktoren, z. B. Fremd19 Zu geschlechtscodierten DICHOTOMIEN siehe vertiefend den Beitrag “Entweder – Oder?” von Sigrid Schmitz in Teil II. 20 Vergleiche den Beitrag “Genderrelevanz und Genderaspekte von Chemikalienpolitik” von Kathrin Buchholz in Teil I.
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stoffe durch die Verwendung hochgereinigter chemischer Substanzen) geschaffen werden. Andererseits werden ihre Produkte, die neu entwickelten Stoffe und Stoffgruppen, jedoch häufig für eine Nutzung und Verwendung außerhalb der Laborbedingungen entwickelt. Im Ergebnis führt dies u. a. zu einem erheblichen Nicht-Wissen über das Verhalten chemischer Stoffe im ‘realen Leben’, das gerade durch einen komplexen Kontext mit vielen vermeintlichen Störfaktoren gekennzeichnet ist – sowohl auf der stofflich-materiellen Ebene als auch bezogen auf die sozialen und gesellschaftlichen Aspekte des Umgangs mit Stoffen bzw. den Produkten, in denen diese eingesetzt sind. Dies verweist auf die grundsätzliche Problematik der Übertragbarkeit von Ergebnissen, die unter Laborbedingungen erzielt wurden, auf die ‘wirkliche’ Welt außerhalb der Labore. Da im naturwissenschaftlichen Experiment gerade jene Kontexte ausgeschlossen werden, die die Komplexität der Phänomene ausmachen, lässt sich für den Stoffumgang der Wissenschaft Chemie eine dekontextualisierte Problemsicht feststellen, die einen Großteil der Rahmenbedingungen des gesellschaftlichen Umgangs mit Stoffen ausgrenzt.21 Diese Feststellung lässt sich als Hinweis für eine Leerstelle verstehen, dass über die Nutzung von Stoffen und ihr Verhalten – eingebunden in konkrete Produkte, wie sie alltäglich verwendet werden – im Vergleich zu ihrer Herstellung wenig Wissen zur Verfügung steht. Diese Leerstelle, d. h. die Schieflage im Wissen über das Verhalten von Stoffen unter Laborbedingungen und über ihr Verhalten in der realen Welt, lässt sich wiederum als Ausdruck der Geschlechterordnung verstehen, wonach der Bereich des privaten Konsums, in dem die Nutzung und Anwendung von Produkten und den in ihnen eingesetzten Stoffen stattfindet, als weiblich codiert abgespalten, abgewertet und wissenschaftlich nicht untersucht wird (Weller 1995a, Weller 1995b, Weller 2004). Hintergrund meiner Überlegungen ist die historische Frauen- und Geschlechterforschung, die herausgearbeitet hat, dass im Zuge der industriellen Revolution und der Herausbildung der geschlechtsspezifischen Arbeits- und Machtteilung gegen Ende des 18. und im Verlauf des 19. Jahrhunderts Produktion und Konsum vergeschlechtlicht wurden. Es wurden zwei gesellschaftliche Sphären gegenübergestellt und als vermeintlich strikt getrennt betrachtet: auf der einen Seite der öffentliche 21 Zu Dekonkextualisierungen in den Wissenschaften siehe den Beitrag “Grundlagen der Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsforschung” von Robin Bauer in Teil II.
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Bereich der Produktion als Verantwortungsbereich von Männern und auf der anderen Seite der private Bereich des Haushaltes und des Konsums als Zuständigkeitsbereich von Frauen (Hausen 1989). Diese stark normative Trennung zwischen öffentlicher und privater Sphäre erfolgte vor dem Hintergrund der sich zu dieser Zeit durchsetzenden Vorstellung einer Natur-Kultur-Differenz und der damit verknüpften Frau-MannDifferenz (Schultz 1998), die noch heute wirkmächtig ist. Sie war und ist mit Hierarchisierungsprozessen insofern verbunden, dass sie mit einer Abwertung und Gering-Wahrnehmung von Privatheit als weiblich gedachten Teil dieser Ordnung einherging, die dazu beigetragen hat, dass in manchen wissenschaftlichen DISKURSEN noch heute über den privaten Konsum erhebliche Wissenslücken bestehen. Folgendes Beispiel aus der Umweltforschung soll diese Leerstelle verdeutlichen: Es handelt sich um die textile Faser Elastan, die besser bekannt unter der Bezeichnung Lycra oder Dorlastan seit den 1990er Jahren zunehmend in Bekleidungstextilien verwendet wird, um diese formstabil und elastisch zu gestalten (ausführlicher Weller 2004). Dieser neu in Bekleidungstextilien eingesetzte Stoff wurde zwar auf ökologische und gesundheitliche Risikopotenziale überprüft. Es gibt aber kaum Wissen über mögliche stoffliche Veränderungen der Elastanfaser unter den realen Bedingungen der Nutzung, z. B. beim Waschen und Bügeln mit höheren Temperaturen, in Kombination mit noch in Textilien eingesetzten Farb- und Zusatzstoffen, unter Einfluss von UV-Strahlung usw. Überprüft wurde bisher nur, ob und wie sich die elastischen Eigenschaften unter den verschiedenen Bedingungen der Nutzung verändern (Weller 2004). Solche ‘blinden Flecke’ geraten heute allgemein stärker in den Blick, wenngleich bis heute weniger in der Chemie selbst, sondern mehr in der Umweltforschung und Umweltpolitik, die sich mit den unerwünschten Nebenfolgen der Chemie bzw. des gesellschaftlichen Umgangs mit Stoffen beschäftigt.22 Sie sieht vermehrt in dem Wissensdefizit über den Stoffeinsatz und das Verhalten von Stoffen in Produkten bei ihrer Nutzung ein noch weitgehend ungelöstes und dringendes Problem. So unterstreicht z. B. die OECD, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit, in ihrer aktuellen Bestandsaufnahme der globalen Umweltsituation das immer noch ungelöste grundsätzliche Problem, das aus der 22 Zu Fragen der Chemiepolitik und -sicherheit siehe auch den Beitrag “Genderrelevanz und Genderaspekte von Chemikalienpolitik” von Kathrin Buchholz in Teil I.
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unübersehbaren Vielfalt der in Produkten und Dingen des alltäglichen Gebrauchs eingesetzten Chemikalien sowie des erheblichen Wissensdefizit über die Risiken dieser Stoffe resultiert: “Major concerns exist about the possible impact on the environment and human health of substances produced by the chemical industry, which are found in virtually every man-made product. ... The primary problem today is the lack of knowledge about the properties, effects and even exposure patterns of the great majority of chemicals (and, by extension, of preparations and consumer products made with them) on the market today.” (OECD 2001: 223).
Die Leerstelle der Nutzung weist zugleich auf die Entkontextualisierung der Wissenschaft Chemie hin. Diese abstrahiert bei ihren Forschungsund Entwicklungsarbeiten noch vielfach von dem Zusammenhang zwischen Chemie und Gesellschaft sowie von den Wechselbeziehungen zwischen sozialen und gesellschaftlichen Prozessen mit stofflich-materiellen Reaktionen, in die der gesellschaftliche Stoffumgang eingebunden ist, und die besonders im ‘realen’ Leben der Stoffe und ihrer Nutzung und Anwendung durch die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen deutlich wird. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass erste Hinweise für die Wirkmächtigkeit der Geschlechterverhältnisse auch in der vielfach noch immer als geschlechtsneutral geltenden Wissenschaft Chemie und der Welt der Stoffe zu finden sind. Bisher überwiegen allerdings noch Ergebnisse und Daten über women in chemistry, in Hinblick auf die inhaltliche Prägung der Chemie durch die Geschlechterordnung gender in chemistry lassen sich erste Denk- und Kritikrichtungen erkennen, die aber noch viele Fragen offen lassen und weiter konkretisiert werden müssen und insofern auf erheblichen Forschungsbedarf verweisen. Darüber hinaus werden auch Bezüge zwischen den beiden Ebenen women in chemistry und gender in chemistry sichtbar. Auch hier bleiben aber noch viele Fragen offen, so ist etwa zu untersuchen, ob bzw. inwiefern zusätzlich zu den geschlechtsspezifischen Machtstrukturen auch die Inhalte und Fragestellungen der Chemie zu der anhaltend geringen Beteiligung von Frauen insbesondere in ihren einflussreichen Schlüsselpositionen beitragen.
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Genderrelevanz und Genderaspekte von Chemikalienpolitik Kathrin Buchholz
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Einleitung
Der folgende Artikel beschreibt die Analyse der Relevanz von GENDER in einem politischen Anwendungsfeld, in dem naturwissenschaftliche Erkenntnisse eine wesentliche Rolle spielen: der Chemikalienpolitik. Meine Ausführungen basieren auf einer Expertise, die ich im Kontext des GENDER MAINSTREAMINGS1 im Bundesumweltministerium angefertigt habe.2 Mit dieser Verbindung zum politischen Handeln einer Behörde stellt der Artikel ein Beispiel für die Anwendung von Ergebnissen der Geschlechterforschung in einem Praxiskontext dar. Aufgrund des Bezugs zum GENDER MAINSTREAMING-Konzept und in diesem Zusammenhang entwickelten Instrumenten verwende ich in meinem Beitrag den Begriff Gender, der in dieser Debatte gebräuchlich ist. Die Integration der Geschlechterperspektive in das politische Handeln setzt voraus, dass bekannt ist, welche Auswirkungen das Themenfeld und die jeweiligen Maßnahmen auf die Geschlechterverhältnisse in einer Gesellschaft sowie auf Frauen und Männer haben. In diesem Zusammenhang wurden verschiedenen Instrumente für Genderanalysen entwickelt, unter anderem das Gender Impact Assessment (GIA). Ein wesentlicher Schritt im Rahmen des Gender Impact Assessments ist die Bestimmung der Genderrelevanz eines Themenfeldes oder einer spezifischen Maßnahme. Als Analyseinstrument für die Bestimmung der Genderrelevanz in Umweltforschung und -politik wurden am Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) in Anlehnung an die internationale Diskussion über Gender Impacts drei sogenannte Genderdimensionen erarbeitet (Hayn & Schultz 2002, Schultz et al. 2001: 6f.): 1 Zum Begriff GENDER MAINSTREAMING siehe “Geschlechterforschung und Naturwissenschaften” von Sigrid Schmitz und Smilla Ebeling. 2 Die Expertise ist erschienen in Hayn & Schultz (2004).
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1. die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, 2. die gesellschaftliche Organisation der menschlichen Reproduktion und der Gesundheit, 3. die Gestaltungsmacht von Frauen und Männern in Technik, Wissenschaft und Politik. Diese drei Dimensionen dienen als eine Art ‘Suchscheinwerfer’, um unterschiedliche Betroffenheiten und Auswirkungen auf das Geschlechterverhältnis sichtbar zu machen. Die Genderrelevanz wird mit den drei Genderdimensionen im Wesentlichen über den Personenbezug bestimmt. Dieser macht sich beispielsweise in der Umweltpolitik an den Zielgruppen einer Maßnahme fest, wobei unter Zielgruppen in einem weiteren Sinne alle Personenkreise verstanden werden, die unmittelbar und mittelbar von der Maßnahme betroffen sind (Hayn 2002). Da sich das Erkenntnisinteresse hier auf ein wissenschaftsbasiertes Politikfeld und nicht auf die Wissenschaft selbst richtet, beziehe ich mich hier nicht auf die drei analytischen Ebenen für die geschlechterperspektivische Analyse einer Naturwissenschaft von Evelyn Fox Keller, sondern auf die oben genannten Genderdimensionen, da diese für die Untersuchung der Genderaspekte von politischen Maßnahmen und Themenfeldern besser geeignet sind. Mein Blick auf die Genderaspekte in der Chemikalienpolitik bezieht sich darüber hinaus auf die Bedeutung von GESCHLECHT ALS STRUKTURKATEGORIE.3 Neben der gesellschaftlichen Zuweisung von Geschlechterrollen beschreibt GENDER4 bzw. das Geschlechterverhältnis auch die Verhältnisse zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Sphären und den damit verbundenen gesellschaftlichen Bewertungsprozessen, die in Zusammenhang mit dem hierarchischen Geschlechterverhältnis stehen, beispielsweise das Verhältnis zwischen Produktions- und Reproduktionssphäre5 sowie ihrer jeweiligen gesellschaftlichen Bewertung (Becker3 Zu dem Begriff STRUKTURKATEGORIE GESCHLECHT siehe “Geschlechterforschung und Naturwissenschaften” von Sigrid Schmitz und Smilla Ebeling. 4 Zu der Unterscheidung von SEX und GENDER siehe vertiefend den Beitrag “De/Konstruktion von Geschlecht und Sexualität” von Smilla Ebeling in Teil II 5 Der Begriff Reproduktion bezieht sich hier sowohl auf natürliche Prozesse als auch auf soziale und ökonomische Bereiche. In diesem Kontext ist Reproduktionsarbeit der systematische Gegenbegriff zum Begriff Erwerbsarbeit. Reproduktionsarbeit umfasst insbesondere die alltägliche Versorgung, Kindererziehung, Hausarbeit, die Pflege hilfsbedürftiger Personen sowie die vielen nicht unmittelbar messbaren Aspekte der menschlichen Regeneration.
Genderrelevanz und Genderaspekte von Chemikalienpolitik
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Schmidt 1998, Stiegler 1998). Damit lenkt die Geschlechterperspektive den Blick auf gesellschaftlich unterbewertete Bereiche in einem spezifischen Themenfeld und trägt so dazu bei, blinde Flecken sichtbar zu machen. In Bezug auf die Verwendung von Chemikalien und ihre Regulierung schärfen die Genderdimensionen so den Blick für die Handlungskontexte in privaten Haushalten, die (Ungleich-)Verteilung von Einflussund Gestaltungsmöglichkeiten zwischen verschiedenen Akteuren in den Bereichen Produktion und Konsum und Hierarchien sowie Ungleichbehandlungen zwischen verschiedenen Wissensformen (z. B. durch die Abwertung von Erfahrungswissen aus dem Alltag). Ich werde im Folgenden zunächst kurz darstellen, worum es im Bereich Chemikalienpolitik geht und welche wissenschaftlichen Felder und Wissensbereiche dadurch berührt sind. Daran anschließend werde ich die Genderaspekte von Chemikalienpolitik anhand der oben genannten drei Genderdimensionen des Gender Impact Assessments analysieren, wobei ich die Genderdimension “gesellschaftliche Organisation der menschlichen Reproduktion und der Gesundheit” zuerst betrachte, da in dieser Dimension die wissenschaftlichen Grundlagen der Chemikalienpolitik von wesentlicher Bedeutung sind und die Analysen in den anderen beiden Dimensionen zum Teil darauf aufbauen. 2
Was beinhaltet Chemikalienpolitik? Auf welches Wissen ist sie angewiesen? Wo bestehen Wissensdefizite?
Chemikalienpolitik regelt den Schutz von Menschen und Umwelt vor den Wirkungen gefährlicher Stoffe und Zubereitungen6, z. B. durch Gesetze und Regelungen zur Zulassung von Chemikalien oder zum Umgang mit Gefahrstoffen. Sie ist ein Politikfeld, das auf wissenschaftliche Erkenntnisse angewiesen und eng mit wissenschaftlichen Fragestellungen verbunden ist. Von wesentlicher Bedeutung sind dabei die folgenden Fragestellungen und Forschungsrichtungen: x Messung und Abschätzung der Belastung, Verteilung und Mobilität von Schadstoffen in der Umwelt (Umweltchemie) sowie Untersuchung der Auswirkungen auf Ökosysteme (Ökotoxikologie); 6 Der Begriff Stoff bezeichnet hier einzelne chemische Elemente oder Verbindungen, die natürlich vorkommen oder künstlich hergestellt werden. Gemische oder Lösungen aus zwei oder mehreren Stoffen werden Zubereitungen genannt.
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x Untersuchung und Abschätzung der Auswirkungen von gefährlichen Stoffen auf den Organismus bzw. auf verschiedene Personengruppen (Toxikologie, (Umwelt-)Epidemiologie, Umweltmedizin, Arbeitsmedizin, Public Health); x Abschätzung der Exposition gegenüber Schadstoffen (Medizin, Epidemiologie, Public Health, Ingenieurwissenschaften); x Bewertung von Risiken durch verschiedene gesellschaftliche Gruppen und zur Risikokommunikation (Psychologie, Sozialwissenschaften) sowie die Beteiligung von gesellschaftlichen Gruppen an der Risikobewertung (Zusammenarbeit von naturwissenschaftlichen, medizinischen und sozialwissenschaftlichen Disziplinen erforderlich). Dieser kurze Überblick verdeutlicht bereits, dass Chemikalienpolitik eine sehr komplexe Thematik darstellt, die sich auf Wissensbestände aus einer Vielzahl von Fachrichtungen (mit zum Teil interdisziplinärem Charakter) stützt bzw. stützen muss. Die hohe Angewiesenheit auf vorhandenes Wissen verweist dabei auf ein wesentliches Problem der Chemikalienpolitik, in vielen Bereichen bestehen nämlich erhebliche Wissensdefizite. So ist eine Zulassung von Stoffen, die mit der Erhebung und Bereitstellung von Daten über seine Eigenschaften und Wirkungen verbunden ist, in der Bundesrepublik erst seit dem Inkrafttreten des Chemikaliengesetzes von 1980 erforderlich. Daraus resultiert, dass über Stoffe, die vor 1981 bereits in Verkehr waren, nur unzureichende Informationen vorliegen. Diese ca. 100.000 seit Jahrzehnten bekannten Altstoffe machen etwa 97 % aller vermarkteten Stoffe aus. Über ihr Verhalten in der Umwelt, ihre Wirkungen auf Organismen und die damit verbundenen Risiken ist vielfach nichts oder zu wenig bekannt. Um diesem Problem zu begegnen hat die EU-Kommission im Oktober 2003 einen Verordnungsentwurf vorgelegt, dessen Kernstück das REACH-System ist: der regulative Rahmen zur Registrierung, Evaluierung, Autorisierung und Beschränkung von Chemikalien. Nach dem REACH-Entwurf müssen alle Stoffe, die in Mengen von über 1 Tonne pro Jahr (t/a) pro Hersteller/Importeur produziert bzw. importiert werden (das betrifft ca. 30.000 Stoffe) mit bestimmten, von den Herstellern einzureichenden grundlegenden Informationen über den Stoff bei der neu zu schaffenden European Chemicals Agency registriert werden. Der Umfang der erforderlichen Stoffprüfung und -bewertung, insbesondere auch in Hinblick auf die toxikologischen und ökologischen Auswirkungen, steigt mit der jährlich hergestellten/importieren Menge (> 10 t/a;
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>100 t/a). Darüber hinaus schafft das REACH-System die Möglichkeit hochriskante Stoffe einem Zulassungsverfahren zu unterwerfen. Hochriskante Stoffe sind vor allem sog. CMR-Stoffe (cancerogen7, mutagen8 oder reproduktionstoxisch9), PBT-Stoffe (persistent10, bioakkumulativ11 und toxisch12) sowie vPvB-Stoffe (sehr persistent und sehr hoch bioakkkumulativ). Eine wesentliche mit der REACH-Verordnung verbundene Neuerung ist, dass nun die Hersteller die Daten zur Verfügung stellen sollen. Die Verabschiedung der Verordnung ist für 2006 geplant (BMU 2003). Da die Diskussion des Verordnungsentwurfes zur Zeit (Frühjahr 2005) noch in vollem Gange ist, können sich die oben genannten Bewertungskriterien und die Produktionsmengen, ab denen eine Registrierung erforderlich ist, im Laufe des Gesetzgebungsprozesses noch verändern. In der bestehenden Gesetzeslage nimmt für die Regelung des Umgangs mit und dem Schutz vor gefährlichen Stoffen und Zubereitungen in der Bundesrepublik das Chemikaliengesetz (und seine nachgeordneten Verordnungen) eine zentrale Rolle ein, das die vorbeugende Überwachung des gewerbsmäßigen und sonstigen wirtschaftlichen Verkehrs mit chemischen Stoffen, eine Anmeldepflicht für neue Stoffe sowie Vorschriften zum Verbraucher-, Arbeits- und Umweltschutz (in Bezug auf Gefahrstoffe) enthält. Der Schwerpunkt der gesetzlichen Regelungen liegt dabei auf dem gewerblichen Umgang mit Chemikalien und dem Erwerbsarbeitsbereich.
7 Krebs erregend. 8 Erbgut schädigend. 9 Als reproduktionstoxisch werden Stoffe bezeichnet, die während der Schwangerschaft das Embryo bzw. den Fötus schädigen, also fruchtschädigend sind oder die Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigen. 10 Als persistent werden Stoffe bezeichnet, die sich nicht oder nur schwer in der Umwelt abbauen und in Folge dessen in der Umwelt verbleiben und sich dort anreichern und/oder über weite Strecken transportiert werden können. Ein prominentes Beispiel für einen persistenten Stoff ist das Insektenvernichtungsmittel DDT, das aufgrund seiner Langlebigkeit in der Umwelt mittlerweile auch in der Antarktis nachweisbar ist. 11 Mit Bioakkumulation wird ein Vorgang beschrieben, in dem sich Stoffe in Organismen oder in bestimmten Bereichen ihres Körpers anreichern. Dies betrifft vor allem Stoffe, die schwer abbaubar (persistent) sind. Ist ein solcher Stoff beispielsweise in Fett viel besser löslich als in Wasser, wird er im Fettgewebe eines Tieres oder eines Menschen, der diesen Stoff aufgenommen hat, angereichert. Je weiter am Ende der Nahrungskette ein Lebewesen steht, desto stärker ist die Anreicherung, da der betreffende Stoff in bereits aufkonzentrierter Form aufgenommen wird. Durch diesen Mechanismus kommt es auch zur Anreicherung von Schadstoffen in der Muttermilch. 12 Giftig.
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Eine Vielzahl von Chemikalien landet jedoch vermittelt über Produkte und ihre Verwendung in den privaten Haushalten. Über die Risiken des Stoffeinsatzes in den Produkten für den privaten Gebrauch bestehen erhebliche Wissensdefizite. So bestehen über die oben genannte Altstoffproblematik hinaus gravierende Informationsdefizite über die in den Produkten enthaltenen Stoffe: Viele Produkte unterliegen keiner Deklarationspflicht (z. B. beim Chemikalieneinsatz bei der Textilproduktion), zum Teil müssen lediglich Stoffgruppen angegeben werden (z. B. Konservierungsstoffe in Reinigungsmitteln), so dass die verwendeten Einzelsubstanzen unbekannt bleiben. Inhaltsstoffdeklarationen sind zum Teil unvollständig (oft nur Wirkstoffgruppen angegeben), für Laien unverständlich und enthalten kaum Hinweise auf die möglichen Wirkungen der Inhaltsstoffe. Dieses Informationsdefizit würde auch durch das REACH-System nicht behoben, da lediglich Daten zu den Einzelstoffen bei der geplanten Chemikalienagentur gesammelt werden, während Daten zur konkreten Zusammensetzung von Endprodukten weiterhin nicht in ausreichendem Maße zur Verfügung stehen und öffentlich einsehbar sein werden. Dies ist ein zentraler Kritikpunkt von Verbraucherschutzorganisationen am REACH-Entwurf (VZBV 2003). Hinzu kommt, dass über die Kontexte der Produktnutzung in den privaten Haushalten und die daraus resultierende Gesamtbelastungssituation der Haushaltsmitglieder wenig bekannt ist (Weller 2004). Gesundheitliche Folgen sind jedoch bereits zu erkennen. So wird beispielsweise die weite Verbreitung und Zunahme von Allergien mit der Chemikalienbelastung in den privaten Haushalten in Verbindung gebracht (Herbarth 2003, Horn et al. 2002, Schnuch et al. 2004). Die Konsequenzen sind zum Teil erheblich. So kann eine im privaten Haushalt erworbene Allergiesensibilisierung (später) bei beruflichem Kontakt mit diesem Stoff zu einer Erkrankung bis hin zur Berufsaufgabe führen. Steht die Sensibilisierung jedoch nicht nachweislich mit dem Beruf in Verbindung, ist die Berufsgenossenschaft von Entschädigungsleistungen (wie Rente oder Umschulungen) entbunden. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass “die Verursacher einer privat erworbenen Allergie, nämlich die Hersteller allergener Produkte, nicht zu Entschädigungsleistungen herangezogen werden (wie dies bei Berufskrankheiten ohne weiteres geschieht). Somit haben wir es hier möglicherweise auch mit einer Facette gesellschaftlicher Lastenverteilung zu tun, bei der Gewinne privatisiert, Verluste aber sozialisiert werden.” (Schnuch et al. 2004: 303).
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Ein Beispiel für die unzureichende Aufmerksamkeit für Schadstoffrisiken in privaten Haushalten sind die Folgen des Einsatzes von Flammschutzmitteln in Produkten. Aus diesen können bei Bränden Dioxine entstehen. Während in Unternehmen oder öffentlichen Einrichtungen i.d.R. nach einem Brand die Dioxinbelastung gemessen wird, geschieht dies in Privathaushalten jedoch nicht (Schramm et al. 1996, zit. nach Weller 2004). Darüber hinaus besteht ein großes Wissensdefizit darüber, auf welche Weise und unter welchen Rahmenbedingungen gefahrstoffhaltige Produkte in privaten Haushalten zur Anwendung kommen (Weller 2004). Die Geschlechterperspektive lenkt den Blick auf das Verhältnis zwischen den unterschiedlichen gesellschaftlichen Sphären und die damit verbundenen gesellschaftlichen Bewertungsprozesse. Sie fungiert damit als eye-opener für die Bedeutung von gesellschaftlichen Bereichen, die im Kontext des hierarchischen Geschlechterverhältnisses abgewertet werden und damit vielfach unterbelichtet sind. So schärft die Geschlechterperspektive den Blick für die Handlungskontexte der privaten Haushalte, aus ihr wird die Bedeutung von Chemikalienbelastungen durch Inhaltsstoffe von Konsumgütern und diesbezüglichen Wissensdefiziten besonders deutlich. Die erheblichen Wissensdefizite über die Chemikalienbelastung in privaten Haushalten, die mangelhafte Zugänglichkeit von Informationen für Konsumenten und Konsumentinnen sowie der Umgang mit den Folgen von Chemikalienbelastungen in Privathaushalten spiegeln die gesellschaftliche Ungleichbewertung von Produktions- und Konsumsphäre, von Erwerbsarbeitsbereich und Haushaltsbereich wider. 3
Chemikalienpolitik und die Organisation der menschlichen Reproduktion und der Gesundheit
Die Genderdimension “Organisation der menschlichen Reproduktion und der Gesundheit” ist bestimmend, wenn im untersuchten Themenbereich bzw. von der untersuchten Maßnahme die Zielgruppe (unmittelbar und mittelbar Betroffene) im Hinblick auf ihre Reproduktion und ihre Gesundheit betroffen sind (Hayn 2002). Mit der Zielsetzung des Schutzes des Menschen vor den Wirkungen gefährlicher Stoffe und Zubereitungen ist Chemikalienpolitik in dieser Genderdimension von direkter Bedeutung.
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Regelungen und Grenzwerte zum Schutz der menschlichen Gesundheit basieren auf der wissenschaftlichen Abschätzung und Bewertung der mit dem Einsatz, der Verarbeitung und Verbreitung von einzelnen Stoffen verbundenen gesundheitlichen Risiken. Die Verfahren zur Festlegung von Grenz- und Richtwerten werden schon seit langem kritisch diskutiert (z. B. Kortenkamp et al. 1990), in jüngster Zeit wurden vorhandene Defizite im Bereich der Risikoabschätzung und -bewertung durch die Risikokommission13 (2002, 2003) systematisiert. Letztere kritisiert die Undurchsichtigkeit der Verfahren für die Allgemeinheit und zum Teil sogar für die Fachöffentlichkeit sowie die mangelhafte Transparenz bezüglich der Datenerhebung und Datenbewertung. Ein Problem der Festlegung von Grenz- und Richtwerten ist, dass eine stringente naturwissenschaftliche Abschätzung der gesundheitlichen Risiken in der Regel nicht möglich ist, sondern Wissenslücken durch Annahmen, bei denen auf Vermutungen und Erfahrungswissen von Fachleuten (sogenanntes “Expert Judgement”) zurückgegriffen wird, überbrückt werden müssen.14 Damit besteht grundsätzlich die Gefahr “motivationsbedingter Verzerrungen” (Risikokommission 2002). Beispielsweise zeigte eine USamerikanische Studie über verschiedene Grundsätze und Bewertungskomponenten bei der toxikologischen Risikobewertung von Laien und Experten innerhalb der Gruppe der Toxikologen “eine starke Zugehörigkeitsvoreingenommenheit, die darauf schließen ließ, dass Wissenschaftler, die für die Industrie arbeiten, Chemikalien positiver bewerten als ihre Gegenspieler in akademischen und Regierungskreisen. Toxikologen in der Industrie waren in gewisser Hinsicht überzeugter als andere Experten von der allgemeinen Gültigkeit von Tierversuchen – außer, wenn diese Versuche als Nachweis für Kanzerogenität galten, in welchen Fall viele der Experten in der Industrie ihre Meinung über die Gültigkeit der Versuche änderten.” (Kraus et al. 1992, zit. nach Kemp 1993: 117).
Bei den Verfahren zur Regelung des Umgangs mit gefährlichen Stoffen spielen Expertengremien eine erhebliche Rolle (z. B. MAK15-WerteKommission, Ausschuss für Gefahrstoffe). Angesichts der männlichen
13 Die Risikokommission wurde im Rahmen des Aktionsprogramms Umwelt und Gesundheit (APUG) eingesetzt. 14 Beispielsweise basiert die Umrechnung von Tierversuchsergebnissen auf Grenz- und Richtwerte für den Menschen auf der Anwendung von Sicherheitsfaktoren, deren Höhe in erster Linie anhand von Annahmen festgelegt wird. 15 Die Abkürzung MAK steht für maximale Arbeitsplatzkonzentrationen.
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Dominanz in entsprechenden Gremien16 stellt sich die Frage, inwieweit Perspektiven, die sich aus den Lebensrealitäten und Erfahrungen von Männern ergeben hier systematisch bevorzugt werden, während der sozial weibliche Erfahrungshintergrund unberücksichtigt bleibt. Ein weiterer Kritikpunkt der Risikokommission ist, dass die angewandten Expositionsmodelle hinsichtlich der ihnen zugrunde liegenden Annahmen und Unsicherheiten nicht ausreichend und nachvollziehbar beschrieben werden. Auf diese Problematik verweist auch die Chemikerin Ines Weller (2002, 2004), die die entkontextualisierende Problemsicht der Risikoabschätzung kritisiert und eine differenziertere Betrachtung der Nutzungsmuster und Handlungskontexte bei der Verwendung von schadstoffhaltigen Produkten insbesondere auch in Hinblick auf die Rahmenbedingungen des privaten Haushaltes fordert.17 Dabei sind die Folgen des Produktgebrauchs in privaten Haushalten sowie die zu erwartende (Gesamt-)Belastung in den privaten Haushalten in die Risikoabschätzung einzubeziehen. Aufgrund der bestehenden Unsicherheiten (z. B. bei der Übertragung von Versuchsergebnissen auf den Menschen) verbleibt bei der wissenschaftlichen Risikoabschätzung immer ein so genanntes ‘Restrisiko’ von unbekanntem Ausmaß, dass mit der Verwendung des jeweiligen Stoffes zwangsläufig mit in Kauf genommen wird. Die Risikoabschätzung ist Voraussetzung für die Risikobewertung18, in die gesellschaftliche Werte und Zielvereinbarungen einfließen – beispielsweise in Hinblick auf die Definition des Schutzzieles. In diesem Zusammenhang ist aus Geschlechterperspektive die Frage von Bedeutung, an welchen Personengruppen sich die Beurteilung des Risikopotenzials ausrichtet, insbesondere in Hinblick darauf, wie mit empfindlichen Personengruppen (Kinder, Ältere, Kranke, usw.) umgegangen wird. So zeigte eine kritische Aufarbeitung der Diskussion um Grenz- und Richtwerte für PCB-Belastungen19, dass Vorgänge wie Schwangerschaft, Geburt und das Stillen als gesonderte Probleme bzw. Ausnahmesituatio16 In der MAK-Werte-Kommission, die die maximalen Arbeitsplatzkonzentrationen festlegt, sind z. B. von den 36 wissenschaftlichen Mitgliedern lediglich 3 Frauen. 17 Siehe auch den Beitrag “Geschlechterforschung in der Chemie” von Ines Weller in Teil I. 18 Ausführliche Erläuterungen zur Differenzierung von Risikoabschätzung und Risikobewertung finden sich in den Berichten der Risikokommission (2002, 2003). 19 Die Abkürzung PCB steht für polychlorierte Biphenyle. PCB sind schwer abbaubar und reichern sich in der Nahrungskette an. Wenn PCB regelmäßig mit der Nahrung oder mit der Atemluft aufgenommen werden, sind sie auch in sehr geringen Dosen stark gesundheitsschädlich (hohe chronische Toxizität).
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nen behandelt werden, für die Ausnahmeregelungen zu schaffen sind, und nicht als Ausgangspunkt der Risikoabschätzung betrachtet werden. Nicht zuletzt orientiert sich die Berechnung von Grenzwerten meist an gesunden männlichen Erwachsenen, d. h. sie vernachlässigt empfindlichere Personen und behandelt sie quasi als Sondergruppen, die aufgrund von persönlichen Eigenarten ein höheres Risiko zu tragen haben. Die Nicht-Berücksichtigung von empfindlichen Gruppen bei der Risikobewertungen und der Festlegung von Grenzwerten hat eine ‘Privatisierung des Restrisikos’ zur Folge, die im Kontext geschlechtsspezifischer Rollenzuweisungen überproportional zu Lasten von Frauen geht (Buchholz 1993, 1994). Ein Beispiel hierfür liefern die Ergebnisse einer qualitativen Untersuchung zu Konflikten bei PCB-Innenraumluftbelastungen in zwei Berliner Grundschulen.20 Die Verantwortung für Kinder und die Sorge und Vorsorge für die Gesundheit der Familie sind durch die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in unserer Gesellschaft in den Zuständigkeitsbereich von Frauen verlagert. Vor diesem Hintergrund kommt bei PCB-Belastungen in Schulen den Müttern sowohl in der Auseinandersetzung um die Schadstoffbelastung als auch bei der Bewältigung sozialer und gesundheitlicher Folgen eine besondere Rolle zu. Zur Analyse der Situation von Betroffenen wurden daher qualitative Interviews mit Müttern geführt, deren Kinder auf eine von zwei untersuchten Berliner Schulen gingen, in denen PCBBelastungen festgestellt und eine intensive Auseinandersetzung über die daraus resultierenden Maßnahmen stattfanden. Sowohl der Rücklauf des zusätzlich in jeweils sechs bzw. sieben Klassen verteilten Fragebogens,21 der zu 79% von Frauen ausgefüllt wurde, als auch die Erfahrung der Leiterin eines mit der PCB-Problematik befassten Umweltamtes, die 20 Die PCB-Innenraumluftbelastungen in den untersuchten Berliner Grundschulen entstanden dadurch, dass die in den Gebäuden verbauten dauerelastischen Fugenmassen PCB als Weichmacher enthielten, die in die Innenraumluft übergehen. Die Sanierung derart belasteter Räume ist insofern problematisch, als es nicht ausreicht die Fugenmassen zu entfernen, da Materialien, die der PCB-haltigen Luft ausgesetzt waren, ihrerseits mit PCB kontaminiert sind und diese auch an die Luft abgeben können. Aufgrund dessen bleibt auch nach der Sanierung ein Restgehalt in der Luft. Ein zentraler Streitpunkt war deshalb, welche Restbelastung in den Klassenräumen noch akzeptabel sei. Auseinandersetzungen über PCB-Innenraumluftbelastungen in Schulen sind vielerorts noch immer ein aktuelles Problem. 21 Zu den Methoden der Befragung per Interview oder Fragbogen siehe vertiefend den Beitrag “Methodenauswahl der geschlechterperspektivischen Naturwissenschaftsanalyse” von Smilla Ebeling, Jennifer Jäckel, Ruth Meßmer, Katrin Nikoleyczik und Sigrid Schmitz in Teil II.
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während der PCB-Auseinandersetzung ausschließlich Anrufe besorgter Mütter erhalten hat, bestätigten, dass die Verarbeitung auf der Seite der Betroffenen überwiegend von Müttern geleistet wird. Im Rahmen der Untersuchung zeigte sich als charakteristisch für die Situation der interviewten Mütter das Gefühl des persönlich Verantwortlichseins für die Gesundheit der Kinder, das einer durch eine Orientierung am abstrakten Durchschnitt gekennzeichneten wissenschaftlichen Risikoabschätzung gegenüberstand. Dabei wurde von befragten Frauen zum Teil kritisiert, dass persönliche Erfahrungen (z. B. Beobachtungen von gesundheitlichen Veränderungen bei den Kindern, die in zeitlichem Zusammenhang mit dem Unterricht in den belasteten Räumen stehen) und Befürchtungen, die die Grenzen naturwissenschaftlich gesicherter Zusammenhänge überschreiten, nicht ausreichend berücksichtigt worden seien, obwohl die Unsicherheiten bei der Bewertung der gesundheitlichen Risiken vom zuständigen Bezirksamt offen benannt wurden. Viele der Interviewpartnerinnen fühlten sich bei der Einschätzung der Situation auf Fachleute angewiesen und gleichzeitig von ihnen allein gelassen. Mütter, deren Kinder gesundheitliche Veränderungen gezeigt hatten, waren darauf angewiesen im Alleingang, oftmals gegen Widerstände aus der Umgebung, unkonventionelle Wege zu gehen, um die Situation ihres Kindes zu verändern, z. B. Umzug, um ein anderes Schuleinzugsgebiet zu kommen (Buchholz 1993). Ein weiterer wichtiger Aspekt von Chemikalienpolitik in Bezug auf die Genderdimension “gesellschaftliche Organisation der menschlichen Reproduktion und der Gesundheit” sind spezielle Regelungen und Beschäftigungsbeschränkungen für gebärfähige Frauen22 sowie für werdende und stillende Mütter an Arbeitsplätzen mit Gefahrstoffbelastungen. Letztere werden durch die “Verordnung zum Schutze der Müttern am Arbeitsplatz” (MuSchV 1997) geregelt. Nach §1 MuSchV ist der Arbeitgeber verpflichtet, die möglichen Gefahren für Mutter und Kind am Arbeitsplatz abzuschätzen sowie entsprechende Schutzmaßnahmen zu bestimmen. Nach §5 (1) dürfen werdende Mütter nicht an Arbeitsplätzen mit krebserzeugenden, fruchtschädigenden oder erbgutverändernden Gefahrstoffen beschäftigt werden, an Arbeitsplätzen mit “sehr giftigen, giftigen, gesundheitsschädlichen oder in sonstiger Weise den Menschen chronisch schädigende Gefahrstoffe” dürfen werdende und stillende 22 Dies betrifft den Umgang mit Gefahrstoffen, die Blei oder Quecksilberalkyle enthalten. Für diese Stoffe sind für Frauen und Männer unterschiedliche BAT-Werte festgelegt.
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Mütter nicht beschäftigt werden, “wenn der Grenzwert überschritten ist”. Dabei wird jedoch nicht spezifiziert, auf welche Grenzwerte sich diese Regelung eigentlich bezieht. Gefahrstoffbelastungen am Arbeitsplatz werden üblicherweise durch MAK-Werte geregelt, die die maximale Arbeitsplatzkonzentration für einen Stoff angeben. Diese gelten jedoch für gesunde Arbeitnehmer bei 8-stündiger täglicher Belastung, und nicht für Schwangere. Seit 1985 wurde zwar eine gesonderte Spalte “Schwangerschaft” in die MAK-Werte-Liste aufgenommen, diese enthält jedoch keine spezifischen Grenzwerte für Schwangere, sondern eine Einstufung des MAK-Wertes in verschiedene Gruppen, die besagen, ob bei Einhaltung des MAK-Wertes eine Schädigung auftreten bzw. nicht ausgeschlossen werden kann (Gruppen A u. B), das Risiko einer Fruchtschädigung bei Einhaltung des MAK-Wertes nicht zu befürchten ist (Gruppe C) oder eine Einstufung in die Gruppen A-C nach derzeitigem Kenntnisstand nicht möglich ist (Gruppe D) (DFG 2003). Diese Regelungen sind unter folgenden Aspekten unbefriedigend: x In weiten Bereichen besteht Unsicherheit darüber, wie eine Gefahrstoffbelastung in Hinblick auf die Schwangerschaft zu beurteilen ist, da entsprechende Grenzwerte oder Einstufungen nicht vorliegen. x Die Entscheidung über Schutzmaßnahmen und Beschäftigungsbeschränkungen liegt – sofern nicht ein Beschäftigungsverbot für Schwangere gesetzlich vorgeschrieben ist – beim Arbeitgeber. Mitsprachemöglichkeiten der schwangeren Arbeitnehmerinnen sind nicht vorgesehen. Damit ist die Frage der Gestaltung der Arbeitsplätze für Schwangere erheblich von der ‘Betriebskultur’ abhängig. Für die schwangere Arbeitnehmerin kann das bedeuten, dass sie grundsätzlich von Arbeiten mit Gefahrstoffen ausgeschlossen wird (z. B. indem ihr die Arbeit im Labor grundsätzlich untersagt wird) und in der Folge in fachlich unbefriedigende Arbeitsbereiche abgeschoben wird. Auf der anderen Seite besteht die Gefahr, dass sie zu Arbeiten angehalten wird, die sie selbst als zu riskant einschätzt. In Bezug auf die reproduktive Gesundheit von Frauen und Männern ist zudem auf den Problemkreis der endokrinen Substanzen hinzuweisen23, die das hormonelle System des Organismus beeinflussen, indem sie beispielsweise Hormone nachahmen oder die Produktion von Hormonen 23 Zu den endokrin wirkenden Stoffen gehören beispielsweise Phtalate, die als Weichmacher in Kunststoffen eingesetzt werden.
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blockieren. Dadurch kann es zu Störungen der Fortpflanzungsfähigkeit (z. B. Rückgang der Spermienzahlen) oder Veränderungen in der Geschlechtsentwicklung (z. B. vorzeitige Pubertät bei Mädchen) kommen. Darüber hinaus wird endokrinen Substanzen eine brustkrebsfördernde Wirkung zugeschrieben (BMFSFJ 2002). 4
Chemikalienpolitik und geschlechtsspezifische Arbeitsteilung
Im Zusammenhang mit der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung üben Frauen und Männer unterschiedliche Tätigkeiten aus. Dies betrifft sowohl die geschlechtsspezifische Segregation des Arbeitsmarktes als auch eine unterschiedliche Verteilung von Erwerbsarbeit und Haus- und Versorgungsarbeit zwischen den Geschlechtern. Daraus resultieren eine unterschiedliche Exposition mit Gefahrstoffen und schadstoffhaltigen Produkten sowie unterschiedliche gesundheitliche Belastungen von Frauen und Männern. Ich werde mich in meiner Darstellung auf die Situation in der Bundesrepublik bzw. in der EU beschränken, möchte aber an dieser Stelle darauf verweisen, dass Frauen in Ländern des Südens in Zusammenhang mit geschlechtsspezifischen Tätigkeitsfeldern zum Teil Chemikalienbelastungen ausgesetzt sind, die die Chemikalienbelastung in Europa um ein Vielfaches übersteigen. So wird in der internationalen Debatte zu Gender & Environment die Problematik der Pestizidbelastungen von Frauen beschrieben, die weltweit eine wesentliche Rolle in der Agrarproduktion spielen und häufig – insbesondere in Ländern des Südens – diejenigen sind, die ohne ausreichende Informationen oder Schutzmaßnahmen Pestizide anwenden und dadurch erhebliche gesundheitliche Konsequenzen zu tragen haben (Jacobs & Dinham 2003, Ransom o. J.). In Bezug auf Gefahrstoffexpositionen an Frauenarbeitsplätzen in der Bundesrepublik verweist eine von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz herausgegebene Studie darauf, dass Frauen häufig Tätigkeiten mit einem hohen Anteil an Handarbeit verrichten. Daraus ergibt sich ein erhöhtes Risiko, über die Haut mit Gefahrstoffen in Berührung zu kommen. Zur Verfügung gestellte Schutzausrüstungen sind zum Teil den Anforderungen der Tätigkeit nicht angemessen bzw. stellen selbst ein Gesundheitsrisiko dar.24 Darüber hinaus verrichten Frauen zum Teil Tätigkeiten an Restarbeitsplätzen, die daraus resultieren, dass automatisierte Prozesse 24 Z. B. können Gummihandschuhe zu Allergien führen.
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punktuelle Schwachstellen haben, die durch Handarbeit ausgeglichen werden müssen oder die zum Abfangen von Produktionsspitzen dienen. Im Kontext einer technikzentrierten Sichtweise und einer Geringschätzung dieser Arbeitsplätze wird zum Teil nicht wahrgenommen, dass die Frauen bei diesen Tätigkeiten Gefahrstoffen ausgesetzt sind (Kliemt 1995). Der Kenntnisstand zu unterschiedlichen gesundheitlichen Belastungen von Frauen und Männern am Arbeitsplatz wurden in einem Bericht der European Agency for Safety an Health at Work (2003) zusammengefasst. Demnach sind berufsbedingte Krebserkrankungen bei Männern insgesamt häufiger als bei Frauen, jedoch sind einige typische Frauenarbeitsplätze mit erhöhten Krebsraten durch Chemikalienbelastungen am Arbeitsplatz verbunden (z. B. im Friseur- und Kosmetikbereich, im Gesundheitssektor, in chemischen Reinigungen). Asthma und Allergien sind hingegen häufiger unter Frauen. Quellen für berufsbedingte Erkrankungen der Atemwege an Arbeitsplätzen von Frauen sind Reinigungsmittel, Desinfektionsmittel und im Gesundheitswesen benutzte Schutzhandschuhe, die Latexstäube enthalten, sowie Stäube in der Textilund Bekleidungsindustrie. Darüber hinaus leiden Frauen häufiger unter Hauterkrankungen, die beispielsweise mit Arbeiten mit nassen Händen einhergehen bzw. durch den Hautkontakt mit Reinigungsmitteln oder Chemikalien zur Haarbehandlung verursacht sind. In einer europäischen Untersuchung zum berufsbedingten Asthma wurde ein erhöhtes Asthmarisiko bei Reinigungskräften festgestellt (Kogevinas et al. 1999). Die gesundheitlichen Belastungen durch Gefahrstoffe an typischen Frauenarbeitsplätzen liefern zudem Hinweise auf Gefahrstoffbelastungen in privaten Haushalten, da die genannten Agenzien zum Teil auch im Haushalt Verwendung finden und dort überwiegend von Frauen angewendet werden. In einer vom Sachverständigenrat für Umweltfragen zitierten Übersicht zu allergischen Kontaktekzemen bei Berufstätigen werden ‘Hausfrauen’ als eine der betroffenen Berufsgruppen genannt. Beispielhaft sei hier auf die Stoffgruppe der Reinigungsmittel25 verwiesen (SRU 1999). Frauen wenden mehr Zeit als Männer für die Reinigung von Haus und Wohnung auf (BMFSFJ/Statistisches Bundesamt 2003, IKW 1997), insbesondere die Arbeiten, die mit einem direkten Kontakt mit Wasser (und damit auch den Reinigungsmitteln) verbunden sind, wer25 Zu den Problemstoffen in Reinigungsmitteln gehören beispielsweise Konservierungsstoffe (u. a. Formaldehydabspalter, Isothiazolinone) und Duftstoffe, die Allergien auslösen können.
Genderrelevanz und Genderaspekte von Chemikalienpolitik
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den als Frauensache gehandhabt (Thiessen 2002). In der IKW-Produktnutzenstudie berichteten zudem 14 % der Befragten von Gesundheitsproblemen bei der Anwendung von Putz- und Pflegemitteln (IKW 1997). Ein besonderes Problem des Gefahrstoffeintrages durch Produkte des alltäglichen Lebens ist, dass in der multifunktionellen Umgebung des privaten Haushaltes auch empfindliche Personengruppen mit den Stoffen in Berührung kommen. Die Folgen von daraus resultierenden Erkrankungen tragen neben den erkrankten Personen auch Frauen als diejenigen, die die Hauptlast der Pflege und Betreuung von Kranken in privaten Haushalten tragen. Ein beredtes Beispiel über die damit verbundenen Belastungen stellen Erfahrungsberichte von Eltern allergiekranker Kinder dar (Anonym 1999, Beaury 1999, Familie S 2001). Aus den Behandlungserfordernissen des Kindes ergeben sich strikte Rahmenbedingungen für die Strukturierung des Tagesablaufes. Die Eltern, in der Regel die Mütter, müssen ständig in Abrufbereitschaft sein, falls es zu einer akuten Verschlechterung des Gesundheitszustandes ihres Kindes kommt. Die Beschaffung von geeigneten Lebensmitteln, Textilien, Wasch- und Reinigungsmitteln etc. ist mit erheblichen zeitlichen und finanziellen Aufwendungen verbunden. Vor diesem Hintergrund ist davon auszugehen, dass die Möglichkeit, einer beruflichen Tätigkeit nachzugehen, für Mütter von schwer allergiekranken Kindern erheblich eingeschränkt ist.26
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Chemikalienpolitik und die Gestaltungsmacht von Frauen und Männern
Die Frage der Gestaltungsmacht stellt sich im Hinblick auf Genderaspekte im Bereich der Chemikalienpolitik in verschiedener Hinsicht. Sie betrifft sowohl die Einfluss- und Gestaltungsmöglichkeiten von Frauen und Männern sowie Schieflagen, die sich aus der Hierarchisierung verschiedener gesellschaftlicher Bereiche entlang des Geschlechterverhältnisses ergeben. Bereits in den vorangegangenen Abschnitten haben sich einige Bereiche gezeigt, die im weiteren Sinne der Chemikalienpolitik zuzuordnen sind und in denen in Bezug auf Einfluss- und Gestaltungsmöglich26 Im Rahmen der Untersuchung zu PCB-Belastungen in Schulen berichtete eine Interviewpartnerin, deren Kind allergiekrank war, dass sie aufgrund der Anforderungen, die die Bewältigung der Krankheit an sie stellte, ihr Studium abbrechen musste (Buchholz 1993).
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keiten Geschlechteraspekte deutlich wurden. Diese betreffen die Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten von Konsumenten und Konsumentinnen, die Abschätzung und Bewertung von gesundheitlichen Risiken durch Gefahrstoffe sowie die Frage der Kommunikation zwischen Experten und Betroffenen im Rahmen von Konflikten über Schadstoffbelastungen. So sind die Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten von Konsumenten und Konsumentinnen hinsichtlich der Schadstoffeinträge in den Privathaushalt durch die bestehenden Informationsdefizite in Bezug auf die Zusammensetzung von Produkten und die mit den Inhaltsstoffen verbundenen Wirkungen erheblich eingeschränkt. Hersteller begrenzen ihre Haftung auf den “bestimmungsgemäßen” Gebrauch und orientieren sich nicht an den real praktizierten Nutzungsmustern. Viele verwendete Reinigungsmittel oder andere Haushaltschemikalien werden aufgrund von bestimmten Eigenschaften anders als vorgesehen verwendet, die Folgen des Gebrauches können anhand der gegebenen Informationen jedoch häufig nicht abgeschätzt werden. Insofern besteht eine ungleiche Verteilung der Risiken und der Möglichkeiten des informierten Handelns (Weller 2004). Eine Erhöhung der Gestaltungsmacht von Konsumenten und Konsumentinnen im Hinblick auf Inhaltsstoffe von Konsumgütern erfordert in verschiedener Hinsicht einen grundlegenden Perspektivenwechsel. So sind die realen Nutzungskontexte und die Gesamtbelastungssituation der Haushalte in die Abschätzung und Bewertung der mit den Inhaltsstoffen von Produkten verbundenen Risiken einzubeziehen. Die Nutzungsanforderungen, auch im Hinblick auf eine Abwägung zwischen Wirkung und Risiken des Einsatzes bestimmter Inhaltsstoffe, sind bei der Gestaltung von Produkten zu berücksichtigen. Dies erfordert, die Alltagskompetenzen der Nutzer/innen als dem Expertenwissen gleichwertig anzuerkennen (Weller 2004). Die Transparenz von Risikoabschätzungen und -bewertungen ist, auch in Bezug auf bestehende Unsicherheiten, zu erhöhen. Über Werte und Schutzziele im Rahmen von Risikobewertungen ist eine gesellschaftliche Diskussion zu führen. Die Forderungen der Risikokommission (2003), Betroffene und organisierte gesellschaftliche Gruppen an der Entscheidungsfindung zu beteiligen und Risikokommunikation als Bestandteil des gesamten Regulierungsprozesses zu integrieren, sind in diesem Zusammenhang zu begrüßen.
Genderrelevanz und Genderaspekte von Chemikalienpolitik
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Zu beachten ist jedoch, dass die Voraussetzungen der an der Kommunikation über gesundheitliche Risiken von Chemikalien beteiligten Akteure höchst unterschiedlich sind und dass die Kommunikationssituation durch gesellschaftliche Bewertungsprozesse beeinflusst wird. Beispielsweise sind mit Schadstoffbelastungen einhergehenden Auseinandersetzungen häufig gekennzeichnet durch eine Konfliktlinie zwischen Wissen von Experten und Expertinnen auf der einen Seite und konkretem Wissen aus Alltagsbeobachtungen auf der anderen. Für letztere existieren in der Regel keine Anlaufstellen in Gremien der Experten und Expertinnen oder der Verwaltung, vielmehr findet eine Stigmatisierung von Betroffenen als überemotional und hysterisch statt, die in Einzelfällen bis zur Empfehlung einer psychiatrischen Behandlung reicht (Hien 1993). Rollenstereotype und gesellschaftliche Wertungen führen zu Polarisierungen zwischen ‘irrationalen’ und ‘emotionalen’ Betroffenen und einer ‘rationalen’ Wissenschaft27 bzw. zwischen ‘gefühlsbetonten’ Frauen ‘sachlichen’ Männern.28 Dies verhindert eine Auseinandersetzung, bei der die Lebenssituation und die Erfahrungen von Betroffenen der ‘wissenschaftlichen’ Betrachtungsweise gleichwertig gegenüberstehen und angemessen berücksichtigt werden. Ein Beispiel hierfür sind die oben genannten Konflikte bei PCB-Innenraumbelastungen in Schulen (Buchholz 1993, dies. 1994). So wiesen die Darstellungen von einigen im Rahmen der bereits angeführten Untersuchung interviewten Mütter von Kindern aus PCB-belasteten Schulen eine auffällige Polarisierung zwischen ‘emotionalen Müttern’ und ‘rationalen Vätern’ auf, die ich dahingehend interpretiere, dass sich hierin traditionelle Rollenzuschreibungen reproduzierten. Die ‘sachlichen Argumente’ der Väter29 besitzen eine höhere gesellschaftliche Wertschätzung, stehen aber gleichzeitig im Konflikt zu der persönlich empfundenen Verantwortung der Mütter für die 27 Der Soziologe Ulrich Beck spricht in diesem Zusammenhang vom “Rationalitätsmonopol der wissenschaftlichen Risikodefinition”: “Die Wissenschaft ‘stellt Risiken fest’, und die Bevölkerung ‘nimmt Risiken wahr’. Abweichungen zeigen das Maß der ‘Irrationalität’ und ‘Technikfeindlichkeit’ an” (Beck 1986: 76). 28 Zu den geschlechtsspezifischen Fähigkeitszuschreibungen siehe den Beitrag “Tierisch menschlich” von Smilla Ebeling, Sigrid Schmitz und Robin Bauer in Teil II. 29 Die beschriebenen Argumente der Väter bezogen sich bezeichnenderweise allesamt nicht direkt auf die PCB-Belastung, sondern stellten eher die Verhältnismäßigkeit der Diskussion der Gesundheitsrisiken der PCB-Belastung in der Schule insgesamt in Frage. Dies wurde von den von mir interviewten Müttern nicht in dieser Form registriert, was ich als einen besonders deutlichen Hinweis darauf betrachte, dass bei der unterschiedlichen Wahrnehmung der Argumentationen von Vätern und Müttern traditionelle Rollenzuschreibungen wirksam waren.
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Gesundheit der Kinder. Dies führte beispielsweise dazu, dass eine ausgesprochen fundiert und sachlich informierte Interviewpartnerin, ihre Befürchtungen über mögliche Zusammenhänge zwischen Erkrankungen ihrer Kinder und der PCB-Belastung nicht in der Schuldiskussion einbrachte, da sie nach ihrer eigenen Einschätzung “selber unsicher” sei und Zusammenhänge nicht beweisen könne, sondern “nur gefühlsmäßig” vermute. “Die (auch) von den Interviewpartnerinnen selbst vollzogene Stigmatisierung der Befürchtungen der Mütter als rein emotional – selbst wenn sie Argumente anführen, die mit denen der wissenschaftlichen Diskussion um die Eignung der (...) Grenzwerte identisch sind – führt dazu, dass diese in der Diskussion teilweise nicht ausgesprochen und nicht angemessen berücksichtigt werden. Die Rollentypisierung trägt zu der gesellschaftlichen Unsichtbarkeit der persönlich getragenen Konsequenzen bei, die jenseits der naturwissenschaftlich gesicherten Zusammenhänge liegen.” (Buchholz 1994: 184).
Vor diesem Hintergrund ist die Forderung nach einer Beteiligung von Betroffenen und organisierten gesellschaftlichen Gruppen an der Risikobewertung aus der Genderperspektive um die Anforderung zu ergänzen, die unterschiedlichen Voraussetzungen verschiedener gesellschaftlicher Gruppen für eine Beteiligung an partizipativen Verfahren zu berücksichtigen (Buchholz 2004, Mussel & Philipp 1993) sowie der Hierarchisierung von Experten- und Laienwissen entgegenzuwirken. 6
Fazit
Das Feld der Chemikalienpolitik ist von hoher Genderrelevanz, und zwar in Bezug auf seine wissenschaftlichen Grundlagen, die Formulierung von Gesetzen und Vorschriften sowie in Bezug auf die gesellschaftliche Kommunikation über die Risiken von Chemikalien und die daraus abzuleitenden Konsequenzen. Damit besteht im Sinne des GENDER MAINSTREAMINGS die Notwendigkeit, chemikalienpolitische Maßnahmen sowie die Erarbeitung ihrer wissenschaftlichen Grundlagen und die Kommunikation über die Risiken von Chemikalien unter Einbezug der Geschlechterperspektive durchzuführen. Wie dies im Einzelnen geschehen kann bzw. sollte, müsste durch weitere Untersuchungen konkretisiert werden. Aus den ermittelten Geschlechteraspekten können jedoch bereits einige Ansatzpunkte hierzu abgeleitet werden.
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Die Berücksichtigung der Geschlechterperspektive macht die Unterbestimmtheit der Belastungssituation in privaten Haushalten und die Begrenztheit der Einfluss- und Handlungsmöglichkeiten privater Konsumenten und Konsumentinnen besonders deutlich. Dabei bestehen Zielallianzen zwischen der Integration der Geschlechterperspektive und einer Verbesserung des Gesundheits- und Verbraucherschutzes: Sowohl aus der Geschlechterperspektive als auch aus der Perspektive des Verbraucherschutzes ergibt sich die Forderung, die Zugänglichkeit von Informationen über die Inhaltsstoffe von Produkten und ihre Wirkungen zu verbessern. In Zusammenhang mit der Wahrnehmung von Gesundheitsverantwortung durch Frauen besteht zudem eine mögliche Zielallianz zwischen einem besseren Schutz von empfindlichen Personen und der Reduzierung der zeitlichen Belastung von Frauen. Bei chemikalienpolitischen Regelungen im Bereich der Erwerbsarbeit besteht in Bezug auf Beschäftigungsbeschränkungen für werdende und stillende Mütter an Arbeitsplätzen mit Gefahrstoffbelastungen hingegen ein möglicher Zielkonflikt zwischen den Zielen zum Schutz der reproduktiven Gesundheit einerseits und den Zielen der Gleichstellung der Geschlechter im Beruf und in der Berufs- und Familienplanung (unter Berücksichtigung unterschiedlicher biografischer Lebensentwürfe) andererseits. Hier ist nach Möglichkeiten zu suchen, wie die Selbstbestimmung von schwangeren und stillenden Frauen am Arbeitsplatz erhöht werden kann. Dabei ist zu berücksichtigen, dass dies nicht mit einer unzulässigen Verlagerung von Verantwortung auf die schwangere Frau einhergeht und dass ein ausreichendes Maß an Rechtssicherheit für die Arbeitsgeber gewährleistet werden kann. Eine Orientierung können dabei die Ergebnisse des Gender Impact Assessments bei der Novellierung der Strahlenschutzverordnung bieten (Hayn & Schultz 2002). Im Hinblick auf die Gestaltungsmacht von Frauen und die kontinuierliche Berücksichtigung von Genderaspekten ist die Zusammensetzung von Gremien zur Abschätzung und Bewertung von Gefahrstoffen (MAKWerte-Kommission, Ausschuss für Gefahrstoffe) zu überprüfen und gegebenenfalls neu zu gestalten. Dabei sollte nicht nur auf eine ausgewogene Gender-Composition der Gremien geachtet werden, sondern auch explizit Genderexpertise mit einbezogen werden. Die Abschätzung und Bewertung der mit dem Einsatz und der Verbreitung von Chemikalien verbundenen Risiken ist darüber hinaus insgesamt transparenter zu gestalten. Dabei sind Verfahrensweisen und Kommunikationsformen zu
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Genderrelevanz und Genderaspekte von Chemikalienpolitik
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Kathrin Buchholz
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Die Welt der Elementarteilchen. Geschlechterforschung in der Physik Helene Götschel
Die Welt der kleinsten Teilchen wird physikalisch durch ein Standardmodell beschrieben. Dieses physikalische Konzept unserer materiellen Welt wird zunächst aus der Sicht der Teilchenphysik vorgestellt. In diesem Modell scheint Geschlecht keine Rolle zu spielen. Um Geschlechterverhältnisse sichtbar werden zu lassen, wechseln wir daher zu einer transdisziplinären1 Perspektive und betrachten zunächst drei Beispiele, die sich auf der Ebene der Menschen in der Teilchenphysik mit Diskriminierungen im Arbeitsalltag, dem männlichen Erbe der Physik und der an männlichen Tugenden orientierten Fachsozialisation beschäftigen. Diese Aspekte betreffen die Analyseebene WOMEN IN SCIENCE. In drei weiteren Beispielen betrachten wir auf der Ebene GENDER IN SCIENCE, wie gesellschaftliche Geschlechterverhältnisse in die Entwicklung von Forschungsfragen, die Ausformulierung von Theorien und die Bezeichnung der physikalischen Werkzeuge und Untersuchungsgegenstände einfließen.2 Abschließend wird diskutiert, welche Vorteile es bieten könnte, transdisziplinäre Fragestellungen auch innerhalb der physikalischen Fachdisziplin zu thematisieren. 1
Physikalisches Wissen
Physik ist eine Naturwissenschaft, die alle experimentell und messend erfahrbaren Vorgänge sowie mathematisch beschreibbaren Erscheinun1 Unter einer transdisziplinären Perspektive verstehe ich eine Herangehensweise an die Physik, in der Disziplingrenzen überschritten werden. Forschungsfragen, Analyseverfahren oder Methodiken werden aus verschiedenen Disziplinen wie beispielsweise Physik, Mathematik, Geschichte, Soziologie, Philosophie und Linguistik entlehnt und so miteinander verquickt, dass sie nicht mehr eindeutig einer bestimmten Disziplin zugeordnet werden können. Sie bilden vielmehr ein hybrides Neues und erweitern damit das Wissenschaftsverständnis der Physik. 2 Zu den Analyseebenen der Geschlechterforschung siehe “Geschlechterforschung und Naturwissenschaften” von Sigrid Schmitz und Smilla Ebeling.
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Helene Götschel
gen in der unbelebten (und zunehmend auch belebten) Natur zum Gegenstand hat. Eine wesentliche Aufgabe von Physiker/innen ist es, aus der Fülle der Naturerscheinungen und Phänomene geeignete messbare Größen auszuwählen und diese durch Versuch und Irrtum in mathematische Beziehungen zu setzen, also mit so genannten Naturgesetzen zu beschreiben. Die Phänomene, die in der Physik untersucht werden, sind sehr vielfältig. Sie reichen beispielsweise vom Kosmos über das Licht bis zu Kristallstrukturen. Anders als in der Biologie und Medizin weisen die Untersuchungsgegenstände der Physik kein Geschlecht auf. Atomen, Lichtwellen oder Sonnensystemen kann kein Geschlecht zugeordnet werden. Dennoch erfolgten in der Entwicklung der Physik immer wieder Geschlechtszuschreibungen, z. B. wenn ein Planet mit ‘Venus’ bezeichnet wird oder im Magnetismus ‘jungfräuliche’ Zustände der Materie beschrieben werden. In populärwissenschaftlichen Darstellungen der Physik finden sich besonders auffällige Geschlechterstereotype. Die Wissenschaftsforscherin Priska Gisler analysierte z. B., wie Geschlecht in einem Film über ein teilchenphysikalisches Experiment repräsentiert sein kann. In den Spielszenen von Laborsituationen dieses Films wurde die Geschlechterordnung bewusst durchbrochen, indem eine Physikerin die Rolle der Teamleitung spielte. Gleichzeitig wurde jedoch in Animationssequenzen über die Welt im Inneren der Materie bei der Darstellung der Teilchen unreflektiert auf geschlechtsspezifische Zuschreibungen zurückgegriffen, etwa wenn das ‘männliche’ und frechere Protoni, welches ein Teilchen mit positiver Ladung repräsentiert, sterbend singt, es/er sei ein ‘poor lonesome cowboy’ (Gisler 2001). Neben der Analyse der populärwissenschaftlichen Darstellungen von Physik gibt es weitere Möglichkeiten, Genderaspekte auf den Ebenen der Menschen in der Physik und der Geschlechtervorstellungen in der Physik aufzuzeigen. Physik lässt sich zum ersten je nach dem Tätigkeitsbereich der Akteur/innen unterteilen in experimentelle Physik, die Versuche unter kontrollierten Bedingungen durchführt, theoretische Physik, deren Aufgabe es ist, Beziehungen mathematisch zu formulieren und angewandte Physik, welche diese Zusammenhänge gezielt auf ihre technologische Verwertbarkeit hin untersucht, etwa indem neue Materialien oder Messgeräte entwickelt werden. Physik lässt sich zum zweiten chronologisch einteilen in klassische Physik und moderne Physik. Seit Entstehung der Physik im heutigen Sinn, also seit dem 17. Jahrhundert, wurden die Naturphänomene mit den Sinnen oder einfachen technischen Geräten (wie Fernrohr,
Die Welt der Elementarteilchen
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Prisma) nach den Gesetzen der klassischen Physik erforscht, geordnet und beschrieben. Um 1900 kam es jedoch zu entscheidenden Veränderungen, die zur modernen Physik führten. Komplexe technische Messgeräte eröffneten Einsichten in Welten der Mikrophysik (z. B. in die Atomkerne), die bislang den Sinnen nicht zugänglich waren. In diesen kleinen Dimensionen der Mikrowelt beeinflussen jedoch die Messgeräte die Messobjekte selbst und damit auch die Messresultate. Dabei werden Phänomene sichtbar, die uns aus der sinnlich erfahrbaren Welt nicht bekannt sind. Dies bedeutet, dass der Messvorgang mit seinen Auswirkungen auf die Messresultate in den Theorien mit berücksichtigt werden muss, und dass diese Theorien eher als mathematische Formeln denn als anschauliche Beschreibungen dargestellt werden. So dürften wir uns die Referenzobjekte der modernen Physik heute nicht mehr als kleine Kügelchen oder ähnliches vorstellen, sondern müssten sie als abstrakte Lösungen hochkomplexer mathematischer Formeln akzeptieren, als ‘Eigenzustände von Matrizen’ etwa, als ‘quasi-lokalisierte Wellenpakete’ oder als ‘physikalische Repräsentationen von Symmetrie-Eigenschaften’ (Götschel & Strowick 2005). Zu den bekanntesten Theorien dieser modernen Physik zählen die Relativitätstheorie und die Quantenmechanik. Unterteilt werden kann die Physik zum dritten nach den untersuchten Gegenstandsbereichen, also z. B. in Festkörperphysik, Laserphysik, Kernphysik, Elementarteilchenphysik und zahlreiche weitere Gebiete. 1.1 Die Welt der Elementarteilchen Im Folgenden wollen wir uns den Bereich der Elementarteilchenphysik oder kurz Teilchenphysik (Particle Physics) näher ansehen, in dem die Elementarteilchen und die zwischen ihnen wirkenden Kräfte untersucht werden. Da in diesem Gebiet mit einem enormen technischen Aufwand sehr hohe Energien erzeugt werden müssen – warum, werden wir später noch sehen – wird dieses Gebiet synonym auch als Hochenergiephysik (High Energy Physics, HEP) bezeichnet. Dieses Teilgebiet der Physik beschäftigt sich experimentell und theoretisch mit den fundamentalen Bestandteilen der Materie und den Eigenschaften der zwischen ihnen wechselwirkenden Kräfte. Welches sind die Forschungsobjekte dieses Teilgebiets der Physik, was sind elementare Bestandteile der Materie? Ganz naiv könnten wir
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Helene Götschel
sagen, das seien kleine stabile Objekte, die sich durch bestimmbare physikalische Eigenschaften wie Masse oder elektrische Ladung auszeichnen. Das Proton, der positiv geladene Baustein des Atomkerns, und das Elektron sind Beispiele für solche Objekte. Aber die Definition ist nicht wirklich hilfreich, weil wir dann zu diesen Objekten auch mehrere Tausend Moleküle zählen müssten. Andererseits wäre das Neutron, ein weiterer Baustein des Atomkerns, nach dieser Definition gar kein Teilchen. Denn isoliert für sich ist das Neutron nicht stabil, sondern zerfällt mit einer Halbwertszeit3 von 17 Minuten in ein Proton, ein Elektron und ein weiteres sehr kleines Teilchen, ein so genanntes Antineutrino. Daher wird die Forderung nach der absoluten Stabilität fallen gelassen. Teilchen wie das in der kosmischen Strahlung vorkommende Pion, das nur 0,0000000000000001 Sekunden (10-16 s) lang existiert, werden ebenfalls als Elementarteilchen verstanden. Um nicht bei einer Million und mehr verschiedenen kurzlebigen Teilchen und angeregten Zuständen von Kernen und Atomen mit festen physikalischen Eigenschaften die Übersicht zu verlieren, wird eine weitere Präzisierung vorgenommen. Als Elementarteilchen werden nur solche Teilchen verstanden, die bestimmte physikalische Eigenschaften besitzen, stabil oder instabil sind, Grundzustände oder angeregte Zustände von Kernen und Atomen darstellen und dabei aus maximal einem Proton bestehen. Seit der Erforschung der subatomaren Welt, also etwa ab 1930, hat man bisher mehrere hundert solcher Elementarteilchen beobachtet, erzeugt und analysiert. Tatsächlich ist es ziemlich kompliziert, Elementarteilchen zu erzeugen und zu analysieren. Dies wird deutlich, wenn wir uns den Aufbau eines Teilchenexperiments vergegenwärtigen. Erzeugt werden diese Elementarteilchen in riesig großen Maschinen, den so genannten Teilchenbeschleunigern. In diesen Teilchenbeschleunigern werden bereits bekannte und gut handhabbare Teilchen (z. B. Elektronen oder Protonen) mit sehr hohen Energien erzeugt (‘beschleunigt’). Wenn ein Bündel solcher beschleunigter Teilchen auf ein zweites entgegenkommendes Bündel von Teilchen oder auf ein festes Hindernis auftrifft, dann kann bei extrem hohen Energien folgendes passieren: Die aneinander stoßenden Teilchen können kurzzeitig völlig in Energie zerstrahlen und aus dieser 3 Eine Halbwertszeit von 17 Minuten bedeutet, dass von beispielsweise 1.000 beobachteten Neutronen nach 17 Minuten die Hälfte von ihnen zerfallen und noch 500 vorhanden sind. Nach weiteren 17 Minuten sind nur noch 250 Neutronen vorhanden, nach weiteren 17 Minuten nur noch 125, usw.
Die Welt der Elementarteilchen
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Energie können neue Elementarteilchen entstehen. Diese Teilchen haben nur eine sehr kurze Lebensdauer und zerfallen, manchmal über mehrere Zwischenstufen, in bereits bekannte Teilchen. Dabei gibt es Elementarteilchen, die eine so kurze Lebensdauer besitzen, dass sie sich überhaupt nicht direkt messen lassen. Auf ihre Existenz sowie ihre typischen Eigenschaften kann nur indirekt anhand der bei ihrem Zerfall entstehenden Teilchen rückgeschlossen werden. Um die Elementarteilchen zu messen, müssen am Ort des Zusammenpralls bis zu mehrere Stockwerke große und gleichzeitig äußerst sensible Messgeräte, so genannte Detektoren, stehen, welche die einzelnen Ereignisse (events) aufzeichnen. Erst im Zusammenspiel von gelungener Konzeption und störungsfreiem Betrieb des Teilchenbeschleunigers, optimaler Kooperation von manchmal mehr als 200 Mitarbeitern eines Teams aus verschiedenen Instituten und Ländern, in Kenntnis entsprechender physikalischer Theorien und Computersimulationen, mit ökonomischer und experimenteller Erfahrung (z. B. bei der Auswahl von Material oder Lieferfirmen) und im sinnvollen Zusammenspiel von Detektoren, Auswahl und Bewertung der Darstellungsverfahren werden in der Teilchenphysik neue Elementarteilchen erzeugt und vermessen. Dabei kann es durchaus passieren, dass 100.000 Ereignisse aufgezeichnet werden müssen, um darunter sieben Ereignisse der gewünschten Art zu haben, d. h. die Messungen der Hochenergiephysiker/innen können durchaus mehrere Jahre dauern. Die bislang erzeugten und analysierten Elementarteilchen, mehrere Hundert an der Zahl, können in zwei Gruppen eingeteilt werden, die Leptonen und die Hadronen. Leptonen (wörtlich leichte Teilchen, dazu gehört z. B. das Elektron) sind nach heutigem Wissen tatsächlich elementar, d. h. nicht weiter zusammengesetzt. Sie reagieren auf die elektromagnetische Kraft, die wir aus dem Alltag der Makrowelt kennen, und auf die schwache Kraft, die für Zerfälle in den Atomkernen verantwortlich ist. Hadronen (d. h. starke Teilchen, dazu gehört z. B. das Proton) reagieren zusätzlich zu den beiden bereits genannten Kräften noch auf die starke Kraft, die in den Bausteinen der Atomkerne wirkt. Der Austausch dieser Kräfte wird ebenfalls als Austausch von speziellen Wechselwirkungsteilchen dargestellt. Das bekannteste dieser Wechselwirkungsteilchen ist das Teilchen für elektromagnetische Kräfte, das Photon. Auf die physikalische Beschreibung von Wechselwirkungsteilchen werde ich allerdings nicht weiter eingehen. Während es nur sehr wenige Arten von Leptonen gibt, ist die Anzahl der Hadronen sehr umfangreich. In
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Helene Götschel
den 1960er und 70er Jahren gelangten Physiker/innen zu der Überzeugung, dass sich die Vielzahl dieser Hadronen-Elementarteilchen sehr gut beschreiben lässt, wenn man sie sich aus noch kleineren Bausteinen zusammengesetzt vorstellt.4 Diese Bausteine nannten sie “Quarks”.5 Es zeigte sich, dass die Hadronen unterteilt werden konnten in Mesonen (wörtlich mittelschwere, also aus zwei Quarks zusammengesetzte Teilchen) und Baryonen (d. h. schwere, aus drei Quarks zusammengesetzte Teilchen). Damit war die Vielzahl mehrerer hundert Elementarteilchen zurückführbar auf wenige Leptonen und Quarks. Diese Vorstellung bezeichnet man als das Standardmodell der Elementarteilchenphysik (siehe Abb. 1).6
Abbildung 1:
Leptonen e ½ P ½ ¯ Qe ¿ ¯ QP ¿ Elektron Myon Elek.-Neutrino Myon-Neutrino
W ½ ¯ QW ¿ Tau Tau-Neutrino
Quarks u½ ¯d¿ up down
b½ ¯t ¿ beauty / bottom truth / top
s½ ¯c¿ strange charm
Das Standardmodell der Elementarteilchenphysik.
4 Widersprüchliche Bezeichnungen sind in der Physik durchaus gängig, da Bezeichnungen historisch gewachsen sind. So heißt das Atom “a-tomos”, unteilbares Teilchen, obwohl es heute geteilt werden kann, Leptonen heißen “leichte Teilchen”, obwohl man inzwischen auch sehr schwere Leptonen kennt und Elementarteilchen heißen so, obwohl sie heute nicht mehr als elementar, sondern als aus noch kleineren Bausteinen, den Quarks, zusammengesetzte Einheiten angesehen werden. 5 Die Bezeichnung Quarks setzte sich durch, weil der Roman Finnegans Walk von James Joyce bei einigen Hochenergiephysikern sehr beliebt war und es dort an einer Stelle heißt: “Three quarks for Muster Mark” (Pickering 1984). Auf die eigenartige Bezeichnung der Leptonen und Quarks werde ich in dem Abschnitt Geschlecht und Begehren in Sprache und Mythen näher eingehen. Ihre paarweise Anordnung thematisiere ich im folgenden Abschnitt. 6 Der Erfolg des Standardmodells ist seither konkurrenzlos. Jedoch weist es auch gravierende Mängel auf und gilt daher nicht als endgültige Lösung des Problems (Kane 2003).
Die Welt der Elementarteilchen
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Die ganze Welt ist nach dem Standardmodell der Elementarteilchenphysik aus sechs Leptonen und sechs Quarks zusammengesetzt. Zu diesen 12 elementaren Bausteinen gibt es noch die entsprechenden so genannten Antiteilchen. Hinter dieser Bezeichnung verbirgt sich nichts Geheimnisvolles, sondern ein Teilchen mit den nahezu identischen physikalischen Eigenschaften, aber der entgegengesetzten elektrischen Ladung. Bereits 1936 wurde in der kosmischen Strahlung das Positron entdeckt und als Antiteilchen des Elektrons identifiziert. Das spannende an den TeilchenAntiteilchen-Paaren ist für HochenergiephysikerInnen, dass sie immer paarweise aus viel Energie erzeugt und vollständig zu Energie “vernichtet” werden können, dass damit also viele spannende Umwandlungsprozesse experimentell erforscht werden können. Einzelne, ungebundene Quarks sind bislang noch nie beobachtet worden, obwohl in mehreren Experimenten intensiv versucht wurde, Hadronen in Einzelbausteine zu zertrümmern. Inzwischen gibt es auch eine komplexe physikalische Theorie, die dieses Nichtauftreten einzelner Quarks plausibel macht. Darauf werde ich aber nicht näher eingehen. In der Weiterentwicklung des Standardmodells suchen die Teilchenphysiker/innen und Astrophysiker/ innen heute nach einer vierten und weiteren Familien von Leptonen und Quarks, nach einer Erklärung für die physikalische Verschiedenheit von Leptonen und Quarks, nach der Vereinheitlichung aller bisher bekannten physikalischen Kräfte und nach einer Art letzten Weltformel, der Grand Unification Theory (GUT).7 2
Die Geschlechterverhältnisse der subatomaren Welt
Die Elementarteilchenphysik untersucht die unbelebte Natur im subatomaren Bereich. Weder ihre Untersuchungsobjekte, die Elementarteilchen, noch ihre mathematischen Formeln und Gesetze weisen Geschlechtervorstellungen auf. Daher scheint die Physik im Wissenschaftsverständnis der Physiker/innen weder im Sinne der SCIENCE OF GENDER Aussagen über Geschlechter zu treffen, noch scheinen im Sinne von GENDER IN SCIENCE gesellschaftliche Vorstellungen von Geschlecht in die mathematisch-physikalische Beschreibung der Welt einzufließen. Dabei wird zwar 7 Zur Vertiefung des Standardmodells der Teilchenphysik siehe das Lehrbuch der Hochenergiephysiker Johann Bienlein und Roland Wiesendanger (2003) oder die populärwissenschaftliche Einführung von Michael Barnett, Henry Mühry und Helen Quinn (2000).
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zugestanden, dass sich in der Sprache und in der Theorieentwicklung soziokulturelle Einflüsse zeigen können, diese werden jedoch in der physikalischen Logik lediglich als erste Gedankenanstöße und bedeutungslose Namen physikalischer Fakten angesehen. Erst ein transdisziplinärer Blickwechsel ermöglicht hier einen fruchtbringenden Erkenntnisgewinn.8 Inzwischen haben sich eine Reihe von Wissenschaftler/innen aus Physik, Philosophie, Cultural Studies, Wissenschaftsforschung, Kommunikationswissenschaft und ähnlichen Disziplinen aus einer Geschlechterperspektive mit den Theorien, Objekten, Organisationsstrukturen und Popularisierungen dieses physikalischen Feldes auseinander gesetzt. Die Chemikerin und Erziehungswissenschaftlerin Dorit Heinsohn konnte auf der Ebene SCIENCE OF GENDER aufzeigen, wie im DISKURS über das Frauenstudium um 1900 physikalisches, genauer gesagt thermodynamisches Wissen benutzt wurde, um gegen die akademische Berufstätigkeit von Frauen zu argumentieren (Heinsohn 2005).9 Nach Ansicht der Physikerin und Soziologin Petra Lucht muss sich eine feministische Naturwissenschaftskritik für die Physik auf kulturelle Assoziationen von Geschlecht berufen, um GENDER IN SCIENCE analysierbar zu machen (Lucht 1997). Auf das Standardmodell der Elementarteilchenphysik bezogen, hieße dies, zu fragen, warum die komplexe Fülle von mehreren Hundert Elementarteilchen geordnet wird durch ein Modell, in dem es jeweils drei so genannte Generationen10 oder Familien von Leptonen und Quarks gibt, welche jeweils paarweise angeordnet werden. Aus Sicht der QUEER THEORY ist auffällig, dass heteronormative Vorstellungen von Paar und Familie als Grundlage einer Ordnung postuliert wurden, für die zu einem späteren Zeitpunkt tatsächlich physikalische Begründungen gefunden werden konnten.11 Anders herum gewendet treffen Physiker/innen durch die Auswahl genau dieses Modells im Sinne einer SCIENCE OF GENDER auf sehr subtile Weise Aussagen über die Natürlichkeit und Normalität von Zweigeschlechtlichkeit und heterosexuellem Begehren. 8 Wie gesellschaftliche Verhältnisse und damit Geschlechterverhältnisse in die Sprache und Vorstellungswelt der Physik eingeschrieben sind und wie diese Forschungsprojekte und Theorieentwicklungen fördern oder hindern können, ist Gegenstand in den Abschnitten zu Forschungsgeldern, dem Schlüssel zum Universum und zur Sprache. 9 Siehe auch den Beitrag “Geschlechterforschung in der Chemie” von Ines Weller in Teil I. 10 Der Begriff Generationen ist insofern irreführend, da er einen durch Fortpflanzung hergestellten Zusammenhang suggeriert, obwohl die drei bislang bekannten Generationen nicht linear-kausal auseinander hervorgehen. 11 Zu den Begriffen QUEER THEORY und HETERONORMATIVITÄT siehe den Beitrag “De/Konstruktion von Geschlecht und Sexualität” von Smilla Ebeling in Teil II.
Die Welt der Elementarteilchen
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Die Frauen- und Geschlechterforschung in der Physik beschäftigt sich mit den traditionell männlich geprägten Wissenschafts- und Hochschulstrukturen, dem geringen Frauenanteil an Studierenden, Lehrenden und Forschenden in dieser Disziplin sowie mit der vermeintlichen Gesellschafts- und Geschlechtsneutralität von Theorien, Forschungsergebnissen und deren Produktions- und Vermittlungsformen. Voraussetzung dafür ist die Einsicht, dass Physik ebenso wie jede andere Wissenschaft eine soziale Aktivität ist, die auf unterschiedlichen Ebenen von gesellschaftlichen Verhältnissen beeinflusst wurde und wird. Um dies zu erkennen, muss Physik folglich in ihrem historischen und sozialen Kontext betrachtet werden. Dies ist jedoch problematisch, da die kritische Reflexion des physikalischen Wissens und seiner Entstehungsbedingungen nicht als Aufgabengebiet der Physik angesehen wird und nicht mit physikalischen Methoden erforschbar ist. Solche transdisziplinären Fragestellungen werden in der Physik überhaupt nicht bearbeitet, da sie im wissenschaftlichen Selbstverständnis keinen fachbezogenen Sinn ergeben (Ebeling & Götschel 2000; Rübsamen 1993). Entsprechend haben sich bislang in der Physik noch nicht einmal ansatzweise frauen- und geschlechterspezifische Inhalte etabliert. Erschwerend kommt hinzu, dass Geschlechterforschung bislang zumeist von Frauen betrieben wurde und der Frauenanteil in der Physik in Deutschland unter den Studierenden durchschnittlich nur bei 10 - 15 % und unter den Professorinnen bei lediglich 3 - 5 % liegt. Immerhin wird in der vor kurzem erschienenen Denkschrift der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG) herausgestellt, dass Physik ein Teil unserer Kultur sei, und im Fachorgan dieser Gesellschaft wird über eine Imagekampagne für die Physik diskutiert (DPG 2001, Kessels 2002). Jedoch scheinen eher ökonomische Überlegungen diese Entwicklung zu forcieren als die Absicht, die Physikkultur für Frauen attraktiver zu gestalten. Erst mit einer transdisziplinären Sichtweise auf die Physik können Geschlechterverhältnisse in der subatomaren Welt sichtbar gemacht werden. Dies werde ich im Folgenden mit Bezug zur Elementarteilchenphysik an den sechs verschiedenen Themenkreisen der Arbeitswelt, der Genealogie, der Sozialisation, der Hierarchisierung, der Religiosität und der Sprache aufzeigen.
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2.1 Geschlechterungleichheit in der Arbeitswelt Frauen waren und sind an der Entwicklung der Elementarteilchenphysik beteiligt. Momentan gehören weltweit etwa 13.000 Menschen zur Hochenergiephysik-Community. Rund die Hälfte von ihnen arbeitet an einem der beiden europäischen Forschungszentren Centre Européenne pour la Recherche Nucléaire (CERN) in Genf und Deutsches Elektronen Synchrotron (DESY) in Hamburg. Aktuell beträgt der Frauenanteil unter den Forschenden am CERN 18 %. Genau so hoch ist auch der Anteil der französischen Physikerinnen in dieser Forschungseinrichtung, während die Italienerinnen mit 20 % überdurchschnittlich vertreten sind. Deutschland schneidet mit knapp 15 % (95 von 644) etwas schlechter ab. Obwohl weltweit etwa 2.400 Frauen in diesem Forschungsfeld tätig sind, wurden anders als in der Kernphysik hier meines Wissens bislang keine Kräfte, Teilchen oder Gesetze nach Frauen benannt. Berufssoziologische Studien zur HEP-Community mit Berücksichtigung der Genderperspektive liegen für Europa nicht vor. Es gibt jedoch mehrere Aufsätze, in denen Physikerinnen die Situation von Frauen in der Teilchenphysik oder in der Physik allgemein für einzelne Länder beschreiben. Bereits 1980 erschien der Report on Women in Scientific Careers at CERN der Theoretischen Teilchenphysikerin Mary K. Gaillard. Sie befragte aus persönlichem Interesse damals alle 140 am CERN tätigen Wissenschaftlerinnen zu ihrer Situation in der Forschungseinrichtung.12 50 Frauen waren als Ingenieurinnen, Maschinenphysikerinnen, Medizinphysikerinnen, Informatikerinnen und Astronominnen tätig und hatten 950 männliche Kollegen. Unter den 1.500 in der Elementarteilchenphysik tätigen Personen befanden sich 90 Frauen. Bei der Untersuchung zeigte sich zum Beispiel, dass knapp ein Viertel aller Befragten schon einmal Diskriminierungen am CERN erlebt hatten, z. B. dass sie im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen unbezahlt arbeiteten, in ihren Karrieren nicht gefördert wurden oder subtile Angriffe auf ihr Selbstbewusstsein überstehen mussten. 35 % der Wissenschaftlerinnen erhielten auf ihre Bewerbung auf eine bezahlte Stelle eine Absage, zum Teil mit der Begründung, dass ja bereits ihre Partner am CERN tätig wären oder dass sie 12 Zu Methoden der Befragung und zu statistischen Erhebungen siehe vertiefend den Beitrag “Methodenauswahl der geschlechterperspektivischen Naturwissenschaftsanalyse” von Smilla Ebeling, Jennifer Jäckel, Ruth Meßmer, Katrin Nikoleyczik und Sigrid Schmitz in Teil II.
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bereits zu lange in einer unbezahlten Position gearbeitet hätten. Diese Bedeutung der statistischen Angaben veranschaulicht Gaillard durch längere Zitate aus den Fragenbogen. Eine der Physikerinnen führte dort ihre Erfahrungen mit geschlechtspezifischer Diskriminierung aus mit den Worten: “My work is seldom considered by male physicists as being serious. At least that is the impression I get when I have the opportunity to discuss it. Nevertheless, they talk about it, they request reprints, and they use my results. However, they rarely want to work with me, so it is extremely difficult for me to have contacts, discussions, or help at a scientific level from male physicist, and I am quite isolated. Male physicists with whom I share an office often try to have me do thinks which are usually done by a private secretary. I wonder if they ask the same of their male colleagues. (...) I feel more and more tired trying to overcome everyday difficulties which are not connected to physics.” (Gaillard 1980: 21)
In den vergangenen 25 Jahren hat sich einiges verändert. Auf internationaler Ebene hat die International Union of Pure and Applied Physics, IUPAP, die Konferenz Women in Physics ins Leben gerufen und eine Resolution für eine gerechte Beteiligung von Physikerinnen erarbeitet.13 In Italien wurde kürzlich, angestoßen durch die GENDER MAINSTREAMING14 Vorgaben der Europäischen Union, eine Studie zu Frauen in der außeruniversitären Grundlagenforschung zu Kernphysik und Elementarteilchenphysik durchgeführt. Der Frauenanteil beträgt dort, Verwaltungspersonal nicht mitgerechnet, 12 % und bei Führungskräften 0 %. Am Instituto Nazionale di Fisica Nucleare wurde ein Gleichstellungskomitee eingerichtet, welches die Entwicklung künftig begleitet. Es wird insbesondere auf nach Geschlechtern ausgewiesene Statistiken geachtet, um “ein besseres Verständnis der Komplexität der direkten, indirekten und institutionellen Diskriminierung” zu erhalten (Alba 2003). Entsprechende Daten für die subatomare Physik in Deutschland liegen nicht vor. Immerhin hat sich die Zahl der Physikerinnen allgemein an deutschen Forschungseinrichtungen auf inzwischen 10 % erhöht. Engagierte Physikerinnen haben sich innerhalb der Deutschen Physikalischen Gesellschaft im Arbeitskreis Chancengleichheit zusammengeschlossen und eine Un-
13 Auf der Website von IUPAP gibt es weitere Informationen zur ‘Working Group 5: Women in Physics’. http://www.iupap.org/wg/ (Letzter Zugriff: 10.06.2005). 14 Zum GENDER MAINSTREAMING siehe “Geschlechterforschung und Naturwissenschaften” von Sigrid Schmitz und Smilla Ebeling.
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tersuchung zur Situation von Frauen in der Physik initiiert.15 Der europäische Vergleich zeigt jedoch, dass Deutschland nach wie vor in Punkto Gleichberechtigung weit hinten liegt. So beträgt der Anteil an Physikprofessorinnen in Deutschland 3 %, in Portugal dagegen 26 % (BessenrodtWeberpals 2003).16 2.2 Männliche Genealogien und lineare Geschichten In der Physik gibt es kaum weibliche Vorbilder. Dabei war die erste Professorin Europas, die Italienerin Laura Bassi, als Physikerin tätig (Ceranski 1996) und die erste Person, der zwei Nobelpreise verliehen wurden, war die polnisch-französische Physikerin Marie Sklodowska Curie17. Die erste reguläre Promotion der deutschen Studentin Elsa Neumann fand ebenfalls im Fach in Physik statt (Vogt 1999). Anfang des 20. Jahrhundert zählte das Physikstudium in Deutschland, wie überhaupt das Studium der Naturwissenschaften an der philosophischen Fakultät zu den beliebtesten Studienfächern der Studentinnen, da die Professionalisierung des höheren Mädchenschulwesens in naturwissenschaftlichen Fächern gute Berufsaussichten für akademisch gebildete Frauen eröffnete. Erst in Folge der Weltwirtschaftskrise und insbesondere in der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur kam es zu gravierenden Einschnitten, die zum Teil bis heute anhalten (Costas 2001, Sandner 1999). Physik gilt als männliche Disziplin und ihre Helden sind Männer. Diesen Punkt möchte ich nun anhand von zwei Studien veranschaulichen, die sich zwar nicht explizit auf die Hochenergiephysik beziehen, deren Ergebnisse jedoch in diesen Bereich übertragen werden können. Lucht untersuchte, wie Geschlechterverhältnisse in die Geschichts15 Für die zahlreichen Aktivitäten des AKC siehe dessen Homepage http://www. physikerin.de/ (Letzter Zugriff: 10.08.2004). 16 Zu entsprechenden statistischen Erhebungen der Frauenanteile in der Mathematik und Chemie siehe die Beiträge “Professorinnen in der Mathematik” von Kristina Hackmann in Teil I und “Geschlechterforschung in der Chemie” von Ines Weller in Teil I. 17 Marie Sklodowska Curie erhielt 1903 gemeinsam mit Pierre Curie und Antoine Henri Bequerel den Nobelpreis für Physik (Erforschung des Phänomens der Radioaktivität) und acht Jahre später ungeteilt den Nobelpreis für Chemie (Erforschung der chemischen Elemente Radium und Polonium), siehe z. B. die Biographie von Peter Ksoll und Fritz Vögtle (2000); zur historischen Biographieforschung siehe den Beitrag “Methodenauswahl der geschlechterperspektivischen Naturwissenschaftsanalyse” von Smilla Ebeling, Jennifer Jäckel, Ruth Meßmer, Katrin Nikoleyczik und Sigrid Schmitz in Teil II.
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konzeption der Physik als kulturelles Erbe eingeschrieben werden. Sie führte Gespräche mit Physikdoktoranden und -doktorandinnen an einer US-amerikanischen Eliteuniversität und beobachtete, dass immer wieder historische Bezüge eingeflossen seien, z. B. setzten die Doktoranden ihre Forschungsgebiete und Forschungsprojekte in Bezug zu ‘berühmten Physikern’ und deren Forschungen. Sie erklärten die Etablierung des eigenen Forschungsgebietes durch die Genialität eines Nobelpreisträgers oder identifizieren ‘berühmte Physiker’ mit physikalischen Phänomenen oder mathematischen Formeln. Lucht fiel auf, dass in diesen Aussagen ein Verständnis von Physikgeschichte manifestiert werde, in welchem Physik sich weiterentwickele durch aufeinander aufbauende Erkenntnisse einzelner herausragender Physiker, deren Personen und Namen mit mathematischen Formeln, physikalischen Phänomenen und den Jahren ihrer Entdeckung in einen Zusammenhang gestellt würden. Diese Zuordnungen von Entdeckungen und Konzepten zu ganz bestimmten Personen bzw. Physikern seien in den Erzählungen der Doktoranden über die Geschichte ihres Forschungsgebietes eindeutig. Jüngere Entwicklungen in diesen Gebieten dagegen würden nicht bekannten Physikern zugeordnet, sondern hier sprächen die Nachwuchswissenschaftler/innen von den daran forschenden Physiker/innen in anonymerer Form (Lucht 2001). Eine ähnliche Begeisterung für die ‘großen Physiker’ und ihre ‘großen Ideen’ fand Lucht bei den interviewten Physikdoktorandinnen jedoch nicht. Sie formulierte die These, dass sich männliche Graduierte in patriarchalischer Nachfolge zu großen Physikern empfinden würden, weibliche Graduierte sich dagegen von der patriarchalen Geschichte ausgeschlossen fühlen könnten. “David”, einer der interviewten Doktoranden, bezeichnete sich sogar explizit als “Ahne” und als “erbberechtigt”, die Nachfolge der “großen Physiker” anzutreten. Hier wird nach Ansicht von Lucht explizit formuliert, “was häufig unausgesprochen bleibt: Das kulturelle Erbe ist immer noch ein männliches” (Lucht 2001: 194). Lucht fasste ihre Beobachtungen zusammen mit den Worten: “Als ein grundlegendes Muster betrachte ich darüber hinaus das von David explizit artikulierte und empfundene Erbrecht. Er lokalisiert sich als Physikdoktorand in einem Beziehungsgefüge, das ähnliche Merkmale trägt wie Verwandtschaftsbeziehungen. Männliches Erbrecht genießt hier den Status des Nicht-Hinterfragten, während weibliche Nachfolge in der Kulturgeschichte der Physik so gut wie nicht existent ist. Für Frauen führt die Konfrontation mit dieser männlich konstruierten Ahnengalerie in der Konsequenz möglicherweise zu einer Abgrenzung von der Geschichte ihrer Disziplin und damit zu einem Erbverzicht.” (Lucht 2001: 196).
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In der Teilchenphysik, in der bislang weder Teilchen, noch Gesetze nach Frauen benannt wurden, stehen Physiker/innen einem ausschließlich männlichen Erbe gegenüber.18 Die Physikerin und Wissenschaftsforscherin Martina Erlemann analysierte Linearisierungen der Geschichte im Wissenschaftsverständnis der Physik, die in einer Physikvorlesung an einer österreichischen Hochschule vermittelt wurden. Physik werde dabei als linearer Verlauf einer Suche nach der objektiven Erkenntnis präsentiert. Es herrsche die Einstellung vor, dass sich erfolgreiche Forschungsleistungen zeitlich aneinander reihen ließen, ohne von Fehlschlägen, Mehrdeutigkeiten oder Sackgassen unterbrochen zu sein. Zeitgleich werde der Erkenntnisfortschritt so präsentiert, als ob ‘Lehrer’ gewisse ‘Lücken’ im Wissen übrig ließen, welche dann von ihren ‘großartigen Schülern’ geschlossen werden könnten. Damit werde die Lehrer-Schüler-Beziehung, die explizit in dieser männlichen Form formuliert werde, in ihrer Bedeutung für den Erkenntnisgewinn idealisiert. Zugleich schließe diese Vorstellung aus, dass sich der Fortgang der Naturwissenschaft ganz anders hätte entwickeln können. In der Wissenschaftsgeschichte würden dagegen inzwischen wesentlich komplexere Konzepte von Wissenschaftsentwicklung diskutiert. Diese komplexen Erklärungsmuster, in denen z. B. das Lehrer-SchülerVerhältnis nicht an exponierter Stelle stehe, fänden bislang jedoch noch keinen Eingang in die Geschichten, welche Physiker/innen im wissenschaftlichen Alltag, im physikalischen Unterricht oder in populären Darstellungen über ihre Wissenschaft erzählen (Erlemann 2001). 2.3 Eine Pilgerreise durch die Physik Die Anthropologin Sharon Traweek begleitete fünf Jahre lang Hochenergiephysiker/innen an Forschungszentren in Japan (Tsukuba) und den USA (San Francisco und Chicago) und erforschte deren Sicht auf ihr Forschungsfeld. Für den Sozialisationsprozess, den sie ironisch als “Pilgerreise” (pilgrim’s progress) bezeichnet, macht sie fünf Karrierestationen aus, die ein Novize durchlaufen müsse. Sie reichten vom Physikstudium über die Zeit der Doktorarbeit und die Postdoc-Phase bis zur Position eines Leiters einer Forschungsgruppe und schließlich einer Forschungs18 Zur Bedeutung von Vorbildern in der wissenschaftlichen Laufbahn siehe auch den Beitrag “Professorinnen in der Mathematik” von Christina Hackmann in Teil I.
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institution. An jeder Station würden moralische Geschichten erzählt, die von Zeit, Ängsten, Erfolg und Misserfolg handeln und die Traweek als männliche Geschichten entlarvt. Die Station der Anfertigung der Doktorarbeit (graduate school) beschreibt sie als eine Zeit, in der sich die angehenden Physiker/innen in ihrem Teilgebiet so viel Wissen wie möglich aneignen müssten. Gleichzeitig lernten sie ein Gefühl für Physik zu entwickeln und tatsächliche Ereignisse von Messfehlern zu unterscheiden. Man erwarte von ihnen, dass sie “should do what they are told, work hard, and not ask questions” (Traweek 1988: 83). Jungen Physikern wurde in dieser Zeit nahegelegt, Partnerinnen zu wählen, die ein Verständnis für die Wichtigkeit der Forschungstätigkeit und die familienunfreundlichen Arbeitszeiten aufbringen könnten. Affairen dagegen wurden als “unworthy distraction of vital energies” (Traweek 1988: 84) verurteilt. Aus diesen Kommentaren lernten die jungen Physiker schnell, dass ein erfolgreicher Physiker ein verheirateter Physiker sei. Hochenergiephysikerinnen dagegen waren auffallend häufig mit erfolgreichen Physikern verheiratet. Allerdings stand bei fast allen Physikerpaaren, die Traweek kennen lernte, die Karriere des Mannes im Vordergrund (Traweek 1988). Weiterhin arbeitete Traweek heraus, dass Unabhängigkeit, Erfahrung, Wettkampftauglichkeit und persönliche Siege zu den zentralen Tugenden westlicher Teilchenphysiker/innen gezählt wurden. Diese Tugenden würden in der westlichen Kultur jedoch eindeutig mit Vorstellungen von Männlichkeit assoziiert. In Japan dagegen würden genau diese Eigenschaften den berufstätigen Frauen zugeschrieben. Dies nütze ihnen aber für ihre eigenen Karrieren nichts, denn dies seien nicht die Qualitäten, die Menschen in Führungspositionen besitzen sollten. In der japanischen Gesellschaft gelten vielmehr wechselseitige Abhängigkeit, Teamwork, Kameradschaft und Hingabe als die zentralen Tugenden des Erfolges. Dies seien in Japan männlich konnotierte Eigenschaften.19 Erfolgstugenden, wie auch immer sie in den Kulturen im Einzelnen ausgewiesen sein mögen, seien also untrennbar mit der Vorstellung von Männlichkeit assoziiert. Genderaspekte zögen sich signifikant durch alle Bereiche von Macht und Tradition in der wissenschaftlichen Forschung, durch die Arbeitsteilung im Labor, durch wissenschaftliche Debatten, Entscheidungsprozesse und Führungsstile (Traweek 1988).
19 Zu geschlechtsspezifischen Fähigkeitszuschreibungen siehe den Beitrag “Tierisch menschlich” von Smilla Ebeling, Sigrid Schmitz und Robin Bauer in Teil II.
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2.4 Forschungsgelder, Hierarchien und Gender Die Kategorie Geschlecht spielt bei der Verteilung von Forschungsgeldern ebenfalls eine Rolle. Dies kann daher rühren, dass Frauen unterproportional in den Gremien vertreten sind, die Forschungsgelder verteilen (Alba 2003). Es liegt aber auch daran, dass Männer und Frauen bei gleicher fachlicher Kompetenz, gemessen an der Qualität und Anzahl ihrer wissenschaftlichen Veröffentlichungen, sehr ungleich bewertet werden, wie eine schwedische Studie zur Forschungsfinanzierung eindeutig belegt (Wenneras & Wold 2000). Doch auch auf einer noch subtileren Ebene spielen gesellschaftlich konnotierte Geschlechterdualismen beim Kampf um Forschungsgelder eine Rolle. In der Hochenergiephysik handelt es sich mit den großen, sehr viel Energie verbrauchenden Experimenten mit mehreren hundert Wissenschaftler/innen und weiterem Verwaltungsund Servicepersonal um enorm große Summen. Beispielsweise kostet der Betrieb des Großforschungszentrums DESY in Hamburg 145 Millionen Euro jährlich.20 In den USA wurde in den 1980er Jahren mit dem Bau einer neuen, noch wesentlich größeren und teureren Forschungsanlage, dem Superconducting Super Collider (SSC) in Texas begonnen. Ziel war es vor allem, das Higgs-Teilchen zu finden, dessen Existenz Theorien zum Standardmodell bestätigen würde. Jedoch stoppte der USamerikanische Congress 1993 aus finanziellen Gründen das Projekt, nachdem bereits 22 km der 85 km Tunnel gegraben, 2 Milliarden Dollar der geschätzten 10 Milliarden Dollar Baukosten verbaut worden und 2.000 Menschen mit ihren Familien in die texanische Wüste gezogen waren. Im Zusammenhang mit der Entscheidung zur Aufgabe des Mammutprojekts und der Streichung der Forschungsgelder für die Elementarteilchenphysiker kam es in den US-amerikanischen Medien zu einer Auseinandersetzung darüber, welche physikalische Forschung aus welchen Gründen wichtig für die Menschheit sei und daher vom Staat finanziert werden müsse. Die theoretische Astrophysikerin und Frauenforscherin Barbara Whitten untersuchte in der Fachzeitschrift Physics Today die knapp zehn-
20 Der Physikhistoriker Andrew Pickering machte in seiner Arbeit Constructing Quarks auf folgenden Punkt aufmerksam: “This is a field in which only the rich can compete. The history of experimental high energy physics has accordingly been dominated by the United States and Europe.” (Pickering 1984: 21).
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jährige Debatte über den SSC aus einer feministischen Perspektive.21 Zentral in der Argumentation der Befürworter wie der Gegner des SSC war die rhetorische Beschreibung des eigenen Fachgebietes als “fundamental”. Während die Elementarteilchenphysiker, allen voran die Nobelpreisträger Sheldon Glashow und Leon Lederman, nicht abstritten, dass auch in anderen Gebieten der Physik nützliche Erkenntnisse gewonnen würden, wiesen sie ausdrücklich darauf hin, “high-enegy physics is more ‘fundamental’ and represents ‘an immense challenge’ to the human intellect” (Whitten 1996: 6). Dieser Meinung stellt Whitten die Sicht von Physikern aus den Bereichen der Angewandten Physik und der Festkörperphysik gegenüber. Der Elektroniker John Waymouth und der Materialforscher Rustum Roy forderten in Physics Today, gemeinsam zu überlegen, welche Bedürfnisse die Physik zukünftig erfüllen sollte. Ihrer Ansicht nach sollte es nicht die Motivation von PhysikerInnen sein, “to understand the secrets of the universe but the humanitarian desire to solve the problems of human society.” (Whitten 1996: 7). Aus dieser Sicht ist die Angewandte Physik eine fundamentale Wissenschaft, die Elementarteilchenphysik dagegen sollte ihrer Meinung nach zukünftig eher den Status einer Kunst-(art) haben, ähnlich wie Philosophie oder Ballet. Die Festkörperphysiker Pedro Echenique und Philip Anderson, letzterer ebenfalls Nobelpreisträger, kritisierten vor allem die reduktionistische Sicht der Elementarteilchenphysiker. Wenn fundamental bedeute, wir wüssten nicht was wir täten und wohin uns das führte, so wäre dies ein Kriterium, das auf jeden Bereich der Naturwissenschaften zuträfe, argumentierte Echenique in einem Brief an die Zeitschrift Physics Today. Andererseits wären fundamentale Ergebnisse, welche in der Elementarteilchenphysik herausgearbeitet würden, noch lange nicht übertragbar auf die sehr realen Probleme anderer Gebiete der Naturwissenschaft und schon gar nicht auf die Probleme der Gesellschaft, die genauso dringend gelöst werden müssten. Whitten kritisiert bei allen drei Autorengruppen, dass diese die hierarchische Ordnung der physikalischen Teilgebiete akzeptierten. Entweder würden die Autoren die traditionelle Hierarchie verteidigen oder sie würden sich für neue Hierarchien einsetzen. Es komme ihnen jedoch nicht in den Sinn, anders über Physik nachzudenken (Whitten 1996). 21 Zur Methode der Inhaltsanalyse siehe den Beitrag “Methodenauswahl der geschlechterperspektivischen Naturwissenschaftsanalyse” von Smilla Ebeling, Jennifer Jäckel, Ruth Meßmer, Katrin Nikoleyczik und Sigrid Schmitz in Teil II.
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Bereits Anfang der achtziger Jahre hatte die Physikerin Rosemarie Rübsamen auf die hierarchische Anordnung der Naturwissenschaften allgemein, die hierarchische Strukturierung der physikalischen Theorien und die hierarchische Auffassung vom Aufbau der Materie hingewiesen. Ihrer Ansicht nach zeige dies deutlich, dass sich zentrale gesellschaftliche Strukturen auf verschiedenen Ebenen der Physik widerspiegelten, und zwar solche Strukturen, welche entscheidend für die Ausübung der Herrschaft des Patriarchats seien (Rübsamen 1983). Whitten entwarf ein neues Modell der physikalischen Subdisziplinen. Ihr Netzmodell (web model) skizziert die vielfältigen Wechselwirkungen und Beeinflussungen der einzelnen Teilgebiete. Das Modell ist nicht hierarchisch, sondern beschreibt die Beziehungen der physikalischen Subdisziplinen auf komplexe und interaktive Weise. Damit entspräche es nach Ansicht von Whitten eher der Realität als das hierarchische Modell. Zugleich bezeichnet die Autorin ihr Netzmodell als feministisch und bringt damit – ähnlich wie Rübsamen – zum Ausdruck, dass hierarchische Verhältnisse der Rangordnung, der Abstufung sowie der Über- und Unterordnung in der westlichen Kultur männlich konnotiert sind und mit geschlechtergerechten oder demokratischen Prinzipien kaum vereinbart werden können (Whitten 1996).22 Neben Nepotismus (Vetternwirtschaft) sind es häufig gerade die Strategien des Wettkampfes, der Durchsetzung von persönlichen Interessen und der Präsentation linearer oder reduzierter Argumentationen, welche dabei behilflich sind, Forschungsgelder für naturwissenschaftliche Vorhaben einzuwerben. Die Summe der eingeworbenen Forschungsgelder wiederum ist ein Maß für den eigenen Status innerhalb der hierarchischen Ordnung der Wissenschaft. Doch nicht nur die Verteilung der Forschungsgelder, sondern sowohl die Forschungsrichtungen, die eingeschlagen und verwirklicht werden können (Boehme 2000) als auch die Fragen, die an einen Gegenstand gestellt werden dürfen, können von gesellschaftlichen Geschlechterrollen geprägt sein. Darauf werde ich im folgenden Abschnitt näher eingehen.
22 Zu hierarchischen versus Netzwerkmodellen siehe den Beitrag “Entweder – Oder?” von Sigrid Schmitz in Teil II.
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2.5 Der religiöse Schlüssel zum Universum Die Teilchenphysik genießt in der Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit. Dies verdankt sie auf der einen Seite den Physiker/innen, die ihre horrend teueren Experimente populärwissenschaftlich verkaufen müssen, auf der anderen Seite den Laien, die fasziniert sind von der Nähe zu quasireligiösen Fragen bzw. von spekulativen Aussagen der theoretischen Astrophysik über den ‘Blick ins innere der Materie’23 oder den ‘Schlüssel zum Universum’ (vgl. Karamanolis 1991, Lederman & Schramm 1990). Die australische Physikerin und Wissenschaftsjournalistin Margaret Wertheim stellt bei ihrer Analyse der Physikgeschichte durch die Jahrhunderte eine generelle Nähe zwischen Physik und Religion fest. Dies verdeutlicht sie u. a. am Beispiel der Suche der Teilchenphysiker nach der vereinheitlichten Theorie der Kräfte, welche nach Ansicht von Wertheim eine wissenschaftliche Variante der Schöpfungsgeschichte erzählt: “‘Im Anfang’ so lautet die Geschichte, wurde das Universum in einen Zustand vollkommener Einheit geschaffen. Nichts existierte außer der ungebrochenen Ganzheit der Urkraft: keine Materie, keine Teilchen, keine Schwerkraft, kein Elektromagnetismus und keine Kernkräfte. Doch diese Vollkommenheit herrschte nur für den Bruchteil eines Augenblicks, denn durch die gewaltige Explosion der Schöpfung dehnte sich das neugeborene Universum fortwährend aus, bis es sich abkühlte und damit die ursprüngliche Einheit zerstörte. Die Urkraft entzweite sich (...). Energie verdichtete sich zu Materie. Als das Universum sich noch weiter abkühlte, fügten sich die Teilchen zu einfachen Wasserstoff- und Heliumatomen zusammen, die allmählich riesige Wolken bildeten. Im Laufe der Äonen verdichteten sich diese Wolken zu Galaxien, Sternen und Planeten. Auf diese Weise entstand das Universum.” (Wertheim 2000: 293).
Jedenfalls nach Ansicht der Teilchenphysik. Wertheim erkennt darin die jüdisch-christliche Geschichte der Vertreibung aus dem Paradies, dem Verlust der ursprünglichen Vollkommenheit und die Sehnsucht nach dem mathematischen Garten Eden. Diese Parallelen seien nach Ansicht Wertheims nicht zufällig, da Physik nicht im außerwissenschaftlichen Vakuum betrieben werde und die Visionen der Physiker von kulturellen Traditionen geprägt seien. Interessant sei die Frage, warum Physiker gerade von dieser Vision so fasziniert seien und inbrünstig an einen Anfangszustand undifferenzierter Einheit sowie an eine einzige allmächtige quasi monotheistische verursachende Kraft glaubten. Diese Vorstellung 23 Vgl. die analoge Argumentationsstruktur zum ‘Blick ins Gehirn’ im Beitrag “Frauen und Männegehirne” von Sigrid Schmitz in Teil I, wenn es um die Wirkmacht der Neurowissenschaften geht.
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liege ja keinesfalls auf der Hand, da die Physiker/innen ja tatsächlich eine verwirrende Vielfalt an subatomaren Teilchen finden würden (Wertheim 2000). Dennoch bringen viele Physiker, die an der Vereinheitlichung der Theorie der Elementarteilchen arbeiten, diese immer offener mit Gott in Verbindung. Als Beispiel führt Wertheim den bekannten britischen Theoretiker Stephen Hawkins an. Er präsentiert in seinem Bestseller Eine kurze Geschichte der Zeit das Unternehmen Physik mit einem religiösen Unterton und spricht davon, dass wir am Ende der vereinheitlichten Theorie das “Bewusstsein Gottes” sehen würden. Whitten stellte bei der Analyse der Debatte zum Superconducting Super Collider ebenfalls fest, dass die Elementarteilchenphysiker mit Inbrunst “our sacred duty to know the universe’s deepest secrets” einforderten (Wertheim 2000: 6). Dem Higgs-Teilchen, das mit Hilfe des SSC aufgespürt werden sollte, kommt im Standardmodell der Teilchenphysik eine Schlüsselrolle bei der Vereinigung von elektromagnetischer, schwacher und starker Kraft zu. Es ist im Modell für die Masse der Elementarteilchen verantwortlich und die Physik-Community sucht seit 40 Jahren nach diesem Teilchen. Es wird auch als “the God Particle”, “God’s Particle” oder “Gottesteilchen” bezeichnet. Diese Bezeichnung geht zurück auf den gleichnamigen Titel eines Buches des Physikers Leon Lederman und des Wissenschaftsjournalisten Dick Teresi. Auf den Websites eines Schweizer Astronomieclubs ist bei der Beschreibung des Higgs-Teilchens sogar von einem allgegenwärtigen und allmächtigen Teilchen die Rede.24 Der Physiker Leon Lederman, mit dessen Texten sich Whitten kritisch auseinander setzt, schrieb mit journalistischer Unterstützung das Buch The God Particle, mit dem er das Ziel verfolgte, zu erklären warum der SSC doch gebaut werden müsse. Er verfasste es im Stil eines ‘sehr neuen Testaments’, in dem es u. a. heißt: “Und der Herr seufzte und sagte, Voran, gehen wir hin und geben ihnen das Gottesteilchen, worauf sie sehen mögen, wie schön das Universum ist, das ich geschaffen habe” (Wertheim 2000: 299). Der Hochenergiephysiker Robert Wilson wiederum verglich Beschleuniger mit Kathedralen, da beide aus Glaubensgründen unter großen finanziellen Belastungen gebaut würden. Er zog die Parallele sogar noch weiter: Beschleuniger und Kathedralen böten beide geistige Erhebung, Transzendenz und Offenbarung im Gebet (Wertheim 2000).
24 http://www.astroclub-solaris.ch/Periodika/Einzelseiten/aelter/0009_Gott_Teilchen.html (Letzter Zugriff: 10.08.2004).
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Ob die Physiker, und es scheinen tatsächlich nur Männer zu sein, dabei eine raffinierte PR-Strategie verfolgten oder tatsächlich diese religiösen Gefühle empfanden, bleibt nach Ansicht von Wertheim völlig unklar. Allerdings liegt diesen Unternehmen die Annahme zugrunde, Physiker besäßen die Autorität, über Gott zu reden und die Öffentlichkeit werde sie in dieser Rolle der Hohepriester anerkennen. Dieser religiöse Rahmen hindere Frauen jedoch an einer gleichberechtigten Teilhabe an der physikalischen Forschung. Wie in einer sehr orthodoxen Gemeinschaft blieben sie vom Priesteramt für den männlichen Gott ausgeschlossen. Diese Vorstellung einer männlichen Gemeinschaft der Eingeweihten, welche einem männlichen Ziel dienten, wirkt auch unausgesprochen im Wissenschaftsalltag und schreibt sich in den Habitus der Physiker/innen ein. Zumindest erlebte Wertheim selbst die Atmosphäre in der Physik während ihrer Ausbildung als äußerst abstoßend, so dass sie nicht länger in dieser Fachkultur arbeiten konnte (Wertheim 2000). Eine quasireligiöse Haltung der Physiker/innen beobachtete Traweek ebenfalls im wissenschaftlichen Alltag der experimentellen Hochenergiephysik, beispielsweise in der Art des gängigen Vortragsstils. “Experimental high energy physicists usually give their talks at conferences with the lights off, the overhead projector on, and their backs to us, not, as ethologists might surmise, as a sign of submission, but as an authorative gesture. They turn away from us to the illuminated facts as a priest might turn to the altar, and they speak to us in that masterful voice of authority and with that rather patronizing tone of certainty.” (Traweek 1992: 429).
Als Anthropologin beobachtete Traweek die HEP-Community vorurteilsfrei bei, wie sie es nannte, profanen und sakralen Handlungen.25 Dabei kam es ihr gerade darauf an, herauszufinden, wie die beobachteten Teilchenphysiker/innen selbst die Differenzen zwischen Profanem und Sakralem einübten und wie sie diese Differenzen gleichzeitig als offensichtlich, wichtig, naturgegeben und pragmatisch erleben konnten. Dabei stellte sie fest, dass in der Teilchenphysik Objektivität, Fakten, Zahlen, Beobachtungen und Logik heilig seien. Individualität, Wettkampf, Spannung, Kreativität und Wissen seien ebenfalls positive Werte. Ich würde diese Liste noch ergänzen um die Werte der Symmetrie, Harmonie und Einfachheit. Profane Dinge, wie etwa Subjektivität, Geschichte, Wörter, 25 Zum Ansatz solcher LABORSTUDIEN siehe vertiefend den Beitrag “Grundlagen der Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsforschung” von Robin Bauer in Teil II.
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Zuhören, Gefühle und Körperlichkeit müssen dagegen so gut es geht unterdrückt werden (Traweek 1992). Auch hier sind in westlichen Gesellschaften die sakralen Werte eher männlich und die profanen Werte eher weiblich konnotiert. Anders formuliert heißt dies, dass Frauen Werte verkörpern, die in der Physik unterdrückt werden müssen. 2.6 Geschlecht und Begehren in Sprache und Mythen Im Standardmodell der Teilchenphysik gibt es Namen für (Materie-) Teilchen und ihre Klassifikationen nach physikalischen Eigenschaften, für Teilchen, welche die Wechselwirkungen der Kräfte repräsentieren und für die in der Teilchenphysik bislang aufgedeckten Gesetzmäßigkeiten. Die Namen lassen sich zum Teil aus dem historischen Kontext der Forschung erklären. Beispielsweise bedeutet Elektron wörtlich Bernstein, da elektrische Phänomene zunächst beim Experimentieren mit Bernsteinen hervorgerufen wurden. Manche Teilchen oder Phänomene erhalten Namen, die den Sachverhalt pragmatisch beschreiben. Neutrino beispielsweise bedeutet einfach sehr kleines neutrales Teilchen, Gluonen, die Wechselwirkungsteilchen der starken Kraft, die andere Teilchen zusammenhalten heißen wörtlich übersetzt Klebstoff-Teilchen. Ein anderes Namensgebungsverfahren ist es, die Teilchen nach in der Mathematik üblichen Verfahren abzuzählen. So heißen die dem Elektron ‘verwandten’ Leptonen nach den griechischen Buchstaben P (Myonen) und W (Tau). Mit anderen Bezeichnungen werden ‘bedeutende Physiker’ geehrt. Die quantenmechanische Schödingergleichung ist nach Erwin Schrödinger (Österreich) benannt, Feynman-Graphen, welche Wechselwirkungsprozesse bildlich darstellen, nach Richard Feynman (USA). Fermionen heißen die Materieteilchen nach Enrico Fermi (Italien), Bosonen heißen die Wechselwirkungsteilchen nach Satyendra Nath Bose (Indien). Higgs-Teilchen sind nach Peter W. Higgs benannt (Großbritannien). Wieder andere Teilchen erhalten exotische Bezeichnungen und Phantasienamen wie “Quarks”, “Charm” oder “Beauty”. Während die Geschichte, wie das Quark zu seinem Namen kam, in wissenschaftlicher Literatur und im Internet auf zahlreichen Websites erzählt wird,26 ließ sich die Herkunft der Bezeichnungen für die sechs Quarks des Standardmodells nur unbefriedigend aufklären. Die aus den 1960er Jahren stammenden Bezeich26 Vgl. den Abschnitt Die Welt der Elementarteilchen.
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nungen “Up”, “Down” und “Strange” lassen sich noch durch komplexe physikalische Eigenschaften erklären, wobei das “Strange”-Teilchen zunächst “Sideways” genannt worden sein soll. Die in den 1970er Jahren erzeugten Quarks wurden “Charm” und “Beauty” genannt. Das ebenfalls postulierte “Truth“-Quark, welches mit seiner Existenz die Wahrheit des Standardmodells belegen würde, konnte 1994 schließlich erzeugt werden. Angeblich fand die Mehrheit der Physiker die Namen „Beauty” und “Truth” zu albern, so dass sie später in “Bottom” und “Top” umbenannt wurden. Diese Namensgebung konnte jedoch die alten Bezeichnungen “Beauty” und “Truth” nie ganz verdrängen, so dass diese Teilchen heute vielfach Doppelnamen tragen. Mit den neuen Begriffen wurde eindeutig nach “Up” und “Down” ein weiteres hierarchisches Verhältnis eingeführt. Zugleich transportieren die neuen Namen den sexuellen Subtext von Dominanz und Unterwerfung. Insbesondere in den nach ‘bedeutenden Physikern’ benannten Bezeichnungen und den Phantasienamen sind offensichtlich gesellschaftliche Geschlechterverhältnisse und sexuelles Begehren eingeschrieben. Mir sind jedoch keine Studien bekannt, in denen diese Begriffe der Teilchenphysik aus Genderperspektive und QUEER THEORY analysiert würden. Namen erhalten in der Teilchenphysik auch Forschungszentren, Beschleunigeranlagen und Detektoren. Dabei werden die Namen oft so gewählt, dass die Abkürzungen ausgewählter Anfangsbuchstaben einen Sinn ergeben. Die europäischen Forschungszentren heißen CERN (Centre Européenne pour la Recherche Nucléaire) und DESY (Deutsches Elektronen Synchrotron). Cern oder Kern kann als funktionaler Hinweis auf die Kernforschung aufgefasst werden, DESY dagegen als Lautspiel. DESY ist homophon zu Daisy, der Entendame aus der Feder von Walt Disney, hinter der Donald Duck und sein Vetter Gustav Duck her sind. Genau diese Strategie des Gleichklangs entschlüsselt Sharon Traweek in ihrer Studie zur HEP in den USA und Japan als logische Strategie für die Erzeugung von Namen für Forschungszentren, Beschleuniger und Detektoren. Die Physiker/innen dächten sich Namen aus, die durch ihre Homophonie eine witzelnde Doppeldeutigkeit (pun) zu einem anderen Wort hervorriefen. Diese Doppeldeutigkeit sei oft genital oder sexuell (Traweek 1992). Ich möchte hier ergänzen, dass diese Doppeldeutigkeit dabei in der Regel auf heterosexuelles Begehren verweist. Das Stanford Linear Accelerator Center (Linearbeschleuniger in Stanford, Kalifornien) mit seinem zwei Meilen langen, kerzengeraden (phallusartigen) Linearbe-
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schleuniger, heißt SLAC. SLAC klingt wie “slack”, und das bedeutet auf deutsch so viel wie “Schlaffi”. Schlaffis Detektoren heißen Schätzchen (LASS – Large Acceptance Superconducting Solenoid), Speer (SPEAR – Stanford Positron Electron Accelerating Ring) und Elan (PEP – Positron Electron Project). Der japanische Beschleuniger in Tsukuba heißt TRISTAN (Transportable Ring Intersecting Storage Accelerator), in Anlehnung an den gleichnamigen leidenschaftlichen Opernhelden Richard Wagners. Tristans Detektoren heißen VENUS (Versatile N1 HEP and Universities Spectrometer) und SHIP (Search for Highly Ionizing Particles). Das Schiff und die Liebe spielen in der Oper ebenfalls eine wichtige Rolle.27 Der Hamburger Beschleuniger heißt HERA (Hadron-ElektronRing-Anlage) wie die griechische Göttin und einer ihrer Detektoren heißt ZEUS (‘Zearch’ to Elucidate Underlying Symmetry), analog dem griechischen Göttergatten. Aber in Hamburg wurde auch die Strategie der funktionalen Bezeichnungen angewendet, z. B. heißt ein anderer Detektor von HERA einfach H1. Traweek analysierte außerdem zahlreiche (hetero-)sexuell konnotierte Metaphern28, welche Hochenergiephysiker/innen verwenden. Einzelne Elemente des Detektors werden z. B. miteinander ‘verheiratet’ und der Strahl der Teilchen wird ‘rauf’ oder ‘runter’ gefahren (Traweek 1988, s. auch Lucht 1997:30). Traweek fragt sich schließlich: “What has been incestuously conflated in these puns? What is so important, so dangerous, so illicit that it can only be said in jest? (...) Why not a condescending name? (...) Why not ironic? Why is the name of all this incest so unabashedly, sincerely heroic?” (Traweek 1992: 448f.).
Als inzestuös beschreibt sie dabei m. E. die innige Beziehung zwischen dem jugendlichen Helden und Mutter Natur. Und es sei ihrer Meinung nach wirklich ironisch, dass die Verdrängung menschlichen Handelns bei der Konstruktion der Naturwissenschaft einher gehe mit genau dieser Imagination des Naturwissenschaftlers als männlich und der Natur als weiblich (Traweek 1988, s. auch Merchant 1994). Auffällig ist außerdem, dass Frauennamen oder Anspielungen auf Weiblichkeit ausschließlich dann in der Teilchenphysik auftauchen, wenn eine sexuelle oder sexuali27 Die Liebesgöttin Venus allerdings entstammt Wagners Oper Tannhäuser. In der Instrumentation jedoch stehen sich die Opernfiguren Venus und Tristan sehr nahe. 28 Zur Metaphernanalyse siehe vertiefend den Beitrag “Methodenauswahl der geschlechterperspektivischen Naturwissenschaftsanalyse” von Smilla Ebeling, Jennifer Jäckel, Ruth Meßmer, Katrin Nikoleyczik und Sigrid Schmitz in Teil II.
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sierte Beziehung thematisiert wird, nie jedoch, um die Leistungen der Forscherinnen zu würdigen. 3
Ausblick
Mit diesem Aufsatz habe ich aufgezeigt, dass und wie Geschlecht in der Elementarteilchenphysik auf subtile Art und Weise bedeutend ist. So wurde deutlich, dass die Geschlechterverhältnisse in der Arbeitswelt und Sozialisation eine dominante Rolle spielen, dass Religiosität und Genealogien in der Physik männlich geprägt sind und dass Hierarchisierung und Sprache mit Geschlechterbildern arbeiten. Diese sechs Themenkreise und die von mir dafür herangezogenen Untersuchungen erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Vielmehr geht es mir darum, einen ersten Einblick in die Thematik Geschlechterforschung in der Teilchenphysik zu geben und zu verdeutlichen, dass Geschlechterforschung in der Physik nicht behauptet, dass Frauen qua ihres biologischen Geschlechts eine bessere Physik machen würden. Vielmehr analysiert sie gesellschaftliche Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit, welche in physikalische Beschreibungen der Welt und in die Organisation der Wissensgewinnung eingeschrieben sind oder sein können. Es wurde ebenfalls deutlich, dass eine vertiefte Behandlung der Rolle der Kategorie Geschlecht und der Geschlechterverhältnisse in der Elementarteilchenphysik nicht nur möglich ist, sondern Aufschlüsse über die Wissensproduktion der Physik liefern kann. Diese spannenden Fragen aus der Geschlechterperspektive sollten nicht länger als eine ‘Verunreinigungen’ der physikalischen Objektivität (vgl. Erlemann 2001) in den Bereich des Sozialen abgeschoben, sondern als transdisziplinäre Fragestellungen in der Fachdisziplin selbst zugelassen und diskutiert werden. Wertheim fordert nicht nur die Gleichberechtigung von Frauen in der Forschung. Vielmehr müssten sich Frauen auch an der Definition der Physik, ihren Idealen und Zielen und ihren bedeutenden Forschungsfragen und Anwendungen gleichberechtigt beteiligen können (Wertheim 2000: 23). Meine Forderung geht noch darüber hinaus. Denn es ist Aufgabe aller Physiktreibenden, unabhängig von ihrem biologischen Geschlecht, sich die Prozesse der Einschreibung von Gender in die Definitionen, Ziele und Ideale der Physik bewusst zu machen. Das neue, im Wintersemester 2002 eingeführte Nebenfach Gender Studies an der Universi-
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tät Hamburg eröffnet für Physikstudierende einen Ort der fachübergreifenden Diskussion auf wissenschaftlicher Basis (Bauer & Götschel 2005, Götschel 2003). Zugleich könnte eine verstärkte Auseinandersetzung mit transdisziplinären Fragestellungen unter Berücksichtigung der Kategorie Geschlecht in der Fachdisziplin dazu beitragen, eine geschlechtergerechte Physikkultur zu entwickeln, welche Frauen – und nicht nur sie – als Expertinnen achtet. Literatur Alba, Rosa/ Cenci, Patrizia/ Fabbri, Paola/ Fioretti, Loredana/ Ghiselli, Antonia/ Muscolino, Daniela/ Nicoli, Patrizia/ Rizzi, Domenico/ Rufini, Paola/ Ruggieri, Giovanna/ Paciello, Maria Luigia/ Spolaore, Polaore/ Ubaldini, Liliana (2003): Women and Nuclear Physics Research in Italy. Im Internet veröffentlichtes Manuskript eines Vortrags der 5th European Feminist Research Conference 2003 in Lund (Schweden). http://www.5thfeminist.lu.se/filer/paper_684.pdf (Letzter Zugriff: 10.08.2004) Barnett, R. Michael/ Mühry, Henry/ Quinn, Helen R. (2000): The Charm of Strange Quarks. Mysteries and Revolutions of Particle Physics. New York: Cambridge University Press Bauer, Robin/ Götschel, Helene (2005): Degendering science – Zweibahnstraßen zwischen Naturwissenschaften und Gender Studies bauen. In: No Limits. Dokumentation 30. Kongress Frauen in Naturwissenschaft und Technik. Schweiz (im Erscheinen) Bessenrodt-Weberpals, Monika (2003): Physikerinnen in Deutschland: Potential und Fakten. In: Physik Journal 2. 2003. 31-35 Bienlein, Johann/ Wiesendanger, Roland (2003): Einführung in die Struktur der Materie. Kerne, Teilchen, Moleküle, Festkörper. Stuttgart, Leipzig, Wiesbaden: Teubner Boehme, Gernot (2000): Was ich nicht erforschen durfte. In: Gegenworte - Zeitschrift für den Disput über Wissen 4. 5. 40-43 Ceranski, Beate (1996): ‘Und sie fürchtete sich vor niemandem’. Die Physikerin Laura Bassi (1711-1778). Frankfurt/Main, New York: Campus Costas, Ilse (2001): Genderparadoxien in der geschlechtlichen Normierung von Studienfächern und Karrieren. In: Bulletin des Zentrums für Interdisziplinäre Frauenforschung der Humboldt-Universität zu Berlin 12. 23. 11-31 DPG/ Deutsche Physikalische Gesellschaft e.V. (2001): Physik - Themen, Bedeutung und Perspektiven physikalischer Forschung. 3. Auflage. Bad Honnef Ebeling, Smilla/ Götschel, Helene (2000): Feministische Wissenschaftskritik – Frauen- und Geschlechterforschung in der Lehre in der Mathematik und den Naturwissenschaften. Hamburg (Gemeinsame Kommission Frauenstudien und Frauenforschung) Erlemann, Martina (2001): Inszenierte Erkenntnis. Beobachtungen zur Wissenschaftskultur der Physik im universitären Lehrkontext. In: Fischer, Roland (Hrsg.): Wissenschaftskulturen im Vergleich. Endbericht zum Projekt Science as Culture. Wien. 84f Gaillard, Mary K. (1980): Report on women in scientific careers at CERN. In: CERN-Report Nr. CERN/DG-11 vom 8. März 1980. Genf Gisler, Priska (2001): Warum muss Neutroni sterben? Wie Geschlecht in einem Film über ein teilchenphysikalisches Experiment repräsentiert sein kann. In: Freiburger Frauenstudien. 11. 113-127 Götschel, Helene/ Strowick, Elisabeth (2005): Materialität zwischen Science und Fiction. Physik und Literaturwissenschaft im Dialog. In: Pieper, Marianne (Hrsg.): Dialog zwi-
Die Welt der Elementarteilchen
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Jägerinnen und Sammler. Evolutionsgeschichten zur Menschwerdung1 Sigrid Schmitz
Die Rückführung und Erklärung der gesellschaftlichen Rollenverteilung auf angeblich natürliche und damit vorbestimmte Verhaltensweisen der Geschlechter erfolgt heute vielfach unter Bezug auf Evolutionstheorien zur Menschwerdung in der Ur- und Frühgeschichte. Grundlage ist die Argumentation, der männliche Jäger habe durch die Jagd sowohl seine Aggressivität als auch seine Fähigkeiten zur weiträumigen Orientierung besser entwickelt als die weibliche Sammlerin, bei der sich am heimischen Feuer in der Gemeinschaft mit anderen Frauen stattdessen Kommunikation und soziales Verhalten ausbildete. Daraus wird geschlussfolgert, dass diese Fähigkeiten auch heute noch unterschiedlich bei Männern und Frauen angelegt und damit ihre Rollen auch in der modernen Gesellschaft vorbestimmt seien. In zunehmendem Maße rekurrieren inzwischen nicht nur populärwissenschaftliche Artikel sondern auch Gesellschaftstheorien auf angeblich feststehende ‘Tatsachen’ zur Entwicklung der Frühmenschen und transportieren damit komplexe historische, kulturelle und soziale Prozesse in die angenommene Naturgeschichte des Menschen. Die Prozesse werden naturalisiert. Der Tatsachen-Bezug besteht zumeist in der reduzierten Feststellung, dass schon die ersten menschlichen Gesellschaften eine eindeutige Geschlechtersegregation der Arbeitsteilung (Männer auf der Jagd, Frauen am Feuer) aufgewiesen hätten und diese Geschlechterdifferenzierung sei der eigentliche Evolutionsimpetus gewesen, der die menschliche Gesellschaft so erfolgreich hätte werden lassen. In diesem Kapitel werden derartige NATURALISIERUNGEN2 genauer durchleuchtet. Dabei wird deutlich, dass es nicht nur ‘die eine’ Theorie zur Entwicklung der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung gibt. Ver1 Dieses Kapitel ist eine überarbeitete und aktualisierte Fassung des Artikels von Sigrid Schmitz (2002), mit freundlicher Genehmigung der Freiburger FrauenStudien. 2 Zur NATURALISIERUNG siehe den Beitrag “Tierisch menschlich” von Smilla Ebeling, Sigrid Schmitz und Robin Bauer in Teil II.
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Sigrid Schmitz
schiedene Theorien aus dem Feld der Evolutionsforschung sollen vorgestellt werden, die sich interessanterweise auf die gleiche Datengrundlage beziehen, aber zu teilweise ganz unterschiedlichen Interpretationen gelangen. Durch den Vergleich dieser Theorie-Befund Beziehungen können an einem konkreten Beispiel die methodischen Probleme heraus gearbeitet werden, die in der Beziehung zwischen Daten, Interpretationen und Theoriebildungen auch in den Naturwissenschaften auftreten. Bedeutungszuschreibungen gehen auch in den naturwissenschaftlichen Disziplinen in die angeblich objektive Datenbewertung ein. Es verbinden sich hier die Analyseebenen SCIENCE OF GENDER, d. h. Forschung zu Geschlecht in den Evolutionstheorien- und GENDER IN SCIENCE, d. h. gesellschaftliche und geschlechterspezifische Einflüsse auf die Forschungsmethodologie und die Inhalte der Naturwissenschaften.3 In der Analyse kommen eine ganze Reihe von Methoden zur Anwendung, etwa der feministische Empirismus, Bild- und Metaphernanalysen, der Einbezug Kultur vergleichender Analysen und epistemologische Kritiken.4 Mit Hilfe der kritischen Analyse kann gezeigt werden, wie moderne Gesellschaftstheorien auf die naturwissenschaftliche Theoriebildung Einfluss nehmen und wie sich umgekehrt die Aussagen aus der Evolutionsforschung auf gesellschaftliche Geschlechterbilder auswirken. Wichtig sind innerhalb dieses Wechselwirkungsgefüges bestimmte ‘Denksperren’, durch die die Naturwissenschaften ihre Theorien als ahi