HEINRICH EISEN
Bahnhof Russkinaja
meldet sich nicht ...
ROMAN
LANZENREITER VERLAG
FRANKFURT A. M.
Umschlage...
473 downloads
1891 Views
2MB Size
Report
This content was uploaded by our users and we assume good faith they have the permission to share this book. If you own the copyright to this book and it is wrongfully on our website, we offer a simple DMCA procedure to remove your content from our site. Start by pressing the button below!
Report copyright / DMCA form
HEINRICH EISEN
Bahnhof Russkinaja
meldet sich nicht ...
ROMAN
LANZENREITER VERLAG
FRANKFURT A. M.
Umschlagentwurf: Meyer-Wagner, Arnoldshain
Alle Rechte vorbehalten!
Copyright 1954 by Lanzenreiter Verlag, Frankfurt a. M.
Gesamtherstellung: H. G. Gachet & Co., Langen Bez. Frankfurt a. M.
2
VORWORT
Am Anfang dieses Buches muß ein Wort des Dankes stehen an die Arbeiter und Beamten der Deutschen Bundesbahn, die mir ermöglichten, es zu schreiben. Vom Bahnunterhaltungsarbeiter bis zum Abteilungspräsidenten, vom Süden bis zum Norden unseres Bundesstaates, haben sie große Opfer an „Zeit und Mühe gebracht, um mich in die Materie Eisenbahn einzuführen. Sie haben mir ihre persönlichen Erlebnisse erzählt und zum Studium Berichte und Meldungen aller Art, Karten, Pläne, Fotos — einen Berg von authentischen Unterlagen zur Verfügung gestellt. Aus ihnen wurde Dieses Buch geformt. Die Schwierigkeit war, Hunderte von Erlebnissen von Hunderten von „blauen“ und „feldgrauen“ Eisenbahnern an Hunderten von verschiedenen Orten nicht einfach reportagenhaft in loser Folge aneinanderzureihen, sondern — wie es ein Roman erfordert — zu einer zusammenhängenden Handlung mit einer kleinen Gruppe von Hauptfiguren zu verdichten, in der sich gleichwohl das Ganze widerspiegeln sollte. So mußte ich in diesem und jenem Bahnhof eine ganze Reihe von Bahnhofsanlagen und ihre Umgebungen zusammenfügen, um sie zum Schauplatz weit verstreuter Ereignisse machen zu können. Diese Bahnhöfe haben daher auch „Künstlernamen“ erhalten. In seltenen Fällen war eine Zeitverschiebung notwendig und viele Personen mußten in einige wenige ausgeprägte Charaktere zusammengefaßt werden. Daß auch sie nicht ihre wirklichen, sondern Romannamen tragen, ist selbstverständlich. Der vorgesehene Umfang des Buches reichte nicht aus, um aus der Fülle des Sachmaterials auch nur das Wesentlichste der Handlung einzufügen. So mußte dieses Buch auf die Ereignisse bis zum Jahresende 1942 beschränkt werden, dem Ende des Vormarsches und des Aufbaues. Die Jahre des Rückzuges und der Zerstörung sollen in einem zweiten Band „Der Schienenwolf“ gestaltet werden. Ich werde mich glücklich schätzen, wenn es mir 3
gelungen ist, nicht nur den Landsern der stählernen Straßen selbst mit diesem Buche Freude zu bereiten, sondern ihr in der Stille durchgekämpftes und durchgelittenes Frontschicksal, und damit den Beruf des Eisenbahners überhaupt, unserem Volke nahe zu bringen. München, im Herbst 1954 Der Verfasser.
4
1. KAPITEL
Das größte Glück auf der Erde ist für den Verdurstenden ein Schluck Wasser, für den Verhungernden ein Stück Brot, für einen Dummkopf seine Einbildung und für den Frontsoldaten die Fahrt in den Urlaub. Günther Racke fuhr wie ein Glücksprinz im Tal der südlichen Morawa durch das serbische Gebirge, von Saloniki herauf Belgrad entgegen. Dann kam Agram. Laibach war nicht mehr weit. Und dann Deutschland. Was ist es für eine Lust zu leben! Er hatte sich im Fronturlauberzug einen Fensterplatz erobert. Er konnte nicht müde werden hinauszusehen, die Schönheit der Landschaft und ihren Frieden in die Seele zu trinken. Voraus hing sein Auge an den Windungen des in der Sonne blitzenden Schienenwegs, an der Lok und an den Signalen. Das Auge des Eisenbahners. Dem Bahndamm und der Lokomotive hatte sein Herz gehört, so weit er sich zurückerinnern konnte. Die Lok war das bewunderte Geschöpf seiner Kindheit gewesen, das, was für andere Dreikäsehochs der Bernhardiner oder das Pony war. Daran war der Großvater schuld, der ihn auf den Knien schaukelte, wenn er vom Dienst nach Hause kam und ihm von der Fahrt erzählte, ihm die Lok nahebrachte, als ob sie ein lebendes Wesen wäre. Der ihn auch manchmal auf seine Rangierlok mitgenommen hatte. Er wußte mit 12 Jahren besser auf ihrem Führerstand Bescheid als in seinen Schulbüchern. Dann kam der Bahndamm dazu mit den honigsüß duftenden gelben und blauen Lupinen; mit den summenden Telegraphenstangen, auf denen im Frühjahr in langen Reihen die Stare und im Herbst die Schwalben saßen; mit den blitzenden Schienen, auf denen seine Knabensehnsüchte in die Ferne zogen. Er war nicht Eisenbahner geworden, weil es der Großvater, der Vater und auch der acht Jahre ältere Bruder waren, sondern weil die Eisenbahn seine große Liebe war. Zwar hatte er zu seinem 5
Leidwesen das Abitur machen müssen, um die gehobene nichttechnische Laufbahn ergreifen und es bis zum Amtmann, vielleicht bis zum Reichsbahnrat bringen zu können, wäre aber am liebsten schon mit 14 Jahren aus der Schule davon und, so wie andere zur See, zur Lok gelaufen. Inzwischen war er im Betriebsdienst Inspektor geworden, aber zweimal hatte er in seinen Ferien freiwillig Heizerdienst gemacht und dabei den Lokführer Bunz zum Freunde gewonnen. Man gewann solche Freundschaft nicht leicht, wenn man sie aber besaß, konnte man auf sie bauen wie auf Fels. Er hatte seiner Wehrpflicht genügt und zwei Jahre bei der Panzerabwehr gedient, war im August 1939 zu einer Übung einberufen worden und aus den vier Wochen Manöver waren nun schon über eineinhalb Jahre Krieg geworden, aus dem Unteroffizier ein Feldwebel, im Knopfloch das rote Band des E.K. Jetzt erst wußte er, was Leben ist. Ein stündliches, wunderbares Geschenk am Rande des Todes. Der SF-Zug aber trug ihn auf der stählernen Straße in eine kleine Ewigkeit des Lebens hinein. Die Räder klangen, die Schienen sangen und in seinem ganzen bisherigen Dasein hatte ihn noch nie ein solcher Sturm der Freude durchbraust. Hinter einer Bergnase tauchte eine Station auf. Herein! Herein! winkte der hochstehende Signalarm. Die Ausfahrt war nicht frei; der Zug hielt mit kreischenden Bremsklötzen. Und in diesem Augenblick gab es eine kurze Knallerei. Die Urlauber drängten an die Fenster, nicht ängstlich oder besorgt, nur neugierig. Man fuhr in Urlaub, was ging einen da eine Knallerei an! Sie war auch schon vorbei. Man konnte nichts Besonderes feststellen, und sie wandten sich lachend und Witze reißend ab, um gemächlich auszusteigen. Der Zug hatte 30 Minuten Aufenthalt, es gab warme Verpflegung. Der Pak-Feldwebel Racke aber blieb am Fenster stehen und musterte aus verkniffenen Augen den Güterzug auf dem Geleise zur Front. Mit Eisenbahner äugen. Das war doch ein Munitionszug! Und der dritte Wagen hinter dem Tender brannte — Das schien niemand zu sehen oder es schien niemand zu stören. Die Lok hatte Dampf, sogar Überdruck. Es zischte wild
6
aus dem Sicherheitsventil. Die Fahrstraße war frei — warum fuhr der Lokführer nicht raus!? Jenseits des Bahnhofs knallte es wieder. Racke wartete nicht, bis er durch den von den Kameraden verstopften Gang zur Türe kam, er schwang sich durchs Fenster. Einen Augenblick dachte er daran, den Zugteil hinter dem brennenden Wagen abzukuppeln. Aber dadurch ging vielleicht die rettende Zeit verloren. Außerdem wußte er nicht, ob nicht noch mehr Wagen brannten, ohne daß es vorläufig zu sehen war. Er rannte also auf die Lok los, turnte hinauf. Der Lokführer hing auf der anderen Seite weit zum Fenster hinaus. „Sakrament nochmal!“ schrie Racke, „warum fährst du denn nicht?“ Der Mann rührte sich nicht. Racke riß ihn herum — er war tot. Von der Stirne bis zum Kinn eine blutige Masse. Handgranate. Der Heizer war nicht da, auch Zugbegleitpersonal weit und breit nicht zu sehen. Drüben sah er ein Dutzend Kerle in den Bergwald laufen, hinter ihnen her stolperten und knallten ein paar Landser. Jetzt schienen auch die Landesschützen der Bahnhofswache lebendig zu werden, jedenfalls liefen sie mit den Knarren in den Händen, den Stahlhelm auf den Schädel stülpend, aus ihrem Wachlokal heraus. Racke packte mit einem Blick auf Steuerung und Instrumente den Regler, mit der anderen Hand den Griff der Dampfpfeife, fuhr mit gellendem Pfiff und Getöse los. Schon nach einer Zuglänge begann die enge Kurve um die Bergnase. Wenn er nur 500 Meter weit kam, war der Bahnhof außer Gefahr. Er überlegte sich, ob er nicht noch abspringen, den Zug einfach seinem Schicksal überlassen sollte? Jetzt konnte er sich noch in eine Deckung werfen und sein Leben retten. Wenn der Zug aber aus irgend einem Grunde nicht in die Luft flog und dann führerlos und mit immer größerer Geschwindigkeit auf die nächste Station zuraste? Racke blieb, aber er kletterte auf den Tender, er wollte wenigstens frei stehen, wenn das Feuerwerk anging. Er war ein Fantast; er meinte, es bestünde dann die Möglichkeit, daß er vom Explosionssturm getragen, zappelnd, aber vielleicht wohlbehalten durch die Gegend flöge. Er konnte nun einmal nicht untätig auf ein Unglück warten. Auch an der Front hatte er in solchen Lagen irgend etwas anstellen müssen und wenn es noch so zwecklos 7
oder lächerlich erschienen war. Dann trieb ihn eine solche Unruhe, daß er nicht dagegen ankam. Die brave Lok zog, als wüßte sie, um was es ging. Bahnhof und SF-Zug verschwanden um die Kurve. Racke turnte herunter vom Tender — Regler zu — Schnellbremse — der Zug bockte wie irrsinnig. Racke dachte, er reißt auseinander. Dann stand der Zug. Jetzt hangelte er sich die Eisentreppe hinunter, rannte zum brennenden Wagen. Der flammte schon ganz lustig. Sprengstoff war da wohl nicht drin, sonst wäre die Höllenfahrt längst vorüber gewesen. Racke kuppelte den Zug hinter ihm ab, hörte Getrappel. Zwei Schaffner kamen angelaufen. Sie blickten den Feldwebel dumm an, aber sonst waren sie im Bilde. „Lauf und hol Leute her!“ sagte er zum einen, und zum anderen: „Komm mit!“ Schon war er mit ihm auf der Lok, fuhr mit der lodernden Fackel hinten dran los. Er war noch nicht hundert Meter weit, da sagte der andere: „Wo willst du denn hin? Jetzt kann doch nichts mehr passieren. Die drei Wagen hier vorne sind nämlich leer.“ „Mensch!“ Racke lachte, so blöd wie man eben lacht, wenn einem der Tod freundlicherweise mal wieder nur einen Schrecken eingejagt hat. „Da pressiert's ja nicht mehr!“ Diesmal bremste er mit Gefühl und hielt so sanft, daß der Schaffner Maul und Augen aufriß. „Du bist ja vom Fach!“ stellte er fest. „Sicher. Ich bin im Nebenberuf Reichsbahninspektor und das Lokfahren hat mir mein Großvater schon beigebracht, als er mich noch auf den Knien schaukelte.“ Sie lachten beide und stiegen gemächlich ab, machten den brennenden Wagen, der jetzt fast zur Hälfte in Flammen stand, mit einiger Mühe los. Und da passierte doch noch etwas: es zerriß ihn mit Krachen. Entweder hatte das Begleitkommando eine Kiste Handgranaten darin gelagert oder einer der serbischen Banditen eine Zeitmine angebracht. Der Schaffner sackte ohne einen Laut zusammen und Racke warf es vor Schmerz um. Auf der Station kam er wieder zu sich. Ärzte, Sanitäter, Rotkreuzpflegerinnen bemühten sich um ihn. Er hatte einen
8
eisernen Haken an den Schädel bekommen und ein glühender Holzriegel hatte ihm den linken Ellenbogen zerschmettert. Es war das kleinere Unglück. Der vierte Wagen hatte 15 cmGranaten geladen. Und so weiter. Die Ärzte bedauerten ihn: Der Arm wird leider steif bleiben. Die Kameraden beglückwünschten und die meisten beneideten ihn: Mensch! Für dich ist der Krieg aus! „Ohne Sie wären wir in die Luft geflogen“, sagte ein General aus dem Urlauberzug, schüttelte ihm die Hand, ließ sich seine Personalien geben und machte sich Notizen über den Vorfall. Der Urlauberzug fuhr mit tausend Geretteten pünktlich weiter in die Heimat, der Munitionszug mit einstündiger Verspätung zur Front. Günther Rackes Denken und Empfinden war in diesen Stunden und noch viele Tage lang von den Schmerzen und den Betäubungsspritzen völlig benommen. Wenn er über die unerwartete und. jähe Wendung seines Schicksals nachsann, wußte er nicht, ob er sich freuen oder darüber klagen sollte. Er grollte wegen des Armes, aber mußte er nicht dankbar und glücklich sein, daß er dafür die Heimat und das Leben nicht nur für eine kleine Ewigkeit von vierzehn Tagen, sondern für unausdenkbar lange gewonnen hatte, für ,immer' im Sinne der natürlichen Begrenzung? Manchmal packte ihn jene merkwürdige Liebe zur Front, das Gefühl der Zusammengehörigkeit mit seinen Männern draußen, oder die mancherlei Erscheinungen menschlicher Eigensucht, Feigheit, Verlogenheit und sonstiger Minderwertigkeit, die in den heimatlichen Kriegsverhältnissen eine üppige Brutstätte fanden, widerten ihn so sehr an, daß er am liebsten mit dem nächsten Zug wieder hinausgefahren wäre. Dagegen gewöhnte er sich rascher, als er geglaubt hatte, daran, daß das Ellenbogengelenk steif blieb und auch die Hand kaum zu gebrauchen war. Der Krieg mit der Sowjetunion begann. An diesem Tage überreichte ihm der Chefarzt des Lazaretts feierlich im Rahmen eines Appells, der Racke peinlich war, das Verdienstkreuz und das EK I. Er ging noch einige Wochen zur ambulanten Behandlung in eine orthopädische Klinik. Dort war Eva. Und als er sie zum ersten Male sah, erlosch alles, was vor ihr gewesen war. Wie die Sterne 9
verlöschen, wenn die Farben des Morgens vor der Sonne her über den Himmel ziehn. Sie sahen sich jeden Tag, Woche um Woche, nie jedoch fiel ein Wort über ihre Gefühle zwischen ihnen. Nur aus dem tieferen Licht der Augen, wenn sie einander ansahen, aus dem weicheren Klang der Stimmen, wenn sie miteinander sprachen, aus dem feineren Hauch des Glücks in den „Winkeln des Mundes wußten sie von ihrer Liebe. Aber an dem Tage, als seine Behandlung zu Ende war, sagte sie: „Ich habe heute nachmittag frei.“ Sie fuhren ein Stück hinaus, wo es schön und einsam war. Eva hatte nicht die Tracht an, sondern ein rotbuntes, im Winde wehendes Sommerkleid. Wortlos fast wanderten sie Hand in Hand durch den Wald und küßten sich tausendmal. Sie kamen an einen See und legten sich ans Ufer. Und das erste Wort, das von Liebe gesprochen wurde, war seine Frage: „Willst du meine Frau werden?“ „Wäre ich sonst bei dir?“ „Trotz des Armes?“ „Dummkopf.“ „Wann?“ „Wenn wir uns nach einem Jahre noch so lieben wie heute.“ „Weißt du, daß ein Jahr 365 Tage und Nächte hat?“ „Ja. Und jeder Tag 24 Stunden, um mich auf dich zu freuen.“ „24 Stunden“, antwortete er, „um vor Sehnsucht nach dir zu vergehen.“ Er bedrängte sie. Sie schüttelte den Kopf. „Laß mir das Unberührte. Ich liebe es als Schönheit und Glück.“ Aber dann zog sie sich aus. Mit ruhigen Gesten, als wäre sie ganz allein. Das Herz stand ihm still vor Andacht und Bewunderung. Sie ging ins Wasser und schwamm weit hinaus, kam zurück und stieg aus dem See und tanzte. Und hatte ihn ihr Gesichtchen seit je entzückt, so erschien ihm jetzt der ganze Leib so vollendet und von so strahlender Süße, daß sich in Günther Racke jene merkwürdige Wandlung vollzog, die dem Verzicht den Stachel nahm, der Sehnsucht die schmerzende Ruhelosigkeit. Nie hatte sich ihm ein Mädchen so wunderbar und so für immer gegeben, wie Eva im Versagen. Von dieser Stunde an liebte auch
10
er ihre Reinheit, empfand sie als Schönheit und Glück wie sie selbst. Er verließ sie, um in seine Vaterstadt zu fahren, und nahm sie doch mit. Sie füllte sein ganzes Herz aus. Ihm war, als hätte es zuvor niemals einen so blauen Himmel und so leuchtende Sterne gegeben. Feldwebel Günther Racke wurde aus der Wehrmacht entlassen. Er freute sich darüber; er würde nicht unerreichbar Jahr und Tag von ihr getrennt sein. Und hatte doch das Gefühl, als hafte seiner Freude ein Makel an. Es war einsam im elterlichen Heim geworden. Der Vater war nach Polen versetzt, der Bruder zu den Feldeisenbahnern eingezogen. Nur seine Schwester Else, die den Racke'schen Haushalt führte, seitdem die Mutter gestorben war, jetzt aber in einem Rüstungsbetrieb arbeiten mußte, war am Abend da. Er meldete sich bei seiner Direktion. „Betriebsdienst mit Ihrem Arm? Ausgeschlossen! Büro, Fahrkartenschalter, Auskunft — ja.“ „Danke“, sagte er. „Das liegt mir nicht. Dann lieber Streckenwärter.“ Er machte eine Eingabe an das Reichsverkehrsministerium: „Ich brauche den lebendigen Atem der Eisenbahn.“ Ein paar Tage später läutete es. Else führte eine schwarz gekleidete Frau herein. „Frau Bunz hat gehört, daß du da bist“, sagte sie. Wie blaß Anne war! Wie vergrämt sie aussah! Günther erschrak. „Ist etwas mit Karl?“ fragte er. Sie schluchzte auf. Sie konnte nicht antworten. Er dachte: Bunz ist tot. Und zum ersten Male, seit er Eva kannte, verdüsterte sich der blaue Himmel seines Herzens. Nein, tot war er nicht. Vielleicht noch nicht. Aber ein Kriegsgericht hatte ihn zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, abzubüßen in der Strafkompanie. Günther wußte, das kam in 95 Prozent aller Fälle einem Todesurteil gleich. Und vier Kinder! Aber warum denn? Er habe ein Haltsignal überfahren. Günther fuhr auf. „Ausgeschlossen!“
11
Mehrere Wehrmachtsangehörige waren getötet worden und großer Sachschaden entstanden. Anne Bunz zog einen Brief aus der Tasche. Es war Karls Schrift. „Ich bin unschuldig“, schrieb er darin. „Es war vor St. Denis. Es dämmerte schon etwas, aber ich sah deutlich das grüne Licht und im Vorbeifahren auch, daß der Signalarm auf freie Fahrt stand. Die beiden Kollegen im Stellwerk aber beschworen, daß sie die Durchfahrt nicht freigegeben und sich nach dem Unglück sofort überzeugt hätten, daß der Signalarm waagrecht stand und rotes Licht brannte. Mein Heizer, ein Franzose, konnte keine Aussage machen, er war in der fraglichen Zeit mit der Feuerung beschäftigt. Ich konnte noch so sehr meine Unschuld beteuern, der Kriegsgerichtsrat erklärte meine Angaben kurzerhand für eine feige und freche Lüge. Der Ankläger beantragte sogar die Todesstrafe.“ Der Brief war mehr mit Tränen als mit Tinte geschrieben. Vielleicht waren es auch die Tränen der Frau. Racke war am folgenden Tage schon zu Beginn der Dienststunden bei der Direktion. Ja, die Herren waren unterrichtet. „Und warum unternahmen Sie nichts dagegen?“ „Weil es unmöglich ist. Bunz' Beteuerungen stehen zwei Eide gegenüber.“ „Ich kenne Bunz. Und sie kennen ihn auch. Er ist die Gewissenhaftigkeit und Zuverlässigkeit selbst! Es ist ausgeschlossen, daß er fahrlässig ein Haltsignal überfährt.“ „Die Tatsachen sprechen gegen ihn.“ „Wurde geprüft, ob nicht Dritte die Hand im Spiele hatten?“ „Das ist doch wohl kaum anzunehmen. Das Unglück hat sich in Frankreich abgespielt, nicht im Osten.“ „Auch Frankreich ist Feindesland und hat Chauvinisten und Kommunisten und Deutschenhasser in rauhen Mengen.“ „Es hätten sich doch sicher irgendwelche Anhaltspunkte für einen Eingriff von außen ergeben.“ „Das ist gar nicht sicher, weil man wahrscheinlich überhaupt nicht daran gedacht hat, einen solchen Fall anzunehmen und sofort nach solchen Anhaltspunkten zu suchen.“ 12
„Jedenfalls ist es jetzt zu spät.“ „Solange Bunz noch nicht tot ist, ist es auch nicht zu spät, wenigstens den Versuch zu machen, seinen Tod zu verhindern.“ „Nach Lage der Dinge sind wir leider machtlos.“ Racke verabschiedete sich höflich, obgleich er gerne mit der Faust auf den Schreibtisch gehauen hätte, fuhr nach Hause, packte ein Köfferchen und fuhr nach Berlin. Der Minister selbst mußte helfen. Unterwegs sank seine Zuversicht allerdings erheblich; wahrscheinlich würde er ihm auch keine andere Antwort geben als die Herren der Direktion. Lange Zeit ging er unschlüssig in der Voß- und der Wilhelmstraße hin und her und als er schließlich alle Bedenken und allen Kleinmut verjagt und das Reichsverkehrsministerium betreten hatte, kostete es einen zähen Kampf, zu Dr. Dorpmüller selbst vorzudringen. Aber er dachte an Bunz und seine Frau und seine Kinder; er gab nicht nach. „Ich muß den Herrn Reichsminister selbst sprechen, es geht um das Leben eines Eisenbahners und um das Vertrauen der Wehrmacht zu allen, die den blauen Rock tragen.“ Mit diesen Worten bat er, als es ihm endlich gelungen war, auch den Minister selbst um Entschuldigung wegen seines Vordringens. „Fünf Minuten“, sagte der Minister, bot ihm mit einer freundlichen Geste Platz an. Günther Rackes Auge lag in tiefer Verehrung auf dem ernsten, ruhigen Antlitz des wohl größten Eisenbahners, den Deutschland bisher besessen hatte. „Ich danke Ihnen, Herr Minister, aber ich bitte, stehen bleiben zu dürfen. In Ihrer Gegenwart kann ich mich nicht setzen“, sagte er leise. Nicht einen Augenblick hatte er das Empfinden, daß er als ganz kleiner Inspektor seinem Generaldirektor und Minister gegenüberstand, so rein menschlich und gütig war der Ausdruck dieser Züge. Er beeilte sich, seine Zeit nicht länger als unbedingt nötig in Anspruch zu nehmen, in drei Minuten hatte er alles gesagt. Der Minister erhob sich, trat zum Fenster, kam dann zurück: „Ich werde mir überlegen, ob noch etwas getan werden kann und was.
13
Wollen Sie mir jetzt kurz etwas über Ihre Familie, Ihren Werdegang und Ihre Auszeichnungen erzählen?“ Racke berichtete in knappen Worten. Das ernste Antlitz des Ministers gewann einen warmen Schein der Freude. Er gab Racke die Hand, hielt sie lange. „Ich freue mich, daß Sie zu mir gekommen sind. Ich bin glücklich über einen solch interessierten und tapferen Eisenbahner. Sprechen Sie morgen vormittag 11 Uhr bei meinem persönlichen Referenten vor.“ Punkt 11 Uhr war Günther Racke zur Stelle. Der Referent eröffnete ihm: „Sie fahren zunächst im besonderen Auftrag des Herrn Reichsverkehrsministers nach St. Denis. Vielleicht können Sie an Ort und Stelle doch noch eine Erklärung für den „Widerspruch zwischen den Angaben des Lokführers Bunz und den beiden Stellwerksbeamten finden.“ Er händigte ihm die notwendigen Papiere aus. Racke fuhr, sich auf das Wenige beschränkend, was er in seinem Köfferchen hatte, mit dem nächsten Zug nach Frankreich. Er ging zum Stellwerk, sprach mit dem einen der beiden Zeugen, der andere war versetzt worden. Er ging zum Signalmast, untersuchte ihn von unten bis oben wie ein Detektiv, ohne etwas Auffälliges finden zu können. Er kehrte in der Nacht zurück, fragte den Zeugen wieder aus. „Haben Sie das rote Licht gesehen, als es der Zug überfuhr?“ „Nein. Es war ein Gewitterregen niedergegangen und sehr neblig geworden.“ „Aber es ist Ihnen doch aufgefallen, daß der Zug das ,Halt' nicht beachtete, sondern durchfuhr.“ „Der Zug bremste, als er bei uns durchfuhr, seine Geschwindigkeit stark ab. Wir hörten ihn dann kaum noch rollen und ein paar Minuten später erfuhren wir auch schon durchs Telefon den Zusammenstoß.“ „Sie sind doch auch der Ansicht, daß bei entsprechender Vorbereitung vom Mast selber aus die Stellung des Signalarmes verändert werden kann, ohne daß sich dadurch die Hebelstellung im Stellwerk verändert?“ „Ja, das kann man schon machen.“ „Wie zum Beispiel?“ 14
„Man müßte den Verbindungsbolzen zwischen Antrieb und Flügelzugstange lösen. Er ist durch Splint oder Nietstift gesichert. Ein Splint läßt sich mit einer Zange ohne weiteres beseitigen, ein Nietstift mit Durchschlag und Hammer. Nach der Trennung von Antrieb und Stange braucht diese nur von Hand angezogen zu werden, dann geht der Signalflügel in Fahrstellung und bei Nacht erscheint das Grünlicht.“ Günther war alles klar. So hatten es die Saboteure gemacht. Sie brauchten ja dann nur die Stange festzuhalten oder am Mast festzubinden und nach der Vorbeifahrt des Zuges alles wieder in Ordnung zu bringen, wie es vorher gewesen war. „Warum haben Sie das Gericht nicht auf diese Möglichkeit aufmerksam gemacht?“ fragte er. „Wir sind gar nicht auf einen solchen Gedanken gekommen. Und überhaupt — dieses ganze Militärgericht war so bedrückend und einschüchternd, daß man sich schon als Zeuge wie ein Verbrecher vorkam und froh war, wenn man die scharfen Fragen so beantwortete, daß sie einen nicht gleich auffraßen. Sogar Bunz selber hat, so viel ich weiß, keine derartige Andeutung gemacht.“ Racke erkannte betrübt, daß ein Nachweis für die Unschuld seines Freundes nicht mehr erbracht werden konnte. Er verständigte das Reichsverkehrsministerium telefonisch davon, daß er unverrichteter Dinge zurückkehren müsse. Da erfuhr er kurz vor seiner Abreise zufällig bei der Wehrmachttransportleitung in Paris, daß auf einem kleinen, erst behelfsmäßig wiederhergestellten Bahnhof bei Lisieux erst vor wenigen Tagen ein Anschlag auf einen Truppenzug, der von Caen nach dem Dösten abgegangen war, nur durch einen glücklichen Zufall verhütet worden war. Einer Streckenstreife war der unweit eines wegen Zerstörung der Sicherungsanlage eingerichteten Außenweichenpostens an der Telefonleitung angebrachte zweite Anschluß aufgefallen. Die beiden gingen dem Draht nach. Er führte in eine nahe gelegene Ruine. Sie sahen zwei Männer davonlaufen, ahnten den Zusammenhang, rannten zum Bahnkörper zurück. Eben bog der Truppenzug im Vierzigkilometertempo um die Kurve. Das Einfahrsignal zeigte ,Fahrt frei'. Sie sprangen in die Schienen, 15
kreisten die Arme wie zwei Verrückte, hörten endlich vergnügt den gellenden Warnpfiff und sprangen zur Seite, brüllten, was sie brüllen konnten, zum Lokführer hinauf, der mit wütendem Gesicht aus dem Fenster hing. Aber er bremste und noch rechtzeitig brachte er den Zug zum Stehen. Hundert Meter weiter kreuzte ein Brennstoffzug seinen Weg. Kurz vorher war der Befehlsstelle vom Weichenposten fernmündlich gemeldet worden, der Fahrweg sei eingestellt und frei, worauf der Fahrdienstleiter das Einfahrsignal auf Fahrt gestellt hatte. Der Weichenwärter war aber gar nicht auf seinem Posten, sondern bei dem Brennstoffzug beschäftigt gewesen, der von einem unübersichtlichen Anschlußgleis aus eben quer über das Einfahrgleis auf den Bahnhof hereinrangierte. Wer konnte die Falschmeldung abgegeben haben, die eine furchtbare Katastrophe heraufbeschworen hätte, wenn jene Streckenstreife weniger aufmerksam und weniger mißtrauisch gewesen wäre und nicht so rasch gehandelt hätte? Darauf gab es nur eine Antwort: Der Maquis. Der französische Partisan! Den niemand recht ernst nahm, weil man noch kaum etwas von ihm wahrgenommen hatte, mit der Bevölkerung im allgemeinen ein gutes Verhältnis bestand und in den Kabaretts die Offiziere der Wehrmacht und der SS mit offenen Armen und kußwilligen Lippen aufgenommen und mit liebenswürdiger Eleganz dem Pariser Charme verbunden wurden. Das war die Lösung auch für St. Denis, die Rettung für Bunz! Racke ermittelte den Vorsitzenden des Kriegsgerichts, das Bunz verurteilt hatte, beantragte die „Wiederaufnahme des Verfahrens. „Dazu besteht keine Veranlassung“, lehnte der Kriegsgerichtsrat kühl ab mit einem so arroganten Ausdruck in seinem roten, groben Nußknackergesicht, daß ihm Racke am liebsten an die Gurgel gefahren wäre und er sich vorstellen konnte, daß schon der Anblick dieser Fratze Bunz die Kehle zugeschnürt hatte. „Es kann nicht bewiesen werden, daß auch in der Sache Bunz der Maquis am Werke war.“ Racke mußte sich Mühe geben, ihn nicht anzuschreien. „Das ist aber mit neunzig Prozent Sicherheit anzunehmen“, sagte er erregt. „Wie von vornherein mit ebenso großer Sicherheit anzunehmen war, daß ein so makellos pflichttreuer, zwanzig Jahre bewährter Beamter wie Bunz nicht schuldig sein konnte! 16
Das Gericht hätte die Pflicht gehabt, auch diese Tatsache in Erwägung zu ziehen.“ „Wenn täglich tausend Soldaten sterben, kommt es auf einen Eisenbahner auch nicht an“, erwiderte der raupenschleppende Wehrmachtsbeamte d. Res. obenhin. „Und wenn Bunz wirklich nicht selbst schuldig wäre, dann wurde er eben an Stelle derer bestraft, die durch mangelhafte Überwachung der Strecke das Unglück verschuldet haben.“ Racke dachte Dreckhund und sagte: „Ich werde dem Herrn Reichsverkehrsminister Ihre Auffassung übermitteln“. Er knallte ohne Gruß die Türe hinter sich zu. Der drin riß sie wieder auf und schrie ihm nach: „Dann können Sie ihm gleich mit ausrichten, daß ich mich gar nicht genieren werde, trotz Ihres Auftrags und trotz Ihrer Kriegsbeschädigung und Auszeichnungen auch Sie vor ein Kriegsgericht zu stellen. Wegen Meuterei.“ Racke fuhr nach Berlin zurück. Dr. Dorpmüller war ins Führerhauptquartier befohlen. Er hatte eben noch Zeit, Rackes Bericht anzuhören und sah plötzlich gar nicht mehr menschenfreundlich aus. Er nahm den Hörer ab und sagte: „Den Wagen, bitte.“ Und zu Racke sagte er: „Ich werde den Fall zur Sprache bringen. Ich kann um meiner Eisenbahner willen nicht dulden, daß die Auffassung dieses Herrn Schule macht. Kommen Sie auf alle Fälle mit.“ Hinein kam Racke allerdings nicht. Es wurde ein halbes Dutzend mal gesiebt. An der dritten Sperre blieb er hängen. Als sie zurückfuhren, sagte der Minister: „Bunz kommt heraus. Er wird zu den Feldeisenbahnern versetzt. Und für Sie habe ich auch etwas. Wenn Sie Lust haben und die Gefahren auf sich nehmen wollen, fahren Sie nach dem Osten. Dort muß das denkbar Äußerste geleistet werden unter den schwierigsten Verhältnissen. Klappt es nicht, dann hängt über den Verantwortlichen das Damoklesschwert. Ich werde Sie als Frontberichter meines Ministeriums einsetzen. Sehen Sie, daß Sie an die Brennpunkte kommen, machen Sie Augen und Ohren auf und berichten sie laufend meinem Pressereferenten. Vielleicht sehen Sie auch im Osten manches und können dort auch Unheil verhüten. Besprechen Sie Ihren Einsatz mit der Betriebsleitung
17
Osten in Warschau, die ich verständigen und über die Sie gegebenenfalls bestimmte Weisungen erhalten werden. Inspektor Racke brachte vor Freude über diesen Auftrag kein Wort heraus. Dr. Dorpmüller fuhr fort: „Und noch ein Gedanke bewegt mich dabei: Die Kriegsberichter schreiben über alles, über die Front und alle Waffengattungen, selbstverständlich auch über die Sonnenblumenfelder, die Städte, die Katen und die Matkas, aber kaum über die Leistungen und die Schicksale auf den stählernen Straßen. Sammeln Sie Eindrücke, Erlebnisse bei Blau und Grau, führen Sie ein Tagebuch darüber und schreiben Sie dann einmal, wenn der Krieg vorüber ist, das Buch von der Vierten Waffe.“ „Herr Minister — ich — danke Ihnen.“ „Mit dem Transportchef habe ich bereits geredet. Morgen erhalten wir den von ihm gegengezeichneten Ausweis.“ Er lächelte. „Mit meinem Ausweis allein kämen Sie außerhalb unserer blauen Dienststellen nicht durch. Beide zusammen werden Ihnen die Möglichkeit der Durchführung Ihrer Aufgabe als einer Art Sonderbeauftragter sichern, obgleich Sie keine Befugnisse gegenüber den Dienststellen haben. Beruht natürlich auf Gegenseitigkeit. Ihre Verpflegung können Sie bei allen Ausgabestellen in Empfang nehmen oder durch jede Dienststelle mitempfangen lassen.“ Günther Racke fuhr noch in der Nacht zu Eva, um Abschied von ihr zu nehmen. Sie lag mit Scharlach im Krankenhaus. Isolierbaracke. Er durfte nicht zu ihr. „Wann? Wenn alles gut geht in drei Wochen. Er schickte ihr Rosen. Seine Sorge um sie und die Liebesnot seines Herzens waren so groß, daß er ihr auf dem weißen Blatt seines Briefes nicht nur seine brennenden Wünsche für die Genesung und seine brennenden Küsse, sondern auch seine brennenden Tränen schickte. Wie dunkel konnte der strahlende Himmel der Liebe werden! Als er nach Hause fuhr, um sich für seinen Einsatz im Osten auszurüsten, fühlte er nichts mehr von dem Stolz und der Freude über seinen Auftrag. Er war ihm zur Pflicht geworden. Eva litt und war bedroht von Siechtum und Tod. Darum war seine Seele krank. Es gab für ihn kein Glück mehr ohne Evas Glück. 18
Drei Tage später fuhr er nach Warschau. Und in diesen Tagen hatte er sich zum dritten Male gewandelt. Ein Telegramm war gekommen: „Sei ohne Sorge. Ich will und werde ganz gesund werden für unseren Himmel auf Erden. Und nicht mehr töricht sein.“ Glück auch des Menschen ist nicht das Immerwährende, sondern der Wandel. Der Wechsel von Sehnsucht und Erfüllung, der Wechsel von Lust und Leid. Glück ist nicht die Liebe allein. Glück ist die Tat. Die Tat über die Existenzfragen, über das Ich hinaus. Sie ist der Grund, in dem des Mannes größeres Leben wurzelt. Die Liebe aber ist der Kranz der Seligkeit um seine Stirne. Die Räder klangen, die Schienen sangen. Das merkwürdige Gefühl der Beschämung und Schuld gegenüber den Kameraden der Front war von ihm gewichen. Eva flog mit ihm über die stählerne Straße. Sie war in ihm mit ihm eins geworden. Wenn er die Augen schloß, war sein Leib ihr Leib, fühlte er seinen Atem als den ihren. Sie war das Lächeln hinter seinen schwersten Gedanken, sie war der süße Zauber in seinem Blut. Liebe und Tat — sie vereint nur sind das Glück.
19
2. KAPITEL
Es war Nacht und es regnete. Dächer und Straßen troffen. Es platschte aus den Traufen, gurgelte in den Gassen, rauschte auf dem Strom. Die Nässe wusch den Geruch der Zerstörung aus den Ruinen, aus den Trümmerbergen und Schutthalden, und der Wind trieb ihn mit dem Geruch des Schmutzes aus den Gassen der Armut durch die Millionenstadt. Die Verdunklung wurde in dieser Nacht lässig gehandhabt. Aus manchen Fenstern der Dienstgebäude und Quartiere der Militärund Zivilverwaltung, der Besatzungseinheiten und Wehrmachtsgefolge fiel Licht, zauberte ein Stückchen Glanz aus dem toten Stein- und Asphaltgrau. Das war jedesmal wie eine kleine, kühne Befreiung aus der Verhüllung, in die Vorsicht und Furcht das Leben zwangen. Abgesehen von dem lebhaften Treiben im Bereich der Bahnhöfe, die den Vorteil stärkerer Beleuchtung zur Erzielung höherer Leistungen nutzten, war Warschau wie ausgestorben; die Posten und Streifen, die spärlichen Trupps von Landsern, Offizieren und Beamten, einzelne LKW und PKW waren nicht mehr als Tropfen in der Stille und Verlassenheit des steinernen Meeres. Das Gebäude der Betriebsleitung Osten beim Chef des Transportwesens des Generalstabes des Heeres, das ehemalige polnische Verkehrsministerium im Stadtteil Praga, lag scheinbar in tiefem Schlafe. Wer aber genauer forschte, erkannte da und dort schmale Lichtstreifen an den Seiten der Fensterstöcke und wer eingetreten wäre, würde selbst jetzt noch in manchem der Zimmer brennende Lampen, Tabaksqualm und heiße Köpfe mit gefurchten Stirnen und übermüdeten Augen über Akten, Plänen und Zeichnungen gefunden haben. Der technische Reichsbahnamtmann Werner Racke schob seufzend den Bericht der Haupteisenbahndirektion Mitte zurück. Die HBD hatte endlich die Erlaubnis erhalten, von dem 20
abgelegenen Brest in das Herzstück ihres Bezirkes, Minsk, überzusiedeln, die notwendige Zahl leitender Beamter und noch vieles andere hatte sie jedoch immer noch nicht, die Befehlsmaschine aber lief auf vollen Touren. Nicht aus Unverstand, nicht aus Böswilligkeit. Hinter jeder Forderung stand der eiserne Zwang, das Problem der sprunghaft wachsenden, ungeheuren Entfernungen zur Front zu meistern. Der motorisierte Transportraum allein war nach zweijähriger Überbeanspruchung trotz aller Neubauten den inzwischen vervielfachten Ansprüchen erst recht nicht mehr gewachsen. Dazu setzte das einzige „Paradiesische“ im Sowjetreich, der Zustand seiner Straßen, bei denen man die brauchbaren an den Fingern abzählen konnte, dem Kraftverkehr Hemmnisse ohne Ende entgegen. Die stählernen Straßen waren zum Schlüsselpunkt der Kriegsführung, die Eisenbahner zum vierten Wehrmachtteil geworden. Der Amtmann erhob sich, knipste die Lampen aus, trat zum Fenster, zog den schwarzen Papiervorhang hoch und öffnete beide Flügel. Wie ein Wehr rauschte der Regen. Die kalte, nasse Luft tat ihm wohl. Aber wie stets, wenn die Last der Arbeit sich von ihm löste und das Gemüt freigab, fühlte er den heimlichen feindlichen Atem dieser Stadt, dieses Landes. Er nahm den Polen diese Feindschaft nicht übel. War sie vor dem Kriege politisch töricht und sachlich so wenig begründet wie die der Franzosen gewesen, dem Eindringling, dem Zerstörer, dem Bedrücker gegenüber war sie selbstverständlich. Gewiß, Zerstörung, Besetzung und Bedrückung waren zumeist nicht bösartig gewollt, sondern unvermeidliche Folgen des Krieges. Aber für den Betroffenen bleibt sich das gleich. Und ein Volk als Ganzes hat Kriegen gegenüber kein Schuldbewußtsein, kann es gar nicht haben. Es fragt nicht warum ihm Böses geschieht. Es ist dem feind, der es ihm antut, einfach weil er's ihm antut. Tief sog Racke die Luft ein und die regendurchrauschte Stille. Er empfand das Hungerelend und seelische Leid der vielen Hunderttausende der polnischen Hauptstadt, als wäre er selbst Pole und ihm preisgegeben. Er empfand Mitleid mit der Bevölkerung des besetzten Landes, obgleich er nicht vergessen hatte, welche Greueltaten schon vor Kriegsausbruch und besonders in den ersten Jahren nach dem ersten Weltkrieg 21
begangen worden waren und er nicht daran zu denken wagte, was den Deutschen geschähe, wenn der polnische Haß einmal die Möglichkeit haben würde, über sie hereinzubrechen. Und wie er, fühlten viele, wohl die meisten, die das Reich auf einen Posten im Gefolge der Wehrmacht im Osten gestellt hatte. Das in aller Welt verschrieene deutsche Volk war nun einmal so: Nicht einmal der nationalsozialistischen Schulung war es gelungen, es hart zu machen, es zur Mitleidlosigkeit, zum Haß zu befähigen. Wie hatte es aufgeatmet, als es durch die Konferenz Chamberlains und Daladiers mit Hitler in München die Gefahr eines Krieges gebannt glaubte. Bei nur einer Spur Gerechtigkeitssinn seiner Gegner würde es zu jeder Stunde die Hand ausstrecken, um sich mit ihnen zu versöhnen, um in aufrichtiger Freundschaft mit allen Völkern eine schönere und glücklichere Welt für alle zu schaffen. Die bürgerliche Schicht in der Heimat war dem Kriege so abhold, daß sie sogar an den Siegen zu leiden schien, obgleich sie natürlich froh war, daß sie ihr den Krieg vom eigenen Leibe fernhielten. Racke schien es wenigstens so. Vielleicht irrte er sich. Vielleicht sah er alles zu sehr im Spiegel seines eigenen Herzens. Er hörte die Türe gehen, ganz leise nur, aber der Luftzug ließ keinen Zweifel, daß sie geöffnet worden war. „Einen Augenblick“, sagte er, schloß das Fenster, verdunkelte und wandte sich um: „Jetzt können Sie Licht machen.“ „Ja, wenn ich wüßte, wo der Schalter ist.“ Racke erstarrte. Das war nicht der erwartete Kollege, das war doch — „Links“, sagte er halblaut und hielt sich hinter seinem Rücken an der Fensterbank fest. Seine Knie waren schwach geworden. Er hatte seit der Trennung von daheim ein sehr nervöses Herz bekommen. Es gab einen kleinen Knacks und das Licht ging an. An der Türe stand ein junger Eisenbahner ohne Mantel und Mütze, in hohen regennassen Stiefeln, auf dem dunkelblauen Rock die schlichten Schulterstücke des Inspektors, im Knopfloch das Band des EK II und des Verdienstkreuzes und unter der linken Brust das EK I. Der linke Ellenbogen war merkwürdig steif angewinkelt.
22
Es war wirklich Günther. Lachenden Gesichts stand er da, als wäre das die selbstverständlichste Sache und sagte: „Servus Papa!“ Der Papa sagte nichts. Es schoß ihm vom Herzen her heiß in die Augen. Dann hielten sie sich in den Armen und da hatte auch der Junge nasse Backen. „Ganz unsoldatisch!“ lachte er, noch schluckend, „aber schön“. Ja, es war schön, wenn die Freude eines unerwarteten Wiedersehens zwischen Vater und Sohn so groß war, daß sie das Herz umdrehte. Aber dann war die Erschütterung vorüber und nur das tiefe Glücksgefühl da. Amtmann Racke zog seinen Günther zum Schreibtisch, sagte: „Darauf müssen wir erst einen trinken“, holte eine Flasche Kognak und zwei Gläschen heraus. Sie tranken einander zu. Jetzt lachten ihre Augen ohne Schleier. Und sie mußten sich noch einmal an beiden Händen fassen und sie pressen und noch einen trinken. „Wieso bist du hier und wie lange kannst du bleiben? Hast du Hunger?“ „Danke, gegessen habe ich schon. Ein gutes Quartier habe ich auch und ein, zwei Tage werde ich hier sein. Wenn du Zeit hast, erzähle ich dir alles.“ „Das wäre in meinem Quartier bei einer Flasche Wein gemütlicher gewesen, aber ich muß hier noch warten, bis mein Assistent die rechnerische Auswertung eines Berichtes der Haupteisenbahndirektion Süd vorgelegt hat. Sie muß bis morgen früh durch Fernschreiber bei der 2. Staffel der Planungsabteilung des Transportchefs sein. Also schieß los!“ Racke stopfte sich seine kurze Pfeife, Günther Racke steckte sich aus einer väterlichen Packung eine Zigarette an und erzählte. Der Alte unterbrach ihn mit keinem Wort, aber der Stolz auf seinen Jungen sprach aus seinen Zügen. Daß es für Günther keine größere Belohnung hatte geben können, als Julius' Händedruck, sein Vertrauen, seinen Auftrag — das konnte er ihm nachfühlen. Nach einer Stunde kam der Assistent, brachte die Berechnung, Racke überprüfte noch einmal kurz das Material, schrieb quer und gab es wieder mit zur Unterzeichnung durch den Referenten für den Fernschreiber. 23
„So, Günther, nun können wir in mein Quartier gehn und noch einer Flasche den Hals brechen.“ Günther sah auf die Uhr. „Seit wann bist du heute im Dienst?“ „Seit halbneun.“ „Also fünfzehn Stunden. Da ist es höchste Zeit für dich zu schlafen. Die Flasche werden wir morgen trinken.“ Arm in Arm — ohne Rücksicht auf militärische Form — gingen sie durch die nächtliche Stadt. Günther hatte noch viel zu erzählen und ehe sie sich's versahen, waren sie vor Racke Seniors Quartier. „Willst du nicht doch noch mit hinaufkommen?“ „Nein, Papa. Du mußt jetzt schlafen. Ich bin ja heute den ganzen Tag bei dir oder in deiner Nähe, weil ich den Apparat der Betriebsleitung Osten und ihre Aufgaben ein wenig studieren will und mit dem Chef des Näheren meinen Einsatz besprechen muß. Wir essen zusammen Mittag und wenn du am Abend ausnahmsweise zeitig Schluß machst, dürfen aus der Flasche ruhig zwei werden.“ „Dann also Gute Nacht, Günther!“ „Gute Nacht, Papa.“ Sie gaben sich die Hand und der ausgewachsene Reichsbahninspektor Günther Racke küßte seinen Vater, wie er es von klein auf gewohnt war. Der sah ihm, unter der Türe stehend, nach, bis ihn die Dunkelheit verschluckt hatte. Noch einmal so jung sein! Wenigstens innerlich so jung sein können! Trotz aller Not, aller Gefahr, all des Sterbens ringsum diesen Glauben an das Leben haben! Nicht von hundert Skrupeln gepeinigt werden! Zu solch selbstverständlicher Hinnahme der Aufgabe, die einem das Schicksal in dieser ernsten Zeit stellte, fähig sein! Eine herrliche Jugend hatte das Hitlerreich, das mußte ihm der Neid lassen. Sie sah nur ein leuchtendes Ideal, ein großes Ziel. Nicht die Tragödien am „Wege, die Dramen der Mißgriffe, Irrtümer und der Gewalttaten. Nicht die hirnverbohrte Unduldsamkeit, den Ungeist großer und kleiner Machthaber. Was sind aus der Ferne die Flecken auf der Sonne? Nur, wenn man ihnen ganz nahe
24
kommt, werden sie so groß und furchtbar, daß man keine Sonne mehr sieht. Günther Racke ging mit dem federnden Schritt des körperlich gesunden, seelisch klaren und durch sein Erleben beschwingten jungen Mannes dem Bahnhof zu. Nicht einmal dieser immerwährende Regen konnte ihn mißmutig machen. „Regentropfen, die an mein Fenster klopfen“, summte er und lachte in sich hinein, pfiff leise ein paar Takte und summte wieder: „Sie sind ein Gruß von dir ...“ Mißtönig schlurfte ein Haufen Landser daher, die Stahlhelme als Schirme auf den in die Schultern gezogenen Köpfen. Die Gasmasken schepperten gegen all das Zeug, das am Koppel hing. Einer stieß ihn fast um, knurrte, ohne aufzusehen: „Paß doch auf, Rindvieh!“ „Danke gleichfalls“, gab Racke trocken zurück. Näher kam der dumpfe Lärm des Bahnhofs. Hier war nicht kriegsmäßiger Behelfs-, hier war Friedensbetrieb. Polens Eisenbahner standen nahezu vollzählig im Dienst. 70.000 waren es schon im April vorigen Jahres gewesen. 3.000 polnische Lok und 150.000 polnische Güterwagen waren dem deutschen Kontingent eingefügt worden. 20.000 polnische Eisenbahner hatten im russisch besetzten Teil ihres Vaterlandes Dienst gemacht, nun arbeiteten auch sie auf deutscher Seite, soweit sie nicht mit nach dem Osten verschleppt worden waren. Was aber hatte geleistet werden müssen, ehe dies alles so weit war! Hinter der kämpfenden Truppe waren die Eisenbahner vorgestoßen. Sie schüttelten nicht die Köpfe vor den zerstörten Gleisanlagen, Bahnbetriebs- und Fernsprecheinrichtungen, vor den ausgebombten, ausgebrannten Gebäuden. Sie packten zu, stellten mit primitivsten Mitteln her, was am dringendsten gebraucht wurde, was am raschesten wieder in Ordnung gebracht werden konnte. Die Gleis- und Weichenbautrupps, die Brückenbautrupps der Eisenbahnpioniere, diese feldgrauen Stoßtrupps des Fronteisenbahnverkehrs, waren überall, wo Schienen das Land durchzogen. Kaum rollten die ersten Räder auf einer Strecke wieder, so waren Bauzüge zur Stelle, Rammpfähle, Träger für Hilfsbrücken, Eisenbahnbrückenbaukräne. Und den grauen 25
Bautrupps folgten die blauen Eisenbahner auf dem Fuße, Bahnhofs-, Fahr- und Werkstättenpersonal. Sie übernahmen Bahnhöfe, während am Horizont noch die Brände der Kämpfe leuchteten, und sie fuhren in den Donner der Geschütze hinein. Spezialtrupps stellten die unbrauchbar gemachten Fernmeldeanlagen wieder her. Sie warfen 8.000 zerstörte Güterund Personenwagen aus den Geleisen oder drängten sie in toten „Winkeln zusammen. 25.000 Waggons wurden in die Ausbesserungswerke gebracht. Die Hälfte aller polnischen Loks war betriebsunfähig; man kuppelte sie zu Dutzenden aneinander und fuhr sie zur Reparatur. Lok! Lok! Lok! begeisterten sich die Generalstäbler des Transportwesens, wenn sie die schwarzen Schlangen stehen sahen. Schrott! Schrott! Schrott! grinste und fluchte der Eisenbahner. Dabei waren die Lebens- und Arbeitsverhältnisse der Beamten und Arbeiter im allgemeinen äußerst unzulänglich und unangenehm. Die ursprünglich in Lodz eingerichtete EisenbahnDirektion und ihre Betriebsabteilung Krakau, die nun ja inzwischen zur Generaldirektion der Ostbahn ausgebaut und erhoben worden war, taten was sie konnten, um die vielerlei Widerwärtigkeiten, die der Behelfsmäßigkeit des Einsatzes entsprangen, wenigstens zu lindern, bessere Unterkünfte zu gewinnen, die ungenügende Verpflegung zu verbessern, die Einrichtungen für einen geregelten Betrieb zu beschaffen. Aber die Truppe selbst, die kämpfende Front ging vor. Die Eisenbahner waren und blieben fast ganz auf sich selbst gestellt, was die leibliche Existenz und die berufliche Leistung betraf. Sie meuterten gegen die Zustände mit den Mäulern und meisterten sie mit Köpfen und Fäusten. Jäh aus der Sicherheit und der selbstverständlich gewordenen Ordnung und Annehmlichkeit ihres bürgerlichen Lebens herausgerissen, verfluchten sie Hitler und seinen Scheißkrieg, wie es auch der Landser tausendfach tat, waren wütend vor Heimweh nach Weib und Kind, nach einem geregelten, vernünftigen Essen und einem anständigen Bett — und münzten Zorn, Schmerz und Trotz, Entbehrung und Schwierigkeiten in eine erstaunliche Leistung um.
26
Günther Racke lachte halblaut vor sich hin. Ja, nüchtern gesehen, waren sie alle Narren. Und der größte von all diesen Narren war er, weil er sich freute, jetzt, da die Eisenbahner seit zehn Wochen die härteste Prüfung zu bestehen, das größte Verkehrsproblem zu lösen hatten — Rußland! —, mit dabei sein zu dürfen, während sich Tausende glücklich schätzen würden, nicht dabei sein zu müssen! Vielleicht freute er sich auch darum besonders, weil er eine so vielseitig interessante Aufgabe zu erfüllen hatte und nicht an eine Dienststelle, einen einförmigen Tageskreislauf gebunden, sondern freizügig war. Heute hier, morgen dort. Heute im Stellwerk, morgen auf der Lok. Heute auf der Verladerampe, morgen beim Brückenbau. Bald im rastlosen Getriebe eines wichtigen Knotens, bald mit der Draisine auf der Strecke oder in der Einsamkeit einer weltverlorenen Station in endlosen Wäldern... Inspektor Racke stand vor dem Bahnhof und hätte nicht sagen können, wie er hergekommen war, so tief war er in die Gedanken seiner närrischen Eisenbahnliebe versunken gewesen. Lokomotiven qualmten, keuchten leise und zischten ab und zu. Es stank nach Kohlenrauch. Rufe waren laut. Wagentüren wurden geschlagen. Läutewerk schlug an. Racke ging nicht in sein Quartier hinüber, er ging durch zwei Kontrollen auf den Bahnsteig. Es roch nach nassen Kohlen und nach Schmiere, nach nassen Schwellen, Schotter und Stahl. Ja, auch Stahl hat einen Geruch. Und er atmete diesen Geruch mit Freude. So verrückt war er! Was war denn schon ein Eisenbahner? Geplagt, voller Verantwortung, in seiner Masse schlecht bezahlt und ohne besonders verlockendes Vorwärtskommen. Pension — na ja, keine unmittelbaren Sorgen im Alter, wenn man sich nach der Decke streckte. Auch die Liebe zum Beruf geht in der Regel und meist notwendigerweise durch den Magen. Und doch hingen die Lokführer an ihren Lokomotiven wie an lebenden Wesen! Und doch waren den Heizern Kohle und Dampf, Öl und Schmiere Elemente ihres seelischen Wohlbehagens! Und doch bediente der Fahrdienstleiter die Hebel der Weichen und Signale mit derselben inneren Hingabe, mit der ein Kapellmeister die 27
Instrumente seiner Kapelle dirigiert! Der Rangierarbeiter setzte seinen Stolz darein, daß er so federnd wie möglich vom Trittbrett sprang und so rasch wie möglich an- und abkuppelte, der Ladeschaffner seinen Ehrgeiz, daß auch bei unvorhergesehenen Schwierigkeiten alles pünktlich klappte und der Zugführer mit dem roten Lackbandelier empfand seine Bedeutung und Verantwortung nicht geringer als ein Kapitän auf irgend einer Kommandobrücke. Ja, der Streckenarbeiter hörte dem Takt und Klang der Stopfhacken die gute oder schlechte Stimmung der Rotte ab. Sie waren alle, trotz ihrer vermeintlichen Distanz, mit ihrem Eisenbahnerberuf stärker verbunden, als sie wahr haben wollten. In einem Zipfelchen ihres Herzens liebten sie ihn eben doch, selbst wenn sie sich im Alltag des Dienstes dieser Liebe nicht bewußt waren. Auch unter ihnen waren viele heimliche Romantiker. Ohne diese großen, tragenden seelischen Kräfte wären ihre Pflichttreue und ihre Leistungen im entsagungs- und gefahrvollen zweijährigen Kriegseinsatz undenkbar... Racke lief um die Züge herum, ließ sich von den Schienensträngen hinauslocken. Er war ja nicht müde. Er hatte den ganzen Tag gesessen und geschlafen. Die Bewegung tat ihm gut. Er hörte und sah Signale klappen, „Weichen schnappen, Weichenlaternen sich drehen, wich anrollenden Zügen aus. Ab und zu wurde er barsch angerufen, von Bahnschutzmännern oder einer Streife der Bahnhofswache kontrolliert. Er stieg auf steiler Eisentreppe in ein Stellwerk hinauf. Es war nicht anders als daheim. Ein paar Worte nur; zu langer Unterhaltung war keine Zeit. Dem polnischen Gehilfen mit den Hungeraugen steckte er ein paar Marken zu und dachte: wenn der Hunger nicht wäre, könnten die Polen eigentlich froh sein, sie haben den Krieg hinter sich. Auf dem Rückweg kam er an einem kleinen Schuppen vorbei. Die Türe war nur angelehnt und er glaubte, ein Geräusch zu hören, obgleich es drinnen Nacht war. Mehr aus Neugier als aus Mißtrauen stieß er die Türe weiter auf und leuchtete mit der Taschenlampe hinein. Der Schein fiel auf Geräte, meist Schaufeln und Hacken, wanderte langsam weiter und da stand ein Mädchen, ganz zurück an die Wand gedrückt. Eine Sekunde sah 28
er ein rundliches blasses Gesicht, zwei dunkelumrandete Augen, dann hielt sie geblendet beide Arme davor. Sie war vom Kopf herab in ein buntes Umschlagtuch gehüllt, unter dem ein dürftiges Röckchen gerade bis über die Knie reichte. Sie hatte goldglänzende, mehrfach gestopfte Seidenstrümpfe und rissige Lackstöckelschuhe an. Racke blieb unter der Türe stehen und knipste die Lampe aus. „Was tun Sie hier?“ fragte er ruhig. Er konnte sie nicht mehr erkennen, hörte aber, daß sie sich bewegte. „Co?“ fragte sie. Was? „Verstehen Sie nicht deutsch? — Nie rozumiesz?“ „Klein etwas.“ „Dobrze — Was da machen?“ „Czekac. Ich warten.“ Er ging einen Schritt hinein und knipste die Lampe, sie gegen die Decke haltend, wieder an. Nun sah er sie genau, ohne sie zu blenden. Sie hatte ganz reizvolle, ein wenig katzenhafte Züge, von einer Art hilflos trauriger Verworfenheit und Furcht gezeichnet. „Auf wen warten?“ „Mezczyzna“. „Was ist das? Co to jest?“ „Pan. Mann.“ „Was für Mann?“ Sie zuckte die Achseln. Vielleicht verstand sie die Frage nicht, vielleicht wußte sie nicht, was sie darauf antworten sollte. „Warum Mann? — Dlaczego?“ Sie gab wieder keine Antwort. „Antworte!“ verlangte er. „Odpowiedz!“ Sie zögerte, als er aber einen Schritt auf sie zumachte, sagte sie hastig: „Pan Brot. Pan.....“ Es war ein häßliches Wort. „Haben Sie den Schlüssel hier? Klucz?“ fragte er und zeigte auf das Schloß. „Nie. Pan hat.“ Gut, er werde warten.
29
Er unterhielt sich weiter mit ihr. Sie verstand schon recht viel deutsch und er suchte sein Landserpolnisch aus den ersten Kriegsmonaten vollends zusammen. Sie verlor die anfängliche Furcht, der Offizier Eisenbahn würde sie der Gestapo übergeben. Sie schützte schon seit einem Jahr auf diese Weise ihre kränkliche Mutter und die drei jungen Geschwister vor dem Hunger. Erst sei es sehr schlimm gewesen und sie habe viel geweint, aber Hunger war schlimmer. Der Hunger der anderen noch mehr als der eigene. Jetzt sei es ihr gleich. Manchmal tue sie es gerne. Ob immer die gleichen Männer zu ihr kämen? Mal der eine, mal der andere. Meist Soldaten von den Transporten. Woher die es wüßten? Sie zuckte die Achseln. Sie dürfe doch bei Nacht nicht auf der Straße sein? Sie komme schon am Abend und bleibe, bis wieder Tag sei. Die ganze Nacht? So herumstehn? Sie schüttelte den Kopf, deutete auf die hinterste Ecke. Ein Strohsack mit einer alten Decke lag dort. Auch konnte sie ja zu Hause den ganzen Tag schlafen. Sie löste sich von der Wand und kam langsam zu Racke her. „Bißchen Brot? Bißchen Maslo? Buttärr?“ Er schüttelte den Kopf. „Leider nein. Nur bißchen Czekolada.“ Er kramte in seiner Tasche und gab ihr die in Stücke gebrochene halbe Tafel. Sie flüsterte „danke“, steckte hastig ein Eckchen in den Mund, den Rest irgendwohin unter das Umschlagtuch. „Harr Offizier gutt. Sär gutt“, sagte sie leise. „Ja ciebie lubie. Ich dich lieben.“ Er fühlte ihre Hand. Er stieß sie nicht fort. Er hielt es nicht für Rasseethik, sondern für Irrsinn, den Verkehr mit Polinnen als Rassenschande zu diskriminieren. Er streichelte einen Augenblick ihre Hand. „Mich brauchst du nicht zu bezahlen“, sagte er ruhig. Sicher hatte sie ihn falsch verstanden, denn sie schlang die Arme um ihn und sagte eifrig: „Nie, nie! Nix bezahlen. Ich dich serr lieben. Ich serr gutt......!“ 30
Sie sagte wieder das vulgäre Wort. Er schob sie freundlich von sich und erklärte ihr, daß sie dieses Wort nicht sagen dürfe. „Alle sagen“, meinte sie erstaunt. Nur weil sie nicht polnisch können, entschuldigte er und lenkte ab. „Hat dir heute Nacht noch keiner Brot gebracht?“ Im gleichen Augenblick wurden langsame schwere Schritte hörbar, sie sagte lebhaft: „Pan!“ und er dachte: wenn man vom Esel spricht, kommt er. Er mußte mit ihm reden, aber er wollte es nicht vor der Polin tun. Rasch grüßte er: „Dobranoc“ und war mit drei Schritten draußen, hörte hinter sich ihr leises, bedauerndes „dowidzenia“, da tauchte schon der Kommende vor ihm auf, verzögerte den Schritt, sah Racke, der jetzt stehengeblieben war, mißtrauisch von der Seite an, murmelte etwas Unverständliches und wollte weitergehen. Er hatte ein halbes Brot unter den Arm geklemmt. Racke hielt ihn auf: „Einen Augenblick, bitte. Ich möchte ein paar Worte mit Ihnen reden.“ Der Mann war einen halben Kopf größer, hager, mindestens fünfundvierzig Jahre alt. Er sagte nichts, wartete nur. „Sie haben den Schlüssel zu dem Geräteschuppen dort, nehme ich an. Ich will Ihnen einen kameradschaftlichen Rat geben: Schließen Sie den in Zukunft ordnungsmäßig ab. Das Mädel hat auf dem Bahngelände nichts verloren.“ Der Mann sagte zunächst nichts. Aber um so deutlicher stand in seinem verfinsterten und geröteten Gesicht geschrieben, was er gesagt haben würde, wenn er gewußt hätte, was er sich diesem fremden Inspektor gegenüber herausnehmen konnte. Endlich meinte er verächtlich: „Was ist schon dabei. Kein Mensch hat sich bisher darum gekümmert. Man wird doch so ’nem armen Ding 'n bißchen helfen dürfen.“ „Sicher darf man das. Man dürfte es sogar, ohne dafür so ein armes Ding zur Hure zu machen.“ „Na, na! Was heißt da schon Hure? Sind Sie immer so moralisch, Inspektor? Ich denke doch, eine Liebe ist die andere wert. Das ist auf der ganzen Welt so und nicht nur bei uns Proleten, sondern je höher hinauf, je schlimmer. Bei dem Mädel da geht's um ein Stückchen Brot, bei denen in den Illustrierten um 31
Glanz und Ruhm. Das wissen Sie doch auch, daß der Weg des Mannes zum Erfolg über Leichen, der Weg der Frau durch die Betten geht.“ „Sie scheinen belesener zu sein, als man Ihnen ansieht“, sagte Racke aufgeräumt. „Aber Sie sollten nicht verallgemeinern. Und mit dem Bahnschuppen hat das nichts zu tun. Daß die Sache hier nicht in Ordnung geht, darüber sind Sie sich ja auch selbst klar. Wenn einmal der Unrechte dahinter kommt, kann das sehr unangenehme Folgen für Sie haben. Gute Nacht.“ Während Günther Racke wieder dem Empfangsgebäude und vom Bahnhof seinem Quartier zuging, stand neben dem Bild der Polin Evas Bild. Er hatte Mitleid mit dem Mädchen im Schuppen, er verachtete es auch nicht. Aber Eva hätte niemals diesen Weg gewählt. Das Los eines Menschen wird nicht allein von den äußeren Ereignissen, sondern von deren geistiger Verarbeitung bestimmt, vom Charakter des Menschen. Es ist das Produkt aus beiden Komponenten. Und noch entscheidender waltet das Filter der Seele zwischen dem Schicksal eines Weibes und seinem Leibe. Günther Racke ging leise durch den schlafenden Barackenbau in seinen Verschlag, nahm das dicke Tagebuch aus dem Gebirgsjägerrucksack und der wasserdichten Hülle, setzte sich auf den harten Stuhl an den kleinen wackeligen Tisch, blätterte in seinen Aufzeichnungen, füllte ein paar neue Blätter, löschte das Licht und öffnete das Fenster. Er zog sich aus, ging in den Duschraum, schlüpfte in den Trainingsanzug und legte sich auf das schmale Feldbett in dem Gefühl, mit dem Dasein und dem lieben Gott recht gut zu stehen. Seit sein Herz Eva gehörte, wußte er auch, daß nicht nur das Weib ohne den Besitz des Mannes sein, sondern auch der Mann die Vereinigung mit dem Weibe entbehren kann, ohne körperliche und seelische Schäden zu erleiden, mit denen er seinen „Anspruch“ auf die Befriedigung der Begierde so gerne begründete. Liebe und Liebe ist nicht dasselbe. Die echte große Liebe kennt keine Untreue, sie kennt nicht einmal die Versuchung. Und ihre Sehnsucht ist nicht Pein, sondern erfüllt das Blut mit einem zauberhaften Licht, dem Morgenlicht eines immerwährenden, lebenfüllenden Glücks. 32
3. KAPITEL
„Lieber Dornberg, man muß eben auch mal alle fünf gerade sein lassen können, wenn man bei diesen Verhältnissen überhaupt weiterkommen will.“ Der Chef der Haupteisenbahndirektion Mitte sah seinen Dezernenten, der neben seinem eigenen Ressort auch die Aufgaben des noch immer nur auf dem Papier vorhandenen Betriebsleiters und Bahnbevollmächtigten zu erfüllen hatte, besorgt an. Der schwere Ostpreuße überragte den schnittigen, höchstens fünfunddreißigjährigen Reichsbahnrat an Höhe und Breite. „Seien Sie vernünftig“, setzte er leise mahnend hinzu. „Das müssen Sie dem Transportchef sagen, Herr Präsident,“ kam es prompt und keineswegs ängstlich zurück. Der Präsident blickte schräg hinüber zu dem jungen Inspektor, diesem ein wenig verdächtigen Sonderbeauftragten des Ministeriums und auf den Leiter der Transportkommandantur. Inspektor Racke sah so liebenswürdig heiter und objektiv interessiert drein wie zu Beginn der Unterredung und Hauptmann Lohrmann lachte nur. Dr. Dornberg fuhr heftig fort und er wandte sich mehr an den fremden Besucher: „Man fordert und fordert, aber hat man uns auch instandgesetzt, unserer Aufgabe überhaupt gerecht zu werden? Mit leeren Händen hat man uns losgeschickt, als ob wir hexen könnten. Ich kann aber nicht kommandieren: Bahnhof stillgestanden! Lok marsch, marsch! und dann geht alles wie am Schnürchen! Mit dem größten Maul kann man keine Bahnhöfe ordnungsmäßig bedienen, die von den meisten Betriebsmitteln noch entblößt sind, kann man auch keine Breitspur mit Normalbahn befahren und umgekehrt.“ Der Hauptmann sagte gemütlich: „Na, dort wo die Blauen hinkommen, ist ja vorgearbeitet und der Betrieb schon in Gang. Sie brauchen ihn nur auszubauen und so zu mehren, daß
33
gefahren werden kann, was nun einmal gefahren werden muß, um den besetzten Raum nachschubmäßig zu bemeistern.“ „Richtig, Herr Hauptmann. Und“ — Dornberg wandte sich wieder vorwiegend Racke zu — „das ist eben das Schwierigere. Ich bin der letzte, der die Bedeutung und Leistung der Eisenbahnpioniere und der Feldeisenbahner auch nur mit einem entfernten Gedanken herabsetzen möchte. Aber sie fahren eben, so gut es geht, und nicht schneller und nicht mehr Züge als möglich. Sie bessern und mehren die betriebliche Leistung nicht aus dem Nichts, sondern im Zuge des laufenden Wiederaufbaues der Einrichtungen und der vermehrten und vollkommeneren Betriebsmittel. Wir Blauen aber sollen auf einmal Regelbetrieb machen, wie wenn alles in friedensmäßiger Ordnung wäre. Bei uns soll es gleich wie am Schnürchen gehen. Sie wissen, Herr Präsident, daß uns keine russischen Fahrpläne zur Verfügung standen, aus denen man sich ein Bild hätte machen können. Als wir in Brest anfingen, wußten wir überhaupt nicht, wie es auf den Bahnhöfen und Strecken aussah. Die Feldeisenbahner mußten der Front auf den Fersen bleiben, die, von unserer Aufgabe aus gesehen, viel zu rasch nach Osten stieß. In wochenlanger Arbeit mußten wir uns erst einmal durch Erkundungstrupps die nötigen Angaben verschaffen, um überhaupt einen Überblick zu gewinnen, wo für den Wiederaufbau des Eisenbahnnetzes die Hebel anzusetzen waren. Dieser Tage habe ich im Fieseler Storch persönlich die Strecke nach Smolensk erkundet. Ich müßte drei Köpfe, drei Paar Hände und dreimal vierundzwanzig Stunden im Tag haben, um mit friedensmäßiger Gründlichkeit die Arbeitslast bewältigen zu können, die auf der Betriebsleitung ruht. Meine Mitarbeiter tun, was sie können, aber mehr als das Menschenmögliche können sie nicht tun. Dabei ist zu berücksichtigen, daß wir schon zahlenmäßig nicht ausreichen. Daß aber außerdem viele der Beamten auf den Posten, die sie hier zu versehen haben, noch nie beschäftigt waren, vermehrt noch unsere Schwierigkeiten. Selbst der beste Wille und der unermüdlichste Fleiß vermögen mangelnde Sachkunde und praktische Erfahrung nicht zu ersetzen. Sie lernen mit Eifer, aber eben, sie lernen erst.“
34
Der Präsident benutzte die Atempause Dr. Dornbergs, um dessen erregten Ton zu entschuldigen: „Sie sind überreizt, durchaus verständlich bei Ihrer Überarbeitung“. Und zu Lohrmann und Racke gewendet, fügte er hinzu: „Seit Wochen ist mir ein Rätsel, wann dieser Mensch eigentlich schläft!“ „Weiß ich“, nickte der Hauptmann. „Sein einziger Fehler ist seine übermäßige Gründlichkeit und seine Offenherzigkeit über die eisenbahntechnisch unzulängliche Vorbereitung dieses Russlandfeldzuges, mit der er die oben vor den Kopf stößt.“ „Es ist doch aber so, Hauptmann! Ohne Kohle und Wasser kann man keinen Dampf machen. Und man kann eine Lok nicht an die Wand stellen, weil sie defekt auf der Strecke liegen bleibt, und zwei andere für sie vorspannen, die man nicht hat. Das hat die Vorsehung nun einmal nicht vorgesehen.“ „Der Transportchef müßte eben selbst einmal an Ort und Stelle die Verhältnisse studieren“, bemerkte der Präsident. „Unser Streckenbereich umfaßt jetzt schon über 100.000 Quadratkilometer und fast täglich kommen neue Streckenteile nach Norden und Osten dazu. Wir stehen vor der Übernahme bis Polozk—Witebsk—Smolensk und Bobruisk—Shlobin—Gomel. Jetzt haben wir insgesamt etwa 13.000 Mann im Dienst, in acht Tagen werden es vielleicht 15.000 sein.“ „Aber es herrschen durchaus keine Friedensverhältnisse bei uns“, warf Dr. Dornberg wieder ein. „Luftangriffe da und dort und auch Partisanen behindern die Leistungen. Fünf bis zehn Überfälle verschiedenster Art mit mehr oder weniger großen Schäden und längeren oder kürzeren Verkehrsunterbrechungen werden uns täglich gemeldet. Und ich fürchte, das ist nur ein Anfang und wird noch viel schlimmer werden.“ „Wird auch alles umgehend und schleunigst weitergemeldet,“ sagte der Präsident lebhaft. „Die militärischen Transportdienststellen sind unterrichtet“, bestätigte Lohrmann. „Aber sehen Sie, meine Herrn, der Transportchef wird schließlich genau so getreten, wie er uns tritt. Er ist nicht Urheber der Forderungen, sie werden von der militärischen Führung gestellt. Von ihrer Erfüllung hängt, zumal jetzt, bei der Verschlammung der Straßen die Entscheidung ab, ob wir unseren Siegeslauf fortsetzen, die Frontlage meistern 35
können oder nicht. Es kommt alles darauf an, daß das Transportwesen funktioniert und wenn der Teufel auf Stelzen kommt! Dafür ist der Transportchef verantwortlich. Bekanntlich sind auch Generale gegen das Erschossenwerden nicht gefeit. Vom höchsten Truppen- oder Eisenbahnbefehlshaber bis zum letzten Landser und Eisenbahner steht jeder unter dem eisernen Zwang, den die Notwendigkeit auferlegt, den Krieg zu gewinnen. Nur daß der Anschiß von oben nach unten, die Wut jedoch von unten nach oben geht. Sie, Herr Reichsbahnrat, setzen sich zu leidenschaftlich ein und sind zu empfindlich. Man muß beim Kommiß ein gewisses Mittelmaß pflegen, sich mit Gleichmut in Unvermeidliches fügen lernen, auch einmal ein X für ein U gelten lassen können und um Gotteswillen nichts tragisch nehmen. Am Kommiß zerbrechen nur zwei Typen von Charakteren: Äußerlich der Rebell, weil er keine Chance hat, und innerlich der glücklicherweise nur selten vorkommende übersensible Schöngeist und seine eingebildeten Talmiausgaben in körperlich schlapper Hülle und ohne ausgleichenden Humor. Sie aber sind doch ein Mordskerl, Dornberg! Sie nehmen die Verhältnisse nur zu ernst und neigen zum Rebellen aus überlegener Sachkenntnis, Leistungswillen und Gründlichkeit. Nach den Gründen wird jedoch wenig gefragt. Mit etwas weniger Gründlichkeit, aber etwas mehr Konzession an die stramme Haltung auf der Grundlage einer doppelten Portion Humor kommen Sie weiter. Im zivilen Leben ist das doch auch nicht viel anders.“ Hauptmann Lohrmann zog sein goldenes Etui und bot eine selten gewordene gute Zigarette an. Alle vier rauchten. Dornberg blies zwei dünne Rauchstreifen durch die Nase. Sein finsterer Ausdruck hatte sich etwas entspannt. Aber jetzt, eben im Zustand der Entspannung, wurde seine übergroße Müdigkeit deutlich. „Ich meine, Sie sollten sich schlafen legen“, sagte der Präsident. „Ich bin sicher, Sie sind wieder einmal die ganze Nacht nicht aus den Kleidern gekommen.“ „Stimmt leider. Es mußten neue Bahnhöfe übernommen werden. Ich habe auch den immer dringlicheren Hilferufen der Station Nowy Wiezyczy stattgegeben, die nur mit drei Beamten besetzt ist, und ihr drei weitere Beamte zugeteilt. Sie kommen aus Lida und werden dort von neu zugegangenen Kräften, die sich erst in 36
Brest etwas eingewöhnen sollten, ersetzt. Was mir, auch von anderen Bahnhöfen an den Strecken durch die Rokitnosümpfe, über Wahrnehmungen verdächtiger Personen und Vorkommnisse berichtet wird, will mir gar nicht gefallen. Wiederholt wurde in letzter Zeit in der Dunkelheit auf Bahnbeamte geschossen. Nach Aussagen aus der Bevölkerung stecken die entfernteren und schwer zugänglichen Dörfer voll von versprengten russischen Soldaten und Partisanen. Viele Offiziere und auch Kommissare sollen sich unter ihnen befinden. Dabei sind die Strecken selbst in dieser zweifellos besonders bedrohlichen Gegend militärisch völlig unzureichend, meist überhaupt nicht gesichert.“ „Das wird durchaus eingesehen, ließ sich jedoch bisher nicht ändern“, sagte der Hauptmann. „Eben aber kommt zusätzlich ein Landesschützenbataillon nach Baranowicze und Luniniec.“ „Das ist ein Tropfen mehr auf einen heißen Stein. An den Strecken Zabinka—Luniniec und Baranowicze—Luniniec sind rund 30 Stationen zu schützen. Mit einer Handvoll Leute mehr kann man immer noch keine Anschläge größerer Banden verhindern, da man ja nicht weiß, wo sie stattfinden werden.“ „Richtig. Darum wird das überhaupt nie möglich sein, außer wir könnten das Hundertfache an Abwehrkräften einsetzen. Aber Ihre Eisenbahner selbst werden sich nicht mehr ganz so ausgesetzt und verlassen fühlen, die Heckenschützen werden nicht mehr so unbesorgt frech und das Minenlegen auf der Strecke wird nicht mehr so ungestört einfach sein.“ „Zugegeben. Es ist klar, daß ich keine hundert Mann einsetzen kann, wenn ich nur drei habe. Ich überlege mir aber, was daraus werden soll, wenn der Krieg noch lange dauert und die Partisanen Zeit haben, sich unter einheitlicher Führung zu großen Verbänden und taktisch gelenktem Einsatz zusammenzuschließen? Dann muß es ihnen ja gelingen, den Nachschub lahmzulegen, die Front gewissermaßen vom Hinterland zu isolieren. Und dann?“ „Sie sehen zu schwarz. Einer solchen Entwicklung würde natürlich rechtzeitig in vernichtenden Sonderaktionen entgegengetreten werden. Ich halte sie aber nicht für wahrscheinlich. Denn wie wollen die Banditenhaufen zu einer ausreichenden Bewaffnung und laufendem Munitionsersatz kommen? Und auf welch sicherer Grundlage wollen sie sich 37
verpflegen? Die Partisanenplage ist höchst widerwärtig, zugegeben. Sie kostet leider manchem das Leben, gerade auch manchem Eisenbahner. Sie verursacht Verluste an Nachschubgut und rollendem Material, Zerstörungen, Verzögerungen der Transporte, unaufhörliche Wiederinstandsetzungsarbeiten, Ärger über Ärger und Papierkrieg bei den leitenden zivilen und militärischen Stellen des Transportwesens, im Großen gesehen, handelt es sich aber doch mehr um ein lästiges Unwesen, im Einzelfall oft blutig und tragisch, aber nicht um eine ernstliche Gefahr. Die ganze Partisanentätigkeit ist, von höherer Warte aus beurteilt, auch nur ein Tropfen auf einen heißen Stein.“ „Ihre Aufmunterung tut gut, Hauptmann. Hoffentlich bleibt es wirklich bei dem Tropfen. Mir und denen, die ins Gras beißen müssen und ihren Familien reicht der schon.“ „Es ist eben Krieg und in diesem verfluchten Osten leider auch die Etappe ein unsicheres Pflaster. Der Eisenbahner, auch der friedliebendste blaue, muß in seinem eigensten Interesse zum Soldaten werden. Ich bin gewiß kein ziviler oder uniformierter Schreibtischmilitarist, der von sicherer Warte aus den Heldentod anderer fordert und womöglich noch als Schokolade anpreist, und es liegt mir nicht, den harten Zwang des Einsatzes der Eisenbahner mit großen Worten zu verbrämen, aber ich kann es nicht anders sagen: Wir brauchen zu den stählernen Straßen auch stählerne Herzen.“ Eine Weile schwiegen alle vier, dann sagte Dornberg leise: „Unglücklicherweise ist das Menschenherz aus Fleisch und Blut.“ Jetzt sah der eine, der bisher stumm, aber aufmerksam das Gespräch verfolgt hatte, der junge Inspektor mit der hohen Tapferkeitsauszeichnung, von einem zum anderen und ein einziges Wort kam von seinen Lippen, heiter und klar: „Glücklicherweise.“ Wieder schwiegen sie alle vier und alle vier dachten das Gleiche, ohne es von einander zu wissen. Sie dachten: Die drei Auffassungen widersprechen sich und doch sind sie alle drei richtig. Und sie ahnten dunkel, daß darin die Erkenntnis einer der großen tragischen Ursachen der menschlichen Passion verschlüsselt war.
38
Zu bereden war nichts mehr. Die vier gaben sich die Hände und trennten sich. Der Präsident machte sich über die neuesten Befehle, Beanstandungen und Berichte her. Dr. Dornberg mußte wirklich ein paar Stunden schlafen, sonst fiel er jetzt einfach um. Hauptmann Lohrmann hatte es eilig, in seine Dienststelle zu kommen. Nur Racke schlenderte gemächlich aus dem Haus und über den freien Platz zwischen den weit vorspringenden Seitentrakten des gewaltigen Bauwerks zum leeren Sockel des Denkmals Lenins, dessen Namen der Minsker Riesenbau trug. Er war in seiner weitläufigen, mit breiten Freitreppen belebten Anlage, seiner acht bis zwölf hohe Stockwerke umfassenden, starken vertikalen Gliederung imposant, aber wie alle diese Monumentalbauten der staatlichen Machthaber und der Parteibonzokratie in ihrem schreienden Kontrast zu der Masse der dürftigen Häuser, liederlichen Hütten und miserablen Straßen der Städte, eine groteske Enthüllung der ungeheuerlichen Lüge vom Sozialismus und der Herrschaft des Volkes in der Sowjetunion. Jetzt waren unter anderem im Westflügel die HBD, im Mitteltrakt die deutsche Dienstpost und im Ostflügel die Luftwaffe untergebracht. Racke sah lange nachdenklich auf die Fensterreihen, hinter denen die Büroräume der Haupteisenbahndirektion lagen. Um diesen temperamentvollen Reichsbahnrat hatte er Sorge; höherer Gewalt gegenüber mußte man sich biegen, um nicht zerbrochen zu werden. Das war auf der ganzen Welt so. Langsam ging Racke die Moskauer Straße hinaus bis zum Stadtgarten, an dessen einer Ecke das Stadttheater lag, bog ab zum sehr einfachen Marktplatz mit den Kirchen, die als Kino oder Lager benutzt worden waren, besah sich den dreistufigen, aber ziemlich plumpen Rundbau der Oper am Ostende der Stadt auf dem Hochufer des Swislocz, warf einen Blick hinüber zu den Lazaretten an der äußeren Moskauerstraße und ging am Soldatenkino vorbei, der ehemaligen russischen Militärakademie, in der es auch ein Schwimmbad gab, zurück. Ganze Häuserviertel, ganze Straßenzeilen waren zerstört von Bomben, Beschuß und Bränden, andere daneben und dazwischen fast unberührt. Die größten Gebäude, meist frühere Ämter, waren von der Wehrmacht belegt, in vielen anderen lagen 39
die Eisenbahner. Die Quartiere waren unterschiedlich, aber im allgemeinen für zivile Ansprüche dürftig, für Frontschweinansprüche fürstlich. Es kommt immer auf die Perspektive an. Wer nur noch Krautsuppen kennt, dankt Gott für ein trockenes Stück Brot, über das der andere, der täglich seinen Fleischgang mit Beilagen hat, die Nase rümpft. Wer die Behaglichkeit von Klubsesseln und Teppichen, Sprungfedermatratzen und Daunensteppdecken zu seinem Glück benötigt, wird sich bei Feldbett, nacktem Tisch und Stuhl zwischen vier kahlen Wänden trostlos fühlen. Ist er aber ein paar Wochen kämpfend durch Sonne, Wind und Regen gestapft, tageund nächtelang unter feindlichem Feuer in Schützenlöchern gelegen, dann wird ihm eine friedliche trockene Kartoffelmiete mit einer Schütte Stroh ein Stück vom Himmel sein. Als Racke zum Bahnhof kam, war auch Dornberg da. „Na nu, Herr Rat! Das war aber eine kurze Bettruhe! Wollen Sie verreisen?“ „Nein, das nicht, aber die drei Beamten für Nowy Wiezyczy möchte ich kurz selber noch sprechen. Sie sind jetzt eben mit dem Lazarett-Leerzug angekommen. Sie stehen auf meiner privaten Liste derjenigen Beamten der HBD, die den Ruf haben, ganz besondere Kerle zu sein. Sie haben sich bei der Aushebung von russischen Soldaten in Brest, die erst einige Zeit nach der Inbetriebnahme in den Kellern des Bahnhofs entdeckt wurden und sich nicht ergaben, als unerschrockene Draufgänger bewiesen. Genau genommen nur zwei von ihnen, aber der dritte ist ihr auserkorener Schützling, wie mir der Amtsvorstand mitteilte, und das Kleeblatt läßt sich nicht trennen; wäre ja psychologisch auch völlig falsch.« Da traten die drei auch schon ein. Dornberg war enttäuscht, als er sie nun vor sich sah. Er wußte allerdings, daß man von der Fassade eines Menschen nicht so ohne weiteres darauf schließen kann, was hinter ihr steckt, obgleich man sagt: In jedes Menschen Gesichte steht seine Geschichte. Die meisten Wahrheiten sind eben nur halbe Wahrheiten. Weil sie aber vom homo sapiens — ausgerechnet vernunftbegabt! — für voll genommen werden, geht immer alles erstens anders und zweitens als man denkt. 40
Der Reichsbahnrat gab ihnen der Reihe nach die Hand. Der ziemlich aufgeschossene, schlaksige Semmelblonde mit dem schmalen helläugigen Gesicht, der langen, auch seitlich ein wenig gekrümmten Nase, dem etwas zu kleinen, leicht zurückweichenden Kinn und dem vorspringenden Adamsapfel war der Sekretär Liebedorn, mit Vornamen Sigismund, geboren in Berlin 1911, im Jahre der außergewöhnlichen Hitze und Dürre, der tektonischen Erdbeben in Württemberg und des tausendsten, nun aber endgültigen Weltuntergangs, als Sohn eines Sachsen und einer Rheinländerin. Er schwor auf alle drei Stämme, obwohl Berlin kein Stamm, sondern eine Weltstadtschöpfung Zugereister war. Wie jeder zweite Deutsche war Sigismund Liebedorn mit der Berufung zum weltverbessernden Dichter und Denker, gekoppelt mit der Eignung zum Marschierer inklusive Marschallstab, zur Welt gekommen. Er hatte es in dieser Hinsicht bereits bis zum SA-Scharführer gebracht, aber es vorgezogen, statt lebenslang als Poet zu hungern, sich als einfacher, aber lebenslang freundlich versorgter Eisenbahnbeamter ausreichend zu ernähren. Sein Lieblingslied war natürlich: „Was kann der Sigismund dafür, daß er so schön ist“ und mit Bezug auf das weibliche Geschlecht hielt er es mit Hans Albers, seinem Lieblingsfilmschauspieler: „Greif zu, wenn man dir gibt und nimm! 's ist alles halb so schlimm!“ Doch besaß er einen ausgesprochenen Widerwillen gegen die Ehe und demzufolge einen besonderen Instinkt, der ihn bisher — auch für die Gegenseite ziemlich schmerzlos — vor dem Standesamt bewahrt hatte wie einen Fuchs vor der Falle. Vom Wehrdienst war er noch nicht erfaßt worden und als er eines Tages zur Ostbahn in Krakau versetzt wurde, hatte er nur gesagt: „Na ick weeß doch, dat et ohne mir nich jeht“, hatte den mittelgroßen Koffer gepackt und nach Beginn des Rußlandfeldzuges die Fahne Berlins zunächst in Brest, kurz darauf in Lida gehißt. Das wußte der Reichsbahnrat natürlich alles nicht, aber mit einem Blick sah er, daß der neben dem Preußen der Münchner Vorort-Betriebswart Josef Schepperl war, zu erkennen an der, einschließlich des Kopfes und Nackens, gedrungenen Gestalt, der ganzen gedrungenen Art sozusagen. Er hatte unter dichten 41
struppigen Brauen zwei dunkle ruhige Augen, denen gleichwohl nichts zu entgehen schien, und eine fast schwarze Bartbürste unter der gemütlichen Stumpfnase. Übermäßig liebenswürdig sah er nicht aus, eher auf „grantig“ eingestellt. Er ließ sich zweifellos nur im äußersten Notfall aus seiner privilegiert bayerischen Ruhe bringen, aber wenn es auf Zuverlässigkeit und Beharrlichkeit ankam, war er bestimmt am Platze und wo er mit seinen klobigen Fäusten hinschlug, wuchs wahrscheinlich so schnell kein Gras mehr. Schepperl war 35 Jahre alt, der jüngste von vier Bauernsöhnen und Eisenbahner im wörtlichen Sinne von der Pike auf. Er hatte alles in allem zwanzig Dienstjahre auf dem Rücken und war im Stande, jede Tätigkeit auszuüben, die auf einem kleinen Bahnhof anfiel, gleich ob als Rangiermeister, Lademeister, Aufsichtsbeamter oder Fahrdienstleiter. Er hatte eine Nachbarstochter geheiratet, in christlichen Ehren zwei Knaben und ein Mädchen gezeugt und ein rechtschaffenes und zufriedenes Leben geführt, in dem bei aller Bescheidenheit dank der beiderseitigen bäuerlichen Verwandtschaft weder die Schweinshaxe und das Geselchte, noch die täglichen zwei Maß gefehlt hatten. Für die Partei hatte er keine Sympathie aufbringen können; ihr ewiges Geschrei war ihm zuwider. Es wurde allerdings auch mancherlei geleistet. Man konnte weder recht ja, noch recht nein sagen. Außerdem war ein offenes Nein für einen Beamten nicht ganz so einfach wie für den Herrn Pfarrer, der es im übrigen auch meist verschleierte. Als aber dann der Krieg ausgebrochen war, hatte der Schepperl Sepp bedenklich den Kopf auf dem Stiernacken gewiegt: Deifi, Deifi! Itza war's gfeit! Aber ehe es mit dem Stalin losgegangen war, hatte man daheim noch ziemlich ungestört und ohne fühlbare Einschränkungen leben können. Als auch er sein Graffl packen mußte, in einer umfangreichen alten, aber unverwüstlichen Ledertasch'n versteht sich, hatte er ihm g'stunken wie noch nie in seinem Leben. Außerdem hatte ihn das Abschiedsweh so gepackt, wie er es überhaupt nie für möglich gehalten hätte. In der letzten Nacht hatte er an der Anni ihrem Busen „g'flennt wia a kloana Bua.“ Daß ihn der Hitler so weit gebracht hatte, das verzieh er ihm nie! 42
Es hatten noch mehr Männer, ältere und jüngere, ihre Koffer packen müssen, die einen mit einem Gestellungsbefehl zur Truppe, die anderen zur Organisation Todt oder für irgend einen fernen Rüstungsbetrieb. Die zusammengeschrumpfte Kapelle der Ortsgruppe hatte am Bahnhof gespielt und der Ortsgruppenleiter, der Simmerl, der Gastwirt, der Lackl, eine siegbegeisterte Rede gehalten, wie sie jeder Pimpf schon auswendig konnte, und die nur ein gezwungenes, schwächliches Sieg-Heil-Ende gefunden hatte. Denen mit den Koffern und den vielfach vom Abschied geröteten Augen und zusammengepreßten oder verlogen lachenden Mäulern war es nicht nach heroischem Einsatz zu Mute gewesen, noch weniger den Frauen und Müttern, die sich auf dem Bahnsteig die Tränen von den Backen wischten und xmal die Nase putzten. Aber man mußte eben den Parteirummel über sich ergehen lassen und auch den Arm heben. Als dann jedoch im Kupee ein gewisser Schepperl Sepp die Ledertasche ins Netz gefeuert und deutlich vernehmbar „leckts mi am Arsch!“ geknurrt hatte, war es wie ein Aufatmen durch den ganzen Haufen gegangen. Er hatte sichtlich den meisten aus der Seele gesprochen und es war mit einemmal alles gar nicht mehr so schwer gewesen. Nachdem der Abschied und das dürftige Geschwätz des sogenannten Hoheitsträgers überstanden war, hatte man garnicht mehr so trübe in die Zukunft gesehen. Dazu war bei solchen Heeresberichten auch wirklich kein Grund. Schade, daß einem das Parteimaul alles verleidete! Die braunen Uniformen sollten an die Front verschwinden! Das war Schepperls Auffassung! Goebbels voran! Das müßte doch die allerunbesiegbarste Kerntruppe des Führers geben! So hatte sich der Bahnhofsvorstand Josef Schepperl zwar mit einigen mißtrauischen Vorbehalten, sonst aber in solider seelischer Verfassung bei seinem neuen Amt gemeldet und nun seit Wochen seinen Dienst in dieser polnischen Wirtschaft mit der gleichen Pflichttreue getan wie all die Jahre in der Heimat. Außer der letzten Tatsache wußte Dr. Dornberg nichts von all dem, hätte es aber ruhig wissen dürfen, denn er war aus dem gleichen Holze geschnitzt, wenn auch in schwäbischer Form. Nur bot ihm seine höhere geistige und damit auch weitere politische Ebene einen umfassenderen Überblick über die Entwicklungen im 43
Leben der Völker und die weltpolitischen Zusammenhänge nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung. Er sah klar, daß der einzelne Mensch des 20. Jahrhunderts unentrinnbar eingeschlossen ist, gefangen ist im weltumspannenden Kampf der Völker um ihre freie Existenz, der entstanden ist aus Schuld und Tragik, Irrtum und Betrug und verbrecherischer Niedertracht zusammen. Und der dritte des Kleeblatts war der Assistent Glück. „Ihren Namen sieht man Ihnen nicht an“, lag es Dornberg auf der Zunge, aber er unterdrückte den Scherz, denn mit diesem Manne war ernsthaft etwas nicht in Ordnung. Und es sah so aus, als drücke ihn nicht nur eine vorübergehende seelische Depression, sondern ein immerwährender zehrender Gram. Eigentlich paßte er gar nicht zu den beiden andern. Oder im Gegenteil: er war ohne sie überhaupt nicht denkbar. Nicht lebensfähig. Wenigstens hier draußen nicht. Wahrscheinlich war das auch der tiefere Grund des Zusammenhalts der drei. Daß Glück mit Vornamen auch noch Hans hieß, war Dornberg im Augenblick nicht geläufig. Aber eben darunter hatte Hans Glück von seiner Schulzeit an gelitten. Alle Welt nannte ihn Hans im Glück und dabei war er ein ausgesprochener Pechvogel. Zweimal war er in der Schule sitzengeblieben und hatte es dann nur bis zum Einjährigen gebracht. Trotz des Einjährigen kam er im Beruf nicht vorwärts und in der Liebe erst recht nicht. Er hatte sich immer nur schwer an andere angeschlossen, obgleich ihn sehr nach Geselligkeit und Freundschaft verlangte. Andererseits war es, obwohl er, ungeachtet der über der Nasenwurzel fast zusammengewachsenen Brauen, ein recht hübscher Mensch war, schwer für ihn, einen steten Bekanntenkreis zu finden. Man fand ihn langweilig und trübsinnig. Und dann war seine unsinnige Verliebtheit in Hella gekommen. Sie war die Tochter seines Erfurter Hauswirts, eines Metzgermeisters. Zwanzig Jahre alt, eine rötlichblonde Katze. Pralles Fleisch, blühendes Antlitz und der Ausdruck einer verwirrenden Mischung von lebenslustiger Frische und unbekümmerter Verderbtheit im Gesicht. Er wußte von Mitbewohnern, daß sie von ihrem 16. Lebensjahre an, beginnend mit Studenten, Männer gehabt hatte. Jetzt waren 44
es Herrn, die braune oder schwarze Uniform trugen oder in einem mehr oder weniger teueren Wagen fuhren. Hans Glück nahm das als den Rechtsanspruch eines jungen Mädchens an den Glanz des Lebens und haßte die Nachbarinnen, die sich darüber die Mäuler zerrissen. Sie hätte aus dem Bordell kommen können, er hätte sie genau so geliebt. „Laß die Finger von ihr, du verbrennst sie!“ riet ihm jeder, der davon wußte. „Ich bin machtlos dagegen“, sagte er zu ihnen. Und zu ihr. Sie lachte ihn aus. Nicht so, daß es weh tat, nein, so war sie nicht. In netter Art lachte sie ihn aus, und sie lehnte nicht ab, auch mit ihm einmal ins Kino oder in eine Tanzbar zu gehen. „Sie sind eigentlich ein sehr hübscher und angenehmer Mensch“, sagte sie. Wenn er an ihrer Seite sein durfte, war er es auch. Sie ließ sich kleine Gefälligkeiten von ihm erweisen und schließlich auch küssen. „Aber nur freundschaftlich“, sagte sie. Nur Geduld, Hans im Glück! frohlockte er heimlich. Steter Tropfen höhlt den Stein. Er sprach hinter ihrem Rücken mit ihrem Vater. „Ich wäre ja froh, wenn sie vernünftig würde“, sagte der. „Eine anständige Aussteuer bekommt sie.“ Aber sie wurde nicht vernünftig, zumal die Frau Metzgermeister meinte: „Unsere Hella kann es weiterbringen, als zur Frau eines kleinen Eisenbahners.“ Hella wurde selbst dann nicht vernünftig, als Hans Glücks Mutter gestorben war, er das kleine Vermögen geerbt und ein SportKabriolett in Elfenbein und Schwarz gekauft hatte. Erst als sie der erste, bei dem sie auch mit dem Herzen stark beteiligt war, nach wenigen Wochen des bisher schönsten Rausches plötzlich verlassen hatte, war sie mitten in der Nacht zu Hans gekommen und hatte sich in seinem Bett ausgeweint. „Du bist doch der Einzige, der mich wirklich liebt und es ehrlich mit mir meint.“ Und weil mit dem Vater kein Auskommen mehr war, er ihr täglich drohte, sie hinauszuwerfen, sie aber vor dem Schicksal einer Geliebten am laufenden Band doch instinktiv zurückschreckte, stellte sie sich trotz aller Freiheitsliebe nicht auf eigene Füße, sondern ging mit Hans im Glück nach vier Wochen
45
aufs Standesamt und in einer Wolke von blütenreinem Weiß in die Kirche. Eine Woge von Seligkeit schlug über ihm zusammen. Außerdem war sie zu seiner Verwunderung eine ebenso tüchtige wie charmante Hausfrau. Er glaubte an ihre Liebe, las ihr jeden Wunsch von den Augen ab, wenn auch sein kleines Vermögen dabei vollends dahinschwand. Er zwang sich, nie auch nur einen eifersüchtigen Gedanken aufkommen zu lassen und wenn ihm das aus besonderem Anlaß einmal nicht ganz gelingen wollte, stürzte er sich mit verdoppelter Heftigkeit in die Rauschgiftbetäubung, die ihm ihr Besitz zu jeder Stunde bei Tag und Nacht gewährte. Die Marter unaufhörlicher Eifersucht begann mit dem ersten Jahrestag ihrer Hochzeit. Ein Dienstmann brachte eine große Kiste. Aus der Verpackung kam ein gußeisernes Hirschgeweih zum Vorschein. Ein Sechzehnender. Und dabei war eine „Widmung in Blockschrift auf Bütten gemalt: „Dem glücklichen Ehemann als Schlafzimmerschmuck gewidmet. Die mitfühlenden Nachbarn.“ Hella war vor Zorn scharlachrot geworden, er vor Scham und Leid weiß wie ein Leintuch. Dann hatte er zwei Koffer gepackt und war mitten in der Nacht wie ein Dieb mit ihr aus dem Haus in ein kleines Hotel in der Nähe des Bahnhofs gezogen. Er hatte bei seinem Amtsvorstand um Versetzung in eine andere Stadt gebeten. Obwohl er keine Gründe angegeben hatte, hatte der Vorstand ihm schweigend die Hand gedrückt. Und schon vierzehn Tage später waren sie nach Halle gezogen. Die Wohnung hatten sie getauscht, ohne sie und ohne einen Nachbarn oder eine Nachbarin wiedergesehen zu haben; den Umzug hatten Hellas Eltern besorgt. Auf Hans Glücks Antlitz war der Ausdruck chronischer Schwermut zurückgekehrt. Seine Liebe war unzerstörbar, aber jede Stunde, die er nicht bei ihr sein konnte, flatterte sein Herz in seiner Brust wie ein Vogel über seinem Nest auf brennendem Dach. Der Krieg war gekommen und man hatte ihnen das Auto genommen. Vor einem Vierteljahr hatte ihn dann der k. o.-Schlag des Schicksals getroffen: er mußte nach dem Osten. Seither
46
japste und zappelte sein Herz wie ein gefangenes Fischlein in einer brutalen Faust. Das war es. Das war die Gemütskrankheit, die man Glück beim ersten Blick ansah, ohne ihre Ursache zu kennen. Der Reichsbahnrat wußte das alles natürlich auch nicht. Ungefähr aber wußten es Schepperl und Liebedorn, bei denen dieser Hans im Unglück aus unklaren Empfindungen heraus wortlos Halt und Schutz gesucht hatte, und die aus ebenso unklaren Empfindungen heraus ebenso wortlos diesen Halt und Schutz übernommen hatten. Erst durch den seelisch umgekippten Kollegen waren sich auch Schepperl und Liebedorn näher gekommen und allmählich war aus allen dreien das unzertrennliche Kleeblatt geworden. Jetzt sahen sie gleichermaßen nicht gerade freundlich auf den Vorgesetzten mit den komischen rotumrandeten goldenen Querlappen auf den Schultern. Kaum hatten sie sich nun in Lida eingewöhnt, mußten sie schon wieder wandern! Daß er ihre dienstliche Tüchtigkeit und besondere Mannhaftigkeit anerkannte, dafür kauften sie sich gar nichts. Wenn man dafür mit Versetzungen bestraft wurde, mußte man in Zukunft eben weniger tüchtig und weniger mannhaft sein. „Also hören Sie genau zu“, sagte Dr. Dornberg: „Der Bahnhof Nowy-Wiezyzcy ist nur mit 3 Mann besetzt. Das ist in dem partisanenverseuchten Gebiet zu wenig. Ihre Kollegen brauchen daher unbedingt Hilfe. In nächster Zeit soll dort, was weiß ich wozu, ein Baubataillon ausgeladen werden. Auch mit einer Anzahl Baumaterialzügen ist zu rechnen. Sie können sich denken, was dann los ist! Das kann der kleine Bahnhof nur schaffen, wenn alles wie am Schnürchen klappt. Sonst stauen sich vor ihm die durchgehenden Züge und verstopfen mir die Strecke. Für diese Aufgabe brauche ich tüchtige und unerschrockene Männer, die improvisieren können und sich zu helfen wissen. Nach Ihren bisherigen Leistungen in Brest und Lida scheinen Sie mir die richtigen für diesen schwierigen Posten zu sein. Und noch eins! Die selbständigen Eingriffe der Truppe in den Betrieb müssen aufhören! Wenn jeder Offizier, Feldwebel oder SS-Mann, der nichts von der Eisenbahn versteht, befiehlt, wie 47
seine Wagen bevorzugt behandelt werden sollen, dann kann natürlich die Eisenbahn das nicht leisten, was von ihr verlangt wird. Berichten Sie mir sofort telefonisch, wenn Sie besondere Schwierigkeiten in dieser Beziehung haben. Und nun sehen Sie zu, daß Sie so schnell wie möglich an Ort und Stelle kommen! Fahren Sie mit dem ersten erreichbaren Zug, sobald Sie Ihre Verpflegung geholt haben!“ Mit diesen Worten schloß Dr. Dornberg seine eingehende Schilderung der besonderen Schwierigkeiten ihres neuen Bahnhofes. 49 „Oiso, schiab'n ma ab an Arsch da Welt“, meinte Schepperl und da weder Wortlaut noch Tonstärke Eindruck auf den Reichsbahnrat zu machen schienen, setzte er herausfordernd hinzu: „Größte Depp'n ham's leicht net g'fund'n?“ „Um diesen Gesichtspunkt hab' ich mich nicht gekümmert“, war die gleichmütige Antwort. „Aber wenn Sie der Meinung sind, daß das schwer gewesen wäre, möchte ich natürlich nicht widersprechen.“ Oha! dachte Schepperl. D'Fotz'n ist guat, bloß a bisserl gschwoll'n. Aber weil er Vorgesetzten grundsätzlich nur Grobheiten sagte, behielt er diese Schmeichelei für sich. „Und was den Arsch der Welt betrifft“, fuhr der Reichsbahnrat heiter fort, „so ist der hierzulande bekanntlich überall außerhalb der größeren Städte, wo ein Landser oder Eisenbahner hinverschlagen wird, gleich ob Molodetschno, Wiesitschi oder sonst ein Kaff.“ Liebedorn lachte. Allerdings war sein Lachen eine besondere Sache, eine fast weibisch klingende Tonfolge zwischen Meckern und Kichern. „Wir werden det Kind schon schaukeln, Herr Rat!“ versicherte er munter und sein Gurgelknopf hüpfte beschwingt auf und ab. Glück sagte nichts. Für ihn blieb es sich gleich, ob Brest oder Lida oder sonst ein Ort. Er war dort so unglücklich wie hier. Nur daß es nun einen Tag länger dauern würde, wenn er einmal in Urlaub fuhr, bis er daheim war. 48
„Also sehen Sie zu“, meinte Dr. Dornberg noch einmal, „daß Sie möglichst vor Mittag noch wegkommen.“ Und dann konnten sie losgehen. Sie sahen dann auch zu — nämlich um was für Züge es sich handelte. Da ihnen der nächst erreichbare zu unsympathisch war, weil es sich ausgerechnet um einen vollgepfropften Gefangenenzug handelte, der folgende mit einem Truppentransport überfüllt war und der dritte Baumaterial geladen hatte und fast auf jeder Station rangiert wurde, erkoren sie sich den vierten aus, der ein aus Wilna abgezogenes Landesschützenbataillon brachte. Der Stab und eine Kompanie blieben in Minsk, eine Kompanie kam nach Baranowicze, zwei waren für Luniniec und Pinsk bestimmt. In diesem Zug hatten sie genügend Platz und fuhren unter ausreichendem militärischen Schutz. Es sah recht originell aus, als die drei Eisenbahner, der lange hagere, der kurze feiste und der normalfigürliche daherkamen, in beiden Händen Gepäck schleppend, die steife goldblechstrotzende Prunkmütze auf dem Kopfe, Stahlhelm am Koppel, Gasmaske am Tragband auf dem Rücken baumelnd, ein langes polnisches Gewehr mit dem Lauf nach unten umgehängt, denn es regnete und sie hatten keine Mündungsschoner. Es fehlte nicht an gutmütigem Spott der Landser, die ihre Köpfe aus den Fenstern streckten. Aber der Berliner und der Bayer waren alles andere, als auf den Mund gefallen und das Gelächter war gegenseitig. Das Ausfahrsignal stand schon auf Fahrt, da kam mit dem Aufsichtsbeamten noch ein Blauer an. Der hatte keine Schirmmütze auf, sondern ein Schifferl, und weder Knarre noch Gasmaske, sondern Pistole 08, weder Koffer noch Bündel, sondern einen Gebirgsjägerrucksack mit Kochgeschirr und Feldflasche, Decke und Zeltbahn tadellos gerollt aufgeschnallt. Und, was sich ein Soldat nicht so ohne weiteres hätte leisten können, über dem Mantel und allem Drum und Dran trug er noch einen durchsichtigen Regenumhang. Den Rucksack schien er überhaupt nicht zu spüren. Er sah so gelassen heiter aus, als wäre diese beschissene Welt in schönster Ordnung. Dabei war er, dem bescheidenen Schulterstück zur Folge doch gar kein 49
großes Tier, auch nur ein Inspektorchen oder so und dazu war der eine Arm offenbar futsch. Es gab keinen Zuruf außer einem: „Wo haben Sie denn Ihr Schiff, Herr Donaudampfschiffahrtsgesellschaftskapitän?“ „Das kommt nach, wenn's so weiterregnet, sobald statt der Züge Schiffe auf der Strecke verkehren.“ Der Wagen, den ihnen der Zugführer gesagt hatte, besaß kleine geschlossene Abteile. „Hoppla, wer kommt denn da?“ rief Liebedorn aus und reckte den Hals, als Racke draußen vorbeiging. Die drei waren schon mitten drin, sich häuslich einzurichten. Racke tat das gleiche nebenan, dann kam er herüber, eben als Liebedorn sich entschlossen hatte, zwecks Befriedigung seiner Neugier über das Woher und Wohin dem fremden Nachbarn einen Besuch abzustatten. Ihre Augen hafteten auf dem EK I und dem Arm. „Tag, Kollegen“, grüßte Racke, nannte seinen Namen und gab ihnen die Hand. Liebedorn schüttelte sie kräftig, Glück nahm sie höflich, Schepperl zögerte. Er gab nicht jedem Dahergelaufenen gleich die Hand. Das ging nicht so schnell bei ihm. „Hob die Ehr“, brummte er. Er fahre auch nach Nowy Wiezyczy, sagte Racke. „Da schaug her! Der Herr Stationsschöff“, brummte Schepperl. Davon habe ja der Herr Reichsbahnrat gar nichts geflüstert! staunte Liebedorn. „Stimmt ja auch nicht“, sagte Racke. Was er denn dann dort wolle? „Ach, nur so —“ Nur so? Aha! Schepperl merkte sich das. Wieso er mit dem steifen Ellbogen überhaupt noch da sei? fragte Liebedorn. „Auf eigenen Wunsch.“ „Geh weita! Ja gibt's denn dös a? fuhr es Schepperl heraus und Liebedorn schrie: „Wat, uff eechenen Wunsch? Dolle Sache, Mensch!“ „Na—a, spinnat!“ erklärte Schepperl, ungeachtet der höheren Stellung des anderen.
50
Glück sagte nichts. Er sah mit einem so merkwürdig traurigen Ausdruck der Verwunderung auf Racke, daß er gar nichts zu sagen brauchte. Sein ganzes heulendes Heimweh lag bloß. Racke lachte und bot Zigaretten an. „Rauchen wir erst mal eine zusammen“. Und dann erklärte er ihnen kurz die Geschichte mit Bunz und wie alles gekommen war. Liebedorns Nase wurde immer länger, das Kinn immer kleiner, der Gurgelknopf immer lebendiger. „Mensch, da sin Se ja ne Kanone!“ Aber Schepperls Auffassung war nicht zu erschüttern: Andere würden ihr Seelenheil dafür geben, wenn sie heim könnten. Dieser Racke verging sich gegen die Solidarität der allgemein menschlichen Interessen! Und als Racke wieder in sein Abteil hinübergegangen war, weil der kluge Mann vorbaut und schläft, solange er Zeit hat und er damit außerdem im Rückstand war, sagte Schepperl grimmig: „Und an Aafpasser brauch'n ma ieberhaupts net.“ Dann spielten sie Karten. Aber Glück war noch weniger bei der Sache als sonst. Er war verstörter, als die anderen merkten. Immer wieder packte es ihn, am Tage, in der Nacht, schüttelte ihn wie mit Fäusten. Immer wieder mußte er sich verzweifelt dagegen wehren, daß er nicht einfach davonlief, sich im erstbesten Zug verkroch, der in die Heimat fuhr! Ach, zu Fuß würde er gehen, wenn sie ihn nur gehen ließen! Auf Krücken würde er sich hinschleppen! Aber sie würden ihn bald haben und an die Wand stellen. Und da kam einer freiwillig! Wie war das nur denkbar? Fast auf jedem Bahnhof gab es einen kurzen, manchmal auch weniger kurzen Aufenthalt. Glück hatte unverschämte Karten; er gewann im Schlaf. Liebedorn wechselte den Platz mit ihm; es half nichts. Nicht weil der Sepp und der Sigi ständig verloren, sondern weil es deshalb für alle drei reizlos war, hörten sie auf, als es dämmerte. Der Zug klapperte über Weichen und in einen Bahnhof hinein. „Wo sind wir denn?“ Liebedorn streckte den langen Hals zum Fenster hinaus. „Po — gor — zel — ce heeßt det Kaff“, buchstabierte er.
51
Sie hatten keine Karte. Wo sollten Karten für alle Eisenbahner herkommen? Aber der Zugführer oder der Lokführer mußten einen Buchfahrplan haben. Sie brauchten nicht nachzufragen. Racke kam herüber; er hatte etwas viel Besseres: eine Karte des Eisenbahnnetzes von Wilna bis über Woronesh und von Lemberg bis über Charkow hinaus. Er hatte sie bei der Betriebsleitung Osten in Warschau nachgezeichnet. Sie hatten jetzt in fünf Stunden ohne besondere Verzögerungen rund 120 Kilometer zurückgelegt. Nach Baranowicze waren es noch rund 25 Kilometer. Dort hatten sie länger Aufenthalt! Es war Lokwechsel und eine der Landesschützenkompanien wurde ausgeladen. Lange standen sie vor Baranowicze. Es war Nacht geworden. Züge in Richtung Luniniec konnten nicht abgefertigt werden. Sie wurden auf das letzte verfügbare Stückchen eines Abstellgeleises gelotst. Der Bahnhof war verstopft bis in den hintersten Winkel. Nur die Gleise nach und von Brest waren freigehalten worden. „Will mir den Laden draußen mal ansehen und hören, was eigentlich los ist“, sagte Racke. Liebedorn begleitete ihn. Viel zu sehen war nicht. Zug hinter Zug und Zugreihe neben Zugreihe. Die Feuer der Lok waren gedämpft. Zugführer und Schaffner, auch einige Lokführer und Heizer — soweit sie die Lokfeuer nicht überwachen mußten — hatten sich in die Personalaufenthaltsräume begeben, oder sich, wo Platz und eine Liegestatt war, schlafen gelegt. Auch die Arbeiter und Beamten des Bahnhofs benutzten den Umstand, die Hände in die Taschen stecken zu müssen, um zusätzlicher Ruhe zu pflegen. Nur der Bahnhofsvorsteher selbst und ein Assistent, der ohne Ende am Telefon hing, hielten sich im Dienstraum des Fahrdienstleiters auf. Auch der Bahnhofsoffizier kam seit Stunden nicht mehr von der Strippe, obgleich Baranowicze mit dem Ereignis selbst gar nichts zu tun hatte; es war aber neben Luniniec transporttechnisch am meisten in Mitleidenschaft gezogen. Viel zu erfahren war auch nicht. Auf die kleine Station Nowy Wiezyczy — Racke und Liebedorn bekamen große Augen und öffneten beide den Mund, ohne etwas zu sagen — sei am hellen Tage ein großangelegter Partisanenanschlag verübt worden, der 52
zu einem schweren Eisenbahnunglück geführt habe. Näheres war nicht bekannt. Die Smiercbrücke bei Lachwa sei auch zerstört worden und wie durch Funk von den Feldeisenbahnern in Kalinkowitschi in Erfahrung gebracht worden sei, auch die Brücke ostwärts über den Lan. Ziemlich betreten kehrten die beiden in ihren Wagen zurück. „Nowy Wiezyczy antwortet nicht“ verkündete Liebedorn. Diesmal war Glück der erste, der etwas sagte. „Fängt gut an“, sagte er. „Wieso?“ grollte Schepperl. „Partisanenanschlag. Zugunglück. Brücken zerstört.“ „Schauermärchen“, sagte Schepperl verächtlich. „48 Stunden mindestens sitzen wir hier fest.“ Liebedorn wußte das nicht, aber er schätzte so. „Wir müßten sehen, daß wir auf andere Weise hinkommen“, sagte Racke nachdenklich. „Na—a“, antwortete Schepperl. „I net.“ Und weil Liebedorn recht unschlüssig dreinsah, knurrte er: „Dir tat's einfall'n, du spinnata Deifi!“, breitete ostentativ seine Decke aus auf der Bank und entschied: „Schlaffa damma!“ Achtavierzg Stund laß i mi gar niemals net wecka! Host mi?“ Liebedorn meinte, vom Bahnhof verschwände er schon ganz gerne. „Stellt euch vor: jetzt ein paar Bomber!“ Racke lachte. „Da habe ich keine große Sorge. Nach den Heeresberichten hat die sowjetische Luftwaffe bisher mindestens 6.000 Flugzeuge verloren. Was sie noch hat, braucht sie sicher dringender vor Moskau, bei den Rückzugskämpfen zwischen Gomel und Kursk und vor allem zwischen Kiew und Charkow.“ „Sagen Sie das nicht“, meinte Glück. „Vor kurzem haben sie in Minsk Bomben geworfen, auf Smolensk, Borisow, Newel, Witebsk, Polozk waren auch Luftangriffe.“ „Aber hier sind wir inzwischen sehr weit weg von den russischen Luftbasen.“ „Wenn die wüßten, was hier Züge stehen!“ „Na, das werden sie wohl nicht so schnell erfahren. Aber daß wir hier ein, zwei Tage herumliegen sollen, vielleicht noch länger, gefällt mir gar nicht.“ „Det is mich nu egal“, grinste Liebedorn. „Sicher läßt sich's hier ooch nich schlechter leben als anderswo.“ 53
„Wahrscheinlich besser als in diesem Nowy Wiezyczy“, stimmte Glück zu. „Zum Schuttaufräumen kommen wir noch früh genug.“ „Aber die Kollegen dort warten auf uns. Wir wissen gar nicht, was mit ihnen los ist und wie dringend wir dort nun erst recht gebraucht werden.“ Schepperl beteiligte sich nicht an der Unterhaltung. Für ihn war die Angelegenheit erledigt. Er streckte sich jetzt demonstrativ auf der Decke aus. „Woll'n Se vielleicht latschen?“ keckerte Liebedorn. „Es gibt auch eine andere Möglichkeit. Wir könnten auf der Strecke nach Brest weiterfahren bis Zabinka und von dort über Pinsk nach Luniniec.“ Liebedorn machte ein dummes, Glück ein abweisendes Gesicht. Schepperl ließ gegen allen Respekt einem Inspektor gegenüber einen höchst unfeinen Ton hören. Vielleicht nur versehentlich. Auch dadurch ließ Racke sich nicht beirren. „Das ist allerdings der dreifache „Weg, rund 330 Kilometer, schätze ich. Aber wir sind dann auf jeden Fall morgen früh in Luniniec und bestimmt 24 Stunden früher an Ort und Stelle, als wenn wir hier warten.“ „Es pressiert doch aber gar nicht. So lange kein Betrieb ist, braucht uns dort keiner“, entgegnete Glück. „Das kann man nicht wissen, Kamerad. Außerdem fängt der Betrieb in unserem Nest mindestens 12 Stunden früher an, als wir hier überhaupt wegkommen.“ Racke ging noch einmal zum Fahrdienstleiter. In dreißig Minuten gehe ein Leergüterzug nach Brest. Racke bedankte sich, steckte sich zufrieden eine Zigarette an und suchte den Leerzug. Er hatte eine polnische Lok und polnische, tschechische, deutsche und französische Güterwagen, offene und geschlossene. Auch Kesselwagen waren dabei. Die Lok qualmte. Der Heizer riß eben die Feuertüre auf, warf Schaufel um Schaufel pechschwarzer Kohle ins flackernde Feuer auf den langen Rost. Er sah im Glühlicht dämonisch aus und über der Lok färbte sich der grauschwarze Rauch violett und der weiße Dampf tiefrosa. Der Lokführer hing halb unter der Lok und hämmerte an ihr herum. Auch er war Pole. „Nur Zugführer deutsch“, sagte er. 54
Das Zugbegleitpersonal schien noch nicht da zu sein. Der zweite Wagen war ein Gepäckwagen, dessen eine Hälfte mit hölzernen Bettschragen, je zwei übereinander, und Strohsäcken ausgestattet war. Auch ein kleiner Tisch und ein paar Hocker waren da. Na also, dachte Racke, der reinste Salonwagen, und begab sich zum Transportzug der Landesschützen zurück, die bis auf weiteres in den Ort gegangen waren. Die Fenster des SchepperlAbteils waren verhängt. In seinem Abteil war Liebedorn bei einem kleinen Imbiß, weil er mit leerem Magen, wie er behauptete, nicht einschlafen könne. „Ich fahre also über Zabinka“, sagte Racke leichthin und packte seine Sachen in den Rucksack.“ „Aber Inspektor, det 's doch Unsinn“, wehrte Liebedorn ab. „Wo gerade Sie im Grunde genommen jar nischt dort zu such'n hamm. Außerdem wissen Se jar nich, ob Se da nich irchendwo unnerwechs noch länger liechen bleib'n.“ „Außergewöhnliches kann immer und überall geschehen. Wenn man alle Wenn und Aber bedenken wollte, wäre der ganze Krieg lahmgelegt.“ „War doch och det Beste!“ keckerte Liebedorn. „Sicher, falls das auch für den Gegner gelten würde.“ Racke rollte Decke und Zeltbahn. „Also, Se woll'n wirklich?“ „Ja.“ Liebedorn fing sein Lieblingslied zu pfeifen an, brach ab und verschwand nebenan. Nach einer kleinen Weile klangs ganz deutlich durch die Wand: „Ja so a Saggramentskrampfbruada, so a miserabliga!“ Und gleich darauf: „Loss'n halt fahr'n, den Bazi, den vadächtign!“ Und noch ein Wutschrei: „Mei Ruah!“ Racke war so weit. Er huckte den Rucksack und drückte sich am Nachbarabteil vorbei; es war noch immer dunkel, er konnte nichts erkennen. „Machts gut! Auf Wiedersehn!“ rief er. Zehn Minuten später war er im ,Salonwagen' des Leerzugs nach Brest bereits wieder eingerichtet; eben kletterte der Zugführer herauf. Die zwei Schaffner gingen weiter. „ Willicke“, stellte sich der angejahrte Graukopf vor. Er wußte bereits von seinem Fahrgast und sollte ihm vom Assistenten 55
ausrichten, daß einer der Beamten von Nowy Wiezyczy erschossen worden sei. „Und was ist mit den beiden andern?“ Über die sei nichts durchgegeben worden. „Na, dann wird mit ihnen wohl alles in Ordnung sein.“ Vor der Lok schnappte die Weiche, drehte sich die Laterne. Ein Weichenwärter hatte sie umgestellt. Aber am Ausfahrtgleis war noch rotes Licht. Es fehlten auch noch drei Minuten an der Abfahrtszeit. Einer der Schaffner kam zurück. Die Wagen waren alle ordnungsgemäß gekuppelt. Auch er war Pole und setzte sich schweigend in eine Ecke. Willicke stieg wieder hinunter. Neben der Lok stehend, wartete er auf die Freigabe des Fahrwegs. Da trappte es zwischen den Zügen her. Eine kleine Gruppe Soldaten oder — nein, die hatten ja Koffer! Da waren sie auch schon. Eisenbahner! Wo wollten denn die hin? „Abend, Kolleche! Is det der Leerzug nach Brest? „Det is' r.“ „Un hamm Se da vielleicht n' Inspektor drin?“ „Hab ick ooch. Im zweet'n Wach'n.“ „Mi leckst, no a Preiß!“ brummte Schepperl. Das Ausfahrsignal wurde grün. „Rasch einsteig'n“, drängte Willicke und sah auf die Uhr. Noch eine Minute. Die drei wuchteten sich die Tritte hinauf, polterten in den Wagen hinein. Racke verzog keine Miene. Draußen klang die Trillerpfeife des Zugführers. „Prima Schlaffwag'n“, stellte Schepperl fest. „Kemma glei weitaruaseln.“ Die Lok pfiff kurz, fauchte, es gab einen Ruck, Geklirr, einen Stoß, die Räder rollten, Achse um Achse klackte über die Weiche, über eine zweite. Rascher und rascher keuchte die Lok, Dampf zischte, die klirrende, klappernde, hackende Wagenkette lärmte in die schwarze, schweigende Nacht. „Wecken Sie uns eine Station vor Zabinka“, bat Racke den alten Willicke, zog Rock, Stiefel und Hose aus, schlüpfte in seinen Trainingsanzug und wickelte sich in die Decke. „War mr gnua“, meinte Schepperl abfällig, „zweg'n vier Stund.“
56
Ohne sich herumzudrehn, antwortete Racke: „Lieber eine Stunde behaglich, als aus sturer Trägheit vier Stunden unbequem und dauernd in zerknüllten Kleidern herumlaufen!“ Daß der Schepperl Sepp nun erst recht in Uniform und sogar in Schuhen auf den Strohsack flackte, war Ehrensache. Und Glück tat es ihm gleich. Nicht aus Überzeugung, sondern um ihn nicht zu kränken; vielleicht auch aus Mangel an Selbständigkeit. Liebedorn jedoch folgte Rackes Beispiel. Er hatte zwar keinen Trainingsanzug, aber Hemd und Unterhose genügten auch. Dagegen besaß er einen zusammenklappbaren Leichtmetallkleiderbügel mit Patenthosenspanner. Daran hängte er nun die blaue Montur auf und Racke sagte: „Respekt!“ Sie waren müde und schliefen gut. Der Lärm des fahrenden Zuges, das Stoßen des Wagens störte sie nicht. Das heftige Kreischen und Klirren beim Halten und Anfahren, das Rufen auf den Bahnhöfen, das Keuchen der anziehenden Lok drang nur verschwommen im Halbschlaf in ihr Bewußtsein. Als sie geweckt wurden, waren sie guter Laune. In Zabinka verflog sie im Nu. Seit zehn Minuten war auch von hier aus der Verkehr in Richtung Luniniec eingestellt. Vor einer halben Stunde war der letzte Zug nach Pinsk abgegangen. „Wat hab ick jesacht?“ triumphierte Liebedorn. Schepperl schwieg in sehr sprechender Weise. Glück war alles gleichgültig. Racke sah zum ersten Mal, seit sie ihn kannten, nicht heiter aus. Jetzt war es 2 Uhr 30 und es regnete. „Wenigstens ist hier ein trockener Wehrmachtsaufenthaltsraum“, tröstete Liebedorn. Heißer Kaffee, wenn auch kein Mokka double, floß in Strömen und Marmeladebrote gab es auch, so viel man essen konnte. Racke trieb sich nach dem nächtlichen Frühstück schon wieder draußen herum. „Was er jetzt wohl wieder ausheckt?“ fragte Glück besorgt. „Geht uns ja nix an“, sagte Schepperl. Nach dreiviertel Stunden kam Racke zurück. „Ich war bei der Kommandantur. Wir sind hier an der Straße Brest-Pinsk. Sie ist miserabel, aber befahrbar. 160 Kilometer. Um 4 Uhr 30 rückt eine motorisierte Nachschubkolonne ab. Spätestens 10 Uhr will sie in Pinsk sein. Sie nimmt uns mit.“
57
Racke wartete auf die Explosion des Schepperlschen Wortschatzes. Schepperl schwieg, er hatte nur das Genick etwas eingezogen und die Nasenlöcher blähten sich stärker über der Bartbürste; ein ganz böses Zeichen. An seiner Stelle sagte Liebedorn rasch: „Nee, det mach ick nu nich mehr mit.“ „Warum denn nicht?“ fragte Racke. „Eisenbahnfahren können wir immer. Man sieht doch gerne auch mal was anderes!“ „Schmarrn!“ knurrte Schepperl, schlug aber mit den Fäusten statt auf den Tisch vorsichtshalber nur auf die Oberschenkel. „Gar nix wann i sehn müßt von dem Scheißkrieg, dem g'schissena, war mir dös liabere!“ Racke stand auf. „Kinder, seid ihr fad! Auf Bahnhöfen hockt ihr noch das ganze Leben. Ich fahre jedenfalls mit der Kolonne, weil uns nämlich ein paar Kameraden dringend brauchen und erwarten. Das heißt — nicht mich — euch. Ich werde ihnen also vorläufig schöne Grüße bestellen.“ Er huckte so geschickt den Rucksack, daß Liebedorn schon zu spät kam, als er ihm helfen wollte, tippte mit dem Zeigefinger an die Schläfe und ging. Als er auf die Straße einbog, traf ihn ein Scheinwerfer. Der PKW hielt, hinter ihm ein Motorrad mit Beiwagen. „Wenn Sie allein sind, können Sie gleich mit mir fahren“, rief eine Stimme heraus. Racke stieg ein. Nur ein Leutnant und ein Fahrer saßen darin; er konnte sich mit seinem Rucksack hinten breit machen. „Danke, Herr Leutnant“, sagte er und lachte in sich hinein. Aus dem Saupech war ein Saudusel geworden. Der Leutnant war alte Frontgarnitur aus dem ersten Weltkrieg. Er wollte voraus erkunden, ob die Kolonne überall durchkam. Zunächst war der Weg miserabel, aber von Kobrin ab führte er bald diesseits, bald jenseits der Bahn in einigermaßen brauchbarem Zustand bis Lipnika. Inzwischen war es Tag geworden. Das Auge schweifte über stark gegliedertes Hügelland mit Waldstücken, Wiesen und Äckern. Moor und Schilfseen waren nur nach Süden hin von Krancy und Drogiczyn aus zu sehen. Hinter Lipnika entfernte sich die Straße in weitem Bogen nach Norden von der Bahn, um erst wieder kurz vor Duboja unter ihr durchzuführen. 58
Überall hatten die Kämpfe ihre Spuren zurückgelassen, Ruinen, Bombentrichter, Granatlöcher, zerschossene Fahrzeuge, zerfetzte Panzer, Pferdegerippe, obgleich hier keine große Schlacht stattgefunden hatte. Pinsk lag ja an der Spitze des Bergwaldkeiles, der sich zwischen der Jasiolda im Norden und Dnieprowsko-Bugsky-Kanal-Pina im Süden weit nach Osten in die Rokitnosümpfe hineinschob. Die großen Armeen waren naturgemäß nördlich und südlich dieses unwegsamen und gefährlichen Raumes vorgestoßen, wie er auch im ersten Weltkrieg ausgespart war. Hier war nur von schwächeren Kräften entlang der wichtigen Bahnlinie Brest-Pinsk-Luniniec-Gomel um deren Besitz gekämpft und der Sumpfwald selbst nur da und dort, soweit überhaupt möglich, unter schlimmsten Strapazen durchstoßen worden. 75.000 Quadratkilometer umfaßte dieses Waldland, die Polosje. Es war von zahllosen Flüssen und Bächen durchzogen, die sich von Norden nach Süden und von Süden nach Norden in den westöstlich ziehenden Pripet ergossen. 30.000 Quadratkilometer davon waren unbegehbarer Sumpf, Schilfseen, Rohrdschungel, seichte Wasserflächen über grundlosem Moor mit inselhaft eingestreuten Wald- und Ackerhügeln und weltverlorenen Dörfern, die oft nur auf Schleichwegen zu finden waren. Und mitten durch, von Norden nach Süden etwa, verlief die frühere polnisch-russische Grenze. Günther Racke hatte die wechselnden Landschaftsbilder dieser Fahrt in freudiger Stimmung in sich aufgenommen. Und er freute sich doppelt, daß er schon um 9 Uhr auf dem Bahnhof Pinsk stand. Züge fuhren noch nicht; das hatte er auch nicht anders erwartet. Der Smierc- und der Lan-Übergang würden nicht vor dem Abend befahrbar sein und bis dann der Rückstand in Luniniec abgefahren sei und von Pinsk aus nachgerückt werden könne, würden noch Stunden vergehen. Gewiß, das hatte er sich gedacht. Ob sie nicht eine Draisine hätten? Das schon, aber die kleine, zweisitzige sei unterwegs, könne auch nicht entbehrt werden, und die Bahnmeisterdraisine — der große schwere Kasten, wer sollte ihn denn dauernd von den Schienen heben und ohne Geleise durch den Dreck schieben? 59
Da brächte er die 70 Kilometer bis Lachwa zu Fuß rascher hinter sich. Racke ging zum Transportkommandanten. Ob er ihm keinen Rat wisse? „Aber lieber Freund!“ rief der Major aus. „Warum denn so stürmisch? Sie allein machen den Kohl auch nicht fett! Wenn erst wieder gefahren wird, sind Sie ja bald dort. Wenn's bisher ohne Sie ging, wird's die kurze Zeit auch noch gehen.“ Racke dachte: wie's bisher gegangen ist, erleben wir ja gerade. Vielleicht hätte der Anschlag verhindert werden können, wenn drei Eisenbahner mehr zur Stelle gewesen wären. Aber wozu sollte er sich mit dem Major streiten? Ein höherer Dienstgrad hat immer recht. Nicht schlimm, wenn man's weiß und der Klügere ist, der nachgibt. Es war im Gegenteil sehr bequem, der höhere Dienstgrad trägt ja auch die Verantwortung. „Versuchen Sie's doch mal bei der Wasserpolizei!“ rief ihm der Major nach, als er schon unter der Türe war. „In der Hauptstraße neben der Ortskommandantur!“ Wasserpolizei? dachte Racke. Was ist denn das? Davon hatte er bisher nur in Kriminalromanen gelesen, die in Hafenstädten spielten. Aber was der Transportkommandant damit hatte sagen wollen, war ihm klar. Natürlich hatte eine Wasserpolizei Wasserfahrzeuge. Na — sie würden ihn glatt hinauswerfen. Diesmal irrte er sich. Es ginge gleich los! Er müsse sich beeilen, sein Gepäck zu holen und zum Hafen zu kommen. Natürlich, Pinsk war eine Flußhafenstadt. Es hatte sogar eine Frachtkahn-Reederei. Als Ortsfremder und aus der Bahnhofsperspektive hätte er nie daran gedacht. Ein Blick auf die im großen Maßstab gezeichnete Karte, auf der zwischen wenig Grün alles blau von Wasser war, breite und schmale, hundertfach verästelte Flüsse, Kanäle, Bäche, Seen, machte ihm alles klar. Da war die Pina und der Pripet, die Jasioldia und der Strumien, Bobrik, Cna, Smierc und Lan, Styr, Stuba, Wietlika und Horyn. Die Wasserpolizei hatte Motorboote, einige kleine, offene und gedeckte, und ein großes Passagierfahrzeug. Sie hatte vor einer Stunde den Auftrag erhalten, das Pripet-Wietlika-Horyn-Gebiet im Bereich Lachwa-Nowy Wiezyczy-Mikaszewicze zu durchforschen, 60
weil angenommen werden mußte, daß die nach Hunderten zählenden Partisanen aus der Sumpf- und Wasserwüste gekommen waren. Zunächst galt es, am Tatort selbst die notwendigen Anhaltspunkte für den Einsatz zu erkunden. Diesen Auftrag hatten das Motorboot „Hecht“ mit dem Ziel Smierc-Brücke-Lachwa und die „Wasserratte“ mit dem Ziel LanBrücke-Nowy Wiezyczy. Die Boote waren je mit fünf Mann und einem LMG besetzt. Sie fuhren bis zur Smierc-Mündung zusammen, auf Sichtweite. Es konnte dennoch gefährlich werden, wenn man wirklich auf Banden stieß, denn sie hatten keine Panzerplatten. Racke lachte nur. In längstens drei Stunden war er auf seiner Station! „Laufschritt, marsch-marsch!“ befahl er sich fröhlich und hielt ihn bis zum Bahnhof durch. Jung sein! Sportlich sein! Die Gesundheit und Kraft des Körpers spüren — wie war das herrlich! Auf dem Weg zum Hafen, mit einem Viertelzentner am Leibe und fast einem halben Zentner auf dem Rücken, ging es mit schweren Schritten! Eine LKW-Kolonne torkelte die Straße herein, ein PKW voraus. Eine Hand winkte. Das war ja der Leutnant, mit dem er gefahren war! Die Kolonne hatte es also nun auch geschafft. Racke winkte lebhaft zurück. Er war froh, als das Geratter und Geknatter an ihm vorbei war, da traf ihn eine wohlbekannte Stimme von hinten, riß ihn herum: „Ja, da schaugt's her! Da is er ja, der Spitzbuamheiptling, der eiskoite!“ Unter der Plane des letzten Wagens starrten die Gesichter Schepperls, Glücks und Liebedorns vor. „Steigt gleich ab!“ schrie Racke. „Navigare necesse est!“ „Red’ deitsch! Hammi g'scherta!“ schrie Schepperl zurück. Und Racke dachte: sie können ja aus dem fahrenden Wagen mit ihrem Gepäck nicht raus und bis der Fahrer verständigt war, würde nichts mehr von ihnen zu sehen sein! Wahrscheinlich würde er aber überhaupt nicht halten, um den Anschluß an die Kolonne nicht zu verlieren. Er aber konnte nicht zum Bahnhof zurückgehen, wo er sie natürlich treffen würde, sonst riskierte er, daß die Motorboote weg waren, bis er zum Hafen kam. Er formte aus der Hand einen Schalltrichter und brüllte ihnen nach, so laut er brüllen konnte: „ Wasserpolizei! Was—ser—po—li—zei!!“ 61
Ob sie ihn verstanden hatten, konnte er nicht mehr feststellen. Er winkte noch einmal, drehte sich um und lief weiter. Lachte in sich hinein. Also doch! Es war wunderbar. Und der eiskalte Spitzbubenhäuptling und der gescherte Hammel bewiesen ihm, daß er Schepperls Freundschaft gewonnen hatte. Er kam zum Bootshafen. An der Spitze des langen Steges lagen die beiden Motorboote. Eines stieß eben ab. Racke winkte und beeilte sich, stieg schnaufend über auf die ,Wasserratte'. Vergnügt erstaunt begrüßten die Wasserpolizisten den fremden Fahrgast, auf den sie laut telefonischem Anruf hatten warten müssen. Sofort legte das Boot ab, der Motor begann zu singen, die Schraube drehte sich, rascher und rascher. Leicht schaukelnd glitt es hinaus, legte sich schräg in die Kurve, brauste, von schreienden Möwen umflogen, ins Kielwasser des ,Hecht'.
62
4. KAPITEL
Dunkel sang der Motor. Der Bug der ‚Wasserratte' stand weit und steil aus dem lehmfarbigen Wasser und rasch schoß sie im träge treibenden Strom nach Osten. Oft versanken beide Pripetufer in seenartiger Weite, manchmal teilten sich die Wasser zwischen bewaldeten Wällen, flache Inseln tauchten auf, zogen vorbei, tauchten wieder unter. Dann und wann dehnte sich undurchdringliches Gestrüpp, so weit das Auge reichte, ein andermal begrenzten Hügel mit Steilufern das Bett des Flusses, hin und wieder verlor sich das Auge über Schilfseen in der Weite, oder Urwald zu beiden Seiten, meilenweit auch Schilfwände und Rohrdickichte engten den Blick. Häufig sah man die feinen Kielwasserstreifen unsichtbarer Schwimmer; große Haubentaucher und kleine Wasserhühner belebten stille Lagunen; Reiher standen wie leblos in der Ferne hell gegen den dunklen Himmel. Unter den Wolken kreiste eine Weihe. Einmal hastete eine Kette Wildenten mit langgestreckten Hälsen und aufgeregtem Flügelschlag über den Fluß. Ein Bussard schrie, hoch und dünn. Der Motor brummte und schnurrte, das Wasser zischte am Bug, gluckste an den Bordwänden, schäumte rauschend unter der Schraube am Heck. Die Stille und Einsamkeit der Fluß- und Moorlandschaft war so stimmungsvoll, daß die rauhen Gespräche verstummt waren und die Männer schweigend rauchten. Racke empfand den Reiz und Zauber der Fahrt wie ein Entdecker in unbekannten Landen, die nie eines Menschen Fuß betreten hatte. Er dankte dem Leben für das Erlebnis dieser Stunden. Dämme und Brücke der Bahnlinie Sarny-Luniniec tauchten auf und am Nordufer, im Mündungswinkel des Bobrik, der Ort Wolginskaja. Sie blieben in der Strommitte, passierten den Zufluß des Cna und der Wietlika. Bald darauf bog der ‚Hecht' in den Smierc ein. Eine knappe halbe Stunde später mündete rechter Hand der Horyn und zum ersten Male, seit sie Pinsk verlassen 63
und wohl an die 100 Kilometer zurückgelegt hatten, glaubte Racke ein großes Boot zu sehen, auf dem sich mehrere Personen befanden. Noch ehe er aber die Stelle mit dem Glas gefunden hatte, war es im Kulissengewirr des Flußrandes verschwunden. Es hätte keinen Sinn gehabt, nach ihm zu suchen. Im Sumpf stecken zu bleiben, war eine üble Sache. Überdies mochte das Fahrzeug harmlos sein oder ihm wenigstens kein Zusammenhang mit dem Partisanenanschlag nachgewiesen werden können. Und außerdem galt es erst einmal, authentisch festzustellen, was überhaupt geschehen war. Die ,Wasserratte', die kurze Zeit gestoppt hatte, setzte in langsamerer Fahrt im Lan, der von Norden her einmündete, ihren Weg stromaufwärts fort. Längs der beiden Ufer dehnte sich Sumpf, nur selten von Gruppen schwacher Birken und Erlen und kleinen Gehölzen unterbrochen. Erst als man schon nahe der Bahnlinie sein mußte, gewann die Landschaft den Charakter einer festgründigen Flußau. Am Ostufer stieg eine bewaldete Höhe an und zwischen ihr und zwei gegenüberliegenden Hügeln tauchte die Bahnstrecke auf und die Lanbrücke. Dumpfes Dröhnen übertönte das Geräusch des Motors, wurde rasch lauter, deutlicher. Man hätte es für die fernen Abschüsse schwerer Geschütze halten können. Aber das Wumm-Wumm-Wumm folgte aufeinander mit der Gleichmäßigkeit des Uhrtickens, nur langsamer, setzte nach einiger Zeit aus und begann nach kurzer Pause wieder. Und jetzt hörten sie es nicht nur, sondern sahen auch, daß an der Brücke noch gearbeitet wurde. Eine Dieselramme, wie eine sechsstockwerkhohe Feuerwehrleiter anzusehen, war aufgerichtet und mit Drahtseilen nach allen Seiten verankert; sie trieb dreimannshohes und fast mannsdickes Rundholz in die Uferböschung. Auch der Motor lärmte für drei, wie nun zu vernehmen war. Die ‚Wasserratte' machte an einem der Pfähle der Behelfsbrückenpfeiler fest. Oben tauchten zwei Landser auf und starrten herunter. Racke und der Führer der Polizeistreife, der auf den seltenen Namen Müller hörte und einen Kopf größer und zwei Schultern breiter war, sprangen in den Bauschutt, der bis ins Wasser reichte und stapften die steile Böschung hinauf. Die Landser kamen ohne Eile her und gaben die erste Auskunft. Neu 64
daran war nur, daß es sich um einen Proviantzug handelte, den die Partisanen durch Verstellung der „Weiche in voller Fahrt auf einen abgestellten, glücklicherweise leeren Hilfskrankenzug hatten fahren lassen, um ihn dann auszuplündern. „Was ist mit den Stationsbeamten?“ fragte Racke. Einer sei tot. Von den anderen wisse man nichts. Ihre Kompanie sei schon wieder abgerückt. Die Smiercbrücke sei bereits wieder instandgesetzt und Pendelverkehr eingerichtet. Die Bewachung sei jetzt verstärkt. Ein Unteroffizier, ein Gefreiter und sechs Mann je bei den beiden Brücken und extra ein Unteroffizier und drei Mann je bei den Stationen. In Nowy Wiezyczy könnten sie alles genau erfahren. Der Obersturmführer, der die SD-Kompanie führe, habe den ganzen Hergang bereits protokolliert. „Wie weit ist es?“ „Drei Kilometer“. Sie konnten mit einer Draisine fahren, die der Führer des Luniniecer Bauzuges der blauen Eisenbahner benutzt hatte, um nachzusehen, ob und wie er mit seiner Rotte den Eisenbahnpionieren, die mit der Ramme von Kalinkowitschi her zur Lanbrücke gekommen waren, helfen konnte. Racke schüttelte den blauen Kollegen und den Landsern die Hand, dann fuhr er mit dem Wassermüller los. Der lachte über das ganze Gesicht, als er so in das zwei Mann-Kanapee gelehnt, mit immerhin 25 Stundenkilometern über die Schienen rasselte und war bereit, der Bequemlichkeit halber den Kameraden von der Eisenbahn auf den Schoß zu nehmen. Als aber nach wenigen Minuten die Station auftauchte, verging ihnen das Lachen. Auch Rackes Gemüt verfinsterte sich. Vom Stationsgebäude war außer zwei hohen, rauchgeschwärzten Kaminen, Steinsockeln und verkohlten Balkenresten nichts mehr zu sehen. Der Brandgeruch hing noch über dem Schutt der Ruine. Auf dem Überholungsgleis standen die wenigen noch erhaltenen Wagen des einstigen Hilfskrankenzuges, der weitaus größere Teil war ineinandergekeilt, quergestellt und zusammengedrückt, der Schluß des Zuges überhaupt nur noch ein wilder Haufen aus Wagentrümmern und Achsen. Quer über ihn geworfen und hochgebäumt, lag eine Lok mit zerfetztem Rahmen, Treib- und 65
Kuppelstangen, die wie Streichhölzer zerbrochen oder wie dünner Draht verbogen waren, und aufgerissenen Dampfrohren. Der Tender stand auf dem Kopf. Von hier ab säumte ein Wall von kleinen und großen Trümmern, auch unbeschädigten oder nur wenig beschädigten, aber auch ausgebrannten Wagen, halben Achsen, einzelnen Rädern und Eisenformen aller Art das Rangier- und weiterhin noch das Hauptgleis. Noch waren die Aufräumungsarbeiten nicht beendet. Auch eine große Zahl Zivilisten, meist Frauen und halbwüchsige Knaben und Mädchen, waren damit beschäftigt. Allen lief der Schweiß über die Gesichter. Sie arbeiteten neben und zwischen den deutschen und polnischen Eisenbahnarbeitern mit verbissenem Eifer und wagten kaum aufzusehen. Nur manchmal mußte sich eine Frau vor Erschöpfung niedersetzen. Unter einer Baumgruppe neben der Bahnhofsruine war ein frischer Grabhügel mit einem Kreuz aus einem Birkenstamm. Auf einer provisorischen Tafel stand: „Hier ruhen die Leichen und Überreste von 16 Eisenbahnern und Soldaten, Opfer der Partisanen.“ An den beiden Telegraphenstangen, links und rechts der Stationsruine hingen je drei Leichen übereinander. Männer. Unter den Gehenkten, hüben und drüben, stand eine Gruppe Männer und Frauen, jede von einem SD-Mann bewacht. Der eine, auf der Seite des Grabes, stand in drohender Haltung, die Maschinenpistole auf sie gerichtet. Manchmal schrie er sie an, dann mußten sie zu den Gehenkten aufsehen. Von Zeit zu Zeit brüllte er: „Partisan Schwein, darum hängen!“ und sie mußten es nachbrüllen. Geschah es nicht laut genug, stieß er ihnen den Lauf der Maschinenpistole in die Rippen. Der andere SD-Mann tat das nicht. Er stand hinter den Polen, die er bewachte. Ab und zu sagte er etwas, ruhig, dann sahen sie eine Weile hinauf zu den Leichen. Racke ging nahe an ihm vorbei, sah ihm ins Gesicht und nickte ihm schweigend zu. Er hatte gute Augen. „Gott sei Dank“, sagte der Wassermüller befriedigt, „ein paar von den Banditen haben sie doch schon erwischt.“ SS-Obersturmführer Krugenberg hatte den mit dem Schrecken davongekommenen Sanitäterwohnwagen des Hilfskrankenzugs 66
als Quartier für sich und seine Truppführer und als Dienstraum mit Beschlag belegt. Ein Stoß Kanzleipapier, Aktendeckel, beschriebene Blätter, Tintenstifte und Füller waren auf dem Tisch verstreut. Telefon war auch schon da. Daneben lagen griffbereit Pistole, Stahlhelm, Mütze. Ein mädchenhaft aussehender Unterscharführer saß am schmalen Tischende und schrieb. Krugenberg hatte ein hübsches, von Klugheit und Energie geprägtes Gesicht, nur eine steile Falte zwischen den Brauen und der kalte Ausdruck der großen blauen Augen verrieten die Härte seines Wesens. „Heil Hitler! Was kann ich für Sie tun?“ begrüßte er die beiden Besucher. „Nehmen Sie Platz.“ Er lachte kurz auf, als er von dem geplanten Einsatz der Wasserpolizei hörte. „Gut gemeint, aber illusorisch. Spuren? Hier gibt es nur Spuren. So viel Sie wollen. Aber Sie werden nicht einen Partisanen erwischen, aus dem geplünderten Proviantzug nicht ein Brot, nicht eine Fleischbüchse entdecken. Dazu sind Sie erstens viel zu spät daran, wie wir es heute Nacht schon waren, und zweitens können Sie mit den Motorbooten nicht von den eigentlichen Flüssen weg in die tausend sonstigen Wasserläufe und die Moorseen hinein. In dem Dschungelgewirr tanzen Ihnen die Partisanen auf ihren flachen Kähnen oder einfach auf Balken und Holzplanken vor der Nase herum, ohne daß Sie auch nur einen zu Gesicht bekommen. Und wenn Sie an Land gehen, müssen Sie auf den festen Wegen oder Pfaden bleiben, die die Dörfer verbinden, die Gesuchten aber verschwinden ohne Hast ins Moor. In den Dörfern finden sie keinen Mann und kein junges Weib, nur alte Frauen, auf dem letzten Loch pfeifende Greise und Kinder, weil die wissen, daß sie nicht aufgehängt werden. Wenn Sie dann zu Ihren Booten zurückkommen, sind sie versenkt, falls sie zu nahe am Ufer gelegen waren. Eine Aktion der Wasserpolizei also ist sinnlos, weil sie von vorneherein zum Scheitern verurteilt ist. Hier hülfe nur eine Großrazzia unter Mitwirkung von Kampftruppen, nicht nur von knochensteifen, gottes- und todesfürchtigen Landesschützenpapas, von denen höchstens jeder Dritte anständig schießen kann und alle miteinander nur defensiv eingestellt sind, weil sie 67
selbstverständlich nur einen Gedanken haben: lebendig wieder nach Hause zu kommen. Die ganze Gegend steckt auf 200 Kilometer im Quadrat voll von Polen, die anfangs vor den Russen getürmt sind, und jetzt dazu noch von versprengten russischen Soldaten, Offizieren und wie gemunkelt wird, auch einigen Kommissaren, die sich vor unseren Truppen in das Sumpfland gerettet haben. Es müßte vollkommen eingeschlossen und nach der Mitte aufgerollt werden. Alles andere ist Quatsch. Aber dazu brauchten wir eine Division SS und ein paar Polizeiregimenter. Und die haben wir nicht. Wir haben kein anderes Gegenmittel, als kurzerhand die Verdächtigsten herauszugreifen und aufzuhängen. Das schreckt zwar die Banditen nicht, aber veranlaßt wenigstens die Bevölkerung, alles zu tun, damit in der Nähe ihrer Dörfer keine Anschläge verübt werden.“ „Da wissen Sie wohl auch gar nicht, ob die sechs draußen an den Telefonmasten zu den Partisanen gehört haben oder nicht?“ „Bei einem ist es sicher, bei den anderen wahrscheinlich.“ „Es könnte also auch sein, daß es sich um keine Banditen handelt?“ „Es gibt hier überhaupt nur Banditen.“ „Ich bin anderer Meinung. Zehntausende von Polen stehen zum Beispiel in den Diensten der Reichsbahn. Die Beamten der polnischen Behörden, soweit sie tätig sind, machen unter deutscher Leitung ihren Dienst, die polnische Bevölkerung arbeitet in den Fabriken und überall, wo sie nur Arbeit bekommen kann, um nicht ganz zu verhungern. Und kämpfen die Partisanen nicht schließlich für ihr Vaterland?“ „Kämpfen nennen Sie das? Lieber Inspektor, man merkt Ihnen deutlich an, daß Sie noch nicht viel mit ihnen zu tun gehabt haben und mit den laienhaften Vorstellungen bürgerlicher Gutherzigkeit belastet sind. Der Partisan kämpft nicht, sondern mordet, stört und zerstört aus dem Hinterhalt. Und in Wirklichkeit steckt der größte Teil der Bevölkerung, die arbeitende so gut wie die herumlungernde, hinter ihm. Jetzt jammern und heulen sie da draußen zum Herzerweichen und wenn sie könnten, würden sie uns allen, Ihnen mit, Herr Inspektor, die Hälse abschneiden. Das können Sie mir glauben.“ 68
„Ist ihre Feindschaft nicht begreiflich?“ „Die Feindschaft vielleicht, aber die Bestialität nicht.“ „Das sind gewiß nur einzelne.“ „Sie sollen uns diese einzelnen ausliefern.“ „Sie werden sich vor den Verbrechern genau so fürchten, wie vor euch.“ „Das ist ihre Sache. Vor uns brauchte sich niemand zu fürchten. Nicht wir haben mit dem Aufhängen angefangen, sondern die Bevölkerung mit den Verbrechen. Wenn wir nicht brutal durchgreifen, wächst uns diese Seuche über den Kopf. „Was dann? Das polnische Volk hätte statt des Krieges in Freundschaft mit uns leben und sich nach unserem Siege diese Freundschaft auch noch zurückgewinnen können, aber es ist in seiner Masse unbelehrbar und unverbesserlich. Und wenn unter den herrschenden Verhältnissen Unschuldige mit den Schuldigen oder auch statt der Schuldigen die Schandtaten büßen müssen, so hat es sich das selbst zuzuschreiben.“ Racke wollte etwas erwidern, aber er kam nicht dazu. Krugenberg griff in die Rocktasche, legte einige Fotos vor Racke auf den Tisch. „Nur eine kleine Auswahl“, sagte er. »Das eine waren einmal drei SS-Männer. Das andere ein alter Major der Landesschützen. Auf dem dritten sehen Sie die verschleppte Begleitwache und den Lokomotivführer eines überfallenen Zuges. Und das letzte ist eine verschleppte Volksdeutsche Dolmetscherin, schon ein paar Stunden nach ihrem Verschwinden in einem Keller aufgefunden. Schauen Sie es nicht so genau an, damit ihnen nicht übel wird.“ Der Wassermüller knirschte mit den Zähnen. „Das ganze Pack müßte man ausrotten“, stieß er heraus. Racke war bis ins Innerste erschüttert. Er wußte nichts zu sagen, denn was er dachte, hätte er in diesem Augenblick nicht über die Lippen gebracht. Er dachte: Es ist der ewige Kreislauf. Wer mit dem Unrecht und mit der Unmenschlichkeit begonnen hat, ist gleichgültig. Wenn nicht einer einmal, der die Macht dazu haben wird, mit dem Verzeihen und Versöhnen beginnt, werden die Völker ein furchtbares Los haben und viele ein entsetzliches Ende nehmen.
69
Der Obersturmführer wurde abberufen, die Kommandos waren von der Razzia zurückgekommen. Er schob Racke und Müller die beschriebenen Blätter zu. „Hier haben Sie den Hergang des Überfalls, wie ich ihn aus den Aussagen des Unteroffiziers Häsgen von der Landesschützenwache rekonstruiert habe.“ Er steckte die Pistole ein, setzte die Mütze auf und verließ den Wagen. Racke und Müller lasen zusammen. „... um 14 Uhr 11 wurde der von drei Beamten besetzten Station Nowy Wiezyczy der Abgang des Regelzuges 61 22 aus Lachwa gemeldet. Dieser Zug, ein Proviantzug für das Heeresverpflegungslager ,Lilie', hatte ohne Aufenthalt durchzufahren. Weil auf dem Überholungsgleis infolge Defekts der Lokomotive ein Hilfskrankenleerzug in Richtung Gomel abgestellt worden war, überzeugte sich der Weichenwärter Berner auf Weisung des Fahrdienstleiters Funke, daß die Weiche 2, die sich 300 Meter vom Empfangsgebäude entfernt befindet, richtig gestellt war und zog das Ausfahrbehelfssignal in Fahrtstellung. Alsbald begab er sich zur entgegengesetzten Weiche 1 und stellte auch das Einfahrsignal auf freie Fahrt, nachdem er sich von der richtigen Lage der Einfahrweiche überzeugt hatte. Er kam zurück, unterhielt sich einen Augenblick mit Unteroffizier Häsgen, der vor das Stationsgebäude getreten war, und meldete durchs offene Fenster dem Fahrdienstleiter Funke, der inzwischen den Fernsprecher bediente, während der um 12 Uhr abgelöste Stitzenbacher schlief. Als der Zug in der Ferne auftauchte, machte er sich erneut zur Weiche 1 auf den Weg, um sie örtlich zu bewachen und nach Durchfahrt des 61 22 die Einfahrt in den Bahnhof gleich wieder zu sperren, denn die Signale konnten vom Betriebsgebäude aus noch nicht mechanisch gestellt werden. Berner war noch wenige Schritte von der Weiche entfernt, als Unteroffizier Häsgen den Zug vom Durchgangs- auf das Überholungsgeleise abbiegen sah. Er hörte einen Schrei, hörte Bremsklötze knallen und Räder kreischen, Geklirr, Gepolter, dann krachte die Lokomotive, die ersten Wagen zerschmetternd, sich aufbäumend und über sie werfend, in den abgestellten Zug hinein. Der Zug hinter ihr schnellte wie eine Schlange hin und her, 70
die vordersten Wagen schoben sich in einen einzigen zusammen, die nächsten stülpten sich auf und hingen wie eine Brücke über dem Bahnkörper. Die hintere Hälfte des Zuges riß in mehrere Teile auseinander. Wagen stürzten um, zertrümmerten die Gleisanlagen, verwüsteten den Bahnkörper. Die beiden letzten wurden, sich überschlagend, 30, 40 Meter weit fortgeschleudert. Das Getöse war furchtbar. Aber nur ein paar Atemzüge lang. Dann war dies alles geschehen. Auf den nervenzerreißenden Lärm folgte lähmende Stille. Nur noch das Zischen von Dampf war zu hören und ein unaufhörlicher, immer gleicher, gellender Hilferuf. Häsgen sah den Weichenwärter Berner schwanken und steif ausgestreckt, wie vom Blitz getroffen, niederstürzen. Er selbst stand wie erstarrt, sich mühend, der Lähmung Herr zu werden, die seine Beine erfaßt hatte. Er glaubte, er sähe Gespenster, als auf dem Bahngelände plötzlich Menschen waren, wie aus dem Boden gezaubert. Zwanzig, fünfzig, hundert, im Bruchteil einer Minute. Männer, Frauen, Kinder. Die meisten Männer mit Gewehren, russische und polnische Uniformen darunter. Nun wich der Bann des Entsetzens über das Unglück von ihm. Er fuhr herum, um zu seinen zwei Männern ins Stationsgebäude zu kommen, als diese eben mit schußbereiten Gewehren herausstürzten, zugleich aber auf beiden Seiten eine Horde Bewaffneter auftauchte, die auch Schnellfeuergewehre und Maschinenpistolen besaß, und sie zusammenschoß. Für den waffenlosen Häsgen gab es nur Flucht. Mit wenigen Sprüngen war er über das Gleis, verkroch sich in den Trümmerbergen des Leerzuges, während die Geschosse um ihn pfiffen und ins Holz klatschten, auf Eisenteilen klirrten und davonjaulten. Er sah noch, wie die beiden Eisenbahner, der eine in Unterwäsche und barfuß, mit Schlägen und Tritten aus dem Dienstraum heraus- und nach dem Wald davongetrieben wurden. Inzwischen war der gellende Hilfeschrei in röchelnde Laute der Qual übergegangen, die nun verstummten. Es roch nach Brand und qualmender Kohle. Wenige Minuten später erfolgte in der Ferne im Westen eine Detonation und gleich darauf drang von Osten her der Donner einer zweiten Sprengung. Später glaubte Häsgen mehrmals, Gewehrfeuer zu hören, aber es brach immer 71
nach kurzer Zeit wieder ab. Als er glaubte, es wagen zu können, einmal Umschau zu halten, sah er das ganze Bahngelände voller Menschen, überwiegend Frauen, auch größere Kinder, die den Verpflegungszug plünderten, das weit und breit herumgeschleuderte Proviantgut zusammenlasen, Säcke und Kisten, oder die Beute in Körbe geworfen oder auf Rückentraggestelle gepackt, davonschleppten. Häsgen sah nun auch, daß bei der Lokomotive die Trümmer des Leerzuges in Brand geraten waren, eine Rauchwolke strich von dort querab. Als es dämmerte, hörte man von Westen her ein länger anhaltendes Feuergefecht. Es näherte sich allmählich. Ein paar scharfe polnische, vielleicht auch russische Rufe erklangen. Rasch wurde es stiller und nach wenigen Minuten lag das Bahngelände wie ausgestorben. Fast sechs Stunden waren seit dem Überfall vergangen. Als Unteroffizier Häsgen sicher schien, daß sich keine Bewaffneten mehr im Bereich der Unglücksstätte befanden, kroch er aus seinem Versteck und torkelte im Halbdunkel zunächst zu der Stelle, wo Berner liegen mußte. Er lag noch da und er war nicht vom Schlag, wie es den Anschein gehabt hatte, sondern von mehreren Kugeln tödlich getroffen worden. Im Getöse des Zugzusammenstoßes hatte man die Schüsse nicht hören oder nicht unterscheiden können. Der Brand bei der Lokomotive war offenbar von selbst erstickt, aber jetzt schlugen die Flammen aus dem Stationsgebäude. In ihrem Schein entdeckte Häsgen, daß der Heizer, ein Pole, wie inzwischen festgestellt wurde, zwischen der Lok und dem hochgestellten Tender fast völlig von der niederstürzenden Kohle verschüttet und offenbar später bei dem schwelenden Brand verschmort war. Der deutsche Lokführer, ein ergrauter Mann, hing in das zusammengepreßte Fenster geklemmt, die linke Hand noch um das Bremsventil geklammert, das Fleisch von der Hüfte abwärts vom ausgeströmten Dampf oder kochendem Wasser von den Knochen gelöst. Häsgen brachte nicht mehr die Kraft auf, nach dem Zugbegleitpersonal und der Zugbewachung zu forschen. Eine Viertelstunde später traf die Spitzengruppe der SD-Kompanie und einer Polizeieinheit ein.“
72
Racke und Müller machten eine Pause. Müller steckte sich eine Zigarre, Racke eine Zigarette an. Der Eindruck, den diese Schilderung des furchtbaren Dramas noch stärker auf sie gemacht hatte, als das, was sich ihren Augen selbst geboten, spiegelte sich in dem düsteren Ernst ihrer Züge wieder. Dann lasen sie die Ergänzungsberichte. Der eine lautete: „Als dem Fahrdienstleiter der Station Lachwa der Zug 61 22 sechs Minuten nach Ablauf der planmäßigen Fahrzeit nicht zurückgemeldet, der nachfolgende Regelzug — Kohlen — aber bereits eingefahren war und auf die Ausfahrt wartete, rief er drüben an. Nowy Wiezyczy antwortete nicht. Nach mehrmals vergeblich wiederholtem Versuch war es klar, daß die Leitung gestört sein mußte. Er wollte sofort die Zugleitung in Luniniec verständigen. Auch in der Westrichtung war die Leitung unterbrochen. Damit war ziemlich klar, daß es sich um einen Sabotageakt handelte. Er alarmierte die ganze Bahnhofsbesatzung und das Personal des eingefahrenen Zuges und schickte zunächst je zwei erfahrene Beamte, von denen der eine Telegraphenmechaniker, also Fachmann für die Fernmeldeanlagen war, in beiden Richtungen zur Erkundung, veranlaßte ferner die beiden auf der Station befindlichen Landesschützen, nach ihren Kameraden an der Brücke zu sehen. Die vier Männer hatten die Brücke eben erreicht, als die Osthälfte in die Luft flog, mit ihr der Kamerad, der ihnen von drüben noch hatte entgegenkommen wollen. Zugleich schoß es von der anderen Seite des Flusses her. Sie suchten zusammen mit dem diesseitigen Posten schleunigst Deckung und erwiderten das Feuer, ohne ein Ziel erkennen zu können. Nur mit Mühe gelang es ihnen, sich zur Station zurückzuziehen. Dort wurden schleunigst nach allen vier Seiten, vor allem auch um die Lokomotive des Kohlenzugs, Deckungen geschaffen und besetzt. Nach einer Stunde kehrte einer der beiden in Richtung Luniniec ausgeschickten Beamten zurück. In einer Entfernung von zwei Kilometern waren zwei Telefonmasten umgesägt und die Drähte dazwischen beseitigt. Als sie sich den Schaden eben näher besahen, erhielten sie aus nächster Nähe von beiden Seiten Feuer. Sie waren geflüchtet, denn wie hätten sie es mit ihren 73
Polenflinten mit einem Gegner aufnehmen können, der nach jedem Schuß seinen Standpunkt wechselte. Sein Kamerad war durch Kopfschuß gefallen.“ „Ergänzung II: Da Luniniec weder eine Rückmeldung des Kohlenzuges aus Lachwa erhielt, noch überhaupt telefonische Verbindung mit einer östlichen Station herzustellen vermochte, schickte es einen Erkundungstrupp, bestehend aus einem Telegraphenwerkmeister, einem Telegraphenmechaniker, zwei Streckenarbeitern und zwei Bahnschutzbeamten per Draisinen auf die Strecke. Sie teilten nach einer Stunde von ihrem Apparat, den sie auf der Strecke angeschlossen hatten, mit, daß sie zwei Kilometer vor Lachwa angeschossen worden seien, das Feuer erwidert, sich aber vor der Übermacht zurückgezogen und vorläufig an einem günstigen Geländepunkt verschanzt hätten, weil der Tank der einen Draisine durchlöchert worden sei. Hiernach schien es sich also um einen Sabotageakt größeren Ausmaßes zu handeln. Der Transportkommandant wurde in Kenntnis gesetzt, der gesamte Bahnschutz in Stärke eines Zuges alarmiert, auf Befehl der Feldkommandantur noch ein Zug Landesschützen zugeteilt. Man stellte einen kurzen Dienstzug zusammen, dem auch gleich eine kleine Rotte Streckenarbeiter mit dem nötigen Material und mehrere Betriebsbeamte mitgegeben wurden, für den Fall der Notwendigkeit, Ausfälle in Lachwa oder auf anderen Bahnhöfen auszugleichen. Vor die Lok wurden vorsichtshalber schadhafte, mit Sand beladene Güterwagen gekuppelt und richtig fuhr man schon auf halbem Wege auf eine Mine. Der erste Wagen wurde zertrümmert, das Gleis aufgerissen, der zweite Wagen entgleiste. Nur weil der Lokführer, ein alter Hase, der sich noch auf einen schönen Lebensabend freute, mit größter Vorsicht gefahren war, hatten, außer einigen Beulen, weder die Maschine noch Menschen Schaden erlitten. Man verständigte Luniniec, besserte den Schaden wieder aus und setzte die Fahrt, nach allen Seiten die Gewehre im Anschlag, zwei Scharfschützen mit auf der Lok, den einen verbliebenen Sicherungswagen voraus, langsam fort. Vier Kilometer vor Lachwa wurde der zurückgegangene Telegraphenbautrupp aufgenommen und bei den umgelegten Telegraphenstangen zwecks Erneuerung der Leitung wieder 74
abgesetzt. Selbst den vereinten Kräften von Landesschützen, Bahnschutz und Eisenbahnern war es, wenn man nicht hohe Verluste in Kauf nehmen wollte, nicht möglich, den Übergang über den Smierc zu erzwingen. Die Partisanen, deren Zahl unbestimmbar war, hatten sich drüben, weithin flußauf und -ab so ausgezeichnet gedeckt, daß man sie kaum mit dem Glase ausmachen konnte. Es gab in kurzer Zeit auf deutscher Seite zwei Tote und mehrere Schwerverwundete. Man mußte die Nacht abwarten oder Unterstützung, mindestens mit Maschinenwaffen, erhalten. Entsprechende Meldungen wurden sofort nach Wiederherstellung der Leitung telefonisch nach Luniniec gegeben. Inzwischen waren von dort aus bereits Pinsk, Brest und Baranowicze wegen des Rückstaues verständigt worden und nun wurde der Haupteisenbahndirektion in Minsk ein eingehender Bericht durchgegeben. Noch ehe es dämmerte, waren die beiden anderen Züge der Landesschützen, eine Abteilung Polizei und eine SD-Kompanie zur Stelle. Sie fetzten mit Maschinengewehren die Partisanenstellung ab. Als die Bereitstellung zum umfassenden Angriff auf den jenseitigen Brückenkopf beendet war, hatte die Dunkelheit schon begonnen, und als die Stoßtrupps auf kleinen Fahrzeugen den Smierc überquerten, fiel kein Schuß. Die Partisanen waren so unhörbar und unsichtbar verschwunden, als hätte sie der Boden verschluckt. Große Blutlachen an manchen Stellen bewiesen, daß auch sie Verluste erlitten hatten, aber sie hatten ihre Toten und Verwundeten ohne Ausnahme mitgenommen. Eine halbe Stunde später war ein Bauzug zur Stelle, der sofort die Wiederherstellung der Brücken in Angriff nahm. Die Truppe stieß gegen Nowy Wiezyczy vor, ohne jeden Widerstand und ohne überhaupt einer Menschenseele zu begegnen. Sie sah von weitem den Brand der Station, aber nicht ein Laut war zu vernehmen in der Stille der Nacht. Von Osten her waren nur geringe militärische Kräfte zur Verfügung gestanden. Es war an der gesprengten Lanbrücke zu keinem Kampf gekommen, aber am Morgen ein Bauzug der Feldeisenbahndirektion 2 mit einer Dieselramme angerückt.“ 75
Racke schob die Blätter schweigend zurück. Auch der wuchtige Wassermüller sah stumm ins Leere. Die Zigarre war ihm ausgegangen, er setzte sie mechanisch wieder in Brand. Der mädchengesichtige SS-Unterscharführer mit dem SD auf dem Kragenspiegel gab ihnen das Blatt über den Tisch, auf das er Notizen von losen Zetteln übertrug. Da lasen sie noch: „Schlußfolgerung: Es handelte sich unbestreitbar um einen von langer Hand vorbereiteten Anschlag, der nicht eigentlich der Station Nowy Wiezyczy galt, sondern dem Verpflegungszug, der seit drei Wochen stets montags und donnerstags nach festem Fahrplan von Brest kommend über Luniniec nach Kalinkowitschi gefahren wurde. Die Unterbrechung der Telefonverbindungen in beiden Richtungen und die Sprengung der beiden Brücken ostwärts und westlich der Station sollten den Partisanen die Zeit verschaffen, die zur Ausplünderung des Zuges und Fortschaffung der Beute erforderlich war. Dabei halfen, wahrscheinlich teils freiwillig, teils gezwungen, Hunderte von Frauen und auch Kindern. Der Zusammenstoß mit dem abgestellten Zug wurde zweifellos dadurch herbeigeführt, daß die Einfuhrweiche, nachdem der kontrollierende Beamte in entgegengesetzter Richtung des Bahnhofsgebäudes weggegangen war, von im Hinterhalt lauernden Partisanen auf das Überholungsgleis umgestellt wurde, ohne daß dies von der Station aus wahrgenommen worden war. Auch für diesen Fall wären aber, was aus der ganzen Organisation des Unternehmens hervorgeht, bestimmt anderweitige Vorkehrungen für das Gelingen des Anschlages getroffen gewesen. Opfer des Zusammenstoßes selbst sind der Lokführer und der Heizer, die auf besonders schauerliche Weise ums Leben gekommen sind, aber auch das Begleitpersonal, 1 Zugführer und 3 Schaffner, sowie die Bewachungsmannschaft, 1 Unteroffizier und 6 Mann. Der Zugführer und 1 Schaffner, sowie die Hälfte der Soldaten, einschließlich des Unteroffiziers, hatten sich im mittleren der drei vordersten Wagen, die vollkommen ineinandergestoßen worden waren, befunden. Die Leichen waren unkenntlich zerquetscht, zerfetzt und zerschnitten. Die zweite Hälfte der Soldaten befand sich mit den beiden anderen Schaffnern im letzten Wagen, der 30 Meter weit fortgeschleudert, 76
und, sich überschlagend, zertrümmert worden war. Sie waren teils an schweren Schädelbrüchen, teils an Genickbrüchen gestorben. Der einzige, der nur Knochenbrüche aufwies und nach dem Unglück noch gelebt haben muß, wurde von den Partisanen durch Schüsse in den Kopf getötet. Ferner fielen oder wurden schwer verletzt im Zusammenhang mit dem Anschlag und den anschließenden Kämpfen“ — Hier brach der Bericht ab. Rackes Kiefern spielten nervös. Müller zerknautschte die wieder erloschene Zigarre. Draußen wurde Geschrei und Gejammer laut, eine wütende, heisere Kommandostimme, ein peitschender Schuß, dann war es wieder still. Nun klangen rasche heftige Schritte, der Wagen schwankte etwas, Krugenberg kam herein. Wütend warf er eine halbgerauchte Zigarette weg, zertrat sie, stand mit angewinkelten Armen, die Hände zu Fäusten geballt und starrte durchs Fenster. „Was mach ich nun mit ihnen?“ stieß er mit mühsam beherrschter Stimme heraus. „Ich kann sie nicht einfach alle wieder laufen lassen! Ich muß ein Exempel statuieren!“ Er drehte sich um, nahm die Mütze ab. Schweiß stand auf seiner Stirne. Sein Blick blieb an dem Jungen am Tisch hängen. „Was würden Sie machen?“ „Ein Maschinengewehr aufstellen.“ Mehr verblüfft als empört sah Racke in das mädchenhafte Gesicht, das unverändert nett und sympathisch war wie zuvor. Dann fragte er Krugenberg: „Wie viele sind es denn?“ „Zweihundert, Dreihundert. Ich weiß es nicht. Achtzig Prozent Frauen.“ „Und wie viele davon sind Partisanen?“ „Schwer zu sagen. Vielleicht ein Dutzend, vielleicht die Hälfte. Vielleicht auch alle.“ „Wie viele wurden mit einer Waffe betroffen?“ Krugenberg runzelte die Stirne. Man sah ihm an, daß ihm die Fragerei lästig wurde und daß er sich besann, wie er überhaupt dazu kam, einem Eisenbahner Rede und Antwort zu stehen. „So dumm wird keiner sein, daß er sie nicht vorher wegwirft“, sagte er kurz und scharf.
77
Racke wußte, daß es nun um die Entscheidung ging, wenn er sich nicht einfach vom Schicksal der vielen, zweifellos meist schuldlosen Menschen da draußen abwenden wollte. Er mußte versuchen, seine Position zu verbessern. „Bitte, Herr Obersturmführer, verstehen Sie mich nicht falsch. Ich weiß, daß Sie mir keine Rechenschaft schuldig sind. Ich unterhalte mich ja nur als Kamerad mit dem Kameraden — wenn auch meine Kriegsbeschädigung meinen Einsatz als Frontsoldat beendet hat.“ Rackes Stimme klang sehr warm, aber auch sehr männlich sicher. Er hatte schon vor einiger Zeit, weil es ihm zu unbehaglich geworden war, abgeschnallt und den Mantel geöffnet. Jetzt schlug er ihn nicht ohne Absicht zurück, um seine Ausweise aus der Tasche zu holen. „Ich habe“, fuhr er dabei fort, „allerdings auch ein dienstliches Interesse an den Vorgängen als Sonderberichter des Reichsverkehrsministers mit Vollmacht des Generals des Transportwesens.“ Krugenberg hatte einen kurzen Blick auf Rackes Tapferkeitsauszeichnungen geworfen, jetzt wehrte er ab. „Ausweise sind gar nicht nötig. Wir können uns selbstverständlich weiter über die Sache unterhalten. Was möchten Sie denn nun noch wissen?“ Racke lachte: „Nur noch ein paar Kleinigkeiten.“ Er dachte, eine heitere Tonart wird es mir leichter machen und ihn zugänglicher stimmen. „Wurden überhaupt irgendwo Waffen gefunden?“ Krugenberg machte eine Bewegung, als ob er sagen wollte: Mensch, was bist du blöd! und er antwortete ziemlich heftig: „Natürlich nicht!“ Racke fragte ruhig weiter: „Wurden Lebensmittel entdeckt, die von der Plünderung stammen?“ Krugenberg parierte mit einer Gegenfrage: „Glauben Sie, daß Sie hinter die Verstecke der Banditen kommen?“ „Von wem können Sie mit Sicherheit behaupten oder auch nur mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen, daß er geplündert und die Beute versteckt hat?“ Jetzt lachte auch Krugenberg. Die Unterhaltung schien ihn allmählich zu amüsieren.
78
„Sie sind der reinste Untersuchungsrichter. Mit Sicherheit von keinem, mit Wahrscheinlichkeit von den meisten.“ „Sehen Sie!“ lachte Racke. „Sie können nicht einem einzigen Mann und nicht einer einzigen Frau nachweisen, daß sie an dem Anschlag und der Plünderung beteiligt waren. Und nun beantworten Sie mir noch meine letzte Frage ganz ehrlich: Besteht nicht die Möglichkeit, daß von den dreihundert da draußen überhaupt niemand beteiligt war?“ „Gewiß, auch diese Möglichkeit besteht.“ Racke nickte und wandte sich langsam dem andern zu. „Sie würden es also über sich bringen, dreihundert Unschuldige zusammenzuschießen?“ „Ich glaube nicht an ihre Unschuld.“ „Doch. Sie wissen genau so gut wie Ihr Obersturmführer und ich und wie es auch unserem Freund von der Polizei hier klar ist, daß es sich um keine, höchstens um ganz wenige Schuldige handelt.“ „Es ist bedauerlich, aber nicht von uns so eingerichtet, daß man sie nicht auseinanderhalten kann.“ „Sie könnten also mitleidlos mit ansehen und mit anhören, wie ein paar hundert Männer und Frauen im Kugelregen zusammenbrechen und schreiend und in Qualen sterben? Das könnten Sie junger, netter Mensch ertragen?“ Der mädchengesichtige SS-Mann erhob sich. Ohren, Wangen und Stirne hatten sich gerötet und in seinen Augen stand Haß. Nicht nur Haß, auch Schmerz. „Obersturmführer, haben Sie eine Zigarette?“ fragte er leise. Racke war rascher, bot ihm an und gab ihm Feuer. „Danke.“ Er ging zur Türe, sah hinaus, kam zurück, blieb vor Racke stehen und sah ihm voll in die Augen. „Ich habe schon mehr ertragen müssen. Wenn der Kommunismus schon Deutsche zu Verbrechern machen konnte, wie viel mehr mußte er das bei vielen geistig primitiveren Menschen des Ostens erreichen. Haben Sie denn vergessen, weshalb wir hier sind? Was hier geschehen ist? Haben Ihnen die netten Bildchen nicht gesagt, um was es hier in diesem Kriege geht? Eben um die Menschlichkeit. Der Bolschewismus hat die
79
Bestie freigelassen, er verkündet ihr den Mord als Evangelium. Entweder, wir rotten sie aus — oder wir werden ausgerottet.“ Er wandte sich ab und setzte sich wieder an seinen Platz, rauchte schweigend weiter. Der Wassermüller stand auf; es war höchste Zeit, daß er zu seinem Boot und nach Pinsk zurückkam. Er verabschiedete sich mit Handschlag von jedem. Zu Racke sagte er: „Wir werden uns ja wohl nicht mehr sehen.“ „Das kann man nicht wissen“, scherzte Racke. „Die Welt ist klein und Rußland nicht größer.“ Der Wagen schwankte unter dem Gewicht des Mannes, als er ihn verließ. „Haben Sie nun noch eine Frage?“ spöttelte Krugenberg. „Nein. Zu fragen habe ich nichts mehr, aber zu sagen noch manches.“ „Wollen Sie immer noch Gnade vor Recht ergehen lassen?“ „Sagen Sie Recht vor Terror, dann stimmt es.“ „Sie sind tatsächlich in Ihrer Auffassung immer noch nicht erschüttert?“ Es klang ganz ungläubig. „Ich bin von allem menschlich erschüttert, aber meine Haltung gegenüber den armen Teufeln da draußen ist dieselbe geblieben. Sehen Sie, unser junger Kamerad, Sie und ich sind uns im Ziel völlig einig: Die Größe, die Freiheit, der Frieden, das Glück unseres Volkes. Wir stehen Seite an Seite, um unser Volk vor der Bedrohung aus dem Osten zu schützen. Dennoch streiten wir uns über eine Einzelheit in diesem Falle. Und wenn wir drei als Soldaten — und im letzten Grunde auch in menschlicher Hinsicht — unsere Zusammengehörigkeit nicht so stark empfänden, wäre es zweifellos längst — sagen wir einmal zum Ausbruch offener Feindseligkeiten zwischen uns gekommen. Zugegeben: Die allgemeine Mentalität des Ostens steht der Gewalttätigkeit, der Grausamkeit, dem Mord näher als die des Westens, aber auch die Mentalität des Westens ist nicht frei von ihnen. Nur — im Osten werden sie noch geschürt, im Westen gebändigt. Laßt uns den Krieg verlieren, dann brechen die Haß-, und Racheinstinkte überall aus. Aber auch im Osten lebt neben dem Bösen das Gute, neben dem Verbrecher, vielleicht jetzt von ihm terrorisiert und durch all die Nöte des Krieges verbittert, der 80
anständige Mensch, der sich genau so nach Frieden sehnt, nach Freiheit und Glück und einer besseren und gütigeren Welt wie wir Deutschen und wie alle Völker. Die Methode, die Masse der Polen und der Russen dafür büßen zu lassen, was uns ein Teil von ihnen antut, ist falsch. Man kann Tausende, Zehntausende umbringen, aber nicht Millionen und aber Millionen. Man kann kein Volk ausrotten. Vor allem wir nichtbolschewistischen Deutschen können das nicht. Darum sollten wir von vorneherein den Weg der Repressalie nicht beschreiten. Wir können uns verhärten, soviel wir wollen, wir können einen solchen Weg nicht zu Ende gehen, denn die brutalen, herzlosen, verbrecherischen Charaktere unter uns reichen bei weitem nicht aus dazu.“ Krugenberg schwieg. Racke fuhr fort: „Gut. Wir statuieren Exempel. Wir hängen zehn auf. Wir hängen hundert auf, erschießen tausend. Aber wir schrecken diese Banditen und Banden, die nationalen Freiheitskämpfer und die bolschewistischen Mörder damit nicht ab, sondern wir gießen Öl in das Feuer, das wir löschen wollen, beschwören immer mehr herauf, was wir unterdrücken wollen. Wir treiben ihnen immer neue Tausende und Zehntausende in die Arme, schüren Haß und wieder Haß und machen unsere Herrschaft für das ganze Volk schon seiner Furcht wegen zum unerträglichen Schrecken. Sehen Sie nicht einen Mörder in jedem, suchen Sie den Menschen und Sie werden ihn finden. Auch nicht jeder Partisan ist ein Verbrecher. Wer die Hand gegen die Besatzungsmacht erhebt, muß bestraft werden. Aber lassen Sie durch das böse Beispiel des Feindes nicht die guten Sitten der deutschen Gegenwehr verderben. Bitte, Kamerad Krugenberg — — “ Racke sprach nicht weiter. Er konnte nicht mehr. Eine Weile war es still, dann antwortete Krugenberg: „Ich handle nach meinen Vorschriften, nach meiner Überzeugung und nach meinen Erfahrungen.“ „Ich glaube aber, wenn diejenigen, die vom grünen Tisch ihrer Ideologie und Strategie diese Terroraktionen befehlen, ihre Opfer selbst erhängen und erschießen müßten, würde es nicht geschehen.“ Wieder war eine Weile Schweigen, dann sagte Krugenberg: „Man würde mich zur Verantwortung ziehen, wenn dieser 81
unverschämte und furchtbare Anschlag nicht aufs schärfste gesühnt würde.“ „Sie haben sechs aufgehängt und Sie können melden, daß die Partisanen nicht in den leicht zugänglichen Dörfern in der Nähe der Bahnlinie zu suchen sind, sondern in ihren weitabgelegenen Verstecken im Sumpfgebiet. Sie können eine Großrazzia anregen.“ „Ich werde mich hüten, meiner Kompanie allein eine solche sinnlose Strapaze auf den Hals zu laden, die außerdem verlustreich werden könnte und auch zu nichts anderem führen würde.“ „Dann habe ich nur noch eine Bitte: Bedenken Sie, daß Sie den Haß der Angehörigen im besonderen gegen die Stätte dieses Strafgerichts heraufbeschwören. Die Rache wird nicht Sie treffen, sondern die Beamten, die in Zukunft auf diesem Bahnhof Dienst machen müssen. Der einsame, fast ungeschützte Eisenbahner auf der Strecke und den kleinen Stationen ist ohnehin der Hauptgefährdete und Hauptleidtragende des Partisanenunwesens. Um des Lebens der Eisenbahner willen muß ich Sie in aller Form ersuchen, Ihr Strafgericht nicht auf Bahngebiet, sondern an irgend einem neutralen Ort zu vollziehen.“ Krugenberg ging hin und her, er schien unschlüssig zu sein, vielleicht hatte er die Forderung des letzten Satzes gar nicht klar erfaßt. Er blieb stehen und sagte: „Sie haben Ihren Standpunkt glänzend vertreten, aber wenn Sie objektiv sind, werden Sie zugeben, daß auch meine Auffassungen, zumal sie der Haltung meiner Vorgesetzten entsprechen, ihre Berechtigung haben. Die Bevölkerung muß wissen, daß ihr kein Haar gekrümmt wird, wenn sie sich nicht feindselig verhält, daß wir aber andernfalls mit der größten Rücksichtslosigkeit durchgreifen. Sie muß vor uns zittern. Tut sie es eines Tages nicht mehr, wird sie uns und allen Deutschen den Garaus machen. Heute retten Sie ein Dutzend wirklich oder vermeintlich Unschuldige vor dem Galgen und morgen schlagen sie Ihnen den Schädel ein. Der Einsatz Ihres guten Herzens wäre einer besseren Sache wert.“
82
„Krugenberg, mein Herz ist nicht besser als das Ihre, Ihr Herz hat es nur viel schwerer. Ihr Sondereinsatz gegen Partisanen und Verbrecher, die einseitige, dauernde Berührung mit all den Scheußlichkeiten muß es Ihnen ja fast unmöglich machen, noch Mitgefühl mit diesem Volk zu haben. Aber versuchen Sie es doch einmal jetzt, in dieser Stunde. Denken Sie sich einmal in diese bedauernswerten Menschen da draußen hinein. Vielleicht ist ein Schuldiger unter ihnen, aber was können all die andern dafür, was hier geschehen ist? Was können sie für diesen Krieg? Gar nichts. Beides ist über sie hereingebrochen durch die Schuld anderer. Sind sie nicht schon dadurch gestraft genug, daß sie den Krieg, seine Gefahren, seine Zerstörung, den Hunger, sein ganzes furchtbares Elend im Lande haben und am eigenen Leibe erleben müssen? Sie sagten, der Einsatz meines Herzens wäre einer besseren Sache wert. Nein, Kamerad. Es gibt keine bessere Sache, als seinem Herzen zu gehorchen und, allen äußeren und eigenen inneren, noch so begründeten Widerständen zum Trotz für die Menschlichkeit zu kämpfen, damit die Unmenschlichkeit nicht den Sieg über die Erde gewinnt.“ „Herrgottsakrament!“ fluchte Krugenberg, „dann kommen Sie!“ Er setzte mit einer heftigen Bewegung die Mütze auf und ging mit ebenso heftigen Schritten hinaus. Racke nahm sich nicht die Zeit, nach dem Schifferl zu greifen und umzuschnallen; barhaupt, mit offenem Mantel sprang er ihm nach. Es war auch ohne Belang; die Wolkendecke war aufgerissen. Es war so hell geworden, als begänne der Tag noch einmal von vorne. Hinter sich her hörte er noch jemand kommen; er wandte sich um, dachte, es wäre der SS-Unterscharführer. Es war ein Eisenbahner; ein Rottenführer wohl. Die Polen standen noch immer in zwei Gruppen vor den beiden Telefonmasten, aber die Gruppen waren jetzt dreimal so groß wie zuvor. Und vor jeder Gruppe standen vier Männer und zwei Frauen, und alle zwölf hatten eine Schlinge lose um den Hals gelegt. Die beiden großen dichten Menschenhaufen waren von einer Kette SD-Männer umstellt, die ihre Maschinenpistolen oder Karabiner schußfertig unterm Arm hielten. Die übrige Mannschaft war in drei Gliedern angetreten. Ein Hauptscharführer kam auf 83
seinen Kompaniechef zu und meldete, daß zwölf ausgesucht und in die Kamine der Bahnhofsruine Haken geschlagen seien, weil sie nicht gewußt hätten, wo die Partisanen sonst aufgehängt werden sollten. Dieser Mann schien seinem Gesichtsausdruck nach mit Geist und Menschenliebe wenig gesegnet, dafür mit um so mehr Brutalität ausgestattet zu sein; Racke konnte sich leicht vorstellen, wie seine Unterhaltung verlaufen wäre, wenn der Obersturmführer unglücklicherweise auch einem solchen Typus angehörte. „Treibt mal alle hierher!“ befahl Krugenberg und ging vor die Mitte der Bahnhofsruine bis an das Überholgleis zurück, das an dieser Stelle von den Wagentrümmern bereits freigemacht war. Der Befehl wurde rasch und entsprechend unsanft ausgeführt. Die fast durchweg stämmigen Kerle in der schwarzen Uniform mit dem SD-Spiegel waren von der Grobheit, mit der Bauern ihre störrischen oder trägen Ochsen behandeln. Einige Eisenbahnarbeiter, die in der Nähe beschäftigt waren, hörten auf und näherten sich langsam, blieben ein Stück hinter Krugenberg und Racke stehen. Ein paar Schritte vor dem, wie eine verängstigte Herde sich zusammendrängenden Haufen, standen die zwölf Todgeweihten, ebenfalls dicht nebeneinander. Eine Frau schluchzte, daß es sie schüttelte, einer anderen lief langsam Träne um Träne über das Gesicht, ohne daß es sich rührte. Die beiden anderen Frauen hatten die Hände vor dem Schoß gefaltet und murmelten vor sich hin, offenbar Gebete. Bis auf zwei, die trotzig in die Gesichter der Deutschen starrten, hielten die Männer die Köpfe gesenkt. Man konnte ihnen nicht in die Augen sehen. Ein Graukopf zitterte wie Espenlaub, seine beiden Nebenmänner mußten ihn halten. „Wer von euch spricht deutsch?“ fragte Krugenberg. Es kam keine Antwort. „Die können doch alle deutsch!“ schrie der Hauptscharführer, der gemeldet hatte. „Haut ihnen eine in die Fresse, dann wird's gleich gehen!“ Schon klatschte und krachte es, da trat ein Eisenbahner zu Krugenberg und sagte, aber sehr achtungsvoll: „Das hat keinen Sinn, Herr Kommandeur. Die können doch vor lauter Angst nicht
84
reden. Lassen Sie mich dolmetschen, ich bin Volksdeutscher aus Polen.“ Racke sah, es war der Rottenführer, der hinter ihm hergekommen war. Krugenberg sah den Mann in seiner Arbeitskluft einen Augenblick scharf prüfend an, dann fragte er: „Wie heißen Sie?“ „Jendik.“ „Gut.“ Krugenberg fragte: „Wer von euch gesteht jetzt endlich, daß er das Verbrechen hier mitbegangen hat?“ Jendik übersetzte die Frage. Es kam keine Antwort. „Wenn sich die Schuldigen melden, können alle anderen nach Hause gehn.“ Ein Greis trat vor, sagte ein paar ruhige Worte. Jendik übersetzte. „Herr, niemand aus meinem Dorf war hier.“ „Wer gesteht, daß er mit geplündert hat?“ Eine Frau drängte sich aus dem Haufen, warf sich vor Krugenbergs Füße, schrie schluchzend: „Nix Frau, nix Mann, nix Kind hier sein! Wir nix wissen — Soldaten kommen und mitnehmen!“ „Hab ich's nicht gesagt? Sie können!“ rief der Hauptscharführer aus, riß die Frau empor und stieß sie in die Menge zurück. „Neun friedliche Eisenbahnbeamte“ sagte Krugenberg — er rechnete die beiden Verschleppten auch dazu — „und neun Soldaten sind bei dem Anschlag umgekommen. Sühne muß sein.“ Die Polen schwiegen. Es war ja sinnlos, daß sie immer wieder ihre Unschuld beteuerten. Aber nun trat ein Mädchen vor, ein Kind auf dem Arm. Vielleicht war es auch eine junge Frau. Sie hatte eine plumpe Jacke an und darunter sah ein Hemd vor. Sie war bleich wie der Tod und flüsterte ein paar Worte. Es war so still geworden, daß man sie trotzdem verstand. Aus der Menge kamen erregte Rufe, Gemurmel. Jendik erklärte: „Sie sagt: Ich allein habe es getan. Die andern rufen, sie lüge. Sie sei krank zu Bett gelegen.“
85
Der Hauptscharführer schimpfte halblaut: „Natürlich Quatsch! Sieht man ja, wer hat denn die mitgenommen?“ „Sie soll nach Hause gehn“, sagte Krugenberg zu Jendik. In diesem Augenblick fiel sie um. Der Hauptscharführer fing sie auf mitsamt dem Kind. Er bekam einen roten Kopf, man sah ihm an, daß er sie am liebsten hätte fallen lassen. „Na los! Nehmt sie weg!“ schrie er. Zwei Sturmmänner faßten sie unter, ein dritter nahm das weinende Kind. „Ein Sanitäter soll nach ihr sehen!“ sagte Krugenberg. Er sah hinter der Gruppe her. Die Sonne drückte durch die Wolken. Angesichts der Unglücksstätte des Bahnhofs, der Gehenkten an den Masten, des Haufens der Verzweifelten hinter dem Dutzend mit den Stricken um den Hals, tat das Licht fast weh. Krugenbergs bisher gleichmütig kaltes Gesicht verfinsterte sich. Er trat langsam vor die zwölf, es sah aus, als ob er sie persönlich erdrosseln wollte. Vor dem ersten blieb er stehen, bohrte ihm den Blick in die Augen. „Du schwörst, daß Du nicht dabei warst?“ Die Frage war nur geflüstert, aber die Stimme so schneidend scharf und unerbittlich, als wäre es die des Todes selbst. Und jeder verstand sie. Auch der Mann, der nicht deutsch konnte, begriff. Jendik brauchte nicht zu übersetzen. Der Mann hob die rechte Hand, stammelte etwas mit zitterndem Mund. Krugenberg ging zum nächsten. Es war eine Frau. Mit aufgerissenen Augen ertrug sie seinen Blick. „Wieder die leise, drohend brennende Frage: „Du schwörst, daß du nicht dabei warst?“ Die Frau griff in den Ausschnitt, zog ein Medaillon heraus, sank in die Knie, preßte die Lippen darauf und hob die Hand. Das Medaillon ging von einem zum andern, alle küßten es, sanken in die Knie und schworen. „Was soll denn das Theater?“ flüsterte der Hauptscharführer dem neben ihm stehenden Unterscharführer zu. „Wenn's um Kopf und Kragen geht, schwört jeder.“
86
Der andere zuckte die Achsel. Krugenberg trat wieder zurück. „Hauptscharführer, lassen Sie die Kompanie in die Wagen rücken. Wir hauen ab.“ „Jawohl, Obersturmführer!“ „Jendik“, — Krugenberg hatte den Namen behalten — „sagen Sie den Leuten: Wenn in dieser Gegend noch einmal was passiere, würden sie alle gehängt und ihre Dörfer abgebrannt. Jetzt könnten sie nach Hause gehen.“ Der Hauptscharführer starrte seinen Kompaniechef an, als hätte er nicht recht gehört. „Alle, Obersturmführer?“ „Ja. Wir wollen es einmal auf diese Weise versuchen.“ Er wandte sich ab und ging mit Racke zum Wagen zurück. Er sah keineswegs heiter aus. „Sind Sie nun zufrieden?“ fragte er. Es klang unfreundlich. Um so herzlicher antwortete Racke: „Ja. Ich danke Ihnen. Ich habe nur den einen Wunsch, daß auch Sie zufrieden sind.“ „Nein! Sie werden lachen: Ich habe zum ersten Mal ein schlechtes Gewissen.“
87
5. KAPITEL
Racke ließ von einer Rotte den Sanitätswohnwagen aus dem Gleis wuchten, vor das ausgebrannte Empfangsgebäude schieben. Er stellte mit Befriedigung fest, daß ein kleiner, aber handfester Kochofen feuersicher eingebaut war, packte seinen Rucksack aus und verstaute seine Sachen in einem der Regale, vor dem sogar rotweißkarierte Vorhänge waren. Decke, Zeltbahn, Trainingsanzug legte er auf eines der Feldbetten in der abgetrennten anderen Hälfte des Waggons und stellte den Rucksack ans Fußende; das besagte klar und deutlich: hier schlafe ich. Sechs Feldbetten waren vorhanden, paarweise übereinander und durch Zwischenwände abgetrennt. Die Herren Arztgehilfen hatten für wohnliche Unterkunft Vorsorge getroffen; man brauchte sich nur noch mit den eigenen Mitteln der Behaglichkeit einzurichten. Jetzt kam das den Stationsbeamten zugute. Der Wagen mußte sicher wieder abgegeben werden, wenn er nicht auch als zerstört gemeldet wurde, aber vorläufig hatte man jedenfalls nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern eine regelrechte Heimstätte, bis das Stationsgebäude wieder aufgebaut oder sonst ein Ersatz geschaffen war. Auch die Landesschützen hatten einen der ganz gebliebenen Wagen bezogen und — wie die Eisenbahnarbeiter, meistens Polen — einen ganz netten Vorrat zusammengehamstert. Aus dem Trümmerhaufen zerstörter Verpflegszugwagen war noch mancherlei geborgen worden und da der Herr Zahlmeister oder Intendant nicht zur Stelle war, wurde nicht buchgeführt. Nach dem Abzug der SS wurden auch die Toten von den Masten abgenommen und von ihren Angehörigen fortgebracht. Man konnte wieder freier atmen. Racke war hundemüde. Die Lanbrücke würde nicht vor Mitternacht in Ordnung sein. Er würde jetzt schlafen, bis der Fahrbetrieb wieder aufgenommen wurde. Bis dahin war das Kleeblatt sicher auch zur Stelle. 88
Er hatte eben die Stiefel ausgezogen, als es klopfte und der dolmetschende Rottenführer hereinkam. „Was gibt's?“ fragte Racke. „Wie heißen Sie gleich?“ „Jendik.“ „Ja, richtig. Übrigens, wenn Sie gerade da sind, Sie haben zum Schluß noch mancherlei zu Ihren Landsleuten gesagt. Die haben Ihnen sehr aufmerksam zugehört und dabei immer auf mich gesehen, hatte ich den Eindruck. Das kam mir merkwürdig vor.“ „War ganz natürlich, denn ich habe ihnen gesagt, sie hätten es dem Eisenbahnoffizier da zu verdanken, daß sie mit dem Schrecken davonkämen.“ Racke stutzte. „Woher wußten Sie denn das?“ „Ich bin zufällig an dem Wagen vorbeigekommen, als Sie sich mit dem Kompanieführer unterhielten. Es waren ja zwei Fenster halb auf; man konnte jedes Wort verstehen. Es interessierte mich. Da bin ich eben stehengeblieben.“ „So. — Und was wollen Sie jetzt?“ „Nur mal fragen, warum sich keiner um die verschleppten Kollegen kümmert?“ „Was heißt, nicht kümmert? Von der Bevölkerung will niemand sie noch gesehen haben. Von den Landesschützen und der SS wurde die ganze Gegend abgesucht, auch nach Süden bis weit ins Moor hinein. Es war alles umsonst.“ „Ein Dutzend Unschuldige aufzuhängen ist natürlich leichter, als einen Schuldigen oder einen Verschleppten zu finden.“ „Das ist in dieser Gegend ja auch unmöglich. Ich war sehr beunruhigt über das Schicksal der Bahnhofsbesatzung und habe alles getan, um so schnell wie möglich herzukommen, aber die Verschleppten suchen zu wollen, wäre für mich doch erst recht eine aussichtslose Sache und wenn ich die ganze Rotte des Bauzugs mitnehmen würde.“ „Mit der Rotte sicher.“ „Na, trauen Sie sich das vielleicht zu?“ Der Rottenführer sah aus, als ob er ja sagen wollte. „Jendik, ich würde Sie natürlich sofort begleiten. Nur eine Tasse Kaffee muß ich mir vorher machen, damit ich unterwegs nicht einschlafe.“ „Das Einschlafen würde Ihnen schon vergehen.“ 89
„Ist es Ihr Ernst?“ „Ja.“ „Und Sie hoffen wirklich, daß wir sie finden?“ „Ja.“ „Lebend?“ „Das bin ich zu viel gefragt.“ Racke zerrte die Stiefel wieder an. „Wissen Sie, wo es hier trinkbares Wasser gibt?“ „Hinter der Station ist ein Brunnen. Geben Sie mir Ihr Kochgeschirr. Ich hole Ihnen.“ Racke verständigte die Aushilfsbeamten aus Luniniec, die sich im Bauzug aufhielten. „Wäre nett, wenn von euch immer einer im Stationswagen bliebe, damit von meinen Sachen noch etwas da ist, wenn ich zurückkomme.“ „Mit Vergnügen.“ Jendik war schon wieder da, wollte mit Trümmerholz Feuer machen. „Nicht nötig — geht bei mir rascher“, wehrte Racke ab und packte seinen kleinen Primus aus. In fünf Minuten brodelte das Wasser. „Trinken Sie einen Becher voll mit?“ fragte Racke. „Gerne, ich kann's auch brauchen.“ Sicher, dachte Racke. Er sieht nicht gut aus. So ein scheußliches Unglück ging eben auch dem Grobschlächtigen an die Nerven. „Zu Kaffee komme ich selten“, sagte Jendik. „Schnaps haben wir immer.“ „Mir ist Kaffee lieber“, meinte Racke. „Schnaps ist wichtiger. Er betäubt und feuert an. Läßt vergessen und macht toll. Er läßt alles ertragen und er macht selbst den Feigen zum Rebellen. Wie man's gerade braucht. Auch Schnaps ist eine Weltmacht.“ Racke sah forschend in das bärtige Gesicht. Irgend etwas an diesen Worten erschien ihm merkwürdig. Aber er kam nicht dazu, sich darüber klar zu werden, Jendik hatte ausgetrunken und steckte schon seinen Becher in den Brotbeutel, den er am Band über die Schulter trug. Es war ein russischer Brotbeutel. „Wir
90
dürfen keine Zeit verlieren“, sagte er. „Auch, damit wir nicht in die Nacht kommen“, und ging schon hinaus. Racke trank rasch aus, zog den Mantel an, schnallte um, schob noch ein Päckchen Patronen in die Tasche, stülpte die Mütze auf und lief nach. Jendik tauchte eben jenseits der Bahn in die Büsche und als sich Racke auf dem wild getretenen Pfad durchgewunden hatte, verschwand sein Führer jenseits eines schmalen Kartoffelackers im Wald. An einem zerfahrenen Querweg waren Schützenlöcher und ein MG-Stand; zerschlagene verrostete Gewehre, zerbrochene Seitengewehre, Patronen und Patronenhülsen lagen herum. „Bleiben Sie doch endlich mal stehen!“ rief Racke. „Ich verliere Sie ja aus den Augen!“ Jendik wartete, ging aber weiter, ehe Racke ihn ganz erreicht hatte. Der konnte nicht ganz aufholen. Jendik blieb immer zehn, zwanzig Schritte voran. Dabei war er mindestens fünfzig Jahre alt. Verrückter Kerl! dachte Racke. Der Wald lockerte sich auf, zerfiel in kleine Gruppen, zwischen denen hohes Schilfgras und Gestrüpp wuchs. Ein Weg war nicht mehr zu erkennen. Verdammt einsame Gegend, ging es Racke durch den Kopf. Wenn das nur gut geht! „Ich würde mich wohler fühlen“, rief er hinter seinem Führer her, „wenn wir doch ein paar Soldaten oder wenigstens ein paar von Ihrer Rotte bei uns hätten.“ Jendik drehte sich kurz um, legte den Finger auf den Mund. An einem Wassergraben holte Racke ihn endlich ein. Jendik hatte ein Brett aus dem Gesträuch gezogen, warf es drüber. Racke sah zum ersten Mal seit ihrem Weggang vom Bahnhof sein Gesicht wieder und wunderte sich, wie stark sich dessen Ausdruck verändert hatte. Es war nicht mehr das Alltagsgesicht des Arbeiters. Der Mund war schmäler, der Blick schärfer, der ganze Ausdruck selbstbewußter und gespannter geworden. Er wurde sich plötzlich noch stärker der Gefahr bewußt, in die er sich begeben hatte. „Wenn Sie sich so gut hier auskennen und ein bestimmtes Ziel verfolgen, wie es mir scheint“, fragte er beim Weitergehen, als Jendik die Behelfsbrücke auf der anderen Seite ins Gestrüpp gesteckt hatte, „warum haben Sie dann nicht gleich den SD 91
geführt? Das wäre doch weniger gefährlich für Sie gewesen und hätte sicherer zur Befreiung der Kameraden geführt.“ „Im Gegenteil“, antwortete Jendik kurz und entschieden. Er sah nicht aus, als ob er darüber große Erklärungen abzugeben gedächte und Racke blieb nichts übrig, als ihm zu glauben und sich auf ihn zu verlassen. Es kamen Wassergräben, die übersprungen werden konnten, große und kleine Lachen, die umgangen werden mußten. Aus dem grauen und gelben, steppenartigen Gras wurde niedriges Schilf. Unter den Füßen begann es zu knatschen. Hinter einem flachen, breiten, von dichtem Erlen- und Weidengehölz gesäumten Graben, in dem eine unheimliche Masse von wässerigem Schlamm und dickem Schlick stand, dehnte sich unabsehbar nach allen drei Seiten eine schwarzgrüne Mooswiese, auf weite Strecken hin wasserbedeckt. Ein Damm aus hineingeworfenen Bäumen und Strauchwerk führte hinüber. Drüben lachte Jendik kurz auf, als er Rackes Gesicht sah. „Keine Angst, junger Mann! Sie werden nasse Füße bekommen, wenn Ihre Stiefel nicht wasserdicht sind, aber sonst ist es nicht so gefährlich, wie es aussieht. Das Moos ist zäh verflochten, dehnt sich wie Gummi, aber es reißt nicht. Man muß nur mit leichten, raschen Schritten gehn. Nicht stapfen, nicht lange zögern, nicht stehen bleiben. Treten Sie nicht in meine Fußtapfen. Kommen Sie jetzt neben mich.“ Racke war kein Feigling, aber er wurde bleich und zögerte, und als er die ersten Schritte gemacht, schon nasse Füße hatte und dabei auf und ab schwankte, als ginge es über eine Luftmatratze, kehrte er um. Jendik wandte sich nach ihm zurück, blieb aber nicht stehen. „Das Schaukeln werden Sie bald gewöhnt sein. Aber wenn Sie nicht wollen, na ja, dann gehn Sie eben.“ Racke schämte sich und lief ihm nach, hielt sich neben ihm. Es federte scheußlich, es quirlte und schmatzte bedrohlich. Dann ging's durch die erste Lache und er fühlte das kalte Wasser in den Schuhen bis an die Knöchel stehn. Immer wieder schaute er hilflos auf Jendik, aber der blickte mit leicht zusammengekniffenen Augen gerade aus. Nur einmal sagte er: „Hier sind schon viele gegangen und nur selten ist einer 92
umgekommen. Man muß natürlich wissen, wo man gehen kann und wo nicht. Es gibt sogar feste Inseln, große und kleine, auf denen Hütten stehn, die in besonderen Fällen auch bewohnt werden.“ Rackes Furcht verlor sich allmählich, das Unbehagen blieb und das Erstaunen darüber, wie ein Mensch behalten konnte, wo man hier zu gehen hatte, denn es ging durchaus nicht ständig geradeaus, sondern häufig in ganz unterschiedlichen Schlangenbögen und auch engen Kurven. Er konnte keine Anhaltspunkte entdecken und dieser Jendik ging, als wäre der Weg gezeichnet. Manchmal brach das Moor in unergründlich scheinende Wasserlöcher ab, daß Racke zurückschauderte. Jendik lachte leise: „Sie sind doch Soldat!“ „Aber kein Sumpfbiber!“ Racke war wütend, dann mußte auch er lachen, und von diesem Augenblick an hatte er seine Nerven wieder in der Gewalt, der Bann des Unheimlichen wich mehr und mehr von ihm. Und es kam ihm, als er plötzlich viel sicherer und ruhiger ging, in den Sinn, daß vielleicht viele Menschen, die in Gefahr gerieten, nicht umkamen, weil die Gefahr unüberwindlich war, sondern weil sie die Nerven verloren. Sie kamen ihrer Angst wegen um. Und noch etwas ging ihm jetzt, da sich Leib und Seele aus ihrer Verkrampfung lösten, durch den Kopf. „Hören Sie mal! Sie kennen sich verdammt genau aus“, sagte er. „Ich lebe seit Jahren in dieser Gegend“, antwortete Jendik gleichmütig. „Richtig, Sie sind ja Pole. Aber sie sprechen selbst für einen Volksdeutschen ein merkwürdig akzentfreies Deutsch.“ „Ich bin Schlesier von Geburt.“ „Sie haben für einen Arbeiter auch einen sehr ungewöhnlichen Wortschatz.“ „Ich bin erst seit dem Kriege Arbeiter.“ „Und was waren Sie vorher?“ „Redakteur.“ Racke stockte. „Bleiben Sie nicht stehen“, meinte Jendik. „Wenn Sie durchbrechen, kann ich Sie nicht herausziehen.“ 93
Racke ging hastig weiter; er sagte nichts mehr. Endlich ging das Moormoos zu Ende. Lange, gras- und heidebewachsene Erdwulste begrenzten es im Südwesten, der Hauptrichtung, die sie eingehalten hatten. Runde Hügel tauchten in der Ferne auf und geringe Birken, Erlen und Föhren standen wie verloren umher. Kaum hatte Racke festen Grund unter den Füßen, blieb er ein paar Schritte zurück und zog die Pistole. „Jendik!“ Es klang scharf. Jendik blieb stehen und drehte sich langsam um. Er zeigte sich weder erschrocken, noch erstaunt. „Ich dachte mir, daß das jetzt kommen würde. Aber was wollen Sie mit dem Ding?“ „Jendik, Sie sind Partisan!“ stieß Racke rasch und drohend aus. „Und darum wollen Sie Selbstmord begehen?“ „Mir ist nicht zum Scherzen!“ „Das ist kein Scherz. Wenn Sie mich umlegen, kommen Sie doch nie wieder zurück.“ „Sie werden jetzt sofort mit mir zurückkehren.“ „Machen Sie sich doch nicht lächerlich.“ „Ich komme auch ohne Sie zurück.“ „Nein. Ich habe Sie doch als vernünftigen Menschen kennen gelernt, warum wollen Sie auf einmal so unvernünftig sein? Außerdem wollen Sie doch Ihre beiden Kollegen retten.“ „Ich habe mich leider hinters Licht führen lassen.“ „Wieso?“ Jendik setzte sich ins Kraut und lehnte sich an ein Erlenstämmchen. „Das war nur eine Finte von Ihnen, um auch mich in Ihre Gewalt zu bekommen.“ Jendik zog eine Zigarre aus der Brusttasche seiner Joppe und steckte sie an. „Ich habe im Gegenteil, wie ich Ihnen schon sagte, dafür gesorgt, daß Ihnen, wenn Sie nicht gerade selbst auf Partisanenjagd gehen, in dieser Gegend kein Mensch ein Haar krümmen wird.“ „Ich glaube Ihnen nicht.“ Racke schlug um sich; es gab viele Stechmücken. 94
„Setzen Sie sich doch endlich auch“, forderte ihn Jendik auf. „Sie haben eine Rast dringend nötig. Der Weg ist noch weit und beschwerlich. Sie brauchen Ihre Kräfte und Ihre Nerven noch.“ Racke setzte sich Jendik gegenüber; die Pistole tat er nicht aus der Hand. „Ist es nicht bequemer, wenn Sie sie weglegen?“ mahnte Jendik freundlich. „Sie müssen sich doch sagen, daß Sie schon lange nicht mehr am Leben wären, wenn ich Sie umbringen wollte. Ich bin auch nicht zufällig an Ihrem Wagen vorbeigekommen, sondern hatte eine Zeitmine unter ihm angebracht. Wären die zwölf gehenkt worden, wären Sie mit den SS-Lumpen in die Luft geflogen. Aber um Sie hätte mir's leid getan. Wir haben natürlich kein Interesse daran, Menschen zu töten, die sich bemühen, die unbeteiligte Bevölkerung vor der Terrorjustiz der Schergen zu schützen. Und wenn Ihren beiden Kollegen noch nichts geschehen ist, werde ich mich dafür einsetzen, daß sie gewissermaßen aus Ritterlichkeit gegen die zwei Frauen und den Mann ausgetauscht werden, die zu uns gehören und schon den Strick um den Hals hatten.“ „Also waren doch Partisanen unter ihnen!“ „Ich sagte es ja schon.“ „Und sie haben geschworen!“ „Seien Sie nicht kindisch. Selbstverständlich.“ „Und bei den schon Gehängten?“ „Einer.“ Racke zernagte sich die Lippen. Also auch da hatte Krugenberg recht gehabt. „Rauchen Sie lieber eine Zigarette. Das beruhigt, ohne weh zu tun.“ Racke steckte die Pistole ins Futteral und eine Zigarette in den Mund. Jendik gab ihm Feuer. Racke starrte vor sich hin. „Was denken Sie?“ fragte Jendik. „Daß ich mich nie wieder einmischen werde, wenn Polen oder Russen aufgeknüpft werden sollen.“ Und er dachte noch mehr. Er dachte: Ich muß Jendik töten, ohne Rücksicht auf das Schicksal der verschleppten Kollegen. 95
Denn wenn sie sterben müssen, so sind das zwei, wenn Jendik am Leben bleibt, wird das vielleicht noch hundert Soldaten und Eisenbahner das Leben kosten und unabsehbarer Schaden angerichtet werden. Und er selbst? Wenn er dann nicht zurückfand? Ach, Jendik würde ihn zweifellos zu einem Dorfe bringen und von dort aus mußte es ja auch einen gefahrloseren „Weg aus dem Sumpfland heraus geben. Den würde er schon finden oder irgend jemand zwingen, ihn zu führen. Aber diese Gedanken sprach Racke nicht aus und Jendik meinte jetzt leichthin: „Es kann sein, daß Sie sich im Augenblick einfach abwenden würden, um es nicht sehen zu müssen. Aber auf die Dauer würden Sie doch in Ihre Weichherzigkeit und Ihren Gerechtigkeitssinn zurückfallen. Kein Mensch kann aus seiner Haut.“ „Aber daß ich einen Partisanen genau so umlegen würde, wie die Polizei oder die SS, ist Ihnen doch klar.“ „Natürlich. Das geht völlig in Ordnung.“ „Auch Sie, Jendik, wenn Sie mir wieder begegnen.“ „Dann sehen Sie sich vor, daß ich nicht zuerst zum Schuß komme. Ich werde aber versuchen, eine Begegnung mit Ihnen vorsorglich zu vermeiden.“ „Heißen Sie überhaupt Jendik?“ „Wir wollen es dabei lassen. Sie können auch Jozef sagen.“ Der Himmel hatte sich wieder stärker bezogen. Die Sonne stand schon tief. Jendik erhob sich. „Wir müssen sehen, daß wir weiterkommen.“ Er schritt kräftig aus. Racke folgte ihm, über Dutzende von Rinnen und Gräben, die voller Schlick und Binsen standen. Hinter einem Streifen Röhricht sperrte ein breiter und unergründlich scheinender, still stehender Wasserlauf den Weg und das gegenüber liegende Ufer war kein Ufer, sondern ein Riesenschachbrett von braunen Wasserflecken und maulwurfshaufenartigen teils kahlen, teils mit niedrigem Schilfgras oder hohem und zerbrochenem Röhricht bedeckten Erhebungen. „Was! Hier soll es weitergehen?“ fragte Racke. „Nur hier.“ „Wie denn?“ „Das werden Sie gleich sehen.“ 96
Jendik kramte im Gestrüpp herum, dann zog er ein fußbreites, mannslanges Brett heraus und noch ein zweites, und legte das erste ins Wasser, es tauchte wenige Zentimeter unter und schwamm nicht weg, sondern blieb liegen. „Es liegt auf Pfählen auf, man sieht es nur schlecht im Wasser“, grinste er, nahm das zweite Brett auf die Schulter, tastete sich hinüber und legte es auf eine wiederum unsichtbare Unterlage vor sich hin. Nun ging er bis an dessen Spitze vor und winkte Racke. „Los, kommen Sie!“ Racke wäre lieber umgekehrt. „Für zwei ist es etwas schwieriger als für einen, aber dennoch einfacher, als es aussieht“, ermunterte ihn Jendik. Im schlimmsten Fall müssen Sie eben mal schwimmen. Aber sofort auf den Rücken werfen, damit Sie nicht in den Schlamm kommen, der ist tiefer als das Wasser und läßt Sie nicht mehr los.“ Racke riß sich zusammen und ging mit dem Mut der Verzweiflung. „Sie sind ein verteufelter Kerl“, sagte er, als er hinter Jendik stand. „Schön, dann geben Sie mir mal das Brett hinten vor.“ „Mensch, das kann ich doch nicht mit einem Arm!“ „Natürlich können Sie das. Drehen Sie's auf die Kante — aber festhalten! — Und ziehen und schieben Sie's zwischen Ihren Beinen durch.“ Racke zitterten die Knie. Kalter Schweiß rann ihm über das Gesicht und aus den Achselhöhlen. Aber es ging und Jendik packte das Brett und legte es nach halbrechts vorwärts, ging hinüber und stellte sich neben das Ende. Racke hätte beinahe aufgeschrien, aber Jendik sank nur knapp bis über die Knöchel ein, rief ihm zu: „Kommen Sie her, hier ist eine kleine Plattform. Sie können sich neben mich stellen und ich kann das hintere Brett selbst holen.“ Nun konnte es schon auf einen festen Landwulst gelegt werden. Als Racke sich wieder bücken wollte, sagte Jendik: „Liegen lassen. Wir brauchen’s jetzt nicht mehr.“ Racke atmete auf. „Wie alt sind Sie eigentlich?“ fragte er. „Fünfunddreißig“, antwortete Jendik. „Habt ihr auf diesem Weg die zwei andern hergsschleppt?“ 97
„Natürlich nicht, sondern ganz gefahrlos, aber fünfmal so weit über Wasser und Land.“ Die Wasserlöcher — manche waren umfangreich wie Weiher und mußten umgangen werden — sahen zwar heimtückisch aus, aber die Maulwurfshügel waren so zahlreich und dicht, daß Racke die Springtour, gemessen an der bisherigen Gefährlichkeit des Weges, wie ein Kinderspiel erschien. Wolken von winzigen Mücken tanzten in der Luft. Allmählich schloß sich der feste Grund zusammen, bedeckte sich immer dichter mit übermannshohem Röhricht, über das nur der Wipfel einer einsamen jungen Birke ragte. Auf diese zu brach sich Jendik Bahn und dann standen sie am Rande eines ziemlich rasch ziehenden Wasserlaufes, dessen anderes Ufer ebenfalls von weg- und steglosem Röhricht gesäumt war. Bin gespannt, was jetzt kommt, dachte Racke. Jendik nahm beide Hände vor den Mund und stieß mehrere Male in bestimmten Interwallen einen schrillen, vogelartigen Laut aus. Derselbe Schrei antwortete. Wenige Minuten später tauchte etwas oberhalb, aus einer kleinen Bucht im Röhricht ein Schlauchboot auf. Ein Mädchen saß darin; nicht älter als fünfzehn Jahre, holte, ohne daß ein Wort gesprochen wurde, zuerst Racke, dann Jendik über. Das Mädchen hatte ein buntes Kopftuch auf, aber eine zerlumpte Männerjacke an, die ihr bis über die Knie reichte. Sonst vielleicht nichts. Es schien wenigstens so. Ein enger Durchlaß, überwachsen wie ein Tunnel, führte in eine kleine Bucht. Eine winzige Schilfhütte lag da. Jendik hielt sich nicht auf. Durch Schilf, Röhricht, Erlen- und Weidengestrüpp war ein schmaler Pfad gebrochen. Ihm folgte er und Racke hielt sich dicht hinter ihm. Die Bucht, die Schilfhütte und das Kind mit den illusionslos wissenden Frauenaugen waren schon so unsichtbar geworden, als er sich nach wenigen Atemzügen noch einmal umwandte, wie hinter einer dichten Wand. Zehn Minuten mochten vergangen sein, als sich vor Racke kilometerweit ein Schilfsee dehnte. Nach allen Seiten war er von Röhricht begrenzt, nur nach Südosten stieg Land an, ein wenig Wald, ein paar Streifen Acker und Wiese.
98
Jendik zog ein Kajak unter einem Haufen Schilf und Rohr vor. Er führte das Paddel, Racke das Steuer. „Richtung die drei Föhren“, befahl Jendik. Das Gewölk zerteilte sich zum zweiten Male an diesem Tage. Die untergehende Sonne setzte es in Brand. Das Licht brach sich im Wasser. Über dem von einer leichten Brise gekräuselten Seespiegel, aus dem Millionen sanft sich wiegende Schilfspitzen stachen, rann goldener Glanz. Zartrosa und Smaragdgrün färbten den Himmel, Scharlachrot und Moosgrün das Wasser. Langsam wandelten sich die Farben. Blaugrau und silbern, weinrot und elfenbein zogen die Wolkenburgen am verblassenden Firmament und über den See ergossen sich Blaugrün und Schwefelgelb, Blutrot und Violett. Niemals hatte Racke solche Farben erlebt, ein solches Farbenfest der Natur. Vielleicht gebar die Zeit eine solche Stunde wie diese nur alle hundert Jahre. Eva, daß du das sehen könntest! Welche Zauberin ist das Licht! Was ist alle Kunst gegen die Schöpfung selbst! Aber vor ihm saß nicht Eva, sondern Jendik. „Du da vorne“, knurrte Racke, „wie kann in einer Welt solch göttlicher Wunder der Mensch ein solch unglückseliger Esel und Verbrecher sein!“ „Halt's Maul und paß aufs Steuer auf“, antwortete Jendik. Er führte das Paddel rasch und fast lautlos. In der Ferne tauchten Blesshühner. Einmal rauschten Enten aus einer Schilfinsel, kehrten in weitem Bogen zurück und fielen an der gleichen Stelle wieder ein. Zwei Raubvögel, ein Bussardpaar wohl, kreisten über den Uferhügeln, drehten ab und gingen hinter einem Waldstück dem Auge verloren. Das Schilf wurde dichter, höher, voll Geraschel und Geplätscher, verstummend, wo sie vorbeiglitten. Jendik legte das Paddel ins Kajak und zog es, mit den Händen ins Schilf greifend, vorwärts. Ein schmaler, halb zerfallener Steg tauchte auf. Jendik legte an. „Steig aus“, sagte er zu Racke. „Geh zur Hütte, ich komme später wieder.“ Racke zog sich vorsichtig hinaus. Jendik drückte das Kajak wieder ab, schürchend verschwand es im Schilf.
99
Racke tastete sich langsam mit prüfenden Schritten über den wackligen Steg. Unter ihm und zu beiden Seiten waren Lachen und schwarzer Schlamm zwischen Schilfnestern und Rohrwurzelstöcken. Amselgroße braune Vögel, schlanker nur und mit spitzen Köpfen, huschten hin und her, dazwischen ein kleiner brauner, rötlich, mit weißer Brust. Aufatmend betrat Racke das erhöhte, sandige Ufer. Flechte bedeckte es und blühende Heide. Ein flacher, zerbeulter Hügel lag vor ihm. Zwischen den drei Föhren, an seiner höchsten Stelle kauerte eine windschiefe, röhr- und schilfgedeckte Bretterbude. Sie hatte nur einen niederen Eingang und eine fensterlose Luke und war mit fußhohem, zerlegenem Schilf angefüllt. Vor der Hütte waren noch zwei dicht aus Binsen geflochtene Matten übereinander an vier Pfosten aufgehängt, darunter auf einem Stück verrostetem Blech bröckelige Steine mit einem rußverkrusteten Rost darüber zu einer Feuerstätte geschichtet. Ein Häuflein dürres Astzeug und Föhrenzäpfchen lag dabei. Man sah über eine offensichtlich unpassierbare Sumpfsenke auf Waldhügel mit eingestreuten kleinen Äckern und Wiesen, auf einzelne Obstbäume und eine Handvoll Katen. Aber keine Menschenseele war zu sehen. Nur ein paar Hühner liefen herum und ein kleiner Hund. Wenn Jendik nicht mehr zurückkehrte, oder wenn er ihn vom Steg aus erschossen hätte, müßte er hier verhungern. Ohne fremde Hilfe kam er hier nie wieder weg. Racke machte Feuer, zog die Stiefel ab, goß das Wasser aus, zog die Socken aus, hängte Stiefel und Socken rings an die Pfosten um den Herd. Er setzte sich an eine der Föhren auf den vergilbten Nadelteppich, rieb die nassen, kalten Füße mit den Mantelzipfeln trocken und hielt sie gegen die heiß werdenden Ofensteine. Jetzt fühlte er seine Erschöpfung. Langsam verlöschten die Abendlichter des Himmels und die Farbenspiele des Wassers. Dunkelheit verhing die Ferne, umfing die Nähe, da war Jendik wieder da. „Es war Zeit, daß ich kam“, sagte er. „Der Kommissar wollte sie ins Moor werfen lassen. Wegen der sechs an den Masten. Vielleicht auch überhaupt. Er meinte: um so besser, wenn auch
100
Unschuldige gehenkt werden. Das ist „Wasser auf unsere Mühlen.« Racke dachte: Hätte ich Jendik erschossen, hätten die beiden Kollegen einen schauerlichen Tod erleiden müssen. Und sicher ich ebenso. Und es wäre nutzlos gewesen, wenn man sich's genau überlegte. Was bedeutete einer von hundert oder tausend! Ob mit oder ohne Jendik blieb sich völlig gleich. Ohne ihn würde nicht weniger Schlimmes geschehen! Vielleicht sogar mehr. Jendik hatte Brot, eine Fleischbüchse und eine Flasche Arrak mitgebracht. Zweifellos stammte alles aus dem Proviantzug. Racke hatte einen Bärenhunger. Jendik setzte sich dicht an seine Seite und sie aßen gemeinsam aus der Büchse, tranken abwechselnd aus der Flasche. Jendik wischte mit der Hand darüber, Racke sagte: „Laß das, die ist auch nicht sauberer als dein Maul.“ Er aß wie ein Drescher, trank wie ein Säufer. Das Schwächegefühl verließ ihn. Nur noch behagliche Müdigkeit erfüllte seine Glieder. Es war wirklich ein unglaublich dummer Einfall gewesen, unter solchen Umständen Jendik erschießen zu wollen. Wie schwer war es doch, aus dem Stegreif einen richtigen Entschluß zu fassen! Man glaubt im einen Augenblick, ein Gedanke ist richtig und eine Weile später erkennt man, wie falsch er war. Hat man dann schon gehandelt, kann man es nicht mehr ungeschehen machen. Wieviel Ärger und Kummer, wieviel unnützes, vermeidbares Leiden und Sterben, wieviel Tragödien wurden wohl nur durch Dummheit, die man für Weisheit hielt, durch Unwissenheit, derer man sich nicht bewußt war, durch Denkfehler, Irrtümer und durch Gefühlsimpulse verursacht. Wieviel Schuld und wieviel Tragik würden vermieden, wenn jeder sich selbst, seine eigenen Gedanken und Einfalle und seine Triebkräfte mit demselben feindseligen Mißtrauen prüfte, mit der er seiner Mitwelt gegenübersteht. Wenn sich die Einseitigkeit schwacher oder prinzipvernarrter Gehirne mit dem totalitären Gültigkeitsanspruch des Faustrechts paarte oder gar in Gesetzen verankert wurde, war zu allen Zeiten und bei allen Völkern der Weg des Unheils und des Unrechts beschritten, der irgendeinmal im Verderben enden mußte.
101
Racke war satt; er lehnte sich wieder zurück an den Stamm der Föhre. Jendik tat das gleiche. Er hatte auch Zigaretten. Racke konnte die seinen sparen. Sie rauchten. Schwarz standen die Wipfel über ihnen gegen das Graudunkel des wieder stark bedeckten Himmels. Nur wenige Sterne glänzten. „Ich will dir erzählen“, sagte Jendik. „Mein Vater war Arbeiter. Fabrikschlosser. Kommunist, seitdem es eine KPD gab. Ist es ein Verbrechen, wenn man als armer Teufel wünscht und sich dafür einsetzt, daß nicht die einen schuften und darben müssen, damit die andern faulenzen und prassen können? Das ist doch die Grundidee. Angeblich auch bei euerem Lügenpack. Oder nicht? — — Sie haben ihn mit sechzig Jahren hinter Stacheldraht gesteckt und eines Tages wurde er auf der Flucht erschossen. Du weißt doch, wie das gemacht wird. Meine Schwester ging mit einem Juden. Das ist plötzlich ein Verbrechen. Weil irgendein größenwahnsinniges Arschloch daherkommt und seine geistige Krüppelhaftigkeit und Tobsüchtigkeit zum Gesetz erhebt. Und weil er Schweine genug findet, die nach solchen Schandgesetzen anklagen und urteilen.“ „Die findet jedes System“, warf Racke ein. „Mag sein. Der Jude bekam Zuchthaus und ist verschollen. Meine Schwester kam ins K.Z. zur Umerziehung. Als ihr Trotz zerbrochen war, gab sie sich zu Rassebereinigungszwecken den mit wenigen Ausnahmen im allgemeinen ganz umgänglichen kleinen und großen Herrn des Lagers hin. Sie war hübsch und sie schrie nach dem Leben. Sie kam heraus und war's gewohnt und es ging nun eben weiter von Bett zu Bett. Ich weiß nicht, was aus ihr geworden ist.“ Jendik beugte sich vor, warf eine Handvoll Reisig aufs Feuer. „Mein Bruder war nie Kommunist. Er sympathisierte sogar in vieler Hinsicht mit der Partei. Er war Sozialist, ohne Sozialdemokrat zu sein, und er war Nationalist, seitdem er einmal an der tschechischen Grenze gearbeitet hatte. Aber er wog das Richtige und das Falsche, das Gute und das Schlechte, und war nicht so klug oder so feige wie Millionen andere — er sagte seine Meinung. Merkwürdigerweise kam er nicht kurzerhand ins K. Z., sondern zunächst vor Gericht. Und da war es inzwischen auch gleichgültig, ob man Jude war oder nicht. Es gab ja auch Gesetze 102
gegen die freie Meinung. Ich war in der Verhandlung und erlebte einmal unmittelbar, was es unter Staatsanwälten und Richtern für Subjekte gibt. Anscheinend lernen sie auf den Universitäten, wie man das Recht verdreht und für den weltanschaulichen Meinungskampf mißbraucht. „Wie man aus einem X ein U, aus Weiß Schwarz, aus Schwarz Weiß macht. Wie man aus der Gerechtigkeit eine Hure macht, die immer dem zu Willen ist, der die Hand auf der Krippe hat, aus der sie fressen.“ Jendik wartete, aber Racke wiedersprach nicht, da fuhr er fort: „Ich hatte nie etwas mit einer Partei zu tun. Ich hatte immer das Gefühl: sie sagen Volk und Vaterland und meinen sich und ihre Einnahmen. Wenn sie nämlich das Wohl des Volksganzen gemeint hätten, müßten sie sich ja auf einer mittleren Linie gefunden haben. Aber sie erhielten die Gegnerschaft, um sich selbst zu erhalten. Vielleicht kam mir das durch meinen Beruf besonders zum Bewußtsein. Ich hatte Buchdrucker gelernt und war an einem Kleinstadtblättchen Redakteur geworden. Damals hatte ich mich dem Parteihader und den Interessenklüngeln beugen müssen, jetzt mußte ich die simpelhafte Gleichschaltung über mich ergehen lassen. Um des täglichen Brotes willen hatte ich versucht zu begreifen, was geschah, und mich in das zu fügen, was man als einzelner sowieso nicht ändern konnte. Jetzt aber konnte ich mich nicht mehr ständig vor mir selber entschuldigen. Der Vater, die Schwester, der Bruder! Gegen dieses System des Terrors half nur eine Gegenbewegung, die eines Tages stark genug zur Revolution sein würde. Ich ging in den Untergrund. Sie kamen mir auf die Spur und ich mußte über die Grenze. Ich will gegen Hitler kämpfen, sagte ich.“ Jendik griff nach der Flasche. „Jetzt weißt du, warum ich hier bin und warum ich Partisan wurde.“ Jendik steckte sich eine frische Zigarette an. Racke schwieg. „Warum sagst du nichts?“ „Was soll ich sagen?“ „Daß du mich jetzt verstehst.“ „Menschlich ja — sachlich nein.“
103
Jendik sprang auf, zerdrückte das Feuer seiner Zigarette und steckte sie in die Tasche. „Und ich sage dir, du hättest genau so gehandelt! Jeder hätte so gehandelt, wenn er nicht der allerfeigste und schmierigste Hund wär!“ „Jeder. Oder fast jeder. Mag sein. Ich nicht.“ Jendik stand vor Racke, die Fäuste in den Taschen, starrte ihn wild an. „Du hättest das hingenommen, ohne dich aufzulehnen? Ohne diesem Idioten- und Verbrecherpack den Kampf anzusagen? Hättest dich noch vor den Wagen gespannt, der über das Glück und die Leichen ging, die dein Fleisch und Blut waren? Racke nein! Ein solch dreckiges Schwein bist du nicht!“ „Gib mir noch eine Zigarette“, sagte Racke ohne Erregung, zündete sie an und machte ein paar ruhige Züge. „Paß auf Jendik. Was ich getan hätte, weiß ich nicht. Wahrscheinlich würden mich Schmerz und Wut getrieben haben, den Staatsanwalt und den Richter zu erwürgen und Hitler über den Haufen zu schießen. Und ich würde es doch nicht getan haben, wie du es nicht getan hast und wie es eine Million anderer nicht getan haben. Weil es das eigene Leben gekostet hätte. Weil man zu feige ist, das Leben zu sehr liebt, um sich selbst zu opfern. Manche Menschen werden Märtyrer wider Willen, aber nur selten wird einer geboren, der um des Rechts und der Freiheit willen in heroischer Größe seinen Kopf in die Schlinge steckt oder unterm Fallbeil legt.“ „Ja, das ist wahr, rief Jendik. „Wir verrecken alle einmal, aber man sträubt sich dagegen. Man klammert sich an dieses Scheißdasein, wie ein hungriger Säugling an den letzten Tropfen in der Mutterbrust. Das Totsein fürchtet man nicht, höchstens die Irrsinnigen, die sich von den Pfaffen ins Bockshorn jagen lassen, man fürchtet das Sterben. Aber weißt du, was ich nie begriffen habe? Daß es Menschen gibt, die sich dennoch eines Unrechts, eines grausamen Leides wegen, das Leben nehmen, ohne auch die umzubringen, die es ihnen angetan haben.“ Jendik holte die ausgedrückte Zigarette aus der Tasche, hielt sie in die Glut, zog und setzte sich wieder.
104
„Das wird damit zusammenhängen“, antwortete Racke langsam, „daß sie eben in einem Augenblick geistiger Agonie oder hilfloser Verzweiflung Selbstmord begehen. Also in einer Anwandlung von Lebensüberdruß, die ihnen das ganze Dasein und auch die Vergeltung sinnlos und nicht der Mühe wert erscheinen läßt. Oder daß sie einen anderen Menschen einfach nicht töten können und wenn es ihr schlimmster Feind ist. Vielleicht erscheint ihnen auch die praktische Ausführung der Tat zu schwierig oder sie fürchten die Strafe Gottes.“ Jendik lachte. „Dann dürften sie auch nicht Selbstmord begehen.“ „Sie vertrauen eben darauf, daß ihnen diese Sünde vergeben wird, weil sie ja nicht aus Lust, sondern aus Leid geschieht.“ „Na, dann Prost!“ Jendik griff nach der Flasche, trank und gab sie Racke. Sie war bald leer. „Da sauf! — Du weißt also nicht, was du an meiner Stelle getan hättest?“ „Ich weiß, was ich nicht getan hätte.“ „Na und?“ „Ich hätte mich unter keinen Umständen aus Haß gegen Hitler vor den Wagen Stalins gespannt. Wenn mir schon die Eselei der nazistischen Gleichschaltung widerlich ist, kann ich erst recht nicht ins Lager der sowjetischen Gehirnverblödung überlaufen. Ich kann auch nicht aus Gegnerschaft gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft der noch viel totalitäreren Gewaltherrschaft des Bolschewismus, aus Haß gegen die nationalsozialistische Justiz der noch ungleich niederträchtigeren Justiz des Sowjetsystems die Welt erobern helfen. Welcher Narr läuft, um dem Regen zu entgehen, unter die Traufe? Und ebensowenig kann ich ein so ungeheuerer Lump sein, mich, ganz gleich aus welcher persönlichen Verbitterung oder weltanschaulichen Ablehnung, auf die Seite jener verlogenen Demokratien zu stellen, die Hitler sagen und ihre Rüstungsgewinne, die Vernichtung unseres Reiches und die Ausplünderung des deutschen Volkes meinen.“ „Wenn ich nicht über die Grenze wäre, hätten sie mich geschnappt. Wenn dich einer aufhängen will, hältst du ihm dann den Hals hin?“ 105
„Nein.“ „Na also. Alles andere ist die Folge davon. Wer ist nun schuld, daß ich nicht deutscher Soldat, sondern polnischer Partisan bin?“ „Konntest du dem nicht ausweichen?“ „Nein. Ich wollte auch nicht. Das deutsche Volk hatte mich ausgestoßen, nun gehöre ich zu denen, die mich auf genommen haben.“ „Nicht das Volk.“ „Jawohl, das Volk!“ Zum ersten Mal klang Jendiks Stimme unversöhnlich wütend. „Denn bis auf die paar hunderttausend persönlich Verfolgter stand es, zum größten Teil zustimmend, auf jeden Fall gehorsam passiv hinter Hitler.“ „Das stimmt. Weil ihm nämlich einerseits die Schreckensseite der Hitlerherrschaft, die sich ja auch erst im Laufe der Jahre stärker entwickelte, entweder nicht zur Kenntnis oder nicht in entscheidendem Maße zum Bewußtsein kam, andererseits aber viele Anschauungen und Ziele auch gut und richtig waren und mit Recht die überzeugte Zustimmung der überwiegenden Mehrheit des Volkes fanden. Weil mit einer so mitreißenden Kraft so beispiellose Leistungen auf materiellem und ideellem Gebiet erzielt wurden, daß sie Anerkennung und naturnotwendig die positive Mitarbeit der Volksmehrheit finden mußten.“ Jendik stieß die Flasche so heftig mit dem Fuße fort, daß sie gegen den Stamm der Föhre gegenüber prallte und in Scherben zerklirrte und sprang wieder auf. Von den Katen herüber klang wütendes Gekläff. Nicht weniger wütend klang Jendiks Stimme. „Aber wie man Hitler und seine Kamarilla vernichten soll, ohne die Mauer zu zerschlagen, die das deutsche Volk, die deutsche Wehrmacht und alles, was dazu gehört, und auch ihr Eisenbahner, teils freiwillig, teils gezwungen um ihn bildet, das weißt auch du nicht!“ Er wandte sich um und stapfte davon, war nach wenigen Schritten in der Nacht verschwunden. Das Feuer war ausgegangen. Es war kein Stern mehr am Himmel und es war kalt geworden. Racke war hundemüde. Es gibt keinen Weg aus diesem Labyrinth, dachte er, stellte sich hinter den Baum, nahm Stiefel und Socken von den Pfosten, ging 106
in die Hütte. Er zog den Mantel aus, um sich mit ihm zuzudecken und warf sich aufs Schilf, schlief ein. Mitten in der Nacht erwachte er halb, fragte, ohne die Augen aufzubringen, schlaftrunken lallend: „Ist jemand da?“ und schlief schon wieder. Sein erster Blick am Morgen fiel auf das Mädchen. Er erkannte es sofort. Es lag an der Türe. Durch ihre Fugen und die Risse der Wände und die offene Luke drang der frühe Tag. Ein leises, gleichmäßiges Geräusch war draußen und auf dem Dach; es regnete. Racke dachte: sie ist sehr schmal und blaß, vielleicht muß sie viel hungern. Er setzte sich auf. Das Schilf raschelte. Das Mädchen öffnete die Augen, sah ihn einen Augenblick stumm an, erhob sich und ging hinaus. „Bleibe hier“, sagte er, „du wirst naß“, und unterstützte seine Worte durch Gesten. Sie kam zurück. Sie war barfuß wie am Tage zuvor und hatte das Kopftuch umgebunden, aber unter der Männerjacke trug sie nun einen alten schlechten Rock, der ihr bis an die Knöchel ging. „Bist du in der Nacht gekommen?“ fragte er; er entsann sich nicht mehr, daß er daran aufgewacht war. „Nie rozsumie.“ Sie verstand ihn nicht. Vielleicht stellte sie sich auch nur so. Hatte sie nicht Augen, die alles zu verstehen schienen? „Wohnst du hier? Oder hat dich Jendik geschickt?“ „Tak, Jendik. Jozef.“ „Warum? — Dlaczego?“ Sie sagte ein paar Sätze. Nach einigem Hin und Her und vielen Gesten glaubte er verstanden zu haben, daß sie eine. Art Schutzengel war für den Fall, daß in der Nacht Partisanen gekommen wären, die nicht von ihm wußten, was Jozef wußte. Er wunderte sich nachträglich, daß er sich ohne Furcht und ohne Mißtrauen schlafen gelegt hatte. Ob Jozef nicht käme? Sie zuckte die Achseln, ging nun doch hinaus, kauerte sich vor den Herd, auf dem jetzt ein kleiner Kessel stand und machte Feuer. Eigentlich hatte sie ein nettes Gesicht. Der Widerschein
107
des Feuers überglühte seine Blässe und belebte seine freudlose Verschlossenheit. Racke zog Socken und Stiefel an; sie waren trocken. Er sah ihr durch den Regenvorhang, der vom unregelmäßig überstehenden Rand des Schilfdaches rann, zu. „Wie heißt du?“ fragte er. Sie schüttelte den Kopf. Er zuckte gleichmütig mit den Achseln. Na, dann nicht! Aber er ärgerte sich doch, daß sie ihren Namen nicht sagte. Verboten war ihr das sicher nicht und verstanden hatte sie ihn bestimmt. Sie blieb neben dem Feuer sitzen, bis das Wasser kochte, dann nahm sie den Topf ab, holte eine kleine Büchse Tee aus der Jackentasche und schüttete davon hinein. Sie hatte auch eine große Emailletasse mitgebracht, alt und zerschunden. Jetzt hätte er gerne den Rest in der Flasche gehabt, die der blöde Kerl — — Er dachte den Gedanken nicht zu Ende, sondern ging hinaus, um nach den Scherben zu sehen und richtig, das untere Viertel der Flasche war ganz geblieben und lag schräg mit dem Boden nach unten an einen Wurzelwulst gelehnt. Der Rest Arrak war noch drin, vielleicht ein bißchen Regen dazu. Man soll nie etwas unversucht lassen, nahm sich Racke für alle Zukunft vor und mischte den Tee mit dem feurigen Getränk. Das Mädchen mußte sich neben ihn setzen — er zog sie einfach her — und mit ihm trinken und von dem Brot mit ihm essen, das noch da war. Er hätte ihr gerne etwas Gutes getan, etwas geschenkt. Er hatte nichts. Es war immer so. Mit wieviel Schicksalen war er in den fremden Ländern schon in Berührung gekommen, oft ganz flüchtig nur, und immer war es ihm gewesen, als sei er für sie alle verantwortlich. Als müßte er alle diese Menschen, deren Lebensschiffchen hilflos im Sturmmeer des Krieges trieben, an der Hand nehmen und hinausretten an eine Stätte, wo Frieden war und keine Not. Und er hatte nichts tun können, als einen Augenblick mit seinem Herzen bei ihnen sein. Er hatte nichts und konnte auch für dieses armselige Geschöpf nichts tun, als von ganzem Herzen wünschen, daß es der wilde Stiefel des Roboterriesen Krieg nicht zertreten möge.
108
Er hätte es ihr gerne gesagt, aber sie würde ihn nicht verstanden haben; mit den paar polnischen Vokabeln, die er kannte, war das nicht auszudrücken. Und doch hing ihr Blick ein paar Atemzüge lang mit einem Ausdruck an ihm, als hätte sie ihn auch ohne jedes Wort verstanden. Der Tee war getrunken, das Brot gegessen. Der Regen hatte nachgelassen, hörte auf. Das Mädchen schob Kessel und Tasse neben der Türe unter die Schilfschütte. „Isc“, sagte sie. Das hieß gehen. Racke zog den Mantel an, schnallte um, setzte die Mütze auf, folgte ihr. Jendik war nicht gekommen; vielleicht brachte sie ihn zu ihm. Sie ging nach dem Steg. Da lag das Schlauchboot. Sie paddelte lange neben dem Ufer her. Manchmal sah er eine Hütte liegen, ein paar Schafe weiden, eine Ziege, hörte einen Hund bellen, aber kein Mensch war zu sehen. Das Mädchen bog in eine versteckte tiefe Bucht ein und in ihrem hintersten Winkel, neben der Einmündung eines Baches, stieß sie an Land. Sie stieg aus, um das Boot für ihn zu halten. Er war ungeschickt, das Boot drohte zu kentern. Um nicht ins Wasser zu fallen, stieß er sich ab, erreichte auch das Ufer, aber er riß das Mädchen dabei um und die Leine entglitt ihrer Hand. Schon schaukelte das Boot einige Meter weit ab und die Strömung zog es fort. Racke entschuldigte sich, wollte ins Wasser gehen, um es zurückzuholen. Sie schüttelte heftig den Kopf, rief halblaut, erschrocken: „Nie! Nie!“ schlüpfte aus der Jacke, ließ den Rock fallen, hatte nur einen verflickten Fetzen von Hemd darunter, warf sich flach aufs Wasser und schwamm dem Boot nach. Racke starrte selbstvergessen auf den überschmalen und doch in seinen weiblichen Formen so überraschend süß entwickelten Körper, bis sie das Boot erreicht und sich geschickt hineingezogen hatte, das Paddel ergriff. Da erst drehte er sich fast erschrocken um. Warum schämte er sich? Warum glaubte er, in Gedanken Eva ganz leise um Verzeihung bitten zu müssen? Er ging ein Stück durch das Röhricht, hörte sie kommen, wartete. Sie war noch blasser als zuvor und ihr Mund blau vor Kälte. 109
„Du mußt laufen“, sagte er und machte ihr vor, was er meinte. Dabei hob er die Knie ganz hoch, damit es anstrengte und auch richtig warm machte. Es sah gewiß sehr komisch aus, denn sie lachte, ein kleines schüchternes Lachen. Und sie lief mit ganz kurzen flinken Schritten, er konnte ihr ohne große Eile folgen. Nach zwei, drei Minuten schon hörte sie auf, sie hatte keinen Atem mehr, aber ihr Mund und das Gesichtchen wieder mehr Farbe. Mehr Farbe und mehr Leben als überhaupt, seit er sie kannte; fast so etwas wie eine Spur Heiterkeit. Nach einer halben Stunde stießen sie auf einen Pfad, der nicht nur getreten, sondern ausgerodet und künstlich gefestigt, zum Teil mit Knüppelholz belegt war. Oft federte er unter den Füßen. Die Landschaft war überaus reizvoll. Birken, Erlen und schwarze Moortümpel zwischen Binsen und Sandwellen mit Heidekraut, in der Ferne Hügel und Waldstücke und ein Dorf. Der Fußpfad mündete auf einen Fahrweg. „Tarn“, sagte das Mädchen. Dort, und zeigte den Weg entlang. Er führte einen Hang hinauf und oben hoben sich drei Männer gegen den Himmel ab. Einer von ihnen trug eine Eisenbahnerschirmmütze; das war deutlich zu erkennen. Das waren die beiden Kollegen und Jendik! Racke atmete auf und schritt lebhaft aus. Als er sich zurückwandte, war das Mädchen verschwunden. Er nahm die Hände vor den Mund und rief in der Richtung des im Gehölz sich verlierenden Fußpfades: „Dziekuje, dziewczyno!“ Danke Mädchen. „Dowidzenia!“ Auf Wiedersehn. Er hätte nicht so laut zu rufen brauchen; sie stand ganz nahe, nur ein wenig gebückt hinter einem Strauch. Sie sah ihm mit einem abwesenden Ausdruck in den Augen nach, so lange noch etwas von ihm zu sehen war... Das erste Wort, das aus dem Munde der beiden stoppelbärtigen Kameraden kam, noch während er ihnen die Hände schüttelte, war: „Haben Sie etwas zu rauchen?“ Der Größere in Uniform und mit Mütze hatte ein fast zugeschwollenes Auge, der barhäuptige Kleine eine blutunterlaufene Beule auf dem Schädel und mehrere Risse daneben. Er hatte, wie zu sehen war, den Mantel des anderen an und darunter sahen nackte Füße und Beine in Unterhosen vor.
110
Sie nahmen erst ein paar Züge, dann sagte der Kleine: „Ich heiße Stitzenbacher. Betriebsassistent. Und das ist Funke. Ebenfalls. Wir sind ziemlich fertig. Das sehen Sie ja, Herr Inspektor. Also schönen Dank. Man hat uns nämlich gesagt, wir hätten Ihnen unser Leben zu verdanken. Sie hatten uns gestern abend schon die Füße zusammen- und die Hände auf den Rücken gebunden. Was sie mit uns vorhatten, wissen wir nicht. Zum Aufhängen ist das ja nicht nötig. Vielleicht wollten sie uns auch nur einen Schrecken einjagen. Ist ja auch alles gleich. Hauptsache, wir sind da und kommen bald auf die Station und dann ist erst einmal ein Erholungsurlaub fällig.“ Sie setzten sich in Marsch, denn der Bauer war, als Racke näher gekommen, schon vorausgegangen. Es war nicht Jendik. Racke bedauerte Stitzenbacher der nackten Füße wegen. Der meinte zufrieden: Sie seien zwar wundgelaufen, aber glücklicherweise sei ja der Boden hier überall weich, und ins Leben zurück würde er über Glasscherben gehen. Wie er denn ihre Freilassung fertigbekommen habe? fragte Funke. Er habe eigentlich nichts dazu getan, das habe ein Partisan gemacht. Nun ja, weil ihm eine Anzahl Polen zu verdanken hatten, daß sie nicht auch gehängt worden seien. Die beiden sagten nichts dazu. Sie wußten, wie es einem zum Tode Verurteilten vor der Hinrichtung zu Mute ist. Sie redeten von jetzt an überhaupt fast nichts mehr. Sie hatten mit sich selbst zu tun, um ihr seelisches Gleichgewicht wieder zu finden. Sie waren schwach und mußten bald eine Rast machen. Man hatte ihnen am Morgen nur ein Stück nasses, schimmeliges Brot gegeben, vorher überhaupt nichts, seit sie weggeschleppt worden waren. Sie waren ziemlich weit weg von der Station auf einen riesigen Kahn gebracht worden. Man hatte ihnen die Hände zusammengeschnürt und die Augen verbunden. Wenn ihr schreit, habt ihr ein Messer zwischen den Rippen, wurde ihnen gedroht. Sie hatten sich gehütet, auch nur den Mund aufzumachen. Etwa nach einer Stunde schon waren viele Menschen gekommen und ein ständiges Hin und Her gewesen. Es sei nur geflüstert, aber viel gepoltert worden, und der Kahn habe unaufhörlich geschaukelt. 111
Plötzlich war es still und der Kahn fuhr. Später hatte man ihnen die Binde abgenommen; es war Nacht geworden. Nur ein paar Frauen waren auf dem Kahn, nicht ein einziger Mann, aber er war so beladen, daß er fast bis an den Rand im Wasser lag. Beute aus dem Verpflegungszug natürlich, das war ihnen klar. Eine der Frauen hatte ein Gewehr und die trieb sie dann, als der Kahn in der Morgendämmerung nach einer schauderhaften Kreuz- und Querfahrt endlich an Land stieß, noch stundenlang meist ohne Weg und Steg vor sich her. Dabei waren sie keinem Menschen begegnet. Auf einmal waren ein paar Bretterbuden dagewesen, einen Meter über dem Boden auf Pfahlgerüsten gebaut, auf allen Seiten Wasser und Sumpf. Das Weib hatte sie in eine der Hütten gebracht, in der es gestunken hatte von Fäulnis und Moder und war verschwunden. Bald darauf waren ein paar Kerle gekommen, richtige Räubergestalten. Einer von ihnen hatte sie ausgefragt. Lauter Dinge hatte er wissen wollen, die sie selbst nicht wußten. Sie hatten abwechselnd erzählt. Wie es auf der Station weitergegangen war, hatte Racke gleich anfangs berichtet. Jetzt drängte der Bauer zum Weitergehen. Es ging vom „Weg, an dessen Ende ein Dorf auftauchte, in nordwestlicher Richtung ab auf einer getretenen Fährte, die bald in ein ganzes Dutzend auseinanderlief. Das Gelände senkte sich, Wassergräben kamen, Sumpfmulden, Lachen und Schilfseen. Manchmal dachten sie, sie gingen im Kreise und suchten nach ihren Fußtapfen, ohne sie zu finden. Ein rasch strömendes Flüßchen kam. An einem Pflock lag ein alter Kahn ohne Sitze; zwei lange Stangen lagen drin und handhoch bedeckte Wasser den Boden. Ihr Führer stieg hinein, Funke folgte, ohne zu zögern. Seine Knobelbecher waren wasserdicht. Stitzenbacher bekam von der Vorfreude auf das kalte Dauerfußbad schon Schüttelfrost und Racke wußte, daß es ihm nicht viel besser gehen würde. Er würde die Reitstiefel nach Hause schicken zum Salongebrauch und von jetzt ab die Skistiefel mit den kurzen Wickelgamaschen tragen. Er war aber nicht gesonnen, vielleicht stundenlang im Wasser zu stehen. Sein Bedarf an diesem Vergnügen war gedeckt. „Czekaj!“ rief er dem Bauern zu. Warte! — zog sein Messer, schnitt Röhricht, Stitzenbacher warf es armweise Funke zu und der
112
schichtete es in der Kahnmitte zu einem Rost, bis der so hoch war, daß man trocken auf ihm stehen konnte. Wieder ging es scheinbar kreuz und quer und im Kreise herum. Nach Stunden tauchte über das Moor hinweg ein breiter Flußlauf auf, dem sich der Bach, in dem sie nun trieben, in sanftem Bogen näherte. Schließlich war nur noch eine schmale, nach der Spitze zu ansteigende, mit alten Kiefern und jungen Erlen sich verschönende Landzunge zwischen den beiden Gewässern. Der Pole trieb den Kahn an Land, rammte die Stange flußabwärts tief in den Grund und bedeutete ihnen auszusteigen, folgte ihnen aber nicht, sondern drückte das Fahrzeug schleunigst wieder ab, es mit aller Kraft flußaufwärts stakend. „Verflucht nochmal!“ schimpfte Stitzenbacher. »Jetzt geht uns der Kerl durch die Lappen!“ „Natürlich!“ lachte Racke. „Oder haben Sie geglaubt, er würde uns bis zum nächsten Galgen begleiten?“ „Sie haben eine Pistole! Schießen Sie ihn doch nieder!“ „Fällt mir gar nicht ein. Erstens wäre das undankbar und zweitens habe ich nicht die geringste Lust, mich, und vielleicht noch ein paar Kameraden dazu, morgen oder übermorgen durch Heckenschützen umlegen zu lassen.“ Funke stimmte Racke entschieden zu. „Es ist auch gar nicht sicher, ob der Bauer selber Partisan ist. Vielleicht wurde er nur gezwungen, uns hierherzubringen.“ Der Pole rief ihnen etwas zu. „Patrol policyjny“, verstand Racke Das hieß sicher Polizeipatrouille. „Wann kommt sie? Stunde? Godzina?“ „Niewiem“. Weiß nicht. „Jeden? Dwa? Try?“ Der Pole zuckte nur die Achseln. „Dzisiaj? Heute?“ „Tak, tak! Dzisiaj — jutro.“ Wir sollen hier auf die Wasserpolizei warten“, erklärte Racke. „Prima“, sagte Stitzenbacher und freute sich. „Wann kommt sie?“ Es war dieselbe Frage, die Racke an den Bauern gerichtet hatte. Und er gab dieselbe Antwort: „Weiß nicht. Heute — morgen.“
113
Stitzenbacher war wütend. „Was? Morgen? Da können wir ja vollends verhungern!“ Funke sagte: „Wäre unangenehm, aber besser, als im Moor ersäuft zu werden“, und Racke fügte hinzu: „Verhungern tut man nicht so schnell, außerdem ist es trotz der anfänglichen Qual ein leichter Tod. Und man braucht bis zum letzten Atemzug die Hoffnung nicht aufzugeben, daß der liebe Gott noch rechtzeitig seinen Raben schickt.“ „Dann schaun wir eben, daß wir zu Fuß hier wegkommen.“ „Ich habe leider nicht gelernt, übers Wasser zu gehn“, antwortete Racke trocken. „Oder glauben Sie, daß wir nur hinten herum einen Umweg zu machen brauchten? Lieber Mann, hinter uns ist Sumpf und Wasser und wieder Sumpf und noch einmal Wasser.“ Stitzenbacher ließ den Kopf hängen. Auch Funke. Racke konnte ihren Mägen die Enttäuschung nachfühlen. Trotz der nahrhaften Abendmahlzeit und des Frühstücks knurrte ja auch der seine sehr deutlich. Eine heiße Kohlsuppe wäre jetzt ein Labsal gewesen. Er tröstete. „Es braucht ja nicht Tage, es kann auch nur Stunden oder Minuten dauern. Und vielleicht können wir Fische fangen.“ Jetzt lachten die beiden andern. Ruhig erklärte Racke: „Wir flechten aus Binsen eine Reuse. Dann haben wir auch gleich einen Zeitvertreib.“ Zunächst gingen sie bis zur Spitze der Landzunge vor. Hinter ihnen verschwand eben der Kahn mit dem Bauern um die Biegung des Zuflusses. Alles niedrige Wachstum war noch naß vom Regen in der Frühe und es sah so aus, als ob es bald wieder anfangen würde, aber Schilf, Binsen, Röhricht und das Gezweig der Föhren waren vom Winde getrocknet. Sie schnitten und schichteten sich zunächst ein dickes Lagerpolster, bauten aus dicken Weidenruten und Erlenstangen eine Art Kuppelgerüst darüber, über das sie noch ein Schilfdach decken oder die Mäntel legen konnten, falls es zu regnen begann. Dann beschlossen sie, sich vor weiteren Taten erst einmal gründlich auszuruhen. Der Fluß war breit, aber das andere Ufer war deutlich zu sehen. Welcher es war, wußten sie nicht. Auch ein kleines Boot würde trotz des lehmfarbigen Wassers bis hinüber zu erkennen sein, außerdem hörte man den Motor. Auch drüben am Land waren 114
weit und breit weder Weg noch Steg, noch Mensch noch Vieh, noch eine einzige Wohnstätte zu erkennen. Und nun fing der Regen wirklich an. „Auch das noch“, maulte Stitzenbacher. „Aber man bekommt wenigstens keinen Sonnenbrand.“ Der Regen hatte jedoch noch eine unangenehme Seite: er verschleierte die Ferne immer mehr, sie versank allmählich bis fast zur Flußmitte herüber. Kam jetzt da draußen das Polizeiboot vorbei, würden sie es wahrscheinlich nicht mehr sehen und vielleicht auch nicht hören können, weil das Rauschen des Regens im Verein mit dem Plätschern und Gurgeln der Wasserstrudel das Motorgeräusch verschlingen würde. „Rauchsignal“, sagten sie alle drei wie aus einem Munde. Sie schnitten und schleppten schleunigst einen Berg Rohr und Schilf herbei, zündeten mit Hilfe ihres trockenen Lagerbestandes einen kleinen Scheiterhaufen an und warfen alle paar Minuten einen Arm voll von dem halbnassen und nassen Zeug darauf. Unten war Glut, die bis über ihr Lager hin Wärme gab und darüber stieg weiß und grau eine dicke Qualmsäule auf, wurde in geringer Höhe vom Winde niedergedrückt und als gewaltige Rauchfahne quer über den Fluß getrieben. „Wie Schiffbrüchige!“ stellte Stitzenbacher ganz vergnügt fest, bediente den Scheiterhaufen und brüllte von Zeit zu Zeit: „Schiff ahoi!“ auf den Fluß hinaus. Die beiden anderen holten nun Binsen und begannen zu flechten, aber sie erkannten bald, daß allerhand dazu gehörte, um eine Art Reuse zustande zu bringen und daß es wahrscheinlich erst zu einem Weihnachtskarpfen reichen würde. Über seinem Jungenspiel war Stitzenbacher der fröhlichste von ihnen geworden. „Ein Dutzend Brote und Fleischbüchsen, ein paar Flaschen Schnaps und tausend Zigaretten, dann kann's meinetwegen noch drei Tage dauern.“ Sie waren allmählich gesonnen, ein Schläfchen zu machen und hatten eben beschlossen, eine Feuerwache einzuteilen, als hinter ihnen eine tiefe Stimme erklang: „Das ist ja eine recht merkwürdige Eisenbahnerstation hier!“ Ihre Köpfe fuhren herum. Da stand ein Mordskerl in der Racke bekannten Uniform. Der Wassermüller war es nicht, aber beinahe sein Doppelgänger. Zwei Schritte schräg hinter ihm hob sich der 115
Kopf eines zweiten über das Schilf und so heiter sie selbst, so ernst schienen ihre schußbereiten Maschinenpistolen gestimmt zu sein. „Goldecht!“ schrie Stitzenbacher und fiel dem Großen fast um den Hals. Die Pistolen verschwanden. „Habt ihr Betriebsausflug oder seid ihr desertiert.“ „Nein, entlassen. In Gnaden entlassen von den Partisanen.“ „Donnerwetter — jetzt geht mir ein Licht auf! Ihr seid die beiden Verschleppten von Nowy Wiezyczy! Aber der dritte?“ „Das ist unser Befreier.“ „Wie ging denn das zu?“ Jetzt antwortete Racke: „Das erzählen wir Ihnen besser auf dem Boot. Oder seid ihr heute durch die Luft gekommen?“ „Sehen Sie sich um!“ Da trieb wahrhaftig das Motorboot, der ,Hecht', auf Armlänge lautlos am Ufer. Nein, es trieb nicht. Das Boot lag still, von einem Polizisten mit einer Art langen Enterhaken am Ufer festgehalten. Zwei andere Polizisten sahen ihnen mit einem Maschinengewehr zusammen aus dem gedeckten Raum freundlich entgegen. Als sie die Rauchwolke gesehen und ihre Herkunft festgestellt hatten, war der Motor abgestellt worden. Die zwei waren ausgestiegen, sobald es möglich war, und neben dem mit der Strömung treibenden Boot am Ufer hergegangen; sie mußten ja damit rechnen, daß es sich um eine Falle handelte, weil das Feuer an so ausgesetzter Stelle und mit einem solch auffallenden Aufwand an Rauch unterhalten wurde. Natürlich konnte es sich auch um ein Verständigungszeichen für andere Partisanen handeln oder eben um ein Notsignal. Auf dem Boot gab es handfeste Dinge zu essen und zu trinken. Es gab auch zu rauchen. Man saß trocken und warm. Die Erde war ein Paradies! Der Bootskommandant nahm ein Protokoll auf. Zwei Stunden später stiegen sie nach geräuschvoll herzlichem Abschied beim Lanübergang aus. Die Brücke war fertig, eben fuhr langsam ein Zug darüber, Richtung Heimat. Von Dieselramme und Pionieren war nichts mehr zu sehen. An jedem Ende stand ein Wachtposten; sie machten große Augen über Stitzenbachers 116
Aufzug. Auch die beiden andern sahen nicht aus, als ob sie aus einem Herrensalon kämen und zu einem Klamottenappell unterwegs wären. Zwanzig Minuten später lag der Bahnhof vor ihnen. Als sie sich den beiden Kaminen, dem davorstehenden Wohnwagen und dem mit rußender Lok auf dem Überholungsgleis wartenden Zug näherten, stellte Schepperl eben die Weiche und das Signal auf Fahrt. Hinten stand Liebedorn und hob den Befehlsstab, ganz wie auf seinem Heimatbahnhof, nur die rote Mütze fehlte, dafür hatte er eine prächtige Armbinde. Die Lok pfiff und hustete ein paar Mal, stieß dicken Dampf dazu aus und die Räder begannen zu rollen und zu hacken. „Seid ihr auf der Walz?“ schrie der Lokführer zu ihnen herunter und über seine Schulter wurde auch das kohlenschwarze Heizergesicht sichtbar. Sie winkten lachend hinauf und dann Wagen für Wagen den Soldaten zu, die nach diesem originellen Eisenbahnertrio vergnügt die Hälse reckten. Jetzt sah sie Schepperl. Erst riß er nur den Mund auf, doch dann sagte er klar und mit Nachdruck: „Ja mi leckst.“ Und dann machte er kehrt und brüllte, weil es der Liebedorn sonst nicht gehört hätte und der Glück im Dienstraum erst recht nicht: „Da schaug her Sigi! Pfeigroad kimmta, da Deifi, da geschwoin! Hanse! Schau aussa!“ Es fiel ihm gar nicht etwa ein, zu warten und die Ankömmlinge zu begrüßen. Er stapfte vor ihnen her, ohne sich noch umzusehen. Aber Liebedorn lief ihnen entgegen und Glück kam heraus und als sie den Wagen betraten, hatte Schepperl schon sechs Stamperl gefüllt. „Prost gsuffa!“ sagte er. „s“ Kaibi wird hernach gfressn.“ Und dann tröstete er die beiden Abgebrannten über den Verlust ihrer Habe mit Redensarten, über die sie auf dem Totenbett noch hätten lachen müssen. Das Kleeblatt war am Abend von Pinsk gekommen. Nicht als neumodische Seefahrer, sondern, wie es sich für einen Eisenbahner gehört, mit einer Kastendraisine, in der ein ganzer Stab hoher Herrn an die Stätte des Dramas gefahren war. Seit Mitternacht rollte der Verkehr wieder. Anfänglich hatte man immer drei Züge hintereinander auf Sicht fahren lassen, um überhaupt 117
erst einmal Luft zu bekommen. Und Richtung Front war natürlich vorgegangen. Seit dem frühen Vormittag ging alles wieder ordnungsgemäß, nur in dichterer Folge und schon in ein paar Stunden würde man wieder auf dem Laufenden sein. Daß einer in der Nacht mal irgendwo etwas zu erledigen hatte und mit irgendeiner Ausrede verschwand, sei ja kein Grund zu besonderer Besorgnis, wenn er sich anschließend beim Sanitäter melde, meinte Liebedorn anzüglich, aber als der hohe Herr Inspektor auch im Laufe des Vormittags nicht wieder auf der Bildfläche erschienen sei, hätte er den wieder abrückenden Kollegen aus Luniniec den Auftrag gegeben, ihn als vermißt zu melden. Wenn er nicht immer davongelaufen, sondern bei ihnen geblieben wäre, hätte er auch nichts versäumt. „O doch“, sagte Racke. „Sehr interessante und lehrreiche Erlebnisse, die ich nicht missen möchte. Und wir alle die Bekanntschaft mit Funke und Stitzenbacher.“ „Weil wir dann nämlich nicht mehr am Leben wären“, erklärte Funke. Zunächst wurde die Nachricht von der Rückkehr aller drei nach Luniniec telefoniert, von dort lief sie weiter durch den Draht nach Minsk zur Haupteisenbahndirektion Mitte und nach Warschau zur Betriebsleitung Osten. Von der H. B. D. wurde ein genauer schriftlicher Bericht innerhalb 24 Stunden angefordert. Funke und Racke machten sich seufzend an die Arbeit, Stitzenbacher in großer Form ans Erzählen. Es war eine schwierige Sache, denn zum Zuhören stand ihm längere Zeit jeweils nur einer, die andern nur minutenweise zur Verfügung. Minsk ließ ihnen mitteilen, daß für Stitzenbacher eine vollständige Uniform und für alle beide dreimal neue Wäsche bereits unterwegs sei. Auch die Ersatzbeschaffung für die persönlichen Verluste werde man ihnen erleichtern. Von einer Reihe benachbarter Bahnhöfe brachten die Lok- oder die Zugführer der nächsten Züge Eßwaren, Trinkwaren und Rauchwaren als Spenden der Kameraden für die Feier der glücklichen Heimkehr. „Eisenbahnern sollte man das gar nicht zutrauen“, sagte Stitzenbacher. Aber als Schepperl auf ihn losfuhr und fragte: „Wos host gsagt? Mir epper a net?“ da gab er klein bei und nahm sich vor, die Kameradschaft der Eisenbahner 118
untereinander in Zukunft nicht geringer einzuschätzen, als die anderer. Sie schwelgten wie Fürsten, bis ihnen die Müdigkeit die Augen schloß. Auch noch in der Nacht machte das Kleeblatt den Dienst allein und lange vor Morgen kam ein Anruf, den Schepperl abnahm. „Ich möchte Inspektor Racke sprechen“, sagte eine rauhe Stimme. „Der schlaaft“, antwortete Schepperl kurz. „Wie bitte?“ „Er schlä — ä — ft!“ verpreußte Schepperl grimmig. „Können Sie ihn nicht wecken?“ Aha! Können Sie... da war also keine vorgesetzte Dienststelle am Apparat. „Naa,“ sagte er grob. „Wie bitte?“ „Nei — i — n!“ „Dann richten Sie ihm folgendes aus —“ Schepperl unterbrach: „Gehn's weita. I hob itza ka Zeit net. Rufens halt späta no amoi an.“ „Wie bitte?“ „Noch — ein — mal — an — ru — fen — sol — len — Sie!“ „Das kann ich nicht. Hören Sie zu, es wird Sie auch interessieren.“ „Oiso, was gibt's?“ „Sagen Sie dem Inspektor, der schwere Zusammenstoß sei nicht beabsichtigt gewesen. Der leere Hilfskrankenzug war erst eine Stunde vorher abgestellt worden. Wir hatten angenommen, das Überholungsgleis sei frei und hätten dann an der Ausfahrweiche zwischen die abstehende Weichenzunge und die Backenschiene ein Schienenstück eingeklemmt, damit die Lokomotive die Weiche nicht einfach aufschneiden konnte, sondern entgleisen mußte. Bei der voraussichtlichen mäßigen Geschwindigkeit hätte ja dabei kaum viel passieren können. Es war dann aber zu spät, um den Anschlag noch absagen zu können. Die Leute hätten sich auch nicht mehr davon abbringen lassen; dazu war die ganze Sache zu groß aufgezogen.
119
Tausende hungerten, sie mußten zu essen haben — — Hallo! hören Sie noch?“ „Jawoi.“ „Haben Sie alles verstanden?“ „Naa. Ja. Verstand'n scho. Wer spricht denn dort?“ „Jendik.“ „Was hoaßt Jendik? Bist eppa a Partisan?“ „Du merkst auch alles.“ „Ja, wie kimmst denn du in d'Leitung eini? Du Hadalump, nixiga!“ Ein schallendes Gelächter antwortete. Der Schepperl ging auf, lief rot an und seine Faust umkrallte den Hörer, wie wenn es die Gurgel seines Gesprächspartners wäre. „Sie! Do gibt's fei gor nix z' lacha! Moanst eppa, i laß mi dableck'n? Gäh hera, boist wos magst! Du Saggramenta, du windiga, stinkata, gschissna, vareckta!“
120
6. KAPITEL
Es war Oktober geworden. Die Front war immer weiter ostwärts gerückt. Die Eisenbahn mußte nach. Ihre Aufgabe wuchs sprunghaft ins Gigantische. Sie zu meistern erschien unmöglich. Und doch erstand, als besäßen die Organisatoren in den Haupteisenbahn- und Feldeisenbahndirektionen, als besäßen die Leiter der Außendienststellen, der Bahnmeistereien und Betriebsämter Zauberstäbe, in Tagen neues Leben aus der Zerstörung. Die rollenden Räder überwanden alle Hindernisse. Mitte September hatten sich die deutschen Armeen Brückenköpfe über den Dnjepr erkämpft. Während noch um Kiew gerungen wurde, stießen nach der Schlacht bei Gomel frei gewordene starke deutsche Kräfte nach Süden. Sie reichten einer anderen Kräftegruppe, die beiderseits Krementschug, schon 250 Kilometer ostwärts der Hauptstadt der Ukraine, auf einer Breite von 120 Kilometern den gewaltigen Fluß überschritten hatte und nach Norden geschwenkt war, die Hand. Damit schloß sich ein feuerspeiender Ring um vier Sowjetarmeen; sie wurden in den folgenden Tagen vernichtet. Noch war Kiew nicht gefallen, als am 18. September bereits Poltawa, 300 Kilometer weiter ostwärts, eingenommen wurde; doch herrschten im Raume der ukrainischen Metropole chaotische Zustände. Verzweifelte Ausbruchsversuche scheiterten, zu Zehntausenden liefen die roten Soldaten zu den Deutschen über. Die Riesenschlacht war Ende September beendet, die Zahl der Gefangenen ungeheuerlich: 665.000. Fünf Armeen vernichtet, 884 Panzerkampfwagen und 3.718 Geschütze erbeutet. Zur selben Zeit standen deutsche und italienische Verbände schon nordostwärts Dnjepropetrowsk und vernichteten weitere 3 Divisionen. Auf der Verfolgung der geschlagenen Armeen ging es unaufhaltsam dem Raume von Charkow zu. Im Süden wurde das Asowsche Meer erreicht, Melitopol fiel. Da begann auch schon, 121
am 2. Oktober, der große Durchbruch im Mittelabschnitt; acht Tage später waren bei Wjasma und Briansk mehrere rote Armeen eingeschlossen. Vom Asowschen Meer bis hinauf zum Waldaigebirge, auf einer Breite von über 1.100 Kilometern war die deutsche Front im Vormarsch, die neuen Kessel von Briansk und Wjasma sich selbst überlassend. Ein Strom von 500.000 Gefangenen ergoß sich aus ihnen nach Westen; und damit belief sich die Gesamtzahl der in deutsche Hände gefallenen russischen Soldaten und Offiziere auf drei Millionen. Leningrad war eingeschlossen. Der Ring um Moskau zog sich enger zu; Kalinin und Kaluga wurden genommen. Orel und Kursk im Mittelabschnitt, Charkow und das Donezbecken im Südabschnitt waren die nächsten Ziele des deutschen Vorstoßes. Und diese vorwärtstreibende Front schrie nach der Eisenbahn. Dem unersättlichen Moloch, der ungeheure Massen an Menschen und Material fraß, mußten die Nachschubbasen nachgerückt werden. Unaufhörlich war ihm der Rachen zu stopfen mit Proviant, Waffen, Munition, Treibstoff. Und mit Reserven, mit Soldaten. Ohne Bahn ging das nicht. Stalin hatte unliebenswürdigerweise seinem Widerpart Hitler keine Autobahnen zur Verfügung gestellt. Die bespannten und die motorisierten Nachschubkolonnen des Heeres und der Luftwaffe versanken im Sand oder blieben im Morast stecken. Die Achsen brachen, die Motoren erlagen der Überanstrengung. Und die russischen Truppen hatten ihren Verfolgern, die russischen Eisenbahner ihren anrückenden deutschen Kollegen gleich unliebenswürdigerweise auch kein guterhaltenes Eisenbahnnetz, keine brauchbaren Bahngebäude und Betriebseinrichtungen für einen ungehemmten Friedensbetrieb vom Rhein bis zum Dnjepr hinterlassen, sondern fortgeschleppt, was sie konnten und zerstört, was nicht oder nicht mehr fortzuschleppen gewesen war. Genau so unfreundlich war es von den deutschen Eisenbahnern, daß sie wie mit Herkulesbesen den rollenden Rädern Gassen bahnten durch die Zerstörung, über Nacht kleine Übergänge flickten, kilometerweit neue Geleise legten und ohne Telefon und ohne Signale, ohne Betriebsgebäude und ohne Unterkünfte Züge fuhren in immer weitere Bezirke des russischen 122
Raumes. Breitspur zunächst mit russischem Material. Güterwagen aller Art waren in großer Menge unbeschädigt oder wenig beschädigt vorhanden. Mit ihrer Zerstörung hatte sich der Gegner nicht lange aufgehalten. Wo keine Lokomotiven vorhanden sind, fahren selbst die besten Wagen nicht. Aber es fanden sich doch noch eine ganze Anzahl, die einen ersten Nachschubbetrieb bis hinter die Front ermöglichten. Dann waren auch schon die Umspurzüge da und im Stundenkilometertempo nagelten die Bauzugrotten, allmählich verstärkt durch Hunderte von Einheimischen, die russischen Gleise von 1,524 m Spurweite auf 1,435 um. Dabei mußten viele morsche Schwellen ausgewechselt werden. Umpreßzüge waren ebenfalls schon zur Stelle, um die Achsen der russischen Wagen und auch der Draisinen auf deutsche Regelspur umzupressen. Es gab wohl keinen, weder bei den militärischen Transportdienststellen, noch bei den Reichsbahnämtern selbst, der die eisenbahntechnische Eroberung der neuen Gebiete so umfassend erlebte, an so viel Strecken und Orten, auf so vielen frontnahen Betriebsspitzen und Baustellen mit eigenen Augen sah, selbst miterlebte, manchmal für Stunden nur, manchmal tagelang, wie der Sonderbeauftragte Inspektor Günther Racke. Er lag mit den Feldeisenbahnern am Rande des Kessels von Briansk, stieß auf einem erbeuteten russischen Panzerzug mit einer Handvoll Draufgänger einer Eisenbahnpionier-Kompanie in einen Bahnhof vor, der noch in russischer Hand war, wodurch die Abfuhr einer langen Kette von Lokomotiven und die Zerstörung der Betriebseinrichtungen verhindert wurden. Er gelangte mit der Kraftwagenkolonne eines Eisenbahnpionier-Bataillons hinter der dröhnenden Front nach Norden und an der Strecke SmolenskMoskau zum Kampfgebiet bei Wjasma. Er staunte über die Ausrüstung. Man hätte glauben können, einen Treck verschiedener Industriewerke vor Augen zu haben. Da gab es Dieselrammen, Brückenkräne, elektrische Holzbohrmaschinen, Aggregate, Drucklufterzeuger, Aufreißhämmer, Bohrhämmer, Kraftsägen, Feldschmieden. Und was er nicht sah, erfuhr er in der Unterhaltung mit Mannschaften und Offizieren, die den blauen Eisenbahner mit Verwunderung, mit Glossen und doch mit Achtung und kameradschaftlicher Freude aufgenommen hatten. 123
Er erlebte einen überraschenden Luftangriff auf einen parkenden Pioniermaschinenzug, dem ein Drittel der Mannschaft und die Hälfte der Ausrüstung zum Opfer fiel. Er geriet mit einer Stahlbaukompanie, die dabei war, neben einer erst am Vortage gesprengten Brücke zunächst eine Behelfsbrücke zu bauen, in einen Feuerüberfall russischer Ferngeschütze. In Fußmärschen, auf PKW und LKW, auf Panjekarren schlug er sich neben dem verwüsteten Bahnkörper her wieder rückwärts durch zu den oft auf freier Strecke liegenden Ausladespitzen. Dort wurden Rampen und Lagerschuppen gebaut, auch an den Umschlagplätzen vor und hinter zerstörten Fluß- oder Straßenübergängen. Man baute sie möglichst dort, wo Wald bis an die Gleise reichte, oder günstige Umstände für künstliche Tarnung gegeben waren. Auch auf den Bahnhöfen, in denen von Normal- auf Breitspur und umgekehrt gewechselt werden mußte, waren sie notwendig. Er war dabei, wo die Stellwerksanlagen zerstörter Bahnhöfe neu gebaut, erste Signalanlagen wieder geschaffen, wo Wassertürme, Wasserkräne und Pumpstationen wieder brauchbar gemacht oder durch behelfsmäßige Einrichtungen ersetzt wurden. Er erlebte den Beginn des Aufbaues der Betriebsanlagen, der Betriebswerke und Bahnmeistereien, der Ausbesserungswerke, der Lok- und Wagenfabriken, die Tätigkeit der Betriebsämter, Maschinenämter und Werkstättenämter bei Grau und Blau. Er lag bei den Gleisbauzügen, den Weichenbauzügen, den Telegraphenbauzügen auf der Strecke, suchte die Umpreßzüge und die Werkstättenbauzüge auf, sah Tausende von Händen bei der Arbeit, und es waren dennoch nicht genug. Was an Betriebsstoffen, Werkstoffen, Werkzeugen, Geräten, Ersatzteilen vorgefunden und im Lande selbst beschafft werden konnte, war ein Nichts, gemessen am Bedarf. Und was über den Instanzenweg aus der Heimat kommen sollte, kam und kam nicht oder in völlig unzureichender Menge. Und doch wuchs allenthalben neues Leben aus den Ruinen. Züge fuhren, oft in tagelangen Pausen, oft einer hinter dem andern. Was gab es für Hindernisse, auch dort, wo die Fahrstraße in Ordnung war! Breitspurmaterial verstopfte Bahnhöfe, Bauzüge die Ausweichgeleise, die Strecke selbst. 124
Entgleisungen waren an der Tagesordnung. Zerstörte Lokomotiven, Personen- und Güterwagen säumten den Bahnkörper. Deutlich erkennbar waren die Übergänge vom wilden Betrieb nach Maß der frontnahen Gegebenheiten zum geordneteren, verbesserten und vermehrten, noch weiter rückwärts zum fahrplanmäßig geregelten Betrieb. Deutlich erkennbar war auch von vorne nach hinten die Zunahme der Spannungen zwischen militärischen Transportdienststellen und den Eisenbahnern beider Farben. Je näher am Feind, um so größer das gegenseitige Verständnis, die Berücksichtigung der höheren Gewalt, der Ausschlag des Praktikers, je weiter zurück, um so unnachgiebiger die Kommandantur des grünen Tisches. Rackes Geist füllte sich mit Eindrücken, sein Notizbuch mit Aufzeichnungen. Das Wetter hatte sich wieder gebessert, die Nächte waren kalt geworden. Man fing an zu frieren. In Smolensk erfuhr er beim Stabe der Feldeisenbahndirektion 2 von einer Betriebsleiterbesprechung, die von der Betriebsleitung Osten nach „Warschau einberufen war; es sollten alle Umstände erörtert werden, die zu den Beanstandungen höheren Orts führten und Möglichkeiten beraten werden, der Schwierigkeiten besser Herr zu werden. Er beschloß an ihr teilzunehmen, denn sie würde nicht nur im Hinblick auf seine besondere Aufgabe überaus wichtig, sondern überhaupt eine Fundgrube beruflichen Wissens und beruflicher Erfahrung für ihn sein. Außerdem freute er sich darauf, bei dieser Gelegenheit seinen Vater wiederzusehen und vielleicht auf dem Rückweg mal zu den Dreien in Wiezyczy hineinzuschauen. Sogar Jendik und das Mädchen und ein Spaziergang ins Moor spukten in seinen Gedanken herum. Fünf Wochen etwa lag jenes Ereignis zurück, aber es schien ihm ebensoviele Monate her zu sein; dennoch stand es in seiner Erinnerung klarer vor ihm als alles bisher Erlebte. Was wohl los war mit dem Kleeblatt? Glück hatte ihm nicht gefallen. Als Funke und Stitzenbacher tatsächlich in Urlaub gefahren waren, hatten sie sich von Glück nicht verabschieden können; er war verschwunden gewesen. Nachher hatte er Augen gehabt wie ein armes, hungriges Kind, wenn es eines, dem es besser geht, Schokolade essen sieht. Und als Schepperl zu ihm 125
gesagt hatte: „Di dafrißt es no ganz“, war Glück aufgesprungen und in die Nacht hinausgelaufen. Racke war ihm nachgegangen. Im strömenden Regen war er weitab an den Schienen gelegen und hatte geheult und geschrien und mit den Fäusten auf die Schwellen getrommelt. Vielleicht würde ihn auch einmal Schepperls und Liebedorns Kameradschaft nicht mehr halten können, dann aber war er reif für das Erschießungskommando, mindestens für die Strafkompanie. Und für einen, der einfach davonlief, würde man nichts tun können. Wo Bunz jetzt war und wie es ihm ging, wußte er auch nicht. Er hatte ihn nirgends gefunden und auch nirgends etwas über ihn erfahren können, vielleicht hatte es ihn schon erwischt, ehe der Versetzungsbefehl gekommen war. Racke nahm sich vor, von Minsk aus über Wolkowysk— Bialystok zu fahren, um auch diese Strecke kennen zu lernen. Als er bei Morgengrauen in Baranowicze ankam, war sie gesperrt. Kurz vor Polanka war ein Kohlenzug auf eine Mine gelaufen. So fuhr er eben doch über Brest-Litowsk. In Zabinka wurden noch einige Wagen angehängt. Auch Feldgendarmen stiegen zu. Vor der Einfahrt in Koszytowo blieben sie liegen. Plötzlich gab es Lärm. Schüsse fielen. Racke öffnete das Fenster. Er sah einen laufen, auf eine Häusergruppe zu, die unweit zwischen Bäumen lag. Wenn er sich nicht täuschte, war es ein Eisenbahner. Hinter ihm her rannten, haltschreiend und knallend, zwei Feldgendarmen. Der Zugführer kam aufgeregt am Zug entlang. „Was ist denn los?“ rief ihm Racke zu. „Das weiß ich auch nicht“, antwortete der Graubart. „Ich weiß nur, daß der Teufel los ist, wenn ich hier warte, anstatt meine Fahrzeit einzuhalten. Die müssen eben mit dem nächsten Zug nach Brest weiterfahren.“ Er sah ihnen unentschlossen nach. „Ist die Gendarmerie dort stationiert?“ fragte Racke. „Ja.“ Der Verfolgte verschwand eben beim ersten Haus. Die Einfahrt wurde frei. Die Lokomotive pfiff durchdringend. Die Gendarmen kehrten sich nicht daran, liefen weiter. Der Zugführer hob schon die Hand mit der Pfeife, da hatte Racke das Trägheitsmoment 126
überwunden, sagte rasch: „Warten Sie noch eine halbe Minute, Kollege. Ich will aussteigen. Lassen Sie, bitte, mein Gepäck in Brest zum Bahnhofsvorstand bringen.“ Er packte Mütze, Mantel, Koppel, machte, daß er hinauskam. Die Lok pfiff schon wieder wütend, der Zug rollte an, der Zugführer kletterte hinauf. Racke schlüpfte in den Mantel, schnallte um, lief den beiden Feldgrauen nach. Als er um das erste der Häuser bog, kamen sie schon wieder zurück, den Verfolgten in der Mitte. Sie hatten ihn im Polizeigriff, sein Gesicht war verzerrt, auf seinem Munde stand Schaum. Es war Glück. Racke ahnte, was geschehen war und suchte nach einer Rettung. Langsam ging Racke auf die drei zu, grüßte und sagte in einem Tone, als fiele ihm ein Stein vom Herzen: „Gut, daß ihr ihn habt.“ Jetzt erst schien Glück ihn zu erkennen, starrte ihn an, als sehe er ein Gespenst, fing wie ein Kind zu weinen an. „Ha no!“ sagte der eine der Feldgendarmen mißbilligend. Racke zwinkerte ihm bedeutungsvoll zu: „Mein Kollege ist schwer nervenleidend. „Wir sind eben auf dem Weg zum Facharzt in Warschau.“ „Ach so — o — “ antwortete der Obergefreite mit dem Gendarmenschild an der Kette auf der Brust, „'s isch wohl e Schreible locker?“ Racke fiel ein Stein vom Herzen, er drehte sich ein wenig ab von Glück, nickte kurz und legte dabei den Finger auf den Mund. Der wackere Schwabe begriff. „Isch 'r Ehne durchgange?“ fragte er halblaut. „Er war mal verschwunden“, sagte Racke, „aber ich habe mir nichts dabei gedacht. Ich bin nur froh, daß ihm bei der Schießerei nichts passiert ist.“ „Mir henn bloß onser Pflicht to“, entgegnete der Obergefreite. „Wie mr d' Babier verlangt henn, isch er auf ond davo.“ „Natürlich, es trifft Sie gar kein Vorwurf. Ich hätte besser auf ihn aufpassen sollen. Aber wer denkt denn an so etwas!“ „No kenne mr'n jo wieder loslasse“, meinte der andere der Feldgendarmen, also auch ein Schwabe. „Aber 'n Bericht miess mr scho mache.“
127
„Sell scho“, nickte der Obergefreite. „Derf e mol om Ihre Ausweis bitte?“ sagte er zu Racke. „Selbstverständlich“, antwortete Racke sehr freundschaftlich und sehr kameradschaftlich. „Aha“, stellte der Gendarm fest, „Sie kenne jo nafahre, wo Se wellet. Henn Se au n' Ausweis für da andere?“ „Sie nehmen's gründlich!“ lachte Racke. „Aber Sie haben recht. Der Ausweis für den ändern bin ich selbst. Wenn sie Bedenken haben, wird Ihnen das die Direktion in Brest bestätigen.“ „Von mir aus isch des net nötig. Aber 's ka nadierlich sei, daß mei Scheff den Fall näher ondersuche will. Wo macht denn der do Diensucht?“ „In Nowy Wiezyczy.“ Die beiden erinnerten sich. Das war ja eine elende Sauerei gewesen. Sie glaubten gerne, daß da einer die Nerven verlor. Auf dem Weg zum Bahnhof und auf der Fahrt nach Brest erzählte ihnen Racke alle Einzelheiten und sie gingen als gute Kameraden auseinander. Glück hatte kein Wort gesprochen, immer nur vor sich hingestarrt. „Machen Sie jetzt keine Dummheiten mehr“, sagte Racke und gab ihn in die Obhut einiger Kollegen, die den Assistenten von seiner Brester Dienstzeit kannten, sah nach seinem Rucksack, der mit den noch herumgelegenen Sachen richtig abgegeben war, dann ließ er sich beim Amtsvorstand melden und sprach längere Zeit unter vier Augen mit ihm. Das Ergebnis war eine Anweisung, Glück dem Amtsarzt vorzuführen. Bahnhof Nowy Wiezyczy wurde auf einigen Umwegen telefonisch über den Verbleib des Assistenten Glück verständigt. Eine anschließende Unterredung mit dem Kommandeur der Feldgendarmerie ergab, daß unter diesen Umständen natürlich zu Weiterungen keine Veranlassung bestand. Der Amtsarzt in Brest wollte die Verantwortung nicht übernehmen, weil es sich gewissermaßen um einen Präzedenzfall handle. Racke mußte Glück mit nach Warschau nehmen zum militärischen Facharzt für Nervenleidende. Sie standen auf dem Bahnsteig und warteten auf den Zug. „Das war eine große Dummheit“, sagte Racke und es klang nicht gerade freundlich. Es war Nachmittag geworden und bis er die 128
Geschichte mit Glück in der Klinik erledigt hatte, würde die Betriebsleiterbesprechung wahrscheinlich schon zu Ende sein. Glück zuckte die Achseln. Nachdem er in der Nacht abgelöst worden war, hatte es ihn plötzlich so gepackt, daß er ein Stück an den Schienen entlang gegangen war, ohne eine klare Vorstellung, wozu. „Und vor Partisanen hatten Sie keine Furcht?“ „Es war mir alles gleich.“ „Und dann stiegen Sie einfach in den ersten, besten Zug, der Richtung Heimat fuhr! Dachten Sie nicht daran, daß Sie irgendeinmal kontrolliert werden würden und daß es dann aus mit Ihnen war?“ „Ich klammerte mich an den Gedanken, daß ich als Eisenbahner vielleicht unbehelligt durchkäme bis nach Hause.“ „Und wenn! Das hätte doch auch nur kurze Zeit dauern können!“ Glück schwieg. Natürlich war es verrückt. Aber schon wochenlang war er versucht gewesen davonzulaufen; er war einfach nicht mehr dagegen angekommen. Einer, in dem es nicht gerade so aussah wie in ihm, konnte das natürlich nicht begreifen. Racke war unerbittlich. „Und die Sorge Schepperls und Liebedorns, daß Sie verschleppt worden wären, war Ihnen auch egal? Und das Geschrei bei den Wehrmachtstellen: Die Eisenbahner laufen davon, wie's ihnen gerade so paßt! Und der Makel auf dem blauen Tuch!“ In Glücks Gesicht zuckte es heftig, dann wich die Erregung dem Ausdruck tiefer Niedergeschlagenheit. Er kämpfte eine Weile mit sich, dann sagte er leise: „Ich fahre zurück.“ „Das geht nicht mehr. Nun müssen wir bei der Nervenkrankheit bleiben. Und was käme auch schon dabei heraus? Über kurz oder lang liefen Sie wieder fort und dann wäre ich bestimmt nicht noch einmal da, um Sie herauszulügen.“ Der Zug kam. „Also, passen Sie auf, Glück! Ich werde mit dem Arzt reden. Vielleicht sieht er ein, daß man einen seelisch so kranken Menschen nicht von zu Hause losreißen kann und veranlaßt Ihre Zurückversetzung nach Halle.“ Der Arzt sah es nicht ein. 129
„Wo kämen wir hin, wenn wir jeden krank schreiben oder nach Hause schicken wollten, der Angst oder Heimweh hat?“ „Das kann man natürlich nicht, Herr Oberstarzt. Glück ist aber ein Sonderfall. Er hat durchaus keine Angst, im Gegenteil, und sein Heimweh ist nicht das Heimweh, das jeder Gatte und Vater hat. Diesen Menschen verzehrt eine krankhafte Sehnsucht, die ihn völlig unzurechnungsfähig macht. Er bedeutet seines Zustandes wegen auch eine ständige Gefahr für den Verkehr. Geschieht durch sein plötzliches Versagen ein Unglück, dann trägt nicht er die Verantwortung, sondern wir, die es dabei bewenden ließen. Man kann ihn vielleicht bestrafen, aber das macht weder die eventuellen Toten wieder lebendig, noch ersetzt es den materiellen Schaden. Oder er legt sich eines Tages auf die Schienen. Dann muß er auch durch einen anderen ersetzt werden, kann aber nicht an dessen Stelle den ebenso nötigen Dienst in der Heimat tun.“ „Würde man solchen Erwägungen Raum geben“, erwiderte der Arzt, „dann müßte man jeden Drückeberger nach Hause schicken. Das würde die Auflösung der Front bedeuten. Denn jeder anständige Soldat oder Eisenbahner würde mit Recht sagen: Fällt mir auch nicht ein, den Kopf hinzuhalten, wenn es so ein Tropf nicht zu tun braucht. Ein Krieg verlangt nun einmal das im Einzelfall mehr oder weniger große Opfer persönlichen Glücks und man kann sich noch glücklich schätzen, wenn es dabei bleibt, wenn man nicht auch noch die gesunden Glieder oder das Leben hingeben muß. Ich würde ein Unrecht an der Gesamtheit der Einberufenen begehen, wenn ich einzelne irgendwelcher Depressionen wegen von ihrem Einsatz entbinden wollte. Seelische Depressionen sind kein Nervenleiden, das die Kriegsverwendung ausschließt. Im Sinne Ihres Kollegen sind Hunderttausende leidend. Er kann sich noch glücklich schätzen, Eisenbahner zu sein und dadurch der Einberufung zur Wehrmacht entgangen zu sein.“ „Ich teile Ihre Auffassung vollkommen, Herr Oberstarzt. In Lebensgefahr befindet sich allerdings hier im Osten auch der Eisenbahner draußen auf der Strecke oder in kleinen, militärisch nicht oder ungenügend geschützten Bahnhöfen ständig. Wenn ich Sie dennoch nochmals bitte, schicken Sie meinen Kollegen für 130
einige Zeit nach Hause, so geschieht es, weil ich weiß, daß dieser Entschluß nicht nur seine seelische Gesundung nach sich ziehen wird, sondern eben auch, wie gesagt, für die Sicherheit des Verkehrs hier notwendig und für seine Heimatdienststelle nutzbringend ist.“ „Sie sind ein geschickter und zäher Anwalt“, sagte der Oberstarzt, halb erheitert, halb verärgert. „Also gut. Vierzehn Tage Erholungsurlaub; anschließend ein halbes Jahr Dienst in der Heimat; dann erneute Untersuchung durch den zuständigen Sanitätsoffizier.“ Glück war wie verwandelt. „Bis das halbe Jahr um ist, ist der Krieg aus!“ flüsterte er. Seine Augen glänzten unter den schwarzen Brauen und langen schwarzen Wimpern wie im Fieber. Gut, daß ihn der Arzt so nicht mehr sieht, dachte Racke, sonst würde er wahrscheinlich erklären „Simulant“ und seinen Entschluß rückgängig machen. „Nun sagen Sie ja nicht wieder, daß Sie ein Pechvogel seien“, knurrte er ihn an. „Heute haben Sie das verwirkte Leben geschenkt bekommen.“ „Ja. Sogar in doppeltem Sinne“, erwiderte Glück. „Ich werde Ihnen das nie vergessen. Und jetzt werde ich's auch ganz anders anpacken daheim.“ „Man möchte es Ihnen glauben“, sagte Racke. „Ich werde mich freuen, wenn ich Sie mal in herzhafterer Verfassung wiedersehe.“ Glück rannte zur Straßenbahn, um zum Bahnhof zu fahren. Sein Gepäck würde er sich nachschicken lassen. Racke fuhr zur Betriebsleitung Osten. Die Konferenz ging dem Ende zu. Amtmann Racke war in den Park gegangen, um frische Luft zu schöpfen; er hatte sich schon den ganzen Nachmittag nicht wohlgefühlt. Günther beschloß, nach dem Vater zu sehen, weil ihm sowieso peinlich war, jetzt noch bei den hohen Herren hineinzuschneien; er mußte sich eben mit dem Protokoll begnügen. Sie beschrieben ihm den Weg. Bei gutem Wetter sitze der Herr Amtmann oft dort über die Mittagszeit; auch andere Beamte und das weibliche Personal ergingen sich gerne in den Anlagen. Es war einer jener letzten schönen Abende, die ein schon dem Winter zuneigender Herbst zu verschenken hat. Baumwipfel und 131
Buschwerk und die gefallenen Blätter auf Rasenflächen und Wegen leuchteten in Gold und Rot. Das Licht der Abendsonne lag in breiten Streifen zwischen den langen Schatten der Stämme. Der Park war nur mäßig belebt und Günther sah seinen Vater schon von weitem auf einer Bank sitzen. Er hatte die Mütze neben sich gelegt, das Koppel über die Lehne gehängt, den Mantel geöffnet. Seine Hände lagen auf den Knien, sein Gesicht war der Sonne entgegengehoben. Günther blieb zwischen hohen Ziersträuchern stehen und sah glücklich auf das friedliche Bild. In einer heißen Aufwallung überströmte seine ganze Liebe zum Vater sein Herz. Wie mit einem Bande fühlte er sich, seit er selbst zum Manne gereift war, mit ihm verbunden. Lächelnd sah er über das weite Rondell auf den Menschen, der ihm der nächste war von allen auf der Welt. Wie ein Gelübde stieg mächtiger als je der Wunsch in ihm auf, das Alter des Mannes, dem er das Leben verdankte und der seit dem frühen Tode der Mutter nie wieder ganz vom Schmerze gesundet war, von Kummer frei und von Freuden froh zu machen. Ein paar Polen schlenderten drüben den Weg daher, an der Bank vorbei. Günther dachte eben etwas besorgt, die gefallen mir nicht, als der letzte der kleinen Gruppe sich plötzlich umwandte, mit einem Griff das Koppel an der Bank packte, die Pistole herausriß und mehrere Schüsse auf den friedlich Sitzenden abgab. Noch ehe sich der Schrei verspäteter Warnung und des Schreckens aus Günthers Kehle gerungen hatte, sah er den Vater langsam umsinken, von der Bank gleiten und regungslos liegen bleiben, während der Mörder Koppel und Pistole wegwarf und im nächsten Augenblick, seinen Begleitern gleich, in einem dichten Gehölzstreifen verschwand. Günther zog noch die Pistole, aber es war zu spät und die Entfernung auch zu groß. Mit weiten Sprüngen setzte er über den Rasen, legte die Pistole aus der Hand, warf sich neben dem Vater auf die Knie. Der alte Racke lag auf dem Gesicht. Er drehte ihn vorsichtig um, unter halb niedergesunkenen Lidern starrte ihn das Weiß gebrochener Augen an. Aus dem in jähem Schmerz geöffneten Munde troff schaumiges Blut.
132
Günther Racke hob den Kopf. In der Ferne waren noch ein paar aus Angst flüchtende Frauen und Kinder zu sehen. Er allein konnte den schweren Mann nicht fortschaffen. Er wollte eben Alarmschüsse abgeben, als zwei Offiziere, die Pistolen in den Händen, auf dem Parkweg eilig näherkamen, von der anderen Seite her donnerte eine Beiwagenmaschine quer durch Dick und Dünn: drei Mann grüne Polizei. Beifahrer und Sozius hatten die Maschinenpistolen im Anschlag. Der Sozius flankte vom Sattel. Noch ehe ein weiteres Wort gefallen war, sagte er kurz „Sanitätswagen!“ und die Maschine stob mit den beiden andern wieder davon. „Wie war das?“ fragte der Polizeimeister. Günther Racke schilderte kurz den Vorfall; er kniete noch immer. Inzwischen waren die beiden Offiziere auch da. „Wollen Sie nicht aufstehen?“ sagte der alte Hauptmann. „Er ist doch wohl tot? Höherer Reichsbahnbeamter, wenn ich mich nicht irre?“ Günther gehorchte und gemeinsam legten die vier den leblosen Körper auf die Bank. „Sie sind ja ganz weiß im Gesicht“, sagte der Hauptmann. „Sind Sie etwa verwundet?“ „Nein.“ „Ach so — der Schreck. Kennen Sie den Herrn?“ „Es ist mein Vater.“ Günther schluckte. Die Tränen vermochte er zurückzuhalten, aber seine Stimme schwankte. „Oh — das tut mir leid.“ Beide Offiziere und der Polizeimeister legten die Hand an die Mütze. Racke machte noch die weiteren erforderlichen Angaben, der Streifenführer notierte, dann holte er das Koppel, die Pistole wickelte er vorsichtig ein, steckte sie in seine Manteltasche. Hier könne er nichts mehr tun, er wolle gleich den Fluchtweg der Verbrecher feststellen. Günther zeigte ihm die Richtung. Ob er wünsche, daß sie noch hier blieben? fragte der Hauptmann. Nein, danke. Es sei nicht nötig. Und nun war Günther Racke wieder allein mit der Leiche des Vaters. Er sah auf ihn nieder, wunderte sich, daß er hatte 133
sprechen können, daß er, bis auf den dumpfen Druck im Kopf, so ruhig dastand, als gehe es um irgendeine dienstliche Sache. Gewiß, er hatte schon viele Tote gesehen, in Polen und Frankreich, in Serbien, Griechenland und nun hier im Osten, aber das hier war sein Vater! Und dennoch hatte ihn schon jene Starre ergriffen, die wie eine Art automatischer Selbstschutz das Herz gegen die ständige Erschütterung durch die Bilder des Schreckens und des Todes feit. In diesem Augenblick empfand er instinktiv die Gefährdung, die Zertrümmerung des menschlichen Mitempfindens überhaupt durch den allen im Kriege Stehenden obliegenden Zwang, sich an Qual und Tod anderer zu gewöhnen, um der Selbsterhaltung willen. Um nicht seelisch zusammenzubrechen. Die Polizeikraftfahrer kamen zurück. Racke schickte sie ihrem Führer nach. Kurz darauf schaukelte das Sanitätsauto über den Rasen. Im Lazarett wußte Günther nach zehn Minuten, daß sein Vater einen Herzschuß, einen Lungensteckschuß und einen, infolge innerer Verblutung ebenfalls tödlichen Bauchschuß hatte. Er telegraphierte dem Bruder. Dann saß er noch lange an der Leiche und dachte über die Heimtücken des Schicksals nach. Wäre Glück nicht davongelaufen oder hätte er ihn einfach den Folgen solchen Irrsinns überlassen, dann würde der Vater noch leben, denn dann wären sie schon seit den Morgenstunden zusammengewesen und er wäre nicht allein in den Park gegangen. In der Nacht ging Günther Racke zur Wohnung des Vaters. Da waren sie vor sechs Wochen noch guter Dinge zusammengesessen. Des Krieges Mühlen mahlten rasch und grob. Er packte die Sachen des Vaters und dabei löste sich die Starre des Gemüts. Immer wieder liefen ihm Tränen über die Wangen und immer wieder mußte er aufhören, weil ihn das Schluchzen zu sehr schüttelte. Am anderen Tage leitete er die Überführung ein. Der Vater sollte seine letzte Ruhestätte nicht im Lande des unversöhnlichen Hasses, sondern im Familiengrab in der Heimat haben. Den Rest des Tages verbrachte Günther über dem Protokoll der Betriebsleiterbesprechung und den Eintragungen in sein Notizbuch. Am Nachmittag wurde im Amt eine Trauerfeier für den 134
Ermordeten abgehalten. Wolf Dieters telegraphische Antwort kam. Er lag an Ruhr im Lazarett in Krementschug und war noch nicht reisefähig. Am späten Abend wurde der mit Kränzen bedeckte Sarg verladen. Alle Kollegen gaben ihm das Geleit, auch Vertreter der militärischen Transportdienststellen. Eine Nacht, einen Tag und noch eine Nacht machte der technische Reichsbahnamtmann Karl Racke die letzte Fahrt auf den stählernen Straßen, die sein Leben bedeutet hatten, und in deren Dienst er es nun lassen mußte. An seiner Seite saß der junge Inspektor Günther Racke und bewegte in seinem Herzen die Tragödie des menschlichen Daseins. Er begriff nicht, daß sie die Menschen nicht größer und brüderlicher machte, nicht auf der ganzen Welt zusammenschweißte zu einer gegen Krieg und alles Unglück überhaupt verschworenen Gemeinschaft! Die Beisetzung fand in aller Stille statt, wie es immer des Vaters Wunsch gewesen war. Seit man die Mutter zur ewigen Ruhe gebettet hatte, hatte er gewußt, daß es für die nächsten Angehörigen eines Verstorbenen nichts Qualvolleres gibt, als die Zeremonie seiner Beerdigung. In der Stunde, in der man sein Haupt verhüllen, in der man sich selbst mit seinem Leid im dunklen Schoße der Erde bergen möchte, muß man wie am Pranger stehn und ungeschützt tausend glühende Pfeile des Schmerzes erdulden. Aber neben Günther stand nur die Schwester und ein Häuflein naher Verwandter und Freunde. Sie hielten sich an den Händen, fühlten den Toten in ihrer Mitte und ließen ihre Tränen fließen. Ein Männerquartett sang die trostvolle Weise „Wie sie so sanft ruhn...“ Vor Günthers innerem Gesicht standen die Bilder des Grauens und Sterbens der Front. Der Geistliche betete ohne Worte und alle standen schweigend vor dem Geheimnis Gottes und der schwarzen Pforte der Ewigkeit. Schon am Tage darauf fuhr Günther Racke nach Warschau zurück. Er hatte wohl daran gedacht, zu Eva zu fahren, hatte aber keine dienstliche Berechtigung dazu, er wollte auch nicht mit seiner Trauer, wollte nicht im Chaos seiner Empfindungen jenes Wunder der Seligkeit erleben, das sie ihm nach ihrer Krankheit verheißen hatte.
135
Zwei Wagen des Wehrmachtszuges waren mit Eisenbahnern aller Kategorien besetzt. Grau herrschte vor. Racke belegte zwar für die Nacht einen Platz in der zweiten Klasse, hielt sich aber während des Nachmittags bei den Kameraden der nicht polsterklasseberechtigten niederen Dienststufen und Dienstgrade auf. Zwischen der Stimmung, aus der und mit der er kam, und der Stimmung, in die er kam, war ein solcher Gegensatz, daß alles Weiche und Nachdenkliche in ihm überrannt und fortgerissen wurde. Es herrschte ein rauhfröhlicher Ton; man hätte meinen können, sie führen alle einem handfesten Vergnügen entgegen. Hier hätte Glück mal ein wenig Anschauungsunterricht nehmen können! Auch diese Männer wären, ein paar jugendliche Abenteurer ausgenommen, sicher lieber in ihren Ehebetten oder bei ihren heimischen Junggesellenbräuchen geblieben. Auch hier klopfte wohl manches Herz hinter der lauten Männlichkeit trüb und schmerzlich und widerwillig gegen die Brust. Aber da der Mensch — überall auf der Welt — nun eben einmal ohne Möglichkeit einer Auflehnung vom Willen und der Macht des Staates vergewaltigt wurde, hatte es keinen Sinn, sich's durch Kopfhängen und Klagelieder selber noch schwerer zu machen. Eine ganze Reihe Eisenbahnpioniere waren da. Sie waren alle gediente Soldaten; Racke kannte einen Teil ihrer Formationen ja schon vom Fronteinsatz her, nun lernte er sie nachträglich theoretisch noch umfassender kennen. Was gab es da neben den allgemeinen Baukompanien alles für Spezialeinheiten: Stellwerks , Stahlbau-, Wasserbau-, Seilbahn-, Nachrichtenkompanien. Abends hatte man sich noch als ziviler Eisenbahner schlafen gelegt und am Morgen hatte man den Gestellungsbefehl in der Hand und war Soldat. In Langenberg im Rheinland waren Ende Februar 1940 als letzte die vier Betriebskompanien zusammengestellt worden. Man hatte zwar darauf geachtet, nach Möglichkeit die Dienstgrade entsprechend dem Vorgesetztenverhältnis im Bahndienst auszusuchen, aber das war nur teilweise möglich gewesen. Man hatte auch auf ungediente Eisenbahner zurückgreifen müssen und so herrschte der eigentümliche, sich oft höchst komisch auswirkende Umstand, daß zum Beispiel ein Inspektor, der als Lokdienstleiter eines Betriebsamtes vorgesehen war, ganz gewöhnlicher Landser, 136
einer seiner Lokführer aber Unteroffizier und ein Heizer sogar Feldwebel war. Andererseits war bei dieser Eisenbahnertruppe auch eine ganze Reihe Nichteisenbahner, soweit die Männer nur in Schreibstuben und Küchen, als Bahnunterhaltungsarbeiter oder Handwerker eingesetzt waren. Im übrigen stammten sie aus allen Gauen des Reiches. Die Spitze des Ganzen war der Befehlshaber der Eisenbahnpioniertruppe beim Oberkommando des Heeres, genannt Bedeis, ihm unterstanden die Gruppenkommandeure bei den Heeresgruppen, genannt Grukodeis, diesen die Kommandeure der den einzelnen Armeen zugeteilten Eisenbahnpionierregimenter, genannt Kodeis. Langenberg war eine große Scheiße gewesen. Stroh auf den Holzböden ehemaliger Eisenbahnwerkstätten - das war das Quartier. Die kurze militärische Ausbildung fand bei den Neulingen in diesem Dienstzweig selbstverständlich kein Wohlgefallen, abgesehen von der lebenswichtigen Unterrichtung und Übung in Gebrauch und Pflege der Waffen. Ende März kam man nach Rüdesheim in Privatquartiere und gleich sah das Leben wieder ganz brauchbar aus, zudem war Frühlingsanfang. Mit der militärischen Fortbildung ging die fachliche Hand in Hand. Neben dem soldatisch Formalen, ohne das es keine Freude am eigenen höheren Dienstgrad gäbe, wurde auch etwas Kampf- und Körperertüchtigung exerziert, Verladeübungen wechselten mit Alarmübungen ab. Am 10. Mai, als die Welt in Blüten ertrank, waren sie verladen worden und über Trier an die luxemburgische Grenze gerollt. „Es ist so schön, Soldat zu sein, Rosemarie“, hatten sie gesungen, der eine mit unternehmungslustigem Gemüt, der andere mit bedenklichen Trau-schau-wemVorbehalten und alle zusammen hatten es gesungen nicht des Soldatseins, sondern der Rosemarie wegen. Es war nichts passiert. Die Kompanie des Eisenbahnpioniers und außerplanmäßigen Inspektors Georg Blümlein hatte die Strecke Wasserbillig-Luxemburg-Kleinbettingen betrieben, bis sie von blauen Eisenbahnern abgelöst worden war. Im Februar des neuen Jahres, das nun schon wieder zu Ende ging, mußte ‚umspuren' geübt werden. Von Normalspur auf Breitspur und zurück natürlich. Hm — dachten sie. Parolen liefen um am 137
laufenden Band. Der Balkanfeldzug begann und am 11. Mai ging die Reise nach Ostpreußen. Siehste woll! Auf dem Bahnhof eines kleinen Ortes, der nur aus einem riesigen Rittergut mit Molkerei und einem Haufen Katen bestand, wurde ihr Wohnzug abgestellt. Flüchtlinge aus den baltischen Staaten berichteten von dem furchtbaren Los der estnischen, lettischen und litauischen Bevölkerung unter dem bolschewistischen Mord- und Verschleppungsterror, von ihrer letzten Hoffnung auf Befreiung durch die Deutschen. „Seit einem Jahr bereiten die Russen bei uns den Krieg gegen euch vor“, sagten sie. „Wollt ihr warten, bis sie in Deutschland einfallen?“ Am 21./22. Juni begann der Krieg gegen die Sowjetunion. Am 22. brachten LKW die Eisenbahnpionierkompanie Surfleisch über Insterburg nach der Festung Dünaburg in Lettland. Surfleisch hieß der Chef, der aber zugleich Hauptmann d. Res. war und diesen Dienstgrad mit der äußeren Haltung eines Kommandierenden Generals und dem dienstlichen Gebaren eines eingefleischten Rekrutenschleifers bekleidete. Sie setzten hinter der kämpfenden Truppe her die Bahnstrecken instand, durchfuhren bald darauf in einem russischen Wohnzug eine der Grenzpforten ins Paradies der Werktätigen, und machten so viel Nachschubbetrieb wie möglich. Nowo Sokolniki, wo sie mangels Kohlen Schneezäune und Schwellen in den Lok verbrannten, Welikie Luki, wo von einer Eisenbahn nicht einmal mehr eine Schraube zu entdecken war, und die Zeit südlich des Ilmensees waren die wesentlichsten Erinnerungen dieses ersten Einsatzabschnittes. Vor ihnen hatte unablässig die Front rumort. Ende September wurden sie von Feldeisenbahnern abgelöst und nach dem Mittelabschnitt in Marsch gesetzt. Das war nicht so mir nichts-dir nichts Richtung Süden möglich. Auf einem Riesenumweg über Ostpreußen erreichten sie endlich Lublin, mußten in Chelm noch warten und rollten dann ratenweise, mal Normal-, mal Breitspur, über Schepetowka - Berditschew Kasatin - Fastow, über das ganze rückwärtige Gebiet der Heeresgruppe Süd nach Krementschug und von dort über Lochwiza nach Gadjatsch. Dort sollte Umschlagbetrieb gemacht und der Nachschub auf Kolonnen- und Panjefahrzeugen rund 80
138
Kilometer nach Achtyrka gebracht werden zum Weitertransport mit der Bahn nach Charkow. Sie waren aber vier Wochen unterwegs gewesen, inzwischen hatte die Regenzeit eingesetzt und die Wege zwischen Gadjatsch und Achtyrka waren grundlos geworden. Mit Lasten war überhaupt nicht mehr durchzukommen, der Plan mußte aufgegeben werden. Man schickte sie nun über Bachmatsch nach Woroschba-Belopolje und sie machten Breitspurbetrieb zwischen Woroschba und Darniza, dem Umschlagbahnhof ostwärts der großen zerstörten Dnjeprbrücke bei Kiew. Das alles erfuhr Racke bruchstückweise von Eisenbahnpionier Blümlein, dem lebendigen Sachsen, und von Feldwebel Huckle, dem schwäbischen Lokführer, mitten im allgemeinen Unterhaltungslärm des Wagens. Dazwischen erschallte Musik. Eine Zither war da, ein halbes Dutzend Mundharfen. Sie sangen. Volksweisen, Soldatenlieder, Tanzschlager bunt durcheinander und, etwas weniger laut, ein paar Schweinereien. Dann kamen Witze. Zoten. Und dann die Erlebnisberichte. Wenn man sie so hörte, war Casanova ein Waisenknabe gegen sie gewesen. Racke wußte, daß das meiste erfunden oder anderen Sexualmaulhelden nacherzählt war. Die international besetzten Orgien, deren Zuschauer sie in Paris oder Brüssel oder in Kaschemmen gewesen sein wollten, hatten nie oder höchstens in pornographischen Büchlein oder auf pornographischen Zeichnungen stattgefunden. Die braunen, schwarzen, blonden und roten Madeleines, Raymondes und Jacquelines von Paris und Le Havre waren nie serienweise in ihren Landserarmen gelegen. Wenn schon der eine oder andere von seinem Junggesellenrecht Gebrauch oder einen unerlaubten außerehelichen Seitensprung gemacht hatte, so hatte doch wahrscheinlich keiner von allen mehr erlebt, als man in irgendeiner großen Stadt Deutschlands genau so erleben konnte. Die überwiegende Mehrheit dieser biederen Deutschen war, genau so wie er, weder zur sexuellen Ausschweifung veranlagt, noch überhaupt ernstlich in der Treue zu ihrem Weibe, ihrer Braut oder Freundin in der Heimat gefährdet. Es wurde Abend, es wurde verdunkelt. Die Beleuchtung war schwach, es wurde stiller und die Luft schlechter. 139
Racke ging in seinen Wagen. Im Abteil war nur noch ein ergrauter Hauptmann, dem viele Sorgen im Gesicht standen. Racke zog den Rock und die neuerstandenen, garantiert wasserdichten, auf Kosakenart mit weitem, weichen Schaft gearbeiteten Stiefel aus und legte sich schlafen. Besser als ausgestreckt auf der Polsterbank konnte man gar nicht liegen. Der gut federnde Wagen schaukelte ihn wohlig ein, obgleich nun, nachdem es still um ihn geworden war und er sich wieder in seine Gedanken und Empfindungen versenken konnte, der Verlust des Vaters sein Gemüt noch immer mit einer ungewöhnlichen Schwere belud. Nur scheu umschmeichelten seine Gefühle das Bildnis der Geliebten, als strafte das Glück der Liebe im Grunde seines Herzens seine Trauer um den Toten Lügen. Günther Racke schlief und weder das Halten, noch das Anfahren, weder das Ausrufen der Stationen, noch das Schlurfen schwerer Schritte, Türenknallen und Gepäckgepolter konnten ihn völlig wecken. Sein Bewußtsein kam nie bis an die Oberfläche, es dämmerte nur ein wenig herauf aus dem dunklen Schoße des Schlafes, um alsbald wieder verlöschend in ihm zu versinken. Als er dann ohne erkennbaren äußeren Anlaß erwachte und die Augen öffnete, schloß er sie sofort wieder. Träumte er? Unsinn! Selbstverständlich träumte er nicht. Er öffnete die Augen wieder und setzte sich auf. „Guten Morgen, Herr Inspektor.“ Racke gab Glück die Hand: „Nun sagen Sie bloß, Mensch, wo kommen Sie her?“ „Von Halle.“ „Richtig, da wohnen Sie ja.“ „Wohnte“, antwortete Glück. „Nicht mehr? Wo wohnen Sie jetzt?“ „Nirgends. Und überall.“ „Und wo fahren Sie hin?“ „Nach Nowy Wiezyczy.“ Racke sah sein Gegenüber prüfend an. Der Gedanke streifte ihn, daß es mit Glück wirklich nicht ganz geheuer war. Der aber sah völlig klar und überlegen ruhig aus. Er zeigte weder das einstige Gepräge dumpfer Schwermut, noch den fast hektischen Frohsinn, der ihn vor wenigen Tagen in Warschau so verblüffend 140
und eigentlich auch in krankhafter Art verändert hatte. Man sah jetzt erst, wie hübsch das Gesicht war und ein ganz neuer Zug zeichnete es um Augen und Mund. Er war nicht leicht zu deuten. Etwas verächtlich Spöttisches mit frivol Sinnlichem gemischt. Ein gefährlich interessanter Zug für Frauen, mußte Racke denken. Sein Blick schweifte zum Gepäcknetz. Glück war tatsächlich feldmarschmäßig ausgerüstet. Er hatte außer einem großen Koffer noch einen Akkordeonkasten und einen dick gepackten Rucksack bei sich. Daß er sich's, ohne dazu berechtigt zu sein, in der zweiten Klasse bequem gemacht hatte, sprach auch für einen gründlichen Wandel seines Wesens. Zögernd sagte Racke leise: „Machen Sie schon wieder Unsinn? Sie haben doch erstens vierzehn Tage Krankheitsurlaub und zweitens —“ Glück machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand und erwiderte heiter: „Ist alles überflüssig geworden. Ich bin bereits geheilt. Ein bißchen Roßkur, aber sie hat geholfen.“ Racke zog die Brauen zusammen, weil der andere wirklich robust gesund geworden zu sein schien. Die offenbar vergnügliche Roßkur des Reichsbahnbetriebsassistenten Glück hatte aber den Reichsbahnamtmann Racke das Leben gekostet. Allerdings, dachte Günther einschränkend weiter, war der Vater häufig in jenen Park gegangen und wäre vielleicht eben ein andermal das Opfer eines nationalistischen oder kummunistischen Meuchelmörders geworden. Glück sah die Verstimmung in Rackes Gesicht und ohne zu ahnen, welch tieferen Grund sie hatte, wurde er unsicher. Mit einem Seitenblick auf den grauhaarigen Hauptmann, der, in die andere Ecke gedrückt, mit vornübergesunkenem Kopf und hörbar rauhem Atem schlief, sagte er halblaut: „Ich weiß, ich habe Ihnen viele Umstände und großen Ärger gemacht und jetzt denken Sie, es wäre alles nicht nötig gewesen. Aber glauben Sie mir, es war nötig. Meine irrsinnige Liebe und Sehnsucht hätte mich um ein Haar den Kopf gekostet. Aber das ist vorbei. Ich bin endgültig fertig damit, bin wieder ein Mann wie jeder andere. Das habe ich Ihnen zu verdanken und werde es nie vergessen.“ Racke zündete sich eine Zigarette an. Jetzt fiel Glück der schwarze Flor auf. „Haben Sie Trauer?“ fragte er. 141
„Ja, mein Vater“, sagte Racke kurz. Sonst nichts. Es war ihm zu schmerzlich zu erzählen. Glück aber schien erzählen zu wollen, zögerte jedoch mit einem wiederholten Seitenblick auf den Offizier in der Ecke, der aufzuwachen schien. „Wir können ja ein bißchen in den Gang gehen“, schlug Racke vor und tat es. Glück folgte ihm. Wie laut hier das Brausen des Zuges war! Der Morgen dämmerte. Sie standen dicht nebeneinander am Fenster und starrten hinaus. Sie waren in Polen. Glück sagte: „Ich war darauf gefaßt, einen andern bei meiner Frau zu finden. Es war noch — anders. Sie war ohne mein Wissen ausgezogen und führte im Hause eines berüchtigten Nachtlokales einen — hm — einen Club. Verstehen Sie? Sexuelle Gesellschaftsspiele. Ich hatte es instinktiv schlau angefangen, ohne Lärm hineinzukommen. Ein Mädel aus dem Lokal unten nahm mich mit hinauf. Was ich dann eine Zeitlang unbemerkt mit ansah, nun, das eben war die Roßkur. Es hatte eine ganze Weile gedauert, bis ich meine süße Hella herausgefunden hatte.“ Glück schwieg, drückte die Stirne gegen die kalte Scheibe und schloß die Augen. Bisher hatte er in gleichmäßig ruhigem Tone gesprochen. Als er wieder zu reden begann, geschah es sehr leise und sehr langsam. „Ich habe keinen Skandal gemacht. Nicht geschrien, nicht geschossen. Ich fühlte gar keine Ursache dazu, weder Eifersucht, noch Schmerz, noch Zorn. Hella war für mich nicht mehr als die andern. Eine fremde Hure. Als hätte ich nie etwas für sie empfunden. Ich half den Herrn lachend über die erste Peinlichkeit der Situation hinweg, ließ sie vorsorglich eine Erklärung für den Scheidungsrichter unterschreiben, dann konnten sie gehen. Sie brauchten sich nicht zu beeilen. Die Frauen behielt ich bei mir. Auch am anderen Tag und noch eine Nacht. Bis zum Kotzen. Nur Hella rührte ich nicht an.“ Racke bot Glück eine Zigarette an. Sie rauchten. Er verstand ihn, wie wenn er es selbst erlebt hätte. Es war wahrhaftig eine Roßkur. „Ich hatte dann noch einiges zu tun,“ fuhr Glück nach einer Weile fort, „um meine Ehe und das bisherige Leben praktisch abzuschließen. Dann rüstete ich mich auf Grund meiner 142
bisherigen Felderfahrung für meinen weiteren Dienst im Osten gründlich aus und packte. Und da bin ich nun wieder.“ Glück machte ein paar tiefe Lungenzüge. Racke nahm Glücks Hand und behielt sie in der seinen. „Ich hätte vor ein paar Tagen in Warschau nicht geglaubt, daß ich Sie so bald zu Ihrer seelischen Wiederherstellung würde beglückwünschen können. Aber sind Sie auch sicher, daß es keinen Rückfall gibt?“ „So sicher, wie einer sicher ist, daß er keine Blinddarmentzündung mehr bekommt, weil er keinen Blinddarm mehr hat.“
143
7. KAPITEL
Sie trennten sich in Warschau. Glück fuhr über Brest auf seinen Bahnhof zurück, Racke wollte in den Südabschnitt und bei dieser Gelegenheit den Bruder in Krementschug im Lazarett besuchen. Er folgte über Lublin-Rowne dem Wege, den die Feldeisenbahner, bei denen Wolf Dieter stand, genommen hatten. Da machten nun überall längst die Blauen der Haupteisenbahndirektion Süd Betrieb, aber in seinen Aufzeichnungen konnte er die Geschichte des Vormarsches nachlesen. Der war für jeden einzelnen der 1.000 Mann des Feldeisenbahnbetriebsamtes gewesen, wie wenn man aus dem warmen Bett jählings unter eine kalte Brause getrieben wird. Am 11. Juli war der Transportzug in Rowne eingetroffen. Sie hatten sofort die Strecken von Zdolbunow nach Schepetowka und nach Krasne besetzt und alsbald einen Begriff vom Unterschied der Betriebsführung daheim und den schwierigen, primitiven Anfangsverhältnissen hier draußen bekommen. Vier Tage nach ihrer Ankunft ereignete sich das erste schwere Unglück. Ein Benzinzug fuhr bei der Einfahrt in den Bahnhof Zdolbunow mit einer Rangierabteilung zusammen und brannte bis auf wenige Wagen aus. Lokführer und Heizer, zwei Ukrainer, und das deutsche Zugpersonal verbrannten. Von ihnen wurde nichts mehr gefunden. Bei Leichenresten, die aus den Trümmern geborgen wurden, mußte es sich um ukrainische Flüchtlinge handeln, die den Zug schwarz benutzt hatten oder vom deutschen Personal aus menschlicher Hilfsbereitschaft mitgenommen worden waren. Diesem furchtbaren Ereignis der Nacht folgte am anderen Tage eine freudige Begebenheit: Eisenbahnpioniere hatten Zdolbunow als Umschlagbahnhof von Normal- auf Breitspur umgebaut und am 16. Juli war ein Breitspurgleis bis Schepetowka befahrbar. In den Wäldern aber steckten noch versprengte Feindtruppen und Schießereien waren an der nächtlichen Tagesordnung. Auch 144
ohnedies war es unmöglich, die von Westen auf Normalspur anrollenden Züge flüssig bis zum Spitzenbahnhof weiterzubringen, weil das Umladen und weil das Ausladen am Ziel zu viel Zeit erforderte. Die Lokomotiven wurden zu lange aufgehalten und da ihre Zahl bei weitem nicht ausreichte, war ein beträchtlicher Rückstand unvermeidbar. Dennoch war es unaufhaltsam weitergegangen. Schon am 18. Juli konnte man bis Miropol Normalspur fahren, Polonnje, Michajlewski waren die rasch folgenden Abschnitte, nur vor Berditschew war man noch aufgehalten, bis ein zerstörter russischer Panzerzug, der bei Dembzin die Strecke sperrte, mit Hilfe des Gerätezuges eines Feldeisenbahn-Maschinenamtes nach Kasatin abgeräumt war. Trotzdem konnte bereits am 24. Juli der Betrieb bis Berditschew aufgenommen werden, allerdings litt er zunächst unter dauernden Stockungen, weil die KodeisBauzüge das Normalspurgleis verstopften. Man fuhr mal Breitspur, mal Normalspur, was eben ging, lud aus, wo es gerade notwendig und für die Truppe am günstigsten war; in Polonnje, Chudno, Dembzin, Michajlewski. Benzin und Munition für das Heer, Benzin und wieder Benzin für die Luftwaffe, Verpflegung und wieder Verpflegung. Schließlich in Berditschew selbst. Kurz darauf war die Betriebsspitze in Richtung Kiew in Fastow, einem riesigen Bahnhof, der nur ganz schwach besetzt werden konnte, zwei Tage später in Biala Zerkow. Nun wurde schon täglich ein Verwundetenzug westwärts gefahren. Günther Racke konnte nicht anders: er, der Eisenbahner selbst bewunderte seine Berufskameraden. Vom grünen Tisch oder gar vom Biertisch aus betrachtet, mochten diese Orts- und Zeitangaben nicht viel bedeuten. Setzte man aber die Betriebseroberung der Strecken dem jeweiligen Frontverlauf gegenüber, die Namen der Bahnhöfe den Namen der Städte und Dörfer, um die knapp nördlich und ostwärts die Schlacht von Kiew tobte, oder über die im Süden die rumänischen und deutschen Verbände gegen das Schwarzmeergebiet vorstießen, dann erkannte man, daß der glühende Brodem der Vernichtung bis an die Bahnhöfe, bis an die Züge schlug. Bis an den Leib und in die Seele der Eisenbahner. Ob gedienter Soldat oder nur kurz ausgebildet, wie die meisten auch dieser feldgrauen 145
Eisenbahnbeamten und -arbeiter, der Befehl, unter dem sie standen, paarte sich mit dem Rausch des Gigantischen, der den Mann ergreift. Auch gegen seinen Willen und trotz aller natürlichen Furcht vor der Gefahr und dem selbstverständlichen Widerstreben gegen den Tod und seine Schrecken, von denen das Land gezeichnet war und die einem Tag und Nacht auf den Fersen saßen. Dessen ungeachtet fühlte man sich geborgen, weil man trotz allem nicht im Zentrum des Kampfgewitters stand, sondern nur vom Rande der Unwetterzone sein Wetterleuchten sah, das ferne Donnerrollen vernahm. Und man war auch von einem neuen Wertgefühl erfüllt: Man stand zwar hinter der Front und dennoch war man ihr Wegbereiter. Man verwünschte den Krieg und stand trotzdem zu der Aufgabe, die er einem stellte, setzte seine Mannesehre ein oder wurde von der eigenen Freude an der außergewöhnlichen Leistung mitgerissen. In fieberhafter Eile wurden in Kasatin mit seinem riesigen Bombentrichter, den Hunderten von gesprengten Weichen, dem zerstörten Lokschuppen und der unbrauchbar gemachten Drehscheibe die Wiederherstellungs- und Umspurarbeiten betrieben. Schon richtete man in Schepetowka und Berditschew Zugleitungen ein, stürmte auf der eingleisigen Breitspurstrecke von Schepetowka über Nowograd mit Zügen für die 6. Armee bis Shitomir. Dabei war das Personal eigentlich ausverkauft, war nur noch durch strengste Rationierung zu gewinnen. 4 Mann in Nowograd, 4 Mann in Shitomir mußten es schaffen. Wer lacht da? Sie schafften es! Mit 100 ukrainischen Hilfskräften und 100 Gefangenen wurde die Umschlaganlage in Schepetowka so um- und ausgebaut, daß täglich drei bis vier Züge mit Munition, Benzin und Verpflegung nach Shitomir abgefertigt werden konnten. Bei unbesetzten Zwischenbahnhöfen, ohne Fernsprechverbindung fuhren sie und sie kamen an. Und für die Kämpfe und Siege der so belieferten Truppenkontingente waren diese Lokführer und Heizer und die paar Zugbegleiter, waren die paar einsam auf sich selbst gestellten Bahnhofsdiensttuer in Nowograd und Shitomir, waren die Umschlagsleistung in Schepetowka, die unermüdlichen Arme und Hände wichtiger als sämtliche militärischen Etappendienste und rückwärtigen Stäbe zusammengenommen. Wenige Tage 146
später wurden auch schon die Strecken Shitomir - Fastow und Shitomir - Berditschew befahren. Sie lagen im Bereich starker Banden versprengter Feinde. Auf den Zügen fuhr man, auf den Stationen arbeitete man stets in dem Gefühl, das ein kalter Pistolenlauf im Genick verursacht. Die meisten Züge wurden beschossen und am 1. August gelang es einer Bande, einen Versorgungszug mit Benzin und Munition auch noch mit Brandfackeln zu bewerfen. Es war 40 km ostwärts Shitomir auf der Strecke nach Fastow. 12 Benzinwagen brannten aus, aber das Personal gab nicht auf. Mit seinen windigen Schießprügeln verteidigte es den Zug so zäh, daß es mit dem Rest der Wagen entkam. Und so war man weiter vorgerückt, in kleinen Stücken Tag für Tag, nach Süden, nach Norden, nach Osten. Man hatte ganze Abschnitte, deren hoffnungslos scheinendes Chaos zunächst nicht zu bemeistern war, übersprungen oder auf Umgehungslinien ausgeschaltet. Und inzwischen waren die Grauen in Charkow und Stalino und am Schwarzen Meer, und hinter ihnen waren die Blauen aufgerückt, da und dort auch in überschlagendem Einsatz über sie hinaus auf neue Strecken geworfen worden. Racke langweilte sich auf dieser Fahrt, so lange sie auch dauerte, nicht eine Minute; er wartete ja nicht ungeduldig darauf, endlich am Ziele zu sein. Für ihn war jeder Gleiskilometer, jede Brücke, jede Station von dem Leben erfüllt, von dem seine Notizen erzählten. Auch daß Oberinspektor Wolf Dieter Racke, Sonderführer im Hauptmannsrange, vor wenigen Stunden aus dem Lazarett entlassen worden war, verstimmte ihn nicht nachhaltig. Krementschug war ein interessantes Pflaster. Am stärksten aber beeindruckte ihn der Dnjepr selbst. Wie ungewöhnlich war das weite Landschaftsbild des Stromes, wie still und vertraut hier, wie fremd und wild dort! Wie unberechenbar sein Lauf — ein Spiegelbild östlichen Wesens? Von den Waldaibergen bis Kiew, wo ihm die ebenfalls mächtige Desna zuströmt, fließt er mit einer leicht östlichen Tendenz im großen Ganzen nach Süden. Hier aber biegt er, nur noch mit geringem südlichen Ausschlag nach Osten ab. Und von hier ab, hauptsächlich zwischen Tscherkassy-KrementschugDnjepropetrowsk, bildet er oft über Hunderte von Kilometern ein 147
ganzes Bündel von Flüssen, einem, ungezählte langgestreckte Inseln, Eilande und Sandbänke umfassenden See gleichend. Als besänne er sich plötzlich wieder auf sein Ziel, wendet er sich bei Dnjepropetrowsk, wo er, eingeengt, seine Mächtigkeit verliert, erneut nach Süden. Schließlich bahnt er sich von Saporoshje an, wieder weiter um sich greifend und von Nikopol an erneut in viele Arme sich verzweigend, seinen Weg sogar nach Südsüdwesten, also schräg rückwärts, um bei Cherson das Schwarze Meer zu erreichen. „Ihr Bruder wollte zunächst nach Poltawa, wo vor kurzem die Feldeisenbahndirektion eingezogen ist“, hatte man Racke gesagt. „Vielleicht erreichen Sie ihn noch dort.“ Er fuhr noch in der Nacht. Im Zuge zu schlafen, war ihm auf den Tausenden von Kilometern seit Kriegsbeginn und zumal seit seinem Sondereinsatz in Fleisch und Blut übergegangen, ob im Personenzug oder Güterzug, ob liegend oder sitzend, war ihm gleich. Hauptsache war eine Decke als Unterlage und die hatte man ja. Er war ein Genie geworden im Stellungswechsel der Knochen, ein Muskelentlastungsartist, ein wahrer Jogi in der willensmäßigen Ausschaltung körperlicher Empfindungen. Am frühen Morgen stand er vor dem Betriebsleiter der Feldeisenbahndirektion, einem Hauptmann der Res., aber Wolf Dieter war ihm wieder entwischt. „Vielleicht erreichen Sie ihn in Dnjepropetrowsk, sonst in Saporoshje oder auf einem der neuesten Spitzenbahnhöfe. Wir erfahren von ihm selbst oft erst nach Wochen, wo er sich aufhält oder aufgehalten hat. Telefonische Fernverbindungen gibt es noch nicht und die HektorVerbindungen der Wehrmacht, die uns theoretisch ebenfalls zur Verfügung stehen, sind meist durch die Truppe selbst überbelegt.“ Auch Poltawa lieferte neues und interessantes Material für Günther Rackes Chronik der stählernen Straßen. Er konnte seine Aufzeichnungen über alle Betriebsabteilungen, Maschinenabteilungen und Werkstättenabteilungen der Direktion nach dem neuesten Stand vervollständigen. Die durch Kuriere übermittelten Einsatzberichte der Eisenbahner erschienen unwahrscheinlich, wenn man bedachte, daß seit Charkows Fall noch nicht vierzehn Tage verflossen waren und 148
daß im Donezbecken trotz deutscher Panzerdurchbrüche der Russe dank des Hundewetters seine Stellungen im allgemeinen halten konnte, ja die Kämpfe noch unentschieden hin- und herwogten. Wenn nun einmal umgekehrt der Russe durchbrach? In zwei, drei Tagen unerwartet 50, 100, 200 Kilometer im rückwärtigen deutschen Frontgebiet stehen würde? Was würde aus den Eisenbahnern? Gefallene, Ermordete, Verstümmelte und bestenfalls raschem Siechtum ausgelieferte Sklaven in russischen Bergwerken und Rüstungsbetrieben, in Straßenbaulagern am Eismeer und in sibirischen Wäldern. Wie Tiere gepeitscht, wie Hunde getreten, von Hunger und Frost ausgezehrt, bis sie elender als Vieh verendeten, wie seit 25 Jahren ungezählte Millionen von Bürgern und Bauern, Arbeitern, Beamten und Soldaten all der „freien und glücklichen“ Völker des Sowjetparadieses selbst. Günther Racke schüttelte diese Gedanken ab. Man durfte sich solche Fragen nicht stellen, mußte stur an den guten Ausgang glauben, wenn man auf des Krieges Schneide bestehen, wenn man nicht in einen Abgrund von Angst und Sorge und Mutlosigkeit stürzen wollte. Er sah sich Poltawa an. Hier hatte einst Peter der Große, bei allem Herrscherformat ein barbarischer Gewaltmensch, den Schwedenkönig Karl XII. besiegt. Mit diesem Sieg war endgültig Rußlands Eintritt in die Reihe der Großmächte vollzogen. 100.000 Einwohner hatte die Stadt gehabt. Jetzt gaben Wehrmacht und Wehrmachtsgefolge, Organisation Todt und Reichsarbeitsdienst den Straßen das Gepräge. Der Befehlshaber der Heeresgruppe Süd und viele andere Stäbe hatten hier ihren Sitz und vor wenigen Tagen war auch die Haupteisenbahndirektion Ost übergesiedelt. Racke konnte für die Nacht im Quartier des Oberleutnants Renaud, eines Dezernenten, unterschlüpfen, der Wolf Dieter ein wenig näher gekommen war. Aber erst als sie schon in dem weißgetünchten Zimmerchen auf den Feldbetten lagen, deren Füße in Konservenbüchsen standen, die mit Petroleum gefüllt waren, sprach er von ihm.
149
„Ich bin in Sorge um ihn, weil er ausspricht, was er denkt. Als der Kommandeur darauf zu sprechen kam, daß auch bei den Eisenbahnern die Führerpersönlichkeiten ohne Rücksicht auf Dienstalter und Laufbahnregeln gefördert werden müßten, antwortete Ihr Bruder: Der Begriff der Führerpersönlichkeit ist bei der Partei in aller Munde, vom Reichsleiter herab bis zum letzten Parteistümper. In Wirklichkeit bedeutet das Hitlersystem aber die Massenzüchtung der Charakterlosigkeit und der Feigheit, die Ausrottung der Persönlichkeit. Es gibt in der Partei selbst nicht eine, von ganz unten bis ganz oben nicht. Wenn es eine gegeben hat, mußte sie verschwinden, wurde erschossen oder sitzt im KZ. Sie sind ja alle nur auf Nachbeten der Hitlerschen Auffassungen dressiert, auf stupiden Gehorsam, und als Führerpersönlichkeit gilt der bei ihnen, der in der Ausrottung eigenen Denkens und Empfindens im Kreise der Partei- und Volksgenossen die sturste Brutalität entwickelt.“ Günther Racke atmete schwer. „Ich weiß. Ich habe schon immer versucht, auf ihn einzuwirken. Er ist auch meist verschlossen. Aber immer wieder bricht sein geistiges Temperament durch den Maulkorb.“ „Wenn er einmal an einen Denunzianten kommt, ist er erledigt“, fuhr Renaud fort. „Der Kommandeur überging in seiner diplomatischen, immer vornehm kameradschaftlichen Art zunächst den Einwurf, sagte aber zum Schluß in einem anderen Zusammenhang: Es hat ja keinen Sinn, meine Herren, sich den Kopf an einer Mauer einzurennen. Der Mauer macht das gar nichts.“ Günther schlief nicht gut. Er war ein Bett, auch wenn es nur ein Feldbett war, nicht mehr gewöhnt. Er erhob sich sehr früh, hatte Glück mit den Zügen und kam gegen Abend nach Dnjepropetrowsk. Hier war gerade die Brücke fertig geworden und ein zügiger Verkehr nach Charkow hatte eingesetzt. Er durchstöberte alle Bahngebäude und Eisenbahnerquartiere, brach in sämtliche Dienststellen ein, aber niemand wußte, wo der Betriebskontrolleur Racke geblieben war. „Es ist immer so“, sagten sie ihm: „Plötzlich ist er da, keiner weiß, woher, und ebenso plötzlich ist er wieder fort und keiner weiß, wohin.“ 150
Auch nach Saporoshje kam Günther zu spät, fand aber besonders reichliches und interessantes Material für seine Aufzeichnungen. Hier hatte die feldgraue Betriebsabteilung vor vier Wochen auf Fischerkähnen den Dnjepr überschritten. Mit Lastkraftwagen der Truppe, auf Panjewägelchen und in Fußmärschen hatte man die weiten Wege zu den Einsatzbahnhöfen der Strecke nach Wolnowacha-Mariupol zurückgelegt, bei meist scheußlichem Wetter und auf Wegen, die diesen Namen nur trugen infolge der hundert tiefen Räderrinnen, die sich nebeneinander in die zerwühlte Sand-, Sumpf- und Seenlandschaft gegraben hatten. Nachdem die Behelfsstraßenbrücke über die Mokraja gebaut war, konnte der Nachschub von Westen her umgeschlagen werden und schon am 28. Oktober war der erste Breitspur-Nachschubzug für die Panzerarmee 1 gefahren worden. Günther Racke fuhr nach Stalino, nach Wolnowacha, nach Mariupol. Er sah das Asowsche Meer, aber keinen Betriebskontrolleur namens Racke. Wo er auch nach ihm fragte, überall war er gewesen, aber niemand wußte, wo er sich im Augenblick aufhielt. Vielleicht im Getriebe der großen Knoten Lesowaja oder Jasinowataja oder Taganrog, auf die man die Feldeisenbahner mit Flugzeugen gebracht hatte, noch bevor die Eisenbahnpioniere angerückt waren. Was war da geleistet worden! Nur dank ihrem raschen Zugriff und organisatorischen Talent konnte das Elektrizitätswerk in Mariupol noch so rechtzeitig versorgt werden, daß die Stromlieferung nicht zu lange aussetzte und die Bergwerke im Donezbecken vor dem Ersaufen bewahrt blieben. Wie Löwen hatten sie das bahneigene Gut, das doch für die Wiederaufnahme des Betriebs unerläßlich war, gegen den verständlichen, aber unvernünftigen Zugriff der Landser, insbesondere auch ihrer Spieße und Einheitsführer verteidigt. Sie hatten augenblicklich entbehrliche Anlagen und Industriegleise abgebaut, um die frontlebenswichtigen Strecken instandzusetzen. Mit viel guten, aber auch mit bösen Worten, wenig Brot, viel Kohl und entwerteten Rubeln war es ihnen gelungen, russische Eisenbahner, auch höhere Beamte zur Hilfe heranzuziehen und aus der Bevölkerung Arbeitskräfte zu Tausenden zu gewinnen. 151
Hier war mit der Offensive der Truppen die Offensive der Eisenbahner Hand in Hand gegangen. Dem rechtzeitig in Gang gekommenen Nachschubbetrieb, wenn er auch, wie überall den Frontspitzen zu, mit noch so viel Umschlag verbunden war und unter den auf kurze Sicht nicht zu beseitigenden Unzulänglichkeiten und Hindernissen und vor allem auch Fliegerangriffen zu leiden hatte, war es auch zu danken, daß trotz der russischen Gegenangriffe nicht nur der eroberte Teil des wichtigen Kohlen- und Industriegebietes gehalten, sondern auch die Offensive um den Besitz Rostows begonnen werden konnte. Unter den Bahnbrechern dieser Erfolge stand der Feldeisenbahner Betriebskontrolleur Racke an erster Stelle. Er war überall bekannt, allerdings nicht überall beliebt. Wer für mäßigen Dienst war, wer der Bequemlichkeit und Behaglichkeit wegen vor größeren Schwierigkeiten von vornherein kapitulierte, wer sich gerne darauf berief, daß dies und das nicht seine Aufgabe sei, sich auf Zuständigkeit versteifte usw., der konnte Formen der Zurechtweisung und Aufmunterung erleben, daß ihm Hören und Sehen vergingen. Der Sonderführer (K) Racke scheute sich auch nicht, mit Beamten höheren Ranges und selbst mit Truppenoffizieren genau so grob umzuspringen wie mit dem geringsten Bua, dem Bahnunterhaltungsarbeiter, oder einem Landser. Man sah ihn also auf den Bahnhöfen und Arbeitsstellen in der Mehrzahl lieber gehen als kommen, aber die Hochachtung vor seiner Persönlichkeit, seiner fachlichen Routine, seinem beispielhaften eigenen Einsatz und die Anerkennung seiner bei aller Heftigkeit kameradschaftlichen Art, die keinen Unterschied nach der Kluft und den Gehaltsstufen machte, war allgemein. An einem der letzten Novembertage saß Günther Racke bei irgendeinem „Dschingiskaja“ im wirr verzweigten Eisenbahnnetz des Donezbeckens südostwärts von Jasinowataja in einer Baracke, die sie, vorsichtig getarnt, zwischen den Trümmern der einstigen Bahnhofsgebäude aufgestellt hatten. Die Sonne war schon untergegangen; es war 16 Uhr vorbei und stockdunkel, zumal es durcheinander regnete und schneite. Die Front sei nur etwa 9 Kilometer entfernt, hatte es geheißen. Wo sie war, wußte kein Mensch. Man hörte sie im Süden und im
152
Norden donnern; wo sie eigentlich verlaufen sollte, im Osten, war es still. Die Eisenbahner waren hier bunt zusammengewürfelt: Ein Dutzend Feldeisenbahner als Vorauskommando zur vorbereitenden Bahnhofsbesetzung mit einer starken Rotte feldgrauer Streckenarbeiter für die Aufräumungsarbeiten, ein Gleisbauzug blauer Eisenbahner, der der F. E.-Direktion unterstellt und auf Breitspurwagen umgesiedelt worden war. Sie hatten die Strecke von Jasinowataja her instandgesetzt. Außerdem eine motorisierte Brückenbau-Abteilung der Eisenbahnpioniere, sowie ein Fernmeldetrupp, der die Strippe schon gelegt hatte. Der Bahnhof war ein wüstes Trümmerfeld, noch getränkt vom Modergeruch der Vernichtung. Dagegen war von hier ab bis dicht hinter die deutschen Stellungen, wo der Bahnkörper infolge der unmittelbaren Kampfhandlungen selbstverständlich restlos zerstört war, die Strecke befahrbar, wie ein Erkundungstrupp der Eisenbahnpioniere festgestellt hatte; einige kurze schadhafte Stellen und eine gesprengte kleine Unterführung ausgenommen. Andere Soldaten gab es in dem Kaff nicht. Die rückwärtigen Dienste waren erst bis auf die Linie Jasinowataja-StalinoWolnowacha nachgerückt. Von der Bevölkerung war bisher auch nichts zu sehen gewesen; sie schien ausgestorben zu sein. Ein paar Häuser lagen in der Gegend herum, teils ganz, teils zerschossen, zwei spitze Abraumkegel, ein Förderturm, zwei hohe Essen und ein Kirchturmfragment gaben dem Gesamtbild vor ihren Augen das Gepräge. Sie waren zwar alles in allem eine stattliche Zahl, rund 200, aber recht viele „alte Knochen“ darunter. Ihre Bewaffnung war auch Altersklasse, dürftige Schießprügel und Pistolen, mit denen die meisten ihrer Träger mehr ins Blaue, als ins Schwarze zu treffen pflegten. Sie hatten, dem natürlichen Selbsterhaltungstrieb gemäß, fast ausnahmslos eine starke Abneigung gegen Kampfhandlungen und sich so unmittelbar am Rande der Gefahr zu wissen, setzte ihrer Stimmung und ihrem Treiben einen spürbaren Dämpfer auf. Sie segneten im Hinblick auf unerwünschten Fliegerbesuch den Himmel für das 153
ununterbrochene Sauwetter und wünschten sich, daß es weiter so bliebe. Einige spielten noch Karten, andere schrieben Briefe, die meisten aber wickelten sich früh in ihre Decken. Sie hatten seit Tagesanbruch angestrengt gearbeitet und was konnte man ohnehin Besseres tun als schlafen? Gelegentliche Träume ausgenommen, gab es im Schlaf keine Angst und keine Sorgen. Racke war ebenfalls schon dabei, sich neben den feldgrauen Kameraden auf die Bretter zu legen, die das Bett bedeuteten, obgleich noch kein Stroh als Unterlage beschafft war, als ein kurzer Feuerschein durch das Dunkel des Raumes flammte, ein heftiger Donnerschlag folgte, die Fenster klirrten und die ganze Baracke erzitterte. Alles sprang auf, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Auch Racke lauschte einen Augenblick, den Atem anhaltend, dem Klange nach, dann rief er, den zum Teil fast unbekleidet Hinausstürzenden oder aufgeregt in Hosen und Stiefel Fahrenden beruhigend zu: „Ihr braucht nicht zu rennen! Nur ein Abschuß!“ Sie rannten dennoch. Bis sie sich zwei Minuten später beim nächsten Blitz und Donnerschlag selbst überzeugten, daß es sich weder um Bomben, noch um Artilleriebeschuß ihres Bahnhofs handelte. Der Feuerschein kam von dort, wo sie am Tage die schneebesprenkelten, schwarzen Pyramiden gesehen hatten. „Schwerer Mörser“, sagte Racke. „Schießt sich ein.“ Die Abschüsse folgten einander in ungleichen Zeitabständen und es kam ihm vor, als sei der Feuerschein nicht genau an derselben Stelle, auch der Klang der Abschüsse nicht ganz der gleiche. Es mußten mindestens zwei Geschütze sein. Der Soldat in ihm wurde lebendig. Die Burschen mußte er sehen! Er machte sich auf den Weg. Begleiten wollte ihn keiner; sie waren nicht so verrückt, den Haufen zu verlassen und in der Nacht im verschlammten Gelände herumzutappen. Es war auch wirklich kein Vergnügen. Racke war jenseits des Bahngeländes schon nach wenigen Minuten versucht, wieder umzukehren. Der Wind trieb ihm einen mit Graupeln vermischten kalten Sprühregen ins Gesicht, der sich rauh wie Sand anfühlte. Der Weg, den er schließlich in ungefährer Richtung auf den Standort der Mörser gefunden hatte, war mit Schlamm bedeckt 154
und so dicht mit Rinnen und Löchern durchsetzt, daß er trotz größter Vorsicht immer wieder bis ans Knie versank. Er tastete sich schließlich nur noch vorwärts, denn wenn er in ein großes Granatloch oder einen Bombentrichter geriet, nahm er ein Schlammbad bis über den Kopf und es war höchst fraglich, ob er sich wieder herausarbeiten oder bis zum nächsten Sommer verschollen sein würde. Die Taschenlampe zu Hilfe zu nehmen, hatte auch keinen Sinn, denn auch sie beleuchtete nur die Oberfläche des Schlammes und nicht, was sie verdeckte. Vielleicht war es überhaupt nicht ratsam, sie anzuknipsen, denn man konnte nie wissen, wer um den Weg war. Racke wäre jetzt wirklich umgekehrt, wenn er nicht, wie er glaubte, die größere Wegstrecke schon hinter sich gehabt hätte. Beim Feuerschein orientierte er sich jedesmal schnell, was vor ihm lag. Aber als schon zwanzig Minuten verstrichen waren, schien er noch keinen Schritt näher gekommen zu sein und jetzt schwiegen die Mörser. Himmelkreuzdonnerwetter! Hoffentlich gelang es ihm, in der Richtung zu bleiben. Früher, als er gehofft hatte, tauchte dann eine dunkle Wand auf; das war einer der Spitzberge und die Geschütze standen zweifellos auf dieser Seite. Er schnupperte, man roch sie jetzt sogar, der Pulvergestank lag noch in der Luft. Er ging der Nase nach, begann zu rufen, ohne Antwort zu bekommen. Jetzt sah er seitwärts Buschzeug, Baumwipfel, über die ein kurzer, dicker Schlot ragte. Wo ein Schlot war, mußte ein Haus sein oder gewesen sein. „He! Hallo! Kameraden! Wo steckt Ihr denn?“ Er tappte auf den Schlot im Busch los, blieb irgendwo hängen, faßte nach den Zweigen. Aber das waren keine Zweige, sondern ein Netz von Schnüren und Lappen. Im nächsten Augenblick packte ihn eine Faust im Genick und vor seinen Augen erschien ein recht anständiges Kaliber von Pistole. „Laß doch los, Mensch!“ fuhr er wütend auf, denn der Griff im Genick war reichlich schmerzhaft. „Ich habe euch doch angerufen.“ „Ja, Freundchen, auf den Leim von den Kameraden gehn wir schon lange nicht mehr.“
155
Eine Taschenlampe leuchtete in Rackes Gesicht, über seine Uniform. „Wachtmeister, das ist ja ein Eisenbahner“, sagte eine andere Stimme. Die Faust ließ los, die Lampe erlosch und statt der Pistole erschien ein Stahlhelm und ein bärtiges Gesicht darunter dicht vor Rackes Augen. „Mich laust der Affe!“ brummte der Artillerist. „Wo kommst du denn her? Oder bist du ein verkleideter Heckenschütze?“ Racke lachte. Er war froh, da zu sein und klärte sie kurz auf. Der Schlot war kein Schlot, sondern das aus dem Tarnnetz aufragende Rohr des Mörsers. „Ihr habt doch zwei. Wo steckt denn der andere?“ Der Geschützführer brachte Racke zum Alten. Sie hatten in den Abraumberg einen niederen Stollen getrieben mit scharfem Knick und hinter dem Knick, den Raum gut abgestützt, das Zelt eingebaut. Es roch unangenehm nach Sonnenblumenöl, das an Stelle von Petroleum für die Beleuchtung sorgte, und nach Kohlenrauch, der aus dem wärmeverströmenden Schützengrabenöfchen drang, und es roch angenehm nach Braten. Der ,Alte' war ein jugendlich wirkender Oberleutnant heiterer Natur. Er begrüßte seinen Gast ebenso erstaunt wie launig und lud ihn gleich zum Abendessen ein. „Prima, Kinder“, sagte er lachend. „Da können wir gleich hier einsteigen, wenn nächste Woche der Friede ausbricht.“ Sein Zugführer, ein Leutnant mit grauen Schläfen und Auszeichnungsspange aus dem ersten Weltkrieg, rümpfte die Nase und sagte mit trockenem Ernst: „Warum nächste Woche erst?“ Sie waren gegen Mittag von einer nördlicheren Frontstelle hergekommen. Sechs Kilometer hinter den russischen Stellungen lag ein Bahnhof so dicht hinter mehreren steilen, sich überschneidenden Abraumkegeln, daß ihm die Artillerie des Abschnitts nicht beikommen konnte. Sie fetzte nur in die Dreckberge oder über sie und damit auch über den Bahnhof weg. Die Zufahrtsgeleise wurden zwar täglich unter Feuer genommen, aber das kostete zu viel Munition und gab es auch ein paar Volltreffer, so wurden sie doch von den Russen laufend wieder geflickt. 156
Trotz aller Feuerüberfälle kamen allnächtlich mehrere Versorgungszüge drüben an und waren im Bahnhof jedem Zugriff entzogen. Der Iwan versorgte von hier aus auf nächste und bequemste Weise seinen ganzen Frontabschnitt. Das wußte man von Gefangenen, auch daß zum Beispiel heute Nacht wieder ein Treibstoffzug erwartet wurde. Die 21er Mörser würden dem Iwan den Spaß jetzt aber gründlich verderben. Sie hatten sich zum Schein auf eine Brücke eingeschossen, die genau in der Schußrichtung des Bahnhofs 800 Meter weiter ostwärts lag. Ab 19 Uhr 29 aber würde alle 55 Minuten ein Feuerüberfall auf den Bahnhof selbst erfolgen. Außer einem Trichterfeld und Trümmern und Brandschutt würde am Morgen nichts mehr von ihm vorhanden sein. Dafür garantiere er. „Ein Jammer“, bedauerte Racke. „Ihr schießt alles kurz und klein und wir müssen es wieder aufbauen.“ „Ob wir den Bahnhof zusammenschießen, oder der Iwan alles zerstört, ehe er sich zurückzieht, bleibt sich gleich“, sagte der Oberleutnant. „Aber ein Jammer ist, daß wir die Versorgungszüge vernichten, die wir hier so nötig brauchen könnten. Darüber ist auch der Abschnittskommandeur wütend. Den Brennstoffzug für unseren Abschnitt haben Bomber in die Luft gejagt. Drei Panzer und ein halbes Dutzend andere Kraftfahrzeuge haben noch Benzin für einen Einsatz. Alles andere, was Motoren hat, liegt lahm und muß gesprengt werden, falls der Russe durchbricht. Wenn die Strecke nicht zusammengeschossen wäre und er ein paar Leute hätte, die was von Lokomotiven verstünden, sagte der la der Division noch vor einer Viertelstunde am Telefon, ließen sie versuchen, durch Handstreich wenigstens den Spritzug herauszuholen.“ Der Batterieführer verlor sein heiteres Aussehen für ein paar Augenblicke. „Zweifellos bereitet der Iwan eine Entlastungsoffensive für Rostow vor. Unser ganzer Spritnachschub wandert aber für die Rostowoffensive Richtung Uspenskaja-Taganrog. Was nützt es jedoch, wenn wir dort siegen und hier mangels Treibstoff und Munition überrannt werden? Der Iwan kommt natürlich mit einer Masse Panzer und wir haben nicht einmal Reserven zu einem Gegenstoß.“ 157
Racke sah düster aus. Der grauschläfrige Leutnant lachte: „Sie sehen aus, als ob die Verantwortung für das Schicksal der Division auf Ihren Schultern läge.“ Racke hatte keine Ruhe mehr, ein Gedanke bohrte in ihm. Er verabschiedete sich, machte den Rückweg unbedenklich mit der Taschenlampe und mit Tasthilfe eines langen Stockes, wie sie die Artilleristen immer zur Hand hatten. Er lachte sich aus. Statt fast einer Stunde brauchte er jetzt zehn Minuten. Er ging nicht in die Baracke zum Bahnhofspersonal, sondern suchte Kleinschmitt auf, den Führer der Eisenbahnpioniere, einen behäbigen Oberleutnant d. Res. z. V. aus dem ersten „Weltkrieg, bautechnischer Reichsbahnoberinspektor. Seine Abteilung hatte sich in einem rasch zusammengeflickten und mit Notdach versehenen Schuppen eingenistet, er selbst war Gast im Wagen seines Kollegen vom Bauzug der Blauen. Racke zog bei der Türe die Stiefel aus, ehe er hineinging; mit einem solchen Schlamm konnte er ihnen nicht die Bude versauen. Hinter ihm trat noch jemand ein, er achtete nicht darauf. Er wurde mit freudigen Zurufen begrüßt und mußte von seinem Gang zu den Mörsern erzählen. Der ganze Bauzugstab, alle Dienstgrade der Pioniere und auch ein Teil der Feldgrauen, waren da und hörten ihm mit Interesse und Dazwischengerede zu. Dann waren sie mit einem Male kleinlaut und bekamen lange Gesichter. Racke hatte gesagt: „Wir sollten versuchen, die Züge herauszuholen.“ Oberleutnant Kleinschmitt schüttelte den Kopf. „Wenn Sie sich durchaus zum Heldentod drängen wollen — bitte. Aber von uns glaube ich, hat keiner Lust dazu.“ „Den Handstreich führen ja nicht wir aus, sondern die Truppe. Unter ihrem Schutz wird unser Risiko kaum größer sein, als es immer ist. Wir brauchten nur die Strecke in Ordnung zu bringen.“ „Nur ist gut“, unterbrach ihn der Bauzugführer und ein anderer sagte lachend: „Wenn wir schön bitte-bitte machen, hilft uns der Iwan noch dabei.“ Racke ließ sich nicht beirren. „Eines könnten wir auf alle Fälle tun, ohne besonders gefährdet zu sein: wenigstens die Strecke bis hinter die deutschen Stellungen in Ordnung bringen. Dann können wir uns immer noch überlegen, ob wir der Truppe den Handstreich vorschlagen sollen oder nicht.“ 158
„Da ist gar nichts zu überlegen,“ warf der Bauzugführer ein, „weil die Strecke, auf die es in erster Linie ankommt, nämlich von den Stellungen bis in den russischen Bahnhof, auch nicht von Heinzelmännchen in Stand gesetzt wird. Oder fliegen da die Züge?“ Die Truppe muß uns selbstverständlich einen Korridor öffnen und den Feind vom Leibe halten.“ „Weil das so einfach ist!“ „Wenn sie's nicht fertig bringt, rücken wir eben wieder ab.“ „Wenn wir noch abrücken können: Bei all dem behält doch die russische Ari auch nicht die Hände in der Tasche.“ „Vielleicht doch. Sie kann ja von all dem nichts sehen und die Truppe muß verhindern, daß den Russen der Zweck des Angriffs klar wird. Nimmt er dennoch die Bahnlinie unter Feuer, muß ihn unsere Artillerie ablenken und niederhalten.“ „Und wenn er sich nicht ablenken läßt, sind die toten und zum Krüppel geschossenen Eisenbahner unsere Sache. Ich werde jedenfalls eine solche Verantwortung nicht übernehmen“, protestierte Kleinschmitt und der Bauzuginspektor fügte hinzu: „Wir sind schließlich Eisenbahner und keine Kampftruppe. Sturmtruppe schon gar nicht.“ „Ich denke, wir sind beides: Eisenbahner und Soldat, wenn es die Lage erfordert. Auf jeden Fall, so weit wir Feldgrau tragen.“ Das war eine neue Stimme. Eine auffallend schöne, tiefe Stimme. Sie kam nicht aus ihrem Kreis, sondern vom Eingang her und die Köpfe flogen nach ihr herum. Da stand ein kräftig gewachsener Mann, die Offiziersmütze in der Hand, die Schulterstücke eines Sonderführers im Hauptmannsrang auf dem grauen Ledermantel, die große Pistolentasche mehr vor als neben der Hüfte. „Behalten Sie Platz, meine Herrn“, fuhr er fort, „und entschuldigen Sie, daß ich, ohne mich bemerkbar zu machen, Ihrer Unterhaltung gefolgt bin. Mit Ausnahme der Pioniere kennen Sie mich ja wohl alle. Ich billige Inspektor Rackes Vorschlag und ich hoffe, daß Sie sich, Herr Oberleutnant, mit Ihrer Brückenbauabteilung der gemeinsamen Aufgabe nicht entziehen werden. Gerade weil wir hier die Russen so dicht auf der Nase haben, liegt es auch im Interesse unserer Selbsterhaltung, daß 159
die motorisierten schweren Waffen und Truppen des Abschnitts bewegungsfähig bleiben und die Front gehalten wird.“ Er trat näher. „Ob sich der Plan des Inspektors überhaupt durchführen läßt, ob der Vorstoß der Truppe gelingen wird, ist natürlich fraglich. Offensiv nehmen wir nicht teil. Aber unsere Aufgabe werden wir erfüllen, auch wenn die näheren Umstände gefährlicher erscheinen und, wir wollen uns das garnicht verhehlen, wahrscheinlich auch gefährlicher sein werden als gewöhnlich. Freiwilliges Lokpersonal werde ich noch herbringen, möglichst auch einige Loks vom Betriebswerk Jasinowataja. Wir wissen ja nicht, wie es um die russische Bespannung bestellt sein wird.“ „Ganz abgesehen von der erhöhten Gefahr“, wandte der Führer des Bauzuges ein, „unsere Männer haben den ganzen Tag gearbeitet, nun sollen sie das auch noch die ganze Nacht tun, ohne Schlaf, und noch einmal einen Tag. Das ist unmöglich und dagegen werden sie sich mit Recht auflehnen.“ „Ich werde mit ihnen reden. Wir werden drei Schichten einteilen, damit jeder nach 4 Stunden Arbeit 2 Stunden Ruhe hat. So werden sie's durchhalten können. Wenn jetzt der Iwan käme, würden sie ja auch nicht nach ihrer Nachtruhe fragen, sondern bis zum Morgen laufen und noch den ganzen Tag dazu, wenn es sein müßte. Statt dessen sollen sie eben mithelfen, daß sie überhaupt nicht zu laufen brauchen, sondern wieder ohne Sorge ihren Dienst machen können. Selbstverständlich haben nach diesem Einsatz alle einen freien Tag. Außerdem ist anzunehmen, daß bei den Russen auch einiges für die Verbesserung unserer Verpflegung in Empfang genommen werden kann.“ Der Sprecher war inzwischen ganz in ihren Kreis getreten. Er hatte dichtes, gewelltes dunkelbraunes Haar. Wenn die kurze Bartbürste nicht gewesen wäre, hätte man ihn mit Attila Hörbiger verwechseln können. Ja, die Feldeisenbahner und auch schon die vom zugeteilten blauen Bauzug kannten ihn fast alle. Am besten kannte ihn Günther. Ihre Augen lagen jetzt ineinander, einen Augenblick später ihre Hände. Kurz, kräftig. „Tag, Günther.“ „Tag, Wolf.“ Das war ihre Begrüßung. Dann sagte Wolf Racke sofort: 160
„Du mußt gleich nochmal zu der Ari und dem Divisionskommandeur telefonieren. Wir seien bereit, die Züge zu holen, wenn die Wehrmacht die Möglichkeit dazu schafft. Bis hinter die Stellungen wird die Strecke mit Tagesanbruch auf jeden Fall befahrbar sein. Nimm zwei Telegraphenarbeiter mit, die gleich den Bahnhof an die Mörserstellung anschließen.“ Der Batterieführer schlief. Günther Racke ließ ihn gar nicht wecken. Der Funker stellte die Verbindung her. „Es klingt zu schön, um wahr zu sein“, sagte der Adjutant des la der Division. „Wir müssen genauer darüber reden. Können Sie zu uns kommen? Gut, ich lasse Sie holen.“ Nach einer halben Stunde war draußen ein Motor zu hören. Ein Kübelwagen war zur Stelle. Er sah aus, als ob er in Schlamm gebadet worden wäre. Die Fahrer machten aus ihrer Wut über die nächtliche Fahrt keinen Hehl. Auch noch wegen eines Eisenbahnonkels! Die sollten doch erst mal das Fressen und den Sprit herbringen. „Was Racke heimlich beunruhigte, sprach der General, der ihn persönlich erwartet hatte, offen aus. Wenn die Truppe die Opfer brachte, die der Handstreich kosten würde, durften die Eisenbahner unter keinen Umständen versagen, damit nicht alles umsonst war. Würden aber die Gleise von den deutschen Stellungen bis zum russischen Bahnhof rechtzeitig fertig werden? Würden die Eisenbahner durchhalten, auch wenn es einmal krachte und pfiff? Der General wollte keinen Befehl von oben herab geben, sondern die Entscheidung dem Kommandeur des Einsatzregiments überlassen. Der Oberstleutnant sagte am Telefon: „Wenn die Chance, den Sprit zu bekommen, nur fünfzig zu fünfzig steht, muß der Versuch gemacht werden. Für das Gelingen des Handstreichs garantiere ich. Macht mein III. Bataillon. Gerade eine Sache für den Normann. Wenn Sie mir den Eisenbahner schicken, bringe ich ihn persönlich zu ihm; er soll ihn selber erst mal unter die Lupe nehmen.“ Zum Regimentskommandeur ging es noch einmal im Kübelwagen, zum Bataillonsgefechtsstand nur ein Stück weit, dann zu Fuß durch Wald, den in breiter Schneise die Bahn 161
durchquerte, und schließlich durch die gespenstische Silhouettenlandschaft eines zertrümmerten Dorfes. Major Normann war eine junge, rassige Erscheinung, das Ritterkreuz am Kragen. Das rechte Auge war immer leicht zugekniffen, der rechte Mundwinkel etwas verzogen. Günther Racke hätte im kurzen, scharfen Verhör der beiden erfahrenen Frontoffiziere versagt, wenn er nicht die Autorität des Bruders hinter sich gewußt hätte. Er hatte an dem acht Jahre älteren stets halb gezweifelt und halb emporgesehen, erst das Zusammentreffen in diesem Dschingiskaja hatte ihm gezeigt, was in ihm steckte. Er wünschte, Wolf selbst stünde an seiner Stelle hier. Nach der Besprechung faßte Major Normann noch einmal alles zusammen. „Also, passen Sie auf, Racke! Im Bereich unserer und der feindlichen Stellungen ist der Bahnkörper auf rund 1.000 Meter verwüstet. Sie sagen, Ihre Männer schaffen das in 10 Stunden. Auf den weiteren 6 Kilometern bis zum Russenbahnhof sind dann nur noch kurze Gleisstücke durch einige Bomben- und Granattreffer zerstört, ausgenommen ein etwa 100 Meter langes, von einem kleinen Durchlaß unterbrochenes Stück direkt vor den Abraumhalden, zwischen denen die Strecke in den Bahnhof führt. Wie es seit der letzten Fliegeraufnahme im einzelnen im Bahnhof selbst aussieht, wissen wir nicht, jedenfalls ist Betrieb. Mein Bataillon wird also bei Tagesanbruch an der Bahn entlang die russischen Stellungen durchbrechen und nach beiden Seiten so weit aufrollen, daß der Bahnkörper von den Russen nicht mehr eingesehen werden kann und nicht mehr im Bereich ihrer Infanteriewaffen liegt. Dabei kommen uns das unsichtige Wetter und die mehrfachen Geländewellen zugute. Die wichtigsten strategischen Punkte werden von uns besetzt, so daß Angriffe russischer Reserven bei Tage abgewiesen werden können. Dazu stehen uns noch einige Pak und Infanteriegeschütze zur Verfügung. Unsere drei noch aufgetankten Panzer stoßen mit aufgesessener Infanterie und einem MG-Zug sofort zum Bahnhof durch, schließen ihn ein und halten ihn so lange, bis ihr Eisenbahner wenigstens den Spritzug draußen habt. Um
162
Überraschungen niederzuhalten, die wir nicht voraussehen können, haben wir noch unsere Artillerie.“ „Hoffentlich ist der Spritzug auch wirklich im Bahnhof und der Sprit noch nicht abgefüllt und abgefahren,“ sagte Racke. „Das ist allerdings Glückssache“, antwortete der Oberstleutnant. „Wir werden aber die Chance durch taktischen Einsatz der Artillerie erhöhen. Ab sofort wird alle Stunde die Strecke jenseits des Bahnhofs zehn Minuten lang unter Feuer genommen. Auf die Brücke sind die Mörser bereits eingeschossen. Die draußen auf der Strecke oder im nächsten Bahnhof wartenden Züge können erst einfahren, wenn wir das Störfeuer eingestellt haben. 4 Uhr dürfte der richtige Zeitpunkt sein, dann werden sie ihre Züge noch bei Dunkelheit in den Bahnhof bringen, aber nicht mehr ausladen können, denn um 8 Uhr wird er in unseren Händen sein. Was meinen Sie zu dieser Zeiteinteilung?“ Racke stimmte zu. „Instruieren Sie also Ihre Eisenbahner“, schloß der Major die Besprechung. „Sorgen Sie dafür, daß mit möglichst wenig Lärm gearbeitet wird. Der Russe darf nicht merken, um was es uns geht.“ Günther Racke ließ sich nicht zurückfahren, er ging auf dem nächsten „Weg zum Bahndamm. Am Ausgang des Wäldchens stand eine Draisine. Wolf Dieter war schon da. Noch ein kurzes Stück weit, den Stellungen zu, waren die Gleise in Ordnung; dann kamen die ersten Trichter, Schienen wie Fragezeichen geformt oder wie Streichhölzer geknickt. Immer wieder dachte er auch: da steht doch einer, aber jedesmal war es nur der Stumpf eines Telefonmastes, ein aufrecht in die Erde gespießtes Schienenstück oder eine Schwelle. Von Zeit zu Zeit stieg eine Leuchtkugel auf. Selten einmal fiel ein Schuß oder ein MG tuckerte ein paar Sekunden lang. Fern blitzten Abschüsse wie Wetterleuchten, sie klangen sanft und die Einschläge waren nur als kurzes Murren zu hören. Hätte Günther nicht gewußt, daß die Front unmittelbar vor ihm lag, so wäre ihm keine Gefahr bewußt gewesen, weil er es aber wußte, glaubte er, sie geradezu körperlich zu spüren. Er mußte einen zusammengeschossenen Güterzug umgehen. Die Wagen waren teils ausgebrannt, teils abgeholzt, die meisten 163
lagen kopfüber neben dem Bahndamm. Der Lokkessel hatte einen Volltreffer, sah aus wie eine Badewanne und stand voll Wasser. „Paß doch auf, du Krummstiefel! Du trittst uns ja die Salondecke ein!“ Da war ein Loch im Bahnkörper mit zwei Schienen darüber und auf den Schienen eine zersplitterte Güterwagentüre. Darunter saß ein Feldwebel und sein Zugtrupp. Ein Kopf kam zum Vorschein, schaute schräg, dann folgte ein überraschter Ausruf: „Jetzt da legst di nieder! 'n Eisenbahner!“ Ob hier nicht schon einer vorbeigekommen sei? fragte Racke. „Eisenbahner nicht, aber ein Hauptmann. Übersieh' aber den vorderen Graben nicht, sonst nimmt dich nach 100 Schritten der Iwan in Empfang.“ Racke brauchte nicht weiter zu gehen, eben tauchte eine Gestalt aus dem Dunkel. Es war Wolf Dieter. Der stapfte hier wie ein altes Frontschwein zwischen den Stellungen herum und war noch keine Stunde seines Lebens Soldat gewesen. Noch nie im Feuer gelegen. Vielleicht gerade darum. Sie gingen zusammen zur Draisine zurück, berichteten sich gegenseitig. Eine Batterie begann zu schießen, erst Einzelfeuer, dann Salven. Die Feuerüberfälle auf die Bahnlinie drüben hatten begonnen. „Es wird alles fertig“, sagte Wolf Dieter. „2.000 Meter Schienen und 3.000 Schwellen werden bis zum Morgen angefahren sein. Lok konnte ich leider nur eine bekommen. Sie wird als Reserve in Dschingiskaja abgestellt. Auch falls die Russen alle ihre Lok noch sprengen, werden wir doch wenigstens den Spritzug abfahren können. Wir brauchen aber für die Arbeit hier zusätzlich 1.000 Arbeitskräfte zum Schienen- und Schwellenschleppen. Muß die Bevölkerung machen.“ „Ob das klappen wird?“ „In den Nestern hinten steckt eine ganze Menge Leute. Alles, was aufgetrieben werden kann, auch Frauen, die ja meist schwere körperliche Arbeit gewöhnt sind, soll hier im Wald gesammelt werden. Bis Mittag wird aus einer Kolchose mit 164
Genehmigung des Wirtschaftskommandos in Charkow Brot und Fett da sein, damit wir den Leuten etwas geben können. Kenne den Wirtschaftsrat gut. Wir holen auch Vieh heraus, hab ich behauptet. Das hat gezogen.“ Die beiden Brüder hatten noch kein Wort persönlicher Art gesprochen. Auch jetzt war keine Zeit dazu. Sie hatten beide Eile, ihre Aufgabe vollends zu lösen. Es war eine Stunde vor Mitternacht.
165
8. KAPITEL
Wolf und Günther Racke trafen sich nach sieben Stunden an der Waldecke wieder. Es war noch Nacht und doch spürte man die Nähe des Morgens, ohne daß man hätte sagen können, woran. Vielleicht nur, weil man eine Uhr hatte. Vielleicht auch war da eine besondere Frische in der naßkalten Luft. Sie hatten beide ein paar Stunden geschlafen. „Wolf im Bauzug, Günther in einem Bunker des Regimentsstabes. Auch heißen Kaffee hatte es gegeben und Gelegenheit, sich die Augen auszuwaschen und ein Kochgeschirr voll kaltes Wasser über den Kopf zu gießen. Etwas hinter der Ostspitze des Wäldchens stand der Materialzug mit den Schienen und Schwellen, der Gleisbauzug dahinter; sie hatten in Dschingiskaja umrangiert. 300 Meter konnte man noch fahren, dann begannen die 1.000 Meter vor und hinter den Stellungen, die durch Artilleriebeschuß durchgehend zerstört waren. 120 Eisenbahner, blaue und feldgraue, waren in zehn gleichstarke Gruppen gegliedert. Sie würden gleichzeitig über das ganze zerstörte Streckenstück verteilt werden. Jeder Gruppe waren je nach der Entfernung vom Materialzug 50 bis 100 Russen, leider meist Frauen und Jugendliche, zugeteilt und jede Gruppe hatte in längstens 10 Stunden 100 Meter Bahnkörper aufzubereiten und 100 Meter Geleise zu legen. Nicht nach Vorschrift, nein, nur behelfsmäßig, daß eben ein paar Züge vorsichtig darüber fahren konnten. Günther Racke war nervös. Als Soldat bei ungleich gefährlicheren Einsätzen, war er es nicht gewesen, nur ernst und gespannt. Hier aber war er mit der moralischen Verantwortung nicht nur für das Leben der Kameraden, sondern für den ganzen Handstreich überhaupt belastet, denn er war der Vater des Gedankens gewesen. Eine kleine Gruppe Eisenbahner kam über die breite Schneise der Bahn herüber. Wolf Racke schüttelte jedem die Hand. „Das 166
sind drei Feldeisenbahner“, sagte er dabei zu Günther, „ein Lokführer und zwei Heizer. Sie haben sich freiwillig gemeldet, wollen gleich mit dir zusammen voraus in den Bahnhof, um die Lok anzuheizen, falls sie kalt stehen. Und das hier sind zwei Pioniere, Weichenwärter, die gleich die Fahrstraße einrichten sollen. Ich komme mit einem größeren Trupp Pioniere und Feldeisenbahner nach, sobald die Streckenarbeiten überall im Flusse sind.“ Auch Günther Racke gab einem nach dem andern die Hand. Der letzte war der Lokführer. Der sagte: „Nur weil du's bist.“ Jetzt erst erkannte ihn Günther. „Mensch — Karl!“ sagte er leise. Bunz hatte weiße Haare bekommen. Das Gesicht war mager geworden, auf beiden Seiten eine tiefe Falte um den Mund eingegraben. In diesem Augenblick schwankte Günther Racke mehr denn je zuvor während dieser Nacht. Ob man nicht doch die ganze Geschichte abblasen sollte? Wie kam er dazu, Eisenbahnern eine solche Strapaze aufzuzwingen, sie in ein solches Wagnis zu reißen? Sie hätten alle zusammen dahinten in Dschingiskaja die ganze Nacht friedlich schlafen und bei Tagesanbruch gemächlich die Arbeiten dort fortführen können, wo sie gestern stehen geblieben waren. Er hielt noch immer Bunz' Hand. „Karl“, sagte er noch einmal, sonst nichts. Bunz düstere Augen lagen stumm in denen des Freundes. Zwischen den Bäumen tauchte eine kleine Gruppe Landser auf, Major Normann an der Spitze. „Nun, wie steht's?“ fragte er. Günther stellte ihm den Bruder vor. Normann schüttelte ihm die Hand. „Noch ein Racke? Freut mich!“ Wolf sagte: „Wir Eisenbahner sind zur Stelle, Herr Major. Was wir bei dem Handstreich zu tun haben, ist vorbereitet und kann in Angriff genommen werden.“ „Ich danke Ihnen, meine Herrn. Damit Ihre Leute nicht nervös werden, wenn's jetzt zu krachen anfängt, sagen Sie ihnen und auch den russischen Arbeitskräften, daß unsere Artillerie auf die russischen Stellungen beiderseits der Bahn trommeln wird. Erstens wird der Iwan mürbe und zweitens geht in dem Lärm der Anmarsch unserer Kampfwagen unter. Sie sollten ihn auch 167
benutzen, um Ihre Züge vollends so weit wie möglich vorzubringen.“ „Das wird ohnedies geschehen“, antwortete Wolf Racke. „Die Strecke hat hier leichtes Gefälle. Man wird die Züge drüben kaum hören. Notfalls können wir sie teilen und die Wagen einzeln schieben. Wir sind über 900 Menschen.“ „Ausgezeichnet! Also weiter: Sobald unsere Bereitstellung durchgeführt ist, verlegt die Artillerie das Feuer auf die russischen Stellungen vor dem Nachbarregiment, das dann auf breiter Front einen Scheinangriff durchführt. Der Iwan aber wird annehmen, das bei uns hier wäre nur ein Scheinmanöver gewesen. Er wird seine Aufmerksamkeit dem Nachbarabschnitt zuwenden, seine Gegenmaßnahmen in jener Richtung ansetzen und da stoßen wir hier dann überraschend durch. Wir werden auch heute höchstens 300 Meter Sicht haben, genau das, was wir brauchen. Das Nachbarregiment wird ihn im Verein mit der Artillerie drüben unablässig so beunruhigen, daß er unseren Vorstoß selbst nur für ein Ablenkungsmanöver halten wird. Inzwischen haben wir den Bahnhof und den bekommt er, so lange es Tag ist, nicht wieder. Aber, wenn es dunkel wird, müssen die Züge abgefahren sein. In der Nacht sind wir einem Massenansturm nicht gewachsen, müssen also rechtzeitig in unsere Stellungen hier zurückgehn. Wenn Ihre Leute bei der Arbeit nicht zu viel Lärm machen, kommt der Iwan nicht darauf, um was es sich eigentlich handelt und der Bahndamm wird dann wohl kein Artilleriefeuer erhalten. Denn daß deutsche Eisenbahner die Frechheit besitzen, 6 Kilometer Strecke vor seiner Nase instand zu setzen und aus einem Bahnhof hinter seinen eigenen Linien Züge abzufahren — das wird er nie für möglich halten. Uns zurückzuwerfen, wird ihm aber gar nicht eilen, weil er sicher ist, daß ihm das in der Nacht mit viel geringeren Verlusten ohne weiteres gelingt.“ Der Major wandte sich Günther zu: „Sie wollten auf einem Panzer gleich mit in den Bahnhof eindringen. Das ist nicht nötig. Sie können mit mir kommen. Sobald die russische Linie weit genug geöffnet ist, fahre ich den Panzern nach.“ „Ich habe aber noch diese fünf Kameraden bei mir“, sagte Günther Racke.
168
„Um so besser. Sie haben alle Platz. Wir fahren mit einem geländegängigen LKW meiner motorisierten Infanterie und haben meinen Gefechtsstab, 2 LMG, Funk- und Telefontrupp bei uns. Es kann uns also nichts passieren.“ Er zögerte, dann lachte er kurz auf: „Irrtum vorbehalten. — Also kommen Sie!“ Günther drehte sich kurz nach Wolf Dieter um. Eine Sekunde lagen ihre Blicke ineinander. „Hals- und Beinbruch, Kleiner!“ sagte Wolf leise. Normann und Günther Racke stapften mit ihren Leuten durch den Wald dem Bataillonsbunker zu. Es dämmerte; in einer knappen Stunde ging die Sonne auf. Der Adjutant sah seinen Kommandeur fragend an. Normann nickte. „Alles fertig?“ Jawohl, Herr Major.“ „Gut. Fangen wir an.“ Der Adjutant nahm den Hörer vom Apparat, sagte ein paar Worte, legte ihn wieder auf. Der Major bot den Eisenbahnern Zigaretten an. Sie rauchten schweigend. Ein leichtes Zittern ging durch den Bunker, zugleich zerbarst die Stille vom hell schmetternden Krachen einer Abschußserie. Kurz darauf folgte das dumpfe Gepolter der Einschläge. Aber schon klang beides ineinander, vermischte sich zu einem nicht abreißenden, wütenden Donnerrollen. Die Eisenbahner duckten sich unwillkürlich in sich zusammen, obgleich das nicht sie, sondern die Russen drüben anging. Rackes Gemüt bedeckte sich mit jener dumpfen Trauer, die dann über ihn kam, wenn er andere, ob Freund, ob Feind, in der Feuermühle des Todes wußte. Sein Auge blieb an Bunz hängen. „War es so schlimm, Karl?“ Bunz gab keine Antwort. Ein anderes Geräusch mischte sich minutenlang in den tobenden Lärm der Geschütze. Ein dunkles Summen, Brummen. Es kam näher, verklang wieder. Das mußten die Panzer gewesen sein. Dann war mit einem Mal Totenstille. Das Artilleriefeuer hatte aufgehört. Aber schon fing es in der Ferne an. Auch Gewehr- und MG-Feuer hörte man. 169
Major Normann sah auf die Uhr, ging zum Funkkasten, stülpte den Kopfhörer über, nahm die Sprechmuschel vor den Mund. „Achtung — Achtung! — Hier Saturn — Sa — turn. Mars kommen. Mars — kommen.“ Mars kam sofort. „Panzer marsch!“ befahl Normann. Gleich darauf hörte man sie brummen. Im gleichen Augenblick lief auch Gewehrknattern die Stellung entlang. Leuchtraketen stiegen, in SMG-Stöße mischte sich das Scheppern von Handgranaten. Gebrüll kam von vorne, eine rauhe, häßliche, quälende Lautwelle, verstummte, brach wieder auf, versickerte. Eine Minute später trommelte die russische Artillerie. Das Feuer lag auf den Stellungen. Man konnte nur schwache Blitze zucken sehen, es war noch zu dunkel. „Schadet nichts“, versicherte Normann. „Meine Kompanien sind längst draußen.“ Meldungen kamen. Es ging alles nach Wunsch. Dann tanzte der Bunker, dröhnten die Trommelfelle von schweren Einschlägen. Den Eisenbahnern wurde unheimlich. Die Feuerwelle wanderte weiter rückwärts, schlug in die Ruinen der einstigen Ortschaft, in den Waldrand dahinter. Neue Meldungen kamen. „Der Iwan ist weit genug von der Bahn weggetrieben“, sagte Normann. „Die Panzer und unsere Stoßtrupps sind schon im Gefecht mit schwachen Kräften, die ihnen vom Bahnhof her entgegengestoßen sind. Wir können nachfolgen.“ Der Adjutant sprach ins Telefon. „Abbauen“, sagte der Major zu den Funkern. Das schwere russische Feuer verlagerte sich in den Abschnitt des Nachbarregiments. Motorgeräusch wurde vernehmbar, kam näher, brach ab. Sie gingen hinaus. Die Wagen standen hinter einem Erdwall. Sie stiegen rasch ein, fuhren dem Bahndamm zu. Obgleich man noch nicht weiter als hundert Schritte sah, erkannten sie schon bald die Silhouette der Züge; sie waren bereits vorgefahren. Eine unabsehbare Kette von Gestalten, die Schienen und Schwellen trugen, bewegte sich am Bahnkörper entlang. Zu hören war fast nichts. Der Raupenketten-LKW fuhr langsam vor, zwischen dem System von Grabenstücken und Schützenlöchern durch. Voraus und seitwärts bummerte oder knallte es ab und zu. Dem Blick 170
aber blieb verborgen, was geschah, obgleich es nun schnell heller geworden war, verschwammen schon die Ränder der nächsten Geländewelle mit dem stumpfen Schneegrau des Himmels. Der Funker hielt die Verbindung mit den Panzern. Auch ein VB der Mörser war vorsorglich mitgekommen. Geschützfeuer kam auf. Das mußten die Panzerkanonen sein, das hellere Peitschen der Pak klang dazwischen. „Drei T 34 greifen vom Stadtrand her an“, meldete der Funker. Der Geschützlärm wurde heftiger, die Fahrer stoppten. „Weiterfahren!“ befahl Normann. Sie kamen näher. Nach zehn Minuten war es wieder ruhig. „Zwei T 34 abgeschossen, einer entkommen, eine Pak ausgefallen“, sprach der Funker laut die Meldung des Panzerkommandanten nach. Nach weiteren zehn Minuten sagte er: „Der Bahnhof ist von den Stoßtrupps genommen, wird von den Panzern und SMG abgeriegelt.“ Normann nickte nur, den Eisenbahnern schlug das Herz hoch vor Erleichterung und Freude. Aber einige Bangigkeit war immer noch dabei. Eine Kolonne kam ihnen entgegen. Gefangene. Wenigstens hundert, einige Zivilisten, auch Frauen darunter. Ein einziger Landser kam hinter ihnen her, ein russisches Schnellfeuergewehr unterm Arm, seine eigene Knarre umgehängt, am Koppel Stahlhelm und Stielhandgranaten, den Kopf mit einem blutigen Verband umwickelt. „Heil, Herr Major!“ brüllte er herüber. „Wird's denn gehn?“ rief der zurück. „Klar!“ kam heiter die Antwort. „Iwan nix mehr wojna! Gutt Kamradd.“ Die Kolonne verschwand in einer Geländefalte, voran tauchten riesige dunkle Schatten auf. Das waren die Abraumhalden, die es der deutschen Artillerie unmöglich gemacht hatten, den Bahnhof zu treffen. Gestaffelt und sich überschneidend umlagerten sie ihn, ein halbkreisförmiger, lückenloser Wall. Dafür waren um sie herum die Werke dem Erdboden gleich gemacht und das Gelände, einschließlich des Bahnkörpers ein wüstes Trichterfeld. Hier mußten die Pioniere sofort angesetzt werden. Was sie an Oberbaustoffen brauchten, mußten sie sich im russischen 171
Bahnhof beschaffen. In zwei engen Kurven mit leichtem Gefälle führte die Strecke zwischen zweien der Pyramiden durch. Auf jeder hatte sich eines der SMG eingenistet. Sie beherrschten die ganze Gegend, soweit die Sicht reichte. Racke schlug das Herz höher vor Freude, als er den Bahnhof überblicken konnte. Er war nicht groß, zehn Gleise alles in allem, aber es waren eine ganze Reihe Züge da, der Kesselwagenzug vor einem langen Güterschuppen. Auf der breiten Rampe parkten allerdings schwere Spritautos an ihm entlang, auch andere Kraftfahrzeuge und Pferdegespanne standen herum. Verdammt noch mal, wenn der Treibstoff schon abgefüllte und abgefahren war? Der Führer der Stoßtrupps, die bei den Panzern aufgesessen waren, berichtete dem Kommandeur: Als die T 34 angetost waren, hatten sie sich dünn gemacht und den Bahnhof schon überraschend genommen, während sich 2.000 Meter rückwärts die Panzer noch gerauft hatten. Gleich darauf war der MG-Zug hinter den Dreckkegeln aufgefahren und hatte die Gewehre auf ihnen in Stellung gebracht, kleine Trupps russischer Soldaten, die aus der Stadt vorgestürmt waren, hatten sich schleunigst wieder zurückgezogen, als sie Feuer bekommen hatten. Inzwischen hatten die eigenen Panzer die nach der Stadt zu offene Seite des Bahnhofs abgeriegelt; sie waren gut getarnt. Vorläufig ausreichende Flankensicherung waren die beiden Pak, die beiden LG. und die SMG auf den äußeren Abraumhalden. Im Bahnhof selbst war Vorsicht geboten; er war noch nicht völlig durchgekämmt. Man mußte damit rechnen, daß sich noch Zivilisten und feindliche Soldaten versteckt hielten. Ab und zu fielen auch Schüsse und immer wieder trieb ein Landser einen oder mehrere Russen vor sich her. Sie wurden in einem Kellerwinkel des Empfangsgebäudes, von dem Stukabomben vor zehn Tagen nur noch einige Innenmauerreste übrig gelassen hatten, gesammelt; man wollte sie gleich als Arbeitskräfte einsetzen. Der Raupen-LKW wurde als Gefechtsstand beibehalten und nach Beseitigung von Trümmern und Geröll splittersicher zwischen Mauerwerk geparkt; gegen Volltreffer war weit und breit doch kein Schutz zu finden. 172
Racke lief mit seinen Männern sofort zum Kesselwagenzug. Kurz darauf kam Major Normann mit einem seiner Unteroffiziere. Ein Stein fiel ihnen vom Herzen. Nur die beiden letzten Kessel waren leer, ein dritter zur Hälfte; die Spritautos waren gefüllt. Vor dem Spritzug stand ein kurzer Zug, der alles Mögliche geladen hatte, unter anderem Feldküchen, Maschinen, zwei Traktoren, in der Hauptsache aber Bauholz aller Art, sowie in Bündel gepreßtes Heu. Er mußte weggezogen werden, ehe der Spritzug ausgefahren werden konnte. Er war auch der einzige bespannte Zug, alle ändern waren abgespannt. Auf dem Nebengleis stand noch ein Proviantzug, in der Hauptsache amerikanische Fleisch- und Wurstkonserven, Fett und Zucker, auch Rüben, Kohl, Bohnen, Sonnenblumen, Hirse und zwei Wagen mit lebendem Vieh. Die Bahnhofsgebäude waren übel zugerichtet. Außer dem wieder aufgebauten Güterschuppen und dem Wasserturm lag alles in Trümmern. Der kleine Lokschuppen bestand nur noch aus Teilen der Umfassungsmauern und einem Dach, das aussah wie ein aufgespannter Schirm, von dem der Stoff gerissen ist. Ein Haufen Schrott, ehemalige Lok, lag in der einen Hälfte, daneben aber standen drei Lokomotiven, zwei noch mit warmem Kessel, die andere kalt, die Roste entschlackt, die Tender hochauf bekohlt und das Wasser stand bis an den Rand. Bunz und die Heizer machten sich sofort ans Anheizen und an die Überprüfung aller Einzelheiten, ans Schmieren und Ölen. Nur bei einer war das Führerbremsventil nicht in Ordnung. Das Zusatzbremsventil funktionierte aber. Bei vorsichtiger Fahrt konnten sie zur Not auch diese Lok vorspannen. Es würde also keine Schwierigkeiten geben. Drissel und Hensch waren genau so vergnügt wie Bunz. Sobald Dampf genug und die Bahnhofsgleise frei waren, fuhren sie die Züge in der Reihenfolge Bauzug — Drissel, Spritzug — Bunz, Proviantzug — Hensch vorläufig hintereinander zwischen die Dreckkegel, dort konnten sie abwarten, bis die Strecke in Ordnung war. Inzwischen überlegte sich Inspektor Racke mit seinen beiden Weichenwärtern, wie die Lokomotiven am günstigsten zu rangieren waren und dem Brennstoffzug am schnellsten die Fahrstraße freigemacht werden konnte, denn in der Westrichtung 173
waren die Geleise und Weichen mit Leermaterial verstopft, andere mit Wällen von zerschlagenen Wagen bedeckt. Es mußte mancherlei abgeräumt und nach dem Ostausgang des Bahnhofs abgeschoben werden. Aber nach ein paar Stunden Arbeit würde man Luft und freie Bahn haben. Sonderführer Wolf Racke und Oberleutnant Kleinschmitt kamen auf einer kleinen Draisine an. Bis spätestens 15 Uhr konnte mit der Fertigstellung des über 1.100 Meter sich erstreckenden Gleisneubaus im Bereich der Stellungen gerechnet werden, falls der Gegner die Eisenbahner und ihre russischen Hilfskräfte nicht vorher vertrieb oder durch Artilleriefeuer aufhielt. Mit der Ausbesserung der weiteren, meist kleinen Schadenstellen auf der Strecke war auch schon begonnen, außerdem der LKW-Bauzug der Pioniere im Anmarsch! Die zusammengeschossenen 100 Meter Bahnkörper vor den Abraumkegeln würden also ebenfalls rechtzeitig befahrbar sein. Der Telefontrupp war schon dabei, eine Leitung bis zum Bahnhof her zu legen. Man hatte dann über Dschingiskaja Verbindung bis Jasinowataja und auch mit den Mörsern. Trotzdem waren sie sich mit dem Major einig, daß man sofort damit beginnen sollte, nach hinten zu bringen, was ohne Bahn möglich war. Die Schar der im Bahnhofsgebäude noch auftauchenden Zivilisten und Soldaten war immer größer geworden. Eisenbahner und Kraftfahrer waren darunter. Froh darüber, daß ihnen nichts geschah, arbeiteten die meisten eifrig nach Anweisung und unter Aufsicht der wenigen Deutschen. Major Normann ließ zunächst alle Motorfahrzeuge, einschließlich der Panzer auftanken, die drei Spritautos wieder vollfüllen und durch seine Fahrer abfahren, Ziel Regimentsfahrzeugpark. Die übrigen LKW und Pferdefuhrwerke im Bereich des Bahnhofs wurden mit einer Auswahl der wichtigsten und willkommensten Lebensmittel aus dem Proviantzug beladen. Das Vieh wurde ausgeladen, gefüttert und getränkt, dann trottete es willig in dem ordnungsmäßig zusammengestellten, von den Russen geführten, von einer Handvoll Landsern begleiteten Treck nach Westen. Ab und zu fiel ein Schuß, ab und zu tuckerte eines der Pyramiden-MG. Von Zeit zu Zeit zogen hoch im Unsichtbaren schwere Koffer, teils dumpf heulend, teils in hohen Tönen wie 174
kleine Kinder weinend, herüber und hinüber, sonst aber blieb alles friedlich. Nur aus weiter Ferne murrte die Front. Die Arbeiten an der Strecke gingen rüstig vorwärts. Unter den Kesseln aller vier Lok brannten helle Feuer, aus den Kaminen kräuselte sich blauer Rauch, der von Zeit zu Zeit von dickem schwarzgrauem Qualm abgelöst wurde. Das erste zum Rangieren benötigte Gleis war schon freigelegt, eine zerschlagene Weiche ausgebaut und durch eine gute von anderer Stelle ersetzt. Die Eisenbahnpioniere kamen mit einer Gruppe Blauer vom Gleisbauzug und einer Schar russischer Frauen. Alles was Hände hatte, half mit, um überflüssige Gleise frei zu machen, so weit sie von Leerzügen besetzt oder Trümmern überlagert waren; sie wurden für die Hundertmeterlücke draußen gebraucht, ausgebaut und dann auf offenen Güterwagen mit Muskelkraft abgeschoben. Major Normann unterhielt sich mit den beiden Racke. Er war sarkastisch guter Laune. Das hieß, er stellte sich die Freude der Frontschweine in der Kampflinie vor, wenn das Gebrüll anfing: ein Vorschuß auf den Sprit ist da! Und wenn dann hinterher der nahrhafte Treck ankam! Und er stellte sich zugleich vor, daß im letzten Augenblick eine russische Batterie die ganze Herrlichkeit zusammenschoß! Heiter sah er auf das friedliche Etappenbild des Bahnhofsbetriebes, grinste bei dem Gedanken, daß das ein Bahnhof auf der russischen Seite war. Schüttelte den Kopf über die Eisenbahner, die ihren Kram machten, als wären sie hundert Kilometer vom Schuß und malte sich aus, daß jeden Augenblick die Hölle eines massierten Feuerüberfalls oder eines Massenangriffs von allen Seiten über diesem Idyll zusammenschlagen konnte. Auch Günther Rackes Freude über das bisherige Gelingen war nicht rein. Unaufhörlich trieb ihn der Gedanke, ob nun auch alles richtig bedacht war und betrieblich alles klappen würde, ob nicht noch mehr geschehen konnte, geschehen mußte, um den eisenbahnseitigen Erfolg des Handstreichs zu sichern? Er ließ russische Schnellfeuergewehre, Maschinenpistolen, Handgranaten und Munition auf die Lokführerstände bringen. Der bei Major Normann im Unterbewußtsein versteckte, abwehrbereite Gedanke, es könne doch noch alles schief gehen, arbeitete in Günther Racke noch stärker und weckte eine von 175
Stunde zu Stunde sich steigernde Unruhe in ihm. Er wünschte sich, daß Gott ihn wachsen ließe, bis er ein Riese wäre, für den der ganze Bahnhof nicht größer als ein Spielzeug war, daß er ihn mit seinem Leibe decken und die ganze Strecke mit den ausgestreckten Armen schützen könnte. Dagegen war Wolf Dieter, der Skeptiker von Geblüt, die Ruhe selbst. Entschlossen und verschlossen. „Komm“, sagte er, „es ist Mittag. „Wir haben noch nichts im Leib und hier gibt es nahrhafte Genüsse.“ Es gab keinen Eisenbahner und keinen Landser, der nicht längst ausgestopfte Taschen hatte. Die Pioniere und blauen Gleisbauer draußen auf der Strecke waren verproviantiert worden, alle Wehrmachtsfahrzeuge, einschließlich der Panzer waren vollgepackt. Man hatte auch den arbeitenden Russen reichlich zu essen gegeben. „Stalin kaputt“, grinsten sie, „deutsch Soldatt gutt.“ Vier Stunden saß man schon im Bahnhof. Die Lok hatten genügend Dampf, man konnte mit dem Rangieren anfangen. Die beiden Brüder hatten gegessen, nun saßen sie rauchend. Und nun fiel zum ersten Mal ein persönliches Wort. Günther sagte: „Vor drei Wochen wollte ich dich im Lazarett besuchen, aber du warst am gleichen Tag entlassen worden. Seitdem bin ich hinter dir her gewesen.“ „Erzähl mir von Vaters Tod“, sagte Wolf. Günther erzählte. Als er schwieg, murmelte Wolf: „Und warum liegt er nun unter der Erde?“ Und er gab selbst die Antwort auf diese Frage: „Weil er in seinem Mitgefühl mit den Polen ihren Haß nicht bedacht hat. In keinem Land der Erde kann der eingedrungene Feind mit Vergebung und Menschlichkeit rechnen.“ Und nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Außer in einem. In Deutschland. Bei uns unverbesserlichen Eseln!“ Eine Pak bellte hell. Dunkel donnerte das Geschütz eines Panzers. In rascher Folge klang draußen das Krachen krepierender Granaten und Geschrei. Fünf Minuten hämmerten die Maschinengewehre von den beiden stadtnächsten Abraumkegeln. Dann war es wieder ruhig.
176
Der Iwan hatte versucht, vom Stadtrand aus mit Unterstützung zweier Ungetüme von Sturmgeschützen vorzubrechen. Inzwischen war es 13 Uhr geworden. Das Wetter hatte etwas aufgeklart. Vom östlichen Abraumkegel wurde gemeldet, sie hörten einen Zug. Major Normann wünschte sich, er könnte statt 300 Meter für eine Minute 3000 weit sehen. Wenn sich seine Kerle nicht irrten war es jetzt eigentlich Zeit, den Rückzug anzutreten. Denn, da es sich beim Iwan inzwischen auch weiter herumgesprochen haben mußte, daß der Bahnhof von Deutschen besetzt war, bedeutete diese Frechheit, daß sich der Zug sicher fühlte. Es handelte sich also entweder um einen Panzerzug oder einen, der mit schweren Waffen und Soldaten bis an den Hals voll war. „Sehen Sie mal nach“, funkte Normann dem Panzerkommandanten. Artilleriefeuer wollte er nicht gleich anfordern; vielleicht war es doch ein harmloser Zug mit brauchbarer Ladung, den man noch mitschnappen konnte. Leider trog diese Hoffnung. Der Panzer hatte sofort Granatfeuer erhalten, als er in Sichtweite gewesen war und schleunigst wieder den Rückzug angetreten. Der Kommandant besprach sich persönlich mit Normann. Der Zug stand 900 Meter vor dem Bahnhof. Es wimmelte von Soldaten und Maschinengewehren und sie hatten mindestens ein Dutzend schwere Granatwerfer und Sturmgeschütze gezählt. „Wir müssen sie unter allen Umständen in der Bereitstellung zerschlagen“, entschied der Major nach kurzer Überlegung. „Ich werde unsere Artillerie rufen; sie ist auf die Strecke eingeschossen. Sie schießen noch nicht, damit der schwere Feuerüberfall den Gegner noch konzentriert überrascht. Sobald aber die ersten Koffer kommen, nehmen alle drei Panzer und die Pak ebenfalls das Feuer auf und im rechten Augenblick greifen Sie an. Sie erhalten einen Zug meiner Infanterie. Aber lassen Sie sich unter keinen Umständen vom Bahnhof trennen. Seine Verteidigung ist die Hauptaufgabe. Der VB der Mörser geht bereits vor, bis er Sicht hat und leitet dann deren Feuer.“ Eine Minute später setzte schlagartig das eigene Artilleriefeuer ein. Und nach einer kleinen Weile war in Richtung Dschingiskaja ein matter dumpfer Laut zu hören. Dann aber kam es orgelnd 177
durch die Lüfte, ging Sekunden später in heulendes Sausen über und endete in der Ferne mit höllischem Krachen. „Noch etwas zu, dann dürfte das stimmen“, dachte Normann vergnügt. Schon kam der zweite Koffer. Leider krepierte er wesentlich näher. Nun, der Vorgeschobene Beobachter würde schon berichtigen. Da kamen bereits die beiden nächsten. Man hörte, daß sie einen höheren Bogen beschrieben und dem Klang der Einschläge nach mußten sie gesessen haben. Die Panzer brummten, entfernten sich. Wieder kamen zwei Mörsergranaten. Auch die Panzer schossen jetzt, die Panzerabwehrkanonen, die Infanteriegeschütze. Der Spitzenpanzer funkte: „Wir ha — ben — sie. Mör — ser lie — gen gut. Zwei Voll — tref — fer.“ Kurz darauf kam eine neue Meldung. „Sie lassen alles liegen und stehen und hauen ab oder laufen zu uns herüber.“ Wolf Racke fuhr mit der Draisine fort. Er wollte die Pioniere hinten davon unterrichten, damit sie sich nicht beunruhigten. Günther Racke war mit Bunz und einem russischen Weichensteller auf der Lok. Sie rangierten den Zug um, der dem Spritzug die Fahrstraße versperrte; es war das beste, man fuhr ihn einfach als ersten hinaus. Der Kampflärm von der Stadt her und ostwärts nahm zu. Vom Winde getrieben, wehten Schleier von Dreck und Rauch und Pulvergestank in den Bahnhof. Die Eisenbahner wurden unruhig, die russischen Arbeitskräfte hoben die Köpfe und ließen die Hände sinken. „Du, ich glaube, es gibt dicke Luft“, sagte Bunz zu Racke, ohne sich weiter stören zu lassen. Günther war nervöser. „Will mal den Major fragen, was los ist.“ Er stieg von der Lok. „Komm doch mit!“ Bunz schüttelte den Kopf. „Bin kein Freund vom Barras.“ Major Normann lachte Racke in das besorgte Gesicht: „Im Gegenteil“, rief er. „Wir machen Beute und Gefangene! Hauptsache, Ihr seid bald fertig, dann kann's nicht mehr schief gehen!“ Er hängte sich an die Strippe. Man hörte zwei Abschüsse der Mörser. „Stellen Sie das Feuer ein!“ rief er in die Sprechmuschel.
178
„Sie haben hervorragend geschossen. Danke. Meine Panzer rollen weiter vor. Wir holen —“ Weiter kam er nicht. Ein jähes Geheul, sekundenschnell ins Grauenhafte sich steigernd, schaltete Hör-, Denk- und Sprechfähigkeit aus. Der Luftzug riß den Atem weg. Noch ehe die Granate krepierte, hatte es ihn umgeworfen; vielleicht war es auch eine instinktive Willenshandlung gewesen. Dann bebte die Erde. Es blitzte, donnerte, krachte, polterte, splitterte, kreischte; der ganze Bahnhof schien zu bersten. Günther Racke war zurückgetaumelt. „He Günther! Kommst du nicht mehr?“ hatte eben noch Bunz vom Führerstand der Lok herübergerufen. Doch! Ich komme! hatte er zurückrufen wollen; er war nicht mehr dazu gekommen. Er hing, in die Knie geschleudert, hinter derselben Mauerecke, um die es Normann geworfen hatte, an die Kanten geklammert. Es schüttelte den Boden unter ihm, daß er glaubte, den Halt zu verlieren. Die Mauer riß ihm die Hände auf, aber er krallte sich fest, mit schreckgeweiteten Augen auf die ungeheuerlichste Szene starrend, die er je in seinem Leben und in diesem Kriege gesehen hatte: Über einer Lawine von feuerdurchzucktem schwarzen und schwefelgelben Rauch, die nach allen Seiten Erde und Gestein, Schwellen, Schienenstücke, Wagentrümmer und Ballen von Heu aus sich herausschleuderte, tanzte haushoch ein mit Holzriegeln beladener Güterwagen in der Luft, gaukelte auf und ab, bis er niederbrach und die Lok, die mit einem lustigen weißen Dampffähnchen und dem sanften Schnaufen arbeitswilliger Kraft unversehrt vor dem aufgerissenen Tender gestanden hatte, mit seiner ganzen Ladung unter sich begrub. Die Lok, auf der Bunz auf ihn gewartet hatte. Und noch etwas taumelte durch die Luft, in weitem Bogen, eine Frau, der die Orkanwirbel der Explosion wie rasende Fäuste die Kleider vom Leibe rissen und sie über die Lücke der abmontierten Gleise auf einen der Kesselwagen warfen, wo der leblose Körper, aus allen Poren blutend, liegen blieb. Da und dort setzten die Luftwirbel das Heu wie spiralförmig gewundene Türme ab. Was sich an Russen und Eisenbahnern in lebensrettender Entfernung vom Einschlag der Granate befunden hatte, verkroch sich, wo irgend ein Loch, eine Wand, ein Wall zur Deckung zu 179
finden war; die meisten jedoch liefen, was sie laufen konnten, nach allen vier Himmelsrichtungen vom Bahngelände weg, den nächsten Einschlag erwartend. Selbst die MG-Trupps auf den Abraumbergen kamen innerlich ins Wanken, aber erstens hielt sie nicht nur der Befehl fest, sondern auch das Gewissen und die Kameradschaft gegenüber den Eisenbahnern, die sie ja gegen einen etwaigen Angriff zu sichern hatten. Und zweitens wußte man auch gar nicht, wo man ins Verderben geriet und wo nicht. Rote Leuchtkugeln stiegen. Günther Racke zog sich an der Mauerecke hoch, die Knie trugen ihn kaum. Gewaltsam überwand er Lähmung und Schwäche. Einem betrunkenen Seemann auf schaukelnden Planken gleich, bewegte er sich auf den Bauholzhaufen zu. Der sah wie ein groteskes Bauwerk aus. Achsen und Eisenträger starrten heraus. Der Kesseldeckel thronte ganz oben und auf einem aufrechten Balken hing einer der Dome wie ein schiefer Hut. Karl — Karl —, sagte Racke unablässig, ohne daß das Wörtchen hörbar von seinen Lippen kam. Hilflos stand er mit hängenden Armen und gebeugtem Nacken, dann fing er an, so sinnlos es auch war, das Holz dort wegzuziehen, wo etwa der Führerstand der Lok stecken mußte. Inzwischen half Normanns Gefechtstrupp seinem Kommandeur, sich aus dem Dreck und Schutt herauszuwühlen. Er war im Augenblick wieder Herr über Gehirn und Glieder und mit ein paar Schritten am Telefon. Es blieb tot, der Draht mußte gerissen sein. Sie funkten: Volltreffer in Bahnhof. Sie flickten die Eisenbahnerleitung wieder zusammen. Normann nahm einen Schluck Schnaps, zündete sich eine Zigarette an. Er fühlte sich, als wäre er durch eine Knochenmühle gedreht worden. Unaufhörlich ging ihm durch den Kopf: Wie war das nur möglich? 1.000 Meter zu kurz! Die Treibladung dieser Granate war schwächer gewesen. Entweder hatte der Kanonier zu wenig Pulversäckchen in die Kartusche getan, oder es war nasses Pulver dazwischen. Oder Saboteure hatten einzelne Pulversäcke mit irgend einem anderen Zeug gefüllt. Die Eisenbahner, Landser, Russen kamen gelaufen, Verletzte schrien um Hilfe. Man holte sie, half den Sanitätern Notverbände anlegen. Einem Pionier hatte ein Eisenstück beide Unterschenkel 180
gebrochen. Einem Russen war die ganze Schädeldecke abgehoben; das Gehirn lag frei. Er hielt das haarige Ding im Schoß und grinste darauf hin. Sie trugen die Toten zusammen und die verstreuten Körperteile. Auch ein Kopf war darunter, zu dem der Körper fehlte. Sie fanden den Heizer Drissel quittengelb, aber ohne die geringste Verletzung, der Luftdruck hatte ihn getötet. Sein Kollege Hensch neben ihm war gespickt mit Holzund Eisensplitterchen, aber, von den Nachwirkungen des Schocks abgesehen, munter wie ein Fisch im Wasser. Sie holten auch den auf den Kesselwagen geklatschten Frauenleib herunter. Er war jung und schön und der Sanitäter sagte: „So ein Quatsch.“ Sonderführer Racke war wieder zurückgekehrt. Er zog sofort Pioniere und einen Trupp der Gleisbauer zu den Aufräumungsarbeiten und der Wiederherstellung der Gleise mit heran. Dann kam er zu seinem Bruder und griff mit zu. „Wer?“ fragte er kurz. „Bunz und ein Russe.“ Neben ihnen arbeitete Major Normann mit seinem Gefechtsstab, die Funker ausgenommen, obgleich sie wußten, daß es hoffnungslos war. Der Holzberg rauchte, es roch nach Brand und unter ihm floß dampfendes Wasser vor. Als endlich der Teil der Lok zum Vorschein kam, der als ehemaliger Führerstand zu erkennen war, schauderten sie insgeheim. Er sah aus wie eine Büchse Konserven, die ein Elefant zertreten hat. Hier konnte man nichts mehr bergen. Die Eisenteile mußten auseinandergeschweißt werden. Und das war sinnlos. Normann ging mit seinen Leuten zu seinem Gefechtswagen zurück. Wolf Dieter faßte den Bruder am Arm: „Komm weg, Kleiner! Dazu hast Du keine Nerven. Du brauchst sie noch. Du mußt jetzt den Spritzug fahren, wenn wir noch so weit kommen.“ Günther gehorchte. Er konnte nichts denken, als immer nur ,Bunz'. Wozu hatte er nun den Freund aus der Strafkompanie herausgeholt? Die Panzer kamen zurück. Sie trieben lose Haufen russischer Soldaten, auch Offiziere unter ihnen, vor sich her, die diesmal nicht mit hochgehobenen Armen gingen, sondern eine Anzahl schwerer Waffen schleppten oder zogen. Maschinengewehre, Granatwerfer, Infanteriegeschütze, Munitionskarren. Was nicht
181
hatte mitgenommen werden können, war unbrauchbar gemacht worden, soweit das noch nötig gewesen war. Normann ließ alles verladen, damit die Gefangenen noch als Arbeitskräfte verwendet werden konnten. Sie griffen willig zu, es war ja bedeutend angenehmer, als gegen deutsche Stellungen anstürmen zu müssen oder gefallen zu sein. 14.30 Uhr. In einer guten Stunde ging die Sonne unter. Das war der letzte Termin, denn mit der Nacht kam der Russe. Zum ersten Male drängte Normann: „Wann fahren die Züge?“ Wolf Dieter rief die Großbaustelle hinten an. „Eine Stunde mindestens brauchen wir noch“, hieß es. Wolf Racke fluchte. „Ich werde mal zurückfahren und den Burschen Feuer unter den Schwanz machen“, sagte er zu Normann und lief zur Draisine. Der Major kniff das leicht zugekniffene Auge noch ein wenig mehr zu. Nahm der Druckpunkt? Hm — er sah eigentlich nicht so aus. Aber mancher Schein trügt. Aus der Stadt heraus wurde geschossen. Erst vereinzelt, dann lebhafter. Auch schwere Werfer hörte man. Die Granaten krepierten in der Gegend der Panzer. Sie erwiderten das Feuer, aber die Werfer standen so weit zurück und so gedeckt, daß ihnen nicht beizukommen war. Russische Schützenrudel zeigten sich. Die Maschinengewehre auf den Abraumhalden begannen zu tacken. Auch fern rückwärts, aus der Richtung der Stützpunkte, die den Bahnkorridor sicherten, kam Gefechtslärm auf. „Iwan greift an“, wurde von allen Seiten gemeldet. Der Iwan schien schon Ernst zu machen. „Halten!“, befahl Normann, „bis die Züge durch sind.“ Die Panzer brummten; sie wechselten ihre Stellungen. „Es wird Zeit, die Gefangenen zurückzubringen“, befahl Normann. „Sie tragen unsere Verletzten. Als Bewachung genügen die zwei leichtverletzten Feldeisenbahner. Meine Landser brauche ich jetzt dringender hier.“ Wurfgranaten schlugen in die Abraumberge, begannen sie umzuwühlen. Die SMG-Trupps wichen aus. Oberleutnant Kleinschmitt kam angehastet, mit ihm ein ganzer Haufen seiner Leute. Er wischte sich trotz der Kälte den Schweiß
182
von der Stirne. Aber man sah ihm an, daß er eine gute Nachricht brachte. „In zehn Minuten sind wir draußen fertig“, meldete er. „Hier auch“, sagte Günther Racke. Auf seine Freude darüber drückte die dumpfe Trauer um Bunz. Es wurde ruhiger um den Bahnhof herum. Alle Hände griffen noch einmal in heißem Bemühen zu. Sie waren jetzt, wo es gleich geschafft war, in großer Stimmung, obgleich man einen Tag und eine Nacht und noch diesen zweiten Tag mit nur kurzen Pausen gearbeitet hatte. Es war doch eine tolle Sache! Sie bespannten zunächst den neu zusammengestellten gemischten Zug und Hensch fuhr ihn im Fußgängertempo zwischen die hinteren Abraumkegel. Nun war die Fahrstraße für den Spritzug frei. Günther Racke lief zur zweiten Lok, um sie auf den Kesselwagenzug zu stellen. Für den hatte Bunz die beste ausgesucht. Er zerbrach sich den Kopf dabei, wie sie den Proviantzug noch fortbringen könnten. Lokpersonal war nicht mehr da. Wenn wenigstens die dritte Lok in Ordnung wäre! Ein Lokführer würde allenfalls mit Gegendampf geben einen mit ihr bespannten Zug meistern, vielleicht auch er selbst, aber andern, und wenn sie auch Eisenbahner waren, konnte er das Wagnis nicht anvertrauen. Ja, wenn die Strecke nach Westen statt des langen Gefälles eine leichte Steigung aufwiese! Was aber, wenn der Proviantzug in den vorausgehenden Spritzug raste, falls er nicht vorher aus den nur behelfsmäßig gelegten Gleisen flog? Die Eisenbahner waren wütend. Den Proviantzug stehen lassen, kam gar nicht in Frage! Sie würden es schon riskieren, auch mit der defekten Lok. „Daß ihr vor dem Benzinzug fahrt, ist ausgeschlossen,“ entschied Racke. „Und nach ihm auch nicht, bevor ich nicht die Gefällstrecke mindestens 1.000 Meter hinter mir habe.“ Oberleutnant Kleinschmitt gab den Befehl zum Sammeln und Abrücken. Er hatte keine Lust, länger hier zu bleiben, als unbedingt nötig war. Jeden Augenblick konnte der Teufel wieder los sein. Die Eisenbahner jedoch, blaue und graue, fielen erst noch über den Proviantzug her, um sich wenigstens selbst zu versorgen, so viel sie schleppen konnten.
183
Normann ärgerte sich ebenfalls. Pech — aber leider nicht zu ändern. Es war ja auch in erster Linie um den Benzinzug gegangen. Im übrigen hatte der Treck schon allerhand weggebracht. Und ehe die Landser das Feld räumten, würden sie noch sämtliche Fahrzeuge vollstopfen. Aber viel Zeit war nicht mehr dazu. Wenn der Benzinzug nur erst mal losführe! „Das haben wir geschafft“, sagte Kleinschmitt. Er sagte es jetzt zum dritten Mal. Er war sehr unruhig, setzte energisch die Trillerpfeife an die Lippen. Die Eisenbahner tröpfelten nur langsam an, jeder beladen. Kleinschmitt brüllte: „Euch soll wohl der Iwan Beine machen!“ Von diesem Augenblick seines Lebens an war er abergläubisch und als er später wieder zum Denken kam, nahm er sich vor, niemals mehr, nicht einmal mit dem leisesten Gedanken, den Teufel oder den Iwan an die Wand zu malen. Denn in diesem Augenblick fauchte, blitzte und krachte es und ein Dutzend Granateinschläge spritzten im Bahnhofsgelände hoch. Die meisten Eisenbahner lagen auf der Nase, sprangen wieder auf. Wie sie nun laufen konnten! Irgend einer schrie: „Artillerie schießt zu kurz!“ Armer Irrer, dachte Normann, das sind nicht die unseren, das sind russische Batterien. Und nicht die leichtesten. Und sie schießen genau richtig. Für Augenblicke hofften sie alle, daß es nur ein vereinzelter Feuerüberfall sei, da krachte auch schon die zweite Lage in und um die Bahnhofsgebäude und Ruinen. Eine Ecke des Güterschuppens, vor dem der Spritzug stand, brannte. Der große Teil der Eisenbahner lief dem Westausgang des Bahnhofs zu, stolpernd, fallend, wieder aufspringend. Was sie trugen, entfiel ihren Händen, oder sie warfen es weg. Andere verschwanden in irgendwelchen Löchern, Gräben, zwischen Mauerresten, rannten wieder los, wenn sie sich verschnauft und die nächsten Einschläge gekracht hatten. „Raus!“ schrie Kleinschmitt. „Die Verwundeten mitnehmen!“ Die Stimme schnappte ihm über. Raus! war der innere Schrei jedes Eisenbahners. Zurück! In die Fahrzeuge und ab!
184
Manche liefen in ihrer Angst um das eigene Leben an Verwundeten vorbei, ließen die Schreienden liegen, andere aber holten sie, halfen ihnen, schleppten sie mit, atmeten auf, als sie zwischen die Abraumberge kamen und die Hölle hinter ihnen blieb. Da stand auch der Zug. Sie schafften die Verletzten auf Wagen, wo sie noch Platz finden konnten, kletterten dazu, russische Zivilisten dabei, Frauen, Männer. Sie enterten die Lok. „Mensch, fahr los!“ Hensch wußte nicht, sollte er fahren? Durfte er fahren? „Wenn du nicht fährst, werf ich dich 'runter und fahr selber!“ schrie ihn ein Unteroffizier an. „Auf was willst du noch warten?“ brüllte ein anderer. „Bis es bei uns hinten auch Zunder gibt und wir überhaupt nicht mehr durchkommen?“ Hensch fuhr langsam an. „Tempo! Tempo!“ drängten sie ihn. Nun wurde er aber fuchsteufelswild. „Nein!“ schrie er. „Oder soll der Zug entgleisen, ihr Simpel?“ „Er wird schon nicht“, drängte der Unteroffizier. „Halt's Maul! Fahren tu' ich!“ Er fuhr sehr vorsichtig, zumal nicht sicher war, ob das Streckenstück draußen inzwischen wirklich ganz fertig geworden war. Die größere Schar ging weiter, ruhiger jetzt; zwischen und in den steilen Abraumhalden und hinter ihnen waren sie geschützt. Mit ihren Kraftfahrzeugen würden sie wahrscheinlich rascher und sicherer aus der Gefahr herauskommen, überlegten sie. Aber diesen Racke, der ihnen das eingebrockt hatte, sollte der Teufel holen! Keuchend und wieder in Schweiß gebadet, kam der wohlbeleibte Kleinschmitt an. Er dachte dasselbe. Aber er war gerecht, er erinnerte sich, daß sie eine viertel Stunde vorher noch vortrefflicher Laune gewesen waren. Das war nun einmal so: Ging eine gefährliche Sache gut, war man hinterher froh und stolz auf sie und sich selber, ging sie schlecht, verfluchte man sie und den an ihr Schuldigen. Der Bahnhof war in einem dichten Schleier von Dreck und Rauch untergegangen. Man hatte keine Sicht mehr über das Bahngelände. Immer noch krachten und spritzten die Einschläge. Major Normann war grau vor Wut. Er knirschte mit den Zähnen. 185
„Es hat keinen Sinn, daß wir hier auf einen Volltreffer warten“, brüllte er seinem Häuflein zu. „Die Eisenbahner sind über alle Berge! Wir bringen den Spritzug nicht raus! Ich glaube, er brennt schon. Wir fahren an der Strecke zurück bis in den toten Winkel.“ Die MG-Männer auf den Dreckbergen waren trotz ihrer Jugend alte Hasen. Sie hatten schleunigst abgebaut und das Bahngelände nach dem Stadtrand abgeriegelt. Als gleich darauf die russischen Granatwerfer und Geschütze die Abraumhalden umzuwühlen begannen, grinsten sie und lauerten darauf, daß die russische Infanterie irgendwo auftauche. Sie tat ihnen nicht den Gefallen, statt dessen kam der Befehl, gewehrweise auf die Fahrzeuge zurückzugehen. Während auch Major Normann mit seinen Männern das Bahngelände verließ, rangierte Günther Racke in Dreck und Rauch und Gekrach und Gesplitter seine Lok vor den Spritzug. Als das Artilleriefeuer begonnen hatte und was Beine hatte getürmt war, hatte auch ihn der Drang gepackt, alles stehen zu lassen und sein Heil in der Flucht zu suchen. Aber vielleicht, hatte er überlegt, würde er gerade dann in sein Verderben rennen. Gegen einen Einschlag selber gab es nirgends Deckung und gegen Splitter war er auf dem Lokstand so gut oder so schlecht geschützt wie sonstwo. „Wenn aber inzwischen die Rangiergleise oder die Fahrstraße zusammengeschossen waren, dann gab es überhaupt keine Möglichkeit mehr, den Zug, dessentwegen alles unternommen, geschuftet und geblutet worden war, noch hinauszubringen. Also blieb er, fuhr in dem Lärm und Rauch und Gestank langsam weiter. Wenn er eine Weiche stellen mußte, wartete er jedesmal die nächste Serie ab, ehe er abstieg. Jetzt hatte er die Lok vor dem Zug. Der Schuppen brannte und der Flammenschein geisterte über die riesigen schwarzgrauen Kessel. Er schloß die Bremsluftschläuche zusammen; sonst waren sie gleich am Vormittag vom ersten bis zum letzten Wagen nachgesehen und dicht gemacht worden. Er schaltete krampfhaft jeden Gedanken aus und doch packte ihn die Furcht, daß die Lok oder die Fahrstraße in den letzten paar Minuten noch einen Treffer bekommen könnte, wie ein Fieber. Da kam es auch schon angeheult, krepierte nur wenige Meter seitlich voraus, fegte einen 186
der grotesken Heutürme zur Seite und verstreute ihn bis auf ein kleines Bündel in alle Winde. Vor Rackes verblüfften Augen begann dieses Bündel, eine Puppe aus Heu, sich zu bewegen. Aber es war keine Puppe, sondern ein Mensch, und dieser Mensch zerrte mit zornigem Gebrumm an dem Heu herum, in das er eingewickelt war, und kam dann geradenwegs auf Racke zu. Es war Bunz. „Mach' kein so dummes Gesicht!“ brummte Bunz. „Was ist hier eigentlich los?“ „Ich dachte, du wärest dein Geist“, flüsterte Racke und fügte, noch immer fassungslos und nur gehaucht hinzu: „Mensch — Karl!“ Jetzt machte Bunz ein dummes Gesicht, aber zu Erklärungen war keine Zeit. „Später“, sagte Racke. „Erst den Zug raus! Ich glaube, die Wehrmacht ist auch schon weg und wir haben gleich den Iwan auf dem Hals.“ Das schien Bunz keine Sorge zu machen. Er sah sich seelenruhig um und sagte: „Sieht ja niedlich aus hier. Hab wohl alles verschlafen? Mensch, das war komisch, kann ich dir sagen! So scheußlich hab ich's noch nie heulen hören. Dann hat's fürchterlich gekracht und mich aus der Lok herausgerissen und in eine dicke Wolke von Heu gewickelt. Ich dachte, ich ersticke. Von da an weiß ich nichts mehr. Wo ist denn der Zug hingekommen?“ Hinten am Lokschuppen krachte es, spritzten die Einschläge hoch. „Den hat Hensch rausgefahren. Mit einer neuen Lok.“ „War die andere beschädigt worden?“ „Zerdrückt, wie wenn sie aus Pappe gewesen wäre.“ „Und der Russe?“ „Auch. Und wir dachten natürlich —“ Er sprach nicht aus, was sie gedacht hatten. Bunz starrte eine Weile ins Leere, dann stieg er auf die Lok. Ein paar Kugeln pfiffen. Sie deckten sich, konnten aber nicht feststellen, wo die Schützen steckten. „Kannst du den Zug allein fahren?“ fragte Racke. „Komische Frage. Ist doch klar.“ „Dann schau zu, daß du ihn rasch rausbringst.“ „Und du?“ 187
„Ich bringe den Proviantzug.“ „Du bist verrückt. Den lassen wir stehen. Oder willst du dir unbedingt eine verpassen lassen?“ „Nicht unbedingt.“ „Und mit der defekten Lok? Du fährst mir auf der Gefällstrecke in den Arsch.“ „Nein. Ich lasse dir für alle Fälle genügend Vorsprung, aber ich würde mir den Arsch rausreißen, wenn wir den Haufen Fressen daließen.“ Es pfiff wieder und peitschte in der Gegend umher. „Gut. Wir nehmen ihn mit. Aber dann fährst du den Sprit und ich —“ Racke unterbrach: „Quatsch nicht so viel! Der Spritzug muß unter allen Umständen zurückkommen, also fährst du ihn. Hau ab!“ Bunz sagte nichts mehr. Es hätte auch keinen Zweck gehabt, Racke lief schon weg, war gleich darauf zwischen den Leerzügen verschwunden. Bunz horchte noch einen Augenblick, wartete darauf, daß Schüsse fielen. Es blieb alles still. Er fluchte leise auf den Freund. Aber der Fluch war wie ein Gelübde: „Wenn dir etwas passiert, schlage ich den ganzen Himmel zusammen. Er stellte die Steuerung ein, öffnete behutsam den Regler; es war nicht leicht, mit einer fremden Lok ohne Geruck und Gezerr und wildem Gekeuch 800 Tonnen anzufahren. Der Dampf strömte in die Zylinder, bewegte die Kolbenstangen, die Räder begannen sich zu drehen. Bunz griff wieder nach der Steuerung, noch eine kleine Drehung, dann wieder zurück. Noch einmal der Regler, ein wenig mehr auf. Er fühlte sich ein. Ohne viel Lärm kam der Zug ins Rollen. Er hörte die Räder über die „Weichen hacken, dann glitt die Kesselschlange über das Ausfahrtsgeleise. Aus der Lok pufften weiße Dampfballen wie Flakwölkchen. Er hörte es hinten knallen und klingen, Stahl auf Stahl oder Eisen. Er wußte nicht, galt es ihm oder Racke. Er wußte nicht, daß Kugeln in den letzten Kessel schlugen, andere vom Fahrgestell abprallten; es war auch belanglos. Hinten waren die drei leeren Wagen; sie hatten sie absichtlich nicht abgehängt. Der Spritzug 188
bog nach drei Minuten in die erste Kurve, war im tiefen Tal der Abraumberge den Feindwaffen entzogen. Und eigentlich bin ich ein Rindvieh! dachte Bunz und verlachte sich selbst: mit Herz und Hand fürs Vaterland! Damit ihm irgend eine Etappensau, die im Krieg mehr vom Leben hatte, als im Frieden und in ihrem nun mit Kommiß-Machtrausch gepaarten, akademisch erworbenen Eigendünkel schier platzte, gelegentlich wieder zu Strafkompanie verurteilte. Wenn auch er jetzt als blutiger Brei zwischen dem Lokschrott klebte, wäre das nur die verdiente Strafe für seine charakterlose Dummheit! Aber er hatte es ja nicht für die dreckige Sippschaft getan, die sich wie zu allen Zeiten an den Futterkrippen des Staates breit machte und für seine ‚heiligsten Güter' den kleinen Mann fallen ließ! Er hatte es für den Freund getan. Günther hatte zwar nicht darüber gesprochen, aber er wußte von daheim, daß er ihm die Rettung aus der Strafkompanie zu verdanken hatte. Und seinetwegen fuhr er jetzt nicht mit Volldampf die ersten hundert Meter Behelfsgleise gleich wieder in Grund und Boden, sondern schmeichelte über sie hin, als wären sie aus Porzellan. Günther Racke hatte sich zwischen den Trümmerhaufen und Leerzügen durch nach den Russen umgesehen. Sie hatten sich offenbar noch nicht in das Bahngelände selbst hereingewagt. Wahrscheinlich trauten sie dem Frieden nicht, sie fürchteten eine Falle. Es schien auch, als knurrten draußen noch die Panzer herum. Das letzte Stück zur Lok mußte Racke ohne Deckungsmöglichkeit zurücklegen. Die Sonne war untergegangen, aber er konnte nicht warten, bis es vollends dunkel war. Er schöpfte tief Atem, dann lief er. Als die ersten Schüsse fielen, warf er sich nieder, sprang nach Sekunden wieder auf. Er schlug Haken, machte einen regelrechten Kasernenhofsturmangriff auf die Lok. Vielleicht hätte er es als Eisenbahner nicht gewagt, wenn er nicht als Frontsoldat gewußt hätte, daß längst sämtliche Armeen auf beiden Seiten begraben wären, wenn jede Kugel träfe. Aber sein Herz schlug wie mit Hämmern, als er endlich auf der Lok stand. Und doch auch freudig, vertrauend. In periodischen Stößen zischte Dampf aus dem Ventil. Er riß die Feuertüre auf. Helle Glut strahlte ihm 189
entgegen. Es konnte nicht fehlen. Auch die Maschinenpistole und die Handgranaten in der Ecke gaben ihm jetzt mehr Sicherheit. Racke mußte noch ein paarmal herunter. An den Weichen und dann, um den Zug anzuhängen. An den Weichen ging alles gut. Er stellte sie hinter der Lok gleich für die Ausfahrt. Er wunderte sich, es knallte nicht ein einziges Mal. Es war allerdings auch kaum noch Büchsenlicht. Der Artilleriebeschuß hatte jetzt ganz aufgehört. Die Dreck- und Rauchfahnen hatten sich gelegt. Die Gleise, die er brauchte, hatten keinen Treffer erhalten, obgleich das Bahngelände mit frischen Trichtern übersät war. Er konnte die Lok im Schutz abgestellten Leermaterials auf den Proviantzug stellen. Als er abstieg, um sie anzukuppeln, sah er hinten beim Lokschuppen einen ganzen Schwarm Russen vorstürmen. Er kroch zwischen Tender und Wagen, legte den Bügel in den Haken und zog die Schraubenkupplung fest. Da gab es in nächster Nähe einen Feuerschein mit Gekrach. Die Mütze wurde ihm weggerissen, glühendes Eisen fuhr ihm über die Stirne, über die Schulter, in den Schenkel. Das war eine Handgranate. Karl, dachte er, du hast doch recht gehabt: es war Blödsinn. Er fühlte das Blut strömen, es lief ihm in die Augen, über das Gesicht. Es lief ihm über den Rücken herunter. Gut — wenn er das fühlte, konnte es nicht so schlimm sein. Dieser Gedanke und zugleich die Vorstellung von dem, was mit ihm geschah, wenn er in die Hände der Russen fiel, bewahrten ihn davor, sich aufzugeben und liegen zu bleiben. Seine Willenskraft ballte sich zusammen, entriß ihn der Schwäche, die ihn umfangen wollte. Er wankte zur Loktreppe vor, zog sich hinauf, griff mechanisch nach einer Handgranate, zog mit den Zähnen ab, schluckte das Blut, das ihm in den Mund lief und warf sie auf der einen, zog eine zweite ab und warf sie auf der anderen Seite hinaus, steuerte vorwärts, packte den Regler, hörte Dampf zischen, die Räder rollen, Kupplungen klirren, Wagen rucken, hörte den stoßweisen hohlen, rascher werdenden Atem der Lok — — Gebrüll erschallte hinter ihm, Geknall begleitete den Zug noch ein Stück weit. Das hörte er nicht mehr. Seine Hände hatten den Regler losgelassen, er war niedergesunken.
190
Führerlos polterte der Zug über die Weichen, gefährlich schlingerten die letzten Wagen, in der Ausfahrgeraden nahm er rasch an Geschwindigkeit zu, eine lange weiße Dampfwolke über sich herziehend. Wolf Dieter Racke kam auf der Draisine zurück. Er zerrte sie von den Schienen, um den Zug, den Hensch führte, vorbeizulassen. Vergnügt rief er hinauf, staunte nur, daß so viele Eisenbahner auf dem Führerstand waren. Da sah er auch schon die LKW der Pioniere kommen, lief zu ihnen hin, sah die Verbände. „Was ist denn los?“ „Die Russen schießen den Bahnhof zusammen.“ „Und der Spritzug?“ „Der mußte zurückbleiben.“ „Wo ist mein Bruder?“ Sie wußten es nicht. „Und der Major?“ „Die sind auch zurück. Schlagen sich da hinten auf allen Seiten mit den angreifenden Russen herum.“ Wahrscheinlich ist Günther bei Normann, dachte Wolf. Er hob seine Draisine wieder auf die Schienen und fuhr weiter. Nun hatte er die zwei Kilometer lange Steigung hinter sich und war bis kurz vor die Abraumkegel gekommen, deren Spitzen bereits in der einbrechenden Dunkelheit verschwammen. Da spürte er durch die Draisine hindurch an der Vibration des Bahnkörpers, daß noch ein Zug im Anrollen war. Das konnte nur — Er wollte seinen Sinnen nicht trauen. Aber dann erfaßte ihn ein heißes Gefühl der Freude. Das war Günther! Günther brachte den Brennstoffzug! Wieder hob er sein Fahrzeug von den Schienen, stellte es zur Seite. Der Zug tauchte auf. Die großen Kesselwagen wurden sichtbar. Er riß die Mütze vom Kopf, wedelte lebhaft mit ihr in der Luft herum. Ohne ihre Geschwindigkeit zu verringern, kam die Lok daher. Warum hing Günther nicht aus dem Fenster? Er hatte ihn doch trotz der Dunkelheit sehen müssen! Jetzt war die Lok da, erdrückend gewaltig, donnerte vorbei. Da stand auch einer am Fenster und hob kurz den Zeigefinger an die 191
Stirn überm Auge, weil er keine Mütze auf hatte. Aber das war doch nicht Günther! Bunz?! Wolf Racke riß den Mund auf. „Sie sind doch tot?“ wollte er brüllen, nahm aber trotz seiner Verblüffung die gegenteilige Tatsache zur Kenntnis und schrie statt dessen: „Wo ist Günther?“ Schon war auch der Tender vorbei. Sicher hatte Bunz die Frage nicht verstehen können, aber er schien sie ihm vom Munde abgelesen oder als selbstverständlich erwartet zu haben, er winkte immer wieder lebhaft mit dem Arm nach hinten, riß auch den Mund auf. Zweifellos brüllte er etwas, aber Wolf konnte nichts verstehen, die Kesselwagen machten einen gräßlichen Lärm. Auf jeden Fall: Günther war noch nicht vorbei, also würde er feststellen, wo er steckte. Er hob die Draisine wiederum auf die Schienen und summte weiter. Auf beiden Seiten und auch aus der Richtung des Bahnhofs hörte er Gewehr- und MG-Geknatter. Nun war's schon so dunkel, daß er sogar Mündungsfeuer sah und gleich darauf blitzten Abschüsse aus größeren Rohren. Das mußten, dem Donner nach, die Panzer sein. War es nicht sinnlos, weiterzufahren? Der Gefechtswagen Normanns krebste ja auch irgendwo im Gelände herum und kam nicht auf den Schienen daher! In zehn Minuten würde man nichts mehr sehen und dann rollte der Sonderführer Racke wahrscheinlich geradenwegs dem hocherfreuten Iwan in die Arme. Wolf war entschlossen, umzukehren, da hörte er nahendes Motorgeräusch; es kam auf den Bahndamm zu. Nun sah er auch das Fahrzeug auftauchen. Es war Normann. Schon von weitem rief er herüber: „Jetzt sagen Sie bloß, war das nicht der Spritzug?“ „Jawohl, Herr Major!“ „Donnerwetter! Das ist ja großartig!“ Der Wagen war da und hielt. Günther war nicht dabei. „Da hat ihn Ihr Bruder doch noch herausgeholt! Ich dachte, er wäre auch schon über alle Berge.“ „Und ich dachte, ich träfe ihn bei Ihnen“, sagte Wolf. „Den Benzinzug fährt nämlich nicht mein Bruder, sondern Bunz.“ „Erzählen Sie keine Auferstehungsmärchen!“ 192
„Ich habe ihn an Stelle meines erwarteten Bruders mit eigenen Augen gesehen. Wissen Sie, wo mein Bruder sein könnte?“ „Wenn er den Zug nicht fährt, ist er sicher mit den Eisenbahnpionieren zurückgefahren.“ „Nein“, sagte Wolf kurz. „Bei denen ist er nicht.“ „Sie meinen — “ fragte Normann zögern — „er ist noch — da hinten?“ „Ich kann mir nichts anderes denken.“ Normann runzelte die Stirne. „Im Bahnhof sind die Russen“, sagte er langsam. „Ich habe bereits das Feuer der Mörser angefordert, daß sie vollends zusammenhauen, was noch ganz ist.“ „Ich will versuchen, ihn zu finden“, sagte Racke. „Das hat keinen Sinn. Sie haben nicht die geringste Aussicht auf Erfolg. Wenn Ihr Bruder gefallen oder verwundet im Bahnhof geblieben ist, können Sie ihn nicht mehr holen. Sie begehen Selbstmord, weiter nichts.“ „Wenn er noch lebt?“ „Dann haben ihn die Russen schon weggebracht.“ Racke überlegte. „Er kann sich auch fortgeschleppt haben und irgendwo am Bahnkörper liegen geblieben sein. Ich fahre, so weit es eben möglich ist.“ „Tut mir leid, daß wir das nicht machen können. Unsern Kasten hört der Iwan von weitem und ehe wir daran denken, sind wir abgeschossen. Ich gebe Ihnen aber ein LMG mit.“ Unaufgefordert packten zwei Männer Spritze und Trommeln und stiegen zu Racke auf die Draisine. Er zeigte ihnen für alle Fälle, wie man sie fuhr. Leise summten sie weiter. Obgleich die Abraumhalden näher kamen, wurden sie immer undeutlicher, so rasch wurde es ganz Nacht. Ihre Augen suchten voraus und zu beiden Seiten unablässig den Bahnkörper ab. Manchmal dachten sie, hier liegt einer, dann waren es alte Schwellen oder Schienenstücke. Man vernahm links und rechts in der Ferne Kampflärm; rückwärts, die Hauptkampflinie entlang, lief Gerassel und Gemurr in immer neuen Böen. Dann hörten sie jene sanften Abschußlaute, die sie vom Nachmittag her kannten. Die Mörser. 193
Sie zählten langsam die Sekunden, bis das Jaunern der schweren Geschosse über ihnen war und in das wilde Geheul des steilen Absturzes überging. Die Abraumhalden vor ihnen fingen das Einschlaggetöse dahinter ab, aber sie wußten, daß der Bahnhof und alles, was sich dort noch befand, in kurzer Zeit nur noch ein brennendes, qualmendes Trümmerfeld sein mußte. Sie waren hinter der Hundertmeterflickstelle angekommen, wo die Strecke sich sanft in die Doppelkurve zwischen den Bergkegeln zu neigen begann, da vernahmen sie das neue Geräusch. Alle drei stutzten. Ein Zug kam. Sie sahen sich fragend an. Aber es konnte kein Zweifel sein. Günther! durchfuhr es Racke wie ein Schreck. Er hielt. Ohne ein Wort stiegen sie ab, zerrten die Draisine zur Seite. Das schwere Keuchen der Lok, das singende Rauschen der Räder auf den Schienen kam so langsam näher, daß sie dachten, der Zug wird jeden Augenblick stehen bleiben. „Es können auch Russen sein“, meinte der eine Landser. „Sicher“, spottete der andere. „Die bringen uns jetzt den Proviantzug, weil wir Hammel ihn stehen ließen.“ Man sah Funkenbüschel sprühen, dann tauchte darunter der schwarze Koloß aus dem Dunkel. Er hatte die Steigung hinter sich, sein Atem wurde rascher, leichter. Racke ging ihm entgegen. „Hallo! Günther!“ schrie er. Es kam keine Antwort, so oft er auch schrie. Er trat ein paar Schritte zur Seite, um besser in den Führerstand sehen zu können. Brüllte. Niemand zeigte sich. Er lief mit, brüllte wieder. Der Fensterausschnitt blieb leer. Der Zug wurde rascher. Er spürte den heißen Leib der Lok, den Dampf, der aus den Zylindern zischte. Da stimmte was nicht! Er mußte hinauf. Je länger er wartete, um so unmöglicher wurde es. Er schrie den Landsern im Vorbeihasten zu: „Fahrt mit der Draisine nach!“ Auf diesem Bahnkörper zu laufen, war allein schon Akrobatik. Nur mit Mühe hielt er sich neben der Lok. Seine Augen suchten nach den Treppengeländerstangen. Er spurtete, fühlte den Sog der Eisenmasse. Wenn er dagegenprallte, schleuderte es ihn unter die Räder. Er klammerte sich mit den Augen an der 194
vorderen Griffstange fest, stieß den Arm vor, packte zu, fühlte den Ruck, bewegte die Beine, so schnell er konnte, packte die hintere Griffstange, stieß sich mit den Füßen ab, zog wie beim Klimmzug die Arme an, zugleich die Knie hoch, stieß sie heftig an, tastete mit den pendelnden Füßen und stand im nächsten Augenblick auf dem untersten Tritt. Sein Atem flog und kalter Schweiß stand auf seiner Stirne. Nun brauchte über dem Türchen nur ein Russe aufzutauchen und ihm den Gewehrkolben über den Schädel zu hauen. Vielleicht war der Gedanke lächerlich, denn wenn Russen droben wären, hätten sie ihn die Maschine gar nicht erst entern lassen. Dennoch zog er die Pistole und schob den Kopf nur langsam hoch, bis er in den Führerstand hineinsehen konnte. Beim Iwan mußte man mit dem Unerwartesten rechnen. Wolf Racke sah den Bruder liegen, kniete im nächsten Augenblick neben ihm, umfaßte seine Schultern, hob seinen Kopf, starrte in das blutüberströmte Gesicht. Tot? Kalter Zorn überlief ihn. Er betastete ihn, faßte die Hände. Nein, das war nicht das Gesicht eines Toten, das waren nicht die Hände eines Toten. Günther lebte. Zunächst mußte der Zug seine Geschwindigkeit verringern. Er war schon auf der Gefällstrecke. Er verstand zwar nichts von einer Lok, hatte sich nie um ihre technischen Einzelheiten gekümmert, aber daß da ein Hebel war, mit dem man die Zufuhr des Dampfes regulierte, wußte er. Und daß man einen Zug mit einer Luftdruckbremse abbremste und zum Stehen brachte, wußte er selbstverständlich auch. Als er aber nun diese Unzahl von Hebeln, Griffen und Griffchen, Rädern und Rädchen und Apparaten sah, erschrak er. Er nahm die Taschenlampe zu Hilfe, erfaßte instinktiv, daß es sich beim Regler um den langen Hebel handeln mußte, und bewegte ihn langsam. Das Dampfgepruste aus dem Kamin, das Zischen der Zylinderkolben wurde rasch schwächer, hörte allmählich ganz auf. Die Geschwindigkeit wurde geringer. Na also! dachte er. Das wäre ja auch gelacht! Er hätte gar nicht geglaubt, daß es ihm gelingen würde, die Kraft des Zuges zu bändigen. Die Bremse würde er gar nicht brauchen. Nach dem Gefälle auf der ebenen Strecke würde der Zug ohnehin zum
195
Stehen kommen, wenn er den Regler nicht wieder öffnete, um ihn gleich noch bis Dschingiskaja zu bringen. Wolf Racke sah wieder nach dem Bruder. Er zog den Mantel aus — es war warm genug hinter dem Kessel — und legte ihn unter Günthers Kopf. Dann aber richtete er sich schleunigst wieder auf. Die Räder rollten wieder rascher. Die Fahrgeschwindigkeit nahm erneut zu. Er mußte bremsen. Aber welcher von den vielen Griffen war der richtige? „Was geschah, wenn er falsche Hebel bewegte? Eigentlich war man kein Eisenbahner, wenn man keine Lok fahren konnte, dachte er und bedauerte, bisher so wenig Interesse dafür gehabt zu haben. Aber etwas zu bedauern, war sinnlos, weil man ja eben erst bedauerte, wenn es zu spät war. Es mußte befohlen werden, daß jeder Fronteisenbahner Lokfahren lernte. Er versuchte es hier, versuchte es dort, löste alles mögliche Gezisch und Geschürche aus, aber keine Spur von Bremswirkung. Mittlerweile fuhr der Zug mit mindestens 40 Stundenkilometern. Noch 3.000 Meter, dann kam die große Streckenbaustelle und er wußte nicht, ob sie inzwischen fertig geworden war. Wenn nicht, dann standen da zwei Züge und der hintere war der Spritzug. Günther mußte aufwachen, sonst war der Zug verloren. Wenn es ihn nicht vorher aus den Schienen warf, raste er in fünf Minuten in den Spritzug hinein, dann war die Katastrophe vollkommen. Und dann kamen die, die es nachher schon immer vorher besser gewußt hatten! Die sich mit dem Unternehmen gebrüstet hätten, wenn es geglückt wäre, nun sich aber entrüsteten, daß es ein Verbrechen gewesen sei, und über den Schuldigen herfielen, diesen irrsinnigen Eisenbahner! Ihn am liebsten lynchen würden, wenn er noch am Leben wäre! Vorsichtig hob Wolf des Bruders Kopf wieder hoch. Ja, er atmete. Er faßte seine Hände und schüttelte sie leicht, rief ihm ins Ohr: „Günther, du mußt aufwachen!“ Günther rührte sich nicht. Wolf nahm den Eimer, in dem noch Wasser schwappte. Er erschrak über das Tempo des Zuges, über das Schlingern der Lok, das Gepolter. Er spritzte dem Bruder aus der hohlen Hand
196
Wasser ins Gesicht, immer wieder, tauchte seine Hände in den Eimer. Günther stöhnte, schlug die Augen auf, aber es war kein Ausdruck in ihnen. „Günther!“ drängte Wolf, „steh auf, du mußt den Zug abbremsen!“ Günthers Augen fielen wieder zu. Wolf griff verzweifelt nach anderen Hebeln. Ein gellender Pfiff fuhr ihm selber in die Knochen. Um Gotteswillen, das hörten auch die Russen! Sicher würden sie jetzt die Bahnlinie unter Feuer nehmen! Günther war hochgefahren, sackte stöhnend wieder zusammen. Wolf nahm den Eimer, goß dem Bruder rücksichtslos Wasser über den Kopf. „Günther! Wach auf! Halte den Zug an! Er entgleist! Die Bremse funktioniert nicht!“ Er packte ihn unter den Armen, richtete ihn hoch, hielt ihn aufrecht vor das Gewirr von Hebeln und Apparaten. „Bremsen! Günther! Bremsen! Wir rasen in den Spritzug!“ Günther hob die Hand, faßte wie im Schlafe den Griff des Ventils der Zusatzbremse, bewegte ihn langsam. Bremsklötze kreischten. Er murmelte etwas. Wolf verstand es nicht, so lärmend begannen die Kupplungen zu klirren, die Puffer zu prallen, die ganze Wagenkette zu rumpeln und zu rasseln. Langsam verebbte der Krawall, ließ das Gerüttel nach, der Zug fuhr ruhiger und er wurde fühlbar langsamer. Die Gefällstrecke mußte schon hinter ihm liegen. Aber noch immer neigte sich die Lok manchmal so stark zur Seite, daß Wolf fürchtete, sie werde kentern. Manchmal stieß sie heftig auf und nieder, als führe sie über Löcher oder Höcker. Wolf Rackes Atem ging allmählich ruhiger und seine Sinne nahmen auch wieder andere Eindrücke auf. Zu beiden Seiten wurde heftig geschossen. Überall stiegen Leuchtkugeln in die Nacht, sanken langsam nieder, ihr gespenstisches Licht verbreitend, schwarze Silhouetten tauchten auf, versanken wieder. Und hoch über dem Zug zogen mit geisterhaftem Heulen Granaten ihre Bahn. Hinüber, herüber. Er sah sie manchmal, wenn sie aufglühten. Jetzt krachten auch schwere Einschläge 197
unweit hinter ihnen. Die Russen beschossen nun tatsächlich den Bahnkörper. Und dann erschrak Wolf Racke noch einmal. Unweit voraus tauchte im Scheine einer Leuchtkugel ein großer schwarzer Schatten auf, versank wieder in der Nacht. Kesselwagen! „Günther!“ schrie Wolf. „Günther! Der Zug hält noch nicht! Wir prallen auf!“ Günther rührte sich stöhnend, versuchte aufzustehen. Wolf mühte sich, ihn hochzuziehen. Da hörte er ein Geräusch hinter sich, fuhr herum. Es war Bunz. Bunz grinste. Er hatte den Wurfhebel für die Tenderbremse umgelegt. Griff nun nach der Steuerung, drehte das Rad flink auf Rückwärtsgang, öffnete den Regler und den Sandstreuer. Eine Loklänge vor dem Spritzug kam der Proviantzug zum Stehen. Bunz war nach dem Signal, das Wolf wider Willen ausgelöst hatte, dem Zug entgegengelaufen, weil er ihm nicht hatte davonfahren können. Noch zwei Paar Schienen fehlten da vorne. Es war ihm gelungen, auf die Loktreppe zu springen. Vorne wurden die letzten Schrauben angezogen. Der Schienenweg war fertig. Wenige Minuten später rollten in kurzen Abständen zwei Züge langsam Dschingiskaja zu. Der Proviantzug war an den Spritzug angehängt worden. Dort, wo sie gewartet hatten, wühlten russische Granaten zehn Minuten später den Bahnkörper um. Aber die Räder rollten und immer weiter blieb die donnernde Front hinter ihnen zurück.
198
9. KAPITEL
Günther Racke lag in dem schmalen, weißen Lazarettfeldbett und starrte auf die Decke über sich, als sähe er durch sie hindurch der Schöpfung mitten ins Herz. Auf seinen Zügen lag die Heiterkeit eines stillen Glücklichseins. Da war es wieder, das Leben! Und da war auch wieder jenes seltsame Empfinden, daß ein unsichtbares, überirdisches Wesen schützend die Hand über ihn halte. Als hätte Gott, an den er glaubte, nicht einer Lehre, sondern einfach der eigenen inneren Stimme wegen glaubte, einen Schutzengel an seine Seite gestellt. Er wußte, daß die, trotz ihres offiziellen Bekenntnisses zum Christentum geistig kalte, der Seele feindliche moderne Welt des Intellekts sein Empfinden lächerlich finden würde, er aber fühlte sich in ihm geborgen, als hätte er selbst Gott geschaut von Angesicht zu Angesicht und aus seinem Munde die Worte vernommen: „Fürchte dich nicht, denn ich bin bei dir alle Tage, bis an der Welt Ende.“ Dabei war er sich ganz klar, daß auch ihm einmal die Stunde schlagen würde, aber der Tod war für ihn kein Ende in Finsternis und Qual, kein Tor zu einer Hölle, sondern die Rückkehr in den ewig zeugenden, empfangenden und gebärenden Schoß des Alls. Der Anfang eines neuen unbekannten Lebens in einer neuen unbekannten Form. Vielleicht auf einem anderen der ungezählten Sterne Gottes. Ihm war das Leben noch immer das gleiche unlösbare Rätsel wie in seinen Knabenjahren. Einfach war es nur für den, der in seinem ständigen Kampf, es zu erhalten oder seinem unablässigen Streben, es mit möglichst viel Hab und Gut, Unterhaltung und Vergnügen anzufüllen, nicht dazu kam, über es nachzudenken. Das Rätsel des Seins aber, das Unbegreifliche und Unerforschliche der ewigen Verwandlung ängstigte und bedrückte ihn nicht. Es war verbunden mit dem großen Gefühl: einmal wirst du alles sehen und erkennen. 199
Seit er nach dem Spritzugunternehmen auf dem Truppenverbandsplatz bei der Tetanusspritze aus seiner Ohnmacht aufgewacht war, erfüllte ihn dieses stille Glücklichsein. „Wie damals, als er durch Griechenland und Serbien in die Heimat gefahren war, als Urlauber und dann mit dem zerschlagenen Arm. So und noch stärker. Dreizehn Löcher hatten sie ihm verbunden und dann hatte ihn Wolf Dieter in seinem Dienstwagen mit vorgespanntem SchienenL.K.W. gleich bis Poltawa ins Lazarett gefahren. Die „Wunden waren an sich nicht lebensgefährlich gewesen, hatten aber trotz operativer Entfernung vieler Handgranatensplitter und Stoffstückchen hartnäckig geeitert. Wochenlang hatte man die Wunden offenhalten, durch Glasröhrchen den Eiter ableiten müssen und immer wieder waren neue Splitter und Splitterchen ausgestoßen oder entdeckt und beseitigt worden. Anfängliches hohes Wundfieber hatte ihn hart mitgenommen und, wenn man es schon überwunden glaubte, immer wieder befallen. Nun konnte er endlich auch wieder auf dem Rücken liegen, der am meisten abbekommen hatte, und heute nach der Mittagsruhe durfte er zum ersten Male aufstehen. Das linke Bein war aber noch an eine Schiene bandagiert und er würde bis auf weiteres am Stock gehen müssen. Das Lazarett war überfüllt gewesen. Wolf Dieter hatte durch persönliche Bekanntschaft mit einem der Ärzte erreicht, daß ein kleiner, einfenstriger Nebenraum im obersten Stockwerk, der als Abstellkammer gedient hatte, frei gemacht und sein Bruder provisorisch darin untergebracht worden war. Als es dann möglich gewesen wäre, ihn in einen der Säle zu verlegen, hatte er inständig darum gebeten, bleiben zu dürfen. Es verlangte ihn nicht nach Gesellschaft. Das Alleinsein war ihm ein Labsal, die Stille um ihn eine Quelle der Gedanken und Träume. Anfänglich hatten ihm zwar Schmerzen viele Stunden schwer und lang gemacht, aber kein Tag und keine Nacht hatten ihn mit Langeweile geplagt. Was mochten die Kollegen in Nowy Wiezyczy inzwischen erlebt haben? Wie mochte es um Glücks seelische Verfassung bestellt sein? Brauchte man wirklich keine Sorge mehr um ihn zu haben?
200
Und von dem Kleeblatt schweiften seine Gedanken zu Jendik und zu dem Mädchen im Moor, das in seinen Kinderaugen schon den Ausdruck der Illusionslosigkeit und seelischen Enttäuschungen des Alters und die Müdigkeit des Hungerns hatte. Immer wieder tauchte ihr Bild so vor ihm auf, wie er sie eine Minute lang gesehen hatte, knabenhaft mager und doch mädchenhaft verwirrend, und immer verscheuchte er es scheu in einem leichten inneren Erröten vor dem Bilde Evas. Er empfand auch den Unterschied zwischen jenem Mädchen und der Geliebten und die Quelle der leisen Unruhe in seinem Blute: Hier die in ihrer Vollkommenheit ruhende Dreieinigkeit von Körper, Geist und Seele, zu der er aufsah und die seine Sehnsucht nach Eva, seine ganze Liebe so licht und schön machte, wie sie selber war, und dort das junge Geschöpf, verlangend nach Licht, Wärme, Zärtlichkeit, näher noch dem triebhaft Ursprünglichen und in einen fast tierhaften Kampf ums Dasein mit der Natur und menschlichen Feinden verloren. Günther Racke hatte aber auch seine Aufgabe nicht vergessen. Er begleitete im Geiste Wolf Dieter auf seinen Fahrten, verfolgte die baulichen und betrieblichen Fortschritte im Streckennetz der Direktion und auch die Rückschläge, Auswirkungen des endgültigen Wintereinbruchs, feindlicher Fliegerangriffe und Kampferfolge, von denen ihm Wolf Dieter bei seinen kurzen Besuchen in Poltawa erzählte. In Charkow war in den ersten Dezembertagen so hoch Schnee gefallen, daß man von Quartier zu Quartier Gräben schaufeln mußte. Sobald das Fieber gewichen war, ging Günther an die Sichtung seiner Notizen und ihre Ausarbeitung, an die Gestaltung der Erlebnisse und Erfahrungen zu jener Kriegschronik der stählernen Straßen, die zu schreiben der Erste Eisenbahner des Reiches ihm aufgetragen hatte. Seine Ausbeute auch an Anekdoten, die den Vorzug hatten, wahr zu sein, an teils betrüblichen, teils erfrischenden Begebenheiten, mehrte sich von Tag zu Tag. Die blauen Kollegen der Eisenbahnbetriebsdirektion Poltawa besuchten ihn. Sie hatten mancherlei darüber zu klagen, daß sie von der Wehrmacht häufig nicht für voll genommen, über die Achsel angesehen wurden. 201
Aber da war auch mancher Dienstvorsteher und Amtsvorstand, der Haare auf den Zähnen hatte. Kam zum Beispiel ein Oberrat und Maschinenamtsvorstand, ein kerniger Niederbayer aus der Passauer Gegend, als es Winter wurde zu einem Ortskommandanten, einem Rittmeister von Kinkerlitz oder so ähnlich und erklärte: „Jetzt brauchma Haisa für unsre Leit!“ Worauf ihn der elegant beuniformte Offizier aus nördlichem Gau etwas von oben herab belehrte: „Wat heeßt hia Häusa für unsere Leute? Sie wollen woll saachen: Sie benöt'chen Unterkünfte for Ihre Männa!“ „Jo, Haisa brauch' ma holt bei dera Koit'n!“ Der Rittmeister gab es vernünftigerweise auf, die Ausdrucksweise des Beamten auf militärische Form umschulen zu wollen, aber er fragte: „Wieso brauchen Sie überhaupt Unterkünfte? Sie haw'n doch Waggons!“ „Sie!“ antwortete der Oberrat, „dees is a saudumms G'red. Des is grad so, wie wann i sag'n tät: Was brauch'n denn Sie a Roß, Sie hamm ja so scheene Stiefel!“ Eines Tages erhielt Günther den Besuch eines auf äußeren Augenschein hin ziemlich originell anmutenden Mannes. Er war sehr klein von Gestalt und auch nicht mehr der Jüngste, trug Raupenschulterstücke und statt Pistole zur langen Hose den Dolch. Das war Oberrat Lob, der Leiter der Werkstättenabteilung der Feldeisenbahndirektion 3. „Ich hörte durch Ihren Bruder von Ihnen“, sagte er. „Ich will Sie über den Einsatz meiner vier Werkstättenämter unterrichten. Sie haben eine große Aufgabe; ich will Ihnen helfen.“ Günther wurde ganz heiß vor Freude. Das gab es, daß ein Oberrat zu einem kleinen Inspektor kam und mit ihm redete, als wäre er seinesgleichen! Die Orte solcher Werkstätten zu erfahren, war mühselig gewesen. Man hatte einheimische Ingenieure, soweit man sie ausfindig machen konnte, befragt, auch Gefangene ausgehorcht und aus den Akten der Eisenbahndirektion Lemberg einiges erfahren, aber die Angaben widersprachen sich häufig und waren teilweise falsch. Vielfach lagen die Gebäude ganz oder teilweise in Trümmern oder waren ausgebrannt. Maschinen, Stoffe, Ersatzteile, Werkzeuge waren unter Trümmern und Brandschutt 202
begraben; nur das Wenigste davon konnte in wieder tauglichen Zustand versetzt werden. Was an Ausbesserungswerken baulich in brauchbarem Zustand geblieben war, besaß meist keine Einrichtung mehr. Dennoch war es bisher gelungen, 12 Eisenbahnausbesserungswerke, 4 Fahrzeugfabriken, eine Fabrik für Weichen und eine Fabrik für Oberbaubedarf einigermaßen in Ordnung zu bringen und in Betrieb zu nehmen. Man hatte außerdem 30 Fabriken erkundet, die Eisenbahnbedarf gefertigt hatten oder dazu herangezogen werden konnten oder Stoffe und Maschinen besaßen, die für die Eisenbahnwerke benötigt wurden. Nahezu 1.100 Maschinen hatte man aufgebracht und Berge von Werkzeugen, Geräten und Werk- und Baustoffen, um sie damit auszustatten. Aber die Zufuhr nach den Werken mußte mit völlig unzulänglichen Fahrzeugen bewerkstelligt werden, da schwerere und Speziallastkraftwagen nicht zur Verfügung standen. Aus den Plänen der Abteilung ersah Racke, in welchen Städten sich die in Betrieb genommenen Lok- und in welchen sich die Wagenausbesserungswerke befanden, wo die Lokfabriken und wo die Wagenfabriken waren. Er bekam außerdem einen Überblick über die Eisenhütten, die Stahl- und Walzwerke, die Werkzeugmaschinenfabriken und Traktorenwerke. Aus den Statistiken ersah er die Art und Stärke der Belegschaften und die geleistete Arbeit. Die Leistung war nach deutschen Maßstäben, rein äußerlich betrachtet, gewiß nicht überwältigend und dennoch voller Anerkennung wert, wenn man bedachte, unter welchen Umständen sie erzielt wurde: Mangel an Kohle, eine Kälte bis zu 30 Grad unter Null, Mangel an Strom und Wasser, völlig unzureichende Ernährung der einheimischen Arbeiter, deren Arbeitsleistung an sich schon weit hinter der in deutschen Werkstätten zurückblieb! Außerdem hatten die F.W.Ä. auch Hilfskommandos für den Betriebsmaschinendienst stellen, beim Wiederaufbau von Pumpwerken helfen und am laufenden Band Ausbesserungen an Lazarettzügen, Spezialwagen und auch Kraftwagen für die Wehrmacht vornehmen und verschiedenen sonstigen Eisenbahn- und Wehrmachtsbedarf fertigen müssen.
203
Als der kleine Lob, der zwar im Personalkörper der Reichsbahn ein hoher und wichtiger Beamter, aber ohne besondere Bedeutung für das Weltgeschehen gewesen war, und der seine Raupenschulterstücke mit so bescheidener Selbstverständlichkeit trug, seine Akten wieder abholte, erwies ihm Günther Racke eine aufrichtige innere Ehrenbezeugung. Denn hinter dem Kopfe dieses Ingenieurs sah er den Plan der über ein Riesengebiet verstreuten Werke, deren Chef er war, größer und mächtiger, als die Trustmilliardäre der USA. Auch Oberrat Brandner, Leiter des Betriebsmaschinendienstes der FED, ebenfalls Sonderführer im Majorsrange, hielt es nicht für unter seiner Würde, den jungen Inspektor im Lazarett aufzusuchen, der die Chronik vom Landser der stählernen Straßen schrieb und ihr persönlich schon mehr als ein Ruhmesblatt eingefügt hatte. Sofort verband Günther mit dem lebendigen, in der Sicherheit seines fachlichen Könnens wie auch gegenüber persönlichen und dienstlichen Widerwärtigkeiten gleichmütigen Mannes bayerisch-österreichischen Gepräges eine lebhafte Sympathie. Aus seinen Schilderungen erwuchs ihm das Winterbild auf den Strecken, das er noch nicht selbst erleben konnte. Die Reichsbahnräte der Direktion, die Amtsvorstände, aus der in Jahrzehnten gewachsenen Ordnung der Heimat heraus vor die Aufgabe gestellt, aus dem Tohuwabohu der Zerstörung neuen Betrieb, aus den Ruinen neues Leben zu stampfen, wuchsen über sich selbst hinaus. Vor dieser Aufgabe erst hatten sie Gelegenheit, ihr Wissen und Können in schöpferisch aufbauende Leistung umzusetzen, über den Beamten hinauszuwachsen, ihren eigenen Einfallsreichtum, ihren fachlichen Mut und ihre menschliche Energie zu entfalten. Wer dabei einerseits vor schlechterdings unüberwindlichen Schwierigkeiten mit einem Lächeln kapitulieren konnte, andererseits der höheren militärischen Führung und Gewalt mit der formell vorgeschriebenen Haltung zu begegnen wußte, wer schließlich der Verschiedenartigkeit der Charaktere seiner Kollegen und Kameraden in weiser Toleranz Rechnung trug, durfte sich glücklich schätzen, denn er war den Mißhelligkeiten der Kriegsverhältnisse einigermaßen gewachsen.
204
Auch eine Fülle persönlicher Erlebnisse und Eindrücke erschloß sich Günther Racke. Dem großen Charakter des kleinen Lob konnte er in seinen Aufzeichnungen zwei Glanzlichter aufsetzen, die seine Hochachtung vor ihm noch vertieften: Beim Kommandeur war Besprechung der Amtschefs und Dezernenten. Eine Strecke, die so rasch wie möglich in Betrieb genommen werden mußte, war von einer großen Anzahl beschädigter Lokomotiven und Hunderten von Wagen blockiert. „Wenn wir das alles abschleppen wollen“, sagte der Kommandeur, „haben wir in 14 Tagen noch keinen Betrieb! Wir werfen einfach Lok und Wagen von den Gleisen, dann rollt der Nachschub in 3 Tagen.“ „Sie!“ empörte sich da Lobs altes Eisenbahnerherz, „des will aber der Herr Reichsverkehrsminister fei net habe!“ Oberstleutnant Freiherr von Bergen, einst Flügeladjutant des deutschen Kaisers und eines Hauptes höher als alles Volk, Soldat von Geblüt und nach dem Zeugnis seiner Eisenbahner Mensch von echtem Adel, antwortete schmunzelnd: „Wir müssen aber im Felde nun einmal die Lebensinteressen der Truppe sinngemäß den Gesichtspunkten friedensmäßiger Verwaltung in der Heimat voranstellen.“ Der gleiche Lob fährt eines Tages im Kraftwagen mit einem Erkundungsauftrag hinter der kämpfenden Truppe her ins Niemandsland. Da erhält der Wagen Feuer. Der Fahrer will umkehren. „Das geht uns gar nichts an“, erklärt Lob. „Das ist eine rein militärische Angelegenheit. Wir sind Eisenbahner. Sie fahren weiter!“ Und er führt seinen Auftrag durch. Wieviel Interessantes, wieviel Hübsches, wieviel Häßliches, wieviel Gutes, wieviel Böses hatten die Eisenbahner erlebt! Racke erfuhr von dem Sanitätsoffizier der FBD, Stabsarzt Dr. Runge, der das Abzeichen für die Fahrzeuge erfunden hatte, eine gelbe Lebensrune auf rotem Grund, und seitdem den freundlichen Namen ,Blütenstengel' trug, daß es in Lemberg fast keine Ansteckungen gegeben habe, weil die Russen geschlechtskranke Frauen und Mädchen kurzerhand erschossen hätten. Juden, die Ukrainer an die Russen verraten hatten, wurden von den Ukrainern aus ihren Verstecken geholt und totgeprügelt.
205
Kinder, die Erdbeeren und Blumen gebracht hatten und von Läusen wimmelten, verhungernde Katzen und grellgeschminkte Weiber mit vielen goldüberkronten Zähnen, zahllose Störche in den Wiesen, zahllose Eichhörnchen in den Wäldern, Wildschweinjagden mit den feudalen rumänischen Offizieren, bildeten das Mosaik der galizischen Erinnerungen. Ein Rubel war gleich zehn Pfennigen und ein Kalb kostete 5 Mark, eine Kuh 40, ein großes Schwein 100. Zehn Pfund Kirschen bekam man für drei Zigaretten. Ein Feldwebel erklärt sich zum Besitzer einer großen Anzahl auf einer Nebenstrecke abgestellter Güterwagen und verkauft ihren Inhalt zu niedrigen Preisen an die Bevölkerung. Ein Landser muß 15 Gefangene zur Arbeit führen, bei der Rückkehr ins Lager fehlt einer. Um der Bestrafung zu entgehen, packt er den nächsten Ukrainer, stößt ihn in die Reihe: es sind wieder 15. Gut. Da kam ein Russe und beklagte sich verzweifelt, daß er leider keine große Tochter habe, die Soldaten hätten seine kleine Tochter aber nicht gewollt, sondern dafür das Schwein mitgenommen. Ein alter Hauptmann, schon jenseits aller fleischlichen Versuchungen, bestellte eine Ukrainerin zu sich, die er als Putzund Waschfrau beschäftigen wollte. Sie solle ihren Mantel ausziehen und an den Nagel hängen, sagte er zu ihr und fuhr in seiner Arbeit fort. Als er sich wieder nach ihr umwandte, hatte sie nicht nur den Mantel, sondern alles, was sie angehabt hatte, an den Nagel gehängt. Er errötete bis unter sein in bürgerlichen Ehren grau gewordenes Haar, dann fluchte er und sie fuhr erschrocken wieder in ihre Sachen. Sie hatte geglaubt, er wolle zuerst eine Gesundheitsbesichtigung vornehmen, wie sie bei der einheimischen Bevölkerung, ehe sie zum Arbeitseinsatz kam, amtlicherseits meist durchgeführt wurde. Günther Racke hätte mit Episoden ernster und heiterer, tragischer und komischer Art allein ein dickes Buch füllen können. Auf dem schmalen Feldbett in der kleinen kahlen Kammer wurden ihm in ein paar Tagen und Wochen mehr Erlebnisse zuteil, als ein einzelner in ebensoviel Monaten und Jahren zu erleben pflegte. Und jetzt war die Zeit der ständigen Bettlägerigkeit zu Ende. Nachher würde die Schwester kommen und dann würde er, wenn 206
auch wohl recht wackelig, zum ersten Male wieder auf den Füßen stehn. Bald würde der erste Ausgang folgen, Besuch bei den Dienststellen, in den Werken und in fünf oder sechs Wochen würde er wieder von Knoten zu Knoten, von Betriebsspitze zu Betriebsspitze fahren und auch einmal hinauf in den Nordabschnitt, den er noch nicht kannte. An die Stelle der fremden Episoden am Rande des Krieges würde wieder das eigene Erlebnis an den Brennpunkten des eisenbahnerischen Einsatzes treten. Günther Racke löste das Auge von der weißgetünchten Decke über sich, von den Gedanken und Bildern, die, wie ein Film über die Leinwand, auf ihr vorübergezogen waren. Er setzte sich auf und warf einen Blick aus dem Fenster auf die nach einer kurzen Tau- und Schmutzperiode wieder weiß gewordenen Dächer und Türme von Poltawa. Es klopfte. Ein wenig hart. Er kannte dieses Klopfen. Das war Wolf Dieter. „Na, wie geht's Kleiner? Ich habe Post für dich.“ Günther nahm den Brief, legte ihn auf die Decke. Mit zarter Hand geschah das. Er war von Eva. „Lies ihn nur“, sagte Wolf. Günther schüttelte leicht den Kopf. „Es eilt nicht.“ Seit vierzehn Tagen wartete er auf diesen Brief. Gleich nachdem das Fieber gewichen war, hatte er Eva geschrieben, daß er hier im Lazarett lag. Aber nun kam es auf ein paar Minuten oder Stunden nicht mehr an. Wenn er den Brief las, mußte er allein sein. So wie damals, als ihn drei von der Betriebsleitung Osten an ihn weitergesandte Briefe der Geliebten zugleich endlich in Jasinowataja erreicht hatten. Er würde warten, bis es dämmerte, so wie damals, und dann seine letzte kleine, rote Kerze anzünden, in ihrem Schein den Umschlag öffnen, Wort für Wort langsam lesen und Wort für Wort mit Küssen bedecken. Die Nachrichten, die Wolf Dieter von der Lage an der Front brachte, waren nicht erbaulich, obgleich er vermied, den Bruder ernstlich zu beunruhigen. Die deutschen Truppen, für einen so harten Winter nicht ausgerüstet und infolge des immer schleppenderen Bahnverkehrs und des katastrophalen Ausfalls ihrer Kraftfahrzeuge unter Mangel an Nachschub auf allen Gebieten leidend, standen fast ohne Reserven in unablässigen, 207
schwersten Abwehrkämpfen. Immer wieder errang der Gegner Teilerfolge, warf er die Front durcheinander, zwang deutsche Kontingente zum Rückzug, brachte andere durch Einkesselung in schwerste Bedrängnis. Es war erstaunlich, welch sturen Widerstand der Landser der Katastrophe entgegensetzte, von der er an allen Ecken und Enden bedroht war. Auch die Eisenbahn hatte durch Vorstöße der Russen Spitzenbahnhöfe und infolge Durchbrüchen wichtige Streckenteile verloren, hatte Tote, Verletzte und Vermißte zu beklagen. Wolfs schon immer scharf gezeichneten Züge schienen Günther noch tiefer eingeprägt zu sein, als bei des Bruders letztem Besuch. Stärker als bisher empfand er auch die gebändigte Leidenschaftlichkeit des Wesens des Bruders, der gegenüber er sich von Klein an schlapp und ein wenig betrübt gefühlt hatte. „Wie verschieden doch unsere beiden Buben sind“, hatte er die Mutter kurz vor ihrem Tode einmal zum Vater sagen hören. „Günther ist klaren und freundlichen Gemüts und Wolf wild und düster. Wolfram von Eschenbach und Tannhäuser.“ Gerade als sich Wolf verabschiedet hatte und zur Türe ging, klopfte es leise und sie öffnete sich. Auf der Schwelle stand eine Schwester. Wolf blieb stehen. Er hatte sie noch nie gesehen. „Ein neuer Stern“, wollte er zuerst sagen, im gleichen Augenblick erschien es ihm zu seicht. Seine Augen hatten sich in ihrem Antlitz verfangen. Er hatte den Mund zu einem Gruß geöffnet, aber er schwieg. Es gab kein Wort für sein jähes, heftiges Empfinden. Oh! Wer bist Du? dachte er. Du bist mein Schicksal. Wie eine heiße Welle brach dieses Gefühl, dieses Wissen aus seinem Herzen. Aber sagte man so etwas zu einem Mädchen in der Sekunde, da man es zum ersten Mal sieht? Klang es nicht überspannt? Müßte sie es nicht lächerlich finden? Wolf Racke sagte kein Wort, doch fühlte er, daß sein ungestümes Empfinden seine Züge durchwühlte. Er sah in ihren klaren, großen Augen ein kurzes Erschrecken, Staunen, Verwirrung. Er verbeugte sich schweigend und gab ihr den Weg frei, ging fast heftig hinaus, zog, ohne sich umzusehen, die Türe hinter sich zu. Er stand eine Weile, als wüßte er nicht weiter. Dann ging er 208
langsam den endlos langen Gang vor und Stufe um Stufe die Treppe hinab, ohne etwas denken zu können. Als hätte er einen Nebel in seinem Kopfe. Er grüßte niemand, denn er sah niemand, aber alle, die ihm begegneten, blickten ihm nach. Wolf Racke hatte aus dem Raum, den er verlassen hatte, keinen Laut vernommen. Er hätte auch innen, außer den paar leisen, flüchtigen Schritten der Schwester, keinen Laut mehr vernehmen können, denn Günther blieb der Atem stehen und dann lagen Evas Lippen auf den seinen. Es fiel kein Wort und das Hämmern seines Herzens gegen ihre Brust hörte man nicht. Es fiel noch lange kein Wort. Ihre Lippen lösten sich nur, um den Augen zwischendurch Raum zu geben, das Antlitz des andern ganz zu umfassen. Es war kein Wort möglich, denn das Glück ihres Zusammenseins war stumm in seiner Unbegreifbarkeit und Größe. Sie brauchte ihm auch nichts zu erklären. Es war alles ganz klar. Als seine Nachricht gekommen war, hatte sie sich freiwillig für den Dienst im Feld gemeldet unter der ausdrücklichen Bedingung, in Poltawa und in diesem Lazarett eingesetzt zu werden. Das stand gewiß auch in dem Brief, der noch auf der Decke lag. Günther Rackes erstes Aufstehen verzögerte sich, bis es schon fast dämmerte, und jetzt erst wandten sich beider Gedanken den Dingen und Fragen der Gegenwart und Zukunft zu, und sie redeten, was Menschen zu reden pflegen, die sich kennen und lieben und einander lange nicht gesehen haben. Evas Schwesterndienst begann erst in drei Tagen. Bis dahin würde sie nur ihn pflegen. Die Stationsschwester habe gesagt, sie werde nicht stören, nur mit dem Arzt zur Visite. An Evas Arm hinkte er zum ersten Mal durch den Gang und auf dem Balkon auf und ab. Es war bitter kalt; er war es nicht gewohnt und nach zehn Minuten gingen sie wieder hinein. Nicht nur, weil es drinnen wärmer war oder weil ihn die Viertelstunde Aufsein zu sehr angestrengt hätte. Er hatte auch die bewundernden und verliebten Blicke aller Männer gesehen, die ihnen begegnet waren. „Hältst du das denn aus, dieses unablässige Umworbenwerden?“ 209
„Frauen sind das gewohnt. Es berührt mich gar nicht.“ Es war ihm plötzlich unbegreiflich, daß seine Augen den Weg in ihr Herz gefunden hatten. „Wie kommt das? Warum liebst du mich?“ fragte er. „Ich glaube, die große Liebe weiß nie, warum.“ „Und hat dein Herz nie für einen anderen geschlagen, seit ich es gewann?“ „Nie zuvor und nie seitdem.“ Als sie es gesagt hatte, erschrak sie. Sie hatte gelogen. Nein, eine Lüge war es nicht, aber es war auch nicht die volle Wahrheit. Sie rettete sich vor dem leichten Angriff eines fremden Gefühls an seinen Mund. Als sie das Licht gelöscht hatten und er nicht mehr in ihrem Antlitz lesen konnte, fragte sie einmal nebenbei: „Wer war der Mann?“ „Welcher Mann?“ „Der ging, als ich kam.“ Er lachte. „Ja so etwas! Daran habe ich gar nicht mehr gedacht. Das war mein Bruder! Wolf Dieter.“ Ehe sie sich zum letzten Male in dieser Nacht „gute Nacht“ sagten, fragte er: „Eva, es ist erst ein halbes Jahr vergangen, seit ich dich gefragt habe, ob du meine Frau werden willst. Brauchst du wirklich noch ein halbes Jahr Bedenkzeit?“ „Du fragst aber dumm. Bin ich es denn nicht schon?“ Gleich am frühen Morgen hatte Eva eine kurze Unterredung mit dem Chefarzt. „Selbstverständlich bin ich einverstanden, Schwester Eva. Die standesamtliche Trauung kann auf telegraphischem Wege vollzogen werden. Sobald die Bestätigung da ist, längstens in fünf bis sechs Tagen, wird Sie der Feldgeistliche der Standortkommandantur dann kirchlich trauen, wenn Sie den Wunsch haben. Das würde gerade noch vor dem Weihnachtsfest sein. Vielleicht sprechen Sie beide mal mit dem Pfarrer, wenn er im Laufe des Tages die Kranken besucht.“ Eva ließ es gar keine Ruhe so lang, sie wollte den Geistlichen gleich selbst aufsuchen. Zum ersten Male empfand sie die wunderbar selige und auch ein wenig bange Aufregung eines Mädchens, das sich selbst aufgibt, um fürs ganze Leben eines 210
Mannes Eigentum zu sein. Sie fühlte, daß man ihr das Glück ihres Leibes und ihrer Seele ansah; es war ein neuer Glanz in ihren Augen. Sie entdeckte ihn im Spiegel. Unter dem Portal des Krankenhauses prallte sie fast mit Wolf Dieter zusammen. Da er Günthers Bruder war, wich sie nicht aus, sondern blieb einen Augenblick stehen, aber eine ganz feine, seltsame Furcht beschlich sie dabei. Wolf legte die Hand an die Mütze und verbeugte sich, lachte leichthin, sagte leichthin: „Es scheint, daß wir bestimmt sind, einander zwischen Tür und Angel zu begegnen.“ Seine Augen lachten nicht. Sie hatten einen heißen Glanz. Als wäre es ganz selbstverständlich, wandte er sich um und ging neben ihr her auf die Straße. „Sicher hat Ihnen mein Bruder gesagt, wer ich bin. Aber mir hat der Duckmäuser nicht verraten, daß er eine so — ich meine, daß er eine neue Schwester hat.“ „Das konnte er auch noch nicht verraten, weil ich gestern sein Zimmer zum ersten Mal betrat, als Sie es verließen.“ „Ach!“ rief er aus. „Da sind Sie wohl noch gar nicht lange in diesem Lazarett?“ „Ich bin gestern gekommen.“ „Doch nicht etwa aus der Heimat?“ „Ja. Warum denn nicht?“ „Was? Jetzt, wo die Front auf so wackeligen Füßen steht und der Russe auch hier unversehens auftauchen kann!“ Ein flüchtiger Schatten glitt über ihre Züge. „Steht es wirklich so schlimm?“ „Jedenfalls weiß niemand, was werden wird, und es ist eine bodenlose Gemeinheit, hier noch Frauen herzuschicken, statt alle, die hier sind, so schnell wie möglich westwärts in Sicherheit zu bringen.“ „Ich habe mich freiwillig gemeldet.“ „Was haben Sie?“ Es klang ganz zornig. Er sah sie von der Seite an. Herrgott, wie süß sie war! Ihre Augen waren verändert seit gestern. „Vielleicht glaubten Sie, nach Paris zu kommen?“ „Nein. Ich wollte nach Poltawa.“ O, dieses irrsinnigmachende Lächeln! 211
„Aber warum denn?“ „Ganz einfach. Weil Günther hier liegt.“ Racke blieb mit einem Ruck stehen, starrte sie an, sah jetzt aus, als hätte sie etwas sehr Böses gesagt. Dann streckte er langsam die Hand aus. „Sie sind — Eva?“ Sie nickte. Er ließ ihre Hand sinken. „Ich freue mich, Sie kennen zu lernen“, sagte er leise. Es klang ganz anders als Freude klingt. Sie gingen weiter. „Wohin darf ich Sie begleiten?“ „Zum Standortpfarrer.“ „Was wollen Sie denn bei dem?“ „Günther und ich lassen uns ferntrauen.“ „Ach so! Ja. Natürlich.“ Sie schlug einen heiteren Ton an: „Bei der kirchlichen Trauung müssen Sie mein Brautführer sein.“ „Leider — ich glaube — das wird nicht möglich sein. Ich habe längere Zeit auf unseren Strecken im Donezbecken zu tun. Ich wollte mich eben von Günther verabschieden.“ Es war nicht wahr; sie fühlte es. „Das wird ihm aber leid tun“, antwortete sie langsam. Und dann gingen sie schweigend nebeneinander her, bis er unvermittelt den Schritt verhielt. „Wir sind hier“, sagte er. Es klang kühl, sachlich. Auch das war Lüge; sie fühlte es. Sie standen vor einem großen, mit Schildern bepflasterten Gebäude. Der Posten hatte das Gewehr angezogen und hörbar die Absätze zusammengeschlagen. Wolf winkte ab, „Leben Sie wohl, Fräulein Eva“, sagte er zurückhaltend freundlich und legte die Hand an die Mütze. Sie zog die Pelzhandschuhe aus, sah ihn dabei lächelnd vorwurfsvoll an: „Warum sagst du nicht Eva zu mir? Du bist doch mein Schwager.“ Sie legte ihre Hände an seine Arme, hob sich, ungeachtet des Postens und der Passanten auf die Fußspitzen und küßte ihn auf die Wange. Ganz leicht nur, aber lieb. Das fühlte er. Und er hörte auch die feine, begütigende Zärtlichkeit in ihrem leisen, hellen: „Auf Wiedersehn, Wolf!“ Da ging sie schon, verschwand im Eingang. 212
Racke starrte auf die Türe, die sich hinter ihr geschlossen hatte. Zwischen Tür und Angel — — Aus. Oder sollte er warten? Nein. Er durfte es nicht. Sie war Günthers Braut. Er riß sich zusammen, riß sich los von der Stelle, auf der er wie festgewachsen stand, ging mit so großen und raschen Schritten fort, als fürchtete er, daß er wieder umkehren würde, wenn er auch nur einen Atemzug lang zu zögern begann. Ähnlich erging es Eva, als sie nach einer Viertelstunde wieder aus dem Hause trat. Sie mußte sich gestehen, daß sie gefürchtet und gehofft hatte, er würde gewartet haben und sie war befreit und enttäuscht zugleich, daß er nicht mehr da war. Sie wollte die Gedanken, die sich um Wolf Racke drehten, verscheuchen; es gelang ihr nicht. Und dann sagte sie sich: es hätte auch keinen Sinn, du mußt es durchdenken. Du mußt Klarheit darüber gewinnen, was das ist zwischen dir und ihm. Er liebt dich mit der ganzen Leidenschaftlichkeit seines Wesens, nun flieht er dich um des Bruders willen. Und du? Du! Warum fürchtest du ihn? Lüge dich nicht an! Er ist der erste Mann, der gegen deinen Willen deine Sinne erregt. Gesteh' es dir nur: deine Seele bangt, weil sie fühlt, wie schwach du wärest vor seiner Begierde. Du würdest dich wehren und dennoch erliegen. Liebst du ihn? Nein. Ja. Das ist nicht möglich. Doch. Es ist beides wahr. Es ist eine andere Liebe, als die Liebe zu Günther. Die Liebe zu Günther war sanftes Sichhingeben und Sichgeborgenfühlen, geistiges Einssein und holde, friedliche Glückseligkeit des Leibes. Von anderen Empfindungen hatte sie nichts gewußt. Nun war auch Wolf. Und er war Flamme. Gewalt. Rausch. Und es glitt nicht ab von ihr, sie wurde davon berührt.
213
„Wenn sie noch ohne Bindung an den einen oder anderen wählen könnte? Günther! Nicht einen Augenblick zögerte ihr Herz mit der Antwort. Günther war das Beständige, der Hafen, die Heimat. „Wolf das Meer, der Aufruhr der Elemente. Des Blutes. „War das nicht Betrug an dem Manne, dessen Frau sie nun wurde? Nichts hatte sich geändert an ihren Gefühlen zu Günther, an ihrem eigenen „Willen. Aber da war nun noch etwas. Daneben. Unversehens. „War das Schuld? Daß sie plötzlich wußte, daß auch in ihres Blutes Tiefe der Aufruhr schlummerte? Daß sich die Sinne nicht befehlen ließen? Man konnte ihnen den Mund zuhalten und sie hörten doch nicht auf zu reden. Warum waren Günther und „Wolf nicht eins? Beider Wesen in einem vereint! Daß sie in den Armen dieses einen die vollkommene Erfüllung als Weib besäße: Das Meer und den Hafen, den Sturm und die Stille, die friedliche Glückseligkeit und den wilden Rausch. Eva wußte nicht, daß sie mit ihren Empfindungen und Gedanken an das Rätsel der ewigen wechselseitigen Untreue zwischen den Geschlechtern rührte. Daß sie am Rande der Erkenntnis stand, warum Liebe immer wieder an Liebe zerbricht. Sie hatte schweigen wollen, aber nun saß sie zur Nacht mit Günther am Fenster. Das Mondlicht lag auf ihnen. Sie hielten einander bei den Händen. Ihre Augen umfingen einander mit unsagbarer Zärtlichkeit. Sie dachten daran, wie viele von Glück beseligte, wohl auch wie viele von Leid gepeinigte Paare so unter Poltawas Dächern saßen, unter den Dächern von tausend Städten, über denen jetzt der Mond schien, Sterne leuchteten, Wolken zogen, Schnee fiel oder Regen. Da brach es aus ihr heraus. Wolf! In den ersten Minuten, als Eva sprach, war es Günther, als zöge sie eines Messers Schneide durch seinen ganzen Leib. Aber je länger sie sprach, stammelnd, schluchzend, lächelnd, mit tränennassen Küssen sein Antlitz, seine Brust, seine Hände überschwemmend, umsomehr fühlte er die Wunde sich 214
schließen, fühlte er sich erhoben durch sie, hineinwachsend in ein so großes Gefühl, daß er ohne Groll an Wolfs Leidenschaft zu denken vermochte und an den Bann, in den sie Evas Herz geschlagen hatte. Und als sie aus einem Meer von Küssen auftauchten, sagte er: „Quäle dich nicht. Ich verstehe Wolf. Wie könnte es auch anders sein — er muß dich ja lieben! Und ich verstehe auch dich. Ich habe ihn selbst immer bewundert und ein wenig gefürchtet. Er ist härter als ich, entschlossener und stärker in allem. Wenn ich denke, du lägst in seinen Armen, bleibt mir der Atem stehn. Aber das ist töricht. Du bist doch unausschöpflich an Glück für mich. Ich will es überwinden, denn es ist Eigensucht. Du machst mich so vollkommen selig, daß auch dein vollkommenes Glück der heißeste meiner Wünsche sein muß.“ Eva nahm Günthers Gesicht in beide Hände, als suchte sie in seinen Zügen die Erklärung für die Seltsamkeiten des Herzens, dann sagte sie: „Du bist doch der Stärkere. Durch deine Güte Ich fühle mich schon wieder klar und frei.“ „Du sollst dich immer frei fühlen. Treue, die nicht aus der Freiheit, sondern nur aus der Pflicht oder aus dem Mitgefühl kommt oder aus der Sorge um den Bestand der Ehe, ist keine Treue, sondern Feigheit und Lüge. Was du auch sehnen und tun magst, nichts, was aus der Gewalt des Schicksals kommt, wird mich von dir trennen. Du bist der blaue Himmel meines Lebens. Was sind ein paar Wolken, die der Wind über ihn treibt? Sei fröhlich, Eveli, wie ich es bin! Die Wolken kommen und gehn, der Himmel bleibt.“ Nach fünf Tagen kam die telegraphische Bestätigung ihrer standesamtlichen Trauung. Günther versuchte, es auf telefonischem Wege über Charkow - Lesowaja - Jasinowataja Wolf mitteilen zu lassen, mit der Bitte, er möge sofort zur Hochzeit kommen. Am anderen Morgen war die Antwort da. Er war tatsächlich gefunden worden. „Vorläufig unabkömmlich. Viel Glück!“ Da ließen sie ihren Lebensbund noch am gleichen Tage im freundlich geschmückten Gemeinschaftsraum der Schwestern des Lazarettes einsegnen. Es war eine schöne Feierstunde. Die Landser Bunz und Hensch waren da und die Raupenschlepper Lob und Brandner und sie waren zwar Eisenbahner 215
verschiedenen Bildungsgrades, sehr verschiedener Laufbahn und Gehaltsstufen, aber Kamerad unter Kameraden, Mensch unter Menschen. Bunz und Hensch trugen das Eiserne Kreuz; es war ihnen am Morgen überreicht worden und aus diesem Grunde hatte man sie nach Poltawa gerufen. Auch Wolf Racke war es verliehen worden; man hatte es ihm als Dienstpost geschickt. Nach einiger Zeit ging die Türe auf und mit dem Chefarzt kam der Vertreter des Präsidenten der Haupteisenbahndirektion Ost und überreichte Günther das Verdienstkreuz erster Klasse mit Schwertern. Dazu lag ein Handschreiben der ostwärts Jasinowataja kämpfenden Division vor, das in Abschrift auch an den Transportchef und das Reichsverkehrsministerium gegangen war und in dem es hieß: „Der Brennstoffzug, der durch Ihre kühne Initiative und Ihren persönlichen hervorragenden Einsatz aus dem Bahnhof hinter den russischen Linien herausgeholt wurde, hat es der Division ermöglicht, alle Angriffe des Gegners in beweglicher Taktik abzuschlagen und auch die Nachbarabschnitte zu unterstützen. Dafür gebührt Ihnen und allen Eisenbahnern, die dabei unter Einsatz ihres Lebens mitgewirkt haben, besondere Anerkennung und Auszeichnung.“ „Ich bin überzeugt“, meinte der Vertreter der H.B.D. Ost im Laufe des Gespräches, „daß Einsatz und Leistung des Eisenbahners im Felde nicht nur solche ideelle, sondern später im Frieden ihre verdiente reale Belohnung durch entsprechende Beförderungen und Ernennungen im Amte finden werden.“ Bunz sagte trocken: „Die Botschaft hör' ich wohl, jedoch mir fehlt der Glaube.“ „Gut“, warf der Pfarrer ein, „daß sich Ihr Faustzitat nur auf den Staat bezieht und nicht auf das Evangelium.“ „Woher wissen Sie das?“ war die Antwort. „Morgen ist der Heilige Abend. In allen christlichen Ländern läuten die Glocken: Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. Na und?“ „Ich weiß, was Sie damit sagen wollen“, erwiderte der Pfarrer. „Aber Ihr unausgesprochener Vorwurf trifft ja nicht Gott. Er trifft die Völker und ihre Regierungen. Die Voraussetzung für die Erfüllung der Weihnachtsbotschaft ist die Erfüllung der Zehn Gebote Gottes durch die Menschen und durch ihre Staaten. Von 216
der Stunde ab, wo sie befolgt werden, wird auch Frieden sein und Wohlgefallen unter den Menschen und Völkern.“ Als Günther und Eva am anderen Abend nach der Lazarettweihnachtsfeier wieder in ihrer kleinen Kammer am Fenster saßen, kamen ihnen die Worte des Pfarrers in den Sinn. Es sah böse aus an der Front und ihre Herzen empörten sich gegen die düstere Bedrohung ihres Lebens und Lebensglücks durch den Krieg. Wie ungeheuerlich war diese Vergewaltigung der Menschen über die ganze Erde hin! Sie waren beide noch aufgewühlt von dem, was ein einfacher Soldat, Student der Philosophie und Philologie, dem beide Beine hatten abgenommen werden müssen, eine halbe Stunde lang vorgetragen hatte: Kurze Auszüge aus einem Sammelwerk der großen geistigen Werte der Menschheit, deren Schöpfer und Verkünder die echten Dichter und Denker aller abendländischen Nationen und der vergangenen Kulturen aller Erdteile waren. Wie aber reimte sich dieses hohe Geistesgut der Nationen mit der Niedrigkeit ihrer politischen Praxis zusammen? „Ach Eveli!“ stöhnte Günther und preßte seine heiße Stirne in die kühlen Hände der Geliebten, „wer vermag noch das Knäuel der Tragödie unserer Welt zu lösen? Wer hat das Neunte Gebot aus der Politik gestrichen und in sein Gegenteil verkehrt? Wer hat den Völkern die Vernunft und die Gerechtigkeit aus der Brust gerissen? Verlangt es sie denn, zu töten, zu rauben, zu versklaven? Hat denn die Masse der Menschen in allen Völkern, die den Krieg zu durchleiden, zu durchbluten und zu durchweinen hat, nicht gemeinsam die große Sehnsucht, in Frieden zu leben und glücklich zu sein? Welche satanischen Mächte haben jenen Zustand auf Erden heraufbeschworen, der die Völker zwingt, unablässig voreinander auf der Hut zu sein und einander immer wieder zu zerfleischen? Wer sind die Teufel, die es einem Volke unmöglich machen, die Waffen niederzulegen, weil es befürchten muß, von den andern ausgeplündert und an Leib und Seele versklavt zu werden? Wird die Welt denn wirklich von Räubern, Mördern, Sklaventreibern, Lügnern und Narren regiert?“ Draußen war Finsternis und Frost. Eva und Günther suchten Schutz und Trost vor aller Furcht, Sorge und Not eines am
217
Herzen des andern. Sie bargen sich in die Wärme ihrer Leiber, in die Wohltat ihrer Liebe. — Die Feiertage kamen und gingen. Bomben fielen. Die Betriebslage wurde zunehmend schlechter. Überall waren die Russen im Angriff. Stationen gingen verloren. Verzweifelt krallten sich die kleinen Häuflein der Landser in die Erde, um zu schützen, was hinter ihnen war. Eisenbahner mußten alles liegen und stehen lassen, mußten laufen, um das nackte Leben zu retten. Die Sabotageakte mehrten sich. Es wurde der Bevölkerung bei Todesstrafe verboten, Bahnanlagen zu betreten. Wer es dennoch tat, wurde gehängt. Auf den Bahnhöfen und an den Masten neben den Strecken rappelten die steifgefrorenen Leichen im Wind. Die Züge nach der Krim kamen nicht mehr durch. Kertsch und Feodosia sollten gefallen sein. Gruppen von Eisenbahnern kamen an, oft ohne Uniform, wild anzusehen, mit nichts mehr, als was sie auf dem Leibe trugen, teils in russischen Fetzen. So endete das alte, so begann das neue Jahr. Eva hatte ihren Schwesterndienst angetreten. Günther arbeitete an seinen Aufzeichnungen, beschrieb Männer und Ereignisse, zeichnete Pläne nach, kopierte Statistiken, Befehle, Meldungen, Berichte. Und langsam schlossen sich seine Wunden. Am 3. Januar sank das Thermometer auf 39 Grad unter Null, am 4. auf 42. In Poltawa! In der Ukraine! Drei Tage später setzte Tauwetter ein. Man konnte vor Glatteis nicht mehr gehen. Und 48 Stunden später waren wieder 10 Grad Kälte. Die Nachrichten über unvorstellbare Greuel- und Racheakte der vordringenden Russen mehrten sich. Viele Eisenbahner wurden vermißt, von vielen anderen wußte man, daß sie als Gefangene oder Verwundete niedergemetzelt worden waren. In Feodosia wurden Tausende von einheimischen Männern, Frauen und Mädchen abgeschlachtet, weil sie für die Deutschen gearbeitet oder auch nur mit ihnen gesprochen hatten. Wo blieb da die wilde Entrüstung bei den westlichen Kulturnationen? Der Aufschrei der Menschlichkeit bei den Neutralen?
218
Nun wurde auch die Lage im Räume Charkow bedrohlich. Die Feldeisenbahner in Poltawa stellten eine freiwillige Kampfgruppe auf. Sie trug den Namen „Jagdkommando“. Die Strecken Lesowaja - Slawjansk und Lesowaja - Ljubotin wurden unterbrochen. Was noch zu räumen ging, wurde geräumt, bei einer Kälte von wieder 42 und 45 Grad. Der Bahnhof Beskalowka wurde von russischen Truppen überfallen, die Besatzung niedergemacht. Die Besatzung von Lesowaja entging diesem Schicksal mit knapper Not, sie vermochte in südlicher Richtung zu entkommen. Ein Dienstzug der Direktion, in dem sich auch Wolf Racke befunden hatte, war ostwärts nach Jasinowataja entwischt, wo sich weit und breit kein Russe sehen ließ. In Poltawa herrschte Alarmzustand. 150 Kilometer waren für Panzer ein Tagesausflug. Günther Racke fuhr aus seinem Traumreich der Liebe auf. „Ich müßte dabei sein!“ grollte er gegen sich selbst. „Du hast doch keinen Grund, dir Vorwürfe zu machen“, meinte Eva sachlich. „Oder bist du vielleicht völlig wiederhergestellt und felddienstfähig?“ „Nein.“ „Wer hat dir gesagt, daß du dich stets dort aufzuhalten hast, wo gerade geschossen wird und der Eisenbahner die Beine unter die Arme nehmen muß?“ „Niemand.“ „Wer tut so etwas ohne zwingenden Grund oder Befehl?“ „Keiner.“ „Hast du hier nicht viel mehr Zeit und Ruhe und Quellen genug für die Arbeit, die dir aufgetragen ist?“ „Doch.“ „Und ist es nicht anerkennenswert, daß wir unsere Flitterwochen verbringen, ohne an die Adria zu reisen?“ „Hm.“ „Du zweifelst?“ „Ich denke an Millionen andere, denen auch Flitterwochen lieber wären als Zitterwochen.“ „Aber daß wir zusammenbleiben, solange uns das Schicksal dieses Glück vergönnt, ist doch nicht mehr als recht und billig!
219
Oder meinst du, ich habe mich zum Vergnügen hierhergemeldet?“ „Wie man's nimmt!“ lachte er und sie fiel ihm mitlachend um den Hals. In dieser Nacht schlug er um sich und wachte stöhnend auf, und mit ihm Eva. Er hatte schrecklich geträumt und es hing mit dem Kleeblatt zusammen, mit dem sein Rußlanderlebnis begonnen hatte. Sie konnten nicht mehr einschlafen. Es war so viel Unruhe in der Stadt und auch im Hause. Er erzählte ihr von Schepperl, Glück und Liebedorn. „Ich habe in den letzten Wochen oft an sie denken müssen. Die Kerle sind mir mehr ans Herz gewachsen, als ich geglaubt hatte. Wäre ich nicht verwundet worden, hätte ich längst einmal nach ihnen gesehen. Seit November weiß ich nichts mehr von ihnen. Vielleicht hätten sie mich manchmal brauchen können.“ Schlaftrunken murmelte Eva: „Du kannst dich doch schließlich nicht um jeden kümmern.“ „Ich wollte, ich könnt's.“ Eva hörte die leisen Worte schon nicht mehr, sie war wieder eingeschlafen. Günther starrte mit offenen, trockenen Augen ins Dunkel. Es klopfte leise, er stand behutsam auf, um Eva nicht zu wecken und öffnete. Es war die Oberschwester. Sie sah sehr ernst aus. Er wurde bleich, dachte an Wolf.