Buch Kait ist die letzte Überlebende ihrer Familie, die von den machthungrigen Sabirs fast ausgelöscht wurde. Auf der F...
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Buch Kait ist die letzte Überlebende ihrer Familie, die von den machthungrigen Sabirs fast ausgelöscht wurde. Auf der Flucht vor ihren Feinden sucht sie nach dem sagenumwobenen magischen Spiegel, von dem sie sich erhofft, dass er ihre Verwandten wieder zum Leben erwecken kann. Auf ihrer Spur ist der größenwahnsinnige Crispin Sabir, den es ebenfalls nach dem Spiegel gelüstet er hofft, dass das Artefakt ihn zum Gott macht. Beide erliegen einem schrecklichen Irrtum. Denn in dem Spiegel sind die Geister von Drachen gefangen von bösen Zauberern, die einst die Welt mit finsterer Magie eroberten. Ungeduldig erwarten sie den Tag, an dem sie befreit werden, weil sie ihr Schreckensregime aufs Neue errichten wollen.
Autorin Holly Lisle wurde 1960 in Salem (Ohio) geboren und zog mit ihrer Familie durch die gesamten USA und bis nach Costa Rica und Guatemala. Sie hat in Restaurants gesungen, Musik unterrichtet und professionell gezeichnet, bevor sie sich als Autorin in enger Zusammenarbeit mit Marion Zimmer Bradley selbstständig machte.
Bereits erschienen: DER MAGISCHE SPIEGEL: 1. Der Schlaf der Zauberkraft (26550), 2. Die Weissagung (26551) Weitere Bände sind in Vorbereitung.
Holly Lisle Die Weissagung Der magische Spiegel 2
Aus dem Amerikanischen von Michaela Link
BLANVALET Die amerikanische Originalausgabe erschien unter dem Titel »The Secret Texts II. Vengeance of Dragons« bei Aspect/Warner Books, Inc., New York Für Joe, in Liebe und Dankbarkeit
Umwelthinweis: Alle bedruckten Materialien dieses Taschenbuches sind chlorfrei und umweltschonend. Das Papier enthält RecyclingAnteile. Blanvalet Taschenbücher erscheinen im Goldmann Verlag, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Bertelsmann GmbH. Deutsche Erstveröffentlichung 1/2001 Copyright © der Originalausgabe 1999 by Holly Lisle All rights reserved Published in agreement with the author, c/o BAROR International, Inc., Armonk, New York, USA Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2001 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Bertelsmann GmbH Umschlaggestaltung: Design Team München Umschlagmotiv: Design Team München, Collage nach Ilja Repin Satz: deutschtürkischer fotosatz, Berlin Druck: GGP Media, Pößneck Verlagsnummer: 26551 Redaktion: Patricia Haas V. B. ■ Herstellung: Peter Papenbrok Printed in Germany ISBN 3442265517 www.blanvaletverlag.de 13579 10 8642
Was in "Der Schlaf der Zauberkraft geschah... In der Welt von Matrin und vor allem in den iberischen Ländern, wo die letzten wahren Menschen leben, war das Studium der Magie tausend Jahre lang ebenso verboten wie verachtet aber Kait Galweigh lebt mit den geheimen, sorgfältig verborgenen Narben der alten und gefährlichen Magie. Als Tochter der mächtigen Familie Galweigh und viel versprechende Juniordiplomatin ist Kait eine Narbige. Ihr Wesen zwingt sie zur Verwandlung, ein Charakterzug, der selbst die Mitglieder ihrer eigenen Familie dazu veranlassen würde, sie unverzüglich hinrichten zu lassen. Als sie ihre Kusine als Anstandsdame zu deren Hochzeit in die Familie Dokteerak begleitet, kommt Kait einer Verschwörung zwischen den Dokteeraks und den alten Feinden der Galweighs, den Sabirs, auf die Spur. Die beiden Familien planen, die Galweighs bei der bevorstehenden Hochzeit gemeinsam auszulöschen. Kait überlebt eine haarsträubende Flucht aus dem Haus Dokteerak, wobei ihr ein Fremder hilft, der wie sie durch den Verwandlungsfluch ein Narbiger, ein Kamee, ist. Sie fühlt sich zu dem Fremden hingezogen und muss zu ihrem Entsetzen feststellen, dass es sich um einen Sohn der Familie Sabir handelt, des ältesten und schlimmsten Feindes ihrer eigenen Familie. Sie kehrt in die Botschaft zurück, wo sie die Galweighs von dem geplanten Verrat der Dokteeraks und der Sabirs informiert und versucht, sich den attraktiven Sabir-Karnee aus dem Sinn zu schlagen. Ihre Familie ergreift sowohl militärische als auch verbotene magische Maßnahmen, um die Verschwörung zu vereiteln und die Verschwörer zu vernichten. Die Sabirs hatten jedoch nie die Absicht, die Macht mit den Dokteeraks zu teilen; stattdessen benutzen sie sie, um die Armee der Galweighs aus der Reserve zu locken. Dann löschen sie an zwei sorgfältig organisierten Fronten sowohl die Armee der Dokteeraks als auch die der Galweighs aus und wenden Verrat und Magie an, um das Haus Galweigh in der Prachtstadt Calimekka zurückzuerobern. Aber mit großem Energieaufwand eingesetzte Magie ist immer von einem gewaltigen Rückstoß begleitet. Die Zauberer beider Familien, die sich Wölfe nennen, rechneten damit, mit ihren Zaubersprüchen auf unvorbereitete Ziele zu stoßen. Doch ihre Angriffe treffen zur selben Zeit aufeinander, und die magischen Rückstöße löschen die Mehrheit beider Familien aus. Gleichzeitig geschehen noch zwei andere Dinge, die beide unerheblich zu sein scheinen. Zum einen weckt die magische Explosion ein Artefakt namens Spiegel der Seelen. Der Spiegel, eine wunderschöne und vielschichtige Schöpfung der Alten vor dem Ende des Zaubererkriegs vor tausend Jahren, hat nur auf eine so machtvolle Rewhah gewartet. Diese signalisiert ihm, dass die Welt zur Benutzung von Magie zurückgefunden hat ... Und was wichtiger ist, zu einer Magie der richtigen Art. Der Spiegel weckt die Seelen, die in seinem Seelenbrunnen warten, und diese greifen nach Menschen, die ihnen vielleicht helfen können. Zweitens wird durch die Rewhah ein junges Mädchen namens Danya Galweigh grausam vernarbt. Danya Galweigh ist eine Kusine von Kait und wurde von den Sabir-Wölfen entführt und als Opfer missbraucht, nachdem die Galweighs deren Lösegeldforderung nicht nachgekommen waren. Danya verändert sich bis zur Unkenntlichkeit, und das Kind, das sie, ohne es zu wissen, erwartet ein Kind, das sie unter Folter und Vergewaltigung während ihrer Gefangenschaft empfangen hat , ist ebenfalls verändert, aber auf weniger augenfällige Art und Weise. Die Gewalt der Rewhah schleudert Danya in das eisige Ödland im Süden der Veral-Territorien, wo sie ohne die Hilfe eines mysteriösen Geistes, der sich Luercas nennt, sterben würde. Kait findet das Haus Galweigh in den Händen der Sabirs vor und erfährt, dass viele Mitglieder ihrer Familie hingerichtet wurden. Sie stiehlt das Fluggerät der Galweighs und fliegt auf der Suche nach Hilfe zu der nahen Insel Goft, wo die Familie Galweigh andere Besitztümer hat. Das Oberhaupt dieses geringeren Zweigs der Familie Galweigh sieht jedoch im Niedergang der Hauptlinie seine Chance, nach oben zu kommen, und befiehlt, Kait töten zu lassen. Eine Geisterstimme, die behauptet, eine lange verstorbene Ahnin Kaits zu sein, warnt diese vor dem geplanten Verrat, und sie entkommt abermals, diesmal nachdem sie aus der Schatzkammer des Hauses Geld gestohlen hat. Der Geist sagt ihr, auf welche Weise sie ihrer Familie darüber hinaus helfen kann, obwohl er ebenfalls erklärt, dass inzwischen alle tot seien. Seinem Rat folgend, heuert sie im Hafen von Goft ein Schiff an, das sie auf der Suche nach dem Spiegel der Seelen über den Ozean bringen soll. Der Geist sagt ihr, dass dieses uralte Artefakt es ihr ermöglichen würde, ihre ermordete Familie von den Toten zurückzuholen. Sie versichert sich der Hilfe des Kapitäns, Ian Draclas, indem sie ihm erzählt, sie sei auf der Suche nach den verlorenen Städten der Alten. An einem solchen Ort würde ein Mann sein Glück machen können.
An Bord des Schiffs stößt sie auf einen Mann namens Hasmal rann Dorchan, dem sie in der Vergangenheit einmal kurz begegnet ist. Hasmal, ein Zauberer der Sekte, deren Anhänger als die Falken bekannt sind, ist ebenfalls auf der Flucht. Er versucht, dem Verhängnis zu entrinnen, das ihn einem Orakel zufolge befallen würde, falls er mit Kait zusammen ist. Er ist nicht begeistert, sie zu treffen. Hasmals Orakel verhöhnt ihn und erklärt, dass er, um sich zu schützen, Kait in die Magie einweihen müsse. Sie studiert die Magie, leugnet aber die Existenz des verhängnisvollen Schicksals, von dem Hasmal behauptet, dass sie es miteinander teilten. Kait wird von Träumen heimgesucht, in denen der Sabir-Karnee ihr erscheint; schließlich gewinnt sie die Überzeugung, dass er ihr übers Meer folgt. Um sich von der zwanghaften Anziehung zu befreien, die er auf sie ausübt, gibt sie dem Werben des Schiffskapitäns nach, und sie und Ian Draclas werden ein Liebespaar. Aber Kaits Verlangen nach dem Sabir-Karnee wird nur schlimmer. Als das Schiff sich seinem Bestimmungsort nähert, segelt es mitten hinein in einen Zaubererring, einen Ort, an dem magische Reste aus dem Zaubererkrieg vor tausend Jahren noch immer so stark sind, dass sie alles beherrschen, was sich in ihrer Reichweite bewegt. Hasmal wirkt einen Zauber, um das Schiff zu befreien, und Kait rettet in ihrer Karnee-Gestalt dem Kapitän das Leben. Durch diese Tat wird Kait jedoch als Ungeheuer und Hasmal als Zauberer entlarvt, und die Mannschaft wendet sich gegen sie beide. Sie erreichen das Ufer und entdecken die Stadt, aber während Kait, Hasmal, Ian und zwei seiner Männer sich aufmachen, den Spiegel der Seelen von seinem fernen Versteck herbeizuschaffen, zettelt die Mannschaft eine Meuterei an und setzt Kait und ihre Gefährten in der unerkundeten Wildnis von Nord-Novtierra aus.
Buch 1 Solander der Wiedergeborene wird kommen im Sturm des Drachenodems. Wanderer und Bleibende werden vereint die Drachen töten. Geboren aus Blut und Schrecken wird sich zuletzt die opalene Stadt Paranne erheben. Vincalis der Agitator Aus den Geheimen Texten, Band 2, Stück 31
Kapitel 1 'Der Schrei war die erste Warnung. Als sie ihn hörte, wusste Kait Galweigh sofort, dass etwas nicht stimmte. Die zweite Warnung, die eine halbe Sekunde später kam, war der harte, metallische Geruch von menschlichem Blut, durchmischt mit abstoßendem Raubtiergestank. »Weg hier!«, hörte sie Hasmal rufen. »Die Kluft!« »Schlingen!« »Die Götter stehen uns bei! Ich glaube, er ist tot.« Kait hörte hastige Schritte, laute Schreie und das Heulen von Tieren. Die Gerüche und Geräusche und die Angst trafen sie wie ein Schlag; ihr Körper reagierte, bevor ihr Verstand dazu in der Lage war. Ihr Blut begann zu kochen, ihre Haut und ihre Muskeln schienen sich zu verflüssigen, und der menschliche Teil ihres Wesens, der im Wald nach essbaren Pflanzen gesucht hatte, verwandelte sich, um das Ungeheuer zu umarmen, das in ihr wohnte; sie wurde zu dem Wesen, das sie gleichzeitig hasste und brauchte. Nachdem die Frau weggeschmolzen war, blieb an ihrer Stelle nur ein Tier übrig, fellbedeckt, mit Reißzähnen, vierbeinig, voller Jagdhunger. Sie war jetzt eine Karnee im Blutrausch und stürzte sich in die Gefahr. Sie hetzte über den Berggrat und blieb schlitternd stehen, als sie das Bild sah, das sich ihr bot. Die Angreifer hatten ihre Leute in eine schmale Spalte der Felswand, die ihr Lager nach Norden hin begrenzte, zurückgetrieben. Turben lag blutend auf dem Boden. Die drei anderen benutzten das reichlich vorhandene Schiefergeröll als Waffe; Seite an Seite nahmen sie den Feind mit Hilfe von notdürftig angefertigten Schlingen unter Beschuss, wobei sie 11
dafür sorgten, dass der Hagel von messerscharfen Steinscherben keine Sekunde lang abriss. Kait konnte ihre Angreifer nicht sehen, vermochte aber anhand der Geräusche, die sie machten, ihren Standort zu erkennen; sie benutzten die Ruine als Schutzschild. Und sie waren besser bewaffnet als die Menschen. Kait konnte das Sirren von Bogensehnen hören, das Zischen schwerer Pfeile, die durch die Luft flogen, das Klappern und Klirren, wenn die Pfeile von der Felswand abprallten und noch mehr Geröll lösten. Da sie besser bewaffnet waren und ihre Beute bereits in die Enge getrieben hatten, mussten sie einfach siegen. Es sei denn, Kait fand eine Möglichkeit, die Lage zu ihren Gunsten zu wenden. Sie sprang den Felsen hinunter, und loses Gestein rollte hinter ihr her. Aber weder ihre Feinde noch ihre Freunde würden jetzt auf sie achten mit vier Beinen bewegte sie sich anders als ein Mensch und vermittelte den Eindruck, als entferne sie sich aus der Gefahrenzone. Sobald sie unten im Tal war und der Wind ihre Witterung in die andere Richtung trug, lief sie, den Bauch über den Boden schleifend, in einem weiten Bogen um die Angreifer herum. Sie war schnell und leise genug, um sie vollkommen zu überraschen, als sie aus dem Gebüsch hervorschoss, um sich von hinten auf sie zu stürzen. Als sie auf den, der ihr am nächsten stand, zustürmte, konnte sie sie zum ersten Mal deutlich sehen. Sie waren größer als jeder Mensch, ausgezehrt wie Geister, und raues Fell hing in zerlumpten, Moosübersäten Fetzen von ihren Skeletten. Kaits Schätzung nach wogen sie zwanzig bis fünfundzwanzig Stein mehr als das Vierfache eines durchschnittlichen Menschen. Sie bewegten sich auf vier Beinen, erhoben sich aber unbeholfen auf zwei Beine, um Steine zu werfen oder ihre Pfeile abzuschießen, und sie verständigten sich mit rauen Silben, die kaum mehr als ein wortloses Grunzen waren. Aber sie sprachen, und sie stellten Waffen her, 12 und ihre Gesichter, die noch etwas Menschliches hatten, wenn auch ins Großflächige und Knochige verzerrt, verrieten ihren Ursprung im Zaubererkrieg. Sie waren Narbige Ungeheuer, deren Vorfahren vor tausend Jahren Menschen gewesen waren. Einen Augenblick lang erstarrte Kait in tödlicher Angst. Ihr Leben lang hatte sie grauenvolle Geschichten über narbige Ungeheuer gehört und darüber, wozu sie fähig waren außerdem wusste sie, wozu sie selbst fähig war, und diese Tatsache verlieh den Geschichten zusätzliche Glaubwürdigkeit. Aber am Ende spielte es keine Rolle. Ihre Freunde brauchten sie. Sie stürzte zurück, hielt sich dabei dicht am Boden und ging direkt auf das hintere Bein der Kreatur los, die ihr am nächsten war. Und bevor eines der vier Tiere auf ihr Erscheinen reagieren konnte, hatte sie ihre Fangzähne in das rechte Bein des Ungeheuers gesenkt und bereits die Sehnen durchtrennt. Das Ungeheuer schrie, und sein Blut sprudelte Kait in den Mund. Sie sprang weiter und spürte, wie die Kampflust der Karnee in ihren Adern brodelte, genährt von dem tobenden Strom ihrer Furcht und ihrer Entschlossenheit. Das Tier, dessen Sehnen sie durchtrennt hatte, stand nur noch auf drei Beinen und drehte sich, so schnell es dazu in der Lage war, zu ihr um. Die Mordlust stand ihm ins Gesicht geschrieben. Ein zweiter Narbiger hatte sich in Kaits Richtung gedreht und legte jetzt einen Pfeil auf die Sehne. Sie wirbelte herum und warf sich auf eines der beiden Ungeheuer, die noch immer auf ihre in die Enge getriebenen Freunde feuerten. Ein Pfeil schürfte die Haut ihres Rückens auf, heißes Feuer zuckte durch ihren Leib, aber sie lief weiter. Sie sprang hoch, um an den Unterleib der Kreatur zu gelangen. Die Krallen ausgefahren und nach vorn gebogen, die Zähne gebleckt, riss sie die ungeschützte Haut ihres Gegners auf, und die feuchte, stinkende Masse seiner Gedärme wälzte sich auf sie herab. Das Tier stieß einen schrillen Schrei aus seine Stimme war viel zu hoch für seine Größe und schlug wild auf sie ein. Der 13 Schwung ihrer Bewegung brachte sie für ihn außer Reichweite, warf sie aber beinahe den zwei anderen Ungeheuern in die Arme. Eines ließ seinen Pfeil in ihre Richtung fliegen; das andere streckte schmutzverkrustete Krallen nach ihr aus, die genauso lang waren wie ihre Hände. Allerdings geriet das Ungeheuer bei diesem Vorstoß in die Schusslinie seines Gefährten, der daraufhin in wütendes Gebrüll ausbrach und Kaits Angreifer so erschreckte, dass beide sie verfehlten. Kait brachte sich in Sicherheit, bevor die Narbigen ihren Angriff besser organisieren konnten, und rannte hinaus in den Hagel der Schiefersteine. »Zielt nicht auf mich!«, schrie sie und konnte gerade noch einen Blick auf die bleichen Gesichter ihrer
Freunde werfen, die aus dem Schutz der Felsspalte hervorspähten. »Ich werde sie vom Lager weglocken. Hasmal lege ein ... ein Bannfeuer.« Sie hörte einen ihrer Freunde rufen: »Kait!« Ein anderer brüllte: »In Ordnung«, und sie hoffte, dass Hasmal sie verstanden hatte. Ihre durch die Verwandlung veränderte Stimme war tief und rau, mehr das Knurren eines Tieres als die Sprache einer Frau. Bei den Göttern, sie hoffte, Hasmal konnte sich zusammenreimen, was sie vorhatte, und würde tun, was sie von ihm wollte. Das Ungeheuer, dem sie den Bauch aufgeschlitzt hatte, lag am Boden, aber die anderen waren mit ihren langen Beinen in einem Höllentempo hinter ihr her. Sie hetzte direkt zu dem Bach, der in die Bucht mündete, und setzte mit einem Sprung darüber hinweg. Auf der anderen Seite verlief parallel zum Wasser ein Wildpfad. Kait folgte dem Weg; grasende Tiere hatten einen großen Teil des Flussufers kahl gefressen, so dass es für ein Wesen von Kaits Größe nicht schwierig war, dort entlangzulaufen. Die Ungeheuer, die sie verfolgen, waren viel größer als sie und hatten mit Zweigen und Sträuchern zu kämpfen, die in Augenhöhe über dem Weg hingen. Kait konnte hören, wie sie ihr nachsetzten und immer weiter zurückfielen. Sie begannen zu heulen, und in ihren Stimmen schwang ohnmächtige Wut mit. 14 Sie würde es schaffen. Sie würde überleben. Sie würde genug Zeit haben, um zum Strand hinunterzukommen, in die Bucht hinauszuschwimmen ... Plötzlich stand ein weiteres Ungeheuer vor ihr noch ein Mitglied der Jagdgesellschaft, das seinen Rudelgefährten zu Hilfe kam. Kait stieß einen gellenden Schrei aus, weil sie nicht mit dem Erscheinen der Bestie gerechnet hatte, aber ihr Gegner war nicht überrascht, sie zu sehen. Er kniff die Augen zusammen und sprang los. Sie konnte ihm kaum entkommen, sie war klein und schnell, ihr Feind war groß und langsamer als sie, aber nicht langsam genug. Er sprang brüllend zur Seite, um ihr den Fluchtweg abzuschneiden. Hinter ihr hörte sie eines der anderen Ungeheuer antworten. Sie sprachen miteinander. Es lag nahe, diese Wesen als Tiere anzusehen, aber das waren sie nicht. Kait kletterte in Windeseile einen kräftigen Baum hinauf und bohrte dabei ihre Krallen in die Borke. Das Ungeheuer reckte sich unter ihr in die Höhe und schlitzte ihr mit seinen Krallen einen ihrer Hinterläufe auf; ein kurzer, betäubender Schmerz schoss ihr Rückgrat hinauf. Sie trat mit beiden Beinen um sich, bis die Kreatur unter ihr sie nicht mehr halten konnte. Schließlich klammerte sie sich an einen der oberen Zweige, wo ihr von den Bestien keine Gefahr drohte; aber sie sehnte sich trotzdem nach der Sicherheit der Bucht. Langsam wurde die Zeit knapp. Sie begann mit dem mühseligen Unterfangen, sich durch das Netzwerk ineinander verschlungener Zweige zu bewegen, über die sie ihr Ziel erreichen würde. Sie hörte das Sirren einer Bogensehne, und ein Pfeil bohrte sich in ihre Flanke. Sie schrie auf und spürte, wie ihr heißes Blut das Bein hinunterlief. Der schwere Pfeil brachte sie aus dem Gleichgewicht, und der Schmerz tat ein Übriges, indem er ihr den Mut zum Kampf raubte. Sie starrte zu Boden; einer ihrer Angreifer verfolgte sie durch die Bäume und wartete nur darauf, zu einem 15 weiteren gut gezielten Schuss ansetzen zu können. Sie hastete weiter und hörte, wie ein zweites Ungeheuer von der Seite näher kam. Ihr Vorsprung wurde immer geringer. Beeil dich mit dem Feuer, Hasmal, betete sie. Wenn er es schaffte, würden ihre Freunde überleben; sie würden eine Möglichkeit finden, den Spiegel zu dem Wiedergeborenen zu bringen, auch wenn sie selbst starb. Sie mussten einfach Erfolg haben Solander, der Wiedergeborene, hatte ihr gesagt, dass er den Spiegel brauchte. Den Spiegel, der angeblich die Toten wieder ins Leben rufen konnte, der ihr, Kait, eines Tages ihre ermordete Familie zurückgeben würde. Aber bevor er das tat, sollte der Spiegel Solander helfen, seine Welt des Friedens und der Liebe zu erschaffen eine Welt, in der Geschöpfe ihrer Art nicht länger gejagt, gefoltert und abgeschlachtet, sondern akzeptiert wurden. Sie hatte nie erwartet, dass sie einmal etwas entdecken würde, für das es sich zu sterben lohnte, aber eine Welt, in der kleine Kinder nicht mehr ermordet wurden, weil sie als Narbige geboren waren für eine solche Welt lohnte es sich zu sterben. Für das Leben ihrer Familie lohnte es sich. Wenn ihre Freunde weiterleben konnten, um Solander den Spiegel zu bringen ... Sie riss mit Zähnen und Klauen den Pfeil aus ihrer Seite, kämpfte den Schmerz nieder und huschte auf drei Beinen über den nächsten Zweig. Die Karnee-Verwandlung begann die Wunde zu schließen, aber der Prozess kostete Kait einen großen Teil ihrer Energie. Ihr Körper würde sich förmlich selbst verschlingen, um sich zu heilen; wenn sie das hier überlebte, würde sie einen höllischen Preis dafür
zahlen. Dann hörte sie hinter sich das Knistern von Feuer und konnte zum ersten Mal Rauch riechen. Das Zauberfeuer würde sich durch nichts aufhalten lassen, weder durch Regen noch durch grünes, feuchtes Holz oder ungünstige Winde. Es würde alles Brennbare auf seinem Weg verzehren, würde im Wald einen perfekten Kreis der Zerstörung schaffen und erst Halt machen, wenn die Energie, mit der Hasmal es genährt hatte, verbraucht war. Es würde schneller brennen als jedes normale Feuer und voll ausgewachsene Bäume binnen Sekunden zu Asche machen. Wenn sie ihm nicht ausweichen konnte, würde es auch sie verbrennen. Der Bach verlief direkt unter ihr, so dass sie ihn mühelos erreichen konnte. Aber die Ungeheuer hielten die Wildpfade zu beiden Seiten des Baches besetzt; wenn sie weiterleben wollte, musste sie es bis zur Bucht schaffen. Und die Zeit wurde knapp. Die Ungeheuer schnupperten, witterten den Rauch aber sie ahnten nicht, wie schnell das Feuer kommen würde. Kait wusste es. In ihrer Verzweiflung warf sie sich mitten in den überfluteten, eiskalten und von Felsbrocken übersäten Bach. Das Wasser zerrte an ihren Beinen, während sie sich verzweifelt bemühte, Halt zu finden; es riss sie von den Füßen und warf sie nach vorn. Sie kämpfte aus Leibeskräften, um den Kopf über Wasser zu halten. Die Strömung war schnell, grausam schnell; tagelange Regenfälle hatten das normalerweise friedliche Gewässer zu einer tödlichen Falle gemacht. Es schleuderte sie gegen tückische Felsbrocken und riss sie gleichzeitig stromabwärts mit sich. Bei jedem krachenden Zusammenstoß wusste sie, dass es noch schlimmer kommen würde. Die Strömung ließ sie einen Augenblick lang rückwärts kreisen, bevor sie sie endgültig unter Wasser saugte. In diesem Moment sah sie, wie die Welt hinter ihr, einem gewaltigen Schmelzofen gleich, aufloderte; eine Wand aus blauweißem Feuer näherte sich. Das Feuer verbreitete sich schneller, als der schnellste Mensch laufen konnte. Sie sah noch die von den Flammen nachgezeichneten Silhouetten der Ungeheuer, dann ging sie in dem schlammigen Wasser unter, war gefangen im wilden Herzen der Strömung, die sie mit dem Kopf voran durch tiefe Schwärze katapultierte. Sie hielt den Atem an und legte sich die Vorderläufe über den Kopf, in der Hoffnung, sich auf diese Weise vor Felsen schützen zu können, aber die Strömung warf sie seitlich gegen das nächste steinerne Hindernis, und als sie mit dem Kopf dagegenschlug, war sie vor 16 17 Schmerz wie gelähmt. Sie bekam Wasser in die Lungen und würgte; dann warf die Strömung sie wieder in die Höhe, als wolle sie mit ihr spielen. Sie nutzte die Chance, das Wasser auszuspucken, und saugte von giftigem Rauch erfüllte, glutheiße Luft in ihre nassen Lungen. Dann wurde alles noch schlimmer. Der Fluss verwandelte sich in einen Wasserfall, der über die Klippen in die Tiefe stürzte und sich in die Bucht ergoss. Die Strömung zog sie unerbittlich über den Felsvorsprung, und ein Sturzbach von dröhnendem Wasser erfasste sie. Das Gefühl, zu schweben, schien eine Ewigkeit zu dauern und gleichzeitig sofort vorüber zu sein, abrupt beendet von entsetzlichem Schmerz. Sie krachte gegen scharfe Felsen, Wasser drosch auf sie ein, und ihr ganzer Körper war zerschmettert und schrie vor Qual. Der Schmerz war in ihr und um sie herum; in diesem Augenblick, der eine Ewigkeit war, bestand sie nur aus Schmerz, während ihr Blut kochte und ihre Haut brannte und ein Feuer in ihr explodierte, das heißer war als das Zauberfeuer, das die Welt um sie herum zerstört hatte. Dann ... Nichts.
Kapitel 2 'Der Schleier verbindet alle Welten jene, die sind, jene, die waren, und jene, die eines Tages sein werden; innerhalb der Grenzen des Schleiers existieren sie alle gleichzeitig. Der Schleier ist NichtZeit, Nicht-Ort, Nicht-Ding; unendlich, erschreckend, unergründlich. Seine Winde wehen durch die Wirklichkeiten, seine Stürme verzerren sie, und selbst sein Schweigen wirft lange Schatten. Galaxien und Seelen reisen als Ebenbürtige durch den Schleier. In ihm werden Sterne und Götter und Träume geboren, leben die ihnen bestimmte Zeitspanne und sterben. Der Schleier ist weder Himmel noch Hölle, obwohl Menschen aus unzählbaren Wirklichkeiten ihn das eine oder andere oder beides genannt und auf ihre »Irrtümer« Geschichten, Religionen und Zivilisationen erbaut haben. Der Schleier ... ist. Ohne Gefühl, ohne Wandel und unwandelbar und so unendlich viel für jene, die ihn zu erreichen und zu nutzen wissen.
Dem Ruf einer einzigen machtvollen Seele folgend, fand sich im Schleier der Sternenrat wieder zusammen, und seine Mitglieder strömten wie Sterne in einer winzigen, implodierenden Galaxie seiner Mitte entgegen Hunderte strahlender Lichtpunkte, die sich einem immer heller werdenden Zentrum entgegenkatapultierten. Die Seele, die den Rat einberief, trug den Namen Dafril. Dafril sehnte sich nach der Unsterblichkeit des Schleiers, der Macht der Götter ... und einem Körper aus Fleisch und Blut. Als Dafrils Seele geglaubt hatte, Kait Galweigh zu ihrem Avatar machen zu können, hatte sie begonnen, ihre Gedankenmuster auf eine weibliche 19 Weise zu formen. Jetzt waren die Dinge in Bewegung geraten. Kaits Gefügigkeit wurde immer zweifelhafter, daher begann die Seele, sich einer männlichen Existenzform anzunähern. Tausend Jahre zuvor hatten es, oder vielmehr er, und seine Freunde einen Plan ersonnen, der ihnen alles bringen sollte, wonach sie sich sehnten. Und endlich waren sie dem Ziel ihrer Träume nah. Wir haben zwei Punkte auf unserer Tagesordnung, eröffnete Dafril seine Rede, als alle Ratsmitglieder versammelt waren alle, bis auf eine verschwundene Seele namens Luercas. Zuerst müssen wir unsere Avatare vorbereiten, denn die Stunde unserer Rückkehr naht. Danach müssen wir darüber befinden, wie wir mit den Mächten verfahren wollen, die sich in unserer Abwesenheit gegen uns gestellt haben. Wir haben tausend Jahre auf die Planung unserer Wiederkehr verwandt, sagte Mellayne leise. Wenn wir jetzt nicht wissen, was wir erreichen wollen, wie sollen wir es dann jemals wissen? Manchmal sind noch im letzten Augenblick Änderungen notwendig, sagte Dafril, und dies ist der letzte Augenblick. Wir konnten zuvor nur Vermutungen darüber anstellen, was für eine Art von Welt uns bei unserer Rückkehr erwarten würde jetzt wissen wir, womit wir es zu tun haben werden. Wir konnten früher nur ahnen, was für ein Menschenschlag die Welt bewohnen würde. Und wir haben nie damit gerechnet, dass in unseren eigenen Reihen ein Verräter sein könnte aber jetzt müssen wir, da Luercas verschwunden ist, vermuten, dass er sich uns in den Weg stellen will. Ich dachte, der Spiegel würde uns nur in dem Fall wecken, dass sie wieder eine echte Zivilisation aufgebaut haben, sagte Schamenar. Ich kann nicht glauben, mit was für primitiven Bedingungen wir es zu tun haben. Selbst in ihrer größten Stadt herrscht ein solcher Schmutz, dass einem der Atem stockt. Notdürftige Abwasserkanäle in der Gosse; Tierkot auf den Straßen; geschlachtete Tiere auf offenen Märkten; Räume, die nur von Feuer beleuchtet werden. Und die Krankheiten der Menschen ... Würmer und Eitergeschwüre, Rachitis, Ausschlag, Influenza, Diabetes, die Rattenpest und Dinge, deren Namen ich vorher noch nie gehört habe. Die Menschen sind unwissend, fügte Tahirin hinzu. Abergläubisch, grausam, gewalttätig, unehrlich und die meisten von ihnen sind für die Dauer ihres kurzen, ignoranten Lebens auch noch brutal. Wie sollen wir mit diesen Menschen arbeiten? Dafril sog Energie aus dem Schleier und ließ seine Leuchtkraft anschwellen, um seinen Gefolgsleuten Mut zu machen. Das ist die Welt, in die wir kommen. Das ist das Los, das wir gezogen haben. Sie haben aufgebaut, was sie konnten jetzt werden wir alles besser machen. Nur wir können unserer Heimat die Zivilisation zurückgeben. Wir können ihre Krankheiten heilen; wir können ihre Städte modernisieren; wir können sie lehren und sie auf einen neuen Weg bringen. Die weißen Städte werden sich wieder erheben, und wir werden in Himmelswagen durch ihre Straßen fahren, parfümierte Luft atmen und uns an herrlichen Speisen gütlich tun. Der Wind wird wieder die Weißen Glocken spielen, und hunderttausend Springbrunnen werden singen und für eine kühle Brise sorgen, und Kältelampen werden die dunkelsten Winkel erhellen. Denkt daran. Denkt daran, was wir schon einmal getan haben, und seid gewiss, dass wir es wieder tun können. Ich wünschte, ich könnte mir auch so sicher sein, sagte Werris. Dafril spürte ihre Furcht. Tausend Jahre passiven Wartens lagen hinter ihnen, und diese Zeit wog schwer. Während dieser Zeit hatten sich seine Gefolgsleute an die Einschränkungen der Körperlosigkeit gewöhnt, und sie fürchteten alles, was nach Veränderung, Herausforderung und Gefahr aussah. Genau das stand ihnen jedoch jetzt bevor, und er spürte, dass viele seines Volkes den Wunsch hatten, so weiterzumachen wie bisher, sich an Bekanntes zu klammern. Er verspürte dieselbe Furcht, und in einem kleinen Winkel seines Wesens konnte er denselben Wunsch nach Beständigkeit wahrnehmen, aber er erinnerte sich auch an den Hunger, den er aus dem Leben mit hierher gebracht hatte. 21
Das Leben war das einzige Spiel, das sich zu spielen lohnte. Mehr als eine Million Menschen wohnen in Calimekka, rief er ihnen ins Gedächtnis. Und die Stadt wächst mit jedem Tag weiter. Ihr könnt einer Million Seelen viel leichter die Zivilisation bringen, als wenn ihr es nur mit hundert Seelen zu tun hättet, dann ihr werdet mehr Menschen haben, mit denen ihr arbeiten könnt. Wir werden sie ... besteuern. Wir werden jeder lebenden Seele in der Stadt eine gerechte Steuer auferlegen. Mit dieser kleinen Steuer verschaffen wir ihnen all die guten Dinge, die sich selbst zu erarbeiten ihnen das Talent, die Intelligenz, die Vorstellungskraft oder der Ehrgeiz fehlte. Wir werden unsere zivilisierte Stadt haben, und die Menschen dort werden ein gesundes Leben führen und vor Gewalt geschützt sein, in einer Welt, die weder Krieg noch Hungersnot oder Seuchen kennt. Was könnte vernünftiger sein? Hm. Ja. Warum sollte jemand etwas dagegen haben, dass wir ihnen ein besseres Leben ermöglichen wollen? Außer Solander natürlich, sagte Sartrig. Und seinen Falken. Und offensichtlich auch Luercas. Dafril wusste, dass in diesen Worten einiges an Wahrheit lag. Solander, der ihre Pläne vor tausend Jahren so gründlich vereitelt hatte, war irgendwie zurückgekehrt. Er hatte sich einen Körper gesucht, einen unglaublichen Körper, den er auf unterschwellige Weise magisch geformt und gehärtet hatte, so wie Feuer Stahl härtete und jetzt hatte er einen Körper, der der Unsterblichkeit würdig war. Er war noch nicht geboren, aber er und dieser wunderbare Körper warteten auf sie, auf die Mitglieder des Sternenrates, allzeit wachsam, allzeit bereit, sich gegen sie zu erheben, und wie immer auf der Seite von Schmutz und Unordnung und Chaos. Sie würden sich sehr schnell um Solander kümmern müssen. Und um Luercas ... Luercas war vor tausend Jahren Dafrils engster und mächtigster Verbündeter gewesen. Er war Dafrils Freund und Gefährte gewesen, er hatte seine Träume von einer leuchtenden weißen Stadt 22
und von Unsterblichkeit geteilt, einer Unsterblichkeit, die sie inmitten von Schönheit, Luxus und Kunst zubringen wollten. Luercas hatte mit Dafril gemeinsam darum gekämpft, die anderen zu retten, die denselben Traum träumten, als am Ende dann alles schief ging. Aber als der Spiegel der Seelen dann wirklich die vielen hundert Geschöpfe weckte, die in seinem Seelenbrunnen festgehalten worden waren und die jetzt innerhalb des Schleiers ihre Freiheit zurückgewonnen hatten da war Luercas verschwunden. Und Dafril konnte nicht umhin, sich zu fragen, was seine Abwesenheit bedeutete, ob die kalten, verzerrten Kreaturen, die zwischen den Welten lauerten, seine Seele verschlungen hatten oder ob eine unvermutete Bitterkeit oder eine betrügerische Seite seines Wesens ihn veranlasst hatte, sich gegen den Sternenrat zu wenden. Dafril konnte nicht glauben, dass Luercas, der immer die vorsichtigste und geduldigste aller Seelen gewesen war, unvorsichtig geworden war und sich hatte verschlingen lassen. Also blieb nur eine Möglichkeit... Verrat. Sartrigs Geistlicht verdunkelte sich, als er, das älteste Ratsmitglied, hervortrat. Ich habe ein Problem. Ich habe mir einen wunderbaren Avatar erwählt einen jungen Wolf mit Namen Ry Sabir , einen kräftigen Mann mit guter Erziehung, mit einer Ausbildung in der Kunst der Magie und einem von Magie geformten Körper. Aber er verfügt über Kenntnisse, die es ihm ermöglichen, sich vor mir abzuschirmen, und er kämpft bei jeder erdenklichen Gelegenheit gegen meinen direkten Einfluss. Solange er mich für den Geist seines verstorbenen Bruders hält, ist er zumindest geneigt, meinen Rat anzuhören. Aber er ist sehr unlenkbar und sehr stark. Ich weiß nicht, ob ich, wenn der Augenblick kommt, seine Magie würde durchdringen können, um ... um ihn zu führen. Dafril spürte die Angst hinter Sartrigs Worten, und ihr Echo zitterte durch seine eigene Seele. Die Männer und Frauen in dieser neuen Zeit und dieser neuen Welt waren nicht mehr rein menschlich eine interessante Nebenwirkung der in dem letzten Kampf zwischen seinem Volk und den Falken benutzten neuen 23
Waffen. Er und seine Gefährten waren einer Begegnung mit den ersten Früchten dieser Nebenwirkung wahrscheinlich um Haaresbreite entgangen. Tausend Jahre hatten die solchermaßen veränderten Menschen die Menschen, die von den Bewohnern Calimekkas die Narbigen genannt wurden zu Geschöpfen von ungeheurem Liebreiz gemacht; einige Vertreter ihrer Rasse in dieser neuen Zeit boten Möglichkeiten, an die er vor tausend Jahren nicht einmal im Traum gedacht hätte. Der Avatar, den er bevorzugte, war eine junge Frau mit Namen Kait Galweigh, ein starkes, schönes Mädchen von hoher Geburt mit einer interessanten Veranlagung. Sie war eine Gestaltwechslerin und verfügte damit über ein Talent, das er unwiderstehlich fand. Sie hatte einen guten Ruf, besaß die notwendigen
Beziehungen zu den herrschenden Parteien Calimekkas und war seit einiger Zeit nicht nur bereit, sondern geradezu begierig, seinem Rat zu lauschen, denn sie hielt ihn für eine lange verstorbene Ahnin. Aber in den letzten Wochen hatte sie zunehmend Verdacht geschöpft; sie war in höchst unglückselige Gesellschaft geraten, an jemanden, der ihr eine magische Ausbildung gab und es ihr damit ermöglichte, Dafril aus ihrem Geist auszusperren. Daher hatte er sich einen Ersatzavatar gesucht. Auch wenn Kait ein verlockendes kleines Ding war, er hatte die Tatsache akzeptiert, dass sie, wenn der große Augenblick kam, möglicherweise für ihn nicht erreichbar sein würde. Seine zweite Wahl war auf ein anderes Exemplar dieser wunderbaren Gestaltwandler gefallen einen mächtigen Zauberer, der Freunde an nützlichen Stellen hatte und der genauso schön war wie Kait. Zu seinem Verdruss war er nicht mehr so jung wie sie. Er war auch keine Frau, und der Gedanke der Weiblichkeit hatte Dafril fasziniert. Außerdem war der von ihm erwählte Avatar grausam und bekannt für Perversionen von einer Art, die Dafrils Abscheu erregte. Und er hatte Feinde. Aber Dafril kam zu dem Schluss, dass er mit Crispin Sabirs Mängeln durchaus fertig würde, falls Kait sich für seine Zwecke als ungeeignet erwies. 24
Auch eine andere Tatsache machte Crispin für Dafril interessant, obwohl er noch nicht wusste, wie er diesen Umstand nutzen konnte. Crispin war der Vater des Körpers, den Solander bewohnte. Dafril konnte den schwachen Widerhall spüren, den das Bindeglied der Vaterschaft zwischen den beiden geschaffen hatte. Wenn er einen Weg fand, diese Tatsache zu nutzen, konnte sein Feind diese Verbindung jedoch auch gegen ihn, Dafril, benutzen ... Sofern er davon wusste. Wenn nicht, nun ja ... Für den Augenblick war es jedenfalls etwas, das sich im Kopf zu behalten lohnte. In der Zwischenzeit hatte sich der Avatar, zu dem Sartrig sich hingezogen fühlte, ebenfalls als einer der wenigen Gestaltwechsler auf der Welt erwiesen. Diese flexiblen Körper waren eine ungeheure Versuchung, brachten aber neben großen Möglichkeiten auch besondere Probleme mit sich. Halte eine Alternative bereit, sagte er. Was das betrifft, solltet ihr alle mindestens eine Alternative haben. Wenn uns der Spiegel erst durch den Seelenbrunnen in die Welt zieht, werden wir nur einen einzigen Augenblick Zeit haben, um unsere Avatare zu erreichen. Wenn sich euer Avatar in diesem Augenblick nicht in Reichweite des Spiegels befindet oder euch in irgendeiner Weise verschlossen ist, werdet ihr ohne einen Anker zurück in den Schleier geschleudert und seid uns für alle Ewigkeit verloren. Das Schweigen, das dieser Feststellung folgte, war voller Angst. Jemand, der sich weit hinten in der Schar der Ratsmitglieder befand, brach das Schweigen schließlich, indem er das Thema wechselte. Dann bliebe uns nur noch das Problem von Luercas und von Solander und dessen Gefolgschaft zu lösen. Dafril dachte einen Augenblick über diesen Einwurf nach. Beides ernsthafte Probleme, obwohl ich denke, dass Solander das geringere ist. Wir haben ihn schon einmal besiegt und können das wieder schaffen, obwohl er bereits einen neuen Körper hat und dieser Körper nach seiner Geburt wahrhaft ihm gehört. Er wird ein Säugling sein und dann ein Kind, und solange er hilflos ist, ha 25
ben wir Zeit, uns vorzubereiten. Wir wissen von seiner Anwesenheit, und wir wissen von seinen Anhängern; sie sollten eigentlich kaum eine Gefahr für uns darstellen. Luercas ist ein anderes Thema. Wir müssen akzeptieren, dass mit jedem Augenblick, in dem er sich vor uns versteckt und unsere Rufe missachtet, die Wahrscheinlichkeit wächst, dass er eine Verschwörung gegen uns plant. Mich tröstet auch die Tatsache nicht, dass er nur einer ist, während wir viele sind, denn auch wenn wir die Kraft der Vielzahl haben, können wir nicht davon ausgehen, dass er wirklich allein ist er hatte immer schon die Gabe, an den unwahrscheinlichsten Orten Verbündete zu finden. Wir wollten ihm Barmherzigkeit erweisen, ihm die Chance geben, sich uns wieder zuzugesellen, fuhr Dafril fort, wie es jenen geziemt, die wir lieben und unsere Freunde nennen; aber obwohl es mir widerstrebt, es zuzugeben, muss ich jetzt einräumen, dass jene unter euch Recht hatten, die sich für seine Vernichtung aussprachen. Wenn ihr nach ihm sucht, sucht in Gruppen, die groß genug sind, um ihn zu besiegen, falls ihr ihn findet. Er ist alt und gerissen, und er hat in der Alten Welt Dinge überlebt, die sich die meisten von euch nicht einmal vorstellen können. Wenn ihr ihn findet, versucht nicht, mit ihm zu diskutieren, gebt ihm keine Vorwarnung, dass ihr ihn erreicht habt. Löscht ihn aus. Denn wenn ihr das nicht tut, fürchte ich, wird er euch auslöschen.
Kapitel 3
Die Windsbraut fuhr durch raue See in Richtung Süden, entlang der unkartografierten Küstenlinie von Nord-Novtierra. Ry Sabir lehnte an dem geschwungenen Schott der Kajüte und blickte stirnrunzelnd durch das Bullauge auf die zerklüftete schwarze Linie des Landes, das im Osten am Horizont aufragte. Eine Übelkeit erregende Angst machte sich in seinem Magen breit. Kait war in Schwierigkeiten. Das Band, das sie aneinander kettete was immer es eigentlich war und wo es herkommen mochte , hatte ihn Furcht, Zorn und Schmerz empfinden lassen ... und jetzt nichts mehr. Nichts war das Schlimmste von allem. Er drehte sich wieder zu seinen Leutnants um und sagte: »Ich habe bisher nicht darüber gesprochen, weil es nicht notwendig war.« Seine fünf Leutnants, die gleichzeitig seine besten Freunde waren, hatten sich alle in dem kleinen Raum zusammengefunden. Sie hatten die Kajütentür verschlossen und verriegelt und saßen jetzt dicht an dicht auf den beiden unteren Kojen. Yanth, der hochdramatisch mit schwarzen Seidenhosen und einem schwarzen Seidenhemd bekleidet war und sein langes blondes Haar mit einer schwarzen Kordel zusammengebunden hatte, sagte: »Ich fürchte, jetzt ist es notwendig. Wann immer einer von uns darauf zu sprechen kommt, was wir tun werden, wenn wir wieder zu Hause sind, hast du nur Schweigen für uns. Oder du wendest den Blick ab, du wechselst das Thema oder spottest über den Gedanken an eine Rückkehr nach Calimekka. Und kein einziges Mal hast du uns gesagt, wie du deinen Leuten eine Galweigh als Braut präsentieren willst. Wir sind der Meinung, dass das einiger Planung bedarf, dass man zumindest darüber nachdenken muss.« 27
Trev, Jaim, Valard und Karyl nickten. Yanth fuhr fort: »Du verbirgst etwas vor uns, und das Problem, mit dem du dich herumschlägst, betrifft uns alle. Wir sind entschlossen, die Wahrheit aus dir herauszubringen, egal, was wir dafür tun müssen.« Bei den letzten Worten errötete er, und die senkrechten Narben auf seinen Wangen traten wie zwei Streifen weißer Farbe hervor. Das war der Augenblick, den Ry gefürchtet hatte, der Augenblick, da seine Freunde sich nicht länger von ihren Fragen ablenken ließen, der Augenblick, in dem er sich der Wahrheit würde stellen müssen. Er schob seine Sorgen, was Kait betraf, beiseite sie würden auch später noch da sein. Er hatte Probleme, die seine unmittelbare Aufmerksamkeit erforderten. »Es spielt keine Rolle, dass du einer Familie der Hauptlinie entspringst und wir nicht«, sagte Jaim. »Es spielt keine Rolle, dass Treff überhaupt keiner der großen Familien angehört. Wir werden herausfinden, was du vor uns verbirgst, bevor wir weiterfahren, oder wir fahren überhaupt nicht weiter.« Yanth ließ sich von seinem Ärger leiten. Das war seine Art. Und er konnte sich genauso schnell abkühlen, wie er sich erhitzte. Wäre nur Yanth bei ihm gewesen, hätte Ry dem Konflikt, den seine Freunde suchten, aus dem Wege gehen können. Aber Jaim ließ sich nicht schnell zu einer Entscheidung verleiten. Er wog die Dinge ab, dachte nach und stritt mit sich selbst, bis jeder glaubte, er würde niemals ja oder nein sagen ... Und dann konnte er ohne jede Vorwarnung zu seinen Schlussfolgerungen kommen. Wenn es erst einmal so weit war, konnte ihn nichts mehr davon abbringen. Wenn Jaim zu dem Schluss gekommen war, dass er die Wahrheit wissen musste, würde er eher verhungern als von seinem Vorhaben ablassen. Und er würde Ry mit sich verhungern lassen. Wenn Jaim etwas sagte, wusste Ry, dass ihm keine andere Wahl mehr blieb. Sie waren seine Freunde, waren seit vielen Jahren seine Freunde gewesen, aber wenn er ihnen in die Augen blickte, sah er kei 28
ne Wärme und keine Bereitschaft mehr, über seine Scherze zu lachen und sich auf ein andermal vertrösten zu lassen. Er konnte die Anfänge von Wut und Angst bei ihnen riechen, und er wusste, dass er sich endlich der Tatsache würde stellen müssen, was er ihnen angetan hatte. Er wusste nur nicht, wie er vorgehen sollte. »Meine Mutter ...«, begann er und hielt inne. Sie sahen ihn erwartungsvoll an. Er schluckte und schmeckte die Scham auf seiner Zunge. »An dem Tag, an dem wir in See stachen, bin ich zu ihr gegangen, um ihr mitzuteilen, dass ich fortgehen würde. Ihr wart alle bereits auf dem Schiff und habt auf mich gewartet, aber meine Mutter
weigerte sich, mich gehen zu lassen. Nach all den Todesfällen ...« Er schloss die Augen und dachte an die furchtbare Auseinandersetzung mit seiner einst so schönen Mutter, die in ihrem Krankenbett lag, von Narben entstellt, dass man sie nicht mehr wieder erkannte. Und das alles, weil der Vernichtungskrieg seiner Familie gegen die Galweighs gescheitert war. »Sie wollte nichts von dem hören, was ich zu sagen hatte. Sie bestand darauf, dass ich, da mein Vater tot war, die Führung über die Wölfe übernehmen solle. Ich weigerte mich und sagte ihr, dass ich Kait verfolgen wolle. Sie war außer sich vor Wut und fragte, ob ihr alle mich begleiten würdet. Ich sagte ihr, dass ich allein segeln würde dass ihr alle tot wäret.« Er hörte, wie sie scharf den Atem einsogen, sah das Erschrecken und das Entsetzen in ihren Mienen, und er blickte zu Boden, außerstande, ihnen in die Augen zu sehen. »Du hast ihr gesagt, dass wir tot sind?« Karyl, Rys Cousin, ließ sich auf die Koje fallen und schlug sich die Hände vors Gesicht. »Tot? Du... Idiot« »Ich hatte Angst, dass sie sich an euren Familien rächen würde, wenn sie wusste, dass ihr mir dabei helft, mich ihr zu widersetzen.« Yanth war so blass geworden, dass seine Narben völlig verschwanden. »Tot. Also, welche Vorteile hast du uns deiner Meinung nach damit verschafft, dass du uns für tot erklärtest?« »Ich habe ihr erzählt, ihr wäret als Helden gestorben ... im 29 Kampf gegen die Galweighs auf deren Familiensitz.« Er zuckte die Achseln. »Damals schien es mir eine gute Idee zu sein.« Er sah, wie seine Freunde bei diesen Worten zusammenzuckten. Und sie hatten ganz Recht, dachte er. Er wagte es nicht einmal, sich daran zu erinnern, wie oft er diese Worte schon ausgesprochen hatte. So viele seiner Katastrophen hatten sich ihm irgendwann einmal als gute Ideen dargestellt. Zu seiner Verteidigung fuhr er fort: »Eure Familien erfreuen sich jetzt einer hohen Gunst. Einer sehr hohen Gunst. Trev, deine Schwestern werden, wenn sie das heiratsfähige Alter erreichen, Sabirs des ersten Ranges vorgestellt werden, und sie werden die Chance auf jeden Titel bis hinauf zu dem der Paraglesa haben. Valard, dein Bruder und dein Vater haben bereits den Titel eines Paraten zugesprochen bekommen. Und was euch Übrige betrifft eure Familien waren bereits Paraten. Aber sie werden nicht tot sein ... und wenn meine Mutter auch nur die geringste Ahnung gehabt hätte, dass ihr mir bei meinem Unternehmen helfen wolltet, dann wären sie jetzt tot, und ihre Köpfe würden die Stadtmauern schmücken.« Valard verschränkte die Arme vor der Brust und sah Ry an; seine grünen Augen brannten. »Das scheint mir doch übertrieben zu sein. Wie groß können die Schwierigkeiten gewesen sein, in denen du stecktest? Und während wir tot sind und nie mehr nach Hause zurückkehren können, ohne unsere Familien zu zerstören, wirst du als Held nach Hause fahren, ja?« Er war immer bereit gewesen, alles für Ry zu tun, aber in diesem Augenblick machte er ein Gesicht, als hätte er es sich anders überlegt. »Entweder wir kehren gemeinsam als Helden zurück oder keiner von uns. Soweit es alle anderen betrifft, bin ich genauso tot wie ihr.« Das machte sie für eine Sekunde sprachlos. »Sie halten dich auch für tot?«, fragte Karyl. »Also, wie hast du denn das bewerkstelligt? Und warum?« 30
»Ich habe es so aussehen lassen, als hätte die unheilige Dreiheit mich getötet, weil sie wusste, dass ich mich um die Führung der Wölfe bewerben würde. Ich habe das ebenso sehr getan, um meine Mutter davon zu überzeugen, dass ich mich ihren Forderungen beugen würde, wie um aus dem Haus zu kommen, ohne ihr gegenüber wortbrüchig zu werden. Sie hat mir nämlich gesagt, dass sie mich, falls ich nicht bleiben und um die Führung der Wölfe kämpfen würde, zum Barzanne erklären würde. Aber sie hat dabei nicht bedacht, dass die Dreiheit mich wirklich getötet hätte, wäre ich geblieben, um mich ernsthaft um die Macht zu bewerben. Und es erschien mir weit besser, im gesetzlichen Sinne >tot< zu sein, als wirklich zu sterben. Und erheblich besser, als Barzanne zu sein.« Seine Freunde waren tief betroffen. »Deine Mutter wollte dich zum ...« »Zum Barzanne erklären.« »Bei meiner eigenen Seele.« »Hätte sie gewusst, dass ihr noch lebt und mir zur Seite steht, hätte sie euch zweifellos auch zu Barzannes gemacht.« Er sah ihnen in die Augen. »Dann wäre es euren Familien nicht so gut
ergangen.« »Nein.« Sie nickten, stimmten ihm zu, waren bereit, ihm zu verzeihen. »Es tut mir Leid«, sagte Ry. »Ich hatte nie die Absicht, euch in solche Schwierigkeiten hineinzuziehen. Ich hätte nie gedacht, dass es sich als ein solcher Fehler erweisen würde, Kait Galweigh zu folgen.« Seine Freunde sahen einander an, zuckten die Achseln und sahen dann ihn an. Jaim sagte: »Der Mann, der in die Zukunft sehen kann, macht keine Fehler. Aber solch ein Mann ist kein Mann. Er ist ein Gott.« Yanth schüttelte langsam den Kopf, dann grinste er. »Wie wahr. Und du hältst dich nur für einen Gott.« »Ihr hasst mich nicht für das, was ich Euch angetan habe?«, fragte Ry. 31 Valard seufzte. »Noch nicht. Finde eine Möglichkeit, wie wir als Helden nach Hause zurückkehren können, dann werden wir dir alles verzeihen.« Karyl stützte sich auf den Ellbogen und lächelte. »Zumindest musst du eine Insel für uns finden, auf der schöne Mädchen wohnen, die wir zu Frauen nehmen können. Dann musst du uns nur noch einen Lebensstil ermöglichen, wie ein Parat ihn für sich beanspruchen kann. Mit einer schönen jungen Frau, meinem eigenen Land und ordentlichem Wetter kann ich fast alles vergeben und vergessen.« »Und das ist deiner Meinung nach das Mindeste, was ich für euch tun kann, ja?« Jetzt war es Ry, der lächelte. »Reicht es nicht, dass wir alle am Leben und gesund sind?« Yanth zupfte an seinem Hemd und strich die Seide glatt. Er machte sich nicht die Mühe aufzublicken, als er sagte: »Ah, aber wir kennen dich doch. Du wirst, bis wir einen sicheren Hafen finden, alles in deiner Macht Stehende tun, um uns umzubringen. Dich eingeschlossen.« Jetzt blickte er doch auf, und seine Augen waren voller Lachen. »Alles, was wir wollen, ist eine bescheidene Entschädigung für die Hölle, durch die du uns mit Sicherheit führen wirst.« Ry beschloss, ihnen zu sagen, was er wusste, obwohl er nicht verraten würde, auf welchem Wege er diese Kenntnisse erhalten hatte. Wenn der Geist seines toten Bruders durch den Schleier gegangen war, um ihm seinen Rat anzubieten und seine Hilfe zu erbitten, war das gewiss ein Geheimnis, das nur sie beide etwas anging. »Ich habe mit Hilfe von Magie in Erfahrung gebracht, dass Kait nach einem Artefakt sucht, mit dem man die Toten ins Leben zurückrufen kann. Ich werde sie als meine Ehefrau nach Hause bringen aber wir alle werden das Artefakt nach Calimekka bringen, das und dazu alle anderen wunderbaren Dinge, die wir in dieser Stadt der Alten finden. Mit einem Schiff voller solcher Reichtümer wird meine Mutter in der Lage sein, meinen Vater wieder zum Führer der Wölfe zu machen und meinen älteren Bruder zurückzuholen. Und wir, wir werden Helden sein.« Und ihm selbst würde das abgeschiedene Leben in dunkler Magie und Intrigen erspart bleiben, das seine Mutter für ihn geplant hatte. Yanth runzelte die Stirn. »Ich finde trotzdem, du hättest uns das früher sagen müssen, und sei es nur, um uns wissen zu lassen, dass für uns bei der Suche nach Kait genauso viel auf dem Spiel steht wie für dich.« »Ich hatte keine Ahnung, ob sie ihre Stadt oder den Spiegel der Seelen finden würde und warum sollte ich Euch Hoffnung machen, falls alles vergeblich war? Oder, was das betrifft, warum sollte ich Euch wissen lassen, wie schlimm es um uns stand, solange ich noch hoffen konnte, dass die Dinge sich zum Besseren wenden würden? Wenn ich in letzter Zeit durch Kaits Augen geblickt habe, habe ich sowohl Ruinen als auch ein Artefakt gesehen, bei dem es sich meiner Meinung nach um den Spiegel handelt jetzt wisst ihr also Bescheid über die Schwierigkeiten, in denen wir stecken, und ihr wisst, dass wir hoffen dürfen, uns aus dem Schlamassel auch wieder zu befreien. Und in der Zwischenzeit könnt ihr beruhigt sein, dass Eure Familien in Sicherheit sind.« Was er nicht wusste und was er ihnen nicht sagen würde, war, ob Kait noch lebte. Vielleicht hatte er sie alle ganz umsonst auf die andere Seite der Welt fahren lassen die unerklärliche Verbindung, die zwischen ihm und Kait bestand, war so stumm, als hätte sie nie existiert. Er war ihr durch die halbe Welt gefolgt, ein Wahnsinn, den er sich selbst immer noch nicht erklären konnte. Er hatte seinen
Namen, seine Familie und seine Zukunft für eine Fremde weggeworfen, die zu den Erzfeinden der Sabirs zählte, eine Frau, die er nur ein einziges Mal in Fleisch und Blut gesehen hatte, und das in einer dunklen Gasse vor den Leichen von Männern, die sie zu töten versucht hatten. Er wusste nicht, ob sie ihn lieben konnte. Er wusste nur, dass sie allen Grund hatte, ihm zu misstrauen und ihn vielleicht zu hassen. 32 33
Und jetzt konnte er nicht einmal mehr sagen, ob sie noch lebte. Er blickte durch das Bullauge. Irgendwo da draußen war sie. Und er würde alles darum geben, sie noch lebend zu finden.
Kapitel 4 Imogene Sabir hatte ihren Stuhl bedächtig unter den breiten Sonnenstrahl geschoben, der durch das hohe Fenster ihres Arbeitszimmers fiel. Obwohl sie das Sonnenlicht nicht sehen konnte, konnte sie es fühlen; seit dem Angriff auf die Galweighs, als die Rewhah der magische Rückstoß, der aus der Benutzung von Magie als Gewalt resultierte sie beinahe vernichtet hätte, sehnten ihre Knochen sich nach Wärme. Finder Malloren stand vor ihr, aber nicht in der Haltung tiefster Unterwürfigkeit, wie sie einem Mann in seiner Stellung ihr gegenüber zugekommen wäre. Er verwechselte ihre Blindheit mit dem Unvermögen zu sehen, was ein Irrtum war, ein Irrtum, für den sie ihn eines Tages würde zahlen lassen. Mit ihren geschärften Karnee-Sinnen und ihrem magischen Wahrnehmungsvermögen konnte sie nicht nur seine Position im Raum erkennen, sondern auch seine geistigen Eindrücke von ihr auffangen. Ihr Geruchssinn spürte ein Geheimnis auf, von dem er glaubte, es vor jedermann verbergen zu können; irgendwann in der Zukunft konnte sie ihm damit drohen, dieses Geheimnis aufzudecken. Auf diese Weise würde sie ihn wahrscheinlich buchstäblich zu ihrem Sklaven machen. Sobald sie Zeit für solche Vergnügungen hatte, würde sie ein wenig mit dem Finder spielen. Inzwischen hörte sie sich jedoch erst einmal das Ergebnis seiner letzten Jagd an. »... Es ist so lange her, dass es sehr schwierig war, jemanden am Hafen zu finden, der sich noch an irgendetwas erinnerte. Ich musste viel Geld an Leute zahlen, die mich vielleicht mit Leuten zusammenbringen konnten, die vielleicht dabei gewesen waren. Es war schwierig ...« 35
»Aber wenn Ihr versagt hättet«, fiel sie ihm ins Wort, »würdet Ihr jetzt nicht vor mir stehen und erwarten, Euren Lohn zu erhalten. Ich weiß bereits, dass mein Sohn noch am Leben ist. Diese demütigende Szene, die Crispin inszeniert hat, war mir Beweis genug. Ich möchte nur noch den Rest der Geschichte in Erfahrung bringen.« »NNNun ... ja ... aber ich wollte Euch erklären, wie überaus schwierig ...« »Eure persönlichen Schwierigkeiten interessieren mich nicht. Mich interessieren nur Eure Resultate. Ich bezahle Euch für Resultate und für die Kosten, die Euch auf der Suche nach ihnen entstehen. Wenn Ihr für die dramatische Darstellung Eurer Geschichte bezahlt werden wollt, schlage ich vor, dass Ihr Euch einem anderen Berufszweig zuwendet.« Sie spürte sein Erröten weil sie ihn demütigte, weil er es sich gefallen lassen musste und schließlich, weil es ihn ärgerte, seine Geschichte nicht so erzählen zu dürfen, wie es ihm gefiel. Sie spürte auch ein Gefühl der Frustration bei ihm. Zweifellos hatte er damit gerechnet, eine Prämie zu bekommen, wenn sie hörte, wie viel Arbeit vonnöten gewesen war, um Antworten auf ihre Fragen zu bekommen. Sie lächelte und spürte sein Zurückprallen. Auch das belustigte sie. Sie wünschte nur, sie hätte sehen können, was die Katastrophe aus ihr gemacht hatte. Aus der Art, wie ihr Gesicht sich anfühlte, und aus den Reaktionen anderer konnte sie erahnen, dass von ihren menschlichen Zügen nur wenig übrig geblieben war. Wahrscheinlich bot sie einen grauenvollen Anblick, aber sie konnte ihr eigenes Spiegelbild nicht sehen in ihren Gedanken war sie noch immer so schön wie an dem Tag, an dem sie auch noch den letzten Rest ihres Augenlichts einbüßte. Es machte ihr nichts aus, Grauen erregend zu sein. Ihre Schönheit hatte ihr gute Dienste geleistet, aber das war vorbei. Sie hatte indessen herausgefunden, dass Angst und Schrecken die Menschen genauso gefügig machten, wie Schönheit es je vermocht hatte. 36 Er sagte: »Ja. Natürlich. Ich kann für die Namen nicht garantieren die Leute, die ich aufgespürt habe, waren sehr erpicht darauf, dass ihre Namen in keinen offiziellen Unterlagen erschienen. Sie wollten
nicht einmal, dass man ihre Namen aussprach. Ironischerweise war es gerade das, was mich letztendlich zu ihnen führte. In der Nacht, in der Euer Sohn verschwand und angeblich ermordet wurde, verbrachten fünf junge Männer den größeren Teil der Stunden Dard und Telt in einer Hafentaverne mit Namen Zum Feuerschlucker; sie verbrachten ihre Zeit dort mit Trinken, Spielen, Würfeln und Wetten. Sie gehörten offensichtlich den höheren Klassen an vier von ihnen trugen deutlich sichtbar Schwerter, und der fünfte war mit zwei langen Dolchen bewaffnet. Alle gut gekleidet. Aus Augenzeugenberichten weiß ich, dass einer groß und schlank war, mit blondem Haar und Narben im Gesicht; meine Quellen bezeichnen ihn als einen prahlerischen Dandy, der ganz in Seide gekleidet war. Ein anderer war etwas kleiner, hatte braunes, zu einem langen Zopf zurückgekämmtes Haar und machte auf die, die ihn sahen, einen eher stillen Eindruck. Nachdenklich. Eine Hure, die dort arbeitet, sagte, sie habe sich auf seinen Schoß gesetzt und versucht, ihn zu überreden, mit ihr nach oben zu gehen, aber er habe sich geweigert, obwohl er durchaus interessiert gewesen sei. Er sagte, er warte auf einen Freund und müsse, wenn dieser Freund käme, sofort abmarschbereit sein. Er wollte ihr nichts über den Freund erzählen und auch nichts darüber, wo ihr Ziel sei er weigerte sich so beharrlich, darüber zu sprechen, dass sie sich an ihn erinnerte. Er nannte sich übrigens Parat Beyjer.« »Parat Beyjer, hm?« Imogene kicherte und war ganz gegen ihre eigene Absicht entzückt. »Parat Beyjer? Und sag mir, hießen seine Freunde Soin, Gyjer, Torhet und vielleicht ... Farge?« Sie hatte ihn schockiert. »Woher wisst Ihr das? Ich meine, keiner von denen hieß Torhet, aber es gab einen Gyjer. Und auch einen Farge. Ein anderer hieß Rubjyat.« 37
»Die Jungen haben eine klassische Erziehung genossen. Beyjer war im klassischen Mythos des alten Ibera der >Gott des Grüns<, als Ibera noch Veys Traroin hieß und einen Großteil des heutigen Strithia einschloss, damals, als es noch ein Mitgliedsstaat des Reiches von Kasree war. Gyjer war im selben Mythos der >Gott des Purpurs<. Farge war der >Gott des Blaus< und Rubjyat der >Gott ohne Farbe< ich hätte nicht erwartet, dass einer der Jungen sich für ihn entscheiden würde.« Imogene spürte, dass sie das Interesse des Finders geweckt hatte. Sie spürte, dass er sich vorbeugte, und hörte eine leichte Beschleunigung in seinem Puls und seinem Atem. »Warum nicht?« »Der Gott ohne Farbe stand mit Katastrophen im Zusammenhang. Ich dachte, dass die Jungen sich diesen Namen für meinen Sohn aufgehoben hätten. Katastrophen sind schließlich seine Spezialität.« »Dann seid Ihr Euch also sicher, dass sie die richtigen Männer waren?« »Ich würde Euer Leben darauf verwetten.« Sie fühlte seine Anspannung, als er ihren kleinen Scherz verstand, und sie lächelte abermals. »Aber nur damit ich keine nicht wieder gutzumachenden Fehler begehe, erzählt mir auch den Rest Eurer Geschichte.« Sie hörte ihn schlucken. »Wie Ihr wünscht. Derjenige, den die Zeugen für den Ältesten hielten, trug sein Haar ganz kurz das Flittchen erinnerte sich sehr gut an ihn. Sie dachte, dass er langsam eine Glatze bekam und sich den Kopf schor, um von der Tatsache abzulenken. Anscheinend war er sehr unhöflich zu ihr und machte deutlich, dass er kein Interesse an Frauen ihres Schlages habe. Ein anderer der Männer war auffallend blass und hatte, wie zwei männliche Zeugen sagen, ein Gesicht so rund wie der Mond. Dieser stand anscheinend im Bund mit Fortuna er gewann eine Menge Geld von ihnen, bevor er die Taverne schließlich verließ. An den Letzten konnte sich keiner erinnern, bis ich fragte, ob sie wirklich sicher seien, dass es nicht fünf Männer waren statt nur vier. Daraufhin erinnerten sich verschiedene Zeugen an einen 38
fünften Mann, der auf einem Stuhl am gleichen Tisch gesessen hatte.« »Das wird Jaim gewesen sein«, sagte Imogene. »Er besitzt die wirklich bemerkenswerte Gabe, unauffällig zu sein. Ein echtes Talent.« »Das kann ich mir denken«, pflichtete der Finder ihr bei. »Nun denn.« Sie rieb den seidenen Saum ihres Rockes zwischen den Fingern, eine nervöse Geste, die sie sich angewöhnt hatte, seit sie endgültig ihre Sehkraft verloren hatte. Sie dachte über ihre verschiedenen Möglichkeiten nach. »Ihr habt sie gefunden, daran zweifle ich nicht. Also, was ist aus ihnen geworden, wo sind sie jetzt?« »Die Männer, die so viel Geld verloren hatten, sind ihnen zum Hafen gefolgt, wo die fünf Fremden an Bord eines Schiffes gingen. Niemand erinnerte sich an den Namen des Schiffes. Also habe ich in den Hafenunterlagen nachgesehen. In dieser Nacht sind mehrere Schiffe in See gestochen die Flut und der
Wind waren günstig. Keines der Schiffe konnte auf den ersten Blick dasjenige sein, mit dem sie gefahren sind, denn bei jedem stand eine Fracht und ein Zielort im Hafenbuch, und keines schien Passagiere an Bord genommen zu haben. Aber eines der Schiffe, die Windsbraut, segelte angeblich mit einer Fracht aus Früchten und Holz zu den Kolonien. Das Logbuch war von einem gewissen C. Pethelley unterschrieben worden. In den Kauffahrteilisten gibt es keine Pethelleys, im Kapitänsregister werden zwei Pethelleys aufgeführt, die noch leben, über deren Verbleib aber in beiden Fällen Klarheit besteht, außerdem hat die Windsbraut nie eine Ladung aufgenommen, und sie ist auch nie in den Kolonien angekommen. Sie ist im Register der Sabirs eingetragen, ein zweitrangiges Schiff, das zu Reparaturen im Trockendock gewesen war; es war gerade erst wieder zu Wasser gelassen und neu bemannt worden, aber man wusste allenthalben, dass es noch keine Fracht geladen hatte. Ich kann nach wie vor keine Verbindung zwischen Eurem Sohn und seinen Freunden und diesem Schiff beweisen, aber bei 39 allen anderen hochseetüchtigen Schiffen, die in dieser Nacht in See stachen und auch noch in der nächsten Woche , kann ich über ihren Verbleib Bericht erstatten. Sie haben das Ziel angesteuert, das sie angegeben hatten, und sie haben getan, was sie tun wollten.« Imogene stieß einen Laut der Verachtung aus. »Oh, ich bezweifle, dass Ihr über jedes Schiff Bericht erstatten könnt. Wenn man bedenkt, wie viele Piraten es in diesen Gewässern gibt, schätze ich, dass ein Dutzend Schiffe in Frage kommen, mit denen er und seine Freunde hätten abreisen können. Also, sagt es mir. Wohin sind sie gefahren?« »Ich weiß es nicht. Die Windsbraut ist für keinen Hafen eingetragen, dessen Hafenbücher ich einsehen konnte. Ich warte noch auf Nachricht aus der Kolonie Kander, von Finder's Folly und der Siedlung auf der Sabirenischen Landenge, aber ich rechne nicht mit positiven Resultaten. Ich kann Euch mit Sicherheit nur sagen, wo sie nicht sind.« »Verstehe. Ihr könnt mir also nicht sagen, was mich am meisten interessiert.« Sie ließ ihn lange Sekunden zappeln, während sie über verschiedene mögliche Varianten nachdachte, um ihr Missvergnügen zu zeigen. Schließlich sagte sie: »Nun, Ihr seid jedenfalls lobenswert gründlich gewesen.« Der Finder atmete leise aus. »Dann seid Ihr also zufrieden?« Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und seufzte. »Ich bin überzeugt. Alles, was ich von Euch verlangt habe, waren genug Informationen, um mich zu überzeugen. Zufrieden ... nun ... meine Zufriedenheit liegt außerhalb dessen, was Ihr bewirken könnt.« Sie drehte den seidenen Saum zwischen ihren Fingern und stellte sich vor, es sei das Gesicht ihres Sohnes, das sie am liebsten in Fetzen gerissen hätte. »Geht jetzt. Ich möchte allein sein, um nachzudenken. Mein Sekretär wird Euch bezahlen, bevor Ihr das Haus verlasst.« »Braucht Ihr sonst noch etwas?« »Wenn ich etwas brauche«, antwortete Imogene leise, »weiß 40
ich, wo ich Euch finde.« Sie sorgte dafür, dass ihre Worte wie eine Drohung klangen denn genau so waren sie gemeint. Finder Malloren huschte aus ihrem Arbeitszimmer und erinnerte sie dabei an einen Käfer, dessen Stein man hochgehoben hatte, um ihn dem Licht auszusetzen. Imogene wartete, bis sie spürte, dass er das Haus verließ, eine Angelegenheit von nur wenigen Momenten. Sie war immer sehr vorsichtig im Umgang mit Findern Männern und Frauen, die sich mit dem Sammeln von Informationen ihren Lebensunterhalt verdienten; sie konnten das für viele Käufer tun, und Imogene wusste, dass Calimekka voll von Feinden war, die gut zahlen würden für alles, womit sie sie schwächen oder zerstören konnten. Sobald sie hörte, dass das Außentor ins Schloss fiel, läutete sie jedoch die Glocke, mit der sie ihren Sekretär herbeirief. Als er den Raum betrat, sagte sie: »Porth, ich benötige einen talentierten, käuflichen Mörder. Den besten, den Ihr aufspüren könnt. Ich möchte jedoch keinen, der bereits mit der Familie in Zusammenhang gebracht wurde. Ich möchte eine unabhängige Person.« Porth wartete und sagte nichts. »Ich beabsichtige, einen kleinen Straffeldzug auszuführen.« Der Paraglese der Sabirs hatte zum ersten Mal seit zweihundert Jahren den Wölfen ihr Recht auf Selbstbestimmung genommen, indem er Crispin zu ihrem Oberhaupt ernannte und Anwyn und Andrew zu seinen Helfern bestimmte. Diese
Machtverleihung an die unheilige Dreiheit die damit über Imogene gestellt wurde hatte sie den Taten ihres Sohnes Ry zuzuschreiben. Seinetwegen saß sie eingesperrt in einem bedeutungslosen Winkel des großen Hauses und war, was die Angelegenheiten der Familie betraf, beinahe machtlos geworden. Nun hatte sie herausgefunden, dass seine Freunde alles andere als die Helden waren, für die sie sie gehalten hatte, Helden, die angeblich im Haus Galweigh für die Sabirs gestorben waren, wie Ry an dem Tag, an dem er »getötet« wurde, behauptet hatte. Sie, seine besten Freunde, hatten ihm 41 also bei seinen Lügen und seinem vielfachen Verrat geholfen. Sie hatten ihm die Möglichkeit verschafft, aus der Stadt und vor ihren Befehlen zu fliehen. »Ry und seine fünf teuersten Freunde haben sich einen Scherz erlaubt. Auf meine Kosten.« »Dann sind sie also nicht tot?« »Alle sechs sind ausgesprochen lebendig. Und, wie es scheint, nicht in meiner Reichweite.« »Aber Ihr wisst, wohin sie gegangen sind? Ihr schickt ihnen den Mörder nach?« »Aber keineswegs. Zumindest für den Augenblick kann ich ihnen nichts anhaben. Aber sie haben Aufmerksamerweise ihre Verwandten zurückgelassen und mich in die Lage gebracht, sie allesamt kennen zu lernen. Schließlich gewähre ich den Verwandten dieser >Helden< jedes nur erdenkliche Vorrecht.« Imogene kicherte und spürte, wie ihr Sekretär schauderte. »Dann soll der Mörder also ...« »Ich möchte ein kleines Spielchen spielen. Ich möchte, dass dieser bezahlte Mörder die Familien von Rys Freunden tötet, eine Person nach der anderen, und zwar auf möglichst kreative Weise. Mal sehen, wie viele von ihnen wir auslöschen können, bevor die Jungen wieder nach Hause kommen. Meint Ihr nicht, dass das sehr amüsant werden wird?« Porth sagte nichts. Imogene ließ das Schweigen eine Weile andauern, dann fragte sie: »Porth?« »Ja, Parata. Sehr amüsant.« Er klang alles andere als amüsiert. Der arme Porth er war so ein schlechter Lügner.
Kapitel 5 'Das Wasser zog sie herunter und gab ihr gleichzeitig Auftrieb, als sie durch eine Welt glitt, die von wechselndem, flüssigen Licht gezeichnet war. Wasser strömte ihr durch den Mund und über ihren Hals, und obwohl irgendetwas daran ihr nicht richtig erschien, wusste sie auch nicht, was es war. Sie hörte das Dröhnen der Flut in ihren Knochen und spürte die Bewegung des Opfers durch ihre Haut, als wäre ihr ganzer Körper zu einem Auge geworden. Hinter ihr lag Schmerz; vor ihr lag Ungewissheit. In der Gegenwart kannte sie nur Hunger, einen Hunger von solch gewaltigen Ausmaßen, dass er sie zu verschlingen drohte. Sie wusste, dass es mehr war als Appetit, aber sie kam nicht an den Teil ihrer selbst heran, der dieses Verlangen aussandte. Sie wusste, dass es irgendwie falsch war, Wasser zu atmen, aber sie wusste nicht, woher sie es wusste, und im Augenblick interessierte es sie auch nicht. Sie rollte sich auf die Seite und stellte die Flossen anders an, um ihren Körper in eine Kurve zu legen, und erblickte vor sich eine schimmernde, silberne Wolke. Mit einem Zucken ihres Schwanzes glitt sie darauf zu, fast ohne das Wasser in Aufruhr zu bringen, durch das sie sich bewegte. Sie schoss auf den Mittelpunkt der Wolke zu und verschlang ein Dutzend Fische, bevor der Schwärm auseinander stob, dann folgte sie der größten Gruppe, die die Flucht ergriffen hatte, und setzte ihr mit drei harten Stößen ihres Schwanzes nach, um Energie zu sparen. Sie jagte und sie fraß. Als der Schwärm der silbernen Fische nicht mehr bequem für sie zu erreichen war, stieß sie in einen kleineren Schwärm aus großen roten und gelben Fischen hinein, dann machte sie Jagd auf die nächste Fischart und auf die nächste. Sie mied alles, was sich mit einer größeren Druckwelle bewegte als 43
sie selbst, und wenn sie Blut im Wasser schmeckte, hielt sie sich fern. Sie weigerte sich, ihre Existenz in Frage zu stellen, und wich dem quälenden, behaglichen Gedanken in ihrem Hinterkopf aus, dass sie nicht war, was sie zu sein schien. Sie fraß, weil sie schwach, verletzt und dem Tode nahe gewesen war; und während sie fraß, wurde sie stärker. Und als sie stark genug war, zwang ihr Geist ihren Körper, seine Anwesenheit zur Kenntnis zu nehmen. Sie nannte sich selbst beim Namen, und mit der Erinnerung an ihren Namen kam die Flut anderer Erinnerungen. Sie war Kait. Sie hatte Freunde, die gewiss ihre Hilfe brauchten.
Sie hatte eine Aufgabe zu vollbringen. Und es standen Schwierigkeiten bevor. Nachdem sie sich wieder in Menschengestalt verwandelt hatte, schleppte Kait sich erschöpft, durchnässt, nackt, frierend und mit gedämpften Sinneswahrnehmungen zum Lager zurück. Sie konnte nicht einmal erahnen, wie lange sie fort gewesen war, und sie konnte nur hoffen, dass sie ihre Freunde bei ihrer Rückkehr lebendig vorfinden würde. Das verbrannte Ödland, durch das sie gekommen war, war nicht mehr gewesen als aufgeweichte Asche, aus der die Ruinen der Stadt der Alten plötzlich so klar und unübersehbar aufragten, als seien sie erst am vergangenen Tag verlassen worden. In diesem Meer aus Asche wirkte das perfekte Rund des Bodens, den Hasmal vor dem Zauberfeuer hatte schützen können, wie eine Vision von Paranne: Überall wuchsen immergrüne Pflanzen, die schwarzen Silhouetten eleganter Laubbäume ragten vor dem grauen Winterhimmel auf, der Boden war bedeckt mit Blättern, die sich noch etwas von ihrer herbstlichen Färbung bewahrt hatten und wie Juwelen aussahen, die jemand achtlos über den Boden verteilt hatte. Das Lager der Flüchtlinge lag in der Mitte dieses kreisförmigen Gebietes. Kait hörte Stimmen in der Rui 44
ne, die sie als Unterkunft benutzten. Und sie konnte Verwesung und Tod riechen. Sie wusste, dass sie schlimme Nachrichten erwarteten, aber ihre Nase wollte ihr nicht verraten, wie schlimm es sein würde. Die Depression, die der Verwandlung folgte, die Gedämpftheit der Sinne, die sie in diesem Stadium jedes Mal überfiel. Sie ging hinein. Das Schlimmste fand sie schon an der Tür vor. Turben lag auf der rechten Seite des ersten Raums, direkt unter dem unversehrten Teil des Daches. Sie kniete neben ihm nieder und berührte ihn. Seine Leiche war kalt und starr. Er war schon eine ganze Weile tot. Ein leises Stöhnen aus dem hinteren Raum war das Nächste, was ihre Aufmerksamkeit auf sich zog, und sie eilte hinein. lan und Hasmal hockten neben Jaytis Lager. Jayti warf sich von einer Seite auf die andere und stöhnte abermals. »Nicht auch Jayti«, flüsterte sie. Der Matrose hatte nach und nach ihre Bewunderung errungen, er hatte sie mit seiner Loyalität, seinem gesunden Menschenverstand und seinem Mut beeindruckt. »Was ist passiert?« Jayti sah sie mit Schmerzumnebelten Augen an und brachte ein Lächeln zustande. »Ihr seid wieder da«, sagte er. »Das lässt mich hoffen, dass auch die Gebete, die der Kapitän für mich gesprochen hat, erhört werden.« »Kait!«, rief Hasmal. »Du lebst!« lan sprang auf und rannte auf sie zu. Er hob sie hoch, wirbelte sie durch die Luft und drückte sie dicht an sich, ohne sich um ihre Nacktheit zu scheren. Er küsste sie leidenschaftlich, dann drückte er seine Wange auf ihre. »Ah, Kait«, wisperte er. »Ich dachte schon, ich hätte dich verloren.« Er hielt sie kurz von sich weg, musterte sie und zog sie dann wieder an sich. »Du bist ja nur noch Haut und Knochen, Mädchen«, sagte er. Und dann, als er sie losließ, fügte er hinzu: »Wie hast du das überstanden? Und wo bist du gewesen? Ich ... wir ... ich habe gestern jede Hoffnung aufgegeben, dich wiederzufinden.« 45
»Wie lange war ich fort?« Hasmal hatte ihre Taschen durchwühlt; er reichte ihr etwas Kleidung zum Wechseln, eine Hose und einen Rock. Dann antwortete er: »Drei Tage und zwei Nächte.« »So lange?« Sie runzelte die Stirn, überrascht, dass sie länger als einen Tag im Zustand der Verwandlung verweilt hatte. »Ich war ... unter Wasser. Ich hatte mich verirrt.« Sie streifte die Kleidungsstücke über. »Verirrt in meinem eigenen Kopf. Ich war in der Bucht, aber ich hatte vergessen, wer ich war. Ich bin in den Fluss gesprungen, um von diesen ... von den Bestien wegzukommen und um vor dem Bannfeuer zu fliehen. Daran erinnere ich mich sehr gut. Und ich erinnere mich nur verschwommen, dass ich nach dem Wasserfall auf den Felsbrocken aufgeschlagen bin. Was danach passiert ist, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass mir heute Morgen plötzlich mein Name wieder einfiel und ich mich daran erinnerte, dass ich eigentlich kein Fisch bin. Oder was immer ich in dem Augenblick war. Mein Körper hat sich in eine Daseinsform verwandelt, die es mir ermöglichte, wieder zu gesunden und Nahrung aufzunehmen, und ich nehme an, das ist alles, was ich getan habe, seit ich verschwunden bin.« Die anderen ließen Ehrfurcht erkennen. »Das kannst du?« »Ich habe es bisher nur ein einziges Mal getan«, sagte sie. »Und da hat die Verwandlung nicht einmal eine einzige Stunde lang angehalten. Als ich in Maracada in die Bucht sprang, in der Nacht, in der ich dich kennen lernte«, sagte sie und sah dabei Ian an, »bin ich mit solcher Wucht auf dem Wasser aufgeprallt, dass es mich betäubte und ich
beinahe ertrunken wäre. Auch damals hat sich mein Körper verwandelt teilweise jedenfalls. Ich bin Mensch geblieben, bekam aber Kiemen, so dass ich unter Wasser atmen konnte. Bevor das geschah, wusste ich nicht, dass ich eine andere Gestalt als die eines Vierbeiners annehmen kann.« Hasmal sah sie nachdenklich an. »Um deine Frage zu beantworten, Jayti ist an dem Leichnam der Bestie vorbeigekommen, die du ausgeweidet hast, nachdem das Zauberfeuer niederge46 brannt war«, sagte er. »Nur dass das Ungeheuer noch nicht ganz tot war. Es bekam ihn an einem Bein zu fassen und verstümmelte es. Wir haben ihn frei bekommen und es schließlich geschafft, die Bestie zu töten, aber ...« »Hasmal hat mir das Bein abgenommen. Er hat seine Sache gut gemacht. Ich werde im Handumdrehen wieder ganz der Alte sein.« Möglich, dass er selbst an seine Worte glaubte, aber Kait wusste, dass es nicht stimmte. Sie konnte den Gestank von Blutfäule riechen sehr schwach, vielleicht schwach genug, um menschlichen Sinnen zu entgehen. Jayti würde nicht wieder gesund werden. Sie drehte sich schnell zu Hasmal um und sah die Trostlosigkeit in seinen Augen. Er wusste es also auch. Ian sagte: »Jayti wird uns helfen, unser Boot zu bauen, bevor du bis drei zählen kannst.« Auch in seinen Augen stand unverhohlener Schmerz. Sie hielten es vor ihm geheim, die Tatsache, dass er bald sterben würde. Sie würden es so lange geheim halten, wie sie konnten. Kait wandte sich wieder Jayti zu und kniete neben ihm nieder. Sie blickte ihm in die Augen und versuchte, ihn mit ihrer ganzen Willenskraft dazu zu bringen, gegen die Blutkrankheit zu kämpfen. »Wir brauchen dich«, sagte sie mit einer Stimme, die nur für seine Ohren zu hören war. »Ganz besonders Ian. Er hat sein Schiff verloren, seine Mannschaft, alle, auf deren Treue er sich verlassen hat, bis auf dich. Du darfst ihn nicht auch im Stich lassen.« Jayti, dessen Gesicht grau und wächsern war, lächelte schwach, dann antwortete er mit einer Stimme, die noch leiser war als ihre: »Ich rieche es. Ich weiß es aber sie können es besser ertragen, wenn sie glauben, ich hätte keine Ahnung. Also spielen wir dieses Spiel.« Er tätschelte ihren Arm. »Aber, wenn ich nicht mehr bin, hat der Kapitän keineswegs alles verloren. Er hat immer noch dich.« Sie erwiderte sein Lächeln mit einer falschen Aufrichtigkeit, hinter der sich die unbequeme Wahrheit verbarg. Ian würde Jay 47
ti wirklich brauchen. Er würde einen Freund aus seiner Vergangenheit brauchen, der ihm in Zukunft zur Seite stand. Und während sie mit den anderen zusammen im hinteren Teil des Raums saß, hatte sie nur den einen Gedanken, dass es etwas gab, das Jayti vielleicht das Leben und Ian seinen letzten Freund retten konnte. Der Spiegel der Seelen schimmerte sanft; sein Licht erstrahlte aus der Mitte des Dreifußes und verströmte sich zu einem See der Helligkeit, der in dem Ring um seinen Sockel zusammenlief. Sie hatte die unerkundete Weite des Bregischen Ozeans durchfahren und diesen verlassenen Kontinent aufgesucht, um sich den Spiegel zu holen. Er war ein Artefakt der lange untergegangenen Alten, des Volkes, das einst die ganze Welt beherrscht hatte, und mit diesem Spiegel war sie angeblich in der Lage, ihre ermordeten Verwandten wieder ins Leben zurückzurufen. Der Geist ihrer vor langer Zeit verstorbenen Ahnin, Amalee Kehshara Rohannan Draclas, hatte wieder und wieder beteuert, dass ihre toten Eltern, ihre toten Geschwister, Nichten und Neffen nicht vollkommen außerhalb ihrer Reichweite waren. Amalee hatte gesagt, dass die Toten zurückkommen konnten, dass man sie zurückholen konnte, dass sie, Kait, sie wieder beleben konnte, und zwar mit Hilfe dieses Artefakts, das zu beschaffen sie einen furchtbaren Kampf und einen furchtbaren Preis gekostet hatte. Aber Kait wusste nicht, was sie mit dem Spiegel anfangen sollte, jetzt, da sie ihn in ihrem Besitz hatte und seit sie den Entschluss gefasst hatte, den Spiegel zu dem Wiedergeborenen zu bringen, hatte sie Amalees Geist nicht mehr finden können. Als die Wanderfalke sie und ihre Gefährten an der Westküste von Nord-Novtierra abgesetzt hatte, war sie überzeugt davon gewesen, dass Amalee zurückkehren würde, voller Ratschläge, auf welche Weise sie nach Hause kommen konnte. Aber diese plappernde Stimme war in Schweigen verfallen, und in Kait wuchs das flaue Gefühl, dass sie irgendwo einen Fehler gemacht hatte. War es falsch gewesen, dem Geist ihrer Ahnin zu vertrauen, 48
um sich den Spiegel zu holen, oder hatte ihr Irrtum darin gelegen, Amalees Versicherung zu ignorieren, dass der Wiedergeborene und seine Nöte keine Rolle in ihrer, Kaits, Zukunft spielen würden, wenn sie nur den Spiegel beschaffte und ihn nach Calimekka brachte? Sie wusste keine Antwort auf diese Frage, und Amalee reagierte nicht auf ihren stummen Hilfeschrei.
Amalee hätte Kait sagen können, wie sie das Artefakt benutzen musste, um den toten Turben wieder zu beleben und den sterbenden Jayti zu retten. Stattdessen stand der Spiegel nur nutzlos da, weil Kait es nicht wagte, die leuchtenden Inschriften zu berühren, die sich um das vordere Viertel seines Randes zogen. Magische Artefakte konnten tödlich sein. Ohne genaue Anweisung befürchtete Kait, Zerstörung über die Lebenden zu bringen statt Rettung für die Verlorenen. Da sie im Hause Galweigh inmitten seiner tödlichen Rätsel und Mysterien aufgewachsen war, hatte sie gelernt, dass Vorsicht die erste und beste aller Tugenden war. »Halte durch«, bat sie Jayti noch einmal und nahm seine Hand. »Bitte.« Er lächelte, und sie stand auf und wandte sich ab. Ian zog sie beiseite. »Ich muss mit dir reden. Allein.« Sie nickte und folgte ihm aus der Ruine ins Freie. Sobald sie für die anderen außer Sicht waren, nahm er sie noch einmal in die Arme, zog sie dicht an sich und strich ihr über das feuchte Haar. »Ich dachte, ich hätte dich für immer verloren«, sagte er. »Ich möchte dich nicht noch einmal verlieren.« »Es kann sein, dass wir das hier nicht überleben werden«, entgegnete sie. »Ich weiß. Es ist sogar wahrscheinlich. Aber ich weiß, dass ich für den Rest meines Lebens mit dir zusammen sein möchte. Ich liebe dich, Kait. Ich liebe dich mit meinem ganzen Herzen und mit meiner ganzen Seele. Ich würde alles für dich tun ...« Sie drückte ihm die Finger auf die Lippen und sagte: »Psst.« Dann zog sie ihn dicht an sich und betete, dass er nicht Weitersprechen würde. Sie strich ihm übers Haar, schloss die Augen und 49 wünschte sich mit jeder Faser ihres Wesens, dass sie ihn dazu bringen könnte, sie nicht zu lieben. Er bedeutete ihr sehr viel, aber welche Magie auch vonnöten sein mochte, um die Art Liebe zu erschaffen, die er angeblich für sie empfand, sie konnte in sich selbst nichts davon entdecken. Nicht für ihn. Vielleicht überhaupt für niemanden. Er hielt sie fest an sich gedrückt und wiegte sie in seinen Armen. Sie erinnerte sich, dass ihr Vater sie so gehalten hatte, und einen Augenblick lang fühlte sie sich sehr jung und sicher. Dann löste er sich von ihr, blickte ihr in die Augen und sagte: »Heirate mich«, und jedes Gefühl von Sicherheit zerstob. Er sagte: »Ich kann dir nichts anbieten als mich selbst, aber ich werde eine Möglichkeit finden, alles zurückzubekommen, was ich verloren habe. Wir werden nach Calimekka zurückkehren, und es wird dir an nichts fehlen.« Sie schloss die Augen und versuchte verzweifelt, sich auf eine akzeptable Ausrede zu besinnen, die Ausrede, die es ihr möglich machen würde, seinen Antrag abzulehnen, ohne ihm weh zu tun. Plötzlich wusste sie es, und sie dankte dem Gott, der über solche Dinge wachte, auch wenn sie seinen Namen nicht kannte. »Ich weiß, dass wir es irgendwie schaffen werden. Deshalb kann ich auch keinen Heiratsantrag annehmen, ohne zu wissen, ob mein Vater oder meine Mutter noch leben.« Sie beobachtete, wie er über ihren Einwand nachdachte und schließlich seine Logik erkannte; falls ihre Mutter oder ihr Vater noch lebten, musste ein Verehrer zunächst sie um Erlaubnis bitten, bevor er das Thema mit Kait erörterte. So wurden diese Dinge bei den großen Familien gehandhabt. Auf diese Weise hatte sie sich Zeit verschafft, aber der Lösung des Problems war sie immer noch nicht näher gekommen ihre Antwort ließ ihn vielmehr in dem Glauben, dass sie seinen Antrag annehmen würde, wenn ihre Eltern einverstanden waren. Sie wandte sich ab und in diesem Augenblick spürte sie eine zarte Berührung in ihrem Inneren, und fremde Augen blickten 50
durch ihre und sahen die Zerstörung, die sich ihr darbot. Ry Sabir. Ihr Herz raste; sie spürte seinen Jubel, seine Erleichterung ... und seine Nähe. Sie riss einen magischen Schild in die Höhe, der sie abschirmte eines der wenigen magischen Kunststücke, die Hasmal ihr bisher vollständig hatte beibringen können. Sofort verschwand das Gefühl, beobachtet zu werden, das Gefühl, dass sie eine andere Seele in ihrem Körper beherbergte. Sie drehte sich zu Ian um und sagte: »Wir bekommen Probleme.« Er lachte ein bitteres Lachen. »Wir sind auf der anderen Seite der Welt gestrandet, wahrscheinlich die einzigen menschlichen Wesen auf dem Kontinent, und nur vier von uns haben überlebt.« Dann deutete er mit dem Kopf auf die Ruine. »Vielleicht werden es bald sogar nur noch drei sein. Wir haben keine Vorräte, wir mussten das Land um uns herum niederbrennen, der Winter wird noch Monate dauern,
und das Wetter wird mit Sicherheit erst einmal noch schlimmer, bevor es wieder besser wird.« Ian lehnte sich an einen Baum und rieb sich mit den Fingerknöcheln die Augen. Erst jetzt bemerkte Kait, wie erschöpft er aussah. »Ich würde sagen, die Probleme sind schon da.« »Es wird bald ein Schiff hier erscheinen.« Ian starrte sie an, und in seinen Zügen spiegelte sich Ungläubigkeit wider. Sie sah ihm in die Augen und bemerkte, wie aus Ungläubigkeit Hoffnung wurde. »Ein Schiff. Das soll eine schlechte Nachricht sein? Bitte sag mir, dass du noch mehr schlechte Nachrichten hast.« »Das Schiff kommt nicht, um uns zu retten. Ein Feind meiner Familie ist mir über den Ozean gefolgt, indem er eine ... eine Verbindung benutzt hat, die wir beide gemeinsam haben. Ich glaube, es hat mit der Tatsache zu tun, dass wir beide Karnee sind. Dieser Feind hat die Absicht, mich gefangen zu nehmen. Aber du und Hasmal und Jayti...« Sie runzelte die Stirn. »Ich nehme an, dass er und seine Männer versuchen werden, euch drei zu töten. Ihr seid nicht der Grund, der ihn hierher führt, und wenn ihr nicht sei 51 ne Freunde seid, seid ihr Fremde, und Fremde sind häufig nichts anderes als Feinde.« Ian wandte sich von ihr ab und starrte den geschwärzten Hügel vor sich an. »Vielleicht können wir mit ihnen verhandeln. Vielleicht können wir unsere Überfahrt abarbeiten. Vielleicht können wir irgendetwas tun, um dir zu helfen, und indem wir dir helfen, würden wir uns selbst helfen.« Er blickte sie über seine Schulter hinweg an. »Also, über welche Feinde deiner Familie reden wir? Die Dokteeraks? Die Masschankas?« »Über die Sabirs«, sagte Kait. Ian zuckte zusammen. »Ah. Sabirs. Das ist schlimm, oder zumindest könnte es schlimm sein. Ich habe in der Vergangenheit ziemlich unglückliche Beziehungen zu den Sabirs gehabt. Wie klug ich es auch anstellen mag, meine Dienste als Navigator, Steuermann oder was auch immer anzubieten, wenn man mich erkennt, werden die Sabirs mir bestimmt nicht helfen wollen.« Er seufzte und blickte wieder auf die verbrannte Erde hinab. »Ich wünschte, wir hätten früher gewusst, dass die Sabirs uns auf den Fersen sind. Wir hätten etwas vorbereiten können. Wir hätten Schutzwälle errichten und irgendwelche Waffen anfertigen können ...« Er runzelte die Stirn und zuckte mit den Schultern. »Hm, da kann man nichts machen.« Dann fuhr er sich mit der Zunge über die Lippen. »Du weißt nicht zufällig genau, welche Sabirs uns folgen, oder?«, fragte er. Er stellte die Frage durchaus beiläufig, aber Kait hörte dennoch die unter der Oberfläche verborgene Anspannung. »Ich kann es nur von einem mit Sicherheit sagen. Ry Sabir. Es sind möglicherweise noch andere dabei, aber er ist der Einzige, der ...« Auch das letzte bisschen Farbe war aus Ians Gesicht gewichen, als sie sprach. »Der Einzige, der auf diese Weise mit mir verbunden ist. Ian? Was ist los?« »Ry?«, flüsterte er. »Ry Sabir?« Kait nickte. »Kennst du ihn?« Lange Zeit sagte er gar nichts. Dann sah er sie an und war plötz52
lich ein anderer Mann. Kalt. Tödlich. Voller Hass. »Ich kenne ihn«, sagte er. »Wir haben viel zu tun. Wir müssen sein Schiff an uns bringen, und wir müssen ihn besiegen, um das zu tun.« »Drei von uns gegen eine Schiffsmannschaft? Wir können das Schiff nicht mit Gewalt nehmen.« Ian legte beide Hände auf Kaits Schultern und sah ihr fest in die Augen. »Wenn Ry und ich aufeinander treffen, wird einer von uns sterben. Ich weiß, dass meine Chancen, ihn zu töten, nicht gut stehen. Aber wenn ich sterben muss, dann sterbe ich im Kampf.« Er stolzierte mit langen Schritten davon, in Richtung Bucht. Sie sah ihm nach und dachte über die bevorstehenden Schwierigkeiten nach, darüber, wie sie vielleicht eine Katastrophe verhindern konnte. Im Geiste ging sie all die Geschichten noch einmal durch, in denen es kleineren Streitmächten gelungen war, größere zu besiegen. Irgendwo in der Vergangenheit hatte sich jemand, über den sie etwas gelesen hatte, in einer ähnlichen Situation befunden und es geschafft zu überleben. In den meisten Fällen, wie bei der Brejmen-Niederlage der Cathormatischen Horden und bei dem Sieg der Marepori über die Eindringlinge der Jasts, war die kleinere Streitmacht besser bewaffnet und disziplinierter gewesen. Auf geeignetem Gelände, mit den richtigen Waffen und reichlich Zeit für ihre Vorbereitungen, dachte Kait, hätten sie zu dritt vielleicht einen ähnlichen Erfolg erringen können. Aber ohne diese Vorteile ... Es gibt immer eine Möglichkeit zu siegen, hatte General Talismartea in seinem Meisterwerk, dem Buch des Kriegers, geschrieben. Wenn du bereit bist, das Wort Sieg neu zu definieren. Ian hatte den Sieg dahingehend definiert, dass sie Rys Schiff übernehmen und die Mannschaft zwingen mussten, nach Calimekka zurückzusegeln. Aber selbst wenn es ihr und ihren Freunden
gelang, dem Kapitän die Kontrolle über sein Schiff zu entreißen, sie würden durch die Hölle gehen müssen, um sie zu behalten und wenn sie sie verloren, wären sie tot. Aber wie wäre es, wenn sie nicht das Kommando führen müssten, um zu siegen? 53
Sie musste den Sieg neu definieren. Sie würden siegen, wenn sie alle lebend und frei nach Ibera zurückkehrten und der Spiegel der Seelen mit ihnen. Das war das Einzige, was sie brauchten. Wenn sie das Schiff nicht übernehmen und monatelang den Befehl darüber führen mussten, stand es ihnen frei, jede Form einer sicheren Überfahrt als Sieg zu betrachten. Sie konnten nicht darauf hoffen, dass man ihnen eine sichere Überfahrt anbieten würde. Aber sie hatten vielleicht die Hoffnung, eine solche verlangen zu können. Wie das? Ihr kam eine Idee. Sie musste Hasmal und Ian auf ihre Seite bringen, obwohl Ians Reaktion auf Rys Namen in ihr den Verdacht weckte, dass ihm ihr Vorschlag nicht gefallen würde. Dann konnte sie mit List, Verhandlungsgeschick, ein wenig von Hasmals Magie und einer ordentlichen Portion Glück dafür sorgen, dass es funktionierte. Sie fragte sich, ob ihr ihre jahrelangen Studien der Kunst der Diplomatie auch nur annähernd so viel nutzen würden wie ein einziger Tag echter Erfahrung. Sie schloss die Augen, atmete die nach Asche duftende Luft ein und hoffte, dass sie wirklich so viel gelernt hatte, wie sie glaubte.
Kapitel 6 Nachdem Ry drei Tage lang immer mehr zu der Überzeugung gekommen war, dass Kait tot sein musste, waren die winzigen Energieblitze, die ihn mit ihr verbanden, plötzlich wieder aufgetaucht. Er konnte nicht einmal erahnen, was zu ihrem plötzlichen Verschwinden geführt hatte, und er würde nicht versuchen, es herauszufinden. Es genügte ihm, zu entdecken, dass sie noch lebte und noch besser dass sie ganz nah war. Unglaublich nah. Als die Wanderfalke sie ausgesetzt hatte, hatte er durch ihre Augen gesehen, dass sie nicht allein war, aber er wusste nicht, ob von ihren Gefährten irgendjemand überlebt hatte. Er wünschte, er hätte noch einen Blick durch ihre Augen werfen können, um zu sehen, wohin er fuhr, aber sie war wachsam und hielt ihre magischen Schilde so fest um sich herum zusammen, wie eine Frau in einem Schneesturm ihren Umhang um sich halten würde. Nur ein gelegentliches Flackern brach zu ihm durch, das ihn zu ihr führte; er argwöhnte, dass sie sich ebenso sehr vor den Gefahren in ihrer Umgebung verbarg wie vor ihm, aber er konnte ihren Geist nicht berühren, daher war er sich nicht sicher. In dem Augenblick, als der Sog, der von ihr ausging, nicht mehr voraus lag, sondern querab an Backbord, stand er am Bug der Windsbraut und behielt mit ängstlicher Wachsamkeit die Küste im Auge, die sie an Backbordseite liegen hatten. Er hätte weder dem Kapitän noch seinen Freunden erklären können, woher er wusste, dass der Ozean ihn nicht mehr näher an sie heranbringen konnte, aber er wusste es. Daher rief er nur: »Hier! Das ist die richtige Stelle. Von hier aus müssen wir landeinwärts fahren!« Der Kapitän segelte durch den von Rauch durchzogenen Nebel in die Bucht hinein und ging dort vor Anker. 55
Zum ersten Mal sah Ry den Ort, an dem Kait sich versteckte. Regenüberspülte Ruinen übersäten die verbrannten Hügel und Klippen, die zu allen drei Seiten aus der Bucht aufragten. Nicht ein einziger Baum, nicht ein Grashalm oder ein dürrer Strauch boten eine Zuflucht vor dem Meer aus schwarzer Asche, das den Boden bedeckte. Im Laufe seiner Reisen hatte Ry auch Landstriche gesehen, die von einem Vulkanausbruch verwüstet worden waren; was er jetzt vor sich sah, erinnerte ihn an diese Bilder. Er betrachtete das trostlose Panorama und lächelte schließlich. Kaits Stadt der Alten lag vor ihm. Solche Städte gab es auch in Ibera. Aber seit mindestens hundert Jahren war keine Stadt der Alten mehr entdeckt worden, die nicht bereits jahrzehntelang von Schatzsuchern ausgeplündert worden war eine solche Stadt konnte es nur noch in den Novtierras geben. Diese Stadt war nur von einem einzigen Schiff besucht worden. Selbst nach dem Feuer mussten noch unglaubliche Wunder hier zu finden sein; Ruinen, die den Zaubererkrieg und die tausend Jahre Dunkelheit überlebt hatten, würden auch ein Feuer überleben. In diesen verwüsteten Gebäuden verborgen, lagen Bruchstücke eines Wissens, das der Menschheit seit tausend Jahren verloren gewesen war. Mit solchen Schätzen in der Hand konnte er im Triumph nach
Calimekka zurückkehren, sich mit seiner Familie und den Wölfen aussöhnen und seine Freunde wieder in ihre Ämter einsetzen. Er konnte seine Familie zwingen, seine Galweigh-Parata zu akzeptieren. Sobald er Kait gerettet hatte, würde er Zeit haben, auf Erkundungszug zu gehen, aber zuerst musste er sie in Sicherheit bringen. Irgendwo in diesen verbrannten Hügeln wartete sie auf ihn. Sie war so nah, dass er sie beinahe riechen konnte. Die Leidenschaft die Besessenheit , die ihn dazu getrieben hatte, sie rund um die halbe Welt zu verfolgen, durch Sturm und Katastrophen, über einen unkartographierten Ozean in ein vollkommen unbekanntes Land, diese Leidenschaft brannte heller denn je. Sein Blut, seine Knochen, ja sogar seine Seele selbst jubilierten angesichts ihrer Nähe. 56 »Kait«, flüsterte er, »du musst nur noch ein klein wenig durchhalten. Wir sind fast zusammen.« Eine Hand senkte sich auf seine Schultern, und er zuckte zusammen. »Die Männer wollen an Land gehen, um die Ruinen zu durchsuchen.« Der Kapitän stand hinter ihm, und Ry hatte ihn nicht einmal kommen hören. Rys Wissen nach hatte sich ihm niemals zuvor irgendjemand erfolgreich genähert, ohne dass er es bemerkt hätte. Er war zu sehr mit Kait beschäftigt gewesen, zu erfüllt von seiner Erregung. Er musste sie finden, sie besitzen dann würde er sich auch wieder konzentrieren können. »Nein. Ich möchte zuerst allein an Land gehen«, sagte er und hörte das kehlige Knurren in seiner Stimme. Dieses Knurren machte ihm Sorgen. Er war der Verwandlung nahe, kurz davor, zum Tier zu werden. Bei seiner einzigen Begegnung mit Kait waren sie sich in Karnee-Gestalt begegnet, in einer Hintergasse in Halles, vor den Leichen von sieben Mördern. Diesmal wollte er Mensch sein. Er wollte als Mensch mit ihr zusammen sein wollte ihren Mund erst in menschlicher Gestalt kosten, das Vergnügen haben, sie auszuziehen, wollte hören, wie sie mit den seidigen Melodien ihrer menschlichen Stimme seinen Namen flüsterte ... Er atmete tief ein und rang um den Frieden, der seinen rasenden Puls beruhigen würde. Er versuchte nicht, seine Erregung durch reine Willenskraft einzudämmen, denn ein solcher Versuch würde lediglich den Karnee-Teil seiner selbst dazu aufwiegeln, wild gegen die Gitterstäbe seines Käfigs anzukämpfen, und wenn der Karnee sich befreite, würde er außer Kontrolle geraten und ihn, den Menschen Ry, mitreißen. Stattdessen akzeptierte er also sein Verlangen, seinen Hunger, das Jagen seiner Lungen und das Erschauern in seinem Rückgrat und sagte: Später. Später würde er sich all seine Hoffnungen und Wünsche erfüllen. »Ich werde allein an Land gehen«, wiederholte er. »Ich möchte Kait nicht verschrecken wenn ich Männer mitnehme, wird sie vielleicht fliehen.« »Und wenn sie nicht allein ist?« 57
Ry wandte sich noch einmal dieser grauenvollen, verbrannten Küste, diesen geschwärzten Hügeln zu. »Ich kann es mit jedem aufnehmen, den sie vielleicht bei sich hat.« Als zwei Matrosen eines der Langboote für ihn bereitmachten, kam Yanth entschlössen auf ihn zu; zum ersten Mal seit langer Zeit trug er Kleidung aus dem groben Gewebe der Matrosen statt Aufsehen erregender Seide und Leder. »Der Kapitän sagte, du wolltest allein an Land gehen.« »Ich werde allein gehen.« »Wirst du nicht. Ich weiß, du glaubst, deine große Liebe dort zu finden, aber du hast keine Ahnung, was du sonst noch vorfinden wirst. Und ich gehe nicht das Risiko ein, dass du dich da irgendwo umbringst. Das bin ich dir schuldig.« Ry funkelte ihn an. »Du schuldest mir die Loyalität, meine Wünsche zu respektieren. Ich wünsche, allein an Land zu gehen.« »Nein.« Yanth legte eine Hand auf den Griff seines Schwerts und lächelte, aber das Lächeln war ohne Wärme. »Freunde schulden einander niemals Beihilfe zum Selbstmord. Hörst du mich? Ich werde dir ans Ufer folgen, und ich werde dir den Rücken decken.« Ry wandte sich von Yanth ab und umfasste die Reling. »Es gibt nur ein erstes Mal«, sagte er. »Das ist es für uns. Das erste Mal, dass wir uns als Mann und Frau begegnen. Das erste Mal, dass wir uns berühren werden. Das erste Mal, dass wir ...« Er schloss die Augen und beschwor das Bild von Kait herauf, wie sie auf einem Turm stand, und ihr langes schwarzes Haar wehte in der Brise. Er hatte dieses Bild von ihr heraufbeschworen, um es seinen Leutnants zu zeigen. Und genau so sah er sie immer noch vor sich das Kinn emporgereckt, einen wilden Ausdruck in den Augen, die blaue Seide ihres Kleides kaum dazu geeignet, ihre Lebendigkeit in sich aufzunehmen, ihre Leidenschaft, ihre Schönheit. Nachdem er so weit gekommen war, weigerte er sich einfach, diese ersten gemeinsamen Augenblicke mit irgendjemandem zu teilen. »Wir wussten, dass du dich dagegen wehren würdest, wenn wir
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alle dich begleiten wollten«, sagte Yanth nun, »also haben wir einen Kompromiss für dich geschlossen. Wir haben Strohhalme gezogen, und ich habe gewonnen.« Er lächelte und sagte leise: »Ich habe gemogelt, um zu gewinnen, aber das brauchst du den anderen ja nicht zu erzählen. Ich nehme an, dass sie ebenfalls gemogelt haben. Ich musste aber gewinnen. Ich vertraue meinen Fähigkeiten im Umgang mit Schwert und Messer mehr als ihren, und ich war der Meinung, dass ich, wenn du nur einen von uns mitnehmen würdest, der Beste wäre. Also. Du magst mich vielleicht nicht dabeihaben wollen, aber bei allen Göttern, du wirst dich mit mir abfinden müssen.« Yanth hatte gemogelt, ja? Wahrscheinlich hatte er seinen Strohhalm zerbrochen und den längeren Teil in der Hand verborgen, gehalten, und als die anderen ihn zur Rede stellten, hatte er sie mit einem wütenden Blick zum Schweigen gebracht Yanth war im Stande zu so etwas. Nun, Ry konnte ebenfalls mogeln. Er konnte sich bezähmen, ohne Protest vom Schiff herunterklettern und dann tun, was er ohnehin zu tun beabsichtigte. Also seufzte Ry und sagte: »Du wirst dich mir in den Weg stellen, wenn ich nicht einverstanden bin, habe ich Recht?« »Ja.« »Dann steig ein.« Sie ruderten schweigend an Land und zogen das Boot auf den Strand hinauf. Fünf Hügel oberhalb der Flutlinie kennzeichneten fünf Gräber. Eines von ihnen war frisch. Ry warf einen Blick auf die Gräber und sagte: »Du bleibst am besten beim Boot, damit nicht jemand vorbeikommt und es stiehlt. Ich möchte sicher sein, dass wir die Möglichkeit haben, zum Schiff zurückzukommen.« »Du bist ein Lügner.« Ein verzerrtes Lächeln huschte über Yanths Gesicht und war im selben Augenblick wieder verschwunden. »Wenn jemand das verdammte Boot stiehlt, können unsere Freunde in einem der anderen herüberrudern. Wenn du allerdings getötet wirst, während ich hier das Boot bewache, lässt sich das nicht mehr ungeschehen machen. Habe ich Recht?« 59 Ry rümpfte die Nase; obwohl noch immer der Gestank von Kohle und aufgewühlter Erde in der Luft lag, trug ein sauberer Windhauch, der irgendwo aus den Hügeln kam, das schwache und sehnsüchtige Versprechen von Grün und wachsenden Pflanzen in sich ... Er atmete tiefer ein ... und den köstlichen Geruch von einer Mahlzeit, die irgendwo zubereitet wurde. Die Düfte des Kochfeuers vermischten sich mit dem Gestank von verbrannter Kohle und waren deshalb kaum wahrnehmbar, aber als er die Augen schloss, konnte er einen denkbar schwachen Hauch von gekochtem Gemüse riechen, Gemüse, das mit Pfeffer und Rath gewürzt war, und Fleisch, das langsam auf einem Spieß garte, während die Säfte in die Flammen tropften. Der Duft kam aus derselben Richtung, aus der er den zunehmenden Sog von Magie spürte, der ihn zu Kait hinzog. Und sie hatte ihre Schilde ein klein wenig gelockert. Sie war in einer empfänglichen Stimmung. Er lächelte verhalten. Vielleicht wünschte sie sich diesen Augenblick genauso sehr herbei wie er. Er drehte sich zu Yanth um. »Also schön. Dann kommst du eben mit mir. Falls du mit mir Schritt halten kannst.« Er nahm den Hügel im Laufschritt, wobei er sich seinen Weg zwischen den ausgeweideten Ruinen der toten Stadt suchte, so dass sie zwischen ihm und Yanth lagen. Er war Karnee, schneller und beweglicher als jedes menschliche Wesen und mit unmenschlicher Durchhaltekraft ausgestattet. Als Ry den ersten Hügel hinter sich ließ und die Kochgerüche stärker wurden, war Yanth bereits weit zurückgefallen. Yanth würde natürlich seinen Spuren folgen. Aber bis er ihn eingeholt hatte, würde Ry bereits Kait gefunden haben. Und ein wohl verborgenes Plätzchen, wo er mit ihr allein sein konnte. Er lief mühelos durch die Ruinen und sprang über einen schlammigen, reißenden Fluss, all seine Sinne ganz auf Kait konzentriert. Er rannte einen Felsen entlang und bog um die Ecke, wo ihn ein perfekter Halbkreis unverbrannten Waldes erwartete. In der Mitte des Halbkreises stand eine Ruine, die besser erhalten 60 war als die meisten. Und in der Tür der Ruine lehnte eine Frau von durchschnittlicher Größe und schlankem Körperbau, das Haar schwarz wie ein Dschungelfluss, mit blitzenden dunklen Augen und weißen Zähnen, die ein beunruhigendes Lächeln entblößten. Kait. So wie er sie in seinen Gedanken und in seiner Magie gesehen hatte, aber nie in Fleisch und Blut.
Sie war wie er es sich erträumt, wie er es sich vorgestellt und erhofft hatte allein. Sein Herz hämmerte gegen seine Rippen wie ein Tier in der Falle, und er verlangsamte seinen Schritt. Es gab immer nur ein erstes Mal. Er wollte, dass dieser Augenblick etwas war, an das sie sich beide in den kommenden Jahren erinnern konnten für den Rest ihres gemeinsamen Lebens , und zwar voller Glück und Leidenschaft. Er wollte, dass es vollkommen wäre. ' Er trat aus dem dichten Grün, das das Stück unverbrannter Erde umgab. In der schlammigen Asche stehend sagte er: »Vetrome elada, Kait«, die vertrauten Grußworte, die den Liebenden vorbehalten waren, obwohl sie sich niemals wirklich begegnet waren. Vetrome elada. Das bedeutete: Unsere Seelen küssen sich. Kait hatte gewusst, dass er kam. Sie war gewappnet; sie sagte sich, dass sie bereit war. Aber als Ry Sabir in Sicht kam und sie ihn zum ersten Mal als Mann sah, hätte sie beinahe geweint. Er war wunderschön mit goldenem Haar, groß, mager und muskulös. Seine hellen Augen führten sie in die Vergangenheit zurück, in die Gasse in Halles, wo sie sich als Karnee begegnet waren. Sein Duft überwältigte sie, genau wie bei ihrer ersten Begegnung mit ihm. Dieser Duft war wie eine Droge für sie, er schoss geradewegs an aller Logik vorbei, stieß ihre Erziehung und all ihre Kenntnisse der Familienregeln um und untergrub ihre Entschlossenheit, zu tun, was richtig war. Dieser Duft bohrte sich ihr mitten ins Herz, mitten in ihr Inneres. Sie roch den animalischen Hunger in ihm, die unmittelbar bevorstehende Verwandlung; sie atmete sein Verlangen ein und spürte, wie das gleiche Verlangen ihre Adern durchflutete. 61 Er sprach sie an, und seine Stimme war die Stimme aus ihren Träumen, volltönend, tief und glatt auf der Oberfläche und mit einer rauen Schärfe, die darunter lag, gerade so tief verborgen, dass sie sie noch wahrnehmen konnte. Er sagte: Vetrome elada. Wenn sie hätte wählen können, welche Worte aus seinem Mund kommen sollten, hätte sie eben diese Worte gewählt. Unsere Seelen küssen sich. Ihr Geist, ihr Körper und ihre Seele sagten ihr, dass er der Mann ihrer Träume war, derjenige, den sie zu finden gehofft hatte, derjenige, von dem sie nicht geglaubt hatte, dass es ihn gab. Er war die Liebe, von der sie nie geglaubt hätte, dass sie sie einmal finden würde. Er war alles, was sie sich je gewünscht hatte. Und sie würde ihn verraten. Sie musste es tun für den Wiedergeborenen, für ihre Familie und für ihre Freunde, sie musste es tun. Sie sagte: »Du bist ein Sabir, und ich bin eine Galweigh. Wir sind Feinde. Unsere Seelen können sich niemals berühren.« Sie log und wusste, dass es eine Lüge war, sobald die Worte sich in ihrem Mund formten, noch bevor sie über ihre Lippen kamen. Und sie beschloss, dass sie aus der Lüge eine Wahrheit machen würde, denn die Lüge war gut und gerecht, und ihr Begehren war falsch. Sie legte unüberhörbaren Abscheu in ihre Stimme. Verachtung. Sie hatte keine Mühe, den Abscheu und die Verachtung heraufzubeschwören, aber auch wenn er es nicht wissen konnte, sie hatten nichts mit ihm zu tun. Sie hatte sich nie so sehr gehasst wie in diesem Augenblick. Sie hasste ihre Schwäche, ihr Verlangen und ihren Hunger nach ihm; sie hasste die Tatsache, dass sie einen Sabir mit solch überwältigender Leidenschaft begehren konnte, wie sie gerade eben durch ihren Körper wütete ... Und sie hasste sich selbst, weil sie kalt genug, hart genug und grausam genug war, um ihn zu verraten, obwohl sie nichts auf der Welt lieber getan hätte, als auf ihn zuzulaufen und sich in seiner Umarmung zu verlieren. Sie sah ein Abbild ihres eigenen Schmerzes in seinen Augen und bemerkte, dass seine Körperhaltung sich veränderte. Er leug62 nete, was sie sagte, mit steifen Schultern und geballten Fäusten, bevor er es mit Worten leugnete. Er erwiderte: »Ich bin gekommen, um dich zu holen«, und in diese Worte legte er all seine Sehnsucht, all seine Leidenschaft. Tränen brannten in ihren Augenwinkeln. Es verlangte sie nach ihm, genauso sehr wie es ihn nach ihr verlangte; ihre Besessenheit war nicht geringer als seine, nicht anders als seine. »Ich weiß. Ich wünschte ...«, sagte sie, und die Worte platzten aus ihr heraus, bevor sie sie aufhalten konnte. Aber sie gewann schnell die Fassung wieder. Sie hatte nicht bis ins Erwachsenenalter hinein überlebt Karnee in einer Welt, in der Karnee zu sein den Tod bedeutete , indem sie ihren Impulsen nachgab. Sie drückte die Schultern durch, warf das Haar in den Nacken und sah ihn wütend an, zwang sich, daran zu denken, dass er ein Sabir war und dass ihre Familie unter den Händen von Sabirs den Tod gefunden hatte. Sie erinnerte sich an die brennenden Leiber, sie erinnerte sich an die Sabir-Soldaten, die lachend
um den Scheiterhaufen herumstanden, und sie zwang sich, ihn in Gedanken mit diesen Männern zusammenzubringen. »Was ich wünsche, ist ohne Belang. Ich wusste, dass du kommen würdest. Ich wusste seit jener Nacht in Halles, dass du mir nachkommen würdest.« »Du willst mich genauso sehr, wie ich dich will«, sagte er. Er machte einen Schritt nach vorn, auf ihre grüne Zuflucht zu, und sie reckte das Kinn empor und verschränkte die Arme über der Brust. »Ich will dich nicht«, erklärte sie ihm. »Die Karnee-Seite meines Wesens hat keine Macht über mich, und ich will dich nicht.« Sie sah den Anflug eines Lächelns über seine Lippen huschen; ihr wurde klar, dass sie mit ihren Worten praktisch zugegeben hatte, dass die Karnee-Seite ihres Wesens ihn sehr wohl wollte. Er machte einen zweiten Schritt auf sie zu, einen dritten. Sie wollte ihn, sie wollte ihn wirklich, mochten die Götter ihr verzeihen. Sie wollte ihm nicht wehtun. Sie wollte ihn sich nicht zum Feind machen. 63 Er sagte: »Du bist in Fleisch und Blut noch schöner, als du es in meinen Visionen warst.« Sie fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. »Du auch«, flüsterte sie. Der vernünftige Teil ihres Geistes beobachtete sie, wie sie dort standen, und schrie, dass es Wahnsinn sei. Der andere Teil von ihr der Teil, der, wie widerstrebend auch immer, die Existenz von Magie akzeptierte wusste, dass das, was zwischen ihnen geschah, in das Reich der Zauberei fiel. Sie hatte schon früher Begehren verspürt, und das hier war etwas anderes. Sie hatte auch schon geliebt, und seien es auch nur ihre Verwandten gewesen ... und dies hier war auch keine Liebe. Die Welt hatte sich zusammengezogen, bis nur noch für sie und ihn Platz war, für das Blut, das in ihren Ohren pulste, für das Kribbeln ihrer Haut und das plötzliche flaue Gefühl in ihren Eingeweiden. Dann kam er auf sie zu, lief auf sie zu, und einen Augenblick lang vergaß sie sich in ihrem Hunger nach seiner Berührung. Einen Augenblick lang vergaß sie, was sie ihm anzutun beabsichtigte. Er legte seine Hände auf ihre Schultern, und sie atmete einmal tief durch. Sie hätte keine Worte gehabt, um die Vollkommenheit seiner Berührung zu beschreiben, die perfekte Harmonie ihrer beiden Körper. Sie hätte sich in dieser Umarmung verlieren können, sich selbst und all ihre Ideale und Sehnsüchte. Aber wie aus dem Nichts erschien das Messer an Rys Kehle und hinter dem Messer Hasmal. Sie drückte ihm eine Hand flach auf die Brust und sagte: »Keine Bewegung.« Seine Augen weiteten sich, und er erstarrte. Sie spürte das Beben, das ruckartig durch seinen Körper lief. »Keine Bewegung«, sagte sie leise, »oder du wirst sterben. Hier geht es nicht um dich und mich, Ry. Hier geht es um Galweighs und Sabirs, um Wölfe und Falken; eine andere Möglichkeit als diese gibt es nicht.« Ian trat aus der anderen Hälfte des Schildes heraus, den Has 64 mal für sie beide errichtet hatte. Mit gezücktem Schwert kam er lächelnd auf sie zu. Kait konnte Ians Hass sehen, sie konnte ihn riechen. Hasmals Magie hatte die beiden Männer in jeder Hinsicht verborgen gehalten ihren Duft, ihre Gestalt, ihre Bewegung und ihren Schatten, den Klang ihres Atems, ihres Herzschlags und jeder nervösen Regung , aber es hätte niemals so gut funktionieren können, wenn sie sich nicht selbst als Köder angeboten hätte. Sie waren nur deshalb wirklich unsichtbar gewesen, weil Ry seine ganze Aufmerksamkeit auf sie, Kait, konzentriert hatte. Die beiden Männer waren auch für sie selbst erst in dem Augenblick vollkommen unsichtbar geworden, als sie sich in ihrem Verlangen nach Ry verlor. »Wie ...?«, wollte Ry gerade fragen, aber Ian blaffte ihn an: »Sei still, du Mistkerl«, und Hasmal sagte etwas ruhiger: »Auf die Knie.« Kait sah das Erschrecken, den Widerwillen und den Schmerz in seinen Augen und wappnete sich dagegen, das zu tun, was sie tun musste. Sie sagte zu ihm: »Verwandle dich nicht. Die Klinge ist mit Refaille vergiftet du würdest sterben, bevor du deine Verwandlung vollendet hättest.« Sie biss die Zähne zusammen und versuchte mit aller Willenskraft, die Tränen niederzukämpfen, die sich in ihren Augen bildeten. Wir alle bestimmen selbst darüber, was wir mit unserem Leben anfangen, dachte sie. Wir bestimmen, was wir tun, wir bestimmen, was wir sagen. Und wenn wir einen Beschluss gefasst haben, dann zahlen wir den Preis. Er ist der Preis, den ich zahlen muss, um den Spiegel zum Wiedergeborenen zu bringen, um das Leben meiner Freunde zu retten, um meine Eltern, meine Geschwister, meine Familie aus dem
Reich des Todes zurückzuholen. Ry hielt den Blick fest auf sie gerichtet, und sie zwang sich, zuzusehen, was Hasmal und Ian mit ihm machten. Sie drückten ihn auf die Knie hinunter und fesselten seine Hände und seine Knöchel. Sie sagte ihnen, wie sie ihn fesseln mussten, damit das Seil hielt, selbst wenn er sich verwandelte. Sie wandte keinen Moment 65 den Blick von ihm ab. Sie würde nicht feige sein. Sie würde die Konsequenzen ihres Tuns mit ansehen, die Folgen, die ihr Plan mit sich brachte. Sie würde sich nicht vor dem Preis, den sie zahlen musste, verstecken. Auch er ließ sie nicht aus den Augen. Mit seinen Augen sagte er ihr: Ich liebe dich, obwohl du mich verraten hast; der Blick, mit dem sie ihm antwortete, sagte: Ich liebe dich ebenfalls, aber Liebe spielt hier keine Rolle. Etwas in der Luft erregte ihre Aufmerksamkeit, und sie wandte sich ab. Sie teilte die Lippen und holte langsam und bedächtig Atem. Da kam etwas über den Hügel... etwas, das sich alle Mühe gab, keinen Laut von sich zu geben. Ja. Sie sagte: »Es ist ihm jemand gefolgt. Er versucht, uns von hinten zu überraschen.« Sie konnte ihn riechen einen Mann, der nicht darauf achtete, dass der Wind seinen Geruch zu ihnen herunter wehte, weil er nicht an Menschen gewöhnt war, deren Sinne schärfer waren als seine eigenen. Sie drehte sich zu Ry um. »Wie ist sein Name?« Sie konnte sehen, dass er mit dem Gedanken spielte, sie zu belügen. Aber dann senkte er mit flackernden Lidern den Blick auf die vergiftete Klinge an seiner Kehle, und er sagte es ihr. Sie rief: »Yanth! Bleib, wo du bist!« Hasmal sagte zu Ry: »Schweig jetzt. Wir übernehmen das Reden für dich.« Ian fügte hinzu: »Oder für deine Leiche, falls du uns einen Grund dafür gibst. Bitte ... gib uns einen Grund.« Ry drehte langsam den Kopf, nur so weit, dass er aus dem linken Augenwinkel nach oben blicken konnte. Kait sah, wie die ursprüngliche Verwirrung in seinem Gesicht dem Erschrecken Platz machte. »Ian?« »Zumindest erinnerst du dich an mich. Und jetzt ist die Situation umgekehrt, nicht wahr? Nach all diesen Jahren liegt dein Leben in meinen Händen.« Ian sprach mit betont leiser Stimme wie66 ter: »Und ich habe geschworen, mir dein Leben zu holen ... Bruder. Also, wirst du heute sterben?« Kait starrte von einem zum anderen. Bruder? Ian war Rys Bruder? Sie schloss für den Bruchteil einer Sekunde die Augen. Welches Zusammentreffen? Sie liebte den Bruder, den sie nicht haben durfte, und konnte den Bruder haben, den sie nicht liebte und hatte die ganze Zeit über nicht gewusst, dass die beiden Brüder waren? Sie hätte schreien können über diesen Zufall, aber es war wohl kein Zufall, nicht wahr? Die Götter hatten ihre klebrigen Finger tief in Kaits Leben, und sie spielten mit ihr. Machten sich auf ihre Kosten einen Spaß. Stellten ihr so sorgfältig ihre Fallen, wie sie diese Falle für Ry gestellt hatte. »Was zur Hölle habe ich dir je getan?«, murmelte Ry. »Tu so, als wüsstest du es nicht, und du wirst sehen, wie schnell ich dich umbringe.« Ian trat ihn in die Rippen. Kait riss Ian zur Seite und fauchte: »Lass das.« Vom Gipfel des Hügels aus rief Rys Freund runter: »Lasst ihn gehen. Wir werden euch alle umbringen, um ihn zu befreien, wenn es sein muss.« Kait wandte sich widerstrebend ab von Ry und Ian und dem seltsamen Drama, das sich zwischen ihnen abspielte. »Du verschwendest deinen Atem. Zunächst einmal, ich weiß, dass du allein bist. Zweitens, die Klinge an seiner Kehle ist mit Refaille präpariert worden. Wenn uns die Art, wie du die Wimpern bewegst, missfällt, ist er tot, bevor du ein zweites Mal blinzeln kannst.« Nach einer kurzen Pause schien Yanth zu dem Schluss gekommen zu sein, dass er am kürzeren Hebel saß. »Tut ihm nichts. Ich höre euch zu. Sagt mir, was ihr wollt.« Kait sagte: »Setz über zu deinem Schiff. Bring den Kapitän und deinen Parnissa an Land, und erwartet uns unten an den Gräbern. Wir werden uns dort mit euch treffen.« »Welche Garantie habe ich, dass ihr Ry nicht töten werdet, wenn ich ihn hier bei euch zurücklasse?« Kait sagte: »Wenn er tot ist, haben wir keine Chance, mit euch 67 etwas auszuhandeln, und wir haben keine Chance, einen Kampf zu überleben. Solange er uns
gehorcht, wird ihm nichts geschehen.« Sehr leise ergänzte Ian: »Jedenfalls nicht heute.« Die Unterhändler standen am Strand, während hinter ihnen der grollende Puls der hereinkommenden Flut zu hören war. Kait sah sich den Parnissa an, einen jungen Mann mit kalten Augen, der aussah, als verbrächte er jede freie Minute mit dem Studium der Kriegskünste. Der Kapitän dagegen schien Kait ein ebenso vernünftiger wie geduldiger Mann zu sein. Die Gewänder des Parnissas waren aus einer leuchtenden Seide geschnitten und in Grünund Goldtönen gehalten; außerdem waren sie über und über mit den heiligen Symbolen des Iberismus bestickt: dem Auge der Wachsamkeit, der Hand des Fleißes, dem Schwert der Wahrheit, den Waagschalen der Gerechtigkeit, der neunblättrigen Blume der Weisheit. Auch der Kapitän hatte sich seinem Status entsprechend gekleidet: Er trug die grünsilberne Seidenuniform der Sabir-Familie, die in seinem Falle jedoch nach traditioneller, rophetianischer Manier geschnitten war; außerdem hing um seinen Hals eine schwere Silberkette, in die die Insignien des Gottes Tonn gestanzt waren, und in seinen Bart und sein schulterlanges Haar hatte er silberne Perlen geflochten. Yanth stand hinter den beiden Männern, sein Seidenhemd und seine ledernen Hosen so schwarz wie die eines Henkers. Er hielt die Hand auf seinem Schwert und starrte sie wütend an. Kait wusste, wie sie in ihren Augen aussehen musste eine knabendünne Frau in den abgenutzten und geflickten Lumpen der niedrigsten Seeleute, und an den Füßen die viel zu großen Stiefel eines Toten. Sie legte die Hand auf den Knauf ihres eigenen Schwertes mit dem Wappen der Galweighs und Intarsienarbeiten aus Rubinen und kuppelförmig geschliffenen Onyxen. Sie nahm die Schultern zurück und reckte das Kinn hoch empor. Sie war keine Hochstaplerin. Sie trat vor und ließ Ian und Hasmal mit 68 dem am Boden knienden Ry hinter sich zurück. »Ich bin Kaitayarenne, die Tochter von Grace Draclas aus dem Geschlecht Strahan Galweighs. Aufgrund meiner Ausbildung im diplomatischen Dienst, der ich in der Familie Galweigh die Position einer Yanar verdanke, werde ich als Sprecherin meiner Leute auftreten. Sie sind damit einverstanden, und mein Wort ist bindend, im Namen der Götter von Calimekka und Ibera.« Der Kapitän zog eine Augenbraue in die Höhe, eine Geste der Überraschung, die er eilig wieder unterdrückte; es erstaunte ihn, dass sie die Verhandlungsformeln kannte, dann nickte er. »Ich bin Madloo Sleroal. Aufgrund meiner Stellung als Kapitän der Windsbraut, die ich von Tonns Gnaden erhalten habe und im ehrenwerten Dienst der Familie Sabir ausführe, werde ich für meine Leute sprechen. Mein Wort ist bindend, und zwar im Namen von Tonn, und nur im Namen Tonns.« Das war typisch für die Rophetianer. Sie waren nicht bereit, bei den Göttern des Iberismus zu schwören, sondern schworen nur bei dem einzigen rophetianischen Gott des Meeres. Kait konnte das jedoch akzeptieren ein rophetianischer Kapitän, der einen ganzen Ozean zwischen sich und seiner Heimat liegen hatte, würde niemals in Tonns Namen einen falschen Schwur tun. Der Parnissa mit den kalten Augen blickte zwischen dem Kapitän und Kait hin und her, zog die Schnur, mit der er sich seine Robe gegürtet hatte, auf und hielt das schwarze Seidenband in die Höhe. Er sagte: »Ich stehe zwischen den streitenden Parteien. Ich diene nur den Göttern, ohne Loyalität der einen oder der anderen Partei gegenüber, und die Götter überwachen durch meine Augen die Einhaltung aller Bündnisse, Pakte und Abkommen, die an diesem Tag geschlossen werden. Alle Worte, die von mir gesprochen werden, werden vor den Göttern gesprochen, und in ihnen wohnt die Kraft des Seeleneides.« Kait streckte ihren rechten Arm aus, der Kapitän tat es ihr nach, und der Parnissa band sie mit der Schnur zusammen, wobei er mit großer Sorgfalt den Knoten der Unterhändler band. »Aneinander gekettet, schwört ihr vor 69 meinen Augen, ehrlich miteinander zu verfahren, zum Wohle aller. Sollte einer von euch den Bund brechen, so ist euer Leben verwirkt.« Er trat zurück. »Menschen handeln und Götter wachen.« »Menschen handeln und Götter wachen«, sagte der Kapitän. »Menschen handeln und Götter wachen.« Kait atmete langsam ein und stieß die Luft noch langsamer wieder aus, um das bebende Gefühl in ihrem Bauch zu beruhigen. Bei dieser ihrer ersten Verhandlung ging es um ihr Leben und das Leben ihrer Freunde, und das allein würde sie zu einem Furcht erregenden Erlebnis machen. Aber sie musste gleichzeitig den sicheren Transport des Spiegels der Seelen aushandeln, und insofern betraf alles, was sie tat oder nicht zu tun vermochte, die Zukunft der ganzen Welt. Sie fragte sich, wie viele andere unerprobte Diplomatenanwärter in der Vergangenheit um einen solch hohen Einsatz hatten spielen
müssen, und kam zu dem Schluss, dass sie der erste war. »Da Ihr«, sagte der Kapitän und blickte an ihr vorbei zu Ry hinüber, der mit einem Messer an der Kehle in der Asche kniete, »die Verhandlung anberaumt habt, warum sagt Ihr mir nicht erst einmal, was Ihr wollt.« »Meine Wünsche sind einfach. Erstens die Dienste Eures Wundarztes. Zweitens die Garantie einer sicheren Überfahrt und der Freiheit an Bord Eures Schiffes für mich selbst, meine drei Kameraden und unsere Besitztümer sowie unsere Fracht zu dem von uns erwählten Zielort.« »Und der wäre ...?« »Süd-Ibera. Der Hafen von Brelst würde uns genügen.« Sie wusste nicht, wie weit im Süden sich ihre Cousine Danya aufhielt, aber wo Danya war, war der Wiedergeborene und dorthin mussten auch Kait und der Spiegel gelangen. Von Brelst aus konnte sie den Spiegel an jeden Ort bringen, an dem er benötigt wurde. »Ihr verlangt eine ganze Menge von uns: Unser Schiff soll von seinem beabsichtigten Kurs abweichen, unsere Matrosen sollen 70
eine Störung in ihrem gewohnten Alltag in Kauf nehmen, und wir sollen uns den zusätzlichen Gefahren aussetzen, dass wir es mit Piraten, Unwettern, Ungeheuern und Riffen zu tun bekommen können. Was habt Ihr als Gegenleistung zu bieten?« »Ry Sabirs Leben.« Der Kapitän lächelte. »Er ist übers Meer gefahren, um Euch zu retten. Hätte er nicht Euer Wohlergehen im Sinn gehabt, könntet Ihr jetzt nicht sein Leben benutzen, um Eure Bedingungen durchzusetzen.« »Und wenn er gekommen wäre, um uns alle zu retten, wäre ich nicht dazu gezwungen, es zu tun.« »Und wie könnt Ihr so sicher sein, dass er euch nicht alle gerettet hätte?« »Einmal davon abgesehen, dass Ihr davon ausgeht, ich wüsste sicher, dass Ihr zu meiner Rettung gekommen seid. Galweighs und Sabirs blicken nicht gerade auf eine glückliche gemeinsame Vergangenheit zurück wie konnte ich, als mir klar wurde, dass ein Schiff der Sabirs in unseren Hafen segelt, davon ausgehen, dass meine Freunde Eure Freunde sein würden? Und tatsächlich habe ich entdeckt, dass Euer Sabir und unser Kapitän Feinde sind.« Sie führte diesen Punkt nicht näher aus die Götter hatten sie zu beiden Männern hingezogen, die Götter hatten die beiden Brüder zusammengeführt, und jetzt war sie ganz sicher, dass die Götter darauf gewettet hatten, was als Nächstes geschehen würde. Sie dagegen sah keinen Sinn darin, ihre Verhandlungen mit solchen Informationen zusätzlich zu komplizieren. »Also gut«, sagte der Kapitän gelassen. »Wie sieht Eure Fracht aus?« Sie zuckte die Achseln. »Bettzeug. Die wenigen Besitztümer, die die Meuterer nicht gestohlen haben, ein einziges Artefakt, das zu holen wir hierher gekommen sind.« »Sie spricht von dem Spiegel der Seelen«, meldete Ry sich zu Wort. Kait hörte den Schlag, der folgte, und dann Ians Stimme: »Noch ein Wort von dir, und du bist tot und wenn wir mit dir 71 sterben, werden wir wenigstens zuerst deine Freunde in ihr Grab schicken.« Der Kapitän stieß ein leises Schnauben aus, denn er glaubte offensichtlich nicht, was Ry gesagt hatte, aber der Parnissa starrte sie mit großen Augen an. »Der Spiegel der Seelen?« Sie konnte nicht lügen nicht solange sie an den Schwur der Verhandlung gebunden war, wo die Götter ihre Zeugen waren und sie ihr Leben verwirkte, wenn sie die Bedingungen des Schwures brach. Sie sagte: »Ja. Wir haben den Spiegel der Seelen gefunden.« Eine Sekunde lang dachte sie, dass der Parnissa vor ihr auf die Knie sinken würde, aber dann fasste er sich wieder. »Kapitän«, sagte er, und sie hörte das Beben in seiner Stimme, »wir dürfen nicht zulassen, dass der Spiegel irgendwo anders hingelangt als nach Calimekka. Er ist ... er gehört dorthin ...« Er schluckte so heftig, dass sie das Aufundabhüpfen seines Adamsapfels sehen konnte. »Nur die Parnissas dürfen dem Artefakt überhaupt nahe kommen. In den falschen Händen wäre es unsagbar gefährlich es ist dasjenige der alten Drachenartefakte mit der stärksten Magie.« Der Kapitän blickte von dem Parnissa zu Kait. »Hmm«, sagte er. »Sieht so aus, als hätten wir ein Problem.« Kait starrte den Parnissa ungläubig an. Dann sagte sie zu dem Kapitän: »Der Parnissa ist neutral. Indem er Euch eine Vorgehensweise nahe legt oder in irgendeiner Weise in die Verhandlung eingreift, macht er den ganzen Ablauf nichtig und scheidet selbst als Unparteiischer aus. Ohne einen
Unparteiischen können wir nicht verhandeln, und wenn wir nicht verhandeln können, müssen wir Ry töten. Ihr könnt nichts von dem, was er gesagt hat, verwenden. Ihr müsst es vollständig vergessen.« Der Kapitän schloss kurz die Augen und dachte nach. Dann seufzte er. »Ich hasse Diplomaten.« Er blickte zu dem Parnissa hinüber. »Seid einfach still und beobachtet nur, Loelas. Das Mädchen und ich werden diese Geschichte ohne Eure Hilfe regeln. Das hier ist eine Sache, die wir allein abmachen müssen.« 72
Sie nahm eine Regung wahr, die sie überraschte. Ein denkbar schwaches Lächeln huschte über die Lippen des Kapitäns, und ein winziger Hauch von Bewunderung drang an ihre empfindliche Nase. »Dann mal zu, Mädchen«, sagte er. Sie nickte. »Ihr wollt eine sichere Überfahrt für Eure Leute, medizinische Hilfe für einen von ihnen ich nehme an, es handelt sich um jemanden, der nicht hier ist.« »Ja.« »Daran ist nichts auszusetzen. Diese Bedingungen kann ich ohne weiteres erfüllen, im Gegenzug für Rys Leben. Einverstanden?« »Lasst mich zuerst auch den Rest hören.« »Den Rest? Hm, ja, da ist tatsächlich noch mehr.« Sein Lächeln war jetzt deutlicher. Irgendetwas an der ganzen Situation machte ihm Spaß er hatte sich einen Trick einfallen lassen, oder vielleicht wusste er von einem Hintertürchen, das es ihm ermöglichen würde, sein Wort zurückzunehmen. »Ihr wollt, dass wir euch nach Brelst bringen. Das kann ich nicht tun. Wenn wir dorthin kommen, werden die Stürme der Zauberringe ihren Höhepunkt erreicht haben, und Brelst befindet sich im Zentrum von vier solchen Ringen.« Kait dachte darüber nach, dann nickte sie. »Dann handeln wir also einen anderen Hafen aus.« Er schürzte die Lippen und blies die Wangen auf, bis er wie ein Plusterfisch aussah. »Pah! Der Hafen ist nicht das größte Problem. Das Problem ist der Spiegel der Seelen. Was ich über dieses Artefakt gehört habe, ist... Furcht erregend. Damit ich es an Bord meines Schiffes nehme, brauche ich noch eine Zusatzleistung.« »Ich verstehe Eure Position«, sagte sie. »Aber ich kann nicht zulassen, dass der Spiegel der Seelen bei dem Parnissa verbleibt oder nach Calimekka gebracht wird. Wenn das Eure Forderung ist, werden wir hier sterben.« 73
Er kicherte leise. »Ich würde nicht erwarten, dass Ihr Euch bereit findet, dem Parnissa Eure Beute zu überlassen, Mädchen. Ihr habt den ganzen Weg quer über den Ozean hinter Euch gebracht und schrecklichen Gefahren getrotzt, um ihn zu bekommen.« Sie nickte. Und wartete. »Etwas, für das Ihr solche Strapazen in Kauf genommen habt, verdient Ihr zu behalten, nicht wahr?« Sie nickte abermals und spürte langsam, wie sich eine Falle um sie herum schloss, konnte aber nicht sehen, woher die Gefahr kam. »Gut.« Der Kapitän lächelte ein winziges Lächeln. »Denn alles, was Ihr durchgemacht habt, um Eure Beute zu bekommen, hat unser Parat durchgemacht, um Euch zu retten. Und wenn Ihr es verdient, Euren Lohn zu behalten, gebt Ihr mir doch sicher Recht, dass er es verdient hat, seinen zu behalten.« Klick. Die Falle schnappte um sie herum zu, und sie hatte dem Kapitän bereits Recht gegeben, dass die Gitterstäbe dieser Falle solide waren und ihre Verwendung akzeptabel. »Ihr wollt, dass ich mich ... dass ich mich ihm schenke?« »Nein. Ich bestehe nur darauf, dass Ihr sein Quartier mit ihm teilt und während der Rückreise seine Gefährtin bleibt. Im Gegenzug werde ich Euch und Eure Freunde und Ry und seine Freunde sowie Euren Spiegel der Seelen in einen neutralen Hafen bringen: weder nach Brelst noch nach Calimekka. Ich denke, Glaswherry Hala wäre für diesen Zweck vielleicht geeignet. Sobald Ihr an Land seid, könnt Ihr gehen, wohin Ihr wollt. Sollte er beschließen, mit Euch zu gehen, so mag er das tun. Sollte er beschließen, mit mir nach Calimekka zurückzukehren, auch gut. Auf diese Weise erfülle ich meine Pflicht ihm gegenüber und kann gleichzeitig Euren Wünschen Rechnung tragen.« »Ihr könnt ihr unmöglich den Spiegel überlassen!«, empörte sich der Parnissa. »Ihr könnt Kait unmöglich Rys Gesellschaft aufzwingen!«, brauste Ian auf. 74
Der Kapitän sah zuerst den Parnissa an, und einen Augenblick lang sah Kait diesen Anflug von Verachtung aufschimmern, mit dem jeder Kapitän, der ihr je begegnet war, das Parnissat betrachtete. Es war der Blick, den Männer, die wahrhaft frei und Herren über ihr eigenes Leben waren, für jene hatten, die sich für den Weg der Bürokratie entschieden. »Ich kann es tun, und ich habe es getan.« Er wandte sich an Ian. »Und Ihr ... Ihr seid nicht der Kapitän auf meinem Schiff. Ihr seid weniger als nichts Ihr und der Rest Eurer Leute, Ihr werdet nur auf das Wort dieser Frau hin frei sein. Solange sie für Euch spricht, sorge ich dafür, dass man Euch mit Höflichkeit gegenübertritt. Aber Ihr habt keine eigene Stimme. Verstanden?« Kait beobachtete Ian aus den Augenwinkeln. Er erbleichte und nickte. Sie hätte das Angebot gern abgelehnt. Ry und seine Männer würden sie gewiss »begleiten« wollen, sobald sie an Land waren, und sie, Ian, Hasmal und Jayti würden in der Minderheit sein und den Spiegel der Seelen zu guter Letzt doch an die Sabirs verlieren. Sie würden lediglich ihrer Heimat näher sein, wenn sie ihn verloren. In der Zwischenzeit würde sie mit Ry das Quartier teilen müssen, obwohl es ihr schon zu vertraulich erschien, auch nur denselben Kontinent mit ihm zu teilen. Sie konnte nicht verlangen, dass der Kapitän ihr und ihren Leuten den Besitz des Spiegels garantierte, sobald sie wieder an Land waren; das Kapitänsgesetz begann und endete auf dem Meer, und er konnte ihr nichts anbieten, das Ry und seine Männer jenseits der Planken seines Schiffes zu etwas verpflichtete. Außerdem war es ihre Idee gewesen, mit ihm zu verhandeln sie konnte jetzt kaum erklären, dass sie auch mit Ry verhandeln wolle. Wenn sie zu viel verlangte, würde sie alles verlieren. Sie hätte dem Kapitän am liebsten ins Gesicht gespuckt und ihm gesagt, dass sie ihn eher in der Hölle wieder sehen würde. Aber sie hatte das Wort Sieg dahin gehend definiert, dass sie ihre Leute und den Spiegel sicher übers Meer und zu dem Wiederge75
borenen bringen würde. Der Handel, den der Kapitän ihr vorschlug, garantierte ihr zumindest einen vorübergehenden Sieg und sie würde die ganze Reise Zeit haben, um sich zu überlegen, wie sie daraus einen dauerhaften Sieg schmieden konnte. Sie sah dem Kapitän fest in die Augen. »Ihr schwört, das Leben meiner Freunde zu schützen, als gelte es das Leben Eurer eigenen Familie oder Mannschaft, Ihr schwört, unsere Fracht zu schützen, als sei es Eure eigene, und uns sicher in einen Hafen zu bringen, der nicht Calimekka ist? Ihr schwört, dass Ihr uns alle gehen lasst, sobald wir dort ankommen, und dass Ihr uns gestattet, den Spiegel der Seelen mitzunehmen?« »Ich schwöre.« Sie sah die Aufrichtigkeit in seinen Augen und roch Ehrlichkeit in seinem Atem. »Und Ihr werdet es zufrieden sein, dass ich meinen Teil des Handels eingehalten habe, wenn ich einen Raum mit Ry Sabir teile und ihm tagsüber als Gefährtin aufwarte; Ihr verlangt nicht, dass ich seine Geliebte oder seine Eylayn werde.« »Das ist richtig.« »Ich bringe dich um, wenn du sie anrührst, du Bastard«, hörte sie Ian Ry zuzischen, aber diese Drohung kam viel zu leise, als dass die anderen sie hätten hören können. Kait seufzte. »Dann akzeptiere ich Eure Bedingungen für meine Kameraden.« Nun hatte der Kapitän noch eine Frage an sie. »Euer Ehrenwort erstreckt sich auch auf Eure Kameraden, und Ihr werdet Euch meinem Urteil ohne Frage oder Einwände beugen, falls einer von ihnen dieses Ehrenwort bricht?« Kait drehte sich um und warf Ian einen Blick zu, der klar und deutlich sagte: Wenn du mich ihm auslieferst, sorge ich dafür, dass du es den Rest deines Lebens bezahlst, dann antwortete sie dem Kapitän: »Das schwöre ich.« »Dann akzeptiere ich Eure Bedingungen für meine Leute.« Der Parnissa bedachte sie beide mit einem wütenden Blick, trat 76 aber zwischen sie und klopfte leicht auf den Knoten der Schnur, mit der sie aneinander gebunden waren. »Ihr Götter, wacht über diese Taten der Menschen, denn diese beiden haben im Interesse aller und im Geiste der Gerechtigkeit gehandelt und einen ehrlichen Handel miteinander geschlossen«, sagte er mit schroffer, mühsam beherrschter Stimme. Die Worte klangen wie auswendig gelernt, wie ein Gedicht, das ein aufgebrachtes Schulkind gegen seinen Willen hersagen muss. »Das Abkommen ist jetzt Gesetz und unterliegt den Strafen der Gesetze von Matrin und dem Schleier.« Wieder klopfte
er auf den Knoten. »Ich bezeuge, beurkunde und berichte.« Als sein Finger zum dritten Mal den Knoten berührte, löste er sich wie von Zauberhand, aber Kait konnte sehen, dass er lediglich auf besonders raffinierte Weise geschlungen worden war. Kait drehte sich zu Ian und Hasmal um. »Löst Rys Fesseln und lasst ihn gehen.« Keiner der beiden Männer war glücklich darüber, aber beide gehorchten. Ry erhob sich, strich sich die Asche aus dem Gesicht und rieb sich seine aufgeschürften Handgelenke. Er sah Ian an, und der Hass, der zwischen den beiden Männern vibrierte, war förmlich sichtbar. Kait hatte geschworen, dass sie Ian unter Kontrolle halten würde, unter Einsatz ihres Lebens, wenn der Kapitän so entschied; sie fragte sich, ob Ians Liebe zu ihr genügen würde, um sich dem Ehrenwort zu unterwerfen, oder ob er sie opfern würde, um an Ry heranzukommen. Aber auch in Rys Augen stand Tod. Tod für Ian. Er lächelte eine angespannte, hässliche Grimasse von kaum beherrschtem Zorn und ging mit langen Schritten über den Strand, wo Yanth und der Parnissa standen. Der Kapitän sagte: »Würdet Ihr es vorziehen, als Erste auf sein Schiff überzusetzen, Parata?« Kait hatte Angst, auch nur einen ihrer Leute allein zurückzulassen, ganz gleich, ob der Schwur des Kapitäns ihn schützte oder 77
nicht. Sie blickte den Hügel hinter sich hinauf und sagte: »Ich würde lieber als Ersten unseren Verletzten an Bord bringen. Der Spiegel kann dann mit Hasmal, Ian und mir hinübergerudert werden.« Der Kapitän lächelte. »Ganz wie Ihr wollt.« Kait führte ihre beiden Kameraden und Rys Leute zurück durch die Hügel, zu Jayti und dem Spiegel der Seelen, und fragte sich, wie qualvoll die vor ihr liegende Reise wohl werden würde.
Kapitet Ohaid Galweigh, Anwärter auf das Galweigh-Paraglesiat, führte sein Gefolge von Diplomaten, Händlern und Wölfen in die prachtvolle Palmenhalle der Sabirs. Er war der erste Galweigh, der seit vierhundert Jahren als Gast im Hause Sabir empfangen wurde, und wenn er auch nicht das große Galweigh-Haus in Calimekka repräsentierte, sondern nur das Haus Cherian in Maracada auf der Insel Goft, dann war dies eine Tatsache, die sowohl er als auch seine Gastgeber aus den Reihen der Sabirs nur allzu gern übersahen. Er nahm seinen Platz auf dem gewaltigen Stuhl aus vergoldetem Elfenbein an einem Ende der langen Tafel ein und nickte den beiden Männern zu, die am anderen Ende saßen, auf Stühlen von ähnlicher Pracht. Einer war der Paraglese der Sabirs, Grasmir Sabir, ein alter, majestätischer Löwe von einem Mann; der andere war ein gut aussehender Mann namens Crispin Sabir, der wunderschönes goldenes Haar und ein warmes, unbefangenes Lächeln hatte, das Shaid instinktiv gefiel. Die beiden Sabirs hatten persönlich jedes Mitglied der Delegation begrüßt, bevor sie zusammen in die Palmenhalle gegangen waren; jetzt gab Grasmir endlich ein Zeichen, und die Besprechung begann. »Wir haben sowohl alte als auch neue Angelegenheiten zu erörtern«, sagte Grasmir mit einem schiefen Lächeln. »Die alten Dinge reichen in eine Zeit, die mehr als vierhundertfünfzig Jahre zurückliegt; vielleicht sollten wir diese Dinge bereinigen, bevor wir uns Themen von unmittelbarem Interesse zuwenden.« Mehrere Galweighs und Sabirs, die um den Tisch herumsaßen, lachten leise auf. »Als amtierendes Oberhaupt der Familie Galweigh muss ich sagen, dass das auch langsam Zeit wird.« 79 »Also schön. Zu den alten Angelegenheiten. Die Familienurkunden berichten von einem Streit zwischen Arathmad Karnee und seinem Partner Perthan Sabir, bei dem es um die Mitgift von Arathmads Tochter ging. Die Tochter sollte den Sohn der Sabirs heiraten, sobald die beiden volljährig waren damals waren beide noch kleine Kinder. Perthan beschuldigte Arathmad, seinen Sohn zu beleidigen, indem er eine so kleine Mitgift anbot; Arathmad sagte, Perthans Sohn sei hässlich und spindeldürr, und der einzige Grund, warum er ihm seine Tochter anbiete, sei die Tatsache, dass er Perthans einziger Freund war und Perthans Sohn sonst nie eine passende Braut finden würde. Die Auseinandersetzung wurde immer bitterer geführt, die Partner lösten ihre geschäftliche Verbindung, die allen Beweisen nach in der Ausübung von verbotener Magie bestand. Und obwohl die Geschichte in diesem Punkt ziemlich vage ist es belegte einer der beiden Partner den anderen mit einem Fluch. Die Sabirs haben immer behauptet, der Schuldige sei Arathmad Karnee gewesen.« Shaid nickte. »Und die Galweighs haben stets darauf beharrt, Perthan Sabir habe den Zauber gewoben.«
Jene am Tisch, die diese Geschichte das erste Mal hörten, schüttelten den Kopf. »Und das hat vierhundertfünfzig Jahre Krieg innerhalb der Familien ausgelöst?«, fragte jemand. Shaid und Grasmir sahen einander von gegenüberliegenden Enden der Tafel an und lächelten. Grasmir nickte Shaid zu, der daraufhin sagte: »Nicht ganz. Sowohl Perthan als auch Arathmad starben an den Nachwirkungen des Zaubers einer an dem Zauber selbst und der andere an dem, was die Historiker als Rewhah bezeichnen. Dabei handelt es sich anscheinend um eine Art magischen Rückstoß, der aus der Benutzung von Magie resultiert.« Er wusste mehr über diese Dinge, und er vermutete, dass dasselbe für Grasmir galt niemand befehligte lange die Wölfe der Familie, ohne zu wissen, wo ihre Stärken und Schwächen lagen. Ihre Anfälligkeit für die Rewhah war eine große Schwäche. Aber man 80
musste allzeit den Schein wahren, und die Behauptung, frei von jedweder Magie zu sein, hatte schon mehr als einem Mann das Leben gerettet. Einer der jüngeren Sabirs fragte: »Aber wenn die beiden zerstrittenen Prinzipale starben, warum ging der Streit dann weiter?« Grasmir sagte: »Weil auch beide Kinder von dem Zauber getroffen wurden wenn auch nicht sichtbar. Die Nachwirkungen wurden erst offenkundig, als beide Partner wählten und Kinder bekamen. Ihre Kinder waren Narbige. Jemand bezeichnete diese Vernarbung als den Karnee-Fluch. Die Kinder waren Gestaltwechsler. Gefährliche, todbringende und unberechenbare Geschöpfe. In Calimekka wurde schon immer der Gaerwantag gefeiert der Tag der Säuglinge , und natürlich wurden alle narbigen Kinder geopfert. Nur dass die Eltern der Sabirkinder ebenso wie die Eltern der Karneekinder (jener Familienlinie, die sich mit den Galweighs verschmolz und schließlich in ihnen aufging) ihre Pflichten als Bürger vernachlässigten. Sie versteckten ihre Kinder, und den Ungeheuern wurde gestattet, erwachsen zu werden und sich zu vermehren.« Grasmir Sabir seufzte und schüttelte bekümmert den Kopf. »Beide Familien tragen noch heute einen Anflug dieser Vernarbung in ihrem Blut. Die narbigen Kinder waren der Grund für den jahrhundertelangen Krieg zwischen den Familien.« Bei diesen Worten waren die Gesichter der Gäste ernster geworden; tausend Jahre nach dem schrecklichen Zaubererkrieg konnte man noch immer die magischen Auswirkungen deutlich erkennen; sie offenbarten sich jedem, der sich in den Hafen wagte und die narbigen Sklaven bei der Arbeit an den Schiffen sah oder den Hinrichtungen der törichten Ungeheuer beiwohnte, die es wagten, sich als Menschen auszugeben, und nach Ribera gekommen waren. Kein wahrer Mensch vergaß je, dass die Narbigen nach dem Krieg Jagd auf Menschen gemacht und so viele wie nur möglich getötet hatten. Der bloße Gedanke an Mitglieder ich81 rer eigenen Familienlinie, die solche Gräuel am Leben gelassen hatten, statt sie zu opfern, entsetzte sie alle. Grasmir blickte von Gesicht zu Gesicht und seufzte schließlich. »Beide Familien haben sich in dieser Hinsicht schuldig gemacht, obwohl es uns zu diesem späten Zeitpunkt unmöglich ist aufzudecken, welcher der beiden Prinzipale größere Schuld trug.« Er brachte ein schwaches, müdes Lächeln zustande. »Und ich sage, dass es nicht länger von Belang ist. Lasst uns die Angelegenheit ein für alle Mal als bereinigt betrachten, lasst uns die Torheiten der Vergangenheit vergeben und uns der Zukunft zuwenden.« Shaid ließ eine winzige Zeitspanne verstreichen, um eine größere Wirkung zu erzielen. Dann stand er auf und applaudierte. Überall um den Tisch herum folgten andere Mitglieder der Delegation der Galweighs seinem Beispiel, sprangen auf die Füße und klatschten begeistert in die Hände. Auch die Sabirs erhoben sich. Grasmirs Lächeln wurde immer breiter, und als der Applaus schließlich erstarb, ließ er sich mit einer Miene größter Zufriedenheit auf seinen Stuhl sinken. »Dann betrachte ich es also als abgemacht, dass die Familien Sabir und Galweigh die Vergangenheit hinter sich lassen.« Weiterer Applaus antwortete auf diese Erklärung. Ohne sich dabei allzu auffällig zu benehmen, sah Shaid sich auf der Suche nach Andersdenkenden im Raum um. Er konnte niemanden entdecken. Ein wunderbares Ergebnis. In dem Schweigen, das dem Applaus folgte, stand er auf und sagte: »Dann ist jetzt wohl die Zeit gekommen, uns den neuen Angelegenheiten zuzuwenden, die uns heute hier zusammengeführt haben.« Er wartete, bis überall im Raum seine Gäste zustimmend nickten. Die Hände vor der Brust
gefaltet, sagte er: »Nun denn. Die Sabirs und die Galweighs aus Goft sehen sich sowohl einem Problem als auch einer großen Chance gegenüber, und da unsere Familien entschlossen sind, vergangene Meinungsverschiedenheiten hinter sich zu lassen, können wir vielleicht zusammen daran arbeiten, die Gelegenheit zu ergreifen und das Problem aus 82
der Welt zu schaffen.« Er räusperte sich und wusste plötzlich nicht mehr weiter. Er sah sich im Raum um. Die Gesichter, die ihm entgegenblickten, gehörten Freunden und Verbündeten, aber auch Männern und Frauen, die noch am Vortag geschworen hatten, alles zu seiner Vernichtung zu tun. Jetzt sahen ihn alle mit einer Variation desselben Themas an Neugier durchmischt mit einem Anflug von Habgier und einem Hauch von Erregung ... und einer Prise Furcht. Insbesondere fielen ihm Crispin Sabirs Augen auf voller Eifer und Faszination, aber dennoch wachsam. Es waren die Augen eines Mannes, der stets bereit ist, jeden Vorteil zu ergreifen und ihn sich zunutze zu machen. Am besten spielte er die Trumpfkarte der Erregung als Erste aus. »Was unsere Chance betrifft... nun, in unserer Generation ist es bisher niemandem gelungen, eine neue Stadt der Alten zu entdecken. Ein Mitglied des calimekkanischen Zweiges der Galweighs, eine Frau, charterte ein Schiff; sie tat das mit Geld, das sie aus dem Schatz von Goft stahl, und sie handelte aufgrund von Informationen, die sie den Archiven im Haus Goft entnahm. Sie segelte nach Osten und fand tatsächlich die Stadt, nach der sie suchte.« Er beugte sich vor und stützte sich mit den Händen auf den Tisch. Eine junge Frau der Sabirs schien erstaunt zu sein, dass er die Entdeckung eines solchen Schatzes durch ein Mitglied seiner eigenen Familie zugab, selbst wenn das betreffende Mitglied nicht die offizielle Erlaubnis der Familie hatte. Hätte er die Tatsache geheim gehalten, dass Kait aus eigenem Antrieb nach Osten gezogen war, hätten die Galweighs unanfechtbare Ansprüche geltend machen können. Einige Mitglieder von Shaids eigener Delegation schienen überrascht und vor den Kopf gestoßen zu sein, dass er so offen zur Sache kam. Schließlich hatte er mit diesen wenigen Worten die Ansprüche der Galweighs zunichte gemacht, so dass Kait das alleinige Recht auf ihre Schätze hatte, sofern sie 83
überlebte. Und wenn sie starb, würde alles an den Meistbietenden gehen. Er hatte jedoch auch unter Beweis gestellt, dass er bereit war, geradezu brutal ehrlich zu sein. Seiner Meinung nach war es die beste Verhandlungsgrundlage, sich den Anschein absoluter Aufrichtigkeit zu geben. Er hatte schon vor langer Zeit gelernt, dass ein unerwartetes Zugeständnis gleich zu Anfang einer Verhandlung den Feind derart aus der Fassung brachte, dass er anschließend weniger vorsichtig in seinem Tun war. »Wir haben ... Spione ..., die diese junge Frau auf Schritt und Tritt beobachtet haben. Sie hat ein Artefakt von immenser Bedeutung gefunden. Wir vermuten, obwohl wir uns noch nicht absolut sicher sein können, dass es sich um den Spiegel der Seelen handelt.« Er hörte ein befriedigendes Aufkeuchen vieler seiner Gäste. Allerdings nicht von Crispin oder Grasmir Sabir. Natürlich nicht. Ihre Wölfe hielten sie gewiss genauso über die Situation auf dem Laufenden, wie Shaids Wölfe es in seinem Falle taten. »Nach dem, was wir in unseren Archiven feststellen konnten, wäre der Spiegel der Seelen ein hervorragendes Werkzeug in den Händen von Freunden, aber eine vernichtende Waffe in den Händen von Feinden. Kait Galweigh, die Entdeckerin dieses Artefakts, hat sich zur Feindin des Hauses Goft gemacht. Weil sie sowohl Geld als auch Informationen von uns stahl, um den Spiegel an sich zu bringen, können wir starke Ansprüche auf ihn geltend machen, auf ihn und auf die Ruinen, in denen er gefunden wurde. Wir wollen diesen Spiegel haben. Für eure Mitwirkung bei der Wiederbeschaffung des Spiegels und für einen Verzicht eurerseits auf jedwede Ansprüche, den Spiegel betreffend, bieten wir euch die Hälfte der Ruinen an. Weiterhin bieten wir euch unsere Sachkenntnis und unsere Hilfe bei dem Versuch an, das in die Hände zu bekommen, was die Sabirs am meisten begehren.« Crispin Sabir lachte leise und fragte: »Was ist es denn, das die 84
Sabirs von Calimekka nach Meinung der Galweighs von Goft am meisten auf der Welt wünschen?« Shaid erhob sich sehr aufrecht und antwortete mit einem gelassenen Lächeln auf die Frage. »Das Haus
Galweigh. Wenn die Sabirs Haus Galweigh beherrschten, hätten sie die Kontrolle über die ganze Stadt, über ganz Calimekka. Die Galweighs von Goft werden euch den unangefochtenen Anspruch auf das Haus und seinen Inhalt überlassen. Natürlich erwarten wir von euch, dass ihr ... ah, dass ihr eure Ansprüche rechtfertigt, indem ihr sämtliche Abkömmlinge der calimekkanischen Galweighs tötet, die euren letzten Überfall auf das Haus überlebt haben.« Lange Sekunden verstrichen, und die Stille im Raum wog schwer genug, um die steinernen Mauern der großen Halle leise knacken zu lassen. Dann brach ein Hagel von Fragen über Shaid Galweigh herein. »Ich finde, das ist recht gut gelaufen«, sagte Veshre Galweigh. Sie war das Oberhaupt der Wölfe von Goft, eine Zauberin von ungeheurem Talent und einer gefährlichen Wildheit, doch verbarg sie diese Wildheit hinter einem fröhlichen Wesen und einem angenehm rundlichen Äußeren. Shaid löste seine Aufmerksamkeit von dem bezaubernden Ausblick auf die Landschaft, die unter dem Fluggerät dahinglitt, und lehnte sich in dem gepolsterten Sitz zurück. »Wahrscheinlich nicht so gut, wie es den Anschein hatte; dennoch, ich bin zufrieden.« »Du solltest außer dir vor Freude sein.« Veshre stieß einen verächtlichen Laut aus. »Sie haben sich bereit gefunden, uns ihre Truppen zur Verfügung zu stellen, damit wir eines von ihren Schiffen angreifen können. Sie sind bereit, uns den unangefochtenen Anspruch auf den Spiegel der Seelen zu überlassen und dieses Frauenzimmer, Kait, zu vernichten. Und sie sind einverstanden, die einzigen Personen zu töten, die zwischen dir und dem Haus Galweigh stehen. Du dagegen hast bereits die Dokteeraks bereitstehen, damit sie die überlebenden Sabirs auslöschen, nach 85
dem sie Haus Galweigh eingenommen haben, aber bevor sie Ansprüche darauf erheben können. Das war wirklich ein Meisterstück der Verhandlungskunst, der brillanteste Schachzug, den ich je mit angesehen habe.« Shaid seufzte. »Perowin, der größte Diplomat der Alten, sagte einmal: Diplomatie ist die Kunst, deinen Feind dazu zu bringen, sich selbst für dich die Kehle aufzuschneiden, ihn davon zu überzeugen, dass er es draußen macht, wo er keine Schweinerei hinterlässt, und ihn gleichzeitig in dem Glauben zu wiegen, er habe das beste Geschäft gemachte Ich beabsichtige, genau dieses Geschäft eines Tages zu machen, aber in der Zwischenzeit ...« Er dachte kurz nach, dann grinste er breit und brach schließlich in Gelächter aus. »In der Zwischenzeit bin ich bei allen Göttern der Sache doch schon ziemlich nahe gekommen, hm?« Auf dem Innenhof neben der Palmenhalle schlenderten drei schwarze Rehkitze zwischen dem Springbrunnen und dem Wasserfall einher und taten sich an Hibiskusblüten gütlich. Auf einer Rotunde, die ein gutes Stück abseits des Wasserfalles lag, spielte ein Orchester rophetianischer Musikanten Dool dlarmas traditionelle rophetianische Tanzmelodien zur Unterhaltung der Familie. Crispin Sabir saß auf dem Fenstersims in dem Raum über der Halle, beobachtete die Reihe und die Tänzer und lauschte der fröhlichen Musik, die seiner Stimmung entsprach. Sein Bruder Anwyn, der den Inhalt der Regale an der Innenmauer durchstöberte, sagte: »Der letzte Mistkerl, der hier drin war, hat den Paurel ausgetrunken und keine neue Flasche hingestellt.« Crispin lachte. »Ich glaube, dieser Bastard warst du selbst. Du bist der Einzige in der Familie, der dieses abscheuliche Zeug trinkt, und wenn du es tust, bist du anschließend so betrunken, dass du dich nicht einmal mehr daran erinnern kannst.« Anwyn ging in die Hocke, wobei er sich alle Mühe gab, auf seinen Pferdehufen nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Er rieb sich geistesabwesend die Hörner, die sich aus seiner Stirn emporwölb86 ten. Kurze Zeit später sagte er: »Wenn ich so darüber nachdenke du könntest durchaus Recht haben. Ich habe erst vor einer Woche ein Mädchen mit hierher gebracht. Möglich, dass ich den Paurel bei der Gelegenheit getrunken habe.« Nach jahrelanger Vermehrung seiner Narben, die auf die ständige Anwendung von Darsharen zurückging die Opfermagie der Wölfe , war an Anwyns Körper nichts Menschliches mehr verblieben. Abgesehen von den Hörnern und den Hufen ragten aus seinem Rückgrat und den Gelenken Stacheln hervor, Schuppen bedeckten die einst glatte Haut, und aus seinen Fingerspitzen wuchsen nach unten gebogene Krallen. Crispins Körper hatte genauso viel von der Rewhah, dem magischen Rückstoß, mitbekommen wie Anwyns, aber da Crispin ein Karnee war, hatte sein Körper diese negative Magie absorbiert und die damit verbundenen Veränderungen auf dieselbe Weise abgewehrt, auf die er nach
einer Verwandlung wieder in seine menschliche Gestalt zurückzukehren vermochte. Anwyn, dem die Vorteile des Karneefluchs nicht zu Gebote standen, war in einer zunehmend Grauen erregenden Gestalt gefangen. Crispin zog eine Augenbraue hoch. Kein Mädchen suchte je freiwillig Anwyns Nähe. »Ein Mädchen?« Anwyn hatte sich wieder dem Inhalt der Regale zugewandt, auf der Suche nach etwas, das ihm genauso sehr zusagte wie das schwere, bittere Knollenbier, das er am liebsten mochte. Er ließ sich Zeit bei der Antwort. »Andrew hat sie mir aufgetrieben ein Straßengör von einigem Format und mit Prinzipien. Sie dachte, sie würde mit allem fertig.« »Bis sie dich traf.« »Bis sie mich traf, in der Tat.« Anwyn lachte auf. »Und als du mit ihr fertig warst, hat Andrew sie ... sich ausgeborgt?« Anwyn zog eine dunkelgrüne Flasche, die ganz hinten auf dem unteren Regal gestanden hatte, hervor und sagte: »Ha! Ich dachte, die hätte ich für später weggestellt.« Es war eine Flasche Lak87
kar, Bier von grünen Mangos, und für Crispin nicht minder ungenießbar wie Paurel. Anwyn entkorkte die Flasche und schlenderte zum Fenster hinüber, wobei seine Pferdehufe sich mit einem scharfen Klicken über den Marmorfußboden bewegten. Er ließ sich Crispin gegenüber auf einen Stuhl fallen, nahm einen Schluck von seinem Getränk und seufzte. »Sie war nicht jung genug, um Andrews Interesse zu wecken. Du kennst ja seine Vorlieben.« Er zuckte die Achseln. »Ich habe mit ihr gespielt, bis sie zerbrochen ist. Dann habe ich sie in den Windgarten gebracht. Die Glockenblumen wurden langsam grau und ließen die Blüten schon hängen, bevor ihr Samen reif war; ich dachte, sie könnten ein wenig Düngung vertragen.« »Ich bin froh, dass du aufgepasst hast. Ich hatte in letzter Zeit zu viel um die Ohren, um mich um irgendwelche Pflanzen zu kümmern, aber es wäre mir grässlich, die Glockenblumen zu verlieren. Sie sind so zauberhaft, wenn sie Früchte tragen. Ich werde sie mir ansehen, wenn ich das nächste Mal im Westflügel bin nur um mich davon zu überzeugen, dass der Dünger gewirkt hat.« Crispin nippte an seinem eigenen Getränk und lehnte sich an den kühlen, glatten Marmor des Fensterrahmens. »Wenigstens habe ich sie nicht umsonst vernachlässigt. Es sieht so aus, als würde sich all die Arbeit auszahlen. Die Versammlung ist recht gut gelaufen, meinst du nicht auch?« »Man kann sich gar nicht vorstellen, dass es besser hätte sein können. Ich wünschte, ich wäre persönlich dabei gewesen wie gerne hätte ich all die Gesichter aus der Nähe gesehen, als deine Galweighs ihre Seite des Geschäfts klarmachten.« Anwyn trank noch etwas von dem Mangobier und schüttelte dann den Kopf. »Sie haben wahrscheinlich überhaupt keine Probleme in ihrem Plan gesehen?« »Falls sie es haben, haben sie jedenfalls nicht davon gesprochen.« »Erstaunlich. Sie sind bereit, zwei ihrer Fluggeräte für den Angriff auf Ry und dieses Frauenzimmer aus ihren eigenen Reihen 88
zur Verfügung zu stellen? Und Soldaten? Und sie lassen ihre Truppen gegen ihre eigene Familie antreten?« Anwyn lachte. »Dann stellt sich nur noch eine Frage: Sind sie wirklich so naiv, oder halten sie sich für besonders klug?« »Ich habe ihren Paraglese so verstanden: Er ist ein unbedeutender Ränkeschmied, ein Betrüger im Grunde, aber er sieht sich als zukünftiges Oberhaupt eines großen Galweigh-Imperiums. Er hat gewiss nicht die Absicht, das Haus Galweigh irgend jemandem kampflos zu überlassen ich denke, mit geschlossenen Augen sieht er sich dort am Kopf der Tafel sitzen, wie er Armeen und Armada mit einem Fingerschnippen quer durch die bekannte Welt kommandiert. Er mag uns für Narren halten, aber vielleicht glaubt er, sein doppeltes Spiel würde genügen, uns aus dem Weg zu schaffen.« »Dann meinst du also nicht, dass er die Absicht hat, zu seinem Wort zu stehen.« Jemand klopfte an der Tür. »Den Sabirs gegenüber? Natürlich nicht.« Crispin stand auf, um die Tür zu öffnen, und sah sich seinem Cousin Andrew gegenüber. »Ich habe mir schon Gedanken gemacht, wo du geblieben bist«, sagte er. Andrew haftete noch immer der Geruch von Blut an und der Geruch von einem Kind. Crispin zog die Nase kraus und wandte sich angewidert zu seinem Bruder um. »Würdest du zu dem Wort stehen, das du einem Galweigh gegeben hast?«
Kapitel 8
'Tief unten im Frachtraum der Windsbraut hockten Kait und Hasmal neben dem Spiegel der Seelen, um das Schott hinter ihm mit Lumpen zu polstern und das Artefakt inmitten der anderen Ladung des Schiffes festzuzurren. Ian und der Wundarzt des Schiffes kümmerten sich um Jayti, und der größte Teil der Mannschaft war zwischen den Ruinen auf der Suche nach Beutestücken, die sie mit nach Hause nehmen konnten. Diejenigen, die an Bord geblieben waren, schliefen oder führten notwendige Reparaturen aus. Daher waren Kait und Hasmal allein, obwohl Kait fest damit rechnete, dass früher oder später jemand kommen würde, um sie zu kontrollieren. »Sie werden uns nie erlauben, dies hier dem Wiedergeborenen zu bringen«, flüsterte Hasmal. »Nicht freiwillig.« Kait schlang ihr Ende des Seils um das silberweiße Metall des Sockels. »Das weiß ich. Ich wusste es schon, als ich mich auf ihren Handel einließ. Was sie uns nicht gestatten werden, müssen wir mit Gewalt erreichen.« Hasmal sah sie an und verdrehte die Augen. »Mit Gewalt? Wir werden auf der Überfahrt eine kleine Minderheit sein, bei Vodors Knochen! Der Kapitän oder Ry Sabir könnten Tage vor unserer Ankunft Brieftauben aussenden, und dann würde uns an Land die ganze Armee der Sabirs erwarten, ganz egal, wohin der Kapitän uns bringt.« »Nun, dann vielleicht nicht mit Gewalt. Eher mit Hilfe einer List.« Hasmal legte den Kopf zur Seite und bedachte sie mit einem langen, nachdenklichen Blick. »Ah. Du hast also vor, den Sabir auf deine Seite zu ziehen, indem du dir seine Liebe zunutze machst, Kait? Du meinst, er wird den Spiegel nicht zu seiner Familie bringen, wenn seine Leidenschaft für dich groß genug ist und du ihn darum bittest, den Spiegel behalten zu dürfen?« Hasmal zuckte mit den Schultern. »Das könnte funktionieren, obwohl mir der Gedanke nicht recht behagt, dass die Zukunft der Welt von diesem Plan abhängt.« Kait sah ihn an und war einen Augenblick lang sprachlos. Schließlich stieß sie hervor: »Du ... du denkst, ich würde mit ihm schlafen, um den Spiegel nicht aus der Hand geben zu müssen?« Hasmal runzelte die Stirn. »Ich hatte es gehofft. Es ist ja nicht so, als wäre er krank oder irgendwie abstoßend. Die Gelegenheit wirst du jedenfalls bekommen dafür hat der Kapitän gesorgt. Und der Wiedergeborene braucht den Spiegel; was für ihn wichtig ist, ist auch für uns und für den ganzen Rest der Welt wichtig. Es haben schon Frauen aus geringeren Gründen als dem Schicksal der Welt mit Männern das Bett geteilt.« In diesem Augenblick war ihr jede Zuneigung zu Hasmal vergangen, obwohl sie verstehen konnte, dass diese Idee in seinen Augen einfach nur praktisch erscheinen musste. Sie besann sich auf ihre diplomatische Ausbildung und sprach nicht aus, was sie von ihm hielt. Stattdessen mäßigte sie ihre Antwort. »Es würde nicht funktionieren. Selbst wenn ich ihn mehr liebte als alles auf der Welt, würde ich trotzdem verlangen, dass der Spiegel zu dem Wiedergeborenen gebracht wird und dann zu meiner Familie. Er ist genauso. Er wurde dazu erzogen, seine Pflicht zu tun. Ganz gleich, wie sehr er sich zu mir hingezogen fühlt, er würde trotzdem verlangen, dass der Spiegel in die Hände seiner Familie gelangt, entweder ausschließlich oder doch zumindest als Erstes und sobald er sich in den Händen der Sabirs befindet, würde seine Familie dafür sorgen, dass meine Familie niemals an den Spiegel herankäme, und zwar ganz egal, welche Übereinkünfte er mit mir oder ich mit ihm getroffen habe. Meine Familie würde nicht anders handeln. So sind die großen Familien eben nur das Ganze zählt, und pri90
91 vate Absprachen zwischen Einzelnen sind in ihren Augen immer dem Wohl der Familie als Ganzem untergeordnet. Immer.« Jedenfalls war es bei den calimekkanischen Galweighs so. Die Galweighs von Goft mochten anders handeln, aber sie hatte nie die Absicht gehabt, noch einmal mit diesen Verrätern zu verhandeln. »Also wäre jeder Schwur, den du ihm leistest oder er dir, von vornherein bedeutungslos, sofern die Galweighs oder die Sabirs am Ende nicht einverstanden sind?« Kait setzte bereits zu einem Protest an. Dann dachte sie über seine Frage und über ihre Worte nach.
Sie hatte ihr Wort immer als etwas Wertvolles betrachtet, und ihre Ehre war ihr so unverrückbar erschienen wie der Fels, auf dem das Haus Galweigh erbaut war. Aber in diesem Augenblick wurde ihr klar, dass sie im Grunde keine Chance hatte: Ganz gleich, wie ehrlich sie war, ganz gleich, wie hart sie arbeitete, um ihre Versprechungen zu halten, ihre Familie konnte sie mit einem einzigen Befehl zur Lügnerin machen. Und wenn das stimmte, welchen Wert hatte ihr Wort dann für irgend jemanden? Sie blickte auf das Seil in ihren Händen hinab und sagte: »Ja.« Sie schüttelte den Kopf. Ständig machten irgendwelche Leute Geschäfte mit den Galweighs. Sie hatte immer gedacht, der Grund dafür sei das hohe Ansehen der Galweighs. Jetzt musste sie diese Dinge noch einmal in Frage stellen. Die Galweighs herrschten über halb Calimekka und über einen großen Teil der Welt nur ein Narr würde es wagen, ein Geschäft mit dieser Familie auszuschlagen, und nur ein Narr würde einen Vertrag mit einem Galweigh brechen. Aber betrachteten denn die Männer und Frauen, die ihr Wachs auf Verträge mit den Galweighs gössen, das Wachssiegel der Familie als wertlos? Wenn ja, war es kein Wunder, dass die Straßen nach Angst stanken, wenn sie sie hinunterging. Kein Wunder, dass sie bei Fremden solchen Hass riechen konnte. Kein Wunder, dass Frauen ihre Kinder von der Straße zogen und dass kleine Geschäfte oft ihre Türen für den Tag verschlossen, wenn sie vorbeikam. 92 Es musste eine bessere Möglichkeit geben. Es musste eine Möglichkeit geben, gleichzeitig ehrenhaft zu handeln und der Familie zu dienen. Hasmal sagte: »Dann müssen wir lernen, wie man ihn benutzt, bevor wir an Land kommen.« Kait, die in Gedanken immer noch bei ihrer Familie und dem Problem der Ehre war, wusste einen Augenblick lang nicht, wovon er sprach. Dann sah sie den Spiegel der Seelen an und schauderte. Lernen, wie man ihn benutzte? »Ich kann die Glyphen, die in die Knöpfe eingeritzt sind, nicht entziffern«, erwiderte sie. »Jedes der Artefakte der Alten kann tödlich sein, wenn man es falsch benutzt. Der Spiegel der Seelen ...«Ihre Stimme verlor sich, und vor ihrem inneren Auge erhoben sich die Leichen von zahllosen Toten aus ihren Gräbern und huschten über das verdunkelte Antlitz der Welt, auf der Suche nach Rache an den Narren, die ihre Seelen in Hüllen aus verwesendem Fleisch gefangen gesetzt hatten, ohne diesen Hüllen ein gesundes Leben wiederzugeben. Ihr graute vor dem Gedanken an einen Irrtum, selbst einem noch so kleinen. »Ich habe schon früher mit Worten der Alten zu tun gehabt. Ich kenne die Gefahren.« »Hast du gelernt, die Glyphen zu entziffern, seit ich den Spiegel gefunden habe?« »Nein. Aber wenn Ry Sabir sich nicht auf unsere Seite stellt, haben wir keine andere Wahl.« Es gab immer eine andere Wahl. »Wenn Amalee wieder zu mir sprechen würde ...« »Nein. Sei froh, wenn sie nicht zurückkommt.« Hasmals Augen hefteten sich auf ein fernes Nichts, und sein Blick wurde trüb. »Irgendetwas stimmte nicht mit ihr«, sagte er, nachdem er kurz nachgedacht hatte. »Sie hat erzählt, dass die Magie, die deine Familie vernichtete, ihre Seele aus der Gefangenschaft befreit habe. Aber eine gefangene Seele würde sofort auf den Schleier zueilen, nicht wahr? Jenseits des Schleiers hätte sie eine neue Geburt verlangen können, ein neues Leben, all die Dinge, die ihr so lange 93 verweigert waren. Stattdessen gab sie sich damit zufrieden, die Dinge durch deine Augen zu sehen, durch deine Ohren zu hören und als eine machtlose, körperlose Stimme dahinzuvegetieren, die sich Hunderte von Jahren nach ihrem Tode in Angelegenheiten einmischte, als beträfen sie sie persönlich.« »Sie hoffte bestimmt, dass der Spiegel sie von den Toten auferstehen lassen würde.« »Warum?« Sie fragte sich, ob er sich mitunter absichtlich dumm stellte. »Natürlich, damit sie nicht länger tot wäre.« Hasmal schüttelte den Kopf. »Das würde für deine Geschwister und deine Eltern einen Sinn ergeben, Kait sie haben dich hier und alles aus ihrem Leben, was sie zurücklassen mussten. Aber wenn du Amalee von den Toten aufwecken würdest, hätte deine Ahnin niemanden und nichts auf der Welt, was ihr vertraut wäre. Alles hat sich verändert. Warum sollte sie nicht versuchen, die Seelen zu finden, die ihre anderen Existenzen mit ihr geteilt haben? Warum sollte sie nicht auch deren Wiedergeburt anstreben? Warum sollte sie nicht den Wunsch haben, in ihre rechtmäßige Existenz zurückzukehren?« Kait dachte darüber nach. »Ich weiß es nicht, wirklich nicht. Sie sprach davon, mir helfen zu wollen, sie wollte auch Rache an den Sabirs und, hm ... Sie interessierte sich für mein Leben, dafür, wie ich mich fühlte. Sie dachte, es wäre sehr aufregend, Karnee zu sein sie sprach sehr viel darüber. Ich weiß nicht, warum sie sich mehr für mich und meine Zeit interessierte als für die Möglichkeit,
weiterzugehen. Ich habe nicht darüber nachgedacht.« Sie wiegte sich auf den Fersen vor und zurück. Vielleicht war sie ziemlich dumm gewesen. »Ich war so dankbar, zu wissen, dass es vielleicht eine Möglichkeit gäbe, meine Familie zurückzuholen, dass ich mir nicht den Kopf darüber zerbrochen habe, welchen Vorteil Amalee aus dem Ganzen ziehen würde.« »Unternimm nichts, um sie zurückzurufen, Kait. Ich weiß nicht, wohin sie verschwunden ist, aber ich glaube, wir sind ohne sie 94 besser dran. Selbst wenn sie zu dir zurückkehrt, bitte sie nicht um Hilfe, was die Benutzung des Spiegels betrifft. Ich halte sie für ziemlich gefährlich.« »Sie ist der Grund, warum ich mich auf die Suche nach dem Spiegel gemacht habe.« »Das weiß ich.« Er rieb sich den Kopf. »Das ist nur einer meiner vielen Alpträume.« »Alpträume?« Als er zu ihr hinübersah, fielen ihr die dunklen Ringe unter seinen Augen auf und die Anspannung in seinem Gesicht, und ihr wurde bewusst, dass die Heiterkeit, die bei ihrer ersten Begegnung seine Züge geprägt hatte, vollkommen erloschen war. »Ich habe die Prophezeiung nicht vergessen, die mich zur Flucht trieb, nachdem ich dich das erste Mal gesehen hatte: Wenn ich zuließe, dass ich in dein Leben verwickelt würde, stünde mir ein grauenvoller Tod bevor. Jetzt bin ich zweifellos in deine Angelegenheiten verwickelt, und wir beide sind zu Hütern von nichts Geringerem als dem Spiegel der Seelen geworden. Und du wirst von einem Geist verfolgt, und wir befinden uns inmitten von Sabirs. Und ich werde immer ein Feigling sein. Ich schlafe in letzter Zeit ziemlich schlecht.« »Aber du bist immer noch am Leben.« »Das ist ein geringerer Trost, als du es vielleicht denkst.« Über ihnen dröhnten schwere Schritte, und Hasmal erhob sich. Kait, die immer noch auf dem Boden hockte, zog einen Knoten auf und machte sich daran, ihn wieder neu zu knüpfen. Mehrere Seeleute kamen den Niedergang hinunter, alle schwer beladen mit den Spielzeugen und Werkzeugen der Alten. Sie lachten miteinander, blieben aber jäh stehen, als sie Kait und Hasmal sahen. »Nach oben mit euch, ihr beiden«, sagte einer der Männer. »Wir haben hier unten zu arbeiten.« Kait nickte. »Wir sind gerade fertig.« Hasmal begegnete ihrem Blick. »Was wir sonst noch zu tun haben, muss warten.« 95
Kapitel 9 ^Hundert Verlegenheiten, tausend Peinlichkeiten: Kait trug ihre spärliche Habe in die winzige Kajüte, die sie mit Ry teilen würde, und sie war sich der Blicke seiner Mannschaft, seiner Kameraden und ihrer eigenen Freunde zutiefst bewusst, als sie vor der Tür Halt machte. Ry stand neben den Kojenbetten, mit einem Gesichtsausdruck, der sich sorgfältig um Neutralität bemühte. »Steh nicht einfach da rum«, sagte er. »Komm herein und bring deine Sachen mit.« Sie nickte und machte den einen weiteren Schritt, der sie über die Schwelle brachte. Die Tür fiel mit einem gedämpften Aufprall hinter ihr zu ein Geräusch, das seinen Widerhall im Schlagen ihres Herzens fand. Sie sah sich in der Kajüte um. Ry war noch nicht lange dort der kleine Raum hatte seinen Duft noch nicht angenommen, und seine Habe lag noch unausgepackt in seiner Truhe und in einem Sack auf der unteren Koje. »Wo soll ich meine Sachen hinlegen?« »Du hast nicht besonders viel bei dir, hm?« »Nicht viel.« Sie sah sich immer noch in dem Raum um, weil das einfacher war, als ihn anzusehen. Gut gemachte Handarbeit, ein Waschbecken, das in die Steuerbordwand eingelassen war, darunter ein Wasserkrug, in der Wand ein winziges Oberlicht, die beiden übereinander angebrachten schmalen Kojen (und sie war erleichtert zu sehen, dass sie so schmal waren unmöglich konnten zwei Leute auch nur halbwegs bequem zusammen in einem dieser Betten schlafen), daneben ein eingebauter Kleiderschrank, ein kleiner Tisch, der an der Wand befestigt und im Augenblick hochgeklappt war, und zu guter Letzt zwei Bretterbänke, die ebenfalls mit Scharnieren an einem Ende in die Wand eingelassen 96 und im Augenblick ebenfalls hochgeklappt waren. Der Boden war sauber und blank gewienert, die Wände rochen nach Zitrone und Wachs, die Bettwäsche war frisch gewaschen und säuberlich an den Ecken unter die Matratze geschoben und roch nur nach Seife, Sonnenlicht und sauberer Luft. »Du kannst die Schubladen unter dem unteren Bett haben.« Er trat von den Kojen weg.
Sie wollte ihm keinen Schritt näher kommen, aber sie konnte nicht einfach dastehen und ihren Reisesack festhalten, bis er die Kajüte verließ. Also holte sie tief Atem, ging auf die Koje zu und kniete sich auf den Boden. Als sie an der Schublade zog, glitt sie ohne Widerstand heraus; Kait war so angespannt, dass sie die Schublade bis zum Ende herauszog, und einzig die Tatsache, dass der Zimmermann sie mit Stoppern versehen hatte, verhinderte, dass die Lade ganz herausrutschte und Kait in den Schoß fiel. Ry stand hinter ihr, so dicht, dass sie die Wärme seines Körpers spüren konnte, so dicht, dass sein Duft zu einer Droge wurde und ihre Sicht sich trübte. Sie konnte nur das Rauschen ihres Bluts hören und den schnellen, scharfen Rhythmus seines Atems. Sie drückte den Rücken durch, fürchtete sich vor seiner Berührung und erhoffte sie gleichzeitig. Aber er hielt Abstand. Sie verstaute den Sack in der Schublade, ohne sich die Mühe zu machen, ihn auszupacken, dann schob sie die Lade wieder an ihren Platz und entfernte sich, so schnell sie nur konnte. Durch die Wand hörte sie jemanden an den Seiten einer Gitarre zupfen. »Mein Vetter Karyl«, erklärte Ry, dem ihre veränderte Haltung aufgefallen war, als sie der Musik zu lauschen begann. Karyls Spiel war süß, seine Stimme ein klagender Tenor, als er nun sang. Nicht Mädchen will ich noch Knaben. Die Tage des Tanzens sind vorüber. Die bittere Flut ist mein letztes Gut. Das Meer soll mich jetzt haben. 97 Und ich folge des Wassers Strömen, Denn das Wasser fließt zum Land. Und ich habe Tränen vergossen, Wo die bleichen Fluten flössen, Jetzt ist mein Becher der Tränen erschöpft. Ich verlor meine treulose Liebste, An das Meer, meine treulose Freundin Denn die eine verschlang die andere Und ließ mir nichts als Schmerz. Jetzt höre ich ihr Lied in den Wellen Und ihre Stimme in Wassers Tiefen. Sie ist nicht mehr, doch ihre Musik lebt weiter, Und das ist alles, was mir von ihr blieb. Und ich folge des Wassers Strömen, Denn das Wasser fließt zum Land. Und ich habe Tränen vergossen, Wo die bleichen Fluten flössen, Jetzt ist mein Becher der Tränen erschöpft. Als das Lied zu Ende war, hielt der unsichtbare Sänger einen Augenblick lang inne, bevor er sich kopfüber in den nächsten Gesang stürzte, einen nicht minder klagenden. »Traurige Lieder«, sagte Kait, die sich keine weiteren sehnsüchtigen, schmachtenden Balladen mehr anhören wollte. »Wenn er noch andere Lieder kennt, hat er sich das nie anmerken lassen.« »Das Stück, das er gerade gespielt hat, kenne ich überhaupt nicht.« »Du wirst keines seiner Stücke kennen. Er spielt nur die Lieder, die er selbst geschrieben hat. Hundert Variationen über das Thema Trauer.« Kait hatte nicht den Wunsch, über Liebe, Sehnsucht oder Trau 98
er zu reden. Sie sagte nichts, und das steife Gespräch erstarb. Sie sahen sich wortlos an. Das Schweigen wurde gerade schier unerträglich, als Ry sagte: »Ich habe ein paar Dinge für dich ich habe sie mitgenommen, als wir auf den Feuerinseln Vorräte an Bord nahmen.« Er schob den Riegel, mit dem der Schrank verschlossen war, hoch und zog die Türen auf. Üppige, hauchzarte Seidenstoffe und feine Wäsche in allen Regenbogenfarben hingen an der Stange auf der linken Seite und lagen, säuberlich gefaltet, in den Regalen auf der rechten Seite. Kait sah Blusen, Röcke und Kleider, weiche Roben und Morgenmäntel, Nachthemden, Beinkleider und Strümpfe ... sogar elegante Unterwäsche. Die Bewohner der Feuerinseln waren berühmt für ihre feinen Tuche und ihre bemerkenswerten Stickereien und es schien, als hätte Ry nur das Edelste von dem genommen, was die Inselmärkte zu
bieten hatten. Kait spürte, wie ihr Gesicht heiß wurde. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass sie sich je gestatten würde, etwas von diesen Dingen zu tragen zuzulassen, dass die seidenen Unterkleider, die er für sie ausgewählt hatte, ihre Haut berührten. Ebenso wenig wie sie eins von diesen überaus dürftigen Nachthemden anziehen würde, bevor sie des Nachts in ihre Koje stieg. »Nein«, sagte sie. »Ich hab meine eigenen Sachen.« Ry zog die Augenbrauen hoch. »Du hast kaum etwas bei dir. Du trägst den Arbeitsanzug eines Matrosen. Eine Frau deiner Abkunft sollte kostbare Seidenkleider tragen statt Baumwollhemden und grob gewebte Hosen.« Er lächelte, und sie schauderte. Er war ihr zu nahe, und er war der Verwandlung zu nahe; quer durch den Raum spürte sie seine Körperwärme wie ein Druckgefühl auf ihrer Haut, ein Gefühl, das den Karnee-Teil ihres Wesens hervorlockte und gleichzeitig ihre menschliche Seite zur Tür drängte, um die Flucht zu ergreifen und eine zweifelhafte Sicherheit auf dem Deck zu suchen. »Ich habe genug.« Ihre Stimme klang selbst in ihren eigenen 99 Ohren heiser und gepresst. Sie reagierte auf ihn, auch wenn sie es nicht wollte. Ein Schild, dachte sie. Magie, die ich dicht an mich heranziehe und dort festhalte, wird eine Mauer zwischen uns errichten. Magie wird mir helfen, die Situation zu beherrschen. Sie bot Vodor Imrish ihre ganze Energie, ihre ganze Kraft dar, und mit der Macht, die sie aus diesem schnellen, unblutigen Opfer gewann, zog sie den Schild um sich herum in die Höhe. Sofort fiel ihr das Atmen leichter. Obwohl sein Duft nach wie vor verführerisch an ihre Nase drang und seine Wärme noch immer auf ihrer Haut zu spüren war, legte sich eine beruhigende Stille über ihre sich überschlagenden Gedanken. Er sah sie mit unverhohlenem Erstaunen an. »Was hast du getan?«, fragte er. Sie zuckte mit den Schultern. Für den Augenblick jedenfalls solange ihre Kraft dem Schild Nahrung gab würde sie Frieden haben. »Unwichtig. Ich möchte schlafen. Welche Koje soll ich nehmen?« »Die obere.« Er trat auf sie zu. »Duscheinst... fortzusein ...«, flüsterte er. »Tu das nicht. Komm zu mir zurück.« Jetzt, da der Schild ihr Mut gab, konnte sie antworten: »Wir werden nicht mehr sein als Zimmergenossen, Ry. Nicht Freunde. Gewiss kein Liebespaar. Ich gehorche den Bedingungen meiner Absprache mit dem Kapitän, aber ... das ist alles.« »Ich bin so weit gereist, um dich zu finden. Ich habe so viel aufgegeben ...« Sie nickte. »Und für die Rettung bin ich dir dankbar. Wahrhaftig, ich bin dir dankbar. Meine Familie wird dich gewiss belohnen. Aber ich kann nicht vergessen und du kannst es auch nicht , dass ich eine Galweigh bin und du ein Sabir bist. Wir haben beide unsere Pflichten.« Sein Gesicht verzog sich zu einem Ausdruck der Verbitterung, und zum ersten Mal, seit sie sich als Köder angeboten hatte, damit Ian und Hasmal Ry gefangen nehmen konnten, sah sie 100 Schmerz und Wut auf seinem Gesicht. »Ah, die Pflicht. Der Käfig des Feiglings, der Angst vorm Leben hat. Du magst deine Pflichten haben ich habe bereits einen anderen Weg eingeschlagen.« Er ging an ihr vorbei und verließ, immer noch wütend, den Raum. Als er fort war, ließ sie sich mit geschlossenen Augen an der Wand entlang zu Boden sinken. Sie fragte sich, wie lange der Gedanke an ihre Pflicht sie davon abhalten würde, ihn zu berühren, ihre Finger über sein Haar gleiten zu lassen oder seine Lippen zu küssen. Sie gab ihrem Schild zusätzliche Festigkeit und stieg, nachdem sie lediglich ihre Stiefel ausgezogen hatte, in ihr Bett. Dann blickte sie zu der Bretterdecke über sich empor und lauschte auf das beharrliche Knarren des Schiffes. Es würde lange dauern, bis sie endlich Schlaf fand.
Zwischenspiel 5aus dem achten Kapitel des siebenten Stücks der Geheimen Texte des Vincalis: 13 Solander saß in der Halle der Zauberei und unterwies seine Jünger: »Dies sind die Zehn Großen Gesetze der Magie, wie sie uns von den Alten überliefert sind. 14 Das Erste Gesetz das Gesetz der Magischen Reaktion lautet: Jede Aktion hat eine ihr gleichartige und genau Entgegengesetzte Reaktion.
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Das Zweite Gesetz das Gesetz der Magischen Trägheit lautet: Die Trägheit bewahrt; wirksame Zauber bleiben wirksam, bis eine Entgegengesetzte Kraft auf sie einwirkt. Ruhende Zauber bleiben in Ruhe, bis eine Entgegengesetzte Kraft auf sie einwirkt. 16 Das Dritte Gesetz, das ihr als das Gesetz der Magischen Erhaltung kennt, lautet: Magie, Masse und Energie bleiben erhalten. 17 Die erste Form des Vierten Gesetzes des Gesetzes der Magischen Anziehung lautet: Gleich gerichtete Zauber ziehen sich an, während18 die zweite Form des Vierten Gesetzes des Gesetzes der Magischen Abstoßung lautet: Ungleich gerichtete Zauber stoßen einander ab. 19 Die erste Form des Fünften Gesetzes des Gesetzes der Magischen Wirkkraft lautet: Die Wirkkraft eines Zaubers ist gleich dem Produkt der für den Zauber aufgewandten Kraft und der Anzahl der den Zauber wirkenden Magier abzüglich der Umwandlungskraft, während 20 die zweite Form des Fünften Gesetzes, des Gesetzes der Magischen Gegenkraft, lautet: 102 Der Schaden, der dem einen Zauber wirkenden Magier durch diesen Zauber oder seinen Rückstoß die Rewhah entsteht, ist gleich dem Quotienten der für den Zauber aufgewandten Energie abzüglich der Aufnahmefähigkeit des Puffers oder Opfers und der Anzahl der den Zauber wirkenden Magier. 21 Das Sechste Gesetz das Gesetz der Magischen Gleichrichtung lautet: Negative Magie hat negative Reaktionen zur Folge. Positive Magie führt zu positiven Reaktionen. 22 Das Siebte Gesetz das Gesetz des Magischen Zwangs lautet: Jeder Zauber, der irgendeinem lebenden Wesen gegen dessen Willen ein Verhalten aufzwingt, ist von negativer Ausrichtung. 23 Das Achte Gesetz das Gesetz des Magischen Schadens lautet: Jeder Zauber, der dazu dient, Schaden, Verlust, Leid oder Tod zu verursachen ganz gleich, auf welches Ziel er sich richtet , ist negativ ausgerichtet. 24 Das Neunte Gesetz das Magische Gesetz der Seelen lautet: Der sterbliche Repräsentant einer unsterblichen Seele hat die gleiche Ausrichtung wie diese Seele positiv, negativ oder neutral. 25 Das Zehnte Gesetz das Gesetz der Magischen Neutralität lautet: Alles, was eine neutrale Ausrichtung aufweist, wird zu der stärksten positiven oder negativen Kraft in seiner Umgebung hingezogen werden, denn die Neutralität ist eine Position der Schwäche, nicht der Stärke. 26 Dies sind die Zehn Großen Gesetze der Magie; es sind die Gesetze von der Natur der Magie, deren Gültigkeit die Natur erzwingt. 27 Aber ich gebe euch ein weiteres Gesetz; es ist das Gesetz von der Natur des Menschen und der Natur der Falkenschaft, dessen Gültigkeit allein ihr selbst erzwingen könnt. 28 Dieses Gesetz lautet: Bezahlt für eure Magie mit nichts anderem als dem, was zu geben euer Eigen ist. 29 Kaerea, kaashura, kaamia, kaenadda und kaobbea: Mit eurem Willen, eurem Blut, eurem Fleisch, eurem Atem und 103 eurer Seele. Dies sind die fünf erlaubten Opfer erlaubt nur, wenn aus eigenem Willen dargebracht.30 Die aus eurer Lebenskraft, aus diesen fünf erlaubten Opfern gezogene Magie wird rein sein, frei von Rewhah , und kein Leben und kein Land vernarben. 31 Dass ihr nur diese Opfer darbietet, ist das Gesetz des Ka, der Selbstaufopferung, das ich zum höchsten Gebot der Falken erkläre, das Gebot, für das die Falken berühmt werden sollen. 32 Denn das Gesetz des Ka ist das Gesetz der Liebe der Liebe der Humanität, der Liebe des Lebens , und was ich am meisten von euch verlange, ist dies: Dass ihr alles Lebende liebt und euer Leben als einen Beweis dieser Liebe lebt.«
Kapitel 10 Solander, der Wiedergeborene, wartete im Leib seiner Mutter auf die Zeit seiner Geburt, aber schon jetzt berührten ihn seine Getreuen im Geiste, und er erwiderte ihre Berührung. Aus verborgenen Räumen in Waldhäusern, aus Studierzimmern, vom Deck von Fischerbooten und aus den niemals still stehenden Wagen der vagabundierenden Gyrunalle ließen getreue Falken einige Tropfen ihres eigenen Blutes fließen, um die Verbindung herzustellen, die ihnen eine Berührung des Wiedergeborenen ermöglichte, und er antwortete ihren Seelen und schenkte ihnen seine Anteilnahme und schenkte ihnen seine Liebe. Er verbrachte die Stunden der Dunkelheit und des Wachstums in der tiefen Meditation der Seele und konzentrierte sich nicht auf die Zukunft, in der er den Menschen, die er liebte, endlich eine Welt geben
konnte, die ihrer würdig war, noch konzentrierte er sich auf die Vergangenheit, in der der Schmerz der Folter und seine magische Flucht vor seinen Feinden im Augenblick seines körperlichen Todes lagen: Dies waren Erinnerungen und Gedanken, die ihm nichts gaben. Er konnte keine Pläne machen für das, was noch kommen würde, und er konnte nicht ändern, was bereits gewesen war. Aber aus der warmen Geborgenheit des Mutterschoßes heraus konnte er sein Werk beginnen, konnte sich in die Seelen jener, die er tausend Jahre zuvor so widerstrebend verlassen hatte, hineinsenken und ihnen bedeuten, dass es noch Hoffnung gab, dass ihr Leben eines Tages ein besseres sein würde und dass das Geheimnis, das ihnen die neue und schönere Welt bringen würde, ein sehr einfaches war: Nehmt die Fehler und Schwächen eures Nächsten an, seid gütig und liebet einander. Aber in einem Falle entfernte er sich doch von dem Frieden und 105 dem Glück dieser langen Reifeperiode, um sein Schwert zu berühren, seinen Falken Doghall Draclas. Doghall. Die Stimme war überall um Doghall Draclas herum, als er neben dem bestickten, seidenen Zanda kniete und gerade beginnen wollte, sich mit einer Hand voll Silbermünzen die Zukunft zu deuten. Die Quadranten Familie, Leben, Geist, Vergnügen, Pflicht, Wohlstand, Gesundheit, Ziele, Träume, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft lagen leer vor ihm und erwarteten das Muster, das die ZandaMünzen in ihnen ergeben würden. Doghall. Er legte die Münzen weg und holte tief Atem. Sein Herz kannte diese Stimme. »Wiedergeborener?«, flüsterte er. Mein getreuer Falke du hast mit deinem Herzen und mit deiner Seele gehört. Du hast Verbündete für mich versammelt, du hast sie vorbereitet, und ich sehe, dass sie stark und mutig sind. Schicke sie jetzt zu mir, und lass sie in aller Heimlichkeit reisen. »Ich werde sie zu dir bringen«, antwortete Doghall. Nein. Du hast gute Menschen um dich versammelt, und du hast sie aufs Beste ausgebildet, aber du bist kein Soldat, Doghall, bleib, wo du bist. Die Ablehnung des Wiedergeborenen war eine vernichtende Enttäuschung. Er hatte geglaubt, dass er die Armee, die er für den Wiedergeborenen zusammengesammelt hatte, begleiten würde ja, er hatte sogar geglaubt, dass er sie anführen würde. Jetzt bekam er den Befehl, seine Leute viele davon seine eigenen Söhne allein fortzuschicken, während er mitten in diesem Nichts, das er zum Exerzierplatz gemacht hatte, abwarten musste. Er war ein Schwert in der Scheide und hungerte nach dem Blut der Feinde des Wiedergeborenen, und er hatte auf diesen Ruf gewartet, seit dem Augenblick, als er das Haus Galweigh heimlich verließ, um dem Diktat einer Deutung des Zanda zu folgen. Er hatte Entbehrungen und Härten gelitten, Schmerz und Angst; er hatte mit seinem ganzen Herzen gedient, hatte alles dargeboten, was er besaß. Er war ein altes Schwert, das wusste er, ein Schwert mit rostiger Klinge aber dass Solander, der Wiedergeborene, die Männer rufen würde, die er versammelt hatte, dass er sie rufen würde und nicht ihn ... Solanders sanfte Stimme flüsterte in seinen Geist und in sein Herz hinein: Doghall, ich habe andere Pläne für dich, als dich auf dem Schlachtfeld sterben zu lassen. Die Drachen kehren zurück. Sie sind bereits unter den Leuten von Calimekka und bereiten sich dort einen Zufluchtsort. Du wirst bleiben, wo du bist, denn ich sehe eine Katastrophe voraus, und ich sehe auch, dass deine Anwesenheit diese Katastrophe überwinden kann. Aber nur, wenn du bleibst, wo du bist. »Was für eine Katastrophe? Was kann ich hier schon tun? Hier ist nichts als ein Fischerdorf.« Wenn ich ein Gott wäre, könnte ich dir die Zukunft weissagen, aber ich bin nur ein Mensch. Die Zukunft liegt für mich genauso im Dunkeln wie für dich. Ich weiß nur, dass du, wenn du dort bleibst, die Zerstörung von allem abwenden wirst, wofür die Falken in den letzten tausend Jahren gearbeitet haben. Doghall sagte: »Dann werde ich bleiben. Ich diene dir so, wie du es verlangst ich bitte dich nur, über mich zu verfügen.« Du bist mein Schwert, Doghall, ohne dich bin ich verloren. Dann war der Wiedergeborene fort. Die Wärme, die Doghall eingehüllt hatte, löste sich auf und mit ihr der Kokon des Glücks, der Liebe und der Hoffnung. Doghall erhob sich, und seine Knie knarrten dabei. Er trat an das Fenster der Grashütte, in der er lebte, und blickte zu dem rauchenden Kegel eines Vulkans im Norden hinauf. Das Leben war wie dieser Vulkan nach außen hin ruhig, während es unter der Oberfläche brodelte und jederzeit eine tödliche Explosion von unvorstellbarer Zerstörungskraft ausbrechen konnte. Was konnte tausend Jahre des Planens zerstören? Was konnte bei Solanders
triumphaler Rückkehr schief gehen? 106 107 Auf dem Feld im Norden des Dorfes exerzierten die Männer, die er zusammengesammelt hatte, machten sich für eine Schlacht bereit, von deren Nahen er, Doghall, sie überzeugt hatte. Er musste sie dem Wiedergeborenen schicken. Die kleine Flotte von Langschiffen, die er mit Hilfe der Inselbewohner zusammengestellt hatte, würde ohne ihn nach Süden segeln müssen, bis an das Ende von Ibera, wo die Verbal-Territorien auf die iberische Grenze stießen. Seine Magie hatte diesen Ort als ihr Ziel ermittelt. Von dort aus würden sie dem Wiedergeborenen entgegengehen, und er würde sie in den Kampf gegen die Drachen in Calimekka führen. Und wenn seine Soldaten fort waren, würde Doghall in seinem kleinen Fischerdorf warten, bis ein Zeichen ihm sagte, dass die Stunde geschlagen hatte. Er würde fasten. Er würde sich körperlich vorbereiten, so wie er es bisher getan hatte. Er würde die Würfe des Zanda studieren und Sprecher herbeirufen, die ihm sagten, was sie an Bewegungen innerhalb des Schleiers sehen konnten. Er würde dienen. Er wünschte nur, er hätte eine Vorstellung von der Katastrophe, die ihnen bevorstand.
Kapitel 11 Hasmal hockte in der achterlichen Bilge, rieb sich Teebeerenöl unter die Nase und versuchte, sowohl den Gestank des Kielraums als auch das Stampfen des Schiffes zu ignorieren. Es würde ihm schwer fallen, seine Magie unter Kontrolle zu halten, wenn er die ganze Zeit, während er seinen Zauber wob, erbrechen musste. Er musste sich glücklich schätzen, einen Ort gefunden zu haben, an dem er unbeobachtet arbeiten konnte. Die Bilge der Windsbraut war durch zwei Schotts unterteilt, und jede der drei Abteilungen hatte eine Einstiegsluke. Die zur achterlichen Bilge lag direkt hinter der Latrine. Er konnte zur Latrine hinübergehen, ohne Verdacht zu erregen, vor allem jetzt, da das Schiff in See gestochen war und die Mannschaft gesehen hatte, dass er mit Seekrankheit daniederlag und überdies mit einer Magengrippe kämpfte. Wenn er auf sie zustolperte, einen gequälten, halb von Panik gezeichneten Ausdruck in den Augen, sprangen sie auseinander und gaben ihm den Weg frei. Nachdem er sich solchermaßen aufgeführt hatte, konnte er eine ganze Stunde verschwinden, ohne dass jemand ihn suchen kam. Kait hockte neben ihm. »Wir haben bestimmt nicht viel Zeit. Nur weil dein Zauber mich hierher gebracht hat, ohne dass jemand mich dabei sehen konnte, heißt das nicht, dass er meine Abwesenheit nicht bemerken wird.« »Er ist bei seinen Freunden. Er wird eine ganze Weile nicht nach dir suchen.« »Hoffen wir's.« Sie lehnte das Teebeerenöl ab, als er es ihr anbot, und zog die Nase kraus. »Da rieche ich lieber den Gestank der Bilge«, sagte sie. »Ich hasse Parfüms.« »Entschuldigung.« Er holte seinen magischen Beutel und einen 109 Handspiegel hervor, sodann eine Blutschale, eine Dornennadel und Kräuter. »Ich habe alles, was du brauchst. Du musst dich mit dem Wiedergeborenen in Verbindung setzen und ihn dazu bringen, dir zu sagen, wie man den Spiegel der Seelen bedient.« Sie zog die Augenbrauen hoch und schüttelte den Kopf. »Du hast gesagt, du brauchst meine Hilfe ... Aber ich bin keine Zauberin, Hasmal. Ich bekomme gerade erst ein Gefühl für die einfachste Magie. Eine Verbindung herzustellen ... das ist eine große Aufgabe.« »Nicht so groß wie die Aufgabe, einen Schild um deinen Zauber herum zu errichten und über dich zu wachen, damit kein anderer Zauberer die Bewegung der Magie bemerkt. Gleichzeitig muss ich einen Zauber bereithalten, um dich zu beschützen, falls du angegriffen wirst. Einer von uns beiden könnte die Verbindung zu Solander herstellen, aber nur ich kann dafür sorgen, dass du dabei nicht den Tod findest.« Sie sah so aus, als sei ihr übel. »Gibt es denn gar keine andere Möglichkeit?« »Die anderen Möglichkeiten habe ich ausprobiert. Ich habe die Sprecher gerufen, ich bin über die Geisterwege in die Vergangenheit hinabgestiegen, ich habe die Texte nach irgendetwas durchsucht, das uns verraten könnte, wie der verdammte Spiegel funktioniert oder was die Falken für Solander damit tun sollten. Ich bin weder stark noch talentiert genug, um den Ort in der Vergangenheit zu
erreichen, wo der Spiegel das letzte Mal benutzt wurde, die Texte schweigen, was den Spiegel betrifft, und die Sprecher lachen mich nur aus. Ich habe keine andere Wahl mehr.« Sie schauderte und nickte. »Dann gib mir den Dorn und die Blutschale und hilf mir, diese Sache durchzustehen.« »Du musst Solander fragen, wie man den Spiegel benutzt wir müssen die einzelnen Schritte kennen, die genauen Worte, und erfahren, wie der Spiegel darauf...« Kait nickte abermals. »Ich werde uns alle Informationen beschaffen.« 110 Er wartete, während sie sich einen Finger mit dem Dorn einritzte und ihr Blut in die dafür vorgesehene Schale tropfen ließ. Er führte sie durch die Zeremonie, die sie mit dem Wiedergeborenen verbinden würde. Sie hatte Angst, und er konnte es verstehen aber sie besaß einen Mut, um den er sie nur beneiden konnte. Sie tat, was sie tun musste. Er begann, seine eigenen Zaubersprüche zu weben, bevor er die Veränderung sah, die ihr Körper durchmachte; als das glückselige Lächeln sich auf ihrem Gesicht ausbreitete, hatte er den Schild hochgezogen, der sie umgab, eine Kugel aus Energie, die nur an einer Stelle einen Mangel aufwies: dort, wo Kaits Lebenskraft sich in einer dünnen Ranke von ihr fortschlängelte, jener Verbindung, die sie über ungezählte Meilen hinweg mit der Seele des Wiedergeborenen zusammenbrachte. Hasmal richtete den Schild so ein, dass er, falls irgendetwas diese empfindliche Verbindung angreifen sollte, von selbst zuschnappen würde. Kait würde ihre Verbindung zu Solander verlieren, aber sie würde überleben. Als der Schild soweit errichtet war, öffnete Hasmal sich dem Schiff. Er löste sein bewusstes Ich aus den Begrenzungen seines Körpers heraus und verband sich mit den Brettern, auf denen er saß; sein Geist zeichnete die Verbindungen eines jeden Brettes mit dem nächsten nach, floss weiter, dehnte sich aus, berührte mit großer Vorsicht jedes neue Gebilde und registrierte die Anwesenheit eines jeden Lebewesens, bis das Schiff zu seinem Körper wurde, während sein menschlicher Körper nur ein winziges Anhängsel dieses größeren Körpers war. Er »kannte« das Schiff, wie er seinen eigenen Körper kannte spürte seine Bewegung, sah das Wasser, das sich unter ihm und rings um ihn herum dahinzog, hörte und verstand alle Gespräche gleichzeitig, die auf dem Schiff geführt wurden. Eine solche Offenheit brachte ihn in furchtbare Gefahr er konnte sich in keiner Weise abschirmen oder schützen, während seine Seele außerhalb der Grenzen seines Fleisches auf die Suche 111 ging , aber er hatte keine andere Möglichkeit, sicherzustellen, dass seine und Kaits Aktivitäten keine Neugier geweckt hatten. In einer der vorderen Kajüten spielten Ry und seine Leutnants Karten. Die Matrosen taten ihre Arbeit. Ian stand auf dem Achterdeck und starrte dem entschwindenden Novtierra nach. Hasmal beobachtete seine Augen Ian sah wie ein Mann aus, der Mord im Herzen trug. Allerdings nicht in diesem Augenblick. Auf dem Schiff war alles still ... Seine Passagiere konnten im Augenblick gefahrlos ihren Geschäften nachgehen ... Und doch ... Er spürte, dass etwas nicht stimmte. Irgendetwas zeichnete das Schiff, irgendjemand verfolgte es aus der Entfernung. Hasmal tastete blind seine Umgebung ab, so wie man in einem dunklen Zimmer nach der Tür tastete. Innerhalb des hölzernen Körpers dieses Schiffes befand sich ein Bindeglied ein körperlicher Ansatzpunkt für ferne Magie. Bevor er herausfinden konnte, wer das Schiff beobachtete, musste er dieses Bindeglied finden. Willkommen, Kait. Wiedergeborener ... In dem wortlosen Gespräch, das folgte, füllte Solanders Berührung ihre Seele ganz aus. Wieder spürte sie sich so vollkommen angenommen bei ihm, spürte seine bedingungslose Liebe zu ihr. Einen langen, glückseligen Augenblick lang fragte sie ihn nichts, sondern labte sich an dem schlichten Glück, bei ihm sein zu dürfen. Ihre Aufgabe konnte jedoch nicht ewig warten, und zu guter Letzt zwang sie sich, in die Unerfreulichkeit ihrer eigenen Wirklichkeit zurückzukehren. Wir sind in Schwierigkeiten, erklärte sie dem ungeborenen Kind. Der Feind hat uns in seiner Gewalt, und wir haben jeden Grund, zu glauben, dass die Sabirs bei unserer Ankunft an den Ufern von Ibera uns den Spiegel abnehmen werden. Wenn wir auch nur die geringste Hoffnung haben wollen, den Spiegel zu dir zu bringen, müssen wir schon jetzt erfahren, wie man ihn benutzt. Nein, sagte Solander. Kait spürte, wie Angst das unbestimmte
Licht durchflutete, in dem sie dahintrieb. Tut nichts anderes mit dem Spiegel der Seelen, als ihn zu mir zu bringen. Er ist das Medium, durch das die Drachen nach Matrin zurückkehren werden. Kait spürte die Kühle seiner Worte. Wenn wir es nicht schaffen, ihn zu dir zu bringen, dann sollten wir ihn zerstören. Nein. Ein gescheiterter Versuch, den Spiegel zu zerstören, könnte sehr wohl die Freilassung der Drachen durch euch bedeuten. Und selbst wenn ihr einen erfolgreichen Versuch unternehmen könntet, wäre der Preis dafür die Zerstörung eurer eigenen Seelen. Warum? Weil ihr die Seelen zerstören würdet, die in dem Spiegel wohnen. Jene, die Unsterblichkeit zerstören, zahlen einen ewigen Preis. Kait dachte an die glatten, platinhellen Wölbungen des Artefakts, an das warme Licht, das spiralförmig durch sein Zentrum wanderte, und das Wohlbehagen, das sie empfand, nur weil sie in seiner Nähe war. Sie war sich sicher gewesen, der Spiegel müsse etwas Gutes sein, trotz des leicht unangenehmen Duftes, der von ihm aufstieg. Und das, dachte sie, ergab auch Sinn. Die Drachen hätten keinen Vorteil von der Erschaffung eines Artefakts, das böse aussah; die Menschen waren immer viel bereitwilliger, so etwas zu vernichten. Aber Dinge, die wertvoll aussahen, die angenehme Gefühle vermittelten ... Und das brachte Kait wieder auf Amalee, die ihr vorgeschlagen hatte, den Ozean zu überqueren, um den Spiegel zu holen. Die Seele, die du als Amalee kennst, ist einer der erwachten Drachen, erklärte der Wiedergeborene ihr. Aber sie hat dir eine Aufgabe gegeben, die für mich genauso wichtig ist wie für sie. Wenn ich den Spiegel habe, kann ich die Seelen, die er gefangen hält, direkt in den Schleier entlassen, wo sie von den Seelen von ihresgleichen gerichtet werden. Dann kann ich den Spiegel zerstören, so dass das Böse, das die Drachen mit sich bringen, in keiner Gestalt nach Matrin zurückkehren kann. 112 113 Kait wollte ihn gerade fragen, ob er ihr irgendwie helfen könne, ob er einen Rat für sie habe, wie sie den Spiegel gefahrlos zu ihm bringen könne, aber ohne Vorwarnung wurde sie aus der Wärme der Gegenwart Solanders herausgerissen. Sein Licht verschwand, und einen Augenblick lang hing Kait in der absoluten Dunkelheit der Leere, und ihr Körper wurde von einem Schmerz verzehrt, der so wild war, dass sie fest davon ausging, zerrissen zu werden. Dann war sie wieder in ihrem Körper in der Bilge des Schiffes, zitternd vor Übelkeit, blind vor Schmerz, während Hasmal zitternd neben ihr hockte, ihr ins Gesicht schlug und flüsterte: »Kait! Kait? Wach auf! Bist du verletzt? Kait?« Sein Gesicht war ganz dicht vor ihrem, als sie so weit wieder bei sich war, dass sie ihn wahrnahm, und sie konnte pures Entsetzen in seinen Augen sehen. »Was ist passiert?« Sie stöhnte und hielt sich den Leib; der Schmerz ging langsam zurück, aber die Übelkeit blieb. »Der Schild, den ich um dich herum errichtet hatte, ist zugeschnappt«, erklärte er ihr. Sie schüttelte verständnislos den Kopf. »Du bist angegriffen worden. Jemand hat dich beobachtet er hat das ganze Schiff beobachtet , und als du dich mit dem Wiedergeborenen verbunden hast, hat er dich angegriffen, wer immer er auch war.« »Ry hat mich angegriffen?«, fragte sie. »Nein. Der Angriff kam nicht von jemandem, der sich auf diesem Schiff befindet.« »Sind wir jetzt immer noch in Gefahr?« »Im Augenblick nicht. Ich habe uns beide mit einem Schild geschützt. Für eine Weile kann uns nichts passieren.« »Also, wer hat uns gefunden? Wer hat versucht, an mich heranzukommen?« »Ich bin mir nicht sicher. Ich konnte die Spur des Zauberers verfolgen, der uns bis Calimekka nachspioniert hat, aber als ich 114 zu dicht herankam, hat meine Anwesenheit irgendwie seine Aufmerksamkeit erregt. Er verfolgte mich mit großer Schnelligkeit; ich musste meine Verbindung mit dem Schiff abbrechen. Ich hatte mich zu dem Zeitpunkt kaum selbst beschirmt und als ich meinen Schild aufrichtete, hat er dich angegriffen.«
Sie bemerkte, dass Hasmals Hände zitterten. Selbst in der Dunkelheit des Kielraums konnte sie seine Blässe sehen, und noch über den Geruch des abgestandenen Wassers, der toten Ratten und des Unrats hinweg konnte sie seine Furcht riechen. Er fügte hinzu: »Ich könnte mir denken, dass Wölfe das Schiff beobachtet haben.« »Dann wissen sie vielleicht auch über den Wiedergeborenen Bescheid. Und über den Spiegel.« »Das ist fast sicher.« Sie drückte sich die Finger auf die Schläfen, um ihren schmerzenden Kopf zu beruhigen. »Oh, ihr Götter. Was machen wir denn jetzt?« »Wir benutzen die Informationen, die du vom Wiedergeborenen bekommen hast, um den Spiegel zu aktivieren. Wir ...« Er sah, wie sie den Kopf schüttelte, und hielt inne. »Was ist denn los?« »Wir werden den Spiegel der Seelen nicht anrühren«, sagte sie. Dann berichtete sie eilig auch noch den Rest von Solanders schlimmen Neuigkeiten. Als sie fertig war, vergrub Hasmal das Gesicht in den Händen. »Aber was tun wir denn jetzt?« Kait holte tief Atem und stieß die Luft dann langsam wieder aus. »Wir halten die Augen offen. Wir tun, was in unserer Macht steht, um Ry auf unsere Seite zu bringen. Wenn wir sehen, dass die Dinge sich zum Schlechten wenden, stehlen wir mitten in der Nacht eines der Langboote und rudern mit dem Spiegel zu einer Insel, oder wir werfen uns in die Strömung.« Sie beugte sich vor und legte eine Hand auf sein Knie. »Wir werden tun, was wir tun müssen, Has. Der Wiedergeborene wird den Spiegel bekommen. Die Wölfe werden ihn nicht bekommen.« 115 Er blickte in ihre Augen und sah die Gelassenheit darin. Eine Wildheit darin, die ihm fehlte. Eine Entschlossenheit, von der er glaubte, dass er sie ebenfalls in sich finden konnte. Er spürte bereits, wie sie in ihm wuchs. Er legte eine Hand über die von Kait. »Du hast Recht. Wir werden es schaffen. Und unsere Feinde werden eine Niederlage erleiden.«
Kapitel 12 Jan vertrat Kait den Weg, als sie aus der Schiffsdusche kam, nachdem sie sich gerade den Gestank der Bilge vom Leib gewaschen hatte. »Jayti möchte dich gern sehen.« Ein scharfer Stich der Angst durchzuckte Kait, und nachdem sie sich einen Augenblick konzentriert hatte, wusste sie auch, woher diese Angst kam. Ian trug den Geruch des Todes auf seiner Haut und in seinen Kleidern. »Hat sein Zustand sich verschlechtert?« Ian sah ihr wütend in die Augen. »Er liegt im Sterben. Der Wundarzt hat nur leere Versprechungen gemacht.« »Er war schon dem Tod geweiht, bevor wir an Bord der Windsbraut kamen«, sagte Kait. »Wir haben nicht damit gerechnet, dass er überleben würde. Der Wundarzt hat ihm etwas mehr Zeit verschafft und seine letzten Tage erleichtert.« »Du magst dich damit zufrieden geben, im Moment scheinst du ja überhaupt sehr zufrieden zu sein.« Er wandte sich von ihr ab, und sein ganzer Körper war steif von aufgestautem Zorn. »Ich tue, was ich tun muss, um uns alle in Sicherheit zu bringen.« Er stolzierte auf den Niedergang zu und drehte sich erst noch einmal um, als er die Stufen zum oberen Deck hinaufging. »Natürlich tust du das. Nun, was immer du für Jayti zu tun gedenkst, solltest du bald tun. Er wird tot sein, bevor dieser Tag zu Ende geht.« Dann war er fort. Sein Zorn hing wie eine giftige Wolke in der Luft. Kait wrang das Wasser aus ihren Haaren und sah ihm nach. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er sie alle in Schwierigkeiten bringen würde. 117 »Ihr seht ja schlimmer aus als ich«, sagte Jayti. Er lag im Bett, seine Haut so weiß wie gebleichtes Leinen, und sein dunkles Haar klebte ihm am Schädel. Seine Augen, die tief in ihre Höhlen eingesunken waren, hatten ein unnatürliches, fiebriges Leuchten. Der Geruch von Blutfäule und Verwesung im Raum überwältigte Kait. Da, wo der Stumpen seines Beines lag, zeichneten sich grünliche Flecken auf den Laken ab. Ian hatte Recht gehabt. Er würde nicht mehr lange leben. »Ich habe nicht gut geschlafen«, antwortete Kait ihm. Das entsprach der Wahrheit. Ihre Träume in Rys Kajüte waren inzwischen viel zu verführerisch und griffen mit einer Stetigkeit, die sie fast in den Wahnsinn trieb, auch in ihre wachen Stunden über. Also kämpfte sie gegen den Schlaf. Sie wollte keine Bemerkung über Jaytis Aussehen machen. Stattdessen sagte sie: »Ich war ... überrascht ..., dass du mit mir reden wolltest.«
»Weil ich Angst vor Euch habe?« »Weil ich nicht glaube, dass du mich besonders magst.« Jayti brachte ein verzerrtes Lächeln zustande. »Da habt Ihr Recht. Das tue ich nicht. Gestaltwechsler ...«Er zuckte die Achseln, und selbst diese winzige Bewegung schien ihn ein wenig von der ihm noch verbliebenen Lebenskraft zu kosten. »Ihr könnt Euch verwandeln, verschwinden, so tun, als wäret Ihr ganz normal, aber in Euerm Inneren verbergt Ihr das Ungeheuer ...« Er seufzte. »Aber was ich von Euch halte, spielt keine Rolle. Der Kapitän liebt Euch.« Kait krümmte sich innerlich, als sie diese Worte so unumwunden ausgesprochen hörte. »Ich weiß.« »Ihr liebt ihn nicht«, erwiderte er, und es war keine Frage, sondern eine Feststellung. Sie dachte kurz daran, ihn zu belügen, dem sterbenden Mann etwas zu erzählen, damit er in der Zeit, die ihm noch blieb, ein wenig besser von ihr dachte. Aber er kannte die Wahrheit bereits. »Nein. Ian ist... ah, hm, ich ... ich wünsche ihm wirklich das Bes118 te, aber ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich überhaupt lieben kann. Weder ihn ... noch irgendjemanden sonst.« Sie dachte über ihre Leidenschaft für Ry nach und fragte sich einmal mehr, ob ein so verzehrendes und schmerzliches Gefühl Liebe sein konnte. Manchmal kam es ihr eher wie das Anfangsstadium des Wahnsinns vor. »Ich wünschte, ich könnte es. Es würde alles ... einfacher machen.« Jayti grinste flüchtig, ein Totenkopflächeln, das nur die Ausgezehrtheit seiner Züge betonte. »Das Leben macht es einem nicht einfach. Ehrgefühl macht die Dinge nur noch schwerer. Aber um der Ehre willen, und wenn es Euch wirklich am Herzen liegt, was aus ihm wird, dann müsst Ihr es ihm sagen. Er redet davon, Euch von Ry wegzuholen, damit Ihr begreift, dass er der Beste für Euch ist. Er glaubt, dass er eine Chance hat, Euer Herz zu gewinnen. Ich glaube das nicht.« Kait dachte über Jaytis Worte nach. Als sie nichts darauf erwiderte, fügte Jayti hinzu: »Es frisst ihn auf. Solange er glaubt, eine Chance bei Euch zu haben, wird er an nichts anderes denken. Er redet davon, eine Möglichkeit zu finden, Ry über Bord zu werfen, wenn niemand sonst zugegen ist, oder ihm ein Schwert in den Leib zu rennen und zu behaupten, es sei ein Unfall gewesen. Er ist... besessen.« Kait wusste, dass das die Wahrheit war. Wenn sie in Ians Augen blickte, sah sie ein fiebriges Leuchten darin, das nicht viel anders war als der Ausdruck in Jaytis Augen, und sein Blick hatte die Starrheit jagender Wölfe, wenn sie ihre Beute abschätzten. »Aber wenn ich ihm sage, dass ich ihn nicht liebe, ändert das nichts an seinen Gefühlen.« »Das nicht. Aber wenn er weiß, dass keine Hoffnung für ihn besteht, hält ihn das vielleicht davon ab, etwas zu tun, das ihn umbringen wird.« Sie seufzte. Jayti sagte: »Er ist mein Freund. Er hat alles andere verloren, das ihm etwas bedeutet hat sein Schiff, seine Mannschaft, sei119 nen Schatz. Er weiß es noch nicht, aber er hat auch Euch verloren. Wenn er bei dem Versuch, Euch zu gewinnen, sterben sollte und Ihr es verhindern könntet, indem Ihr ihm jetzt sagt, dass keine Hoffnung für ihn besteht ...« Jayti wandte den Blick ab und sprach nicht weiter. Kait, die nicht wusste, was sie sagen sollte, schwieg ebenfalls. Der sterbende Mann sah schließlich wieder zu ihr auf. »Wenn er stirbt, weil Ihr ihn in dem Glauben lasst, dass er Euch vielleicht doch noch gewinnen könnte, wird mein Geist Euch Euer ganzes weiteres Leben lang verfolgen, in jeder Stunde, in jedem Augenblick. Das schwöre ich bei Brethwans ewiger Seele.« Die feinen Härchen auf Kaits Armen richteten sich auf, und ein Schaudern kroch ihr das Rückgrat entlang. Sie blickte in diese Augen, die dem Tode so nahe waren, und fragte sich, ob er bereits den Schleier vor sich sehen konnte. »Ich sage es ihm«, flüsterte sie. »Schwört es.« »Ich schwöre es.« Bei meinem Wort als Galweigh, hätte sie beinahe gesagt, konnte sich aber gerade noch rechtzeitig fangen. »Bei meiner Seele«, fuhr sie stattdessen fort, »ich schwöre, dass ich es ihm sagen werde.«
Kapitel 13 Kait stand auf dem Deck der Windsbraut und starrte auf den endlosen Ozean hinaus. Das Schiff
schaukelte in den Wellen, und seine Segel waren im Augenblick eingeholt. Das Sonnenlicht tauchte alles in einen goldenen Nebel; das Wasser funkelte, die Messinggriffe glänzten, das mit Talk gewienerte Deck leuchtete wie poliertes Elfenbein. Die Matrosen trugen ihre besten Sachen und hatten zu beiden Seiten des Vorderdecks in Reih und Glied Aufstellung genommen, während einer von ihnen einen leisen Trommelwirbel spielte. Loelas, der Parnissa der Windsbraut, führte die kleine Prozession an, die aus den Kajüten im Achterschiff kam. Hasmal, Ian und vier von Rys Männern folgten ihm; zusammen trugen sie die mit einem schwarzen Leichentuch verhüllte Gestalt. Kait beobachtete Ian sehr genau, ohne jedoch den Kopf zu drehen. Sie würde bald mit ihm reden müssen. Die Last ihres Schwurs drückte sie nieder, und sie spürte, dass Jaytis Geist sie beobachtete. »Die Götter müssen auf seinen Geist hinablächeln, dass sie ihm so einen prächtigen Tag für seine Beerdigung geschenkt haben«, sagte Ry. Er stand rechts von ihr, bekleidet mit dem grünsilbernen Feststaat der Sabirs und mit so blank gewienerten Stiefeln, dass das schwarze Leder die Sonne widerspiegelte. Er hatte sein Schwert aus der Scheide gezogen und hob es zum Salut. Kait hielt ihr eigenes Schwert in derselben Position. Für diesen Anlass hatte sie endlich doch einige der Kleider angelegt, die Ry ihr mitgebracht hatte. Sie trug ein schweres Gewand aus cremefarbener Seide, das ihr bis an die Knie reichte und sich in Falten über eine schwarzseidene Unterbluse legte. Alle Säume waren mit Schwarzstickerei verziert, und um die Taille trug sie eine brei121 te Schärpe aus schwarzem, geflochtenen Leder, das so weich war wie eine Sommerbrise und die Falten des Überrocks genau richtig zusammenhielt. Ihre Beine steckten in Tuch aus cremefarbener Seide, ihre Füße in weichen Wildlederschuhen. Sie hatte noch nie prachtvollere Gewänder getragen, und sie trug sie Jayti zu Ehren. Wenn die Beerdigung vorüber war, würde sie sich davon befreien und wieder in die grob gewebten Seemannshosen schlüpfen, zu denen sie ein Hemd und Bootsschuhe trug. Mit Hilfe dieser Kleidungsstücke errichtete sie eine Barriere zwischen sich und Ry, wie dünn diese auch sein mochte. Sie brauchte so viel Abstand, wie sie nur bekommen konnte. Sie hielt den Blick auf die Beerdigungsprozession gerichtet und murmelte vor sich hin: »So prächtig der Tag auch ist, ich denke, er hätte ihn lieber lebend begrüßt.« Aus den Augenwinkeln sah sie, dass Ry sich einen Moment lang zu ihr umdrehte, und sein Ärger stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. Sie hätte beinahe gelächelt, weil es ihr gelungen war, ihn zu einem Bruch mit der Etikette herauszufordern. Aber das Lächeln wäre genauso unpassend gewesen wie seine Geste der Unaufmerksamkeit. Sie blickte also mit leerem Gesichtsausdruck geradeaus und hielt ihr Schwert in Bereitschaft. Die Prozession machte in der Mitte des Vorderdecks Halt, und der Parnissa drehte sich um und kniete nieder, um ein dunkelgrünes Tuch aufzufalten, dessen Ränder mit Blei beschwert waren. Die Männer, die Jaytis Leichnam trugen, ließen ihn achtsam auf das Tuch herab. Der Parnissa erhob sich, und einer der Kajütenjungen eilte mit dem Weihrauchfass und der Lampe zu ihm. Loelas nahm das Weihrauchfass entgegen und ließ es fünfmal über den Leichnam schwingen. »Jayti von Pappas, genannt Vetter Fuchs, du hast heute das Reich der Lebenden verlassen, um zum Schleier zu reisen. Ich empfehle deinen Geist Lodan, die sowohl über Liebe als auch über Leid regiert, und Brethwan, ihrem Gemahl, der über Schmerz und Freude regiert, über Gesundheit und Krankheit, Leben und Tod. Löse deine letzten Bindungen an das Fleisch, folge deinen Führern durch den Schleier, und finde dort Frieden und neues Leben.« Genau das würde er nicht können, dachte Kait. Nicht bevor sie ihr Versprechen wahr gemacht hatte. Loelas gab das Weihrauchfass wieder an den Kajütenjungen zurück und nahm stattdessen die Lampe. Er ließ sie viermal über den Leichnam hin und herschwingen, und als er fertig war, stellte er sie über dem Kopf auf das Tuch. »Jayti von Pappas, genannt Vetter Fuchs, du hast heute das Reich der Lebenden verlassen, und dein Fleisch liegt leer vor uns. Es hat dir gute Dienste getan, muss jetzt aber zur Nahrung dienen all jenen, die dir nachfolgen. So wie du im Leben dem Meer gedient hast, so sollst du auch im Tod dem Meer dienen. Ich empfehle dein Fleisch Joshan, die über Schweigen, Einsamkeit und Abgeschiedenheit regiert, denn das Meer ist groß und einsam, und alle kehren wir zu guter Letzt in seine Umarmung heim. Möge Joshan dein Fleisch durch die Dunkelheit zu bestem Nutzen führen, auf dass bei der Wiederkehr deines Geistes ein menschlicher Körper seiner harrt.« Loelas nahm die Lampe wieder auf und reichte sie dem Kajütenjungen. Er trat zurück, und Hasmal und Ian ließen sich auf die Knie nieder und schlugen das grüne Tuch über Jaytis verhülltem Leichnam zusammen. Als sie fertig waren, verknoteten sie die Bänder, die auf der hinteren Seite des Tuchs
angenäht waren. Der Parnissa drehte sich um und betrachtete die Männer und Kait, die auf dem Deck versammelt waren. Dann sagte er: »Ein jeder von uns wird eines Tages denselben Weg gehen. Bedenket eure Sterblichkeit, und dankt den Göttern für jeden Augenblick einer jeden Stunde, in dem ihr weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft lebt, denn der Augenblick des Jetzt ist der einzige Augenblick, den ihr je haben werdet. Bedenket den Wert eures Lebens in seinem Dienst an Göttern und Menschheit, und dienet nur nach eurem Vermögen, denn ihr wisst, dass ihr morgen nicht mehr dienen könnt. Behaltet Jayti, euren verblichenen Bruder, in 122 123 eurem Herzen und euren Gedanken, und zieht eine Lehre aus seinem Tod, denn auf diese letzte Weise könnt ihr ihm helfen, seinen Mitmenschen zu dienen und seine Menschlichkeit in einem anderen Leben neu zu finden.« Der Parnissa nickte, und die sechs Männer hoben den Leichnam wieder an und trugen ihn auf die Steuerbordseite des Vorderdecks. Auf ihrem Weg dorthin gingen sie an Kait und Ry vorbei. Kait und Ry drehten sich um, um ihre Schwerter zu präsentieren, als der Leichnam an ihnen Vorbeigetragen wurde. Die Spitzen ihrer Schwerter berührten sich, so dass sie einen Bogen formten. »So wie du aus dem Meer gekommen bist, so sollst du jetzt zum Meer zurückkehren«, sagte Loelas. Die Männer warfen Jaytis Leichnam über Bord. Der Körper klatschte auf die Wellen, und ein funkelnder Bogen aus Wassertropfen sprang auf, dann ging das grüne, mit Blei beschwerte Leichentuch langsam unter. Aus den Augenwinkeln konnte Kait sehen, wie das Sonnenlicht den Strom der Luftbläschen beleuchtete, die wie silberne Münzen hinter Jaytis sterblichen Überresten ihre Bahn zogen. Ian wich ihrem Blick aus. Er ging mit langen Schritten an ihr vorbei vom Vorderdeck, gefolgt von der Mannschaft, dem Parnissa, dem Kapitän und schließlich Hasmal. Als nur noch Ry und sie auf dem Vorderdeck standen, bedachte sie Ry mit einem kalten Nicken und schob ihr Schwert wieder in die Scheide. Sie hatte dem Verstorbenen gegenüber ihre Pflicht getan, indem sie seinen Geist mit Familienstahl ehrte, da er vor seinem Tod auf ihrer Seite gekämpft hatte. Auch Ry schob sein Schwert wieder in die Scheide, obwohl er sich nicht die Mühe machte zu erklären, warum er dem Toten auf diese formelle Weise Respekt gezollt hatte. Als sie jedoch in ihre gemeinsame Kajüte zurückkehren wollte, legte er ihr eine Hand auf die Schulter. »Warte«, sagte er. Sie verkrampfte sich bei seiner Berührung, drehte sich aber langsam zu ihm um. Er hatte sich in der Kajüte von ihr fern gehalten und nach einigen Versuchen, mit ihr zu sprechen, ihr Schweigen akzeptiert. Die Wärme seiner Hand schien sich durch die weiche Seide ihres Gewandes bis auf ihre Haut zu brennen. »Ich möchte jetzt nicht mit dir reden.« »Ich weiß«, antwortete er, und seine Stimme klang ruhig und vernünftig. »Mir ist klar, dass du aus freien Stücken niemals mit mir sprechen würdest, dass du mich niemals ansehen und mich niemals berühren würdest, trotz allem, was du wirklich willst.« »Was ich wirklich will? Ich würde liebend gern erfahren, was du darüber zu wissen glaubst.« Sie funkelte ihn wütend an und wünschte sich, sie könnte ihn hassen, könnte sich selbst dafür verachten, dass sie ihn begehrte. Der Wind zerzauste sein Haar, und die Sonne ließ die dunkelgoldenen Strähnen glänzen, bis sie den gleichen Farbton annahmen wie die schweren Goldreifen in seinen Ohren. Seine hellblauen Augen mit der schwarz umringten Iris darin schienen sie zu ihm hinzuziehen, als übten sie ihre eigene Schwerkraft aus. Er war von einer wilden Schönheit, so wie ein Wolf in der Blüte seiner Jahre oder ein Herhabschießender Falke schön waren die kaum verhohlene Wildheit, die er verströmte, machte ihn für sie nur um so faszinierender. Sie hüllte sich fest in ihren magischen Schild, wie Hasmal es sie gelehrt hatte, und wollte sich zwingen, ihn zu hassen, ihn als den Mörder ihrer Eltern, ihrer Geschwister und ihrer Familie zu sehen, als den Feind von allem, woran sie glaubte. Lange Sekunden des Schweigens verstrichen, während er sie forschend ansah. Dann schüttelte er den Kopf. »Wir haben noch einen weiten Weg vor uns und viele Taten zu vollbringen. Wenn du deinem Herzen nicht folgen willst oder deinen Träumen , dann rede wenigstens mit mir, wenn wir allein sind. Ich habe nichts getan, um dieses endlose Schweigen zu verdienen.« Sie hätte ihm so gern geglaubt. Die Götter mochten ihr vergeben, sie wollte ihm glauben. »Du hattest nichts mit der Ermordung der Galweighs zu tun.« »Nein.« Er seufzte. »Ich bin mit meinen Männern in euer Haus
124 125 gegangen, aber nur deshalb, weil ich dich retten wollte. Ich glaubte, dass du dort sein würdest. Ich wusste, dass der Angriff geplant war, aber ich hatte keinen Anteil an diesen Plänen.« »Und es war reiner Zufall, dass unsere Wege sich am Theramistag in Halles gekreuzt haben?« »Natürlich nicht.« Er zuckte die Achseln. »Ich war der Bote, den meine Familie zu Paraglese Dokteerak geschickt hatte.« »Dann hattest du also doch mit der Vernichtung meiner Familie zu tun.« »Ich war der Bote. Ich diente den Sabirs, so wie sie es von mir verlangten. Ich war von geringer Bedeutung der Sohn des obersten Wolfs, der zwar für größere Dinge ausgebildet wurde, aber noch zu jung und unerfahren war, um mehr zu sein als ein Zwischenhändler.« Kait zog eine Augenbraue hoch. »Boten werden niemals aufgrund ihres Mangels an Erfahrung ausgewählt.« So schnell wie ein Blitz am Boden aufschlug, huschte ein Ausdruck von Schuld über Rys Züge. Sie hätte sich später einbilden können, dass sie diesen Ausdruck nie gesehen hatte, so schnell war er wieder verschwunden. Aber es war keine Einbildung gewesen. Ry streckte die Hände aus eine Geste, die ebenso Beschwichtigung wie Beichte war. »Du hast Recht, und wir wissen es. Kait, ich kann nicht für mich in Anspruch nehmen, vollkommen schuldlos zu sein. Ich hatte nicht mehr für die Galweighs übrig als du für die Sabirs. Du und ich, wir haben einen Großteil unseres Lebens darauf verwandt, zu lernen, wie wir gegeneinander kämpfen können. Aber das hat sich geändert, als wir uns das erste Mal begegneten.« Er hielt inne, lehnte sich an die Reling und musterte sie. Die Sonne schien ihm direkt in die Augen, und er blinzelte. »Zumindest für mich hat es sich geändert.« Sie dachte: Für mich hat sich auch alles geändert. Aber sie sprach es nicht aus. Sie konnte nicht. Er wartete sehr lange auf ihre Antwort, und als er schließlich 126 einsehen musste, dass diese Antwort nicht kommen würde, ganz gleich, wie viel Zeit er verstreichen ließ, nickte er noch einmal. »Also gut. Deine Gefühle für die Sabirs haben sich nicht geändert. Aber bedenke Folgendes: Ich habe mich mit den Sabirs überworfen. Wenn ich jetzt nach Hause zurückkehre, ohne die Dinge zwischen mir und meiner Familie grundlegend zu verändern, wird meine Mutter mich zum Barzanne erklären. Diese Strafe schwebt über meinem Haupt, weil ich dir nachgejagt bin, statt bei meiner Familie zu bleiben und nach dem Tod meines Vaters dessen Platz als Oberhaupt der Wölfe einzunehmen. Was ich auch früher gewesen sein mag, ich bin heute kein Sabir mehr.« Er wandte das Gesicht von ihr ab, entweder weil er der Sonne in seinen Augen müde war oder weil er es nicht ertragen konnte, sie länger anzusehen. »Ich werde dich nicht darum bitten, in deinem Herzen einen Platz für mich zu finden, Kait. Es ist mir nicht gegeben, um Dinge zu betteln. Wenn das der einzige Weg ist, um dich zu gewinnen, dann bist du nicht die Frau, für die ich dich halte. An deine Vernunft werde ich allerdings appellieren. Bedenke, was wir beide zusammen ausrichten könnten. Beide entstammen wir einer der großen Familien, beide haben wir eine Ausbildung in der Kunst der Magie ... beide sind wir Karnee. Stell dir vor, wozu wir zusammen imstande wären.« Kait hatte, seit sie an Bord des Schiffes gekommen war, nichts anderes getan, als genau darüber nachzudenken. »Ich träume von dir«, sagte sie leise. Er drehte sich wieder zu ihr um und sah sie scharf an. »Und ich von dir.« »In meinem Traum tanzen wir miteinander«, fügte sie hinzu. Er errötete. Nickte. »In der Luft.« »Im Dunkeln.« Nackt. Keiner von ihnen sprach das Wort aus, aber nur deshalb nicht, weil sie es nicht auszusprechen brauchten. Das Bild aus diesen nächtlichen Träumen stand zwischen ihnen, so real und voller 127 Möglichkeiten wie das Leben selbst. Kait spürte die Hitze in ihren Wangen und das Jagen ihres Pulses. Sie konnte Rys Erregung riechen, konnte sein Verlangen spüren. Ihr Atem ging immer schneller. »Ich glaube nicht, dass es Träume sind«, sagte Ry. Seine Stimme war jetzt nur noch ein heiseres Murmeln. »Ich glaube, dass unsere Seelen uns geben, was unsere Körper uns verweigern.« Kait fühlte sich von etwas Unwiderstehlichem angezogen. Sie machte einen Schritt von ihm weg, weil
sie körperlichen Abstand brauchte und ein wenig Zuversicht, dass sie immer noch Herrin ihrer selbst war, »Warum bist du mir nachgereist?«, fragte sie ihn. »Wenn du Pflichten deiner Familie gegenüber hattest, wenn du wusstest, dass sie dich zum Barzanne erklären würden, warum bist du nicht geblieben und hast deine Pflicht erfüllt?« Er ballte die Hände zu Fäusten, und die Knöchel traten weiß hervor, bevor er hastig Atem holte und aufs Meer hinausblickte. Er zwang sich zur Ruhe. Kämpfte den Hunger nieder, der ihn gerade noch ganz erfüllt hatte. Also hatte er ebenfalls Mühe, die Beherrschung zu wahren. Sie hatte oft über diese Frage nachgedacht, wenn sie jede Nacht im Dunkeln in ihrer Koje lag, zur Kajütendecke hinaufstarrte und auf seinen Atem lauschte. Einen Augenblick später, als weder seine Haltung noch sein Geruch etwas von seinen Gefühlen verriet, sagte er: »Ich habe keine gute Antwort darauf. Weder für dich noch für mich selbst. Ich kann dir nur sagen, dass etwas an dir mich in seinen Bann gezogen hat, seit unsere Wege sich das erste Mal kreuzten. Das heißt, vielleicht war es weniger an dir als an uns.« Er zuckte mit den Schultern. »Bis zu jenem Tag war ich fest davon überzeugt, in jeder Hinsicht Herr meiner selbst zu sein.« Sie konnte das klägliche Lächeln sehen, das seine Mundwinkel umspielte. Sie teilten also ihre Träume miteinander. Sie übten eine Wirkung aufeinander aus, die sie nicht verstehen konnte. Sie begehrte ihn. Und ihre Familie war tot. Soweit sie wusste, lebten auch die 128 meisten seiner Verwandten nicht mehr. Vielleicht bedeutete das, dass der Krieg zwischen den Sabirs und den Galweighs ein Ende finden würde. »Ich ... ich werde darüber nachdenken.« Sie strich ihr Gewand glatt. »Ich verspreche nichts, nur dass ich ... über einen ...« Sie probierte das Wort im Geiste aus und fand, dass es nicht mehr sagte, als sie sagen wollte. »Ja. Ich werde über einen ... Waffenstillstand nachdenken.« Dann wandte sie sich ab, bevor er ihr eine Antwort geben konnte, und lief zu ihrem Quartier. Als sie schon halb dort war, drehte sie sich noch einmal um und sah, dass er immer noch auf das endlose, hypnotisierende Meer hinausstarrte. »Ich glaube ... ich würde gern reden.«
Kapitel 14 'Der Spiegel hat uns fast erreicht, sagte Dafril. Aber etwas hat meinen erwählten Avatar veranlasst, ihn nach Süden zu bringen wo die kalten Länder liegen. Solander hat ihn dorthin gerufen. Nur die Oberhäupter des Sternenrats hatten sich in der kalten Unendlichkeit jenseits des Schleiers versammelt Dafril wollte sich nicht mit der Panik abgeben müssen, die bei den jüngeren Mitgliedern des Rats ausbrechen würde, wenn ihnen klar wurde, dass Solander zurückgekehrt war. Wir haben bereits Vorkehrungen getroffen, um uns um den Spiegel zu kümmern, sagte Mellayne. Er wird auf alle Fälle nach Calimekka gelangen. Ja. Unglücklicherweise wird es mit Solander nicht genauso einfach sein. Er nähert sich der Zeit seiner Geburt, und er hat bereits begonnen, seine Falken um sich zu scharen. Aber wenn Solander im Körper eines Säuglings zurückkehrt ob nun mit Erinnerungen oder ohne , werden wir jahrelang Zeit haben, bevor er uns Schwierigkeiten machen kann. Dafril seufzte. Solander war es schon einmal beinahe gelungen, sie zu vernichten. Wenn es dem Bastard möglich war, in einem neuen Körper wiedergeboren zu werden, ohne dass seine Erinnerungen vollkommen durcheinander gebracht wurden, wie sollte er da bei seinen Plänen vergessen haben, wie lange es dauern würde, bis dieser Körper das erforderliche Alter erreichte. Darauf dürfen wir uns nicht verlassen. Es drängt sich einfach der Verdacht auf, dass Solander einen Plan hat. Er wusste immer genau, was er tat. Ich wünschte, wir wüssten das auch. Das geht mir nicht anders, Mellayne, sagte Dafril. Ich wünschte, wir wüssten es auch. 130
ivys stetige Atemzüge in der Koje unter ihrer und sein Duft im Raum begrüßten Kait, als sie im Dunkeln erwachte. Bruchstücke des Alptraums, der sie geweckt hatte, hielten sie noch in ihren Fängen und verkrampften ihre Eingeweide. Und sie hatte mit Ry getanzt. Diesen verführerischen, leidenschaftlichen Tanz, der sie so wahnsinnig machte die Umarmungen, die Küsse, die Liebkosungen. Und dann war plötzlich ein Dritter bei ihnen gewesen, einer, der sie beobachtete. Der wartete. Sie richtete sich auf, aber weder das stete Schaukeln des Schiffs noch das rhythmische Knarren und
Wispern der Bretter und Segel konnte sie beruhigen. »Ry?« Er war bereits wach war, um genau zu sein, nur eine Sekunde nach ihr aufgewacht. Nachdem sie den Traum verlassen hatte, ging es ihr durch den Sinn. Sie hörte, wie er den Atem anhielt, und roch seine Wachsamkeit... und seine Erregung. »Ja?« »Irgendjemand macht Jagd auf dich. Er will dich töten.« »Wie kommst du darauf?« »Wir wurden beobachtet. In dem Traum, meine ich. Beim Tanzen. Der Beobachter war ... voller Bosheit.« »Ich habe nichts dergleichen gespürt.« »Er hat sich gegen dich abgeschirmt, aber zwischen euch beiden verläuft irgendein Strom entweder ein Blutsband oder etwas Magisches. Ich konnte die Strömung sehen. Es war ein winziger, schwarzer Fluss. Ich habe ihn bis an seine Quelle verfolgt, und am Ende konnte ich seine Augen sehen, die dich durch die Dunkelheit beobachteten. Ich ... ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube nicht, dass er von meiner Anwesenheit wusste. Gegen mich hatte er sich nicht abgeschirmt.« 131 Ry schwieg einen Augenblick lang. »Was kannst du mir über ihn erzählen?« »Dass er dich hasst. Dass er dich tot sehen möchte. Dass er nur . darauf wartet, dich in seine Reichweite zu bekommen.« »Klingt nach Ian«, sagte Ry und kicherte. »Aber er war es nicht.« Kait hatte sogar selbst schon an diese Möglichkeit gedacht. »Der Strom, der euch verbindet er reicht bis nach Calimekka.« »Das ist unmöglich.« Sie hörte, wie Ry sich in der Koje unter ihr bewegte, und eine Sekunde später erschienen sein Kopf und seine Schultern neben ihrem Bett. »In Calimekka halten mich alle für tot, die einen Grund haben, mir den Tod zu wünschen.« Bis auf die unheilige Dreiheit natürlich, dachte er. Aber die war gewiss schon hingerichtet worden, weil man sie für seine Ermordung verantwortlich machte. Er erzählte Kait, wie er seinen eigenen Mord inszeniert und dann seine Leiche hatte verschwinden lassen. »Irgendjemand weiß Bescheid«, sagte sie, als er zum Ende kam. »Irgendjemand weiß es, Ry.« Sie fragte sich, ob derjenige, der Ry beobachtete, auch der war, der sie und Hasmal beinahe bei ihrer Begegnung mit dem Wiedergeborenen erwischt hätte. Man musste zumindest die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass derjenige, der Jagd auf Ry machte, es auch auf den Spiegel abgesehen hatte. Das konnte sie Ry allerdings nicht erzählen. Ry presste die Lippen aufeinander, bis sie nur noch eine schmale Linie waren. »Das wäre dann ... bei Brethwans Seele! Das wäre eine Katastrophe. Denn wenn jemand weiß, dass ich überlebt habe, könnte er auch wissen, dass ich Calimekka übers Meer verlassen habe. Wir waren sehr vorsichtig, sind aber davon ausgegangen, dass niemand nach uns suchen würde. Wenn das jedoch ein Irrtum war, dann ließe sich leicht herausfinden, dass ich mit meinen Freunden weggegangen bin. Meine Feinde würden für diese Information bezahlen. Bei allen Höllen meine Mutter würde für diese Information bezahlen. Sie glaubt, meine Freunde sei 132
en im Dienst der Sabirs gestorben. Ihren Familien sind große Ehrungen zuteil geworden, weil sie sich angeblich geopfert hatten.« »Deine Mutter ehrt die Familien deiner Freunde? Die Frau, die dich zum Barzanne erklären würde?« »Wenn sie weiß, dass ich noch lebe, bin ich bereits ein Barzanne. Und die Familien meiner Freunde ... Ihr Schicksal wäre besiegelt.« Er sah Kait mit einem gehetzten Gesichtsausdruck an. »Dieser Traum, den du gehabt hast das muss einfach nur ein Traum gewesen sein.« Kait versuchte zu lächeln, aber es misslang ihr. »Unsere Geister tanzen, während wir schlafen, Ry. Ist das ein Traum?« Er antwortete ihr nicht. Eine Antwort war nicht nötig. Seine erschütterte Miene sagte ihr mehr, als sie wissen wollte. »Also, was wirst du ihnen sagen?« Er zuckte zusammen, dann dachte er kurz nach. »Nichts. Selbst wenn dein Traum Wahrheit ist, können wir nichts unternehmen, um die Menschen zu schützen, die wir in Calimekka zurückgelassen haben. Aber wenn ich es ihnen sagte, würden meine Freunde endlose und unheilbare Ängste ausstehen, und ich würde es riskieren, dass sie ihr eigenes Leben wegwerfen.« »Wie das?«
»Auf dem Weg nach Glaswherry Hala kommen wir sehr dicht an Calimekka heran. Wir segeln durch die Tausend Tänzer, drehen dann gleich hinter der Landspitze von Goft nach Süden ab und folgen dann der Küstenlinie. Möglich, dass sie vor Goft von dem Schiff springen würden, um nach Hause zu kommen; wenn sie es bis nach Calimekka schaffen würden, würde man sie mit Sicherheit hinrichten lassen.« Kait dachte über seine Worte nach. Sie hatte sich einst Hoffnung gemacht, ihre toten Verwandten wiederzusehen; jetzt wusste sie, dass das nie geschehen würde. Die Menschen, die sie so sehr geliebt hatte, waren tot und ihr genauso verloren wie allen anderen, die sie vermissten. Ihre Seelen waren bereits durch den Schleier gegangen, ihre Körper dienten der Erde als Nahrung, und 133
sie, Kait, würde sie in diesem Leben nie wieder sehen. Das war die unerbittliche Wahrheit. Sie sagte: »Ich hoffe um ihretwillen, dass dein Verfolger nichts von ihnen weiß.« Ry nickte. Er ließ sich wieder auf seine eigene Koje fallen, und sie hörte, wie er seine Decken zurechtzog. Dann schwieg er so lange, dass sie schon glaubte, er werde überhaupt nichts mehr sagen, und langsam trieb sie den verschwommenen Grenzen des Schlafs entgegen. Als er dann doch wieder zu sprechen begann, überraschte es sie. »Ich verdanke ihnen mein Leben«, sagte er. »Ich schulde ihnen die Sicherheit ihrer Familien. Wenn ich sie verraten habe, und sei es auch unwissentlich, wenn ich dafür verantwortlich bin, dass sie die Menschen verlieren, für deren Sicherheit ich gebürgt habe ... wie soll ich ihnen dann jemals zurückzahlen, was ich ihnen schulde?«
Kapitel 16 Lange Wochen verstrichen, und auf schöne Tage folgten Unwetter, und die Segel blähten sich in den Winden des Winters, aber an Bord der Windsbraut änderte sich wenig. Kait wusste noch immer nicht, was sie lan sagen sollte, und da er ihr aus dem Weg ging, ja, sich sogar weigerte, ihr in die Augen zu sehen, unternahm sie nichts. Aber die unmittelbare Nähe zu Ry war ihr immer noch nicht geheuer. Sie hatte zu Beginn ihrer Heimreise gehofft, dass sie sich an seine Anwesenheit gewöhnen würde und dass die wachsende Vertrautheit wenigstens Gleichgültigkeit, wenn nicht gar Verachtung hervorbringen würde. Aber ihr Verlangen nach ihm wurde mit jedem weiteren Tag nur noch stärker, und es kostete sie gewaltige Anstrengung, die magischen Schilde um sich herum aufrechtzuerhalten, um seine Wirkung auf sie abzudämpfen. Sie musste das Doppelte ihrer Kraft dazu aufwenden, dann das Dreifache und schließlich das Vierfache. Sie hatte zwei volle Verwandlungen in einem Versteck in der Bilge durchgemacht und sich von Ratten ernährt; sie hatte Hasmal befohlen, sie einzuschließen, weil sie wusste, dass sie in Rys Gegenwart und in Karnee-Gestalt niemals die Selbstbeherrschung aufgebracht hätte, sich ihm weiter zu verweigern. Sie magerte ab, wurde dünn, mergelte aus, und ihre Augen lagen in tiefen, dunklen Höhlen, bis das Gesicht, das sie aus dem Messingspiegel in ihrer Kajüte heraus ansah, Jaytis Geist hätte gehören können. Schließlich sagte Hasmal: »Du kannst nicht mehr lange so weitermachen.« Er saß auf seiner Koje und nähte die Säume seiner Stiefel nach. »Du wirst dich umbringen, wenn du weiterhin so gegen ihn kämpfst.« 135 Aber sie zuckte nur die Achseln. »Wir sind fast in Ibera. Wir werden das Schiff mit dem Spiegel verlassen, bevor es an Land geht, und ich werde ihn nie wieder sehen. Sobald ich nicht mehr mit ihm zusammen bin, wird es mir wieder besser gehen.« Er schlang die aus einer Sehne gefertigte Kordel geschickt um seine Finger und zog die Nadel durch die Löcher, wo die alten Säume gewesen waren, dann zog er einmal fest an der Kordel, und diese verschwand in dem Stiefel wie eine Schlange in einem Rattenloch. »Ich gäbe viel dafür, wenn ich wüsste, dass das die Wahrheit ist. Aber ich glaube nicht, dass Entfernung etwas mit dem zu tun hat, was zwischen euch beiden ist. Es ist Magie, Kait. Es ist Teil eines Zaubers, der größer ist als ihr beide zusammen, und so machtvoll wie nur je ein Zauber, der mir begegnet ist. Und es wird immer stärker. Die ersten Ausläufer des Zaubers habe ich bemerkt, noch bevor er ... ah, bevor er uns gerettet hat. Ein besseres Wort fällt mir nicht ein. Jetzt bindet euch dieser Bann wie mit einem Seil zusammen für jemanden, der über magische Sehkraft verfügt, ist es ganz deutlich zu erkennen, ein Band, das so dick und stark ist, dass ich manchmal glaube, es mit meinen Augen sehen zu können.« »Seile lassen sich durchschneiden.« »Dasselbe kann man mit Arterien machen, aber man stirbt, wenn man sie durchtrennt. Mir scheint,
dass dies hier dich eher umbringen wird, als dass es dich loslässt.« »Niemand lebt ewig. Ich muss an meine Familie denken«, antwortete sie ruhig. »Ry hat zugegeben, dass er einen Anteil an ihrer Ermordung gehabt hat, obwohl er behauptet, nur ein Bote gewesen zu sein. Ich glaube ihm nicht ganz, und selbst wenn ich ihm glauben könnte, wie soll ich den Geistern meiner Eltern und Geschwister erklären, dass ich ausgerechnet ihn zu meinem Lebensgefährten erwählt habe? Wie könnte ich meine Toten schlimmer beleidigen, als indem ich einen Sabir liebe?« Hasmal zuckte die Achseln. »Das Leben ist da, um gelebt zu werden«, sagte er. »Die Toten haben ihre Entscheidungen getroffen und ihren Willen durchgesetzt, solange sie noch lebten. Wenn sie erst tot sind, müssen sowohl ihre Zungen als auch ihre Gebote schweigen.« Sie sah ihn an und zog die Augenbrauen hoch. »Das entspricht aber nicht den Lehren des Iberismus.« »Pah! Der Iberismus ist eine Religion, die von Leuten geschaffen wurde, die bereits an der Macht waren von Männern, die die Götter dazu zwingen wollten, ihnen ihre Macht zu bewahren. Natürlich muss diese Religion die Vorstellung befürworten, dass deine toten Vorfahren Einfluss auf deine Entscheidungen haben. Welche bessere Möglichkeit gäbe es, noch aus dem Grab heraus Veränderungen im Keim zu ersticken und über die Zukunft zu gebieten?« Diese atemberaubende Ketzerei machte Kait einen Moment lang sprachlos. Dann verbarg sie das Gesicht in den Händen und versuchte, das Lachen zu ersticken, das in ihr aufwallte. »Du hast Recht«, sagte sie, als sie ihre Beherrschung wieder gefunden hatte. »Bei allen Göttern, du hast Recht. Meine Familie hat den Iberismus als Werkzeug benutzt und die Parnissas als ihre Sprecher. Die Sabirs, die Masschankas, die Dokteeraks und die Kairns haben es nicht anders gemacht. Wie sehr wir einander auch hassen mochten, wir haben uns alle des Iberismus bedient und die Götter haben wieder und wieder und wieder zugunsten der Familien geurteilt. Obwohl man für solche Worte auf den Platz des Gesetzes geholt und verprügelt würde.« Sein gezwungenes Lächeln und der flüchtige, gequälte Ausdruck, der über sein Gesicht huschte ein Ausdruck, den er eilig verbarg , weckten in ihr die Frage, welche Wahrheit sie da unwissentlich enthüllt hatte, aber er ließ ihr keine Zeit, ihm Fragen zu stellen. Er sagte: »So ist es. Also, wenn du die Wahrheit kennst, musst du dich ihr stellen. Wende sie auf dein Leben an. Bring dich nicht um, um es den Toten recht zu machen. Ich kann nicht behaupten, dass ich viel übrig hätte für Ry, aber ihr beide seid füreinander geschaffen. Glaub mir.« 136 137 Kait legte ihm eine Hand auf die Brust und beugte sich vor, um ihm in die Augen zu sehen. »Du betätigst dich als Kuppler? Du? Also schlägt doch ein Herz in dieser gepanzerten Brust. Ich dachte, du wärest immun gegen den Sog der Leidenschaft.« Er lächelte. »Warum? Weil ich dir nicht verfallen bin?« »Vielleicht. Die meisten Leute tun es.« Sie zuckte mit den Schultern. »Der Karnee-Fluch zieht sie nämlich alle zu mir hin.« »Das weiß ich. Ich sehe ja, welche Wirkung du auf die Männer an Bord hast. Mir ist auch nicht entgangen, was du mit der Mannschaft der Wanderfalke gemacht hast. Und Ry übt dieselbe allumfassende Faszination auf andere Menschen aus seine Freunde werden auf ewig seine Freunde sein, und die Frauen werden ihn umschwärmen wie Möwen den Fang eines Fischers.« Er lächelte. »Ich habe mich oft gefragt, was für ein Gefühl das wäre jede Frau haben zu können, die man haben will.« »Wenn du weißt, dass es im Grunde nicht du bist, den sie begehren, ist der Reiz des Ganzen schnell dahin.« »Da hast du wahrscheinlich Recht. Obwohl ich mir nicht sicher bin, ob ich Manns genug wäre, die Chance auszuschlagen, es einmal zu versuchen. Aber wie dem auch sei, dein Fluch hat keine Wirkung auf mich. Meine Schilde machen mich immun ... Was auch der Grund ist, warum wir beide so gut Freund miteinander sein können. Du faszinierst mich nicht...« Er hielt inne und spitzte schelmisch die Lippen. »Und ich fühle mich nicht zu dir hingezogen. Du bist nicht mein Typ. Du bist zu jung und zu unsicher und ... bitte, verstehe mich nicht falsch, aber ... du bist mir auch zu unreif.« Kait stieß einen unbestimmten Laut aus. »Autsch. Unreif? Du verletzt mich. Aber jetzt bin ich doch neugierig. Wie sieht denn dein Typ aus? Ich habe mir mal vorgestellt, dass du einmal dein Herz an ein zierliches kleines Mädchen mit vogeldünnen Knochen und unterwürfigem Benehmen verlieren würdest.« »Gedankt sei Vodor Imrish, dass du nicht diejenige bist, die mir eine Gefährtin aussuchen muss. Nein.
Meine Neigungen gingen 138 immer zu ... aaaah ... zu interessanten Frauen. Der Frau, die ich für immer lieben könnte, bin ich bei meiner Flucht aus Halles begegnet ... als ich versuchte, vor dir wegzulaufen. Sie ... hm, ihre Leute waren diejenigen, die mich von den Dieben gekauft haben ... Du weißt schon, sie hatten mich ausgeraubt und wollten mich gerade aufhängen. Die Gyrus hatten die Absicht, mich in die Sklaverei zu verkaufen, aber dann kam sie zu mir. Sie war wie ich ein Falke. Ein Prachtweib. Ein paar Jahre älter als ich, mit langem, rotem Haar, fantastischen Beinen und einem starken, schlanken Rücken. Sie ... aaaah ...« Er errötete, und seine Stimme wurde sehr weich. »Sie hatte die Neigung, einen zu beißen. Verdammt, ich würde alles darum geben, wieder mit ihr zusammen sein zu können.« »Sie hatte die Neigung zu beißen?« Kait war ehrlich fasziniert. »Das scheint mir aber eine Eigenschaft zu sein, die du deiner Mutter nur schwer erklären könntest.« »Was wahrscheinlich der Grund ist, warum Männer mit ihren Müttern nicht über ihr Geschlechtsleben reden.« Er blickte mit sehnsüchtigem Gesichtsausdruck ins Leere. »Alarista wusste alles über Sex.« Kait schnalzte geringschätzig mit der Zunge. »Das tut eine Katze auch, aber es macht sie deswegen nicht zu einem idealen Partner.« Hasmal lehnte sich zurück und stellte den Stiefel neben sich auf die Koje. Er sah ihr in die Augen und antwortete mit gleichmäßiger Stimme: »Wenn du dich gerade nicht selbst damit umbringst, dem einzigen Mann auf der Welt aus dem Weg zu gehen, den du lieben kannst, darfst du gern jederzeit Bemerkungen über meine romantischen Neigungen machen. In der Zwischenzeit möchte ich lieber selbst entscheiden, welche Frau für mich die richtige ist und welche nicht.« Ry und Trev gingen Seite an Seite auf dem Deck spazieren. Trev sagte: »Ich mache mir Sorgen wegen unserer Reiseroute.« 139 »Warum? Es ist der sicherste Weg zu dieser Jahreszeit. Die meisten Piraten liegen irgendwo an der manarkischen Küste vor Anker und warten die letzten Unwetter ab, und indem wir uns dicht unter der Küste halten, haben wir selbst ein wenig Schutz vor den bevorstehenden Stürmen.« »Ich muss es dir sagen. Yanth und ich haben die Omen überprüft, wie du es uns gezeigt hast. Wir haben Dinge gesehen, die sich nicht von der Hand weisen lassen. Es scheint, als sei dies eine schlechte Zeit, um in die Nähe von Calimekka zu kommen. Nicht einmal der Hafen in Goft scheint sicher zu sein.« Ry blickte ihn erschrocken an. Er hatte sie so viel Magie gelehrt, wie er es wagte, aber nie die Möglichkeit bedacht, dass sie sie ohne seine Aufsicht benutzen könnten. Es würde gefährlich sein, jenseits der Tausend Tänzer auf das hohe Meer zuzusegeln, aber es würde sie von Calimekka und Goft fern halten. Und seine Freunde würde es vor der Versuchung bewahren, ihren Familien eine Nachricht zu schicken. Familien, die inzwischen vielleicht längst tot waren. »Wir wollten eigentlich nach wie vor nach Calimekka segeln«, sagte er. »Ich ... wir ... wir alle finden, du solltest noch einmal darüber nachdenken, ob du nicht versuchen solltest, sie und ihr Artefakt in die Stadt zu bringen, wenn wir an Land gehen. Wir finden, wir sollten alle mit ihr gehen dahin, wo sie hinwill, nach Brelst. Oder sogar noch weiter Richtung Süden. Die Omen scheinen in diese Richtung zu weisen.« Ry war überrascht. Habt ihr nicht darauf gezählt, eure Familien wieder zu sehen? hätte er am liebsten gefragt. Aber er sprach seinen Gedanken natürlich nicht aus. Dafür war die Gefahr zu groß, dass die Verwandten seiner Freunde inzwischen den Tod gefunden hatten. »Ich hatte einen Grund, warum ich nach Calimekka wollte«, gab er zu. Er hielt den Blick fest auf den Boden gesenkt, denn er glaubte nicht, dass er Trev in die Augen sehen und trotzdem sagen konnte, was er sagen musste. 140 Trev wartete. Und wartete. Schließlich sagte er: »Du hast dich in letzter Zeit so seltsam benommen, dass ich mich langsam frage, ob du nicht irgendein Geheimnis hast.« Alle möglichen Geheimnisse, dachte Ry. »Ich wollte den Spiegel zum Töpfersfeld draußen vor der Südmauer bringen. Mein Bruder liegt dort begraben mein Bruder Cadell. Du hast ihn nie kennen gelernt. In der Nacht, in der wir Calimekka verließen, kam sein Geist zu mir. Cadell starb, als ich noch ein kleiner Junge war.« Ry befühlte das Medaillon, das er trug, das Vermächtnis seines um viele Jahre älteren Bruders, ein letztes, kostbares Geschenk. »Er war mein Held und mein Freund, und er war Karnee wie ich. Am Tag seines Todes hatten sie ihn in Tiergestalt draußen auf den Straßen der Stadt gefunden. Ich glaube immer noch, dass meine Vettern, Crispin, Anwyn und Andrew, ihn verraten
haben. Einige Stadtwachen nahmen ihn gefangen und schleppten ihn zum Platz des Gesetzes, wo sie ihn öffentlich folterten. Er hat seine Familie nicht verraten, er hat nicht ein einziges Wort gesagt. Also sprach der Parnissa sofort das Urteil und ließ ihn an Ort und Stelle vierteilen. Hätte er, was uns betrifft, ein Geständnis abgelegt, bezweifle ich nicht, dass auch meine Mutter, mein Vater, meine Schwestern und ich geopfert worden wären. Aber niemand trat vor, der ihn kannte, und ... er hatte keinen Schmuck und keine Amtszeichen bei sich, die ihn identifizierten ...« Ry strich noch einmal über das Medaillon, und seine Kehle war wie zugeschnürt. »Dies hier hatte er vorher meiner Mutter gegeben, wie er es jedes Mal tat, wenn er sich verwandelte. Er wollte, dass sie es mir gab, falls ihm etwas zustoßen sollte.« Er schluckte hörbar, und Trev legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Du brauchst mir das alles nicht zu erzählen.« »Ich weiß. Aber wenn ich es niemandem erzähle, verliere ich vielleicht den Verstand.« Ry holte tief Atem und sprach dann weiter. »Wie dem auch sei, in der Nacht, in der wir von Calimekka aus in See stachen, kam sein Geist zu mir. Er sagte mir Kaits Namen und erzählte mir, dass sie nach dem Spiegel der Seelen suche. 141 Später erklärte er mir, dass ich ihn ins Leben würde zurückholen können, wenn ich Kait den Spiegel abnähme und ihn zu seinem Grab brächte es ist ein ungekennzeichnetes Grab, aber ich weiß, wo es sich befindet. Ich könnte ihm das Leben zurückgeben.« Ry ballte die Fäuste und kämpfte die Tränen nieder, die zu vergießen er sich weigerte. »Ich könnte meinen Bruder zurückbekommen.« Trev schwieg so lange, dass Ry am Ende doch aufblickte. Er war überrascht, seinen Freund so zu sehen, mit feucht glänzenden Wangen, den Blick starr aufs Meer geheftet. »Trev ...?« »Es ist alles in Ordnung«, sagte Trev. »Ich wusste das nicht mit deinem Bruder. Ich wusste nicht mal, dass du, abgesehen von deinen Schwestern, noch jemanden hattest. Ich weiß, dass keine von beiden dir jemals nahe stand. Ich ... mir war nicht klar, was du verloren hattest.« Ry sagte leise: »Aber genau das ist es doch. Wenn ich den Spiegel nehmen und zurückkehren könnte, hätte ich nichts verloren. Zeit... natürlich, die hätte ich verloren. Er würde ...« Ry richtete sich auf und schüttelte verblüfft den Kopf. »Er würde jetzt viel jünger sein als ich, statt wie früher mein älterer Bruder. Er war ... zwanzig, als er starb.« »Er muss sehr tapfer gewesen sein, wenn er nicht verraten hat, wer seine Familie war.« »Er war der tapferste und beste Mann, den ich je gekannt habe.« »Ich werde dir jetzt etwas sagen, das du nicht gerne hörst, Ry«, entgegnete Trev leise. »Ich werde es sagen, weil ich dein Freund bin, und du kannst es dann so verstehen, wie du willst. Es gibt ein altes Sprichwort, das mir bei deinen Worten immer wieder durch den Kopf gegangen ist, und ich kann es nicht zum Schweigen bringen, obwohl ich selbst Schwestern habe, die mir alles auf der Welt bedeuten, und obwohl ich, wenn ich mich an deine Stelle versetze, gut verstehen kann, warum du so empfindest.« Ry wartete schweigend ab. »Das Sprichwort heißt: Lasst die Toten ruhen. Ich weiß, dass du 142 deinen Bruder zurückhaben willst, aber ich spüre auch, dass etwas an dieser Geschichte nicht in Ordnung ist. Ich kann nicht den Finger darauf legen, was es ist, und sagen: >Da, das ist das Problem^ aber mein Bauch sagt mir, dass da etwas nicht stimmt.« Er drehte sich zu Ry um und sah zu ihm auf. »Ich bin dein Freund. Ich werde dir helfen, wie ich nur kann, und ich würde alles für dich tun; wenn ich für dich sterben müsste, ich bin bereit, aber bitte, Ry, tue es für mich. Denk über das nach, was ich gesagt habe. Ich weiß nicht, warum das so wichtig ist, aber dass es wichtig ist, davon bin ich überzeugt. Lass die Toten ruhen.« Ry beobachtete das Auf und Ab der Wellen in ihrem Kielwasser. Calimekka kam mit jedem Tag, jeder Stunde, jedem Augenblick näher und mit ihm Cadell. Wenn der Spiegel sich erst in den Händen des Wiedergeborenen befand, von dem Kait sprach, hatte er die Chance, seinen Bruder zurückzubekommen, für alle Zeit vertan. Er würde nur diese eine Möglichkeit haben. Cadells geisterhafte Stimme war immer noch gelegentlich in seinem Kopf und bat ihn mit flehentlichem Flüstern, ihn aus seinem Bettlergrab zu retten. Und der verborgene Feind, der Ry im Schlaf beobachtete, war immer noch da. Sein Verstand sagte: Nur ein Feigling würde seinen Bruder im Grab lassen. Sein Bauch sagte: Lass die Toten ruhen. Er drehte sich zu Trev um. Würde er mir den gleichen Rat geben, wenn er wusste, dass seine Schwestern wahrscheinlich tot sind, fragte er sich. Wenn wir den Spiegel auch für sie benutzen
könnten, um sie ins Leben zurückzurufen? Wahrscheinlich würde er dann anders denken. Was nichts änderte. Die Omen sagten, dass er Calimekka meiden sollte. Kait sagte, dass ihnen dort Gefahr drohte. Sein Bauch sagte ihm, dass er so schnell wie möglich nach Süden reisen sollte. Was er tun wollte, war wahrscheinlich nicht das, was er tun musste. 143 Er umfasste mit beiden Händen die Messingreling und biss die Zähne zusammen. »Ich werde dem Kapitän Order geben, Kurs auf die hohe See zu nehmen«, sagte er. Der Kapitän zuckte die Achseln. »Wir brauchen nicht unbedingt in Goft neue Vorräte an Bord zu nehmen; damit habe ich keine Schwierigkeiten. Wir können früher aus den Tausend Tänzern abdrehen, wenn Ihr das wünscht, und weiter von der Küste entfernt auf Kurs gehen. Wenn Ihr die junge Frau und ihre Freunde wirklich nach Brelst bringen wollt statt nach Glaswherry Hala, lässt sich auch das ohne weiteres machen. Wir können später neue Vorräte an Bord nehmen, ohne uns damit in Gefahr zu bringen. Aber wir können jetzt unmöglich auf südlichen Kurs gehen. Seht Ihr, was da am Horizont los ist?« Ry blickte nach Süden, in die Richtung, die der Kapitän ihm wies. Ein trüber, grünlicher Nebel ließ die Linie zwischen Wasser und Himmel verschwimmen, bis sie kaum mehr erkennbar war. »Ja.« »Da braut sich ein Sturm zusammen. Das Quecksilber im Glas fällt wir können dem Unwetter ohne weiteres davonfahren, wenn wir für den Augenblick weiter in westlicher Richtung segeln, aber ich werde uns bestimmt nicht mitten in diese Suppe hineinsteuern.« Ry stieß langsam den Atem aus. Er mochte einer der fünf Familien angehören, aber der Kapitän war ein Kapitän auf seinem Schiff war er genauso mächtig wie ein Paraglese, keines Mannes Befehl unterworfen und einzig seinem Gott Tonn verantwortlich. Wenn er nicht freiwillig auf die hohe See hinausfuhr, konnte Ry ihn weder mit Gewalt noch mit Drohungen oder Schmeichelei umstimmen. Und er war nicht dumm genug, es auch nur zu versuchen. »Also gut. Dann haltet uns einfach so weit wie möglich von Goft und Calimekka fern und bringt uns auf dem kürzesten Weg nach Brelst, den Ihr steuern könnt.« 144 Der Kapitän tippte sich an die Stirn und strich sich nachdenklich über seinen mit Perlen durchzogenen, geflochtenen Bart. »Gibt es da irgendetwas Besonderes, dem Ihr aus dem Weg gehen wollt?« »Nur dass ich nicht persönlich herausfinden möchte, warum die Omen schlecht sind.« »Eine Begründung, die mir vollkommen ausreicht.« Ry musste es dabei belassen und hoffen, dass es tatsächlich reichen würde.
Kapitel 17 ;i volle Tage lang wurden sie von dem Sturm, einem wahnsinnigen, schreienden Etwas, gebeutelt. Das Unwetter zwang sie, in Lee einer der winzigen Inseln der Tausend Tänzer vor Anker zu gehen. Als sich das wütende Element jedoch wieder legte, blieb ein kristallklarer Himmel zurück, die Brise war kühl und sauber und das Segeln eine Freude. Kait stand auf der Steuerbordseite der Windsbraut und sah zu, wie die Inseln vorüberglitten. Ry trat neben sie, und weil ihr keine gute Ausrede einfiel, gleich wieder Fortzugehen, und weil reichlich andere Leute auf Deck waren, blieb sie, wo sie war. Er sagte: »Das ist der Anfang der Tausend Tänzer. Die Inselkette zieht sich bis nach Goft hinein, aber der Kapitän sagt, wir würden schon vorher abdrehen und einen südlichen Kurs einschlagen. Siehst du diese hohe Insel, aus deren Gipfel Rauch aufsteigt?« Kait nickte. »Das ist Falea. Sie war angeblich die Tochter einer einheimischen Göttin, damals, bevor Ibera Anspruch auf diese Inseln erhob. Sie wurde für irgendeine Sünde auf die Erde geworfen und dazu verurteilt, bis in alle Ewigkeit von innen her zu brennen. Ich glaube, sie hatte den Liebhaber einer anderen Göttin verführt.« Er zuckte mit den Schultern. Kait blickte aufs Wasser hinaus, und ohne Vorwarnung befiel sie plötzlich eine Übelkeit wie auf einem vom Sturm hin und her geschleuderten Schiff. »Wie lange wird es noch dauern, bis wir die Inseln hinter uns lassen?« Ry schien ihr Unbehagen nicht zu bemerken. »Der Kapitän sagte, wenn der Wind so bliebe und er die Segel setzt, so wie er es gerade jetzt tut, dann könnten wir bis morgen Abend Merrabrack 146
erreichen. Das ist der beste Ausgangspunkt für einen Kurswechsel nach Süden.« Morgen Abend. Kait hatte nicht geahnt, dass sie Goft so nahe waren. Goft und Calimekka. Und der Gefahr, die ihr in ihren Träumen so zugesetzt hatte. Morgen würden sie den Wendepunkt erreichen und die Entfernung zwischen sich und der gesichtslosen Gefahr vergrößern, einer Gefahr, die in Calimekka auf sie wartete. Dann würde das flaue Gefühl in ihrem Magen endlich zurückgehen. Vielleicht würde sie nachts auch wieder schlafen können, ohne dass der Jäger sie heimsuchte, der durch ihre Augen Ry beobachtete. Sie lehnte sich seufzend an die Reling und starrte zu den Inseln hinüber. Sie beugte sich vor, um die volle Kraft des Windes auf ihrem Gesicht zu spüren und um in die Richtung zu blicken, in die sie fuhren. Und in diesem Augenblick sah sie die Fluggeräte. Sie waren nur zwei runde weiße Kreise am westlichen Horizont. Wenn sie von Norden nach Süden geflogen wären, hätte Kait zwei längliche Ellipsoiden gesehen. Da sie ihr als Kreise erschienen, flogen sie von Osten nach Westen, genau auf die Windsbraut zu. Ihr Herz setzte einen Schlag lang aus, und ihr Atem stockte. Fluggeräte. Fluggeräte waren Erfindungen der Galweighs, stabile Luftschiffe, die leichter als die Luft selbst waren. Man hatte die Entwürfe zu ihrer Herstellung in geduldiger Mühsal den Schriften und Urkunden der Alten entnommen. Kait selbst war mit ihnen geflogen, hatte sie selbst gesteuert, sie kannte viele Piloten der Familie und war mit einem von ihnen sogar befreundet gewesen. Voller Sehnsucht dachte sie an Aouel, der inzwischen gewiss tot war. Und was war aus den anderen Piloten geworden, die sie kannte? Was aus der Flotte der Familie? Die Kreise der Luftschiffe wurden größer. Sie biss sich auf die Lippe und starrte die sich nähernden Fluggeräte an. Was war aus der Luftflotte geworden, als das Haus Galweigh fiel? Hatten die Sabirs sich ihrer bemächtigt oder war es den anderen Zweigen der 147
Familie Galweigh gelungen, die Fluggeräte unter Verschluss zu halten? Kamen die Piloten dieser großen Luftschiffe als Freunde? Oder kamen sie als Feinde? Die Fluggeräte flogen selten weiter über das Meer hinaus. Kait wusste nicht, wann sie je die Tausend Tänzer überflogen hätten der einfachste Weg zu den Kolonien in Manarkas war eine Flugroute in nördlicher Richtung über die Dalvische See, und nur ein Wahnsinniger würde versuchen, über den Bregischen Ozean zu fliegen, um die Kolonie der Galweighs in Süd-Novtierra zu erreichen. Dazu waren die Fluggeräte einfach nicht verlässlich genug. Was also taten diese beiden Flieger, die auf das Ende der Tausend Tänzer zuhielten, das schon jenseits der Grenzen der zivilisierten Welt lag? Kaits Nerven vibrierten bei ihrem Anblick, und die Furcht saß ihr im Nacken. »Ry ...«, sagte sie. »Siehst du das da?« Er blickte in die Richtung, in die sie zeigte, und erstarrte. Er antwortete nicht. Es war auch nicht nötig. Kait konnte die Gondeln sehen, die unter der gewaltigen Außenhaut der Luftschiffe hingen, und die Fangseile, die hundert Spinnenbeinen gleich darunter hin und her pendelten. »Sie haben hier draußen nichts zu suchen, schon gar nicht, wenn sie in diese Richtung fliegen«, sagte sie. »Ich weiß. Aber wir haben immer noch etliche Meilen zu fahren, bis sie auf gleicher Höhe mit uns sind.« Ian, der mit Hasmal auf der anderen Seite des Decks stand, hatte bemerkt, worauf ihre Aufmerksamkeit sich konzentrierte. Er runzelte die Stirn, schüttelte leicht den Kopf und kam nach einem kurzen Zögern zu ihnen herüber. »Fluggeräte?«, fragte er. Der Vorteil der geschärften Karnee-Sinne. Kait konnte die Luftschiffe ganz deutlich sehen. »Ja.« Ian nickte. »Meinst du, dass uns von ihnen Gefahr droht?« »Keine Ahnung«, sagte Ry und sah Kait an. Eine Sorgenfalte zog sich quer über seine Stirn. »Sie fliegen direkt auf uns zu. 148 Wenn es ein Zufall ist und wir Abwehrmaßnahmen ergreifen, fallen wir ein paar Stunden hinter unseren Zeitplan zurück und erreichen Merrabrack erst übermorgen. Wenn sie es auf uns abgesehen haben und wir keinen Fluchtversuch machen dann überlassen wir ihnen kampflos, was sie von uns haben wollen.« Ian schloss die Augen, und Kait erschien es, als wende er sich nach innen. Lange Sekunden stand er so da, die Arme über der Brust verschränkt, und schwankte leicht mit den Bewegungen des Schiffes hin
und her. Schließlich holte er tief Atem, drückte die Schultern durch und öffnete die Augen. Kait sah, dass er eine Entscheidung getroffen hatte; der Ärger, der in seinen Augen gestanden hatte, seit sie auf den Handel des Kapitäns eingegangen war, war entweder erloschen oder wohl verborgen, und auch etwas von der Anspannung war aus seinen Zügen gewichen. Er sagte: »Wenn wir jetzt einen südlichen Kurs einschlagen, fahren wir genau gegen die Tiefe Strömung. Um diese Zeit des Jahres verläuft sie sehr nahe am Kontinent. Wir müssen Merrabrack erreichen, wenn wir uns die Gegenströmung des Schiffs zunutze machen wollen. Wenn es ein paar Monate später wäre ...« Er machte eine wegwerfende Geste. »Es ist aber nicht ein paar Monate später. Wenn wir jetzt versuchen, nach Süden beizudrehen, werden wir praktisch stillstehen, und diese Luftschiffe können mit uns machen, was sie wollen. Und wenn die Luftschiffe nicht unseretwegen hier sind und warum sollten sie auch? , sind wir ganz umsonst geflohen, was die Windsbraut Vorräte und Zeit kosten würde. Außerdem würden wir praktisch mitten in die Bahn der jahreszeitlichen Stürme hineinfahren.« Sowohl Ry als auch Ian sahen Kait an. Ry sagte: »Deine Familie, deine Alpträume. Deine Entscheidung.« Kait dachte nur eine Sekunde lang nach. »Dann sage ich: Gehen wir ihnen aus dem Weg.« Ry ließ sie ohne ein weiteres Wort stehen. Binnen weniger Augenblicke kletterten die Matrosen in die Takelage, um weitere Segel zu setzen, und der Kapitän, der am Steuerrad stand, ließ die 149 Windsbraut hart nach Norden laufen, direkt in das Herz der Tausend Tänzer. Kait, Ian und Ry standen an Backbord und sahen nach Westen, um die Fluggeräte zu beobachten. Kurz darauf gesellte sich Hasmal zu ihnen. Alle vier schwiegen, warteten und hielten Ausschau. Die Fluggeräte wichen nicht von ihrem schnellen Kurs in östlicher Richtung ab. »Wir werden sie bald abgeschüttelt haben«, sagte Ry. »Wir fahren um ein paar Inseln herum, und wenn sie vorbeigeflogen sind, nehmen wir unseren früheren Kurs wieder auf. Der Kapitän war nicht gerade begeistert, aber genau wie du konnte er sich nicht entsinnen, jemals so weit östlich Fluggeräte gesehen zu haben.« »Ich danke dir«, sagte Kait. Sie lehnte sich an die Reling, und ihre Knie wurden schwach vor Erleichterung. Sie würde dem Verhängnis, das Hasmal prophezeit hatte, noch einmal entgehen. Vielleicht würde sie dieses Abenteuer wirklich überleben, Solander seinen Spiegel der Seelen geben und dann ... Und dann würde sie einen Weg finden, um zu dem zurückzukehren, was von ihrer Familie vielleicht noch übrig war, und sie würde ihr Leben wieder aufnehmen. Sie standen sehr lange so da und beobachteten, wie die Inseln voraus immer größer wurden, während die Fluggeräte an Backbord langsam kleiner wurden. Sie behielten ihren Kurs bei und flogen weiter in östlicher Richtung, ohne auf die Windsbraut zu achten. Endlich stieß Kait den Atem aus; sie hatte vorher nicht einmal bemerkt, dass sie die Luft angehalten hatte. Seit ihr zum ersten Mal die Punkte am Horizont aufgefallen waren, hatte sie kaum zu atmen gewagt. Hasmal hatte bis zu diesem Moment überhaupt nichts gesagt. Jetzt jedoch hörte Kait ihn flüstern: »Ich dachte es mir.« Das Entsetzen in seiner Stimme ließ sie aufhorchen. Sie drehte sich um und blickte nach Südwesten. 150 Beide Fluggeräte wendeten. Sie schlugen einen nordöstlichen Kurs ein darauf berechnet, die Windsbraut abzufangen. »Ah, bei Brethwan«, murmelte Ry, und zwar im selben Augenblick, in dem Hasmal sagte: »Vodor Imrish, steh uns bei.« Ry drehte sich zu Kait um. »Weißt du etwas über diese Schiffe, das uns helfen könnte, das hier zu überleben? Kannst du uns wenigstens erklären, was uns bevorsteht?« »Ich kenne beide Fluggeräte«, sagte Kait. »Das sind die Großschiffe der Galweighs. Galweighs Adler und Feuerherz. In jedem dieser Schiffe ist Platz für fünfzig bewaffnete Männer mitsamt ihrer Ausrüstung sowie einen Kapitän, einen ersten Maat und acht Ingenieure. Möglich, dass ich den Kapitän und die Mannschaft sogar kenne jedenfalls hätte ich sie gekannt, bevor die Sabirs unser Haus angriffen. In jedem Falle werden sie Pechstrahler und Zündgeschosse an Bord haben, und im Ballastraum sind bestimmt jede Menge Steine, die sie auf uns abwerfen können, um uns
leckzuschlagen. Sie können ihre Schiffe höher steigen lassen, als die Katapulte dieses Schiffs feuern können, und uns aus dieser Höhe dann zerstören.« Sie sah zu einer nicht allzu weit entfernten Insel, wo bis ans Ufer hinunter Bäume mit schirmartiger Krone wuchsen, die mit ihrem dichten Blätterbaldachin die Bucht überspannten und eine Art Grotte aus Bäumen bildeten. Sie machte die beiden Männer darauf aufmerksam. »Zwischen den Bäumen könnten sie nicht fliegen...« Dann warf sie einen Blick zu den drei Masten der Windsbraut und musterte den Wald aus Rahen, Segeln und Seilen. »Aber wenn wir unter den Bäumen Schutz suchen, kommen wir wahrscheinlich nicht mehr wieder raus. Andererseits haben wir keine Chance, den Fluggeräten davonzufahren.« »Du weißt ziemlich gut Bescheid«, sagte Hasmal. Kait, die die sich nähernden Luftschiffe nicht aus den Augen ließ, nickte. »Ich habe selbst schon kleinere Schiffe geflogen. Wir können ihnen nichts antun, was sie nicht zuerst uns antun könnten. Und dann stehen ihnen noch weitaus schlimmere Möglichkeiten zu Gebote.« 151 Ry lachte ein trockenes, freudloses Geräusch. »Was tun wir denn jetzt?« Die Fluggeräte konnten sich dreimal so schnell fortbewegen wie das schnellste Segelschiff, das unter vollem Tuch auf offener See fuhr, und die Windsbraut konnte nicht mal alle Segel setzen. Sie befand sich bereits in dem Gewirr der Inseln und musste sehr genau auf ihren Kurs achten. »Sterben?« Kait seufzte. »Es ihnen ein klein wenig schwerer machen, uns zu töten? Am besten verstecken wir uns unter den Bäumen dort dann könnten sie nur von der Seite angreifen. Wenn wir sie in unsere Reichweite bekommen, können wir sie mit unseren Katapulten beschädigen. Wir könnten vielleicht Feuerpfeile in die Außenhülle schießen obwohl der Stoff einer Sonderbehandlung unterzogen wurde, damit er nicht Feuer fängt. Ich nehme an, sie wissen, dass wir den Spiegel der Seelen haben. Das sollte sie davon abhalten, uns zu versenken, bevor sie den Spiegel haben.« Sie hatte, während sie sprach, die Fluggeräte weiter beobachtet, aber jetzt drehte sie sich zu Ry um. »Außerdem vermute ich, dass sie, sobald sie erst den Spiegel haben, uns töten wollen, das heißt, was immer wir mit ihnen machen wollen, wir müssen es tun, bevor sie an Bord kommen. Wenn wir nichts mehr haben, was sie in ihre Hände bekommen wollen, können wir uns nicht mehr zur Wehr setzen.« Ry lief los, um mit dem Kapitän zu sprechen. Kurze Zeit später änderte das Schiff seinen Kurs und schob sich langsam auf die Insel zu, auf die Kait zuvor gezeigt hatte. Hasmal stand wieder neben ihr. »Kait? Würde ein schwerer Sturm die Luftschiffe vertreiben?« »Könnte sein.« »Nun, vielleicht könnte ich einen Wind heraufbeschwören. So wie ich es auf der Wanderfalke gemacht habe, als wir im Zauberring gefangen waren. Vielleicht.« Kait drehte sich zu ihm um und sah ihn mit einer jähen, unmöglichen Hoffnung in den Augen an. »Das hatte ich ganz vergessen.« 152 »Ja. Damals habe ich mein Blut, mein Fleisch, mein Leben und meine Seele als Preis dafür angeboten, uns aus dem Zauberring zu befreien, und Vodor Imrish hat uns herausgeholfen. Aber es gibt da ein Problem. Ich kann noch einmal mein Blut opfern, aber mein Leben und meine Seele gehören ihm schon. Also wird er vielleicht das Gefühl haben, dass ich ihm ohnehin schon alles schulde, was ich besitze, und er könnte auf die Idee kommen, mich eher für sich zu fordern, als zuzulassen, dass ich noch tiefer in seine Schuld gerate. Was besitze ich denn noch, was ich ihm anbieten könnte?« Kait runzelte nachdenklich die Stirn. »Ich weiß nicht. Er ist dein Gott, womit kann man ihm denn einen Gefallen tun?« »Den größten Gefallen tut man ihm, wenn man ihn in Ruhe lässt.« »Dann sollten wir wohl besser hoffen, dass er auch an dir Gefallen findet.« Sie legte eine Hand auf seinen Arm. »Wirst du ihn rufen?« Hasmal sagte: »Ich werde es versuchen.« »Ich gehe mit dir. Beim letzten Mal wärest du fast verblutet, als du dein Opfer brachtest. Es überrascht mich immer noch, dass du das überlebt hast.« »Er war noch nicht fertig mit mir.« Die Fluggeräte waren ganz nahe, so nahe, dass es ein Wettlauf würde: Erreichten sie das Schiff, bevor dieses unter das Geäst der schirmartigen Bäume, die bis weit über das Ufer hinausragten, fliehen konnte? »Dann wollen wir hoffen, dass er das immer noch nicht ist«, sagte Kait, als sie zum Niedergang liefen
und von dort weiter in ihre Kajüte.
Kapitel 18 Ry sah wie gebannt zu den Fluggeräten hinüber und versuchte zu überlegen, wie er sie dazu bringen konnte, beizudrehen. Nun gut, es waren Schiffe der Galweighs, und er spürte das Vibrieren von Galweigh-Magie in ihnen aber gleichzeitig spürte er auch die Anwesenheit der Sabir-Wölfe. Diese Mischung fühlte sich widerlich an ... ölig ... schmutzig. Was für eine Art von Allianz hatte sich in seiner Abwesenheit entwickelt... Und warum stank das Ganze nach der unheiligen Dreiheit der Hölle? Er konnte den Einfluss seiner beiden Vettern, der Brüder Crispin und Anwyn, und deren Vetter Andrew förmlich spüren; ihre Magie sickerte wie Gift durch die Außenhaut der Luftschiffe. Sie wussten, dass er sich an Bord der Windsbraut befand. Vielleicht war einer von ihnen der heimliche Beobachter, der durch Kaits Schlaf geisterte. Er trat zu seinen Leutnants, die der Mannschaft geholfen hatten, und sagte: »An Bord dieser Schiffe befinden sich etliche Wölfe. Einige von ihnen sind Sabir-Wölfe, andere sind Galweighs, aber wir werden die Windsbraut gegen ihren Angriff abschirmen. Ich möchte, dass ihr alle aufs Vorderdeck geht. Sofort.« Ian Draclas war zu lange Kapitän eines Schiffs gewesen, um dem bevorstehenden Angriff tatenlos zuzusehen; die Tatsache, dass man ihm sein Schiff gestohlen hatte und dass er sich buchstäblich als Gefangener an Bord des Schiffs seines Halbbruders wieder gefunden hatte, spielte keine Rolle für ihn. Er wusste, wie man kämpfte, und er wusste, wie man überlebte; er hatte nicht die Absicht, in dieser Schlacht zu sterben. Zusammen mit der Mannschaft hämmerte er die Schutzschilde neben den Katapulten fest, und als er damit fertig war, trat er neben Kapitän Sleroal, der das große Steuerrad des Schiffs bediente. »Sie werden uns jetzt bald überfliegen«, sagte er. »Wir können die Bäume unmöglich vor ihrer ersten Salve erreichen.« »Das sehe ich«, antwortete der Rophetianer leise. »Könnt Ihr sonst etwas Nützliches tun ich meine, abgesehen davon, mir das Offensichtliche mitzuteilen?« Ian beherrschte sich. An Sleroals Mast flatterte die Flagge der Sabirs, eine Flagge, die die meisten Feinde abschreckte, bevor sie überhaupt angriffen. Der Ruf der Sabirs, für jedes Ungemach schreckliche Vergeltung zu üben, beschützte sie so sicher, als hätten sie eine ganze Armada als Eskorte bei sich. Ian, der im Laufe seiner Jahre als Kapitän der Wanderfalke sowohl Angreifer wie Angegriffener gewesen war, vermutete, dass er über erheblich größere Kampferfahrung verfügte als der ältere Mann. Er sagte: »Sie werden uns wahrscheinlich zuerst mit brennendem Pech bewerfen. Aber wenn Eure Männer die Putzeimer mit Seewasser füllen, solange noch Zeit dazu ist, und alle nicht benutzten Segel ins Meer tauchen, können wir die schlimmsten Flammen löschen, bevor sie sich ausbreiten.« Der Kapitän warf ihm einen kurzen Blick zu. »Ihr habt also beschlossen, Euch auf unsere Seite zu stellen, wie?« »Ich ziehe es vor, auch den Abend dieses Tages noch zu erleben.« »Ich auch.« Sleroal rief mehreren seiner Leute Befehle zu. »Du ... und du da ... ihr füllt jeden Eimer auf dem Schiff mit Seewasser. Du und du ... ihr geht unter Deck, holt sämtliches Segeltuch nach oben und durchnässt es. Macht alles für das Feuer bereit. Jeder einzelne Mann soll sich bereithalten, zu den Eimern zu greifen.« Ian und der Kapitän blickten wieder zu den Fluggeräten hinauf. Es schien, als verdeckten sie den halben Himmel. Eines der Luftschiffe hielt sich dicht hinter dem anderen; Ian vermutete, dass 154 155 eines der Schiffe Feuer und Pfeile auf sie abwerfen und dann dem anderen Platz machen würde, um den nächsten tödlichen Hagel bereitzumachen, während das andere sie weiter bombardierte. »Wenn Ihr noch mehr Ideen habt, wäre ich mehr als froh, sie mir jetzt anzuhören«, sagte Sleroal. »Zuerst muss ich sehen, was sie vorhaben.« Die Windsbraut hatte keine Chance, zu siegen. Ian gab sich auch keine große Chance, zu überleben. Aber er war entschlossen, es den Bastarden nicht leicht zu machen. »Sie werden in einer Sekunde über uns sein«, sagte er. »Aye.« Der Kapitän sah sich auf seinem Schiff um und zog eine Grimasse. »Am besten verkriechen wir uns unter den Schutzschilden.« Er stellte das Steuerrad fest und rief: »Männer! In Deckung!« Wie ein Fischschwarm im Angesicht eines Hais, huschten die Matrosen in die Verschlage und unter
die Schutzhütten. Ian und der Kapitän waren die Letzten, die in Deckung gingen. Ian blickte unter dem Rand des Schilds hervor und sah zu, wie die Gondel des Voranfliegenden Luftschiffs auf die Windsbraut zuhielt. Es konnte jetzt nicht mehr lange dauern ... Er machte sich auf das brennende Pech gefasst, das aus dem unteren Teil der Gondel fließen würde, oder auf den Hagel der Steine, mit denen das Schiff bombardiert werden würde. Das Fluggerät segelte anmutig über sie hinweg, ohne etwas fallen zu lassen. Ein Matrose neben ihm brummte: »Soll das etwa heißen, die ganze Panik war umsonst und die verdammten Dinger da oben sind doch nicht hinter uns her?« Jemand lachte, und ein anderer fiel in das Gelächter ein. Sie blieben alle noch immer unter den Schilden und beobachteten den Himmel, denn nur Vorsicht schien hier einen Sinn zu ergeben. Aber das zweite Fluggerät glitt über sie hinweg und tat genauso wenig wie das erste, und das Lachen wurde lauter. Die Seeleute strömten unter den Schilden hervor und gingen 156 wieder an ihre Plätze, während der Kapitän murmelte: »Ich hab doch gesagt, war bloß ein Zufall, dass die zur gleichen Zeit wie wir hier sind.« Er kehrte an sein Ruder zurück. Ian kam sich wie ein Narr vor und vermutete, dass es Kait noch schlimmer erging, da sie diejenige gewesen war, die letzten Endes den Entschluss gefasst hatte, sich gegen einen möglichen Angriff der Fluggeräte zu wappnen. Sie hatte es verdient, sich ihrer Torheit zu schämen. Sie litt unter Verfolgungswahn, sie war ein Ungeheuer und nicht einmal menschlich. Das erste Fluggerät erreichte die Insel, auf die die Windsbraut zuhielt. Das Schiff veränderte seine Fluggeschwindigkeit, so dass es über dem Baldachin der Bäume verharrte, die dem Schiff als Zuflucht hätten dienen sollen. Im hinteren Teil der Gondel wurden Luken geöffnet, und dunkle Ströme einer Flüssigkeit flössen hinaus. Die Flüssigkeit dehnte sich im Fallen aus und verwandelte sich in eine grünliche Wolke, die das ganze Gebiet bedeckte sie schütteten also kein brennendes Pech auf sie herab, sondern etwas anderes. Ian fragte sich, was es war und was es bewirkte. Der Strom der Flüssigkeit verebbte jäh, und einen Augenblick später beantwortete ein einziger brennender Pfeil, der aus dem vorderen Teil der Gondel in Richtung der Bäume geschossen wurde, Ians Frage zur Gänze. Die Luft selbst fing Feuer; dieser eine Pfeil breitete sich mit unvorstellbarer Geschwindigkeit in dem tödlichen Regen aus. Binnen einer Sekunde stand der ganze Inselwald lichterloh in Flammen, und ihre Hoffnung auf eine Zuflucht dort löste sich in Nichts auf. Bastarde. Schmutzige Bastarde. Sie griffen nicht nur an, sondern schnitten der Windsbraut zuerst ihren einzigen Fluchtweg ab. »Wende!«, brüllte der Kapitän. »Groß und Focksegel setzen! Beeilt euch, ihr Hurensöhne! Beeilt euch, oder wir sind alle des Todes!« Die Windsbraut drehte sich hart nach Backbord, tauchte mit dem Bug in das kabbelige Fahrwasser ein und war dann auf Ge157 genkurs. Die Männer auf den Webeleinen setzten in wahnsinnigem Tempo die Segel, die sich, kaum dass sie standen, auch schon in einem Wind blähten, der einen Augenblick zuvor noch nicht geweht hatte. Es war ein heftiger Wind. Bei allen Göttern, ein stürmischer Wind, der zu keiner besseren Zeit hätte kommen können. Ian starrte zu den Fluggeräten hinauf sie wurden höllisch hin und her geworfen. Eines von ihnen bekam Schlagseite; der Sturm zerrte an seiner Außenhülle, und Ian sah die Hülle aufbrechen, wie unter dem Hieb einer unsichtbaren Faust. Die Seeleute brüllten vor Begeisterung, und Ian brüllte mit ihnen. Dem anderen Fluggerät gelang es, die Nase im Wind zu halten, aber der plötzliche Sturm drängte es von seinem Kurs ab, weg von der Windsbraut. Sleroal sah, was geschah, und nahm seine Befehle zurück. »Segel einholen und Anker werfen«, schrie er, und genauso schnell, wie die Segel erschienen waren, verschwanden sie wieder. Die Anker klatschten in das Wasser der Meerenge, und einen Augenblick später zerrte die Windsbraut schon an der Ankerkette, um gegen die wachsenden Wellenberge zu kämpfen. Niemand an Bord ließ die beiden Luftschiffe aus den Augen, die vom Sturm weggetrieben wurden. Jedermann an Deck schrie ihnen seinen trotzigen Triumph nach, und sie bejubelten ihr unwahrscheinliches Glück ... Und dann schoss aus einer längsseitigen Öffnung einer der Luftgondeln ein Blitz aus strahlend grünem Licht heraus, schwebte sachte durch die Luft und schlug mitten auf der Windsbraut auf. Auf dem Deck des Schiffes erblühten Flammenzungen zu einer schauerlichen,
lautlosen, grünen Chrysantheme. Sie verzehrte den Großmast und die Männer in dessen Takelage, den Kapitän und das Steuerrad und schloss sich in einem einzigen Aufwallen von Licht zu einem perfekten Kreis auf Deck. Die getöteten Männer hatten nicht einmal Zeit gehabt, aufzuschreien, bevor sie aufhörten zu existieren. Das Feuer breitete sich nicht weiter aus, es fiel auch nicht langsam in sich zusammen, und es ließ auch keine Glut 158 hinter sich zurück. So schnell es aufgelodert war, erlosch es wieder. Die Matrosen waren zu entsetzt, um zu reagieren. Ian starrte die Fluggeräte an, und ein neuerlicher Blitz warnte ihn, dass die nächste todbringende Feuersalve unterwegs war. »In Deckung!«, schrie er. »Alle Mann in Deckung!« Einige Männer fielen in ihrer Hast von den Webeleinen und blieben betäubt auf Deck liegen. Andere, die sich geschickter bewegten oder einfach nur mehr Glück hatten, rannten über ihre am Boden liegenden Kameraden hinweg und warfen sich in die Schiffsluken, bevor der zweite grüne Feuerball auf sie niederging. Ian schätzte Flugbahn und Fallkurve ab und folgerte, dass das Ding den Fockmast treffen würde; er rannte nach achtern und ging gerade rechtzeitig in Deckung, um zu sehen, wie Fockmast, Vorderdeck, Rahen, Segel, Webeleinen, einige der Kajüten und ein neuerlicher kreisrunder Bereich des Decks verschwanden, als hätten sie nie existiert. Aber der Sturmwind ließ nicht nach, und der nächste Feuerball, den die Luftschiffe abschössen, verfehlte knapp sein Ziel und fiel ins Meer ... Und der nächste traf noch deutlicher daneben. Das Schiff war nicht leckgeschlagen. Das war eine Gnade oder aber ein Teil des Plans ihrer Angreifer. Wenn sie das Schiff mit ihrem grünen Feuer sauber durchbohrt hätten, wäre möglicherweise genau das zerstört worden, weswegen sie Ians Meinung nach überhaupt gekommen waren: Kaits Artefakt. Das würden sie nicht riskieren. Sie würden das Schiff lediglich manövrierunfähig machen. Aber sie hatten nicht mit diesem wunderschönen, plötzlichen Sturm gerechnet. Die Fluggeräte wurden immer weiter von ihrem Ziel weggetragen und schließlich fast außer Sicht geweht. Der Sturm war wirklich höllisch. Ian hätte jubeln können, und er war gewiss davon überzeugt, dass sein eigenes Überleben Jubel verdiente, aber die Überlebenden hatten viel zu tun. Die Windsbraut war ein Wrack. Möglich, dass sie das Schiff nur unter Spriet und Kreuzsegeln in einen sicheren Hafen bringen konnten, aber dazu 159 mussten sie erst einmal das Bugspriet anschlagen. Sie hatten sämtliche Rahsegel verloren und die Klüver; außerdem mussten sie eine Notpinne anschlagen, da das Steuerrad ebenfalls verschwunden war. Trotzdem glaubte Ian, dass er sie in Sicherheit bringen könnte, sofern er nur genug Zeit hatte. Um das zu schaffen, musste der Sturm ihnen weiterhin gute Dienste tun und die Luftschiffe in Schach halten. Plötzlich überfiel ihn eine Woge der Übelkeit. Es war ein Gefühl, als überrollte sie ihn von außen, und als sie von ihm abließ, war er schwächer und fühlte sich seltsam krank. Aber er hatte dieses seltsame Ungemach kaum in den Griff bekommen, als der Wind sich plötzlich legte, von einem Augenblick zum nächsten, als hätte ein Riese mit ihnen gespielt, dem es mit einem Mal keinen Spaß mehr machte, seine Spielzeuge umherzublasen. Ian betete, dass die Stille nur eine Pause zwischen zwei Windstößen sein möge, aber dann sah er, wie die See sich beruhigte, bis das Wasser so glatt wie ein Spiegel dalag. Die Windsbraut zerrte nicht länger an ihrem Anker. Eine erwartungsvolle Stille senkte sich herab. Und in der Ferne bekamen die Fluggeräte ihre Schwierigkeiten in den Griff und gingen wieder auf Kurs, in Richtung der Windsbraut. So winzig wie Silberfischchen, aber mit der Anmut von Aalen schwammen sie über den Himmel. Die Schlacht war so gut wie verloren. Ohne den Kapitän und den ersten Maat, die beide nirgends zu sehen waren, erklärte Ian sich vorübergehend zum Kapitän des dem Untergang geweihten Schiffs und des verlorenen Kampfs und rief: »Alle Mann an Deck! Alle Mann an Deck! Bereitet euch vor, das Schiff zu verlassen! Bereitet euch vor, das Schiff zu verlassen!« Da kamen sie herbeigelaufen, stolperten wie Mäuse aus einem überfluteten Bau aus den Luken. Die Matrosen waren die Ersten, und sie lösten die Beiboote aus ihren Befestigungen und schoben sie mit erstaunlicher Geschicklichkeit über die Reling. Hinter ihnen kam Kait, die Hasmal stützte. Hasmal war so bleich wie der Tod, und seine Augen schienen tief in seinen Kopf eingesunken zu 160 sein; er sah so aus, als hätte er bereits einen ganzen verlorenen Krieg hinter sich. Als Nächstes kam Ry, das Schwert in der Hand, mit vier von den fünf seiner Leutnants. Sie trugen den in zwei Hälften
gespaltenen, blutleeren Leichnam des fünften nach oben. Auch sie wirkten erschöpft und verängstigt, obwohl sie dem Tode nicht so nahe zu sein schienen wie Hasmal. »Was ist passiert?«, schrie Kait, als sie Hasmal zu dem nächsten der drei Beiboote schleppte. »Hasmal hat seinem Gott geopfert und einen Sturm heraufbeschworen, und die Fluggeräte waren schon außer Reichweite. Wir hatten sie geschlagen, und dann riss der Zauber plötzlich wie ein überspanntes Seil entzwei. Er fiel auf ihn zurück und schlug ihn bewusstlos ich dachte schon, er würde sterben.« Sie sah Ian an und stieß mit zusammengebissenen Lippen hervor: »Und es steht noch nicht fest, ob er überleben wird.« Ry blieb stehen und starrte sie an. »Ihr zwei habt diesen Wind heraufbeschworen! Ah, bei allen Teufeln der Hölle ... Wir haben einen Schild hochgezogen, der die Zauberfeuer abhalten sollte. Aber wir haben das ganze Schiff abgeschirmt, deshalb musste euer Zauber natürlich brechen. Wir dachten, der Wind sei natürlichen Ursprungs ... Ich konnte die Magie nicht spüren.« »Ihr verdammten Narren.« Ry und seine Leutnants beschlagnahmten eines der Langboote und schoben es über die Reling in das so still wie Glas daliegende Meer. »Steig ein«, befahl er Kait. »Wir müssen um unser Leben fliehen.« Ian warf einen Blick auf den Leichnam, den sie in das Boot heben wollten, und sagte: »Lasst euren Toten zurück. Der Geruch des Todes würde die Gorrahs anlocken, bevor wir seine Seele den Göttern empfehlen können.« Er konnte es nicht ertragen, den Leichnam anzusehen. Er war in zwei Teile gespalten, die rechte Seite des Kopfes, die rechte Schulter, die rechte Brust und ein Teil des rechten Oberschenkels waren sauber und blutlos abgetrennt worden, und die Wunde war schwarz, hart und leuchtend verätzt. 161 Die Übelkeit schloss sich fester um Ians Gedärme, als er den Leichnam ansah, und er wandte sich ab. Der Mann war Karyl gewesen Rys Vetter und damit auch seiner, der Gitarrenspieler, der Verfasser von faden Liebesliedern. Er hatte sich Ian gegenüber sehr anständig benommen, als sie noch Kinder waren, und er hatte sich auch an Bord des Schiffes ihm gegenüber anständig gezeigt. Andererseits empfand Ian nur Erleichterung darüber, dass Karyl tot war und er noch lebte. Kait sagte: »Ich kann noch nicht an Bord gehen. Nehmt mir Hasmal ab. Ich muss noch einmal zurück und den Spiegel der Seelen holen.« Ry hielt sie am Arm fest. »Sie kommen. Sie kommen. Und das, was sie wollen mindestens so sehr wollen, wie sie dich und mich tot sehen wollen , ist der Spiegel. Wenn wir ihn mitnehmen, haben sie alles, worauf sie aus sind, hübsch beieinander. Sie kriegen den Spiegel, sie töten uns ... und eins, zwei, drei ist alles säuberlich verpackt wie ein Geschenk zum Ganjatag.« »Wenn wir den Spiegel hier lassen, werden sie ihn bekommen.« Ry hob sie hoch und warf sie sich über die Schulter. »Ich habe genauso viel Grund wie du, den Spiegel behalten zu wollen. Aber wenn wir ihn mitnehmen, werden sie ihn trotzdem bekommen, nur dass keiner von uns mehr am Leben sein wird, um zu versuchen, ihn zurückzukriegen.« Kait drehte und wand sich, stemmte die Füße gegen Rys Bauch und kämpfte sich schließlich frei. Sie landete auf dem Rücken auf den Planken, sprang aber schneller als eine Katze wieder auf die Füße. »Wir nehmen ihn mit. Wir schirmen ihn ab und uns mit ihm. Aber ich gehe nicht ohne ihn von Bord.« Die beiden funkelten einander an, und keiner war bereit, nachzugeben. »Wir nehmen ihn mit«, sagte Ian. »Wir drei. Aber wir müssen schnell machen.« Während Rys überlebende Männer den bewusstlosen Hasmal 162 in das Beiboot hinabließen und dann eine Allusleiter zu dem Boot hinausrollten, rannten Ian, Ry und Kait in den Frachtraum hinunter und schnitten die Taue durch, mit denen der Spiegel der Seelen festgezurrt war. Sie hievten ihn nach oben an Deck, wobei sie sorgfältig darauf achteten, weder die Lichtsäule noch die Juwelenbesetzten Ornamente am Rand zu berühren. Sie schlangen ein Seil um den Sockel und ließen den Spiegel in das Langboot hinab. Dann kletterten sie die Allusleiter hinunter. Die beiden anderen Langboote und mit ihnen die gesamte restliche Mannschaft der Windsbraut waren bereits außer Sicht. Als Ian sie von den Planken der Windsbraut abstieß, lag Hasmal auf dem Boden des Boots vor den Ruderbänken, und neben ihm stand der Spiegel der Seelen. Rys Leutnants hatten bereits die langen, für je zwei Mann gedachten Riemen klargemacht und in die Dollen gelegt. Ry, der vor Ian die Allusleiter hinuntergestiegen war, hatte den Platz an der Ruderpinne eingenommen; als Ian sich ins Boot fallen ließ, blickte Ry zu ihm auf, dann zum Himmel.
Ian war der einzige Seemann unter ihnen, und die Unerfahrenheit der anderen war unverkennbar. Sie waren zu acht in einem Beiboot, das Platz für zwanzig hatte; es war mit Ruderbänken und Riemen für zwölf Mann ausgerüstet drei Riemen auf jeder Seite , aber die Flüchtlinge hatten alle Riemen bereitgemacht und saßen in Fahrtrichtung im Boot. Ein Riemen wartete auf ihn. Ian fuhr die Männer vor sich an: »Setzt euch mit dem Rücken zum Bug wie wollt ihr sonst rudern? Die Riemen sind für jeweils zwei Mann gedacht wenn ihr einen allein bedient, wird es schon höllisch schwer werden, selbst wenn ihr richtig sitzt.« Er und Ry sahen einander an. »Du nimmst den letzten Riemen, ich übernehme die Ruderpinne.« Ry sagte: »Ich bin schon hier, und ich weiß, wie eine Ruderpinne funktioniert.« »Ich übernehme das Ruder, weil ich diese Inseln kenne«, sagte Ian. »Ich weiß, wo wir uns zwischen zwei Inseln verstecken kön163 nen und wo wir Hilfe und Freunde finden werden. All die Jahre, die du in deinem kleinen Rattenloch im Haus unseres Vaters Ränke geschmiedet hast, habe ich nämlich damit zugebracht, diese Gewässer zu befahren.« Ry wich nicht sofort zurück, und Ian glaubte schon, dass sie an Ort und Stelle miteinander kämpfen würden. Da nickte Ry und nahm seinen Platz an dem noch freien Riemen ein. Ian umfasste die Ruderpinne mit beiden Händen und sagte: »Ihr rudert auf mein Kommando ...« Kait, die am mittleren Riemen an Backbord saß, sagte: »Hasmal kannte einen Zauber, der uns vielleicht verborgen gehalten hätte. Nicht dass er jetzt in der Lage wäre, etwas für uns zu tun ... In seinem Zustand.« Hasmal hatte die Augen aufgeschlagen, und sein Kopf rollte von einer Seite zur anderen, aber man konnte noch immer nicht erkennen, ob er irgendetwas von seiner Umgebung wahrnahm. »Ich kann nichts tun, das uns verschwinden lassen würde«, erwiderte Ry. »Ich kann nur eine Energiemauer aufbauen und uns damit gegen die Energie abschirmen, die sie gegen uns wenden ... Und ich weiß nicht, wen wir bitten könnten, die Rewhah auf sich zu nehmen. Wir verteilen sie auf alle, die vorher auf dem Schiff waren.« Ian hatte, wie die meisten Iberer, sein Leben lang geglaubt, die Magie sei tot eine unter Strafe gestellte Perversion der Vergangenheit. Er wusste nicht, was Rewhah war, und er wollte es auch nicht wissen. Kait sagte: »Dann war uns also deshalb allen plötzlich so übel.« Sie warf Ry, der mit dem Rücken zu ihr saß, wütende Blicke zu, und Ian fühlte sich von dem flauen Gefühl in seinem Magen daran erinnert, dass die Sache noch nicht ausgestanden war. Rewhah war also etwas, das die Leute krank machte. Wunderte ihn gar nicht. Kait fuhr fort: »Ich wollte gerade sagen, dass ich diesen Zauber kenne, wenn auch nicht sehr gut. Wenn ihr mir ein wenig Zeit 164 gebt, tue ich mein Bestes, um ihn für uns zu weben, obwohl ich nichts versprechen kann.« Ian dachte nur eine Sekunde lang nach. »Wir können auf andere Weise keine Deckung erreichen, bevor die Fluggeräte uns wieder in Sichtweite haben. So wie wir jetzt dastehen, werden wir nur überleben, wenn sie zuerst die beiden anderen Beiboote verfolgen. Wenn du etwas tun kannst, um unsere Chancen zu verbessern, dann tu's.« Ry drehte sich um und sah sich über die Schulter. Er sagte: »Ich kenne mich nicht aus mit Farhullen, aber wenn du mir erklärst, wie ich dir helfen kann, tue ich mein Möglichstes.« »Ich brauche ein Peth eine Blutgabe.« Kait eilte zu Hasmal hinüber, nahm ihm seinen Beutel ab und zog eine auf der Innenseite mit Silber ausgelegte Holzschale heraus. »Du kannst nur das geben, was zu geben dir freisteht«, sagte sie, während sie sich schwankend wieder an ihr Ruder begab. »Hasmal erklärte mir, dass die Wölfe ihre Magie aus dem Leben der Menschen und der Dinge um sich herum beziehen.« Ry nickte. »Das ist die Essenz der Magie. Wenn wir die Magie einzig aus uns selbst bezögen, würden wir uns vollkommen erschöpfen ...« Das vehemente Kopfschütteln, mit dem Kait ihm antwortete, ließ ihn innehalten. »Wenn du das tust, müssen wir gegen die Rewhah kämpfen, und dann sterben wir vielleicht ohnehin. Beim Farhullen gibt es keinen Gegenschlag was wahrscheinlich mit ein Grund dafür ist, warum man diese Magie nicht
sehen kann , aber wir können die Rewhah nur vermeiden, wenn du tust, was ich dir sage. Gib mir nur das, was zu geben dir freisteht. Dein Blut, deinen Willen, deine eigene Lebenskraft. Mehr nicht. Wenn einer deiner Männer sich darauf versteht, Energie aus sich selbst zu beziehen, könnte ich auch die benutzen. Aber es kommt nur das in Frage, was dir gehört, und nur das, was du freiwillig gibst.« Ian sah, wie alle im Boot wissend nickten. Warum war er nur der Einzige an Bord, der von dieser verbotenen Zauberei, von der 165 Kait sprach, keine Ahnung hatte? Es schien, als sei er der Einzige hier, der das Meer kannte, und der Einzige, der nichts anderes kannte. Kait hatte ihren kunstvollen Galweigh-Dolch gezückt. Sie schnitt sich leicht in einen ihrer Finger und ließ drei Tropfen von ihrem Blut in die Schale fallen. Sie flüsterte ein paar Worte, und Ry, der sich auf seiner Ruderbank umgedreht hatte, beobachtete sie aufmerksam. Als sie fertig war, zog er ebenfalls seinen Dolch. Sie reichte ihm die Schale, und er folgte ihrem Beispiel. Jeder von Rys Männern schnitt sich in einen Finger und trug etwas zu der kleinen Blutlache in der Schale und zu den geflüsterten Worten bei. Trev, der die Schale als Letzter entgegennahm, deutete mit dem Kopf auf Ian, aber Kait sagte: »Nein. Ian sieht nur die äußere Gestalt dessen, was wir getan haben. Wenn auch er Blut gäbe, wüsste er nicht, was er da gibt oder wie er sein Opfer in Grenzen halten soll. Gib mir die Schale zurück.« Ian erwog kurz, gegen Kaits Urteil zu protestieren, darauf zu bestehen, dass auch er sein Blut opfern konnte. Er wollte nicht als Feigling dastehen, auch wenn ihm der bloße Gedanke an Magie verhasst war. Aber sie hatte Recht; er hatte gesehen, wie die anderen ihr Blut in eine Schale tropfen ließen, aber es schien ihm, als hätten sie so viel mehr getan, etwas, das unterhalb der Schwelle seiner gewöhnlichen Wahrnehmung lag. Er konnte nicht nachahmen, was sie getan hatten, daher bot er ihnen keine Hilfe an. Er konnte nur dasitzen und zusehen und hoffen, dass die Fluggeräte ihr Beiboot nicht entdeckten, bevor Kait ihre Aufgabe erledigt hatte. Er konnte inzwischen das stetige Dröhnen der näher kommenden Motoren und auch die Rufe der Männer in den beiden anderen Beibooten hören. Kait besprenkelte das Blut mit irgendeinem bleichen Pulver und begann zu singen: Wir opfern, was wir haben Reinheit der Absicht, 166 Bereitschaft, zu dienen, das Begehren zu überleben. Wir erbitten, was wir brauchen Einen Schild ohne Schatten, eine Mauer ohne Fenster, eine Straße, die niemand sieht. So sprechen wir, so soll es sein. Aus der Blutschale quoll blitzendes Licht, das sich zu einem Ball formte; der Ball dehnte sich wie eine Seifenblase unter dem Atem eines Kindes aus. Das Licht wurde fahl, während der Ball wuchs, und als es sich langsam über das ganze Boot und seine Mannschaft ausbreitete, verschwand die seltsame Blase vollkommen. Ian beobachtete das Boot, die Leute darin, das Wasser um sie herum. Er blickte hinter sich, wo die Windsbraut vor Anker lag, und betrachtete die weiße Wölbung des ersten Fluggeräts, die sich weiter über den Himmel schob. Er konnte nicht leugnen, dass Kait irgendetwas getan hatte, aber es schien ein Fehlschlag gewesen zu sein. In seinen Augen sah nichts anders aus als zuvor. »Hat es funktioniert?«, fragte Ry. »Ich spüre nichts.« Kaits Gesicht war starr vor Sorge. »Ich bin mir nicht sicher. Ich denke, ich kann den Rand des Schildes um uns herum fühlen, aber wenn er da ist, dann ist er sehr dünn. Ich weiß nicht, ob er zu tun vermag, was wir von ihm brauchen.« Ians Mund wurde trocken. Ah, ihr Götter. Sie hatten ihren winzigen Vorsprung verloren, und inzwischen schössen die beiden anderen Beiboote, die voll besetzt waren mit erfahrenen Männern, übers Wasser ihrer Zuflucht entgegen. »An die Riemen«, fuhr Ian auf. Alle griffen nach ihren Riemen. Er rief: »Los! Richtet euch nach meinem Kommando. Riemen ins 167 Wasser. Fertig! Ziehen ... und heben ... und vorwärts ... und eintauchen ... und ZIEHEN! ... und HEBEN! ... und VORWÄRTS! ... und EINTAUCHEN!« Er lehnte sich gegen die Ruderpinne und brachte das Boot wieder auf einen westlichen Kurs, bis die
vor Anker liegende Windsbraut den Anblick der näher kommenden Fluggeräte versperrte. »Ziehen ... und heben ... und vorwärts ... und ...« Hinter ihm donnerten die gewaltigen Motoren der Fluggeräte. Er allein würde sie nicht sehen, wenn sie über dem falschen Horizont der Windsbraut auftauchten. Aber er musste sie auch nicht sehen. Sechs Augenpaare starrten das Bild hinter ihm an, während sechs Rücken das Beiboot über die Meerenge zogen. Ian sah, wohin er sie führte, und die Gesichter vor ihm würden ihm alles sagen, was er wissen musste.
Kapitel 19 Von seinem Samtbezogenen Sessel in der Galweighs Adler aus verfolgte Shaid Galweigh mit tiefer Befriedigung die Zerstörung des Sabirschen Schiffs und das wilde Rudern der Männer in dem Beiboot, das die Adler verfolgte. Die Sabirs machten den Eindruck, als würden sie ihre Seite des Vertrages tatsächlich erfüllen wollen. Ihre Aufgabe war es gewesen, ihr Schiff aufzuspüren, es zu übernehmen, den Spiegel der Seelen zu finden und ihn an Bord eines der Fluggeräte zu bringen. Von dem Punkt an sollten die Galweighs die Verantwortung dafür tragen, sie alle in die Stadt zurückzubringen und den Angriff gegen Haus Galweigh zu führen. Natürlich hatte Shaid nicht die Absicht, die zweite Hälfte dieses Handels zu erfüllen. Sobald er den Spiegel der Seelen in seinem Besitz hatte, hielt er alle Trümpfe in der Hand. Die Fluggeräte gehörten ihm, und die Mannschaft, die sie betrieb, und die Piloten, die sie flogen, ebenfalls. Der einzige Beitrag der Sabirs zu diesem Vollzug hatte in der Tatsache bestanden, dass sie im Gegensatz zu Shaid wussten, wo der Spiegel zu finden war. Seine Wölfe warteten bereits darauf, ihre Sabirschen Begleiter zu töten, sobald der Spiegel an Bord der Adler kam. Seine Soldaten würden sich um Crispin und Andrew und dieses Ungeheuer Anwyn kümmern. Und er, ein Galweigh, würde mit seinen Männern und dem Spiegel in dem großen Innenhof von Haus Galweigh in Calimekka landen und das Haus für sich fordern. Am Ende des Tages wollte er ein Gott sein. Das sollst du auch, flüsterte die beruhigende Stimme in seinem Schädel. Ich habe dir die Unsterblichkeit versprochen, die der Spiegel schenken kann ... und du sollst sie bekommen. 169 Crispin Sabir lehnte am Fenster der Gondel und beobachtete, wie das Fluggerät auf die Windsbraut hinabstieß. Mit Freuden registrierte er die Gewandtheit des Lotsen im Umgang mit den Fallseilen, die er jeweils mit nur einem einzigen Wurf auf den Bugspriet und den Kreuzmast des Schiffs warf. Noch ein Wurf, um das Fahrseil zu befestigen, und schon einige Augenblicke später ließ sich der Ankermann auf Rollen am Fahrseil zum Schiff hinunter, um die Befestigungsleinen dort anzubringen. Sobald der Mann fertig war und die Signale gab, schwiegen die Motoren des Fluggeräts, und das gewaltige Schiff hing über seinem Gefangenen in der Luft, eine Spinne, die im Begriff stand, auf ihr Opfer herabzustoßen. Tüchtige Mannschaft Crispin betrachtete die Schiffe und die Männer bereits als sein Eigentum. Die Galweighs hatten nur eines, das die Sabirs brauchten, um Haus Galweigh erobern zu können: die Fluggeräte der Galweighs. Ehe der Tag zu Ende ging, würde Crispin alles haben, was er brauchte. Die Gondel spie Strickleitern aus, und die Soldaten, die in der Feuerherz warteten, huschten wie der Wind die Sprossen hinunter. Sie sollten nach Matrosen oder Passagieren suchen, die nicht in den Beibooten geflohen waren, sie verhören und dann töten. Das andere Fluggerät mitsamt seiner Mannschaft und den dazugehörigen Soldaten würde sich um die kümmern, die es vorgezogen hatten, das Schiff zu verlassen, statt dazubleiben und zu kämpfen. Crispin blickte mit einem hässlichen Grinsen auf das Wrack der Windsbraut hinab. Er wusste einen unfairen Kampf zu seinen Gunsten stets zu schätzen. Im Augenblick beschäftigte ihn die Frage, wie sein junger Cousin Ry sich jetzt Wohlfühlen mochte. Crispin glaubte nicht, dass er Ry an Bord des Schiffes vorfinden würde. Der verlogene, Ränke schmiedende Hurensohn hatte gewiss die vernünftige, feige Entscheidung getroffen: Er war geflohen, geradeso wie er aus Calimekka geflohen war. Crispins Leute würden ihn natürlich finden gesetzt den Fall, dass die Gorrahs 170 ihn nicht zuvor verschlungen hatten. Diese Beiboote waren langsam und schwer zu handhaben. Und Crispin hatte Zeit. Selbst wenn Ry ihm in der ersten Runde entwischen sollte, entkommen würde er nicht. Sobald sie den Spiegel der Seelen an Bord des Fluggeräts hatten, konnte Crispin es sich leisten, ein paar Tage auf eine gründliche Durchsuchung des Gebiets zu verwenden. Er würde dafür sorgen, dass Ry mit ihm zurückkehrte Crispin hatte eine Zeremonie auf dem Platz des Gesetzes geplant, die
das, was er mit Rys Bruder gemacht hatte, wie ein Nachmittagsschwätzchen mit Freunden aussehen lassen würde. Inzwischen jagte die Adler erst einmal das andere Beiboot. Sollte Andrew sich ruhig kichernd krümmen, während er den Fressrausch der Gorrahs beobachtete, die die Matrosen des ersten, gekenterten Langboots verschlangen; Crispin hatte andere Dinge zu tun. Er ging nach vorn in die Pilotenkanzel und folgte den letzten Soldaten die Leiter hinunter aufs Deck der Windsbraut. Er durchlitt ein paar schlimme Augenblicke er hielt sich nicht gerne in großer Höhe auf und musste feststellen, dass der Flug in der Feuerherz weitaus weniger schlimm war, als an einer Strickleiter mitten am Himmel zu baumeln, unter sich das halb wahnsinnige Rudel fressgieriger Gorrahs und nichts zwischen sich und seinem Tod als das winzige, ferne Deck eines zerstörten Schiffs. Um ein Haar wäre er die Leiter wieder hinaufgeklettert, aber er traute es den Soldaten nicht zu, das zu finden, wonach er suchte, und es in die Feuerherz zu bringen. Also zwang er sich, in tiefen, regelmäßigen Zügen zu atmen, wischte sich die Hände an seinem Hemd ab erst eine, dann die andere und arbeitete sich einen schwankenden Schritt nach dem anderen die Leiter hinab. »Wohl ein bisschen Probleme mit der Leiter gehabt, wie?«, fragte ein Soldat der Galweighs grinsend. »Das geht den meisten beim ersten Mal so.« Crispin prägte sich das Gesicht des Jungen ein. Dunkle Haare, dunkle Augen, sandfarbene Haut: ein typischer Zaith. Für Crispin 171 sahen sie alle gleich aus, es sei denn, sie starben und schrien. Trotzdem bemerkte er die Lücke zwischen den Vorderzähnen und das Muttermal an einem der Mundwinkel. Er würde dafür sorgen, dass er dieses Gesicht nicht vergaß. Dann sagte er: »Die Sohlen meiner Stiefel sind aus einfachem Leder gearbeitet und zu dünn und zu glatt für einen solchen Abstieg. Anders als deine Stiefel, die Gummisohlen haben.« Er drehte sich um und dachte im Weggehen über die verschiedenen Möglichkeiten nach, mit denen er sicherstellen konnte, dass der Soldat den Tod fand, noch bevor die Mannschaft in das Fluggerät zurückkehrte. Er hasste es, ausgelacht zu werden. Als der Junge sich wieder seinen Pflichten zuwandte, schloss Crispin die Augen und schnupperte. Geißblatt und Fäulnis, der Geruch, von dem sein schweigsamer Partner gesagt hatte, es sei der Geruch des Spiegels der Seelen. Das Artefakt war ganz nahe. Der Duft hüllte das Schiff vollkommen ein. Die Stimme sagte: Wenn sie den Spiegel mitgenommen haben, müsste der Duft auf dem Wasser sehr stark sein. Er würde dich geradewegs zu ihnen fuhren. Aber der Geruch seiner Magie endet hier. Er ließ sich von diesem unwiderstehlichen Geruch nach achtern führen. Dort schloss er die Augen und kostete mit seinen Karnee-Sinnen die Luft. Wenn er sich verwandelte, würde er den Geruch wahrscheinlich schneller aufspüren können. In Karnee-Gestalt war seine Nase tausendmal so empfänglich wie in seiner Menschengestalt obwohl er auch für einen Menschen einen recht guten Geruchssinn hatte. Aber wenn er sich verwandelte, würde er den Galweighs, die alles wachsam verfolgten, zeigen, was er war und er wollte ihnen nicht so viele Informationen über sich selbst geben, auch wenn er beabsichtigte, sie alle am Ende ihrer Mission tot zu sehen. Die Leute hatten die unangenehme Eigenschaft, gelegentlich zu überleben, ganz gleich, wie sorgfältig man plante; diese Möglichkeit behielt er stets im Kopf und handelte auch dementsprechend. In einer der Kajüten konnte er schwach die Anwesenheit des Spiegels riechen, aber wirklich nur sehr schwach. Daher beugte er in Menschengestalt seine Nase bis zur Luke und den Niedergang hinunter. Von dort aus ging er durch die Mannschaftsquartiere, bis er zu guter Letzt im Frachtraum ankam. Seine Augen leuchteten auf, und er verfiel in lautes Gelächter, als er sah, was dort auf ihn wartete. Ein Regal ums andere war gefüllt mit Artefakten der Alten. Allein in den beiden ersten Reihen entdeckte er einen Weitseher, der so aussah, als ließe er sich leicht wieder in Benutzung nehmen, einen Lauscher, zwei wunderbar zusammenpassende Umwandler und die Hälfte eines Zauberverstärkers, der ihm zumindest Ersatzteile für den defekten Verstärker liefern würde, den er zu Hause hatte. Natürlich gab es viele Dinge, die er sofort als nutzlos erkannte oder die lediglich dem Schmuck dienten; der weitaus größere Teil der Gegenstände war ihm vollkommen unbekannt. »Und das alles gehört mir«, flüsterte er. Das hier war schon für sich allein genommen ein wunderbarer Schatz es war ein Paraglesiat wert, ein hohes Haus und Macht und noch mehr Macht, und es gehörte alles ihm. Aber der Schatz war nichts im Vergleich mit diesem einen, allerhöchsten Kleinod, nach dem er suchte. Der Spiegel der Seelen mochte sich durchaus in einem derart offensichtlichen Versteck befinden, obwohl Crispin es bezweifelte. Sein Geruch war hier unten im Frachtraum sehr deutlich,
aber Crispin war sich ganz sicher, dass Ry ihn versteckt hatte, bevor er das Schiff verließ. Er sah sich in dem Raum um, und an dem vorderen Schott fand er den Beweis dafür, dass sein Instinkt ihn nicht getrogen hatte. Dort war der Geruch des Spiegels am stärksten, aber die Taue, die diesen Geruch verströmten, waren in aller Eile durchtrennt worden und lagen nun in einem wirren Haufen auf den Planken. Crispin lächelte. Er würde dem Geruch folgen müssen. Außerdem konnte er Rys Berührung an den Tauen riechen, aber es war nicht nur Rys Witterung, die er aufnahm, sondern auch die eines 172 173 anderen Karnee eines ihm fremden und einer dritten Person. Menschlich. Er beschloss, den Spiegel als Erstes aufzuspüren und sich danach auf diese Personen zu konzentrieren. Dann kam ihm ein Gedanke, der ihn gleichzeitig erschreckte und belustigte. Angenommen, Ry wusste, dass er, Crispin, derjenige war, der ihn verfolgte. In letzter Zeit schien Ry gespürt zu haben, dass Crispin ihm im Schlaf nachspionierte. Wenn er das wusste, und wenn er versuchte, noch einmal besonders schlau zu sein, würde er das Artefakt so verstecken, dass Crispin besonders lange suchen musste. Ry jagte mit seiner Nase, und er wusste, dass Crispin das ebenfalls tat. Diesen Umstand würde er sich zunutze machen. Er würde den Spiegel weiter unten verstecken, in der Bilge. Crispin zog die Nase kraus, als er nur daran dachte; sein hervorragend ausgeprägter Geruchssinn hatte nicht nur Vorteile. In dem Meer von abscheulichen Gerüchen, die den Kielraum eines Schiffes füllten, würde seine Nase fast nutzlos sein. Und er war sehr heikel in solchen Dingen, nachdem er seine animalische Natur beinahe bezwungen hatte, eine Tatsache, auf die er stolz war. Aber wenn nötig, schreckte er vor ein bisschen Schmutz nicht zurück. Er seufzte und machte sich auf den Weg in die stinkende Bilge. Ein Stundendrittel später war er durchnässt von fauligem, schleimigem Wasser, seine kostbaren Kleider waren ruiniert, und er musste zugeben, dass sich der Spiegel der Seelen in keinem der drei Abteile der Bilge befand. Er stieg wieder auf Deck, schickte den Soldaten mit dem Muttermal und dem Grinsen im Gesicht die Leiter zu dem Fluggerät hinauf, um ihm saubere Kleidung zu holen, und zog sich dann in den Baderaum des Schiffs zurück, wo er sich säubern wollte. Als er allein war, fragte er die Stimme, die in Gedanken mit ihm reiste: »Also, wo ist er?« Er ist nicht auf dem Schiff, sagte die Stimme. Crispin zischte wütend: »Er muss aber hier sein. Du hast ge 174 sagt, ich würde seine Spur auf dem Wasser riechen können, wenn sie ihn mitgenommen hätten.« Würdest du auch. Und ich würde sie ganz deutlich sehen. Der Spiegel... spricht zu mir. »Aber ich habe in den Kajüten nachgesehen, im Frachtraum und sogar im Kielraum. Der Spiegel ist nicht hier.« Nein. Ich weiß. Das habe ich bereits gesagt. »Wo ist er dann?« Wenn sie ihn nicht mitgenommen haben und er nicht an Bord ist, gibt es nur einen Ort, wo er sein kann. Und Crispin erkannte die Wahrheit und hasste sie im selben Augenblick. »Sie haben ihn über Bord geworfen.« Er lehnte sich gegen ein Schott und legte den Kopf an eine Verstrebung, als ihm dämmerte, was geschehen sein musste. »Verdammt sollen sie sein«, sagte er leise. »Verdammt sollen sie sein, verdammt, verdammt.« Er sprang wieder in seine besudelten Kleidungsstücke und rannte durch das ganze Schiff hinauf nach oben, bis er das Hauptdeck erreichte. Dort ließ er die Soldaten der Galweighs, die die Galweighs aus Goft ihm zur Verfügung gestellt hatten, vollständig antreten und sagte: »Unsere Feinde haben den einen Gegenstand, den wir unbedingt von diesem Schiff mitnehmen müssen, über Bord geworfen. Ihr werdet mit einem Greifhaken in Booten ausschwärmen und ihn zurückholen.« Und natürlich fragten die Männer, worum es sich bei dem Gegenstand handelte und woran sie ihn erkennen konnten, falls sie ihn fanden. Sie wiesen darauf hin, dass sie kein Boot hatten, da die Mannschaft des Schiffs die Langboote mitgenommen hatte. Sie beschwerten sich bitter über die Gorrahs, die unter der Windsbraut kreisten und darauf hofften, dass weitere Opfer in ihre Reichweite kämen.
Crispin duldete keine Ausreden und machte den Klagen schnell ein Ende, indem er die Wortführer für die erste Schicht einteilte. Er machte sie darauf aufmerksam, dass das andere Fluggerät 175 schon bald mit einer ganzen Reihe von Gefangenen und vor allem dem Boot zurückkehren würde. Er lächelte. Und dann gab er dem Jungen Zaith, der so viel Vergnügen an seiner Unbeholfenheit auf der Leiter gefunden hatte, die Aufgabe, den Greifhaken zu bedienen. Er beobachtete die dunklen Gestalten der Gorrahs, die unter dem Schiff im Wasser kreisten, und dachte, dass sie die Chancen des Jungen, sein Heim in Calimekka wiederzusehen, beträchtlich verkleinerten. Nachdem er seine Order gegeben hatte, kletterte er wieder die Leiter hinauf in das Fluggerät was sich als einfacher erwies als der Weg nach unten. Oben angekommen, setzte er sich an einen gedeckten Tisch und tat sich an einem schmackhaften Essen gütlich. Mit am Tisch saßen der Pilot des Fluggeräts, Andrew und diejenigen Galweigh-Wölfe, die darauf bestanden hatten, die Expedition zu begleiten. »Hast du Ry gefunden?«, fragte Andrew, während der Diener die Teller verteilte. Die Männer und Frauen bedienten sich von den verschiedenen Speisen: gekühltes, in Würfel geschnittenes Affenfleisch, das in eine Sauce getunkt wurde, Zwergforellen, Pralinen und gebratene Goldkäfer mit in Streifen geschnittenen, eingelegten Mangos. »Es ist niemand an Bord des Schiffes zurückgeblieben.« Crispin nahm einen Schluck geeisten Wein und kostete die Goldkäfer. Köstlich knusprig und nicht zu salzig sehr schwierig, genau den richtigen Geschmack zu erzielen. Den Koch der Galweighs würde er gern behalten was nicht weiter schwierig sein sollte, sobald die Galweighs erst tot waren. Aber Köche schmeckten ihre Speisen ab, nicht wahr? Was für eine Verschwendung. »Also haben die Gorrahs ihn entweder bereits gefressen, oder Anwyns Mannschaft holt ihn jetzt gerade an Bord.« Shaid Galweigh nahm sich ein paar von den Goldkäfern, kostete sie und entschied sich dann für den Affen mit Sauce. »Was mich beunruhigt, ist, dass sie den Spiegel bisher versteckt halten konnten.« 176
»Bevor der Tag zu Ende ist, werden wir ihn in Händen halten«, sagte Crispin. Andrew bemerkte: »Als wir sie überflogen haben, dachte ich, ich hätte drei Beiboote auf ihrem Achterdeck gesehen. Aber nach dem Sturm habe ich nur das Boot gesehen, das die Gorrahs zerstört haben, und das, auf das die Adler gerade Jagd macht. Also, was ist aus dem dritten geworden?« Crispin legte sein Messer und den Ess-Spieß beiseite und starrte seinen Vetter an. »Drei Beiboote. Nein. Ich bin mir sicher, dass nur zwei da waren.« Andrew grinste. »Das ist das Komische bei dir, Crispin. Du bist dir deiner Sache immer so sicher selbst in den Punkten, in denen du dich irrst. Das Schiff ist eine rophetianische Galeone. Auf diesen Galeonen ist Platz für mehr als vierzig Personen, und die rophetianischen Beiboote sind so bemessen, dass sie zwanzig Personen aufnehmen können. Wenn du dir das Achterdeck ansiehst, kannst du die Befestigungen für drei Boote erkennen. Und drei Stellen, an denen das Holz nicht so ausgebleicht ist wie der Rest des Decks alle drei Stellen genauso geformt wie ein Beiboot.« Crispin blickte noch einmal auf das Schiff hinab, auf das breite Deck, wo einst ein Mast gestanden hatte und wo unverkennbar drei Boote gelegen hatten. Drei. Andrew spielte mit dem langen schwarzen Zopf über seinem linken Ohr, dem Einzigen, was an Haar auf seinem ansonsten kahl rasierten Schädel verblieben war, und sagte: »Vergiss nicht, ich habe mir diesen Zopf verdient.« »Du hast mit einem Haufen Tagedieben, die nicht mal lesen und schreiben konnten, die Häfen unsicher gemacht«, sagte Crispin und vergaß für einen Augenblick die Galweighs, die sie beobachteten. »Ich bin mit den Sloebenes gesegelt. Wir haben zahllose rophetianische Galeonen gekapert, und die hatten jeweils ein Boot für jeden Mast an Bord.« Crispin beugte sich zu seinem Vetter vor, und das Essen war 177
vergessen. »Dann sag mir doch, du, der du alles über Schiffe und das Meer weißt: Wenn drei Boote da waren, warum gibt es jetzt nur noch zwei? Hm? Hast du auch auf diese Frage eine Antwort?« Andrew zog seine massigen Schultern in die Höhe und kicherte. »Ich, ich habe mir bloß ausgeknobelt, dass ein paar von den Leuten davongekommen sind.« »Wir hätten sie sehen müssen, du dreischwänziger Hengst. Schau doch mal da runter. Wir können alles sehen, was in der ganzen Region geschieht das ist der Vorteil, wenn man durch die Luft reist.
Nichts kann uns entgehen.« Er verdrehte die Augen und lehnte sich wieder auf seinem Sofa zurück. Andrew hatte in der Vergangenheit hundertmal bewiesen, dass er ein Idiot war nützlich, wenn man brutale Muskelkraft brauchte, und gelegentlich für einen Geistesblitz gut. Aber verlässlich war er nie. Nie. Der Streune-Strahl, der den Mast und einen Teil des Decks in Nichts aufgelöst hatte, hatte gleichzeitig eines der drei Boote zerstört; für Crispin schien das auf der Hand zu liegen. Ry befand sich in dem Boot, das das andere Fluggerät gefangen genommen hatte, oder er war in dem gewesen, das die Gorrahs zum Kentern gebracht hatten. So oder so, er war ein toter Mann. Er hatte sein Leben bereits ausgehaucht oder würde das" auf dem Platz des Gesetzes noch tun, und Crispin war mit beiden Möglichkeiten überaus glücklich. Oder etwa nicht? »Wir haben das dritte Boot mit Magie ausgelöscht«, sagte er. Andrew kicherte. »Haben wir das, haben wir das, haben wir das? Bist du dir so sicher, das du deinen Platz als Oberhaupt der Wölfe darauf verwetten würdest? Hm? Bist du dir so sicher, Vetter? Denn wenn du dich irrst, wird dich das in nicht allzu langer Zeit diesen Platz kosten.« Die Galweighs beschäftigten sich demonstrativ mit ihrem Essen und ignorierten ihn und Andrew, aber sie hörten ganz genau zu, das wusste Crispin. Jedwede Unstimmigkeit zwischen den Sabirs konnte ihnen nur von Nutzen sein. Und wenn die Sabirs bei der 178 Ausführung der gemeinsamen Mission irgendwelche Fehler machten, würden sie, wenn sie nach Hause kamen, nur umso besser dastehen. Sie verbargen ihr Lächeln, aber Crispin wusste, dass es da war. Also ignorierte er Andrews Frage und kehrte wieder zu ihrem ursprünglichen Thema zurück. »Warum glaubst du nicht, dass wir das dritte Boot zerstört haben?« Andrews Grinsen wurde noch breiter. »Du willst nicht mit mir wetten, was? Du willst das kleine Risiko nicht eingehen, dass der dumme Andrew etwas wissen könnte, was du nicht weißt? Du bist wirklich mutig, Cris. Mutig, mutig, mutig.« »Warum, Andrew?« Er gönnte sich einen Moment lang den Luxus, sich Andrew auf dem Platz des Gesetzes vorzustellen, die vier Pferde bereit, in die vier verschiedenen Himmelsrichtungen davonzusprengen. Das kühlte seinen Zorn so weit ab, dass er hinzufügen konnte: »Ich bin bereit, die Möglichkeit einzuräumen, dass du vielleicht Recht hast.« »Wie großzügig von dir.« Einen kurzen Herzschlag lang verriet der Blick in Andrews dunklen Augen beunruhigende Intelligenz aber dieser durchdringende Blick verschwand sofort wieder, zerstört von einem weiteren idiotischen Auflachen. »Ich weiß, dass wir keines der drei Schiffe zerstört haben, weil bestimmt niemand versucht hat, sich schwimmend in Sicherheit zu bringen, nicht bei all diesen Gorrahs im Wasser. Und es war niemand mehr an Bord, als ihr dort unten angekommen seid das hast du selbst gesagt.« Andrew hatte Recht. Das war ein neuer Gesichtspunkt. »Aber vielleicht war das Schiff nicht voll bemannt, vielleicht waren nur vierzig Leute an Bord. Oder weniger.« »Die Rophetianer haben keine Mühe, ihre Matrosen bei der Stange zu halten«, sagte Andrew. »Keine Mühe, keine Mühe, nicht die geringste Mühe. Junge Burschen heuern bei ihnen an, wenn sie noch grün hinter den Ohren sind, und sie sind noch bei ihnen als uralte Männer. Rophetianer segeln nicht mit verminderter Besatzung sie sind der Meinung, dass lange Schichten die 179 Männer unglücklich machen und dass unglückliche Männer unvorsichtig werden. Sie könnten natürlich zufällig weniger Matrosen an Bord gehabt haben, falls sie vorher auf dem Meer in Schwierigkeiten waren, und du könntest darauf wetten, dass es so war, und vielleicht würdest du sogar gewinnen. Aber was mich betrifft... ich wette, dass das dritte Boot irgendwo da draußen ist. Ich tu's, ich tu's.« Er nahm einen gewaltigen Bissen von der Zwergforelle, kaute und grinste Crispin mit vollem Mund an. »Ich wette, Ry ist davongekommen.« Crispin beobachtete seinen Vetter aus den Augenwinkeln und dachte darüber nach, dass er sich langsam zu einem echten Problem entwickelte. Er war zwar nicht verlässlich, aber Crispin glaubte langsam, dass der perverse Bastard auch nicht so dumm war, wie er sich gewöhnlich stellte. Durchaus möglich, dass er klug genug war, um Anwyn oder Crispin zu hintergehen. Andrew würde in nächster Zukunft vielleicht einen Unfall haben müssen. Indessen konnte Crispin sich an der unangenehmen Lage ergötzen, in der die Galweighs sich
befanden. Sie hatten Mühe, die Augen offen zu halten er wusste, dass sie sich so fühlen würden, als hätten sie zu viel gegessen, als seien ihre Bäuche voll und ihre Köpfe mit alten Lumpen ausgestopft. Er verspürte selbst eine mildere Version dieser Symptome. Shaid gähnte bereits und murmelte etwas vor sich hin, dass er dem Mahl zu reichlich zugesprochen habe, und eine seiner Wölfinnen kicherte und meinte, sie würde am liebsten eine Woche lang schlafen. Crispin erwiderte belustigt: »Aber ihr könnt doch diese wunderbaren Speisen nicht verschmähen. Euer Koch verdient eine Belohnung für seine Kunst.« Die Belohnung würde natürlich höchstwahrscheinlich postum erfolgen müssen. Veburral hatte einen beinahe angenehmen Geschmack leicht nussig, um genau zu sein. Es war hitzebeständig. Anders als manche Gifte bewahrte es sich seine tödliche Wirkung, auch wenn man es gebraten, gebacken oder gekocht hatte. Und es brauchte 180 auch nicht in den Blutkreislauf injiziert zu werden, um sich zu entfalten ein Mann, der es in bescheidenen Mengen zu sich nahm, würde hübsch zuverlässig das Zeitliche segnen. Es wurde aus dem Gift der fliegenden Kupferviper gewonnen, deren Verbreitungsgebiet sich auf die Sabirschen Siedlungen auf der Sabirenischen Landenge beschränkte. Das Beste daran war jedoch, dass man sich, wenn man es über einen Zeitraum von Monaten oder Jahren in zunächst winzigen und sehr langsam höheren Dosen einnahm, vollkommen immun gegen seine Wirkung machen konnte. Die meisten Sabirs nahmen mit größter Selbstverständlichkeit regelmäßig eine Dosis des Giftes ein und da die Galweighs keinen Zugang zu den Schlangen hatten, hatten sie auch keinen Zugang zu dem Gift. Sie würden einer nach dem anderen einschlafen, und Crispin und Andrew würden sie in die Schlaf quartiere tragen und dort zu Bett bringen. Allein gelassen in ihren verdunkelten Räumen würden sie still und leise sterben, ohne die Anhänger der Galweighs in Alarmbereitschaft zu versetzen, die nichts Böses ahnen würden, bevor die Anhänger der Sabirs und jene Galweighs, die käuflich waren, sie töteten. Ihr unmittelbar bevorstehender Tod hatte Crispin bereits ein kleines Vermögen gekostet. Ein Doppelagent, der in aller Heimlichkeit im Galweighschen Haushalt tätig war, hatte eine Flasche mit Veburral versetztem Nussöl in die Reisevorräte des Kochs geschmuggelt, kurz bevor der Mann an Bord des Fluggeräts gegangen war; die ursprüngliche Flasche hatte der Agent indessen entfernt. Der Agent war nun seit fünf Jahren im Haushalt der Galweighs von Goft tätig, und das war der einzige Dienst, den er ihnen je erwiesen hatte. Aber er war seinen Preis wert gewesen. Wenn Crispin und die Sabirsche Armee mit den Fluggeräten ungehindert auf der Landebahn hinter dem Haus Galweigh zu Boden ging und ausschwärmte, um das Haus und alles darin zu erobern, würden die Galweighs fallen, und die Sabirs würden die alleinigen Herrscher über Calimekka sein. 181
Kapitel 20 "Die Nacht verbarg das flüchtige Boot unter ihrem Mantel, und Ians Stimme, die schon lange nur mehr ein Krächzen war, gab den Takt für die Ruderer immer langsamer. Kaits Hände hatten Blasen über Blasen, die Haut war zerfetzt und nässte. Die Muskeln in ihrem Rücken brannten, ihre Oberschenkel schmerzten, sie hatte Wadenkrämpfe, und selbst ihre Gedärme fühlten sich an, als hätte ein Sadist sie in Brand gesetzt. Ian rief: »Riemen einholen und verschnaufen. Trev, lass Anker fallen.« Die Kette ratterte aus dem vorderen Teil des Bootes ins Wasser hinunter. Dann trieb das Boot träge mit der unsichtbaren Strömung dahin, bis es sich drehte und sie alle in die Richtung blickten, aus der sie gerade gekommen waren. Kait hatte den Kopf zwischen die Knie gelegt und keuchte. »Ich bin halb verhungert, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich essen könnte, selbst wenn wir etwas hätten, so elend fühle ich mich«, sagte sie. »Ich könnte essen«, meinte Yanth. »Wenn ich kotzen müsste, würde ich einfach anschließend Weiteressen. Im Augenblick habe ich das Gefühl, schon mit einem Bein im Grab zu stehen.« »Ich will vor allem Wasser«, stöhnte Trev. Wasser. In dem Punkt waren sie sich alle einig. Das Boot hatte natürlich ein kleines Wasserfass für Notfälle an Bord, aber das Wasser war seit langer Zeit nicht mehr erneuert worden, und es schmeckte, wie Bilgenwasser roch. Klares, kühles, frisches Quellwasser ... das, da waren sich alle einig, wäre ein echtes Gottesgeschenk. »Wir sind nur eine halbe Stunde von unserem Ziel entfernt,
182 wenn wir uns ins Zeug legen«, sagte Ian. »Da gibt es so viel Süßwasser, wie ihr euer ganzes Leben nicht trinken könntet. Aber ich denke, dass wir uns eine ganz kleine Pause leisten können, bevor wir weitermachen. Die Fluggeräte haben uns nicht verfolgt, obwohl sie uns jetzt seit einer Stunde eigentlich deutlich hätten sehen müssen. Daher dürfen wir wohl davon ausgehen, dass der Zauber funktioniert hat.« Plötzlich meldete sich Hasmal zu Wort, der hinter Kait lag. »Im Augenblick umgibt ein kräftiger Zauber das Boot.« Kait richtete sich trotz der Pein in ihrem Rücken auf und drehte sich zu ihm um. Er hatte den Kopf vorne auf das Dollbord gestützt und nahm gerade vorsichtig einen Schluck Wasser aus dem Fass. Ry drehte sich ebenfalls auf seiner Bank um, um zu Hasmal hinüberzublicken. »Du kannst... den Schild ... sehen?« Hasmal zuckte mit den Schultern. »Nein. Es funktioniert nicht so wie bei eurer Magie, die überall Zeichen hinterlässt. Farhullen hinterlässt nicht einmal Zeichen, die jene von uns sehen können, die selbst diese Magie ausüben. Aber ich kann, ehm, sehen, was nicht da ist.« »Und was wäre das?«, erkundigte sich Ry. Auch Kait war neugierig auf die Antwort. Hasmal sagte: »Seht euch den Schimmer an, den der Spiegel der Seelen verströmt aber seht nicht mit den Augen. Ihr müsst mit eurer Magie sehen.« Er wartete einen Moment lang. Kait schloss die Augen und konzentrierte sich auf das Artefakt, wie Hasmal es sie gelehrt hatte. Nach wenigen Sekunden glaubte sie zu sehen, was er meinte. Das schwache, warme Licht, das sie mit ihren magischen Sinnen »sehen« konnte, umgab das Boot wie eine leuchtende, makellos geformte Kugel. Und endete ungewöhnlich abrupt, wie Kait nach vielen Monaten auf See sofort erkannte. Das weiche Leuchten hatte stets fast die ganze Windsbraut ausgefüllt, auch wenn es zum äußeren Rand hin ein wenig blasser wurde aber es hatte nie eine klare Linie zwischen dem Punkt gegeben, an dem Magie war, und dem, an dem sie nicht war. 183 »Seht ihr?«, fragte Hasmal. Kait und Ry nickten. Die anderen, die es ebenfalls versucht hatten, schüttelten nur den Kopf. Die Magie des Sehens war Übungssache, und Kait hatte erst vor kurzem den Punkt erreicht, an dem sie mit einiger Gewissheit dazu in der Lage war. »Wenn du diesen Schild nicht hochgezogen hättest, hätte der Spiegel eine Spur hinterlassen, der jeder von Rys Wölfen hätte folgen können.« Er musterte Ry und sagte: »Und wenn sie es mit Darsharen getan hätte Wolfsmagie , hätte die Rewhah uns so deutlich gekennzeichnet, dass man uns trotzdem überall in den Tausend Tänzern hätte bemerken können.« Ry sagte: »Du verstehst dich auf Darsharen?« »Ich weiß nur davon von seinen Stärken, seinen Grenzen, von der Art, wie diese Magie funktioniert. Ich weiß auch viele dieser Dinge über Kaiboten.« »Kaiboten?«, wiederholte Kait. »Drachenmagie.« »Was für eine Art Magie ist denn das?«, wollte Kait wissen. Hasmal zog die Schultern hoch. »Das lässt sich am besten mit Hilfe eins Vergleichs erklären. Farhullen ist die Magie des Individuums. Sie bezieht ihre Stärke ausschließlich aus den Energiereserven des Magiers selbst, obwohl sich verschiedene Zauberer zusammentun können, um eine stärkere Wirkung zu erzielen. Diese Magie ist ausschließlich zur Verteidigung gedacht und bewirkt deshalb weder eine Rewhah, noch hinterlässt sie irgendwelche Spuren. Darsharen ist die Magie geschlossener Gruppen. Sie bezieht ihre Stärke aus Opfern, die innerhalb eines Zauberkreises abgehalten werden, und ist mächtiger als Farhullen. Die Wölfe haben Wege gefunden, um das Blut, das Fleisch und die Lebensenergie ihrer Opfer zu nutzen, und sie können mit Hilfe dieser Energie aggressive oder passive Zauber erschaffen. Das heißt, diese Magie eignet sich für den Angriff wie auch für die Verteidigung. Darsharen hinterlässt jedoch immer eine Spur und verursacht fast immer eine Rewhah.« 184 Er nahm noch einen Schluck aus dem Wasserfass und zog sich an einer der gewölbten Rippen des Langboots in die Höhe. »Und dann wäre da noch Kaiboten. Das ist die Magie nicht geschlossener Gruppen und die mächtigste von allen. Die Drachen haben Möglichkeiten entdeckt, alle Lebewesen um sie herum als ahnungslose Opfer zu benutzen, und das zu jeder Zeit und ohne ihre Opfer vorzubereiten oder sie auch nur zu identifizieren. Sie könnten die Bevölkerung ganzer Städte opfern, und den Geschichten und kurzen Querverweisen in den Geheimen Texten zufolge haben sie es gegen Ende des Zaubererkriegs auch getan. Überdies bietet Kaiboten Zugang zu etwas, das keine andere
Magie je berührt hat.« »Und das wäre?«, fragte Ry. »Solander zufolge haben die Drachen gelernt, die Seelen ihrer Opfer zu ernten. Sie gaben sich nicht damit zufrieden, Blut und Fleisch und Lebensenergie zu stehlen, sondern stahlen auch die Energie der Unsterblichkeit selbst.« Kait runzelte die Stirn. »Farhullen benutzt aber doch auch die Seelenenergie.« Hasmal schüttelte müde den Kopf. »In der Farhullen darfst du deine eigene Seele Vodor Imrish anbieten, und er kann nach eigenem Belieben dein Opfer annehmen oder nicht. Aber wenn er dein Opfer akzeptiert, zerstört er damit nicht deine Seele. Die Drachen waren in dieser Hinsicht grausamer als die Götter. Kaiboten benutzt die Seelen ihrer Opfer, so wie Feuer Holz benutzt. Es verbrennt sie um der Energie willen, die sie abgeben, und bei diesem Prozess werden die Seelen vollkommen zerstört.« Kait dachte darüber nach. Sie hatte immer an die Unsterblichkeit und Heiligkeit der Seele geglaubt. Als Kind war sie der allgegenwärtigen Angst vor ihrem eigenen Tod begegnet, indem sie sich mit dem Wissen getröstet hatte, dass ihre Seele weiterbestehen würde, und mit der Hoffnung, dass man sie in einem neuen Leben für würdig befinden würde, ein wahrhaft menschliches Wesen zu sein und kein verfluchter Karnee. Damals wie auch spä185 ter hatte sie immer fest daran geglaubt, dass die Seele vor allen Angriffen sicher sei. Und jetzt erzählte Hasmal ihr, dass die Drachen ihre Opfer mit Leib und Seele zerstörten. Ian räusperte sich und stieß heiser hervor: »Hasmal, du hast von der Rückkehr der Drachen gesprochen. Deine Religion weiß sie davon, dass das geschehen wird?« Hasmal nickte. »Ich glaube, es ist schon geschehen. Sie sind wieder da, und sie versuchen, den Spiegel der Seelen nach Calimekka zu bekommen. Wir versuchen, ihn zu Solander zu bringen, weil Solander und die Falken sich gegen die Drachen erheben werden, so wie sie es im Zaubererkrieg getan haben.« Kait drehte sich um und sah Ian an sie hatte aus keiner menschlichen Kehle jemals ein Geräusch wie das gehört, das er gerade hervorgestoßen hatte. Er starrte den Spiegel der Seelen an. »Dieses Ding da es ist in der Lage, Seelen zu verbrennen?« Hasmal zuckte die Achseln. »Ich glaube nicht, aber ich weiß auch nicht, wozu der Spiegel fähig ist. Ich weiß nur, dass Solander sagt, er brauche ihn, und dass Solander und die Falken alles sind, was zwischen der Menschheit und einer Wiederkehr des Drachenreichs steht.« Ry hatte geschwiegen, während Hasmal sprach, aber jetzt sagte er: »Hasmal, wenn wir diese Sache lebend hinter uns gebracht haben, möchte ich, dass du mir Farhullen beibringst.« Der Hauch eines Lächelns huschte über Hasmals Züge. »Ein Wolf, der einen Falken um Hilfe bittet. Da müssen wirklich die letzten Tage der Welt angebrochen sein.« Dann schloss er müde die Augen, und in dem fahlen Licht sah er immer noch totenbleich aus. »Wir sind ihnen doch schon entkommen, oder nicht?«, fragte Kait. »Wir haben den Schild, wir sind ein gutes Stück von den Fluggeräten entfernt und mittlerweile zwischen den Inseln verborgen, und wir haben den Spiegel.« Ian blickte in die untergehende Sonne und runzelte die Stirn. »Ich weiß nicht, ob ich mich jemals wieder sicher fühlen werde. 186
Mir hat die Welt besser gefallen, als die Magie tot war und Schwerter, Schnelligkeit und ein scharfer Verstand einen Mann ausmachten.« Hasmal sagte: »Diese Welt hat es nie gegeben aber ich bin überzeugt davon, dass es sehr tröstlich war, daran zu glauben.« Kait schloss die Augen, beugte sich vor und ließ den Kopf auf ihre Knie sinken. Die Arme hingen kraftlos an ihr herab, und ihr Rückgrat knackte an einem Dutzend verschiedener Stellen. Einen Augenblick lang loderte frischer Schmerz in ihr auf. Sie konnte Ian gut nachfühlen, was er empfand. Auch sie hatte die Welt lieber gemocht, als sie noch nicht wusste, dass die Magie noch immer unter ihrer Oberfläche dahinströmte wie zähflüssiges Gift auf dem Grund eines Weinglases. Ian sagte: »Wir müssen weiterrudern. Ich möchte nicht gern länger als unbedingt notwendig auf dem Wasser sein. Wenn ihr mir eure Hemden gebt, reiße ich sie für euch in Lumpen, da ich keine Blasen an den Händen habe. Dann könnt ihr sie euch um die Finger wickeln. Das wird den Schmerz lindern und dafür sorgen, dass ihr nicht noch mehr Blasen bekommt.« Kait stöhnte. »Warum hast du nicht früher daran gedacht?«
»Habe ich ja. Aber ihr alle hattet zwei Möglichkeiten Blasen an den Händen oder Sonnenbrand und Blasen auf den Schultern und dem Rücken und im Gesicht. Und mit dem Sonnenbrand hättet ihr euch eine Sonnenvergiftung geholt, und ihr würdet euch jetzt krank und fiebrig fühlen. Außerdem wären wir dann am Ziel viel langsamer gewesen, als es jetzt der Fall sein wird. Ich weiß, dass eure Hände schmerzen, aber wenigstens müsst ihr sie nachher nicht benutzen, um euch auf allen vieren fortzubewegen.« Er riss den Stoff für sie in Streifen. Trev wandte sich zu Kait um: »Du brauchst dein Hemd nicht zu benutzen. Ich gebe dir etwas von meinem ab.« Kait lächelte ihm zu. Er war immer nett zu ihr gewesen, während Rys übrige Leutnants sich auf eine vorsichtige Höflichkeit beschränkten. 187
»Ich danke dir«, sagte sie. »Wenn eine meiner Schwestern in eine solche Lage käme, würde ich mir wünschen, dass jemand das Gleiche für sie tut«, erwiderte er. Sie brachte noch ein müdes Lächeln zustande. »Ich auch«, sagte sie und versuchte, dabei nicht an ihre eigenen Schwestern zu denken. Sie waren tot, und der Teil ihres Lebens, in dem sie einen Platz gehabt hatten, war mit ihnen gestorben; sie konnte nichts tun, was daran etwas geändert hätte. Valard fragte Ian: »Wohin fahren wir eigentlich?« Ian sagte: »Es gibt da ein Dorf auf der Insel Falea, direkt am Fuß des Vulkans. Es heißt Z'Tatne, was, wie meine Freunde dort mir erzählt haben, >gute Mangos< bedeutet. Es ist sehr schwer zu erreichen, leicht zu verteidigen, und meine Freunde werden uns mit Freuden aufnehmen und uns von dort aus weiterhelfen. Die meiste Zeit des Jahres arbeiten sie als Fischer, Jäger, Seeleute und Bauern, und wenn die Ernte nicht gut war oder die Fische ausbleiben, verdingen sie sich als Piraten.« Kait wickelte sich gerade Stoffstreifen um ihre Hände, als die feinen Härchen in ihrem Nacken sich plötzlich aufstellten. Ihr Magen krampfte sich zusammen, und die Luft um sie herum schien zäher zu werden. Dann hatte sie das Gefühl, von einem fettigen Etwas eingehüllt zu werden, ein Gefühl, das sie nicht mehr gehabt hatte seit... seit... Sie schloss die Augen. Seit wann? Plötzlich wusste sie es wieder. Genau dieses Gefühl hatte sie in dem Fluggerät gehabt, auf dem Heimweg nach Calimekka. Unmittelbar vor dem magischen Überfall, der der Vernichtung ihrer Familie vorausging. Sie sah Ry an und stellte fest, dass er ihren Blick zu Tode erschrocken erwiderte. »Nicht du?«, fragte sie ihn, und er schüttelte den Kopf. Dann sahen sie beide Hasmal an. Auch er war nicht der Quell dieses Gefühls; er starrte den Spiegel der Seelen an. Ja. Das war der Ursprung der Magie. Die Luft wurde zäher und 188 füllte sich mit dem Gestank von verwesendem Fleisch, der, wenn auch nur geringfügig, mit dem Geruch von Geißblatt vermischt war. »Was macht er?«, fragte Kait. Hasmal zuckte die Achseln. »Keine Ahnung. Jedenfalls nichts Gutes.« »Was hast du mit dem Spiegel gemacht?« Ry stand auf und ging langsam auf den hinteren Teil des Bootes zu. »Ich habe gar nichts mit ihm gemacht. Ich habe einfach daneben gesessen, und Ian erzählte, wo wir hinfahren wollen, und plötzlich spürte ich, wie er begann zu ... zu summen. Etwa so, wie eine Katze schnurrt, wenn sie sich an mich drückt. Und jetzt ...« Er runzelte die Stirn, erhob sich und blickte dann auf den Spiegel hinab. »Er hat aufgehört zu summen. Ich weiß nicht, was er jetzt macht, aber es gefällt mir nicht.« »Wir müssen herausbekommen, wie man ihn abschalten kann«, sagte Ry. »Ich habe nicht viel Vertrauen zu einem Artefakt, das aus eigenem Antrieb irgendetwas tut.« »Er hat tatsächlich etwas getan«, sagte Kait. »Die Lichtsäule in der Mitte leuchtete bereits, als ich ihn fand. Ich weiß nur nicht, was das zu bedeuten hat.« »Seid ihr euch sicher, dass euer Wiedergeborener ihn braucht?«, fragte Ian. »Ja«, sagte Hasmal, und Kait wiederholte die Bekräftigung: »Ja. Er hat es mir gesagt.« »Denn ich wäre dafür, das Ding über Bord zu werfen und es den Gorrahs zu überlassen«, fuhr Ian fort. »Wir müssen den Spiegel mitnehmen«, sagte Hasmal. »Er hat auf irgendetwas gewartet«, beharrte Ian. »Als wollte er nur wissen, wo wir hinfahren, und sobald er das in Erfahrung gebracht hatte ...« Seine Stimme verlor sich. »Wir müssen ihn mitnehmen«, sagte Kait. »Shang!« Ian ballte eine Hand zur Faust und blickte zu den dunklen Höckern der Inseln, die sie
umgaben. »Dann sollten wir uns beeilen, bevor der Spiegel noch etwas anderes tut.« 189 Alle wandten sich wieder den Riemen zu und umfassten mit ihren bandagierten Händen die kräftigen Eichenholzschäfte. Hasmal zog den Anker ein, setzte sich dann neben Trev und ergriff ebenfalls einen der Riemen. »Vorwärts ...«, sagte Ian. »Und runter ... und ziehen ... und heben ...« Ihr Rücken folterte sie, und Flammen züngelten an ihren Handflächen, obwohl sie sich zum Teil bereits selbst geheilt hatten. Sie versuchte, nur an ihren Riemen zu denken, daran, dass sie sich in Sicherheit bringen mussten. Aber sie zitterte trotzdem. Sie hatte die böse Vorahnung, dass es absolut falsch war, weiterzufahren, statt zu bleiben, wo sie waren, und herauszufinden, was mit dem Spiegel der Seelen los war. Sie wollte gerade etwas sagen, als die Luft sich abermals veränderte. Jetzt war sie mit einer knisternden Energie erfüllt, mit einer so mächtigen Strömung, dass Kaits Brust wie zugeschnürt war und jeder Atemzug sich anfühlte, als sauge sie die Luft durch einen zu engen Strohhalm ein. »Mutterloser Brethwan!«, fluchte Ry. »Wir müssen dieses Ding aufhalten.« Falls sie überhaupt je die Chance gehabt hatten, den Spiegel aufzuhalten, so war die Zeit jetzt verstrichen. Das Licht in der mittleren Säule des Spiegels dieses wunderschöne goldene Licht, das lautlos emporgestiegen war, um in der Mitte des Rings zusammenzulaufen , dieses Licht wurde jetzt blutrot und schoss über den oberen Rahmen hinaus wie ein Wal, der aus einer Pfütze sprang. Es traf den Schild, den sie alle zusammen mit ihrer Willenskraft, ihrem Blut und ihrer Magie erschaffen hatten, und kämpfte einen Herzschlag lang dagegen an. Alle konnten das feurige Licht sehen, das die unsichtbare Kugel, die Kait errichtet hatte, ganz ausfüllte. Aber der Schild war dazu geschaffen worden, nichts von außen hereinzulassen, nicht dazu, etwas in sich festzuhalten als das blutrote Licht daher den Raum um sie herum vollkommen ausgefüllt hatte, wurde es heller und immer heller ... und dann zerschmetterte es den Schild und schoss zu den Wolken 190 hinauf, ein Strahl in der Finsternis, der stärker leuchtete als eine Flammensäule. »Jetzt werden sie nicht mehr lange brauchen, um uns zu finden«, stieß Valard hervor. »Ich wusste die ganze Zeit, dass wir es nicht schaffen würden.« »Wirf das Ding über Bord«, sagte Yanth. Kait und Hasmal sahen einander an. Hasmal sagte: »Wenn wir den Spiegel verlieren, sind alle Seelen auf Matrin und im Schleier dem Untergang geweiht.« In weiter Ferne konnte Kait die Motoren der Fluggeräte hören, die ihren Betrieb wieder aufnahmen. Die Zauberer an Bord mussten gespürt haben, wie die Magie sich aus dem Schild freibrach, und jeder musste den Strahl gesehen haben. Kait sagte: »Sie kommen, wir müssen uns sehr schnell entscheiden.« Hasmal, den das Licht von unten in einen blutfarbenen Schimmer tauchte, sah wie eine Bestie aus dem Reich der Alpträume aus. Er verzog das Gesicht und starrte in die Richtung, aus der sie gekommen waren. »Wenn wir den Spiegel retten könnten, wäre er es wert, dafür zu sterben. Aber sie werden kommen, und dann würden wir ihn sowieso verlieren.« Hasmal schüttelte den Kopf. Er vergrub das Gesicht in den Händen und verharrte so. Kait hörte ihn seufzen, dann murmelte er etwas, das sie nicht verstehen konnte nicht weil ihre Ohren nicht scharf genug waren, sondern weil sie die Sprache nicht beherrschte , und schließlich sah sie, wie er die Schultern hochzog. Er blickte in die Runde. »Wir müssen den Spiegel ins Wasser werfen. In tiefes Wasser, falls es hier in der Nähe so etwas gibt. Eine schwer befahrbare Strömung wäre das Beste, ein Riff wäre gut, und wenn du von einer solchen Stelle weißt, die sich in Reichweite befindet, eine Stelle, an der die Gorrahs vielleicht besonders gefährlich sind ... Möglicherweise können wir dann verhindern, dass unsere Verfolger den Spiegel in die Hände bekommen.« Ian entgegnete: »Und während wir auf der Suche nach der per191 fekten Stelle sind, um den Spiegel über Bord zu werfen, kommen die Fluggeräte immer näher. Nein. Schmeiß ihn gleich hier ins Wasser. Das muss reichen.« Kait erhob sich halb von ihrer Sitzbank. »Nein, Ian. Wir müssen alles in unserer Macht Stehende tun, damit sie den Spiegel nicht bekommen ...« Ry fiel ihr ins Wort. »Wir müssen als Erstes unsere eigene Haut retten. Wenn wir überleben, können wir ihnen das verdammte Ding vielleicht wieder abjagen, bevor sie herausfinden, wie sie es benutzen müssen. Wir werden bestimmt eine Menge Zeit haben«, meinte er. »Wie lange hast du den Spiegel gehabt? Und du weißt heute nicht mehr über ihn als an dem Tag, an dem du ihn gefunden hast. Habe
ich Recht?« Kait konnte nicht sagen, ob er Recht hatte oder nicht. Aber die Motorengeräusche der Fluggeräte wurden deutlicher, und der Gedanke, ihn ins Meer zu werfen und zu hoffen, dass ihre Feinde ihn nicht finden würden, hatte eine unleugbare, süße Logik. Und wenn es zum Schlimmsten kam und sie ihn doch fanden, würden sie nicht wissen, wie sie ihn benutzen mussten. Aber diese Hoffnung stand auf tönernen Füßen. Der Geist eines Drachen hatte sich als ihre Vorfahrin ausgegeben und ihr gesagt, wie sie das Ding finden könne. Diese angebliche Vorfahrin konnte jedem, der den Spiegel wiederholte, Auskunft über seine Verwendungsweise geben. Ry, Yanth und Valard waren in den vorderen Teil des Bootes gegangen. Valard schob sich zwischen Hasmal und den Spiegel, während Ry und Yanth nach dem Artefakt griffen. »Eins, zwei, hau ruck!«, sagte Ry. Der Spiegel flog durch die Luft, und der blutrote Stahl durchtrennte den Himmel, bevor er sich wie ein Schwert in das Wasser bohrte. Er tauchte spritzend in die glatte See ein, das Wasser um ihn herum zischte und brodelte, und das Licht zeichnete seinen gewundenen Pfad nach, während er sich auf den tiefen Meeresboden zu 192 bewegte. Grauenvoll, dieses Licht, einfach grauenvoll als hätten die Inseln zu bluten begonnen. Kait konnte den Blick nicht von dem Spektakel abwenden. Der Spiegel brannte sich durch das trübe Wasser in die Tiefe und setzte die Oberfläche in Flammen. »Auf die Ruderbänke!«, rief Ian. »Sofort! Und legt euch in die Riemen! Vielleicht werden wir den Sonnenaufgang noch erleben.« Kait beobachtete, während sie ihren Riemen zu sich heranzog, wie das kalte Feuer sich über die Meeresoberfläche ausbreitete. Es war, als hätte der Spiegel beschlossen, sie zu verraten, dachte sie. Als hätte er, nachdem er von ihnen bekommen hatte, was er wollte, beschlossen, sich ihrer zu entledigen und neue Verbündete herbeizurufen. Ihr Herz war leer, und ihre Knochen schmerzten vor Angst. Möglich, dass sie die Nacht überlebten, dachte sie. Möglich, dass sie es bis zu Ians Insel schafften. Aber selbst wenn sie dort ankamen, ihre Feinde und damit die Feinde des Wiedergeborenen würden im Besitz des Spiegels der Seelen sein. Und welchen Preis würde die Welt dann für ihr Überleben zahlen?
Kapitel 21 'Die Sonne brannte gnadenlos auf die Tausend Tänzer herab, so heiß wie Zorn und schwer wie die Sünde. Crispin stand vorne in der Gondel der Feuerherz und starrte die rote Flamme an, die aus den Tiefen des Wassers heraus nach ihm rief, und er schwor Rys Seele, dass er seinen verschlagenen Vetter dafür zahlen lassen würde, den Spiegel ins Meer geworfen zu haben. Er konnte das Licht des Artefakts dort unten sehen, denn es war selbst am hellen Tag so strahlend wie eine eigene Sonne. Und wie die Sonne konnte er auch den Spiegel nicht erreichen. Drei seiner eigenen Männer waren beim Versuch, den Spiegel zu bergen, gestorben, und sieben Soldaten der Galweighs hatten den Tod gefunden. Die Gorrahs hatten sich um das Ding zusammengerottet und kreisten ... und kreisten ... Jedes Mal, wenn einer der Matrosen versuchte, das Artefakt vom Meeresgrund hochzuziehen, packte einer von ihnen die Kette und zog, und in der Hälfte der Fälle zerrte das Ungeheuer den jeweiligen Mann ins Meer. Ein toter Gorrah trieb mit dem Bauch nach oben im Wasser und bezeugte die Tatsache, dass die Ungeheuer nicht jede Runde gewannen; es war ein ziemlich kleines Exemplar seiner Gattung, was bedeutete, dass es die Länge von zehn übereinander stehenden Männern hatte, und Seegeier, Möwen und Schwarzschnäbel bedeckten es wie größere Vettern der Fliegen, die es in Scharen umschwärmten. Die Maulkrallen des Gorrah hingen schlaff zu beiden Seiten seines gewaltigen Schlunds herab, sein knochiger, gepanzerter Leib verströmte in der drückenden Hitze einen unerträglichen Gestank, und seine beiden buckeligen, zu Klauen gebogenen Unterarme trieben in einer Geste der Unterwerfung über seinem Kopf. Dieser da hatte sich in dem Greifhaken verbis sen, und die Mannschaft hatte die Kette heruntergelassen, während der Pilot, ein kluger Mann mit einem beweglichen Verstand, die Feuerherz steil aufsteigen ließ. Als das Luftschiff sich so weit wie möglich von der Meeresoberfläche entfernt hatte, hatten sie die Kette vom Schiff gelöst, und der Bastard war ins Meer gefallen und beim Aufprall auf dem Wasser erschlagen worden. Was nicht die ungeteilte Freude gewesen war, die es hätte sein sollen. Bei dieser Gelegenheit verloren sie den ersten ihrer beiden Greifhaken. Den zweiten den Haken, den sie mitsamt der Ersatzkette von
der Windsbraut gestohlen hatten verloren sie, als einer der großen Gorrahs sich dranhängte und die Feuerherz beinahe ins Meer gerissen hätte. Sie mussten dieses Ungeheuer Losschneiden. Also hatte Crispin die Adler, die auf der Suche nach Rys Boot und dessen Passagieren gewesen war, nach Goft zurückgeschickt. Sie sollten weitere Greifhaken und Ketten holen, einen Greifkran, den man an der Vorderseite der Gondel befestigen konnte, sowie weitere Soldaten, die die Geräte bedienten. Den größten Teil des Tages hatte er mit Warten verbracht, während Anwyn die Vorräte einlud und zurückflog. Anwyn war in übelster Laune gewesen, als er zurückkam der Pilot hatte versucht, die Galweighs darauf aufmerksam zu machen, dass die Fluggeräte unter das Kommando der Sabirs gefallen waren, und Anwyn musste den Mann verletzen. Crispin musste wohl schon dankbar sein, dass er den Mann nicht getötet hatte, was bedauerlicherweise am Ende ihrer Mission unumgänglich sein würde. Für den Augenblick konzentrierte er sich auf die vor ihm liegende Aufgabe. Der Spiegel der Seelen rief nach ihm. Er konnte das Artefakt riechen, er konnte es schmecken, er konnte sein strahlendes Licht sehen; es kannte seinen Namen, und es sang ein Lied, das nur er hören konnte. Wären nicht die dunklen Schatten der Gorrahs gewesen, die den Spiegel umkreisten, hätte Crispin sich verwandelt, um ins Wasser einzutauchen und ihn persönlich nach oben zu bringen. 194 195 Wie die Dinge lagen, starrte er auf den Spiegel hinab und schwitzte und klatschte Seefliegen und Blutfliegen auf seinem Körper tot und er machte sich Sorgen. Bohrende Zweifel nagten an ihm. Es kümmerte ihn wenig, dass er etliche Männer verloren hatte, die meisten von ihnen hatten ohnehin zu den Gofter Galweighs gehört, und Männer waren leichter zu ersetzen als Greifhaken oder Ketten. Was ihm Kopfzerbrechen machte, war die Möglichkeit, dass er den Spiegel vielleicht nie in die Hände bekommen würde dass möglicherweise keine seiner Strategien Erfolg haben und das Artefakt an die Oberfläche bringen würde. Oder dass der Spiegel, wenn sie ihn endlich in ihren Besitz gebracht hatten, nicht mehr funktionierte. Oder dass er, wenn er funktionierte, nicht das tat, was die Stimme versprochen hatte. Aber, oh, wenn der Spiegel so funktionierte, wie es die Stimme ihm geschworen hatte ... dann würde er ein Gott sein. Macht, Unsterblichkeit, größere Magie, als er je zuvor besessen hatte: Er konnte die größten Unbehaglichkeiten und Sorgen ertragen, solange ihm diese Vorstellungen Kraft gaben. Zwei Männer, die im Kran standen, begannen plötzlich zu schreien. »Wir haben etwas, Parat! Es hat sich festgehakt, und wir ziehen es jetzt hoch.« Die Gorrahs waren überall. Sie folgten der Leine, als wären sie die Köder am Haken. Die Kette knarrte in der Winde; der Greifkran schwenkte nach links, weiter nach links, und dann noch weiter, in die Tiefe gezogen von einem gewaltigen Gewicht. Die Nase des Fluggeräts senkte sich herab, um dem Kran zu folgen; die Männer auf dem Deck stemmten sich gegen die Kurbel, schwitzend und fluchend. Das leuchtend rote Licht stieg durch die Tiefen empor und wurde von den Gorrah-Schwärmen beinahe verdeckt. Crispin trat einen Schritt näher an die Reling der Gondel heran und schaute nach unten ins Wasser. Er musste die Augen zusammenpressen, um durch das grelle Licht, die Wellen und den aufgerührten Schlamm vom Meeresgrund erkennen zu können, worauf sie da gestoßen waren. Seine Gedärme zogen sich zusammen, und sein Herz begann zu rasen. Der Geruch von Geißblatt wurde stärker, und mit ihm kam der Gestank des Todes, der darunter lag. Einen Augenblick lang, der sich zu einer Ewigkeit auszudehnen schien, kämpfte er den Drang nieder, sich zu übergeben. Der Gestank trieb ihm den Magen in die Kehle. Er schauderte. Und sein Instinkt sagte ihm, dass er das Ding wieder ins Meer werfen sollte dass er es bedauern würde, es für sich gefordert zu haben. Sein Herz riet ihm, sich abzuwenden und nach Hause zu fliegen, sich mit den Schätzen aus dem Frachtraum der Windsbraut zufrieden zu geben und den Spiegel der Seelen zu vergessen. Crispin hatte jedoch nicht die Gewohnheit, auf seine Gedärme oder sein Herz zu hören. Wenn es Männern bestimmt wäre, auf Herz oder Eingeweide zu hören, dann hätten sie keinen Verstand bekommen. Sein Verstand sagte ihm, dass er mit dem Spiegel der Seelen ein Gott sein würde, und ohne ihn würde er ein Sterblicher sein und eines Tages den Tod finden. Er schrie: »Bleibt dran! Zieht ihn hoch! Zieht ihn hoch!« Seine Haut spannte sich, seine Muskeln schmerzten, ein kalter Schauder lief ihm den Rücken hinunter, und sein Puls raste. Eine Magie, wie sie die Welt seit tausend Jahren nicht gekannt hatte, wie sie sie ohne seine Bemühungen niemals wieder kennen würde, diese Magie würde in Kürze ihm gehören.
Triumph leuchtete in seinen Augen auf, und er jubilierte, als er das erste Licht in der Tiefe heller werden sah. »Das ist er! Holt ihn hoch! Schneller! Schneller, ihr elenden Hunde!« Er konnte langsam die Umrisse des Spiegels erkennen. So groß wie ein Pferd ... Nein, groß wie ein Haus und schwarz wie eine mondlose Nacht, mit einem Ring aus Feuer eingefasst. Beinahe lebendig, mit Armen, die überall um das Artefakt herauswuchsen wie bei einem ... Gorrah! dachte er und wich erschrocken zurück. Der Gorrah kam vor dem Spiegel der Seelen aus dem Wasser und zuckte mit seinem peitschendünnen Leib, während er an Höhe gewann. Seine roten Augen hefteten sich auf Crispin, die 196 197 Finger seiner Maulkrallen breiteten sich aus, um ihn zu umarmen, der Ring der Fangarme, die die Kreatur hinter dem Kopf trug, schnellte empor zu der Stelle, an der er nur wenige Sekunden zuvor noch gestanden hatte, und die Hälfte der Fangarme wickelte sich mühelos um das Geländer. Die Gondel des Fluggeräts ächzte, das Geländer zerbarst, und Crispin rannte taumelnd den Laufsteg hinauf, der hinter ihm Stück um Stück abbrach, während das Metall sich bis zum Äußersten dehnte und unter dem unvorstellbaren Gewicht des Ungeheuers kreischte. Crispin zog sich in den hinteren Bereich der Gondel zurück und starrte auf das Ding hinab. Sein Maul, das groß genug war, um einen aufrecht stehenden Mann im Ganzen zu verschlingen, schnappte zu und öffnete sich wieder, schnappte zu und öffnete sich, und das Ungeheuer wand und krümmte sich und funkelte ihn mit zornigen Augen an. Ein Zeichen, dachte er. Gefahr aus der Tiefe. Dann musste er abermals grinsen. Denn, wenn es ein Zeichen war, so bedeutete es, dass die Dinge sich sehr bald zu seinen Gunsten wenden würden. Die Reling gab endgültig nach nur Sekunden, die ihm wie ganze Stunden erschienen , und der leibhaftige Alptraum drehte sich wie ein Korkenzieher zusammen und stürzte ins Meer. Die Mannschaft jubelte ... obwohl Crispin argwöhnte, dass der Jubel doppelt so laut ausgefallen wäre, wenn die Bestie ihn verschlungen hätte. Der Gorrah war der Kette ins Schiff hinauf gefolgt und hatte Crispin den Blick auf den Spiegel der Seelen versperrt. Als er jetzt jedoch über den Rand blickte, schien es ihm, als zögen die Männer an der Winde eine kleine Sonne in die Höhe. Andere Gorrahs umkreisten das Artefakt, allesamt geringere Verwandte des gewaltigen Ungeheuers, das aus dem Meer hervorgestoßen war. Crispin, der das Meer und alles darin hasste, beobachtete die Kreaturen mit unendlichem Abscheu. Riesige Haie kreisten unter ihnen und sahen aus wie Elritzen in einem Forellenschwarm. Er hatte noch nie erlebt, dass Haie sich so benahmen normalerweise waren Gorrahs geneigt, Haie mit einiger Begeisterung zu verspeisen, und die Haie ihrerseits mieden die größeren und bösartigeren Raubtiere. Außerdem rotteten sich Gorrahs normalerweise nicht zu Schwärmen zusammen, sie waren einsame Jäger. Der Spiegel schien bei allen Lebewesen das Schlechteste zutage zu fördern. Ein unheimliches Benehmen bei tödlichen Bestien, die Gänsehaut, die sich sofort seiner bemächtigte, das Gefühl, beobachtet zu werden er betrachtete das Näherkommen des Spiegels plötzlich mit weniger Gewissheit als zuvor. Was würde geschehen, wenn er doch nichts über das Artefakt wusste? Nichts als das, was ein Geist ihm erzählt hatte. Er konnte Weisung geben, den Spiegel wieder ins Meer fallen zu lassen, oder er konnte Anwyn befehlen, ihn in der Adler nach Calimekka zu befördern, oder ... Dann hielt er jäh inne und lachte über sich selbst. Sein Vetter Ry war der Letzte gewesen, der das Artefakt berührt hatte. Es würde diesem verräterischen Hurensohn ähnlich sehen, irgendeinen Zauber darum herum zu weben, so dass es jedem, der es berührte, Ungemach bereiten musste. Ry und seine Freunde, wer immer sie waren, würden zweifellos begeistert sein, wenn sie hierher zurückkehrten und ihre Beute unversehrt vorfanden. Aber diese Begeisterung gönnte er ihnen nicht. Crispin lächelte träge und kostete seinen Sieg aus. Der Spiegel der Seelen durchbrach die Oberfläche und zog ein halbes Dutzend Gorrahs mit sich hinauf, aber diese fielen sogleich zurück ins Meer, während der von einem Strahlenkranz umgebene Spiegel weiter gen Himmel stieg. Er war wunderschön, dieser Spiegel. Bei allen Göttern, die Alten hatten sich wirklich darauf verstanden, ihr Werkzeug zu schmieden! Für ihn sah der Spiegel wie eine riesige Metall-Lilie aus, die auf einem Stängel aus Licht wuchs. Fünf miteinander verbundene Blütenblätter aus einem leuchtenden, platinweißen Metall formten einen Ring um einen Kreis aus flammend rotem
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Licht; das größte der Blütenblätter wies ein Muster auf, bei dem es sich um eine Intarsienarbeit aus kostbaren Steinen zu handeln schien. Der Ring selbst wiederholte die glatte Wölbung der drei langen, schwertähnlichen Blätter, und der Sockel, der ihn trug, war aus dem gleichen leuchtend weißen Metall gemacht worden. Und in der Mitte der Blätter erhob sich der Stängel, der nur aus noch mehr Licht geschaffen zu sein schien, aus dem Nichts geboren, das hinauf strömte, um die Mitte der Blüte zu speisen in einer Spirale, die sich um das Zentrum drehte und verschwand, sobald sie die Innenseite der Blütenblätter erreichte. Er hatte sich etwas ganz anderes vorgestellt. Etwas, das mehr Ähnlichkeit mit einem Spiegel hatte, etwas, das irgendwie bedrohlicher wirkte. Etwas mit Knöpfen und Hebeln und komplizierten Schaltungen, etwas, das so aussah, als könne es etwas bewirken. Nicht so eine fantastische Lichtmaschine für einen Raum oder ein bloßes Kunstwerk. Anhand des äußeren Erscheinungsbildes konnte Crispin sich keinen Reim darauf machen, wie der Spiegel funktionierte, und er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wie dieses Artefakt ihm zu Unsterblichkeit verhelfen sollte. Aber diese Sorgen würden warten müssen. Zunächst einmal musste er verschiedene Dinge erledigen. Auf seine Anweisung hin signalisierte der Kapitän der Feuerherz der Adler ein Treffen in der Luft. Er und Anwyn würden die Luftschiffe nach Calimekka bringen und die Soldaten, die sie im Haus Sabir in voller Montur erwarteten, in den Kampf führen und am Ende des Tages oder bei Sonnenaufgang des morgigen Tages spätestens würden das Haus Galweigh mitsamt seiner strategischen Position, seinem unermesslichen Reichtum und der überlebenden Bevölkerung ihnen gehören. Die Frauen und Kinder würden unterhaltsame Sklaven abgeben, ging es Crispin durch den Kopf. Die Männer ... nun, sie würden sich bei Hinrichtungen auf den öffentlichen Plätzen gut machen. Er würde den Namen Galweigh und das Wappen der Galweighs erst in Calimekka und dann überall auf der Welt auslöschen. Und er würde ein Gott werden. Manchmal konnte er nur darüber staunen, wie gut sein Leben sich entwickelte. 200
Kapitel 22 Kait und die anderen Überlebenden kamen am Fuß des Vulkans auf Falea an Land. Die Schatten des Zwielichts wurden bereits länger, und die Flüchtlinge waren müde, durstig, hungrig und von Angst erfüllt. Sie hatten sich den ganzen Tag lang vor einem der Fluggeräte versteckt, das offenkundig auf der Suche nach ihnen war. Die Tausend Tänzer boten jedoch einigen Schutz vor Jägern, die auf die Sehkraft ihrer Augen angewiesen waren, und ein zweiter, mit Blut erkaufter Schildzauber hatte sie genauso sicher vor den Jägern geschützt, die sie mit Hilfe ihrer Magie suchten. Sie hatten überlebt bisher , aber sie hatten den Spiegel verloren. Kait hatte den Wiedergeborenen enttäuscht. Sie wagte nicht daran zu denken, was die Zukunft bringen mochte. Sie zogen das Boot in das Unterholz am Ufer und marschierten dann im Gänsemarsch einen schmalen Pfad entlang, auf den Ian sie aufmerksam gemacht hatte. Es war eine schweigsame Gruppe, die da über die Insel ging, niedergeschlagen und voller Verzweiflung. Ry und seine Leutnants, die nicht länger eine unmittelbare Gefangennahme befürchten mussten, unterhielten sich leise über Karyls Tod. Hasmal und Kait sagten überhaupt nichts; Kait sah noch immer das Bild des Spiegels vor sich, der langsam im Wasser versank, während sich der blutrote Lichtstrahl, der aus seinem Herzen entsprang, im Fallen drehte. In ihrem Kopf hörte sie noch immer die brummenden Motoren der näher kommenden Fluggeräte, und obwohl ihr Herz glauben wollte, dass ihre Verfolger in den Luftschiffen den Spiegel nicht würden bergen können, so war diese Hoffnung doch mehr als dürftig. Kait wusste sehr genau, dass sie wer immer sie waren den Spiegel bereits in ihrem Besitz hatten und mit ihm auf dem Weg nach Calimekka waren. 202
Allein Ian hatte bei diesem letzten Scharmützel nichts verloren, aber er war genauso niedergedrückt wie die anderen. »Das Dorf liegt vor uns«, sagte er schließlich. »Wir müssen hier Halt machen, sonst gehen wir das Risiko ein, dass die Wachposten uns niederschießen.« Kait war mit dem Rest der kleinen Schar stehen geblieben und hielt ihre Nase in den Wind. Sie konnte das Dorf vor ihnen riechen, denn die Brise verbreitete seine Gerüche überall in der näheren Umgebung. Neben den unverkennbaren Düften menschlicher Behausungen verwesendem
menschlichen Unrat, Kochfeuern, Schweiß und Haustieren konnte sie Blumen riechen, überreife Früchte und die volle Süße von Caberra-Weihrauch. »Hayan, etto burebban baya a tebbo«, rief Ian in die Dunkelheit hinein. Sie warteten. Kait lauschte, ihre Kamee-Sinne mühten sich, irgendwelche Geräusche von dem Wachposten aufzufangen, aber sie konnte nichts hören. Sie konnte auch seine Position nicht riechen, obwohl sie sich von der Windabgewandten Seite her dem Dorf genähert hatten. »Ich glaube, dass da jemand Wache hält«, sagte sie, als sie lange Zeit in der Dunkelheit gestanden hatten, ohne dass sie eine Antwort bekamen. »O ja, sie halten Wache«, sagte Ian. »Sie halten immer Wache, zu jeder Zeit des Tages und der Nacht.« Eine kühle Brise ließ die Baumwipfel rascheln, und Kait wurde plötzlich klar, dass er Recht hatte. Sie konnte keine Menschen riechen, aber sie konnte ... etwas riechen. Und sie spürte, dass fremde Augen sie in der Dunkelheit beobachteten Augen, die so scharf und wachsam waren wie ihre eigenen. Direkt über ihrem Kopf erklang eine schrille, hohe Stimme: »Hayatto tebbo nan reet. Bey hetabbey?« Kait zuckte zusammen, überrascht, wie nahe der Wachposten ihr war. Nichts und niemand hatte es geschafft, ihr ohne ihr Wissen so nahe zu kommen, seit... Sie konnte sich nicht daran erin203
nern, wann irgendjemand unbemerkt so nahe an sie herangekommen wäre. Der Wachposten war nicht menschlich, aber das war keine Entschuldigung für ihre Sorglosigkeit. Ian sagte: »Ian Draclas, übe reet.« »Hat atty.« »Der Wachmann sagt, wir sollen weitergehen. Die Leute hier kennen mich. Haltet eure Hände in sicherem Abstand von euren Waffen, wenn ihr ins Dorf geht, und tut auch sonst nichts, das man als Drohgebärde auffassen könnte. Einige von ihnen werden uns folgen, bis wir am Ziel sind.« »Was sind das für Kreaturen?«, fragte Kait. Ian zuckte die Achseln. »Es sind irgendwelche Narbigen. Verbündete der Dorfbewohner hier. Ich habe sie nie zu Gesicht bekommen; ich weiß nicht, wie sie aussehen oder auf welche Weise die Dorfbewohner sich mit ihnen verständigen. Ich weiß nur, dass sie tödliche Schützen sind und meisterlich mit den Giftpfeilen umgehen können, die sie bei sich tragen, und dass sie in der Zeit, die ich brauche, um mich hinzusetzen, einmal mehr als hundert Männer getötet haben, die dieses Dorf angriffen. In einem Augenblick stürmten die Truppen der Angreifer schreiend und mit erhobenen Waffen vor, und im nächsten lagen sie auf dem Boden, gestorben an den Wunden von jeweils nur einem einzigen Pfeil.« Den Rest des Weges ins Dorf legten sie schweigend zurück, aus Angst, ein Geräusch oder eine Bewegung zu machen, die man irrtümlich als Bedrohung hätte deuten können. Am Tor des Dorfes erwarteten sie zwei Männer mit Fackeln. Sie sprachen Iberisch, wenn auch mit einem schweren Akzent. »Wir wussten, dass ihr kommen würdet«, sagte einer von ihnen, der das R so aussprach, dass es wie fernes Donnergrollen klang. Er war kräftig, ein Mann in mittleren Jahren, mit einem Gesicht, das über und über mit Messernarben bedeckt war. Seine trüben Augen blinzelten in dem flackernden Licht, als er sie näher anzusehen versuchte. »Der alte Krieger, er hat uns gesagt, wir sollen nach euch Ausschau halten.« 204
»Dieser da sagt, er ist Ian Falzbruder, Vater«, sagte der andere Mann. »Der alte Krieger hat nicht gesagt, Ian Falzbruder wird kommen.« »Er sagte nie, wer vielleicht kommen wird. Nur sagt, dass jemand kommt und dass das Feuer, das wir letzte Nacht sehen, ein Zeichen sein.« »Böses Zeichen, er sagt.« »Böses Zeichen«, pflichtete Kait ihm leise bei. »Das war es gewiss.« »Ihr alle, kommt mit uns herein«, sagte der jüngere Mann. »Der alte Krieger wird warten.« Kait vermutete, dass irgendein müder, alter Dorfhäuptling den Himmel beobachtet und vermutet hatte, dass der rote Strahl des Spiegels der Seelen, der den Nachthimmel durchteilt hatte, Schwierigkeiten vorhersagte. Und er hatte die Wachposten und die Dörfler gewarnt und sie aufgefordert, nach Fremden Ausschau zu halten. Jetzt würde man sie zu ihm bringen, und sie mussten versuchen, ihn davon zu überzeugen, dass sie den Leuten hier nichts Böses wollten. Und danach ... Sie war zu müde, um sich vorzustellen, was danach alles würde geschehen können. Sie und Hasmal
würden irgendwie versuchen müssen, nach Calimekka zu kommen und den Spiegel zu finden, überlegte sie. Sie würden wahrscheinlich bei dem Versuch ermordet werden, aber das änderte nichts an der Tatsache, dass sie diesen Versuch unternehmen mussten. Inzwischen folgte sie dem alten Mann, der zwar fast blind war, sie aber dennoch mit flinker Zuversicht durch die schmalen Straßen des winzigen Dorfes führte. »Ihr mir folgt«, sagte er immer wieder. Er blieb vor einem Haus stehen, das nicht anders aussah als die anderen Häuser. Weiß getünchte, in der Sonne getrocknete Lehmwände, ein mit Bündeln von Palmwedeln gedecktes Dach, Fenster, die von Netzen bedeckt wurden, und eine Bambustür, die nichts Größeres fern halten konnte als Hühner oder Enten ... oder 205
Ziegen, aber das auch nur, wenn sie nicht ernsthaft versuchten, hineinzukommen. Im Haus roch es überall nach Caberra-Weihrauch. Und nach etwas anderem. Etwas Vertrautem, oder vielleicht war es nicht ein Ding, das diesen vertrauten Geruch verströmte, sondern ein Lebewesen, obwohl Kaits Verstand sich weigerte, den Geruch mit einem Namen in Zusammenhang zu bringen. Ihr Führer rief in das Haus hinein: »Sie sind da! Sie sind da, Falzbruder!« Sie hörte einen leise gemurmelten Fluch aber es war ein iberischer Fluch und in akzentfreiem Iberisch gesprochen , und die feinen Härchen in ihrem Nacken stellten sich abermals auf. Sie wappnete sich gegen das, was nun kommen würde. Im nächsten Augenblick spähte ein Gesicht durch die Tür, und Gesicht, Name und Geruch fielen wie die Teile eines Puzzles zu einem vertrauten Bild zusammen, während der Rest der Welt plötzlich belanglos war. »Onkel Doghall!«, schrie sie und stürzte an dem alten Mann und ihren Reisegefährten vorbei. In ihrer Hast riss sie die wackelige Tür aus ihren Lederangeln und warf die Arme um den noch immer ziemlich verschlafen wirkenden Mann, der vor ihr stand.
Kapitel 23 Crispin konnte sein Glück noch immer nicht fassen. Die Galweighs von Haus Galweigh, die vom Inneren ihres Anwesens aus angegriffen worden waren, hatten sich unterworfen, kaum dass die Fluggeräte gelandet waren. Seit er aus dem Fluggerät in sein neues Haus getreten war, war weniger als eine Stunde vergangen, und schon jetzt hatte er eine Wohnung für sich gefordert, hatte die neuen Galweigh-Sklaven nach Haus Sabir geschickt und Anwyn und Andrew den Befehl gegeben, auf die Suche nach möglichen interessanten Schätzen zu gehen, die sie in dem Haus selbst vielleicht finden würden. Die Drachenstimme in seinem Kopf hatte einen Großteil der Rückreise nach Calimekka darauf verwandt, ihm all die anderen Dinge zu berichten, die er nun unbedingt tun musste. Jetzt ging er in seinem Gemach auf und ab, und der Zeitdruck lastete schwer auf ihm. Es ist unabdingbar, dass du eine größere Schar um dich herum versammelst, erklärte ihm die Stimme. Sobald du den Spiegel aktivierst, wird er seine Magie aus dem Leben jener in seiner Reichweite beziehen. Wenn du allein bist, hat er niemanden, aus dessen Energie er sich speisen könnte, und er würde sich nur von dir nähren und dich vollkommen aussaugen. Es sind Sicherungen eingebaut, die denjenigen, der den Spiegel bedient, schützen, aber diese Sicherungen sind nutzlos, wenn du allein bist. Wie viele Menschen würde er brauchen?, fragte er. Zehn? Zwanzig? Je mehr Menschen um dich herum sind, umso mehr Macht kannst du in das Artefakt hineinleiten und umso mehr Gottesgeschenke wirst du dafür erhalten. Mit zehn Menschen wirst du dich 207
nicht zufrieden geben. Du wirst dich nicht mit Hunderten zufrieden geben. Du willst Tausende zehntausend. Das war die Art, wie Drachenmagie Kaiboten funktionierte. Alle Bücher, die er zu dem Thema gelesen hatte, drückten sich in diesem Punkt ganz klar aus. Kaiboten war die Magie der Massen; sie konnte ihre Macht aus allen Anwesenden gleichzeitig beziehen, nicht nur aus den wenigen, die besonders vorbereitet waren und als Opfer dargeboten wurden. Wer sich der Kaiboten bediente, für den wurde die ganze Welt zu einem ahnungslosen, unfreiwilligen Opfer. Und er, Crispin, stand im Begriff, sich die Geheimnisse dieser uralten, wunderbaren Magie zu Eigen zu machen. Er brauchte jedoch jemanden, der ihm die benötigte Menschenmenge zur Verfügung stellen konnte.
Ein Klopfen erklang an seiner Tür, und der Diener trat in den Raum. »Nomeni heo Tasslimi«, sagte er und verbeugte sich. Calimekkas oberster Parnissa, Nomeni heo Tasslimi, trat hinter ihm ein. Nomeni war früher Crispins Lehrer gewesen. Der Parnissa, ein magerer alter Habicht von einem Mann, sah so aus, als käme er gerade von seinen Gebeten; er atmete heftig und trug noch immer seine Amtsroben, obwohl die Parnissas die heiligen Gewänder niemals auf der Straße zu tragen pflegten. »Crispin!« Er lächelte und klopfte seinem ehemaligen Schüler auf die Schulter. »Wie seltsam, zu dieser späten Stunde von dir zu hören, und wie seltsam mir der Zufall des Ganzen erscheint: Ich hatte gerade an dich gedacht. Mir war bereits das Gerücht zu Ohren gekommen, du hättest ... dieses schöne Haus ... erworben.« Er sah sich in dem Raum um, bemerkte das leuchtende Artefakt in der Ecke und zog eine Augenbraue in die Höhe. Crispin lächelte. Nomeni hatte schon immer über gute Informationsquellen verfügt, was in seinem Gewerbe auch unerlässlich war. »Ich habe einen Schatz gefunden«, sagte er. »Das sehe ich. Ich hoffe natürlich, dass sich das auch für das Parnissat als eine gute Neuigkeit erweisen wird. Die Großzügig208
keit der Götter verdient, mit einem passenden Geschenk gewürdigt zu werden.« »Ich denke, ich habe ein solches Geschenk. Aber nur für Euch.« Er zeigte mit dem Kopf auf das Artefakt. »Das ist der Spiegel der Seelen.« Nomenis erschrockene Miene gefiel Crispin, und er setzte seine Erklärung fort. »Er ist mehr wert, als irgendjemand es sich hätte vorstellen können, Nomeni. Er ist ein Wunder; die größte der Schöpfungen der Alten.« Aus den Augenwinkeln heraus beobachtete er den alten Parnissa. »Er kann Menschen unsterblich machen und ihnen die Macht von Göttern schenken.« Bei diesen Worten trat ein hungriger Ausdruck in die Augen des alten Lehrers, und Crispin lächelte innerlich. Er wandte sich vollends zu Nomeni um. »Ich möchte ein Gott werden.« »Ich bin alt. Ich bin krank ... ich vermute, dass ich bald sterben werde. Wirst du auch mir Unsterblichkeit schenken?« Crispin nickte. »Deshalb habe ich Euch ja hierher gebeten. Ich möchte diese gewaltige Macht nicht mit jedem teilen. Götter brauchen schließlich auch Untertanen. Aber zwei Götter könnten sich die große weite Welt ohne weiteres teilen, meint Ihr nicht auch? Wir beide ... und die Ewigkeit.« Der Parnissa blickte zu Boden und sagte leise: »Ich habe Angst vor dem Tod. Für mich hat der Gedanke, zu sterben und wiedergeboren zu werden, nur wenig Tröstliches die Vorstellung, mich noch einmal durch eine hilflose Kindheit zu kämpfen, mich neu erschaffen zu müssen, mir meinen Weg zur Macht noch einmal erobern zu müssen. Ich bin bereits dort angekommen, wo ich sein möchte, und tue, was ich zu tun begehre.« Er sah Crispin an und fuhr fort: »Erklär mir, wie ich dir helfen kann.« »Ich möchte, dass Ihr bei Tagesanbruch einen heiligen Tag ausruft. Lasst die Glocken läuten, befehlt, dass alle Geschäfte für den Tag zu ruhen haben, und verlangt, dass die Menschen sich auf dem großen Platz versammeln, um Eure Gebete zu hören. Sagt, 209 Ihr hättet ...« Crispin zuckte die Achseln. »Ich weiß nicht. Sagt, Ihr hättet ein Omen gehabt oder Worte von den Göttern erhalten oder sonst etwas. Was immer Ihr wollt. Sorgt nur dafür, dass so viele Menschen wie möglich auf dem Platz erscheinen. Der Spiegel wird seine Magie aus ihrer Lebenskraft beziehen, um uns Unsterblichkeit und Macht zu schenken.« »Du stammst aus einer der großen Familien, Crispin. Die Sabirs könnten eine solche Versammlung ohne meine Hilfe einberufen.« »Die Sabirs könnten das tun«, pflichtete Crispin ihm bei, »aber ich allein könnte es nicht tun, nicht ohne die Zustimmung und den Segen des Paraglese. Er würde wissen wollen, warum ich mit diesem Wunsch an ihn herantrete, und er würde darauf bestehen, dass die ganze Familie in den Genuss dieses Schatzes kommt. Ich dagegen habe nicht den Wunsch, den meisten meiner Verwandten Unsterblichkeit zu bescheren. Wenn wir sofort handeln, dann brauchen wir unser Geheimnis weder mit Andrew und Anwyn teilen noch mit dem Paraglese, den Wölfen oder dem Rest des Parnissats. Wenn wir die Versammlung sofort einberufen, werden wir beide die Welt in unseren Händen halten.« »Ah.« Der alte Parnissa nickte. »Jetzt verstehe ich. Da komme ich ins Spiel. Ich kann eine Versammlung einberufen, ohne dass sonst jemand an der Sache beteiligt würde.« »Genau.« »Und was ist mit den Tausenden, die auf dem Platz zusammenkommen ... was wird aus ihnen?«
»Ihr Leben wird der Magie Nahrung geben.« »Werden sie sterben?« Crispin zuckte die Achseln. »Das weiß ich nicht. Vielleicht. Ist es wichtig?« Der Parnissa lächelte ihn an. »Ich habe dich unterrichtet. Ich habe dich nach meinem eigenen Bild geprägt. Du bist der Mann, den ich geschaffen habe. Warum hältst du es überhaupt für nötig, so eine Frage zu stellen?« Crispin erwiderte sein Lächeln. »Ihr habt gefragt, was aus ich210 nen werden würde, obwohl ich mir nicht vorstellen konnte, dass Ihr Euch früher solche Gedanken gemacht hättet. Ich habe mich schon gefragt, ob Ihr vielleicht im Alter weich geworden wäret.« Nomeni warf den Kopf in den Nacken und brach in schallendes Gelächter aus. »Alte Vögel werden mit der Zeit nur umso zäher niemals weicher. Dann lass uns gehen. Wir beide werden uns mit deinen Dienern und dem Spiegel der Seelen aus diesem Haus schleichen wie die Diebe in der Geschichte von Joshan und den fünf Winden. Bei Tagesanbruch werden die Schafe beten. Und wir beide, wir werden auf Raubzug gehen.«
Kapitel 24 'Der Ruf verbreitete sich vom Turm der zentralen Parnisserie in Calimekka aus zu den Hunderten äußerer Türme überall in der großen Stadt: »Kaeebbout!« Kommt zum Gebet. Die Rufe hallten überall in der Stadt wider, und die Männer, die ihre Waren über die groben Pflaster der Nebenstraßen transportierten, trieben ihre Esel oder Ochsen zur Eile an, weil sie hofften, ihre Habe vor Sonnenaufgang wieder im Lagerhaus zu haben. Frauen, die auf den Märkten Verkaufsstände aufgestellt hatten, seufzten und packten ihre Waren wieder zusammen, und die Diener in den großen Häusern stöhnten und erhoben sich aus ihren harten Betten, um die feinen Seiden und Leinengewänder zurechtzulegen, die ihre Paraten und Paratas in der nächsten Stunde benötigen würden. Die Stadt holte mit einem erwartungsvollen kleinen Ächzen Atem, und sie atmete nicht wieder aus. Die Luft selbst schien beim Gedanken an das Bevorstehende zu vibrieren. In der Dunkelheit vor Sonnenaufgang rissen die Rufe der Shevels die Menschen aus dem Schlaf und machten den Nachtarbeitern unerbittlich klar, dass es für sie kein warmes Bett bei Tagesanbruch geben würde. Wer noch Gelegenheit dazu hatte, nahm ein leichtes Mahl von den Speisen zu sich, die vor einem Tag des Betens und Fastens gestattet waren. Crispin stand auf dem Vorplatz der Großen Parnisserie, blickte auf die Stadt hinab, die zu seinen Füßen lag, und spürte, wie sein Herz raste und sein Blut durch seine Adern sprudelte, wie Hochwasser, das einen Fluss über die Ufer treten lässt. Bald jetzt... so bald ... 212 Was trägt ein Gott zu seiner Amtseinführung, überlegte Crispin. Er erwog kurz das grünseidene Gewand, entschied sich dann aber für ein Tuch aus Gold und seine kostbarsten Smaragde. Sein kostbarstes Schwert. Den Fingus-Kopfschmuck mit dem goldenen, mit Smaragden besetzten Hut und den beiden Hahnenfedern links und rechts. Und er zog seine bequemen Paradestiefel an. Kein Gott sollte Blasen an den Füßen dulden müssen. Der Spiegel der Seelen stand bereits auf seinem Platz direkt vor dem Hauptaltar in der zentralen Parnisserie. Crispin stand dahinter und lächelte auf die Männer, die Frauen und die Kinder hinab, die langsam den Platz füllten. Sie waren sein Fleisch. Sein Brennstoff, sie alle. Er konnte bereits fühlen, wie die Energie ihrer erbärmlichen kleinen Existenzen durch sein Blut strömte. Die Sonne erhob sich über den Horizont und machte sich kaum bemerkbar, bevor sie hinter den geschwollenen Leibern der Regenwolken verschwand, die den Himmel bedeckten. Die Glocken begannen, den ganz für sich allein stehenden Altton der Soma zu läuten, und im gleichen Augenblick klatschten die ersten dicken Regentropfen auf das Pflaster, und das leise Rumoren des Donners rollte durch die zerklüfteten Hügel auf die Stadt zu. Crispin beobachtete, wie Hunderte schwerer Papierregenschirme Wüstenblumen gleich erblühten, und lächelte vor sich hin. Um wie vieles geringer würde die Zahl der Menschen sein, die wieder nach Hause gingen, verglichen mit der Zahl jener, die heute zum heiligen Platz geeilt waren? Wie viele von ihnen würde er aussaugen, um sich neu zu erschaffen, um ein Gott zu werden? Nomeni nahm seinen Platz auf den Stufen vor dem Spiegel der Seelen ein und führte die Schafe in den ersten der Gebetstänze, wobei er sich langsam auf einem Fuß umdrehte und sich so weit vorbeugte,
dass seine Hände über die steinernen Stufen schleiften. Er war noch immer ein gelenkiger Bastard, dachte Crispin. Alt, gewiss, und vielleicht wirklich dem Tode nahe Crispin hatte seit Monaten schon diesbezügliche Gerüchte gehört , aber er war immer noch im Spiel. 213 Während er ihn beobachtete, bedauerte Crispin beinahe die Lüge, die er dem alten Parnissa aufgetischt hatte, um seine Hilfe zu gewinnen. Nomeni würde ihm nicht auf den Thron der Götter folgen. Niemand würde ihm dorthin folgen. Crispin war nicht daran gelegen, seine Macht mit irgendjemandem zu teilen, daher würde er allein die Hände in den See aus Licht legen, der im Herzen des Spiegels wogte den See aus Licht, der, wie sein Drache ihm erzählt hatte, der Schlüssel zur Unsterblichkeit war. Nur ihm würde die Energie zufließen, wenn der Spiegel aus den versammelten Tausendschaften Leben und Magie bezog. Nur er würde Unsterblichkeit gewinnen. Der alte Mann beendete seinen Gebetstanz, und Crispin trat hinter dem Spiegel hervor und ging die Stufen hinunter. Dort ließ er sich vor Nomeni auf die Knie nieder, allem Anschein nach ganz der hingebungsvolle Sohn des Iberismus, den zu verkörpern er ausgebildet worden war. »Erhebe dich«, befahl ihm der alte Mann. Crispin küsste den Saum von Nomenis Robe schlichte, fromme schwarze Seide heute Morgen, neben der sein eigenes Gewand aus Gold, Smaragden und Federn wie die billige Aufmachung einer Konkubine wirkte. Einen Augenblick lang kam er sich sehr töricht vor, als hätte er in dem alten Mann die wahre Definition von Macht und Würde erblickt. Aber als er sich erhob, ließ er nur ein warmes Lächeln auf seinem Gesicht und in seinen Augen sehen, er flüsterte: »Seid ihr bereit, alter Freund, mir auf den Thron der Götter zu folgen?« »Warte«, flüsterte Nomeni. »Der Platz ist noch nicht so voll, wie er es sein könnte. Ich werde den Schafen sagen, warum sie hier sind bis dahin müsste das Gedränge dort unten kaum noch erträglich sein.« Crispin nickte und entspannte sich langsam. Er stieg wieder auf das Podest und trat mit herabhängenden Armen hinter den Spiegel der Seelen. Der Parnissa nahm seinen Platz direkt vor dem Spiegel ein, wie Crispin es ihm gesagt hatte. 214
Der Parnissa hob die Arme und sprach mit einer Stimme, die bis in den hintersten Winkel des Platzes drang. »Iberer, Calimekkaner, Söhne und Töchter des Iberismus, hört nun die Worte der Götter, wie sie zu mir gesprochen wurden. Vor euren Augen verdunkelt sich der Himmel, und die Götter, die Matrin in ihrer Hand halten, zerdrücken die Wolken in ihren Fäusten und pressen Blitz und Donner heraus. Sie