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Kate Morton
Die fernen Stunden
Roman
Au s d e m Eng lis ch en von Char lo tte Br euer und Norb er t Mö lleman n
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Kate Morton
Die fernen Stunden
Roman
Au s d e m Eng lis ch en von Char lo tte Br euer und Norb er t Mö lleman n
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Schsch! Hörst du ihn? Die Bäume hören ihn. Sie wissen als Erste, dass er kommt. Horch! Im tiefen , dunklen Wald erzittern die Bäume, ih re Blätter rascheln wie Silb erfolie, ein verstohlen er Wind geistert und schlängelt sich g litzernd durch ihre Kronen und flü stert, dass es bald an fangen wird . Die Bäume wissen es, denn sie sind alt u nd haben es schon vielmals erleb t.
Es ist Neumond.
Es ist Neumond, wenn der Modermann kommt. Die Nacht hat sich weiche Lederhandschuh e ü bergezogen und ein schwarzes Laken über dem Land au sg eb reitet, eine List, ein e Verk leid ung , ein Bann, damit alles in süßem Schlaf schlummert. Und urchd ring lich es Dunk el. Doch auch die Du nkelheit hat ih re Nuan cen , ih re Konturen. Schau: Der dichte Wald ist ein rau er Pelz, die Feld er sind eine Flickendecke, d as Wasser i m Schlossgraben glänzt wie Siru p. Und d ennoch . Wenn du nicht ganz großes Pech hast, siehst du nicht, dass sich etwas b eweg t hat, dort, wo sich nichts regen dürfte. Und du kan nst di ch g lück lich schätzen, d enn niemand, der gesehen h at, wie der Modermann sich erhebt, lebt lang e gen ug, u m später davon zu b erichten . Da - sieh st du? Der stille, schwarze Schlo ssg rab en, der sch lammig e Schlo ssg raben liegt nich t meh r spiegelglatt da. Eine Blase hat sich geb ild et, wo er am b reitesten ist, eine große Blase, ein leichtes Kräu seln rundheru m, eine Ah nun g... Aber du hast dich abgewende t! Und das war klug. Ein solcher Anblick ist nichts für deinesgleichen. Wenden wir unse3
re Aufmerksamkeit lieber dem Schloss zu, denn auch dort regt sich etwas. Ho ch ob en im Tu rm. Sch au hin, und du wirst es seh en. Ein kleines Mäd chen sch läg t seine Decke zu rück. Man hat es Stund en zuvor zu Bett gebracht; im Nebenzimmer sch narch t seine Kin derfrau leise, träu mt von Seife u nd Lilien und hoh en Gläsern mit war mer, frischer Milch. Aber irgendetwas hat das Mädchen geweckt. Vorsichtig setzt es sich au f, rutscht üb er d as saubere weiße Lak en, stellt die blassen, sch malen Füße auf den Holzboden. Kein Mond steh t am Himmel, den es an schauen od er der ihm Licht spenden könnte, und doch füh lt es sich zu m Fen ster hingezogen. Das b lasige Glas ist kalt; das Mädchen spü rt das Flirren der eisk alten Nachtluft, als es auf das halbhohe Bücherregal mit den au srangierten Kin derbüchern klettert, den Opfern seiner Ungeduld, erwach sen und flügge zu wer den. Es zieht das Nachth emd über d ie blassen Bein e und legt das Kinn in die Mulde, die sich zwischen den Knien bildet. Die Welt ist da draußen, Menschen bewegen sich darin wie Au fziehp uppen. Das alles will es sich demn ächst mit eigenen Augen an sehen. Zwar sind alle Tü ren in diesem Schloss mit schweren Schlössern und die Fen ster mit Rieg eln v erseh en, aber sie dienen dazu , d en do rt d rau ßen nicht hereinzulassen , nicht dazu, das Mädch en festzuhalten . Der do rt d rau ßen . Das Mädchen hat Gesch ich ten über ihn gehö rt. Er ist eine Geschichte. Er ist eine alte Legen de, u nd die Riegel und Schlösser sind Überreste einer Zeit, als die Menschen noch an solche Dinge glaubten. An Gerü chte über Un geheuer in Sch lo ssg räben, d ie auf der Lauer lagen, um Jagd auf schöne Jungfrauen zu machen . Über einen Mann, dem vor langer Zeit ein Unrecht g etan wu rd e und der immer und immer wieder auf Rache sinnt. Aber das kleine Mädchen - es wü rd e fin ster d reinblicken, wenn es wüsste, dass man es so bezeichnet - fü rchtet sich nicht mehr vor den Ungeheuern und Märchen seiner Kindheit. Es ist u n ruhig. Es ist ein Kind der mo dern en Zeit und
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es ist au ch nicht meh r klein und es will en dlich fo rt. Dieses Fen ster, diese Bu rg können ihm nichts mehr bieten, aber vo rerst mu ss es sich damit begnügen, und so schaut es niedergeschlagen hinau s. Da draußen, in der Fern e, im Tal zwischen den Hügeln, sinkt d as Do rf in den Sch laf. Ein du mp f ru mpelnder Zug , d er letzte an diesem Abend , künd igt seine Ank un ft an: ein ein samer Ru f, der unb ean two rtet bleibt. Der Bahnh o fswärter mit Schirmmü tze stolpert heraus, um die Kelle zu heben. Im nahe gelegenen Wald begutachtet ein Wild erer seine frisch erlegte Beu te un d träu mt davon , nach Hau se in s Bett zu ko mmen, während am Dorfrand, in einer Hü tte, wo die Farbe von den Wän den abb lättert, ein Neugebo renes wein t. Vollko mme n g ewöhnlich e Vo rkommn isse in einer Welt, wo alles einen Sinn ergibt. Wo ma n Ding e sieht, wenn sie d a sind , und Din ge, d ie nicht da sind, allenfalls vermisst. Eine ganz andere Welt als die, in der das Mäd chen erwacht ist. Denn do rt un ten , ganz n ahe bei dem Mäd chen , d as seinen Blick in die Ferne schweifen lässt, geschieht etwas. Der Graben hat angefang en zu atmen . Tief, tief unten i m Sch lamm schlägt das nasse Herz des begrabenen Mannes. Ein leises Geräu sch wie das Stöhnen d es Wind es steigt au s den Tiefen au f und v ib riert dicht über der Oberfläche. Das Mäd chen hört es, nein, es spü rt es, d enn die Fund amente des Schlosses sind eins mit dem Schlamm, und das Stöhn en dringt durch die Steine, d ie Mauern emp o r, Stock werk fü r Sto ck werk und u nmer klich du rch das Bü cherreg al, au f de m es sitzt. Ein ein st heiß g eliebtes Buch fällt u m, un d das Mädchen im Turm erschrickt. Der Modermann öffnet ein Auge. Versch lagen blickt es hin und her. Denkt er in diesem Au genblick an seine verlo rene Familie? An die hübsche, zierliche Frau und die beiden kleinen, wohlgen äh rten Kind er, die er zurückgelassen hat? Oder gehen seine Gedanken noch weiter zurück, zu den Tagen seiner Kindheit, als er mit seinem Bru der über d ie Wiesen , du rch das hoh e Gras lief? Oder denk t er v ielleicht an d ie an dere Frau , die ihn vo r sein em Tod liebte? An ih re Schmei cheleien und Aufmerksamk eiten, an ih re Weigerung , seine
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Weigerung hinzun eh men, was den Mo dermann am En d e alles geko stet hat ... Etwas veränd ert sich. Das Mädchen spürt es und fröstelt. Legt eine Hand an d ie eisige Fensterscheibe, wo sie auf dem feuchten Film einen sternförmigen Abdruck hinterlässt. Die Geisterstunde ist angeb ro chen , auch wenn das Mädchen nicht weiß, dass man sie so nennt. Jetzt ist niemand mehr da, der ih m h elfen kann . Der Zu g ist fort, der Wilddieb kusch elt sich an seine Frau, und selb st das Neu gebo ren e schläft un d hat es aufgegeben, der Welt mitzuteilen, was es weiß . Im Schloss ist nur das Mädchen am Fenster wach. Die Kinderfrau hat aufgehört zu schnarchen, und sie atmet so leicht, dass man meinen kön nte, sie sei erfro ren . Auch die Vög el im Wald sind still, sie haben die Köpfchen unter die zitternden Flü gel gesteckt u nd die Augen zu dü nnen , g rau en Linien g eschlossen, um nicht sehen zu müssen, was sich da nähert. Nu r das Mädchen ist wach. Und der Mann, der im Schlam m erwacht ist. Sein Herz pu mp t jetzt schneller, denn seine Zeit ist gekommen, und sie ist kurz bemessen . Er bewegt seine Hand - und Fu ßgelenke und steigt au s seinem sch lammig en Bett. Sieh nich t hin. In Gottes Namen , schau dir nicht an , wie er du rch die Ob erfläche b richt, wie er au s dem Graben steigt, wie er sich auf d em sch warzen, nassen Ufer au frichtet, die Arme streckt und Lu ft holt. Wie er sich erinnert, wie es sich an fühlt zu atmen, zu lieb en, zu leiden. Sch au dir lieber die Gewitterwolken an. Selbst in der Dun kelheit kann st du sie ko mmen sehen. Wütende, wie Fäuste geballte Wolken , die sich übereinanderwälzen und miteinander ringen, b is sie sich direkt üb er d em Tu rm v ereinen. Bringt d er Mo dermann das Ge witter oder das Gewitter den Mo dermann? Nieman d weiß es. In sein em Zimmer neigt das Mädchen den Kopf, als die ersten, zögernden Tropfen gegen die Fensterscheibe un d seine Hand klatsch en. Es war ein schöner Tag, nich t zu heiß, der Abend war kühl. Nichts d eutete au f mitternäch tlichen Reg en hin. Am n ächsten Morgen we rd en die Leute sich über d ie feuchte Erde wundern, sie werden sich am K op f k ratzen, ei-
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nander anlächeln und sagen: Das ist ja ein Ding ! Und wir sind nicht einmal wach gewo rd en ! Ab er sieh nu r! Was ist d as? Eine unförmige Gestalt klettert an der Tu rmmauer hoch. Sie klettert schn ell und g eschickt, wie es eigentlich unmöglich ist. So ein Kunststück kann doch k ein Mensch vollb ringen ! Die Gestalt erreicht das Fenster des Mädch ens. Zwei Augen vor seinen Augen. Das Mädchen sieht sie du rch das blasige Glas, du rch den Reg en, d er jetzt in Strö men fällt, sieht ein schlammb edecktes, ab scheuliches Geschöpf. Das Mädchen öffn et den Mu nd, um zu schreien, um Hilfe zu rufen, ab er genau in diesem Mo ment verwandelt sich d ie Szene. Er v erwandelt sich. Durch die Schlammschichten, durch Ge nerationen vo n Fin stern is und Wut und Trauer sieht das Mädchen das menschliche Gesicht. Das Gesicht eines ju ngen Mannes. Ein vergessenes Gesicht. Ein Gesicht voller Sehnsuch t und Trau rig keit und Schönheit. Und ohne nachzudenken öffnet es das Fenster. Um ihn einzulassen, damit er vor dem Regen geschützt ist. Raymond Blythe, Die wahre Geschichte vom Modermann, Prolog
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Teil eins Ein verlorener Brief findet seinen Bestimmungsort 1992 Es b egann mit einem Brief. Ein Brief, der lan ge v erschollen war, der ein h albes Jah rh undert überd auert h atte, heiß e Sommer und kalte Winter, in einem vergessenen Po stbeutel auf d em dämmrigen Dachbod en ein es un schein baren Hau ses in Bermondsey. Ich mu ss man ch mal d aran denk en, an diesen Po stb eutel, an die Hund erte von Liebesb riefen , Leb ens mittelrechnungen , Gebu rtstagsk arten, Kinderbriefen an die Eltern, d ie do rt b eieinand erlag en, bebten und seu fzten , währen d ih re nie angeko mmen en Botsch aften im Du nkeln flü sterten. Wie sie darauf warteten und warteten , dass jeman d sie fand . Denn es heißt, dass ein Brief immer einen Leser sucht, dass Worte, ob es einem gefällt oder nicht, es an sich haben , d en Weg an s Licht zu finden, ihre Geheimnisse preiszu geben. Aber ich werde sentimen tal - eine Ang ewohnh eit au s der Zeit, als ich mit einer Taschenlamp e Ro mane au s dem neun zehnten Jahrhundert las, wäh rend meine Eltern glau bten , ich sch liefe. Eigentlich wollte ich sagen : Merk würdig - h ätte Arthur Tyrell an jenem Heilig abend 1 9 4 1 nicht einen od er zwei Grog zu viel getrunk en un d wäre er nich t nach Hau se gegang en und b etrunken eingeschlafen, anstatt d ie Po st au szutrag en, hätte der Postb eutel nicht all die Jah re unbemerk t auf seinem Dachboden g eleg en, bis Arthur Tyrell fün fzig Jah re später starb und eine seiner Töch ter den Beutel fan d und bei der Daily Mail anrief, dann wäre vielleicht alles ganz an ders geko mmen . Für meine Mutter, für mich und vor alle m fü r Ju niper Blyth e. In allen Zeitung en und in den Fern sehnach richten wu rd e darüber berichtet. Channel 4 h at sog ar ein e Sondersendung g eb racht, in der einig e der Emp fänger über ihren Brief sprechen sollten, über die Stimme aus der Vergangenheit, die so unerwartet zu ihnen sprach. Da war eine Frau , d eren Verlo b-
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ter damals bei der Royal Air Fo rce g ewe sen war, und dann dieser Mann mit der Gebu rtstagskarte von seinem So hn, d er ev akuiert wo rd en und eine Woche später von einem Bo mbensplitter getötet wo rden war. Es war ein e gute Sen dung , fand ich - teilweise sehr rührend, mit manchmal ku riosen, manchmal trau rigen Geschichten, das Ganze an gereichert mit Originalaufnahmen aus dem Krieg. Ein paarmal mu sste ich sogar weinen, was allerd ing s nicht viel heißen will, denn ich habe ziemlich nah am Wasser gebau t. Meine Mutter hat b ei der Sendung nicht mitgemacht. Man hatte sie ang eru fen und gefragt, ob in ih rem Brief etwas stand, was sie gern mitteilen wollte, aber sie hatte Nein gesag t, es habe sich nu r u m ein e gan z gewöhnlich e Bestellbestätigung von einem Bekleidungsgeschäft geh andelt, das es läng st nicht meh r g ebe. Aber das stimmte nicht. Das weiß ich, weil ich zu fällig da war, als der Brief kam. Ich habe ihre Reaktion auf den Brief miterl ebt, und die war alles and ere als gewöhnlich. Es war an einem Morgen Ende Februar, der Winter mach te un s no ch o rdentlich zu schaffen, die Blumenbeete waren gefroren, und ich war gek o mmen , um meiner Mutter bei der Zubereitung des Sonntagsmahls zu helfen . Ich mache das hin und wieder, weil meine Eltern sich darüber freuen - obwohl es fü r g ewöhn lich Hühn chen g ibt und ich Vegetarierin bin und genau weiß, dass mein e Mu tter irgend wan n im Lauf der Mahlzeit ein so rg envolles Gesicht aufsetzt, bis sie es nicht meh r aushalten kann und an fän gt, mir Vo rträg e über Pro teinmangel und Anämi e zu halten . Ich stand gerade an der Spüle und schälte Kartoffeln , als der Brief du rch den Sch litz in der Haustür fiel. No rmalerweise ko mmt so nntags kein e Po st, und das hätte u ns gleich au ffallen sollen , aber das tat es nicht. Ich selbst war viel zu sehr damit beschäftigt, mir zu überlegen , wie ich mein en Eltern beibringen sollte, dass Jamie und ich un s getrennt h at ten. Seitd em waren schon zwei Mo nate vergangen , und irgendwann würde ich ihn en reinen Wein einschenken mü ssen, ab er je länger ich es vor mir herschob, desto schwerer fiel es mir. Un d ich h atte meine Gründe, waru m ich n ich ts sag te: Meine Eltern waren Jamie g egenüb er von An fang an skep -
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tisch gewesen. Außerdem k ö nnen sie nicht gut mit Problemen u mgehen, und mein e Mutter würd e sich no ch mehr Sorgen machen , wenn sie hörte, dass ich jetzt allein in unserer Wohnung lebte. Aber vo r allem f ü rchtete ich mich vo r d em un au sweichlichen, pein lichen Gesp räch, das au f meine Eröffnung folgen würde. Zu sehen, wie sich im Ge sicht meiner Mutter zuerst Verwund erung, d ann En tgeisterun g und schließlich Resignation sp ieg eln wü rd e, wenn sie feststellte, dass von ihr als Mutter jetzt irgend eine Art von Tro st erwartet würde ... Aber zurück zu dem Brief. Das Geräusch von etwas, das du rch den Briefschlitz geschob en wurde und leise zu Boden fiel. »Edie, kannst du mal nach sehen? «, sagte meine Mutter. Sie d eutete mit ein er Kin nbewegung in Richtung Flu r und gestikulierte mit der Hand, die sich nich t im Innern des Hüh nchens befand . Ich legte die Kartoffel weg, wischte mir die Hände an einem Geschirrtuch ab und ging d ie Post holen. Es war nur ein einzelner Brief, der au f der Fußmatte lag: ein offizieller U mschlag der Post, dessen In halt als »Nachsend ung « dek lariert wurde. Ich las mein er Mutter die Aufschrift vor, als ich in die Kü che kam. Sie h atte das Hühnchen fertig g efüllt und war g erad e d abei, sich die Hände abzutrocknen. Stirn runzelnd , eh er aus Gewoh nheit als au s Beso rgnis, nahm sie den Brief entgegen und klaubte ih re Leseb rille von d em Kü rb is in d er Ob stsch ale. Sie b etrachtete den Po stau fd ruck und beg ann , d en äußeren U mschlag zu öffnen. Ich hatte mich wieder dem Kartoffelschälen zugewandt, ei ne Aufgabe, die mir im Mo ment d ring licher erschien , als meine Mu tter beim Öffnen der Post zu beobachten, deswegen habe ich leider ihr Gesicht nicht gesehen , als sie d en kleineren Umschlag hervorzog , das dünn e Notp apier sah und die alte Briefmarke, als sie den Brief umdreh te und den Absender auf der Rückseite las. Aber seitdem habe ich mir oft vorgestellt, wie die Farbe aus ihrem Gesicht wich, wie ih re Finger zu zittern beg annen, sod ass es meh rere Min uten dauerte, ehe sie in der Lage war, den Umschlag au fzureißen .
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Was ich mi r nich t vo rzu stellen brau che, ist das Geräu sch . Das entsetzte, kehlige Keuch en, gefolgt von heisere m Sch luchzen, das so p lötzlich k am, dass mir das Schälmesser ab rutschte und in den Fin ger schnitt. »Mu m? « Ich ging zu ih r und legte ih r ein en Arm u m die Schultern, wobei ich darauf achtete, dass kein Blut auf ih r Kleid trop fte. Aber sie sag te nichts. Sie konn te es nicht, erzählte sie mir sp äter, nicht in diesem Au g enb lick . Sie stand stocksteif da, und Trän en lie fen ih r über die Wangen , wäh rend sie sich den Umschlag an die Brust drückte, einen seltsamen kleinen Umsch lag aus so dünn em Papier, d ass ich den gefalteten Brief d arin erkennen kon nte. Dann , n achd em sie ein paar wirre Anweisung en zu dem Hü h nchen, dem Ofen und den Kartoffeln erteilt hatte, gin g sie n ach oben un d versch wand in ih rem Sch lafzimmer. In der Küche wurde es bedrückend still, nachdem meine Mu tter fo rt war, und ich schlich nur noch auf Zehenspitzen herum. Meine Mutter weint nicht leicht, aber dieser Augen blick - ih r Sch reck und der Schock , den er bei mir au slö ste kam mir vage bekannt vo r, als hätte ich dasselbe schon ein mal erlebt. Nach ein er Viertelstunde, in de r ich d ie Karto ffeln zu End e geschält hatte, d ie Mög lich keiten du rchgegan gen war, wer der Absender des Briefs sein kö nnte, und mi ch gefragt hatte, wie ich mich v erhalten sollte, klopfte ich schließlich an ihre Tür und fragte sie, ob sie eine Tasse Tee wolle. Sie hatte in zwischen die Fassu ng wiedergewonnen, und wir setzten uns einand er g egenüber an den kleinen Resopaltisch in der Küch e. Während ich so tat, als wü rde ich nicht bemerken , dass sie geweint hatte, beg ann sie zu sprechen . »Ein Brief«, sagte sie, »von jeman dem, d en ich vo r lang er Zeit mal gek annt habe. Als ich zwölf, d reizeh n Jahre alt war.« Ein Bild fiel mir ein, an das ich mich dunkel erin nerte, ein Foto, das au f d em Nach ttisch mein er Groß mutter gestanden hatte, als sie im Sterben lag . Drei Kin der, das jüng ste mein e Mu tter, ein Mäd chen mit ku rzem, du nklen Haar, das im Vo rderg rund auf etwas hock te. Seltsam, ich hatte Gott weiß wie o ft am Bett meiner Groß mu tter gesessen und ko nnte mich
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do ch nich t an d as Gesicht des Mädchen s erinnern. Vielleicht in teressieren sich Kinder ja erst dan n d afü r, wer ih re Eltern vo r ih rer Gebu rt waren , wenn etwas passiert, das mit der Verg angenheit zu tun hat. Ich trank meinen Tee und wartete darau f, dass meine Mutter fo rtfuhr. »Ich glaube, ich habe dir nicht viel über diese Zeit erzäh lt, nicht wahr? Über die Zeit im Krieg, im Zweiten Weltk rieg. Es war eine sch recklich e Zeit, all die Au freg ung u nd d ie Zerstörung . Es schien ...« Sie seufzte. »Na ja, es schien , als würd e die Welt nie wieder normal werden. Als wäre sie aus dem Gleichgewicht ge raten und n ich ts k önnte sie wieder in s Lot b rin gen.« Sie legte ih re Händ e u m ih re damp fen de Tasse und sch aute hinein. »Meine Familie - Mum, Dad, Rita, Ed und ich -, wir wohnten in einem kleinen Reih enhaus in der Barlow Street, im Stadtteil Elephan t and Castle, und am Tag nach dem d er Krieg au sgeb rochen war, wu rd en wir Kinder in Sch ulen g esammelt, zu m Bahnhof gebracht und in d en Zug g esetzt. Das werd e ich nie vergessen, wie wir in Reih und Glied zu m Bahnho f marschierten, mit Namen sschildern un d Gasmask en und unseren Taschen, und wie d ie Mütter, denen es nicht geheuer war, dass wir fortgeschickt wurden , die Straße herun tergerannt kamen und dem Wachman n zu riefen , er solle ih re Kin der freilassen , und wie sie dann den älteren Gesch wistern zu riefen , sie sollten auf die jüngeren achtgeben und sie nicht au s den Augen lassen.« Eine Weile kaute sie au f ih rer Unterlip pe, während sie d as alles in ih rer Erinnerung noch einmal du rchlebte. »Du hast bestimmt g roß e An gst gehabt«, sagte ich . In unserer Familie berührte man sich nie viel, so nst hätte ich vielleich t ihre Hand g enommen . »Anfangs ja.« Sie blick te au f und schau te mich an , dann nah m sie die Brille ab und rieb sich die Augen. Ohne ihre Brille wirkte sie v erletzlich, ungeschützt, wie ein kleines, nachtaktives Tier, das vom Tageslicht verwirrt ist. Ich war froh , als sie d ie Brille wieder aufsetzte und fortfuhr. »Ich war noch nie von zu Hause weg gewesen, hatte noch nie eine Nacht getrennt von mein er Mutter v erb rach t. Ab er meine älteren Geschwister waren ja bei mir, und als wir im Zug sa -
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ßen und eine der Lehrerinnen Sch okoladenriegel verteilte, wu rd e d ie Stimmu n g gelö ster, und wir kamen un s beinah e vo r wie au f einer Abenteuerreise. Kannst du dir d as v o rstellen? Es war Krieg, aber wir sangen Lieder und aßen Birnen aus Dosen und spielten >Ich seh e was, was du n icht sieh st<. Kinder sind sehr belastbar, man che reg elrecht gefühllo s. Irgend wann kamen wir in einer Stadt namens Cranbrook an. Dort wurden wir in kleineren Grupp en auf Busse verteilt. Der Bu s, in dem meine Geschwister und ich saßen, brachte un s zu einem Do rf n amens Milderhurst, wo wir in Zweierreihen zu einem Haus mit einem großen Saal marschierten. Ein paar Frau en au s dem Dorf erwarteten uns bereits mit einem eingefrorenen Lächeln u nd mit Listen in der Hand . Wir mussten uns in Reihen au fstellen, wäh rend die Leu te umh erliefen und ihre Wahl trafen. Die Kleinen gingen schnell weg, vor allem die hüb schen. Ich neh me an , die Leute d achten, dass sie mit denen weniger Arbeit h aben wü rd en, dass sie nicht so stark den Geruch von London an sich h ätten.« Sie läch elte schief. »Die hab en ih ren Irrtu m schn ell eingesehen . Mein Bruder wu rde gleich zu Anfang ausgewählt. Er war groß und kräftig für sein Alter, und die Bauern b rauchten dringend Helfer. Kurz darau f wurde Rita zusammen mit ihrer Schulfreundin mitgeno mmen .« Ich konnte nicht meh r an mich halten . Ich nah m d ie Hand meiner Mutter. »Ach , Mu m.« »Schon gut«, sagte sie, zog ihre Hand weg und gab mir einen Klap s au f die Finger. »Ich war nicht d ie Letzte. Es waren noch andere da. Zum Beispi el ein kleiner Jung e mit fürchterlichem Hautau sschlag. Ich weiß nicht, was aus ihm gewo rd en ist, aber er stan d immer noch in dem Saal, als ich ging. Weißt du, später habe ich noch jahrelang angeschlagenes Obst gekauft, wenn ich es im Geschäft in die Hand genommen h atte. Ich k onnte mich nicht dazu überwinden, es erst von allen Seiten zu prü fen und dan n wied er zu rü ckzu legen, wenn ich sah, dass es Stellen h atte.« »Ab er irg end wann wurdest du mitg eno mmen .«
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»Ja, irgendwann wu rde ich mitg eno mmen .« Sie sp rach plötzlich ganz leise und nestelte an etwas in ihrem Schoß herum. »Sie kam ziemlich spät. Der Saal war schon fast leer, die meisten Kind er waren fo rt, und d ie freiwillig en Helferinnen waren schon dabei, die Teetassen wegzuräu men. Ich hatte angefangen zu weinen , aber so, dass es niemand merk te. Dann plötzlich rausch te sie herein, un d der g anze Saal, selbst die Luft wirk te wie v erwandelt.« »Verwand elt? « Ich zo g die Nase krau s un d dach te an d iese Szene in Carrie, wo d ie Elek trik exp lod iert. »Es ist schwer zu erklären. Hast du es schon mal erleb t, dass jemand so fo rt eine bestimmte At mo sph äre v erbreitet, woh in er auch ko mmt? « Vielleich t. Ich ho b d ie Schu ltern . Meine Freund in Sarah ist eine Frau, nach d er sich alle umdrehen, wenn sie auftaucht, nicht u nbedingt ein atmosphärisch es Phänomen , ab er den no ch ... »Nein, natürlich kenn st du das n ich t. Es k ling t ja auch albern ... Was ich meine, ist, dass sie anders war, so ... Ach, ich weiß nich t. Ein fach anders. Sch ön auf eigenartige Weise, langes Haar, g roße Aug en, mit denen sie sich wild umsah. Ab er nicht nur das mach te sie au ffällig . Sie war damals erst siebzeh n, im Sep temb er 1 9 3 9 , aber die anderen Frauen wirkten wie eingeschüch tert.« »Ehrfu rchtsvoll? « »Ja, ich glau be, so kann man es sagen, ehrfurchtsvoll. Sie waren überrascht, sie zu sehen , und unsicher, wie sie sich verh alten sollten. Irg endwann hat eine der Frauen ihre Sprach e wiedergefunden und gefragt, o b sie behilflich sein k ön ne, aber die junge Frau wedelte nur mit ih ren langen Fingern und sagte, sie sei geko mmen , u m ih re Evak uierte ab zuholen. Genau das hat sie gesag t — nicht eine Evaku ierte, sondern ihre Evakuierte. Ich saß au f dem Boden, und sie ist direkt auf mich zugekommen. >Wie h eißt du? <, wo llte sie wissen , u nd als ich ih r mein en Namen nannte, hat sie mich angelächelt und gemeint, ich mü sste doch bestimmt müde sein nach der langen Fahrt. >Möchtest du gern mitko mmen un d b ei mir wohnen?<, fragte sie dann, und ich habe genick t, das nehme ich jed enfalls an, denn d arau fhin hat sie sich zu der Frau
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umgedreht, die vorher so resolu t au fg etreten war, der mit der Liste, und hat ihr erklärt, si e wü rde mich mi tn eh men .« »Wie hieß sie? « »Blyth e«, sagte meine Mu tter, einen kaum wahrnehmbaren Sch auder unterd rück end. »Juniper Blythe.« »Un d d er Brief war von ihr? « Meine Mutter nickte. »Sie hat mich zu ih rem Auto geführt, einem Luxusgefäh rt, wie ich es no ch nie geseh en hatte, und ist mit mir zu dem Ha us gefahren, wo sie zusammen mit ih ren beiden älteren Schwestern lebte, Zwillingen. Es ging du rch ein schmiedeeisern es To r über eine gewundene Zu fahrt zu einem riesigen, präch tig en Bau, der sich mitten in einem Wald befand . Schloss Milderhurst.« Es war ein Na me wie au s einem Schau erroman , un d mich befiel ein leichtes Frö steln bei der Erinn erung an das Schluchzen meiner Mutter, als sie den Namen d er Frau au f der Rückseite des Briefs gelese n hatte. Ich hatte schon alle möglichen Geschichten über evaku ierte Kind er u nd merk wü rd ige Vorfälle g ehö rt, und ich fragte mit tonloser Stimme: »War es unheimlich? « »Nein, überhaupt nich t. Kein bissch en unheimlich. Ganz i m Gegenteil.« »Aber der Brief - du hast doch ...« »Ich war einfach überrascht, mehr nicht. Eine Erinnerung an eine Zeit, d ie ich läng st verg essen hatte.« Sie schwieg. Ich dachte darü ber nach, wie einschneiden d die Evakuierung gewesen war, wie ang stein flö ßend und v erwirrend es für sie als Kind gewesen sein mu sste, an einen unbekannten Ort geschickt zu werd en, wo alles and ers war als zu Hause. Meine eigen en Kindh eitserinnerungen waren mir noch sehr präsent, der Schrecken, den es bedeutet hatte, wenn man sich vorüberg ehen d in ein er fremd en Umg eb ung befand, an die verzweifelten Bindung en, d ie man no tgedrun gen einging - an Gebäu de, an verstän dnisvolle Erwachsen e, an Freunde -, u m d ie Zeit zu überstehen. Der Gedanke an die Freundschaften brachte mich auf eine Id ee: »Bist du nach dem Krieg jemals wieder hingefahren, Mu m? Nach Milderhurst? «
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Sie blickte erschrocken au f. »Natürlich nicht. Waru m hätte ich das tun sollen?« »Ich weiß nicht. Um zu seh en, was sich verändert hatte, u m die Leute wiederzusehen . Deine Freu ndin zu besu chen .« »Nein «, erwid erte sie mit Bestimmth eit. »Ich hatte mein e eigen e Familie hier in London, mein e Mutter b rauchte mich. Außerdem hatten wir viel zu tun, die Au fräumarbeiten nach dem Krieg ... Das Leb en ist weiterg egan gen .« Und damit senkte sich der vertraute Sch leier wieder zwischen u ns, und ich wu sste, dass das Gespräch vorbei war. A m En de gab es doch kein fe stliches Sonntag smahl. Mein e Mu tter meinte, ihr sei nicht danach, und fragte, ob es mi r etwas au smachen würde, wenn wir das Hühnchen diesmal ausfallen ließen. Es schien mir lieblos, sie daran zu erin nern, d ass ich sowieso kein Fleisch esse und eig entlich nu r gekommen war, um mein e To chterp flichten zu erfüllen . Also erklärte ich mich einverstanden und riet ih r, sich ein bissch en hin zulegen . Gute Idee, sagte sie, und wäh rend ich mein e Sachen zu sammenpackte, war sie bereits dabei, zwei Aspirin zu sch luck en, und ermahnte mich , meine Mütze aufzu setzen b ei dem k alten Wind. Mein Vater hat die ganze Angelegenheit versch lafen. Er ist älter als meine Mutter und seit einig en Monaten in Ren te. Das Rentnerleben beko mmt ih m nicht. Währen d der Woche streift er durchs Haus au f der Such e nach Din gen , d ie rep ariert werden mü ssen, und treibt mein e Mutter in den Wahn sinn , und die Sonn tage verbringt er in seinem Sessel. Das gottgegebene Recht des Hausherrn, erklärt er jedem, der es hören will. Ich gab ihm einen Kuss au f die Wang e und ging du rch die eisige Kälte zu r U-Bahn , mü de und do ch aufgewühlt und ein bissch en nied ergeschlagen bei dem Gedanken, allein in die hö llisch teu re Woh nung zu rück zuk eh ren , die ich b is vo r Ku rzem mi t Jamie geteilt h atte. Erst irgend wo zwisch en Kensingto n High Street und Notting Hill Gate fiel mir au f, dass meine Mutter mir g ar nicht gesagt hatte, was in de m Brief stand.
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Eine Erinnerung bringt Klarheit Während ich dies niederschreibe, bin ich ein bisschen von mir selb st en ttäuscht. Ab er h interher ist man immer k lüger, und jetzt, wo ich weiß , was es zu finden gab, frage ich mich natürlich, warum ich mich nicht gleich auf d ie Su che gemacht habe. Und ich bin nicht ganz du mm. Meine Mu tter und ich trafen un s ein paar Tage sp äter zu m Tee. Auch d iesmal traute ich mich nich t, ih r v on den Veränderung en in meinem Leben zu erzählen, aber ich habe sie wenigstens nach dem In halt d es Briefs gefrag t. Sie wink te ab und sagte, es sei nichts v on Bedeu tung gewesen , nu r ein knapp er Gruß ; d ass ih re Reaktion allein der Überraschung geschuldet war. Da wusste ich noch nicht, dass mein e Mutter eine gute Lügnerin ist, sonst hätte ich ihre Wo rte angezweifelt, hätte n achgehakt od er gen auer au f ih re Kö rp ersprach e geach tet. Aber so etwas macht man halt nicht. Instinktiv neigt man dazu zu glauben, was die Leute einem sag en, vo r allem in der Familie, bei Menschen, die man gut k ennt, denen man vertraut. Zumin dest ging es mir so. Bis dahin jedenfalls. Und so vergaß ich d as alles: Milderhu rst und die Ev akuierung meiner Mu tter und sogar den eigenartigen Umstand, dass sie mir vorher noch nie davon erzählt hatte. Es ließ sich leicht erklären, wie die meisten Din ge, wenn man sich Mü he gibt: Mein e Mutter und ich kamen gut miteinander au s, aber wir h atten un s n ie sehr nahgestanden und waren nich t unb edingt erpicht darauf, un s vertraulich über die Vergangenheit au szutauschen. Über die Gegen wart üb rig en s au ch nich t. Erst recht nicht üb er d ie Zukunft. Anscheinend war die Evakuierung für meine Mutter eine angeneh me, aber unb edeu ten de Erfah rung gewesen , und so gab es keinen Grund, mir davon zu erzählen. Ich erzähle ih r weiß Gott auch nicht alles. Schwerer zu erklären war das seltsame und zu gleich heftig e Gefühl, das ihre Reaktio n au f d en Brief in mir au slö ste, die unerklärliche Gewissheit, d ass es da eine Erinnerung gab , die ich einfach nicht zu fassen bekam. Etwas, das ich gesehen oder gehört und dann v ergessen h atte und das jetzt du rch die d unklen Windun gen meines Gehirn s g eisterte, oh ne ir17
gendwo zu verharren, sodass ich es h ätte benennen k önnen. Und so zerbrach ich mir den Kopf, ob vielleicht vo r Jahren, irgendwann ein mal ein Brief eingetro ffen war, der sie auch zu m Weinen g eb racht hatte. Aber es war zwecklos, das verschwomme ne Bild wurde nicht scharf, und schließlich sagte ich mir, dass wah rscheinlich meine Fantasie mit mir durchging, meine blüh ende Fantasie, von der me in e Eltern scho n immer g esagt h atten, sie wü rd e mich no ch ein es Tages in Sch wierigkeiten b rin gen , wenn ich nicht au fpasste. Zudem drückten mich ganz andere, größ ere Sorgen. Nämlich die Frage, wo ich wohnen würde, wenn die Miete für die Wohnu ng fällig werden wü rd e. Die Mietvorau szahlu ng fü r sechs Monate war Jamies Abschied sgeschenk g ewesen , eine Art Wiedergutmachung fü r sein miserables Verh alten. Ab er im Ju ni war Sch luss. Ich h atte in den Zeitungen und in den Schaufen stern von Immobilienbü ro s nach Ein-ZimmerAp artments gesu cht, aber bei meinem bescheidenen Gehalt erwies es sich als äußerst sch wierig , etwas zu finden , das halb weg s in der Nähe mein es Arbeitsplatzes lag. Ich arbeite als Lek to rin b ei Billing & Bro wn , einer kleinen Verlag sd ruck erei in Notting Hill, die Herbert Billing un d Michael Brown Ende der Vierzigerjah re geg rün det h atten, um ihre eigenen Theaterstücke und Gedichte herauszubringen. Ich glaube, anfang s geno ss der Verlag hoh es An sehen, ab er seit der Markt zunehmend von den Großv erlagen beherrscht wird und das Interesse der Leser an Nischentiteln immer meh r zu rückg eht, d ru cken wir nu r noch Sachen, die wir un ter un s wohlwollend als »Spezialität des Hau ses« od er weniger wohlwollend als »Machwerk« bezeichnen. Mr. Billing - Herbert - ist mein Chef, und er ist außerd e m mein Mentor und mein bester Freu nd. Ich habe n icht viele Freunde, jedenfalls nich t von der leb enden, atmenden So rte. Das heißt nicht, d ass ich traurig und einsam bin, ich gehöre einfach nicht zu den Menschen, die gern eine Menge Leute um sich h aben. Ich k ann mich gut mit Wo rten au sd rü cken, allerd ing s nicht mit gesprochen en , und ich h abe schon o ft gedach t, wie wun derbar es doch wäre, wenn ich Beziehung en au f dem Papier füh ren kö nnte. In gewisser Weise tue ich das sogar, denn ich habe zig Freun de der anderen So rte, Freund e
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zwischen Buchd eckeln, au f Hund erten von Seiten, gefüllt mit g roßartig en Geschichten, die nie ihre Faszination für mich verlieren, die mich an die Hand nehmen und in Welten von abgrundtiefem Sch recken oder überwältig ender Freu de führen. Faszinierende, verehrung swü rd ige, treu e Wegbegleiter - ein ige davo n vo ller Weish eit -, die mir ab er leid er kein Gästezimmer fü r einen oder zwei Mo nate an bieten könn en . Denn ob wohl ich k eine Erfahrung mit Trennungen hatte Jamie war der erste Freu nd, mit dem ich mir eine Zukunft hatte vorstellen können —, war mir irgend wie klar, dass dies der Mo ment war, in dem man Fr eu nde u m e in e Gefälligk eit bat. Weswegen ich mich an Sarah wand te. Wir waren Nach barskinder und sind zusammen aufgewach sen, und Sarah flü chtete immer zu uns, wenn ihre vier jüngeren Geschwister sich in kleine Monster verwandelten. Es schmeichelte mir, dass ein Mädchen wie Sarah un ser biederes Reihenhaus als Zufluchtsort erwählte, und wir blieb en b este Freund innen während der ganzen Schulzeit, bis Sarah mal wied er beim Rauchen hinter den Toiletten erwischt wu rde u nd den Math ematikunterricht gegen ein e Ausbildung zur Ko smetikerin eintauschte. Inzwischen arbeitet sie freiberuflich für Zeitsch riften und beim Film. Ich freute mich für sie, dass sie solchen Erfolg hatte, aber leider bed eutete das auch, dass sie in der Stunde mein er Not gerade in Hollywood weilte, wo sie Sch au spieler in Zo mb ies v erwandelte, und ih re Wohnun g samt Gästezimmer an einen österreichischen Architekten untervermietet hatte. Eine Zeit lang war ich seh r b eun ruh igt und malte mir d etailreich ein Leben als Obd achlose aus, bis Mr. Billing Herb ert - mir, wie ein ech ter Kavalier, das Sofa in seiner kleinen Wohnung über dem Verlag anbo t. »Nach allem, was du fü r mich getan hast? «, rief er au s, als ich ihn fragte, ob er sich auch ganz sich er sei. »Du hast mich vo m Bod en au fgelesen ! Du h ast mich gerettet!« Er übertrieb. Ich habe ihn nie am Boden liegend vorgefunden, aber ich wu sste, was er meinte. Ich war schon seit ein paar Jahren im Verlag und war g erad e d abei, mich nach einer etwas an spruchsvolleren Stelle umzu sehen, als Mr. Bro wn starb. Der Tod sein es Partners war ein solcher Schick sals-
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schlag fü r Mr. Billing, dass ich ihn in dem Mo ment unmöglich alleinlassen konnte. Er h atte nieman den außer sein e m verfressenen , üb ergewichtigen Hund, und auch wenn er nie darüber gespro chen hat, so wu rd e mir d och du rch das Au smaß und die In tensität sein er Trauer klar, dass Mr. Brown und er mehr als Geschäftspartner gewesen waren. Er aß nichts mehr, wu sch sich nich t meh r und betrank sich , als eingefleischter Ab stinen zler, eines Mo rgen s mit Gin . Mir blieb eigentlich keine Wahl: Ich beg ann fü r ihn zu ko chen, konfiszierte den Gin, und wenn wir in die roten Zahlen gerieten und ich se in Interesse nicht wecken konn te, üb ernah m ich es, Klinken zu pu tzen, um uns Aufträge zu besorgen. Seitdem drucken wir Pro spekte für ortsansässige Unterneh men. Als Mr. Billing davon erfuh r, war er so g lücklich, dass er meinen Einsatz reichlich überbewertete. Er fing an, mich als sein en Pro tegé zu bezeichnen und sprach auf einmal wieder voller Zuv ersich t übe r die Zuku n ft von Billing & Bro wn, darüb er, wie er und ich den Verlag zu Eh ren von Mr. Brown wieder auf die Beine stellen wü rden. Seine Augen begannen wieder zu leuchten, und ich schob mein e Suche nach ein em anderen Job vo rerst au f. Und seitd em sind acht Jahre vergangen. Was Sarah ziemlich amüsiert. Es ist schwierig, jemandem wie Sarah, einer kreativen, klugen Frau, die au ssch ließ lich nach ih ren eigenen Beding ungen arbeitet, zu erklären , d ass and ere Mensch en andere Kriterien für ih r Wohlbe finden im Leben haben. Ich arb eite mit Menschen zusammen , die ich bewundere, ich verdien e g enug Geld, um mein en Lebensu nterhalt zu b estreiten (wenn auch nicht in einer Drei-Zimmer- Wohnung in Notting Hill), ich verb ringe meine Tage damit, mit Wö rtern und Sätzen zu spielen , u nd helfe dadu rch anderen Leuten, ih re Ideen zum Ausdruck zu b ring en und sich den Trau m zu erfü llen, ein gedrucktes Buch zu veröffentlichen. Außerdem i st es nicht so , d ass ich keine Au fstiegsch ancen h ätte. Erst im vergangenen Jahr hat Herbert mich zur stellvertretenden Verlag sleiterin befö rdert - au ch wen n wir zwei die einzigen Vollzeitkräfte im Verlag sind. Es gab sog ar eine klein e Zeremonie mit allem Drum und Dran . Su san, un sere Teil zeitk raft, hat ein en Trockenku chen geback en und ist an ih -
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rem freien Tag in s Büro geko mmen , und wir haben mit alko ho lfreiem Wein angesto ßen , de n wir aus Teetassen tranken. Ang esich ts der d roh end en Räu mung n ah m ich Mr. Billin gs Angebot an. Es war eine au sgesp rochen rüh ren de Geste, vo r allem, da seine Wohnung wirklich sehr klein ist, aber es war meine einzige Option. Herb ert freute sich riesig . »Wun derbar! Das wird Jess gefallen, sie ist immer ganz aus dem Häusch en, wenn Besu ch ko mmt.« Und so war ich in jenem Mai gerade dabei, die Wohnung, die ich mit Jamie geteilt hatte, leer zu räumen und die letzte, leere Seite un serer Geschichte umzublättern, um allein eine neue zu b eginnen . Ich h atte meine Arbeit, meine Gesundheit und jede Men ge Bü cher; nun mu sste ich tap fer den grauen , einsamen Tagen entgegensehen, die sich en dlos vor mir erstreckten. Alles in allem kam ich ganz gut zu recht. Nu r hin und wieder gestattete ich es mir, in d en Tümp el mein er Gefühlsduselei zu tau chen . Dan n such te ich mir eine stille, dunkle Ecke wo ich mich besond ers gu t meiner Fantasie hingeb en konn te - und malte mir in allen Einzelheiten die traurigen Tage aus, an denen ich durch unsere Straße schleichen, vor unsere m Haus steh en bleiben und zu dem Fen ster hochb lick en wü rd e, wo ich meine Kräuter gezogen hatte un d wo jetzt d ie Sil houette eines Fremden ersch einen wü rd e. Stellte mir vo r, wie ich einen Blick au f die unsichtbare Gren ze zwisch en Verg angenheit und Gegen wart zu werfen versuch te und den körp erlichen Schmerz der Gewissheit spüren würde, dass es keinen Weg zurück gab ... Als Kind war ich eine Träu merin und hab e meine arme Mu tter damit zu r Verzweiflu ng gebrach t. Wenn ich mal wied er du rch eine Pfütze stapfte oder wenn sie mich aus dem Rin n stein zerren mu sste, um mich vo r dem 2 0 9 e r -Bu s zu retten, sagte sie jedes Mal kop fschüttelnd: »Es ist gefährlich, am helllichten Tag zu träu men !« oder »So passieren Unfälle, Edie! Du musst aufpassen !« Meine Mutter hatte gut reden, sie war die pragmatischste Frau , die je g ebo ren wu rd e. Aber was nützten ih re Ermah nung en einem Mäd chen , d as g anz in sein er eig enen Welt leb -
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te, seit es sich die Frage stellen konn te: »Was wäre, wenn ... ?« Natü rlich hörte ich nich t auf zu träumen, ich lernte nur, es besser zu verbergen. Aber in gewisser Weise behielt sie recht, denn mein Hang, mich in Gedanken ausschließlich mit der trübseligen, freudlo sen Nach -Jamie-Zukun ft zu beschäftigen, führte dazu, dass ich vo llkommen unvo rb ereitet war auf das, was dann geschah. Ende Mai rief ein Mann im Verlag an, der sich selbst zu m Medium ernannt hatte und ein Man usk ript über seine Erfah rungen mit der Geisterwelt in der Romney Marsh veröffentlich en wollte. Wenn ein potenzieller neuer Kunde uns kontaktiert, tun wir, wa s wir können, u m ih n zu frieden zustellen, und so k am es, d ass ich in Herberts altem Peug eot nach Essex fuh r, um mich mit dem Mann zu treffen und wenn mö g lich einen Vertrag mit ihm abzuschließen. Da ich nur selten Auto fahre und volle Autobahnen verabscheue, machte ich mich v o r Tag esanb ru ch au f den Weg , in der Ho ffnung, d ass ich auf diese Weise unb eschad et au s Londo n herau sko mmen würd e. Ich war um neun Uh r dort, das Gespräch verl ief gut - wir wurden uns einig, es kam zu m Ve rtrag -, und um Mittag war ich schon wieder auf dem Heimweg. In zwisch en herrsch te wesentlich meh r Verkeh r, dem He rberts Auto, mit d em man nicht schneller als neunzig fah ren konn te, o hne zu riskieren , dass man ein Rad verlor, nicht gewach sen war. Ob wohl ich, wenn mö glich, au f der Kriechspur fuhr, wurde ich ständig an gehup t und mit fin steren Blicken bedacht. Es tut der Seele nicht gut, als Ärgernis betrachtet zu werden , vo r allem, wenn man keine Wahl hat. Also verließ ich in Ash fo rd die Autobahn und fu h r weiter über Land straßen und Dörfer. Mit meinem Orientierungssinn ist es nicht weit her, ab er im Handschuh fach lag ein Straß enatlas, und ich stellte mich darau f ein, regelmäß ig anzuh alten und die Route im Atlas nachzu schlag en. Nach einer halben Stund e hatte ich mich hoffnungslos verfahren. Ich weiß immer noch nicht, wie es dazu gekommen ist, aber wahrscheinlich lag es unter anderem daran, dass der Atlas schon ziemlich üb erholt war. Und daran, dass ich gedankenv erlo ren die Lan dschaft bewundert hatte - die mit
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Schlüsselblumen gesprenkelten Felder, die Wildblumen am Straßenrand -, anstatt au f die Straß e zu achten. Wie au ch immer, ich wusste nicht mehr, wo ich war, und fuh r gerade durch eine schmale, schattige Allee, als ich mir eing esteh en musste, dass ich keinen blassen Sch immer hatte, in welche Himmelsrichtung ich überhaup t unterweg s war. Aber noch machte ich mir keine Sorg en. Früher oder später wü rd e ich au f eine Kreuzung stoß en oder zu einer Sehenswü rd igkeit ko mmen oder den St and eines Gemü sebauern finden, wo man mir netterweise ein g roß es, rotes X in meine Karte malen würde. Ich mu sste am Nachmittag nich t mehr in s Bü ro , alle Straß en füh rten schließ lich irgend wohin, ich b rauchte ein fach nu r die Augen offenzuhalten. Und so entdeckte ich es. In ein em Gestrüpp au s wild wu ch erndem Efeu. Es war einer von diesen alten, weiß gestrich enen Weg weisern au s Holz, in d ie die Ortsn amen geschnitzt sind. Milderhurst, stand darau f, 3 Meilen. Als ich anhielt un d das Sch ild noch ein mal las, sträubten sich mir d ie Nackenhaare. Ein e seltsame Ahnu ng überka m mich , und die verschwo mmen e Erinnerung, die ich seit Feb ruar, seit dem Eintreffen des Briefs bei meiner Mutter, nicht zu fassen bek am, nah m au f ein mal Kontu ren an . Ich stieg au s wie in Trance und folgte dem Wegweiser. Mir war, als würde ich mich selbst von außen beobachten, ja, als wü sste ich i m Vo raus, was ich vo rfinden wü rd e. Und vielleich t war es au ch so. Denn nach einem k n appen Kilo me ter, genau do rt, wo ich es erwartet hatte, stand es. Au s einem dich ten Brombeergestrüpp erhob sich ein g roß es, eisern es To r, das einmal herrschaftlich gewesen war, dessen Flü gel jetzt jedoch schief in den Angeln hingen . Sie lehn ten geg eneinander, als wü rden sie gemeinsam eine schwere Last tragen. An dem kleinen To rhäu schen hing ein verrostetes Schild mit d er Au fsch rift »Schloss Milderhurst«. Mein Herz po chte wie wild geg en mein e Rippen , als ich die Straße überqu erte und au f das Tor zuging. Ich pack te mit jeder Hand eine Stange, spü rte kaltes, raues, rostig es Eisen an den Hand flächen . Lang sam b eugte ich mich vo r und d rückte
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die Stirn an das To r. Mein Blick folgte dem Schotterweg, der in einem Bogen den Hügel hinauf und über eine Brücke führte, bis er sich in einem dich ten Wald v erlo r. Alles sah wun derschön und überwuchert und romantisch au s. Aber es war nicht der Anblick, der mir den Atem raubte. Die Erkenntnis traf mich wie ein Schlag, die ab so lute Gewissheit, dass ich schon einmal hier gewesen war. Dass ich scho n ein mal vo r diesem Tor gestanden, zwischen seinen eisern en Stang en hin durchgelugt und die Vögel beobachtet hatte, die wie Fetzen des Nachthimmels über dem dich ten Wald umherflatterten. Einzelheiten gewannen an Schärfe, und es war, als träte ich in einen Traum ein, als wäre ich wieder das Kind von damals. Meine Finger umklammerten die Eisenstangen, irgend wo tief in meinem Körper erkannte ich die Geste wieder. Genau so hatte ich es sc hon ein mal gemacht. Die Haut an meinen Handflächen erinnerte sich. Ich erinnerte mich. Ein sonniger Tag, eine warme Brise sp ielte mit meine m Kleid , meinem So nntag sk leid , am Rand meines Blickfelds der große Schatten meiner Mutter. Aus dem Augenwinkel schaute ich zu ih r hinüb er und sah, wie sie das Schlo ss b etrachtete, die dunkle, ferne Silhouette am Ho rizont. Ich hatte Durst, ich schwitzte, ich wollte in dem See planschen, dessen gl itzernde Oberfläche ich durch das To r sehen konnte. Ich wollte mit d en Enten und d en Reihern u nd den Lib ellen, d ie zwischen dem Schilf am Ufer herumschossen, im Wasser schwimmen. »Mu m«, sagte ich, aber sie antwortete nicht. »Mum? « Sie wandte sich mir zu und schaute mich an , und fü r einen ku rzen Moment schien sie mich n icht zu erkenn en . In ih rem Gesicht lag ein Ausdruck, den ich nich t verstand . Sie war eine Fremde, eine Erwach sene, deren Augen Geheimnisse bargen. Heute kann ich diese seltsame Gefü hlsmischung mit Worten besch reiben: Reue, Lieb e, Trauer, Sehnsucht. Aber damals war ich ratlos. Erst recht, als sie sagte: »Ich habe einen Fehler gemacht. Ich hätte nicht herkommen sollen. Es ist zu spät.« Ich glaube nicht, dass ich etwas darauf erwidert habe. Jedenfalls nicht gleich. Ich hatte kein e Ahn ung, was sie mein -
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te, u nd ehe ich dazu kam, sie zu frag en, packte sie mich an der Hand und zog mich so ruppig, dass mir die Schulter weh tat, vo n dem To r weg und über die Straße zu unserem Auto. Vage roch ich ihr Parfüm, das sich mit der warmen Luft, mit den un gewohnten Landg erüch en mi sch te. Sie ließ den Mo to r an , und wir fuh ren lo s. Ich beob achtete gerade zwei Spatzen durch das Seitenfenster, als ich es hö rte. Es war d er kehlige Schluchzer, der gleiche kehlige Schluchzer, den sie ausgestoßen hatte, als der Brief von Juniper Blythe eintraf.
Die Bücher und die Birds Das Tor zum Schloss war verriegelt und viel zu hoch, um hinüberzuklettern - n icht dass ich es versu cht hätte, wenn es nied riger gewesen wäre. Ich bin scho n immer ziemlich un sportlich gewesen, und jetzt, n ach dem d ie Erin nerung zu rückgek eh rt war, hatte ich Pudding in den Knien. Ich fühlte mich sond erbar verlo ren und hilflos. Ich ging zu meinem Wagen zurück und saß ein e Weile da und überleg te, wie ich weiter vo rgeh en so llte. Viele Möglichkeiten hatte ich nicht. Ich war viel zu aufgewüh lt, u m A uto zu fah ren , erst recht d ie lange Strecke bis London , und so ließ ich sch ließ lich den Mo to r an und fuh r im Sch ritttemp o in s Do rf Milderh u rst. Auf den ersten Blick sah es genauso aus wie all die an deren Dörfer, du rch die ich an dem Tag geko mmen war: eine einzige Straße mit einem klein en Rasenp latz am En de, dan eben eine Kirche und geg enüb er eine Schule. Als ich vo r dem Gemeindehaus parkte, sah ich plötzlich all die müden Londoner Schulkinder vor mir, ruß versch miert nach d er endlo sen Zug fah rt Richtun g Osten. Ein geisterhaftes Bild von meiner Mutter, vor vielen Jah ren, lang e, bev o r sie meine Mutter wu rd e, wie sie sich mit d en anderen Kin dern in Reih und Glied aufstellt und auf ein e ung ewisse Zuk un ft wartet. Ich schlen derte die Hauptstraße entlang und versuchte vergeblich, meine au fg esch euch ten Gedank en im Zau m zu halten. Also gut, meine Mu tter war n och ein mal n ach Mild erhurst zurückgekommen , und ich war bei ihr gewesen. Wir 25
hatten vor dem großen To r ge stan den , und sie war völlig du rcheinander gewesen . Ich konnte mich wied er daran erin nern. Es war passiert. Aber mit der einen Antwort, die ich gefunden hatte, waren nu r lauter neue Fragen au fgetauch t und schwirrten um meinen Kopf wie Motten ums Licht. Warum waren wir hier gewesen? Warum hatte sie gewein t? Was hatte sie gemein t, als sie zu mir gesagt hatte, sie h abe einen Fehler gemacht, es sei zu spät? Und warum hatte sie mich vor drei Monaten angelogen , als sie gesagt h atte, der Brie f von Juniper Blythe habe keine Bedeu tung? Die Fragen k reisten noch in meinem Ko p f, als ich mich un verho fft vor der offenen Tür eines Buchladen s wiederfan d. Ich glau be, es ist etwas g anz Natü rlich es, dass man sich in Zeiten g roßer Verwirrung d em Vertrauten zuwendet. Die hohen Reg ale und d ie zahllo sen säuberlich au fgereih ten Buch rücken übten eine ungemein beruh igend e Wirku ng auf mich au s. Umg eben von dem Geru ch nach Druckerschwärze und Leim, d en Staubflöckchen , die im streifigen Sonn enlich t tanzten, d er warmen , stillen Lu ft, konnte ich wieder freier atmen. Ich spü rte, wie mein Puls sich beruhigte und meine Gedanken die Flügel anlegten. Es war sch u mmrig in dem Laden, was mir nur rech t war. Ich suchte nach mein en Lieb lingsautoren wie eine Lehrerin, die ih re Schüler aufruft. Brome - alle drei anwesend, Dickens - anwesend, Shelley mehrere hübsche Ausgab en. Ich b rauchte sie g ar nich t au s dem Regal zu nehmen, um zu wissen, dass sie da waren; sie leicht mit den Fingern zu berühren reichte mir. Ich ging an den Regalen vorbei, las die Titel au f den Buch rücken , stellte h ier und d a ein Buch, das an den falsch en Platz g eraten war, wieder richtig zu rück , bis ich in den hinteren Teil des Ladens g elangte, der nicht mit Regalen vollgestellt war. Au f ein em Tisch in der Mitte stand ein Sch ild mit der Aufschrift: »Heimatg eschichten «. Dan eben stapelten sich Heimatkundeb ücher, Bildbände und Bücher von Auto ren aus der Gegend. Geschichten von Mordbrennern, Landfahrern, Vagabunden; Die Abenteuer der Schmuggler von Hawkhurst; Eine kleine Geschichte des Hopfenanbaus. In der Mitte, au f einem h ölzern en Ständer, entdeckte ich einen Titel, der mir ve rtraut war: Die wahre Geschichte vom Modermann.
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»Ach !«, rief ich, n ahm es vo m Tisch un d d rü ckte es an mich . »Mögen Sie die Geschichte? « Wie aus d em Nich ts war die Verkäuferin aufgetaucht und schüttelte ih r Stau btuch aus. »Ja«, sagte ich. »Natü rlich. Wer mag sie nicht? « Als ich Die wahre Geschichte vom Modermann zu m ersten Mal las, war ich zehn Jahre alt und lag krank im Bett. Ich glaube, ich hatte Mu mps - eine von diesen Kin derk rankheiten , die ein en fü r Woch en ans Bett fesseln, und ich mu ss ziemlich quengelig gewesen sein , denn das mitfühlende Lächeln meiner Mutter war immer verkn iffener gewo rden . Ein es Nach mittag s, als sie sich eine ku rze Atemp au se au f der High Street gegön nt hatte, kam sie mit frisch em Op timis mu s zu rück und d rückte mir ein zerlesenes Buch au s der Bücherei in die Hand. »Vielleicht mu ntert dich das ein bissch en au f«, sagte sie vo rsichtig. »Es ist eigen tlich fü r etwas ältere Kin der, ab er du bist ja ein kluges Mädch en, und wenn du d ir Mühe gibst, wirst du es schon verstehen. Es ist zwar dicker als die Bücher, die du sonst liest, aber v ersuch mal, es zu Ende zu lesen.« Wah rscheinlich habe ich , anstatt ih r zu antworten, nur voller Selbstmitleid gehustet, ahnte ich doch nich t, dass ich ku rz dav o rstand, ein e Sch welle in ein e Welt zu übersch reiten, aus der es kein Zu rü ck geben würde, dass ich etwas in den Händen hielt, dessen b escheiden es Erschein ung sbild seine Macht Lügen strafte. Jeder wahre Leser hat ein Buch, hat einen Moment wie den erlebt, wie ich ihn hier beschreibe, und als mein e Mu tter mir d as Buch au s der Bücherei mitb rachte, war mein entscheiden der Mo men t geko mmen . Damals wusste ich es noch nicht, aber nach dem ich tief in die Welt vo m Modermann eingetauch t war, konn te d ie Wirk lichk eit nie wieder mit d er Welt der Roman e konk urrieren . Seitd em b in ich Miss Perry unendlich d ankbar, denn als sie diesen Roman über den Tresen schob und meiner gestressten Mu tter zu redete, ihn mir zu m Lesen zu geben, hatte sie mich entwed er mit ein em viel älteren Mädchen verwech selt, oder sie hatte tief in meine Seele g esch aut und do rt ein Vakuu m en tdeck t, das gefü llt werden mu sste. Ich gehe von Letzterem au s. Schließlich besteht die eigentliche Aufgabe einer Bibliothe-
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karin darin, ein Bu ch mit seinem wahren Leser zusammen zub ringen . Ich schlug das v ergilbte Buch auf, und vo m ersten Ab satz an , in dem besch rieben wird, wie der Modermann in dem tiefen , dunklen Schlossgrab en au fwacht, vo n dem fu rchtbaren Mo men t an, in dem s ein Herz zu schlagen beginnt, ließ es mich n icht meh r lo s. Mein Herz klop fte, ich bekam ein e Gänsehau t, meine Finger zitterten in Erwartung, Seite um Seite umblättern zu dü rfen , die schon vo ller Eselsoh ren waren v on den zahllo sen Lesern , d ie die Reise vo r mir angetre ten hatten. Ich besuchte präch tige und fu rchterregend e Orte, ohne das mit Papiertasch entü chern üb ersäte So fa im Reih en haus meiner Eltern jema ls zu verlassen. Der Modermann hielt mich tagelang gefangen, meine Mutter begann wieder zu läch eln, mein geschwollenes Gesicht sah wieder no rmal aus, und mein neu es Ich war gebo ren. No ch ein mal fiel mein Blick auf das handgeschriebene Schild -»Heimatgeschich ten« -, und ich sagte zu der strahlenden Verkäu ferin : »Raymond Blythe war also h ier aus der Gegend? « »Aber ja.« Sie schob sich feine Haarsträhnen hinter die Ohren. »Er hat oben in Schloss Milderh u rst gelebt und geschrieben, und er ist auch do rt gestorben. Das ist das prächtige Anwesen ein paar Kilo meter außerhalb des Dorfs.« Ihre Stimme nahm einen wehmütigen Ton an. »Zumindest war es mal prächtig.« Raymond Blythe. Schloss Milderhurst. Mein Herz klopfte inzwischen ziemlich heftig. »Hatte er v ielleicht ein e Toch ter? « »Er hatte sogar d rei.« »Hieß eine dav on Jun iper? « »Genau . Das ist die jüngste.« Ich dachte an mein e Mu tter, ihre Erinnerung an die Sieb zehnjäh rig e, d ie die Lu ft elek trisch au fgeladen h atte, als sie den Gemeindesaal betrat, u m »ih re Evak uierte« ab zuholen; die 1 9 4 1 einen Brief geschrieben hatte, der meine Mutter hatte in Tränen ausbrechen lassen, als er fün fzig Jah re später eintraf. Plötzlich hatte ich d as dringende Bedürfnis, mich irgendwo zu stützen.
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»Die wo hnen alle d rei n och da oben«, fuhr die Verkäuferin fort. »Es mu ss was mit dem Wasser im Schloss zu tun haben, sagt meine Mutter immer; sie sind jeden falls noch sehr rü stig. Außer der Jüngsten natürlich.« »Was ist denn mit der Jüng sten? « »Demenz. Ich glaube, das liegt in d er Familie. Eine traurig e Geschich te - sie mu ss mal ein e au sneh mende Schönh eit g ewesen sein und klug dazu, als Schriftstellerin ein vielversp rechend es Talent. Aber dann hat ih r Verlob ter sie verlassen, damals im Krieg, und davon hat sie sich nie wieder erho lt. Ist verrückt gewo rden. Sie hat immer darau f gewartet, dass er zu ihr zurückkommt, ab er er ist nicht geko mmen .« Ich öffnete den Mund , um zu fragen, was au s dem Verlobten geworden sei, aber sie war in ih rem Element und offenbar nicht bereit, Frag en aus dem Publikum zu beantworten. »Zum Glück hatte sie ih re beid en Schwestern , die sich um sie kümmer n konnten - d ie zwei geh ö ren ein er aussterbend en Rasse an; haben sich früher für alle möglichen wohltätigen Zwecke engagiert —, sonst wäre sie in einer Irrenanstalt gelandet.« Sie warf einen kurzen Blick hinter sich, u m sich zu vergewissern , dass wir allein waren, dann beugte sie sich vor. »Als ich klein war, ist Juniper immer durch das Dorf und die Felder gestreift, das weiß ich no ch. Sie hat niemanden belästigt, das nicht, ist einfach nur ziellos umherg ewandert. Uns Kindern hat sie eine Heiden ang st eingejagt. Aber Kin der gruseln sich ja gern, nich t wahr? « Ich nick te eifrig, und sie fuhr fort: »Sie war wirk lich harmlos. Sie hat sich nie in Sch wierigkeiten g eb racht, aus den en sie nicht wieder allein h erau skam. Außerd em b rauch t jedes o rdentliche Dorf seinen Son derling .« Ein Läch eln u msp ielte ih re Lippen. »Jemand en, der den Geistern Gesellschaft leistet. Hier drin können Sie meh r üb er sie lesen, wenn Sie mö ch ten .« Sie zeig te mir ein Buch mit dem Titel Raymond Blythe in Milderhurst. »Ich n eh me es«, sagte ich und gab ihr zehn Pfund. »Und den Modermann.« Ich war mit meiner brau nen Papiertüte schon fast aus der Tür, als sie mir nachrief: »Wenn Sie das so sehr interessiert, sollten Sie vielleicht ein e Besich tig ung machen .«
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»I m Schloss? « Ich schau te zu rück in den schu mmrigen Laden. »A m b esten , Sie wenden sich an Mrs. Bird. In der >Ho me Farm<, der Pension in der Tenterden Ro ad.« Ich mu sste ein paar Kilo meter in die Rich tung fahren , aus der ich geko mmen war, u m zu der Pension zu gelangen , einem schindelverkleideten Bauernhaus mit einem g roß en, üp pig blühenden Garten, in dessen h interem Teil sich weitere Gebäude erahnen ließen . Zwei klein e Gauben ragten au s de m Dach, und u m d en hohen Backsteinkamin flattert en ein paar weiße Tauben. Die bleiverglasten Fenster standen offen, um die warme Lu ft h ereinzulassen, und die rautenförmigen Sch eib en b lin zelten in der Nach mittag ssonne. Ich parkte un ter ein er gewaltig en Esch e, deren ausladend e Äste ein er Seite des Hau ses Schatten spen deten , d ann stap fte ich du rch ein sonn enverwöhntes Blu men gewirr: du ftend er Jasmin, Rittersporn und Glockenblumen, die sich über den Rand des mit Backsteinen gep flasterten Wegs ergossen . Zwei fette weiß e Gänse watsch elten vorbei, ohne mich au ch nu r eines Blickes zu würdigen, als ich au s dem g leißend en Lich t in einen sch u mmrig en Rau m trat. An den Wänd en hin gen Sch warz-Weiß -Fotog rafien vo m S ch lo ss und d en dazugeh ö ren den Ländereien, al le, laut Bildun tersch rift, aufgeno mmen für die Zeitschrift Country Life i m Jah r 1 9 1 0 . An der hinteren Wand erwarteten mich ein Tresen mit einem go ldglänzend en Sch ild , das »Rezeption « v erkündete, u nd eine kleine, füllig e Frau in einem k önig sblauen Leinenkostüm. »Ah , Sie mü ssen die jung e Frau au s Lon don sein.« Sie blin zelte hinter einer Hornb rille u nd läch elte, als sie meine Verwirrung bemerkte. »Alice aus dem Buchladen hat an geru fen un d mir Bescheid gesagt, dass Sie kommen würden. Sie haben sich ja rich tig beeilt. Bird mein te, Sie wü rd en mind esten s eine Stund e b rauchen.« Ich warf einen Blick au f den gelben Kanarienvo gel in de m p run kvollen Käfig , d er hinter ih r von der Deck e h ing. »Er wollte schon zu Mittag essen , aber ich hab e zu ih m gesagt, Sie würden wahrscheinlich genau in dem Moment hier ankommen, wenn ich die Tü r zumach e un d das Schild rau s-
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hänge.« Sie lachte ein heiseres Rauch erlachen, das tief au s ihrer Kehle kam. Ich hatte sie au f Ende fünfzig geschätzt, ab er dieses Lachen gehörte einer viel jüngeren, viel durchtriebeneren Frau, als der erste Eindruck vermittelte. »Alice sag t, Sie interessieren sich fü r das Schlo ss.« »Richtig. Ich habe erwähnt, dass ich das Schloss gern be sichtig en wü rd e, und da hat si e mich hierhergeschickt. Mu ss ich mich irgendwo anmeld en? « »Meine Güte, nein. So offiziell ist das alles nicht, ich mach e die Führung en selbst.« Ih r sto lzg esch wellter Bu sen bebte im Leinenjackett. »Das h eißt, früher.« »Früh er? « »Aber ja, und zwar mit Begeisterung. Anfan gs haben die Damen Blythe das natü rlich selbst gemacht. In den Fünfzigerjahren haben sie damit angefangen , um die In standh altu ng sko sten aufzub ringen und sich vo r d er Übern ah me durch den National Trust zu schützen - mit denen will Miss Percy nichts zu tun haben, das kann ich Ihnen versichern —, aber vor ein paar Jahren wurde es dan n alles ein bissch en zu viel. Jeder hat seine Grenzen, und als Miss Percy nicht meh r konnte, war es mir eine g roß e Freud e, fü r sie ein zu sp ringen. Eine Zeit lang habe ich pro Woche fünf Führungen gemacht, ab er heutzutage gibt es kaum noch Besucher. Anscheinend ist der alte Kasten in Verg essenheit g eraten.« Sie sah mich frag end an , als kö nnte ich ih r die Laun en des Men scheng esch lech ts erklären . »Also , ich wü rd e mir das Schlo ss seh r g ern von innen an seh en «, sagte ich freudig , ho ffnung svo ll, vielleich t so gar ein bissch en ungeduld ig. Mrs. Bird blinzelte hinter ihrer runden Brille. »Selbstverständlich, mein e Liebe, und ich wü rd e es Ihn en au ch gern zeigen, aber ich fürch te, es gib t k ein e Besich tigungen meh r.« Ich war so enttäuscht, dass es mir einen Moment lang di e Sprache verschlug. »Oh «, b rachte ich mit Mühe herau s. »Ach so.« »Es ist wirklich eine Sch ande, aber Miss Percys Entschluss steht fest. Sie sagt, sie ist es leid , ih r Haus zu öffn en, nur damit rücksichtslo se Tou risten üb erall ih ren Ab fall vertei-
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len. Tut mir leid, dass Alice Ihnen eine falsch e In fo rmation gegeben hat.« Sie h ob ratlo s die Sch ultern. Es entstand ein verleg enes Sch weig en. Ich wollte mich schon hö flich in mein Schick sal fügen , ab er jetzt, wo ich die Au ssich t dahinschwinden sah, Schloss Milderh u rst von innen zu sehen, gab es plötzlich nichts meh r, was ich mir d ring ender wünschte. »Es ist nur ... ich bin ein e so g roße Bewunderin von Raymo nd Blythe«, h ö rte ich mich sag en. »Ich g laub e, wenn ich nicht als Kind den Modermann gelesen hätte, wäre ich nie in einem Verlag gelandet. Wäre es nicht möglich ... ich meine, könnten Sie nicht ein gutes Wo rt fü r mich einlegen und den Besitzerinnen versichern, dass ich nicht zu den Leuten gehö re, die Ab fall in ih rem Hau s v erteilen? « »Na ja ...« Sie runzelte die Stirn und überlegte. »Das Schloss ist eine Augenweide, und Miss Percy ist äußerst stolz au f ihren Familien sitz ... Sie arb eiten in einem Verlag, sagten Sie?« Unbeabsichtigt hatte ich das Zauberwort ausgesprochen. Mrs. Bird gehö rte zu einer Generatio n, für die das Wo rt »Verlag« eine Eh rfurcht gebieten de Aura besaß . Mein winziger, mit Papier übersäter Arbeitsplatz und mein besch eiden es Gehalt taten nichts zur Sache. Ich klammerte mich an diese Gelegenheit wie eine Ertrin kende an ein Flo ß: »Billing & Bro wn, Verlag und Druckerei, Notting Hill.« Plö tzlich fielen mir die Visitenkarten ein, die Herb ert mir anlässlich der klein en Befö rd erung sparty üb erreicht hatte. Ich hatte nie welche b ei mir, jed en falls n icht au s beru flichen Gründ en, aber sie waren praktisch als Lesezeich en, u nd so konn te ich schn ell eine au s Jane Eyre h erau szu pfen , dem Buch, das ich immer in d er Tasche habe fü r d en Fall, dass ich mal irgend wo Schlange stehen muss. Ich überreichte die Karte wie einen Hauptgewinn. »Stellvertretende Ve rlag sleiterin «, las Mrs. Bird und mu sterte mich über ih re Brille hin weg . »Na so was.« Ich glaube nicht, dass ich mir den eh rfürchtig en Ton eingebildet habe, der jetzt in ih rer Stimme mitschwang. Sie spielte mit de m Dau men an einer Ecke d er Karte, p resste d ie Lipp en zusammen und nickte schließlich entschlossen. »Also gut. Geben
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Sie mir ein paar Minuten, dann rufe ich bei den alten Damen an . Vielleich t kann ich sie ja dazu überreden, mich heute Nachmittag für Sie eine kleine Füh run g machen zu lassen .« Wäh rend Mrs. Bird leise in ein en altmo d ischen Telefonhö rer sprach, setzte ich mich in einen Sessel mit tiefer Knopfpolsterung und öffnete d as b rau ne Päckchen mit mein en n eu en Büch ern. Ich zog den Modermann h ervo r un d strich mit den Händen über den glänzen den Umsch lag . Es stimmte, was ich gesagt hatte - au f d ie eine oder an dere Weise hatte die Begegnung mit Raymo nd Blythes Ge schich te mein gan zes Leben bestimmt. Als ich das Buch in d en Händen hie lt, l ief mi r ein Schau er über den Rücken, und ich wusste g anz gen au, wer ich war. Das Bild auf dem Deckel war dasselbe wie bei der Au sgab e der West-Barnes-Bücherei, die meine Mu tter vor fast zwanzig Jahren mitgebracht hatte. Ich lächelte und nah m mir fest vor, es ihr zu schicken, sob ald ich nach Hau se k am. Endlich wü rd e eine zwanzig Jahre alte Schuld beglichen. Denn als ich wieder g esund war und den Modermann in die Bücherei hätte zurückbringen mü ssen, war das Buch nicht meh r da. Mein e Mutter suchte wie verrückt, während ich beteuerte, es sei mir ein Rätsel, ab er es blieb sp urlo s versch wu nden , es befand sich auch n icht in dem Ch ao s un ter meinem Bett, wo sich sonst fast alles fand, was vermisst wurde. Nachdem wir alle Eck en und Winkel ergebnislo s durchstöbert hatten, wu rd e ich zu r Bücherei abgeführt, u m mein Geständnis abzu legen. Meine arme Mutter erntete einen vernichtenden Blick von Miss Perry und wäre vor Scham fast gesto rben , ab er ich war zu seh r erfü llt von dem k ö stlich en Gefü hl des Besitzes, u m Schuld zu emp finden. Es war der erste u nd ein zig e Diebstahl, den ich je b egangen h abe, aber daran ließ sich n ichts änd ern; das Bu ch und ich g ehö rten ein fach zu sammen . Mrs. Birds Telefonhö rer landete mit einem lau ten Knall au f der Gab el, und ich zuck te zu sammen . Au s ih rem Gesichtsau sd ruck schloss ich, dass sie schlech te Nach richten fü r
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mich hatte. Ich stand au f und humpelte zu m Tresen - mein linker Fuß war eingeschlafen. »Ein e d er Sch western ist leider nicht woh lau f«, sagte Mrs. Bird. »Ach? « »Die jüngste, sie hat einen Rückfall erlitten, der Arzt ist unterwegs, um nach ihr zu sehen.« Ich bemü h te mich , mir meine Enttäu schung nicht an merken zu lassen. Es geh örte sich n icht, ung ehalten zu reagieren, wenn eine alte Dame erk rankt war. »Wie b edauerlich. Es ist hoffentlich nichts Ernstes.« Mrs. Bird wischte meine Bedenken fort wie eine harmlose, wenn auch lästige Fliege. »Es geht ih r bestimmt bald wied er gut. Das ist nicht das erste Mal. Sie hat diese Anfälle seit ih rer Kindheit.« »Anfälle? « »Verlorene Zeit, so hat man das d amals genannt. Zeit, an die sie sich nich t erinn ern ko nnte, meistens, wenn sie sich sehr au fgereg t hat. Es hat etwas mit dem Herzrh ythmus zu tu n - zu schn ell, zu lang sam, g enau weiß ich es n icht meh r, ab er sie wird ohn mächtig u nd kann sich hin terher nicht meh r erinnern , was sie getan hat.« Noch etwas schien ih r auf d er Zunge zu lieg en, doch sie presste die Lippen zusammen und sprach es nicht aus. »Ih re älteren Sch western werden heu te alle Hände vo ll zu tu n hab en und wollen nicht g estö rt werden, ab er sie mö chten Sie nu r ung ern ab weisen. Das Haus braucht Besucher, sagen sie. Sind schon sond erbar, die beiden. Denn normalerweise sind sie nicht gerade erpicht au f Besuch. Aber wahrscheinlich wird es wohl doch ziemlich eintön ig, wenn sie immer nur allein dort herumgeistern. Sie schlagen stattdessen morgen am späten Vormittag vor.« Ein An flug v on Un ruhe überkam mich . Ich hatte eigentlich nicht v or, üb er Nach t zu bleiben, aber d er Gedank e, wieder abzufahren, ohne das Sch lo ss von innen geseh en zu hab en, mach te mich p lötzlich kreuzunglücklich. Vor Enttäuschung hatte ich einen Kloß im Hals. »Wir haben ein Zimmer frei, wenn Sie mö chten«, sagte Mrs. Bird. »Das Abendessen ist im Preis in beg riffen .« Ich mu sste a m Wo chen ende einig es au farbeiten , Herbert b rauchte sein Auto , um a m nächsten Nachmittag nach Wind -
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so r zu fah ren , und ich gehöre nicht zu d en Menschen , die sich aus einer Laun e herau s entsch ließen, an einem fremd en Ort zu übernachten.
Raymond Blythe in Milderhurst Während Mrs. Bird die Formalitäten erledigt und die Ang aben von meiner Visitenkarte ab schrieb, entfernte ich mich, ein paar Floskeln murmelnd, und ging zu r Hintertü r, u m ein en Blick nach d raußen zu werfen . Das Haus und ein ige Nebeng ebäu de umschlossen einen Hof: eine Scheune, ein Taubenhaus und ein Bau mit einem konischen Dach , von dem ich später erfuh r, d ass es sich u m ein Malzhaus handelte. In der Mitte befand sich ein runder Teich. Die beiden groß en Gänse glitten majestätisch üb er das von de r Sonn e gewärmte Wasser, wäh rend die kleinen Wellen, die sie machten, einander zu den mäch tig en Ufersteinen jagten. Auf der anderen Seite inspizierte ein Pfau den Rand eines saub er getrimmten Rasen s, hinter dem sich eine von Wildblumen g esp renk elte Wiese bis zu einer in der Ferne sichtbaren Gartenlandschaft erstreckte. Eing erah mt von d er Tür, in der ich stand, wirkte die sonn en beschienene Landschaft wie ein Schnapp schu ss von ein em längst vergangenen Früh ling stag, der wieder zu m Leben erwacht war. »Großartig, nicht wahr?«, sagte Mrs. Bird plötzlich hinter mir. Ich hatte sie gar nicht komme n hören. »Haben Sie schon mal von Oliver Syk es geh ö rt? « Als ich den Kopf schüttelte, n ickte sie, erfreu t, mich au fklären zu können: »Das war ein Architekt, er war zu seiner Zeit sehr berühmt. Und ziemlich exzentrisch. Er hatte ein Haus oben in Sussex, Pemb roke Farm, aber An fang des zwanzigsten Jahrhu nderts, ku rz nachdem Raymond Blythe zu m ersten Mal geheiratet hatte und mit seiner Frau von London hierhergezog en war, h at er ein p aar U mb auarbeiten am Schloss vorgenommen. Es war einer seiner letzten Aufträge, bevor er zu seiner Kavalierreise au f den Kontinent aufgebrochen ist. Er hat ein en rund en Teich an legen lassen,
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wie u nseren hier, nu r größer, und er hat d en Sch lossg rab en komplett umgestaltet und d arau s ein riesiges, ring fö rmig es Schwimmb ad für Mrs. Blythe gemacht. Sie war eine au sgezeichnete Schwimmerin, heißt es, sehr sportlich. Dem Wasser hat man eine Chemik alie beigeg eben ...« Sie legte ein en Fin ger an die Wang e und runzelte die Stirn. »Gott, wie hieß die n och? « Sie ließ die Hand sinken und rief: »Bird? « »Ku pfersulfat«, antwo rtete eine geisterhafte män nliche Stimme. Ich sch aute wied er n ach dem Kanarienvogel, der in seine m Käfig nach Körnern suchte, dann betrachtete ich die Bilder an den Wänden. »Ja, ja, natü rlich «, fuh r Mrs. Bird unbeirrt fort. »Kupfersulfat, damit es azu rblau aussah.« Ein Seu fzer. »Ab er d as ist scho n lange her. Leider hat man Mr. Sykes' Schlossgraben scho n vo r Jah rzehn ten au fgefüllt. Der Teich gehö rt nu r no ch den Gän sen, er ist völlig veralgt und verd reckt.« Sie gab mi r einen schweren Messingschlü ssel und tätsch elte mir die Hand. »Morgen g ehen wir zu samme n zum Schloss. Es ist gutes Wetter vorh ergesagt, und von d er zweiten Brück e au s h at man eine fantastisch e Au ssicht. Wollen wir un s hier um zeh n Uhr treffen? « »Du hast mo rg en früh einen Te rmin beim Vi kar, Lieb ling .« Wieder ertönte diese geduldige, warme Stimme, aber diesmal entdeckte ich, wo sie herkam. Au s einer kleinen, kau m sichtbaren Tür hinter dem Empfangstresen. Mrs. Bird sch ü rzte d ie Lippen und dachte über diese rätselhafte Än derung ih rer Pläne n ach. Sch ließlich n ickte sie lan g sam. »Bird hat recht. Wie schade aber auch.« Dann h ellte sich ih re Miene wieder au f. »Mach t nichts. Ich lasse Ih nen eine Wegbesch reibu ng da, sehe zu , dass ich meinen Termin so schn ell wie mö glich hinter mich b rin ge, und dan n treffen wir un s am Sch lo ss. Wir werd en nu r eine St unde b leiben. Meh r mö chte ich d en Damen nicht zu mu ten, sie sind schon sehr alt.« »Eine Stunde ist mir recht.« So kon nte ich mittags schon wieder unterweg s nach London sein.
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Das Zimme r war winzig, mit einem Vierp fostenbett, das raumg reifend in der Mitte prangte, einem s ch malen Sch reib tisch unter dem Bleiglasfenster und sonst wenig Komfort. Aber die Au ssicht war umwerfend . Das Zimmer befand sich im n ach hinten g eleg enen Teil des Hauses, und vo m Fen ster au s sah man die Wiese, die ich durch die Hintertü r erspäh t hatte. Ab er v o r allem hatte man von hier aus einen wesen tlich besseren Blick auf den Hügel, der sich zum Schloss hin erh ob, u nd üb er dem Wald konn te ich so gerad e den in d en Himmel aufragenden Tu rm erkennen . Auf dem Schreibtisch lag eine säuberlich gefaltete karierte Picknickdecke, und dan eben stand ein mit Ob st gefüllter Korb. Plötzlich überkam mich Heißhu nger. Es war ein mild er Tag, die Umg ebung war wunderschön, und so nahm ich mir eine Banane, klemmte mir die Decke un ter den Arm un d ging mit mein em n euen Buch, Raymond Blythe in Milderhurst, wieder nach un ten . I m Hof du ftete es nach Jasmin , dessen weiße Blütenp racht sich über das Dach einer hölzernen Laube am Rand des Rasens ergoss. Riesige Goldfische schwammen träge in de m rund en Teich und neigten ih re dicken Kö rper hin und h er, u m d ie Nach mittagssonn e zu g rüß en. Die Stimmu n g war himmlisch, ab er ich blieb nicht im Ho f, den n eine kleine Bau mg ruppe lockte mi ch an , un d so stap fte ich du rch hoh es Gras und Butterblumen über die Wiese. Es war zwar no ch kein So mmer, ab er d er Tag wa r warm, d ie Luft trock en, und als ich die Bäume erreichte, hatten sich au f meinem Scheitel Schweißperlen gebildet. Ich breitete die Deck e an eine r Stelle aus, wo das Sonnenlicht den Boden sprenkelte, und streifte die Schuh e ab. Irgendwo in der Nähe plätsch erte ein Bach, und Bien ensu mmen lag in der Luft. Die Decke du ftete angeneh m n ach Waschmittel und zerdrücktem Gras, und als ich mich daraufsetzte, bildeten die lang en Halme einen g rünen Paravent u m mich herum, sodass ich mich ganz allein füh lte. Ich lehnte Raymond Blythe in Milderhurst gegen meine aufgestellten Knie und strich mit der Hand ü ber den Bu chdeckel. Meh rere Schwarz-Weiß -Fotos waren so arrangiert, als wären sie jeman d em aus der Hand gefallen und d ann fotog rafiert worden.
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Hübsche Kinder in altmodischer Kleidun g, Picknicks an einem glitzernden Teich, ein paar Sch wimmer , die vo r dem Sch lo ssg raben n eben ein ander posierten , ern ste Blicke von Men schen, fü r die es noch an Zauberei g ren zte, dass man ih re Gesichter au f Papier bann en konn te. Ich schlug die erste Seite auf und begann zu lesen.
Kapitel 1: Der Mann aus Kent Manche behaupteten, der Modermann sei nie geboren worden, sondern immer da gewesen, so wie der Wind und die Bäume und die Erde; aber sie irrten sich. Alle Lebewesen werden geboren, alle Lebewesen haben ein Zuhause, und das war beim Modermann nicht anders. Es g ibt Au to ren, fü r die d ie Literatu r eine Gelegenh eit darstellt, unsich tbare Berge zu erklimmen und herrliche Fantasiereich e zu beschreiben. Fü r Raymond Blythe jedo ch stellte die eig ene häuslich e Umg eb ung die wichtigste und d auerhafteste Quelle d er In sp iration dar, so wo hl in sein em Leb en als au ch in seinem Werk. Die Briefe und Artikel, die er im Lau f von siebzig Jah ren verfasste, kreisen stets um ein und dasselbe Thema: Raymond Blythe war zweifello s ein heimatverbun dener Men sch, fü r den d as Land , das seine Vorfah ren seit Generationen ih r Eigen nannten, einen Ort darstellte, wo er Ruhe, Zu flucht und letztlich seinen Glauben fand. Selten wurden die eigenen vier Wände eines Auto rs so eind eutig fü r fiktive Zweck e verwendet wie in Blythes Schauerroman für ju nge Mensch en Die wahre Geschichte vom Modermann. Doch schon lange bevo r er sein wichtigstes Werk schrieb, hatte das Schloss, das sich mitten in der Grafschaft Kent stolz au f sein e m fruchtbaren Hüg el erhob , u mg eben von urbaren Feldern, dun klen , wisp ernden Wäldern und d en Lustgärten , über d enen das Schloss heute n och th ront, d azu beigetragen , aus Raymond Blythe den Mann zu mach en , der er später sein sollte. Raymond Blythe wu rde am heißesten Tag des Sommers 1 8 6 6 in einem Zimmer im zweiten Stock von Schloss Milderhu rst gebo ren. Er war da s erste Kind von Rob ert und Ath ena Blyth e und wu rd e n ach seinem Großv ater v äterli38
ch erseits ben annt, der seinen Reichtum auf den Goldfeldern Kanadas erwo rb en ha tte. Raymond war de r älteste von vier Brü dern , von den en der jüngste, Timo th y, währen d eines heftig en Gewitters im Jahr 1 8 7 6 auf tragische Weise ums Leben kam. Athena Blythe, die sich als Lyrikerin einen g ewissen Ruf erwarb, war untröstlich über den Tod ihres jüng sten So hnes und versank , so h ieß es, ku rz nach der Beerd igun g des Kin des in eine tiefe Depression, von der sie sich nie wieder erholte. Sie nahm sich das Leb en, in dem sie vo m Turm von Schloss Mild erhu rst sp rang, und ließ ih ren Mann, ih re Dichtung und ih re d rei kleinen Söhne zu rück. Au f der g egenüberliegen den Seite b efand sich ein Foto von einer schö nen Frau mit kunstvoll arrangiertem dunklen Haar, die sich aus ein em Fenster lehnt und vier kleine, der Größe nach au fgereihte Ju ngen betrachtet. Das Foto war auf das Jah r 1 8 7 5 datiert und besaß die Un sch arfe, die so typisch ist für viele frühe Amateurfotos. Der kleinste Junge, Timothy, mu ss sich bewegt haben, als die Aufn ah me gemacht wu rd e, denn sein lächelndes Gesicht war v ersch wommen . Der ar me Kleine, er ahn te nicht, dass er nur noch wenige Monate leben würd e. Ich überflog die näch sten Absätze - unnahbarer v ikto rian isch er Vater, Schulzeit in Eton , ein Stipend ium fü r Ox ford -, bis Raymond Blythe das Erwachsenenalter erreicht. Nachdem er 1 8 8 7 sein Stud iu m in Ox fo rd ab gesch lossen hatte, zog Raymo nd Blythe nach London , wo er zu näch st als Autor fü r das Magazin Punch arbeitete. Im Lauf des folg enden Jahrzehnts veröffentlichte er zwölf Theaterstücke, zwei Romane und eine Sammlu ng mit Kindergedichten , ab er au s seinen Briefen geht hervor, dass er trotz seines literarischen Erfolg s in London unglücklich war und sich n ach der grün en Land sch aft seiner Kindheit zu rücksehn te. Es ist anzunehmen, dass das Stadtleben fü r Raymond Blythe erträglicher wurde, nach dem er 1 8 9 5 Miss Mu riel Palmerston geheiratet hatte, eine allseits bewunderte junge Frau, von der es hieß, sie sei »die h üb scheste Debütantin des Jahres«, und in der Tat lassen seine Briefe aus jener Zeit au f ein en
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deutlichen Sinneswandel schließen. Raymond Blythe wu rd e Miss Palmerston von ein em g emeinsamen Bekannten vorgestellt, und nach allem, was man d arüber weiß, passten d ie beiden g ut zu sammen . Sie teilten dieselb en Interessen , Aktivitäten an der frischen Lu ft, Wortspiele und Fotografie, und gaben ein au sneh mend hüb sches Paar ab, das regelmäßig die Klatsch spalten d er Tageszeitungen zierte. Nach dem Tod des Vaters im Jahr 1 8 9 8 erbte Raymond Blyth e Schlo ss Milderhu rst und kehrte mit Mu riel nach Kent zu rück , u m sich d o rt niederzulassen . Viele Berich te aus jener Zeit lassen vermuten, dass die beiden sich schon lange Kin der wün sch ten , und als sie nach Milderhu rst zog en, brachte Raymond Blythe in seinen Briefen recht offen seine Bekü mmern is darüb er zum Ausdruck, dass er immer noch nicht Vater gewo rd en war. Da s Elterng lück sollte jedo ch no ch ein ige Jah re auf sich warten lassen. Noch 1 9 0 5 äu ßerte Mu riel Blythe in ein em Brief an ihre Mutter die Sorge, dass ih r und Ray mo nd letztlich der »Kindersegen verwehrt bleiben« könnte. Es muss sie mit g roßer Freude erfüllt haben und sicherlich auch mit Erleich terung , als sie nu r vier Monate nach diesem Brief ern eut an ih re Mutter schrieb, um ihr mitzuteilen, dass sie en dlich »guter Hoffnung« war. Nach einer schwierigen Schwangerschaft, während der sie über längere Zeit an s Bett gefesselt war, brachte Mu riel im Januar 1 9 0 6 Zwillin gstöch ter zu r Welt. In Briefen an seine beid en Brüder beschreibt Raymond Blythe diesen Augenblick als den glücklich sten seines Leben s, und d ie zahlreichen Fotos im Fa milienalbu m legen Zeugn is ab von seinem Vaterstolz. Au f den n äch sten beiden Seiten befanden sich lauter Foto s von zwei klein en Mädchen . Sie sahen sich n atü rlich zu m Verwechseln ähnlich, ab er ein s der beiden Mädch en war klein er u nd zarter als das ande re und schien etwas weniger selbstbewusst zu lächeln. Au f dem letzten Foto saß ein Mann mit welligem Haar und einem freu nd lich en Gesicht in eine m Sessel, auf jedem Knie ein Kleinkind im Sp itzen kleidchen. Etwas an ih m - d as Funk eln in seinen Au gen v ielleicht od er die Art, wie er zärtlich jedem Kind eine Hand au f d en Ar m geleg t hatte - d rü ckte seine tiefe Liebe zu den b eiden au s, und als ich das Foto näher betrachtete, fiel mir auf, dass es
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au s dieser Zeit kaum Aufn ahmen gibt, au f denen ein Vater in einer so simplen häuslichen Situation zu sehen ist, wo er ein fach nu r sein e kleinen Tö ch ter vergö ttert. Ich hatte Raymond Blythe bereits ins Herz geschlossen, als ich weiterlas. Aber das Glück sollte nicht von Dauer sein. Mu riel Blyth e starb an einem Winterab end des Jahres 1 9 1 0 , als ein Stück roter Glut aus dem offenen Kamin sp rang, an dem sie saß, und in ihrem Schoß land ete. Ih r Reifrock fing so fo rt Feuer, und sie stand lichterloh in Flammen , bevo r jeman d ihr zu Hilfe eilen ko nnte. Der Brand vern ichtete den Osttu rm des Schlosses und die große Biblioth ek der Familie Blythe. Mrs. Blythe erlitt schwerste Verb rennung en, und o b wohl sie in feu chte Tüch er gewickelt und von den besten Ärzten behandelt wurde, erlag sie einen Monat später ih ren schreck lichen Verletzungen . Raymo nd Blythes Trauer u m seine Frau war so g roß , dass er nach ih rem Tod jahrelang kein en einzigen Text veröffentlichte. Ein ige Quellen b ehaup ten, er h abe an Sch reibhemmung gelitten, an dere glauben, dass er sein Arbeitszimme r verriegelte, das er erst wieder betrat, als er mit der Arbeit an seinem bis heute berühmten Ro man Die wahre Geschichte vom Modermann begann, entstanden 1 9 1 7 in einer Phase inten siver Schreibtätigkeit. Ob wohl das Buch gemeinhin als Jugend lektü re gilt, seh en ein ige Kritiker in der Gesch ich te eine Allegorie des Ersten Weltk rieg s, dem so v iele junge Leb en au f den schlammigen Schlachtfeldern in Frank reich zu m Op fer gefallen sind; vo r allem werd en Parallelen gezog en zwisch en dem Modermann und den Scharen von Soldaten , die nach dem grauenhaften Gemetzel versuch en, in die Heimat und zu ihren Familien zurückzukehren . Raymond Blythe selb st wurde 1 9 1 6 in Flandern verwunde t und als Invalide nach Milderhu rst zu rü ckgeb rach t, wo er n och lange au f die Hilfe meh rerer Pflegerin nen angewiesen war. Die unbekannte Identität des Moderma nn s und d ie Suche des Erzäh lers nach dessen u rsprüng lich em Namen und seinen Lebensdaten, nach seinem Platz in der Gesch ichte, werd en häu fig als Allego rie auf die vielen unbekannten Gefallen en d es Ersten Weltk rieg s
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gedeutet und auf da s Gefühl der Heimatlosigk eit, an d em Raymond Blythe mö glicherweise nach seiner Heimkehr litt. Trotz zahlreicher wissen sch aftlich er Abhand lungen üb er das Thema bleibt die Wah rh eit über die En tstehung v om Modermann ein Rätsel. Raymond Blythe hat sich bekanntlich nur sehr zurückhaltend dazu geäußert, was ihn zu dem Roman inspiriert hat, und sagte nu r, es sei ein »Geschenk « gewesen , dass »die Mu se« ih n »gekü sst« habe und dass die Geschichte ih m plötzlich als Ganzes vo r Augen g estanden h abe. Vielleicht ist gerade das der Gru nd, wieso der Modermann b is heute nichts von seiner Faszination verloren hat, ja geradezu zu einer mo d ernen Legende wu rde. Üb er die Entstehung und die Vorgeschichte des Roman s wird in literaturwissen schaftlich en Kreisen n ach wie vo r lebhaft disku tiert, aber was die Geschichte inspiriert hat, gehö rt immer n o ch zu den literarisch en Rätseln des zwanzig sten Jahrhun derts. Ein literarisch es Rätsel. Ein Sch aud er k roch mir üb er den Rücken, als ich die Wo rte atemlo s wied erho lte. Ich lieb te den Modermann wegen der Geschichte und wegen der Gefühle, die die Wo rte und Wendun gen in mir au slö sten , wenn ich sie las, aber zu wissen, dass die En tstehung der Geschichte geheimnisumwittert war, machte die ganze Sache noch besser. Raymo nd Blythe hatte als Auto r bereits in hohem An sehen gestanden, aber der ungeheu re literarische und ko mmer zielle Erfolg von Die wahre Geschichte vom Modermann stellte sein bisheriges Werk in den Schatten, und von da an war er nur noch bekannt als der Auto r eines der Lieb ling sbücher der Nation. Die Au fführung des Modermann als Theaterstück im Londoner West End im Jah r 1 9 2 4 bescherte ih m ein noch g rößeres Pub liku m, ab er ob wohl sein e Leser ihn immer wieder daru m baten , weigerte sich Raymo n d Blythe beh arrlich, eine Fo rtsetzung zu schreiben. Ursprünglich war der Ro man Blythes Töch tern Persephone und Seraphin a gewid met, aber in späteren Au sgaben wu rden in einer zweiten Zeile die Initialen seiner b eiden Ehefrauen hinzug efüg t: MB und OS. Denn parallel zu seinem beruflichen Erfolg war Raymon d Blyth e auch in p rivater Hin sicht ein neues Glück beschieden.
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1 9 1 9 hatte er wied er geheiratet, eine Frau namens Odette Silverman, die er in Bloomsb u ry au f einer Party bei Lady London derry k enn engelernt hatte. Miss Silverman stammte au s sehr einfachen Verhältnissen, aber ihr Talent als Harfenistin verschaffte ihr Zugan g zu gesellschaftlich en Kreisen, die ihr andernfalls unzugänglich gewesen wären. Die Verlobun gszeit war seh r ku rz, und die Heirat veru rsachte einen kleinen Skandal wegen des fortgeschrittenen Alters des Bräutigams und der Jugend der Braut - er war über fünfzig und sie erst achtzehn und d amit nu r fün f Jah re älter als seine Töch ter aus erster Ehe - und aufgrund ihrer unterschiedlich en Herkun ft. Es ging das Gerüch t, Odette Silverman h abe Raymo nd Blythe mit ih rer Jug end un d Schönh eit d en Kop f verdreht. Das Paar wurde feierlich in der Kapelle von Milderhurst getraut, die seit der Beerdigung von Mu riel Blythe zum ersten Mal wieder geöffnet wu rd e. 1 9 2 2 brachte Odette ein e To chter zu r Welt. Das Kin d wu rde au f den Namen Juniper getauft, und au f den zah lreichen Fotos, die au s jen er Zeit existieren , ist zu seh en, wie blo nd und hellhäutig d ie k leine Jun iper war. Trotz sch erzhafter Bemerkungen darüb er, d ass imme r no ch k ein Stammh alter da war, sp richt au s Raymond Blythes Briefen seine große Freude über den Familienzu wach s. Leider war auch d iesmal das Glück nur kurzlebig, Gewitterwolk en ballten sich bereits am Horizont. Im Dezember 1 9 2 4 starb Odette an Ko mp likatio nen im frühen Stadium einer zweiten Schwangerschaft. Erwartun gsvo ll blätterte ich weiter, um mir die Fotos anzu sehen. Auf dem ersten war Juniper Blythe v ielleicht v ier Jah re alt. Sie saß mit au sg estreck ten Beinen d a, die Füße über Kreuz. Ihre Füße waren n ackt, un d an ih rem Gesich tsau sd ruck ließ sich erken nen , dass man sie in einem Au gen blick stiller Nachdenklichkeit überrascht hatte - und dass sie sich nicht darüber freute. Sie schaute mit ihren mandelför migen Augen, die ein ganz klein wenig zu weit auseinanderstanden , in die Kamera. Zusammen mit ihrem feinen, blonden Haar, den Sommerspro ssen auf ih rer Stupsnase und dem kleinen Schmollmund
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erzeug ten diese Aug en ein e Au ra zu frü h erwo rb enen Wissens. Au f d em n äch sten Foto war Ju niper als junge Frau zu sehen, so als wäre d azwischen k eine Zeit v ergan gen , und d ieselben katzenartigen Aug en schau ten jetzt au s ein em Erwach senengesicht in die Kamera. Es war ein Gesicht von großer, wenn auch eigen williger Schö nheit. Ich erinnerte mich an die Beschreibung meiner Mutter, wie die anderen Frauen Platz gemacht hatten, als Juniper d en Ge mein desaal betrat, die Atmo sphäre, die sie um sich her verbreitete. Als ich jetzt das Foto b etrachtete, konn te ich mir d as gut vo rstellen . Sie wirkte neug ierig und geh eimn isvoll, zerstreu t und wachsam zugleich. Ih re Züge, die Andeutu ng von Emo tionalität und Intelligenz, ergaben ein faszinierendes Gesamtbild. Ich suchte in der Bilduntersch rift nach dem D atu m: Ap ril 1 9 3 9 . Das Jahr, in dem me in e zwölfjäh rige Mutter sie kennen lernen sollte. Nach dem Tod sein er zweiten Frau verg rub Raymond Blythe sich angeb lich in seine Arb eit, aber abgesehen von einigen wenigen Kolu mn en für d ie Times verö ffentlichte er nie wieder eine Zeile von Bedeutung . Ku rz vo r seinem To d arbeitete Blythe noch einmal an einem Buchprojekt. Dabei handelte es sich jedoch nicht, wie viele g eho fft hatten , um ein e Fo rtsetzu ng v o m Modermann, sond ern um eine umfängliche wissen sch aftliche Abhan dlung über die nicht-lineare Beschaffenheit der Zeit, in der er sich über seine den Lesern vom Modermann bekannte Theorie au sließ , dass die Vergangenh eit die Gegen wart du rchd ringen kan n. Die Abhandlung wu rde nie vo llen det. In seinen letzten Lebensjahren verschlechterte sich Blythes Gesundheitszustand zuseh end s, auch men tal, denn er war davon überzeug t, d ass der Modermann aus seiner berühmten Geschichte auferstanden sei, um ih n zu verfo lgen und zu qu älen. Wenn man an die Tragödien denkt, d enen so viele seiner Lieb en zu m Op fer g efallen waren, war der Gedanke, mochte er au ch ab stru s sein , so unb eg reiflich nicht, und n icht wenige Besu cher des Schlosses teilt en Blythes An sicht. Natü rlich en tspricht es der allgemeinen Vorstellung, dass ein histori-
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sches Schloss von einem Spuk heimgesucht wird , und es ist begreiflich, dass ein so beliebter Roman wie Die wahre Geschichte vom Modermann, der sich innerhalb d er Mauern von Schlo ss Milderhurst abspielt, dieser Vo rstellung reichlich Nah rung bietet. End e der Dreiß igerjahre konv ertierte Raymo nd Blyth e zum Katholizismus, und in sein en letzten Lebensjah ren war der Priester der einzige Besucher, den Blythe auf seinem Schloss noch empfin g. Er starb am 4 . April 1 9 4 1 , nach einem Stu rz vo m Bu rgtur m, wo mit er d asselbe Sch ick sal erlitt wie seine Mutter fünfund sechzig Jah re zu vo r. A m En de des Kapitels war ein weiteres Foto von Raymo n d Blythe abgedruckt. Es war gan z anders als das erste - der läch elnd e ju nge Vater mit den Zwillingen auf den Knien -, und während ich es betrachtete, fiel mir mein Gespräch mit Alice im Buchladen wieder ein. Vo r allem ih re Bemerk ung, dass die psychischen Störungen, unter denen Juniper Blythe litt, in der Familie lagen. Denn dieser Raymond Blythe hatte nichts mehr von der zu friedenen Gelassenheit, die mich au f dem ersten Foto so berührt hatte. Im Gegenteil, er schien von Äng sten geplag t: In seinen Augen lag Argwohn, der Mu nd war an gespan nt, d as Kinn verkrampft. Das Foto war au f das Jahr 1 9 3 9 datiert, da war Raymond zweiund siebzig, ab er es war n ich t allein das Alter, das die tiefen Furchen in sein Gesicht gegrab en hatte. Je läng er ich das Foto betrachtete, umso mehr war ich davon überzeugt. Beim Lesen hatte ich den Eind ru ck, dass die Auto rin es metapho risch gemeint hatte, als sie Raymond Blythes Verfolgungswahn beschrieb, ab er jetzt wurd e mir klar, dass das n icht der Fall war. Der Mann au f dem Foto trug die angstverzerrte Maske anhaltender innerer Qualen. Die Abenddämmerung senk te sich üb er das Land u m mich heru m, fü llte die Senken zwischen den Hügeln und Wäldern von Milderhurst, glitt über d ie Wiesen und schluckte alles Lich t. Das Foto von Raymond Blythe versch wamm in der Dunkelheit, und ich schlug das Buch zu . Aber ich machte mich nicht auf den Rück weg. No ch nicht. Ich gön nte mir noch einen Blick durch die Lück e zwischen den Bäumen auf
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das Schloss, das au f dem Hügel thronte, eine schwarze Masse unter einem tintenblau en Himmel. Mit k lop fendem H erzen stellte ich mir vor, wie ich am näch sten Mo rgen seine Sch welle übertreten würde. Die Figuren im Schloss waren an jenem Nachmittag für mich zum Leben erwach t, beim Lesen waren sie mir un ter die Haut gekrochen, sod ass ich das Gefü hl hatte, sie schon immer g ekannt zu hab en . Ob wohl mich der pu re Zu fall nach Milderhurst geführt hatte, fühlte es sich richtig an , dass ich hier war. Dasselbe hatte ich emp fund en, als ich zu m ersten Mal Sturmhöhe und Jane Eyre und Bleak House g elesen hatte. Als wü rde ich die Geschichte schon ken nen, als wü rd e sie etwas üb er die Welt bestätigen, das ich schon immer geahnt hatte, als hätte das Buch d ie g anze Zeit au f mich gewartet.
Verklungene Stimmen eines Gartens Wenn ich die Augen schließe, sehe ich immer noch den g litzernden Himmel vor mir: das klare, st rahlende Blau, das sich über der früh sommerlichen Morgensonne wölbt. Wahrscheinlich ist mir d ieses Detail in Erinn erung geblieb en , weil bei meinem nächsten Besuch in Milderhu rst Gärten, Wald und Felder in metallisch en Herb sttönen leuch teten. Ab er nicht an jenem Tag. An jenem Tag wu rd e alles neu geboren . Die Luft war erfüllt von Vogelg ezwitscher und Bienen gesu mm, un d die wunderbar warme Sonne zog mich den Hügel hinauf zum Schloss. Ich g ing und gin g, bis ich, als ich schon fü rchtete, mich in dem en dlo sen Wald zu verlaufen, durch ein verrostetes Tor trat und einen verwahrlosten Badeteich vo r mir sah . Er war k reisru nd und hatte einen Du rchmesser vo n min destens zehn Metern. Das musste der Teich sein , von dem Mrs. Bird mir erzählt hatte, entworfen von Oliver Sykes, als Raymond Blyth e seine erste Frau mit in s Sch lo ss geb racht hatte. Natürlich äh nelte er seinem k leinen Bru der u nten am Bauernh au s, und 46
doch sprangen mir sofo rt die Unterschiede in s Auge. Wäh ren d Mrs. Bird s Teich munter in der So nne glitzerte und d er Rasen bis an d ie Rand steine heran so rg fältig geschnitten war, hatte man diesen Teich hier schon lang e sich selb st überlassen. Die Randsteine waren von Moos üb erzogen, einige waren sogar h erausgebrochen, und in den Lücken hatten sich Su mp fdo tterb lu men un d Ma rgeriten angesiedelt, die gelb en un d weißen Köp fch en zu r Sonn e geneig t. Au f dem Wasser schob en sich wuch ernde Seerosenblätter üb erein and er, die von einer Brise au fg efäch ert wurden, sodass der Teich au ssah wie ein gigantischer schupp iger Fisch . Ein riesen wüchsiges Tier, eine exotische Anomalie. Ich ko nnte nicht bis auf den Grund des Teichs sehen, jedo ch sein e Tiefe erahnen , denn am gegenüberliegenden Ende befand sich ein Sp rungb rett. Das hö lzern e Brett war v erwittert und g ebo rsten, d ie Federn waren verro stet, und es gren zte an ein Wunder, dass das Ding n och n icht in sich zu sammen g eb rochen war. Vo m Ast eines au sladenden Bau ms hing eine hölzerne Schaukel an zwei Seilen, erstarrt in der Umklammerung von Dornen ranken, die bis in die Krone g eklettert waren. Die Rank en hatten sich n ich t mit den Seilen b egnüg t: Sie hatten sich munter und un gehi ndert auf dieser seltsamen, verlassenen Lichtung au sgeb reitet. Durch das unbezähmbare Gestrüpp hindurch erspähte ich einen kleinen gemau erten Pav illon — wah rsch einlich ein Umk leidehäusch en —, dessen kupp elfö rmig er Dachau fb au üb er dem Grü n emp o rragte. Die Tür war mit einem verrosteten Vo rh ängeschloss gesichert, und d ie Fen ster, so weit sichtbar, waren mit einer dicken Sch mu tzschicht überzogen, die sich nicht wegwischen ließ. Auf der Rückseite jedoch war eine Scheibe eingeschlagen, und zwischen den Scherb en h indurch , an deren spitzester ein g raues Pelzb üschel au fg espieß t war, konnte ich in s Inn ere lu gen . Was ich mir natü rlich nicht entg ehen ließ . Staub, so dick, d ass ich ih n riechen k onnte, jah rzehntealter Staub, der den Boden und alles andere bedeck te. Der Raum war ungleich mäß ig beleuch tet, was d en Fenstern der Dach kuppel zu verdanken war, d eren Läden sch ief an den Sch arnieren hingen o der abgerissen waren un d au f dem Bod en la-
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gen. In den Lü cken schwebten Staubfäden, die sich in sch malen Lichtstreifen zu Bändern wan den. In einem Reg al lagen o rdentlich gefaltete Hand tücher, deren Farbe unmö g lich zu erraten war, und an der g egenübe rliegenden Wand trug eine stilvolle Tü r ein Schild mit der Au fsch rift: »U mkleid erau m«. Ein hau chdü nner, rosafarb ener Vo rh ang flatterte gegen einen Stapel Lieg estühle, ein seit Gott weiß wie langer Zeit von niemandem beobachtetes Schauspiel. Als ich vom Fenster wegtrat, nahm ich plötzlich das Geräu sch meiner Schu he au f d em trockenen Lau b wahr. Eine unheimliche Stille lag über der Lichtung, nur unterbrochen vo m sanften Rascheln der Seerosenblätter, und einen flüchtigen Mo ment lang ko nnte ich mir vorstellen, wie es hier au sgesehen haben musste, als alles noch neu war. Die allgemeine Verwilderu ng wich einem exquisiten Anblick : lachen d e Menschen in altmodisch en Badekostümen, die auf ih ren Handtüchern lagen, an Erfrischungsgetränken nippten, erwartungsvoll auf dem Sp rungb rett fed erten , u m schließlich ins kühle Nass zu tauchen ... Und d ann war das Bild versch wund en. Ein Blinzeln und ich stand wieder allein vor dem überwucherten Pavillon. Der Ort strahlte eine Atmosphäre un sagbarer Trauer aus. Warum, fragte ich mich, hatte man den Badeteich sich selbst überlassen? Warum h atten die letzten Besitzer ihn au fgegeben, da s U mkleidehäuschen versch lossen und sich nie wieder d aru m gekümmert? Die drei Schwestern Blythe waren zwar mittlerweile alte Damen, aber das waren sie ja nicht immer gewesen . In all d en Jahren hatte es sicherlich man ch heiß en Sommer gegeben, id eal, um in dem Teich zu schwimmen ... Ich sollte Antwo rten au f meine Frag en finden, wen n au ch no ch n icht so b ald . Auch andere Dinge würde ich erfahren, geheime Dinge, Antwo rten au f Frag en, von denen ich mi r no ch nich t die gerin gsten Vo rstellu ngen machte. All d as lag noch vor mir. Als ich an jen e m Mo rgen in dem ab seits gele genen Garten von Schlo ss Mild erhu rst stan d, schü ttelte ich diese Ged ank en ein fach ab und konzentrierte mich auf die Aufgabe, die vor mir lag. Abgesehen davon, dass mich die Erforschung des Badeteich s meinem Besuch bei den Schwestern Blythe kein en Schritt näher brachte, hatte ich auch das
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unangen ehme Gefühl, d ass ich hier au f der Lichtung üb erhaupt nich ts zu suchen hatte. Ich las Mrs. Birds Wegb esch reibung no ch ein mal gründlich durch. Genau wie ich angen ommen hatte. Da stand nichts von einem Teich . Eigentlich h ätte ich längst die Vorderfront erreicht und stattliche Säulen passiert hab en mü ssen. Allmählich beschlich mich ein mulmiges Gefühl. Das hier war auf keinen Fall der sü dliche Ra sen. Und Säu len waren auch n irgends zu seh en. Zwar wunderte es mich nicht, d ass ich mich verirrt h atte das gelingt mir sogar im Hyde Park -, aber es war au sg esproch en ärg erlich. Die Zeit d räng te, und wenn ich nich t zurück gehen und noch einmal von vo rn an fangen wollte, b lieb mi r kau m etwas and eres übrig , als au f gut Glü ck weiter den Hü gel hinaufzug ehen . Auf der and eren Seite des Teichs gab es ein Tor und dahinter eine steile Steintreppe, die in d en üb erwuch erten Hüg el gehauen war. Mind esten s hu ndert Stu fen, die ineinanderzusinken schienen wie nach einem gewaltigen Seufzer. Aber die Richtung stimmte, also mach te ich mich auf den Weg. Es war eine simp le Frage der Logik. Das Schloss und die Schwestern Blythe b efand en sich irg end wo da ob en: Wenn ich immer weiter hochstieg, würde ich irgend wan n an s Ziel g elang en. Die Sch western Blythe, so nannte ich sie in zwischen wohl scho n au tomatisch; es war bereits zu ein em stehend en Begriff fü r mich gewo rden wie »die Brüder Grimm«. Merkwürdig, wie schn ell sich man che Ding e so erg eben. Bis zu dem Tag, als Junipers Brief eintraf, hatte ich noch nie etwas von Schloss Milderhurst gehört, und jetzt zog es mich do rthin wie eine kleine Motte in eine g roße, helle Flamme. An gefan gen hatte alles mit meiner Mutter, mit der üb erraschend en Nach richt von ih rer Evaku ierung , dem geheimn isvollen Sch lo ss mi t dem schauerlichen Namen. Dann war die Verbindung zu Raymo nd Blyth e dazug eko mmen - d er Ort, an dem d er Modermann entstanden war, unfassb ar! Aber jetzt, als ich mich der Flamme langsam näherte, wurde mir bewusst, dass etwas Neues meinen Puls besch leun igte und mich erreg te. Vielleicht lag es ja an dem, was ich gelesen h atte, od er
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daran, was Mrs. Bird mir a m Mo rgen beim Früh stü ck erzählt hatte, auf jeden Fall waren es irgendwann vo r allem die Sch western Blythe selb st, die mich faszin ierten . Das Th ema Geschwister hat mich eigentlich schon imme r interessiert. Die Nähe, die zwischen ih nen herrscht, ich finde sie faszinierend und verstörend zugleich. Die gemeinsamen Gen e, die zu fällige und manch mal so ungerech te Verteilung des Erbguts, die Unen trinnbarkeit d er Familienban de. Meine eigenen Erfahrungen in dieser Hinsicht sind gering. Ab er auch ich hatte ein mal ein en Bruder, allerding s n ur fü r seh r ku rze Zeit. Bevo r ich ihn richtig kennenlernen konnte, war er schon begraben, und bis ich genug beg riffen hatte, u m ihn vermissen zu können , waren seine Spu ren läng st so rgfältig beseitigt worden. Zwei Urku nden , ein e über sein e Gebu rt, eine über seinen Tod, in einem schmalen Ordner in eine m Aktensch rank, ein klein es Foto in d er Brieftasche mein es Vaters und eins im Schmuckkästchen meiner Mutter waren alles, was no ch sagen kon nte: »Ich wa r hier!« Abgesehen davon gibt es noch die Erin ne rungen und die Trauer in den Köpfen meiner Eltern, ab er sie teilen sie nicht mit mir. Auch wenn es fast nichts Greifb ares oder Erin nerung swü rdiges gibt, womit ich ein Bild von Daniel heraufbeschwören kön nte, so habe ich doch mein Leben lang dieses Band gespürt. Ein unsichtbarer Faden verbindet un s so selb stverständlich wie Tag und Nacht. So war es schon , als ich no ch klein war. Ich war in meinem Elternhaus anwesend, er war abwesend. Unausgesprochene Sätze, die immer mitschwangen, wenn wir glü cklich waren: Wäre er doch auch bei uns; u nd wenn ich sie enttäuschte: Er hätte das nicht getan; und wenn ein neues Sch uljah r beg ann: Da drüben, die Jungs, das wären seine Klassenkameraden. Der entrückte Blick, der manchmal in den Augen meiner Eltern lag, wenn sie sich allein wähn ten. Ich behaupte nicht, dass meine Neugier au f die Schwestern Blyth e v iel, wenn überhaupt etwas, mit Daniel zu tun gehabt hätte. Jedenfalls nicht direkt. Aber ih re Geschich te war so schön: Zwei ältere Sch western entsagen ih rem eigenen Leben, um sich ganz der Pflege ihrer jüngeren Schwester zu widmen. Ein gebrochenes Herz, ein verwirrter Verstand, eine unerwiderte Liebe. All das füh rte dazu, dass ich mich fragte,
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wie alles hätte sein könn en u nd ob Daniel jeman d g ewesen wäre, für den ich mein Leben geop fert h ätte. Sie gin gen mir nicht mehr au s dem Kopf, diese drei Schwestern , die derart miteinander verbunden waren. Sie wu rden gemeinsam älter und verbrachten ihren Leb en sabend in ih rem alten Familien stammsitz, die letzten Überlebenden ein er angesehen en, ge heimnisu mwobenen Familie. Vo rsichtig stieg ich höher und höher, vorbei an einer verwitterten Sonn enuh r, vo rb ei an einer Reih e ged uldiger Urnen auf stumme n Sockeln, vo rb ei an zwei steinern en Hirsch en, die sich über ung ep flegte Hecken hin weg in die Augen sahen, b is ich d ie letzte Stu fe erreichte und der Boden sich vor mir ebnete. Knorrige Obstbäume mit in einand er verflochtenen Kronen bildeten einen Laubengang, der mich vorwärtszog. Es war, als läge dem Garten ein geheimer Plan zug ru n de, dachte ich; als gäbe es eine für mich bestimmte Ord nung , die auf mich wartete und nicht zuließ, d ass ich mich v erirrte, sond ern vo rsah , d ass ich den Weg zu m Schloss fand. Romantische Flausen, natü rlich, was so nst. Ich kann nur vermuten, dass der steile An stieg mich schwin dlig gemach t und mir die Sinne verneb elt hatte. Wie auch immer, es hatte mich gepackt. Ich kam mir verwegen vo r (wenn auch verschwitzt), eine Aben teurerin , die Raum und Zeit überwand, um ungeahnte Entdeckun gen zu mach en . Nun ja. Es spielte keine Rolle, dass diese spezielle Mission nu r dem B esu ch bei d rei alten Damen und einer Füh ru ng durch ein Landg ut galt; vielleicht hatte ich ja Glück und man bot mir ein e Tasse Tee an. Dieser Teil des Garten s war ebenso v erwildert wie die Lichtung um d en Badeteich, un d als ich un ter d en Baumk ro nen entlangging, die sich wie zu ein em Tunn eld ach bog en, kam ich mir vo r wie im Skelett eines prähisto rischen Monsters. Riesige Rippen wölbten sich über mir, während lange Schatten die Illusion erzeugten, als wü rden sie sich auch un ter mir krümmen. Ich beeilte mich, das Ende des Tunnels zu erreich en. Do rt angeko mmen , blieb ich wie an gewu rzelt stehen.
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Vo r mir, in dü stere Schatten g etaucht, ob wohl es ein warmer Tag war, stand Schloss Milderhurst. Allerd ings war ich au f der Rück seite d es Gebäudes gelandet, wie ich stirnrunzelnd feststellte, als ich die Nebengebäude und die außen liegenden Wasserrohre sah und nirg endwo Säulen , einen Rasen oder eine Au ffah rt entd eckte. Und d ann plötzlich dämmerte es mir. Ich mu sste eine Ab zweigun g verp asst haben und war d en Hügel auf der No rd seite hinaufgewandert, anstatt mich dem Schloss von Süden her zu näh ern . Ende gut, alles g ut: Ich war heil an gekomme n und bestimmt nicht allzu spät dran. Irgend wann war mir ein eben er Streifen mit hohem Gras au fgefallen, d er sich am u mmau erten Sch lo ssg arten en tlang zog. Diesem folgte ich, bis ich schließlich - Tusch! - über Mrs. Bird s Säulen stolperte. Und am En de der Rasenfläche erhob sich, wie es sich gehörte, die Fassade von Schloss Milderhu rst bis hoch in den Himmel. Das Gefühl, eine Zeitreise ang etreten zu haben, d as mich beim Au fstieg befallen h atte, v erstärk te sich n ur noch. Das Gebäude strahlte eine theatralische Würde aus und nah m meine Anwesenheit üb erhaup t nicht zu r Kenntnis. Die Sch ieb efenster sch auten g elangweilt du rch mich hindu rch Richtung Är melkanal, und ih r Ausd ruck träger Beständ igk eit verstärkte mein Gefühl, unbedeutend und vergänglich zu sein und dass das großartige alte Bau werk schon zu v iel erlebt hatte, u m sich von mir in sein er Ruh e stö ren zu lassen. Ein Schwarm Stare stob von den Scho rn steinen au f, ließ sich in den Himmel trag en und ku rv te dan n hinunter ins Tal, wo Mrs. Bird s Hau s stan d. Das Geräu sch und die plö tzliche Bewegu ng verwirrten mich. Ich sah den Vög eln nach, als sie über die Baumwipfel glitten und k rächzend auf die winzigen roten Ziegeldächer zuflo gen. Mrs. Bird s Haus schien so weit weg, dass ich p lötzlich überwältigt wurde von der ab strusen Vo rstellun g, ich hätte auf meinem Weg den Hüg el herau f irgen dein e unsichtb are Linie überschritten . Ich war dort gewesen, und jetzt war ich hier, also mu sste etwas weitaus Ko mp lizierteres gesch ehen sein als ein simp ler Ortswech sel.
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Als ich mich wieder zu m Schloss umdrehte, sah ich, dass unter dem To rbogen des Turms e in e g roße sch warze Tür o ffen stand. Seltsamerweise war sie mir vorher gar nicht aufgefallen. Ich überquerte den Rasen, aber an den steinernen Stufen zö gerte ich . Neben ein em Win dhund au s v erwittertem, g rau em Marmor saß dessen Abbild au s Fleisch und Blut, ein schwar zer Hund der So rte, die ich später als »Lu rcher« kenn enlernen sollte. Er hatte mich offenbar die ganze Zeit beobachtet. Jetzt sprang er auf und versperrte mir den Weg, während er mich mit seinen dun klen Augen mu sterte. Ich b rachte es nicht fertig weiterz ugeh en. Mein Atem g ing flach, u nd ich fröstelte. Ich empfand jedoch keine Angst. Es ist schwer zu erklären . Als wäre er der Fährmann od er ein altmodisch er Butler, jemand, dessen Erlaubnis ich b rauchte, bevo r ich mein en Weg fo rtsetzen konnte. Er trottete geräuschlos auf mich zu , ohn e den Blick von mi r ab zu wenden . Als er mit seinem F ell leicht meine Fin gerspitzen berührte, lief mir ein Schauer über den Rück en. Dann drehte er sich um und trabte davon. Ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen , verschwand er du rch die offene Tür. Als würde er mich auffordern, ihm zu folgen.
Drei verblühte Schwestern Wenn das Verg ehen der Zeit einen Geruch hat, d ann den von Schlo ss Mild erhurst. Es roch nach Schimmel un d Ammo n iak, einem Hau ch vo n Lavendel und jeder Meng e Staub, nach dem Zerfall v on massenhaft altem Pa pier. Doch unter alldem lag noch ein an derer Geruch, nach etwas, das halb verfault oder vergoren ist. Ich b rau chte eine g anze Weile, um herauszu finden, was fü r ein Geru ch das war, aber ich glaube, jetzt weiß ich es. Es ist die Vergan genh eit selb st. Gedanken und Träume, Ho ffnungen und Verletzungen, zu einem Gemisch gebraut, das lang sam in der abgestanden en Lu ft fermentiert und sich n ie ganz au flöst.
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»Hallo? «, rief ich und verharrte au f der obersten Stu fe. Ich wartete eine Weile, und als kein e Antwo rt kam, rief ich no ch einmal, dies mal lauter: »Hallo? Ist jemand zu Hause? « Mrs. Bird hatte mir gesagt, ich solle einfach hineingehen, dass die Sch western Blythe un s erwarteten und wir un s im Haus treffen wü rden . Sie hatte mir ein geschärft, n u r ja nicht zu klopfen od er d ie Glo cke zu läuten oder mein e Ankun ft son st wie an zukün digen . Ich hatte mein e Zweifel gehab t da, wo ich herk o mme, gilt unaufgefordertes Eintreten schon fast als Hausfriedensbruch -, aber ich tat, wie mir geheißen: Ich trat durch d en Torbog en in ein en runden Rau m. Es gab keine Fenster, und es war ziemlich dü ster, ob wo hl die Decke über eine Lichtkuppel verfügt e. Ein Geräu sch lenkte mein e Aufmerksamkeit nach oben, wo ein weißer Vogel, der zwischen den Dach sparren hereingeflogen war, in einem Streifen staubigen Lichts flatterte. »Ah, da sind Sie ja.« Die Stimme kam von links, und als ich mich hastig umdrehte, sah ich eine sehr alte Frau in einem Türrahmen d rei Meter von mir en tfernt, den Lu rcher neben sich . Sie war g roß und hager, trug einen Tweedanzug und eine hochgeschlossene Bluse mit Kragen, was sie männlich wirken ließ . Überh aupt war jede Weiblichk eit län gst verwelk t. Das ku rze weiße Haar, d as au f dem Ko p f sch on schütter wurde, wuchs üb er d en Oh ren in stö rrischen Bü sch eln. Ih r ov ales Gesich t hatte einen wach samen un d intelligen ten Au sd ru ck. Mir fiel au f, dass sie sich die Augen brauen vollständig ausgezup ft und in der Farbe geronnen en Bluts nachgezogen h atte. Es hatte etwas von Th eatersch min ke und wirkte ein wenig grimmi g. Sie stand leicht vorgebeugt und stü tzte sich auf einen eleganten Stock mit Schildpattg riff. »Sie mü ssen Edith sein .« »Ja.« Ich trat näher, streckte ihr meine Hand entgegen, plötzlich atemlos. »Edith Bu rchill. Guten Tag.« Ihre kühlen Finger berüh rten meine Hand, und ih r ledernes Uhrarmband rutschte geräuschlo s au f ih r Handg elen k. »Marilyn Bird hat Sie schon angekündig t. Mein Name ist Persepho ne Blythe.«
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»Vielen herzlich en Dan k, dass Sie mich emp fan gen. Seit ich von Schloss Milderh u rst gehö rt hab e, bin ich gan z v ersessen darau f, es von inn en zu sehen .« »Tatsächlich? « Sie v erzo g die sch malen Lippen zu einem Lächeln so schief wie eine Haarnadel. »Und waru m, wenn ich frag en darf? « Das wäre natürlich der Augenblick gewesen, ih r vo n meiner Mutter zu erzählen, von d em Brief, von ihrer Evak uierung als kleines Mädchen. Die Erinneru ng h ätte Percy Blythes Gesicht aufleuch ten lassen, wir wären spazieren gegangen und hätten Neuig keiten und alte Geschichten au sg etau sch t. Es wäre das Natürlichste auf der Welt gewesen, weshalb ich selbst überrascht war, als ich mich sagen hö rte: »Ich habe in einem Buch darüber gelesen.« Sie gab ein gelangweil tes »Aha« von sich . »Ich lese seh r viel«, fügte ich h astig h inzu , als könn te diese Wahrheit meine Lüge mildern. »Ich liebe Büch er. Ich arbeite mit Büchern. Bücher sind mein Leben.« Der Au sd ruck ih res runzligen Gesichts erschlaffte angesichts einer d erart h armlo sen Antwo rt, was nicht v erwunderlich war. Meine erste Lüge war schon öde genug gewesen, ab er d ie zusätzlichen biog rafischen In fo rmationen waren sch lich tweg d ämlich. Ich konnte mir nicht erklären, warum ich nicht einfach die Wahrheit gesagt hatte, die erheblich in teressan ter g ewesen wäre. Wahrsch einlich war es das un bewusste, kindische Bedü rfn is, mein en Besuch als etwas Ei genes zu betrachten, etwas, das von der Zeit, die meine Mu tter vo r fün fzig Jah ren hier verb racht hatte, n icht berüh rt wurde. Was auch immer es sein mo chte, als ich den Mund au fmachte, u m eine Kehrtwendung zu machen, war es zu spät: Miss Percy ha tte mir bereits b edeutet, ih r und dem Lu rcher durch den düsteren Flur zu folgen. Sie ging zügig und leichtfüßig, der Sto ck schien nu r ein weiteres theatralisches Accessoire zu sein. »Schön, dass Sie pünktlich sind «, sagte sie über die Schul ter zu mir. »Wen n ich etwas v erabsch eue, dann Unpünk tlich keit.« Wir g ingen sch weig end weiter. Mit jedem Schritt blieben die Geräu sch e von d rau ßen weiter zu rück: das Rau schen d er
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Bäume, das Vogelg ezwitscher, das entfernte Plätschern eines Bachs. Geräusche, die ich gar nich t wahrgeno mmen hatte, bis sie verstu mmten und ein eigenartiges Vakuum hinterließen, so in tensiv , dass meine Ohren zu summe n begannen und ih re eigen en Fantasiegebild e herau fbesch woren : Flü stergeräu sche, wie von Kind ern, wenn sie spielen, sie wären Schlangen. Es war etwas, das mir bald ve rtraut werd en sollte, d iese sond erbare Abg eschiedenheit im Inn ern des Schlosses. Geräu sche, Gerü che und Anblicke, die außerhalb der Mauern ganz deu tlich waren , sch ienen irgend wie in dem alten Gemäu er stecken zu bleiben, unfähig, sich den Weg ins Innere zu b ahnen . Es war, als hätte der po rö se Sand stein über die Jah rh underte ung ezäh lte Eind rü cke au fgesogen, die in ih m gefangen waren wie die gepressten Blumen , die zwischen den Seiten von Büchern au s dem n eunzehnten Jah rhund ert aufbewahrt und vergessen wu rd en und eine Barriere zwischen drinnen und draußen bild eten . In der Luft draußen lag vielleich t no ch eine Ahnung von Butterblumen und frisch gemähtem Gras, aber im Innern des Schlosses ro ch es nur nach angehäufter Zeit, d em mo d rigen Atem v on Jah rhunder ten. Wir gingen vo rb ei an einer Reihe verlockender verschlossener Tü ren, die ich am liebsten geöffnet hätte, bis wir schließlich am Ende des Korridors, ku rz bevor er um eine Ecke bog und im Dü steren v erschwand, zu einer Tü r kamen , die einen Spaltb reit offen stand. Ein Streifen Licht lächelte von innen und dehn te sich zu einem Grinsen aus, als Percy Blyth e die Tü r mit ih rem Stock aufschob. Sie trat zu rück u nd gab mir mit ein em d eutlich en Nick en zu verstehen, ich solle vorausgehen. Ich betrat einen Salon, der in verb lü ffendem Kontrast zu dem düsteren holzgetäfelten Korridor stand, au s dem wir gekommen waren: Die ehemals leuchtend gelbe Tapete war mit der Zeit verb lasst, sodass da s lebhafte Mu ster n u r no ch sch wach zu erkenn en war, und ein riesiger, rosa und blau und weiß gemusterter Tepp ich, mittlerweile verscho ssen un d fadensch einig, reichte bis fast an die Fuß leisten. Gegenüb er
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dem mit kunstvollen Ornamenten versehen en offenen Kamin stand ein So fa, merkwürdig lang und niedrig, das von häufiger Benutzung zeugte und trotzdem au sg esprochen einladend wirkte, und daneben ein e Singer-Näh maschine, in d ie ein Stück blauer Stoff eingesp annt war. Der Lurcher trottete an mir vo rbei und machte es sich au f einem platt getretenen Schafsfell bequem, das unter eine m min d esten s zweihundert Jahre alten, großen Gemälde lag: eine Szen e mit Hunden und Hähnen , die Oliv- und Brauntöne im Vordergrund verb lasst wie zu einem stummen Einerlei, während der Himmel im Hintergrund auf ewig dämmerte. Die Tapete an der Wand hinter dem Lurcher war fa st vo llständ ig durchgescheu ert. An einem rund en Tisch saß eine Frau im Alter von Percy, den Kopf tief über ein Blatt Papi er gebeugt, wie eine Insel in einem Meer aus Scrabblebuch staben. Als sie mich bemerkte, nahm sie ihre riesige Leseb rille ab , ließ sie in eine v erbo rgene Tasche ih res langen Seidenkleids gleiten und stand au f. Ihre Augen waren grau blau , die Brauen unau ffällig. Ih re Fin gernägel jedoch waren passend zu m Lippen stift und zu m g roß en Blumen mu ster au f ih rem Kleid ro safarben lackiert. Zwar war sie anders gekleidet, sch ien jedoch eb enso wie Percy au f eine p erfekte äuß ere Erschein ung zu ach ten , die irg end wie altmo disch war, auch wen n die Kleider selb st nicht alt zu sein schienen . »Das ist meine Sch wester Seraphin a«, sagte Percy und trat zu ih r. »Saffy«, sagte sie mit üb ertrieben lauter Stimme, »das ist Ed ith .« Saffy tipp te sich ans Ohr. »Du brauchst nicht so zu schreien , Percy, meine Liebe«, erwiderte sie leise in einem singenden Ton fall, »mein Hö rg erät ist eing esch altet.« Sie läch elte mich zurü ckhaltend an und blinzelte, weil ih r die Brille fehlte, die sie au s lauter Eitelk eit abgen o mmen hatte. Sie war eben so g ro ß wie ih re Zwillin gsschwester, ab er au fgrund einer optischen Täu schu ng, d ie du rch ih re Kleidung od er das Licht od er du rch ih re Haltung v eru rsacht wu rd e, wirk te sie klein er. »Alte Gewo hnheiten ändern sich nicht«, sagte sie, »Percy war immer die Bestimmende. Ich bin Saffy
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Blyth e, und es ist mir wirklich ein großes Vergnügen, Sie kennen zulernen.« Ich trat auf sie zu und schüttelte ihr die Hand. Sie war das Abbild ihrer Schwester oder war es zu mind est früher einmal gewesen . Die v ergang enen achtzig Jah re hatten un terschied liche Linien in die Gesichter der Schwestern gegraben, ab er bei Saffy war das Ergebn is irgendwie weicher, freundlicher. Sie sah genauso aus, wie man sich eine alte Dame in einem Herrenhaus vorstellt, und sie war mir auf Anhieb symp ath isch. Percy flößte einem Respekt ein, aber bei Saffy muss te ich an Haferplätzchen und h andg eschöp ftes, mit Tinte be schriebenes Papier denken. Erstaunlich, wie der Charakter die Menschen p rägt, wenn sie älter werd en, indem er sich von innen seinen Weg such t un d seine Spu ren hinterlässt. »Wir hab en einen An ruf v on Mrs. Bird erhalten «, sagte Saffy. »Ich fü rchte, sie ist im Dorf aufgehalten wo rd en.« »Oh .« »Sie hat sich mächtig aufgereg t«, ergänzte Percy tonlos. »Aber ich habe ihr gesag t, da ss es mir ein Verg nügen sein wü rd e, Sie heru mzu führen.« »Meh r als ein Vergnüg en «, fügte Saffy lächelnd h inzu. »Mein e Sch wester liebt dieses Haus wie andere Leute ihren Ehep artner. Sie freut sich über die Gelegenheit, damit anzugeben . Und das zu Rech t. Dieses alte Hau s mach t ih r alle Eh re: Allein ih rer jahrelang en unermü d lichen Arb eit ist es zu verdanken, dass es immer noch in einem guten Zu stand ist.« »Ich habe nur getan, was no twendig war, u m zu verhin dern , dass die Mauern u m u ns h eru m einstü rzen. Meh r nich t.« »Meine Schwester neigt zur Bescheidenheit.« »Und meine zu r Starrköp figkeit.« Die Frotzelei war o ffenb ar Te il ihrer norma len Konversation. Sie hielten in ne und wandten sich mir lächelnd zu. Ei nen Aug enblick lang war ich völlig k on sterniert, denn ich musste unwillkürlich an das Foto in Raymond Blythe in Milderhurst denken un d fragte mich , welche dieser beiden Damen welcher Zwilling gewesen sein mo chte. Dann n ah m Saffy P ercys Hand. »Meine Sch wester kü mmert sich schon ihr ganzes Leben lang um u n s«, sagte sie, und als sie ih re Zwilling s-
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sch wester vo ller Bew und erung ansch aute, wu sste ich, dass sie das kleinere, zartere der beiden Mädchen au f dem Foto gewesen war, das so unsicher in d ie Kamera lächelte. Dieses zusätzliche Lob schien Percy gar nicht zu behagen. Sie nestelte an ihrem Uh ren armband herum u nd mu rmelte: »Lass es gut sein . Wer weiß, wie lange noch.« Es ist immer schwierig zu wissen , was man sagen soll, wenn sehr alte Leute üb er den Tod und sein n ahes Bevo rstehen sp rech en , also tat ich , was ich jedes Mal tu e, wenn Herbert andeutet, ich könnte Billing & Bro wn »ein es Tages« übernehmen: Ich lächelte, als hätte ich etwas falsch verstanden, und betrachtete den sonnend urch fluteten Erker. Und da bemerkte ich die dritte Schwester; das mu sste Juniper sein. Sie saß stocksteif in einem verschlissenen grünen Samtsessel und schaute du rch das offene Fenster au f die Parklandschaft hinaus. Dü nne Sch waden von Zigaretten qualm stiegen aus einem Kristallasch enbecher au f und ließ en ih re Umrisse un scharf ersche inen . Im Geg en satz zu ih ren Schwestern war an ihrer Kleidung n ich ts Gepflegtes. Sie trug die in ternatio nale Tracht des ewigen Patienten: ein e schlecht sitzend e hoch gesch lossen e Blu se, die in eine un fö rmig e Ho se gestopft war. Außerdem war ih re Kleid ung v oller Fettfleck en, als hätte sie sich beim Essen bekleck ert. Vielleich t spürte Juniper meinen Blick, denn sie drehte den Kopf ein wenig zu mir. Ih r Blick war glasig und unstet, was auf starke Medikamente schließen ließ , und als ich ih r zu läch elte, zeigte sie keine Reaktion , sond ern starrte mi ch an, als wollte sie mich mit ih rem Blick du rch bohren . Während ich sie anschaute, nahm ich ein leises Geräusch wahr, das mir vorher nicht au fgefallen war. Ein kleiner Fern seher stand au f einem Beistelltisch unter dem Fenster. Gerade lief ein e amerikanisch e Sitco m mit diesen penetran ten Dauerdialogen , unterb rochen von Lachkonserv en, d ie wie Stö rrau schen klangen . Die Situatio n k am mir vertraut vo r, der lau fende Fernseher, der warme, sonn ige Tag draußen, die sch lech te, ab gestandene Luft drinn en: eine weh mü tig e Erin nerung an mein e Besuch e wäh rend der Sch ulferien bei meiner Großmutter, bei der ich tagsüber fernsehen durfte. »Was willst du h ier? «
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Der plötzlich e eiskalte Schlag mach te d ie angen eh men Erinnerungen an meine Gro ß mu tter zunichte. Jun iper Blythe starrte mich immer noch an , aber ih r Gesich tsau sd ruck war jetzt alles and ere als leer. Er war entschied en ab weisen d. »Ich, äh ... hallo«, sag te ich, »ich ...« »Was hast du hier zu suchen? « Der Lu rcher stieß ein klägliches Jaulen aus. »Juniper!« Saffy eilte zu ihrer Sch wester. »Liebes. Edith ist unser Gast.« Sie nahm das Gesicht ih rer Sch wester san ft in beide Hände. »June, das h abe ich dir doch erzählt, erinnerst du dich nicht? Ich habe es dir alles erklärt: Edith ist hier, weil sie sich das Haus ein bisschen an sehen mö chte. Percy macht eine kleine Füh run g mit ih r. Du b rau ch st dir keine Sorgen zu ma chen, Lieb es, es ist alles in Ordnun g.« Während ich nur noch den dringenden Wunsch verspürte, mich in Lu ft au fzulö sen, tauschten die Zwillinge einen Blick aus, der so selbstverständlich auf ihre verwitterten Gesichtszüg e trat, dass sie ihn zweifello s schon u nzählig e Male zu vo r ausgetau scht haben mu ssten. Percy nickte Saffy sch mallip pig zu, un d dan n verschwand der Au sd ru ck wied er, eh e ich begriff, waru m dieser Blick mir ein derartig es Unbehagen bereitete. »Also d ann«, sagte sie mit g esp ielter Fröhlichk eit, die mich zu sammenzucken ließ. »Die Zeit wird k napp . Wollen wir, Miss Burchill? « Erleichtert folgte ich ihr aus dem Zimmer um eine Ecke und in einen weiteren küh len, dämmri gen Korridor. »Ich zeige Ihnen zuerst die hinteren Zimmer«, sagte sie, »aber dort werden wi r un s nicht lan ge au fh alten. Da gibt es nicht v iel zu seh en. Schon seit Jah ren ist alles mit Tüchern ab gedeckt.« »Warum das? « »Weil die Zimmer nach Norden liegen.« Percy hatte einen schneidenden Tonfall, wie ihn früh er die Sprecher beim Rundfunk hatten, als die BBC noch bei allem, was eine Nachricht wert war, das letzte Wo rt hatte. Ku rze Sätze, perfekte Diktion, und ein Punk t war ein Punkt. »I m Winter alles zu heizen ist unmöglich«, sagte sie. »Aber wir
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sind ja nur zu dritt und b rauchen nicht viel Platz. Es war einfacher, einige Tü ren fü r immer zu verriegeln. Meine Schwestern und ich haben un s im Westflügel eingerichtet, in der Nähe des gelben Salon s.« »Klingt v ernün ftig «, sag te ich. »In einem Hau s dieser Grö ße muss es ja Hunderte vo n Zimmern geben. All die Stockwerke. Ich würd e mich wahrscheinlich andauernd verlaufen.« Ich merk te selbst, dass ich nu r noch d rau flo splapperte, ab er ich konnte nichts dagegen tun. Meine Unfäh igkeit, S mall Talk zu betreiben, d ie Au fregu ng , en dlich im In nern d es Schlosses zu sein, die Beklommenheit nach der Szene mit Juniper ... wie au ch immer, es war eine tödliche Ko mb ination . Ich holte tief Lu ft und fuhr zu meinem Entsetzen fort: »Ab er Sie woh nen ja schon Ihr Leben lang hier und haben bestimmt kein Prob lem d amit ...« »Tut mir leid «, erwiderte sie sch arf und d rehte sich zu mi r u m. Selb st im Dä mmerlich t konnte ich erken nen , dass sie bleich gewo rd en war. Sie wird mich auffordern zu gehen, dachte ich; mein Besuch ist zu viel für sie, sie ist alt und müde, und ihrer Schwester geht es nicht gut. »Unserer Schwester geht es nicht gut«, sagte sie, und mich verließ d er Mut. »Es hat n ich ts mit Ihnen zu tun. Sie kann manchmal sehr grob sein , ab er sie meint es nicht so. Sie hat eine sch were Enttäu schung erlebt. Eine schlimme Sache. Vo r langer Zeit.« »Sie mü ssen sich do ch nicht rechtfertig en «, sagte ich. Bitte schicken Sie mich nicht fort. »Seh r freundlich , ab er es ist mir ein Bedürfnis. Diese Takt losigkeit. Sie kommt nicht gut zurecht mit Fremden. Es ist eine g roße Belastung fü r u ns. Un ser Hau sarzt ist vo r zeh n Jah ren g esto rb en, und wir haben immer n och k einen neuen gefunden , mit dem wir zu frieden sind . Sie ist man ch mal völlig verwirrt. Ich ho ffe, Sie glauben n ich t, unwillko mme n zu sein.« »Ganz und gar nicht, ich kann d as vollk o mme n verstehen.« »Das hoffe ich. Denn wir freuen uns sehr üb er Ih ren Besuch.« Wieder dieses schmale Haarnadel-Lächeln. »Das Schloss mag Besucher; es braucht Besucher.«
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Hausgeister Am Morgen meines zehnten Geburtstag fuhren meine Eltern mit mir ins Beth nal-Green-Mu seum, wo wir uns die Pupp enhäuser an sehen wollten. Ich weiß nicht mehr, wie sie auf die Puppenhäuser geko mmen waren , ob ich mich dafür in teressiert hatte oder ob mein e Eltern in der Zeitung etwas üb er die Sammlung gelesen hatten, ab er ich erinnere mich sehr genau an den Tag. Es ist eine dieser wenigen frühen Erinnerungen, die ewig bleiben; rund und in sich g eschlossen , wie eine schön e Seifenblase, die nie gep latzt ist. Wir sind mit dem Taxi hing efah ren, was ich sehr schick fand, und dan ach waren wir in ein em f einen Café in Mayfair. Ich weiß sogar no ch, was ich anhatte: ein Minikleid mit Rauten mu ster, d as ich mir mon atelang gewün scht und an diesem Mo rgen zum Geburtstag beko mmen hatte. Und dann erinnere ich mich au ch no ch sehr deutlich daran, dass wir meine Mutter verloren haben. Vielleicht ist dieses Erlebnis, und weniger der Besuch d er Pupp enhäu ser, d er Grund , waru m d ieser Tag nich t in dem ch aotischen Sammelsurium mei ner Kindheitserinneru ngen untergega ngen ist. Die Welt stand plötzlich köp f. Erwach sene gingen nicht verloren, nicht in meiner Welt: So etwas passierte Kin dern, klein en Mädchen wie mir, die am liebsten ihren Tagträumen nach hingen und nicht au fpassten , wo sie hintraten, und üb erhaup t viel zu selbstv ergessen waren . Ab er nicht d iesmal. Diesmal, es war un erklärlich, un fassbar, war meine Mutter v ersch wund en. Mein Vater und ich standen in der Sch lange, um ein Souvenir-Heftchen zu kau fen, als es passierte; langsam schob en wir un s vo rwärts, jeder in seine Ged anken vertieft. Erst als wir an der Kasse standen und zu erst die Verkäu ferin , dann ein ander stu m m an blin zelten , wu rd e un s plötzlich bewu sst, dass unser traditionelles Familiensprachrohr fehlte. Ich habe sie schließlich g efunden; sie kn iete v o r eine m Pupp enhaus, an dem wir scho n vo rb eig ekommen waren . Es war g roß und dü ster, mit vielen Treppen und einem Speicher, der das ganze Dachgesch oss einn ahm. Sie erklärte mir nicht, waru m sie no ch ein mal dorthin zu rü ckgek ehrt war, sondern 62
sagte nur: »Solche Häuser gibt es wirklich, Edie. Richtige Häuser mit echten Menschen darin . Kann st du dir das vo rstellen? So viele Zimmer? « Ih re Mund winkel zu ckten, als sie leise in einem langsamen Singsang fortfuhr: »Alte Mauern, die von fernen Stunden singen.« Ich glaube nicht, dass ich etwas geantwo rtet h abe. Ersten s blieb keine Zeit - genau in de m Mo men t kam mein Vater, er war ganz aufgeregt und wirkte irgend wie persönlich getroffen - und zweitens wusste ich einfach nicht, was ich sagen sollte. Obwoh l wir nie wieder d arüb er sp rachen , dauerte es ziemlich lange, bis ich die Vo rstellung gan z au fgab, dass es d raußen in der g roß en, weiten Welt solche Häu ser gab, mi t echten Mensch en d arin und Mauern , die sin gen konn ten. Ich erwähne das Bethnal-Green -Museu m hier nu r, weil mir, als Percy Blythe mich du rch dun kle Flu re füh rte, d ie Bemerkun g mein er Mu tter wied er einfiel, immer d eutlicher, b is ich ihr Gesicht vor mir sah, ihre Worte hö rte, so klar, als stünd e sie d irekt neben mir. Vielleich t hatte es ja etwas mit d em seltsamen Gefü hl zu tu n, d as auf mir lastete, wäh rend wir das gewaltige Hau s erkund eten, mit dem Eind ruck, irgendwie Opfer ein es Zaubers zu sein, der mich auf Miniaturgröße gesch ru mp ft und in ein Pupp enhaus befö rd ert hatte, wenn auch in ein ziemlich heru ntergekomme nes. Eins, dessen Besitzer den Kinderschuhen entwach sen war und sich anderen Obsessionen zugewandt hatte; d er al les einfach sich selbst überlassen hatte, die Zimmer mit ih ren verblassten Tapeten und verschlissenen Seidensto ffen und d en mit Bin sen matten au sgeleg ten Böd en, d ie Vasen und ausgestopften Vögel, die schweren Möbel, die in stu mme r Ho ffnung darau f warteten , wieder benutzt zu werden. Ab er v ielleicht kam das auch alles erst später. Vielleicht kamen mir die Worte meiner Mutter zuerst in den Sinn, den n natürlich hatte sie an Milderhurst gedacht, als sie mir von echten Mensch en in rich tig en Häu sern mit vielen Zimmern erzählt hatte. Was sonst so llte sie dazu g ebracht haben , so etwas zu sagen? Der entrückte Gesichtsau sd ruck war das Ergebnis ih rer Erinneru ngen an di esen Ort gewesen. Sie hatte an Percy, Saffy und Juniper Blythe gedacht und die seltsamen , g eheimn isvo llen Ding e, die ih r als Kin d widerfah ren
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sein mussten, als sie von Sü dlondo n nach Sch lo ss Mild erhurst verpflanzt worden war. Dinge, die noch nach fünfzig Jah ren eine so lche Mach t au f sie au sübten, dass sie weg en eines v erlo ren gegang enen Briefs in Tränen ausb rach. Wie auch immer, jedenfalls war bei Percys Führung an jenem Morgen meine Mutter imme r bei mir. Ich hätte mich nicht dagegen wehren kön nen, selb st wenn ich es gewollt hätte. Egal, wie eifersüchtig ich darauf beharrt hatte, meine Erkundung des Schlosses als etwas Ureigenes zu betrachten, ein Teil meiner Mutter, von dem ich weder etwas geahnt noch gewusst hatte, war g anz offensichtlich untrennbar mit diesem Haus verb unden . Ich war es n ich t gewoh nt, etwas mit ihr gemeinsam zu haben, und allein die Vorstellung ließ die Welt schneller ro tieren, aber nach einer Weile merkte ich, dass ich eigentlich gar nichts dagegen hatte. Im Gegenteil, ich war froh d arüber, dass mir ihre eigen artige Bemerkung im Museum nicht länger ein Rätsel war, ein Mo saik stein, der nirgendwohin passte. Es war ein Frag men t au s d er Vergan genheit meiner Mutter, das irg endwie heller und interessan ter zu sein schien als der Rest. Und so kam es, dass, während Percy mich heru mfü h rte und ich zu hö rte, mich umsah und nickte, ein geisterhaftes London er Kind still n eben mir h er g ing , äng stlich un d mit g ro ßen Augen: Es war auch zu m ersten Mal hier. Und es gefiel mir, dass es da war; am liebsten hätte ich über die Jahrzehn te hinweg seine Hand g eno mmen . Ich fragte mich, wie d as Haus wohl im Jahr 1 9 3 9 gewesen war und wie viel sich in den vergangenen fünfzig Jahren verändert haben mochte. Ob sich Schlo ss Milderhurst schon damals angefühlt hatte wie ein schlafendes Haus, träge, staubig und dämmrig. Ein altes Haus, d as den Zeiten trotzte. Und ich fragte mich, ob ich wohl Gelegenheit bekommen würde, das kleine Mädchen zu frag en, ob es noch hier war. Ob ich es jemals würde finden können . Es ist un mög lich , alles wiederzugeben, was ich an jene m Tag in Milderhu rst zu hö ren u nd zu sehen bek am, und es ist au ch unwichtig fü r den Fo rtgang d ieser Gesch ich te. So v ieles ist seitdem geschehen; Ereignisse, die danach stattgefun-
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den haben, vermischen sich läng st in mein er Erinnerung, so dass es schwierig ist, meine ersten Ein d rücke von dem Haus und seinen Bewohnerinn en herauszu filtern . Ich werde mich also bei meiner Erzählung an die Anblicke u nd Geräusch e halten, die mir am leb haftesten in Erinnerung g eblieb en sind, und auch nur diejenig en Ereig nisse erwäh nen , die einen Bezug zu dem haben, was danach kam u nd was vo rh er gesch ehen war. Ereign isse, d ie niemals in meinem Ged ächtn is verblassen dü rfen - und werden. Zwei wichtige Dinge wu rd en mir wäh rend der Füh rung klar. Ersten s h atte Mrs. Bird reichlich untertrieben, als sie gesagt hatte, Milderhurst sei ein bissch en vernachlässig t. Das Sch lo ss war vö llig herun tergek ommen , und n icht etwa au f schicke, mo rb ide Art. Zweitens, und das war noch bemerkenswerter, Percy Blythe war fü r diese Tatsache völlig blind. Ungeachtet d er dicken Staubsch icht auf den schweren Möbeln, d er stickigen, staub gesch wängerten Lu ft und d er von Gen erationen von Mo tten zerfressen en Vo rh änge sprach sie über das Haus, als stünde es in seiner Blüte, als würden hier eleg ante literarisch e Salons v eran staltet, bei den en Mitglieder der königlich en Familie sich un ter Kün stler u nd Intellektu elle misch ten , und als wü rd e eine Heersch ar v on Bediensteten un sichtbar du rch die Flu re eilen, um d ie Anordnungen der Familie Blyth e au szu füh ren . Ich hätte Mitgefühl fü r sie emp finden könn en, weil sie so seh r in ih rer Fantasiewelt gefangen war, ab er sie war so ganz und gar nicht der Typ Mensch , der Mitgefüh l herv orru ft. Sie war alles an dere als ein Opfertyp, und so verwandelte sich mein Mitleid in Bewunderung , in Respekt vo r ihrer hartnäckigen Weigerung , sich einzugestehen, dass d as Hau s u m sie heru m un au fhaltsam v erfiel. Und noch etwas mö chte ich unbedingt in Bezug au f Percy erwähnen: Für eine Mittachtzigerin mit Stock war sie au sgesprochen gut zu Fuß. Wir besichtigten das Billardzimmer, d en Tanzsaal, den Wintergarten , dan n ging es hinu nter in d ie Dien stboten räu me. Wir eilten du rch das Anrichtezimmer, die Speisekammer, d ie Spülk üch e und gelangten sch ließlich in die Küche: Kupfertöpfe und Kupferp fannen h ingen an Haken an d en
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Wänd en, ein stattlicher AGA-Herd ro stete vo r sich hin, au f dem g efliesten Boden standen au fgereiht leere, bauchig e Keramikgefäße. In der Mitte b efand sich ein gewaltiger Tisch au s Kiefernho lz mit g ed rechselten Beinen , dessen Platte üb ersät war mit den Wund en von zahllosen Messern, in die man an stelle von Salz Mehl g estreut hatte. Die Lu ft hier un ten war kühl und abgestanden, und d ie Dien stb oten räume wirkten noch verlassener als die Zimmer in den oberen Stockwerken. Dies waren d ie ungenutzten Räder einer beeind ruckenden viktorianischen Maschinerie, di e dem Zeiten wandel zum Op fer gefallen und schließ lich zu m Stillstand gekommen war. Ich war nicht die Einzige, die die Trostlosigkeit registrierte. »Kau m zu glauben , dass hier früh er so viel Leben geherrscht hat«, sagte Percy Blythe, wäh rend sie mit den Fin gern ü ber die Kerben in der Tischplatte fuhr. »Meine Großmu tter hatte noch vierzig Hau sangestellte. Vierzig . Man v ergisst, wie seh r das Haus ein mal geglänzt hat.« Der Boden war übersät mit kleinen, brau nen Kügelchen, die ich zu erst fü r Sandkö rner hielt, aber an der Art und Weise, wie sie unter d en Füßen knirschten, erkannte ich, dass es sich um Mäusekötel handelte. Ich nahm mir im Stillen vor, dankend abzu lehn en, falls man mir Kuchen anb ieten sollte. »Als wir Kinder waren, gab es noch etwa zwan zig Bedien stete und außerdem fü nfzehn Gärtner, die d as Grund stück in Ordnung gehalten haben . Der Erste Weltk rieg hat alldem ein Ende gesetzt: Sie haben sich zum Militär gemeldet, bis au f den letzten Mann. Die meisten jungen Männer haben das getan.« »Un d keiner ist zu rückgekehrt? « »Zwei. Zwei sind wieder nach Hause gekommen, aber sie waren nicht mehr dieselben. Wir haben sie natü rlich wied er eingestellt, alles and ere wäre undenkbar g ewesen, ab er sie haben nicht lang e du rchg ehalten .« Ich war mir nicht sicher, ob sie damit die Dauer ih rer Besch äftigu ng o der ih res Lebens meinte, aber sie ließ mir k eine Zeit nachzufrag en.
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»Danach haben wir uns mit Hilfskräften beholfen, aber als dann der Zweite Weltk rieg ausb rach, war k ein Gärtner meh r zu finden, nicht für Geld u nd gu te Wo rte. Welcher ju nge Mann wäre wohl bereit gewesen , Lu stgärten zu p flegen, wenn er in d en Krieg ziehen konnte? Zumindest keiner von der So rte, die wir gern in un sere Dien ste geno mmen h ätten. Haush altsh ilfen waren gen auso rar. Damals waren wir alle mit anderen Dingen beschäftigt.« Sie stand au f ih ren Stock gestützt, und die Haut üb er d en Wan genkn ochen erschlaffte, als sie ih re Gedank en in die Verg angenheit wandern ließ. Ich räusperte mich und sagte leise: »Und jetzt? Haben Sie noch irgendeine Haushaltshilfe? « »Aber ja.« Mit einer weg werfenden Handbewegung wandte sie sich wieder der Gegen wart zu. »Wir haben n och eine alte treue Seele, die uns einmal die Woch e beim Kochen und Putzen hilft, und ein er der Bauern aus der Gegend sorgt dafür, dass die Zäun e nich t umfallen . Dann g ibt es no ch ein en ju n gen Mann, Mrs. Birds Neffen aus dem Dorf, der den Rasen mäh t und versu cht, das Unk raut in Schach zu halten. Er macht seine Sache recht gut, ab er echte Arbeitsmo ral scheint etwas zu sein, das der Verg angenheit an gehört.« Ein kurzes Läch eln blitzte au f. »An son sten mü ssen wir h ier allein zu rechtkommen.« Ich erwid erte ih r Lächeln, als sie auf den engen Dienstbotenaufgang wies und frag te: »Sagten Sie nicht, dass Sie eine leidenschaftlich e Leserin sind? « »Mein e Mutter beh auptet, d ass ich mit einem Bu ch in der Hand au f die Welt geko mmen bin .« »Dann werden Sie sicherlich unsere Bibliothek sehen wollen.« Ich hatte gelesen, dass die Bibliothek von Sch lo ss Mild erhu rst demselben Brand zum Opfer gefallen war, der auch die Mu tter der Zwillinge das Leb en gekostet hatte, und ich bin mir n ich t sich er, was ich eigentlich hinter der schwarzen Tür am Ende des Korridors erwartete; eine reich bestückte Bibliothek jedenfalls nicht. Genau das jedoch lag vo r mir, als ich Percy Blythe in das Zimmer folg te. Raumhoh e Regale an allen vier Wänd en, und selb st im schu mmr ig en Lich t - d ie
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Fen ster wurden von sch weren , bod enlangen Vo rhängen verdun kelt - konn te ich seh en, dass sie mit sehr alten Büchern gefüllt waren, von der Sorte mit marmorierten Vorsatzblättern und Goldschnitt. Es ju ckte mich g ewaltig in den Fin gern, die Buch rücken zu befühlen, ein Buch zu entdecken, dessen Verlo ckung ich nicht würde widerstehen können, es au s dem Regal zu nehmen, es behutsam aufzuschlagen, dann die Augen zu schließen und d en betörenden Duft alten, literarischen Staubs in mich aufzunehmen. Percy Blythe bemerkte mein e Neugier und schien mein e Ge danken zu lesen. »Natü rlich al les Ersatzstücke«, sagte sie. »Der größte Teil der u rsp rünglichen Familien biblioth ek ist in Flammen au fgegangen . Es war kaum etwas zu retten, und die Bücher, die n ich t verb rannten, sin d d em Rauch un d d e m Wasser zum Opfer gefallen.« »All die vielen Bücher«, mu rmelte ich, während ich fast körp erlichen Schmerz empfand. »Ja. Meinen Vater hat es sch wer getro ffen. Er hat danach fast sein g anzes Leben der Wied eran schaffung d er Sammlu ng gewid met. Briefe wu rden in alle Welt verschickt. Häufig such ten uns Händler seltener Bücher auf; andere Besucher waren eigentlich nicht willko mme n. Aber dieses Zimmer hat mein Vater nie wieder benutzt, nicht seit dem To d mein er Mutter.« Vielleich t war es ja nu r d as Produk t mein er üb erbo rdenden Fantasie, aber ich war mir sicher, dass ich den Ruß riechen konnte, der sich au s dem alten Mö rtel d en Weg d u rch d ie neuen Wände und die frisch e Farbe bahnte. Und da war auch ein Geräusch, das ich nicht einordnen konnte; ein Klopfen, das ich unter no rmalen Umstän den nicht wahrgenommen hätte, während es sich mir in diesem merk wü rdigen u nd stillen Haus regelrecht aufdrängte. Ich sah zu Perc y hinüber, die hinter einen alten Ledersessel mit Knop fpolsterung getreten war, aber falls sie es au ch hörte, ließ sie es sich jedenfalls nicht an merken. »Mein Vater war ein leidenschaftlicher Briefeschreiber«, sagte sie, den Blick auf einen Schreibtisch in der Fensternische gerichtet, »mein e Schwester Saffy eben falls.« »Und Sie nicht? «
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Ein sch mallippig es Lächeln. »Ich habe in meinem Leben nu r wenige Briefe geschrieben; nu r dann, wenn es ab solut unu mg änglich war.« Die Antwort überraschte mich , und v ielleicht v erriet mich mein Gesichtsausd ruck, den n sie wartete mit einer Erk läru ng au f. »Das geschrieben e Wort war n ie meine Stärke. In einer Familie von Schriftstellern so llte man seine Unzulänglichkeiten erkennen. Misslung ene Versuche wu rden nicht akzep tiert. Mein Vater u nd sein e beid en überleb enden Brüd er tau schten, als wir noch jung waren , formv ollend ete Briefe aus, die er uns abends vo rlas. Er erwartete von einem Text einen hohen Unterhaltu ng swert und hielt nicht mit seiner Meinung hinter dem Berg, wenn das Geschriebene seinen An sp rü chen n ich t genügte. Die Erfindun g des Telefon s h at ihn zutiefst deprimiert. Er machte es für viele Übel dieser Welt verantwortlich.« Wieder war d as Klo pfen zu vernehmen, dies mal lauter, ein Hinweis, dass sich irgendwo etwas b ewegte. Wie Wind, der du rch Ritzen fu hr und San dkö rner vo r sich her trieb , nur ir gendwie schwerer. Und es kam von oben , da war ich mir sich er. Ich betrachtete die Zimmerd ecke; eine schwache Glühbirn e hing von ein er verstaub ten Rosette herab, daneben war ein gezackter Riss im Putz zu sehen. Plötzlich hatte ich das Gefüh l, d ie Geräu sche könn ten die letzte Warnun g sein, dass die Deck e un mittelbar vo r d em Einsturz stand. »Dieses Geräu sch ...« »Ach, beachten Sie es einfach nich t«, sagte Percy Blythe und winkte mit ih rer dü rren Hand ab . »Das sind bloß die Hausg eister, die in den Adern des Gemäu ers spielen.« Ich schätze, ich habe ziemlich kon sterniert d reingeb lick t, jedenfalls fühlte ich mich so . »Sie sind das bestgeh ütete Geheimnis in einem alten Haus wie diesem.« »Die Hausgeister? « »Die Adern.« Sie legte stirn runzelnd den Kop f in den Na cken und ließ den Blick am Stuck entlangwandern, als folgte sie mit den Augen etwas, d as ich nicht sehen konn te. Als sie
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weitersprach, klang ihre Stimme verändert. Ihre Unerschütterlichkeit hatte ein en winzig en Riss beko mmen , und ein en Aug enblick lang hatte ich das Gefü hl, ich würd e sie erst jetzt richtig sehen und hö ren. »In einem Schrank in einem Zimmer unter dem Dach befindet sich eine verb o rgen e Tü r. Es ist der Eingang zu einem Labyrinth vo n Geheimg ängen. Man k ann darin entlangkriechen, von Zimmer zu Zimmer, vo m Dachbod en b is ins Kellerg ewölbe, wie eine Mau s. Wenn man ganz leise ist, hört man es üb erall flüstern , aber man kann sich auch in den Gängen verirren, wenn man nicht vo rsichtig ist. Das sind die Adern des Hauses.« Ich schüttelte mich bei der Vo rstellung , dass es sich b ei dem Haus um ein gewaltiges kauernd es Leb ewesen hand elte. Ein dunk les und namenloses Geschöpf, das den Atem anhielt; die fette, alte Kröte aus einem Märch en, d ie au f die Gelegenheit wartet, der Jungfrau einen Kuss abzuluchsen. Natürlich dachte ich an den Modermann, die finstere und glitschige Gestalt, die aus dem Schlossgraben au ftauch t wie au s dem Styx , u m sich das Mäd chen h inter dem Dachboden fen ster zu holen. »Als Kinder haben Saffy und ich ein Spiel gesp ielt: Wir haben un s vo rg estellt, dass eine Familie, die vo r u ns hier woh nte, in d iesen Gäng en h au ste und sich weigerte au szu ziehen. Wir haben sie die Hausgeister genann t, und immer, wenn wir ein Geräusch hörten, das wir un s nicht erklären konnten, wussten wir, dass sie es waren.« »Wirk lich?«, flü sterte ich. Sie mu sste üb er meinen Gesichtsau sd ru ck lachen, ein eigen artiges, humorloses Gackern, das so unvermittelt abbrach, wie es begonnen hatte. »In Wirklichkeit gab es sie natürlich nicht. Keine So rg e. Diese Geräu sch e, die Sie hö ren, stammen von Mäu sen . Davon hab en wir hier weiß Gott genug.« Ein leich tes Zuck en in ih rem Au g en win kel , wäh ren d sie mic h betrachtete. »Wollen Sie sich den Schrank mit der verborgenen Tür im Kinderzimmer vielleich t auch no ch an seh en? « Ich glaube, ich h abe tatsächlich g equ iekt. »Ja, unbed ingt.« »Dann kommen Sie mit. Es ist eine ziemliche Kletterpartie.«
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Das leere Dachzimmer und die fernen Stunden Die hatte nicht üb ertrieb en. Die Treppe wollte und wollte nicht end en und wu rde nach jedem Absatz enger und düsterer. Als ich schon glau bte, ich würd e in einen Zustand völliger Blindheit eintauch en, b etätig te Percy Blythe einen Sch alter, und eine nackte Glühbirne, die an ein em Kabel vo n der Decke hoch oben bau melte, spendete schu mmriges Licht. Jeman d h atte n achträglich ein en Handlau f an der Wand an gebracht, damit man den letzten steilen An stieg gefahrlos bewältigen konn te. Irgend wann in den Fünfzigerjahren, schätzte ich; ein Metallroh r, einfach und zweckmäßig. Wer auch immer es wann auch immer ang eb racht hatte, ich dankte ih m von Herzen. Jetzt bei Licht sah ich, dass die Stufen gefährlich ausgetreten waren, und ich war froh, mich an etwas festhalten zu können. Wen iger angenehm wa r, dass ich jetzt auch all die Spinnweben sehen konn te. Hier ob en war schon lange niemand mehr gewesen, was sich die Schlossspinnen zu nutze gemacht hatten. »Un sere Kind erfrau hatte immer ein e Talgkerze d abei, wen n sie uns abends ins Bett geb racht hat«, sagte Percy, wäh rend sie die letzten Stufen erklomm. »Der Lich tsch ein flackerte au f den Wän den , un d sie sang dieses alte Kind erlied. Sie kennen es bestimmt: >Kennt ih r die Geschichte vom Mord i m Schloss<.« Wo das Blut in Strömen die Treppe runterfloss. Natürlich kannte ich es. Ein graues Spinnennetz streifte meine Sch ulter, und plö tzlich sehnte ich mich nach meinem winzigen Zimmer in meinem Elternhaus. Dort gab es kein e Spinnweb en , nur alle zwei Wochen die übliche Putzaktion mein er Mutter und den beru higenden Geru ch nach Reinigungsmitteln. »Damals hatten wir noch keinen Stro m. Der k am erst Mitte der Dreiß igerjah re, und da auch nur mit Halbspannung. Mein Vater konnte d ie vielen Kabel nicht au ssteh en. Er hatte Angst vor einem Brand, verständlich nach dem, was mit meiner Mutter passiert war. Nach dem Unglück hat mein Vater ein System von Feuerschutzübungen entwickelt. Er läutete eine Glock e un ten au f d em Rasen und maß mit seiner alten Stoppuhr die Minuten, die wir brau chten, bis wir d rauße n 71
waren. Und dab ei sch rie er di e gan ze Zeit, das Hau s wü rd e gleich lichterloh b rennen wie ein g igantischer Scheiterhau fen.« Sie ließ wieder ih r glasschn eidendes Gack ern hö ren, dann blieb sie unvermittelt au f der obersten Trep penstu fe stehen. »So«, sagte sie, steck te d en Schlüssel in s Schloss und hielt ihn einen Moment fest, bevor sie ihn drehte. »Wollen wir? « Als sie die Tü r au fstieß , h ätte mich das grelle Licht fast umgeworfen. Ich blinzelte, bis sich mein e Augen an die Helligkeit gewöhnten und d ie Kontu ren im Rau m allmäh lich hervortraten. Nach dem mü h seligen Aufstieg war das Dachzimmer auf den ersten Blick eine En ttäuschun g. Der au sgesp roch en nüchterne Raum hatte n ich ts von ein em v ik to rianisch en Kin derzimmer. Im Gegensatz zu den an deren Zimmern im Haus, die liebevoll erhalten waren , als könnten ih re ehemaligen Bewohn er jed en Augenb lick zu rück keh ren, war das Kind erzimmer au f unh eimliche Weise kah l. Als wäre es g ründlich gesch rubbt und sogar frisch geweißt wo rden. Es gab keinen Tepp ich, und die b eiden eisern en Betten, die an d er gegenü berliegend en Wand jeweils link s und rech ts neben dem offenen Kamin län gs in s Zimmer ra gten, waren nicht bezogen. Au ch Vorhän ge gab es kein e, was die Hellig keit erklärte, und in dem Regal unter einem der Fenster standen weder Büch er n och Spielsachen . Das Regal un ter dem Dachzimmerfenster. Mir schlug das Herz bis zu m H als. Un willkü rlich sah ich das Mädchen au s d em Prolog v om Modermann vor mir, wie es nachts au fwachte u nd sich zu m Fen ster hingezogen fühlte; wie es still und leise auf das Reg al k letterte und hinaussch aute und von d en Ab enteu ern träu mte, die es eines Tages erleben wü rde, ohne zu ahnen, welche Schrecken auf es war teten. »Dieses Dachzimmer hat Generationen von Kindern der Familie Blythe beherbergt«, sagte Percy Blythe, während sie sich im Zimmer umsah. Sie sagte nichts zu m kahlen Zu stand des Zimmers oder zu seinem Platz in d er Literaturg eschichte, und ich d rängte sie nicht dazu. Seit dem Aug enblick, als sie den Schlü ssel im
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Schloss gedreht und mich eingelassen hatte, wirkte sie be d rü ckt. Ich war mir nich t sicher, ob es die Au swirk ung des Kinderzimmers war, oder ob das grelle Licht einfach nur die Spuren des Alters in ih rem Gesich t deu tlicher hervo rtreten ließ. Wie auch immer, es schien mir wichtig, sie gewähren zu lassen . »Verzeihen Sie bitte«, sagte sie schließlich. »Ich war ewig n ich t hier oben . Alles wirk t ... k leiner, als ich es in Erinnerung hatte.« Das Gefüh l kann te ich gut. Wenn ich in dem Bett in meinem eh emaligen Kinderzimmer s ch lief, fand ich es immer wieder seltsam festzu stellen, d ass es zu ku rz war, oder das blasse Rechteck au f der Tapete zu seh en, wo ein mal d as Po ster von Blondie gehangen hatte, deren Sän gerin , Debo rah Harry, ich als Teenager verehrt hatte. Aber wie es sich anfühlte, ein Kinderzimmer zu betreten, das man vor achtzig Jahren bewohnt hatte, konnte ich n ur v age erahnen. »Haben Sie alle d rei als Kinder hier oben geschlafen? « »Nicht wir alle, nein. Juniper nicht. Die ist erst sp äter hier herau fgezogen.« Percy v erzog d ie Lipp en, als hätte sie einen bitteren Gesch mack im Mu nd. »Ih re Mutter h atte in ih rer Suite ein Kinderzimmer eingerichtet. Sie war ju ng und nich t mit den Gep flogenh eiten vertraut. Es war nicht ih re Schuld.« Ihre Wortwahl machte mich stu tzig , und ich war mir nich t sicher, ob ich verstanden hatte, was sie meinte. »Nach d er Tradition in diesem Haus bek amen Kinder erst mit dreizehn Jahren ein eigenes Zimmer im unteren Stockwerk. Saffy und ich kamen uns sehr wich tig vo r, als wir nach un ten zieh en d urften , ab er ich mu ss gestehen , dass ich d as Dachzimme r vermisst habe. Saffy und ich waren es gewöhn t, alles miteinander zu teilen.« »Das ist wah rsch einlich no rmal bei Zwillingen .« »Allerdings.« Die Spur ein es Lächelns. »Kommen Sie. Ich zeige Ihnen die Tü r zu den Hausgeistern.« Der Mahagon isch rank stand in einer winzigen Kammer hin ter den Betten. Die Decke war so nied rig, dass ich mich beim Eintreten bücken musste, un d ein süß licher Geruch schlug mir entgegen, der mir fast den Atem raubte.
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Percy schien ih n nich t zu b emerken . Sie b ückte sich eben falls und zog an dem nied rig angebrach ten Griff, wo raufhin sich die v erspiegelte Schranktür quietsch end ö ffn ete. »Da ist sie. In der Rück wand.« Sie sah mich du rchd ringen d an, die Augenbrauenstriche waren streng zusammengezogen. »Ab er vo n do rt au s können Sie sie bestimmt nicht sehen.« Mir die Nase zuzuh alten schien mir n icht sch ick lich , also atmete ich tief ein, hielt die Lu ft an und beug te mich vo r. Sie trat b eiseite und bed eutete mir, noch näher zu kommen. Ich verscheuchte das Bild von Gretel vor dem Ofen der Hexe und kletterte in den Sch rank. Nachdem sich meine Aug en an d ie Dunkelheit gewöhn t hatten, entdeckte ich d ie kleine Tür. »Ah«, sagte ich mit der letzten Luft, die mir blieb. »Da ist sie ja.« »Da ist sie«, kam das Echo von auß en. Notged run gen mu sste ich wieder Lu ft holen, aber der Geruch war gar nicht so schlimm, und vor lauter Aufregung üb er eine verbo rgen e Tü r in der Rück wand eines Sch rank s nah m ich ihn gar nicht meh r wahr. »Du rch diese Tü r könn en also d ie Hau sg eister herein - und wieder hin au sgelangen .« Ich hörte das Echo mein er eigen en Stimme. »Die Hau sgeister, ja«, sag te Percy sarkastisch. »Die Mäuse hingeg en hab en leider keine Tür nötig. Die kleinen Biester ma chen läng st, was sie wollen.« Ich kletterte wied er aus dem Schrank, und als ich mir den Staub von den Kleid ern klo p fte, fiel mein Blick auf das gerahmte Bild an der gegenüberliegenden Wand. Eigentlich kein Bild, sond ern ein Text, etwas Religiöses, wie ich bei m Nähertreten feststellte. Beim Betreten der Kammer war es mir n ich t au fg efallen, weil es sich h inter mir befunden hatte. »Was war das fü r ein Zimmer? « »Hier hat unsere Kinderfrau gewohnt. Als wir noch sehr klein waren«, sagte Percy. »Damals war es für uns der schö nste Ort au f der Welt.« Ein Lächeln d eutete sich an, u m gleich d arau f wieder zu versch wind en. »Es ist wirklich nicht viel mehr als ein Abstellrau m, nich t wah r? «
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»Ein Abstellrau m mit einer herrlichen Aussicht.« Ich ging zu m Fen ster. Hier waren die Vorhänge nicht entfernt worden. Als ich sie beiseite zog , fiel mir die g roße An zah l von schweren Vorhängeschlössern au f, mit denen das Fenster gesichert war. Offenbar stand mir meine Verwund erung in s Gesicht geschrieben, denn Percy sagte: »Mein Vater war imme r sehr um unsere Sich erheit beso rgt. In seiner Jugend gab es einen Vo rfall, den er n ie verwu nden hat.« Ich nickte und schaute au s dem Fen ster; der Anblick k a m mir atemberaubend vertraut v or. Ab er nicht, weil ich das alles schon einmal gesehen hätte, sond ern weil ich darüber gelesen und es mir vorgestellt h atte. Direkt unter mir entlang der Grundmau ern lag ein etwa se ch s Meter b reiter Streifen mit üp pig wach send em Gras, dessen Grün sich von der U mgebung d eutlich abhob. »Da war früher mal ein Wassergraben «, sagte ich . »Ja.« Percy war n eben mich getreten und hielt d en Vo rhang beiseite. »Eine meiner frühesten Kindheitserin nerung en ist, wie ich einmal nicht ein schlafen kon nte, weil ich do rt unten Stimmen hörte. Es war Vollmond, und als ich au f die Fensterbank geklettert b in, habe ich unsere Mutter gesehen, die im silb rigen Mondlicht au f d em Rücken schwamm u nd vergnügt lachte.« »Sie war eine begeisterte Sch wimmerin «, sag te ich, weil ich mich daran erinnerte, was ich in Raymond Blythe in Milderhurst gelesen hatte. Percy nickte k napp . »Den runden Badeteich hat mein Vater als Ho chzeitsg eschenk für sie anlegen lassen, aber sie zog den Schlossgraben vor, und so wurde jemand beau ftragt, ihn herzurichten . Nach ihrem To d hat mein Vater den Grab en auffüllen lassen.« »Er hat ihn sicherlich zu sehr an sie erin nert.« »Ja.« Ih re Lipp en zu ckten, und mir wu rd e b ewu sst, dass meine Kommentare zu ih rer Familientragödie ziemlich taktlos waren. Um das Thema zu wech seln, zeigte ich au f einen Mauervo rsprung , der in d en Graben hin ein rag te. »Was fü r ein Zimmer ist das? «, frag te ich. »Ich kann mich nich t daran erinnern , einen Balkon geseh en zu haben.«
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»Das ist die Bibliothek .« »Und da hinten. Was ist das fü r ein ummauerter Garten? « »Das ist k ein Garten .« Sie ließ den Vo rh ang wieder zu fallen. »Wir sollten un seren Rundgang fortsetzen.« Ih r Ton fall und ih re Bewegung en waren plötzlich steif. Ich mu sste sie irgend wie v erstimmt h aben, hatte jedo ch keine Ahn ung, wo mit. Hastig ließ ich un ser Gespräch Revue p assieren und kam zu dem Sch lu ss, dass es wah rsch einlich b loß die alten Erin nerung en waren, die ihr zu schaffen machten. Leise sagte ich: »Es mu ss ung laublich sein, in einem Sc hloss zu wohnen, das schon so lange im Familienbesitz ist.« »Ja«, erwiderte sie. »Es war nicht immer ein fach u nd hat un s Op fer abv erlan gt. Wir ware n gezwung en, g roße Teile d es Grund stücks zu verkaufen, erst kürzlich den Bauernhof, aber es ist un s gelungen, d as Sch lo ss zu behalten.« Demonstrativ inspizierte sie den Fensterrah men und d rü ckte ein Stückchen abblätternde Farbe an. Als sie weitersp rach , rang sie ganz o ffensichtlich mit der Fassung. »Es stimmt, was meine Schwester sagt. Ich liebe dieses Haus, wie andere einen Menschen lieben. Das war schon immer so.« Ein kurzer Blick von der Seite. »Das ko mmt Ih n en sicher sonderb ar vo r.« Ich schü ttelte d en Kop f. »Nein, eigen tlich n icht.« Sie zog zweifeln d die Brau en ho ch; aber ich mein te es ernst. Ich fand es absolu t nicht sonderbar. Meinem Vater hat es das Herz gebrochen, als er sich von seinem Elternhaus trennen musste. Die Geschich te ist relativ einfach: Ein klei ner Junge, fasziniert vo m Gesch wätz üb er die g rand io se Gesch ichte seiner Familie, ein vereh rter und reicher On kel, der Versp rechung en macht, ein Sin neswandel au f dem To tenbett. »Alte Häuser und alte Familien gehören zusammen«, fuhr Percy fo rt. »So war es schon immer. Meine Vorfahren leben fort im Gemäuer von Sch lo ss Mild erhu rst, und es ist meine Pflicht, das Haus zu erhalten. Das ist keine Aufg abe für Außensteh ende.« Ihr Tonfall war schneid end und du ldete k eine Wid errede. »Wah rscheinlich ist es fü r Sie, als wären sie alle immer n och um Sie herum ...«, als ich die Worte aussprach, sah ich
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plötzlich meine Mutter, wie sie vor dem Puppenhaus kniete, »... als wü rden d ie Mauern singen.« Sie ho b eine Braue. »Wie bitte? « Mir war gar nicht bewusst, dass ich laut gesp rochen hatte. »Das mit den Mauern«, stieß sie hervo r. »Sie h aben eben etwas über die Mauern gesagt, die singen.« »Das hat meine Mu tter einmal zu mir gesagt«, ich schluckte demütig . »Sie hat von alten Mau ern gesp ro chen , die von fernen Stunden singen .« Percys finstere Miene hellte sich unversehe ns au f. »Das hat mein Vater gesch rieb en. Ih re Mutter mu ss seine Ged ich te gelesen h aben.« Daran hatte ich allerdings meine Zweifel. Meine Mutter hatte noch nie viel fü rs Le sen übriggehabt und schon gar nicht fü r Ged ich te. »Möglich.« »Als wir klein waren, h at er un s immer Ge sch ichten über die Verg ang enheit erzählt. Er sagte, wenn er mit de m Schloss nicht pfleglich umginge, würden die fernen Stunden manchmal verg essen, sich zu verbergen .« Wäh rend sie in der Erinnerung schwelgte, hob sie ih re Hand wie d as Segel eines Schiffs. Es war eine seltsam theatralische Geste, d ie so ganz und gar nicht zu ihrer kn appen , effizien ten Art passte. Auch ihre Sprechweise hatte sich g eändert: Die kurzen Sätze wu rden länger, der Tonfall war weich er. »Er beg egnete ihnen, wenn sie in d en dunklen, v erlassen en Flu ren h eru mg eisterten. Stellt euch all die Menschen vor, die in diesen Mauern gelebt haben, sagte er, die ihre Geheimnisse geflüstert und ihre Intrigen gesponnen hab en ...« »Hö ren Sie sie au ch? Die fern en Stund en? « Einen Moment lang schaute sie mich ernst an. »Dummes Zeug«, sagte sie und setzte ih r schiefes Lächeln auf. »Das hier ist ein sehr altes Gemäuer, aber es besteh t nur aus Stei nen. Sie haben zweifello s eine Meng e geseh en , aber sie verstehen es sehr gut, ihre Geheimnisse zu wahren .« Etwas spiegelte sich in ihrem Gesicht, etwas wie Schmerz: Wah rscheinlich d ach te sie an ih ren Vater u nd ih re Mu tter, an den Tun nel der Zeit und an Stimmen , die au s der Vergangen heit zu ih r sp rachen. »Wie auch immer«, sagte sie meh r zu sich selb st. »Es füh rt zu nichts, üb er die Verg angenheit zu
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grübeln. Wer zu viel üb er die Toten n achden kt, kann sich schn ell sehr ein sam fü hlen.« »Sie sind bestimmt froh, Ihre Schwestern zu haben .« »Natü rlich.« »Ich habe mir i mmer vo rg estellt, dass es seh r trö stlich sein mu ss, Geschwister zu haben.« Sie sch wieg ein en Momen t lang. »Haben Sie kein e? « »Nein«, erwiderte ich lächelnd und zuckte leichthin die Sch ultern. »Ich bin ein ein sames Einzelkind.« »Ist man als Ein zelk ind wirklich ein sam? « Sie mu sterte mich, als wäre ich eine seltene Spezies. »Das habe ich mich schon imme r gefragt.« Ich dachte an das große Abwesende in meinem Leben und dann an die seltenen Nächte, die ich b ei meinen schlafenden, schn arch enden, mu r melnden Kusinen verbracht hatte, an meine schuldbewussten Fantasien, dass ich eine von ihn en wäre, d ass ich zu irgendjeman dem g ehö rte. »Man ch mal«, sag te ich. »Manch mal ist man als Einzelkind seh r ein sam.« »Aber auch sehr frei, könn te man an neh men .« Zum ersten Mal fiel mir ein e kleine Ader auf, die an ihre m Hals pulsierte. »Frei? « »Niemand kann ein en besser an alte Sünden erinnern als eine Schwester.« Sie läch elte zwar, aber in ihren Augen lag kein Humor. Sie musste es gemer kt hab en, den n das Läch eln versch wand wieder, und sie nickte zu m Trepp enhau s. »Ko mmen Sie«, sagte sie. »Gehen wir wieder nach unten. Seien Sie vo rsichtig . Halten Sie sich gut am Geländer fest. Mein Onkel ist hier auf dieser Trep pe g esto rben, als er no ch ein Jung e war.« »O Go tt.« Es kam mir v öllig u npassen d vo r, aber was soll man da sagen? »Wie sch reck lich .« »An dem Abend war ein schweres Gewitter aufgezogen, und er hat sich gefü rchtet, so h ieß es jeden falls. Ein Blitz h at den Himme l au fgerissen u nd is t direkt in den See eing esch lagen. Der Junge schrie vor Ang st, aber bevo r die Kinderfrau zu ihm eilen k onn te, war er schon au s dem Bett gesp rung en und au s dem Zimmer g elau fen . Dummer Ju nge: Er ist ausgerutscht, g estürzt und wie eine Sto ffpup pe am Fuß der Trep pe geland et. Manch mal, wenn das Wetter b esond ers
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schlecht war, haben wir un s vorg estellt, wir wü rden ihn nachts schreien hö ren. Er versteck t sich unter der dritten Stu fe, wissen Sie. Do rt wartet er darau f, jeman den zu m Sto lpern zu bringen, weil er ho fft, auf diese Weise Gesellschaft zu bekommen.« Sie dreh te sich au f der Stufe unter mir um, der vierten . »Glau ben Sie an Gespenster, Miss Bu rchill?« »Ich weiß nicht. Irg endwie schon.« Meine Groß mu tter hatte Gespenster gesehen. Zu mindest ein s: meinen Onkel, nach dem er in Au stralien mit d em Moto rrad u ms Leben geko mmen war. Er wusste nicht, dass er tot ist, hatte sie mir erzählt: Mein armes Lämmchen. Ich habe ihm meine Hand gereicht und ihm gesagt, dass alles gut ist, dass er nach Hause gekommen ist und wir ihn alle lieben. Ich schü ttelte mi ch bei d er Erin nerung und bekam gerad e no ch mit, wie sich auf Percy Blyth es Gesicht, ku rz bevor sie sich abwandte, ein Ausdruck g rimmig er Genugtuu ng zeigte.
Der Modermann, das Familienarchiv und eine verschlossene Tür Ich fo lgte Percy Blythe üb er ein en Treppenab satz nach de m an deren , durch düstere Flu re, dann no ch weiter nach unten. No ch weiter n ach unten als zu dem Sto ck werk , in dem wir mit dem A ufstieg begonn en h atten? Wie alle Geb äude, die mit der Zeit gewachsen sind, war Schloss Milderhurst ein einziges Lab yrinth . Flügel wa ren an - od er umgebaut wo rd en, eingestü rzt und wieder errichtet wo rd en. Das Resu ltat war meh r als verwirrend, vo r allem für jeman den ohne eingebau ten Ko mp ass. Es war, als fächerte sich das Schloss nach innen auf, wie eine dieser Zeichnung en von Escher, wo ma n ewig über Treppen gehen kan n, immer i m K reis, ohn e jemals das Ende zu erreichen. Es gab keine Fenster - zumindest, seit wir den Dachboden verlassen hatten -, und es war schrecklich dunkel. Irgend wan n hätte ich sch wö ren könn en, eine Melodie am Gemäu er entlang streich en zu h ören - ro mantisch, melancholisch , irgendwie vertraut -, ab er als wir um die nächste Ecke bog en, war sie schon wieder fo rt, und vielleicht war sie auch nie d a gewesen. Aber ein s bildete ich mir g anz bestimmt n icht ein, und das war der eigen artig e Ge-
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ruch, der stärker wu rde, je tiefer wir stiegen , un d der nu r deswegen nicht unang eneh m wu rde, weil er so erdig war. Au ch wenn Percy die Vorstellungen ih res Vaters v on den fernen Stunden als unsin nig abgetan hatte, konn te ich nich t umhin, mit der Hand üb er d ie küh len Steine zu fah ren und mich zu fragen, welche Sp u ren mein e Mutter hinterlassen haben mochte, als sie von Milderhu rst weg gegangen war. Das kleine Mädchen lief immer n och neben mir her, sprach ab er nicht viel. Ich dach te d aran, Percy nach ih r zu frag en, ab er nachdem ich jetzt schon so lange hier war, o hne mein e Verb indun g zu dem H aus offenbart zu h aben , wü rd e alles, das ich jetzt dazu sagen wü rde, nu r un glaubwürdig wirken. Sch ließlich entschied ich mich für die klassische List. »Wurde das Schloss eigen tlich während des Krieg es beschlagnahmt? « »Nein. Großer Go tt. Das hätte ich nicht ertragen. Wenn man sich überlegt, wie viel Schaden in einigen der angesehensten Häuser des Land es angerich tet wu rd e! Nein.« Sie schüttelte nachdrücklich den Kopf. »Gott sei Dank ist es dazu nicht geko mmen . Aber wir haben unseren Anteil geleistet. Ich war eine Zeit lang Lazarettsch wester, d rüb en in Folkstone; Saffy hat Kleider und Verbandsmaterial genäht und Schals g estrickt; selb st Junip er hat eine Weile gearbeitet, bei der Feu erweh r in London . Wir haben auch eine Evaku ierte au fgeno mmen in den ersten Krieg sjahren .« »Ach ja?« Meine Stimme überschlug sich fast. Neben mi r begann das klein e Mädch en zu h üp fen. »Auf Junipers Drängen hin. Ein Mädch en au s Londo n. Herr je, ich habe ih ren Namen vergessen. Das ist das Alter. En tschu ldig en Sie d en Gestank hier unten.« Irgendetwas in mir v erk ramp fte sich au s Mitleid fü r d as verg essene Mädch en. »Das ist der Sch lamm«, fuh r Percy fort. »Von dort, wo früher der Graben war. Das Grundwasser steigt im Sommer an, dringt in die Kellerräu me ein und bringt den Gestank nach verfaultem Fisch mit sich. Zum Glück gibt es hier unten nichts, was besonders ko stbar wäre. Nu r d as Arch iv, und d as ist wasserdicht. Die Wänd e und der Bod en sind mit Kup fer
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au sg eschlagen, d ie Tü r ist au s Blei gefertigt. Da ko mmt nichts rein und nichts rau s.« »Das Archiv «, wiederholte ich ersch audernd, »g enau wie i m Modermann.« Der b esondere Rau m, tief u nten im Hau s d es On kels, der Raum, in dem alle Dokumente der Familie au fb ewahrt werden , wo er das versch immelte alte Tagebu ch entdeckt, in dem d ie Vergangenh eit des Modermanns enträtselt wird. Der Raum der Geheimnisse im Herzen des Hauses. Percy blieb steh en, stützte sich auf ih ren Stock un d mu sterte mich. »Sie haben es also gelesen.« Es war eigentlich kein e Frag e, d enno ch an two rtete ich. »Als Kind habe ich es v ers chlu ngen.« Kaum h atte ich die Worte au sgesprochen, spürte ich wieder diese alte Un fähigkeit, meiner Lieb e zu d em Buch angemessen Au sd ru ck zu verleihen. »Es war mein Liebling sbu ch «, füg te ich hinzu, und der Satz schwebte ho ffn ung sfroh in der Lu ft, bis er zerstäubte wie Puder von einer Puderqu aste. »Es war sehr populär zu seiner Zeit«, sagte Percy und ging weiter den Flu r hinunter. Zweifello s hatte sie das alles sch on gehört. »Und das ist es immer noch. Im näch sten Jahr ist es fün fu ndsiebzig Jah re her, dass es zu m ersten Mal erschien .« »Wirk lich?« »Fün fund sieb zig Jah re«, sagte sie noch einmal, öffnete eine Tür und lotste mich in ein weiteres Treppenhaus. »Es ko mmt mir vor, als wäre es gestern gewesen.« »Es mu ss seh r au fregend gewesen sein, als d as Buch he rauskam.« »Wir hab en un s g efreut, dass un ser Vater so glü cklich war.« Habe ich damals schon das winzig e Zögern b emerkt, od er färb en Dinge, die ich später erfah ren hab e, meinen ersten Eindruck? Irgendwo sch lug eine Uh r mü de die Stund e, und ich stellte mit Bed auern fest, dass meine Zeit um war. Es schien mir unmöglich, ich hätte Stein und Bein geschworen , dass ich gerade erst angeko mmen war, aber Zeit ist ein seltsam flüchtiges Phänomen. Die Stu nde zwisch en d em Früh stück und meinem Aufbruch nach Milderhurst war mir wie eine Ewigkeit vorgekommen, aber die sechzig Minu ten , die
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mir in den Mauern des Schlo s ses zu gestanden wu rden , waren wie ein Schwarm au fgeschreckter Vögel davongeflogen. Percy Blythe warf einen Blick au f ih re Armb an duh r. »Ich habe die Zeit vergessen «, sagte sie leich t üb errascht. »Tu t mir leid. Die Standuh r geht zehn Minuten vor, ab er wir mü ssen un s b eeilen . Mrs. Bird wird Sie pünktlich zur Stunde hier abho len , und bis zur Eingangshalle haben wir noch ein Stück Weg vor uns. Ich fü rchte, un s bleibt keine Zeit meh r, den Tu rm zu besichtigen.« Ich stieß einen Laut au s, als hätte mich etwas gestochen, do ch ich gewann schnell mein e Fassung wieder: »Mrs. Bird findet es bestimmt nicht so schlimm, wenn ich ein bissch en später komme.« »Ich d achte, Sie mü ssten zu rück nach Londo n? « »Ja«, erwiderte ich. Unvorstellbar, aber ich hatte es tatsächlich vergessen: Herbert, sein en Wagen und sein e Verab red ung in Wind so r. »Ja, das stimmt.« »Mach en Sie sich n ichts d rau s«, sagte Percy Blythe u nd eilte ih rem Stock hin terher. »Sie werden den Tu rm beim näch sten Mal zu sehen b ekommen. Wenn Sie uns wieder besuch en.« Sie sch ien es als selbstverständlich zu betrachten, aber ich fragte nicht nach, zu mi nd est n ich t in diesem Mo men t. Tatsächlich ma ß ich ih ren Worten kein e son derliche Bedeu tung bei, den n als wir au s dem Treppenhau s traten , wurd e ich von einem raschelnden Geräusch abgelenkt. Das Rascheln war ebenso leise wie die Hau sgeister, und ich frag te mich schon , ob ich es mir nu r eingeb ild et hatte, nach all dem Gerede von fern en Stunden und Men schen , die in dem Ge mäuer gefangen waren, ab er als Percy Blythe sich ebenfalls suchend umsah, wu sste ich, dass ich richtig gehö rt hatte. Ku rz vo r un s, wo ein an derer Flur abging, kam der Lurcher um die Ecke getrottet. »Bruno «, sagte Percy überrasch t, »was mach st du denn hier un ten, alter Jun ge?« Der Hund blieb vor mir stehen und schaute mich an, die schweren Lider halb geschlossen. Percy bückte sich, um ih n hin ter den Oh ren zu k raulen. »Wissen Sie, was das Wort >Lu rch er< b edeutet? Es kommt au s dem Roman i u nd bed eutet Dieb . Nicht wah r, mein Jung e?
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Ein schrecklicher Name für so einen braven Hund wie dich.« Eine Hand in den Rücken g estützt, richtete sie sich mü hsa m wieder au f. »Sie wu rden ursp rünglich v on Zigeunern gezü ch tet und von Wild erern benutzt: fü r die Jagd au f Kaninchen und Hasen und an deres Kleintier. Die Zucht reinrassiger Hunde war dem Adel vorb ehalten, Verstöße wurd en hart bestraft; die Herausforderu ng b estan d also darin, Hunde zu züchten, die einerseits g ute Jäger waren, ande rerseits keine eindeutig e Rassemerkmale aufwiesen. Er gehört meiner Sch wester Juniper. Schon als kleines Mädchen war sie in Tiere vernarrt; u nd sie schienen sie auch zu mögen. Wir haben schon immer einen Hund für sie gehalten, erst recht seit ih rem Nerven zu sammenbruch. Es heißt, jeder brau cht etwas, das er lieben kann.« Als wüsste er, dass wir über ihn redeten, verzog Bruno sich. Dann war das sch wache Rascheln wieder zu hö ren, wu rd e jedoch üb ertönt, als in der Nähe ein Telefon klingelte. Percy stan d g anz still und lau schte wie jemand, der darauf wartet, d ass jemand ande rs den Hö rer abnimmt. Aber es klingelte immer weiter, bis der letzte Ton in trostloser Stille verklang. »Ko mmen Sie«, sagte Percy, und ihr knapper Tonfall verriet An sp annun g. »Wir neh men eine Abkü rzung .« In dem Flu r war es nicht dun kler als in den and eren; im Gegenteil, jetzt, wo wir den Keller verlassen hatten , fielen einige Streifen Licht au f die Steinfliesen. Wir hatten zwei Drittel des Wegs zurückgelegt, als das Telefon erneut klin gelte. Diesmal wartete Percy nicht. »Tut mir leid «, sagte sie nervös. »Ich verstehe nich t, wo Saffy ist. Ich erwarte einen wichtigen An ru f. Wü rden Sie mich bitte einen Mo ment en tschu ldig en? Es d auert nicht lange.« »Selbstverständlich.« Sie verschwand mit einem Nicken , bog am Ende des Flu rs ab und ließ mich allein zu rück. Was als Nächstes geschah, daran war die Tü r schuld. Die Tür auf der anderen Seite des Flurs. Ich liebe Tü ren. Ohne Au snahme. Tü ren führen irgen d wohin, und es h at noch keine
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gegeben, die ich nicht hätte öffnen wollen . Wenn diese Tü r jedenfalls nicht so alt und schön gewesen wäre, so entsch ieden verschlossen, wenn nicht ein Lichtstrahl derart verlo ck end genau au f das Schlüsselloch gefallen wäre, hätte ich ih r vielleicht widerstehen könn en; h ätte Däumch en ged reh t und g ewartet, bis Percy zurü ckkäme. Aber ich konnte nichts dagegen tun, ich war machtlo s. Manchen Tü ren sieht man sofo rt an , d ass sich d ahinter etwas Interessantes b efind et. Der Griff war schwarz und glatt, gefo rmt wie ein Knochen, und fühlte sich kühl an . Tatsächlich schien eine allg emeine Küh le du rch die Tür zu sickern, ob wo hl ich nicht hätte sag en können, wie. Meine Finger spannten sich u m d en Griff, ich begann, ihn zu d rehen, dann ... »Da gehen wir nicht rein .« Es war wie ein Schlag in die Mageng ru be. Ich wirbelte herum und versuchte, in d em Dämmerlicht hin ter mir etwas zu erkennen. Ich sah nichts, aber ich war ein deutig n icht allein. Jeman d hatte mit mir g esp ro chen , mu sste also in der Nähe sein . Und selbst wenn sie nich ts g esagt hät te, hätte ich es gewusst. Ich spürte ih re An wesenheit, wie sie sich bewegte und sich i m Du nkeln versteckte. Das Rasch eln war auch wieder da: lauter, näher, ich bildete es mir nicht ein, und es kam ein deutig n icht von Mäu sen. »Es tut mi r leid«, sagte ich in den dü steren Flur hinein, »ich ...« »Da gehen wir nicht rein .« Ich v ersuchte, den Anflug von Panik zu unterd rü cken . »Ich wusste nicht...« »Das ist das g ute Zimmer.« Dann sah ich sie, Juniper Blythe, wie sie aus den Schatten trat, den Flu r du rchq uerte und langsam auf mich zukam. Sag, dass du zum Tanz kommst Ihr Kleid war umwerfend, eins von der Art, wie man sie in Filmen aus der Vorkrieg szeit über Töchter au s vo rneh men Familien sieht, die sich fü r ih ren ersten Ball h erau sgeputzt haben, oder versteckt an den überfüllten Kleiderständern ex84
klusiver Seco ndhan dläden find et. Es war au s Org anza, i m blassesten Rosa - zumindest war es rosa gewesen, bevor die Zeit ih re sch mu d deligen Finger danach ausgestreckt hatte. Mehrere Lagen Tüll bau sch ten den lang en Rock , d er sich von ih rer sch malen Taille bis zum Boden so weit ausbreitete, dass der spitzen besetzte Sau m d ie Wände streifte, wenn sie du rch d en Flu r gin g. Wir standen einan der gegenüber, eine Ewigkeit, wie mi r schien. Endlich bewegte sie sich . Ein bisschen. Ih re Arme hingen herun ter, sodass die Hände au f d em Ro ck ruhten, doch dann hob sie ein e Han d leicht an, Hand fläche n ach oben, eine anmutige Bewegu ng, als h ätte jemand von der Decke hin ter mir an ein em un sichtbaren Faden g ezog en , d er an ih rem Han dgelenk befestig t war. »Hallo «, sagte ich und h offte, es klang lieb en swü rd ig. »Ich bin Edie. Edie Burchill. Wir wu rden un s eb en vo rgestellt. I m gelben Salon.« Sie blinzelte und legte den Kopf schief. Silbrig schimmern des Haar fiel ih r au f die Sch ultern , lang u nd u ngek ämmt; die vo rd eren Sträh nen waren ziemlich au fs Geratewohl mit zwei barocken Haarkämme n zu rückgesteck t. Die üb errasch end du rchscheinende Haut, ih re spindeldü rre Figu r und das elegante Kleid ließen sie au f d en ersten Blick au sseh en wie ein junges Mädchen, das nicht so recht weiß , was es mit seinen langen , dünn en Gliedmaß en an fang en so ll. Ab er anders als ein unsicheres ju nges Mädch en wirkte sie nicht schüchtern, ganz und gar nicht: Ihr Blick war fragend, neugierig, als sie einen kleinen Schritt näher kam und in einen Streifen Son nenlicht trat. Und d ann war die Neug ier au f mein er Seite, denn obwoh l Juniper mindesten s siebzig Jahre alt sein mu sste, war ihr Gesicht wundersam falten frei. Das kan n n atürlich gar nicht sein, siebzigjäh rige Damen haben kein faltenfreies Gesicht, und sie war kein e Ausnahme - als ich ihr später wiederbegegnete, sah ich es selb st -, aber in dem Lich t, d em K leid, du rch eine op tisch e Täu schu ng, einen so nderbaren Zau ber erschien sie so . Blass und ebenmäßig, schimmernd wie das Innere einer Perlen mu schel, als wären die vergangenen Jahre so seh r damit beschäftigt gewesen, ih re Sch western zu
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zeichnen, dass sie überseh en wo rden war. Und do ch wirkte sie n icht zeitlo s; sie hatte etwas an sich, das unverkennbar au s alten Zeiten stammte und dort verhaftet war. Wie ein altes Foto, das man du rch ein schützend es Blatt Seiden papier betrachtet, wie man es in diesen Alben mit den sepiag etönten Seiten findet. Wieder mu sste ich an die gep ressten Früh lingsblu men denken, die v ikto rian ische Damen in ih re Poesiealb en zu legen p flegten. Hübsche Blüten, auf liebevolle Weise getötet, in eine an dere Zeit und an einen anderen Ort, in eine andere Jah reszeit befö rd ert, die n icht meh r d ie ih re ist. Dann begann die Schimäre zu sprechen , und d er Bann war geb roch en. »Ich gehe jetzt zu m Aben dessen .« Eine hoh e, ätherische Stimme, bei deren Klang sich mir die Nackenh aare au frichteten. »Ko mmst d u mit?« Ich schüttelte den Kopf und räusperte mich gegen das Kratzen im Hals. »Nein. Nein danke. Ich mu ss bald nach Hause.« Meine Stimme ersch ien mir selbst fremd, und mir fiel auf, dass ich stocksteif dastan d, als hätte ich Angst. Was vermutlich so gar der Fall war, auch wen n ich nicht wu sste, wo vor. Juniper schien mein Unb ehag en nicht zu bemerk en . »Ich habe ein neues Kleid «, sagte sie und zupfte an ih rem Rock, sodass die ob ere Lage Organza sich an b eiden Seiten hob wie Mottenflügel, weiß und pud rig. »Nein, nicht gan z n eu, das stimmt nicht, aber geänd ert. Es hat früher meiner Mutter g ehört.« »Es ist schön.« »Ich glaube nicht, dass d u sie gekan nt h ast.« »Ih re Mutter? Nein.« »Sie war hüb sch, so hüb sch. No ch ein junges Mädchen, als sie starb, ein junges Mädch en. Das war ihr bestes Kleid.« Kokett drehte sie sich hin u nd her, d ie Lider scheu niedergeschlagen. Der glasige Blick war versch wunden , jetzt schau te sie mich mit wachen blauen Augen an , irgend wie wissen d, derselbe Blick wie auf dem Fo to von ih r als kleines aufgewecktes Mädchen, wo sie in die Kamera schaut, als hätte man sie au s ih ren Gedanken gerissen. »Gefällt es dir? « »Ja. Sehr.«
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»Saffy h at es fü r mich geände rt. Sie vo llb ring t Wund er mit der Nähma schine. Wenn man ihr ein Bild von einem Kleid zeigt, das einem gefällt, kriegt sie heraus, wie es gemacht ist, selb st bei den neuesten Modellen aus Paris, au f Bild ern in der Vogue. Sie arbeitet schon seit Woch en an meinem Kleid, ab er es ist ein Geheimnis. Percy würde das gar nicht gefallen, weil Krieg ist und weil sie eben so ist, wie sie ist. Aber ich weiß, dass du nicht petzt.« Dann lächelte sie so hinterg rün dig, dass ich d en Atem an hielt. »Ich sag e kein Wo rt.« Einen Mo men t lang mu sterten wir einand er. Meine Ang st war verflogen, darüber war ich froh. Die Reaktion war völlig unbegründet gewesen, rein in stin ktiv, und sie war mir pein lich. Was hatte ich denn zu b efü rchten? Diese v erwirrte Frau in dem einsamen Flur war Juniper Blyth e, die Frau, die vo r langer Zeit meine Mutter aus einem Haufen verängstigter Kinder ausgesucht und ih r ein Zuhau se g egeben hatte, als Bo mb en auf Lond on fielen , eine Frau , die nie au fgehö rt hatte zu warten und zu ho ffen, dass ihr Liebster endlich kam. Sie hob das Kinn , während ich sie an sch aute, und atmete nachdenklich aus. Offen bar h atte sie sich eben falls ih re Ge danken gemacht. Ich lächelte, wo raufhin sie eine Entsch eidun g zu treffen schien . Sie straffte sich und k am au f mich zu , langsam, ab er entschlossen. Katzenhaft. Jede ihrer Bewegungen d rü ckte d iese Mischung au s Vo rsicht, Selbstsicherheit und Trägheit au s, die eine zug runde liegende Ab sicht zu verbergen sucht. Sie b lieb erst stehen, als sie mir so n ah war, dass ich das Napthalin an ih rem Kleid und den schalen Zigarettenrauch in ih rem Atem riechen konnte. Ihre Augen suchten meinen Blick, ih re Stimme war kaum hö rb ar. »Kannst du ein Ge heimn is fü r dich beh alten? « Ich nickte, und jetzt läch elte sie auch; d ie Lück e zwischen ihren Schneid ezähnen verlieh ihr etwas Kindliches. Sie nahm mein e Hände, als wären wir zwei Freundinnen au f dem Sch ulho f, ih re Hand flächen füh lten sich weich u nd kühl an. »Ich habe ein Geheimnis, ab er ich darf es niemandem verraten.« »Okay.« 87
Wie ein k lein es Mädchen legte sie ein e Hand an den Mund und b eugte sich vo r bis dicht an mein Oh r. Ihr Atem k itzelte. »Ich habe einen Verehrer.« Und als sie sich wieder zu rü ck zog, drückten ihre alten Lipp en eine Wollust au s, d ie zu gleich g rotesk und traurig und schön war. »Er heißt Tom. Thomas Cavill, und er hat mir einen Heiratsantrag g emach t.« Plötzlich überkam mich eine fast un erträg liche Trau rigkeit, als ich begriff, wie unerbittlich sie no ch imme r dem Moment ihrer größten Enttäuschung verhaftet war. Ich betete, dass Percy zurückkommen u nd un sere m Gesp räch ein Ende setzen möge. »Versp richst du mir, dass d u keiner Menschen seele was davon erzählst? « »Ich verspreche es.« »Ich habe Ja gesagt, ab er schsch ...« Sie legte sich einen Fing er an die Lippen. »Mein e Schwestern wissen es noch nicht. Bald kommt er zum Abendessen.« Sie grin ste, AlteFrau en -Zähne in ein em p uderg latten Gesicht. »Dann geb en wir un sere Verlobung bekann t.« Da fiel mir au f, dass sie etwas an ih rem Finger trug . Keinen Ring, jedenfalls keinen richtigen . Es war ein g robes Imitat, silbern, aber stumpf, wie ein Stück zusammengerollte und in Form gedrückte Aluminiumfolie. »Un d dan n werden wir tanzen und tanzen und tanzen ...« Sie begann sich zu wieg en und die Melodie zu su mmen , d ie in ih rem K op f erklang. Es war dieselbe Melodie, die ich zu vo r in den küh len Nischen der Flure gehört hatte. Ich kam nicht au f den Titel, dab ei lag er mir auf der Zunge ... Die Sch allplatte, denn u m was so nst sollte es sich h andeln, war schon vor einer Weile ab gelaufen , ab er Juniper lauschte no ch immer , die Augen geschlossen, die Wangen gerötet von der freud igen Erwartung einer jungen Frau. Ich habe einmal zwei älteren Eh eleuten dabei geholfen, ih re Lebenserinnerungen au fzuschreiben , d ie sie in Bu ch fo rm h erausbringen wollten. Bei der Frau war Alzheimer d iagno sti ziert wo rden , aber die Kran kheit war no ch nicht weit fortg eschritten, und sie hatten sich entsch lo ssen, die Erinnerung en au f Tonb and au fzun ehmen , bev or sie davon flo gen wie bleich es Herb stlaub von einem Bau m.
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Bis das Projekt beendet war, verg ing ein halbes Jah r, in dem ich h ilflos miterleb en mu sste, wie au s Verg esslichkeit vo llko mme ne Leere wurde, wie aus dem Ehemann »der Mann da« wu rd e und die leb hafte, lustig e Frau mit dem lo sen Mu nd werk sch ließ lich verstu mmte. Nein, Demen z hatte ich erlebt, und Juniper war nich t d ement. Was auch immer in ih r vo rgehen mo chte, leer war sie nicht, und vergessen hatte sie ansch ein end auch nich t. Ab er irgendetwas stimmte nicht mit ih r, daran bestand kein Zweifel. Jede alte Frau, die ich b i sher näher k ennen gelernt hab e, hat mir irgen d wann meh r o der wen iger wehmü tig anvertraut, dass sie sich innerlich immer n och wie ach tzehn fühle. Aber das stimmt nicht. Ich bin zwar erst dreißig, aber ich weiß es. Die Zeit hinterlässt bei jedem ihre Spuren: Das selige Gefü hl ju gend lich er Unv erwundb arkeit versch wind et, und die Last der Verantwo rtung wird immer größer. Ab er so war Jun iper nicht. Sie wusste tatsächlich nicht, dass sie alt war. In ihrem Kopf wütete immer n och der Krieg, und nach dem zu u rteilen, wie sie sich im Takt zu der imaginären Musik wieg te, tobten in ih rem Kö rp er immer no ch d ie Ho rmo n e. Sie war eine unglaubliche Mischung aus alt un d jung , schön und grotesk , jetzt und d amals. Sie zu erleben war so atemberau bend und u nheimlich , dass ich mich mit einem Mal abgestoß en fühlte und mich im selb en Aug en blick zutiefst für meine Gefühle schämte ... Juniper packte mich am Han dgelenk, die Augen weit aufgerissen. »Aber ja!«, sagte sie und schlug sich die lang en, bleichen Fing er vo r d en Mund, um ein Kichern zu unterdrück en. »Du weißt doch über To m Bescheid ! Wenn du nicht gewesen wärst, hätten wir un s n ie kenneng elernt!« Was auch immer ich hätte darauf an tworten kön nen, wurde üb ertönt, denn in dem Augenblick schlugen sämtliche Uhren im Haus die volle Stund e. Was für eine gespenstisch e Symphon ie, als Zimmer um Zimmer die Uh ren einand er riefen und das Verg ehen d er Zeit v erkün deten. Ich spü rte die Schläge tief in meinem In n ern, und ein e Eisesk älte legte sich üb er meine Haut. Ich hielt es nicht mehr länger aus. »Ich mu ss jetzt wirklich gehen, Juniper«, sagte ich, als die Uh ren endlich sch wiegen . Mein e Stimme klang heiser.
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Ein leises Geräusch hinter mir, und ich drehte mich um in der Hoffnung, dass Percy zu rü ck war. »Gehen? « Jun ipers Gesichtszüg e erschlafften . »Aber du bist do ch g erade erst gekommen . Wo willst du d enn hin? « »Ich fah re nach Lond on zu rü ck.« »Londo n? « »Da wohne ich.« »London.« Plötzlich kam ein e Veränderu ng übe r sie, so schnell u nd dunkel wie eine Gewitterwolk e. Als sie mich mit erstaunlicher Kraft am Ar m packte, sah ich etwas, das mir vorher nicht aufgefallen war. Spinn web fein e Narb en an ih ren bleichen Handgelenken, üb er die Jahre silb rig gewo rden. »Nimm mich mit.« »Das ... das geht nicht.« »Ab er es ist meine einzige Ch ance. Dann such en wir To m. Vielleich t sitzt er in seiner kleinen Wohnung am Fenster ...« »Jun iper ...« »Du hast gesagt, du würdest mir helfen.« Ihre Stimme klang gep resst, hasserfü llt. »Waru m h ast du mir nich t g eholfen? « »Es tut mir leid«, sag te ich . »Ich bin nicht ...« »Du bist doch mein e Freu ndin , du hast g esagt, du wü rdest mir h elfen. Waru m b ist du nicht gekommen? « »Juniper, Sie verwech seln mich ...« »Ach, Mered ith «, flü sterte sie, ih r Atem roch nach Rauch und Alter. »Ich h abe etwas Schreck liches getan.« Meredith. Ich fühlte mich, als wären mir die Eing eweid e umged reht worden. Plötzlich waren eilige Sch ritte zu h ö ren, dann tau chte der Hund auf, gefolgt von Saffy. »Juniper! Gott, da bist du ja.« Sie wirkte zutiefst erleichtert, als sie au f Juniper zug ing . Sie nah m ih re Sch wester zärtlich in die Arme, lö ste sich dann wieder von ih r, u m ih r Gesicht zu mustern. »Du darfst nicht einfach weglau fen. Ich habe mir solche Sorgen gemacht und dich überall g esu cht. Woher so llte ich denn wissen , wo du steck st, mein e Klein e?« Juniper zitterte, und ich wah rscheinlich eben falls. Meredith ... Das Wo rt su mmte in meinen Oh ren wie eine Mücke. Ich sagte mir, es sei nichts, reiner Zu fall, das b edeutung slose Gerede einer verrückten Alten, aber ich war n och nie eine gu te
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Lügnerin, und es war zwecklo s, mir etwas vo rmachen zu wollen. Während Saffy Juniper ein paar Strähnen au s der Stirn strich, kam Percy dazu. Sie blieb abrupt stehen und betrachtete au f ihren Stock gestützt die Szene, d ie sich ih r b ot. Die Zwillinge tauschten einen Blick au s, ähnlich dem, d en ich anfangs im gelben Salon b eobachtet und d er mich so stutzig gemacht hatte, aber diesmal wandte Saffy sich als Erste ab . Sie hatte es irgendwie geschafft, mich aus Junipers Griff zu befreien , und hielt ihre kleine Schwester fest an der Hand. »Danke, dass Sie sich u m sie gekü mmert h ab en «, sagte sie mit beb ender Stimme. »Seh r freu ndlich von Ihn en, Ed ith.« »Edith«, wiederholte Juniper, aber sie schaute mich nicht an . »Manchmal ist sie ganz v erwirrt und läu ft üb erall h eru m. Wir versuchen, sie im Au g e zu beh alten, aber ...« Saffy schüttelte kurz den Kop f, wie u m an zudeuten, wie un mö glich es war, sein Leben ganz und g ar einem anderen Menschen zu widmen. Ich nickte, mir fehlten die Wo rte für eine Antwort. Meredith. Der Name meiner Mutter. Meine Gedan ken sch wärmten zu Hunderten aus gegen den Zeitstrom, su ch ten die verg angen en Mo nate nach Bedeutung ab, b is sie alle im Haus meiner Eltern landeten . Ein kalter Februarnachmittag, ein Huhn, das nicht geb raten wu rd e, d ie Ankunft ein es Briefs, d er meine Mutter zum Weinen brachte. »Edith «, sagte Jun iper wi eder. »Edith, Ed ith ...« »Ja, Liebes«, sagte Saffy. »Das ist Edith . Sie ist zu Besuch gek o mmen .« Und da wusste ich, was ich die ganze Zeit geahnt hatte. Meine Mutter hatte gelog en, als sie sagte, der Brief von Juniper habe kaum mehr als einen Gruß en thalten, genauso, wie sie mich in Bezug auf unseren Besuch in Milderhurst an gelo gen hatte. Ab er waru m? Was war zwischen meiner Mutter und Juniper Bl ythe v o rgefallen? Wenn ich Junip er glaubte, hatte meine Mutter ih r ein Versp rechen g egeb en und nicht geh alten, etwas, d as mit Jun ipers Verlo btem zu tun hatte, mit Tho mas Cavill. Wenn das so war und wenn die Wahrheit wirklich so grausam aussah, wie Juniper angedeu-
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tet hatte, könnte der Brief Vo rwü rfe enthalten haben. War es das? Waren es un terd rückte Schuldg efühle, die mein e Mutter zu m Wein en geb racht hatten? Zu m ersten Mal seit mein er Ankun ft in Milderhu rst wollte ich nu r noch rau s au s diesem Hau s und seinem alten Ku mmer, wollte die Sonne sehen u nd den Wind im Gesicht spüren und etwas and eres riechen als faulen Schlamm und Mottenkug eln. Wollte allein sein mit diesem neuen Rätsel, damit ich an fang en konn te, es zu entwirren . »Ich ho ffe, sie hat Sie nicht belästig t ...« Saffy redete immer n o ch. Ich hö rte sie durch mein Gedankengewirr wie aus weiter Ferne, wie von jenseits einer schweren Tü r. »Was auch immer sie gesagt h at, sie h at es nicht so g emein t. Sie sagt manchmal seltsame Dinge, redet sin nlo ses Zeug ...« Sie ließ den Satz un vollend et, aber die Stille, die darauf folgte, war an gespan nt. Sie beob achtete mich, in ih rem Blick lagen unausgesp ro chene Gefühle, und ich spürte, dass es nicht nur Besorgnis war, was sie bedrückte. In ih ren Zügen verbarg sich noch etwas anderes, vo r allem, als sie wieder zu Percy h inübersah. Angst, sch oss es mir d u rch den Kop f. Sie hatten Angst, alle beide. Ich schaute Juniper an, d ie sich hin ter ih ren versch ränk ten Ar men versch anzt h atte. Bild ete ich mir das ein, oder stan d sie wirklich besonders still, gespannt darauf, was ich antwo rten, was ich ihnen sag en wü rde? Ich rang mir ein Lächeln ab und hoffte inständig, dass es lässig wirkte. »Sie hat gar nichts gesagt.« Fü r alle Fälle zu ckte ich au ch noch die Schultern . »Ich habe n u r ih r schö nes Kleid bewu ndert.« Die Erleichterung der Schwestern war spürbar. Junipers Profil zeigte keine Veränderu ng, und mich besch lich ein seltsames Gefü hl, eine Ahnun g, d ass ich einen Fehler gemach t h atte. Dass ich hätte eh rlich sein, d en Zwillin gen alles erzählen sollen, was Juniper gesagt hatte, was d er Grund fü r ihre Erregung war. Aber da ich b isher immer no ch nichts von meiner Mutter und ih rer Evaku ierung erwähnt hatte, wusste ich nicht, wie ich die rich tig en Worte fin den sollte ... »Marilyn Bird ist da«, sag te Percy unvermittelt.
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»Gott, dass aber auch immer alles gleichzeitig kommen muss«, bemerkte Saffy. »Sie nimmt Sie mit zurück zu r Pensio n. Sie sagt, Sie mü ssen nach Lond on zu rück.« »Ja«, sagte ich. Gott sei Dank . »Wie schade«, sagte Saffy. Mit eiserner Disziplin u nd, so nehme ich an, jahrelanger Übung gelang es ih r, vollkommen no rmal zu klingen. »Wir hätt en Sie gern noch zu m Tee ein gelad en. Wir beko mme n so selten Besuch .« »Näch stes Mal«, sagte Percy. »Ja«, p flichtete Saffy ihr bei. »Nächstes Mal.« Was mir, gelind e gesagt, äußerst unwahrscheinlich erschien. »Nochmals vielen Dank fü r die Führung ...« Als Percy mich au f verschlung enen Wegen zu Mrs. Bird und zurück in eine Welt der No rmalität führte, zo gen Saffy und Jun iper sich in die entg egengesetzte Rich tung zu rück. Ih re Stimmen hallten von den küh len Wänd en wid er. »Tut mir leid, Saffy. Es tut mir so leid, so leid. Ich habe einfach ... ich hatte vergessen ...« Die Wo rte gingen in Schluchzen über. Ein Weinen , so bitterlich, dass ich mir a m lieb sten die Oh ren zugeh alten h ätte. »Komm, Lieb es, es ist alles gut.« »Ich h abe etwas Schreckliches getan , Saffy! Etwas ganz, ganz Schreckliches.« »Un sinn, meine Kleine, den k nicht meh r d ran . Wir trinken jetzt schön unseren Tee, ein verstanden? « Die Geduld , die Liebenswürdigkeit in Saffys Stimme leg ten sich wie Blei au f meine Brust. Ich glaube, in diesem Augenblick wurde mir zu m ersten Mal klar, wie unendlich lange sie und Percy schon solche Beschwichtigungen aussprachen , um ihre verwirrte kleine Schwester zu be ruhigen , so verständn isvo ll, wie Eltern die Ängste eines Kinds zu zerstreuen suchen, allerdings ohne die Ho ffnun g, d ass ih nen d ie Last irgen d wann genommen werden würde. »Jetzt ziehen wir dir erst einmal etwas Bequemes an, und dann trinken wir Tee. Du und Percy und ich. Nach einer Tasse g ute m, starken Tee sieht die Welt gleich wieder gan z anders au s.« Mrs. Bird wartete unter d em Kupp eldach in der Eing ang shalle und sprudelte über v o r En tsch uldigungen . Unter theat-
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ralischen Gebärden biederte sie sich b ei Percy Blythe an, indem sie über die armen Dö rfler herzog, die sie mit ih rer u mständlichen Art aufgehalten hätten. »Es ist schon gut, Mrs. Bird «, sagte Percy in dem g ebieterischen Tonfall, den eine viktorianische Kinderfrau einem Kin d geg enüb er ang eschlagen hätte. »Es war mir ein Ver gnü gen , die jung e Da me heru mzu füh ren.« »Selb stverständlich. Wie in alten Zeiten. Es mu ss wu nderbar für Sie sein zu ...« »Gewiss.« »Was fü r eine Schand e, dass die Führungen eingestellt wurden. Andererseits vo llko mmen v erstän dlich, wir könn en Ih nen und Miss Saffy dan kbar sein , dass es die Füh rung en üb erhaup t so lan ge g egeb en hat, vo r allem, wo Sie so viel...« »Gewiss, gewiss.« Perc y Blythe straffte sich , und d a wurde mir p lötzlich klar, dass sie Mrs. Bird n icht leid en konn te. »Wen n Sie mich jetzt entschuldigen wollen .« Sie neig te den Kop f in Rich tung der o ffenen Tü r, vo r der d ie Außenwelt heller, lau ter un d schneller zu sein schien als zu dem Zeitpunkt, als ich sie verlassen hatte. »Vielen Dank «, sagte ich, eh e sie v erschwin den konn te, »d ass Sie mir Ih r sch önes Hau s g ezeigt haben.« Sie musterte mich länger als nö tig , d ann ging sie den Flu r hin unter, leise hö rte man das Geräusch ihres Stocks au f dem Boden . Nach einigen Sch ritten blieb sie stehen und d reh te sich um, kaum noch erkennbar in dem schummrigen Licht. »Es war einmal schön, wissen Sie. Früher. Vorher.«
1 29. Oktober 1941 Eins war sicher: Es würd e kein Mond scheinen in dieser Nacht. Der Himmel war sch wer, au sg edehnte Fläch en au s Grau , Weiß u nd Gelb, wild in ein and ergerüh rt wie au f der Palette eines Malers. Percy ro llte die Zigarette zwischen den Fin gern hin und her und leckte das Blättchen an , u m es zu zu kleben . Ein Flug zeug dröhn te am Himmel, ein s der ihren , ein 94
Aufklärer unterwegs nach Süd en, zu r Küste. Natü rlich mu ss ten sie einen Aufklärer lo ssch icken, aber er würd e nichts zu berichten haben, nicht in eine r so lch en Nach t, nich t jetzt. Von d o rt, wo sie an den Amb u lanzwagen gelehnt stand, ver folgte Percy das Flug zeu g mit zu sammen g ekniffenen Augen ein b raunes In sekt, das kleiner und kleiner wurde. Vom anstrengenden Hinsehen mu sste sie gähnen, und sie rieb sich die Aug en, b is sie angeneh m b ran nten . Als sie sie wied er ö ffn ete, war das Flu gzeu g v erschwun den. »He! Beschmier mir nich t meine po lierte Kühlerhau be und den Kotflügel, du Faulenzerin!« Percy d reh te sich u m und leg te den Ellbog en au f das Wagendach. Es war Dot, die g rin send aus der Tür des Lazaretts trat. »Du so lltest mir d ankbar sein«, rief Percy. »So brauchst du in deiner näch sten Schicht keine Däumchen zu drehen.« »Stimmt auch wied er. Oder der Chef lässt mich schon wieder Gesch irrtü cher waschen.« »Oder du darfst den Sanitätern noch mal den Umgang mit Kran kentragen erklären .« Percy hob eine Brau e. »Kö nnte es etwas Besseres geb en?« »Zu m Beispiel die Verdunkelungsvorhänge flicken.« Percy verzog das Gesicht. »Wie entsetzlich.« »Wenn du lange genug h ierb leib st, hast du früh er od er spä ter eine Nähn adel in der Han d «, p rop hezeite Dot und lehn te sich neben Percy an den Wag en. »Viel meh r gibt's hier nicht zu tu n.« »Er h at also schon Nach rich t erhalten? « »Die Jungs von der Air Fo rce haben sich eben gemeldet. Nichts am Horizont, nicht heute Nacht.« »Das hab ich mir scho n gedacht.« »Aber es ist nicht nur d as Wetter. Der Offizier sagt, d ie verfluch ten Deutsch en sin d in zwischen zu seh r mit ih re m Marsch nach Mosk au beschäftigt, u m sich noch fü r uns zu in teressieren .« »Die müssen schön dumm sein «, bemerkte Percy, während sie ihre Zigarette betrach tete. »Der Win ter ist läng st vo r denen d a.«
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»Ich neh me an, du hast trotzdem vo r zu bleiben, die Nervensäge zu spielen und darau f zu ho ffen, d ass sich d och no ch ein deu tscher Bo mb er hierherverirrt und au s Verseh en eine Ladung in der Nähe ab wirft?« »Ich hatte es in Erwägung gezo gen «, erwid erte Percy, steckte die Zigarette ein und sc hlang sich ih re Tasche üb er die Sch ulter. »Aber ich hab 's mir anders üb erleg t. Heute Nacht k önnte mich nicht mal eine Invasion dazu bringen, dass ich hierbleib e.« Dots Au gen weiteten sich . »Was hat das den n zu bedeuten? Hat dich ein gut aussehender junger Mann zum Tanz eingeladen? « »Leider n icht. Ab er trotzdem g ute Neuigkeiten .« »Ach? « Der Bu s kam, und Percy mu sste schreien, um den Motor zu übertönen, als sie einstieg. »Meine kleine Schwester kommt heute Abend nach Hause.« Percy war genau so wenig fü r Kr ieg wie alle anderen - sie hatte sogar häu figer als die meisten Gelegenheit g ehabt, Zeug in der Sch recken zu werden, d ie er mit sich b rachte -, und deswegen hatte sie selb stv erständlich nie zu jemand em üb er die seltsame En ttäu schung gesp ro chen , die sie in sich spürte, seit die nächtlichen Bo mbenangriffe aufgehört hatten. Natü rlich war es vo llkomme n absurd, sich nach Bedrohun g und Zerstö rung zurückzusehnen; alles andere als vorsichtig er Optimismu s war schon fast ein Sak rileg , und do ch brachte sie seit Monaten eine fürchterliche Gereiztheit um den Schlaf, wenn sie mit g eübten Oh ren in den stillen Nachth immel lauschte. Wenn es etwas g ab, worauf Perc y sto lz war, dann war es ih re Fähigkeit, in jeder Lebenssituation prag matisch vo rzug ehen - irgendjemand mu sste es schließlich tun -, und so hatte sie sich entschlossen, d en Ding en au f den Grund zu geh en. Eine Mö glich keit zu fin den , d ie klein e Uh r zu m Sch weig en zu bringen, die in ihr tickte, ohne je schlagen zu dü rfen . Über einen Zeitraum von meh reren Wochen, in d enen sie so rg fältig darau f g each tet hatte, sich ih ren labilen inneren Zustand n icht an merken zu lassen, h atte Percy ih re Situation überdacht, ih re Gefühle au s allen Blick winkeln du rch leuch -
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tet und war schließlich zu der Erkenntnis gelang t, dass sie ziemlich eind eutig verrückt war. Es war zu erwarten gewesen; Wah nsinn lag eben so in d er Familie wie künstlerisches Talent und lange Gliedmaß en. Percy hatte geho fft, dav on verschon t zu b leib en, aber jetzt war es so weit. Die Gene waren gnad enlos. Und wenn sie eh rlich war, war sie nicht schon immer d avon au sg egang en, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis sich bei ihr eine Sch raube lock ern würde? Natü rlich war ih r Vater schu ld, v or allem d ie g ruselig en Geschich ten, die er ihnen erzählt hatte, als sie no ch klein waren, so klein, dass er sie noch herumtragen und auf seine Knie setzen ko nnte, so klein, dass sie sich noch auf seine m b reiten, warmen Schoß eink uscheln ko nnten . Er hatte ihnen Geschich ten erzählt von der Verg angenheit ih rer Familie, von dem Land, auf dem Milderhurst en tstanden war, das im Lauf der Jahrhunderte Dü rreperiod en un d fruchtbare Zeiten erlebt hatte, das überflutet und urbar gemacht worden war und um das sich im Laufe der Zeit viele Sagen gerank t hatten. Er hatte von Geb äud en erzählt, die abg eb rannt un d wieder au fgebau t wo rden waren, die v erfallen waren, die g eplündert, dem Erd boden gleichgemach t und vergessen wo rden waren; von Menschen, die vor ihnen im Sch lo ss gewoh nt hatten; v on Epo chen der Ero berung und der Un terwerfung , au s deren Sch ich ten der Boden England s und der ih res g eliebten Milderhurst bestand. In d en Wo rten eines Erzählers entwickelten die geschichtlich en Ereignisse eine g roß e Faszin ation, und ein en ganzen So mmer lang , als Percy acht oder neu n Jah re alt gewesen und ih r Vater in den Krieg gezogen war, hatte sie von Inv asoren geträumt, die über die Felder au f sie zugestürmt kamen . Sie hatte v on Saffy v erlangt, dass sie ih r half, in den Bäumen im Cardarker-Wald Festungen zu bauen, Waffenlager anzu legen und Schösslinge zu köpfen, die ihr missfielen. Sie hatten alles unterno mmen , damit sie, wenn der Tag kam, an d em sie ih re Pflicht erfü llen und das Sch lo ss g egen die an stü rmenden Ho rden verteidigen mu ssten , gewappn et waren ...
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Der Bus rumpelte um eine Eck e, und Percy verd rehte die Augen angesichts ih rer Erinnerung en. Vollko mmen läch erlich. Die Fantasien eines kleinen Mäd chen s waren eine Sache, aber dass die Stimmu n gen ein er erwach sen en Frau immer noch davon beeinflu sst wurden? Das war wirklich trau rig. Mit einem verächtlichen Schnau ben zeigte sie sich selb st die k alte Schu lter. Die Fah rt dau erte lange, viel länger als gewöhn lich , und sie konnte von Glück reden , wenn sie es rechtzeitig zu m Pud ding sch affte. Wo raus au ch immer d er bestehen mo chte. Gewitterwolken zogen sich zusammen , die Dunk elheit wü rd e bald einsetzen, und d er Bus, der ohnehin nur ganz schwache Scheinwerfer besaß, hielt sich vo rsichtshalber dicht am Straßen rand. Sie warf ein en Blick au f ihre Ar mb anduh r: Schon halb fünf. Juniper wu rd e um halb sieben erwartet, der junge Mann um sieben, un d Percy hatte versprochen , u m vier zu Hause zu sein. Die Jung s vo m Zivilschutz h atten sich erlich ih re Befehle geh abt, als sie den Bus für eine Ro utin eüb erp rü fung ang ehalten hatten, aber au sgerechn et heute Ab end hatte sie Wich tig eres zu tun . Zu m B eispiel dafü r zu so rgen, dass die Vo rbereitungen in Milderhurst ohne allzu große Aufregung vonstattenging en . Wie wahrscheinlich war es, dass Saffy sich im Lauf des Tages nich t in einen nervö sen Zustan d hin einges teig e rt hatte? Nicht sehr, dachte Percy. Im Gegenteil. Nieman d ließ sich so bereitwillig v on einem b esonde ren Ereignis in hek tische Betriebsamkeit versetzen wie Saffy, und seit Ju niper ihn en mitg eteilt hatte, d ass sie einen g eheimn isvollen Gast eingeladen h atte, war klar gewesen, dass dem Ereignis, wie es fortan genannt wurde, die komplette Seraphina-BlytheBehan dlung zuteilwerden wü rde. Saffy war sogar au f die Idee g eko mmen , d as Krönungsbriefpapier ihrer Großmutter, od er was dav on noch üb rig war, auszupacken und Tischkärtch en daraus zu b asteln , aber Percy hatte sie d avon überzeugen können, dass bei vier Person en, von d enen d rei Schwestern waren, ein derartig er Au fwand überflü ssig war. Jemand berührte sie am Unterarm, und als sie hinschau te, sah sie, dass die kleine alte Dame, die neben ih r saß, ih r eine o ffene Kon servendose hinhielt und sie mit Blicken auf-
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fo rd erte zuzu g reifen. »Mein eigenes Rezept«, sagte sie gu t gelaunt. »Kaum Butter, aber gar nicht so schlech t, mu ss ich sagen.« »Oh«, sagte Percy. »Nein danke. Behalten Sie die lieber für sich selbst.« »Nehmen Sie nur.« Die Frau hielt ih r die Dose ein bisschen dichter unter die Nase, während sie an erkenn end ih re Un iform betrachtete. »Also gut.« Percy nahm einen Keks und biss hinein. »Köstlich «, sagte sie und dachte wehmütig an die herrliche Zeit zurück, als sie noch Butter g ehab t hatten. »Sie sind beim Sanitätsdienst? « »Ich bin Fahrerin. Das heißt, ich war Fahrerin. Während der Bombardements. In letzter Zeit bin ich aber meisten s damit beschäftigt, die Wagen zu waschen .« »Sie finden bestimmt eine and ere Mö glichkeit, u nserem Land zu dienen. Ihr jung en Leute seid doch nicht zu bremsen .« Dann schien ih r eine Idee zu ko mmen , und ih re Aug en weiteten sich. »Aber ja, Sie könnten sich einem Nähk rän z ch en anschließen! Meine Enkelin ist Mitglied bei den >Stitch ing Su sans<, bei uns zu Hause in Cranbrook, Sie glauben ja nicht, was d iese Mädels leisten .« Abg esehen davon, dass sie fü r Nadel u nd Faden n ichts üb righ atte, fand Percy d ie Idee, sich nach einer and eren Tätig keit umzusehen, grund sätzlich gar nich t so ü bel. Vielleich t sollte sie ih re Energien au f ein and eres Ziel lenken - Fah rerin fü r irg endeinen Politik er, oder sie könn te lernen , Bo mben zu entsch ärfen , ein Flugzeug zu fliegen, Verwundete zu bergen , irgen d so etwas. Dann wü rd e sich ihre schreckliche in nere Unruhe vielleicht legen. Sosehr es ih r au ch widerstrebte, es sich einzugestehen, hatte sie doch allmählich das Gefühl, d ass Saffy die ganzen Jahre üb er recht g ehab t hatte: Sie war d er gebo rene Flick sch u ster. Ein Kleid n ähen konnte sie nicht, das Kreative lag ih r nicht. Ab er dafü r b esaß sie ein au sg esp rochenes Geschick im Reparieren von allem M ög lich en, und sie war am glücklich sten, wenn man ih r irgend etwas gab, das in Ordnung geb racht werden mu sste. Was fü r ein d ep rimierender Gedanke.
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Der Bu s rump elte u m die n äch ste Ku rve, und end lich kam das Dorf in Sicht. Schon bald konn te Percy ih r Fah rrad se hen, das an d er alten Eiche vor der Post lehnte, wo sie es a m Mo rgen abgestellt hatte. Nachdem sie sich no ch ein mal fü r den Keks b edan kt und feierlich versprochen hatte, sich nach dem örtlichen Nähk ränzch en zu erkund igen, stieg sie au s und win kte d er alten Dame zu , als der Bu s Rich tung Cran b rook weiterfuh r. Der Wind hatte zugeno mmen , seit sie in Fo lkestone lo sgefahren waren, und Percy schob die Hände in die Ho sen taschen. Sie lächelte den mü rrischen Damen Blethem zu, die beide gleichzeitig tief Lu ft ho lten , ih re Eink au fsnetze an sich drückten , ih r kn app zu m Gruß zunickten und sich eilig au f den Heimweg machten. Zwei Jahre Krieg, und immer n o ch gab es Leute, für die der Anblick einer Frau in Hosen das Nahen der Apokalyp se signalisierte. Die Gräueltaten in der Heimat und an derswo waren nichts dagegen. Percy fühlte sich ang enehm au fgemu ntert und frag te sich, was daran falsch sein sollte, stolz auf ihre Uniform zu sein, allein schon wegen der Wirkung, die sie au f die Miss Blethems dieser Welt hatte. Es war schon spät am Tag, aber es bestand du rchaus die Möglichkeit, dass Mr. Potts die Post noch nicht im Schloss abg eliefert hatte. Es gab nu r wenig e Männer im Do rf - und im ganzen Land , darauf würde sie wetten -, die ihren Dienst an der Heimatfront mit derartigem Enthusiasmus versahen wie Mr. Potts. Er war so unermüdlich in seinem Bestreben, die Nation zu schützen, dass man sich regelrecht missachtet füh lte, wenn man nicht min destens ein mal im Mo nat von ih m zu r Überprüfung der Papiere angehalten wu rd e. Dass das Dorf wegen seines Übereifers nicht mehr über einen zuverlässigen Postdien st verfügte, sch ien Mr. Po tts als bed auerlich es, aber no twend iges Op fer zu betrachten . Die Glocke über der Tü r bimmelte, als sie eintrat, und Mrs. Potts blickte ab rup t von einem Stap el Papiere und Briefsen dungen auf. Sie wirk te wie ein Kaninch en, das im Gemü sebeet erwischt wurde, ein Eindruck, den sie durch ein kurzes Schniefen noch unterstrich. Percy verbarg ih re Belu stigung
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hinter einer liebenswürdig ernsten Miene, was schließlich au ch ein e Kun st war. »Sieh mal einer an«, sagte die Po stmeisterin, die sich als geü bte Heuch lerin so fo rt wied er im Griff h atte. »Wenn d as nicht un sere Miss Blythe ist.« »Gu ten Tag, Mrs. Potts. Irgen d welch e Po st für uns? « »Tja, d a werde ich wohl mal nachseh en mü ssen .« Die Vo rstellung, dass Mrs. Potts n icht über jede ein - und au sg ehen de Sendu ng besten s in fo rmiert war, war wirklich lachhaft, aber Percy spielte mit. »Vielen Dank«, sagte sie, als die Postmeisterin sich die Kisten au f d em h interen Sch reibtisch vo rnah m. Nachdem s ie die Po st üb ertrieben g ründlich du rchgesehen hatte, zog sie ein kleines Bündel Briefe heraus und hielt sie ho ch. »So, d a hätten wir sie«, verkündete sie u nd keh rte triu mp hierend an d en Tresen zu rück . »Außerdem ist fü r Miss Juniper ein Päckch en eingetro ffen - vo n Ihrer kleinen Londonerin, wie es aussieht; unsere Meredith ist also wied er glücklich zu Hause angeko mmen?« Percy nickte un geduldig, und Mrs. Potts fuhr fo rt: »Ein handschriftlich ad ressierter Brief für Sie und einer für Miss Saffy, mit Schreibmaschine getipp t.« »Sehr schön. Lohnt sich kau m, d ie zu lesen.« Mrs. Potts legte die Briefe säuberlich nebeneinander auf den Tresen und stützte sich mit d en Händen darau f. »Ich nehme an, im Schloss ist alles in Ordnun g?«, sag te sie mit meh r An teiln ah me, als man bei so einer harmlo sen Frag e erwarten wü rde. »Seh r gu t, danke. Wenn ich jetzt ...« »Wie ich hö re, k ann man g ratulieren .« Percy atmete ung ehalten au s. »Gratu lieren? « »Hochzeitsglocken «, sag te Mrs. Potts auf diese ärgerliche Art, die sie p erfektioniert hatte, über ihr unrechtmäßig erwo rb enes Wissen zu frohlocken und im selben Atemzug nach mehr zu bohren. »Oben im Schlo ss«, wiederholte sie. »Vielen Dank , Mrs. Potts, aber ich bin heute eb en so wenig verlobt, wie ich es gestern war.« Einen Mo men t lang überlegte die Postmeisterin, dann brach sie in schallendes Geläch ter au s. »Also , Sie sind mir ja eine,
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Miss Blythe! Ebenso wenig v erlob t wie gestern - d as mu ss ich mir merken.« Nachd em sie gen ug gelacht hatte, zup fte sie ein spitzenbesetztes Taschen tüch lein au s ih rem Ro ck und trocknete sich die tränen den Augen. »Aber«, sagte sie, währen d sie weitertup fte, »ich habe doch n icht Sie gemeint.« Percy tat überrascht. »Nicht? « »Meine Güte, nein , weder Sie noch Miss Saffy. Ich weiß, dass Sie beide nicht vo rh aben , un s zu v erlassen, Gott segn e Sie beide.« Noch einmal wischte sie sich die Wangen . »Ich habe von Miss Juniper gesp rochen.« Percy konnte nicht umh in , das Knistern zu spü ren, das in der Lu ft lag . Die Worte waren wie elektrisch au fgeladen, und Mrs. Potts war ein natü rlicher Stro mleiter. Es war scho n immer viel über Juniper geredet word en, vor allem, als sie no ch klein gewesen war. Und ih re kleine Schwester hatte in der Tat reichlich Anlass dazu gegeben; ein Kin d, d as reg el mäßig in Ohnmacht fiel, wenn es sich au fregte, brachte die Leute zu m Tuscheln, und ü ber ku rz o der lang fin gen sie an , ihr übersinnliche Fähigk eiten anzu dich ten . Und so sicher, wie die Bienen die Blumen bestäubten, wurde schließlich alles Seltsame und Un erklärliche, das im Dorf passierte - das mysteriöse Versch winden von Mrs. Flemings frisch gewaschener Wäsche, die Tatsach e, d ass die Vogelscheu che d es Bauern Jacob plötzlich eine lange Damenu nterho se trug , der Au sb ru ch ein er Mu mp sepidemie -, Juniper zugeschrieben. »Miss Jun iper und ein g ewisser jung er Mann? «, boh rte Mrs. Potts weiter. »Ich habe gehört, dass im Schloss bereits die nö tigen Vorbereitu ngen getroffen werden. Ein junger Mann, den sie in Lond on k ennen gelernt hat? « Die Vorstellung war ab su rd . Ju niper war nicht fü r die Eh e bestimmt: Es war die Poesie, die das Herz ih rer kleinen Schwester höherschlagen ließ. Percy war versucht, sich noch ein bisschen au f Ko sten der neugierigen Mrs. Potts zu amüsieren, aber ein Blick au f die Wan duh r ließ sie davon Ab stand nehmen. Eine vern ün ftig e Entsch eidung : Das Letzte, was sie gebrauchen konn te, war ein Gesp räch üb er Junipers Aufenthalt in London. Die Gefahr wäre viel zu groß, dass sie un ab sich tlich verriet, was fü r Prob leme Junipers Eskap ade im Schloss verursacht hatte. Ih r Stolz wü rde es niemals zu -
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lassen, dass darüber etwas nach außen drang. »Es stimmt, dass wir einen Gast zum Abendessen erwarten, Mrs. Potts, aber auch wenn es sich u m einen Mann hand elt, es ist kein Vereh rer. Nu r ein Bekann ter au s Lond on.« »Ein Bek annter? « »Ganz recht.« Mrs. Po tts' Augen wurden sc h mal. »Also kein e Hoch zeit? « »Nein.« »Ich habe nämlich aus zuverlässiger Quelle gehört, dass es einen Antrag und ein e Zusage gegeb en hat.« Es war kein Geheimnis, dass es sich b ei Mrs. Potts' »zu verlässiger Quelle« u m g eö ffnete Briefe und belau sch te Telefong esp räche han delte, deren Inhalt mit Querv erweisen au f den reichhaltig en ö rtlichen Klatsch versehen wu rd e. Percy ging zwar nicht so weit, die Frau zu verd äch tig en, d ass sie in der Po ststelle Briefe über Wasserdamp f öffnete, bevor sie sie auf ih re Reise schick te, ab er es gab andere im Dorf, die das sehr wohl vermuteten . In diesem Fall allerdings hatte es nu r sehr wenige Briefe gegeben (vor allem nich t von der So rte, die Mrs. Potts hätte interessieren können, da Junip er ausschließlich mit Mered ith korrespondierte), sodass das Gerücht jeglicher Grundlag e en tbeh rte. »Ich glau be, wenn d as der Fall wäre, wüsste ich davon, Mrs. Potts«, sagte sie. »Seien Sie versichert, es h andelt sich nu r um ein Abend es sen.« »Ein besonderes Abendessen? « »Ist in diesen Zeiten nicht jedes Ab endessen etwas Beson deres? «, sagte Percy leichthin. »Man weiß nie, ob es das letzte ist.« Sie nahm d er Po stmeisterin die Briefe au s d er Hand. Dabei fiel ih r Blick au f die Glasgefäß e, d ie früh er au f dem Tresen gestanden hatten. Die sauren Drop s und Karamellbonbons waren läng st alle, aber am Bo den ein es Gefäß es lagen ein paar zu ein em trau rigen Hau fen gesch mo lzen e Zu ckerstangen. Percy hatte n ichts üb rig fü r Zuck erstangen, aber Juniper war ganz verrückt danach. »Ich kau fe den Rest Ih rer Zu ckerstan gen .« Mit verd rieß licher Miene löste Mrs. Potts den klebrigen Klumpen vom Boden des Glasgefäß es und tat ihn in eine Papiertüte. »Das macht sechs Pence.«
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»Also wirklich, Mrs. Potts«, sagte Percy, während sie den Inh alt der kleinen Tüte begutach tete, »wenn wir nicht so gu te Freundinnen wären , wü rde ich glatt denken , Sie wollten mich übers Ohr hauen.« Vor Empörung stotternd wies die Postmeisterin den Verdacht von sich. »Das war doch nu r ein Scherz, Mrs. Po tts«, sag te Percy und reichte ihr das Geld. Sie steck te die Briefe und d ie Tüte mit den Zu ckerstangen in ih re Tasche und schenkte der Postmeisterin ein kn appes Läch eln. »Dann auf Wiedersehen. Ich werd e mich in Ih rem Namen nach Jun ipers Plänen erkund igen, ab er ich vermu te, wenn es irgendetwas Wissen swertes gibt, erfahren Sie es sowieso als Erste.«
2 Zwiebeln waren natürlich wichtig , aber d as änderte nichts an der Tatsache, dass ih r Grün zeu g fü r ein Blu menarran gement einfach nicht taugte. Saffy betrachtete die dünnen, grünen Triebe, die sie gerade abgeschnitten hatte, d rehte sie mal so , mal so , kniff die Aug en zu sammen und b rach te all ih re Fantasie au f, u m sie sich als Tischschmuck vorzustellen. In der französischen Kristallvase, einem Erbstück ih rer Großmutter, hätten sie ein e geringe Ch ance, v ielleicht wenn man etwas Buntes dazwischen st ellte, u m ih re Herkunft zu verschleiern? Oder - allmählich geriet sie in Fah rt, und sie biss sich auf die Lippe, wie immer , wenn sich eine gute Idee an kündigte - sie g riff das Th ema au f, k reierte ein Gebinde au s Zwiebellaub , Fenchelblättern und Kürbisblüten und betrachtete das Ganze als ironischen Komme ntar zum kriegsbeding ten Mangel. Sie seu fzte und ließ den Arm sinken, das schlaffe Zwiebelg rün imme r no ch in der Hand . Trau rig schü ttelte sie den Kopf. Was für absurde Gedank en einem d o ch du rch den Kop f gingen , wenn man verzweifelt war. Das Zwiebellaub war wirklich nicht zu g ebrau chen : Es war n icht nu r vö llig unp assend fü r den Zweck, sein Geruch erinnerte auch , je län ger sie es in der Hand hielt, eind eutig an alte Socken . Ein Ge104
ruch, der Saffy durch den Krieg un d vo r allem durch den Kriegseinsatz ihrer Zwillin gsschwester sehr vertraut war. Nein. Nach vier Monaten in London, wo sie zweifellos in den elegantesten Bloomsb u ry-Kreisen verkehrt hatte, wo sie tap fer die Lu ftan g riffe üb erstanden u nd man che Nacht in Lu ftschu tzkellern v erb racht hatte, hatte Junipe r etwas Besseres verdient als ein Eau de »Sch weißfu ß «. Ganz zu schweigen von dem geheimnisv ollen Gast, den sie eingeladen hatte. Junip er hatte nie Freun de gehabt - d ie kleine Meredith war die einzige üb erraschend e Au snahme - , ab er Saffy wu sste zwischen den Zeilen zu lesen, und auch wenn Jun iper die Angewohnheit hatte, sich seh r verschnö rkelt au szudrücken , hatte sie ihren Briefen entnommen, dass der junge Mann irgendetwas Ed el mü tiges getan hatte, um Ju nipers Herz zu erobern . Die Einladung zu m Abendessen diente also dazu, die Dankbarkeit der Familie Blythe zu m Au sd ru ck zu b ringen, und de swegen mu sste alles perfekt sein. Das Zwiebelgrün, beschloss sie nach einem letzten Blick darauf, war alles andere als perfek t. Aber jetzt, wo es scho n mal geschnitten war, du rfte es nicht verg eudet werd en - ein Sakrileg! Der Ernährung sminister, Lo rd Wo olton, wäre en tsetzt - Saffy wü rd e sie für irgendein Gericht verwenden, nu r nich t heu te Abend. Zwiebeln und deren Nach wirkung en kon nten jeden geselligen Abend verd erben . Untröstlich stieß sie einen Seu fzer au s und dann , weil es so gu ttat, gleich noch einen und g ing zu m Hau s zu rück, froh wie immer, dass sie nicht du rch den groß en Garten mu sste. Sie k önnte es n ich t ertragen ; der Garten war ein mal so prachtvoll gewesen. Es war eine Tragöd ie, dass so viele Blu meng ärten in Englan d vernachlässigt oder gar fü r den Gemüseanbau ben utzt wu rd en. Wie Juniper in ihrem letzten Brief berichtete, waren die Blumen im Hyde Park nicht nu r unter bergeweise Holz und Eisen und Ziegeln zerquetsch t Sch utt von Gott weiß wie viel en zerbo mb ten Wohnh äusern -, sondern auf der gesamten Südseite du rch Gemü sebeete ersetzt wo rden . Eine No twendigkeit, das sah Saffy ja ein, aber dennoch tragisch. Wenn es keine Kartoffeln gab, knu rrte den Leuten der Magen , aber wenn es keine Sch önh eit meh r gab, verhärtete das die Seele.
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Vor ihr flatterte ein Sch metterling , seine Flüg el bewegten sich wie die geg enüberlieg enden Seiten eines Blasebalg s. Dass derartig e Vollkommen h eit und natü rliche Gelassenh eit existieren konnten, wäh rend die Men schh eit ru ndheru m d as Dach der Welt zu m Ein stu rz b rachte - ein Wunder! Saffys Gesicht hellte sich auf; sie streckte einen Finger aus, ab er der Schmetterling schen kte ihm keine Beachtung, flatterte au f und ab u nd inspizierte die verfaulenden Früchte eines Misp elb aums. Ganz und gar selbstv ergessen — ung laublich ! Läch elnd setzte Saffy ih ren Weg fo rt, bü ckte sich un ter d er von d em kno tigen Glyzinienbaum ü b erwu cherten Pergo la, darauf bedacht, n icht mit d en Haaren an den Blüten hän gen zu bleiben. Mr. Churchill wäre gut beraten, sich daran zu erinnern , dass Kriege nicht nur mit Kugeln g ewonnen wu rd en , und diejenigen zu belohnen , denen es gelang, Schönheit zu erhalten, während die Welt um sie herum in Schutt und Asche gelegt wurde. »Der Chu rchill -Orden fü r d ie Erhaltung von Englands Schönheit«, das klang do ch n ich t schlecht, fan d Saffy. Als sie das am Morgen beim Frühstück erwähnte, hatte Percy nur gegrinst, selb stg efällig , wie nu r jemand sein kon nte, der mo n atelang in Bo mb en k rater geklettert war u nd sich damit einen Tapferkeitso rd en verdient hatte, aber Saffy hatte sich davon nicht b eeind rucken lassen. Im Geg enteil, sie arb eitete bereits an ein em Brief an die Times über das Thema. Über die Wirkung , die das hab en würde: dass Sch ön heit wich tig war, genau so wi e Kun st und Literatu r und Mu sik, vo r allem in Zeiten, in denen zivilisierte Nationen es darauf anzulegen schien en, ein ander zu immer b arbarisch eren Taten anzustacheln. Saffy war begeistert von London , war es sch on imme r gewesen. Ih re Zukun ftsp län e hi n gen vo m Üb erleb en der Stad t ab , und sie nah m jeden Bo mb enang riff persön lich . Als die Bo mb enan griffe ohne Unterlass kamen und p au senlos das Kn attern der Flak und das Heulen der Sirenen und die sch recklichen nächtlichen Explosionen zu hören gewesen waren, hatte sie ih re Fin gernägel blutig gek aut - eine fürch terliche Ang ewohnh eit, fü r die sie Hitler verantwortlich mach te - und sich gefrag t, ob sie, die sie d ie Stadt so seh r
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liebte, u mso sch recklicher unter der Zerstörung litt, weil sie nicht dort war, als die Katastrophe h ereinbrach, so ähnlich wie eine Mutter, deren So rge u m den verwundeten So hn da du rch v erstärk t wu rde, dass sie nicht an sein er Seite sein kon nte. Schon als Mädch en hatte Saffy g eahnt, dass ih re Zu kun ft nicht in den sumpfigen Wiesen oder innerhalb des alten Gemäuers von Milderh u rst lag, sondern in den Parks und Cafés und den lite rarisch en Zirkeln Londons. Als sie und Percy noch klein ware n, nach dem Tod ih rer Mutter, ab er noch vor Junipers Gebu rt, als sie also noch zu dritt gewesen waren, da hatte ih r Vater die Zwilling e jed es Jah r mit nach London geno mmen , wo sie eine Zeit lang in dem Hau s in Chelsea gewohnt hatten . Sie waren jung, die Zeit hatte noch keine Gelegenheit gehabt, ih nen au f so un terschiedliche Weise ih ren Stempel au fzud rück en , noch glichen sie sich äu ßerlich wie innerlich und wu rden enstp rechend von d en an deren beh and elt. Aber wenn sie sich in London aufhielten, hatte Saffy jedes Mal tief in ih rem In n ern ihr And erssein g espü rt. Währen d Percy sich wi e ih r Vater nach den au sgedehnten Wäldern von Mild erhu rst sehnte, füh lte Saffy sich von der Stadt in sp iriert. Hin ter ih r ertönte fernes Donn erg ro llen , und Saffy stöhn te. Sie wollte sich nicht u md rehen und die sch warzen Wolken seh en, die sich am Himmel zusammenzogen. Von allen Entbehrungen, die der Krieg mit sich b rach te, war d as Feh len der regelmäß igen Wettervo rh ersag e im R ad io b esonders sch wer zu ertragen . Dass sie weitgeh end au f ih r Lesevergnü gen verzichten mu sste, hatte sie gelassen hingeno mmen und sich damit ab gefund en, dass Percy ihr aus der Bücherei nur no ch ein Buch pro Woche mitbrachte anstatt der üblichen vier. Dass sie ihre Seidenkleider gegen p raktische Trägerrö ck e ein tau sch en mu sste, darüber hatte sie nur gelacht. Als die Bediensteten sie verlassen hatten wie die sp rich wö rtlich en Ratten das sin ken de Schiff u nd sie die Rollen d er Oberköchin, Putzfrau, Waschfrau und des Gärtners in Personalunion hatte überneh men mü ssen, war ih r das nicht sch wergefallen. Aber die Launen des englischen Wetters zu durchschauen, damit war sie einfach überfo rdert. Obwohl sie schon ihr Leben lang in Kent lebte, fehlte ih r der Instinkt
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der Landfrau für das Wetter: Immer wieder geschah es, dass sie ausgerechnet an Tag en, an denen Reg en in der Lu ft lag, Wäsche zum Trocknen aufhängte oder sich in die Gartenarbeit stü rzte. Saffy ging schn eller, beinah e im Laufschritt, bemüht, den Geru ch des Zwiebellaubs zu igno rieren , der mit jedem ihrer Sch ritte inten siver zu werden schien. Eins stand jetzt schon fest: Wenn d er Krieg vo rü ber war, wü rde sie das Lan dleben en dgültig hin ter sich lassen. Percy wu sste noch n ichts davon , man mu sste den rechten Moment abpassen, um eine solch e Neuigkeit zu v erkünden, aber Saffy würde nach London geh en . Do rt wü rde sie sich eine kleine Wohnung suchen, für sich allein . Sie besaß keine eigenen Möbel, ab er das stellte kein Hindernis dar; in so lche n Dingen vertraute Saffy auf die Vo rsehung . Es stand jed och auß er Frag e, d ass sie n ich ts von Mild erhurst mitneh men würde. Sie würde sich komplett neu einrichten; es wäre ein Neuanfang, fast zwanzig Jahre später als geplan t, aber daran ließ sich nichts ändern. Sie war jetzt älter, zäher, und diesmal wü rd e sie sich n ich t au f halten lassen , eg al, was sich ih r in den Weg stellen wü rde. Zwar waren ih re Pläne ein wohlgehütetes Geheimnis, aber sie hatte sich an gewöhnt, jeden Samstag d ie Vermietungsan zeigen in der Times zu lesen, u m so fo rt h andeln zu könn en , sobald sich ein e Gelegenheit bot. Anfangs hatte sie Ch elsea und Ken sington in Erwägung gezo gen , sich jedoch d ann fü r eines der georgianischen Viertel von Bloo msbu ry entschieden, die in Fu ßnäh e zum British Museum und den Läden in der Oxford Street lagen. Sie hoffte, d ass Ju niper eb en falls in London b leib en und in ih rer Nä he wohn en wü rd e, und Percy würd e n atürlich hin und wied er zu Besuch kommen . Aber ih re Zwillingsschwester würd e nie länger als eine Nacht bleiben, da sie größten Wert darauf legte, im eigenen Bett zu sch lafen und das Schlo ss notfa lls eigenhändig zu stü tzen, falls es zusammenzufallen drohte. In Gedanken war Saffy h äu fig in ih rer kleinen Wohn ung, vor allem, wenn Percy mal wied er du rch die Flu re des Schlosses stampfte, üb er die abblätternde Farbe und die durchhängenden Balken schimp fte und jeden neuen Riss in den Wänden beklagte. Dan n schlo ss Saffy die Augen und
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ö ffn ete die Tü r zu ihrer eig enen Wo hnung . Sie wäre klein und schlicht und seh r saub er - d afü r wü rde sie scho n sorgen -, und es wü rd e nach Bien en wach s u nd Essig du ften. Saffy ballte die Hand mit dem Zwiebelg rün zu r Faust und g ing no ch schneller. Ein Schreibtisch unter dem Fenster, darauf in der Mitte ih re Olivetti-Schreibmaschin e und an einer Eck e ein e klein e Glasv ase — ein e alte, hüb sch e Flasche wü rd e es zur Not auch tun - mit einer ein zig en, voll erb lühten Blu me, d ie sie täglich ersetzen würde. Nu r das Radiogerät wü rde ihr Gesellschaft leisten , u nd sie wü rde im Lauf des Tages ihre Tipp arbeit mehrmals unterbrechen, um den Wetterbericht zu hören, wü rde die Welt, die sie auf dem Papier erschuf, kurz verlassen und durch das Fen ster den k laren , rauch freien London er Himmel b etrachten. Sonn enlicht wü rd e ih ren Arm streifen, in ih re winzige Wohn ung fallen u nd das Bienen wachs auf den Möbeln zu m Glänzen b rin gen. Abend s wü rd e sie ihre au s der Bü cherei entliehenen Bücher lesen, noch ein wenig an ih rem Text schreiben und im Radio Gracie Fields hören, und niemand würd e au s dem anderen Sessel mu rren, das seien sentimen tale Schnu lzen . Saffy b lieb steh en, legte die Hände an ih re warmen Wangen und seufzte zufrieden. Ihre Träume von London, von ihrer Zukunft, hatten sie bis au f d ie Rückseite d es Schlo sses g efüh rt, u nd sie h atte es sogar noch vo r dem Regen g eschafft. Ein Blick zu m Hühnerhaus, und ih re Freude wurd e getrüb t. Wie sie ohne ih r geliebtes Federv ieh leb en sollte, wu sste sie no ch nich t; ob es ein e Möglichkeit gab, die Tiere mitzunehmen? In dem kleinen Garten hinter dem Hau s wäre do ch sich er Platz genug fü r ein en kleinen Hühn erauslauf - sie wü rd e die Bed ingung ein fach in ihre Liste aufnehmen müssen. Saffy öffnete das Törchen un d streckte die Arme au s. »Hallo, mein e Sü ßen ! Wie geht's euch heu te? « Helen -Melon plu sterte ih re Fed ern, rüh rte sich jedo ch nich t von d er Stang e, und Madame geruhte nicht einmal, zu Saffy aufzublicken. »Ko pf ho ch, Mädels, noch bin ich nicht weg. Erst müssen wir noch den Krieg gewin nen .«
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Als ih re Wo rte nich t den ge wünschten aufmunternden Ef fek t h atten, versch wand Saffys Läch eln . Schon seit d rei Tagen war Helen nied ergeschlagen, und Madame machte normalerweise lautstark au f sich au fmerk sam. Die jüng eren Hennen richteten sich in d er Regel nach den beiden älteren, und so war die Stimmung im ganzen Hühnerstall getrübt. Während der Bombenangriffe hatte Saffy sich an solche Stimmungstiefs gewohnt; Hü hner waren genauso empfindsam wie Menschen, genauso äng stlich , und die Bo mb er waren gn aden lo s gewesen . A m End e hatte sie alle ach t Hen nen abends mit in den Luftschutzkeller geno mmen . Sicher, die Luft da un ten war daraufhin noch schlechter gewo rden, aber letztlich hatten do ch alle Beteiligten dav on p ro fitiert: Die Hennen hatten wieder angefangen zu legen, und d a Percy meistens nachts im Einsatz war, war Saffy froh gewesen, nicht allein im Keller zu hocken. »Ko mm schon «, gu rrte sie und nahm Madame in die Arme. »Sei nicht so g ran tig , mein e Klein e. Es ist do ch bloß ein Gewitter, das da au fzieh t, meh r nicht.« Der wa rme, federb edeckte Körper entspann te sich , ab er nu r einen Augenblick lang, dann ergriff die Henne unbeholfen flügelschlagend die Flu cht und ließ sich wied er au f dem Bo den n ied er, wo sie in der Erde gescharrt hatte. Saffy sch lug sich den Dreck von den Händen und stemmte sie in die Hüften. »So schlimm steht's also? Dann hilft wohl nur eins.« Abendessen. Das Einzige, was Saffy einfiel, um ihre Mädels au fzuheitern. Sie waren nämlich une rsättlich, und das war gu t so . Ließen sich doch nur alle Probleme der Welt mit einer leckeren Mahlzeit lösen. Eigentlich war es noch ein bisschen früh, aber sie befand sich in einer Notsituation: Der Tisch im S peisezimmer war n och nicht ged eckt, d er Vo rleg elö ffel fehlte, Juniper und ih r Gast würden jeden Mo ment vo r der Tür stehen - und da sie b ereits Percys schlech te Laune zu ertragen hatte, waren eine Hand voll übel gelaunter Henn en das Letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte. So. Es war eine p raktisch e Entsch eidung , es ging allein d aru m, d ie Mäd els wieder aufzuheitern, und es hatte nich ts damit zu tun, dass Saffy eine hoffnungslo se Ro man tik erin war.
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Die Kü che war erfüllt von den Dämp fen des Abendessen s, das sie aus dem gezau bert hatte, was die Vo rratskammer noch hergab und was sie von den Bauern in der Nachbarsch aft hatte erb etteln können, und Saffy zup fte an ih rer Blu se, um sich Kühlung zu verschaffen. »So«, stöhnte sie, »wo war ich stehengeb lieben? « Sie hob d en Deckel der Kassero lle an, um sich zu vergewissern , dass die Soße in ih rer Abwesenh eit nicht verko cht war, und sch lo ss au s dem Sch naub en des Ofens, dass die Pastete noch darin garte. Dann fiel ihr Blick au f eine alte Holzkiste, die ih ren ursp rünglichen Zweck n icht meh r erfüllte, aber fü r etwas anderes d u rchau s no ch zu g eb rauchen war. Saffy zog die Kiste in die hinterste Eck e der Vo rratskammer, stieg darauf und reckte sich au f Zehenspitzen . Sie tastete d as oberste Regalb rett ab, bis ih re Finger g anz hinten eine kleine Konservendo se berührten. Sie bekam die Do se zu fassen, nahm sie läch elnd vo m Regal und stieg von der Kiste. Der Staub von Monaten hatte sich darauf gesammelt, fettiger Dampf hatte sie mit einer kleb rigen Schicht üb erzogen, und sie mu sste sie erst mit d em Dau men abwischen , um d a s Etik ett lesen zu könn en: Sard inen. Perfekt! Sie u mk lammerte die Dose ganz fest, und der Reiz des Verbotenen ließ ih r Herz hö hersch lagen. »Keine So rge, Dad d y«, sang sie vo r sich hin , wäh ren d sie den Do senö ffn er au s der Schub lad e mit d en Kü chen uten silien k ramte u nd sie mit d er Hü fte schwun gvoll wieder sch loss. »Die sind nicht fü r mich.« Es war einer der unumstö ßlichen Glauben ssätze ih res Vaters gewesen: Konserven waren Teil einer Versch wö ru ng, und sie sollten eh er v erhun gern, als sich auch nur einen Lö ffel vo m In halt einer Kon serv endo se einzuv erleiben. Wer und aus welchem Grund ein Komplott gegen ihn schmiedete, war Saffy immer ein Rätsel geblieben, aber in dieser Sache war ih r Vater unn achgiebig gewesen , und das hatte gereicht. Er duld ete es n icht, dass man sich ihm widersetzte, und üb er lange Jahre hatte sie au ch kein Bedü rfnis dazu ve rspü rt. Während ihrer Kindh eit war er tagsüb er ih re Sonne gewesen und nachts ihr Mond; die Vorstellung, dass er sie je mals enttäu schen kö nnte, ge hö rte in d as Reich d er Dämo n en und Alb träume.
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Saffy kippte die Sardinen in eine Po rzellan sch üssel, die einen feinen Sp run g hatte, was ih r jedo ch erst au ffiel, nach dem sie den Fisch bereits zu einem undefinierbaren Brei zerstamp ft hatte. Den Hühn ern wäre d er Riss in der Schüssel gleichgültig, aber sie hatte eben erst festgestellt, dass sich die Tapete über dem Kamin im Speisezimmer v on der Wand lö ste, und damit waren es in nerhalb kürzester Zeit schon zwei Anzeich en des Niederg angs. Sie nahm sich v o r, die Teller, die sie fü r den heutig en Aben d b ereitgestellt hatte, genauestens unter die Lupe zu neh men und diejenigen zu versteck en, die ebenfalls ein en Sp run g au fwiesen; solche Verschleißersch einungen b rachten Percy n ur au f die Palme, und obwohl Saffy ih re Zwillingsschwester für die Hingabe bewunderte, mit der sie sich Schlo ss Milderhu rst u nd seiner Erhaltung wid mete, wäre Percys Missstimmung einem geselligen Abend in festlicher Stimmu ng , wie Saffy ihn sich vo rstellte, nicht gerade fö rderlich. Dann geschahen mehrere Dinge gleichzeitig. Die Tür sch wang quietsch end au f, Saffy zu ckte zu sammen , und ein Stückchen Sard inen gräte fiel von der Gabel au f d ie Fußb o denfliesen. »Miss Saffy!« »Ach, Lucy! Du bist es!« Saffy schlug sich die Hand, in der sie die Gabel hielt, an s pochende Herz. »Du hast mich zu Tode ersch reckt!« »Tut mir leid. Ich dach te, Sie wären draußen, um Blumen fürs Speisezimmer zu pflücken ... Ich wollte nur ... Ich ...« Die Hau shälterin b rach mitten im Satz ab , als sie n äher ka m und den Fischb rei und die o ffene Do se gewah rte. Sie ließ ih ren u rsp rünglich en Gedankengang fallen, als sie Saffys Blick begegnete. Ihre schönen, veilchenblauen Augen weiteten sich. »Miss Saffy!«, stieß sie hervo r. »Ich hätte nie gedacht ...« »O nein, nein, nein!« Saffy b rachte sie mit einer Handb ewegung zum Schweigen und legte lächelnd einen Finger an ihre Lippen. »Schsch, Lu cy, meine Liebe. Die sind do ch nicht fü r mich, auf gar keinen Fall. Die sind fü rs Federvieh.«
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»Ach so .« Lucy war sichtlich erleichtert. »Das ist n atü rlich etwas anderes. Nicht auszudenken, wenn er«, ihr Blick wanderte ehrfurchtsvoll nach ob en, »sich au fregen wü rde.« Saffy gab ihr recht. »Dass mein Vater sich im Grab u md reht, ist wirk lich das Letzte, was wir heu te geb rauchen können.« Mit einer Kop fb ewegung wies sie auf den ErsteHilfe-Kasten. »Würdest du mir ein paar Aspirin herausnehmen? « Lucy runzelte sorgenvoll d ie Stirn . »Füh len Sie sich nicht gu t? « »Die sind für die Hühner. Sie sind g anz du rch ein ander, d ie Är msten , und n ichts beruhigt die Nerven so gut wie Aspirin, außer vielleicht ein ordentliches Glas Gin, aber das wäre do ch ziemlich unverantwo rtlich.« Mit einem Lö ffel zerdrückte Saffy die Tabletten. »So niedergeschlagen habe ich sie nicht mehr erlebt seit dem Bombenangriff am zehnten Mai.« Lucy erbleichte. »Wollen Sie damit sagen, sie spüren, dass die Bo mb enan g riffe wied er losgehen? « »Nein, d as glaube ich nicht. Adolf Hitler ist viel zu seh r damit beschäftigt, in den Winter zu marschieren, als sich u m un s zu kü mmern . Das sag t Percy jeden falls. Sie meint, dass wir mind esten s bis Weihnachten nichts zu befürchten haben; sie ist furchtbar enttäu sch t.« Saffy, die immer noch in de m Fischbrei rührte, hatte g erade Luft geholt, um fortzufahren, als sie sah, dass Lucy an den Herd getreten war. Die Haushälterin sah nich t so aus, als würde sie ihr noch zuhören, und au f einmal k am Saffy sich so albern vor wie ihre Hühner, wenn sie Lu st hatten zu gackern und niemand zuhö rte außer dem Gartentor. Nach einem v erlegenen Hü steln sag te sie: »Ach, ich p lapp ere nu r du mmes Zeu g. Du bist bestimmt nicht in d ie Küch e geko mmen , um d ir Geschichten üb er d ie Hühner anzuhören, und ich halte dich nu r von d er Arbeit ab.« »Ganz u nd g ar nicht.« Lucy schloss die Ofen klap pe u nd richtete sich au f. Ih re Wan gen waren gerötet, woran nicht nur die Ofen hitze schuld war. Offenbar hatte sie sich das Unbehagen der Haushälterin nicht eingebildet, dachte Saffy. Irgendetwas, was sie gesagt oder g etan hatte, h atte Lucy die
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Laun e verdorben, und das war ihr sehr unangenehm. »Ich bin geko mmen, um nach der Kaninchenpastete zu sehen«, sagte Lucy, »was ich jetzt getan h abe, und u m I hn en zu sagen, dass ich den silb ernen Vorlegelöffel, den Sie heute Abend benutzen wollten, n icht gefun den habe, ab er ich h abe einen anderen auf den Tisch gelegt, der eb en so gu t ist. Außerdem habe ich ein paar von den Schallplatten mit heruntergebracht, die Miss Ju niper au s London geschickt hat.« »Hast du sie in den blauen Salon geb rach t? « »Selbstverständlich.« »Perfekt.« Der blaue Salon war das gu te Zimmer, un d deswegen würden sie Mr. Cavill do rt empfangen. Percy war dagegen gewesen, aber das war nich t anders zu erwarten . Sie war seit Wochen schlech t gelaunt, stampfte du rch die Flure, prop hezeite Schreckensszen arien für den kommenden Winter, mu rrte ü ber den Brennstoffmangel und schimpfte über die Extravag anz, ein weiteres Zimmer zu heizen , wo doch der gelb e Salon täglich geheizt wurde. Aber sie würde sich scho n wieder beruhigen , wie immer. Entschlossen klopfte Saffy mit der Gabel auf den Schü sselrand. »Die Soße ist sehr gut gewo rd en. Schö n dick und cremig , au ch ohne Milch.« Lucy lugte gerad e unter den Deck el der Kassero lle. »Ach, Lu cy, du bist ein Schatz. Ich habe sie schließlich mit Wasser gemacht und ein bissch en Hon ig zum Sü ßen zugegeben, um den Zucker für Marmelade au fzuheben . Ich hätte nie gedach t, d ass ich d em Krieg einmal fü r etwas d ankbar sein wü rd e, aber ohne ih n hätte ich n ie gelernt, wie man ein e per fekte milchfreie Soße herstellt!« »In Lond on wären Ihnen ein ige Leu te d ankbar fü r das Rezept. Meine Kusine sch reib t, dass sie do rt neu erdings n u r no ch einen Liter Milch pro Woche bekommen. Können Sie sich das vorstellen? Sie sollten Ihr Soßenrezept aufschreiben und an den Daily Telegraph s chicken. Die drucken so etwas.« »Ach, das wusste ich gar n icht«, sagte Saffy nachdenklich. Es wäre eine weitere Verö ffentlich ung in ih rer klein en Sammlu n g. Keine besond ers bedeu tend e, aber immerh in . Alles wü rd e von Nutzen sein, wenn sie so weit war und ihr Manu sk rip t ab sch ickte, un d wer konn te schon sag en, was
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sich daraus noch alles erg eben würd e? Eine regelmäßige kleine Kolumn e zu schreiben wäre gar nicht so übel. »Saffys Nähkästchen - Nützliche Ratschläge im Alltag « oder so äh n lich, eine kleine Vignette in der Ecke — ih re Sin ger 2 0 1 K , od er noch besser: eine vo n ih ren Hennen ! Sie lächelte, so zu frieden und verg nügt über ih re Fantasie, als wäre sie bereits Realität. Lucy erzählte derweil immer noch von ih rer Ku sine in Pimlico und von dem ein zigen Ei, das sie dort alle vierzehn Tage zugeteilt bekamen. »Vergangene Woch e hat sie eins bekommen, das faul war, man denke nu r! Und man hat ih r kein neues d afü r gegeben.« »Also , das ist wirklich eine Schand e!«, rief Saffy entgeistert au s. In ih rer Kolumne würde sie eine Menge zu sagen haben zu diesen Themen , und sie wü rde nich t mit k lug en Gegenvo rschlagen g eizen . »Du mu sst ih r ein paar von meinen Eiern schicken. Und nimm auch gleich ein halb es Dutzend für dich selbst.« Lucy schaute sie so dankbar an, als hätte sie ih r Goldklumpen geschenk t. Saffy wurd e au f einmal ganz verlegen und verscheuchte hastig das Bild von ih rer Doppelgän gerin b ei der Zeitung. Beinahe entschuld igend sagte sie: »Wir haben mehr Eier, als wir essen könn en, Lucy, u nd ich hatte sch on überlegt, wie ich mich erkenntlich zeigen könn te - d u hast mir schon so oft geholfen , seit der Krieg angefangen hat.« »Ach, Miss Saffy.« »Ich wü rd e ja immer noch Pu derzu cker in s Wasch wasser schü tten , wen n du nicht gewesen wärst!« Lucy lach te. »Herzlichen Dank . Ich n eh me Ihr Ang ebot gerne an .« Wäh rend sie d ie alten Zeitu ngen , die neb en dem Herd gestapelt lagen, in kleine Quad rate rissen und d ie Eier darin einwickelten , d achte Saffy zum hundertsten Mal an diese m Tag, wie sehr sie die Gesellschaft ihrer ehemaligen Haushälterin immer g eno ssen hatte und wie schade es war, dass sie sie hatten gehen lassen mü ssen. Wenn Saffy in ih re kleine Wohnu ng zog , wü rd e sie Lu cy die Ad resse g eben und sie einladen, sie zu m Tee zu besuchen , wenn sie in London zu tu n hatte. Percy wü rde zweifello s ih re Meinung d azu h aben -
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sie hatte ziemlich traditionelle Ansichten in Bezug au f die Klassen und deren Vermischung -, aber Saffy wusste es besser: Freunde mu sste man wertschätzen, egal, wo man sie fand. Wieder war ein bed rohliches Donnerg rollen d raußen zu h ö ren, und Lucy lugte du rch das schmutzige Fenster üb er der klein en Spüle. Sie betrachtete den düsteren Himmel und runzelte die Stirn. »Wen n Sie sonst nichts mehr für mich zu tun haben , Miss Saffy, d ecke ich den Tisch im Salon fertig und ma che mich auf den Weg. Sieht so aus, als wü rd e das Gewitter gleich lo sgehen , und ich muss zu einer Versammlung.« »Freiwilliger Frauendien st? « »Heute Abend wird geko cht. Wir mü ssen dafü r so rg en, dass unsere tapferen Soldaten genug zu essen krieg en.« »Da hast du recht«, sagte Saffy. »Ich h abe üb rigen s ein paar Puppen für die Versteigerung g enäh t. Die k ann st du gleich mitnehmen, wenn es dir nich ts ausmacht. Sie sind oben, dort ist auch ...« - eine k leine theatralisch e Pause »... das Kleid.« Lucy sah sie mit g roßen Au gen an , d ann flüsterte sie, ob wohl sie allein waren: »Sie h aben es fertig? « »Gerade rechtzeitig, damit Ju niper es h eute Abend tragen kann. Ich habe es ins Dachzimme r geh ängt, damit es d as Erste ist, was sie sieh t.« »Dann lau fe ich au f jeden Fall noch schnell nach ob en, bevo r ich gehe. Un d, ist es schön gewo rd en? « »Es ist traumhaft.« »Ich freue mich ja so.« Nach kurzem Zögern nahm Lucy Saffys Hand. »Es wird alles perfek t, warten Sie's nu r ab. Was für ein Segen, dass Miss Jun iper endlich aus Londo n zu rückko mmt.« »Ich ho ffe bloß, d ass das Wetter den Zug nicht allzu lange au fhält.« Lucy lächelte. »Sie werd en erleich tert au fatmen , wenn sie erst gesund und mu n ter hier angekommen ist.« »Ich h abe nicht eine Nacht ruhig geschlafen , seit sie weg ist.« »Das sin d die So rgen.« Lucy schüttelte mitfühlend den Kopf. »Sie sind immer wie eine Mu tter fü r sie gewesen , und
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eine Mutter schläft nie ruhig , wenn sie sich u m ih r Kind sorgt.« »Ach Lu cy!« Saffys Augen wurden feucht. »Ich habe mir wirk lich ernsth aft So rgen gemacht. Mir ist, als hätte ich monatelang den Atem angeh alten.« »Ab er sie hat do ch k eine An fälle gehabt, oder? « »Zum Glück nicht, sie hätte es un s bestimmt gesagt. Selb st Juniper würde bei einer so ern sten Sach e nich t die Unwahr heit sagen ...« Die Tü r flog mit einem Kn all auf, und sie fuh ren beide zu sammen. Lucy stieß einen spitzen Schrei aus, und Saffy kon nte ihn nu r knap p unterdrücken, aber dies mal dachte sie noch rechtzeitig daran, d ie Sardinen do se h inter ih rem R ück en zu verbergen. Es war nur der Win d, der heftiger gewo rden war, u nd doch h atte der Sch reck die traute Atmo sphäre in der Küche weggefegt und Lucys Läch eln mitg enommen. Und da wu sste Saffy plö tzlich, was Lucy auf der Seele lag. Sie zog in Erwägung, nich ts d azu zu sagen, der Tag war fast vorüber, und manchmal war Schweigen wirk lich Gold, aber sie hatten einen so an genehmen Nachmittag verbracht, während sie in der Küch e und im Salon Seite an Seite gearbeitet hatten, und Saffy h ätte g ern Klarheit ge schaffen. Sie hatte schließlich ein Rech t darau f, Freunde zu hab en - sie brauchte Freunde -, eg al, was Percy darüber dachte. Leise räu sperte sie sich. »Wie alt warst du , als du hier ang efang en hast, Lucy?« Die Antwort kam wie au s der Pistole geschossen, als hätte sie mit der Frage gerechn et. »Sechzehn.« »Und das ist jetzt zweiund zwan zig Jah re her, nicht wah r?« »Vierundzwanzig. Das war 1 9 1 7 . « »Mein Vater hat dich immer sehr gemo cht.« Die Pastetenfüllung im Ofen hatte an gefan gen zu blubbern . Die eh emalig e Haushälterin richtete sich auf, dann seufzte sie lang sam und b edächtig. »Er war gut zu mir.« »Du sollst wissen , dass Percy und ich dich au ch sehr mö gen.« Nachdem die Eier alle ordentlich eingewickelt waren , hatte Lucy an der Anrichte nichts mehr zu tu n. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und sagte leise: »Es ist sehr nett von
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Ihnen, dass Sie das sagen, Miss Saffy, aber es ist nicht nötig.« »Es ist nur - falls du es dir irgendwann anders überleg st, wenn die Zeiten sich änd ern, falls du wieder o ffiziell h ier...« »Nein «, sagte sie. »Nein dank e.« »Ich b ringe d ich in Verlegenheit«, sagte Saffy. »Verzeih mir, Lu cy. Ich hätte kein Wo rt davon erwähnt, aber ich wollte nicht, dass du das missverstehst. Percy den kt sich nichts dabei. Es ist einfach ihre Art.« »Sie brauchen sich wirklich nicht zu ...« »Sie k ann Veränderu ngen nicht leiden . Das kon nte sie no ch nie. Als sie als Kind Scharlach hatte und deswegen in s Kran kenhaus musste, ist sie vo r Kummer fast gesto rb en.« Saffy machte einen schwachen Versuch, die Stimmung au fzuh eitern: »Manch mal denke ich, ihr wäre es am liebsten, wenn wir drei Schwestern fü r immer h ier in Milderhurst bleiben würden. Kannst du dir das vo rstellen? Wir drei als alte Schachteln mit weißen Haaren , so lang, d ass wir d rau f sitzen könnten? « »Ich glaube, da h ätte Miss Jun iper ein Wö rtchen mitzu reden.« »Allerding s.« Und Saffy eb en fa lls. Am liebsten hätte sie Lucy von ihrer kleinen Wo hnung in London erzählt, von dem Sch reibtisch unterm F en ster, doch sie beherrschte sich. Es war nicht der richtige Aug enblick. Stattdessen sagte sie: »Es hat uns beiden leidgetan, dich nach so vielen Jahren gehen zu lassen.« »Es ist der Krieg, Miss Saffy, ich wollte meinen Beitrag leisten, und als dann meine Mu tter gestorben ist und Harry ...« Saffy winkte ab. »Du b rau ch st mir n ichts zu erklären, ich verstehe d ich seh r gut. Herzensang eleg enheiten und so weiter. Wir mü ssen alle un ser Leben leben, Lucy, vor allem in sch weren Zeiten wie diesen. Der Krieg lehrt einen, was wirk lich wich tig ist, nich t wah r? « »Ich mu ss jetzt geh en.« »Ja. Sicher. Wir sehen un s bald wieder. Vielleicht näch ste Woch e, um Senfgurken fü r die Versteigerung einzulegen? Meine Kü rbisse ...«
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»Nein «, sagte Lucy, und ihre Stimme k lang plö tzlich an ders. »Nein , nicht noch ein mal. Und ich hätte auch heute nicht herkommen sollen, aber Sie haben am Telefon so du rcheinander geklungen.« »Aber Lucy ...« »Bitte, fragen Sie mich nich t wieder. Es ist nich t recht.« Saffy fehlten die Wo rte. Wieder fegte ein wütender Wind herein, der Donner war jetzt lauter zu hö ren. Lucy nahm das Geschirrtuch mit den Eiern . »Ich mu ss gehen «, wied erho lte sie etwas sanfter, was irgendwie noch schlimmer war und Saffy d ie Trän en in die Augen trieb. »Ich hole die Puppen , seh e mir Junipers Kleid an und mache mich au f den Weg.« Und dann war sie fort. Die Tü r fiel in s Schloss, und Saffy war wieder allein in d er dampfenden Küche, hielt ein e Sch üssel mit Fischb rei u mklammert und zerbrach sich den Kopf darüber, was ihre Freu ndin vertrieb en hatte.
3 Percy ließ sich die abschü ssig e Tenterdon Road h inunterrollen, über die holprigen Steine vor der Zu fahrt zu m Schloss, dann sprang sie vo m Fahrrad. »Home again, home again, jiggityjig«, sang sie vo r sich hin, während d er Kies unter ih ren Stiefeln knirschte. Sie waren noch klein gewesen , als ih re Kin derfrau ihnen diesen Reim beigebracht hatte, und doch kam er ihr auch nach Jahrzeh nten jedes Mal in den Sinn , sobald sie von der Straße in die Zu fah rt einbog . Man che Melodien, man che Reime, b lieb en ein fach häng en und ließ en sich nicht meh r ab schütteln, egal, wie seh r man sich an strengte. Nicht dass Percy den »Jiggity Jig « gern lo sg eworden wäre. Die gute Kinderfrau mit ihren kleinen, ro safarbenen Händen , die stets so viel Zuversicht ausgestrahlt hatte, die abends am Kamin gesessen und sie mit dem Klappern ihrer Stricknadeln in den Schlaf gelullt hatte. Wie hatten sie gewein t, als sie ih ren neu nzig sten Gebu rtstag gefeiert und verkündet hatte, sie werde zu ein er Großn ich te n ach Co rn wall ziehen . Saffy hatte so gar g ed roht, sich aus dem Fenster d es Dachzimmers 119
zu stü rzen, aber die Drohu ng h atte du rch häu fige Wiederh o lu ng längst an Schärfe eing ebüßt, und die Kin derfrau hatte sich nicht erweichen lassen. Ob wo hl sie sp ät d ran war, schob Percy ih r Fah rrad gemütlich die Zufah rt ho ch und ließ sich von den Wiesen beg rü ßen, die sich zu beiden Seiten au sb reiteten . Zu ih rer Linken lag das Bauernhaus mit seinen Malzd arren , dah inter die Mühle und rechts etwas weiter entfernt der Wald. Die Erin nerungen an tau send Kin dertage verbargen sich in d en Bäu men d es Cardarker-Wald s und b linzelten ih r au s dem k ühlen Schatten zu. Wie herrlich Fu rcht einflößend es doch gewesen war, sich vor den weißen Sk lav enjägern zu versteck en, wie aufregend, Drachenknoch en au szubud deln und mit dem Vater auf der Such e nach uralten römisch en Straßen das Gelände zu du rchstreifen ... Die Zufahrt war nicht besonders steil, und Percy schob ih r Fahrrad nicht au s Mangel an Kraft, sond ern weil sie es geno ss, zu Fuß zu gehen. Ih r Vater war au ch ein begeisterter Wand erer gewesen , vo r allem s eit dem E nd e des Ersten Weltk riegs. Bevo r er das Buch v erö ffen tlicht h atte, bevo r er nach London g egang en war u nd sie h ier allein zu rückg elassen hatte, bevo r er Odette kennengelernt und geheiratet und nie wieder ganz ihnen g ehö rt hatte. Der Arzt hatte ihm ge sagt, ein täglicher Sp aziergang täte seinem Bein gut, und er hatte angefangen, mit dem Sto ck, den Mr. Morris nach einem Besuch mit ih rer Großmu tter vergessen h atte, du rch die Wiesen und Felder zu wandern. »Seht ihr, wie die Spitze bei jedem Sch ritt nach vo rne sch wingt? «, hatte er gefragt, als sie eines Nachmittags im Herbst zusammen am Bach entlanggegangen waren. »So mu ss es sein. Robu st und zuverlässig. Der Stock ist eine Erinnerung.« »Wo ran, Dadd y? « Stirn runzelnd hatte er d as schlammig e Ufer b etrachtet, als läge die Antwort zwischen dem Schilf v erbo rgen. »Nun ja ... daran, dass ich auch robust bin.« Damals h atte sie nicht verstanden, was er meinte, sondern nu r angen ommen , dass das Gewicht des Stock s ih m Freud e bereitete. Jedenfalls hatte sie n icht nachgehak t. Percys Po sition als Wandergefährtin war unsicher, und die mit dieser
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Rolle verbund enen Regeln waren stren g. Das Wand ern war, laut Raymo nd Blythes Doktrin, eine Zeit der Kon temp lation und in selten en Fällen, wenn beide Beteiligten dafür empfän glich waren , eine Zeit fü r Gesp räche über d ie Geschich te oder die Poesie oder die Natu r. Plappermäuler wurden nicht geduldet, und wer das Etik ett einmal b eko mmen h atte, wu rd e es nie wieder lo s, wie die arme Saffy zu ihrem großen Kummer hatte erfahren müssen. Viele Male schon hatte Percy sich zum Schloss umgedreht, wenn sie sich mit ihrem Vater au f Wand erschaft begab, und Saffy missmu tig am Kinderzimmerfenster stehen sehen. Ihre Schwester hatte ihr jedes Mal leidgetan , aber nie genug, um b ei ih r zu bleib en. Sie fan d, es war ein gerechter Ausgleich zu den zahllosen Situationen , in denen Saffy die volle Aufmerksamkeit ih res Vaters genoss und ih m sogar hin und wieder ein Lächeln entlo ckte, wenn sie ih m die lustigen kleinen Geschichten vorlas, die sie immer schrieb. Und es war eine Entschädigung für die Monate, die ihr Vater mit Saffy allein verbracht hatte, nachdem er au s dem Krieg zu rü ckgek ehrt war un d man Percy mit Scharlach ins Krankenhau s geb racht hatte ... An der ersten Brücke blieb Percy stehen und lehn te ih r Fahrrad ans Geländer. Von hier aus konnte sie das Haus nicht sehen, noch nich t; es wurde von dem u mg eben den Wald verdeckt und würde erst zu sehen sein, wenn sie die zweite, klein ere Brücke erreich te. Sie beugte sich ü ber das Geländer und betrachtete den seichten Bach unter sich. Dort, wo die Ufer weiter au seinandertraten, bildete das Wasser klein e Strudel, flüsterte und zögerte au f dem Weg in den Wald. Percys Spiegelbild, d as sich d unkel gegen den weiß en Himmel abhob , wab erte in der g latten Ob erfläche in der Mitte des Bachs. Au f der anderen Seite lag das Hop fen feld , wo sie ih re erste Zigarette gerauch t h atte. Saffy und sie hatten sich wegg eschlichen und sich kichernd üb er das Zigarettenetui herg emach t, das sie ein em der wich tig tuerischen Freun de ih res Vaters geklaut hatten, wäh rend der sich an einem b rütend heißen Sommertag am Seeufer die fleisch igen Knö chel vo n der Sonne rösten ließ. Eine Zigarette ...
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Percy fasste an ihre Brusttasche, spürte das feste Röhrchen an den Fingerspitzen. Wo sie sich d as v erdammte Ding scho n ged reht hatte, so llte sie es auch genieß en, oder? Wen n sie erst einmal in den Trub el im Ha u s eingetauch t war, wü rd e sie bestimmt keine Gelegenheit meh r dazu fin den . Sie drehte sich um, lehn te sich gegen das Geländ er, riss ein Streichholz an, inhalierte tief und beh ielt den Rauch ein en Momen t in der Lung e, ehe sie ihn ausatmete. Gott, wie sie das Rauchen genoss. Manch mal dachte Percy, es wü rde ih r gefallen, allein zu leben, nie wieder mit einer Menschenseele ein Wo rt zu wech seln , un ter d er Bedingung , dass sie hier in Mild erhu rst wohn en würde, mit einem lebenslang en Vo rrat an Zigaretten . Sie war nicht immer so ein Einzelgänger gewesen. Lind au ch jetzt wusste sie, d ass ih r Tag trau m n ich ts and eres war als eben d as, ein Tagtrau m - wen n au ch manch mal trö stlich . Ohn e Saffy wü rde sie es nicht au sh alten, jeden falls nicht lange. Und au ch nicht ohn e Ju niper. Ih re kleine Sch wester hatte sich vier Mon ate lang in Lond on au fgeh alten, und sie beiden Daheimg eblieben en hatten sich in der Zeit au fgefüh rt wie zwei überreizte alte Jungfern: Ständig hatten sie sich gesorgt, ob Juniper auch g enug warme So cken hatte, und jedem, d er nach Lo ndon fuh r, frisch e Eier für die Sch wester mitg egeben; hatten einander beim Früh stück Junipers Briefe vorg elesen und zu ergründ en versucht, wie es um ihre Stimmung, ih re Gesundheit, ih re Gemü tsverfassu ng stand. Briefe, in denen mit k ein em Wort - auch nicht zwischen den Zeilen etwas v on der Au ssicht au f eine Hoch zeit erwähnt wu rd e. Von wegen, Mrs. Potts! Fü r jed en , d er Juniper kannte, war allein die Vorstellung lachhaft. Es gab Frauen, die geschaffen waren fü r die Ehe und Kinderbettchen auf dem Flur, und es gab solche, für die das n ich t zu traf. Ih r Vater hatte das gewusst, und desh alb hatte er alles so gereg elt, dass nach seinem Tod für Junip er gesorgt war. Percy schnau bte veräch tlich und trat ih re Kip pe mit d e m Ab satz au s. Der Ged anke an Mrs. Potts hatte sie an die Post erinnert, die sie abgeholt hatte, und sie nahm sie au s der Tasche. Ein willkommener Vorwand, noch ein bissch en das Allein sein zu genieß en.
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Es h andelte sich u m drei Sendun gen , gen au wie Mrs. Potts gesagt h atte: ein Päckchen von Meredith an Juniper, einen an Saffy adressierten, getip pten Brief und einen U mschlag, au f dem handschriftlich ihr eigener Name stand. Die schnörkelige Sch rift kon nte zu niemand anderem g ehören als zu ih rer Ku sin e Emily. Begierig riss Percy den Umsch lag au f un d hielt d en Brief in s schwächer we rdende Licht, damit sie ihn lesen k onnte. Mit Ausnahme des Debakels, als Emily Saffys Haare blau gefärbt hatte, war der Kusine im Leben der Blyth e-Zwilling e stets d er eh renhafte Titel Lieblin gskusine sicher gewesen. Dass ihre einzigen Konku rrentinnen die au fgeb lasen en Ku sinen au s Camb ridge waren, diese seltsamen , spin deldü rren Weiber au s dem No rden , und ih re jü ngere Sch wester Pipp a, deren Neigung , bei jedem n o ch so geringen Anlass in Trän en auszubrechen, sie von vo rn eherein disqualifizierte, tat der Eh re kein en Abb ruch . Jeder Besuch von Emily in Mild erhu rst wu rde g ebüh rend gefeiert, und o hne sie wäre die Kind heit der Zwillinge eine rech t trüb e Zeit g ewesen. Percy und Saffy standen sich sehr nahe, wie das eben so ist bei Zwillingen , ab er sie p fleg ten nicht die Art eng e Beziehung, die alle anderen ausschloss. Im Geg enteil, sie füh lten sich einander umso näher, wenn sie jemand Drittes in den Bund au fnah men . Als sie heran wuch sen , g ab es im Do rf zah lreiche Kin der, mit d enen sie hätten spielen kön nen , hätte ih r Vater nicht eine so tiefe Abneigung g egen Außen stehend e gehabt. Der gute Dad d y war au f seine Art ein ziemlich er Sno b gewesen , auch wenn es ihn scho ckiert h ätte, als solch er bezeich net zu werden. Was er b ewunderte, war wed er Geld no ch Status, sondern Intelligenz; Talent war die einzige Wäh rung , die fü r ihn zählte. Emily, die so woh l Intellig enz als au ch Talent b esaß, hatte von Raymo nd Blyth e den Unbed enklichk eitsstemp el erh alten und damit die Erlau bnis, jeden So mmer in Mild erhu rst zu verbringen. Ihr war sogar die Eh re zuteilgeworden , an d en berühmten Familienabenden teilzunehmen, ein mehr oder weniger reg elmäß ig stattfindend er Wettkamp f, den die Groß mu tter eing efüh rt h atte, als der Vater no ch ein Jung e war. Dann ertönte schon mo rg ens der verheißungsvolle Ruf
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»Familienabend!«, und die Vorfreude sp ornte die Familie den g anzen Tag üb er an. Wö rterbü cher wurden h erausgesuch t, Bleistifte gespitzt und der Verstand wurd e geschärft, bis sich sch ließlich nach d em Ab endessen alle im g uten Zimmer versammelten. Die Kandidaten nahmen am Tisch od er in ih rem Liebling ssessel Platz, und zum Schluss betrat der Vater das Zimmer. Am Wettkamp ftag zog er sich jed es Mal in den Turm zurück , u m eine Liste von Au fg aben zu erstellen, und deren Verkün digun g hatte imme r den Ch arakter einer Zeremonie. Die Details des Spiels variierten, aber generell wurden ein Ort, ein Charak tertyp und ein Wort vo rgegeben, die größte Eieruhr au s der Kü che umgedreht, und dann g ing es d aru m, die best e Gesch ich te zu erfinden . Percy, die zwar klug, ab er nicht geistreich war, die lieber zuh ö rte als erzäh lte, die lang sam u nd so rg fältig schrieb, wenn sie nervös war, und sich ex trem gestelzt au sd rückte, hatte diese Abend e gefü rchtet und verab scheut, bis sie i m Alter von zwölf Jahren zu fällig entd eck t hatte, d ass d em o ffiziellen Punktezähler Nach sicht g ewäh rt wu rd e. Wäh rend Emily und Saffy - deren innige Zuneigung fü reinand er ih re Konkurrenz noch anfeuerte - über ih ren Texten sch witzten, die Stirn in Falten legten, sich au f die Lippen b issen, die Bleistifte über die Seiten fliegen ließen und um Dadd ys Lob wetteiferten , blick te Percy g elassen dem V erg nügen entge gen. Im sch riftlichen Au sd ru ck waren die Ku sin en einander eb enbü rtig; Saffy besaß vielleicht einen etwas größeren Wortschatz, Emily war jedoch aufgrund ih res schelmischen Hu mo rs eindeutig im Vo rteil, und ein e Zeit lang war es o ffen sichtlich, dass der Vater d as Familien talen t vo r allem i n ihr heranreifen sah. Das war natü rlich , b evo r Junip er gebo ren wu rde, die mit ihrer frühreifen Beg abung d ie b isherige Ordnu ng ü ber den Hau fen warf. Falls Emily den Kälteschauer gespürt hatte, als Raymond Blythe ih r seine Au fmerksamkeit entzog, so erholte sie sich immerhin schnell davon . Über viele Jah re hin weg kam si e weiterh in fröh lich jeden So mmer zu Besu ch, lange über die Kindheit hinaus, bis zu jenem So mmer 1 9 2 5 , dem letzten , bevo r sie heiratete und alles endete. Emily hatte d as groß e Glü ck, so glaubte Pe rcy, dass sie zwar talentiert war, ab er
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nie die labile Gemü tsverfassung einer Künstlerin gehabt hatte. Sie war viel zu ausgeg lich en, zu sp o rtlich , zu gesellig und liebenswürdig, um den Weg der Schriftstellerin einzusch lagen. Nicht d ie Spu r einer Neurose. Das Schick sal, das ihr beschieden war, nachdem ih r Onk el das Interesse an ih r verloren hatte, war viel besser fü r sie: ein anständiger Ehemann , ein e Sch ar sommersp ro ssig er Söhne, eine Villa mit Blick au fs Meer und jetzt, wie aus ihrem Brief hervorging, au ch noch zwei verliebte Sch weine. Der ganze Brief enth ielt eigentlich nur eine Sammlung von Anekdoten aus ihrem Dorf in Dev on, Neuigkeiten über ihren Mann und ih re Jungs, über die Aben teuer der örtlichen Zivilschutztruppe und die Begeisterung ihrer alten Nachbarin fü r ih re Spritzpu mp e, und do ch h atte Percy b eim Lesen herzlich lach en mü ssen. Sie lächelte immer noch, als sie den Brief wieder zu sammen faltete und in den U mschlag zu rü ck steckte. Dann zerriss sie ihn einmal längs und einmal quer, stopfte ihn tief in die Hosentasche und setzte ih ren Weg zu m Haus fort. Sie nahm sich vor, die Schnipsel in den Papierkorb zu werfen, b evo r ih re Uniform in die Wäsche wanderte. Oder noch besser, sie würde sie n och an d iesem Nach mittag verb rennen , ohne dass Saffy es mitbekam.
4 D a s s Juniper, die einzig e Blythe, die ih re Kindh eit nicht im Kin derzimmer v erb rach t h atte, am Mo rgen ih res d reizehn ten Gebu rtstag s au fstand, ein p aar Gegen ständ e, die ih r lieb und teuer waren, in einen Kissen bezug stopfte und dann schnurs tracks nach oben marsch ierte, u m ihren Platz im Dachzimmer zu beanspruchen, hatte niemanden gewundert. Dieses Ereignis, das völlig im Widerspruch zur Tradition im Schloss stand, passte so seh r zu der Jun iper, die sie alle kann ten und liebten, dass die Episode, wenn in den fo lgend en Jah ren die Rede darauf kam, allen vollkommen selbstverständlich ersch ien und sogar Disku ssion en darüber en tstanden , ob sie das alles wo mö g lich im Vo rau s gep lan t h atte. Ju niper selb st äu ßerte sich kaum zu dem Thema, weder damals noch später: 125
Ih re ganze Kindheit üb er hatte sie in d em k lein en Neb en rau m i m ersten Stock geschlafen, und an ih rem d reizehnten Gebu rtstag hatte sie das Zimmer im Dachboden in Besitz genommen. Was sollte man no ch d azu sagen? Au fsch lu ssreicher als Junipers Umzu g in s Kin derzimmer , fand Saffy, war die eigenartige glanzvo lle Au ra, d ie Juniper seitdem zu umgeben schien. Das Dachzimmer, ein Au ßenpo sten des Schlosses, das Zimmer, in das Kinder traditionell verbann t wu rd en, b is sie au fg rund eines bestimmten Alters oder bestimmter Eigensch aften der Aufmerksamkeit der Erwach senen fü r wert befund en wu rden, ein Zimmer mit n ied riger Decke, voller Mäuse, eiskalt im Winter und brütend heiß im S ommer, an d em alle Kamin schäch te des Hau ses vo rb eiführten, schien plötzlich vo r Leben zu su mmen . Leute, die überhaupt keinen Grund hatten, sich die Kletterpartie zu zu mu ten, suchten das Kinderzimmer auf. »Ich will nur kurz vo rb eisch auen «, sagten sie, bev or sie im Trep penh au s versch wanden und un gefäh r eine Stund e sp äter verleg en wied er herunterkamen. Saffy und Percy warfen einander amüsierte Blick e zu und v ertrieben sich die Zeit d amit zu sp ekulieren, was in aller Welt der ah nung slose Gast da oben gemacht haben kön nte - d enn eins war klar: Jun iper war kein e zuvo rko mmende Gastgeberin. Nicht dass ih re klein e Schwester unh ö flich war, aber sie war n icht besonders gesellig und a m liebsten mit sich allein . Un d d as war au ch gut so, da sie wenig Gelegenheit gehabt hatte, andere Menschen kennenzulernen. Es gab keine Ku sinen in ih rem Alter, keine Freu nde der Familie, und d er Vater hatte darauf bestanden, dass sie ihren Schulunterrich t zu Hau se erhielt. Saffy und Percy konnten sich nur vo rstellen, dass Juniper ihre Besu cher ignorierte, sie ungehind ert in dem Ch ao s ih res Zimmers heru mschlend ern ließ , bis sie dessen üb erd rü ssig wu rden und von allein wieder gingen. Es war eins vo n Junipers erstaun lichsten Talenten, das sie seit ihrer Geb urt besaß: die üb erwältigende Anziehung sk raft, die sie au f alle ausübte, ein Phäno men , d as einer wissen sc haftlich en Untersu chung wert gewesen wäre. Selbst Leute, die Junip er nich t leiden kon n ten, wollten von ih r gemocht werden.
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Aber als Saffy an jenem Tag im Ok tober zu m zweiten Mal die Treppe hochstieg, war die Enträtselung des geh eimn isvo llen Char mes ih rer klein en Sch wester das Letzte, was ih r au f den Nägeln b rannte. Das Gewitter zog sich schn eller zu sammen als Mr. Potts' Heimweh r, und die Fen ster des Dach zimmers stan den weit o ffen . Es war ih r au fgefallen, als sie bei den Hühnern war und Helen-Melon s Federn gestreich elt und sich um Lucys finstere Stimmung geso rgt hatte. In einem Fen ster war das Lich t a ngegangen , u nd als sie hoch blick te, sah sie Lu cy, die die Krank enh au spupp en au s de m Nähzimmer holte. Sie war dem Weg der Haushälterin mit Blicken gefolgt, ein Schatten, der an den Fenstern im ersten Sto ck vo rbeihu schte, das sch wache Tageslich t, als sie die Tü r zu m Flu r ö ffnete, dann eine oder zwei Minu ten nichts, bis d as Licht im o beren Trepp enhau s anging , das zu m Dach boden führte. Da waren ihr die Fenster eingefallen. Sie selbst hatte sie am Morgen geö ffnet in der Ho ffnung , d ass die frische Luft den Mief der letzten Mon ate vertreib en wü rde. Diese Hoffnung wü rd e sich wohl kaum erfüllen, aber es war doch sicher besser, etwas vergeblich zu versuchen, als von vo rnherein au fzugeb en, o der? Doch jetzt, wo Reg en in der Luft lag, musste sie die Fenster schließen . Sie hatte gewartet, bis das Lich t im Treppen hau s au sging, d ann no ch ein mal fü n f Minuten, und als sie sich ganz sicher war, dass sie Lucy auf dem Weg nach oben nicht begegnen wü rde, war sie in s Haus g egan gen. Nachdem sie so rg fältig d arau f geach tet hatte, n ich t au f die drittletzte Stufe zu treten - das feh lte ih r no ch, dass der Geist des kleinen Onkels ausgerechnet heute Aben d sein Unwesen trieb -, öffnete sie die Kinderzimmertür und schaltete das Lich t ein . Es leuchtete ganz schwach, wie alle Birnen im Haus, und Saffy blieb in der Tü r stehen. Das tat sie, abgesehen von dem schwachen Licht, aus Gewohnheit, wenn sie sich in Junipers Reich vorwagte. Es gab wah rscheinlich nu r wenige Zimmer auf der Welt, dachte Saffy, d ie vo r de m Betreten einen genauen Plan erfo rd erten. Das Zimmer als Saustall zu bezeichnen war vielleicht übertrieben , ab er nu r ein b isschen .
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Der Mief war nicht verflogen; gegen den Gestan k nach schalem Zigaretten rauch, Tinte, nassem Hu nd und Mäu sedreck konnten ein paar Stunden frisch e Lu ft n ichts au srich ten. Der Hund egeru ch ließ sich leicht erk lären — Junipers klein er Hund Po e war während ihrer Ab wesenh eit un tröstlich gewesen und h atte ab wech seln d am En de der Zu fah rt und a m Fußende ihres Betts Trüb sal geblasen. Was die Mäuse an ging, war Saffy sich nich t sicher, ob Junip er sie wo mö glich fütterte oder ob die klein en Biester nu r von dem Du rch einander in dem Zimmer p rofitierten . Beid es war mö glich. Und au ch wenn sie es nicht u nbed ingt zugeb en wü rde, mochte Saffy den Mäusegeruch; er erinnerte sie an Clementina, die sie sich am Mo rgen ihres achten Gebu rtstag s b ei Harrods in der Hau stierab teilung gekau ft hatte. Tina war ih r eine liebe klein e Freund in gewesen , bis zu dem u n glücklich en Zusammentreffen mit Percys Schlange Cyrrus. Ratten waren zwar eine übel verleumdete Spezies, aber reinlicher als gemeinh in angenomme n und sehr g esellig, das Adelsgeschlecht unter den Nagern. Nachdem S affy einen halb weg s begehbaren Pfad zu m Fenster au sgemacht hatte - eine Hin terlassenschaft vo n ih rer letzten Exped ition —, durch querte sie eilig d as Ch ao s. Gott, wenn ih re Kin derfrau das Zi mmer seh en könnte! Läng st v er gessen waren die sauberen, ordentlichen Zeiten ihrer Herrschaft, die unter ihrer Au fsicht g elö ffelte Milchsuppe a m Abend, der k leine Handfeger, der nach dem Essen hervorgeholt wu rde, um alle Krümel au fzufegen , die beiden kleinen Schreibtische an der Wand , der Du ft nach Bien en wach s und Seife. Nein, diese Epoche war lang e vo rbei, und an ih rer Stelle war, so schien es Saffy, d ie Anarchie ein gezo gen . Papier, überall Papier, vollgek ritzelt mit seltsamen Anweisungen, Zeichnung en und Fragen, die Ju niper sich notiert hatte, en tlang den Fußleisten hatten sich Staub flock en au fg ereiht wie Anstandsdamen bei einem Debütantinn enball. Alles Mö gliche hin g an d en Wänd en: Fotos von Men schen und Orten und eigenartige Wortgebilde, die aus unerfindlichen Gründ en Junipers Fan tasie anregten; und der Fußboden war ein Meer au s Büchern, Kleidung sstü cken , benu tzten Tassen , beh elfsmäßig en Aschenb echern, Lieb ling spupp en mit beweg -
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lichen Augen , alten Busfahrscheinen mit an den Rand gekritzelten No tizen . Das Ganze machte Saffy beno mmen u nd drehte ihr den Magen u m. War das etwa ein Brotk anten da unter der Flickendecke? Wen n ja, war er inzwischen versteinert und museumsreif. Hinter Juniper her aufzuräu men war eine schlechte Angewohnheit, die Saffy schon vor langer Zeit erfolg reich bekämp ft hatte, aber d iesmal konnte sie dem I mp u ls ein fach nicht widerstehen. Uno rdn ung war eine Sache, Essensreste eine andere. Angewidert wick elte sie den Brotk anten mit allen Krü meln in die Steppdecke, eilte ans näch ste Fenster, schüttelte die Decke au s und wartete, bis sie hörte, wie das steinharte Brot dump f im Gras land ete. Mit einem Sch aud ern schüttelte sie die Decke ab ermals aus, schloss das Fenster und zo g den Verdun kelu ng svo rhang zu . Die schmuddelig e Deck e mu sste gewaschen und geflickt werd en, aber das kon nte warten . Fü rs Erste wü rd e Saffy sich damit begnügen, sie wenig stens o rd entlich zusammen zu falten. Natü rlich nicht allzu ordentlich - obwohl Juniper das sowieso nicht merken und sich noch weniger daru m scheren wü rd e -, aber so, d ass ih r wieder ein bisschen Wü rde zuteilwu rd e. Die Deck e, dach te Saffy, wäh ren d sie d ie End en au f Ar meslänge hielt, h atte etwas Besseres verdient, als vier Mo nate lang au f d em Boden als Leichen tuch fü r ein v ersch immelndes Stück Brot zu di enen . Sie war ein Geschenk gewesen , ein e der Bauersfrauen au f d em A n wesen hatte sie vo r Jahren für Juniper genäht, einer der typisc hen un erbetenen Liebesdienste, die ih r stän dig entg egengeb rach t wurden. Die meisten Mensch en wären gerührt von einer solchen Geste und würden ein so ko stbares Geschenk in Eh ren halten, nicht so Juniper. Sie maß den Werk en anderer nicht mehr Wert bei als ihren eigenen. Das, dachte Saffy seufzend , wäh rend sie all das Papier betrachtete, das d en Boden wie ein Laub teppich bedeck te, war einer der Charak terzüge ih rer klein en Schwester, den si e am wenigsten verstand. Sie sah sich n ach einer Stelle u m, wo sie d ie gefaltete Steppdecke ab leg en konnte, und entschied sich für einen Stuhl. Ein aufgeschlagen es Buch lag ob en au f ein em Bücherstapel, un d Saffy, eine unermü d liche Leserin , k lappte es zu,
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u m zu sehen , u m was es sich handelte. Old Possums Katzenbuch, in das T. S. Eliot eine Widmung fü r Juniper geschrieben hatte, als er einmal zu Besuch da gewesen war und der Vater ih m ein paar von Junipers Gedich ten gezeigt h atte. Saffy wu sste nicht so recht, was sie von Tho mas Eliot h alten so llte; natü rlich b ewunderte sie ihn als Sch riftsteller, aber in seiner Seele schlu mmerte ein Pessimismu s, seine An schauungen waren so düster, dass ihr mehr als früher die bed rü ckend e Seite seiner Ged ich te au ffiel. Nicht so seh r in den Katzen versen , die ja no ch recht lau nig waren, aber in seinen anderen Gedichten. Seine Obsessio n fü r tickende Uhren und die Vergänglichkeit war das beste Rezept, um schwer mü tig zu werden, so schien es Saffy, und d arau f ko nnte sie gut u nd gern verzichten . Wie Jun iper darü ber dachte, wa r nicht g anz eindeu tig , und das wund erte Saffy n ich t. Wenn Juniper eine Ro man fig ur wäre, d achte Saffy o ft, ließe sie sich eig entlich n ur anhand der Reaktionen der anderen Figuren au f sie beschreiben, wobei natü rlich die Gefahr bestand, dass Deutungen den Anstrich von Wahrheiten erhielten. Worte wie »entwaffnend «, »ätherisch « und »b etörend« wären von unschätzbarem Wert für den Autor, ebenso wie »leiden schaftlich « und »verwegen « und hin und wieder sog ar - au ch wen n Saffy d as niemals laut au ssp rechen wü rd e - »gewalttätig«. Bei TS. Elio t hieße sie wahrscheinlich »Jun iper - d ie undu rch sch aub are Katze«. Saffy lächelte bei d em Gedank en und wischte sich den Staub von den Händen; Juniper hatte tatsäch lich etwas Katzenhaftes: die weit auseinanderstehenden Augen, der intensive Blick, die Leichtfüßigkeit, die Unempfänglichkeit für unerbetene Aufmerk samk eit. Saffy watete du rch das Papiermeer zu den anderen Fenstern und erlaubte sich einen kleinen Umweg am Schrank vo rb ei, an dem das Kleid hing. Sie hatte es am Morgen , nachdem sie sich vergewissert hatte, dass Percy aus dem Haus war, aus seinem Versteck geholt und sich üb er d ie Ar me g elegt wie das schlafende Dornrösch en. Sie h atte einen Kleid erbüg el extra verbiegen müssen, damit die Seide sich so um die Schrankecke legte, dass sie von der Tü r aus zu sehen war. Das Kleid musste das Erste sein, was Junip er erblickte, wenn
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sie am Ab end d ie Tür zu ih rem Zimmer ö ffnete und das Lich t anknip ste. Ach, das Kleid — ein perfektes Beispiel für die undu rchsch aubare Juniper. Als der Brief au s London kam, h atte er Saffy dermaßen überrascht, dass sie ihn, wenn sie nicht zahllo se Male Zeug in der unerwarteten Keh rtwen dungen ih rer Schwester geworden wäre, fü r einen Scherz gehalten hätte. Wenn es etwas gab, wo rau f si e Geld verwetten wü rde, dann dies: Juniper Blythe interessierte sich nicht d ie Bohne fü r schöne Kleider. Sie hatte ih re Kindh eit in ein fachen weiß en Bau mwo llkleidchen verbracht, war stets barfuß gelaufen und besaß ein seltsames Talent dafü r, jedes neue Kleid, egal wie raffiniert es gesch nitten war, innerhalb von zwei Stunden in eine sackartige Hü lle zu ve rwandeln. Und entgegen Saffys heimlicher Ho ffnu ng hatte sich das au ch n icht g eänd ert, als Juniper erwach sen wu rd e. Wäh ren d andere siebzehnjäh rige Mädch en es n icht erwarten konnten, zu ihrem ersten Ball nach London zu fah ren, hatte Juniper kein Wort darüber verloren und Saffy, als sie das Thema an sp rach, mit einem vernichtenden Blick bedacht, von dem sie sich erst nach Wochen erholt hatte. Andererseits war das auch wied er gut so gewesen, da ih r Vater ohnehin niemals seine Zustimmung gegeben hätte. Juniper war sein »Burgfräulein«, wie er zu sagen pflegte, und es gab keinen Grund für sie, das Schloss zu v erlassen . Welch en Nutzen sollte ein junges Mädchen wie sie von einem Debü tantinnen ball haben? Die hastig hingewo rfene Nach schrift in Junipers Brief, in der sie Saffy fragte, ob sie ihr nicht irgend wie ein Kleid nähen k önnte, das sich als Ballkleid eignete - ob sie nicht irgend wo noch ein Kleid vo n Junipers Mutter hätten? Etwas, das sie vor ihrem Tod in London getragen hatte, etwas, das man vielleich t ändern kön ne? -, hatte sie zutiefst verwirrt. Der Brief war ausdrücklich nur an Saffy adressiert, und so hatte sie, ob wohl sie sich normalerweise mit Percy beriet, wenn es um Ju n iper ging, im stillen Kämmerlein üb er Ju nipers Bitte nachgedacht. Nach einigem Hin und Her war sie zu dem Schluss g ekommen, dass das Stadtleb en ih re kleine Schwester einfach verändert hatte, und sie frag te sich , ob es sie v ielleicht n och in an derer Hin sicht veränd ert hatte. Wo -
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möglich hatte Juniper vo r, n ach dem Krieg fü r immer nach London zu ziehen, fo rt von Milderhurst, ganz gleich, was der Vater für sie vorgesehen hatte. Auch wenn sie nicht wusste, warum Juniper sie um den Gefallen gebeten hatte, war es Saffy eine große Freude, ihr behilflich zu sein. Neben der Schreibmaschine war ihre Singer 2 0 1 K - zweifellos das beste Modell, das je hergestellt worden war - ih r gan zer Sto lz, und seit Krieg sbeginn hatte sie mit großem Fleiß genäht, allerdings ausschließlich praktische Dinge. Eine Zeit lan g mal nicht stapelweise Decken und Kran kenh ausschlafanzüge an fertigen zu mü ssen , sondern stattdessen etwas Modisches zu kreieren , war eine aufregende Herau sfo rd erung. Und Saffy hatte so fo rt g ewu sst, welches Kleid ih re Sch wester meinte, sie hatte es schon damals sehr bewundert, an jenem unv ergesslich en Abend , als ih re Stiefmu tter es in Lo ndon zu r Premiere von Vaters Stück getrag en hatte. Seitdem lag es sorgfältig verpackt im Familienarchiv, einem luftdicht abgesch lossenen Rau m, d em einzigen i m Schloss, wo es vo r Motten geschützt war. Saffy fuhr mit den Fing erspitzen über den seidenen Stoff. Die Farbe war exquisit. Eine schimmern d e And eutu ng von Rosa, wie die Un terseite der Pilze, die bei der Mühle wuchsen , eine Farb e, die ein flüchtiger Blick für Creme h alten kon nte, die sich erst bei näh erem Hin sehen erschlo ss. Saffy hatte wochen lang an d en Änderungen gearbeitet, imme r heimlich, aber das falsch e Spiel war die Sache wert gewesen. Sie hob den Saum an, um die feine Handarbeit noch einmal zu überprüfen , dann glättete sie ihn zufried en . Sie trat einen klein en Sch ritt zu rück , u m ihr Werk zu bewundern. Ja, es war wu nderschö n; au s einem Kleid, das schön, aber altmodisch gewesen war, hatte sie mithilfe der Lieblingshefte au s ih rer Vogel-Sammlung ein Kunstwerk geschaffen. Wenn das unb escheiden klan g, bitte seh r. Saffy wusste sehr wohl, dass dies wo mö glich ih re letzte Gelegenheit war, d as Kleid in seiner ganzen Pracht zu betrach ten (die trau rige Wah rheit war, dass man nicht wissen konn te, welches g rau same Schick sal es erwartete, wenn Juniper es erst einmal in Besitz genommen hatte), und sie wollte sich diesen g roß artig en Au genblick n ich t mit falsch er Bescheidenh eit verd erben .
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Sie warf einen verstohlenen Blick hinter sich, dann nah m sie das blassrosafarbene Kleid vo m Bügel, um sein Gewicht noch einmal in den Händ en zu spüren. Alle beso nders schönen Kleid er hatten ein angenehmes Gewicht. Sie schob die Zeig efinger unter die Träger, hielt sich das Kleid an und trat vo r den Sp ieg el. Sie biss sich au f die Lippe. So wie sie dastand, den Kopf leicht zu r Seite geneig t, eine Angewohnh eit au s der Kindh eit, die sie nie h atte ablegen könn en, in de m ab gedun kelten Zimme r, ein paar Sch ritte vo m Sp iegel entfern t, hätte man meinen kö nnen , dass die Jah re nie vergan gen waren . Wenn sie die Augen ein bissch en zu sammen kniff, ein bisschen b reiter läch elte, hätte man sie fü r die Achtzehn jäh rig e halten könn en, die bei der Premiere von Vaters Stück in London neben ih rer Stiefmu tter stand , sie u m d as blassro sa Kleid beneidete und sich schwo r, d ass auch sie ein es Tages so ein wun dervolles Kleid trag en wü rde, v ielleicht ja zu ihrer eigenen Hochzeit. Als Saffy das Kleid wieder auf den Bü gel hängte, trat sie au s Versehen au f ein Trinkg las, ein s aus einer Garnitur, die die Familie Asquith ihren Eltern zu r Hoch zeit geschenkt hatte. Sie seufzte; Junipers Respektlosigkeit kannte wirklich keine Grenzen. Saffy kon nte das Glas b eim b esten Willen nicht so auf dem Boden lieg en lassen . Sie b ück te sich, um es au fzuheben, und als sie sich gerade wieder au frichten wollte, en tdeckte sie eine Tasse aus Limoges-Porzellan unter einer alten Zeitung ; eh e sie wusste, wie ihr geschah, hatte sie ihre eigen e go ldene Reg el übertreten und war dabei, auf allen vieren d as Zimmer in Ordnu ng zu b ringen . Innerhalb weniger als einer Minute hatte sie eine kleine Samml ung Gläser und Geschirrteile ang ehäu ft, ab er dadu rch hatte sich an dem allgemeinen Chao s nichts geändert . All das Papier, all die beschriebenen Zettel. Das Du rcheinander, Junipers Unfäh igkeit, irgendeine Ord nung herzustellen, einen Gedanken festzuhalten, bereiteten Saffy beinahe körperliche Sch merzen . Juniper und Saffy waren beide Schriftstellerinnen, aber ih re Meth oden ko nnten nicht g egensätzlicher sein. Saffy hatte sich an gewöh nt, täg lich einige kostbare Stunden auf das Schreiben zu verwenden, in denen sie still an ih rem Sc h reibtisch saß , vo r sich ein
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Notizheft, den Federhalter, d en ihr Vater ihr zum sechzehnten Gebu rtstag gesch enkt hatte, und eine Kanne mit frisch au fgeb rüh tem, starken Tee. So rg fältig und lan gsam b rach te sie ih re Worte in ein e gefällige Ordnung, schrieb, formulierte um, korrigierte und perfek tionierte, las sich ih re Texte laut vo r und gen oss es, die Geschichte ihrer Heldin Adele mit Leben zu füllen. Erst wenn sie v oll und ganz mit dem Ergebn is zufrieden war, zog sie ihre Olivetti heran und tip p te den nächsten Absatz ab. Juniper dagegen schrieb wie jeman d , der versu chte, sich von einem inneren Ballast zu be freien . Sie sch rieb an jede m Ort, wo sie sich in spiriert fühlte, sie schrieb, wo sie ging und stand, verstreute au f ihrem Weg Gedichtentwü rfe, Skizzen, deplatzierte und daher umso ausdruck sstärkere Adjektive, verstreute ihre Wo rte im g anzen Hau s wie Brotk ru men , die den Weg wiesen zu ihrem Lebkuchenzimmer unter dem Dach. Manchmal fand Saffy solche Zettel beim Pu tzen, vo llgekritzelte Seiten hinter dem So fa, u nter dem Tepp ich , u nd dann verlor sie sich in der Geschich te um ein altes römisches Kriegsschiff, das mit geblähten Segeln dahinb rau ste, während zwei Liebende sich u nter Deck versteckten, bis ein Befehl gesch rien wu rde und es so au ssah , als würden sie en tdeckt ... Und dann hörte die Erzählung mittendrin auf, weil Jun iper das Interesse an ihr verloren hatte. Dann gab es Geschichten, die in einem Anfall von Arbeitswut angefangen und beendet wurden, der b lan ke Wahnsinn , dachte Saffy manch mal, auch we nn dieses Wort in der Familie Blythe nicht leich tfertig benutzt wu rde, erst recht nicht in Bezug au f Juniper. Häufig erschien die jüngste Schweste r nicht zum Abendessen, und unter der Tür des Kinderzimmers war ein heller Lich tstreifen zu sehen. Der Vater wies den Rest der Familie an , sie nicht zu stören, die Bedürfnisse des Körpers seien zweitrang ig gegenüb er d en An sp rü chen des Geistes, aber Saffy hatte jedes Mal heimlich einen Teller mit Essen hinau fg eb racht. Nicht dass Juniper je etwas davon angerührt hätte. Sie schrieb pausenlos, die ganze Nacht hindu rch. Es überkam sie plötzlich und heftig, wie ein Tropen fieber, das k urz au fflammte und am n äch sten Tag v erschwunden war. Wenn sie am Mo rgen nach un ten kam, war
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sie erschö pft, wie benommen, ausgelaugt. Dan n rek elte sie sich au f dem So fa und g ähnte au f ih re katzenh afte Art, u nd der Dämon war ausgetrieben und vergessen. Und das war das Seltsamste fü r Saffy, die ihre eigenen Gesch ichten - Entwü rfe und En dfassung en - in g leich g roß en Schachteln sammelte und hü bsch und sauber gestapelt im Familienarchiv au fbewahrte, die beim Schreiben von der erregenden Aussicht angetrieben wu rde, ih r Werk eines Tages zu einem Bu ch bin den lassen und einem Leser in die Hand d rü ck en zu könn en. Juniper in teressierte es n icht im Gerin gsten, ob das, was sie sch rieb, von irgendjemandem gelesen wu rd e. Dass sie ihre Texte niemandem zeigen wollte, hatte nich ts mit falscher Bescheidenheit zu tun; es war ihr schlichtweg eg al. Wenn sie ein mal etwas aufgeschrieben hatte, interessierte es sie nicht mehr. Wenn Saffy dies Percy g egenüb er erwähnt hatte, war diese jedes Mal v öllig v erblü fft g ewesen , aber das war auch nicht anders zu erwarten . Die arme Percy, die n icht die Spu r ein er künstlerischen Ader besaß ... Sieh mal einer an! Saffy h ielt inne, immer no ch au f allen vieren. Was kam denn da unter dem Pap ierg estrüpp zu m Vo rschein? Großmu tters silberner Vorlegelöffel, nach dem Saffy den h alb en Tag gesucht hatte! Sie setzte sich au f die Fersen und stützte sich mit den Händen au f d ie Schen kel, u m sich zu strecken und die Schmerzen in ihrem Rücken zu lindern. Sie und Lucy hatten sämtlich e Sch ubladen im Hau s du rch wühlt, dabei hatte der Lö ffel die ganze Zeit in Junipers Zimmer u nter einem Stap el Pa p ier gelegen, ein fach unglaub lich. Saffy wollte den Löffel gerade an sich n eh men - au f dem Griff en tdeckte sie ein en seltsamen Fleck , den sie sich würd e vorneh men mü ssen -, als sie feststellte, dass er als eine Art Lesezeichen diente. In einem Notizheft, das mit Junipers unleserlicher Handschrift vollgekritzelt war. Aber die gekenn zeichn ete Seite trug ein Datum. Saffys Augen, geschu lt du rch lebenslanges unersättliches Lesen, waren schneller als ihre guten Manieren, und in dem Bru chteil einer Sekunde, die sie brau chte, um zu b linzeln, h atte sie erfasst, dass es sich um ein Tag ebuch hand elte und dass der Eintrag neueren Datu ms war. Mai 1 9 4 1 , ku rz bev o r Jun iper nach London abgereist war.
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Es war ein fach ung eheuerlich, in einem fre mden Tagebuch zu lesen , und Saffy selbst wäre zutiefst gekränkt, würde jemand ihre Privatsphäre derart v erletzen, aber Junip er hatte sich noch nie für Verhaltensregeln interessiert, und Saffy fan d, au ch wenn sie nich t mit Worten hätte erklären können, waru m, dass diese Tatsache es ihr erlaubte, einen Blick in das Heft zu werfen . Junip ers Ang ewohnh eit, p ersönlich e Au fzeichnung en o ffen h eru mliegen zu lassen , war doch wie eine Au ffo rderung an ih re ältere Sch weste r, ih re Ersatzmu tter, sich zu vergewissern , d ass alles in Ordnung war. Junip er war fast neu nzeh n, aber sie war ein Spezialfall. Sie war nicht wie and ere Erwach sene fü r sich selb st verantwo rtlich. Wie sollten Saffy und Percy ih re Rolle als Jun ipers Vormü n der erfüllen, wenn sie nicht dafür so rgten, dass sie üb er die Ang eleg enheiten ih rer kleinen Schwester im Bilde waren? Ih re Kinderfrau hätte k eine Sekund e gezögert, die Tagebü ch er und Briefe zu lesen , d ie ihre Schutzbefohlenen offen herumliegen ließen, weshalb die Zwillinge sich immer neue Versteck e hatten such en müssen. Dass Juniper sich gar nicht erst die Mühe machte, war fü r Saffy Beweis genug, dass ihre kleine Schwester ih r mü tterliches Interesse geradezu beg rüß te. Und jetzt lag Junipers Tagebuch vo r ih r, au fgesch lag en an einer Seite neueren Datums. Also , d a wäre es doch beinahe gefühllos, n icht wenigsten s einen ku rzen Blick darauf zu werfen.
5 An den Eingangstufen, wo Percy immer ihr Fahrrad a b stellte, wenn sie zu müde, zu faul oder zu sehr in Eile war, um es in den Stall zu schieb en, was häufig vo rkam, stand schon ein Fah rrad . Das war ung ewöhn lich - Saffy hatte keinen weiteren Gast erwähnt au ßer Juniper und diese m Thomas Cavill, die auf k ein en Fall mit dem Fah rrad, sond ern mit dem Bus kommen wü rd en. Percy stieg die Stufen hoch und k ramte in ih rem Beu tel nach dem Schlüssel. Saffy, überzeugt davon , d ass Mild erhu rst au f Hitlers Englandkarte rot eingekreist war und die 136
Nazis die Sch western Blythe in s Gefängnis werfen wollten , hatte sich seit Krieg sbeg inn ang ewöh nt, die Eing ang stür ab zu schließen, was Percy eigentlich in Ordnung fand, auß er dass ih r Hau sschlü ssel d azu neigte, stets un au ffindbar zu sein. Enten schnatterten au f d em Teich, die d unklen Wip fel des Cardarker-Walds wogten , der Donn er ro llte immer n äh er heran, und ihre Suche schien kein End e zu n ehmen . Als sie es gerade aufgeben und sich mithilfe ihrer Fäuste bemerkbar mach en wollte, ging die Tü r auf, und Lucy Middleton stand vor ih r, das Haar unter einem Ko pftu ch verborgen und in d er Hand eine schwach leuchtende Fahrradlampe. »Mein e Güte!« Die ehemalige Haushälterin fasste sich mit der freien Hand an die Bru st. »Hab en Sie mi ch ersch reckt!« Percy öffnete den Mund , fan d jedoch keine Worte und machte ih n wieder zu. Sie warf sich ih ren Beutel über die Schulter. »Ich - ich habe im Hau s au sgeholfen «, fuh r Lucy mit hoch rotem Gesicht fo rt. »Miss Saffy hat mich an geru fen. Heute Nachmittag. Ihre Haushaltshilfen hatten heute beide keine Zeit.« Percy räusperte sich u nd b ereute es au f d er Stelle. Ih r Krächzen verriet ih re Nervos ität, und Lu cy Midd leto n war die Letzte, vo r der sie sich eine Blöße geb en wollte. »Dann ist also alles fertig für heute Abend? « »Das Kaninchen ist im Ofen , und ich habe Miss Saffy An weisungen dagelassen.« »Verstehe.« »Das Essen muss lang sam g aren. Ich fürchte, dass Mis s Saffy zu erst überk ocht.« Es war ein klein er Scherz, ab er Percy zög erte zu lan ge mit dem Lachen . Sie überlegte, was sie sagen sollte, aber es gab zu wenig und zugleich zu viel, und Lucy Middleton, die erwartung svoll vo r ih r stand, mu sste gespü rt hab en, d ass nichts mehr kommen würd e, denn sie schob sich verlegen um Percy herum und ging zu ih rem Fahrrad. Nein, sie hieß ja g ar nicht meh r Middleton, sie hieß jetzt Rogers. Sie und Harry waren schon über ein Jahr verheiratet. Fast and erthalb.
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»Au f Wiedersehen, Miss Perc y.« Lu cy stieg au f ih r Fah rrad . »Und dein Mann? «, fragte Percy hastig und v erach tete sich sogleich dafür. »Geht es ihm gut? « Lucy schaute sie nicht an . »Ja.« »Und d ir natü rlich au ch? « »Ja.«
»Und dem Baby? « Beinahe ein Flüstern. »Ja.« Ihre Körpersprache war die eines Kindes, das gescholten, ja, das geschlagen wurde, und Percy verspü rte plötzlich große Lust, Lucys Erwartung en zu erfüllen . Natü rlich tat sie es nicht, sondern wählte einen beiläu figen Ton, weniger gereizt, beinahe unbeschwert: »Wü rdest du deinem Mann au srichten, d ass die Standuhr in d er Eing ang shalle immer noch vo rg eht? Gan ze zeh n Minuten? « »Ja, in Ordnun g.« »Die Uh r lag ih m doch stets am Herzen , wenn ich mich recht erinnere? « Lucy wich ih rem Blick weiterhin aus, murme lte jedoch eine unv erständ liche Antwort, bevo r sie sich au fs Rad setzte und lo sfuh r. Das Licht der Lampe zeichnete eine zitternde Botschaft auf den Weg vor ih r. Als Saffy hö rte, wie die Haustü r zug esch lag en wu rd e, klappte sie d as Tag ebu ch zu . Ih re Schläfen und Wan gen po chten, die Haut über ihren Brüsten spannte sich. Ihr Puls sch lug schneller als das Herz eines kleinen Vogels. Tja. Leicht schwankend stan d sie vom Bo den au f, wo sie gesessen hatte. Damit hatte das Rätselraten jeden falls ein Ende, das Geheimnis um den bevorsteh enden Abend, das au fwendig geänderte Kleid , den jungen Gast. Es war also gar kein Fremd er. Nein. Ganz und gar kein Fremd er. »Saffy?« Percys Stimme drang scharf und ärgerlich du rch alle Etagen. Saffy hielt sich d ie Stirn, wappnete sich für d ie Au fgab e, die vor ih r lag. Sie wusste, was sie zu tun hatte: Sie mu sste sich umziehen und nach unten gehen, sie mu sste herausfinden, wie viel gutes Zured en Percy b rauch en wü rd e, u nd d ann mu sste sie dafü r so rgen , dass der Aben d ein vo ller Erfolg wu rd e. Und so eben sch lug die Standuh r sech s, sie mu sste sich also sputen. Juniper und der jung e Mann - dessen Name , 138
da war sie sich ganz sicher, derselbe war wi e der, den sie eb en in dem Tagebuch gelesen hatte - würden in einer Stunde eintreffen; die Heftigkeit, mi t der Percy die Tür zugesch lagen h atte, ließ darau f schließen , dass sie ziemlich übellaunig war; und Saffy war immer no ch so angezogen , als hätte sie den gan zen Tag fü r den Sieg geschu ftet. Der Haufen geretteter Gläser un d Geschirrteile war plötzlich verg essen. Saffy watete durch das Papiermeer, um die restlich en Fen ster zu schließen und die Verdunkelungsvorhänge zuzuziehen. In der Einfah rt bewegte sich etwas - Lucy üb erquerte gerade au f ih rem Fahrrad die erste Brücke -, ab er Saffy schaute in eine an dere Richtung. Ein Vogelschwarm flo g üb er den Hopfen feldern au f, und sie blick te den Vög eln nach. So frei wie ein Vogel, hieß es, dabei waren sie gar nicht frei, jed en falls nich t, soweit Saffy d as beu rteilen konn te: Sie waren aneinandergekettet d urch ih re Gewohnh eiten, ih re Bed ü rfnisse, ih re Biolog ie, ih re Natu r, ih re Gebu rt. Sie waren nicht freier als and ere Lebewesen . Den noch kannten sie das Hochgefühl des Flieg ens. Was wü rde Saffy nicht dafür geben, einmal die Flügel ausbreiten und fliegen zu kön nen, vom F enster über die Wiesen und Wälder zu g leiten und den Flugzeug en n ach London zu folgen. Ein mal, als kleines Mädchen, hatte sie es versucht. Sie war au s dem D achzimmerf en ster gestieg en, h atte sich d en Dach first entlangg ehang elt und war auf den Mauervorsprung unter Vaters Turm geklettert. Vorher hatte sie sich Flügel ge bastelt, prächtige Flügel aus Seide, die sie mit Bindfaden an dün ne Zweige g ebund en hatte. Sie hatte sogar Schlau fen au s Gummi band angenäht, du rch d ie sie d ie Arme stecken konn te. Sie waren wunderschön gewesen — nicht rosa od er rot, nein, zin noberro t, und sie leuch teten in d er So nne wie d ie Fed ern vo n echten Vögeln -, und n achd em sie abg esp rung en war, war sie sog ar ein paar Sekund en lang g eflo gen. Der starke Wind, der vom Tal heraufwehte, hatte sie kurz erfasst und ihr d ie Arme n ach hinten gerissen, un d ein en herrlichen Moment lang hatte sich alles v erlan gsamt, und sie hatte ein e Ahnung davon bekommen , wie himmlisch es war zu fliegen . Dann war plötzlich al les ganz schnell gegangen, sie war ab-
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gestü rzt, und als sie auf dem Boden aufschlug, hatte sie sich die Flügel und die Arme gebrochen. »Saffy!«, ertönte es wieder von unten. »Versteck st du dich etwa vor mir? « Die Vögel versch wanden in den dichten Wolken, Saffy sch loss d as Fen ster und zog die Verd unkelung svo rhänge so dicht zu, dass kein bisschen Licht meh r n ach außen drin gen kon nte. Der Himmel grummelte wie ein voller Magen, wie der g efräßige Bauch ein es feinen Herrn, d er sich nicht mi t dem Mangel in einer rationierten Vo rratsk ammer b egnüg en mu sste. Saffy läch elte, das Bild gefiel ih r, und sie nahm sich vor, es in ihrem Notizheft festzuhalten . Es war still im Haus, seh r still. Viel zu still, d ach te Perc y und p resste beu n ruhigt die Lippen zusammen ; Saffy h atte sich schon immer versteckt, wenn eine Konfrontation ih r erbittertes Haupt erhob. Ih r Leben lang hatte Percy stets die Gefechte ih rer Zwilling ssch wester au sg efoch ten , darin war sie gut, es mach te ihr sogar Spaß , u nd es funktionierte hervorragend, außer wenn es Streitigkeiten zwisch en ih nen beiden g ab und Saffy, die in diesen Din gen völlig ung eübt war, den Kürzeren zo g. Unfähig zu kämp fen, blieben ihr nu r zwei Möglichkeiten: Flucht o der Verleu gnung . Nach d er Totenstille zu urteilen, der Percy jetzt au f der Suche nach ih rer Schwester begegnete, hatte Sa ffy sich diesmal offenbar für Ersteres entschieden. Was frustrierend war, äußerst frustrieren d, d enn in Percys Eing eweiden bildete sich bereits ein Kno ten , der nu r darauf wartete zu platzen. Und da niemand in Reichweite war, den sie mit bö sen Blicken bedenken od er an knu rren kon nte, und da d er Kno ten sich nicht von allein auflösen würde, musste sie sich au f and ere Weise beh elfen. Whisky wäre eine Möglichk eit. Auf jeden Fall konnte ein o rd entlicher Schlu ck nicht schad en . Drau ßen war es längst du nkel, und im Sch lo ss hätte Percy den Weg von der Eingang shalle in den Flur zum gelben Salon nicht gefahrlo s durchqueren können, wenn sie sich nicht im ganzen Haus auch blind zu rechtgefund en hätte. Vo rsichtig ging sie um das Sofa herum zum Erkerfenster, zog die Verd unkelung svo rhänge zu u nd schaltete die Tischlamp e an .
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Das Licht, das sie verb reitete, war kaum der Rede wert. Als Percy ein Streichholz herausnahm, um den Docht der Petroleu mlampe an zuzü nden, stellte sie ü berrascht u nd ärgerlich fest, dass ihre Hand nach der Begegnung mit Lucy so seh r zitterte, dass es ih r nicht gelang , es anzu reißen . Hin terh ältig , wie sie war, wählte die Uhr auf dem K aminsims au sg erechnet diesen Augenblick , u m schn eller zu tick en. Die Uh r hatte ihrer Mutter gehört, und ihr Vater hatte sie immer in Eh ren gehalten, deshalb war ihr Bleiberecht gesichert. Aber sie hatte ein e Art zu ticken , d ie Percy u m den Verstand brachte, es war, als b ereitete es ih r ein e bo shafte Freude, die einem Ge genstand au s Po rzellan nich t zu stand, die v ergeh end en Sekunden wegzuwischen. An diesem N achmittag grenzte Percys Abneigung an Hass. »Sei blo ß still, du d ämliche Uh r«, sagte Percy. Dann warf sie das unben utzte Streichholz in den Papierko rb . Sie wü rde sich ein en Whisky einschenken, eine Zigarette d rehen , d ann , b evo r der Reg en kam, n ach d rauß en gehen und Feuerholz holen. Vielleicht wü rde sie ja au f diese Weise den Knoten in ih rem Magen lo s.
6 Trotz der Au fregung des Tag es hatte Saffy d en Kop f no ch frei genug , um einen Blick in ihren Kleidersch rank zu werfen und in Gedanken ihre Au swahlmöglichkeiten du rchzugehen, damit sie am Abend nicht das Opfer ihrer eigenen Un entsch lossenh eit wu rd e und gezwung en war, eine Entscheidung zu treffen, die ih r die Not au fd rängte. In Wahrheit gehörte d ie Kleiderwahl zu ihren Lieblingsbeschäftigungen, selbst wenn sie keine Gäste zu m Abendessen erwartete: Sie stellte sich erst ein bestimmtes Kleid vo r, die dazu passen den Schuhe und die entsp rechen de Halskette, nu r u m g leich wieder von vorn anzufang en und sich glü ck selig die Verwandlung en auszu malen . Heute hatte sie eine Ko mb ination nach der and eren v erwo rfen, weil keine von ihnen d en entscheidenden Kriterien genügte. Wahrscheinlich hätte sie bei den Kriterien anfangen sollen , aber das hätte ih re Möglich keiten von v o rnherein doch sehr eingeschränkt. Den Sieg 141
trug jedes Mal das Kleid davon , das am besten zu ih ren feinsten Strü mp fen passte - das heiß t, zu dem einzigen Paar, dessen sechs verdammte Löcher sich am besten durch die Wah l d er rich tig en Schuh e u nd die Läng e d es Rock s verbergen ließen. Also das minzg r üne seidene Lib erty-Kleid . Als Saffy in ihrem orden tlichen und saub eren Zimmer ih ren Trägerro ck ab legte und sich mit ihrer Unterwäsche abmü hte, war sie froh , dass sie die sch wierig eren Entsch eidu ngen b ereits getroffen hatte. Denn jetzt hatte sie ganz anderes zu tu n. Als h ätte ih r d ie Entsch lüsselu ng dessen , was Junipers Tagebucheintrag bedeutete, nicht schon gen ug zugesetzt, wartete in zwischen Percy unten au f sie, und zwar voller Zorn. Wie immer verbreitete sich ih re Stimmung so fo rt im ganzen Haus. Der Knall, als sie die Hau stü r zu geschlagen hatte, hatte sich du rch die Adern d es Hau ses und alle vier Stockwerke bis in Saffys Körp er übertragen. Selbst die Lampen - die ohn ehin nicht b esonders hell leuchteten — sch ienen zu schmollen, sodass die Nischen im Schloss noch düsterer wirkten als gewöhn lich . Aus d er h intersten Ecke der obersten Schublade angelte Saffy ih re besten Strü mp fe. Sie befanden sich , u m ein Stück Seidenpap ier gewick elt, in der Originalverpackung. Saffy zo g sie herau s und fuh r mit de m Dau men zärtlich über die Stelle, wo sie sie zuletzt gestopft hatte. Das Problem war, d achte Saffy, dass Percy un emp fänglich war für menschliche Gefü hle und sich viel mehr um die Bedü rfn isse der Mau ern und Bö den von Milderhu rst so rgte als um die der Bewohnerinnen. Sie hatten es beide b edau ert, als Lucy gekündigt hatte, ab er es war vor allem Saffy, die das Fehlen der Haush älterin spürte , wenn sie den ganzen Tag allein im Haus verbrachte, wu sch und sch rubbte und n otdürftige Menüs kreierte, nur mit Clara und der schwachsinnigen Millie, die ih r zu r Hand ging en. Aber im Geg en satz zu Saffy, fü r die außer Frag e stan d, dass ein e Frau, die sich zwisch en ihrer Arbeitsstelle und ih rem Herzen en tsch eid en mu sste, immer Letzteres wählen wü rde, hatte Percy di e Veränderung im Hau shalt überh aupt n icht akzeptieren können. Sie hatte Lucys Heirat als persönliche Kränkun g au fgefasst, u nd wenn jemand nachtragen d sein konnte, dann Percy. Aus d iese m
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Grund waren Junip ers Tageb uch eintrag und das, was er wo mö g lich bedeutete, so beunruhigend. Saffy ließ die Strümp fe sink en. Sie war n icht n aiv, und sie war au ch nicht viktorianisch prüde; sie hatte Third Act in Venice; Cold Comfort Farm u n d The Thinking Reed gelesen und wusste über Sexualität Bescheid. Aber nichts von d em, was sie bisher gelesen hatte, hatte sie darauf vorbereiten kön nen , was Juniper über das Thema dachte. Sie schrieb freimütig, wie es ihre Art war, intu itiv un d po etisch , hin reißen d und scho nung slo s und beän gstigend . Saffys Augen waren über die Seiten geflogen, hatten alles auf einmal aufgenommen, sie hatte sich gefühlt, als hätte ih r jeman d ein Glas Wasser in s Gesicht geschü ttet. Bei dem Tempo, mit dem sie gelesen hatte, bei der Verwirrung angesichts so lebhaft b esch riebener Emp findun gen war es kein Wu nder, dass sie keine einzige Zeile hätte wiederg eben kön nen, dachte Saffy. Sie erinnerte sich nur b ru ch stückhaft an ih re Gefühle, an ungewollte Bilder, an den Schock, den das Lesen verbotener Wörter in ih r au sgelöst hatte. Vielleicht waren es nich t einmal die Wö rter selbst gewesen, die Saffy so verblü fft hatten, sondern eh er, wer sie gesch rieben h atte. Junip er war nicht nu r ih re wesen tlich jüng ere Sch wester, sond ern auch ein e junge Frau, die immer regelrecht geschlechtslos gewirkt hatte. Ih re glühende Schreibleidenschaft, ih re Ablehnun g jeglich er weiblichen Attribu te, ih re nachlässige Kleidung - all das schien Jun iper üb er solche niederen menschlichen In stinkte zu erheben. Mehr noch, und das war v ielleicht das, wa s Saffy den größ ten Stich versetzte, Juniper hatte nie auch nu r im Entferntesten angedeutet, d ass es u m eine Liebesaffäre ging. War der junge Mann, der zu m Aben dessen erwartet wu rde, derjenige welch er? Den Tagebuch eintrag hatte June v o r einem halben Jahr geschrieben, bevo r sie nach London gegangen war, und do ch hatte sie den Namen Thomas bereits darin erwähnt. War es möglich, dass Juniper diesem Mann schon in Mild erhu rst begegnet war? Dass ihre Reise nach Lond on n och einen anderen als den offiziellen Grund gehabt hatte? Und wenn ja, waren die beiden dann nach all der Zeit immer n och ein Liebespaar? Was fü r eine un glau blich e und au fregend e Ent-
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wicklun g im Leben ih rer kleinen Sch wester, über die kein Wo rt gesp rochen wo rden war. Saffy wu sste natü rlich, waru m das so war: Ihr Vater, wenn er noch lebte, wäre rasend vor Zorn - Sex hatte allzu oft zu r Folge, dass Kind er g ezeugt wu rd en, und seine Theo rie von d er Unv ereinbark eit v on Kun st u nd Kind ererziehung war kein Geheimn is. Deshalb du rfte Percy, Vaters selb st ernannte Sachwalterin , nichts davon erfah ren , das h atte Jun iper richtig erkannt. Aber dass sie Saffy n icht in s Vertrauen gezo gen hatte ... Sie beid e stand en sich doch so nah e, und so versch lo ssen Jun iper au ch sein mo chte, so hatten sie doch immer miteinander reden können. Dieses Thema so llte da eigen tlich keine Au snah me sein . Saffy streifte die Strü mp fe von ih rer Hand und nahm sich vor, die Sach e zu klären, sob ald Juniper nach Hau se kam u nd sie Gelegenheit fanden, ein paar Minuten ungestört zu sein. Saffy lächelte. Bei dem Abendessen ging es nicht nur darum, Juniper wied er zu Hau se zu b eg rüß en und jeman dem d en Dank der Familie Blythe zu erweisen. Bei dem Freund, den Juniper eingelad en hatte, h andelte es sich um jemand ganz Besonderen. Nachdem sie sich überzeug t h atte, dass die Strü mp fe i n Ordnu ng waren, legte Saffy sie aufs Bett und nahm sich den Kleiderschrank vor. Herr im Hi mmel! Nur mit ihrer Unterwäsche bekleidet, blieb sie vo r dem Sp iegel steh en, d reh te sich in die eine, dann in d ie and ere Richtung und reckte den Hals, u m sich von hin ten zu sehen. Entweder hatte der Spiegel sich verzogen , oder sie hatte ein paar Kilo zugeno mmen. Also wirklich , sie sollte sich der Wissen schaft zu r Verfü gun g stellen . Zu zunehmen in Zeiten , wo die Speisekammern Englands so gut wie leer waren? War das ausgesprochen unbritisch oder ein raffinierter Sieg über Hitlers U-Boote? Es würde vielleicht nicht fü r d en neuen »Churchill-Orden für die Erh altung v on England s Schönh eit« reich en, aber den noch war es ein Triumph. Saffy schnitt ih rem Spiegelbild eine Grimasse, zog den Bauch ein und öffnete den Kleidersch rank. Hinter einigen langweiligen Trägerrö cken u nd Strickjacken, die ganz vo rn e hing en, tat sich ein Wunderland aus schimmernden, vern ach lässigten Seidenkleidern auf. Saffy schlug
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sich die Hände an die Wangen. Es war, als würd e man alte Freundinnen wiedersehen. Ih r Kl eiderschrank war ihr ganzer Sto lz, jedes Kleid Mitglied eines versch wo renen Zirk els. Der Schrank stellte einen Katalog ihrer Vergangenheit dar, wie sie einmal in einem Mo ment rührseligen Selb stmitleids gedacht hatte: d ie Kleider, die sie als Deb ütan tin g etrag en hatte, d as Seidenkleid, das sie auf dem Mittsommerb all in Milderhurst im Jahr 1 9 2 3 angehabt hatte, selb st das blaue Kleid, das sie sich im Jah r d arauf fü r die Premiere von Vaters Stü ck genäht h atte. Ihr Vater war der Meinung gewesen, dass Töch ter schö n zu sein hatten , un d solange er leb te, hatten sie sich immer zum Aben dessen fein gemacht. Selb st dann noch, als er an sein en Sessel im Turmzimmer gefesselt war, hatten sie sich bemü h t, ih m zu gefallen . Seit sein e m Tod jedoch sahen sie keinen Sinn mehr darin, einen solchen Aufwand zu betreiben. Eine Zeit lang h atte Saffy noch daran festg ehalten, doch dann hatte Percy sich zum Sanitätsdienst gemeldet, was b edeu tete, dass sie häufig nachts den Kranken wag en fahren mu sste, und sie waren wo rtlo s üb ereingekommen, die Tradition au fzug eben . Ein s nach dem an deren sch ob Saffy die Kleider hin und her, bis sie das au s minzgrüner Seide en tdeckte. Sie hielt die an deren zur Seite und bewunderte das glitzernd e Prachtstü ck: die mit Perlen bestickte Ko rsage, die breite Schärpe, den langen , schmalen, zu m Saum hin glockig ausschwingenden Rock. Sie hatte es seit Jah ren nicht meh r getrag en, konn te sich kau m an das letzte Mal erin nern , aber sie wu sste noch, dass Lu cy ih r geh olfen hatte, es zu flicken. Es war Percys Schuld gewesen; mit ihren Zigaretten und ih rer achtlo sen Art, sie zu rauchen, war sie, wo sie hinkam, eine Gefahr für alle feinen Sto ffe. Ab er Lucy hatte es sauber hinbekommen, sodass Saffy Mühe h atte, die versen gte Stelle an der Ko rsag e üb erhaup t zu finden . Ja, es wa r genau das Richtige für den Ab end. Saffy nah m es au s dem Sch rank, legte es au f die Tagesd eck e und nah m ihre Strü mp fe. Es war ih r ein Rätsel, dachte sie, während sie vorsichtig eine Hand in den ersten Stru mp f schob un d ihn dan n ü ber ih re Zehen streifte, wie eine Frau wie Lucy sich in den Uh rmach er Harry hatte verlieben können . So ein un schein barer,
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kleiner Mann, der nich ts von ein em ro ma ntischen Helden hatte, der mit eingezogenen Schultern über die Flure huschte, das Haar immer ein b isschen län ger, ein bissch en dünn er, ein b isschen weniger gep fleg t, als es an geb rach t wäre ... »O Go tt, n ein !« Saffy blieb mit dem g roß en Zeh hängen und geriet aus dem Gleichgewich t. Sie h ätte sich vielleich t no ch fan gen können, ab er ih r Zehen nagel hatte sich im Gewebe verfangen und d ro hte ein e weitere Lau fmasch e zu reiß en, wenn sie den Fuß ab setzte. So nah m sie den Sturz tapfer in Kauf und schlug sich den Oberschenkel bö se an ih rem Toilettentisch. »Oje!«, jap ste sie. »Oje, oje, oje.« Sie setzte sich auf den gepo lsterten Ho cker und begutach tete d en ko st baren Strump f. Ach, warum hatte sie sich nicht besser konzentriert? Wenn diese Strü mp fe nicht meh r zu retten waren, gab es keinen Ersatz. Mit zitternden Fingern drehte sie den Stru mp f in alle Rich tung en und befü hlte das hauchzarte Gewebe v o rsich tig mit den Fing erspitzen . Es schien alles in Ordnun g zu sein . Das war knap p g ewesen . Saffy stieß einen Seu fzer au s, und doch war sie nich t vö llig erleich tert. Sie betrachtete ih r ro twangig es Gesicht i m Spiegel: Es ging um meh r als das letzte Paar in tak te Strümp fe. Als Kinder hatten sie und Percy reichlich Gelegenh eit gehabt, Erwach sene au s d er Nähe zu beob achten, u nd was sie gesehen hatten, hatte ihn en Rätsel au fgeg eben . Die wunder lichen Alten hatten sich sonderbarerweise aufgeführt, als wäre ih nen nich t im Geringsten bewusst, dass sie alt waren. Das h atte die Zwillinge verblüfft, die sich einig g ewesen waren, dass es nichts Geschmackloseres gab als alte Menschen, die sich weigerten, ih re Gren zen zu akzeptieren , u nd sie hatten damals einen Pakt geschlossen, es bei sich selb st nie so weit kommen zu lassen. Wenn sie einmal alt wären, wü rd en sie sich v oll und ganz damit abfinden. »Aber woran sollen wir es erkennen? «, hatte Saffy verwirrt gefragt. »Vielleicht ist es etwas, das man nicht spürt, bis es zu spät ist, so wie Sonnenbrand.« Percy hatte ih r beigepflichtet, dass es sich um ein kniffliges Prob lem h andelte, hatte die Ar me u m d ie Knie gesch lungen und darüb er nachgeg rüb elt. Prag matisch , wie sie war, hatte sie jedoch als Erste eine Lösung gefunden: »Ich wü rd e sagen , wir mü ssen eine Liste von
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den Dingen aufstellen , die alte Leu te tun. Drei dü rften reichen. Und wenn wir feststellen, dass wir dasselb e tun, dann wissen wir Bescheid.« Die in frage ko mmenden An gewoh nheiten au fzu sch reiben war einfach gewesen - schließlich hatten sie ih ren Vater und ih re Kinderfrau ihr Leben lang beobachtet -, als viel schwierig er erwies es sich, sich auf drei zu beschränken. Nach langem Hin und Her hatten sie sich auf diejenigen Angewohnheiten geeinigt, bei denen ein Irrtum weitgehend ausge schlossen war: Ersten s: häu figes und nachd rü cklich es Äußern der Ansicht, dass unter Königin Victoria in England alles besser gewesen war. Zweitens: mit anderen Menschen als dem Hausarzt über seine Gesun dheit zu reden. Drittens: sich nicht mehr im Stehen die Unterwäsche anziehen zu können. Saffy stöhnte, als sie daran dachte, wie sie am Mo rg en beim Bettenmachen im Gästezimmer v o r Lucy über ih re Rücken schmerzen geklagt hatte. Das Gespräch war unter die Verbotsregel Nummer zwei gefall en, und sie hatte es durchgehen lassen. Aber das jetzt? Zu Fall geb racht von einem Paar Strü mp fe? Die Progn ose war in der Tat niederschmetternd. Percy hatte es beinahe zu r Hintertür geschafft, als Saffy doch noch auftauchte. Sie kam d ie Trepp e herunterg eschwebt, als könnte sie k ein Wässerchen trüben. »Hallo, lie be Sch wester«, sagte sie. »Heu te wieder irgend wen gerettet? « Percy holte tief Luft. Sie b rauch te Zeit, Platz und ein scharfes Beil, um einen klaren Kopf zu beko mmen und ihre Wut loszuwerden, sonst würde sie sie am Ende noch an Saffy auslassen. »Vier Kätzch en au s einem Ab wasserk anal u nd einen Klumpen Zuckerstan gen.« »Wie sch ön! Ein Sieg au f der ganzen Lin ie! Bravo ! Wo llen wir ein e Tasse Tee trinken? « »Ich gehe ein bisschen Holz hacken .« »Ach, meine Liebe«, sag te Saffy und trat einen Sch ritt n ä her. »Ich glaube, das ist nicht nötig .«
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»Lieber früher als später. Es gibt gleich Regen.« »Das versteh e ich ja«, sag te Saffy üb ertrieben gelassen , »aber ich bin mir ziemlich si cher, dass wir im Au g enblick genug Brennho lz h aben. So wie du dich diesen Monat beim Holzhacken in s Zeug geleg t hast, reicht der Vorrat mindesten s bis i 9 6 0 . Du so lltest lieber n ach ob en g ehen u nd dich fü rs Ab endessen u mzieh en ...« Saffy unterbrach sich, als ein lauter Knall das Schloss erb eben ließ. »Na bitte. Der Reg en erspart dir die Arbeit.« An manchen Tagen konn te man si ch darau f verlassen , dass sogar d as Wetter sich gegen einen verschwor. Percy nah m ih ren Tab ak au s d er Tasche und d rehte sich ein e Zigarette. Ohn e au fzublick en, sagte sie: »Warum hast du sie hergebeten? « »Wen? « Ein du rchd rin gend er Blick. »Ach so.« Saffy machte eine wegwerfende Han dbewegung . »Claras Mutter ist krank, Millie ist so ungeschickt wie immer, u nd du hast so viel zu tun - ich ko nnte einfach nicht alles allein bewältigen. Au ßerdem kann niemand so gut mit Agatha umgehen wie Lucy.« »Bisher bist du do ch g anz gut mit d em H erd zu rechtgekommen.« »Es ist nett von dir, dass du das sagst, Percy, meine Lieb e, ab er du kenn st doch un sere al te Ag gie. Ich wü rd e ih r g latt zu trau en, dass sie heute Abend streikt, nur um mich zu ärgern. Seit ich die Milch habe überko chen lassen , ist sie bö se auf mich.« »Sie ist - es ist ein Herd, Seraphin a.« »Ganz genau ! Wer hätte ih r so einen ab scheulichen Ch arak ter zu getraut!« Saffy versuch te, sie zu man ipulieren , Percy spü rte es ganz gen au . Die affektierte Freundlichkeit, mit d er ih re Sch wester sie au f dem Weg nach draußen ab gefan gen hatte und jetzt nach oben schickte, wo , d arau f wü rd e sie wetten, b ereits ein Kleid - irgendetwas grau enhaft Elegan tes - au f d em Bett für sie ausgeb reitet lag: Es war, als fü rchtete Saffy, Percy sei nicht zuzutrauen, sich in Gesellschaft anständig zu benehmen. Darü ber hätte Percy am liebsten laut gelacht, ab er eine
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solche Reaktion wü rde ihre Schwester nur in ihren Befürchtu ngen bestätigen, also unterd rückte sie den Imp u ls, leck te das Blättchen an und drehte ih re Zig arette fertig. »Au ßerdem«, fu h r Saffy fo rt, »ist Lucy ein Sch atz, und da wir nichts An ständig es für eine n Braten haben , b rau chte ich einfach ihre Hilfe.« »Keinen anständigen Braten? «, fragte Percy spitz. »Als ich das letzte Mal nach gesehen habe, g ab es no ch acht fette Kandidatinnen im Hühnerstall.« Saffy zuckte zusamme n . »Du wü rdest es nicht wag en ...« »Ich träume von Hühnchen sch enkeln.« Ein erfreuliches Zittern machte sich in Saffys Stimme bemerk b ar, das sich bis in ih ren Zeig efing er fo rtsetzte, mit dem sie Percy v o r der Nase wedelte. »Meine Mädels sind gu te kleine Ernäh rerinn en, sie sind kein Ab endessen . Ich lasse nicht zu, dass du an Braten so ße d enk st, wen n du sie an siehst. Das ist ... das ist wirklich barb arisch .« Eine Menge Dinge lagen Percy auf der Zung e, aber als sie jetzt in dem düsteren Flur stand, während der Regen auf der an deren Seite des Gemäu ers au f die Erde p rasselte un d ih re Zwilling ssch wester verlegen vo n ein em Fu ß au f den anderen trat - ih r altes g rünes Kleid spannte un schön am Bauch un d an den Hüften -, sah Percy all ih re gemeinsamen Jahre und all d ie Enttäu schung en vor sich aufgereiht, wie Steine einer Mauer, gegen die ih re mo mentane Wut prallte. Sie war der bestimmen de Zwilling, war es immer g ewesen , und egal wie wütend Saffy sie machte, Streitereien brachten die Grund festen ihres gemeinsamen Universu ms in s Wanken . »Perce? « Saffys Stimme zitterte immer noch . »Muss ich meine Mädels bewachen? « »Du hättest es mir sagen sollen «, antwortete Percy mit einem ungehaltenen Seufzer und nahm die Streichh ölzer aus ih rer Ho sentasche. »Das ist alles. Das mit Lucy hättest du mir sagen sollen .« »Ich wünschte, du wü rdest die ganze Sach e einfach vergessen, Perce. Um deinetwillen. Es hat scho n Dien stboten gegeben, d ie ihren Arbeitgeb ern Schlimmeres angetan haben als sie zu verlassen. Schließlich hat sie keine silb ernen Lö ffel gestohlen.«
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»Du hättest es mir sagen sollen .« Percys Stimme klang weich , u nd ih re Kehle sch merzte. Sie fischte ein Streichho lz aus der Schachtel. »Wenn es dir so viel ausmacht, werde ich sie nicht mehr herb itten. Sie wird bestimmt n ichts dag egen haben; mir schien, dass sie dir am liebsten aus dem Weg geht. Ich glau be, d u mach st ih r Angst.« Mit einem Knacken zerb rach das Streichh olz in Percys Fin gern. »Ach, Perce, sieh d ir das an , du blutest ja.« »Es ist nichts.« Sie wischte sich den Finger an der Hose ab. »Nicht an der Hose, d as ist Blut, das k riegt man n ich t wieder raus.« Saffy hielt ein zerknülltes Kleidungsstück hoch, das sie mit herun terg eb racht hatte. »Falls du es noch nicht bemerkt haben solltest, un sere Wäscherinn en haben u ns eb en falls verlassen, und ich b in die Ein zige hier, d ie wäscht und kocht und putzt.« Percy rieb an dem Blutfleck herum, verteilte ihn jedoch nu r. Saffy seufzte. »Lass deine Ho se, ich kümmere mich daru m. Geh nach oben un d mach di ch fein , meine Lieb e.« »Ja.« Percy betrachtete immer noch etwas verwun dert ih ren Finger. »Wäh rend du dir ein festlich es Kleid anzieh st, setze ich den Wasserkessel au f und mache uns eine Tasse Tee. Oder noch besser: Ich mache uns einen Cocktail, was hältst du davon? Sch ließlich haben wir etwas zu feiern.« Das fand Percy reichlich übertrieben, aber ihr Kamp fgeist hatte sie verlassen. »Ja«, sag te sie. »Gute Id ee.« »Bring deine Ho se mit in die Küche, wenn du fertig bist, dann kann ich sie gleich ein weichen .« Percy b allte ih re Hand zur Faust und löste sie wieder, als sie zu r Trepp e gin g. Dann blieb sie steh en un d d reh te sich um. »Beinahe hätte ich's vergessen «, sagte sie und n ah m den ma schinegeschriebenen Brief au s ih rem Beutel. »Post für dich.«
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7 Saffy versteckte sich im Anrich tezimmer, um den Brief zu lesen. Sie hatte so fo rt gewusst, um was es sich h andelte, un d es hatte sie allergrößte Müh e geko stet, ih re Au fregung v or Percy zu verb ergen . Sie hatte den Brief an sich gerissen, dann am F uß der Trepp e Wache gestanden, um sich zu vergewissern, dass ih re Sch wester es sich nicht in letzter Minu te and ers üb erleg te und doch noch zu m H olzhacken nach draußen ging. Erst als sie hö rte, wie Percys Zimmertür in s Sch lo ss fiel, hatte sie sich en tspannt. Sie hatte schon fast die Ho ffnu ng au fg egeb en, jemals eine Antwo rt zu beko mmen , und jetzt, wo sie sie in d er Han d hielt, wün sch te sie beinahe, sie wäre nie eingetroffen . Di e gespan nte Erwartung , die Tyrannei des Unbekannten waren beinahe unerträglich. Du rch die Kü che war sie in das Anrichtezimmer geeilt, wo einst der Furcht erregen de Butler Mr. Bro ad residiert hatte, von dessen Schreckensherrschaft allerd ing s nu r noch d er Sch reibtisch und ein hölzerner Schrank voller alter Kladden mit seiner akribischen Buch fü h rung zeu gten. Saffy zog an der Ko rd el, mit der sich die Glühb irne ein sch alten ließ , un d lehnte sich an den Schreibtisch. Ihre Finger fühlten sich klobig an, als sie sich an dem U msch lag zu sch affen mach te. Ohne ihren Briefö ffner, der ob en au f ih rem Sch reibtisch lag, blieb ih r nichts and eres ü brig , als d en U mschlag au fzu reißen. Weil ih r das jedoch widerstreb te, ging sie mit äu ßerster Vo rsicht zu Werke und genoss beinahe die quälende Verzögerung, die das mit sich brachte. Sie zog den gefalteten Bogen heraus - sehr feines Papier, stellte sie fest, aus Baumwollfaser, geprägt, cremeweiß -, dann holte sie tief Luft und strich ihn glatt. Hastig überflog sie das Schreib en, dann ging sie noch ein mal an den Anfang zu rü ck und zwang sich, es langsam zu lesen, zu g laub en, was sie sah, während eine g roß e, glück selige Leich tigk eit sie erfasste, die sie bis in die Fin gerspitzen spü rte. Sie h atte d ie An zeig e in der Times entdeck t, als sie nach Vermietungsanzeigen gesucht hatte. Weibliche Begleitperson und Gouvernante gesucht, die für die Dauer des Kriegs mit Lady Dartington und ihren drei Kindern nach Amerika 151
gehen will, hatte da gestanden; gebildet, unverheiratet, kultiviert, erfahren im Umgang mit Kindern. Es war, als hätte derjenige, der den Text au fgesetzt hatte, Saffy i m Sin n gehabt. Zwar hatte sie keine eigenen Kinder, aber das lag keinesfalls daran, dass sie sich keine gewünscht hätte. Es hatte ein e Zeit gegeben, in der sich all ih re Zukunftsträu me - wah rscheinlich wie die jeder jung en Frau - u m Kin der gedreht hatten. Aber ohne Ehemann war da nun mal nichts zu machen, un d das war d er Hak en an der Sach e. Was die and eren Kriterien ang ing, so war Saffy der Meinung, dass sie in aller Bescheid enheit b ehaupten konn te, ku ltiv iert und g ebildet zu sein. Sie hatte auf der Stelle ein Bewerbungsschreiben au fgesetzt, in dem sie sich vorgestellt, zwei hervorrag ende Emp feh lungsschreiben beigelegt und einen Brief formuliert hatte, d er Serap hina Blyth e als die ideale Kandidatin au swies. Und dann hatte sie gewartet und versuch t, so gut es g ing, ih re Träume von New York für sich zu behalten. Da sie schon lan ge wusste, dass es zu nichts füh r te, Percy unnötig zu reizen , h atte sie ih rer Zwillin gsschwester geg enüber nichts v on d er Stellenan zeig e erwähnt und sich in sgeheim in lebhaften Farben alle Möglichkeiten ausgemalt. Sie hatte sich die Überfahrt bis ins kleinste Detail vo rg estellt und sich in die Rolle einer zweiten Molly Brown hinein versetzt, die die Dartington -Kinder bei Lau ne hielt, während sie au f dem Weg zu dem großen amerikanischen Hafen den U-Booten trotzten ... Es Percy zu sagen würde das Schwerste sein. Was aus ihr werden würde, wenn sie allein die Flu re du rchquerte, die Wände reparierte und Ho lz hackte und darüb er das Bad en, Waschen oder Backen verg aß, war nich t au szud enken . Dieser Brief jedo ch , dieses Stellenang ebo t, das Saffy in Händ en hielt, war ih re Chan ce, und sie wü rd e sich nicht vo n sentimentalen Gefühlen davon abhalten lassen, sie beim Schopf zu ergreifen. Wie ihre Heldin Adele in ihrem Roman würd e sie »das Leben bei den Hö rn ern packen und es zwing en, ih r in die Augen zu sehen«. Auf diese Formulierung war Saffy beso nders sto lz. Als sie leise die Tür des Anrichtezimmers wieder hinter sich sch lo ss, fiel ih r so fo rt au f, dass der Ofen d amp fte. In all der Au freg ung hatte sie die Pastete vergessen! Um Gottes
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willen. Sie würde von Glück reden könn en, wenn der Teig nicht schwarz verkohlt war. Sie streifte sich die Ofenhand schuh e ü ber, lugte in den Backofen und atmete erleichtert au f, als sie sah, d ass die Ob erseite der Pastete zwar go lden , ab er no ch nich t du nkelb raun war. Sie schob die Pastete in den unteren , weniger heißen Ofen, wo sie nicht verb ren nen konnte, und richtete sich auf. In diesem Moment fiel ih r Blick auf Percys versch mu tzte Uniformhose, die neben ih rem Träg errock au f dem Kü ch en tisch lag. Percy mu sste die Ho se do rt abgelegt haben, während Saffy im Anrichtezimmer gewesen war. Was für ein Glück, dass Percy sie nicht d abei erwischt hatte, wie sie den Brief las. Saffy schüttelte die Hose aus. Der Montag war ihr offizieller Waschtag , aber es konnte nich ts schad en, die Sach en eine Weile einzuweichen, vo r allem P ercys Un ifor mh o se; d ie An zahl der unterschiedlich en Flecken , die sich darauf ang esammelt hatten, hätte man als eind ru ck svoll bezeichnen kön nen, wenn es nicht so schwierig gewesen wäre, sie zu entfernen. Ab er Saffy lieb te die He rau sfo rderung . Ein e nach der anderen ging sie die Hosen tasch en du rch au f der Such e nach vergessenem Kri msk rams, der ihr nur das Waschwasser verderben wü rde. Und d as war ein Glück. Saffy fischte die Papierschnipsel heraus - Gott, was fü r eine Menge! - und leg te sie neben sich au f die Küchenban k. Mü de schüttelte sie den Kopf; sie wusste nicht mehr, wie oft sie - vergeblich - versucht hatte, Percy beizubringen, vor der Wäsche ihre Hosentasch en zu leeren . Seltsam - S affy schob die Schnip sel hin und her. Au f einem klebte eine Briefmarke. Ein Brie f, der zerrissen wo rd en war. Aber warum sollte Percy so etwas tun? Und von wem war der Brief? Ein Knall im ersten Sto ck, und Saffy schaute erschrocken zu r Decke ho ch. Sch ritte, dan n noch ein Kn all. Die Hau stür! Junip er war eingetroffen! Oder sollte er es sein, der junge Mann au s Lond on? Saffy betrachtete die Pap ierschn ip sel und biss sich au f d ie Lipp e. Vor ih r lag ein Rätsel, das sie lö sen mu sste. Ab er
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nicht jetzt, dazu feh lte die Zeit. Sie mu sste nach o ben , u m Juniper und ih ren Gast zu b eg rüßen , d er Himmel allein wu ss te, in welchem Zu stand sich Percy inzwischen befand. Vielleich t wü rde d er zerrissen e Brief die üble Laun e ih rer Schwester erklären? Mit einem en tschlo ssenen Nicken v ersteckte Saffy ih ren eigenen Brief i m Oberteil ih res Kleids und schob die Schnipsel aus Percys Hosentasche unter einen Top fdeckel, d er auf d er Bank lag. Sie würde sich später damit b efassen . Nachdem sie ein letztes Mal nach der Kanin chenpastete gesehen hatte, rückte sie ihr Kleid um den Busen zu recht, lo ck erte es ein b isschen u m d ie Taille h eru m und ging nach oben. Bildete sie sich den fau lig en Gestank v ielleicht nu r ein? , fragte sich Percy. In letzter Zeit passierte ihr das öfter; einen Geru ch , den man ein mal wahrgeno mmen h atte, wu rde man nicht mehr los. Sie hatten das gu te Zimmer seit eine m halben Jah r nicht mehr betreten, seit der Beerd igung ihres Vaters, und trotz aller Mühen , die ih re Schwester au f sich geno mmen hatte, lag immer n och etwas Modriges in der Luft. Der Tisch war in die Mitte des Zimmers gerückt worden, mitten auf den Teppich au s Bessarabien, und war gedeckt mit dem besten Geschirr ihrer Großmutter, vier Gläsern pro Gedeck und einer so rg fältig geschrieben en Speisekarte an jedem Platz. Percy nahm eine davon in die Hand, u m sie zu lesen, stellte fest, dass Gesellsch aftsspiele vorgeseh en waren , und legte sie wieder weg. Plö tzlich fühlte sie sich in einen Luftschutzbunker versetzt, in dem sie wäh rend d er ersten Wo chen d es Blitzk rieg s Schutz gesucht hatte, als ein Besuch beim Rechtsan walt ih res Vaters durch Hitlers Bomb en v ereitelt wo rd en war. Die gezwungene Heiterkeit, die Lieder, der en tsetzliche säuerlich e Gestank nach Angst ... Percy schloss die Augen und sah ih n vo r sich . Der ganz in Sch warz g ekleid ete Man n, d er wäh rend d er Bo mb ardierung hereing ekommen war, sich unb emerk t an die Wand gelehnt und mit niemandem g esp ro chen hatte. Den Kop f mit de m dunklen Hut tief gebeugt. Perc y hatte ihn beob achtet, faszi-
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niert von der Art, wie er irgendwie abseits von den anderen stand. Nu r einmal hatte er au fgeblickt, ku rz bevo r er sein en Mantel fester u m sich gezogen hatte un d in die lodernd e Nacht h inau sgegang en war. Ih re Blicke waren sich ku rz begegnet, und sie hatte in sein en Aug en nich ts geseh en. Kein Mitgefühl, kein e Angst, keine Entsch lossenh eit; nu r kalte Leere. Da hatte sie gewu sst, dass er der Tod war, und seitdem h atte sie o ft an ihn gedacht. Wenn sie in einen Bomb en krater kletterte, um die Leichen herauszu ziehen, mu sste sie an die gespen stische, entrückte Ruhe denken , die ihn b egleitet hatte, als er aus dem Bu nker in d as Chao s hinausgegan gen war. Kurz nach dieser Begegnun g h atte sie sich zum Sanitätsdienst gemeldet, ab er es war kein Helden mu t, d er sie dazu getrieben hatte, ganz und gar nicht. Es war einfach viel leichter, sich dem Tod draußen in dem flammenden In fern o zu stellen, als eingeschlossen unter d er bebend en, stöh nen den Erde au f ihn zu warten, abgelenkt nu r von verzweifeltem Froh sin n und hilflo ser Ang st ... In der Karaffe befanden sich noch ung efähr zwei Finger breit bernsteinfarbene Flüssigkeit, und Percy fragte sich flüchtig, wann sie eing efüllt wo rd en sein mo ch te. Wahrscheinlich schon vor Jahren - denn neuerd ings benutzten sie nu r noch die Flaschen im g elben Salon -, aber das ma ch te nichts, Whisky wurde nur besser, je älter er war. Nach eine m kurzen Blick über die Schu lter schenk te Percy sich ein . Steckte den Kristall stop fen geräusch voll wieder au f d ie Karaffe, während sie einen Schlu ck trank. Und dann noch einen. Sie spürte das angeneh me Brennen in der Brust. Es war intensiv und real, und sie gen oss es. Sch ritte. Das Klappern von hoh en Ab sätzen . Sie waren no ch weit entfernt, k amen jedoch rasch näher. Saffy. Die Beklemmungen von Monaten verdichteten sich zu einer bleiernen Kugel in Percys Magen. Sie mu sste sich zusammen reißen. Sie wü rde nichts damit erreichen, wenn sie Saffy den Abend verdarb - ihre Zwillin gssch wester hatte weiß Gott wen ig Gelegenheit, ih re Freude an Dinnerpartys auszuleben. Ab er es schauderte Percy, wie g roß d ie Versuchung war. Es war so ein ähnliches Gefü hl, wie an einem Abgrund zu stehen und g enau zu wissen, dass man nicht springen darf, und
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dennoch von dem un widersteh lichen Drang zu sp rin gen üb ermannt zu werd en. Gott, sie war ein hoffnun gslo ser Fall. Etwas in ih rem I n nern war grundlegend g estö rt, verd o rben und zutiefst u n sympathisch. Dass sie auch nur eine Sekunde lang in de m Gedanken schwelgen konn te, wie ein fach es wäre, ih re nerv tö tend e, geliebte Schwester um ih r Glück zu bringen. War sie schon immer so pervers gewesen? Percy seu fzte tief. Sie war krank, daran bestand kein Zweifel, und zwar nich t erst seit Ku rzem. Ih r Leben lang ging das schon so: Je meh r Saffy sich fü r einen Mensch en oder ein en Gegenstand o der eine Idee begeisterte, desto weniger konn te Percy au s sich h erausgehen. Es war, als wären sie ein einziges, in zwei Teile geteiltes Leb ewesen , und als gäbe es n u r wenige Gefüh le, die sie gleich zeitig emp finden konn ten . Und Percy h atte sich irg end wann au s irgendeinem Gr und entschlo ssen , für Ausgleich zu so rg en: Wenn Saffy litt, verb reitete Percy Heiterkeit, wenn Saffy freudig erregt war, überschüttete Percy sie mit Sark asmu s. Wie verd ammt freu dlo s sie do ch war. Das Grammofon war geöffnet und gereinigt word en, und daneben lag ein Stap el Schallplatten. Percy nah m ein e davon in die Hand , ein neues Album, das Juniper aus London geschickt hatte. Der Himmel wusste, wo und auf welch e Weise sie es erworb en hatte; Juniper fand Mittel und Wege, kein Zweifel. Mu sik wü rd e jetzt sich erlich helfen. Sie senkte die Nadel, und Billie Holid ays sch machtende Stimme ertönte. Percy atmete au s, vom Wh isk y du rch wärmt. Schon besser: zeitg enössische Mu sik, die keine Asso ziationen au slöste. Vor vielen Jahren hatte eine Au fg abe, die d er Vater sich au sg edacht h atte, das Wo rt »Nostalgie« enth alten. Er h atte die Defin itio n au s dem Wö rterbu ch vo rgelesen: »h eftig e Seh nsucht nach d er Verg angenheit«, und Percy hatte damals mit d em H och mu t der Jugend über eine solch e Vo rstellu ng nur den Kopf geschüttelt. Sie konn te sich nicht vo rstellen, wie jemand sich nach der Vergangenheit sehnte, wo doch die Zukun ft alle verlockenden Geheimnisse bereithielt. Percy trank ihr Glas au s, d reh te es gedankenv erlo ren hin und h er und sah zu , wie die letzten Tropfen am Boden zu einer kleinen Pfü tze zu sammen liefen . Natü rlich war es die Be-
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gegnung mi t Lucy, d ie sie aus d em Ko n zept g eb racht hatte, aber schon der ganze Tag hatte unter einem düsteren Vo rzeich en g estanden, und auf ein mal mu sste Percy wieder an Mrs. Potts von der Poststelle denk en. An ih re Mutmaß ung, ja, Be hauptun g, Jun iper sei verlobt. Es war schon immer v iel üb er Juniper getratscht worden, aber Percy wusste aus Erfahrung, dass Gerüchte stets auch ein Körnchen Wahrheit enthielten. Was in d iesem Fall ab er sicherlich nich t zutraf. Hin ter ih r ö ffn ete sich die Tü r mit einem Seu fzer, und ein kühler Lu ftzu g wehte au s dem Flu r herein. »Nun?«, fragte ih re Schwester atemlos. »Wo ist sie? Ich habe die Tür gehört.« Wenn Juniper sich jeman d em anvertraute, dann nu r Saffy. Nachdenklich klop fte Percy mit dem Fing er au f den Glasrand. »Ist sie schon hier oben? «, wollte Saffy wissen . Dann flü sterte sie: »Od er war er das? Wie ist er? Wo ist er? « Percy straffte die Sch ultern. Wenn sie Saffys Entg egenkommen erreichen wo llte, mu sste sie wo hl ein ein deutiges Friedensangebot mach en. »Sie sin d noch nicht da«, sag te sie und schenkte ihrer Schwester ein, wie sie hoffte, unschuldig es Lächeln . »Sie v erspäten sich.« »Nu r ein bisschen.« Saffy hatte dasselb e durchscheinende, v erun sicherte Gesicht au fgesetzt wie früher, als sie noch Kinder waren und ein Th eaterstück fü r die Freunde des Vaters einstudiert hatten und die Gäste noch nicht eing etro ffen waren, u m d ie Zuschauerplätze zu besetzen. »Bist du dir ganz sicher? «, frag te sie. »Ich könn te sch wö ren, dass ich d ie Tü r gehö rt habe.« »Du kannst ja unter den Stühlen nach sehen «, en tgegnete Percy leichthin. »Außer mir ist nieman d hier. Was du gehö rt hast, war nu r der Fen sterlad en da d rüb en. Er hat sich i m Sturm gelöst, aber ich habe ihn schon wieder repariert.« Mit einer Kopfbewegung deutete sie au f d en Sch rauben schlü ssel, der auf dem Sims lag.
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Saffys Au gen weiteten sich, als sie die nassen Flecken auf Percys Kleid entdeckte. »Es ist ein ganz besond eres Aben d essen, Perce. Juniper wird ...« »... es weder bemerk en noch sich d afü r interessieren «, beendete Percy den Satz für sie. »Denk nicht über mein Kleid nach. Du sieh st so schön aus, dass es fü r un s beid e reicht. Ko mm, setz dich. Ich mache uns einen Drink, während wir warten.«
8 Da weder Juniper noch ih r Gast eingetroffen waren, wäre Saffy am lieb sten wieder nach unten gelaufen, um den zerrissen en Brief zu sammen zu setzen und Percys Geheimn is au f die Sp ur zu kommen. Ihre Zwillingsschwester in einer derart versö hnlichen Stimmu ng vorzufinden war jedoch eine unerwartete Wohltat, und sie wollte sie nicht en ttäu schen . Nich t an diesem Ab end, nicht jetzt, wo Junip er und ih r besonderer Gast jeden Augenblick eintreffen konn ten . In Anbetracht dessen war es zudem ratsam, sich möglichst in der Nähe der Haustü r aufzu halten, denn so bestand die Chance, d ass sie Juniper kurz un ter vier Au gen würde sprechen können. »Danke«, sag te sie, nahm das Glas entgegen , das Percy ihr hinhielt, und trank einen o rdentlich en Schluck , u m ih ren gu ten Willen zu demo n strieren. »Und? «, sagte Percy und lehnte sich wied er an d en Grammo fon sch rank . »Wie war dein Tag? « Ku rioser und ku rio ser, wie Alice im Wu nd erlan d sag en wü rd e. No rmalerweise hatte Percy nichts übrig für zwangloses Geplauder. Saffy tran k einen Schluck, um Zeit zu gewinnen. Sie wü rd e sich extrem vo rseh en mü ssen . Mit ein er weg werfenden Hand bewegung sagte sie: »Ach, ganz gut. Allerdings bin ich gestürzt, als ich mir meine Unterwäsche angezogen h abe.« »Nein!« Percy musste sch allend lachen . »Doch. Ich habe sogar einen b lauen Fleck, der es b eweist. Der wird wohl alle Regenbogen farben annehmen , bis er weg ist.« Saffy berührte vorsich tig ihren Hintern und verlagerte 158
ihr Gewicht auf der Chaiselongue. »Ich sch ätze, das bedeu tet, dass ich allmählich alt werd e.« »Unmöglich.« »Ach? « Saffy sah g eradezu dankbar auf. »Wie meinst du das? « »Ganz ein fach. Ich bin zuerst g ebo ren , also werd e ich immer d ie Ältere von un s beid en sein.« »Ja, gewiss, aber ...« »Und ich kann dir versichern, dass ich beim Anzieh en no ch nie mein Gleichgewicht v erlo ren habe. Nicht mal bei Bo mbenalarm.« »Hmm ...« Saffy runzelte nachdenklich die Stirn. »Ich verstehe, was du meinst. Wollen wir also mein Missgeschick einem dumme n Zu fall zuschreiben, der nichts mit dem Alter zu tun hat? « »Das werden wir wohl mü ssen; alles andere wü rde bedeu ten, dass wir das Drehbu ch un seres eigenen Abgang s schreiben.« Das war einer der Lieblin gssp rüch e ihres Vaters gewesen , u nd sie mu ssten beide lächeln . »Tut mir leid «, fuh r Percy fo rt, »dass ich eben au f d er Treppe so un au sstehlich war.« Sie riss ein Streichholz an und zündete sich eine Zigarette an. »Ich wollte keinen Streit vo m Zaun b rechen .« »Sagen wir ein fach , der Krieg ist schu ld, einv erstand en? «, sagte Saffy und wandte sich ab, um der Rauchwolke zu entgeh en . »Das tun alle anderen auch. Erzähl - was gibt's Neues au s der g roßen, weiten Welt? « »Nicht viel. Lord Beaverb rook red et von Pan zern fü r die Russen, im ganzen Dorf ist kein Fisch au fzutreiben, und an sch einend ist Mrs. Caraways Tochter sch wanger.« Saffy schn app te au fgereg t n ach Luft. »Nein !« »Do ch.« »Ab er sie ist doch erst - wie alt? Fünfzehn? « »Vierzehn.« Saffy beugte sich vor. »Ein Sold at? « »Ein Pilot.« »Ach du je.« Sie sch üttelte wie ben o mmen den Kop f. »Und Mrs. Caraway, imme r die Tu gend in Person . Wie sch reck lich.« Saffy entg ing nicht, da ss Percy, Zigarette im Mu nd win kel, g rin ste, als hätte sie ih re Sch wester im Verdach t, sich an Mrs. Caraways Unglü ck zu weiden . Was tatsächlich zu traf, wenn au ch nu r ein bisschen und nu r, weil die Frau so eine unverbesserliche Besserwi sserin war, die an allem u nd jedem etwas au szu setzen hatte, sogar an Saffys Näh arbeiten,
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was sich bis zu m Schloss heru mg esprochen hatte. »Was denn? «, sagte sie errötend. »Es ist wirklich sch recklich.« »Aber nicht überraschen d «, sag te Percy, wäh rend sie die Asch e abklop fte. »Die ju ngen Mädch en von h eute haben do ch k ein e Mo ral.« »Seit dem Krieg ist alles anders«, pflichtete Saffy ih r bei. »Das sieht man schon an den Leserb riefen . Jung e Frau en, d ie sich heru mtreiben , währen d ih re Männer im Krieg sind , un d uneheliche Kinder in die Welt setzen. Und die anderen kön nen es nicht erwarten, kaum dass sie einen Mann kennenlernen, ihn zum Traualtar zu schlep pen .« »Ab er un sere Junip er nicht.« Saffy frö stelte. Sie hatte es sich ja ged acht: Percy wusste Bescheid. Irgend wie hatte sie von Jun ipers Lieb esaffäre erfahren. Das erklärte ih re plötzlich e gute Lau ne; sie hatte sich vorgenommen, au f den Bu sch zu klop fen, sie hatte den Do rfk latsch wie einen Kö der ausgeworfen, und Saffy war d rau f reingefallen. Gott, wie demütigen d. »Natü rlich nicht«, sag te sie so g elassen , wie sie konnte. »Juniper ist nicht so eine.« »Selbstverständlich nich t.« Ei ne Weile saßen sie schweigend d a u nd schau ten einand er an, das gleiche Lächeln in ih ren so gleich en Gesichtern, und nippten an ih rem Wh isk y. Saffys Herz klop fte lau ter, als Vaters Liebling suh r tickte, und sie fü rchtete schon , dass Percy es hö ren k onnte; jetzt wusste sie, wie ein In sekt sich fühlte, das in ein Spin nennetz geraten war und au f die groß e Spinn e wartete. »Allerding s«, sag te Percy un d schnippte ih re Asch e in den Kristallaschen becher, »ist mir heute etwas Merk wü rdig es zu Oh ren g ekommen. Im Dorf.« »Ach? « »Ja.« Ein verlegenes Schweigen breitete sich aus, während Percy rauchte und Saffy sich au f d ie Zung e biss. Wie u nerträg lich das war, no ch dazu hinterhältig: Ihre eigene Zwillingssch wester nu tzte ih re Vo rliebe fü r Do rfklatsch au s, um sie auf diese Weise in Versu chung zu b ring en, ihre Geh eimn isse au szuplaudern . Aber das wü rd e sie n icht mit sich machen lassen. Was in teressierte sie Percys Do rfklatsch üb erhau pt?
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Sie k annte die Wah rheit b ereits, sch ließ lich hatte sie Jun ipers Tagebuch gelesen, und sie wü rd e sich du rch k ein e List dazu verleiten lassen, Pe rcy d avon zu erzählen. Mit demo n strativ er Entsch lossenheit stand Saffy au f, strich ihr Kleid glatt und begann, d ie Messer und Gabeln auf d em gedeck ten Tisch mit großer Sorgfalt auszurichten. Sie brachte es sog ar fertig, leise vor sich hin zu summen und ein harmlo ses Läch eln au fzusetzen. Was irgendwie tröstlich war, wenn die Zweifel aus den Sc hatten gekrochen kamen. Dass Jun iper ein en Liebhaber hatte, war allerdings überraschend, und es hatte Saffy getroffen , n ichts d avon gewu sst zu haben , ab er d ie Tatsach e an sich änderte nichts. Od er? Jed enfalls nichts, was Percy wichtig war, nichts, was von Bedeutung war. Es konn te do ch bestimmt n ichts Sch limmes passieren , wenn Saffy d ie Neuig keit fü r sich b ehielt. Juniper hatte eb en einen Liebhab er, das war alles. Sie war eine jung e Frau , das war etwas g anz Natürliches; eine Bagatelle und sich erlich nich ts von Dauer. Wie alles, was Junipers Begeisterung weckte, würde auch dieser Man n bald sein e Faszination verlieren, würde verblassen und sch ließ lich von ein er neu en Laun e davong eweht werden. Der Wind d raußen war stärker geworden , und die Klauen des Kirschbau ms k ratzten an dem lo sen Fen sterlad en. Saffy schüttelte sich, obwohl ihr nicht kalt war; ihre minimale Bewegung wurde vom Sp ieg el über dem Ka min eing efan gen , sie hob den Kopf und blick te in ih r eigen es Gesicht. Es war ein prächtiger Spiegel, mit einem v ergoldeten Rah men , und er hing an einer sch weren Ke tte von der h ohen Decke. Deswegen war er leicht n ach vorn g eneigt, sodass es, als Saffy au fsah, den An schein hatte, als wü rd e er sie von ob en herab zo rnig anblicken und zu einem d icken, g rün en Zwerg schrumpfen lassen. Ein Seufzer en tfuh r ih r unwillkürlich. Sie fühlte sich hilflo s, sie war es leid, sich zu v erstellen. Sie wollte sich gerade abwenden und wieder au f den Tisch kon zentrieren, als sie im Spiegel Percy entd eck te, die rauchend in der Ecke hock te und den g rünen Zwerg in der Mitte beo bachtete. Nicht ein fach nur beobachtete, sond ern mu sterte. Sie suchte nach Indizien , n ach der Bestätigung fü r ein en Verdacht, den sie bereits hatte.
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Das Wissen , d ass sie beobachtet wurde, ließ Saffys Puls schneller sch lag en, und plötzlich versp ürte sie das dringen de Bedü rfnis, etwas zu sagen, den Raum mit Gespräch zu füllen, mit Geräuschen. Sie atmete kurz ein. »Juniper ist natü rlich spät dran, und das sollte un s n icht wun dern; wahr scheinlich ist das Wetter schuld, irgendetwas wird sie unterwegs aufgehalten hab en; sie hätte u m Viertel vo r sech s an ko mmen sollen, und selbst wenn d er Bu s au s d em Do rf nicht imme r pünktlich fährt, mü sste sie eigentlich inzwischen hier sein ... Ich ho ffe bloß, sie hat einen Schirm dabei, ab er d u weißt ja, wie sie in solchen Dingen ist ...« »Juniper ist verlobt«, fiel Percy ih r b arsch in s Wo rt. »Das erzählt man sich im Dorf. Dass sie verlob t ist.« Das Vorspeisenmesser stieß klappernd gegen seinen Nach barn. Saffys Mund öffnete sich. Sie blinzelte. »Wie bitte? « »Verlobt. Jun iper ist verlobt.« »Aber das ist doch läch erlich. Natürlich ist sie das nicht.« Saffy war eh rlich verb lü fft. »Juniper? « Sie b rachte ein schwaches, heiseres Lachen zustande. »Wo hast du das nu r aufgeschnappt? « Percy stieß eine Rau chwolke au s. »Also? Wer verbreitet so einen Unsinn? « Percy k laubte ein Stückchen Tab ak von ih rer Unterlip pe und sagte ein en Mo ment lang nichts. Stirnrunzelnd betrachtete sie das dunkle Fitzelch en an ihrer Fingerspitze. Schließlich schnippte sie es in den Aschenbecher. »Ach, wahrsch einlich hat es nichts zu bedeuten. Ich war nu r auf d er Po ststelle und ...« »Ha!«, sagte Saffy, vielleicht ein b isschen zu triu mphie rend. Und erleichtert, weil Percys Bemerk ung nichts weiter als Klatsch war: Gerede im Dorf, das jeder Wahrheit entbehrte. »Das hätte ich mir d enken k önnen . Diese Mrs. Potts! Wirklich, sie ist eine Gefah r für d ie Allgemeinheit. Wir können nur dankbar sein , d ass sie sich n och nicht das Maul üb er die Politik zerreißt.« »Du glaub st es also nicht? « Percys Stimme klang d ump f, vo llko mme n tonlos. »Natü rlich glaube ich es nich t.« »Juniper hat dir also nich ts gesagt? «
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»Kein Wort.« Saffy ging zu Percy h inüber und legte ih r eine Hand auf den Arm. »Wirk lich , mein e Liebe. Kann st du dir Juniper als Brau t vo rstellen? Ganz in weiß e Spitze gehüllt? Dass sie gelobt, jemand en zu lieben und ihm zu geho rch en bis an ihr Lebensende?« Percys Zigarette lag au sged rückt im Aschenbecher, u nd sie versch ränk te d ie Fing er in einander. Dann deutete sie ein Läch eln an, hob k u rz die Sch ultern und schüttelte den Gedan ken ab . »Du hast recht«, sagte sie. »Dumme s Gerede, mehr nicht. Ich habe mich nu r gefragt ...« Aber was genau sie sich gefragt hatte, b ehielt Percy fü r sich. Obwo hl keine Musik mehr zu hören war, dreh te die Grammo fo nn adel immer n och p flichtsch uldigst ih re Rund en au f der Schallplatte. Saffy erlöste sie von ihrem Elen d und legte den To nabneh mer zu rück au f die Gabel. Sie wollte gerade in die Küche gehen, um nach der Kan inch enpastete zu sehen , als Percy sag te: »Juniper h ätt e es un s gesagt. Wenn es stimmte, hätte sie es un s gesagt.« Saffys Wang en b egannen zu glühen, als sie an das Tag ebuch im D achbodenzimmer d achte, an d en Sch ock , als sie die letzte Eintragung gelesen hatte, an den Stich, den es ih r versetzt hatte, nicht eing eweih t wo rd en zu sein . »Saffy? « »Ganz sicher«, antwortete sie hastig . »Das tu t man doch , nicht wahr? Wichtige Dinge erzäh lt man sich geg en seitig.« »Ja.« »Vo r allem seinen Schwestern.« »Ja.« Und es stimmte. Eine Lieb esaffäre g eheim zu h alten war eine Sach e, aber eine Verlobung — das war etwas g anz and eres. Selb st Juniper, da war sich Saffy ganz sicher, wären die Gefü hle anderer nicht gleich gültig , sie wäre sich über die Auswirkungen im Klaren , die eine solche Entscheidung hätte. »Trotzdem«, sagte Percy. »Wir sollten mit ih r red en. Sie daran erinnern , da ss Vater ...« »... nicht hier ist«, been dete Saffy den Satz sanft. »Er ist nicht hier, Percy. Wir sind alle frei zu tun, was un s g efällt.« Frei, Mild erhu rst zu verlassen, dem Glan z und dem T rub el
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New Yo rks en tgeg enzu seg eln , ohn e ein en Blick zu rück zu werfen. »Nein«, sagte Percy so scharf, dass Saffy einen Moment lang fürchtete, sie hätte ih re Gedan ken lau t au sg esp rochen. »Wir sind nicht frei. Nicht ganz. Wir sin d alle einand er verpflichtet. Juniper weiß das. Sie weiß, dass eine Ehe ...« »Perce -« »Das waren Vaters Wün sch e. Seine Bedingu ngen.« Ihre Blicke begegneten sich , und Saffy hatte zu m ersten Mal seit Monaten Geleg enheit, das Gesich t ih rer Sch wester au s der Nähe zu betrachten. Percy h atte einig e n eue Falten bekommen. Sie rauchte viel und mach te sich viele So rgen, und zweifellos forderte der Krieg seinen Trib ut, aber was au ch immer der Grund sein mo chte, die Frau, die vor ihr saß, war nicht mehr jung. Ab er alt war sie auch n ich t, und Saffy begriff plötzlich - hatte sie das denn nicht immer gewusst? -, dass es einen Bereich dazwisch en gab. Und in diesem befanden sie sich beide. Sie waren k eine ju ngen Frau en meh r, und doch weit davon entfernt, alte Jung fern zu sein . »Vater wusste, was er tat.« »Selbstverständlich, meine Liebe«, sagte Saffy zärtlich. Warum war ihr das bisher nicht au fg efallen? All die Frau en in dem großen Zwischendrin? Sie waren doch nicht unsichtb ar, sie lebten nu r still ihr Leben, taten, was Frauen taten, wenn sie nich t meh r jung, aber noch n ich t alt waren. Hielten Häuser in Ordnu ng, wischten Trän en von den Wang en ih rer Kinder, stopften die Socken ih rer Ehemänner. Un d mit einem Mal begriff Saffy, waru m Percy sich so b enahm, b einahe, als wäre sie n eid isch au f die Möglichk eit, d ass Juniper, die erst neunzehn war, eines Tages heiraten könn te. Dass sie ih r gan zes Erwachsen enleben no ch v or sich hatte. Und sie verstand auch, warum Percy sich au sgerech net an diesem Ab end solchen sentimentalen Gedanken hing ab. Natürlich war sie um Juniper besorgt, und sie mach te sich Gedan ken üb er den Dorfklatsch, aber es war d ie Begeg nung mit Lucy gewesen, die sie in diese Stimmung v ersetzt hatte. Saffy war plötzlich so überwältigt von tiefer Liebe zu ih rer dickköp figen Zwilling ssch wester, dass es ih r be inahe den Atem raubte. »Wir beide hatten kein Glü ck , nicht wahr, Perce? «
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Percy blickte von d er Zigarette auf, die sie sich gerade d rehte. »Wie mein st du das? « »Wir beide. Wir hatten kein Glück in Herzen sangelegen heiten.« Percy schaute sie an . »Ich g laube n ich t, da ss Glück viel damit zu tun h atte. Es war wo hl eh er eine simp le Frage d er Mathema tik, mein st du nicht? « Saffy lächelte; es war genau so , wie d ie Erzieherin, die ih re alte Nanny ersetzt hatte, es ihnen erk lärt hatte, b evor sie nach No rweg en zu rü ckgekehrt war, um ihren verwitweten Vetter zu heiraten. Sie hatte sie mit an den See geno mmen , wie immer, wenn sie nicht in der Stimmung war, ihnen eine Unterrichtsstunde zu geben, aber Mr. Broads fo rschenden Blick en n icht au sgesetzt sein wollte. Sie hatten sich auf d er Wiese gesonnt, und auf einmal hatte die Erzieh erin sie mi t einem schadenfrohen Funk eln in den Augen angesehen und in ihrem trägen norwegischen Sing san g zu ihnen gesag t, sie täten gut daran, sich eine Ehe au s d em Ko p f zu schlagen; dass d er Krieg, d er ihren Vater verwundet hatte, au ch ih re Zukun ftsaussich ten zunichtegema ch t hatte. Die d reizehnjäh rigen Zwillinge hatten sie gleichgü ltig ang eseh en, mit einer Miene, die sie perfektioniert hatten, weil sie wu ssten, dass sie jeden Erwach senen zur Weißglu t b rachte. Was gin g sie das alles an? Verehrer und Ehe waren das Letzte, wo rüber sie d amals nachgedacht h atten. Saffy sag te leise: »Tja, aber das ist doch ein ziemlich unglückliches Schicksal, nicht wahr? Dass alle poten ziellen Ehemän ner au f den fran zö sischen Sch lachtfeldern gefallen sind? « »Wie viele wolltest du denn h aben? « »Wie viele was? « »Ehemän ner. Du hast von allen po tenziellen Eh emännern gesprochen ...« Percy zündete sich ih re Zigarette an und mach te eine weg werfend e Handbewegung. »Egal«, sagte sie, als sie den Rauch ausblies. »Nu r einen.« Saffy war plötzlich ganz sch wind lig. »Es gab nur ein en, den ich wollte.« Es folg te eine qualvolle Stille, bis Percy schließlich geruhte, verlegen zu wirken. Aber si e sag te nich ts, bo t k ein tröstliches oder verständnisvolles Wort
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an , kein e liebevo lle Geste. Sie d rück te ih re Zigarette au s und ging zur Tü r. »Wo geh st du hin? « »Ich habe Kopfschmerzen. Ganz plötzlich .« »Dann setz dich. Ich hole d ir Aspirin.« »Nein.« Percy wich Saffys Blick aus. »Nein, ich hole sie mir selbst aus dem Medizinschränkchen . Die Bewegu ng wird mir g uttu n.«
9 Percy eilte den Flu r hinunter und verfluchte sich fü r ih re Sch usseligkeit. Sie hatte vo rgehabt, Emilys zerrissen en Brief sofort zu verbrennen, ab er stattdessen h atte sie sich von d er Begegnung mit Lucy derart aus dem Ko nzept b ringen lassen , dass sie die Schnipsel in ih rer Ho sentasch e vergessen hatte. Schlimmer noch, sie hatte d ie Hose direkt an Saffy überg eben, au sgerechnet der Person, die den Brief nich t hatte zu Gesicht bekommen sollen. Percy lief die Trep pe hinunter in die mit Koch dünsten gefüllte Küch e. Wann, fragte sie sich, wäre ihr der Brief wohl wieder eing efallen, wenn Saffy n icht diese Anspielung au f Emilys Eh emann gemach t hätte? War es verfrüht, den Verlust ih res zuverlässigen Gedäch tnisses zu beklagen , sich zu frag en, welch e Art von d ämo nischen Trick s sie wü rd e anwenden müssen, um es zurückzubekommen? Abrupt blieb sie vor dem Tisch steh en. Ih re Hose lag nich t mehr da, wo sie sie abgelegt hatte. Ih r Herz hämmerte geg en die Rippen; sie zwang es zu rü ck in ih ren Brustk orb, wo es hingehö rte. Panik wü rde ihr nichts n ützen; auß erdem war das Verschwinden der Hose no ch keine Katastroph e. Percy war sich ziemlich sicher, dass Saffy den Brief noch nicht gelesen hatte: Dafür war sie im Salon viel zu gefasst, viel zu ruh ig gewesen . Denn, bei Gott, wenn Saffy erfahren hätte, dass Percy imme r noch mit ihrer Kusine in Kontakt stand, wäre es ihr nicht gelungen, ihre Emp ö rung darü ber zu verbergen. Was bedeutete, dass noch nich t alles zu spät war. Sie musste
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nur d ie Hose finden, die Beweisstücke versch winden lassen , und alles wü rd e gu t werden. Auf dem Tisch hatte auch ein Kleid gelegen, fiel ih r ein, es musste also irgendwo einen Stapel schmutzige Wäsche geben. Wie sch wer k onnte es sein, den zu finden? Zweifellos wu rd e die Sache d adurch ersch wert, d ass sie kein e Ahnun g hatte, wie das Wäschewaschen vor sich g ing , denn leider hatte sie nie darauf geachtet, wie Saffy den Ha ush alt o rganisierte; ein e Nach lässigkeit, die sie sich zu korrigieren vornahm, sobald sich der Brief wieder in ih rem Besitz befan d. Sie begann bei den Körb en au f dem Regal unter dem Tisch, wühlte sich durch Gesch irrtücher, Kuchenb lech e, Kasserollen u nd Back fo rmen, während sie nach Geräu schen auf d er Treppe lau sch te, fü r d en Fall, dass Saffy auf der Su che nach ihr herunterkam. Was ziemlich unwahrscheinlich war. Da sie Juniper jeden Augenblick erwartete, wü rd e es ih r widerstreben, sich allzu weit von der Haustür zu entfernen. Percy wartete ebenfalls ungedu ldig au f ih re k lein e Sch wester, und sobald sie eintraf, würde sie sie ganz offen au f das Gerücht an sp rech en, das Mrs. Potts in die Welt g esetzt hatte. Denn obwohl Percy so getan h atte, als wü rde sie die Überzeugung ihrer Zwilling ssch wester teilen, dass Juniper es ih nen mitg eteilt h ätte, wenn sie sich tatsächlich verlobt hätte, war sie sich da ganz und g ar nich t sicher. Eine Verlobu ng gehö rte zu den Ding en, die man seinen Angehörigen normalerweise erzählte, wohl wah r, aber Ju nipe r war nicht normal, sie war ihnen lieb und teuer, aber sie war unbestreitbar exzentrisch. Und das nich t nu r wegen ih rer Anfälle und der »v erlo ren en Zeit«; sie war das kleine Mädchen, das Gefallen daran fand, mit Liebling sg egen stän den ih r bloßes Auge zu berühren - einem glatten Stein oder Vaters Füllfederhalter; das zahllose Kinderfrau en verg rault hatte mit seiner Versto cktheit und sein en Fantasiefreu nden , die es sich nicht ausreden ließ; das, wenn man es gezwung en hatte, Schuhe zu tragen , darauf bestanden hatte, sie verkehrt herum anzuziehen. Mit Ex zentrik an sich hatte Percy kein Problem - welch er no rmale Men sch h atte nicht seinen kleinen Tick? , wie man in der Familie gern witzelte. Vater hatte seine Geister gehabt,
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Saffy hatte ih re Pan ikanfälle, Percy selbst war auch nicht ohn e. Nein, Ex zentrik war nicht das Problem, Percy ging es nur darum, ihre Pflicht zu tun, die darin bestand , Junip er vo r sich selb st zu schützen . Ih r Vater hatte ihr diese Aufgabe üb ertrag en. Ju niper sei etwas Besond eres, hatte er gesag t, und sie mü ssten alle dafü r so rg en , d ass ih r nichts zustieß. Und das hatten sie bisher getan, jawohl. Sie waren Ex pertin nen darin, zu erkennen , wann genau die Veran lagu ng, die ih r Talent ausmachte, in Tob such tsan fälle u mzu kipp en droh te. Als ih r Vater noch g eleb t h atte, hatte er sie ohn e Ein sch rän kun g herumtoben lassen. »Das ist Leidenschaft«, hatte er voller Bewunderung gesagt, »ungekünstelte, hemmungslose Leid en schaft.« Dennoch h atte er sich mit seinen An wälten un terhalten. Percy war ü berrascht gewesen, als ih r klar g e wo rd en war, was er getan h atte; sie h atte so fo rt Verrat gewittert und d as un ter Gesch wistern typische Mantra »Das ist ungerecht!« vor sich hin gemu r melt, ab er schon bald hatte sie eingesehen, dass ihr Vater rech t hatte, dass seine Anordnun gen fü r sie alle da s Beste waren . Und sie liebte Juniper, das taten sie alle. Es gab nichts, was Percy nicht fü r ih re klein e Schwester tun wü rd e. Ein Geräu sch vo n o ben . Percy erstarrte und such te die Decke mit den Augen ab . Das Haus war immer voller Geräusch e, man b rau chte also n u r die üblichen Verd äch tig en du rchzug ehen . Fü r die Hausgeister war es zu laut gewesen, od er? Da war es wied er. Sch ritte, vermu tete sie; ab er kame n sie näher? Kam Saffy n ach un ten? Eine Weile hielt Percy den Atem an . Reglos wartete sie, bis sie sich sicher war, dass die Schritte sich en tfernten. Dann richtete sie sich au f und ließ den Blick mit g röß erem Unb ehag en als zu vo r du rch d ie Küche wand ern . Immer no ch keine Spur von der verdammten Wäsche. Besen und ein Mo pp in der Ecke, Gummistiefel neben der Hintertür, im Spü lstein nichts als Sch üsseln, die do rt zu m Ein weichen standen , und au f dem Herd ei ne Kasserolle und ein hoher Topf... Ein Topf! Natü rlich. Hatte sie nicht Saffy des Öfteren von Töpfen reden hören, wenn es ums Wäschewaschen ging? Wenn sie sich über Fleck en bek lagt h atte, die n icht rausgin -
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gen, und über Percys Ach tlo sig keit. Percy eilte an den Herd , hob d en Deck el des riesig en Kochto p fs an und - Bingo ! Was fü r ein e Erleichterung - ih re Hose. Grin send zog Percy die klatschnasse Ho se aus dem Wasser, drehte sie hin und her, u m d ie Tasch en zu find en, u nd schob ihre Finger erst in die eine, dann in die and ere ... Sie erbleichte. Die Taschen waren leer. Der Brief war verschwunden. Wieder ein Geräu sch von oben. Schritte. Saffy ging auf und ab . Percy fluchte leise vo r sich hin, schalt sich erneut fü r ih re Du mmh eit. Dann hielt sie den Atem an und lau schte au f die Sch ritte ih rer Sch wester. Sie kamen näher. Dann ein Poltern. Die Schritte änderten die Richtung . Percy lau sch te an gestren gt. War da jemand an der Tü r? Stille. Und kein Ruf von Saffy. Was b edeutete, dass niemand geklopft hatte. Denn ein s war klar: Wenn die Gäste eintrafen, würde Saffy es nicht hinneh men , dass Percy sich nicht zeigte. Vielleich t war es schon wieder der Fensterladen gewesen; sie hatte ihn nur mithilfe eines kleinen Schraubenschlüssels notdürftig in Position geb rach t - ohn e o rdentliches Werkzeug war nichts zu machen —, und es stürmte immer noch ganz ordentlich . Auch um den Fensterladen würde sie sich am näch sten Tag kü mmer n . Percy holte tief Lu ft und seufzte en tmu tig t. Sie sah zu , wie die Hose wieder im Ein weich wasser v ersank. Es war schon nach ach t, Juniper war i mmer n o ch nicht da, der Brief konn te Go tt weiß wo sein . Vielleich t - ein Ho ffnung sschimmer hatte Saffy ihn in den Müll geworfen? Sch ließ lich waren es nu r Papierschn ip sel; vielleicht war der Brief längst verb rannt, und es war nichts mehr von ihm übrig bis auf ein bissch en Asch e im Herd? Außer das ganze Haus bis in alle Winkel zu du rch kämmen od er Saffy g eradeheraus nach dem Verb leib d es Briefs zu fragen - allein der Gedanke ließ Percy zusammen zucken -, fiel ihr nichts ein, was sie n och tun konnte. Also k onnte sie genauso gut nach oben gehen und auf Juniper warten.
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Ein Donner krachte. So lau t, dass Percy selb st hier unten, im In nersten des Hau ses, erschauderte. Gleich darau f ein leiseres Geräusch, jedoch viel näher. Draußen vielleicht. Als sch lich e jeman d am H au s en tlan g und hämmerte gegen Tü ren und Fen ster au f d er Such e n ach der Hintertü r. Junipers Gast mü sste jeden Aug enblick ein treffen . Es war du rch au s mö glich, dach te Percy, dass jemand, der sich n icht au sk annte und sich abend s, währen d d er Verd un kelung, noch dazu bei so einem Gewitter, dem Haus näherte, an der falsch en Tü r Ein lass suchte. Auch wen n d as ziemlich unwah rschein lich war, entschloss sich Percy nachzusehen. Sie konnte den Mann sch lecht da d raußen heru mstolpern lassen. Mit zu sammen g ep ressten Lippen sah sie sich ein letztes Mal in der Küche u m - Vo rratstüten mit Zutaten fü r das Abendessen auf der Ban k, ein zerknü lltes Geschirrtu ch, ein Topfdeckel: nichts, was auch nur entfernt einem Haufen Papierschnipseln ähnelte -, dann nahm sie die Taschenlampe aus dem Erste-Hilfe-Kasten, zog sich einen Regenman tel über und öffnete die Hin tertü r. Juniper war schon fast zwei Stunden überfällig, u nd Saffy war in großer Sorge. Bestimmt gab es eine Erklärung - der Zug hatte sich verspätet, der Bu s hatte eine Pan ne, eine Straße war gesp errt, irgendetwas ganz No rmales, und sich erlich gab es bei einem solchen Wolkenbruch auch keine feindlichen Flugzeuge, d ie d ie Lage verko mp lizierten . Aber vernün ftige Überlegungen waren kein Kriteriu m, wenn eine g roß e Sch wester sich Sorgen machte. Erst wenn Juniper gesund und wohlbehalten du rch die Haustür kam, würde Saffy sich wieder beruhigen . Und welche Neuig keiten, fragte sie sich, während sie au f ihrer Unterlippe kaute, würde ihre kl eine Schwester wohl mitbringen, wenn sie en dlich über die Sch welle trat? Saffy hatte es g eglaubt, als sie Percy versichert ha tte, Juniper sei nicht verlobt, d as hatte sie wirklich , ab er seit Percy so plötzlich nach unten gegangen war und sie im guten Zimmer allein gelassen h atte, war sie sich d essen immer wen iger sich er. Die ersten Zweifel waren ihr geko mme n , als sie über
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die Vo rstellung von Juniper in weiß er Spitze gescherzt hatte. Noch während Percy zu stimmen d nickte, h atte dieses kitschige Bild angefangen , sich zu verändern, wie ein Spiegelbild einer gekräuselten Wassero berfläch e, und sich in eine viel weniger unwah rscheinliche Vision verwandelt. Eine, die Saffy imme r wieder in den Sinn gekommen war, seit sie mit der Arbeit an dem Kl eid begonnen hatte. Und dann hatten sich die Puzzleteile schnell zu samme ng efüg t. Warum so n st hätte Juniper sie bitten sollen, das Kleid für sie zu ändern? Doch nicht fü r etwas so Gewöhnliches wie ein Ab endessen, sondern für eine Ho chzeit. Fü r ih re eigene Hochzeit, und zwar mit diesem Thomas Cavill, der heute Abend kommen würde, um Saffy und Percy kennen zulernen. Ein Mann, von dem sie b isher noch nie etwas geh ö rt hatten. Ja, alles, was sie über ihn wu ssten, besch ränkte sich au f den Brief, den Jun iper geschick t hatte, um ihnen mitzuteilen, dass sie ihn zum Abend essen eing elad en hatte. Sie hätten sich während eines Bomb enangriffs kenn engelernt, sie hätten eine gemein same Freund in, er sei Leh rer und Sch riftsteller. Saffy zermartete sich das Hirn und v ersuchte, sich an den Rest zu erin nern, die genauen Worte, die Juniper benutzt hatte, was sie geschrieben hatte, d as sie und Percy zu d er Annahme veranlasst hatte, er habe Junip er das Leb en gerettet. Hatten sie sich das womö glich eingebildet? Oder war es eine von Jun ipers k reativen Unwahrh eiten, ein Schnörkel, der ihre Sympathie weck en so llte? In dem Tagebuch hatte ein bisschen mehr über ihn gestan den, allerd ings n ichts, was mit seiner Biog rafie zu tun hatte. Dort wurden die Gefühle, die Gelü ste, d ie Sehnsüchte einer erwach senen Frau beschrieben. Einer Frau, die Saffy nicht kannte, die ihr Befremd en veru rs acht hatte; ein er Frau, die dabei war, weltgewandt zu werden. Es fiel Saffy schon nicht leich t, diese Veränderung en zu akzeptieren , ab er Percy wü rde man sehr gut zu reden müssen . Fü r Percy wü rd e Junip er immer d ie klein e Schwester bleiben, die g ebo ren wu rde, als sie beid e schon fast erwachsen gewesen waren, das kleine Mädch en, das verwöhnt und besch ützt werden wollte. De m man eine Freu de mach en, dessen Lo yalität man gewinnen konnte mit nichts weiter als einer Tüte Süßigkeiten.
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Saffy lächelte vo ller trauriger Zuneigung über ihre von Zwäng en bestimmte Zwillingsschwester, die garantiert schon dabei war, sich auf eine Konfrontation vo rzubereiten, fest en tschlo ssen , dafü r zu sorgen, dass die Wünsche ihres Vaters resp ektiert wu rd en. Arme, liebe Percy: so intelligent, so mutig und lieben swü rdig, zäh wie Leder, und doch unfähig, sich von den unmöglichen Erwartun gen ih res Vaters zu befreien . Saffy war klüger gewesen; sie hatte schon früh au fgehö rt, ih m g efallen zu wollen. Sie frö stelte plötzlich und rieb sich die Hände. Dann ver schränkte sie die Arme, entschlossen, diesmal n icht klein beizug eben. Sie mu sste stark sein für Juniper, jetzt kam es auf sie an. Denn im Gegensatz zu Percy h atte sie Verständn is für die Leiden, die die Liebe schafft ... Die Tü r g ing au f, und Percy stand da. Der Wind schlug die Tü r zu. »Es schüttet wie aus Eimern.« Sie wischte sich das Wasser von Nase und Kin n, sch üttelte das nasse Haar. »Ich hatte hier oben ein Geräu sch g ehört. Vo rh in.« Saffy blinzelte verd attert. Sagte mech anisch: »Das war der Fensterladen . Ich glaube, ich habe ihn festbekommen, ab er ich kann ja nicht gut mit Werkzeug umgehen - Percy, wo in aller Welt bist du gewesen? « Und was hatte sie d a drau ßen gemacht? Saffys Au gen weiteten sich, als sie das nasse, schlammv erdreckte Kleid ihrer Schwester sah, die Blätter war es mö glich? - in ihrem Haar. »Sind die Kopfschmerzen weg? « »Wie bitte? « Percy hatte ih re Gläser g eholt und schenk te ih nen beid en noch einen Whisky ein. »Deine Kopfschmerzen. Hast du die Aspirin gefu nden? « »Ach so. Danke. Ja.« »Du warst ziemlich lang e fo rt.« »Ach ja? « Percy reichte Saffy das Glas. »Kan n sein . Ich dachte, ich h ätte d raußen etwas gehö rt. Wah rsch einlich Poe, der sich vor dem Gewitter fürcht et. Zuerst d ach te ich , es wäre Junip ers Freu nd. Wie hieß er gleich? « »Thomas.« Saffy trank einen kl einen Schlu ck . »Tho mas Cavill.« Bild ete sie sich ein, dass Percy ih rem Blick auswich? »Percy, ich hoffe ...«
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»Keine So rge. Ich werde nett zu ihm sein, wenn er kommt.« Sie ließ ih ren Whisky kreisen. -»Falls er ko mmt. « »Du darfst ih n nicht im Vo raus veru rteilen, bloß weil er zu spät kommt .« »Und warum nicht? « »Der Krieg ist schuld . Nichts läuft meh r nach Plan. Ju nip er ist ja auch noch nicht da.« Percy nahm d ie ungerauch te Zigarette, d ie sie vo rher i m Asch enbecher ausged rückt hatte. »Das ist ja nich ts Ung ewöhnliches.« »Irgendwann wird er kommen.« »Falls er ex istiert.« Wie merk wü rd ig, so etwas zu sagen ; Saffy sch ob sich ein e widerspenstige Strähne hinters Ohr, verwirrt, beso rgt. Sie fragte sich, warum Percy einen solch bösen Scherz machte, einen von der Art, die Saffy imme r wörtlich nahm. Ihr drehte sich der Magen um, doch sie beschloss, das zu igno rieren und den Scherz als Scherz au fzu fassen . »Das ho ffe ich doch. Es wäre eine Schan de zu erfah ren , dass er nu r eine Au sgebu rt der Fantasie ist. Der Ti sch wü rd e gan z un ausgewog en wirk en, wenn wir ein Gedeck en tfern en mü ssten.« Sie setzte sich au f die Kante der Chaiselong ue, aber es gelang ih r nicht, sich zu entspann en. Eine seltsame Nerv osität sch ien sich von Percy au f sie üb ertrag en zu haben. »Du sieh st mü d e au s«, sagte Percy. »Wirk lich?« Saffy bemü h te sich u m einen liebenswürdigen Ton. »Ich glaube, das b in ich auch. Vielleicht werde ich wieder mu nterer, wenn ich nach dem Essen sehe. Ich gehe mal in die Kü che und ...« »Nein.« Saffys Glas fiel zu Bod en. Whisk y b reitete sich au f de m Tepp ich aus, b räun liche Perlen auf dem blau -roten Muster. Percy hob das Glas auf. »Tut mir leid«, sagte sie. »Ich wollte nu r ...« »Wie ungeschickt von mir.« Saffy b etrachtete ein en Fleck au f ih rem Kleid . »Wie ungeschickt ...« Und d ann k lop fte es an d er Tü r. Sie standen g leichzeitig au f. »Juniper«, sag te Percy. Saffy schluckte. »Od er Tho mas Cavill.« »Ja. Od er Thomas Cavill.«
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»Tja«, sagte Saffy mit einem g ezwun genen Läch eln . »Wer auch immer es sein mag , am b esten mach en wir die Tür au f.«
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Teil zwei Das Buch von den nassen Zaubertieren 1 9 9 2 Ich ko nnte an nichts anderes mehr denken als an Thoma s Cavill und Juniper Blythe. Es war so eine trau rige Ge schichte; ich machte sie zu meiner trau rigen Geschich te. Ich keh rte nach Lon don zurück, füh rte mein Leben , aber ein Teil von mir kam n ich t v on diesem Sch lo ss los. Ku rz vo r dem Einschlafen oder beim Tagträu men fanden mich die flüstern den Stimme n. Sobald mir die Augen zufielen, war ich wieder in dem kühlen, düsteren Flur und wartete mit Juniper auf ihren Verlobten. »Sie lebt in der Verg angenheit«, hatte Mrs. Bird mir beim Wegfah ren erzählt, als ich im Rück spiegel zu sah , wie der Wald sich wie dun kle, sch ützende Flü gel u m das Sch lo ss legte. »Sie du rchlebt diesen Oktob erabend 1 9 4 1 immer und immer wieder, wie eine Schallplatte, d ie hakt.« Die Vorstellung war so schrecklich traurig, ein ganzes Leben zerstö rt an ein em einzigen Abend, un d si e warf so viele Frag en au f. Wie war es fü r sie an jenem Ab end g ewesen, als Tho mas Cavill nicht zum Abendessen erschien? Hatten alle drei Schwestern in einem speziell für den Anlass herg erichteten Zimmer gewartet? Wann hatte sie angefangen, sich So rg en zu mach en? Hatte sie an fan gs geglaub t, er wäre verletzt, hätte einen Unfall gehabt? Oder hatte sie so fo rt gewusst, dass sie verlassen worden war? »Er hat eine andere geheiratet«, hatte Mrs. Bird au f mein e Frage gean twortet. »Hat sich mit Juniper verlobt und ist dann mit einer and eren au f und davon. Nichts als ein Brief, u m d ie Beziehung zu beenden.« Ich hielt die Geschich te in Händen , d rehte sie hin un d her, betrachtete sie von allen Seiten. Ich führte mir alles vo r Augen, korrigierte ein paar Fakten, ging sie noch einmal der Reih e nach d u rch. Wah rsch einlich hat die Tatsach e, d ass ich selbst au f äh nliche Weise enttäuscht worden war, eine gewisse Rolle gespielt, ab er es war meh r als Mitg efühl, was meine Obsession schürte - denn ich mu ss gestehen, dass es wirk lich zu einer Obsession wurde. Es waren die letzten Minuten meiner Begegnung mit Jun iper. Die Verwandlu ng, die 175
sich vo r meinen Aug en vollzog , als ich ih r gesagt hatte, ich mü sse zu rück nach Lond on, wie sich die jung e Frau, d ie sehn sü chtig au f ih ren Geliebten wartete, plötzlich in eine todunglückliche Gestalt verwandelt hatte, d ie mich u m Hilfe an fleh te und mich beschimp fte, weil ich ein Versprechen gebrochen hatte. Vor allem wurde ich das Bild nicht mehr los, wie sie mir in die Augen gesehen und mir vorgeworfen hatte, ich hätte sie auf schreck liche Weise im Stich gelassen; wie sie mich Meredith genannt hatte. Juniper Blythe war alt, sie war k ran k, und ihre Sch western waren bemüht gewesen, mir zu erklären , dass sie häufig Dinge sagte, die sie selb st nich t begriff. Aber je länger ich darüber nach dach te, u mso g rößer wu rde die schrecklich e Gewissh eit, dass meine Mutter in irgendeiner Weise b ei dem, was Junip er wid erfah ren war, eine Rolle g espielt hatte. Alles andere ergab für mich einfach kein en Sinn. Es erklärte die Reak tion meiner Mu tter au f den verloren gegangenen Brief, den Au fschrei - denn es war ein Schmerz gewesen, od er nicht? —, als sie den Absender gelesen hatte, d erselbe Au fsch rei, den ich als Kind gehört hatte, als wir von Milderhurst weggefahren waren. Dieser heimliche Besuch vor mehr als zwanzig Jahren, als meine Mu tter mich an der Hand genommen , von dem To r weg gezerrt und un san ft in den Wag en bug siert und mir nich ts weiter erklärt h atte, als dass es ein Fehler gewesen sei, dass es zu sp ät sei. Ab er zu spät wo zu? Vielleicht, um sich zu entschuldigen, eine lange zurück liegende Verfehlung wiedergutzumachen. Waren es Sch uldg efühle gewesen, die sie nach Milderhurst getrieben und dann hatten fliehen lassen, noch ehe wir du rch das Tor gegangen waren? Gut möglich. Und wenn es stimmte, wü rde das ih ren Sch merz erklären. Un d es könnte au ch erklären, warum sie die Geschichte die ganze Zeit über geheim g ehalten hatte. Denn ih re Heimlichtuerei beschäftigte mich genauso wie das Geheimnisvolle an der Sach e selb st. Ich glaube nicht an eine Verp flichtung, seinen Kindern die vo lle Wah rheit zu en thüllen, aber in diesem Fall wurde ich das Gefühl nicht los, d ass ich belogen worden war. Mehr noch, dass ich irgendwie direkt betroffen war. Irgendetwas war d a in der Vergangenheit mein er Mutter, etwas, das zu
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verbergen sie sich alle Mühe g egeben h atte, und es weigerte sich, dort zu bleiben . Eine Tat, eine Entsch eidun g, vielleicht nu r ein Augenblick, als sie ein jung es Mädch en war. Etwas, das seinen langen, dunk len Schatten bis in die Gegen wart meiner Mutter und damit auch in meine eigene warf. Ich mu sste wissen , was da vorgefallen war. Und zwar nicht nur au s Neug ier, nicht n u r, weil ich ein so tiefes Mitgefühl fü r Juniper Blythe empfand , sond ern weil dieses Geheimnis auf eine Weise, die schwer zu erklären ist, die Distanz repräsen tierte, die mein Leben lang zwischen meiner Mutter und mi r geherrscht hatte. »Ja, d a gebe ich dir rech t«, sagte Herbert, als ich ih m das erklärte. Wir hatten den Nach mittag damit verbracht, meine Bücherk isten und son stigen Habseligkeiten auf seinem voll gestellten Dachbod en zu versta uen, und waren danach zu einem k leinen Spaziergang du rch Ken sington Gard en s aufgeb rochen . Die Spaziergänge haben wir uns zur täglichen Angewohnh eit g emacht, eine verdauungsfördernde Maßnahme für Jess, die der Tierarzt uns an s Herz gelegt hatte, wovo n die Hünd in leider alles an dere als begeistert war. »Komm, Jessie«, sagte Herbert u nd g ab ihrem Hin terteil, das am Bo den festgewachsen schien, einen kleinen Sch ub s mit d e m Fuß. »Wir sind gleich bei den Enten, altes Mädchen.« »Aber wie soll ich das alles in Erfah rung b ring en? « Natü rlich konnte ich Tante Rita fragen, aber so ang espann t, wie das Verhältnis meiner Mu tter zu ih rer älteren Sch wester war, kam mir der bloße Ged anke ziemlich h interhältig vo r. Ich schob die Hände tief in meine Ho sen tasch en , als k önnte ich die Antwort zwischen den Flusen finden. »Was so ll ich tun? Wo so ll ich anfan gen?« »Tja, Edie«, er gab mi r d ie Hundelein e, nahm eine Zigarette au s seiner Tasche und zündete sie an . »Ich d enke, das liegt au f der Hand.« »Ach ja? « Er stieß eine imposante Rauchwolke aus. »Das weißt du genauso gu t wie ich, me in e Lieb e - d u mu sst deine Mutter fragen.«
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Dass Herbert seinen Vo rsch lag naheliegend fan d, war abso lut v erständlich , und das hatte ich mir zu m Teil selb st zu zu schreiben. Vielleicht hatte ich ih m einen falschen Eind ru ck von meiner Familie vermittelt, indem ich zunäch st vo n de m verloren gegangenen Brief erzählt hatte. Mit diesem Brief hat die Geschich te zwar angefangen, aber es war nicht meine Geschich te, od er besser g esagt , nicht d ie Geschich te von Meredith und Edie. Jeman d , der un s an jen em Sa mstagnach mittag erlebt hätte, hätte durchaus meinen können, dass wir einen herzlichen Umgang pflegten, dass wir es gewo hnt waren , entspannt mitein ander zu plaudern und un sere Gefüh le au szutauschen. Ab er so schön das auch klingen mag, das war nicht der Fall. Ich erinn ere mich an eine Menge Kindheitserlebnisse, die bestätigen , dass un ser Verh ältnis kein esweg s gep rägt war vo n Gesp rächen und gegen seitigem Verständn is: das un erklärlich e Auftauchen eines panzerartigen BHs in meiner Schublade, als ich gerade d reizehn gewo rd en war, die Tatsache, dass ich auf Sarah angewiesen war, als ich mehr über die Blümchen und die Bienchen erfahren wollte, der geisterhafte Bruder, von dem wi r alle so taten, als würden wir ihn nicht sehen. Ab er Herbert h atte recht: Es war d as Geheimn is meiner Mutter, und wenn ich der Wahrheit au f den Grund gehen wollte, wenn ich mehr über das kleine Mädchen erfahren wollte, das mich wie ein Schatten du rch Schlo ss Mild erhu rst begleitet hatte, dann mu sste ich mich d irekt an sie wend en. Und wie das Glück es wollte, hatten wir uns für die folgende Woche in einer Kondito rei gleich um die Ecke von Billing & Brown zu m Kaffee verabredet. Um elf Uh r machte ich mich au f den Weg, setzte mich an einen Tisch in einer d unk len Ecke und bestellte d as Üb liche. Kaum hatte die Kellnerin eine Tasse dampfenden Darjeeling vo r mich au f den Tisch gestellt, drangen Straßeng eräu sch e ins Café, und als ich au fblickte, sah ich, dass meine Mutter zö gernd in der offenen Tü r stan d, Handtasche un d Mütze in der Hand . In ih rer Miene spiegelte sich misstrauisch e Wachsamk eit, als sie sich in dem sehr modernen Café umsah , und ich schaute weg : au f mein e Hände, den Tisch , fu mmelte am Reißverschlu ss meiner Handtasche herum, alles, n u r u m ih r Mien en spiel nicht
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sehen zu mü ssen . Dieser Ausdruck der Verunsicherung war mir in letzter Zeit öfter an ih r au fg efallen. Ich weiß nich t, ob es daran lag, dass sie älter wu rde oder dass ich älter wurde, oder an der allgemeinen Beschleu nigung des Lebens. Meine Reaktion darauf bestürzte mich , denn sie so schwach zu erleb en hätte eigentlich mein Mitgefühl für sie hervorrufen müssen, sie mir noch liebenswerter machen mü ssen, aber das Gegenteil war der Fall. Es ma ch te mir A ng st, es war wie ein Riss in der Normalität, der d roh te, alles hässlich und un kenntlich werden zu lassen . Mein Leb en lang war mein e Mutter fü r mich eine Auto rität gewesen, unfeh lbar in allem, was sie tat. Sie so verunsichert zu erleben , vo r allem in einer Situation , d er ich lock er g ewach sen war, b rachte meine Welt au s d em Gleichg ewicht und ließ mich den festen Boden un ter den Füßen verlieren. Also wartete ich un d blickte erst nach einer Weile au f, such te ih r Gesicht, das wied er selb stsicherer wirkte, und winkte ih r läch elnd zu , als hätte ich sie gerade erst en tdeckt. Sie bahnte sich ihren Weg du rch das voll besetzte Café, b ein ahe demo n strativ vo rsichtig darau f bedacht, n ieman den mit ih rer Tasche anzu rempeln, als wollte sie ihr Missfallen über die Tischordnu ng zum Au sd ruck b ringen . Wäh renddessen vergewisserte ich mich , dass nieman d au f ih rer Seite des Tisch s Zucker verstreut, Cappuccinoschaum verschüttet oder Kuchenkrümel hinterlassen hatte. Dass wir uns mehr oder weniger regelmäßig im Café v erab redeten, war neu, wir hatten damit angefangen wenige Monate, nachdem mein Vater in Rente gegangen war. Es war fü r un s beide noch ung ewoh nt un d machte uns immer ein bisschen v erlegen, au ch wenn ich nich t g erad e vo rh atte, einen h eiklen Vo rstoß in die Verg angenheit meiner Mutter zu wagen . Ich erhob mich kurz, als sie an den Tisch kam, meine Lipp en berührten die Wange, die sie mir darbo t, dan n setzten wir un s lächelnd , erleich tert, dass die Beg rüß ung in der Öffentlichk eit vorüb er war. »Ziemlich warm draußen, was? « »Ja, sehr«, sagte ich, u nd dann begaben wir uns zunächst einmal auf vertrautes Terrain: die Aufräumwut meines Vaters (diesmal hatte er sich den Dachboden vorgenommen),
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mein e Arbeit (üb ersinnliche Erfahrungen in der Romney Marsh) und der Klatsch au s dem Bridge-Club mein er Mutter. Dann entstand eine Pause. Wir lächelten einander an , bis meine Mutter ihre übliche Frag e nicht länger zu rückhalten kon nte: »Und wie geh t's Jamie? « »Gu t.« »Ich habe die Kritik in der Times gelesen . Das Stück ist o ffenbar gut an geko mmen.« »Ja.« Ich hatte sie auch gelesen. Ich suchte nicht danach , wirklich nicht. Sie war mir ein fach in s Auge gefallen, als ich die Zeitung wegen der Vermietung san zeigen d u rchg eblättert hatte. Es war üb rigen s eine seh r gu te Kritik gewesen. Verdammte Zeitung: In teressante Angebote an Mietwo hnung en hatte ich nich t g efunden . Meine Mu tter un terb rach ih ren Redefluss, als der Cappu ccino g eb racht wu rde, den ich fü r sie bestellt h atte. »Erzähl mal«, sagte sie d ann, während sie eine Papierserv iette zwischen Tasse und Untertasse legte, weil etwas vo m Schau m übergeschwappt war. »Was hat er als Nächstes vor? « »Er arbeitet an ein em Drehbu ch. Sarah hat einen Freund, der Regisseur ist. Der hat versproch en, es zu lesen, wenn es fertig ist.« Ihre Lippen formten ein sarkastisches »Oh«, ehe sie ein paar po sitive Bemerkung en von sich gab, d ie sch ließlich un terging en, als sie einen Schluck Kaffee trank, das Gesicht an gesichts des b itteren Gesch mack s v erzog und zu m Glü ck das Thema wechselte. »Un d eure Wohnu ng? Dein Vater mö ch te wissen , ob der Wasserh ahn in d er Küch e immer no ch tropft. Er meint, er weiß jetzt, wie er das Prob lem en dgültig beheben k ann .« Ich stellte mir d ie kalte, leere Wohnu ng v or, die ich an de m Mo rgen endgü ltig verlassen h atte, an d ie p han to mh aften Erinnerungen in den brau nen Umzu gskarton s, die jetzt mein Leben enthielten und au f Herberts Dachb oden verstaut waren . »Alles in Ordnu ng«, sag te ich. »Die Wohnun g, der Wasserh ahn, alles p erfekt. Sag ih m, er soll sich keine Gedanken mehr daru m machen.« »Es gib t woh l nicht irgendetwas anderes, das reparaturbedürftig ist?« Ein kaum wah rnehmbarer, flehender Un terton hatte sich in ihre Stimme g eschlichen. »Ich h atte g edacht,
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ich k önnte ih n am Samstag vo rbeischicken , u m ein bissch en nach dem Rechten zu seh en.« »Ich h abe dir doch gesag t, es ist alles in Ordnun g.« Sie wirkte überrascht und verletzt, und mir war klar, dass ich zu schroff gewesen war, ab er diese fürchterlichen Gesp räche, b ei denen ich vo rgab, alles sei in Butter, ma ch ten mich mü rbe. Auch wenn ich mich gern in Romane vertiefe, bin ich keine Lügnerin, Täu sch ung smanöv er lieg en mir nicht. Un ter n o rmalen U mständen wäre das vielleicht der id eale Mo men t g ewesen , ih r von un serer Trennu ng zu erzäh len - aber ich b rachte es einfach nicht fertig , nich t an de m Tag, an dem ich mit ih r üb er Milderhu rst und Juniper Blythe sp rechen wollte. Jedenfalls d rehte sich au sgerechnet in de m Mo ment der Mann am Nebentisch um und fragte, ob er un seren Salzstreu er b enutzen könne. Als ich ihm d en Salzstreu er reichte, sagte meine Mutter: »Ich h abe etwas fü r d ich .« Sie zog eine alte M&S-Tüte aus ihrer Tasche, die sie einmal u mg eschlagen hatte, um das zu schützen, was sie enthielt. »Freu dich nicht zu früh «, fü gte sie h inzu , als sie mir d ie Tüte gab . »Es ist nich ts Neues.« Ich öffnete sie, nahm den Inhalt herau s und betrachtete ih n verdutzt. Es passiert häu fig, d ass Leute mir etwas geben, von d em sie anneh men , d ass es sich zu r Verö ffentlichung eignet, aber ich konnte nicht g laub en, dass jemand so danebeng reifen kon nte. »Kenn st du das n icht mehr? « Meine Mutter schaute mich an, als hätte ich meinen eigenen Namen vergessen. Noch einmal betrachtete ich die zusammengetackerten Blätter, die Kin derzeich nung vorne drauf, die unbeholfenen Buchstaben darüber: »Das Buch von den nassen Tieren«, geschrieben und gezeichnet von Edith Burchill. Über dem Wo rt »Tieren « war mithilfe eines Pfeils das Wo rt »Zauber« in einer anderen Farbe eingefügt word en. Meine Mutter sagte: »Das h ast du g esch rieben . Erinnerst du dich nich t meh r? « »Doch«, log ich. Etwas im Gesicht meiner Mutter sagte mir, dass es ih r wichtig war, dass ich mich erinnerte, und auß erdem - ich fuhr mit dem Finger über einen Klecks, wo der
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Stift zu lang e au f dem Pap ier gezögert hatte — wollte ich mich erinnern. »Du warst so stolz darau f.« Sie neigte den Kop f, u m die kleine Geschichte in meinen Händen zu b etrach ten . »Du hast tagelang im Gästezimmer unter der Frisierkommo d e gehockt und daran gearbeitet.« Das k a m mir vertraut vor. Eine köstliche Erinnerung daran, wie ich in dieser warmen , d unklen Höh le hockte, tauchte au s den Tiefen meines Gedächtn isses au f, und ein Kribbeln ging du rch meinen ganzen Körper: der Staubgeruch des runden Tepp ich s, der Sp alt im Putz, d er gerade b reit g enug war, u m do rt einen Stift au fzubewah ren , die h arten hö lzern en Dielen unter meinen Knien, wäh rend ich zu sah, wie das Sonn enlicht über den Boden kroch. »Du hast ständig an irgendeiner Geschich te g esessen, pau senlos im Dunkeln die Seiten vollgesch rieben. Dein Vater hat sich schon So rgen g emach t, du wü rdest mal eine ganz Sch üchterne werd en und nie Freund e finden , aber du warst einfach nicht zu brems en .« Ich konnte mich daran erinnern , dass ich v iel g elesen hatte, ab er ich erin nerte mich nicht daran, geschrieben zu haben. Als meine Mutter jedoch sagte, ich sei n ich t zu bremsen gewesen, klingelte etwas. Vage Bilder von meinem Vater, wie er den Kopf schü ttelte, wenn ich aus der Bücherei nach Hause kam, wie er mich beim Abendessen fragte, waru m ich mir keine Sachbücher au slieh, was ich mit all dem Märchenunsinn an fan gen wolle, waru m ich nicht lieb er etwas über die wirk lich e Welt lernte. »Ich hatte ganz verg essen, dass ich Geschichten geschrieben habe«, sagte ich, wäh rend ich d as Bu ch u md reh te und üb er d as Verlag ssign et lächelte, das ich au f die Rück seite gezeichnet hatte. »Na ja.« Sie fegte einen Krümel vom Tisch. »Jeden falls fan d ich, du solltest es haben . Dein Vater räumt gerade den Speich er auf, und da ist es mir in die Hände gefallen. Es wäre doch zu schade, es den Silberfischen zu überlassen , od er? Wer weiß, vielleicht hast du ja mal eine Tochter, der du es zeigen möchtest.« Sie richtete sich au f, un d das Kan inchen lo ch in die Verg angenheit sch lo ss sich hin ter ih r. »Und? Wie
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war dein Woch enen de? «, fragte sie. »Hast d u irgendetwas Besonderes gemacht? « Da war es. Das perfekte Fenster, weit o ffen. Einen besseren Einstieg hätte ich mir n icht au sden ken k önnen . Und als ich Das Buch von den nassen Zaubertieren in meinen Händen betrachtete, das vergilbte Pap ier, d ie Filzstiftkleck se, die kin dlichen Zeich nun gen , als mir k lar wu rd e, dass mein e Mutter es all d ie Jah re ü ber aufgehoben hatte, trotz ihrer Bedenken gegenüber meinem brotlo sen Beru f, dass sie au sg erechnet diesen Tag gewählt hatte, u m mich an einen Teil meiner selb st zu erin nern, den ich ganz vergessen hatte, verspü rte ich den unb än digen Wun sch , ih r alles zu erzählen, was ich in Schloss Milderhurst erlebt hatte. Plötzlich war ich fest davon überzeu gt, dass alles gut werd en wü rd e. »Ja«, sagte ich. »Das hab e ich tatsächlich.« »Ach? « Sie lächelte erfreu t. »Etwas ganz Besonderes.« Mein Herz beg ann wie wild zu pochen, mir war, als würd e ich mich selbst von außen beobachten, wie ich vo r dem Ab g ru nd wankte, und mich fragen, ob ich den Sprung wagen wü rd e. »Ich habe an ein er Füh rung teilgenommen«, sagte eine schwach e Stimme , die meiner irgend wie ähnlich klang. »Im Schloss Milderh urst.« »Du ... Was? « Die Augen mein er Mu tter weiteten sich. »Du bist nach Milderhurst gefahren?« Sie hielt meinem Blick stand, als ich n ick te, dann schaute sie weg. Sie drehte ihre Tasse an dem win zig en Henkel hin und her, und ich sah ih r mit äng stlich er Neugier zu, unsicher, was als Nächstes passieren wü rde, gespannt und zugleich unwillig, es zu erfahren. Ich hätte mehr Vertrauen haben sollen . Wie ein herrlicher Sonn enau fgan g, d er einen wolkenbedeck ten Ho rizont erhellt, fan d sie ihre Wü rde wieder. Sie hob den Kopf, lächelte mich an un d stellte d ie Tasse ab . »Na so was«, sagte sie. »Schlo ss Milderhurst. Und wie war's? « »Das Schloss war ... g roß .« Es war das Einzige, was mir einfiel, ausgerechnet mir, die ich mit Worten arbeite. Es lag an meiner Verb lü ffung. Über die unglaubliche Verwandlung, deren Zeugin ich gerade g ewo rd en war. »Wie etwas aus einem Märchen .«
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»Ein e Führung, sagtest du? Ich wu sste gar n ich t, d ass es do rt so etwas gibt. Das sind woh l un sere mo dernen Zeiten .« Sie machte eine Handb ewegu ng. »Hauptsach e, es b rin gt Geld.« »Es war inoffiziell«, sag te ich. »Ein e der Eigentü merin nen hat mich herumgeführt. Ein e sehr alte Dame namens Percy Blythe.« »Percy? « Ein leichtes Zittern in ih rer Stimme, der einzige Riss in der Fassade. »Percy Blythe? Wohn t die immer no ch da? « »Sie sind alle no ch da, Mu m. Alle d rei. Sogar Juniper, die dir den Brief gesch ickt hat.« Meine Mu tter ö ffnete den Mund, als wollte sie etwas sagen, ab er es kam nichts, und sie machte ihn wieder zu . Ganz fest. Sie versch ränkte die Finger auf ih rem Schoß und saß bleich und reglo s da wie eine mar mo rne Statue. Au ch ich rüh rte mich nicht, doch irgend wann k onnte ich das Sch weig en nicht länger ertragen. »Es war unheimlich«, sag te ich und hob meine Teetasse an. Mir fiel auf, d ass meine Hände zitterten . »Alles war verstaubt u nd dü ster, und sie dort alle d rei in dem alten Salon sitzen zu sehen, in diesem großen, alten Haus ... Ich kam mir beinah e v or wie in einem Pu p pen ...« »Juniper ... Ed ie ...« Die Stimme meiner Mutter klan g fremd und dün n. Sie räusperte sich . »Wie ging es ih r? Wie kam sie dir vor? « Womit sollte ich anfangen: d ie k ind lich e Freud e, ih re ung epflegte Erscheinung, die verzweifelten Vo rwü rfe ... »Sie war verwirrt«, sagte ich. »Sie trug ein altmodisch es Kleid, und sie hat mir erzählt, sie wartete au f jeman den , einen Man n. Die Frau in der Pensio n, wo ich übernachtet h abe, hat gesagt, es geht ihr nicht gu t, dass ih re Sch western sich um sie kü mmern .« »Sie ist k rank? « »Demen z. Etwas in der Art.« Vorsich tig fuhr ich fo rt: »Ih r Freu nd hat sie vo r Jahren v erlassen , und davon h at sie sich nie wieder erh olt.« »Ihr Freund? «
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»Genau er gesagt, ihr Verlobter. Er hat sie sitzen lassen, und es heißt, darü ber ist sie verrückt geworden. Buchstäblich verrückt.« »Ach, Edie«, sagte meine Mu tte r. Der leicht gequälte Gesichtsau sd ruck v erwand elte sich in eine Art Lächeln, wie man es einem to llp atschigen Kätzch en schenken würde. »Was du dir b loß immer au sdenkst. Das wirkliche Leben ist gar nicht so.« Das ärgerte mich: Es ging mir au f die Nerv en, ewig wie ein klein es Mädchen behand elt zu werden. »Ich habe n u r wied ergegeben, was man sich im Do rf erzählt. Eine Frau mein te, Juniper sei schon immer lab il gewesen , sch on als jung es Mädchen.« »Ich habe sie gekannt, Ed ie. Du b rauch st mir n icht zu erzählen , wie sie als junges Mädch en war«, fauchte sie mich an. Sie war eing eschnappt , darau f war ich nich t vo rbereitet. »Tut mir leid«, sagte ich . »Ich ...« »Nein.« Sie hob eine Hand, d rü ckte sie leicht an die Stirn, sah sich verstohlen um. »Nein, mir tut es leid . Ich weiß gar nicht, was in mich gefahren ist.« Sie seufzte und lächelte un sicher. »Es wird d ie Überraschung gewesen sein. Zu erfahren, dass sie alle d rei no ch leben und immer no ch in diese m Schloss wohnen. Gott, sie mü ssen inzwischen steinalt sein.« Sie runzelte die Stirn, tat so , als wü rd e sie ang estreng t nach rechnen. »Die anderen zwei waren ja schon alt, als ich sie kannte, zumindest kamen sie mir so vo r.« Ich war immer noch verblüfft über ih re heftige Reaktio n und an two rtete vo rsichtig: »Du meinst, sie sahen alt aus? Grau haarig und alles? « »Nein, n ein , das nicht. Schwer zu sagen, was es war. Ich nehme an, sie waren erst Mitte dreißig, aber das war damals ja noch etwas anderes. Und ich war sehr jung . Kind er haben eine andere Perspektive, n icht wah r? « Ich antwo rtete nicht, und sie rechnete auch nicht damit. Wir sch auten un s an , ab er ihr Blick ging durch mich hindurch. »Sie benahmen sich mehr wie Eltern als wie Schwestern «, sag te sie. »Juniper gegenüber, meine ich. Sie waren viel älter als sie, und Junipers Mutter war gestorben, als sie noch
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ganz klein war. Der Vater hat noch gelebt, ab er der h at sich kaum eingemischt.« »Er war Schriftsteller. Raymond Blythe«, sagte ich zö gernd, darau f bed ach t, ih r nicht no ch ein mal zu n ahezutreten, in dem ich ih r erklärte, was sie selb st au s erster Hand wusste. Aber diesmal schien es sie nicht zu stören, und ich wartete darauf zu erfahren, ob ihr bewu sst war, was der Name alles beinhaltete, ob sie sich erinnerte, mir damals das Buch aus der Büch erei mitg eb racht zu haben , als ich k rank im Bett lag. Ich hatte geho fft, dass es mir beim Ausräumen mein er Wohnu ng in die Fing er fallen würde, u m es mitb rin gen u nd ih r zeigen zu kön nen , aber ich hatte es nich t g efun den. »Er hat eine Geschichte geschrieben mit dem Titel Die wahre Geschichte vom Modermann.« »Ja«, sagte sie sehr leise. »Bist d u ihm mal b egegnet? « Sie schüttelte d en Kopf. »Ich habe ih n ein paar mal g esehen , ab er nu r von Weitem. Er war damals schon sehr alt und lebte ziemlich zu rü ckgezogen . Die meiste Zeit hat er in sein em Schreibzimmer oben im Turm verbracht, und da du rfte ich nicht raufgehen. Es war eins der ganz wenigen Verbote.« Sie senkte den Blick, und unter jedem Augenlid pulsierte eine violette Vene. »Man chmal haben sie üb er ihn gesp ro chen. Ich glaube, er konnte g anz sc hön sch wierig sein. Ich h abe ihn mir immer wie König Lear vorgestellt, der seine Töch ter gegeneinander au sspielte.« Es war das erste Mal, dass ich hörte, wie me in e Mutter sich auf eine Figur aus der Literatur bezog, un d es b rach te mich völlig aus dem Konzept. Ich hatte meine Examen sarbeit über Shakespeares Tragödien geschrieben, und sie h atte nie au ch nu r ang edeutet, dass sie die Stücke kannte. »Edie? « Mein e Mu tter sah mich p lötzlich du rch d ring end an . »Hast d u ihn en gesagt, wer du bist? Als du in Milderhurst warst? Hast d u mit ihnen über mich gesp ro chen? Mit Percy und den anderen? « »Nein.« Ich überlegte, ob sie das k ränkte, ob sie mich als Näch stes frag en wü rde, waru m ich ihn en n icht die Wahrheit gesagt hatte. »Nein, hab ich n icht.«
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»Gut.« Sie nickte. »Das war eine gu te Entscheidung . Seh r rücksichtsvoll. Du hättest sie nur verwirrt. Das ist alles so lange her, und es war ja nu r ein kurzer Aufenthalt. Wahrscheinlich haben sie läng st vergessen, dass ich bei ihnen gewesen bin .« Das war meine Chance, und ich erg riff sie. »Das ist es ja gerade, Mum. Sie h aben dich nicht vergessen. Junip er jeden falls nicht.« »Was meinst du d amit? « »Sie h at mich fü r dich gehalten.« »Sie ...? « Sie sah mich fo rschend an. »Woh er weißt du das? « »Sie hat mich Meredith genan nt.« Sie legte die Fingerspitzen an ih re Lippen. »Hat sie ... Hat sie sonst noch etwas gesagt?« Eine Weg gab elun g. Eine Entscheidungsmöglichkeit. Und dann auch wieder nich t. Ich musste behut sam v o rgehen: Wenn ich meiner Mutter erzählte, was genau Juniper gesagt hatte, dass sie sie beschuldigt hatte, ein Versprechen gebroch en und ih r Leben ruiniert zu haben , wäre unser Gespräch mit Sicherheit im näch sten Moment beendet. »Eigentlich nicht«, sag te ich. »Habt ihr euch nahegestanden? « In dem Mo men t stand der Mann am Nebentisch au f und stieß mit seinem enormen Gesäß leicht an un seren Tisch, sodass alles, was darauf stand, ins Wank en g eriet. Ich läch elte abwesend, als er sich entschuldigte, d enn ich war voll u nd ganz damit besch äftigt, die wackelnden Tassen und un ser Gesp räch zu retten. »Wart ihr damals eigentlich Freundinnen, du u nd Ju niper? « Sie wandte sich ih rem Kaffee zu, brauchte, wie mir schien, eine Ewigkeit, um mit ihrem Löffel den Schaum von der Innenseite der Tasse zu sch aben . »Weißt du, das ist so lan ge her, d ass es mir sch werfällt, mich an Ein zelh eiten zu erin nern.« Ein metallisches Klapp ern, als sie den Lö ffel au f der Untertasse ablegte. »Wie gesagt, ich war nu r ein gu tes Jah r do rt. An fang 1 9 4 1 h at mein Vater mich ab geholt.« »Un d du bist nie wieder hingefahren? « »Es war das letzte Mal, dass ich Mild erhu rst geseh en ha be.«
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Sie log. Mir wurde heiß und sch win dlig . »Bist du d ir gan z sicher? « Ein ku rzes Lach en. »Edie — was fü r eine komisch e Frage. Natü rlich bin ich mir sicher. So was vergisst man doch nicht, od er? « Ganz gen au . Ich schluckte. »Eben . Mir ist nämlich etwas Merkwürdiges passiert. Als ich zum ersten Mal vor dem Eingang zu Schloss Mild erhu rst stand - v o r dem g ro ßen Tor un ten an der Zufahrt —, da war ich mir auf einmal ganz sich er, dass ich da schon mal gewesen war.« Als sie nichts sagte, fuhr ich fo rt. »Dass ich mit d ir do rt gewesen war.« Ih r Sch weigen war unerträglich. Plö tzlich wu rd en mir die Cafégeräusch e um uns herum bewusst, das dröh nend e Klopfen, wenn das Kaffeesieb geleert wurde, das Kreischen de r Kaffeemühle, schrilles Lach en irgendwo oben auf der Galerie. Ab er es war, als hö rte ich alles zeitversetzt, als säß en mein e Mutter un d ich jeweils unter ein er eigenen Glasglo ck e. Ich kämp fte g egen das Zittern in meiner Stimme an. »Als ich klein war. Da sind wir mal dah ingefah ren , d u und ich , und wir h aben an diesem Tor gestanden. Es war heiß, da war ein See, u nd ich wollte unbedingt d arin sch wimmen , ab er wir sind nicht in den Park gegangen. Du hast gesagt, es sei zu spät.« Meine Mutter betupfte sich den Mu nd mit ih rer Serviette, langsam, grazil, dann schaute sie mich an . Einen Moment lang meinte ich etwas wie Eingeständnis in ihren Augen aufleuchten zu sehen, dann blinzelte sie, und es war fo rt. »Das bildest du dir ein .« Ich schü ttelte lang sam den Kop f. »Diese To re seh en doch alle gleich au s«, fuhr sie fo rt. »Du hast es wahrscheinlich irg end wo au f einem Foto g esehen oder in einem Film -, und jetzt brin gst du alles du rcheinan der.« »Ab er ich erin nere mich gen au ...« »Ich glaube dir, dass es dir so vo rko mmt. Genauso wie da mals, als du b ehaup tet hast, Mr. Watson von nebenan sei ein russischer Spion, oder als du plötzlich d avon überzeug t warst, wir h ätten dich adop tiert - wir mu ssten dir tatsäch lich
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deine Geburtsurkunde zeigen, erinn erst du dich? « In ih rer Stimme lag ein To n, der mir aus mein er Kindh eit nu r allzu vertraut war. Die au freizen de Selb stsicherh eit ein er unan g reifbaren Respektsp erson, die mir einfach nicht zuhörte, egal, wie lau t ich redete. »Dein Vater hat mich mit dir zu m Arzt g eschick t wegen deiner nächtlich en An gstzuständ e.« »Das ist etwas anderes.« Sie lächelte. »Du hast zu v iel Fantasie, Edie. Das war schon immer so. Ich weiß nicht, wo du das her hast, von mir jeden falls n icht. Und erst rech t nich t von deinem Vater.« Sie hob ih re Handtasche vo m Bod en au f. »Wo wir gerade von ih m red en. Ich mu ss nach Hause.« »Aber Mum ...« Ich spürte, wie der Abgrund sich wied er zwischen uns auftat, und mich pack te die Verzweiflun g. »Du hast deinen Kaffee noch gar nich t au sg etrunken .« Sie warf einen Blick au f ih re Tasse, au f den kalten , g rauen Sch au m am Boden. »Den Rest mö ch te ich nicht.« »Ich bestelle dir einen frisch en, ich ...« »Nein «, sagte sie. »Wie v iel sch ulde ich dir fü r den Cappu ccin o? « »Nichts, Mu m. Bi tte bleib noch.« »Nein.« Sie legte eine Fün fp fu ndno te neb en mein e Untertasse. »Ich bin jetzt schon den ganzen Vormittag unterwegs, und dein Vater ist allein zu Hau se. Du kennst ih n ja: Wenn ich nicht bald zurückko mme, n immt er no ch das g anze Haus au seinander.« Sie drückte ihre feuchte Wange an meine, dann war sie ver schwunden.
Ein Striplokal und Pandoras Büchse Am En d e war es Tante Rita, die mich kontaktierte, und nicht u mg ekeh rt. Währen d ich im Du nk eln tappte und v ergeblich versuchte herau szu finden, was zwischen mein er Mu tter und Junip er Blythe vo rgefal len war, beschloss Tante Rita, fü r mein e Ku sine Saman tha eine Junggesellinnen-Ab sch ied sparty zu o rganisieren. Ich wusste nicht, ob ich e mpö rt sein oder mich g esch meich elt fühlen so llte, als sie mich 189
im Verlag an rief und wissen wollte, ob ich ihr ein exklu siv es Männer-Strip lokal nennen könne, entschlo ss mich aber dan n, das Ansin nen amü sant zu finden und ihr, wie es offenbar meine Art ist, zu helfen . Ich erklärte ih r, so au s dem Kopf wüsste ich kein s, würde mich aber schlau machen , und wir vereinbarten , uns am folgenden Sonn tag heimlich in ih rem Salon zu treffen, wo ich ih r die Ergebnisse meiner Recherchen übergeben würde. Das bedeutete allerdings, dass ich das Sonntag smahl bei meinen Eltern schon wieder ausfallen lassen mu sste, ab er Rita konn te an k einem a nd eren Tag. Ich erklärte meiner Mutter, ich wü rde ih rer Schwester bei den Vo rb ereitung en fü r Sams Ho chzeit helfen , un d d agegen kon nte sie nu r schlecht etwas einwenden . Das Classy Cuts verbirgt sich hinter einem winzigen Ein gang au f der Old Kent Road , eingezwängt zwischen eine m In-die-Plattenladen und der b esten Frittenbud e von Sou th wark . Rita ist eben so von der alten Schule wie die MotownPlatten, die sie samme lt, und ih r Friseu rsalon b ru mmt, weil sie sich au f Wasserwellen , Tur mfrisu ren u nd Silb erblau Tönung fü r Bin go -begeis terte ältere Damen spezialisiert hat. Sie ist schon lange genug im Geschäft, u m retro zu sein , oh ne es zu merk en, und sie erzählt jedem, der ihr zuhört, wie sie im Krieg als spindeldürre Sechzehnjäh rige genau in diesem Salon an gefangen hat und wie sie am 8 . Mai 1 9 4 5 aus eb endiesem Schaufen ster geschaut und beobachtet h at, wie Mr. Harvey aus dem Hutmacherladen gegenüber sich die Kleider vom Leib riss und au f der Straße tanzte, nu r noch bekleidet mit seinem besten Hut. Fün fzig Jah re in ein und demselben Laden . Kein Wunder, dass sie in ihrem Viertel in Southwark sehr beliebt ist, wo das geschäftige Treiben in den Markthallen sich krass ab setzt von der elitären Glitzerwelt in den Docklands. Einige ih rer ältesten Kund innen kannten sie schon, als sie als kleines Mäd chen in der Besenkammer hin ter dem Friseu rsalon spielte, und sie lassen niemanden außer ih r an ih ren Kopf, um ihnen eine lavendelfarbene Dauerwelle zu verp assen. »Die Leute sind nich t du mm«, sagt Tante Rita immer, »wenn man nett zu ihnen ist, bleiben sie einem treu.« Außerdem hat
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sie ein u ntrüg lich es Hän dchen dafü r, die n euesten Modefrisu ren anzubieten, und das ist auch nich t schlech t fürs Geschäft. Ich kenne mich mit Geschwistern nicht besond ers gu t au s, ab er ich kann mir nich t vo rstellen, dass es irgend wo zwei geg en sätzlich ere Schwestern gibt. Meine Mu tter ist reserviert, Rita üb erau s k ontaktfreudig; mein e Mutter bevo rzugt blitzb lank e Pu mp s mi t Blockab satz, Rita träg t schon zu m Frühstü ck Pfen nigabsätze; meine Mutter ist ein Bu ch mit sieben Siegeln, was Familienanekdoten angeht, Rita dagegen eine sp rudeln de Quelle d er In formation. Und ich weiß da s aus erster Hand. Als ich n eun war und meine Mutter in s Krankenhaus mu sste, um sich die Gallensteine en tfernen zu lassen, hat mein Vater mir eine Tasche gep ack t und mi ch zu Rita geschick t. Ich weiß nich t, ob meine Tante in tuitiv g espürt hat, dass der Sprö ssling vo r ihrer Tü r keinen Bezug zu seinen Wu rzeln hatte, oder ob ich ihr ein Loch in den Bauch gefragt habe, oder ob sie es einfach nu r als willko mmen e Gelegenheit betrachtete, meine Mutter zu ärgern und in d e m ewig währenden Geschwisterk rieg einen Schlag zu land en, auf jeden Fall hat sie die Woche genutzt, um mich über eini ges aufzuklären. Sie zeigte mir v ergilbte Fotos, die bei ih r an den Wänden hingen , erzäh lte mir lustige Geschichten aus der Zeit, als sie in meinem Alter gewesen war, und malte mir ein lebhaftes Bild mit Farb en und Gerü chen und Stimme n , die mir plötzlich etwas klarmachten , was ich scho n lange unterschwellig gewusst hatte. Das Hau s, in dem ich woh nte, d ie Familie, in der ich aufwuchs, war ein steriler, einsamer Ort. Ich weiß no ch, wie ich bei Rita auf d er klein en Gästematratze lag, während meine vier Ku sinen und Vettern um mich herum leise schnarchten und sich im Schlaf b eweg ten , und ich mir wünschte, Rita wäre meine Mutter. Wie ich mir wünschte, in einem warmen , unaufgeräu mten Haus voller Gesch wister und alter Geschichten zu wohnen. Und ich erinnere mich auch an die Schuldgefühle, die mich im selben Moment überkamen, wie ich die Augen fest zusammen kn iff und mir meinen treu lo sen Wun sch vo rstellte wie ein Stück zerknüllte Seide, das
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ich au sb reitete und v om Wind davon trag en ließ, als h ätte es nie existiert. Aber der Wunsch hatte existiert. Wie auch immer. Es war An fang Juli, u nd an dem Tag, als ich zu der Verabredung mit Rita ging, war es so heiß, dass man kaum Luft bekam. Ich klopfte an die Glastü r und erblickte mein müdes Gesicht in der Scheibe. Eins wurde mir sofort klar: Sich ein So fa mit einem an Blähung en leidend en Hund zu teilen trägt nicht unbedin gt zu einem g esunden Teint bei. Ich lu gte an dem »Geschlo ssen «-Schild v orbei u nd entdeck te Tante Rita, die, eine Zigarette zwischen den Lipp en, im Hinterzimmer an einem K artentisch saß und etwas Kleines, Weißes betrachtete, das sie in den Hän den hielt. Sie bed eutete mir ein zutreten . »Edie, Lieb es«, rief sie gegen das Bimmeln der Tü rglock e und die Musik der Supremes an, »leih mi r do ch mal deine Augen, Sch ätzchen .« Tante Ritas Salon zu betreten ist ein bisschen wie eine Reise in die Vergangenheit. Die Boden fliesen im Sch ach brettmuster, die Kunstledersessel mit den giftg rünen Kissen, di e perlmu tt-farbenen Trock enhauben an au sziehb aren Armen . An den Wänden hinter Glas Poster von Marv in Gaye und Diana Ro ss und den Temptations. Die immergleichen Gerü che nach Wasserstoffperoxid und dem Fritten fett vo n nebenan, in einen ewigen Kamp f um die Vo rh errschaft verstrickt... »Ich versuche die g anze Zeit, das hier einzu fädeln «, sag te Rita, ohn e die Zigarette aus dem Mu nd zu neh men , »aber als wäre es nicht schlimm g enug, dass mein e Finger immer steifer werd en, will mir dieses v erdammte Bän dchen ein fach nicht geho rch en.« Sie hielt mi r das Ding hin, und bei näherem Hinsehen stellte ich fest, dass es sich um einen kleinen Beutel aus weiß er Spitze handelte, an dessen o berem Rand sich Löch er fü r eine Zugschnur befanden. »Das sind Geschenke fü r Sams Freu ndinn en«, sagte Tante Rita mit einer Kinnbewegung zu einem Karton zu ih ren Fü ßen, in d em sich lauter solche Beutelchen befanden. »Also, das werden sie sein, wen n sie fertig und mit Süß igkeiten g e-
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füllt sind .« Als sie mir den Beutel un d das Bän dchen gab , an denen sie sich abgemüht h atte, fiel ih r d ie Asch e von der Zigarette. »Ich hab Teewasser au fgesetzt, aber im Kühlschrank ist auch Limo, falls du lieber was Kaltes mö ch test.« Allein b ei dem Ged anken bekam ich ein en trockenen Hals. »Liebend gern .« Eigentlich assoziiert man das Wort nicht unbedingt mit der Schwester seiner Mu tter, aber es ist zutreffend, also benutze ich es: Meine Tante Rita ist sex y. Als ich ih r zu sah , wie sie zwei Gläser mit Limo nade füllte, d er eng e Rock üb er dem runden Hintern gespannt, ih re trotz v ier Schwangersch aften vo r über d reißig Jah ren immer noch schmale Taille, kamen mir d ie wenigen Anekdo ten , d ie ich meiner Mu tter über die Jahre entlockt hatte, du rchaus glaubh aft vor. Natü rlich waren sie ausnahmslos als absch reckend es Beispiel ged ach t gewesen, für Dinge, die anständi ge Mädch en nich t taten , allerding s hatten sie ein en unb eab si chtigten Effek t geh abt: Sie hatten in mein er Vo rstellung d ie Legende von d er b ewun dernswerten , reb ellischen Tante Rita gesch affen . »Hier, Liebes.« Sie reichte mir ein Martiniglas, in dem lauter Bläschen tanzten, ließ sich mit einem Seu fzer au f ih ren Stuhl fallen und befühlte ih re Tu rmfrisur mit allen zehn Fingern. »Puh«, sagte sie. »Was fü r ein Tag. Gott - du sieh st so müd e aus, wie ich mich fühle.« Ich trank einen großen Schluck Limonade, und die Kohlen säure schien mir die Kehle zu verätzen. Die Temp tations stimmten gerade My Girl an. »Ich wusste gar nicht, dass du sonntags geöffnet hast«, sagte ich. »Hab ich auch nicht, aber eine meiner alten Stammkundinnen brauchte eine frische Tönung fü r ein e Beerd igung - nicht ih re eigene, Gott sei Dank -, und ich hab es nicht übers Herz geb rach t, sie abzu weisen . Man tut, was man kann , nicht wahr? Manch e von denen g ehö ren ja scho n fast zu r Familie.« Sie begutachtete das Beutelch en, in d as ich d as Bändchen eingefädelt hatte, zo g es zu und wieder au f, wobei ih re lan gen, pinkfarbenen Fingernägel leise k lackerten . »Wund erbar. Bleib en nu r noch zwanzig.« Ich salu tierte, als sie mir d en näch sten Beutel gab .
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»Außerdem kann ich hier unge stört v on neu gierigen Augen ein paar Hochzeitsvorbereit ungen treffen.« Wie zu r Erklärung riss sie die Augen weit auf und klappte sie wieder zu wie Fensterläden . »Mein e Samantha ist n ämlich ganz schön neugierig, das war sie schon als Kind. Da hat sie schon die Schränke durchwühlt, bis sie die Weihnachtsgeschenk e gefunden hat, und d ann hat sie ih re Gesch wister v erblü fft, in dem sie geraten hat, was sich in d en Päckch en un ter de m Baum befand .« Sie nahm eine Zigarette au s einem Päckchen au f dem Tisch. »Kleine frech e Gö re.« Sie riss ein Streichholz an. An der Zigarettenspitze lod erte ein Flämmch en au f, sackte in sich zusammen und glüh te friedlich weiter. »Un d du? Eine jung e Frau wie du hat doch sicherlich an einem Sonntag etwas Besseres zu tun? « »Etwas Besseres? « Ich hielt mein zweites weißes Beutelchen mit der eingefädelten Ko rdel h och . »Was kö nnte besser sein? « »Ganz schön frech «, sag te sie. Ihr Läch eln erin nerte mi ch auf eine Weise an me in e Groß mutter, wie es das Lächeln meiner Mutter nie tut. Ich hatte meine Großmutter mit einer Inbrunst geliebt, die meinen kindlich en Verdacht, ich wäre ad optiert wo rd en, Lügen strafte. Solange ich sie k annte, hatte sie allein gelebt u nd hatte es, auch wenn sie über Angebote nicht klagen konnte, wie sie stets b etonte, ab gelehnt, wieder zu heiraten und sich zu r Sklavin ein es alten Mannes zu mach en , da sie sich noch gut d aran erinnerte, wie es war, die Gelieb te eines jungen Mannes zu sein. Jeder Topf findet sei nen Deckel, hatte sie mir häufig mit ernster Miene erklärt, und sie war dem Herr gott dankb ar, d ass sie in mein em Groß vater ihren Deckel gefund en hatte. Den Mann meiner Groß mu tter, den Vater meiner Mutter, h abe ich nie gek annt, zu min d est habe ich keine Erinnerung an ih n, den n er starb , als ich d rei war, und d ie wenigen Male, die ich n ach ih m f rag te, hatte meine Mutter mit ihrer Abn eigun g, alte Geschichten aufzuwärmen, ausweich end geantwo rtet. Da war Rita Gott sei Dank mitteilsamer gewesen. »Also «, sagte sie, »hast du was rau sgefund en? « »Allerding s.« Ich k ramte in meiner Tasche nach dem Zettel, faltete ihn auseinander und la s den Namen vo r, den Sarah
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mir g enannt h atte: »Der Rox y Club . Ich h ab auch die Telefonn u mmer .« Tante Rita streckte ih re Hand au s, und ich gab ih r den Zettel. Sie spitzte die Lippen so fest, dass sie sich kräuselten wie einer ihrer kleinen Beutel. »Roxy Club«, sagte sie. »Und, ein gu ter Laden? Nobel? « »Mein er Quelle zu fo lge ja.« »Gut gemacht, Lieb es.« Sie faltete den Zettel zusammen , steckte ih n in ih ren BH und zwinkerte mir zu. »Als Näch ste bist du dran, Edie.« »Wie bitte?« »Zu m Traualtar.« Ich läch elte zaghaft und zu ckte die Schultern . »Wie lang e seid ihr jetzt schon zu sammen , du u nd dein Freund? Sechs Jahre? « »Sieben.« »Sieben Jahre.« Sie legte den Kopf schief. »Der so llte dich lieber bald ehelich en, son st läufst du ih m am En d e noch weg. Weiß er denn nich t, wa s er für einen guten Fang gemacht hat? Soll ich mal ein ernstes Wö rtch en mit ih m reden? « Selb st wenn ich nicht gerade versucht h ätte, eine Tren nung zu v erheimlichen, wäre das ein beäng stig ender Ged anke gewesen. »Ehrlich g esagt ...« Ich überlegte krampfhaft, wie ich sie v o m Thema ablenken so llte, ohn e mich zu v erplap pern . »Ich glaube, wir sind b eid e nicht besond ers wild darauf zu heiraten.« Sie zog an ih rer Zigarette und kniff ein Au ge halb zu, während sie mich mu sterte. »Ach ja? « »Ich fü rchte ja.« Das war g elogen . Teilweise. Ich selb st würde sehr gern heiraten. Dass ich während der Jahre un serer Beziehung Jamies zyn ische Ablehnun g des ehelich en Glücks ak zeptiert hatte, stand in krassem Widerspruch zu meiner von Natur aus ro man tischen Veranlagun g. Das Einzige, was ich zu meiner Verteidigun g vorbrin gen kann, ist, dass man meiner Erfahrung nach, wenn man jemanden liebt, bereit ist, alles zu tun, u m d iesen Men schen zu halten . Während Rita lang sam ihren Rauch au satmete, spiegelten sich nacheinander Entgeisterun g, Verblüffung und schließ-
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lich Resignation in ih rem Gesicht. »Tja, v ielleich t h abt ih r ja recht. Das Leben geht einfach weiter, weiß t du , oh ne dass man es mer kt. Du lernst jemanden k ennen, du fäh rst bei ih m im Au to mit, du heiratest ihn und k riegst Kind er. Und dann, eines Tages, stellst du fest, dass euch nichts verb indet. Du sagst dir, dass das früher mal anders war, es muss ja anders gewesen sein - waru m hättest du den Kerl sonst heiraten sollen? -, ab er d ie sch laflosen Nächte, die Enttäuschungen, die So rg e. Schockiert erken nst du , dass du meh r Jah re hin ter dir hast, als vor dir liegen. Na ja ...« Sie läch elte mich an, als hätte sie mir gerade ein Backrezept verraten anstatt einen gu ten Grund , d en Ko pf in den näch stbesten Gaso fen zu steck en. »So ist das Leben, nicht wahr? « »Das ist großartig, Tante Rita. Das so lltest du unb edingt in deiner Hochzeitsrede an sp rech en.« »Gan z schön frech.« Während Tante Ritas au fmunternde Worte noch in dem verrau chten Zimmer h ing en , nah men wir d as n äch ste Beu telch en in Angriff. Der Platten spieler lief, Rita su mmte mit, als ein Mann uns mit sa mtener Stimme au fforderte, sein Lächeln an zu sehen . Und schließlich hielt ich es nicht mehr aus. So gern ich Rita besuche, diesmal war ich mit einem Hintergedanken geko mmen . Meine Mutter und ich hatten seit dem Nach mit tag im Café kaum miteinander gesprochen. Ich hatte unsere nächste Verabredung ab gesag t, unter dem V o rwand, v iel Arbeit im Verlag zu haben . Ich ließ sogar den An ru fb ean two rter an und nah m n icht ab , wenn ich hö rte, d ass mein e Mutter sich meldete. Ich fühlte mich einfach verletzt. Vielleicht war das kind isch , ab er ich g laub e es n icht. Dass meine Mutter mir n ie vertraute, d ass sie rundweg bestritt, mit mir an dem Schlosstor gestanden zu haben, dass sie behaup tete, ich hätte die ganze Geschich te erfunden , tat mir weh und bestätigte mich nur in meinem Entsch luss, d ie Wah rheit h erau szu finden. Und jetzt, wo ich mich schon wieder u m un ser sonntäg liches Mittagessen ged rü ckt und mein e Mutter ern eut vo r den Kop f gestoßen hatte und in de r Affenhitze q uer du rch die Stadt gefahren war, wollte, konnte, du rfte ich nicht unverrichteter Ding e wieder ab ziehen . »Tante Rita?«, sag te ich. »H mm? « Sie b etrachtete stirnrunzelnd das Bändchen, das sich in ih ren Fing ern verh eddert hatte.
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»Ich wo llte mit d ir üb er etwas reden .« »H mm? « »Üb er Mu m.« Ein Blick, so scharf, dass er k ratzte. »Geht es ih r g ut? « »Ja, ja, es geht ihr gut. Es ist n ich ts d ergleichen . Ich hab einfach ein bissch en über die Vergan genh eit nachged ach t.« »Ah . Das ist n atü rlich was anderes, die Vergangenh eit. U m welchen Teil der Vergan genh eit geh t es den n? « »Den Krieg.« Sie legte das Beutelch en weg. »Na so was.« Ich sah mich vor. Tante Rita erzählt gern , aber ich wusste, dass es sich um ein heikles Thema h and elte. »Ih r wart doch ev akuiert, du und Mum und Onkel Ed.« »Stimmt. Ku rz. Das war g rauenh aft. Das ganze Gered e von frisch er Luft. Alles du mmes Zeug . Nieman d erzählt dir von dem Gestank auf dem Land , von den Misthaufen an jeder Ecke. Und zu un s h aben sie gesagt, wir wären schmutzig! Seitdem sehe ich Kühe und Mensch en mit an deren Augen. Ich konnte es gar nich t erwarten , wieder nach Hau se zu kommen, Bomben hin od er h er.« »Un d Mu m? Ging es der genauso?« Ein ku rzer, arg wöhnischer Blick . »Waru m? Was hat sie dir erzählt? « »Nichts. Sie hat mir überhaup t nich ts erzählt.« Rita richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf das weiße Beutelchen, aber es lag Befangenheit in ih rem n ach unten gerichteten Blick. Ic h kon nte beinah e seh en, wie sie sich au f die Zun ge biss, u m all die Dinge zu rückzuhalten, d ie herau ssprudeln wollten, die sie aber vorsich tshalber fü r sich be hielt. Ich kam mi r vo r wie ein e Verräterin , ab er die Gelegenheit war zu günstig. Jedes mein er Wo rte versetzte mir einen kleinen Stich: »Du weißt ja, wie sie ist.« Tante Rita schn iefte und witterte meine Ein sch meich elei. Sie schü rzte d ie Lippen u nd musterte mich einen Momen t lang au s dem Au genwin kel. Dann neigte sie den Kop f zu mir. »Deine Mutter fand es g roßartig. Die wollte gar nicht wieder nach Hau se.« In ihrem Blick lag so etwas wie Verunsicherung. Offenbar hatte ich einen wund en Pu nkt berüh rt.
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»Welches Kind will nicht bei seinen Eltern , seiner Familie sein? Welches Kind wü rd e lieber bei and eren Leuten b leiben? « Ein Kind, das sich fehl am Platz füh lt, d achte ich u nd mu sste an meine geheimen Wünsche im dunklen Schlafzimme r mein er Ku sin en denken. Ein Kind, das sich nicht zugehörig fühlt. Ab er ich sagte nich ts. Ich hatte den Eind ru ck, dass für jemanden wie meine Tante, die das Glück gehabt hatte, g enau den Platz zu finden , an den sie g ehö rte, keine Erklärung ak zep tabel wäre. »Vielleicht h atte sie Ang st vo r den Bo mben«, sagte ich schließlich. Meine Stimme klang brüchig, und ich räusperte mich. »Vo r dem Blitzk rieg .« »Qu atsch . Sie h atte keine Angst, nicht mehr als wir anderen. Andere Kinder wollten lieb er mittendrin im Geschehen sein. Alle Kin der aus unserer Straße sind wieder nach Hause geko mmen , wir sind zusammen in die Luftschutzkeller gegangen . Und dein Onkel? « Ritas Miene bekam etwas Ehrfü rchtig es bei der Erwähnung me ines gefeierten Onkels Ed. »Der ist aus Kent nach Hau se getramp t, weil er u nbed ing t dabei sein wollte, als es lo sgin g. Mitten in einem Bo mben angriff stand er plötzlich vor der Tür, gerade rechtzeitig, um den armen Depp von neb enan in Sicherheit zu bringen. Aber Merry nicht, o nein. Im Gegenteil. Die hat sich gesträub t, nach Hause zu ko mme n, bis un ser Vater h ingefah ren ist und sie abg eholt hat. Un sere Mutter, deine Großmutter, ist nie darüber h inweggeko mmen . Sie hat es nie au sgesp rochen, das war nicht ihre Art, sie hat immer so getan, als wäre sie froh , Merry au f dem Land in Sicherhe it zu wissen, aber wir wu ssten es besser. Wir wa ren ja nicht blind.« Ich kon nte mein er Tante n icht in die Au gen seh en. Ich hatte das Gefühl, nicht besser zu sein; sch uldig du rch Mittäterschaft. Der Verrat me in er Mu tter an Rita war immer n och real, er hatte eine Feindsch aft zwisch en den Schwestern au sgelö st, die selbst nach fünfzig Jahren noch schwelte. »Wann war d as? «, frag te ich und nahm mir den nächsten weißen, un schuldigen Beutel vo r. »Wie lang e war sie weg? « Tante Rita boh rte ein e pink farbene Kralle in ih re Unterlip pe. »Lass mich überleg en, das mit d en Bo mb ardierung en ging schon eine ganze Weile, aber es war noch nicht Winter,
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denn mein Vater hat Sch lü sselb lumen mitgebracht, als er mit ihr zurückkam; er hat alles getan, um dein e Groß mu tter zu trösten, es ihr so leicht wie möglich zu machen . So war mein Vater.« Der Fing ernag el klop fte einen nachdenklich en Rh yth mu s. »Das mu ss irgendwann einundvierzig gewesen sein. März, April, wü rde ich sagen.« In d em Pu nk t hatte sie also die Wah rheit gesagt. Mein e Mu tter war ein gutes Jah r fo rt g ewesen - und nach Hause geko mmen ein halbes Jah r, b evo r Jun iper Blythe d ie g roße Enttäuschung erlebte, von der sie sich n ie wied er erholte, bevo r Thomas Cavill sich mit Jun iper verlobte und sie dann sitzen ließ. »Hat sie je ...« Ich wu rd e von Hot Shoe Shuffle übertönt. Tante Ritas n agelneu es Hand y in Fo rm eines roten St iletto -Schuh s vib rierte au f de m Tresen hin und her. Geh nicht ran, fleh te ich innerlich, weil ich nicht wo llte, d ass irgendetwas un ser Gespräch un terbrach, jetzt, wo es en dlich in Gang g ekommen war. »Das ist garan tiert Sam«, sagte Rita, »die mir n ach schnü ffelt.« Ich nick te, und wir ließen die letzten b eiden Takte verklin gen. Danach v erlo r ich k eine Zeit und kam g leich wieder zu r Sache: »Hat Mum jemals vo n ih rer Zeit in Milderh u rst erzählt? Von den Leuten, b ei d enen sie gewo hnt hat? Von den Schwestern Blythe? « Rita v erd rehte die Augen. »Am An fang hat sie vo n nich ts anderem geredet. Die ist un s g anz schön damit auf die Nerven geg angen , das kann ich dir sagen. Sie war n u r glü cklich, wenn ein Brief von dort k am. Dann h at sie immer g anz ge heimn isvoll g etan, die Briefe hat sie immer erst au fgema cht, wenn sie allein war.« Ich mu sste daran denken, wie Rita sie in d er Schlange der evakuierten Kinder in Kent alleingelassen hatte. »Ihr beide habt euch als Kinder nicht besonders nahgestanden.« »Wir waren Schwestern - das wäre ja nicht no rmal gewesen, wenn wir uns nicht ab und zu gestritten hätten, so b eeng t, wie wir damals in dem kleinen Haus gewohn t haben ... Ab er wir haben un s eigentlich ganz gut verstanden. Das heißt, bis zum Krieg, bis sie diese Leu te kenn engelern t h at.« Rita
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nah m d ie letzte Zig arette aus d em Päck chen , zünd ete sie an und b lies den Rau ch in Richtung Tür. »Sie hatte sich verändert, als sie zurückkam, und zwar nich t nur in ih rer Art zu sprechen . Die haben ih r da in dem Schloss alle mö glichen Flausen in den Kopf gesetzt.« »Was denn fü r Flau sen? «, fragte ich, ab er ich k annte die Antwort bereits. Etwas Ab weh ren des hatte sich in Ritas Stimme geschlichen, etwas, das mir vertraut war: Es war der Schmerz, der du rch das Gefü hl entsteht, bei einem unfairen Verg leich sch lecht wegg eko mmen zu sein. »Flau sen eben.« Die pink farbenen Fingern ägel einer Hand flatterten zu ih rer Tu rmfrisu r, und ich fü rchtete scho n, sie würde nicht mehr dazu sag en. Sie b etrachtete die Tü r. Ih re Lipp en bewegten sich , wäh rend sie d ie v erschieden en Antwortmöglichk eiten du rchging. Nach einer Weile, die mir wie eine Ewigkeit erschien , schaute sie mich an . Die Kassette war abgelaufen, und es herrschte eine sonderbare Stille in dem Friseursalon. Es war, als g äbe die Ab wesenheit von Mu sik dem Haus Gelegenheit zu ächzen und zu seufzen und sich erschöp ft über die Hitze, den Geruch und den Tribut zu beklagen , den die Zeit von ih m fo rderte. Tante Rita reckte d as Kin n vo r und sagte lang sam u n d d eutlich: »Sie ist als der reinste Sn ob zu rück geko mmen . So , jetzt ist es raus. Als sie ging, war sie eine von uns, und als sie zurückkam, wollte sie was Besseres sein.« Etwas, das ich immer gespürt hatte, nahm Gestalt an: die abschätzig e Art, wie mein Vater von mein er Tante, meinen Vettern und Ku sinen , ja so gar von meiner Groß mutter sp rach, in gedämp ften Wo rtwech seln zwisch en ih m u nd meiner Mutter, die unterschied liche Art, wie bei uns zu Hause und bei Tante Rita alles g ehandhabt wu rde ... Meine Eltern waren Sn ob s, und ich schämte mich fü r sie un d au ch fü r mich, aber dann war ich seltsame rweise sauer auf Rita, weil sie es ausgesprochen hatte, und schämte mich , weil ich sie dazu ged räng t h atte. Das weiße Beutelchen, das ich gerade in Arbeit hatte, verschwamm vor meinen Augen. Tante Rita dagegen war p lötzlich gu t gelaun t. Die Erleich terung stand ihr ins Gesicht geschrieben. Die un ausgesprochene Wahrheit war ein Ab szess, d er jah rzehn telang darau f
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gewartet hatte, dass jemand ihn öffnete. »Bücherwissen«, schnaubte Rita, während sie ihre Zigarette au sd rü ckte, »von was anderem hat sie nicht meh r geredet, als sie wieder d a war. Sie hat nur noch die Nase g erü mp ft üb er die kleinen Zimmer in un serem H aus und über Dad s Arbeiterlied er, und dann hat sie sich in der Leihb ücherei einquartiert. Hat sich mit irgendeinem Buch in einer Ecke versteckt, wenn sie eigentlich im Hau s helfen so llte. Und dann hat sie auch no ch an gefan gen ru mzu spinnen, sie wollte fü r die Zeitung sch reiben. Sie hat sogar Sachen eingesch ick t! Kann st du dir da s vo rstellen?« Mir fiel buch stäblich die Kinnlade h erunter. Meredith Bu rch ill schrieb keine Geschich ten, und sie hatte erst rech t nichts an Zeitung en g esch ickt. Zuerst dachte ich, Rita wü rd e üb ertreiben, ab er was sie sagte, war so vollkommen verblüffen d, d ass es n u r wahr sein konnte. »Ist den n irg endetwas davon gedruckt worden? « »Natü rlich nicht! Genau d as meinte ich ja: Das sind die Flausen, die die ihr in d en Ko pf gesetzt haben . Sie hat sich auf einmal für was Besseres gehalten, und wohin so was führt, das weiß man ja.« »Was waren das den n fü r Geschich ten , die sie gesch rieb en hat? Wovon hand elten sie? « »Keine Ahnung . Sie hat sie mir n ie gezeig t. Wah rscheinlich hat sie gedacht, ich wü rd e sie sowieso nicht v erstehen. Ab er ich hätte auch g ar k eine Zeit d azu geh abt, da hatte ich nämlich Bill gerade kennengelern t, und kurz darauf hab ich hier angefangen. Es war sch ließ lich Krieg, nich t wah r.« Rita lachte, aber die Verbitterung ließ die Falten u m ih ren Mu nd sch ärfer h ervo rtreten. Sie waren mir bisher nie aufgefallen. »Hat irgendjemand von der Familie Blythe sie mal in Lon don besu cht? « Rita zuckte die Schultern . »Merry war fu rchtb ar g eheimniskrämerisch, seit sie wied er zu rü ck war. Sie ist dauernd lo sgezogen, ohn e un s zu sag en, wo sie hinwollte. Sie hätte sich mit sonst wem treffen kön nen.« War es d ie Art, wie sie das sagte, eine Andeutung, die in den Wo rten verborgen lag? Oder war es die Art, wie sie plötzlich meinem Blick auswich? Ich bin mir nicht sicher.
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Wie auch immer, ich wusste sofort, d ass hinter ihren Wo rten mehr steckte. »Mit wem d enn, zum Beispiel?« Rita betrachtete mit zu sammengekn iffenen Augen die Beutelch en in dem Karton, den Ko pf sch ief gelegt, als hätte sie no ch nie etwas so In teressantes gesehen wie d iese sauberen weißen und silbern en Reih en. »Tan te Rita? «, sagte ich gedehnt. »Mit wem hätte sie sich treffen so llen? « »Also gut.« Sie verschrän kte d ie Ar me, so dass ih re Brüste zu sammen geq uetscht wu rd en, d ann schaute sie mich an. »Er war Lehrer, das war er zumindest vor dem Krieg gewesen; in der Näh e von Elephant and Castle.« Theatralisch wedelte sie sich Luft zu. »O, lá, lá. Gu t sah der au s. Und sein Bruder auch. Wie Filmstars. So athletisch e, schweigsame Typen. Seine Familie wohnte ein p aar Straßen weiter, und selbst deine Großmu tter h at immer einen Grund g efund en, au s d em Fenster zu schauen, wenn er vo rbeiging. Alle ju ngen Mädchen waren in ihn verkn allt, einsch ließ lich d einer Mutter. Und ein es Tages«, fügte sie schulterzuckend hinzu , »hab ich sie halt zusammen geseh en.« Mir traten die Augen au s dem K op f. »Was?«, sto tterte ich . »Wo? Wie?« »Ich b in ih r nachgegangen.« Sie fühlte sich so sehr im Rech t, dass kein Platz war fü r Verlegenheit oder ein sch lech tes Gewissen. »Sie war meine kleine Schwester, sie benahm sich nicht normal, und das waren gefährliche Zeiten. Ich wollte mich nur verg ewissern , dass alles in Ordnu ng war.« Es war mir vollkommen egal, warum sie meiner Mutter gefolgt war; ich wollte nu r wissen , was sie gesehen hatte. »Wo hast du die beiden gesehen? Und was hab en sie gemacht?« »Ich hab sie nur von Weitem g eseh en, aber das h at g ereicht. Sie saßen au f dem Rasen im Park, nebenein ander, ganz en g. Er redete, und sie hörte ihm zu - richtig aufmerksam, wohlgemerkt -, dann hat sie ih m was gegeben, und er ...« Rita schüttelte das leere Zigarettenpäckch en. »Verd ammte Kip pen. Ich sch wö re d ir, die rauchen sich selbst.« »Rita!«
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Ein ku rzer Seufzer. »Dann haben sie sich gekü sst. Merry und Mr. Cavill, mitten im Park, wo sie jeder seh en k onnte.« Welten ko llidierten, Feu erwerk e ex plodierten , Sternchen flog en du rch die d unklen Eck en meines Verstandes. »Mr. Cavill?« »Ganz genau, Edie, Sch ätzchen: der Leh rer deiner Mutter, To mmy Cavill.« Mir fehlten die Worte, jedenfalls solche, die einen Sinn ergeben hätten . Ich mu ss ein Geräusch von mir gegeben haben, denn Rita hielt sich eine Hand ans Ohr un d sag te: »Wie bitte? «, ab er ich kon nte es nich t wiederho len . Meine Mu tter, ein Teenager, hatte sich v on zu Hause fo rtgeschlichen, u m sich heimlich mit ih rem Lehrer, dem Verlo bten vo n Juniper Blyth e, einem Mann, in d en sie verknallt war, zu treffen . Dabei hatte sie ih m etwas gegeben , und vo r allem, sie hatte ih n gek üsst. Und all das hatte sich in den Monaten ab gespielt, bevor Tho mas Cav ill Junip er sitzen gelassen hatte. »Du bist ja ganz blass u m d i e Nase, Liebes. Möch test du no ch ein Glas Limo? « Ich nickte. Sie füllte mein Glas. Ich trank . »Weißt du, wenn d ich das alles so seh r interessiert, so lltest du die Briefe lesen, die d ein e Mutter aus dem Schloss gesch ickt hat.« »Welche Briefe? « »Die, die sie nach Hause geschrieben hat.« »Das wü rde sie niemals zulassen.« Rita betrachtete einen Farb klecks au f ih rem Hand gelen k. »Sie braucht's ja n icht zu erfahren.« Meine Augen weiteten sich. »Sie waren zwischen den Sach en deiner Groß mu tter.« Rita sch aute mir in die Augen. »Das ganze Zeug ist nach ih re m Tod bei mir geland et. Sie hat die Briefe all die Jahre aufgehoben, sentimental, wie sie war, eg al, wie sehr sie sie verletzt hab en. Sie war abergläubisch, dachte, man darf Briefe nicht weg werfen. Ich such sie für dich raus, wenn du willst.« »Ich ... ich weiß n icht, ich weiß nich t, ob ich ...« »Es sind Briefe«, sag te Rita mit einem so du rchtriebenen Grinsen, dass ich mir ganz dämlich v orkam. »Die sin d dafü r da, g elesen zu werd en, od er? «
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Ich nickte zög ernd. »Vielleicht helfen sie dir ja zu versteh en, was dein er Mutter da ob en in ih rem Schloss du rch den Kop f geg angen ist.« Der Gedanke, die Briefe mein er Mutter ohne ihr Wissen zu lesen, weckte mein schlechtes Gewissen , doch ich b rachte es zu m Sch weig en. Rita hatte recht: Meine Mutter mochte die Briefe geschrieben haben, ab er sie waren an ih re Familie in London g erichtet. Es war Ritas gu tes Recht, sie mir zu geben, und es war mein gutes Recht, sie zu lesen. »Ja«, k rächzte ich . »Gib sie mir.«
Ein Gespräch im Wartezimmer
Und weil das Leben man ch mal so sp ielt, erlitt mein Vater, während ich die Geheimnisse me in er Mutter zusammen mit der Schwester enträtselte, vor der sie sie am dringendsten verbergen wollte, einen Herzin farkt. Herb ert erwartete mich mit der Nach rich t, als ich n ach Hause kam. Er nah m meine Hände und berich tete mir, was passiert war. »Es tut mi r so sch recklich leid«, sagte er, »ich hätte dir eher Bescheid gesagt, ab er ich wusste nicht, wo du bist.« »O Gott ...« Pan ik ü berkam mich. Ich drehte mich zur Tür um, dann wieder zu Herbert. »Ist er ... ? « »Er ist im Krankenhaus, sein Zu stand ist stabil, glaube ich. Deine Mutter hat nicht viel gesagt.« »Ich muss ...« »Ja, ko mm. Ich ru fe d ir ein Taxi.« Die ganze Fahrt über plauderte ich mit dem Fahrer. Ein kleiner Mann mit sehr blauen Augen und b rau nem Haar, d as zu ergrauen begann, Vater von drei kleinen Kindern . Und während er mir erzählte, was sie alles anstellten , und mit der gesp ielten Verzweiflung , die Eltern kleiner Ki nder gern zur Schau stellen, um ihren Stolz zu überspielen, den Kopf schüttelte, lächelte ich u nd stellte Fragen , u nd meine Stimme klang ganz normal, ja sogar unbesch wert. Wir erreich ten d as Kran kenh aus, und erst n ach dem i ch ih m einen Zehnp fund sch ein in die Han d g edrückt und ihm gesagt hatte, er solle das 204
Wechselg eld b ehalten , und ihm viel Spaß bei der Ballettaufführung seiner To chter gewünsch t hatte, bemerk te ich, dass es an gefangen hatte zu regnen und ich ohne Regenschirm vor dem Ha mmersmith-Krank enh au s stand, in dem mein Vater irgendwo mit Versehrtem Herzen lag. Meine Mutter wirkte kleiner als sonst, wie sie dort allein am Ende einer Reihe von Plastikstühlen saß, hinter ihr eine trostlose blaue Krankenhau swand. Meine Mutter ist immer so rgfältig zu rechtg emacht, und ihre Kleidung scheint aus einer anderen Zeit zu stammen : Hüte mit dazu passenden Handschuhen , beq ueme Pumps, die sie in Seidenpap ier gewickelt in den Originalkarton s au fbewah rt, ein ganzes Reg al mit dicht ged rängt au fgereihten Handtaschen, die auf ihren Ein satz warten, u m d as En semb le zu k o mp lettieren. Sie wü rde n ich t im Trau m d aran denken, ohne Puder und Lippenstift das Haus zu verlassen, auch dann nicht, wenn mein Vater scho n im Krankenwagen vo rausgefahren ist. Ich mu ss wirk lich eine schreckliche En ttäu schung fü r mein e Mutter sein, zu groß gewachsen, die Haare zu wu sch elig , au f den Lipp en irgendeinen Gloss, den ich au s dem Sammelsurium au s Münzen, verstaubten Pfefferminzdrops und son stigem Kram fisch e, der sich in d en Tiefen meiner abgenutzten Handtasche an sammelt. »Mu m.« Ich ging zu ih r, k üsste sie au f die von d er Klimaan lag e g eküh lte Wange un d setzte mich neben sie. »Wie geht es ih m? « Sie schüttelte den Kop f, und ich b efü rchtete scho n das Sch limmste. »Sie haben mir noch nichts gesag t. Sie hab en ih n an alle mö glichen Geräte angeschlo ssen, u nd die Ärzte kommen und gehen.« Sie schloss kurz die Augen, schüttelte immer n o ch leicht d en Kop f, eine Angewo hnh eit. »Ich weiß es nich t.« Ich sch luckte sch wer und sagte mir, dass es besser war, nichts zu wissen, als das Sch limmste zu erfahren , war jedo ch geistesgeg en wärtig genug , diese Plattitüde fü r mich zu behalten. Ich hätte g ern etwas Originelles, etwas Beruhigendes gesagt, etwas, das ih r die Angst nah m, ih r die Situ ation erleich terte, ab er meine Mu tter und ich hatten keine Erfahrung
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damit, gemein sam zu leiden und einander zu trösten, und so sag te ich nich ts. Sie ö ffn ete die Aug en, schaute mich an und schob mir eine Lock e h inters Oh r. Vielleicht spielte es ja auch keine Rolle, vielleich t wu sste sie, was ich dachte und dass ich es ern st mein te. Dass k eine Wo rte n ötig waren, weil wir d och Mu tter und Tochter waren und manche Dinge nicht au sgesprochen werd en mü ssen ... »Du siehst schlecht aus«, sagte sie. Ich warf einen verstohlenen Blick zu r Seite und sah mein verschwommenes Spiegelbild in einem gerahmten Poster des Nation al Health Serv ice. »Es regnet.« »So eine groß e Tasche«, sagte sie mit einem wehmütigen Läch eln . »Und kein Platz fü r einen Schirm.« Ich schüttelte den Kop f, dann beg ann ich zu zittern, und plötzlich merkte ich, dass es kalt war. In einem Wartezimmer im Krankenhaus muss man sich besch äftig en, sonst wartet man nu r, un d d as füh rt zu m Nach denken , was nach meiner Erfah run g k eine gute Id ee ist. Während ich still neben meiner Mutter saß, mich um meinen Vater sorgte, mir vornahm, mir einen Schirm zuzulegen, auf das Ticken der Wanduh r lau sch te, k amen jede Men ge Ged an ken über die Wände gekrochen und berührten meine Schultern mit ihren spitzen Fingern . Ehe ich wusste, wie mir g eschah, hatten sie mich b ei der Hand gen o mmen und führten mich an Orte, an denen ich seit Jah ren nicht gewesen war. Ich stand an der Wand in unserem Badezimmer und sah mich als Vierjäh rige au f d em Badewann en rand b alancieren . Das kleine, n ack te Mädchen will mit d en Zigeunern durch b rennen . Es weiß nicht genau, wer sie eigen tlich sind od er wo es sie finden kann, aber es weiß, dass sie ih re beste Chance sind , einen Zirku s zu finden, dem es sich an schließen k ann . Das ist sein Trau m, und deswegen übt es Balancieren . Ku rz bevo r es das ande re Ende d er Wann e erreicht, rutscht es aus. Stürzt nach vorn , dreht sich , landet mit dem Gesicht unter Wasser. Sirenen, grelles Licht, fremd e Gesichter ...
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Ich blinzelte, un d das Bild verschwand, aber schon tauchte das nächste au f. Eine Beerd igung , die meiner Groß mutter. Ich sitze in der ersten Reihe n eben meinen Eltern und hö re nur mit halbem Ohr zu, während der Pfarrer eine andere Frau beschreibt als die, die ich kannte. Ich bin abgelenkt du rch mein e Sch uhe. Sie sind n eu, un d ob wohl ich weiß, d ass ich eigentlich besser zuhö ren, mich au f d en Sarg kon zentrieren und mich ern sten Gedan ken hin geb en mü sste, k ann ich nicht au fhören , mein e Lackschuhe zu betrachten, sie hin und her zu d reh en und ih ren Glanz zu bewundern . Mein Vater b emerkt es, schubst mich sanft mit der Schulter, und ich zwin ge mich aufzupassen. Au f dem S arg stehen zwei Foto s, eins von der Großmu tter, die ich kannte, ein s vo n einer Fremden, einer jungen Frau, die an irg endein em Strand sitzt, h alb von der Kamera abg ewen det, ein schiefes Lächeln im Gesicht, als wollte sie gerade d en Mund öffnen, um sich über den Fotografen lustig zu machen . Dann sagt der Pfarrer etwas, und Tante Rita fän gt an, laut zu weinen, die Wimperntusche läuft ih r über die Wangen, und ich schau e erwartung svo ll zu meiner Mutter hin über, warte au f ein e ähn liche Reak tion . Ih re behand schuhten Hände lieg en in ih rem Sch oß , ih r Blick ist au f den Sarg geheftet, ab er nich ts gesch ieh t. Nichts geschieht, und dann sehe ich meine Kusine Samantha. Auch sie beobachtet mein e Mutter, un d plötzlich schäme ich mich ... Ich stan d entschlo ssen au f und v ersch euchte die sch warzen Gedank en. Meine Ho sentaschen waren ungewöhnlich groß, und ich schob meine Hände tief genug hin ein , u m mich davon zu überzeugen , d ass ich einen Grund h atte, hier zu sein, dann schritt ich den Ko rridor ab , als hand elte es sich um einen Museumssaal, und konzentrierte mich auf die verblassten Po ster mit Impfkalendern , die schon zwei Jahre alt waren; egal, Hauptsache, es h alf mir, in der Gegen wart zu bleiben, weit weg von der Verg angenheit. Ich bog um eine Ecke in eine h ell erleuchtete Nische, wo ein Getränkeautomat stan d. Ein er von diesen Auto maten mit einem Abstellplatz für die Tasse und einer Düse, aus der entweder Kakao- oder Kaffeepulver oder heißes Wasser gescho ssen ko mmt, je nachdem, au f welchen Knop f man d rückt. In einem Plastik kö rbch en lagen Teebeutel. Ich nahm
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zwei un d hän gte sie in Styroporbecher, einen fü r mich u nd einen fü r meine Mutter. Ich sah zu , wie die Beutel eine rostige Farbe ab gaben, ließ mir Zeit, Milchpulver einzurühren, wartete, bis es sich vollständig aufgelö st hatte, ehe ich mich auf den Rückweg machte. Meine Mutter nahm ihren Becher wortlo s en tgegen , fing mit dem Zeigefin ger einen Trop fen auf, der an der Seite herunterlief. Sie h ielt den warmen Bech er mit b eiden Hän den , trank aber nicht. Ich setzte mich neben sie und d achte an gar nichts. Bemühte mich, an nichts zu d enken , während mein Gehirn mir vorauseilte, fragte mich, waru m ich so wenige Erinnerungen an meinen Vater hatte. Ech te Erinnerung en, nicht die au s zweiter Hand von Fotos und Familien anek do ten. »Ich hab e mich über ihn geärgert«, sagte meine Mutter sch ließ lich . »Ich hab e ih n angeschrien. Ich hatte den Braten fertig, und ich hatte ihn au f den Tisch gestellt, um ihn au fzuschneiden , und er wu rd e schon k alt, aber ich dach te, es wü rd e ih m recht gescheh en, sein Fleisch kalt zu essen. Ich wollte nach oben gehen, um ihn zu holen, aber ich hatte es satt, ihn immer vergeb en s zu ru fen. Ich dachte: Wo llen wir doch mal sehen, wie dir d er k alte Braten sch meckt.« Sie schürzte die Lippen au f die Art, wie man es macht, wenn einem die Tränen kommen und man versucht, das zu v erbergen. »Er war den g anzen Nach mittag au f dem Sp eicher gewesen, hatte Kartons aussortiert und den ganzen Flu r vo llgestellt - weiß der Himmel, wie er die wieder da raufschaffen will, dazu hat er bestimmt n icht meh r die Kraft ...« Sie sch aute b lind in ih ren Tee. »Er ist in s Bad geg angen , u m sich die Hände zu waschen, und da ist es passiert. Ich habe ihn neb en der Badewanne gefund en , gen au da, wo du damals geleg en h ast, als du klein warst. Er hatte no ch d ie gan zen Hände voll Seife.« Das darauffolgende Schweigen machte mich un ruhig. Gesp räche haben etwas Beru higendes, ih r g eo rdneter Ablauf ist ein Anker, der einen in der Wirk lichk eit hält: Nich ts Schreckliches oder Unerwartetes kann passieren , wenn ma n ein vernünftiges Gespräch füh rt. »Und dann hast du den
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Kran kenwagen geru fen«, soufflierte ich, als redete ich mit einem Kleinkind. »Die kamen ganz schnell, d as war ein Glück. Ich war no ch dabei, ih m die Seife von den Händen ab zu wisch en, da waren sie schon da. Zwei, ein Mann und eine Frau. Sie mussten ihn reanimieren, mit so einem Elektroscho ckgerät.« »Mit ein em Defib rillator«, sagte ich. »Und sie haben ihm etwas gegeben, ein Medikament, das die Blutgerinnsel au flöst.« Sie betrach tete ih re Hand fläch en. »Er hatte noch sein Unterhemd an, und ich weiß noch, wie ich gedacht habe, ich sollte ih m ein sauberes an ziehen .« Sie schü ttelte den Kop f, und ich fragte mich , ob aus Bedau ern darüber, dass sie es versäu mt h atte, oder aus Verwunderu ng darüber, dass ih r so etwas du rch den Kopf gegangen war, während ihr Mann bewu sstlo s auf d em Bo den lag , do ch d ann sagte ich mir, dass das eigentlich keine Rolle spielte und es mir nicht zustand, darüber zu urteilen. Mir war schmerzlich bewusst, dass ich zu Hause gewesen wäre und hätte helfen können , wenn ich nicht zu Tante Rita gefah ren wäre, um sie über die Vergangenheit meiner Mutter au szuquetschen. Ein Arzt kam den Flur herunter, und meine Mutter versch ränkte ih re Finger ineinan der. Ich wollte schon au fstehen, ab er er ging zügig am Wartezimmer vorbei und verschwand hinter ein er anderen Tür. »Es wird nicht mehr lang e dauern , Mu m.« Die un au sgesp ro chene Entschuldigung mach te meine Wo rte sch wer, und ich füh lte mich vollk o mme n hilflos. Es gib t nu r ein Foto von der Hochzeit mein er Eltern. Also, wahrscheinlich gibt es n och me h r, die in irgendeinem v ergessen en weißen Album v ersta uben, aber ich kenne nur ein Bild , das all die Jah re üb erdau ert hat. Nur die beiden sind darau f zu sehen , es ist kein s von diesen typischen Hochzeitsfotos, auf den en d ie Ang ehö rig en von Braut und Bräutigam rechts un d link s von dem Paar aufgereiht stehen wie zwei u ngleiche Flü gel, sodass man denk t, das Geschöpf wird niemals fliegen könn en. Au f diesem Foto sind keine Verwan dten zu seh en , n ur d ie beiden, und sie schaut ihn völlig hingerissen an. Als wü rde er strah len, was
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er tatsächlich irgendwie tut - wahrscheinlich der Effekt der Beleuchtung, die Fo tografen damals benutzten. Und er ist so u nglaublich ju ng; das sind sie b eid e. Er hat immer n och volles Haar, nichts deutet darau fhin, dass es ih m einmal ausfallen wird. Er ahnt noch nicht, dass er einen Sohn b ekommen und wieder verlieren wird , da ss er ein e Tochter haben wird, deren Inte ressen und Neigung en ihm ein einziges Rätsel bleiben , dass seine Frau irgendwann an fangen wird, ihn zu igno rieren, d ass sein Herz eines Tages aussetzen wird und man ihn in einem Krankenwagen in die Klinik bringen wird , dass dieselbe Ehefrau zu sammen mit der Toch ter, die er nicht versteht, im Wartezimmer sitzen und darau f warten wird , d ass er au fwach t. Nichts von alldem ist auf dem F oto zu erkennen. Das Foto ist ein eingefro rener Aug enblick, die ganze unb ekan nte Zu kun ft der beiden liegt no ch vo r ihnen, so wie es sein sollte. Do ch gleichzeitig lässt d as Foto die Zukunft erahnen, oder zumin dest eine Version d avon . Sie lieg t in ih ren Augen, vo r allem in den Augen der Brau t. Denn der Fotograf hat mehr eingefangen als nur zwei jung e Men schen am Tag ih rer Hochzeit, nämlich eine Sch welle, die übersch ritten wu rd e, eine Meereswelle, k urz bevor sie sich in Schaum verwandelt und gegen die Küste schlägt. Und die jung e Frau, mein e Mu tter, sieht mehr als nur den jung en Mann, der neb en ih r steht, den Mann, den sie liebt, sie sieh t das ganze gemein same Leben, das vo r ihnen liegt... Ab er vielleicht verkläre ich d a auch etwas, vielleicht bewundert sie nur sein Haar od er freut sich auf das Fest oder die Ho chzeitsreise ... Jeder spinnt sein e eigenen Geschich ten um solche Fotos, Bilder, die innerhalb der Familie zu Kultgegenständen werd en, und wäh rend ich do rt im Wartezimmer saß , wu rde mir bewusst, dass es nur eine Möglichkeit gab herauszufinden, was sie damals wirk lich empfunden hatte, was sie sich erho fft hatte, als sie ihn so anschaute; ob ihr Leben komplizierter, ih re Vergangenheit komp lexer war, als der selig e Blick vermuten ließ. Ich brauchte nur zu fragen. Wie seltsam, d ass mir das noch nie in den Sinn gekommen war. Wah rschein lich ist d as Licht im Gesicht mein es Vaters schu ld. Die Art, wie mein e Mutter ihn an sch machtet, len kt
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die Au fmerksamkeit au f ihn, sodass man sie leicht fü r eine ju nge, n aive Frau ohn e nenn en swerte Vergangen heit h ält, deren Leben gerade erst beginnt. Und meine Mutter hatte ihr Bestes getan, diesen Mythos aufrechtzuerhalten, denn wenn sie jemals üb er d ie Zeit vo r ih rer Hoch zeit sp rach, erzählte sie nu r von mein em Vater. Aber als ich, gerade zurück von meinem Besuch bei Rita, an das Bild dach te, sah ich vo r allem d as Gesicht meiner Mu tter, ein bissch en weniger beleuchtet, ein bissch en kleiner als seins. War es möglich , dass die jun ge Frau mit den g ro ßen Augen ein Geheimnis hatte? Dass sie zehn Jahre vor der Ho chzeit mit dem soliden, strahlen den Mann au f dem Fot o eine flüchtige Liebesaffäre mit ih rem Leh rer hatte, mit de m Mann, der mit ihrer älteren Freundin verlobt war? Damals musste sie etwa fünfzeh n gewesen sein, und Mered ith Burch ill war keinesfalls die Frau, zu der das zu passen schien ab er was war mit Meredith Baker? Meine Mu tter hatte mir während meiner Jugend zahllose Vo rträge darü ber gehalten , was an ständige Mädchen taten und nich t taten. War es möglich, dass sie aus Erfah rung gesprochen hatte? Plötzlich überkam mich das bedrückend e Gefü hl, dass ich üb er die Frau , die neben mir saß, alles und nichts wu sste. Die Frau, die mich gebo ren und g roß gezo gen h atte, war mir im Grunde genommen eine Fremde. Im Lauf von dreißig Jahren hatte ich ih r kaum mehr Dimensio nen zugebilligt als den Ank leid epupp en, mit denen ich als Kind gesp ielt hatte, Papierpupp en mit au fgemaltem Läch eln und Pap ierkleidch en zu m An h ängen. Meh r no ch, ich war seit Mo naten dab ei, rücksichtslo s ihre tiefsten Geheimnisse auszug raben, und hatte mir nicht ein mal die Mühe gemacht, sie n ach g anz normalen Dingen zu fragen. Aber als ich jetzt mit ih r im Kran kenh aus saß, währen d mein Vater irgendwo auf der Intensiv station lag, war es mir auf einmal unglau blich wichtig, meh r üb er mein e Eltern zu erfahren. Üb er mein e Mutter. Üb er d ie geheimn isvolle Frau , die Anspielun gen au f Sh akespeare machte, die als Jugendliche Artikel an Zeitungen gesch ickt hatte. »Mu m? « »H mm? «
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»Wie habt ihr euch eigen tlich k ennengelernt, du un d Dad? « Ih re Stimme klang b rüchig nach dem langen Sch weigen, und sie räuspert e sich. »I m Kino. Es lief The Holly and the Ivy. Den kenn st d u doch? « Schweigen. »Ich meine, wie h ab t ih r euch kennen gelernt? Hast du ihn g eseh en? Hat er dich g eseh en? Wer hat wen angesp rochen? « »Daran kann ich mich nicht mehr erinnern . Er. Nein , ich. Ich hab 's verg essen.« Sie bewegte die Finger einer Hand wie ein Puppenspieler, d er ein e Mari on ette b edien t. »Wir waren die einzigen Zuschauer im Kino . Stell dir das mal vo r.« Der Gesichtsausd ruck meiner Mutter hatte sich verändert, sie wirkte beinahe ein bissch en entrückt, aber liebevoll, erleichtert, der verwirrend en Gegenwart einen Mo ment lang zu entkommen, in der ihr Mann in einem nahe gelegenen Zimmer u m sein Leb en rang . »Sah er gu t au s? «, bo h rte ich weiter. »War es Liebe auf den ersten Blick? « »Woh l k aum. Ich hatte ihn erst für einen Mörder gehalten.« »Wie bitte? Dad?« Ich glaube, sie hat mich nicht mal gehört, so sehr war sie in ih re Erinn erung en eingetau cht. »Es ist ziemlich g ru selig , allein in einem Kino zu sitzen. All die leere Sitze, die Dunkelheit, die riesige Lein wand . So ein Kino saal ist fü r viele Leute g edach t, und wen n k eine da sind , beko mmt er etwas Unheimliches. Im Dunkeln kann alles p assieren .« »Saß er direkt neben dir? « »Gott, nein. Er ist höflich auf Abstand geblieben - er ist ein Gentleman, dein Vater -, aber nachher, im Foyer, sind wir ins Gespräch gekommen. Er war mit jemand verabredet gewesen ...« »Mit ein er Frau? « Sie konzentrierte sich au f den Sto ff ih res Rocks un d sag te mit einem vo rwu rfsvollen Unterton : »Ach , Edie.« »Ich frag e ja nur.« »Ich glaube, es war eine Frau, aber sie ist nicht gekommen. Und das«, mein e Mutter stemmte die Hände au f die Kn ie und hob den Kopf mit einem leisen Schn iefen , »war alles. Er h at mich zum Tee eingeladen, un d ich h abe d ie Einladung an genommen. Wir sind in den Lyon s Co rn er Shop am Strand ge-
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gangen . Ich habe ein Stü ck Bi rnento rte gegessen u nd fand das seh r extravag ant.« Ich lächelte. »Und er war dein erster Freund?« Bildete ich mir das ku rze Zögern nu r ein? »Ja.« »Du hast ein er an deren Frau den Mann au sgesp annt.« Es war ein Scherz, der Versuch, es leichthin zu sagen, aber i m selben Moment, als ich die Wo rte au ssprach, mu sste ich an Junip er Blyth e und Tho mas Ca vill denken, und meine Wan gen begannen zu glüh en. Vor lauter Verlegenheit achtete ich gar nicht auf die Reaktion mein er Mu tter, sond ern fügte, ehe sie dazu kam, etwas zu an two rten , hastig hinzu: »Wie alt warst du damals? « »Fün fundzwanzig . Es war 1 9 5 2 , und ich war gerade fün fundzwan zig gewo rd en.« Ich nick te und tat so, als wü rde ich im Kopf nachrechnen, aber in Wirklichkeit lau sch te ich der leisen Stimme, die flü sterte: Wäre das nicht eine gute Gelegenheit, wo wir schon mal beim Thema sind, nach Thomas Cavill zu fragen? Eine hinterhältige Stimme, und ich sollte mich sch ämen, ih r üb erhaupt Gehö r zu sch enken. Ich bin nicht stolz darauf, aber die Gelegenheit war ein fach zu gü nstig . Ich redete mir ein, ich wo llte meine Mu tter nu r von d en So rgen um meinen Vater ab lenk en, und b emerkte: »Fün fund zwanzig. Das ist ab er ziemlich spät fü r d en ersten Freund , od er? « »Eigentlich nicht«, sagte sie. »Das waren andere Zeiten damals. Ich war mit anderen Dingen b eschäftig t.« »Ab er dann hast du Dad kennengelern t.« »Ja.« »Un d hast dich verliebt.« Sie antwortete so leise, dass ich das Wo rt fast v on ihren Lippen ablesen mu sste. »Ja.« »War er deine erste große Lieb e, Mu m? « Sie schnappte nach Lu ft und sah mich an, als hätte ich sie geo h rfeig t. »Edie - n icht!« Aha. Tante Rita hatte recht geh abt. Er war nicht ih re erste g roß e Liebe gewesen. »Sp rich n icht von ih m in der Vergangenheit.« Tränen traten ih r in die Aug en. Und ich fühlte mich so mies, als hätte ich sie tatsäch lich g eoh rfeig t, erst recht, als sie begann , an meiner Schulter zu weinen, das heißt, die Tränen rannen einfach
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so herab, den n meine Mu tter weint n icht. Und ob wohl die Plastikkante der Stuhllehne sich in meinen Ar m bohrte, rührte ich mich nicht. Von drau ßen waren wie aus der Ferne die stetigen Verkeh rsgeräu sch e zu hö ren , hin und wieder übertönt v on Sirenengeh eul. Krankenhausmauern sind etwas Merk wü rdiges. Obwohl sie auch nur au s Ziegelsteinen und Mö rtel besteh en, rücken, wenn man sich innerh alb dieser Mauern befindet, der Lärm und die Wirklichkeit der von Men schen wimmelnd en Stadt in weite Ferne. Die Realität befindet sich direkt v or der Tü r, aber es ist, als handelte es sich um ein weit, weit en tferntes Zaub erland. Wie im S ch lo ss Milderhu rst, dachte ich. Dort hatte ich mich g enau so gefüh lt, als h ätte mich das Haus regelrecht verschlu ckt, nachdem ich durch d ie Tü r getreten war, als hätte die äu ßere Welt sich in San dkö rner au fgelö st. Ich frag te mich flüch tig, was die Sch western Blythe wohl gerade taten, wie sie in den Woch en seit meinem Besuch ihre Tage verbracht hatten, die drei allein in diesem riesigen Haus. Wie eine Serie vo n Sch nappschü ssen tauchten die Bilder vor meinem geistigen Auge au f: Juniper, die in ihrem v ersch lissen en Seidenkleid durch die Flu re hu sch te, Saffy, die wie aus dem Nich ts erschien und sie sanft in den Salon führte, Percy, die am Dach zimmerfenster stand un d ihr Anwesen betrachtete wie ein Schiffskapitän au f Wache ... Es war schon nach Mitternacht, die Krank ensch western hatten Schichtwechsel, neue Gesichter tau chten auf, verrichteten lachen d und schwatzend ih re Arbeit auf der hell erleuchteten Station: ein un widerstehlicher Ort der No rmalität, eine In sel in einem u nü berwin dlichen Ozean. Ich versu chte, ein bisschen zu schlafen, benutzte meine Handtasche als Kopfkissen, aber es war zwecklos. Meine Mutter neben mir war so klein und allein und irg endwie gealtert, seit ich sie das letzte Mal gesehen hatte, und ich konnte mein e Gedan ken nicht davon abhalten, vo rau szueilen und d etailreiche Szen en von ih rem Leben ohn e meinen Vater zu malen. Ich sah alles ganz deutlich vo r mir : seinen leeren Sessel, die wortlosen Mahlzeiten, d as Feh len seines unermü d lichen Hä mmern s u nd
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Bohren s. Wie einsam das Haus sein wü rde, wie still und voller Echos. Nur wir beide würden noch da sein, wenn wir meinen Vater verlören. Zwei ist sehr wenig, da bleiben keine Reserven . Es ist eine stille Anzahl, die saubere, einfache Gesp räche garan tiert, in die n iemand sich ein mischt, weil es ein fach nicht mö g lich ist. Und außerd em unnötig. War das unsere Zukunft? , fragte ich mich. Mutter und To chter, die Sätze au stau schten, ih re Meinungen für sich behielten , hö flich e Geräu sche mach ten , Halbwahrheiten aussp rachen und sich b emü h ten, den schönen Sch ein zu wahren? Die Vo rstellung war un erträg lich , und ich füh lte mich plötzlich seh r, seh r allein. Vor allem, wenn ich mich sehr einsam fühle, fehlt mir mein Bruder. Er wäre inzwisch en ein erwach sener Mann, u mgäng lich und mit einem liebenswü rdigen Läch eln und ein em Talent dafür, meine Mu tter au fzu mu ntern. Der Daniel, den ich mir vorstelle, weiß immer genau, was er sagen soll, er ähnelt nicht im Entferntesten sein er bedauern swerten Schwester, die so oft kein vernünftiges Wo rt üb er d ie Lipp en b ringt. Ich sah zu meiner Mutter hinüber und fragte mich, ob sie wohl auch an ihn dachte, ob die Tatsache, dass sie in einem Kran kenhau s saß , die Erinn erungen an ih ren klein en Jung en weckte. Aber ich konnte sie nicht dan ach frag en, weil wir nie üb er Dan iel redeten , genauso wenig wie über ihre Evaku ierung , ih re Vergangenheit, ih re En ttäu schung en. Das war schon imme r so gewesen . Vielleich t war es meine Trau rigkeit darüb er, dass in me in er Familie so viele Geheimnisse so lange unter der Ob erfläch e geb rodelt hatten, v ielleicht war es eine Art Buße dafü r, d ass ich meine Mutter mit mein en bohren den Fragen aus der Fassung gebrach t hatte, vielleicht hatte ich auch das vage Bedürfnis, eine Reaktion zu p rov ozieren , sie dafü r zu bestrafen , dass sie mir Erinn erungen vo renth alten und mir den wirk lich en Daniel geraubt hatte ... Wie auch immer, ich holte tief Lu ft und sagte: »Mum? « Sie rieb sich die Augen und schaute blin zelnd au f ih re Armbanduh r. »Jamie und ich haben un s getrennt.« »Ach? « »Ja.«
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»Heute? « »Äh, n ein . Nicht gan z. Um Weihnachten.« Ein verb lü fftes »Oh «, dann zog sie die Brauen zusammen und zählte in Gedan ken die Mon ate, die seitdem v ergangen waren. »Aber du hast gar nichts d avon erwähnt ...« »Nein.« Diese Tatsache, und was sie bedeutete, ließ ihre Gesichtszüge erschlaffen. Sie nick te langsam, zweifellos dachte sie an die zahllosen Male, die sie sich währen d der vergangenen Monate nach Jamie erkundig t hatte, an die Antworten, die ich ih r gegeben h atte, lauter Lügen . »Ich musste die Wohnung au fg eben «, sagte ich und räu sperte mich . »Ich bin au f der Suche nach einem klein en Apartment. Für mich allein.« »Deswegen konnte ich dich nicht erreichen , als dein Vater ... Ich habe alle Nummern probiert, die ich hatte, selbst bei Rita habe ich an gerufen , bis ich endlich Herb ert an der Strippe h atte. Ich wusste nicht, was ich son st no ch hätte mach en können .« »Tja«, sagte ich mit ein er seltsam k ün stlichen Heiterkeit. »Zu fällig war das genau das Richtig e. Ich wohne im Moment bei Herbert.« Sie wirk te verblü fft. »Er hat ein Gästezimmer? « »Ein So fa.« »Verstehe.« Mein e Mutter hatte die Hände au f ih rem Schoß versch ränk t, als hielte sie ein kleines Vögelchen darin, das sie beschützen musste, ein geliebtes Vögelchen, das sie u m keinen Preis verlieren wollte. »Ich mu ss Herbert eine Karte sch icken «, sag te sie mit dünner Stimme. »Er hat mir zu Ostern ein Glas von seiner Johannisbeermarmelad e zukommen lassen, und ich glaube, ich hab e mich n ich t ein mal dafür bedankt.« Und damit war das Gespräch, vor dem ich mich monatelang gefü rchtet hatte, b eendet. Relativ ku rz u nd sch merzlos, was ich gu t fand , ab er au ch irgendwie seelenlos, was ich nicht gu t fan d. Meine Mu tter stand auf, und mein erster Gedanke war, dass ich mich getäuscht hatte, d ass es noch n ich t vo rb ei war und sie mir doch noch eine Szen e machen wü rd e. Aber als ich ih -
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rem Blick folgte, sah ich, dass ein Arzt auf uns zukam. Ich stand eben falls au f, versuch te, in seinem Gesicht zu lesen , zu erraten, au f welch e Seite d ie Mün ze fallen wü rd e, ab er es war un mö g lich. Sein Gesichtsau sdruck hätte zu jedem Szen ario gepasst. Ich glaube, das lernen sie schon im Medizinstu dium. »Mrs. Burchill? « Er sp rach mit einem leichten au sländisch en Ak zent. »Ja.« »Der Zu stand Ih res Man nes ist stab il.« Meine Mu tter atmete erleichtert au f. »Es ist ein Glück , dass d er Krank en wag en so schn ell bei Ihnen war. Gut, dass Sie ihn sofort gerufen haben.« Ich hörte einen leisen Schluckauf neben mir, dann sah ich, dass die Augen meiner Mu tter sich wied er mit Trän en g efüllt hatten. »Wir werden sehen , wie sich d ie Situation entwick elt, ab er es sieht nicht so aus, als mü ssten wir einen chirurgischen Eingriff vornehmen. Wir mü ssen ihn noch ein paar Tage zu r Üb erwach ung hierbehalten, aber danach kann er sich zu Hause erholen. Sie werden au f seine Stimmungen achten mü ssen . Herzpatien ten neigen zu Dep ressio nen , ab er d a k önnen Sie sich von den Krankensch western beraten lassen .« Meine Mutter nickte dan kbar. »Natü rlich, n atü rlich «, stammelte sie, weil ihr eben so wie mir die Wo rte feh lten , um u n sere Dankbarkeit und Erleichterung zu m Au sd ruck zu b ringen. Schließlich sagte sie einfach nu r: »Vielen Dank, Herr Dok to r«, aber er h atte sich b ereits hinter der schützend en Fassad e sein es weißen Kittels zurückgezogen. Er nickte knapp, als würd e er an einem anderen Ort erwartet, als mü sste er ein weiteres Leben retten, was zweifellos den Tatsach en entsprach, und als hätte er bereits vergessen, wer wir waren u nd zu welchem Patienten wir geh örten . Ich wollte gerade vo rsch lage n, dass wir zu meinem V ater geh en sollten , da fin g sie an zu weinen - meine Mu tter, d ie niemals wein t -, un d zwar nicht nur ein paar Tränen, die sie sich mit dem Handrücken wegwisch te. Nein, sie begann laut zu schluchzen, was mich daran erin nerte, wie sie, wenn ich als Kin d weg en irgen deiner Lappalie in Trän en au sgeb roch en
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war, jedes Mal zu mir gesagt hatte, manche Mädch en hätten das Glü ck, auch d ann noch hüb sch au szuseh en, wenn sie weinten - die Augen geweitet, die Wangen gerötet, die Lippen geschwollen -, aber d ass das wed er au f sie no ch au f mich zu traf. Sie hatte recht: Wir sind beide hässlich, wenn wir weinen . Zu fleckig im Gesicht, zu triefige Nase, zu laut. Ab er als ich sie so dastehen sah, so klein, so mak ello s g ekleidet, so k reuzunglück lich, wollte ich sie nu r n och in d ie Arme neh men und sie festhalten, bis sie sich au sgeweint hatte. Do ch ich tat es nich t. Stattdessen kramte ich ein Papiertaschentuch au s mein er Tasche und reich te es ih r. Sie n ah m es, ab er sie hörte nicht auf zu weinen, jedenfalls nicht so fo rt, und nach ku rzem Zö gern legte ich ih r ein e Hand au f die Schu lter, tätsch elte sie irgendwie und rieb ihr den Rücken. So standen wir ein e Weile, bis ih r Kö rp er sich ein bissch en entsp annte und sie sich an mich lehnte wie ein Sch utz suchendes Kind. Sch ließlich p utzte sie sich d ie Nase. »Ich hatte solche Angst, Edie«, sagte sie, während sie sich nacheinander die Augen wischte und das Taschen tuch au f Wimp ern tu schespu ren üb erprüfte. »Ich weiß, Mum.« »Ich glau be, ich könnte ein fach nicht ... Wen n etwas passieren wü rde ... Wenn ich ih n verlieren wü rd e ...« »Mu m«, sagte ich bestimmt. »Er h at es überstanden. Es wird alles gut.« Sie blin zelte mich an wie ein kleines Tier im Scheinwerferlicht. »Ja.« Ich ließ mir von einer Kran kenschwester seine Zimmernummer geben, dann liefen wir durch die grell erleuchteten Flure, bis wir es gefunden hatten . Ku rz vo r der Tü r blieb mein e Mutter stehen. »Was ist? «, fragte ich. »Ich mö ch te nicht, dass dein Vater sich aufregt, Edie.« Ich sagte nichts, fragte mich jedoch, wie in aller Welt sie auf die Idee kam, dass ich etwas tun kö nnte, was mein en Vater au s der Ruhe b rachte.
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»Er wäre entsetzt, wenn er wü sste, dass du au f ein em So fa schläfst. Du weißt doch, wie sehr er immer um deine Haltung beso rgt ist.« »Es ist ja nicht für lange.« Ich schaute zu r Tü r. »Wirk lich , Mu m, ich arb eite d ran . Ich lese jed e Wo che die Vermietu ng sanzeigen , aber bisher habe ich einfach noch nichts Geeignetes ...« »Un sinn.« Sie glättete ih ren Rock und holte tief Lu ft. Wich meinem Blick au s, als sie sagte: »Du hast ein vollkommen geeignetes Bett zu Hause.«
Endlich wieder zu Hause Und so kam es, dass ich mit dreißig Jahren wieder als Single in mein Elternhau s zo g. Ich wohn te in meinem eh emalig en Kinderzimmer und schlief in meinem viel zu kleinen Bett un ter dem Fen ster mit Blick au f das Beerdigung sinstitu t Sin ger & Sons. Ein e Verbesserung immerhin im Vergleich zu meiner bisherigen Situation . Ich mag Herbert seh r, und ich verb ringe gern viel Zeit mit der gu ten alten Jess, ab er d er Himmel bewahre mich davor, jemals wieder ein Sofa mit ihr teilen zu müssen. Der Umzug selbst ging ziemlich unspektaku lär üb er d ie Bühne, denn ich nahm nicht viel mit. Es war ein e v o rüberg ehende Lösung, wie ich jedem erklärte, d er es wissen wollte, es war also viel vernün ftiger, mein e Umzu gskarton s au f Herberts Speicher stehen zu lassen . Ich packte ein en ein zigen Ko ffer, und als ich zu mein en Eltern k am, fand ich alles ung efäh r in d emselb en Zustand vor, wie ich es zehn Jahre zu vo r zu rückg elassen hatte. Unser Haus im Stadtteil Barn es stammt aus den Sech zigerjahren, und meine Eltern hatten den Neubau gekau ft, als mein e Mu tter mit mir sch wanger war. Was einem in de m Haus als Erstes au ffällt, ist, dass nirgendwo etwas herumliegt. Wirklich nichts. Im Haushalt d er Bu rchills gibt es fü r alles ein System: mehrere Kö rbe fü r die schmutzige Wäsche, farb lich so rtierte Putzlap pen in der Küche, einen Notizblock neben d em Telefon mit ein em Stift, der nie v ersch windet, 219
und kein en einzigen Briefu mschlag mit Strich män nchen od er Adressen und hastig hin gek ri tzelten Namen von Leuten, deren An ru fe man schon wieder ve rgessen hat. Alles b litzsau ber. Kein Wunder, dass ich als Kind den Verdach t hatte, mein e Eltern hätten mich adoptiert. Selbst die Umräumaktion meines Vaters hatte nu r ein überau s bescheidenes Maß an Chaos produziert: etwa zwei Dutzend Karton s mit säu berlich aufgeklebten Zetteln, auf denen der Inhalt an gegeben war, so wie ein Stap el alter Elek trog eräte in Originalverpackun gen, die sich im Lauf von dreißig Jah ren angesammelt hatten . Natürlich konnte das Zeug nicht auf Dauer im Flur stehen b leib en, und da mein Vater noch bettlägerig war und ich an d en Woch enen den n icht v iel zu tu n h atte, fiel mir der Jo b zu. Ich stü rzte mich mit Elan in die Arbeit und ließ mich n ur ein einziges Mal ablenken, als ich auf einen Karton mit der Aufschrift Edies Sachen stieß und nicht widerstehen konnte, ih n zu ö ffnen. Er war vo ll mit längst vergessenen Ding en: Makkaroni-Schmu ck mit abb lät ternder Farbe, eine Sch mu ckdose au s Po rzellan mit Feen muster und ganz unten , unter allem möglichen Krimskrams und alten Büchern , mein illeg al erwo rbenes, heiß geliebtes, lange vermisstes Buch vo m Modermann. Das klein e, abg eg riffene Buch in mein en Händ en lö ste eine Flut von Erin nerung en aus; das Bild von mir als Zehn jähriger, wie ich auf dem Sofa liege, war so klar und deutlich , dass ich das Gefühl hatte, ich könnte es über die Jah re hin weg mit dem Finger berühren und Wellen darin verursachen. Ich k onnte die angenehme Stille des Sonn enlich ts spüren , das du rchs Fenster herein fiel, die vertraute, warme Luft riechen: Papiertaschentücher und Zitron en wasser und h errliche mütterliche Fürsorge. Dann sah ich meine Mu tter in s Zimmer kommen, noch i