Der Liebesbrief
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Der Liebesbrief Schriftkultur und Medienwechsel vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart
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Der Liebesbrief
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Der Liebesbrief Schriftkultur und Medienwechsel vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart
Herausgegeben von
Renate Stauf Annette Simonis Jörg Paulus
Walter de Gruyter · Berlin · New York
앝 Gedruckt auf säurefreiem Papier, 앪 das die US-ANSI-Norm über Haltbarkeit erfüllt.
ISBN 978-3-11-020040-9 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. 쑔 Copyright 2008 by Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, D-10785 Berlin. Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Printed in Germany Einbandgestaltung: Christopher Schneider, Berlin Einbandabbildung: auf der Grundlage des Gemäldes „Portrait der Mademoiselle Lavergne“ von Jean-Etienne Liotard (1702−1789), Amsterdam, Rijksmuseum, Bearbeitung: Atelier Frank, Berlin Druck und buchbinderische Verarbeitung: Hubert & Co. GmbH & Co. KG, Göttingen
Inhalt Renate Stauf, Annette Simonis, Jörg Paulus Liebesbriefkultur als Phänomen ........................................................................ 1
I. Wunschbild Irmela von der Lühe „Mein lieber Herr Lessing“ – Eva König und G. E. Lessing ..................... 23 Jörg Paulus „Simultanliebe“ in „Schäfersekunden“. Liebesbriefkultur im Jean-Paul-Kreis ............................................................................................. 35 Conrad Wiedemann Die Liebesbriefe Friedrich Wilhelms II. von Preußen an Wilhelmine Enke .......................................................................................... 61 Cord-Friedrich Berghahn Das Schreiben der Liebe. Wilhelm von Humboldt an Caroline von Dacheröden ........................................................................... 81 Barbara Potthast Liebe als Revolutionssurrogat – Zum Briefwechsel zwischen Therese von Bacheracht und Karl Gutzkow 1848/49............................... 107 Roman Lach „Die todeselenden englischen Gedichte“. Romantische Krisen in Otto von Bismarcks und Johanna von Puttkamers Briefwechsel der Brautzeit.............................................................................. 129 Konrad Stock „Polyphonie des ganzen Lebens“. Dietrich Bonhoeffer und Maria von Wedemeyer in ihren Briefen ............................................... 151
Inhalt
II. Inszenierungen Sebastian Neumeister Selbststilisierung zwischen Leben und Werk: Liebesbriefe von Gabriele d’Annunzio ............................................................................... 165 Erich Unglaub Liebesbriefe in fremder Sprache. Rainer Maria Rilkes Briefe an Adelmina Romanelli ................................................................................... 181 Eva-Tabea Meineke Verschriftlichung der Gefühle im Zeitalter der Psychoanalyse: die Amour fou im Briefwechsel von Dino Campana und Sibilla Aleramo.......................................................................................... 205 Wolfgang Braungart, Christian Oestersandfort, Franziska Walter, Jan Andres Platonisierende Eroskonzeption und Homoerotik in Briefen und Gedichten des George-Kreises (Maximilian Kronberger, Friedrich Gundolf, Max Kommerell, Ernst Glöckner) ............................ 223
III. Transformationen Franz Meier Die Verschriftlichung des Gefühls im englischen Briefroman des 18. Jahrhunderts: Richardsons Pamela.................................................... 273 Annett Volmer Der Umweg zu sich selbst. Diderots Briefe an Sophie Volland............... 293 Linda Simonis Der verirrte Brief. Zur Überkreuzung von Liebeskommunikation und Politik in Rossinis Oper Tancredi............................................................ 309 Andrea Hübener Epistolarische Pflanzschule der Liebes- und Gartenkunst. Hermann und Lucie von Pückler-Muskau....................................... 329 Friederike Fellner (Nicht-)Eingehängtsein – Franz Kafkas Zeichnung seiner Verbindung zu Felice Bauer................................................................ 353
Inhalt
Bettina Wahrig „Die Liebe ist im Grunde ein Schmerz, ein Wort oder ein Brief“. Julia Kristevas Geschichte der Liebe......................................... 379 Renate Stauf „Erklär mir, Liebe“. Kunst des Liebens und Liebessprache im Briefwechsel Ingeborg Bachmanns mit Hans Werner Henze ............ 401 Annette Simonis Liebesbrief-Kommunikation in der Gegenwart zwischen alt und neu: Schrifttradition, SMS, MMS und Internet............................... 425 Personenregister ............................................................................................... 449
Renate Stauf, Annette Simonis, Jörg Paulus
Liebesbriefkultur als Phänomen I Liebeskorrespondenzen nehmen nicht nur im Leben von Individuen einen wichtigen Platz ein, sie haben auch im Kultursystem eine weitreichende überindividuelle Bedeutung. Der Liebesbrief gibt Auskunft über die Verfasstheit des Individuums, das Verhältnis der Geschlechter, den Ort von Intimität, die Mitspracherechte von Familie und Gesellschaft, das Zusammenspiel von Affekten und Regeln. Jeder einzelne Liebesbrief steht im Modus einer vielfachen Bezugnahme, wobei in den allermeisten Fällen ein bereits gegebenes oder ein gesuchtes Verhältnis zu dem Adressaten oder der Adressatin des Briefes den Grundbezug herstellt, der in sehr unterschiedlichem Maße von den oben genannten Faktoren modelliert wird. Gleiches gilt aber auch für die Gegenseite der Korrespondenz. Damit ergibt sich zumindest in jenen Fällen, in denen aus einem Werbungsschreiben eine Korrespondenz hervorgeht, sehr schnell ein komplexes System der Beziehungen. Dies hat zur Folge, dass die Auskünfte, die sich aus einer systematischen Analyse von Liebesbriefen ergeben, mehrdeutig erscheinen. Schon in intimen Korrespondenzen des 18. Jahrhunderts ist die Briefsprache nicht so unmittelbar, wie es das zu dieser Zeit neu formulierte Ideal der Authentizität und die Idee eines unbestechlichen Ausdrucks des Empfindens vorgeben. Beteuerungen der Gefühlsaufrichtigkeit können sehr unterschiedlich auftreten. Sie können galant zurückgespiegelt, rhetorisch umschrieben und ironisch gebrochen, an Instanzen delegiert oder strategisch verschleiert werden. Es gibt Briefwechsel, in denen das Wunschbild der Unmittelbarkeit geradezu emphatisch beschworen und die neue „Sprache des Herzens“ gegen den „herzlosen“ Takt der Briefbeförderung ausgespielt wird: „Mein Herz hätte Ihnen noch vieles zu sagen, wenn die Post nur warten wollte […]“ (Meta Moller an Klopstock, 6.8.1751). Mit „brennenden Farben“ glaubt man ein Bild seiner Liebe malen zu können, wenn man nur seiner „Empfindung das Reden erlauben“ wollte (Carl Friedrich Gauß an Johanna Osthof, 12.7.1804). In räumlicher Trennung von der oder dem Geliebten können geschriebene
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Küsse, erotisch stimulierende Briefbeilagen oder das Schreiben vor dem Bild des Anderen die Anwesenheit des abwesenden Körpers simulieren und die Unmittelbarkeit des Fühlens und Sprechens vorgeben: „Liebes Weibchen ich habe eine menge Bitten an dich; – | 1mo bitte ich dich, daß du nicht traurig bist; 2do daß du auf deine Gesundheit achtest und der frühlingsluft nicht trauest. | 3tio daß du nicht alleine zu fuße – am liebsten aber – gar nicht zu fuße ausgehest | 4to daß du meiner Liebe ganz versichert seyn sollst; – keinen Brief habe ich dir noch geschrieben, wo ich nicht dein liebes Portrait vor meiner gestellt hätte […] ich küsse und drücke dich 1095060437082 mal (hier kannst du dich im aus-sprechen üben) und bin ewig | Dein treuester Gatte und freund | W. A. Mozart […]“ (W.A. Mozart an Constanze Mozart, 16.4.1789) In anderen Korrespondenzen dieser Zeit tritt hingegen solchem Bedürfnis nach sprachlicher Beglaubigung der Gefühle ein Bewusstsein vom Inszenierungscharakter der Sprache an die Seite, sogar dort, wo man glaubt, der Unhintergehbarkeit der Sprache durch die Berufung auf die platonische Idee des Seelengesprächs noch einmal entkommen zu können: „Du sagst, daß du nicht ausdrücken könntest, was Du für mich fühltest, auch mir ist die Sprache zu arm, und es sollte mir leid seyn wenn sie das nicht wäre es wäre ein Zeichen daß viele Leute so sehr geliebt hätten als wir. Und was liegt daran? Hole der Henker alle Sprachen wir verstehen uns doch.“ (Johann Anton Leisewitz an Sophie Seyler, 24. 10. 1777) Doch derartige Verwerfungen der Sprache sind eher selten. Häufiger führt der sprachskeptische Umgang mit der Liebessprache – und auch dafür gibt es frühe Beispiele – zu psychologisch feinsinnigen Selbstentwürfen und Zuschreibungen, die durch scheinbar widersprüchliche Figuren dem Gesagten umso größeres Gewicht verleihen: „[…] wenn ich Dich gleich verlasse, so thu ich es doch ganz anders, wie Du vorgiebst Dir einzubilden, und ich habe niemals so fest und unauflöslich an Dir gehangen […] ich habe es nie allmächtiger empfunden.“ (Caroline Schlegel an Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, vermutlich März 1801) Je näher man an die Gegenwart heranrückt, desto öfter begegnet man solchen komplexen Reflexionsfiguren und desto vielfältiger gestalten sich die medialen Ausdrucksformen der Liebeskommunikation. Aufschluss über ihren Zusammenhang und ihre Entwicklung könnte eine Geschichte des Liebesbriefs geben, in der Liebeskorrespondenz zum ersten Mal als ein Phänomen sui generis betrachtet wird. Eine solche Kulturgeschichte des Liebesbriefs, zu der dieser Band im Kontext der Arbeiten an dem gleichnamigen Braunschweiger Forschungsprojekt eine wissenschaftliche Basis liefern möchte, hätte nicht nur Liebesbriefe als kulturanthropologische Zeugnisse und als besondere ästhetische Kommunikationsformen zugleich zu betrachten. Sie hätte auch zu erforschen, in welchem Verhältnis die
Liebesbriefkultur als Phänomen
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intime Briefkultur zu den entstehenden neuen Formen medialer Liebeskorrespondenz steht und in welcher Weise sich alte und neue Briefkultur gegenseitig beeinflussen und befruchten. Dabei wäre stets danach zu fragen, welche Bedeutung die Menschen, von denen in diesen Korrespondenzen die Rede ist, dem Liebesbrief und ihrer Liebessprache zugewiesen haben und zuweisen. Neu zu bestimmen wäre ferner das Verhältnis zwischen literarischen bzw. künstlerischen Vorbildern/Mustern der Liebeskommunikation („Lieben nach Texten“) und eigenschöpferischem bzw. selbstorganisatorischem Potential. Zwar wurde der Liebesbrief bisher im Zusammenhang unterschiedlicher Forschungsinteressen durchaus berücksichtigt, dabei aber stets unter Aspekten thematisiert, die nicht seiner Relevanz als eigenständigem Phänomen der Kulturgeschichte gelten. So gibt es auf der einen Seite Untersuchungen zur strukturellen Lektüre von Liebeskorrespondenzen1 sowie Arbeiten zum linguistischen Aspekt von Liebeskommunikation.2 Auf der anderen Seite haben Studien, die historische Zusammenhänge berücksichtigen,3 häufig eine Tendenz zum Anthologischen bzw. sie neigen dazu, den Liebesbrief unter bekannte Epochenschemata zu subsumieren, namentlich dann, wenn der Schwerpunkt des Erkenntnisinteresses auf der literarisch gestalteten Liebeskommunikation liegt.4 Eine relative historische 1
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Vgl. Bernard Bray: Treize propos sur la lettre d’amour. Textuel 24, 1992, S. 9–10; Philippe Brenot: De la lettre d’amour, Paris 2000; Bernd Kiefer: Wiederlesen – Wiederholen – Wiederholen. Fragmente über Liebesbriefe, in: Die Wiederholung, hg. von Jürgen Felix, Bernd Kiefer, Marburg 2001. Besonders aufschlussreich sind dabei die Arbeiten der Züricher Germanistin Eva Lia Wyss zum Liebesbrief, vgl. z.B. dies.: Fragmente einer Sprachgeschichte des Liebesbriefs. Texte im Spannungsfeld von Sprachgeschichte, Geschichte der Kommunikation und Mediengeschichte, in: Briefkultur des 20. Jahrhunderts, hg. von Ulrich Schmitz und Eva Lia Wyss, Duisburg 2002, S. 57–92 sowie das von Wyss organisierte internationale Symposium zum Liebesdiskurs „Intimität Medien Kommunikation“ vom 20.–22. März 2003 in Frankfurt. Wichtig sind in diesem Zusammenhang auch weitere sprachwissenschaftliche Arbeiten, die sich an allgemeineren Fragestellungen zur Struktur und Funktion von schriftlicher Kommunikation orientieren: Vgl. Karl Ermert: Briefsorten. Untersuchungen zu Theorie und Empirie der Textklassifikation, Tübingen 1979; Ulla Günther, Eva Lia Wyss: E-mailBriefe – eine neue Textsorte zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit, in: Textstrukturen im Medienwandel, hg. von W. Hess-Lüttich, W. B. Ernest, U. Plüschel, Frankfurt/Main 1996, S. 61–86; Ernest W. B., W. H. Hess-Lüttich: E-Epistolographie: Briefkultur im Medienwandel, in: Kultur – Medien – Macht. Cultural Studies und Medienanalyse, hg. von Andreas Hepp, Rainer Winter, Opladen 1997, S. 225–246. Vgl. z.B. Eva Lia Wyss: „Dû bist mîn, ich bin dîn.“ Deutschsprachige Liebesbriefe vom Mittelalter bis in die Gegenwart, in: liebe.komm. Botschaften des Herzens, hg. von Benedikt Burkard, Frankfurt/Main 2003, S. 64–81; Constanze Voland: … scheuen das Licht der Öffentlichkeit. Eine kurze Geschichte des Liebesbriefs, in: kommunikation@gesellschaft 2 (2001), Beitrag 4. Vgl. Katherine Ann Jensen: Writing Love. Letters, Women, and the Novel in France, 1605–1776, Carbondale, Edwardsville 1995; Simon Richter: The ins and outs of intimacy.
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Renate Stauf, Annette Simonis, Jörg Paulus
Autonomie von realen Korrespondenzen setzt hingegen Karl Heinz Bohrer in seiner einflussreichen Studie „Der romantische Brief“ voraus, grenzt dabei aber den Kreis der für eine spezifische (hier „romantisch“ genannte) Briefkultur repräsentativen Positionen auf herausragende Individuen einer epistolären Avantgarde „ästhetischer Subjektivität“ ein.5 Breiter als zur Liebesbriefkultur generell ist der Forschungsstand zum Liebesbrief in spezifischen Zusammenhängen, zum Beispiel in Hinblick auf bestimmte Epochen,6 Regionen7 und Individuen.8 Die entscheidenden Stichworte und fruchtbaren Anregungen in den Einzeluntersuchungen zur Liebesbriefkultur stammen dabei aus sehr unterschiedlichen wissenschaftlichen Zusammenhängen – u.a. aus solchen der Sozial-, Geschichts-, Sprach-, Kunst-, Kultur- und Medienwissenschaften –, selbst wenn Liebesbriefe dort nur im Zusammenhang fachspezifischer Fragen auftauchen. Sie reichen von Studien zu Formen der Liebessprache9 über kulturhistorische Arbeiten10 bis hin zu Einsichten in die Dynamik von Gefühlsdisposi-
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Gender, Epistolarity Culture, and the public Sphere, in: German Quarterly 69 (1996), S. 111–124; Ulrike Vedder: Geschickte Liebe. Zur Mediengeschichte des Liebesdiskurses im Briefroman „Les liaisons dangereuses“ und in der Gegenwartsliteratur, Köln 2002; Niels Werber: Liebe als Roman. Zur Koevolution intimer und literarischer Kommunikation, München 2003. Karl Heinz Bohrer: Der romantische Brief. Die Entstehung ästhetischer Subjektivität, München, Wien 1987. Vgl. z.B. Bruce Redford: The Converse of the Pen. Acts of Intimay in the Eigteenth-Century Familiar Letter, Chicago, London 1986. Elke Clauss: Liebeskunst. Untersuchungen zum Liebesbrief im 18. Jahrhundert, Stuttgart, Weimar 1993. Vgl. Bonnie S. McDougall: Love-Letters and Privacy in Modern China, Oxford, New York 2002. Laura M. Ahearn: True Traces. Love Letters and Social Transformation in Nepal, in: Letter Writing as a Social Practice, hg. von David Barton, Nigel Hall, Amsterdam, Philadelphia 1999, S. 199–208. Vgl. Rhetorical constants in the love letters of John Keats to Fanny Brawne, Washington 1982; Sheila Ottway: Dorothy Osborne’s Love Letters: Novelistic Glimmerings and the Ovidian Self, in: Prose Studies 19.2 (1996), S. 149-159; Bettina Marxer: „Liebesbriefe und was nun einmal so genannt wird“. Korrespondenzen zwischen Arthur Schnitzler, Olga Waissnix und Marie Reinhard. Eine literatur- und kulturwissenschaftliche Studie, Würzburg 2001; Yoji Ito: Apollinaire et la lettre d’amour, Paris 2005. Vgl. Ernst Leisi: Paar und Sprache, Heidelberg 1978. Vgl. Lawrence Stone: The Family, Sex and Marriage in England 1500–1800, London 1977; Catherine Belsey: Desire. Lovestories in Western Culture, Oxford 1994; Claudia Benthien, Anne Fleig, Ingrid Kasten (Hg.): Emotionalität, Köln 2000. Im Hinblick auf einzelne Epochen der deutschen Literaturgeschichte vgl. u. a. Nikolaus Wegmann: Diskurse der Empfindsamkeit. Zur Geschichte eines Gefühls in der Literatur des 18.Jahrhunderts, Stuttgart 1988; Matthias Luserke: Die Bändigung der wilden Seele. Literatur und Leidenschaft in der Aufklärung, Stuttgart 1999; Paul Kluckhohn: Die Auffassung der Liebe in der Literatur des 18. Jahrhunderts und in der deutschen Romantik, Halle/Saale, 2. Aufl. 1931.
Liebesbriefkultur als Phänomen
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tionen in verschiedenen künstlerischen Medien (bildende Kunst, Musik, Literatur, Theater, Film etc.)11. Vor allem jene interdisziplinären und transmedialen Ansätze, die Gefühlskulturen in einem weiteren Netzwerk anthropologischer, medizinischer, moralischer und soziologischer Diskurse verorten, können für eine Erforschung von Liebeskommunikation herangezogen werden. So bleibt für Roland Barthes zwischen dem Akt des Liebens und den Akten des Schreibens bzw. Beschreibens der Liebe eine grundsätzliche und produktive Differenz bestehen, die auch die Geschlechterrollen zu Variablen des Schriftsystems werden lässt.12 Für Jacques Lacan wurde der Brief zum Medium eines absoluten Signifikanten, zum Element jener symbolischen Ordnung, in der sich das Subjekt nur noch als Teil eines Differenzprozesses artikulieren kann.13 Niklas Luhmann hingegen beschreibt Liebe als ein symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium. Für ihn stellt das intime Verhältnis zweier Personen den besonderen Fall eines sozialen Systems dar, das eines spezifischen Codes bedarf, mit dessen Hilfe es sich reproduziert.14 Günter Dux widmet sich in seiner skeptischen Analyse der Liebe der Frage, wie nach dem Ende der romantischen Liebe das Lieben in der so genannten nachmetaphysischen Gesellschaft begriffen werden kann.15 Für die gegenwärtige literatur- und kulturwissenschaftliche Diskussion ist ferner Albrecht Koschorkes Gedanke einer epochalen Substitution des Körpers durch Schrift wegweisend.16 Auch die feministische Literaturwissenschaft und die Gender-Forschung haben das Thema um we11
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Vgl. z.B. Günter Saße: Die Ordnung der Gefühle. Das Drama der Liebesheirat im 18. Jahrhundert, Darmstadt 1996; Jutta Schlick: Literarische Authentizität. Prinzip und Geschichte, Tübingen 2002; Ute Jung-Kaiser (Hg.): Intime Textkörper. Der Liebesbrief in den Künsten, Bern 2004. Vgl. Roland Barthes: Fragments d’un discours amoureux, Paris 1977 (dt.: Fragmente einer Sprache der Liebe. Übersetzt von Hans-Horst Henschen, Frankfurt/Main 1984). Vgl. Jacques Lacan: Schriften I, Olten, Freiburg 1973, S. 45 (Seminar über E. A. Poes „Der entwendete Brief“). Vgl. Niklas Luhmann: Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität, Frankfurt/Main 1982; hiervon wurden zahlreiche weitere Studien angeregt, vgl. z.B. den von Walter Hinderer herausgegebenen Band „Codierungen von Liebe in der Kunstperiode“, Würzburg 1997; Hartmann Tyrell: Romantische Liebe – Überlegungen zur ihrer „quantitativen Bestimmtheit“, in: Theorie als Passion, Niklas Luhmann zum 60. Geburtstag, Frankfurt/Main 1987. Vgl. Günter Dux: Geschlecht und Gesellschaft. Warum wir lieben. Die romantische Liebe nach dem Verlust der Welt, Frankfurt/Main 1994. Als signifikante Dokumente sozialer Konstellationen werden Liebesbriefe auch von Pierre Bourdieu betrachtet, dessen Idee, Liebeskommunikation im Rahmen einer Theorie der sozialen Felder zu untersuchen, zwar unausgeführt blieb, für die Erforschung der Liebesbriefkultur aber einen interessanten Ansatz darstellt (vgl. den Beitrag von Jörg Paulus im vorliegenden Band, Fußnote 17). Vgl. Albrecht Koschorke: Körperströme und Schriftverkehr. Mediologie des 18. Jahrhunderts, München, 2. Aufl. 2003.
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sentliche Erkenntnisse bereichert. Ihnen verdanken wir nicht nur bahnbrechende Erkenntnisse über Konzepte imaginierter Weiblichkeit und zur kulturellen Konstruktion des weiblichen und männlichen Körpers, sondern überhaupt eine neue Wahrnehmung der symbolischen Ordnung.17 Eine der Konsequenzen daraus ist, dass Briefwechsel im Allgemeinen und Liebesbriefwechsel im Besonderen als integrale Interaktion der Geschlechter betrachtet werden müssen und nicht – wie häufig durch die Editionslage nahegelegt – auf den männlichen Part reduziert werden dürfen.
II Die Beiträge des vorliegenden Bandes knüpfen an diese Ansätze auf vielfache Weise an. Sie verfolgen von unterschiedlichen Ausgangspunkten aus die Spuren brieflicher Liebeskommunikation vom 18. Jahrhundert bis hin zu den medialen Umstellungen und Codewechseln im digitalen Zeitalter. Hervorgegangen sind sie aus einer Braunschweiger interdisziplinären Tagung im Herbst 2006 zum Thema Liebesbriefe aus drei Jahrhunderten. Schriftkultur und Medienwechsel, an der Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen – Germanistik, Anglistik, Romanistik, Komparatistik, Theologie und Wissenschaftsgeschichte – teilgenommen haben. Dabei wurden Grundfigurationen des Forschungsfeldes Liebesbriefkultur erstmals deutlich gemacht: Als ästhetische Kommunikationsformen betrachtet, stehen Liebesbriefe unter den spezifischen Ordnungsregeln von Sprache und Schrift. Dabei wirken normative und performative Faktoren zusammen (Brieflehren, Briefsteller, Sprachregelungen, Sprachzweifel, sprachliche Tabus). Als kulturanthropologische Zeugnisse sind Liebesbriefe Dokumente eines noch nicht reglementierten Zusammenspiels von Affekten. Das Anarchische der Gefühle sollte indes nicht als etwas der Schrift Vorgängiges aufgefasst werden. Die Sphäre des Empfindens und Fühlens ist immer schon auf die Sphäre des Sprechens und Denkens zu beziehen und diese wiederum auf die Sphäre des Wollens und Entscheidens.18 Hatte die Forschung sich bisher auf die Frage konzentriert, welche gesellschaftlichen Codierungen von Liebe in Liebesbriefen aufgenommen werden, so treten nun neue Perspektiven in den Blick. Es zeigt sich, dass wir noch 17
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Vgl. Silvia Bovenschen: Die imaginierte Weiblichkeit. Exemplarische Untersuchungen zu kulturgeschichtlichen und literarischen Präsentationsformen des Weiblichen, Frankfurt/Main 1979; Barbara Becker-Cantarino: Der lange Weg zur Mündigkeit. Frau und Literatur (1500–1800), Stuttgart 1987; Judith Butler: Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt/Main 1991. Vgl. Kirsten Huxel: Ontologie des seelischen Lebens, Tübingen 2005.
Liebesbriefkultur als Phänomen
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wenig darüber wissen, ob und inwiefern Liebesbriefe von sich aus die gesellschaftliche Auffassung von Liebe und die Ordnung der Gefühle mitprägen. Kann das Liebesgespräch in Briefen nicht auch soziale Muster einüben oder bestätigen? Trägt es nicht auch aktiv zum Wandel privater und öffentlicher Kommunikationsformen bei? Ist es nicht vielleicht sogar das bevorzugte Medium, in dem solche überindividuellen Vorgaben auf provokante Weise außer Kraft gesetzt und die gesellschaftlichen Codierungen von Liebe vorangetrieben werden? Die Dynamik obsessiver Selbsterkundung und die epistoläre Projektionslust der Schreibenden in den untersuchten Briefwechseln deuten jedenfalls darauf hin, dass in vielen Fällen die Liebe aus dem Schreibprozess überhaupt erst hervorgeht. So kann Intimität bereits vor aller persönlichen Begegnung oder auf der Grundlage einer zuvor neutralen Bekanntschaft im Prozess des Korrespondierens entstehen, eine Liebesbeziehung erotisch stimuliert oder ihr Fortbestand simuliert werden, und es zeigt sich, dass Liebesbriefe einen neuen Blick auf die Aporien moderner Subjektivität erlauben: Das Individuum, das sich im Kräftefeld von Schriftregime und Gefühlsanarchie eines Liebesbriefwechsels entwirft, erscheint in einer variablen Gestalt, die sich mit dem in den avancierten Subjekttheorien der Philosophie entworfenen Menschenbild nicht vollständig zur Deckung bringen lässt,19 diese aber möglicherweise ergänzen kann.
III Der Tagungsband dokumentiert sowohl das Aufnehmen epochaler Subjektentwürfe wie auch deren oft überraschende Suspendierung. Manche der im Band untersuchten Liebesbriefe des 19. oder des 20. Jahrhunderts befinden sich liebesbriefhistorisch betrachtet sehr viel näher an der Liebessprache und an subjektiven Selbstbildern des 18. Jahrhunderts als an jenen des Realismus oder der Moderne; für andere gilt das Umgekehrte. Aus diesem Grund orientiert sich die Abfolge der Beiträge nicht ausschließlich an einer chronologischen Ordnung, sondern repräsentiert zugleich ein von der Chronologie unabhängiges Muster der systematischen Bezüge. Die drei Abteilungen kreisen spiralartig um historische Zentren; die von diesen Zentren ausgehenden Prä- oder Post-Figurationen der Liebeskorrespondenz lassen jedoch auch noch in großer zeitlicher Entfernung voneinander bemerkenswerte Bezüge untereinander erkennen, die eine Umgruppierung gerechtfertigt erscheinen lassen. 19
Vgl. z.B.: Peter Bürger: Das Verschwinden des Subjekts. Eine Geschichte der Subjektivität von Montaigne bis Barthes, Frankfurt/Main 1998.
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Im ersten Kapitel − Wunschbild − sind Beiträge versammelt, in denen die grundlegende Neukonstitution der Liebesbriefkultur im Verlauf des 18. Jahrhunderts sowie die Fortwirkung dieser Neukonstitution reflektiert werden. Von den vorausgegangenen Formen und Typen der hoch- und spätmittelalterlichen20 sowie vom höfisch-galanten Liebesdialog21 hebt sich die Liebesrede dieser Zeit deutlich, fast möchte man sagen kategorial ab. Mit dem Ideal der Unmittelbarkeit entsteht ein Wunschbild, dessen Spuren im ganzen 19. Jahrhundert und im Grunde bis in die Gegenwart hinein nachzuweisen sind. Auch im Kontext der Sozial-, Kultur- und Institutionengeschichte der Zeit sowie den publizistischen Medien des Zeitalters lässt sich dieses neue bürgerliche Liebesideal in vielfältigen Spiegelungen wiedererkennen. Es wird aber auch hier bereits zuweilen auf provokante Weise außer Kraft gesetzt. Ganz bewusst setzt der vorliegende Band mit einem solchen Moment der epistolaren Widerspenstigkeit ein. IRMELA VON DER LÜHE zeigt, dass das Briefgespräch zwischen Lessing und Eva König von der rhetorischen Liebesemphase weit entfernt ist, wie sie die Kultur der Empfindsamkeit ausgebildet hat und wie sie etwa in dem dafür berühmten Liebesbriefwechsel zwischen Klopstock und Meta Moller dokumentiert ist.22 Das überrascht umso mehr bei Lessing, der in seiner Dramentheorie und Dramenpraxis ja gerade die Empathie eines An- und Mitempfindens ins Zentrum gestellt hat. Der Briefstil von Lessing und Eva König ist geprägt von einer Alltags- und Lebensorientierung, von humorvollem Scharfsinn und dem Vergnügen am pointenreichen Argument. Es findet sich keine den Geschlechterrollen der Zeit entsprechende Unterwerfungsbereitschaft bei Eva König und auch keine beleh20
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Vgl. Dieter Schaller: Probleme der Überlieferung und Verfasserschaft lateinischer Liebesbriefe des hohen Mittelalters. Mittellateinisches Jahrbuch 3 (1966), S. 25–36; Jürgen SchulzGrobert: Deutsche Liebesbriefe in spätmittelalterlichen Handschriften. Untersuchungen zur Überlieferung einer anonymen Kleinform der Reimpaardichtung, Tübingen 1993. Vgl. Benjamin Neukirch: Anweisung zu deutschen Briefen, Leipzig 1709; Reinhard M. Nickisch: „Die allerneuste Art höflich und galant zu schreiben“: deutsche Briefsteller um 1700, von Christian Weise zu Benjamin Neukirch, in: Pathos, Klatsch und Ehrlichkeit: Liselotte von der Pfalz am Hofe des Sonnenkönigs, hg. von Klaus J. Mattheier und Paul Valentin, Tübingen 1990, S. 17–38; Horst A. Glaser: Liebesbriefe hochgestellter Persönlichkeiten, erfunden von Hoffmannswaldau unter Anlehnung an Ovid und Drayton, in: Annäherungsversuche: zur Geschichte und Ästhetik des Erotischen in der Literatur, hg. von Horst Albert Glaser, Bern 1993, S. 111–134; Conrad Wiedemann (Hg.): Der galante Stil. 1680–1730, Tübingen 1969; Eberhard Berent: Die Auffassung der Liebe bei Opitz und Weckherlin und ihre geschichtlichen Vorstufen, Paris 1970; George Bataille: Das theoretische Werk in Einzelbänden, hg. von Gerd Bergfleth, München 1993/94. Bd. 1: Die Tränen des Eros, 1993, Bd. 2: Die Erotik, 1994. Vgl. Joachim Jacob: „ … wäre ich Ihr Klopstock für seine Meta“ – Meta Moller und Friedrich Gottlieb Klopstock, Hamburg, 4. April 1751, in: Literarische Begegnungen, hg. von Georg Braungart, Friedemann Harzer, Hans Peter Neureuter, Getrud M. Rösch, Tübingen 2004, S. 29-41.
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renden Ermunterungen und gelehrten Unterweisungen bei Lessing. Vielmehr begegnen sich hier zwei ebenbürtige Partner, die die körperliche Abwesenheit des Anderen durch einen eigenwilligen Mitteilungs- und Selbsterkundungsstil zu kompensieren vermögen. JÖRG PAULUS benennt eine weitere Variante der Ausweitung und Überwindung des empfindsamen Liebesdiskurses: Im abgeschieden provinziellen Kreis um den jungen Jean Paul werden wie in einer Art Gefühlslaboratorium literarische Entwürfe ins Leben getragen. Der Wunsch nach einer unablässig in Briefen und Billetten zirkulierenden „Simultanliebe“ wird getragen vom Vertrauen in die briefstellerische Wirkungsmacht der Phantasie: Indem beim Briefschreiben die Gegenwart des Empfängers imaginativ aufgerufen wird, wird das Verfassen eines Briefes zum sinnlichen Akt. Mit dem Anwachsen von Jean Pauls literarischem Ruhm werden immer mehr auswärtige Korrespondenten in dieses eigenwillige Brief-Sozialsystem miteinbezogen. Es ergibt sich eine Art Schneeball-Effekt, der sich über die Auflösung der Jean Paul’schen Korrespondenzzirkel hinaus bis in die Briefkultur des 19. Jahrhunderts weiterverfolgen lässt. Es zeigt sich dabei, dass die Kriterien für die Bewertung des Scheiterns und Gelingens von Liebesbriefbeziehungen revisionsbedürftig sind, wenn man die Rahmenbedingungen nicht mehr psychologisch oder literarhistorisch sondern liebesbriefhistorisch festlegt. Das gilt mutatis mutandis auch für den Liebesbriefwechsel zwischen Friedrich Wilhelm II. von Preußen und Wilhelmine Enke, den CONRAD WIEDEMANN in seinem Beitrag untersucht. Auf überraschende Weise zeigen sich in diesen, größtenteils noch unedierten Briefen Formen der Liebessprache, die weder mit der höfischen Praxis des Mätressenwesens noch mit der einer bürgerlich-empfindsamen Kultur des Liebens in Übereinstimmung gebracht werden können. Vielmehr lassen sich ein Heraustreten aus Zeit und Raum, eine Spontaneität und Anarchie des Fühlens beobachten (zwanghaft, repetitiv, zufallsbestimmt), die laut Wiedemann als Rohmaterialien einer gelebten Liebessprache auf einen elementaren, vorliterarischen und nicht kalkulierten Kern der intimen Rede hinweisen: „die lust- und angstvolle Beschwörung einer gefährdeten Kontinuität, nämlich der irrationalen Glückserfahrung der physisch-geistigen Anziehung.“ Offensichtlich kann dem anscheinend naiven Authentizitätsverlangen in diesen Briefen auch nur ein dialektal eingefärbtes Privatidiom gerecht werden, das beide bewusst oder unbewusst zu ihrer Liebessprache erwählen. Neben der Authentizitätssuggestion zirkulieren in den Liebesbriefwechseln um 1800 weitere emphatische Annahmen, die mit den Personen der Liebenden oder der Liebessituation selbst verknüpft sind. Gemeint sind vor allem die Vorstellungen von Exklusivität, Einzigartigkeit und In-
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dividualität der beteiligten Partner sowie der Unnachahmlichkeit und Besonderheit ihres wechselseitigen Verhältnisses. So zeigt CORD-FRIEDRICH BERGHAHN, wie sich in der Liebeskorrespondenz Wilhelm von Humboldts die Konzeption vom „hohen Paar“ als Leitidee (im Bannkreis der Ästhetik des Erhabenen) herauskristallisiert, die Humboldt und seine Geliebte als einander affine und ebenbürtige Partner verbindet und den Verlauf des Briefwechsels auf ein latentes Ziel hin modelliert. Zugleich zeigt sich, dass dieses Konzept sich an der Realität auf vielfache Weise reibt und mit einer im Briefwechsel nicht thematisierbaren erotischen Freizügigkeit außerhalb der Paarbeziehung kompensiert werden muss. BARBARA POTTHAST liest den Briefwechsel zwischen Karl Gutzkow und seiner Geliebten, der Schriftstellerin Therese von Bacheracht, als Dokument der hochgespannten Erfahrung von Liebe zur Zeit der 1848erRevolution. In dieser Korrespondenz zeigt sich, wie im Zusammenhang mit den politischen Umwälzungen soziale Emotionalität und Geschlechterliebe programmatisch überblendet werden, was jedoch widersprüchliche Folgen hat: Durch das Amalgamieren von gesellschaftlichem und amourösem Pathos lässt sich gerade keine neue Qualität der Liebeskorrespondenz hervorbringen; briefstellerische Autonomie findet sich vielmehr just auf der gesellschaftlich und kulturell desperaten Position, nämlich derjenigen von Gutzkows hintergangener Ehefrau Amalie Gutzkow. Die Versuche einer nachträglichen politischen und literarischen Stilisierung der Liebesbeziehungen durch Gutzkow erscheinen dabei als unangemessen und vergröbernd gegenüber der unmittelbaren Affektdynamik, die in den Briefwechseln selbst zum Ausdruck kommt. Auch in den Liebesbriefen Otto von Bismarcks und Johanna von Puttkamers findet sich eine überraschend ungebändigte, wenig diplomatische Spannweite des Affektausdrucks. ROMAN LACH stößt bei seiner Lektüre dieser Briefe auf zahlreiche Bilder und Metaphern, die zum einen einer Überhöhung von Ich und Anderem geschuldet sind, zum anderen aber deutlich den Charakter einer inszenierten Identitätssuche und –krise aufweisen. Assoziative Verbindungen zu Naturbildern, literarische Reminiszenzen und Zitate stiften Bezugspunkte, die das empfindsame Ideal der Liebe als Seelengemeinschaft transportieren. Andere, vor allem literarisch motivierte Selbstaussagen und –zuschreibungen deuten darauf hin, dass sich die Harmonie der Seelen, jenes unausgesprochene Postulat des Bekenntnischarakters von Liebesbriefen, in der projektierten Realität der Briefe nur schwer einlösen lässt. Demgegenüber zeigt KONRAD STOCK am Briefwechsel zwischen dem inhaftierten Dietrich Bonhoeffer und seiner Braut Maria von Wedemeyer, dass Liebesbriefe in exponierten Lebenskonstellationen durchaus in der Lage sind, eine nicht lebbare Realität der Paarbeziehung zu ersetzen. Ge-
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rade dieser Briefwechsel ist ein Beleg dafür, dass metaphysische Gewissheiten und religiöse Orientierungen in der Moderne keineswegs so viel an Bedeutung eingebüßt haben wie dies die etablierten Modernetheorien gemeinhin behaupten. Das Beharren auf der metaphysischen Dimension der Liebe und die Orientierung an älteren Formen der Liebessprache gewinnen in der intimen Korrespondenz unter dem lebensgeschichtlichen Druck des nationalsozialistischen Terrors eine neue Glaubwürdigkeit.
IV Unterschiedliche Versuche, eine Briefkultur der Simulation zu etablieren, liegen den Beiträgen zu Grunde, die unter der Überschrift Inszenierungen versammelt sind. Die verstärkt in der Zeit um 1900 zu beobachtenden Versuche, die Rituale bürgerlicher Brief-Behaglichkeit zu überwinden, sind zunächst als Protest gegen die Ökonomisierung der Affekte zu verstehen, wie sie das 19. Jahrhundert hervorgebracht hatte. Inszenierungspraktiken der Politik oder Para-Politik (z.B. im George-Kreis und bei d’Annunzio), der Geschlechter (z.B. bei Dino Campana und Sibilla Aleramo und im George-Kreis) und der Künste (u.a. bei Rilke, d’Annunzio und George) bestimmen wesentlich den Charakter dieser Liebeskorrespondenzen; in Fremd- und Kunstsprachen werden neue Ausdrucksbereiche erschlossen, die Grenzen zwischen Mitteilung, Botschaft und Beilage verschwimmen, zugleich werden tradierte Liebesbeteuerungen sowie Abschieds- und Trennungsformeln zu immer wieder neu ausgeleuchteten Devotionalien des Authentizitätswunsches. Die Bedeutung der obsessiven Selbsterkundung, die oft als Signatur der Jahrhundertwendekultur gedeutet wird, muss jedoch zugleich, so zeigen die Beiträge, für die Liebesbriefkultur der Zeit um 1900 relativiert werden. So wenig wie die vorausgehenden Briefe Sigmund Freuds an seine Braut Martha Bernays sind die in diesem Band behandelten Liebesbriefe durchgängig Zeugnisse reiner oder gar systematischer Introspektion. Zumindest enthalten die Korrespondenzen immer wieder Gegenstimmen (oder es lassen sich solche erschließen), die das sich selbst figurierende Subjekt in die Wirklichkeit zurückrufen und an die sich die Hypothese knüpfen ließe, dass gerade auf dem Feld der Liebesbriefkultur Alternativen zu den Aporien ästhetizistischer Weltentwürfe verhandelt werden. SEBASTIAN NEUMEISTER zeichnet in seinem Beitrag Gabriele d’Annunzios Gratwanderung zwischen seinen eigenen Liebeserfahrungen und der stets unterschwellig vorhandenen Fiktionalisierungstendenz nach. Indem der Dichter Zitate aus seinen Liebesbriefen in seine Romane integriert, transportiert er reale Liebesbeziehungen ins Medium des Ästheti-
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schen. D’Annunzio poetisiert auf diese Weise nicht nur sein Leben, sondern demonstriert zugleich, wie prekär für ihn der Glaube an die Authentizität des Ausdrucks geworden ist und wie unzuverlässig ‚Schrift‘ im Zeichen ihrer ästhetischen Verklärung den spontanen Gefühlsausdruck zu vermitteln vermag. Die Grenze zwischen Leben und Kunst soll ebenso aufgehoben werden wie die zwischen dem Ich und dem Anderen. Welch deutlicher Akzente es auf der anderen Seite bedurfte, um in der ästhetizistisch abgedichteten Welt vernommen zu werden, wird in den Aktionen einer seiner Geliebten, der Schauspielerin Eleonore Duse, deutlich, deren „façon de parler des Südens“ der Stilisierung dann doch eine Grenze zu setzen vermag. Ähnliches könnte wohl für die Liebeskorrespondenz Rainer Maria Rilkes mit Adelmina Romanelli gelten, die bisher nur einseitig (nämlich auf Seiten Rilkes) publiziert wurde. ERICH UNGLAUB stellt dar, wie die romanische Literaturtradition (bis hinein in die gewählte Briefsprache, das Französische) zum verborgenen Fluchtpunkt der Liebesbriefe Rilkes wird und diese zugleich als Medium der poetischen Weiterentwicklung und als vorbereitendes Experimentierfeld für den Malte-Roman dienen, während der spontane Ausdruck von Gefühlen auf seiner Seite eher gering bleibt. Die Bevorzugung literarischer Sujets und die Neigung zu Stilisierungen sind der Zitattechnik und den Fiktionalisierungsverfahren d’Annunzios durchaus vergleichbar. Eine integrale Edition des erhaltenen (aber keineswegs unüberschaubaren) Briefwechsels zwischen Rilke und Mimi Romanelli dürfte, so lässt sich mit Unglaub vermuten, die offenbar auch in diesem Falle keineswegs immer synchronisierten Briefstrategien beider Personen noch deutlicher erkennbar werden lassen. Der leidenschaftlich-sinnliche Briefwechsel zwischen Dino Campana und Sibilla Aleramo liegt hingegen bereits in mehreren Ausgaben vor, die sowohl Briefe als auch Gegenbriefe enthalten. EVA-TABEA MEINEKE stellt dar, wie vor dem Krisenszenario des Ersten Weltkrieges Strategien der Fiktionalisierung und Stilisierung zum Ausgangspunkt einer intensiv gelebten amour fou werden. Von Seiten Sibilla Aleramos wird der Dialog auf dem Weg einer Verrätselung und Mystifizierung des Gegenübers gesucht, aber beide Schreibenden experimentieren auch mit einer dem unmittelbaren Gedankengang und ihrer Gefühlsstruktur angenäherten Schreibweise und antizipieren auf diese Weise die ecriture automatique der Surrealisten. Dieser Liebesbriefwechsel gehört somit zu jenen für die Infragestellung etablierter Epochenvorstellungen besonders aufschlussreichen Korrespondenzen, in denen sich – an sozusagen zunächst noch verborgenem Ort – ein neues Bewusstsein und Lebensgefühl artikuliert, das dann in der Folgezeit zum Leitbild einer ganzen Künstlergeneration avanciert.
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WOLFGANG BRAUNGART, CHRISTIAN OESTERSANDFORT, FRANZISKA WALTER und JAN ANDRES demonstrieren, wie für die Liebeskommunikation des George-Kreises Gedichte, Briefe, Fotografien und vor allem das differenzierte Ausdruckssystem des ‚Meisters‘ selbst konstitutiv werden. Sie werden zu Medien, die der Differenzierung der Liebeskommunikation dienen und deren mediale Möglichkeiten erweitern. All zu stark sich vordrängende Intimität der Jünger wird von George allerdings eher nüchtern und distanzierend aufgenommen. Auf ihn hin zentriert sich alle Kommunikation, die in der persönlichen Begegnung und in der Mündlichkeit gipfelt. Beides, die Briefe sowie das unmittelbare, persönliche Kommunizieren, will George seiner auf Charisma gegründeten Herrschaft unterwerfen, die unteilbar sein soll und keinem anderen Medium zugestanden wird, auch nicht der Schrift. George kontrolliert das Sagbare und definiert das Unsagbare, weshalb in der Frage der Liebe, des Erotischen und des Sexuellen Gedichte (nicht nur Georges sondern auch der ‚Jünger‘) unter Umständen viel deutlicher – auch im Widerspruch – sein können als es Briefkommunikation und Mündlichkeit unter diesen Bedingungen erlauben.
V Diskurse, mit denen sich die Liebesrede in Briefen verknüpft (zum Beispiel die Musik, die Literatur, die Religion, die Philosophie, die Politik), können nicht allein zum privilegierten Paradigma der intimen Kommunikation werden, unter ihrem Regime wird die Liebe oft selbst zu einer Erscheinungsweise des Kunstbegehrens. Diese Verknüpfung kann ein reales oder fiktives Briefgespräch zum öffentlichen Ereignis werden lassen und dabei den Zuschauer, Leser, Betrachter oder Analytiker zum Teilhaber an der intimen Kommunikation machen: zum Beispiel bei Richardson, Diderot, Rossini, Fürst Pückler-Muskau, Kristeva; sie kann aber auch vor dem Hintergrund der allgegenwärtigen medialen Vermittlung von Liebeszeichen zu einer neuen Intimität führen, in der aus dem Wissen um die Isoliertheit des modernen Subjekts und einem skeptischen Sprachbewusstsein heraus eine neue Möglichkeit Vertrautheit zu empfinden und zu kommunizieren hervorgeht. Unter der Überschrift Transformationen sind abschließend jene Beiträge versammelt, die sich der spezifischen Dialektik der Intimität zwischen den Polen des Verbergens und des Verlautbarens widmen. Eine teleologische Deutung der Kulturgeschichte des Liebesbriefs soll damit freilich nicht impliziert werden: Weder für eine Verfallsnoch für eine Vollendungsgeschichte lässt sich der Liebesbrief vereinnahmen. Der Band endet denn auch mit zwei Beiträgen, in denen die
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Möglichkeiten der zeitgenössischen Transformation brieflicher Liebesrede in ihrer ganzen Spannweite und in ihren zahlreichen offenen Enden zu greifen sind. FRANZ MEIERS Beitrag zur Liebesrede in Richardsons Pamela, dem paradigmatischen Briefroman der europäischen Empfindsamkeit, erkundet unter Bezug auf Derridas Theorie der différance die Aporien, die mit der Aufgabe einer Verschriftlichung des Gefühls verbunden sind. In den fiktiven Liebesbriefen des Romans gewinnt das Problem, ob und auf welche Weise die Besonderheit und Spontaneität einer Gefühlsstruktur durch die Schrift zu vermitteln seien, eine erhöhte Brisanz. Hier liegt im Vergleich zur Liebeskorrespondenz im empirischen Leben die Situation einer doppelten Vermittlung vor. Es werden Paradoxien der Gefühlsartikulation durchgespielt und reflektiert. An der fiktiven Liebeskorrespondenz zeigt sich eine unhintergehbare Differenzqualität der Schrift und werden Techniken der Authentizitätskonstruktion erprobt, deren Beglaubigung auf Materialität und Körperlichkeit der Briefe rekurriert. ANNETT VOLMER bestimmt Diderots Briefe an Sophie Volland als einen „Umweg zu sich selbst“. Diderot unternimmt hier das gewagte Experiment einer Selbstreflexion ohne Fokussierung des eigenen ‚Ichs‘, indem er seine Autobiographie im Dialog mit dem liebenden Gegenüber entfaltet, gleichsam in Richtung auf einen externen Fluchtpunkt. Die Entdeckung einer auf die Partnerin bezogenen Innenperspektive koinzidiert mit der Aufgabe, einen erotischen Imaginationsraum zu erschließen. Dabei werden zugleich aktuelle schriftstellerische Projekte reflektiert, so zum Beispiel Diderots Materialismuskonzept, wie er es im Rêve de d’Alembert entworfen hat oder seine Beiträge für die Encyclopédie. Gerade die Liebeskorrespondenz erweist sich somit für Diderot als ein Medium der Erkenntnisfindung und poetologischen Selbstverständigung par excellence. Spezifische Eigenarten, die den Liebesbrief als Äußerungsform kennzeichnen, zeigen sich dort besonders auffallend, wo der Brief in ein ihm von Haus aus gänzlich fremdes Medium eintritt. So etwa, wenn die Theaterbühne – herkömmlich Raum der mündlichen Rede und Handlung unter Anwesenden – zum Ort des Auftauchens und Austausches schriftlicher Liebesnachrichten wird. Was dies bedeuten kann, zeigt LINDA SIMONIS anhand von Rossinis Oper Tancredi. Als verhängnisvoll erweist sich hier ein heimlicher Liebesbrief, den Amenaide an ihren Verlobten Tancredi gesandt hat. Ihren Adressaten verfehlend, wird die Liebesbekundung zu einem zweischneidigen Bekenntnis, das, gegen seine Verfasserin gewendet, als Zeugnis des Verrats gedeutet wird. Dass es zu diesem tragischen misreading kommt, ist nicht nur der rigorosen Logik der politischmilitärischen Handlung zuzuschreiben, sondern auch der Offenheit und Ambivalenz, die in der Form des Liebesbriefs selbst angelegt ist. Die cha-
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rakteristisch verkürzte und andeutende Redeweise des Liebesbriefs, die gleichgestimmtes Verstehen immer schon voraussetzt, macht eine solche Fehldeutung überhaupt erst möglich und glaubwürdig. In den Briefen von Hermann und Lucie von Pückler-Muskau, die den Liebesdialog mit dem Gedankenaustausch über gartenkünstlerische Projekte verknüpfen, wird der erst im Entstehen begriffene Garten in Muskau als imaginäre Bühne das geplanten gemeinsamen Lebens entworfen. Wie ANDREA HÜBENER zeigt, antizipieren die idyllischen und erhabenen Tableaus der Briefe mit der künftigen Schönheit des Parks bereits den Erfolg der gemeinsamen künstlerischen Anstrengungen und legen für beide Gartenbetrachter die Rollen in der Beziehung zueinander fest. Dies bedeutet bei allem Zwang zugleich Freiheit zur Variation – imaginär wie real. Damit stellen die Briefe ein künstlerisches und persönliches Experimentierfeld dar, auf dem sowohl das Gartenreich von Muskau als auch das gemeinsame Leben zuerst im Dialog entworfen wird. Die für den Englischen Garten konstitutive Ästhetisierung des Blicks auf die Natur gilt dabei in ähnlicher Weise für die Briefe, die den Willen zu einer dezidiert ästhetischen Modellierung des Subjekts verraten. Von Beginn seiner Korrespondenz mit Felice Bauer an schreibt Franz Kafka eine ambivalente Konstellation fest: Das Versprechen von Nähe bezieht sich allein auf das im Brief entworfene Ich, nicht jedoch verbindlich auf die Person des Schreibenden. Dieser Pakt konfiguriert eine Liebe, die im epistolaren Medium gebunden ist und die dem Autor Kafka zur Quelle seiner literarischen Produktion wird. FRIEDERIKE FELLNER betrachtet in ihrem Beitrag eine Zeichnung Kafkas, die in einem der Briefe auftaucht, als Sinnbild dieser paradoxen Brief- und Beziehungskonstruktion. Im graphischen Code, durch den sich eine erträumte Begegnung im Unterschied zur Schrift ins Bild setzen lässt, erscheint die Komplexität einer Berührung der Liebenden zugleich gebündelt wie auch potenziert gebrochen. BETTINA WAHRIG widmet sich in ihrem Beitrag einer psychoanalytisch motivierten Liebessemiotik, wie sie Julia Kristeva in ihrem Buch Geschichten von der Liebe entwickelt hat. Die ständigen Perspektivenwechsel Kristevas ermöglichen eine komplexe Lektüre des Phänomens Liebe, fordern aber vom Leser zugleich in ähnlicher, ja noch gesteigerter Weise wie vom (beteiligten oder unbeteiligten) Interpreten eines Liebesbriefs die Bereitschaft, zwischen literarischer, logischer, rhetorischer, psychologischer und emotionaler Beglaubigung und eigenen Wunschbildern zu vermitteln. In beiden Fällen kann man sich dabei nur auf vorläufige Instanzen berufen, sind doch die Diskurslinien der Kristeva-Interpretation so bewegt wie die wissenschaftlichen Grundlagen zur Erforschung der Liebesbriefkultur noch variabel sind. Gerade von dieser doppelten Labilität der Standpunkte
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aus lassen sich aber offenbar bestimmte Phänomene fester begreifen: So erweist sich zum Beispiel die Diskussion über Affektsprachen, die im kollektiven Gedächtnis in Gestalt mythischer Figuren verankert sind, als relevant nicht nur für die psychoanalytische Praxis, sondern auch für das Verständnis von modernen Liebeskonzepten. Der erst seit kurzem zugängliche Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Hans Werner Henze darf als wechselseitiges Stimulans für die künstlerischen und poetischen Entwicklungen der Briefpartner gelten, ohne dass darin seine Hauptfunktion bestünde. RENATE STAUFS Analysen zeigen, wie die zwischen Verbergen und Enthüllen und zwischen verschiedenen Sprachen changierende Liebesrede ihrerseits zum Kunstwerk der in vielfacher Hinsicht gleichgesinnten und einander komplementären Partner wird. In ihren Briefen finden sich neben der Bekundung der Liebe im Zeichen künstlerischer und intellektueller Solidarität aber auch Symptome eines persönlichen und gesellschaftlichen Krisenbewusstseins, an denen sich ablesen lässt, wie sich das individuelle Begehren und Freiheitsverlangen an öffentlich errichteten und auf subtile Weise verinnerlichten Tabus immer wieder bricht. Dennoch zeigt sich, wie schon bei Kafka, dass die intime Rede, indem sie ihre eigene Unzuverlässigkeit mitreflektiert, in der Moderne zugleich auf neue Weise zu einem Schutzraum des Privaten werden kann. ANNETTE SIMONIS analysiert am Beispiel der Verfilmung von Stefan Zweigs Brief einer Unbekannten eine für den Film charakteristische, subtile Integration und Ineinanderschachtelung von ‚Medien in Medien‘. Sie zeigt ferner auf, wie im ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts neue Medien das Spektrum der möglichen Liebeskommunikationen erweitern, vor allem durch Email, SMS und MMS. Auch in den digitalen Medien kommt es offenbar zu Anlehnungen an die ältere Schriftform bzw. die Textsorte des Briefs und zu Anleihen bei den literarischen Liebesdiskursen, ohne dass diese die Struktur der modernen Liebeskommunikation grundlegend verändern. Wohl aber treten signifikante Umstellungen auf. So passen sich die elektronischen Liebesbotschaften mit ihrer Schnelligkeit, Flüchtigkeit, Simultanität und Kurzlebigkeit der Zeitstruktur der Moderne an. Zugleich wird der Reiz von Fremdsprachen wiederentdeckt und in der modernen Bildsprache an alte Kosenamen der Liebeskommunikation erinnert. Entgegen der Tendenz zur Geheimhaltung in früheren Jahrhunderten wird in den neuen Medien die Grenzlinie zwischen Öffentlichkeit und Privatheit bzw. Intimität durch wirksame Inszenierungen von Liebeswerbungen und Paarbeziehungen oft auf spektakuläre Weise unterlaufen, so z.B. in den aktuellen Sendeformaten des so genannten Reality-TV.
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VI Die in den Einzeluntersuchungen zutage geförderten Erkenntnisse sind nicht nur für eine Geschichte und Kultur des Liebesbriefs von Bedeutung, sie könnten aufgrund ihrer Berührung mit Fragen der Sozial-, Mentalitätsund Geschlechtergeschichte, der Medialität und Intertextualität auch für andere Disziplinen (z.B. Sprach- und Kommunikationswissenschaft, Kunstgeschichte, Philosophie und Theologie) interessant sein. Bereits im 18. Jahrhundert zeichnet sich ab, dass sich der Liebesbrief, betrachtet man ihn als eigenständiges kulturgeschichtliches Phänomen, nicht immer mit vertrauten Vorstellungen von Literatur-, Sprach- und Geistesgeschichte zur Deckung bringen lässt und dass die briefliche Liebessprache sich oft nicht im Gleichklang mit den Vorgaben der literarisch ausgebildeten Liebessprache entwickelt. Die kreativen Möglichkeiten der intimen Rede scheinen bisher in der Tat beträchtlich unterschätzt worden zu sein. Die vielfältigen Formen der Liebeskorrespondenz bieten Dichtern und Künstlern (aber nicht nur diesen allein) einen spezifischen Entfaltungsspielraum für künstlerische Kreativität so wie umgekehrt die poetologische Reflexion zum raffinierten Mittel avanciert, um die Liebesbeziehung verdeckt und mittelbar zu verhandeln. Dabei erweisen sich die Liebesbriefe oft als die eigentlichen Orte bzw. Keimzellen der schriftstellerischen Selbstverständigung und der Entfaltung eigener poetologischer bzw. dichtungstheoretischer Ideale. Die Kommunikation mit der oder dem Geliebten wird zum bevorzugten Medium einer Selbsterkundung und zum exklusiven Anreiz, Möglichkeiten der poetischen und künstlerischen Weiterentwicklung auszutesten, auch wenn sich darin die Funktion der Korrespondenz nicht erschöpft. Das vertrauliche ‚Gespräch‘ mit dem geliebten Partner und die Verschriftlichung der Gedanken bieten vielfältige Möglichkeiten zur Autoreflexion, Erkenntnisfindung oder Selbststilisierung, sie provozieren aber auch Auswege aus der Introspektion und Stilisierung. Dieses Wechselverhältnis zwischen selbstreflexiven und poetologischen Dispositionen und deren brieflichen Kontrapunktierungen lässt sich in den Liebeskorrespondenzen Diderots und Humboldts über diejenigen Rainer Maria Rilkes und Gabriele d’Annunzios bis hin zu Ingeborg Bachmann und Hans Werner Henze in jeweils unterschiedlicher Ausprägung beobachten oder zumindest erschließen. Es zeigt sich ferner, dass ältere Liebessprachen, wie sie zum Teil durch die literarische Tradition der Liebesromane vorgegeben werden, weiterhin präsent sind und in modernen Liebeskorrespondenzen als nahezu unerschöpfliches Zitatenrepertoire zu dienen vermögen. Unterschiedliche Spielarten der Ironie finden hier ebenso ihren Platz wie ernst gemeinte Wiederbelebungen der religiös-empfindsamen und romantischen
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Liebesdiskurse. Im ersten Fall ist man, wie etwa schon bei Jean Paul, um originelle Abgrenzungen bemüht, im zweiten sucht man sich – wie es z.B. die Korrespondenz zwischen Dietrich Bonhoeffer und Maria Wedemeyer besonders eindrücklich belegt – der gegenseitigen Zuneigung auf eine existentiell bedeutsame Weise schriftlich zu vergewissern. Welche Folgen die neuen Medien des digitalen Zeitalters, die ja zugleich radikale Öffentlichkeit und Schutzräume der Intimität und Individualität versprechen, für die Zukunft von Liebeskommunikation haben werden, lässt sich indes noch nicht vollständig absehen. Ebensowenig, welches Potential in alten und neuen Erstellungs- und Übertragungsformen handschriftlicher Liebeskorrespondenz noch verborgen ist. Die Prognosen eines Endes der Liebesbriefkultur, die – was noch wenig in den Blick gekommen und deshalb besonders herauszustellen ist – seit Beginn des bürgerlichen Zeitalters Teil dieser medialen Praxis waren, jedenfalls sind voreilig. Es deutet sich an, dass das Liebesgespräch in Briefen weiterhin neue Funktionen und Gestalten anzunehmen vermag und dabei eine Überlebenskraft an den Tag legt, die gängigen Theorien vom Verschwinden des Subjekts zuwiderläuft. Man wird vielmehr in Hinblick auf den Liebesbrief weiterhin von einem Wechselverhältnis von Subjektivierungsprozessen und Desubjektivierungsprozessen auszugehen haben, wie dies zuletzt Giorgio Agamben für die Eigendynamik von Dispositiven insgesamt (in einem über Foucault hinausgehenden Sinn) statuiert hat.23 Dass aber die Ökonomie des Liebesbriefs im digitalen Zeitalter zur fatalen Indifferenz tendiert, wie Agamben dies für die modernen Kommunikationsformen generell prognostiziert,24 erscheint auch noch jenseits der technisch produzierten Ratlosigkeitsgrenze, über die der „Verkehr von Menschen bzw. Herzen“ im Informationszeitalter hinausgetrieben wurde,25 noch längst nicht ausgemacht. Ist doch der Liebesbrief, wie die Beiträge des vorliegenden Bandes zeigen, spätestens seitdem er im 18. Jahrhundert sich selbst als vorgeblich elementare Lebensäußerung entworfen hat, als Phänomen ein Grenzdispositiv, in dem die äußeren Mitsprachrechte (die ihn just zum Dispositiv im Sinne Foucaults machen) stets im Widerstreit mit autonomen Ansprüchen und den Realisierungen dieser Ansprüche stehen. Aus dieser doppelten Orientierung des Liebesbriefs folgt seine erstaunliche Anpassungs- und Wandlungsfähigkeit ebenso wie seine Eigenwilligkeit. In wissenschaftlicher Perspektive macht sie das Phänomen zu einem Faszinosum, dessen Erforschung notwendigerweise polyperspektivisch 23 24 25
Vgl. Giorgio Agamben: Was ist ein Dispositiv?, Berlin, Zürich 2008. Ebd., S. 37. Vgl. Bernhard Siegert: Relais. Geschicke der Literatur als Epoche der Post, Berlin 1993, S. 291.
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vorzugehen hat und damit auch zu Probe und Exempel für die Leistungsfähigkeit geisteswissenschaftlicher Methoden insgesamt geraten mag. Dass dieser Band zustande gekommen ist, verdankt sich nicht nur den Beiträgern, die in dieser Einleitung gewürdigt werden; es verdankt sich gleichermaßen einer Reihe von unentbehrlichen und äußerst engagierten Beratern und Mitarbeitern. Wir danken sehr herzlich: Friederike Fellner, Tobias Conradi, Lena Strümpel und Annette Winter für die sorgfältige und kompetente Einrichtung und Gestaltung der Manuskripte sowie die Erstellung des Registers. Unser ganz besonderer Dank gilt Frau Elke Schwemer, in deren bewährten Händen die gesamte Korrespondenz und Organisation des Projektes lagen. Nicht zuletzt möchten wir Herrn Dr. Heiko Hartmann vom de-Gruyter-Verlag unseren Dank aussprechen, dessen Entgegenkommen und freundliche Beratung dazu beigetragen haben, dass der Band nun in dieser schönen Gestalt erscheinen kann.
I WUNSCHBILD
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„Mein lieber Herr Lessing“1 – Eva König und G. E. Lessing Bereits die Zeitgenossen haben in dem acht Jahre nach Lessings Tod von seinem Bruder veröffentlichten Briefwechsel mit Eva König ein singuläres Dokument gesehen.2 Zwei Stimmen können dies illustrieren, die zugleich die besondere Struktur und Funktion eines Mediums erhellen, das wie kein anderes zwischen Authentizität und Fiktion, Unmittelbarkeit und Raffinesse, Leben und Literatur changiert. 1789, im Jahr der Erstveröffentlichung, berichtet Charlotte Schiller ihrem Mann von der sie faszinierenden Lektüre und fügt hinzu: „Ich möchte mit jemandem über die beiden Menschen sprechen, der sie genau gekannt hat und recht viel von ihnen hören.“3 Die offenbar beeindruckende Lebensnähe der Briefe und die zugleich faszinierende Persönlichkeit der Korrespondenten lässt die Leserin Charlotte Schiller eben jenen Wunsch empfinden, der Voraussetzung und Thema, Bedingung und Prinzip aller brieflichen Kommunikation ist: den Wunsch nach der Überwindung von räumlicher Distanz, die Überführung des schriftlichen ins mündliche Gespräch, also die Aufhebung jener medialen Barriere, die dem Brief und zumal dem Liebesbrief vorausgeht. Dass dieser Wunsch sowohl die Produktion als auch die Rezeption des Briefes bei den Korrespondenzpartnern beherrscht, leuchtet ein; dass er indes auch die Rezeption des veröffentlichten und gedruckten Briefwechsels bestimmt, ist ungewöhnlich. Wer solche Briefe schreibt, wer in solch liebendem Briefgespräch über nicht weniger als sechs Jahre Abwesenheit und Trennung kompensieren muss, der evoziert – so zeigt die 1
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Der Briefwechsel zwischen Eva König und Lessing wird zitiert nach: G. E. Lessing/Eva König: Briefe aus der Brautzeit 1770–1776, hg. von Wolfgang Albrecht, Weimar 2000. Seitenangaben im laufenden Text beziehen sich auf diese Ausgabe. Die titelgebende Briefanrede hier S. 4 und passim. Zur Überlieferungs- und Editionslage der Korrespondenz vgl. die editorische Notiz in der kommentierten Ausgabe von W. Albrecht [Anm. 1], S. 434f. Charlotte von Lengefeld an Friedrich Schiller, 27.–29.6.1789, in: Schillers Werke. Nationalausgabe, Bd. 33,I: Briefwechsel. Briefe an Schiller, 1781–28.2.1790, Weimar 1989, S. 361– 363, hier S. 362.
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Reaktion – im Falle Charlotte Schillers auch deswegen Empathie und Neugier, weil die Lektüre des gedruckten Briefwechsels die Kenntnis des in diesem Falle tragischen Endes einer großen Liebesgeschichte einschließt. Eva Lessing und G. E. Lessing waren nach sechs Jahren Brautzeit und Briefwechsel gerade einmal 15 Monate eines gemeinsamen Lebens beschieden. Sie starb kurz nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes im Januar 1778; auch das Kind blieb nicht lange am Leben. Man wird unterstellen dürfen, dass die Lektüre der Korrespondenz vom Wissen um das kurze Glück des Paares bestimmt und außerdem durch die zum verbalen Denkmal gewordenen Sätze präfiguriert ist, mit denen Lessing seinem Freund Johann Joachim Eschenburg die Todesnachrichten mitteilte: Meine Freude war nur kurz: Und ich verlor ihn so ungern diesen Sohn! denn er hatte so viel Verstand! […] War es nicht Verstand, daß er die erste Gelegenheit ergriff, sich wieder davon zu machen? – […] Ich wollte es auch einmal so gut haben wie andere Menschen. Aber es ist mir schlecht bekommen.4 Meine Frau ist tot: und diese Erfahrung habe ich nun auch gemacht. Ich freue mich, daß mir viel dergleichen Erfahrungen nicht mehr übrig sein können zu machen; und ich bin ganz leicht.5
Die Korrespondenz zwischen Lessing und Eva König reicht vom 10. Juni 1770 bis zum 30. September 1776. Die 193 Briefe (83 von Lessing, 110 von Eva König) dokumentieren eine Freundschafts- und Liebeskonstellation, die bei Zeitgenossen wie Charlotte Schiller auch deswegen neugierige Empathie auslöste, weil Lessing als Verkörperung scharfsinniger Intellektualität, nicht aber als Repräsentant gefühlsgestützter Introspektion galt.6 Die zweite Stimme, die als Beleg für die These gelten kann, dass der gedruckte Briefwechsel bei den Lesern ähnliche Reaktionen auszulösen vermag wie sie die Protagonisten des unveröffentlichten Briefgesprächs füreinander empfinden, ist diejenige Hegels. Er sieht in dem Briefwechsel der Brautleute „eine ganz aus dem wirklichen Leben genommene Unterhaltung“, deren zentrales Thema „das hinlängliche Auskommen“, also die Frage nach der beruflichen, materiellen Organisation des gemeinsamen Lebens sei: „[…] denn die Liebe ist nimmer so stark, daß man miteinander in Wüsteneien zieht, aller Bequemlichkeiten sich entschlägt und nur von der Liebe lebt“.7 Hegels treffende Sicht auf den Gegenstand des Brief4 5 6 7
Gotthold Ephraim Lessing an Johann Joachim Eschenburg, 31.12.1777, in: Gotthold Ephraim Lessing: Werke und Briefe in 12 Bänden, hg. von Wilfried Barner, Bd. 12. Briefe von und an Lessing 1776–1781, Frankfurt/Main 1994, S. 116. Lessing an Eschenburg, 10.1.1778, in: Lessing, Werke, Bd. 12 [Anm. 4], S. 119. Vgl. Elke Clauss: Liebeskunst – Untersuchungen zum Liebesbrief im 18. Jahrhundert, Stuttgart, Weimar 1993, S. 83–137, hier S. 84. Georg Friedrich Wilhelm Hegel: Über Lessings Briefwechsel mit seiner Frau, in: ders.: Werke in 20 Bänden, Bd. 1: Frühe Schriften, Frankfurt/Main 1968, S. 611–614, hier S. 611.
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wechsels, dessen gleichsam kühl-realistische Ausrichtung an den schwierigen Alltagsverhältnissen der Partner in bemerkenswertem Kontrast zum hochgeschraubten, anakreontischen Briefstil anderer Zeitgenossen steht, schließt die dem Philosophen zweifellos zuzubilligende, einer medientheoretisch sensibilisierten Forschung hingegen womöglich verdächtige Bemerkung ein, dass „nach einem langen Romanlesen […] nichts erwünschter kommen“ könne „als so eine ganz aus dem wirklichen Leben genommen Unterhaltung“.8 Die Korrespondenz zwischen Lessing und Eva König ist tatsächlich von einer Alltags- und Lebensorientierung geprägt, die nicht nur im Kontrast zur rhetorischen Liebesemphase steht, die z.B. die Briefe zwischen Johann Wilhelm Ludwig Gleim und Anna Louisa Karsch oder den Dialog zwischen Klopstock und Meta Moller bestimmen.9 Auch die an der Korrespondenz zwischen Gottsched und Luise Kulmus oder Herder und Caroline Flachsland hinlänglich und zu Recht diagnostizierte Geschlechtersymmetrie, die sich stilistisch und semantisch als belehrende Ermunterung oder gelehrte Unterweisung zeigt, findet sich bei Lessing und Eva König nicht.10 Im Gegenteil: mit humorvollem Scharfsinn und erkenn8 9
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Ebd. Anna Louisa Karsch/Johann Wilhelm Ludwig Gleim: „Mein Bruder Apoll“. Briefwechsel zwischen Anna Louisa Karsch und Johann Wilhelm Ludwig Gleim, hg. von Regina Nörtemann, 2. Bde, Göttingen 1996; Meta Klopstock: Es sind wunderliche Dinger, meine Briefe. Briefwechsel mit Friedrich Gottlieb Klopstock und ihren Freunden, hg. von Franziska u. Hermann Tiemann, München 1998. Zu Karsch – Gleim vgl. z.B. Regina Nörtemann: Verehrung, Freundschaft, Liebe. Zur Erotik im Briefwechsel zwischen Anna Louisa Karsch und Johann Wilhelm Ludwig Gleim, in: Anna Louisa Karsch (1722–1791). Von schlesischer Kunst und Berliner Natur, hg. von Anke Bennholdt-Thomsen, Anita Runge, Göttingen 1992, S. 81–93; Tanja Reinlein: Der Brief als Medium der Empfindsamkeit. Erschriebene Identität und Inszenierungspotentiale, Würzburg 2003, S. 114–163; sowie Ute Pott: Briefgespräche. Über den Briefwechsel zwischen Anna Louisa Karsch und Johann Wilhelm Ludwig Gleim, Göttingen 1998. Zu Klopstock – Moller vgl. u.a. Joachim Jacob: „Wäre ich Ihr Klopstock für seine Meta“. Meta Moller und Friedrich Gottlieb Klopstock, Hamburg, 4. April 1751, in: Bespiegelungskunst. Begegnungen auf den Seitenwegen der Literaturgeschichte, hg. von Georg Braungart, Tübingen 2004, S. 29–41; „Mein sanftes ungestümes Herz und seine ganze Geschichte“. Der Musterfall eines Brautpaares entsteht, Meta Moller und Friedrich Gottlieb Klopstock 1751–1754, in: „Bist Du Luftbild oder Leben?“ Brautbriefe aus zwei Jahrhunderten (1751–1833), hg. von Susanne Ledanff, Frankfurt/Main, Berlin 1991, S. 11–31; Erich Trunz: Die Sprache der Freundschaft und Liebe. Meta Klopstock, geb. Moller, in ihren Briefen, in: ders.: Weltbild und Dichtung im Zeitalter Goethes. Acht Studien, Weimar 1993, S. 40–58; Tanja Reinlein: Der Brief als Medium der Empfindsamkeit. Erschriebene Identität und Inszenierungspotentiale, Würzburg 2003, S. 202–231, sowie Clauss, Liebeskunst [Anm. 6], S. 17–81. Gottsched und seine Zeit. Auszüge aus seinem Briefwechsel, hg. von Theodor Wilhelm Danzel, Hildesheim 1970 [Nachdruck der Ausgabe von 1884]; Herders Briefwechsel mit Caroline Flachsland. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs, hg. von Hans Schauer, 2 Bde., Weimar 1926–28. Zu Kulmus – Gottsched vgl. z.B. Rüdiger Otto:
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barem Vergnügen am pointenreichen Argument verbindet Eva König die brief- und beziehungstypische Klage über ausbleibende, verspätete oder Briefe Besorgnis erregenden Inhalts mit dem Wunsch nach baldiger direkter Begegnung. Letzterer kleidet sich überdies in eine spöttische Abrechnung mit Lessings Sinngedichten, deren misogyne Tendenz Eva König wie folgt pariert: Machen Sie, dass Sie bald kommen, sonst kommt eine ganze Ladung Frauenzimmer, um Sie abzuholen. Ich denke, dies ist die härteste Drohung, die ich Ihnen machen kann. Denn eben lege ich Ihre Sinngedichte aus den Händen und bin in meiner längst gehegten Meinung – Sie seien ein Erzweiberfeind, nun völlig bestärket. Ist es aber nicht recht gottlos, dass Sie uns bei allen Gelegenheiten so herunter machen! Sie müssen an verzweifelt böse Weiber geraten sein. Ist dieses, so verzeihe ich Ihnen; sonst aber müssen Sie wahrhaftig! für alle die Bosheit, so Sie an uns ausüben, noch gestrafet werden. Das Mädchen, das Sie sich wünschen, sollen Sie wenigstens nie finden. Aber nun im Ernste. Wann kommen Sie denn? Sie müssen es mir wirklich schreiben. Ich verspreche Ihnen nicht entgegen zu kommen, wenn Sie es nicht haben wollen, und es auch keinem Menschen zu sagen. Ich wollte es nur wissen, um mich auf den gewissen Tag recht freuen zu können. – Ob Sie bei mir logieren wollen, stelle ich in Ihren Willen. Sie können Ursache haben, warum Sie es nicht tun wollen. Ich habe keine, die mich abhält, es zu wünschen. (81)11
Die Rhetorik der Selbstverkleinerung oder gar demütiger Unterwerfungsbereitschaft aus Anlass und im Namen der Liebe ist Eva König ebenso fremd wie ein pathetisches Bekenntnis zur Exklusivität und Singularität ihres Gefühls. Hier konstituiert sich nicht etwa weibliche Subjektivität aus Anlass der Liebe und im Medium des (Brief)Schreibens.12 Und auch Lessing präsentiert sich in diesem Briefwechsel nicht als sehnsüchtig Liebender, der in steter Klage über die Absenz der Geliebten im Epistolarischen den einzig möglichen Trost sähe. Vielmehr gilt für beide Korrespondenten, dass sich die Intensität der Bindung als Lakonie ihrer sprachlich stilis-
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Focus. Vorstellung eines Editionsprojektes. Die Veröffentlichung des Briefwechsels von Johann Christoph Gottsched und seiner Frau Louise Adelgunde Victorie, in: Lessing Yearbook 34 (2002), S. 197–203, sowie Tanja Reinlein: Der Brief als Medium der Empfindsamkeit. Erschriebene Identität und Inszenierungspotentiale, Würzburg 2003, S. 78–113. Zu dem Briefwechsel Flachsland – Herder vgl. Andrea Schütte-Bubenik: „Empfindsamkeit“ auf Abwegen. Die Korrespondenz der Caroline Herder, Berlin 2001, sowie Werner Frick: „Was hatte ich mit Rom zu tun? Was Rom mit mir?“ Johann Gottfried Herder in der „alten Hauptstadt der Welt (1788/89), in: Rom – Europa. Treffpunkt der Kulturen. 1780– 1820, hg. von Paolo Chiarini und Walter Hinderer, Würzburg 2006, S. 135–172. Vgl. Lessings Sinngedicht Das Mädchen, in: Gotthold Ephraim Lessing: Werke und Briefe in 12 Bänden, hg. von Wilfried Barner, Bd. 3: Werke 1754-1757, Frankfurt/Main 2003, S. 814f. Vgl. Anke Bennholdt-Thomsen, Alfred Guzzoni: Gelehrsamkeit und Leidenschaft. Das Leben der Ernestine Christine Reiske 1735–1798, München 1992, S. 96.
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tischen Repräsentation zeigt. Erzähllust und Schreibvergnügen, Realitätssinn und Sinn für die komischen Seiten der Wirklichkeit bestimmen das Briefgespräch zwischen Eva König und Lessing mindestens ebenso stark wie der Wunsch, im Medium des Briefs eine ideelle und virtuelle Gemeinsamkeit zu gestalten und zu genießen, die es realiter während der sechs Jahre der Korrespondenz lediglich drei bis vier Mal gegeben hat. Insofern ist dieser Briefwechsel mindestens ebenso sehr Zeugnis einer sich wandelnden Gefühlskultur wie Dokument einer Schreib- und Beziehungsökonomie, durch die das Ausbleiben von Briefen, sowie die numerische Unausgewogenheit13 zwischen den Briefpartnern entweder zum Gradmesser emotionaler Aufrichtigkeit oder Anlass zu rationaler Besorgtheit über den Gesundheitszustand des anderen werden kann. Die Mitteilungen, Spekulationen und Reflexionen über körperliche und seelische Zustände, über Hypochondrie und alle Arten des Unwohlseins sind zwischen Eva König und Lessing immer wieder Thema und machen damit die Sprache der Liebe zu einer Sprache sensitiver wechselseitiger Sorge und ironisierter Selbstbezüglichkeit. Schon die äußeren Umstände und damit die Rahmenbedingungen der Korrespondenz sind ungewöhnlich. Lessing hatte Eva König während seiner Hamburger Zeit kennengelernt; der Ehemann, ein vermögender Seiden- und Teppichfabrikant mit Zweitniederlassungen in Wien, verstarb im Dezember 1769. Der Witwe, zu diesem Zeitpunkt 33 Jahre alt und Mutter von vier Kindern, oblag die gesamte Verwaltung und – was noch schwieriger wurde – die Veräußerung der Geschäfte des verstorbenen Mannes.14 Lessing zog Ende April 1770 von Hamburg nach Wolfenbüttel, um an der berühmten Bibliothek jene Stelle anzutreten, die ihm fortdauernden Verdruss und für die Eheschließung mit Eva König ein ebenso großes Hindernis bedeuten sollte wie es die komplizierten Geschäfte der Braut und Witwe in Wien waren. Die Korrespondenz, von eigentümlicher Abstinenz gegenüber Gefühlsäußerungen und zugleich von hoher Mitteilungsintensität geprägt, beginnt zwei Monate nach Lessings Umzug nach Wolfenbüttel. Sie entwickelt sich in beständiger Reaktion auf die immer erneut erzwungene räumliche Trennung: er ist in Wolfenbüttel bzw. „dem elenden Braunschweig“ (138f.), sie in Hamburg und schließlich für fast drei Jahre in Wien; von dort sollte eigentlich eine gemeinsame Rückreise angetreten werden. Er aber ist zu einer Italienreise gezwungen, die ursprünglich nur wenige Wochen, tatsächlich aber neun Monate dauern
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Vgl. Clauss, Liebeskunst [Anm. 6], S. 44ff. Vgl. Wolfgang Schneider: Eva Lessing in Wien, in: ders.: Lessing – Zwölf Biographische Studien, München 1957, S. 231–244.
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sollte.15 Bedingt durch die Umstände, aber natürlich vor allem durch die Charaktere der Briefpartner, wird in der Korrespondenz ein Beziehungsund Reflexionsmuster ausgebildet, das die körperliche Abwesenheit des anderen und die erzwungene kommunikative Asymmetrie durch einen eigentümlichen Mitteilungs- und Selbsterkundungsstil zu kompensieren sucht. Unpathetisch und prägnant, ungeschminkt und ohne Larmoyanz, eher verärgert als verzweifelt teilen sich Eva König und Lessing ihren jeweiligen Seelenzustand mit. Als Alltagsbericht und selbstdiagnostischer Distanzierungsversuch gestalten sich die wechselseitigen Schilderungen depressiver Attacken und hypochondrischer Zustände. „Mein lieber Herr Lessing“ (15) beginnt Eva König einen Brief Mitte September 1770, in dem sie von Koliken berichtet, die zwar durch das von Lessing empfohlene „weiße Pulver“ (15) einigermaßen hätten eingedämmt werden können, sie aber doch an der Erledigung ihrer Arbeit gehindert hatten. Alles wäre noch erträglich […] wenn ich munter wäre. Ich bin aber so niedergeschlagen, dass ich nicht im Stande bin, mich zum Lachen nur zu zwingen, um nicht sonderbar zu scheinen, ob ich gleich hier unter besonders lustigem Volke bin. Ich bin schon zufrieden, wann ich es so weit bringe, dass ich nicht weine; was das ärgste ist, so scheinet mir alles, was ich tue, nicht recht getan zu sein; in dem Augenblicke bereue ich, was ich den vorhergehenden getan habe. Mit einem Worte, ich bin nicht mehr dieselbe. (15f.)
In der ersten Phase der Korrespondenz reagiert Lessing auf solche Mitteilungen mit ermunternden Lebensweisheiten wie „vergnügt wird man unfehlbar, wenn man sich nur immer vorsetzt, vergnügt zu sein“ (17). Die Wirkung mag sich eingestellt haben, ehe denn der Ratschlag die Empfängerin erreichte. Denn schon wenige Tage später erhält Lessing Bericht von Ereignissen, die weder das Seelenleben der Briefschreiberin noch die Absenz des geliebten Mannes, sondern die unerwarteten Beschwerlichkeiten einer bevorstehenden Reise betreffen. Mein lieber Herr Lessing! Alles ist gepackt, und die Pferde auf morgen früh um vier Uhr bestellt, allein der Himmel weiß, ob ich wegkomme. Eine ganz eigene Fatalität, die Sie in Verwunderung setzen wird, könnte mich aufhalten. Mein Mädchen hat sich in Gesellschaft des Kammerdieners eines Grafen, der mir gegenüber logiert, so entsetzlich besoffen, dass sie schon die ganze Nacht nichts tut als sich erbrechen. Ich bin ihre Wärterin; denn ich habe es zu spät gemerkt, da schon alles zu Bette war. Eine angenehme Beschäftigung! da ich ohnedem vor nichts in der Welt mehr Abscheu habe als vor einem Betrunkenen. Eben ist sie eingeschlafen, ich wünsche nur, dass sie beim Erwachen sich so befindet, dass wir abreisen können.
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Vgl. Gunter E. Grimm: „Ich sehne mich herzlich wieder nach Deutschland“ – Lessings Italienreise von 1775, in: Lessing Yearbook 17 (1985), S. 109–120; Lea Ritter Santini: Eine Reise der Aufklärung – Lessing in Italien, 2 Bde., Wolfenbüttel 1993.
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Was das Schönste ist, so habe ich mir die größten Sottisen von ihr müssen vorsagen lassen. Denn ehe ich wusste, wie es mit ihr stand, hatte ich ihr wegen ihrer gar zu großen Nachlässigkeit einen Verweis gegeben, dessen erinnerte sie sich im Rausche, und sie hat, wie es scheint, einen bösen Rausch. – Dies Einzige hat mir noch gefehlt, um alle möglichen Beschwerlichkeiten auf dieser Reise zu versuchen. (18f.)
Von solchen Episoden und Anekdoten sprüht der Briefwechsel, und es ist schwer zu sagen, wessen Witz und Fabulierlust größer ist. Wohl nicht ohne Grund hat Walter Jens im Vorwort zu Wolfgang Albrechts Neuausgabe davon gesprochen, die „poetischsten, treffsichersten, unterhaltlichsten Passagen des Briefwechsels“ (XIII) stammten aus der Feder Eva Königs und repräsentierten damit auf ideale Weise die im 18. Jahrhundert so hochgeschätzte intellektuelle Tugend des „Witzes“: „Scharfsinn, gepaart mit Amüsement, Logik in der Sprache des Herzens“ (XIII). Die briefgestützte Beziehungslogik verdankt sich in diesem Falle einer ungewöhnlichen Konstellation, denn in diesen Briefen begegnen sich zwei ebenbürtige Partner, die zur Überbrückung der räumlichen Distanz und zur Kompensation der körperlichen Absenz freimütig Körper- und Krankheitsdiskurse inszenieren. Wenn freilich von Krankheit und körperlich-seelischem Unwohlsein in diesen Briefen die Rede ist – und es ist viel und oft von beidem die Rede – so geschieht dies nicht mit der verdeckten oder expliziten Intention, Empathie zu erzwingen oder wohl gar im Adressaten des Briefes den Verursacher, im Beziehungsgefüge den Grund des Kummers auszumachen. Die für die Codierung von Intimität so folgenreiche, d.h. verhängnisvolle Verquickung von seelischer Elendsschilderung und Evokation des schlechten Gewissens auf der anderen Seite, diese therapieträchtige Beziehungsdynamik sucht man zwischen Eva König und Lessing vergeblich. Gegen Hypochondrie wird „weißes Pulver“ und der „Pyrmonter Brunnen“ (76 und passim) aufgeboten, wenn die Suggestion, dass vergnügt sei, wer vergnügt sein wolle, nicht mehr hilft. Das schließt den Ausdruck der Sorge nicht aus, basiert aber vor allem auf der Überzeugung, dass in der Kontinuität des Briefgesprächs das wirkungsvollste Remedium gegen jedwede depressive Verstimmung liege. Als „freundschaftliche Plauderei mit einem Abwesenden“ (65) hat Lessing den Brief definiert; in Eva Königs Sicht ist er Medizin und Lebenselixier. Die Materialität des Mediums, die im wiederholten Lesen und im Kampf gegen den manchmal allzu zeitaufwendigen Schreibakt erfahren wird, gestaltet und überbietet nicht nur in Eva Königs Sicht eine alltägliche Realität des Wartens und der Verzögerung, der verhinderten Begegnung und der verpassten Gelegenheiten. In der brieflichen Reflexion über nicht geschriebene, nicht abgeschickte oder gar verlorene Briefe entsteht zwischen Lessing und Eva
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König gelegentlich ein Dialog, dessen intellektuelles und zugleich emotionales Niveau aus dem Umstand erwächst, dass Selbstbild und Fremdentwurf wechselseitig konstruiert, aber auch demontiert werden. Letzteres gilt vor allem für Eva König. Vom 26. Oktober 1772 datiert ein Brief, den Lessing wie folgt eröffnet: Ist es möglich, meine Liebe, ist es in aller Welt möglich, dass ich Ihnen in so langer Zeit nicht geschrieben habe? dass ich es habe aushalten können, in so langer Zeit nicht von Ihnen zu sehen und zu hören? (203)
Schon dies ist eine rhetorisch-spielerische Verkehrung der Verhältnisse, denn er hatte zweieinhalb Monate nichts von sich hören lassen. Wenn Sie argwöhnisch wären! Wenn ich nicht glaubte, dass Sie mich zu wohl kennten! – Besorgt mögen Sie immer um mich gewesen sein; aber wenn Sie je einen argen Gedanken, der meiner und Ihrer unwürdig wäre, von mir gehabt haben: wahrlich, so verdiene ich, dass Sie mir es abbitten. (203)
Die Wendung ist wahrlich kühn: in seiner Spekulation hat sie auf sein Schweigen mit „unwürdigen Gedanken“ reagiert, für die er eine Entschuldigung verlangt. Natürlich räumt er seine sophistische Impertinenz sofort ein und hebt zu einer wortreichen Entschuldigung an. Woran es denn gelegen habe, dass er nicht schreiben konnte, fragt er selbst, um zu antworten: An tausend und tausend Dingen, die all so klein sind, dass sie sich gar nicht erzählen lassen; die aber doch zusammengenommen so eine außerordentliche Wirkung auf mich gehabt haben, dass ich, um wenig zu sagen, die ganze Zeit über, die ich nichts von mir hören lassen, so gut als gar nicht gelebt habe. Nicht dass ich etwa krank gewesen; ob ich mich schon auch nicht gesund befunden. Ich bin schlimmer als krank gewesen: missvergnügt, ärgerlich, wild; wider mich und wider die ganze Welt aufgebracht, Sie allein ausgenommen. (203)
Knapp drei Wochen später erhält Lessing auf diese forcierte Liebesbekundung die Reaktion: Sie sind, sagen Sie, schlimmer als krank gewesen: missvergnügt, ärgerlich, wild; wider sich und wider die ganze Welt aufgebracht; mich allein ausgenommen. Alles will ich Ihnen glauben, nur nicht das Letztere. Wäre dies! wie wäre es möglich, dass in der langen Zwischenzeit auch nicht einmal ein Funken von Mitleid Sie angefacht hätte, mir einige Nachricht von sich zu geben. (207)
Die Demontage des kühn-koketten Selbstbildes, das Lessing von sich gezeichnet hatte, das Bild eines Mannes, der mit sich und der Welt im Hader liegt und nur in Eva König eine Ausnahme macht, erfolgt ebenso präzise wie unprätenziös: Im Rekurs auf die Logik des Arguments und im Verweis auf das zentrale Paradigma der Hamburgischen Dramaturgie decouvriert Eva König das Selbstbildnis Lessings; argumentativ unaufwendig und ohne den Furor der Gekränktheit restituiert und bekräftigt sie damit die egalitäre Struktur des Dialogs.
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Für die kommunikative Intensität und Egalität der Korrespondenz ist zu bedenken, dass der Verbindung zwischen Eva König und Lessing keine ständischen oder familiären Hindernisse, keine väterlichen Verbote oder anderweitigen Versprechungen im Wege standen. Beider Stolz, vor allem Eva Königs souveräner Lebensentscheidung war zuzuschreiben, dass die Bereinigung bzw. Verbesserung ihrer beiderseitigen materiellen Lebensverhältnisse die Voraussetzung der Ehe sein sollte. Weder wollte Eva König mit ihren nicht abgewickelten Geschäften Lessing zur Last fallen, noch dass er in Rücksicht auf sie in Hamburg oder andernorts Stellen akzeptierte, die unter seiner Würde gewesen wären. Das „hinlängliche Auskommen“16 – wie Hegel es genannt hat – beherrscht die Korrespondenz durchweg, selbst da, wo sie – wie im Jahre 1774 – fast völlig einschläft. Der zaghaft-stolze Gestus, den Lessing in Wolfenbüttel gegenüber der Hinhaltetaktik des Herzogs an den Tag legte, hat die Geschäftsfrau nicht wenig irritiert. Sie zögert schließlich nicht, ihm ihre Vermittlungsdienste für eine Berufung an die Heidelberger Universität anzutragen. Hätten Sie nicht auch Lust, dorten eine Professur anzunehmen? Wenn das so wäre, so müssen Sie mir nur sagen, wie und auf was Art, so wollte ich die Anleitung dazu geben, und der Prof. M. […] würde mit Vergnügen die Hand dazu bieten. (252)
Die Angelegenheit stand im Zusammenhang mit der Absicht des Kurfürsten Karl Theodor von der Pfalz, an die Universität Heidelberg Professoren zu berufen, deren Gehalt aus freigewordenen Mitteln des aufgelösten Jesuiten-Ordens bestritten werden sollte. Ein Bruder von Eva König sollte zu den Neuberufenen gehören. Lessing reagiert mit wendender Post, formuliert – nicht zum ersten Male – seinen Überdruss gegenüber der Wolfenbütteler Lage, bezichtigt sich „schurkischen“ (253) Gebahrens, da er sich vier Monate lang in völliges Schweigen gehüllt hatte („Was kann ich denn besser tun, als dass ich meine Raserei nur in der Stille abwarte, und keinem Menschen damit beschwerlich falle?“ (254)), um sodann zu bekennen, dass allein der Hinweis auf die Heidelberger Angelegenheit ihn veranlasst habe, ihr zu schreiben. Unverblümt gesteht er ein, dass seine seelische Verfassung ihn über vier Monate habe schweigen, die in ihrem Briefe angedeuteten beruflichen Veränderungsmöglichkeiten hingegen ihn unverzüglich haben schreiben lassen. Die Evokation materieller Veränderungen, nicht die Empathie mit dem emotionalen status quo bringt Bewegung in die Korrespondenz. „[…] Heidelberg. Was Sie mir davon melden, ist mir ganz neu; und ich wünschte allerdings, dass man mit auf mich einiges Absehen haben wollte.“ (254) Nur zum Zwecke der Mitteilung seiner tristen Stimmungslage hatte er ihr wohl nicht schrei16
Vgl. Anm. 7.
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ben wollen, da sie aber von Heidelberg und damit von der Veränderung seiner materiellen Lage spricht, antwortet er. Die bloße Möglichkeit realer Veränderungen im Alltag hat suggestive Wirkung und prägt das Beziehungs- und Schreibverhalten; wo die selbstquälerische Entscheidung zum Verstummen die Beziehung bedroht, da öffnen die alltagspraktischen Hinweise von der einen oder der anderen Seite erneut die Kommunikation. So auch in diesem Falle, da Eva König Lessings gekränkt-kapriziöse Interessensbekundung für Heidelberg folgendermaßen quittiert: Mein lieber Freund! So habe ich denn keine angenehme Nachrichten mehr von Ihnen zu erwarten! Immer Klagen! Ich bedaure Sie herzlich, und wahrhaftig mehr als mich selbst. Wollte Gott! ich könnte zu Ihrer Zufriedenheit was beitragen. Angelegener würde ich mir in der Welt nichts mehr sein lassen. (255f.)
Und schließlich mit hörbarer Ungeduld: Ich wünschte, Sie hätten sich näher erklärt und bestimmter gesagt: welche Professur sie übernehmen möchten. Noch lieber wäre mir, wenn sie an meinen Bruder, den Professor, schrieben, und sich bei ihm erkundigten, ob man wirklich einen Mann von Ihrer Gattung nach Heidelberg suchte? (256)
Die Sache zerschlug sich, ähnlich wie die Wiener und Mannheimer Pläne, die Lessing in jenen Jahren teils halbherzig, teils mit großer Hoffnung verfolgt hat. Aus all dem darf freilich nicht geschlossen werden, dass Geschäftsund nüchterner Realitätssinn auf ihrer und depressiv-handlungsgehemmte Realitätsblindheit auf seiner Seite gewesen wären. Im Gegenteil, trotz des immer erneut durch äußere Umstände unterbrochenen Briefgesprächs gehen Berichte über Alltägliches und Außergewöhnliches, über Seelisches und Geschäftliches, über Theaterereignisse und Klatschgeschichten hin und her; die Rollen wechseln dabei häufig. Eine Verbindung konstituiert sich aus der Ferne und im Medium des Briefs, deren Intensität sich – so paradox dies erscheinen mag – gelegentlich im Schweigen, im nicht geschriebenen, nicht fertig gestellten, nicht abgeschickten Brief äußert. Die nachträgliche Reflexion über solches Unterlassungshandeln, das auf seiner Seite über die Jahre freilich stärker ausgebildet wird als auf ihrer, gibt psychologischer Spekulation wenig Raum und folgt auch keinem zerknirschten Selbsterkundungsanliegen. Im Gegenteil: Dass im Nicht-Schreiben der von trüben Gedanken geplagte Partner sich der letzten Möglichkeit zur Stimmungsaufhellung beraubt und überdies im anderen Sorge und seelischen Kummer auslöst, das wird von Eva König als Sachverhalt benannt und mit dem vergleichsweise lakonischen Kommentar versehen: Ihr Brief hat mir viel Kummer gemacht, weil ich aus demselben schließe, dass Sie immerfort missvergnügt sind und leider! wohl auch Ursache dazu haben. Warum sagen Sie mir aber nicht die Ursache! Sie wäre ja vielleicht noch zu heben. (262)
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Und an späterer Stelle: „In Nervenzuständen lässt sich eben nicht so leicht was bestimmen.“ (263) Über die Jahre hin hat sie mit größeren Anfechtungen hinsichtlich seines Beziehungs- und Schreibverhaltens zu kämpfen. Nur ein einziger Brief erreicht sie im Jahre 1774, und von den wenigen Briefen, die Lessing an Eva König während der Italienreise (März bis Dezember 1775) schrieb, kamen einige gar nicht an. Und doch reagiert sie auf diese Umstände meist mit souveräner Gelassenheit. Ein Satz wie „Zuweilen kann ich mich nicht erwehren, wunderliches Zeug zu denken.“ (258), ist schon das Äußerste. Die auch zu Eva König gelangten Gerüchte, Lessing trage sich mit der Absicht, die verwitwete Ernestine Christine Reiske zu heiraten, die er zudem auf der Reise nach Wien in Leipzig besucht hatte, führen zu der knappen Frage: In Parenthese muss ich Sie doch auch fragen: ob die Neuigkeit wahr ist, die [man mir] dieser Tagen aus Leipzig schrieb? Die allgemeine Sage dorten sei: ein gewisser Mann, den Sie leicht erraten werden – heiratete die Wittib von P. [Prof.] R. [Reiske]. (284)
Von seiner Seite gibt es dazu keinen Kommentar. Die leidenschaftliche Liebe der Reiske für Lessing, die Anke Bennholdt-Thomsen und A. Guzzoni17 aus deren Briefwechsel mit Joh. Arnold Ebert rekonstruiert haben, ist ein weiteres Feld, das im Briefwechsel zwischen Eva König und Lessing mit der einen zitierten Ausnahme verständlicherweise nicht betreten wird. Man kann also nur bedingt davon sprechen, dass in diesem Briefwechsel eine Sprache der Liebe unter Bedingungen körperlicher Distanz und eine Codierung von Emotionalität auf der Basis der Absenz der Körper erprobt und entwickelt wurde. Das Singuläre dieses Briefwechsels besteht wohl nicht darin, dass die Liebenden sich schreibend als Paar konstituieren und ihre Liebe zueinander Effekt des epistolarischen Diskurses über sie wäre. Die Besonderheit dieses liebenden Gesprächs in Briefen besteht viel mehr im konsequenten, souveränen, herzensklugen Verzicht auf die Pathetik des Gefühls. Die Ökonomie der Emotion und der praktisch alltägliche Geschäftssinn der Briefpartner koinzidieren und beide sind sich in ihrem Vergnügen am sprachlich-intellektuellen rencontre ebenbürtig; in ihrer intellektuellen Leidenschaft für die prägnant–anekdotische Repräsentation des Alltags und der Alltäglichkeit des Lebensvollzugs. Nicht nur im Umgang mit den Widrigkeiten einer „Briefbeziehung“, sondern an der Leidenschaft fürs Spiel zeigt sich diese Realitätsorientierung. Durchgängig nämlich wird in der Korrespondenz zwischen Eva 17
Bennholdt-Thomsen: Gelehrsamkeit [Anm. 12]; vgl. außerdem: Heinrich Schneider: Lessing und das Ehepaar Reiske, in: ders.: Lessing [Anm. 14], S. 110–165.
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König und Lessing das Lotteriespiel zum Thema. Sie lieben es beide; gemeinsam setzen sie und hoffen auf den großen Gewinn. Von Zahlen und Ziehungen ist häufig die Rede, regelmäßig teilt Lessing die Zahlenkombinationen mit, für die er sich entschieden hat, und auch für sie ist das Glücksspiel im buchstäblichen Sinne etwas, das sie mit ihm teilt. Seine bereits zu Beginn der Korrespondenz geäußerte Hoffnung „auf unser gemeinschaftliches Projekt, glücklich – wollte ich sagen, reich zu werden“ (44) hat sich zwar nicht erfüllt, dem kommunikativen und intellektuellen Reichtum dieser Korrespondenz tut das indes keinen Abbruch. Sie liefert mithin den Beleg für eine affektive und intellektuelle Nähe zwischen den Liebenden, die durch die tatsächliche räumliche und körperliche Distanz nicht wirklich zerstört und die im Medium des Briefs eben auch nicht lediglich kompensiert werden muss. Die Sprache der Liebe, die in diesen Briefen entwickelt wird, muss auf ihrer Seite nicht zum Medium subjektiver Selbstermächtigung und auf seiner nicht zum Beweis männlicher Dominanz genutzt werden. Die Ebenbürtigkeit der Partner erwächst nicht aus der brieflichen Kommunikation, sie geht ihr voraus. Nicht das Medium modelliert in diesem Fall das Gefühl, sondern das Gefühl generiert den Gebrauch des Mediums: Und das Empfinden von Verbundenheit und Neigung artikuliert sich als Mitteilung: alltäglicher Erlebnisse, depressivhypochondrischer Zustände und immer wieder im Bemühen um kritischironische Distanz zu den Widrigkeiten des Alltags.
Jörg Paulus
„Simultanliebe“ in „Schäfersekunden“ Liebesbriefkultur im Jean-Paul-Kreis I In einem Brief an den Bayreuther Publizisten Theodor Christian Ellrodt (1767–1804) schreibt Jean Paul am 23. Februar 1796: „Meine Komizialferien werden von Terzienuhren gemessen: ich mus der Zeit die Schäfersekunden zu Briefen, d.h. zu Freuden eilig entreissen“ (III 2, 158,4–5, Nr. 244).1 Das rhetorische Schema, auf das Jean Paul dabei zurückgreift, ist konventionell, man kennt es aus zahlreichen Briefwechseln um 1800. Zwei Zeitsysteme werden gegeneinander ausgespielt: auf der einen Seite die „reißenden Zeit“, die dem Individuum stets nur etwas von seiner Individualität, also von der ihm zur Verfügung stehenden Lebenszeit, raubt. Hierzu rechnet Jean Paul auch die Zeit des Gesprächs, dessen Fortsetzbarkeit im Medium der Schrift schon in der Antike zum briefstellerischen Prinzip erhoben worden war. Dem steht auf der anderen Seite der erfüllte Augenblick gegenüber, den das Subjekt der Zeit entreißt. Dies ist die stehende Zeit, so könnte man sagen. Sie ist durch Intensität gekennzeichnet. Die Affinität dieser Idee zu mystischen Gedanken ist offenkundig. Aus 1
Die Werke Jean Pauls werden in diesem Beitrag nach den folgenden Ausgaben zitiert: 1. Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe, im Auftrag der Preußischen Akademie der Wissenschaften begründet und herausgegeben von Eduard Berend et al., Weimar 1927ff.: Abteilung I: Zu Lebzeiten des Dichters erschienene Werke; Abteilung II: Nachlaß; Abteilung III: Briefe; Abteilung IV: Briefe an Jean Paul (hg. von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften durch Norbert Miller); die Nachweise der Zitate aus der Historisch-kritischen Ausgabe erfolgen nach dem Muster: Abteilung (römische Ziffer), Band (arabische Ziffer) und Seite, Zeile, bei Briefen gefolgt von der Briefnummer; 2. Sämtliche Werke (10 Bände), hg. von Norbert Miller, München und Wien (Hanser) 1959–1985 (Abt. 1: Werke, Abt. 2: Jugendwerke und Vermischte Schriften), der Nachweis von Zitaten aus dieser Ausgabe erfolgt unter der Sigle SW, gefolgt von der Angabe der Abteilung (römische Ziffer), des Bandes (lateinische Ziffer) und der Seite; weiterhin: Jean Paul: Lebenserschreibung. Veröffentlichte und nachgelassene autobiographische Schriften, hg. von Helmut Pfotenhauer unter Mitarbeit von Thomas Meißner, München, Wien 2004, sowie Jean Paul: Ideen-Gewimmel, Texte und Aufzeichnungen aus dem unveröffentlichten Nachlaß, hg. von Kurt Wölfel und Thomas Wirtz, Frankfurt/Main 1996.
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der Zeitlosigkeit werden mystische Ewigkeitsfunken geschlagen. Die Romantiker haben wenig später auf diese Tradition ausgiebig zurückgegriffen, namentlich auch in ihren Korrespondenzen.2 Jean Paul bedient sich dieses Schemas. Und er sprengt es. Die Sprengsätze befinden sich, wie so oft bei ihm, in den Metaphern. Die Zeit zur Unterredung werde von „Terzienuhren“ gemessen, so schreibt er. Dem 1795 erschienenen fünften Band des Physikalischen Wörterbuchs von Johann Samuel Gehler lässt sich entnehmen, was damit gemeint ist: „An solchen Uhren“, so heißt es dort, „läuft […] ein Zeiger in einer Secunde um, und bemerkt auf der in 60 Theile getheilten Scheibe des Zifferblatts Tertien. Zugleich ist ein Drücker angebracht, mit dem man in jedem Augenblicke das stillstehende Uhrwerk loslassen, oder das gehende hemmen kann, um die Zahl der Tertien, bey der der Zeiger stehen blieb, in der Ruhe zu bemerken.“3 Die Terzienuhr ist also eine für die damalige Zeit außerordentlich genaue Stoppuhr. Ein Messinstrument von solcher Genauigkeit diente natürlich zunächst einmal der Grundlagenforschung. Auch hierüber gibt Gehlers Wörterbuch Auskunft: „Schon 1778 beobachteten die Herren Kästner und Mayer auf der Sternwarte zu Göttingen mit einer Tertienuhr […] die Geschwindigkeit des Schalls aus einer Entfernung, deren Größe aus einer gemessenen Standlinie berechnet war […] Herr Major Müller in Göttingen bediente sich 1791 dazu einer von Herrn Ahrens in Hannover verfertigten Tertienuhr […]. Er hatte auf dem Felde bey Göttingen unterschiedene Linien […] sorgfältig gemessen. […] Abends bey ganz heiterm Himmel und kaum merklichen östlichen Winde […] ließ er an einem Ende dieser Linie starke Kanonenschläge legen, und beobachtete am andern Blitz und Knall.“4 Was bewegt nun aber Jean Paul dazu, das Bild von der Terzienuhr in diesem Zusammenhang zu verwenden? Sicherlich nicht allein die Freude am metaphorischen Knalleffekt. Bezugspunkt ist vielmehr der bereits erwähnte, bis in die Antike zurückreichende briefstellerische Grundgedanke, demzufolge Korrespondenz als ein fortgesetztes Gespräch zwischen getrennten Freunden oder Liebenden zu verstehen sei. Jean Paul schreibt ja ausdrücklich, seine Gesprächszeit werde von Terzienuhren gemessen. Die Terzienuhr wird somit in der metaphorischen Nutzanwendung auch zum Instrument, das die Grenzen des Kommunikationsmodells „Gespräch“ abmisst. Der unüberbrückbare Abstand, durch den 2 3 4
Vgl. Karl Heinz Bohrer: Der romantische Brief. Die Entstehung ästhetischer Subjektivität, Frankfurt/Main 1989 (zuerst München, Wien 1987), S. 103ff. Johann Samuel Traugott Gehler: Physikalisches Wörterbuch oder Versuch einer Erklärung der vornehmsten Begriffe und Kunstwörter der Naturlehre mit kurzen Nachrichten von der Geschichte der Erfindungen, Band 5 (Supplemente), Leipzig: Schwickert 1795, S. 811. Ebd. S. 811–812.
Liebesbriefkultur im Jean-Paul-Kreis
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Subjekte voneinander geschieden sind, die Inkommensurabilität des Fremdpsychischen, wird auf diese Weise protokolliert. Diesen Hiatus zu überwinden, gelingt der empfindsamen Konvention zufolge allenfalls einer sprachlosen Kommunikation. In ihr wird die Zeit aufgehoben. Dies ist der andere Zeitmodus, auf den in diesem Zitat angespielt wird. Die Rhetorik des späten 18. Jahrhunderts hält für diese Aufhebung der Zeit durch den Augenblick unzählige Bilder und Metaphern bereit. Die Schäferstunde ist eines dieser Bilder. Jean Paul aber verzerrt das Bild, lässt es sich selbst aufheben. Nicht erfüllte Schäferstunden bilden bei ihm den Gegenpol zur reißenden Zeit, sondern „Schäfersekunden“. Damit ist die erwünschte Kompensation in dem Moment, in dem sie zitiert wird, bereits außer Kraft gesetzt. Denn die arkadische Zeit ist nicht dividierbar. Die Schäferstunde ist bereits die kleinste mögliche Einheit des erfüllten Augenblicks sub specie Arkadiens. „Schäfersekunden“ sind allenfalls Splitter von erfüllten Augenblicken, sie sind der reißenden Zeit bereits wieder verfallen. In meinen nachfolgenden Überlegungen will ich die eigenwillige Verkürzung der briefstellerischen Perspektiven, die das Jean-Paul-Zitat auszeichnet, zu erklären versuchen, und zwar im Rückgriff auf die Konzepte von Nähe und Distanz, von imaginierter Gleichzeitigkeit einerseits und realen Gangunterschieden andererseits im Briefverkehr, die Jean Paul in der intellektuellen Provinz entwickelte, aus der er stammte.
II Ende der 80er bis Anfang der 90er Jahre des 18. Jahrhunderts hatte der zu dieser Zeit noch weitgehend unbekannte, in Hof im Vogtland lebende Dichter Johann Paul Friedrich Richter – so der Geburtsname Jean Pauls – in und mit seinem regionalen Freundeskreis ein Kommunikationsmodell entwickelt, das unter dem Stichwort „Simultanliebe“ bekannt geworden ist.5 Die Kommunikation wurde bestimmt von einem schwärmerischen Freundschafts- und Liebesideal, von der Priorität des empfindsamen Briefwechsels vor der mündlichen Kommunikation, von der Gefühlsproliferation durch gemeinsame Lektüre von Briefen und Texten etc. Zur gleichen Zeit hatte der junge Richter auch sein Autor-Ich neu formatiert: das Pseudonym „Jean Paul“, das nun in der Korrespondenz und in den Veröffentlichungen als Kontrasignatur auftaucht, löste das alte – „J.P.F.
5
Vgl. das Kapitel „Simultanliebhabereien“ in Rolf Vollmanns „biographischem Essay“ Das Tolle neben dem Schönen (München 1978, zuerst Hamburg 1975), S. 64–77.
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Hasus“ – ab, das weitgehend exklusiv für den publizistischen Bereich reserviert war.6 Ebensowenig wie Stil und Tendenz der satirischen Dichtungen, mit denen Jean Paul zuvor bereits – mit nur mäßigem Erfolg – aufgetreten war, sowie der empfindsamen Romane, mit denen ihm später der Durchbruch zum literarischen Ruhm gelang, ist freilich auch die Idee, die traditionelle Zweiseitigkeit von Liebeskorrespondenz in ein gemeinschaftliches Kommunikationsnetz einzubinden, etwas voraussetzungslos Neues. Der moralisch-enthusiastische Impuls sowie der Kommunikations-Platonismus, der sich in einer Dominanz des Modells „hohes Geistergespräch“ manifestiert,7 hat seine Vorläufer, zum Beispiel in den Epistolar-Zirkeln um Gleim und Klopstock. Albrecht Koschorke hat gezeigt, wie dort seit Mitte des 18. Jahrhunderts die schriftliche Kommunikation in Gestalt einer „medialen Neuorganisation erotischer Wünsche“ neu konfiguriert wurde:8 die bürgerlichen Tugendgebote und die rhetorisch-literarischen Inszenierungen überschneiden sich und führen, namentlich im Grenzbereich zwischen privater und öffentlicher Schriftlichkeit, zu Doppeldeutigkeiten: „Nur unter der Bedingung, daß er nicht ist, wie er schreibt, verfaßt der Dichter sinnenfrohe und freizügige Verse. Die evozierte Erotik hält sich in den Grenzen eines sprachlichen Spieles, während außerhalb der Poesie die bürgerlichen Tugendgebote fortgelten.“9 Die pastoralen Einkleidungen dieser Epistolar-Schäferstunden sind freilich nur das Vorspiel zu den ausschweifenden Brief- und Romaninszenierungen der späteren Empfindsamkeit, in denen die Kluft zwischen den Tugendpostulaten einerseits und der lektüreinduzierten Sinnlichkeit andererseits immer deutlicher wird: Namentlich unter dem Einfluss der englischen Vorbilder Richardson10 und Sterne betritt ein Romanpersonal die literarische Bühne, das von der Diskrepanz der widersprüchlichen Motivationen (Tugendgebot vs. literarische Repräsentation der Sinnlichkeit) sehr viel deutlicher gezeichnet ist als es die Unschuldsminen der anakre6 7
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9 10
Vgl. das erste Auftauchen des Namens „Jean Paul“ im Brief an Friederike Otto vom 9. Mai 1792 (III 1, 349,6, Nr. 386). Vgl. Karl Otto Brogsitter: Das hohe Geistergespräch. Studien zur Geschichte der humanistischen Vorstellungen von einer zeitlosen Gemeinschaft der großen Geister, Bonn 1958, sowie Jörg Paulus: Gerüchteküche und Geistergesprächswerkstatt. Zur Poetisierung des Skandalösen bei Jean Paul (am Beispiel einer Fußnote im „Siebenkäs“), in: Jahrbuch der Jean-Paul-Gesellschaft 41 (2006), S. 113–129. Albrecht Koschorke: Die Verschriftlichung der Liebe und ihre empfindsamen Folgen. Zu Modellen erotischer Autorschaft bei Gleim, Lessing und Klopstock, in: Lesen und Schreiben im 17. und 18. Jahrhundert, hg. von Paul Goetsch, Tübingen 1994, S. 251–264, hier S. 255; vgl. auch vom selben Verfasser: Körperströme und Schriftverkehr. Mediologie des 18. Jahrhunderts, München 1999. Koschorke: Die Verschriftlichung der Liebe [Anm. 8], S. 256. Vgl. den Beitrag von Franz Meier in diesem Band.
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ontischen Schäferinnen und Schäfer zuvor hätten erahnen lassen. Um die Jahrhundertwende wird diese Doppelgesichtigkeit ihre wohl eindrucksvollste Ausformung finden in den Gestalten des maßlosen Verführers Roquairol und seines tugendhaften Gegenübers Albano aus Jean Pauls „Kardinalroman“ Titan (1800–1803): Als ein verheerend grandioser Dilettant in der Kunst des Lebens, das er stets nur nachahmt, wird Roquairol zum „Kind und Opfer“11 des Jahrhunderts der Gefühlsinszenierungen, und erst „mit dem Grabe [schließt sich] der Janustempel seines Lebens zu.“12 Zum Repertoire seiner Verführungspraktiken gehört auch das Fälschen von Liebesbriefen, nämlich derjenigen Albanos, der vormals sein Freund gewesen ist: „Er [Roquairol] zerlegte kalt Albanos Briefe der Liebe in große und kleine Buchstaben, bloß um sie pünktlich nachzuahmen.“13 Mithilfe dieser Fälschungen kommt er, unterstützt von einer eifersüchtigen Fürstin, ans Ziel seines Begehrens, das weniger in der Verführung der Begehrten als vielmehr in der Mitteilung, der Veröffentlichung der Verführung besteht. In der Perspektive des Erzählers, die dem Konstruktionsprinzip des Romans zufolge transitiv zur Perspektive der Leser und Leserinnen werden soll, erscheint das System der Simultanliebe, also der Kult des gemeinsamen Schreibens, Lesens und Empfindens von Liebeskorrespondenz, im Modus der Perversion. Der empfindsame und moralische Gehalt der Briefe wird materialistisch in Buchstaben zergliedert und somit sexualstrategisch verfügbar gemacht. Als besonders verrucht muss diese Strategie für das empfindsam gestimmte Lesepublikum vor dem Hintergrund der ‚unschuldigen‘ Liebesbriefkultur erscheinen, die mit Albano assoziiert wird und die im siebten Abschnitt, der siebenten „Jobelperiode“ des Romans, charakterisiert wird: „Die erste junge Liebe hat wie die der Geschäftsleute […] keine Sprachwerkzeuge, höchstens eine tragbare Schreibfeder mit Dinte.“14 In der Gegenüberstellung der komplementären Strategien – derjenigen Albanos und derjenigen Roquairols – positioniert sich Jean Paul als der führende Stratege einer „neuen medialen Ordnung der Gefühle“15 und seine Romanfiguren werden zum janusköpfigen Emblem von Bewahrung und Umwertung aller empfindsamen Werte der Liebesbriefkultur des 18. Jahrhunderts.
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SW I 3, S. 262. Ebd., S. 790. Ebd., S. 732. Ebd., S. 183. Uwe C. Steiner: Als Schrift der Liebe Nahrung wurde. Zur Alphabetisierung der Empfindsamkeit, in: Liebe komm. Botschaften des Herzens, hg. von Benedikt Burkard, Kataloge der Museumsstiftung Post und Telekommunikation, Bd. 17, 2003, S. 82–95.
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III Ausgerechnet Jean Paul also, in dessen Werk Sexualität zumeist nur im Modus der Umschreibung in Erscheinung tritt, gelingt es, die vielleicht faszinierendste Verführerfigur der deutschsprachigen empfindsamen Literatur zu schaffen. In marktstrategischer Hinsicht gelingt ihm dies, indem er das Modell einer dem Verführer-Egoismus vom Typus Roquairol entgegengesetzten Liebeskultur, der Kultur der „Simultanliebe“, als Innovation auf dem literarischen Markt in Umlauf bringt. Für den beträchtlichen Einfluss, den Jean Pauls Liebesphilosophie auf die Praxis des Liebesbriefs im 19. Jahrhundert ausübte,16 war entscheidend, dass sie als etwas real Gelebtes glaubhaft gemacht werden konnte. Die literarischen Techniken der Authentifizierung mussten funktionieren. Im Folgenden soll es um die Voraussetzungen dieser Techniken in der provinziellen Lebenswelt Jean Pauls gehen, um die historische Beglaubigung des literarischen Glaubhaftmachens. Die zwei miteinander verbundenen Thesen, die ich dabei vertreten will, sind – erstens – dass die Werke Jean Pauls, vor aller Wirkung, die sie ausüben konnten, so wie sie sind, überhaupt nur im Kontext einer bestimmten sozialen Praxis entstehen konnten, die von der Simultanliebeskonzeption geprägt wurde,17 und – zweitens – dass dieser Prägung von Anfang an ein ökonomisches Muster mit eingeschrieben ist. Mit der „erste[n] junge[n] Liebe“ Albanos im Titan hat die Simultanliebe in ihrer Gründungsphase um 1790 eine Reihe von Gemeinsamkeiten: die „Sprachwerkzeuge“ dieser Liebe werden abgewertet gegenüber den „tragbare[n] Schreibfeder[n]“, in und durch die sie sich ergießt, und die kommunikative Dynamik wird mit derjenigen des ökonomischen Eros, der Liebe der „Geschäftsleute“, parallelisiert. Tatsächlich wird die Verschränkung von Bücherwelt und empfindsam modellierter Lebenswelt sinnfällig auch in Jean Pauls Verlegerbriefwechseln. Ein Brief aus der Zeit, als die „Simultanliebe“ in Jean Pauls Hofer Freundeskreis bereits umfassend etabliert war, macht dies deutlich. In einem Schreiben aus dem Jahr 1794 an den Berliner Verleger Carl Matzdorff (1765–1839), welches das Manuskript des Hesperus begleitete, heißt es: „[H]ier haben Sie […] den ganzen Gipsabgus meines innern Menschen“; zugleich bittet Jean Paul den Verleger um baldige Anweisung des Honorars: „Wie sehr ichs [ge16 17
Vgl. auch den Beitrag von Roman Lach in diesem Band. Diese soziale Praxis ließe sich auch beschreiben als Versuch einer Positionsbesetzung auf dem literarischen Feld im Sinne der Feldtheorie Pierre Bourdieus; Bourdieu selbst hat beiläufig den Vorschlag gemacht, „Briefwechsel von Geliebten“ als Dokumente auszuwerten, die bestimmte Habitus-Konstellationen im sozialen Raum charakterisieren, vgl. Pierre Bourdieu: Das literarische Feld, in: Streifzüge durch das literarische Feld, hg. von Louis Pinto, Franz Schultheis, Konstanz 1997, S. 33–148, hier S. 95, Anm. 56.
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meint ist: das Honorar, Anm. J.P.] brauche, würden Sie weniger errathen, wenn ich Ihnen nicht hinterbrächte, daß ich mich verliebt habe. Ein Mensch, der immer fremde Geliebte für die Presse malet, sieht sich zulezt nach einer eignen um, an der nichts gedrukt ist als der – Kattun. Ich […] bin gegenwärtig Bräutigam.“ (Brief vom 9.8.1794, in: III 2, 17,18–18,1, Nr. 15) Ob es sich bei der mit bedrucktem Kattun eingekleideten Geliebten um eine reale oder um eine fiktive Person handelte, konnte von Berlin aus freilich nicht entschieden werden. Bei den Verhandlungen mit Matzdorff spielte die Geliebte im Briefformat gleichwohl ihre Rolle mit Erfolg: Der Verleger verspricht im Antwortschreiben, ihre Stimme bei der Vereinbarung des „Kaufpactium[s]“ zu berücksichtigen und „den Antheil, den sie als Orginal oder Muse“ an Jean Pauls „Gemählden“ (also den Romanen) habe, zu berücksichtigen (Brief vom 30.8.1794, in: IV 2, 20,12– 15, Nr. 7). Der Verleger wird so in das System der „Simultanliebe“ integriert, das im Buch, das zu verlegen er sich anschickt, expliziert wird. In der ersten Auflage des Hesperus von 1795 lautet die entsprechende Passage: Die Tutti- oder Simultanliebe ist zu wenig bekannt. Es ist noch keine Definizion davon da als meine: in unsern Tagen sind nämlich die Lesekabineter, die Tanzsäle, die Konzertsäle, die Weinberge, die Koffee- und Theetische, diese sind die Treibhäuser unsers Herzens und die Reffinerien unserer Nerven, jenes wird zu gros, diese zu fein – wenn nun in diesen ehelustigen und ehelosen Zeiten ein Jüngling, der noch auf seine Messiasinn wie ein Jude passet und der noch ohne den Gegenstand des erotischen con brio des Herzens ist, von ungefähr mit einer TanzMoitistin etc. mit einer Klubistin oder Associee, oder Amtsschwester oder LitisKonsortinn hundert Seiten in Salis oder Göthe lieset – oder mit ihr über den Kleeoder Seidenbau oder über Kants Prolegomena drei bis vier Briefe wechselt – oder ihr fünfmal den Puder mit dem Pudermesser von der Stirne kehrt – oder neben und mit ihr betäubende Säbelbohnen anbindet – oder gar in der Geisterstunde (die eben so oft zur Schäferstunde wird) über das erste Prinzip der Moral diskursirt: so ist so viel gewiß, daß der besagte Jüngling (wenn anders Feinheit, Gefühl und Besonnenheit einander die Wage in ihm halten) ein wenig toll thun und für die besagte Moitistin (wenn sie anders nicht mit Hökern des Kopfes oder Herzens an seine Fühlfäden stösset) etwas empfinden muß, das zu warm ist für die Freundschaft, zu unreif für die Liebe, das an jene gränzt, weil es mehrere Gegenstände einschließt, und an diese, weil es an dieser stirbt. Und das ist eben nichts anders als meine Tutti-Liebe. Diese Universalliebe ist ein ungegliederter Fausthandschuh, in den, weil keine Verschläge die vier Finger trennen, jede Hand letztlich hineinfährt – in die Parzialliebe oder in den Fingerhandschuh drängt sich nur eine einzige Hand.18
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Hesperus, oder 45 Hundsposttage. Eine Biographie von Jean Paul. Erstes Heftlein, Berlin: Matzdorff’sche Buchhandlung 1795, S. 274–276 (ein Druckfehler, die Ausrichtung der Klammern betreffend, wurde stillschweigend emendiert). Weder die Historisch-kritische noch die Hanser-Ausgabe haben diese Auflage zur Textgrundlage gemacht, doch wird die Erstausgabe durch die in Arbeit befindliche Abteilung 1a der Historisch-kritischen Aus-
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Satirische Passagen wie diese hätten freilich schwerlich so große Resonanz gefunden, wären sie nicht eingebettet gewesen in ein Zwiegespräch des Autors mit der Leserschaft: Jean Paul hatte diesen weitläufigen Ausführungen die konkrete Frage an den Leser vorausgeschickt, was dieser von der „Weiber-Liebhaberei“ des Romanhelden Victor Horion halte und wie er, der Leser, sich diese Liebhaberei erkläre. Die dem Leser unterstellte gewundene Antwort, die darauf hinausläuft, dass die Romanheldin Klotilde hierfür verantwortlich zu machen sei, hatte Jean Paul dann mit den Worten kommentiert: „Einen närrischen philosophischen Styl hat sich der Leser angewöhnt.“19 Leser und Leserinnen werden also durch das Medium des Sprachstils sowie durch die Einebnung des Stil- und Kompetenzunterschieds, die in anderen Texten Leser und Erzähler voneinander trennen, in die vorgebliche Lebenswelt des Erzählers eingemeindet. So wie, Jean Pauls Text zufolge, Geister- und Schäferstunden in einer Art enharmonischen Wechsels ineinander übergehen können (vgl. seinen Hinweis auf die „Geisterstunde“, die „eben so oft zur Schäferstunde wird“), treten auch Realität und Fiktion in ein unauflösliches Wechselverhältnis zueinander. Dass eine reale oder vorgeblich reale Lebenswelt in die Bücherwelt Jean Pauls einbezogen war, wusste freilich zumindest der Verleger schon aus Jean Pauls erstem Roman Die unsichtbare Loge (1793), den der Dichter durch Vermittlung von Karl Philipp Moritz in Matzdorffs Verlag publizieren konnte, dem aber noch nicht der durchschlagende Erfolg des Hesperus zuteil geworden war. In beiden Werken taucht der Erzähler „Jean Paul“ auf, und das Bild, das von diesem Erzähler entworfen wird, ist mit zahlreichen Hinweisen auf seine Umwelt, seine Familie, seinen Freundeskreis ausgestattet. Zugleich bemüht er sich aber auch, gleichsam in einem permanenten erzählerischen accelerando, die erzählte Zeit einzuholen, befindet sich also in einer gegenläufigen Flucht in die Fiktionalität (denn die Gegenwart des Erzählens kann ganz offensichtlich nicht mit der des Lesens übereinstimmen). Die transitorische Funktion des Briefwechsels als Medium, das zwischen realer und imaginärer Welt vermittelt, hat ihre Ursprünge in einer Phase von Jean Pauls intellektueller Entwicklung, in der das vom Namen des Vorbildes Jean-Jacques Rousseau abgeleitete Pseudonym „Jean Paul“ noch nicht aus der Taufe gehoben war. Durch ein Briefkonzept, das auf den 22. Mai 1784 zu datieren ist, ist zum Beispiel jener eigenwillige Auftritt des Leipziger Studenten Richter beglaubigt, der später in literarischer Umformung im Roman Flegeljahre verarbeitet wurde:
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gabe wieder zugänglich gemacht werden, als deren erster Band der Hesperus (hg. von Barbara Hunfeld) erscheinen wird. Ebd. S. 273–274.
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Wenn Sie diesen Brief werden durchgelesen haben, wird Ihnen der Überbringer desselben ein Pak Satiren übergeben, das ich Sie auch durchzulesen bitte […] Das Buch, dessen Probe ich Ihnen hier sende, wird einen starken Oktav[band] geben oder besser in zwei kleine zerfallen. – Ich hätte dieses stat schriftlich eben so gut mündlich sagen können, aber niemand ist unfähiger als ich, aus dem Stegreif oder vom Blatte zu reden. Sie können diese Unfähigkeit daraus abnehmen, weil ich einen Brief geschrieben, ungeachtet ich doch der Überbringer desselben, der jezt mit einem sehr einfältigen Gesichte vor Ihnen steht, selber bin. Doch werd’ ich Sie mündlich wenigstens versichern, daß ich etc.(Jean Paul an J.F. Hartknoch, 22.5.1784, in: III 1, 119, Nr. 71)
Der Briefschreiber stellt sich selbst, gleichsam als Beilage, dem Empfänger zu. Oder ist umgekehrt der Brief die Beilage der Person? Die Methode, in der eigenen Verschriftlichung aufzugehen, bleibt jedenfalls das durchgängige Merkmal fast aller Publikationen Jean Pauls, sein Markenzeichen, mit dem er seine Stellung im literarischen Feld kennzeichnet. Vom Jahr 1784 aus gesehen wird es allerdings noch geraume Zeit dauern, bis diese Strategie wirklich Früchte trägt. Vorerst wird sie nur im sozialen Leben, das durch den Briefwechsel dokumentiert ist, etabliert. Im November des Jahres 1784 bricht Jean Paul sein Studium in Leipzig ab und flieht vor den Gläubigern in seine oberfränkische Heimat, nach Hof. Dort bemüht er sich sieben Jahre lang vergeblich, an den Achtungserfolg seiner ersten Publikation, die Satirensammlung Grönländische Prozesse, anzuknüpfen. Satiren, die sich vornehmlich an ein gelehrtes Publikum richten, finden keine Leser mehr.20 Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre vollzieht sich dann eine literarische Neuorientierung. Monika Meier hat darauf hingewiesen, dass diese Neuorientierung „als ein vielschichtiger und zahlreiche Lebensdimensionen umfassender Prozeß“ zu begreifen ist, „in den Freundinnen, Freunde und Bekannte des Autors einbezogen und an dem sie aktiv beteiligt waren.“21 Sowohl in den Briefwechseln als auch in den Schriften wird ein neuer Ton angeschlagen: Preisfrage an die erotische Akademie, wie weit darf die Freundschaft gegen das weibliche Geschlecht gehen? lautet zum Beispiel einer der Texte dieser Zeit. In der Jean-Paul-Literatur wird häufig der gesamte gesellige Kontext dieser Zeit als die „erotische Akademie“ Jean Pauls bezeichnet.22 Leserinnen rücken nun als intendiertes Publikum seiner Werke ins Zentrum. Literarische und briefliche Adressierungen lassen sich dabei häufig kaum voneinander unterscheiden. Kurzum: die Empfindsamkeit ist nachdrücklich in der Provinz angekommen, das System Simultanliebe wird lebenspraktisch vorbereitet. Auch die 20 21 22
Vgl. Wulf Köpke: Erfolglosigkeit. Zum Frühwerk Jean Pauls, München 1977. Monika Meier: „Da der erste Theil Ihres Briefs so war wie Ihr Abschied, (doch Sie nahmen gar keinen) …“. Briefe an Jean Paul 1781–1797, in: Jahrbuch der Jean Paul Gesellschaft 39 (2004), S. 17–26, hier S. 18. Vgl. Uwe Schweikert: Jean Paul, Stuttgart 1970, S. 30.
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Idee der Simultanliebe selbst entwickelt sich im Briefverkehr. Von dort aus diffundiert sie dann über briefassoziierte Textformen, also Briefbeilagen und literarisierte Briefe in das schriftstellerische Werk:23 Ihre erste Spur findet sich in einem Brief vom 24. Oktober 1790, worin das Stichwort von der „Simultanliebe“ zwar gar nicht fällt; aber die Argumente, mit denen Jean Paul sein kommunikatives und erotisches Konzept verteidigt, sind doch genau diejenigen, mit denen er die Idee auch in späteren Schriften verficht, zuletzt, wie bereits zitiert, im 11. Hundsposttag des Hesperus, wo er dann in aller Form das Urheberrecht am Gedanken der „Simultan- oder Tutti-Liebe“ für sich beansprucht: „Da ich zuerst diese Sache und Insel entdeckt habe: so kann ich ihr den Namen schenken, womit sie andre nennen und rufen müssen“.24 Bezeichnenderweise ist die Gründungsurkunde der Simultanliebe aber nicht ein Brief an eine der Geliebten – Adressatin ist vielmehr eine der Mütter aus dem Freundeskreis, nämlich die Ehefrau des Kaiserlichen Reichspostmeisters Johann Gottlieb Joachim Wirth in Hof, Friederike Wirth (1743–1808). Die Adressatin symbolisiert also die Verbindung von empfindsamem Briefverkehr und öffentlicher Kommunikation, von Schäferwelt der Jugend und adulter Geschäftswelt. Der Brief selbst ist, wie viele andere, nur in einer Kopie im Briefkopierbuch Jean Pauls überliefert. Er beginnt dort mit den Worten: „Ich weis nicht, leg’ ich Ihnen die Empfehlung bei oder bring’ ich sie selbst […]“ (III 1, 309,18–19, Nr. 343). Erneut wird also die Frage nach der Priorität von schriftlicher versus mündlicher Präsentationsform gestellt. Wie immer Jean Paul sich aber hinsichtlich des Empfehlungsschreibens entschieden hat, das zentrale Anliegen des Briefes, die Rechtfertigung seines Systems, trägt er jedenfalls schriftlich vor. Diese Rechtfertigung wird zunächst als Resultat einer Rechenoperation, einer quasi kaufmännischen Kalkulation, dargestellt. Jean Paul schreibt: Ich nahm einen Schiefer und rechnete es heraus, daß ein Geselschafthausierer, ein unter dem schönen Geschlechte herumirender Ritter am passabelsten daran [sei]: nicht blos weil er in iedem Tempel eine Schutzheilige anzubeten findet oder weil er das ungefundne, vielleicht ungeschafne Ideal, vor dem seine Seele kniet, handhaben, drehen, drechseln, puzen kann wie er will, welches mit etwas Lebendigerem nicht angienge (ebd., Z. 19–25).
Die Solidität der Rechnung und die Verwendung des handwerklichen Vokabulars (drehen, drechseln, putzen) stehen im Widerspruch zur Zweideutigkeit der Anspielungen – namentlich zu derjenigen auf den „unter dem schönen Geschlechte herumirrenden Ritter“, die wohl auf den weitläufigen Titel von Johann Gottfried Schnabels erotischem Roman Der im 23 24
Vgl. IV. 1, S. 669, Kommentar zum Brief von Renate Wirth an Jean Paul vom 2.5.1792, Nr 134. Jean Paul: Hesperus [Anm. 18], 1. Heftlein, S. 275.
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Irr-Garten der Liebe herum taumelnde Cavallier25 verweist. Wie der Titel dieses Romans lässt auch Jean Pauls Argument eine zweifache Lesart zu, eine moralisch beruhigende und eine sinnlich-literarisch anregende. Die doppelte Buchführung des Gedankens wird jedoch, und das ist spezifisch für Jean Pauls Modellierung der erotischen Schäferwelt, in der Summa der Schiefertafel-Berechnung abgeglichen. Sie setzt den satirischen Tonfall außer Kraft: Jean Paul verweist abschließend auf die „Folter, auf der der H. Pfarrer liegt und die die Schmerzen zerrissener Freundschaft übersteigt“ (III 1, 309,26–27) und extrapoliert von hier aus die Schmerzen, die er selbst in möglichen 30 Ehejahren zu erwarten hätte. Das Schicksal eines befreundeten Theologen, Johann Samuel Völkel, der soeben seine Frau verloren hatte, wird so zur Basis einer literarischen Spekulation. Tatsächlich entwickelt Jean Paul diesen Gedanken gleichzeitig zu einer sich intensivierenden Auseinandersetzung mit dem Tod. Diese Beschäftigung kulminiert nur wenige Tage nach dem Brief an Friederike Wirth in der berühmten Todesvision vom 15. November 1790: 15. Nov. Wichtigste[r] Abend meines Lebens: denn ich empfand den Gedanken des Todes, daß es schlechterdings kein Unterschied ist ob ich morgen oder in 30 Jahren sterbe, daß alle Plane und alles mir davonschwindet und daß ich die armen Menschen lieben sol, die sobald mit ihrem Bisgen Leben niedersinken – der Gedanke gieng bis zur Gleichgültigkeit in allen Geschäften.26
Der Gedanke an das Sterben lässt hier die Macht des ökonomischen und sozialen Feldes als vernachlässigbar erscheinen – gleichwohl verweist, ex negativo, das Stichwort „Geschäfte“ noch auf diesen Kontext. Im Angesicht des Todes sind Liebes- und Geschäftsleben gleichermaßen nichtig. Was jedoch mit dem Hinweis auf den großen Gleichmacher Tod überspielt wird, ist die fortdauernde Relevanz der sozialen Welt: Während vor dem Tod alle gleich sind, ist die Simultanliebe in hohem Maße sozial profiliert. Und zwar sowohl im Ideal wie in der Wirklichkeit. Wie die Anspielung auf den irrenden Ritter zeigt, wird zunächst ein höfisches Liebesideal statuiert, also die „Negativfolie“ der empfindsamen Briefkultur aufgespannt.27 Auch der gegenüber Friederike Wirth erwähnte „Geselschafthausirer“ ist nicht als Landstreicher zu verstehen. Man muss ihn sich viel25
26 27
Der vollständige Titel lautet: Der im Irr-Garten der Liebe herum taumelnde Cavalier oder Reise- und Liebes-Geschichte Eines vornehmen Deutschen von Adel, Herrn von St.*** Welcher nach vielen, sowohl auf Reisen, als auch bey andern Gelegenheiten verübten Liebes-Excessen, endlich erfahren müssen, wie der Himmel die Sünden der Jugend im Alter zu bestraffen pflegt. Ehedem zusammen getragen durch den Herrn E.v.H. Nunmehro aber allen Wollüstigen zum Beyspiel und wohlmeinender Warnung in behörige Ordnung gebracht, und zum Drucke befördert Von einem Ungenannten. Warnungsstadt. Verlegts Siegmund Friedrich Leberecht. Anno 1738. Jean Paul: Lebenserschreibung [Anm. 1], S. 21. Vgl. Koschorke: Die Verschriftlichung der Liebe [Anm. 8], S. 260.
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mehr wie jenen Rosa Ewerard von Meyern vorstellen, der in Jean Pauls Roman Siebenkäs von Haus zu Haus geht und mit seinen adeligen Manieren gutbürgerliche Frauen betört. Vor diesem Hintergrund stellt sich dann die Frage nach der gesellschaftlichen Konstellation, auf der das System der Simultanliebe in der Wirklichkeit gründete. Die sozialen Verhältnisse sind hier sehr klar: Seinen Freundinnen/Geliebten gegenüber ist Jean Paul in jeder Hinsicht unterprivilegiert, der gescheiterte Student, der bei seiner nahezu mittellosen Mutter wohnt, kann sozial nicht konkurrieren. Im Zentrum des Systems der Simultanliebe stehen drei bzw. vier junge Frauen aus Hof: Helene Köhler (1769–1847), Renate Wirth (1775– 1848) und Amöne Herold (1774–1837), später auch deren jüngere Schwester Caroline (* 1779). Helene Köhler ist die jüngste Tochter des Hofer Kaufmanns und Bürgermeisters Franz Anton Köhler, Renate Wirth die Tochter des bereits erwähnten Kaiserlichen Reichspostmeisters, Amöne Herold die Tochter des Kaufmanns und Handelsherrn Johann Georg Herold, der eine große Manufaktur in Hof besitzt: eine Kattundruckerei (womit denn auch der lebensweltliche Bezug jener Passage im Brief an Matzdorff ans Licht kommt: „Kattun“ war das Stichwort, das dem Verleger gegenüber als Soliditätsnachweis gelten konnte). Gegen die symbolische Welt der Väter wird nun ein konkurrierendes literarisches Sozialsystem entworfen, das im Freundschafts- und Liebesbriefwechsel aus der Taufe gehoben wird: Die Stadt Hof wird umbenannt in „Saturnopolis“,28 eine „Akademie der Antisaturnopolitaner“29 wird einberufen, die in enger personeller Verflechtung mit der schon erwähnten sogenannten „erotischen Akademie“ steht; der empfindsame Briefwechsel der Akademiker wird nicht über die kaiserliche Reichspost abgewickelt, Briefe werden vielmehr von Hand zu Hand mitgeteilt oder vertraulich übermittelt. Auf diese Weise wird der Radius der Simultanliebe erweitert. So schreibt Jean Paul zum Beispiel aus Bayreuth, wohin er mit einem Schreiben Renate Wirths gereist ist, an dieselbe: Es ist nichts schöners als so (wie ichs mache) zur Thüre hineinfahren – die Person zum erstenmal sehen – ihr einen geliebten Brief hingeben – in drei Minuten bekant werden – in fünf Minuten lustig werden – und in achten verliebt – – (Brief vom 3.–4.9.1793, in: III 1, 400,27–30, Nr. 441).
Vor allem aber regt Jean Paul die Simultangeliebten zu einer geradezu frenetischen Produktion von empfindsamen Gefühlen an, zu einem fast fabrikmäßigen Ausstoß von Briefseufzern. Dies geschieht in Konkurrenz zum ökonomischen Feld der Region mit ihrer bedeutenden Textilwirt28 29
Vgl. IV 1, 214,20–22, Nr. 119 vom 24.12.1790 von Georg Christian Otto. Vgl. III 1, 314,3–31 und Z. 34–36, Nr. 351 vom 24.12.1790 an Georg Christian Otto und dessen Antwort vom 3. und 4. Januar 1791, IV 1, 214,–215, Nr. 120 sowie die dazugehörigen Erläuterungen, S. 620–621.
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schaft und Metallurgie.30 In einem Brief an Helene Köhler heißt es: „100,000,000,000 Ideen fliegen mir jezt durch den Kopf und doch passet keine her. […] Unter mir wird jetzt gespuhlet – neben mir gezwirnt – draussen gehämmert: und doch sol ich unter diesem Lärm einen Brief machen, in dem ich stat des Garns Gedanken spuhle und zwirne“ (III 1, 350,9–14, Nr. 389 vom 31.5.1792). Und in einem Schreiben an Renate Wirth steht: „Während den Unterbrechungen meines Briefs kam Ihrer. Die Seufzer eines schönen Herzens sind gleichsam der Athem und der Aether für das meinige. Ich athmete Ihre Gedanken ein“ (III 3, 391,20– 22, Nr. 435 vom 7.–10.7.1793). Die Antizipation der mündlichen Rede durch die Briefrede, wie sie in der Hartknoch-Anekdote präfiguriert ist, bleibt ein auffälliges Merkmal des Briefwechsels. Das uneingeforderte Briefgespräch ist das Präludium des realen. An Amöne Herold schreibt Jean Paul: „[…] so ists auf diesem Erdkügelgen allemal: wenn ein Man und eine Frau beisammen sind: so nimt der Schmerz und die Plage keinen Arm als den weiblichen. Z.B. Wenn ich und Sie beisammen sind: so hat niemand Vergnügen als ich und niemand Plage als Sie. So ists beim Machen und Lesen dieses Briefs“ (Brief vom 2.2.1791, in: III 2, 323,18–22, Nr. 360). Auch im Briefwechsel der „erotischen Akademie“ findet sich jedoch unter bestimmten Umständen das traditionelle Modell, das den Brief als einfachen Gesprächsersatz begreift. So zum Beispiel bei Renate Wirth, die im Sommer 1792 für einige Zeit von Hof nach Bayreuth geht. Sie schreibt: „Sie entzogen mir am Sonntag Ihre Gesellschaft, aber es hält mich nicht ab, mich mit Ihnen schriftlich zu unterhalten“ (Brief vom 24.4.1793, in: IV 1, 266,29–30, Nr. 143). Wenn sie sich aber in Hof aufhält, ein mündliches Gespräch also möglich wäre, dann schreibt Jean Paul an sie: „Um einen Vorwand des Schreibens zu haben, wil ich Sie um etc. ansprechen und welches mir lieber ist als etwas Gedruktes, um etwas Geschriebnes von Ihnen. Da Sie mir aus Bayreuth in Ihren Freuden der Seeligen schrieben: so werden Sie mir noch weniger einen [Brief] aus Hof versagen.“ (Brief vom 22.4.1790, in: III 1, 288,16–20, Nr. 317) In diesem Brief erprobt Jean Paul auch erstmals eine neue Steigerung des Antizipationsverfahrens. Er nimmt in seinem Brief den erbetenen Antwortbrief Renate Wirths vorweg, schreibt also in Ihrem Namen an sich selbst: Brief von ihr an mich Ich wette, Sie erwarten eher ein Testament von mir als einen Brief; aber Sie haben einmal mein Wort, das leichter in Hof zu geben als in Bayreuth zu halten ist. […] Meine Vergnügungen mag ich Ihnen nicht eher schildern als bis ich sie ver30
Vgl. Dieter Trautmann: Die wirtschaftliche und soziale Entwicklung der Stadt Hof von Anbeginn bis zur Gegenwart, Teil 1: Die Zeit bis zur Eingliederung in das Königreich Bayern (Chronik der Stadt Hof, Bd. VII,1), Hof 1979.
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loren, wie man von einer geliebten Person nur bei ihrer Abreise [ein Bild?] macht […] ihr seid wahrhaftig alle in einer Lichtform gezogen, ihr Manspersonen – einen halben Eimer Lügen färbt ihr mit einem Tropfen Wahrheit – […] und die einzige Liebe, in der ihr beständig seid, ist die gegen euch selbst. (III 1, 288,30– 289,13, Nr. 317)
Die mündliche bzw. schriftliche Kommunikation steht zu den Bedingungen ihrer Möglichkeit in einem paradoxen Verhältnis: Dort, wo die Möglichkeit zum Gespräch gegeben wäre, vertraut man sich der Schrift an; befindet man sich aber außerhalb der Reichweite mündlicher Rede, wird das imaginäre Gespräch im Brief nach den Regeln der briefstellerischen Konvention beschworen. Die in Jean Pauls Briefen an Renate Wirth immer wieder betonte Absicht, ganz aus Hof wegzuziehen, ist dabei als Steigerung dieses briefstellerischen Wechselspiels zu verstehen. Von einem Besuch bei Friedrich Wernlein in Neustadt an der Aisch, der gleichfalls zum Kreis der Simultanliebe gehört,31 schreibt er an sie: […] wir wollen uns lieben, eh wir uns trennen – dieser Abend hat meinen Entschlus aus Hof zu gehen, unveränderlich befestigt und beschleunigt […] – wenn dein Herz kein Echo mehr um sich findet, wird es oft mitten in der Freude sagen: ach der es kante, ist fortgegangen. Wenn es nicht so sagte: so wär’ es gar zu unglücklich. – Schreib mir wieder, Freundin! –“ (Brief vom vom 7.–10.7.1793, in: III 1, 393,22–28, Nr. 435)
Und wenig später schreibt er im gleichen Sinn an Amöne Herold: „stelte sich […] einmal eine Poststrasse zwischen uns beide: so würd’ uns eben die Entfernung einander durch Briefe nähern“ (Brief vom 2.10.1794, in: III 2, 24,15–16, Nr. 25).
IV Durch den ungeheuren Erfolg, den Jean Pauls Romane beim Publikum finden, wird diese Postutopie landesweit bekannt. Die Übertragung der Simultanliebe aus der Lebenswelt in die (handschriftliche und gedruckte) Buchstabenwelt wird nun ergänzt durch eine Rückübertragung, die von Seiten der Leser und Leserinnen ausgeht: Das Lektüreerlebnis soll der Realität zurückerstattet werden.32 Das Relais dieser Rückübertragung ist die fiktiv-reale Erzählerinstanz „Jean Paul“ – die Briefe sind simultan an „Jean Paul“ und an Jean Paul gerichtet, wobei natürlich doch vor allem 31 32
Vgl. Monika Meier: Von Atheismus bis Zauberabend. Der Neustädter Gymnasiallehrer Friedrich Wernlein (1765–1830) im Briefwechsel mit Jean Paul, in: Streiflichter aus der Heimatgeschichte Neustadt/Aisch, 28/29 (2005/06), S. 111–159. Vgl. zu den folgenden Abschnitten auch: Dorothea Böck und Jörg Paulus: Einleitung zu IV 2.
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letzterer das Ziel des schriftlichen Begehrens ist. Auffällig ist, dass viele der Schreiberinnen, bei allen individuellen Unterschieden, bestimmte sozialpsychologische Gemeinsamkeiten aufweisen: Ob sie Charlotte von Kalb, Wilhelmine von Kropff, Juliane von Krüdener, Emilie von Berlepsch oder Esther Bernard heißen, alle entwickeln unter dem Eindruck von Jean Pauls Schriften ein heftiges Verlangen, den Schöpfer dieser Dichtungen in ihr Leben treten zu sehen, welches nahezu durchgängig von Empfindungen des Ungenügens an der sozialen Realität (in beruflicher, sozialer und familiärer Hinsicht) gekennzeichnet ist. In sozialer Hinsicht ist es zumeist eine Anteilnahme von oben nach unten, die jedoch vom Habitus bewundernden Aufblickens konterkariert wird. Auch von männlicher Seite aus sieht sich Jean Paul mit dieser paradoxen Form gesteigerte Anteilnahme an seiner Person und an seinem Werk konfrontiert, so von Seiten des Leipziger Schriftstellers Friedrich von Oertel (1767–1807) und des Berliner Justizassessors Hans Georg von Ahlefeldt (1768 oder 1769 – 1828). Jean Paul versucht den Wünschen der Briefschreiber und Briefschreiberinnen gerecht zu werden, indem er sie – zunächst im Briefverkehr, später auch persönlich – in seinen Freundes- und Liebeskreis miteinbezieht: er vermittelt den Fremden den Briefkontakt zu seinen Hofer Freunden, informiert sie über sein Lebensumfeld, weist auf die lebensweltlichen Parallelen zu Einzelheiten seiner Werke hin. Ziel ist es, eine emotionale Übereinstimmung herzustellen, die zunächst durch die räumliche Entfernung und die soziale Differenz ausgeschlossen zu sein scheint. Der Brief wird zum Medium dieser Gefühlsharmonisierung. So schreibt Jean Paul zum Beispiel im ersten Brief an Friedrich von Oertel am 31. Dezember 1795: „Nichts ist süsser als einen Brief aufzureissen, der erst eine Reihe von Briefe anfängt. Ich bin begieriger nach Briefen als nach Büchern, diese müsten denn noch Handschriften sein, und ich wünschte die ganze Welt sezte sich nieder und schriebe nach Hof: ich wolt’ ihr antworten.“ (III 2, 136,18–21, Nr. 211) Und schon wenige Tage später heißt es in einem weiteren Schreiben an Oertel: Wir sind alle in so alternierenden Stimmungen beisammen – der eine ist heute warm, der andre morgen und der dritte übermorgen gegen Abend und selten begegnen sich die besten Menschen gerade in gleicher Wärme und in gleicher Kälte – und das Uebel ist so gros, daß ich oft das als ein gutes Mittel dagegen gehalten habe, wenn die Leute kaum zu einander sprächen sondern nur schrieben und wenn sich eine Geselschaft guter Freunde an einem Tisch zusammensezte und so mit einander bei so schneller Post Briefe wechselte von den äussersten Enden des Tisches. (III 2, 142,7–15)
Die Utopie einer durch imaginäre Gleichzeitigkeit bewirkten Harmonisierung der Gefühle hat dabei ihre Negativfolie in der postalischen Realität: die Postwege aus der Provinz und in die Provinz sind langsam, wenn
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Jörg Paulus
man einen Posttag verfehlt, ruht die Post, ein Zustand, der für Jean Paul stets Verdruss bedeutete: Für mich ists ein ordentlicher Lebens Stillstand, wenn ich einen Brief oder ein Paket, das, zu spät auf die Post gegeben, nun ohne Fahren und Reiten todt und unbeweglich mit all seinen lebenden Worten vor mir liegen [sehen] muß.33
Gedanken wie diese werden bis weit ins 19. Jahrhundert hinein als Figuren des postalischen memento mori wiederholt und variiert werden.34 Der oder die Liebende wird von ihnen nicht weniger heftig affiziert als der Autor, der Verzögerung oder Verlust einer Manuskriptsendung befürchtet. Auch hinsichtlich der Verlegerbeziehungen wechseln nun in Jean Pauls Leben die Vorzeichen, auch hier wird er vom Werbenden zum Umworbenen. Und auch die Verleger versuchen, Anschluss an den Simultanliebesdiskurs zu finden. Jean Paul lässt dies zu, wie bereits an dem Briefwechsel mit Matzdorff deutlich geworden ist. Zugleich treten nun aber zunehmend buchhändlerische Konkurrenten auf. Mit nahezu einem Duzend Verlegern verhandelt Jean Paul allein in den Jahren zwischen 1794 und 1797 über Verlagsprodukte aus seiner Feder, dazu kommen noch zahlreiche Herausgeber von Zeitschriften, Almanachen und Kalendern.35 In der Intensität des Werbens und im eifersüchtigen Schielen auf die Konkurrenz nähern sich die merkantilen Konstellationen nun noch stärker Liebesverhältnissen an: „ich würde nicht mehr auf den Nahmen Ihres Freundes Anspruch machen, ja ich müßte mehr oder weniger als Mensch seyn, wenn ich je gleichgültig werden könnte gegen den Verlust ihres neuesten Manuscripts“, schreibt zum Beispiel Matzdorff, als er erfährt, dass Jean Paul seine Idylle Leben des Quintus Fixlein (1796) bei einem Konkurrenten publizieren will (Brief vom 1.8.1795, in: IV 2, 91–92, Nr. 47). Matzdorff versucht daraufhin nicht nur, Jean Paul durch vorteilhafte Verlagsbedingungen an sich zu binden, sondern auch, indem er ihm das Patenamt bei seiner neu geborenen Tochter Pauline anträgt. An seinen Freund Christian Otto schreibt Jean Paul aus Weimar, wo ihn diese Anfrage erreicht: „Mazdorf hat mich […] zu Gevatter gebeten: ich führe also an jeder Hand eine Pauline.“ (Brief vom 17.–19.6.1796 aus Weimar, in: III 2, 214,8–9, Nr. 340) Das hier erwähnte andere Patenkind, das gleichfalls Pauline heißt, ist die neugeborene Tochter von Renate Wirth, also einer der Ur-Geliebten 33 34
35
Jean Paul: Ideengewimmel [Anm. 1], S. 77, Nr. 374, vgl. hierzu Jörg Paulus: Tote Post und Tintenprobe. Figuren der Stagnation bei Jean Paul, in: Stehende Gewässer. Medien der Stagnation, hg. von Helga Lutz et al., Berlin 2007, S. 121–125. Vgl. Rainer Baasner: Briefkultur im 19. Jahrhundert. Kommunikation, Konvention, Postpraxis, in: Briefkultur im 19. Jahrhundert, hg. von Rainer Baasner, S. 1–36, bes. S. 6– 10, sowie die Reflexionen des Fürsten Pückler-Muskau zu den dead letters, siehe den Beitrag von Andrea Hübener in diesem Band. Vgl. Ludwig Fertig: Ein Kaufladen voll Manuskripte. Jean Paul und seine Verleger. Frankfurt/Main 1989.
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Jean Pauls, die seit 1795 mit Christian Ottos Bruder Christoph Albrecht verheiratet war. Matzdorff wird somit mit neuem Nachdruck in den Kreis der Simultanliebe eingebunden. Das Ritual dieser Initiation besteht im epistolaren Fern-Händehalten, das von Jean Paul auch im Antwortschreiben an Matzdorff, in dem er die Patenschaft annimmt, beschworen wird: „ich wollte, ich könnte die eine Hand Ihnen, die andere ihr [Matzdorffs Ehefrau Henriette geb. von Faber, Anm. J.P.] geben und doch die 2 Arme noch so halten, daß sich darin meine theure Pathe wiegen könnte – Ich fülte beide Hände mit geliebten Händgen.“ (Brief vom 5.7.1796, in: III 2, 220,27–29, Nr. 351) Die Bereitschaft der Briefschreiber, sich den epistolaren Wunschvorstellungen Jean Pauls zu fügen, ist allerdings sehr unterschiedlich. Einige der neuen Korrespondenten halten sich an die Spielregeln der Simultanliebe, andere nicht. Zu denen, die mitspielen, gehören der bereits erwähnte schwärmerische Berliner Justizassesor Hans Georg von Ahlefeldt und die von diesem leidenschaftlich (und erfolglos) verehrte Offiziersgattin Wilhelmine von Kropff (* 1769), die von Berlin nach Bayreuth gezogen ist und somit in die Umgebung Jean Pauls gerückt ist. Man könnte sagen, dass das System der Simultanliebe in dieser Konstellation überhaupt erst seine idealtypische Form erhält. Jean Paul, zu dem Ahlefeldt Anfang 1796 in Kontakt tritt, wird zum Schutzpatron und Supervisor von dessen erträumter Liebe. Fast alle Briefe, die Ahlefeldt und Frau von Kropff aneinander schreiben, werden dem Dichter im voraus oder nachträglich zur emotionalen Beglaubigung vorgelegt. Jean Paul seinerseits macht die Briefe des Liebhabers und die Antworten der Angebeteten im Kreis seiner Freunde und Freundinnen in Hof bekannt, kommentiert sie und synchronisiert damit das überregionale Liebesgespräch mit dem regionalen. Bestimmend für diese gelungene Integration ist eine literarische Neu-Codierung des Namens der Geliebten. In den Liebesbriefen vor der Bekanntschaft mit Jean Paul hatte Ahlefeldt Frau von Kropff noch als „Minona“ angesprochen.36 Sie trug für ihn also den Namen einer Figur aus den Ossian-Epen James McPhersons, dem wirkungsmächtigsten Dokument literarischen Wunschdenkens um 1800.37 Nach der Begegnung tauft Ahlefeldt „Minona“ in „Klotilde“ um – nach dem Vorbild der ätherischen Romanheldin des Hesperus. Mit dem Versprechen, auch er, Jean Paul, werde sich augenblicklich in diese ihm noch unbekannte Klotilde verlieben, werde in ihr seine Romanheldin wiedererkennen, drängt Ahlefeldt 36 37
Vgl. IV 2, 175,30, Nr. 93 und Erläuterung. Vgl. Wolf Gerhard Schmidt: „Homer des Nordens“ und „Mutter der Romantik“. James Macphersons Ossians und seine Rezeption in der deutschsprachigen Literatur, 3 Bde., Berlin 2003 – zu Jean Pauls Partizipation am europäischen Ossianismus siehe insbes. Bd. 2, S. 880–900.
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Jörg Paulus
den Dichter zu einer ersten Begegnung mit Wilhelmine von Kropff.38 Jean Paul aber schiebt diese Begegnung immer weiter hinaus. Nicht die persönliche Bekanntschaft, sondern ein Briefwechsel wird angeknüpft. Hauptthema dieser Korrespondenz ist die Frage, auf welche Weise Ahlefeldt von seiner unglückseligen Leidenschaft geheilt werden könnte.39 Zu den Therapievorschlägen Jean Pauls gehört u.a. die Vermittlung eines Briefwechsels zwischen Ahlefeldt und Amöne Herold. Ahlefeldt geht darauf ein und spätestens damit ist er endgültig in das Netz der Simultanliebe eingebunden. Und auch das leibhaftige Zusammentreffen sowohl Jean Pauls mit Frau von Kropff wie auch Ahlefeldts mit der neuen Brieffreundin in Hof wird wieder in Brief-Phantasien vorweggenommen, ehe die Begegnungen schließlich tatsächlich realisiert und dann erneut in Briefen reflektiert werden. Die Poetik der Vorwegnahme realer Gegenwart wird gleichzeitig zu einem Grundbaustein von Jean Pauls Poetologie: In seinem Aufsatz Ueber die natürliche Magie der Einbildungskraft (1795), der zu dieser Zeit entsteht und im Anhang zum Quintus Fixlein veröffentlicht wird, werden die Prinzipien einer künstlerischen Vergegenwärtigung des Vergangenen und Zukünftigen vorgetragen.40 Diese Poetik gilt für Jean Paul sowohl beim Schreiben von Büchern als auch beim Verfassen von Briefen. Sie zielt auf eine Synchronisierung der Weltanschauungen in gesellschaftlichen, politischen, philosophischen und ästhetischen Fragen. Der Liebesdiskurs ist dabei kein Diskurs unter anderen, sondern gleichsam der Fundamentaldiskurs: Die von Jean Paul proklamierte Idee einer nicht-egoistischen Simultanliebe, die er in seinem Aufsatz Es gibt weder eine eigennützige Liebe noch eine Selbstliebe, sondern nur eigennützige Handlungen vorträgt,41 der gleichfalls im Anhang zum Quintus Fixlein publiziert wird, ist die Voraussetzung für die Gesprächs-, Brief- und literarische Kommunikation.
38 39 40
41
Vgl. IV 2, Nr. 72 und 80. Vgl. IV 2, Nr. EB 39, 87, und III 2, Nr. Nr. 297 und 304. Es ist das Verdienst von Dorothea Böck, auf den Zusammenhang der Abhandlung über die natürliche Magie der Einbildungskraft mit der Briefpoetik Jean Pauls nachdrücklich hingewiesen zu haben, vgl. Dorothea Böck: „Der wahre Brief ist seiner Natur nach poetisch“ (Novalis). Zwischen realer und imaginärer Geselligkeit – Jean Pauls Epistel-Salon, in: Jahrbuch der Jean Paul Gesellschaft 37 (2002), S. 146–175. Vgl. hierzu: Niklas Luhmann: Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität, Frankfurt/Main 1994 (zuerst 1982), S. 175.
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V Wie schon angedeutet, stimmten nicht alle der neu hinzutretenden Korrespondenten und Korrespondentinnen mit dem Postulat einer nichtegoistischen Liebe überein. Damit ergeben sich ab 1795 deutliche Friktionen im System der Simultanliebe. Für Thomas Wirtz wird durch diese Friktionen, die in vielen Fällen zu Frustrationen führten (vor allem auf Seiten der Korrespondentinnen), das epistolare System Jean Pauls insgesamt in Frage gestellt.42 Wirtz begreift dieses System als ein System der Differenzen, nämlich der Unvereinbarkeiten von individuellen Wünschen und einem zwar literarisch innovativen, aber auch sehr egozentrischen System – dem Kommunikationsmodell Jean Pauls. Dieses ist für Wirtz untrennbar mit der Erfindung des Erzählers „Jean Paul“ verknüpft, womit die Möglichkeit einer weibliche Modellierung der Autorschaft im Brief möglich wird. Die frühe Korrespondenz, in der die Idee der Simultanliebe entwickelt wird, muss daher für Wirtz in ihrer Bedeutung depotenziert werden. Für ihn stellt die in Hof entwickelte Praxis der Simultanliebe daher nur ein Reproduktionssystem vorgefertigter rhetorischer Figuren dar.43 Dies wird, so scheint mir, den Verhältnissen nicht gerecht. Der Korrespondent „Jean Paul“ setzt vielmehr, wie wir gesehen haben, den empfindsamen Simultankorrespondenten durchaus voraus. Allenfalls für den Briefwechsel mit der ersten Verlobten Sophie Ellrodt ist die Annahme konventionell rhetorischer „Virtuosität“ nachvollziehbar.44 Das entwickelte System der Simultanliebe jedoch erlaubt durchaus eine Integration abweichender Ansichten und Wünsche, ungeachtet der Frustrationen, die sich einstellen. Denn die Korrespondenzen werden ja trotz der Frustrationen weitergeführt. Aussagekräftiger noch als die Briefwechsel mit Esther Bernard, geb. Gad, und Charlotte von Kalb, die für Wirtz im Zentrum stehen, dürfte in dieser Hinsicht der nicht minder kontrovers geführte mit der Schriftstellerin Emilie von Berlepsch (1749–1818) sein. Im Unterschied zu seinen Beziehungen zu Frau von Kalb und Esther Bernard lässt sich Jean Paul bei Frau von Berlepsch zumindest rhetorisch auf ein Überschreiten der platonischen Sphäre ein (man mag sich freilich mit guten Gründen fragen, welchen Sinn eine rein sprachliche Überschreitung 42
43 44
Thomas Wirtz: Liebe und Verstehen. Jean Paul im Briefwechsel mit Charlotte von Kalb und Esther Gad, in: DVjs 72 (1998), S. 177–200; vgl. auch ders.: Schreibversuche. Jean Pauls Briefe bis 1805, in: Jahrbuch der Jean Paul Gesellschaft 31, 1996, S. 23–37. Vgl. auch Fumiko Imaizumi: Die Körperlichkeit der Leserinnen in der Goethezeit. Das Beispiel der Leserinnen Jean Pauls. In: Goethe-Jahrbuch 46 (2004), S. 177–193. Wirtz, Liebe und Verstehen [Anm. 42], S. 180. Vgl. III 1, Nr. 49, 58–61, 63 und IV 1, Nr. 17, 22, 23 und die erschlossenen Briefe EB 16 und 17.
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der platonischen haben sollte; für Jean Paul als Theoretiker der PhantasieSinnlichkeit ist dies jedoch durchaus plausibel). Schließlich verlobt sich das Paar sogar. Zugleich ist Emilie von Berlepsch theoretisch gewappnet, denn zur Zeit ihres Bekanntwerdens mit Jean Paul im Sommer 1797 hat sie sich schon in verschiedenen Veröffentlichungen zu Fragen der Liebe geäußert. In einem nicht überlieferten Brief scheint sie, die seit der Auflösung ihrer Ehe mit dem Juristen Friedrich Ludwig von Berlepsch hauptsächlich auf Reisen lebte, ihren Besuch in Hof auf der Rückfahrt von einer geplanten Badekur in Böhmen angekündigt zu haben. Jean Paul schreibt dazu an Friedrich von Oertel: Eine Freundin von mir, Fr. v. SCHUKMAN war bei dieser BERLEPSCH und dieser kündigte sie den Besuch auf die Zurükreise [von Franzensbad] an. Jezt auf der Herreise! Das ist ein weiblich-genialischer Zug. „Wir wollen morgen fort – nein heut Abends – ach jezt!“ (Jean Paul an Friedrich von Oertel, 21.6.1797, in: III 2, 345,6–9, Nr. 648)
Das emotionale Accelerando, der Verstoß gegen die Briefkonventionen,45 der hier als typisch weiblich bezeichnet wird, ist nun freilich auch charakteristisch für Jean Pauls Erzählstil, insbesondere für die Unsichtbare Loge mit ihrer großen Zeit-Aufholjagd des Erzählers. Der unterstellte Habitus der Verehrerin wird also nach dem literarischen Habitus des Empfängers modelliert. Man kann dies als Bestätigung von Silvia Bovenschens These von der „Feminisierung der Kultur“ dieser Zeit lesen,46 aber natürlich auch umgekehrt als Projektion männlicher Autorschaft. Im Kontrast jedenfalls zu der als weiblich bezeichneten Spontaneität kalkuliert Jean Paul die Begegnung nach einer eigenwilligen Berechnungsmethode, deren merkantilische Nüchternheit mit einem enthusiastischen Affekt-Kostenvoranschlag verquickt wird. Er schreibt an Oertel: „Ich weis voraus, sie wird mich zu sehr einnehmen. Das doppelte Lesegeld gäb’ ich darum, hätt’ ich nur eines ihrer Werke gelesen oder wüste die Titelblätter auswendig.“ (III 2, 344,15–19) Der schwärmerischen ersten Begegnung folgt dann zunächst ein dicht gestaffelter Briefwechsel, der den sich überstürzenden Ereignissen kaum zu folgen vermag – fast scheint es so, als werde der Briefwechsel nun tatsächlich nach dem Schema eines empfindsamen Briefromans inszeniert: Emilie von Berlepsch reist von Hof nach Franzensbad, Jean Paul besucht sie dort, muss aber nach eineinhalb Tagen wieder abreisen, da ihn die Nachricht vom Tod seiner Mutter in Hof erreicht; Emilie von Berlepsch bleibt zurück und schreibt lange, leidenschaftliche Briefe an Jean Paul; wenig später besucht sie ihn dann erneut 45 46
Vgl. Baasner, Briefkultur im 19. Jahrhundert [Anm. 34], S. 14–24. Silvia Bovenschen: Die imaginierte Weiblichkeit. Exemplarische Untersuchungen zu kulturgeschichtlichen und literarischen Präsentationsformen des Weiblichen, Frankfurt/Main 1979, S. 158.
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in Hof – man trennt sich mit der Abmachung, im Herbst gemeinsam nach Leipzig zu ziehen. Jean Paul kommt bei all dem nicht zur Lektüre der Werke Emilies, während sie sich gleichzeitig konstant weigert, in das platonische Unisono des Jean-Paul-Kreises einzustimmen. Ihre Poetologie lässt sich allenfalls zum Teil, ihr Liebeskonzept im Grunde gar nicht mit seinen Ideen zur Deckung bringen. In einem Aufsatz, den Emilie im Dezemberheft 1790 des Neuen Teutschen Merkur unter dem Titel Ueber Liebe als Leidenschaft, und den Grundsatz zur Beurtheilung ihrer Dignität publiziert hatte, hätte Jean Paul ihr Credo lesen können: „Ich habe hier von der Liebe, in sofern sie Leidenschaft bedeutet, zu reden, und da sie nothwendig auf einen äussern Gegenstand unmittelbar sich beziehet, so wird sie unstreitig auf Sinnlichkeit sich gründen.“47 Der Primat der Sinnlichkeit wird auch im Briefwechsel gegen Jean Pauls Utopie einer nicht-egoistischen Liebe verfochten: „Weis ichs denn nicht, daß keine Liebe ganz rein von Egoismus ist, und ists nicht Härte gegen mich selbst daß ich mir vorwerfe ich liebte Sie nicht uneingennüzig genug, da ich den Gedanken fast nicht zu ertragen vermag, daß Sie nicht wieder herkommen mögten“ (IV 2, 353,26–30, Nr. 214 vom 28.7.1797 aus Franzensbad, nach Jean Pauls Abreise). Dabei wird auch die Harmonisierungs- und Kollektivierungstendenz von Jean Pauls Liebeskonzept angegriffen, indem sie auf die Individualität und deren Ansprüche auf Harmonie verweist: „Die Anordnung die Sie an mir verlangen, würde mein Wesen verrüken, unharmonisch machen: ich fühle zu sehr daß eben diese Einheit der Wünsche, dieses ausschließende in mir mein Bestes ist; ja das einzige Heilige in mir daß mich erzog und bewahrte.“ (Brief vom 3.9.1797, in: IV 2, 379,23–28, Nr. 228) Jean Paul repliziert, indem er auf die Zukunft hinweist, also auf den Raum, der zwar nicht den fünf Sinnen üblicher Lesart, sehr wohl aber dem „magischen“ Sinn der Phantasie zugänglich ist. Dabei erkennt er ausdrücklich die gemischte Natur des Menschen an, wendet aber das Argument Frau von Berlepschs nun gegen die introspektive Lesart seiner Briefpartnerin: „Sie vermengen Algemeinheit der Liebe mit Veränderlichkeit derselben […] Der Mensch ist ein aus so vielen Kräften zusammen geimpftes Wesen (gleichsam mehr ein Baum-Garten als ein Baum), daß er zum Gedeihen fast Sonne und Regen und Frühling und Herbst und Licht zugleich bedarf: er hält oft die Uebermacht Einer Kraft für Harmonie aller Kräfte, und den freien Anklang aller Töne für Disharmonie […] Wir werden in LEIPZIG (wenn Sie meine Eigenheiten so tragen, wie ich Ihre achte) einen Himmel nach dem andern ersteigen und neue Stunden erleben mitten im ewigen Dakapo der Zeit.“ (III 2, 370,33–371,27). Er nimmt somit in modifizierter Form genau jene Gedankenfigur auf, die er Frau 47
Der teutsche Merkur, Dezember 1790, S. 411–438, hier S. 413.
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von Berlepsch gegenüber einem Dritten, nämlich Friedrich von Oertel, zugeschrieben hatte: das Verlangen nach Zeitraffung, nach Verkürzung im „ewigen Dacapo“ der Zeit. Es ist charakteristisch für Emilie von Berlepsch, dass sie nicht unmittelbar hierauf reagiert. Erst Mitte Oktober kommt sie auf die hier vorgetragenen Gedanken zu sprechen: „Liebe kann und darf innere Unähnlichkeit haben, consonn mehr als unisonn tönen – ob ich doch gleich sehr viel auf leztre halte – aber sie muß sich deßen recht klar bewußt seyn muß immer nach Verähnlichung streben und den sanften Dämpfer der Simpathie, der Schonung, der freundlichen Täuschung auf das Instrument sezen, wenn es disharmonisch klingen will.“ (IV 2, 402,14–20, Nr. 243) Die musikalische Analogie, die sich durch diesen Briefwechsel zieht, kann freilich die ökonomischen Bezüge, den Aspekt der Bücherwelt, nicht vollständig überdecken. Zumindest Jean Paul zieht sich immer wieder auf die prioritäre Evidenz seiner Bücher zurück: „O Gute, kennen Sie mich denn aus meinen Büchern und Gesprächen noch so wenig, daß Sie ihnen weniger glauben als irgend einer verunglükten Brief-Wendung? […] nunmehr, da ein unbegreifliches Misverständnis uns verwundet, so schweig’ ich bis wir uns sprechen über alles aus Furcht vor einem neuen, da ein briefliches sich leider erst durch die lange Post und nicht wie das mündliche durch einen Blik auflöset.“ (III 2, 376,28–377,6). Jean Paul greift also auf das konventionell empfindsame Motiv des sprachlos beredten Blicks zurück; aber das Äquivalent dieses Blickwechsels ist der quasi-ökonomische Wechsel auf emotionale Glaubwürdigkeit, der in Gestalt von Büchern dem Leser bzw. Käufer ausgestellt ist.48 Der häufig zitierte Satz Jean Pauls, seine Bücher seien „nur dickere Briefe an Freunde“ und seine Briefe „nur dünnere Bücher für die Welt“, der selbst in einem Buch, nämlich der Idylle Der Jubelsenior (1797) steht,49 statuiert also nicht nur eine poetologische, sondern auch eine ökonomische Analogie. Die spezifische Ökonomie des Briefwechsels, die von jener Postutopie einer Annäherung durch Entfernung bestimmt wird, erlaubt es nun aber auch, Phasen der Abwesenheit und räumlichen Trennung zur Regeneration und Restitution verlorenen Vertrauens fruchtbar werden zu lassen. Im Falle Emilie von Berlepschs ist es eine lange Reise nach Schottland in den Jahren 1799 bis 1800, aus der ihr Hauptwerk, die vier48
49
Zum Verhältnis von Autorschaft und Briefkultur vgl. den Band Vom Verkehr mit Dichtern und Gespenstern. Figuren der Autorschaft in der Briefkultur, hg. von Jochen Strobel, Heidelberg 2006; für den vorliegenden Kontext bes. den darin enthaltenen Beitrag von Wolfgang Bunzel: Schrift und Leben. Formen der Subversion von Autorschaft in der weiblichen Briefkultur um 1800, S. 157–176. I 5, 471; ob Jean Paul sich der etymologischen Herleitung des Wortes Brief von lat.: brevis libellus (kurzes Büchlein) bewusst war, ist unsicher.
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bändige Reisebeschreibung Caledonia (Hamburg: Hoffmann 1802–1804) hervorgeht, und die zugleich nach dem Scheitern der Verlobung den Briefverkehr mit Jean Paul wieder ins Gleichgewicht bringt.50 Und im neuen Jahrhundert wird sie aus der Schweiz, dem Land, dem sie wesentliche Impulse ihrer intellektuellen Selbständigkeit verdankte,51 schreiben: […] was ist das für ein unerklärliches Wesen in uns, Freund Richter, daß wir so herzlich und aufrichtig an einander hängen mit unsern besten Gefühlen und Kräften, und doch ein so Grabähnliches Schweigen gegen einander beobachten, und von einander erdulden können, ohne daß jedoch die zarten geistigen Bande zwischen uns zerreißen?52
Die Getrenntschreibung der Bestimmungen „an einander“ und „gegen einander“ macht die epistolare Differenz zum sinnlichen Zeichen, die Begriffe „[g]rabähnliches Schweigen“ sowie „Gefühle“, „Kräfte“ und „geistige Bande“ spezifizieren diese Differenz und deklarieren zugleich den emotionalen Zoll, den die Briefschreiberin über das übliche Porto hinaus zu entrichten hat. Der Schlussabsatz des Briefes aber reaktiviert das Szenario der Simultanliebe, angepasst nunmehr an die Tatsache, dass beide Korrespondenten inzwischen (wieder-)verheiratet sind, Emilie von Berlepsch mit dem Domänenrat August Ludwig Heinrich Harmes (1762– 1839), Jean Paul mit der aus Berlin stammenden Geheimratstochter Caroline, geb. Mayer (1777–1860), so dass nach der Briefkonvention Konfessionen jedweder Art stets auch die Ehepartner einzubeziehen haben: Daß ich [eine Antwort Jean Pauls, Anm. J.P.] sehr wünsche darf ich doch wohl sagen, und will es, weils eine recht tief gefühlte Wahrheit ist. Wenn Sie, Geiziger, nur Minuten mir und dem Schreiben an mich zu geben haben, so wende ich mich bittend an Ihre Karoline die auch ich, meine Karoline nennen würde, wenn die zärtlichste Achtung die schwesterlichste Sympathie dazu berechtigte.53
Die Anerkennung der bürgerlichen Realität, des Ehelebens, und die zurückhaltende Teilnahme daran verbinden sich hier mit einem souveränen Akzeptieren des Ökonomiedenkens, des Minuten-Geizes des Adressaten. Dennoch wird der Wunsch nach physischer Gegenwart des Freundes bestimmt artikuliert:
50 51 52
53
Vgl. hierzu IV 3.1, hg. von Angela Goldack und Monika Meier (im Druck), einleitende Erläuterung zu Nr. 30. Zu Emilie von Berlepschs Beziehungen zur Schweiz siehe Hans Utz: Bern – die Liebeserklärung der Emilie von Berlepsch (1755–1830), in: Berner Zeitschrift für Geschichte und Heimatkunde 49 (1987), S. 57–115. Brief vom 24. November bis 24. Dezember 1804 aus Bern, ungedruckt; Handschrift: Biblioteka Jagiellońska Krakau, Sammlung Autographa der Preußischen Staatsbibliothek, Bl. 1r. Der Brief erscheint 2009 in Band IV 5 der Historisch-kritischen Jean-Paul-Ausgabe (hg. von Jörg Paulus). Ebd. Bl. 4v.
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Jörg Paulus
Könnt ich Sie hierher versezen in meine schönen geräumigen Zimmern, aus welchen Sie die große erhabne jezt beschneyte Gegend, die pfeilschnell gleitende Aar, eine herrliche Promenade die selten leer ist, und an jedem hellen Abend die purpurnen Himmels Säulen der Alpen sehn würden. O wären Sie hier, und möchten Sie noch lieber als Alpen und Flüße sehen Ihre wahre Freundin E. Harmes.54
Jean Paul beantwortete diesen Brief nicht, obwohl er lebenslang ein starkes Bedürfnis hatte, die Schweiz, die er sich, wie viele seiner Zeitgenossen, als eine große Schäferwelt vorstellte, zu besuchen. Es bleibt unentscheidbar, ob sein Schweigen äußere Gründe hatte, oder ob es daran lag, dass er sich weigerte, die emotionale Vorab-Berechnung Frau von Berlepschs zu akzeptieren. Als sie dann aber im Dezember 1809 ihren Besuch in Deutschland ankündigt, spricht er sie (mit implizitem Hinweis auf ihre die Schweiz betreffenden Werke, namentlich die 1799 beim Leipziger Verleger Dyck erschienene Schrift Einige Bemerkungen zur richtigern Beurtheilung der erzwungnen Schweitzer-Revolution, die er sehr schätzte) als „Vordichterin eines schweizerischen Festes“ an und heißt sie als solche in der „deutschen Schweizerei“ willkommen:55 Sein Territorium im literarischen Feld wird also zu einer Provinz des ihrigen erklärt. Da nun aber ein Brief, entgegen allen Beteuerungen Jean Pauls, kein Buch ist und kein Imprimatur verlangt, sind handschriftliche Stellungnahmen auf dem Feld der Simultanliebe dann doch leichter revidierbar als gedruckte auf dem literarischen Feld. Und so kann Jean Paul auch diese chiffrierte Anerkennung ihrer Autorschaft ohne größere Umschweife im nachfolgenden Brief wieder zurücknehmen, indem er auf seine Verpflichtungen gegenüber dem Publikum verweist.56 Auch den Boden der Schweiz hat er nie betreten: „Wie Moses hat er das Gelobte Land nur von weitem gesehen“57, und ebenso utopisch musste auch sein Traum von der immerwährenden Restituierbarkeit der Simultanliebe im Briefverkehr bleiben. Die Neuauflagen der Liebesbriefgespräche mit Emilie von Berlepsch und mit anderen Simultangeliebten fanden schließlich aus den unterschiedlichsten Gründen ein Ende – und oft genug aus kontingenten, so auch im Falle Emilies, wo eine unbedachte Äußerung über Jean Pauls Alkoholkonsum zum Abbruch der Korrespondenz führte. Jean Paul selbst hat den fundamentalen Gangunterschied zwischen dem Takt des Lebens und dem Rhythmus der Literatur seinerseits literarisch thematisiert und dabei erneut auf das Bild von der Terzienuhr zurückgegriffen: Die Romanschreiber, so beklagt er im Sieben54 55 56 57
Ebd. Bl. 4v. Brief vom 10.12.1809, in: III 6, 74, Nr 201. Die Briefe Emilie von Berlepschs an Jean Paul aus dieser Zeit werden in Band IV 6 der HKA veröffentlicht. Vgl. seinen Brief an Emilie von Berlepsch vom 22.1.1810, in: III 6, 85, Nr 223. Eduard Berend: Jean Paul und die Schweiz, Frauenfeld 1943, S. 15.
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käs, wichen „in ihren Romanen so weit […] von der Natur ab“ und machten „die Trennungen und Vereinigungen der Menschen in so kurzen Zeiten möglich und wirklich […], daß man mit einer Terzienuhr dabeistehen und es nachzählen“ könne.58 Die hier benannte Interferenz zwischen der Liebe in der Literatur und der Liebe im Leben stets mit in Rechnung zu stellen, scheint mir eine wesentliche Forderung, die auch an eine Kulturgeschichte des Liebesbriefs zu stellen wäre.
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SW I 2, 340.
Conrad Wiedemann
Die Liebesbriefe Friedrich Wilhelms II. von Preußen an Wilhelmine Enke I Leider muß ich mit einer thematischen Richtigstellung beginnen. Meine selbstgestellte Aufgabe war ursprünglich, die ungedruckten und fast unbekannten Briefquellen einer relativ bekannten Liebes- und Skandalgeschichte aus dem so liebesbriefträchtigen letzten Drittel des 18. Jahrhunderts, der ominösen Sattelzeit zur Moderne hin, vorzustellen, möglichst in Form einer biographischen und formgeschichtlichen Gesamtanalyse. Da ich jedoch den Zeitaufwand für die Texterschließung hoffnungslos unterschätzt habe und von den weit über 500 überlieferten Briefen nur ca. 150 lesen und nur ca. 40 transkribieren konnte, habe ich mein Vornehmen geändert. An die Stelle einer Gesamtanalyse soll ein bescheideneres Konzept treten, das auf die Frage hinausläuft, ob es etwas wie einen Wesenskern des Liebesbriefs gibt – und wenn ja, welche Kriterien dafür benannt werden können. Um von diesem schmalen Weg so wenig wie möglich abzukommen, werde ich mich auf eine Minimaldefinition des Liebesbriefs beschränken. Sie heißt: Liebesbriefe haben die Aufgabe, die Gefahren der Trennung durch einen imaginativen Protokoll- und Bestätigungstext zu bannen. Wenn Sie jetzt zwischenrufen: dann wäre ja der Liebesbrief historisch durch das Telefonat erledigt, dann sage ich: ja schon, aber auch nein, denn im Telefonat sind die Liebenden ja nicht wirklich allein. Zunächst einige Informationen: Wie der Titel schon anzeigt, befasse ich mich mit den Liebesbriefen des preußischen Kronprinzen und späteren Königs Friedrich Wilhelm II. an seine Maitresse und spätere Seelenfreundin Wilhelmine Enke, seit 1795 Gräfin Lichtenau. Von ihren Gegenbriefen sind nur wenige erhalten. Friedrich Wilhelm II., der Neffe und Nachfolger Friedrichs des Großen, lebte von 1744 bis 1797, Wilhelmine Enke/Gräfin Lichtenau von 1753 bis 1820. Sie war also 9 Jahre jünger als er und überlebte ihn um 23 Jahre. Ihr ungewöhnliches Liebesverhältnis dauerte von 1765 bis 1797, also 32 Jahre lang, unterteilt in eine physisch-
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erotische Phase von 15 oder 16 Jahren und in eine freundschaftlich-erotische Phase von 16 oder 17 Jahren. Die Briefe erstrecken sich über den gesamten Zeitraum. Im Kopf behalten sollte man auch, daß Wilhelmine am Beginn der Beziehung 12 oder 13 Jahre, Friedrich Wilhelm 21 oder 22 Jahre alt war. Die Liebe zwischen dem Hohenzollernsproß und der Musikertochter, die den Vorwurf zu Schillers „Kabale und Liebe“ abgegeben haben könnte, ist lange Zeit im Stil der höfischen chronique scandaleuse tradiert worden, bevor sie 1934 erstmals eine seriöse, d.h. quellenorientierte Darstellung durch Berthold Haase-Faulenorth erfuhr. Darauf bauten weitere populäre Enke-Monographien auf, auch die jüngste von Edelgard Abenstein. Auf die erst nach meinem Konferenzvortrag erschienene Dissertation von Alfred P. Hagemann, die Wilhelmines unbekannte Rolle als Kunst-Mäzenin behandelt und dabei auch die Erforschung ihres Verhältnisses zu Friedrich Wilhelm auf eine neue Basis stellt, gehe ich gesondert ein. Alle diese Darstellungen1 haben die Tendenz, das Schicksal der Maitresse als einer starken Frau in den Vordergrund zu rücken und die Rolle Friedrich Wilhelms als eines schwachen und sonderlingshaften Fürsten zurücktreten zu lassen, als habe es sich bei ihm nur um die Ermöglichungsinstanz dieses ungewöhnlichen Frauenschicksals gehandelt. Diese Tendenz ist verständlich, so lange man sich für Wilhelmine mit einer emanzipationsgeschichtlichen, für Friedrich Wilhelm mit einer dynastiegeschichtlichen Perspektive zufrieden gibt. Denn für die Biographik – und darum handelt es sich bei den bisherigen Darstellungen im Wesentlichen – hat die Geschichte der beiden Liebenden eine durchaus divergierende Moral. Danach wäre der steile Aufstieg und plötzliche Absturz des Mädchens aus dem Volk ein Kapitel aus der weiblichen Heroengeschichte, das rätselhafte Liebesgebaren des Hohenzollernfürsten hingegen ein Kapitel aus der Geschichte politischer Schwäche. Friedrich Wilhelm II. gilt in der preußischen Geschichtsideologie nun einmal als Schandfleck in der Hohenzollernkette, woran auch gelegentliche Rettungsversuche wenig änderten.2 1
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Berthold Adolf Haase-Faulenorth: Gräfin Lichtenau. Ein Schicksal zwischen den Zeiten. Nach bisher unveröffentlichten Archivakten. Mit einem Anhang: Das Ende einer Hohenzollernlegende, Berlin 1934; Carl Atzenbeck: Die deutsche Pompadour. Leben und Briefe der Gräfin Lichtenau. Ein biographisches Porträt in Selbstzeugnissen und Zeugnissen von Zeitgenossen, Leipzig 1925; Ernst von Salomon: Die schöne Wilhelmine. Ein Roman aus Preußens galanter Zeit, Reinbek bei Hamburg 1965; Edelgard Abenstein: Die Mätresse des Königs. Die Gräfin Lichtenau alias Wilhelmine Encke, Berlin 2006; Alfred Hagemann: Wilhelmine von Lichtenau (1753–1820). Von der Mätresse zur Mäzenin, Köln, Weimar, Wien 2007. An „Rettungen“ des angeblich so schwachen Königs mangelt es nicht. Neue Maßstäbe setzt Wilhelm Bringmann: Preußen unter Friedrich Wilhelm II. (1786–1797), Frank-
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Ich erwähne das, weil sich mit dieser Asymmetrie ein grundlegendes Quellenproblem verbindet. Friedrich Wilhelm und Wilhelmine haben zwar dreißig Jahre lang einen lebhaften Briefwechsel geführt, aber erhalten sind weitgehend nur die Briefe von ihm. Die von ihr sind – von Zufallsresten abgesehen – verschwunden, wobei einiges dafür spricht, daß sie bald nach dem Tode des Königs und Wilhelmines Verhaftung, also 1797, vernichtet wurden. Nachweisbar ist dies nicht, aber da im einzig vergleichbaren Fall, dem Briefwechsel zwischen Prinz Louis Ferdinand und Pauline Wiesel (1802–1806), derselbe Befund vorliegt, ist es mehr als wahrscheinlich.3 Wie die Liebe mit den beiden spielte oder sie mit der Liebe, können wir heute also nur noch durch die briefliche Suada des angeblich schwächeren Partners erfahren. Natürlich gibt es auch andere Quellen, an erster Stelle die damals Aufsehen erregende „Apologie“ Wilhelmines,4 die sie 1808 ihren unermüdlichen Pasquillanten5 entgegenstellte. Doch anders als die Briefe haben alle diese Schriften Kommentaroder Rückblickscharakter, entbehren also der Unmittelbarkeit. Die Briefe Friedrich Wilhelms liegen heute im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz und umfassen mindestens 40 Mappen, in denen – wie schon gesagt – weit über 500 Briefe aufbewahrt sind.6 Meine vorsichtigen Schätzungen implizieren zweierlei, nämlich a) daß es bislang nirgendwo eine forscherliche Sichtung und Beschreibung des Briefbestandes gibt, und b) daß auch ich weit entfernt von einem hinreichenden Überblick bin. Von den bisherigen Wilhelmine-Biographen haben vermutlich nur Haase-Faulenorth und Hagemann die Briefe gelesen. Ob vollständig, muß offenbleiben. Allerdings haben sie sie im Wesent-
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furt/Main 2001. Weitere Titel vgl. Conrad Wiedemann: Das Stottern des Jupiterdiskurses. Ein genealogischer Versuch über die andere Klassik von Berlin, in: Die europäische République des lettres in der Zeit der Weimarer Klassik, hg. von Michael Knoche und Lea Ritter-Santini, Göttingen 2007, S. 65–82. Vgl. Conrad Wiedemann: Deutsch-französische Rederaison. Louis Ferdinand, Pauline Wiesel und Rahel Levin führen einen Brief-Disput über die Liebe, in: Sprache und Sprachen in Berlin um 1800, hg. von Ute Tintemann und Jürgen Trabant, Hannover 2004, S. 67– 87. Apologie der Gräfin Lichtenau gegen die Beschuldigungen mehrerer Schriftsteller. Von ihr selbst entworfen. Nebst einer Auswahl von Briefen an sie. Erste/Zweite Abtheilung, Leipzig und Gera 1808. Eine Auswahl aus den zahlreichen Schmähschriften bietet: Die Mätresse Wilhelmine. Spottschriften wider die schöne Gräfin Lichtenau, hg. von Sonja Schnitzler, Berlin (O) 1989. Das Geheime Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz bewahrt das Briefcorpus im Wesentlichen unter der Sigle BPH (= Brandenburg-Preußisches Hausarchiv) M 48 auf. Im Folgenden benutze ich die archivalische Kurzangabe M 48 + Mappennummer. Die in den Mappen einliegenden Briefe sind nicht numeriert und folgen keiner klaren chronologischen Ordnung.
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lichen nur biographisch ausgewertet. Alle anderen haben bestenfalls darin herumgelesen und – quasi illustrativ – ein paar Lesefrüchte daraus zitiert. Keiner hat sich allerdings die Mühe gemacht, aus dieser einzig authentischen und fortlaufenden Quelle das sprachliche Register, den Charakter und die Verlaufsdramaturgie dieser Liebesschrift zu rekonstruieren. Ganz zu schweigen von stil-, diskurs- oder psychoanalytischen Bemühungen. Hier also war und ist die Forschungslücke, die zu schließen ich mich im Namen des faszinierenden Braunschweiger Projekts anheischig gemacht habe. Daraus ist nun nichts geworden. Nach ca. 15 bienenfleißigen Archivaufenthalten fühle ich mich grandios, aber fruchtbar gescheitert. ‚Grandios‘ ist vielleicht ein wenig übertrieben, aber auf ‚fruchtbar‘ bestehe ich. Warum, hoffe ich im folgenden klar machen zu können.
II Aber ich bin vorausgeprellt. Denn bevor ich meine Ersatzüberlegungen präsentiere, haben Sie das Recht, wenigstens skizzenhaft über Rahmen und Verlauf dieser preußischen Liebesgeschichte informiert zu werden. Dabei dürfen wir von einer normalen sexuellen Sozialisation des Kronprinzen im spätabsolutistischen Zeitalter ausgehen. Bis zur Thronfolge zu einer mehr oder minder sturen Soldatenexistenz verurteilt (wir sind im friderizianischen Preußen), trieb er sich früh mit Schauspielerinnen und höfischen Kokotten herum, bis er 21-jährig auf Befehl des verhaßten Onkels eine ihm völlig unbekannte Prinzessin von Braunschweig-Wolfenbüttel heiratete, die allerdings den Fehler machte, seine Freizügigkeit zu imitieren, weshalb Friedrich der Große schon bald die Scheidung verfügte. Man wollte keinen Bastard in der Thronfolgereihe haben. Hinsichtlich seiner Promiskuität, falls es sie überhaupt gegeben hat, war inzwischen allerdings eine Wende eingetreten, denn im Jahr seiner Verehelichung, 1765, hatte Friedrich Wilhelm auch die kindliche oder halbkindliche Wilhelmine Enke kennengelernt, der er vermutlich 15 Jahre lang treu oder ziemlich treu war – natürlich außerhalb seines offiziellen Ehelebens. Wir stoßen hier auf die zeittypische Verquickung von dynastischer Konvenienz-Ehe und Maitressenpraxis, deren komplizierte Logik und vielfältige Varianz wir hier leider nicht diskutieren können.7 Sicher ist allerdings, daß Friedrich Wilhelm zu denjenigen gehörte, die ihre dynastischen Pflichten klaglos erfüllten, aber rigoros von ihren erotischen Wünschen und Vorstellungen trennten. Das galt auch für seine zweite Ehe, die er bereits 1769, also noch im Jahr seiner Scheidung von der Braunschwei7
Wichtige Hinweise bei Hagemann [Anm. 1].
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gerin, mit einer ihm ebenso unbekannten Darmstädterin zu schließen hatte. Als seine neue Ehefrau mit seinem ersten legitimen Sohn, dem späteren Friedrich Wilhelm III., schwanger war, tauschte er mit der ebenfalls schwangeren 17-jährigen Wilhelmine symbolisch die Ringe und besiegelte dieses quasi „wahre“ Liebesbündnis mit beider Blut. Damit stoßen wir auf die merkwürdige charakterliche Eigenart des Kronprinzen, seine selbstbestimmte erotische Option zunächst vor sich selbst, später auch vor anderen legitimiert sehen zu wollen, – als brauchte er eine Selbstversicherung gegen den Verdacht der baren Promiskuität. Denn was hier noch im Verborgenen geschah, wiederholte sich nach seinem Regierungsantritt in seinen beiden morganatischen Ehen, also Ehen zur linken Hand, für die er neben der Amtshilfe hochrangiger Geistlicher auch das Einverständnis Wilhelmines einholte. Während er die dynastische Ehe als Pflichterfüllung behandelte, mit der seine tiefe Frömmigkeit offensichtlich nie in Konflikt kam, wollte er in eroticis, also ‚wahren‘ Liebesdingen, als aufrichtig und selbstkontrolliert gelten und das auch bestätigt wissen, - was Enttäuschungen natürlich nicht ausschloß. Tatsächlich spricht einiges dafür, daß Friedrich Wilhelm seine Affairen nicht durcheinander, sondern nacheinander absolviert hat, wobei seine reguläre Ehe selbstverständlich immer außer Betracht bleibt. Er hat immerhin 8 legitime, d.h. dynastische Nachkommen erzeugt. Zur Liebesgeschichte mit Wilhelmine Enke gebe ich Ihnen aus Zeitgründen nur die wichtigsten Daten. Sie beginnt 1765, als der Kronprinz die 12-jährige Tochter eines Hofmusikers Friedrichs des Großen in Berlin kennenlernt und ihr im Haus der Eltern Französischstunden geben läßt, sie aber auch selbst regelmäßig in Geschichte, Geographie und Literatur unterrichtet. Dies setzt sich fort, als die Familie nach Potsdam übersiedelt. 1768 schickt er die 15-jährige, begleitet von Dienerschaft und ihrer älteren Schwester, für ein halbes Jahr nach Paris, um ihren gesellschaftlichen Horizont zu erweitern. Anschließend bringt er sie – immer noch alles geheim – auf einem kleinen Landgut bei Potsdam unter, womit spätestens das sexuelle Verhältnis, aber auch ein intensiver Briefwechsel mit ihr beginnt. 1770 erfolgt der symbolische Eheschwur und Wilhelmines erste Niederkunft. Das Kind überlebt nicht, ebenso wie ein zweites (1774) und drittes (1777). 1778 trifft sie erstmals Friedrich den Großen und wird von ihm als offizielle Maitresse des Kronprinzen anerkannt. Danach kann sie ein palaisartiges Haus in Charlottenburg beziehen, wo ein Jahr später ihr erstes überlebendes Kind, Graf Alexander von der Mark, geboren wird. Alexander („Ander“) wird das Lieblingskind des Kronprinzen, stirbt aber bereits 1787 und erhält das berühmte Kindergrabmal Gottfried Schadows. Ab 1778/1781 gerät Friedrich Wilhelm unter den Einfluß der Rosenkreuzer, beendet sein sexuelles Verhältnis mit Wilhelmine und organisiert ihre
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Scheinheirat mit seinem Geheimkämmerer Johann Ritz, mit dem sie – Schein hin, Schein her – zwei weitere Kinder hat. Sie heißt jetzt Madame Ritz. Ob überhaupt und wie lange die Beziehung zu Friedrich Wilhelm stagniert, ist unklar. Als er 1786 König wird, ist sie jedenfalls schon längst wieder in seiner Nähe und fungiert als seine Vertraute und Seelenfreundin, ungeachtet seiner beiden morganatischen Ehe-Abenteuer. Sie schreiben und treffen sich ständig, nicht zuletzt, weil Wilhelmine ihn bei seinen zahlreichen Bauvorhaben berät, z.B. bei der Inneneinrichtung des Marmorpalais’ in Potsdam und des Schlößchens auf der Pfaueninsel. Danach kommt in schneller Folge ihr höfisches Schicksal zum Abschluß. Zunächst schickt der König sie mit ansehnlichem Gefolge für ein Jahr nach Italien, wo sie zahlreiche Kunstkäufe für ihn tätigt, von Angelika Kauffmann gemalt, vor allem aber von hohen europäischen Aristokraten umschwärmt und sogar mit Heiratsanträgen bedacht wird. Zum Höhepunkt dieses Triumphzugs wird die Übergabe des Adelspatents, das ihr Friedrich Wilhelm II. nach Venedig schickt. Gleich nach der Rückkehr bezieht sie als Gräfin Lichtenau ein Palais unter den Linden und tritt, vielleicht nicht immer ganz geschickt, als Gastgeberin der Hofgesellschaft auf. All das dauert nicht länger als ein gutes Jahr. Als der König schwer erkrankt, zieht sie nach Potsdam, um ihm nahe zu sein. Als er am 16. November 1797 stirbt, wird sie vom neuen König sofort verhaftet, enteignet und unter Hochverratsanklage gestellt. Zugleich geht eine Flut von Schmähschriften auf sie nieder. – Hier kann ich enden, obwohl ihr Leben noch 23 Jahre lang weitergeht, im Schlechten und im Guten. Im Sommer 1820 stirbt sie in Berlin und wird in der St.-Hedwigs-Kathedrale beigesetzt.
III Kommen wir endlich zu den Briefen. Was erwartet einen, der sie im Geheimen Staatsarchiv zu Berlin zu studieren versucht? Zunächst natürlich die Enttäuschung, daß die Briefe Wilhelmines weitgehend fehlen. Aber das hat man ja schon gewußt. In Parenthese: Wenn man dann einige Autographen von ihr findet, ist man fast froh über den Verlust, denn Wilhelmines Handschrift erweist sich als hieroglyphisch, ihre Syntax als chaotisch und ihre Rechtschreibung als abenteuerlich. Für die Umschrift z.B. eines Billetts von 15 Zeilen braucht man eine Stunde und kann danach nicht behaupten, einen verläßlichen Text erstellt zu haben. Aber auch die Briefe Friedrich Wilhelms haben mancherlei Überraschung für einen bereit. Das betrifft in seinem Fall nicht die Schrift, die im Grunde verläßlich ist, obwohl man auch hier zwei bis drei Tage braucht, bis man sich in seine individuelle Variante der „deutschen“
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Schrift eingelesen hat. Überraschend hingegen ist der Überlieferungsweg. Friedrich Wilhelm hat nämlich die eigenen Briefe in Päckchen von 10-40 Stück persönlich eingesiegelt und mit einem Einsiegelungsdatum versehen. Danach hat er die ganzen frühen Briefe im Februar (?) 1787, also kurz nach seinem Regierungsantritt, verpackt und versiegelt, als gälte es, ein lebensgeschichtliches Kleinod dokumentarisch zu sichern. Spätere Briefe hat er laufend, d.h. mit aktuellerer Datierung verpackt. Versucht man diese Dateiverwaltung in eine Geschichte zu übersetzen, dann ergeben sich allerhand Fragen. Wann und warum hat er seine Briefe von Wilhelmine zurückgefordert, und warum hat er sie von den ihren, die ja sowieso in seinem Besitz waren, getrennt? Hat er auch ihre Briefe verpackt und versiegelt, und wenn ja, warum haben dann die erbitterten Erben die ihren vernichtet, die seinen aber nicht einmal geöffnet? Denn die erste Öffnung fand, archivalisch sauber vermerkt, nicht früher als 1902 statt. Ich lasse das unkommentiert, merke aber an, daß man als Benutzer den Eindruck gewinnt, als signalisiere diese Buchführung eine Persönlichkeitskonstitution, die insgeheim das Private über das Politische stellt. Als Historiker könnte man unterstellen, Friedrich Wilhelm habe die vom Onkel ererbte Last einer verstandesgeleiteten Autokratie an zwei metaphysische Instanzen delegiert: an die Leitung durch eine mystischgöttliche und durch eine liebend-weibliche Autorität, wovon uns hier nur die letztere beschäftigen darf. Er war im übrigen kein wirklich schlechter König. Die zweite Überraschung ist für den Benutzer zunächst einmal ärgerlich, denn sie betrifft die fehlende Datierung der Briefe. Nach meiner Schätzung sind von den Briefen der ersten 12 Jahre, die ich bevorzugt gelesen habe, mindestens 90 Prozent undatiert. Fragt man sich, wann und unter welchen Umständen dieses Prinzip durchbrochen wird, also Datierungen trotzdem auftauchen, dann heißt die prospektive Antwort: wenn der Bereich des privaten Liebesgesprächs überschritten wird. Die ersten Datierungen tauchen 1778 auf, als Friedrich Wilhelm anläßlich des Bayerischen Erbfolgekriegs in wechselnden böhmischen und schlesischen Etappen weilt und Wilhelmine ein sorgfältig geführtes Lager-Tagebuch zukommen läßt. Andere Datierungsfälle sind weniger eindeutig, aber generell gilt wohl: das reine Liebesgespräch, auch das briefliche, hat für Friedrich Wilhelm keine kalendarische, sondern eine eigene Zeit. Es folgt dem zufälligen Rhythmus des körperlichen und seelischen Erlebens. Bevor ich diesen Gedanken weiterverfolge, muß ich eine dritte Überraschung einschalten. Sie betrifft die Menge der Briefe. Ich sprach von mindestens 500 Briefen, aber da ich nicht gezählt, sondern nur hochgerechnet habe, und da völlig unsicher ist, ob die eigenwillige Wilhelmine wirklich alle Briefe von ihm aufbewahrt hat, kann die wirkliche Zahl we-
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sentlich höher liegen, bis hin zu einer virtuellen Tausendergrenze. Friedrich Wilhelm soll die Schreibtischarbeit nicht gemocht haben, aber in der Liebe zu Wilhelmine erweist er sich als ein unermüdlicher, fast zwanghafter Schreiber. Der Liebende schreibt ja etwa nicht nur, wenn er auf Reisen ist. Er schreibt auch, wenn man sich räumlich nah ist und so oft wie möglich trifft. Ist er nach langen Nachtritten vom geheimen tête-à-tête mit ihr zurück, um in Berlin oder Potsdam seinen täglichen Militärdienst anzutreten, schreibt er ihr trotzdem noch am selben Tag oder wenigstens am nächsten, um ihr zu danken, von seinen Gefühlen und Verdächten zu reden und das nächste Treffen zu vereinbaren. Und schon wenig später fordert er die ausbleibende Antwort ein. Das erinnert weniger an den Werther als an die ca. 1000 kleinen Briefbotschaften, die Goethe ein Jahrzehnt lang vom Ilm-Gartenhaus an Charlotte von Stein geschickt hat. Allerdings ist der postalische Aufwand, den Friedrich Wilhelm treiben muß, wesentlich größer. Ständig müssen Boten für ihn und sie über die märkische Heide ziehen, um das Liebesgespräch nicht abreißen zu lassen. Ich wüßte – außer Goethe – kein Beispiel aus der Formationszeit des modernen Subjektivismus, das die Wunschvorstellung von der Spontaneität des Briefes besser bestätigte als diese Korrespondenz. Beim Starren auf diese obsessive Briefschrift eines Halb-Naiven (dazu gleich mehr) sind mir zwei halb-naive Fragen aufgestoßen. Nämlich: gibt es a) neben dem uns so vertrauten stilisierten, d. h. diskurshaften Liebesbrief vielleicht doch den „wahren“, den spontanen Liebesbrief, in dem Metasprachlichkeit wenigstens der Intention nach keinen Raum hat? Wenn dem so wäre – wenn also der halb vergessene Roland Barthes8 gegen den fortrumorenden Michel Foucault recht behielte –, hätte dann b) der intentional „wahre“, also naiv-spontane Liebesbrief unter all den divergierenden Zeittakten des Bewußtseins und seiner Äußerungsformen nicht den Anspruch auf die höchste Zeitabgewandtheit, und sei es nur im Kern? Wir haben drei rechte glükliche tage und zwei rechte glükliche nächte alle weile in berlin mit einander zugebracht got wol uns noch viel dergleichen stunden geben ich bin ihnen unaussprechlich gut [...] ich werde noch zuletzt dol vor lauter liebe werden (48 M 35)
Oder: es hat mich recht geiamert ihnen heüte früh meinen peltz weg zu nehmen, er war gantz warm als ich ihn anzog (48 M 26)
Was haben solche Protokolle spontaner Glückserfahrung, die man getrost als Kernelemente des Liebesbriefs bezeichnen darf, eigentlich mit der 8
Vgl. Roland Barthes: Fragmente einer Sprache der Liebe, übersetzt von Hans-Horst Henschen, 6. Aufl. Frankfurt/Main 1988 (Französische Erstausgabe 1977).
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kollektiven Zeiterfahrung zu tun? Nicht daß sie unabhängig von Raum und Zeit wären: da ist von Tagen und Nächten in Berlin die Rede und von einem „Pelz“, der den plumpen Historiker natürlich auf eine kalte Jahreszeit schließen läßt. Aber genau besehen sprechen solche Stellen gar nicht von einer bestimmten Zeit, sondern eher von einem Einhalten oder gar Heraustreten aus der bestimmbaren Zeit. Sie sprechen noch nicht einmal von der uns so am Herzen liegenden Liebesgeschichte.9 Ich sage das, weil ich nachträglich gemerkt habe, daß die meisten meiner Exzerpte und Transkriptionen eben diesem Historikerinteresse an Raum und Zeit verpflichtet sind, während ich die repetitiven Formen des lust- und angstvollen Ich- und Wir-Sagens, die das Wesen des Textes ausmachen und keine Beziehung zum kollektiven Zeitrahmen suchen, sträflich vernachlässigt habe. Offensichtlich war ich spontan auf die Liebesgeschichte aus und nicht auf die Liebessprache, deren Bekenntnis- und Beschwörungscharakter wir bekanntlich zunehmend mit Skepsis betrachten. „Siehe die Liebenden“, singt Abelone in Rilkes Malte Laurids Brigge von 1902, „wenn erst das Bekennen begann, wie schnell sie lügen.“ Friedrich Wilhelm, der seine Liebesbriefe instinktiv undatiert ließ, hätte dem widersprochen. Er hätte auch die strukturelle Lüge der Liebessprache, das bewußte Reden nach fremden Texten, vermutlich nicht als solche akzeptiert, obwohl er ihr, wie wir gleich sehen werden, gar nicht ausgesetzt war. Nietzsches „Denn alle Lust will Ewigkeit“ hätte er vermutlich spontan zugestimmt. Die vierte Überraschung betrifft die stilistische Qualität. Das Anrührende, das von Friedrich Wilhelms obsessiver Briefrede zweifellos ausgeht, hat eine ganze Reihe von Gründen. Einige davon haben wir bereits kennengelernt, anderen werden wir noch begegnen. Ob es einen Generalbegriff dafür gibt, sei dahingestellt. ‚Intendierte Aufrichtigkeit‘ dürfte einiges davon treffen, aber vermutlich nicht alles. Auffällig ist das Fehlen jeglicher stilistischer Prätention, weshalb man vielleicht besser von Schreibweise als von Stil sprechen sollte. Im Grunde schreibt Friedrich Wilhelm ein Berlinisches Alltagsidiom, also eine dialektal eingefärbte Sprechsprache, wie sie in der nichtrepräsentativen Sphäre des Hofes wohl gang und gäbe war. Zur schriftlichen Form dieses Umgangsdeutschs gehört die Abwesenheit systematischer Zeichensetzung (die man auch aus Sturm-und-Drang-Briefen kennt), eine fehlerhafte Orthographie, eine im Großen und Ganzen zwar richtige, aber anspruchslose Syntax und eine von ungehemmten Berolinismen durchsetzte Grammatik: 9
Roland Barthes [Anm. 8] hat die Liebesgeschichte als das “große narrative Andere”, das „der öffentlichen Meinung unterworfen ist“, dem „imaginären Fluten“ der Liebessprache geradezu entgegengesetzt. „[...] die Liebesgeschichte (das ‚Abenteuer’) ist der Zoll, den der Liebende der Welt zu entrichten hat, um sich mit ihr wieder zu versöhnen.“ (Vorrede, S. 20).
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ob ihr brief zwar sehr hart ist so habe ich ihm doch geküst, er ist sehr gut geschrieben und hat viel ein druck bei mich gemacht, ich werde ihnen in meinem leben nicht vergesen (48 M 35)
In meiner akademischen Jugend hatte man für derlei den Begriff des ‚restringierten Codes‘, der mit der Vorstellung mangelhafter Aufstiegschancen verbunden war. Beides hilft in unserem Fall nicht weiter. Schlechtes Deutsch schrieben damals viele deutsche Fürsten, darunter so prominente wie Friedrich der Große oder Anna Amalia von Weimar. Die eigentliche Hochsprache bei Hofe, aber auch in Teilen des Offizierscorps, der Ministerien und des Landadels, war Französisch, nicht Deutsch, und wer letzteres nicht gut beherrschte, brauchte nicht um sein Ansehen zu fürchten. Auch Friedrich Wilhelm lernte vom dritten Lebensjahr an Französisch und hatte im Alter von sieben Jahren, wie sein Erzieher dem König meldete, Schwierigkeiten mit der deutschen Konversation.10 Die Frage, auf die es ankommt, heißt deshalb auch nicht: warum verfügte der Kronprinz nur über ein volkstümliches Deutsch? Sie heißt: warum führte er den zentralen Dialog seines Lebens in ebendieser Sprache? Wäre Französisch, die Sprache nicht nur der politischen sondern auch der galanten Welt, in diesem Fall nicht besonders naheliegend gewesen? Hatte er nicht, in pygmalionhafter Anwandlung, die noch kindliche Wilhelmine nach Paris geschickt, um sie mit Sprache und Stil der aristokratischen Gesellschaft bekanntzumachen? Hätten die Briefe diesen nachholenden Lernprozeß nicht ideal abgerundet? Doch obwohl es in ihnen an Mahnungen, das Französische zu perfektionieren, nicht fehlt, war es als Liebessprache offensichtlich zu keinem Zeitpunkt vorgesehen. Wie Friedrich Wilhelm mit seinen beiden regulären und seinen beiden morganatischen Ehefrauen gesprochen und korrespondiert hat, ob ausschließlich Französisch oder gemischt, konnte ich nicht ermitteln. Allerdings sind die 1793-96 entstandenen Werbebriefe an seinen letzten großen Schwarm, die Frankfurter Bankierstocher Sophie von Bethmann-Metzler, durchgängig französisch, einschließlich der Antworten Sophies.11 So spricht alles dafür, daß Friedrich Wilhelms Sprachoption für den Briefwechsel mit Wilhelmine nicht nur ein bewußter, sondern auch exklusiver Akt war. Man muß nicht lange lesen, um zu spüren, daß der Schrei10
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Vgl. den Bericht des Prinzenerziehers Nicolaus Beguelin an den König vom 6. Februar 1751: « Il la (= la langue allemande, C. W.) sait très imparfaitement et comme il l’a bannie lui-même de notre conversation, il pourrait aisement arriver qu’il en perdit insensiblement l’usage. » In : Bogdan Krieger: Zur Kindheits- und Erziehungsgeschichte Friedrich-Wilhelms II., in: Hohenzollern-Jahrbuch 12 (1908), S. 70–102, hier: 92. Vgl. Der Liebesroman eines preußischen Königs (Der Briefwechsel König Friedrich Wil helms II. mit Sophie von Bethmann-Metzler), hg. von Richard Schwemer, Frankfurt/Main 1930.
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ber seine einzig dauerhafte Liebe in der privatesten und spontansten aller Ausdrucksweisen verhandelt sehen wollte. Ob er über ein anderes, besseres Schriftdeutsch überhaupt verfügte, ist schwer zu ergründen, weil seine deutschsprachige Amtskorrespondenz ja in der Regel diktiert war. Aber natürlich wußte er, wußten beide sehr genau, wie weit sie vom Hochdeutschen entfernt waren. Zum erotischen Miteinander der beiden gehörte nämlich, wie dem Briefwechsel zu entnehmen ist, ein intensives gemeinsames Lesen, und zwar vor allem deutsch geschriebener Literatur. Natürlich lasen sie auch Voltaire und Rousseau, aber häufiger ist von Lessing, Goethe, Forster oder den übersetzten Lateinern und dem übersetzten Shakespeare die Rede. Immer wieder kündigt er an, welchen Text er ihr beim nächsten tête-à-tête vorlesen wird, und viele seiner Briefe sind mit literarischen Pseudonymen unterzeichnet, am liebsten mit „Romeo“. Mit anderen Worten: wenn Friedrich Wilhelm seiner Geliebten vorlas, benutzte er Dativ und Akkusativ tausendmal richtig, wenn er das Buch absetzte, hundertmal falsch. Erstaunlicherweise hat diese Lektüre, zu der auch die großen Liebesromane der Zeit wie Rousseaus Nouvelle Héloïse und Goethes Werther gehören, keinerlei stilistischen Einfluß auf die Briefe genommen. Von den „Privatcodes“ und Sprachspielen, die Ernst Leisi als typisch für die erotische Paarsprache beschrieben hat,12 finden sich einige in Friedrich Wilhelms Schreibweise durchaus wieder, andere nicht. Am auffälligsten ist das Spiel mit Namen aus den gemeinsamen Lieblingsbüchern. Zahlreiche Briefe sind mit solchen Namen unterschrieben, am häufigsten mit „Romeo“ (vielleicht in Kenntnis des berühmten Dialogs über den Namenwechsel im zweiten Akt). Die Geliebte wird seltener so adressiert (z.B. „lüsile“), dafür durchwegs mit Kosenamen (rieke, rixe, rire) angesprochen. Hingegen gibt es nichts von dem, was Leisi den „gesamthaften Nachvollzug“ nennt. Also kein Nachstellen bestimmter romanhafter Konstellationen und vor allem keine Annäherung an bestimmte literarische Liebesdiskurse. Möglich, daß ich etwas übersehen habe, aber mehr als die Anlehnung an kurrente bürgerlich-empfindsame Liebesvorstellungen und eine damit verbundene unglückliche Bewußtseinslage (die er aber, wie wir gleich sehen werden, konkret begründen kann) kann ich nicht ausmachen. Als Briefschreiber bleibt Friedrich Wilhelm lebenslang bei seinem Privatidiom der Einfachheit und Intimität, das eher an Lessings „Schreibe wie Du redest, so schreibst Du schön“13 erinnert als an die hochartifiziellen Liebesrhetoriken von Rousseau und Goethe. 12 13
Ernst Leisi: Paar und Sprache. Linguistische Aspekte der Zweierbeziehung, 3., durchgesehene Auflage, Wiesbaden 1990 (zuerst 1978). Erster überlieferter Lessing-Brief an seine Schwester Dorothea Salome vom 30. Dezember 1743, in: Werke und Briefe, Band 11/1: Briefe von und an Lessing 1743–1770, hg. von
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So viel zu den ersten Eindrücken und Überlegungen, die sich aus der fragmentarischen Lektüre eines Briefkonvoluts im Lesesaal des Geheimen Preußischen Staatsarchivs ergeben haben. Was dabei zutage trat, ist überraschend genug, nämlich eine Liebesrede, welche ihre Herkunft aus dem Maitressenmilieu des Ancien Régime so gut wie vergessen macht und die von Roland Barthes strukturell und anthologisch rekonstruierten Kriterien der elementaren Liebessprache in unerwarteter Reinheit bestätigt, ja überbietet. Barthes versteht die Liebesrede als eine (möglicherweise letzte) nichtdomestizierte Sprachform. Als solche verfügt sie über ein typisches Figureninventar, aber keine logisch-dialektische und zeitliche Ordnung. Spiegelt sie doch den chaotischen Gemütszustand des Liebenden, der von ungeregelten Erwartungen, Phantasien und Verlustängsten beherrscht wird. Formal erscheint sie uns dementsprechend als zwanghaft, repetitiv und zufallsbestimmt. Wo sie in Metasprache oder ins Bewußtsein eines biographischen Erlebens übergeht, ist sie bereits verfälscht. Obwohl Barthes seine sprachlichen Belege überwiegend aus der (Welt-)Literatur sammelt, zielt er auf einen vorliterarischen, also nicht kalkulierten Kern der Liebesrede. Das ist so hypothetisch wie der ‚Ur-Liebesbrief‘, von dem ich anfänglich sprach, weiß sich aber gerechtfertigt durch die Unvermeidlichkeit erotischer Entäußerung, die, selbst wo sie nicht ankommt, unwillkürlich auf eine imaginierte Zweisamkeit angelegt ist. Dies vorausgesetzt, wäre das Kernelement des Liebesbriefs die lustund angstvolle Beschwörung einer gefährdeten Kontinuität, nämlich der irrationalen Glückserfahrung der physisch-geistigen Anziehung. Wobei die Gefährdung gar nicht so sehr in der regulierungssüchtigen Außenwelt läge, sondern mehr noch im hämischen Andringen der baren Sexualität und der Wandelbarkeit der Gefühle. Liebesbriefe sind primär nicht literarische, sondern manische Rede. Jeder versucht sie zu schreiben, auch wer gar nicht schreiben kann. In diesem Sinn sind sie auch keine Kulturtechnik. Ich würde sie eher in die Nähe des Glaubens oder der Magie rücken. Im Gegensatz zu naiven Gedichten (einer Kulturtechnik), die uns so leicht ärgern können, sind uns naive Liebesbriefe schwerlich ein Ärgernis. Im Gegenteil. Glauben wir doch zu spüren, daß der Liebesbrief da am authentischsten ist, wo er naiv ist. Jedenfalls ist es mir beim Lesen der im Kern naiven Liebesbriefe Friedrich Wilhelms so gegangen. Nur dies hat mich veranlaßt, sein Schreibverhalten versuchsweise ernst zu nehmen und mit der virtuellen Ur-Form des Liebesbriefs zu verrechnen. Datierungslosigkeit (also Zeitabgewandtheit), Schreibzwang (also Nichtaufhören des Dialogs) und Wahl Helmuth Kiesel unter Mitwirkung von Georg Braungart und Klaus Fischer, Frankfurt/Main 1987, S. 7.
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des Privatidioms (also Authentizitätsverlangen), das schien mir eine elementare Einheit, einschließlich der Geste des Versiegelns der quasi heiligen Texte.
IV Der dreißig Jahre währende, alle erotischen Metamorphosen und biographischen Krisen wunderbar überdauernde Liebesbriefwechsel zwischen Friedrich Wilhelm II. und Wilhelmine Enke-Lichtenau dürfte im damaligen Deutschland, ja Europa wenig Vergleichbares haben. Eine Maitresse oder Neben-Ehefrau, die aus dem Volke kam, war in den europäischen Fürstenhäusern zwar selten, aber durchaus denkbar, ein einschlägig dokumentiertes Liebesprotokoll schwerlich. Von all dem, d.h. von der historischen Außensicht der Sache, ist hier, zugunsten einer genrespezifischen Innensicht, wenig die Rede gewesen. Zu dieser Außensicht gehört ja nicht nur die ungewöhnliche Paargeschichte, die ich aufgrund der Quellenlage zurückgestellt habe, sondern auch das komplexe geistes-, kultur- und politikgeschichtliche Rahmenwerk, aus dem sich, wie schon angedeutet, auch unser Briefdiskurs nicht gänzlich herauslösen läßt. Vor allem zu letzterem, der Einbindung des Geschehens in die bürgerliche Empfindsamkeitsbewegung, die zeitgenössische Maitressenkultur und den preußischen Spätabsolutismus, hat Alfred Hagemann in seiner schon genannten Studie wichtige neue Einsichten geliefert. Von ihnen sei hier nur das genutzt, was unmittelbar in den Brieftext eingegangen ist. Das ist aufgrund der manischen und unintellektuellen Schreibweise nicht viel, aber doch genug, um den idiosynkratischen Hintergrund dieser individuellen Liebesschrift zu erhellen. Vor allem zwei Aspekte haben uns hier zu interessieren, die beide mit der höfischen Herkunft des Schreibers zu tun haben, nämlich das Verhältnis zu seinem Onkel Friedrich, dem übermächtigen König, und das Verhältnis zur Praxis der dynastischen Ehe. Das Verhältnis zwischen Kronprinz und König war, nicht zum ersten und letzten Mal in der preußischen Erbfolge, irreparabel schlecht, wobei Verachtung (von seiten des Königs) und Haß (von seiten des Prinzen) sich wesentlich aus der kontroversen Einstellung zur geschlechtlichen Liebe nährten. Dementsprechend geistert der König als misanthropischer und vor allen misogyner Unhold und als geborener Feind des gemeinsamen Glücks durch den Briefwechsel. Zu bedenken ist allerdings auch, daß die Liebesgeschichte des Kronprinzen mit jener regressiven Charakterentwicklung des alternden Königs zusammentraf, deren wuchernder und nicht selten blinder Autokratismus
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auch andere, ihm gewogenere Personen zur Verzweiflung brachte. Friedrich Wilhelm an die Geliebte: Fxxx [Kürzel für Friedrich II.] hat einen aus schlag auf dem ganzen leibe bekommen und hat die nacht so viel ausgestanden, das er wie ein kind geweint hat, bald würde er einem jammern wen er nicht so ein wildes thier währe der über nichts als sich selbst und über seinen hunde weint wen sie krank seindt oder sterben14
Oder: das thier ist doch eine rechte zucht ruhte gotes, die aus der höle [= Hölle] durch gotes zorn auf der erden gespien ist, nehmen sie sich in acht das dieser brief keinen fremden in den händen fället (48 M 26)
So unkontrolliert die apokalyptischen Phantasien sind, mit denen der gequälte Kronprinz seinen frauenfeindlichen Onkel belegt, so kontrolliert spricht er zur 16jährigen Wilhelmine über seine Auffassung von der dynastischen Ehe: glauben sie nur das die seremonie von dem schwartzen kerl nicht viel bei mir aus richtet den der segen den der kerel spricht hat ordinere nichts als unsegen zur folge, in dem das personen die die liebe allein verbindet sehr glücklich seind, ich sehe die seremonie an als ein gebrauch um die erbfolge zu bestimmen [...] in desen aber kan eine solche seremonie ohnmöglich mein hertz an einen mir gleichgültigen gegenstand fesseln so wie es meinen nachfolge an meinen kinder versichert15
Drastischer wird er, als 1769 seine erste Ehefrau und Wilhelmine fast gleichzeitig je eine Tochter zur Welt bringen, die letztere als Totgeburt: ich wünschte das dieses ding niemals das licht gesehen hätte und das unsere wilhelmine noch lebte bei der habe ich empfunden was ich niemals empfunden hate nehmlich die wolust vater zu seind [...] – ach got wie finde ich bei solchen gelegenheiten den unterschied der liebe16
Zur Entlastung des Kronprinzen muß gesagt werden, daß die angesprochene ‚legitime‘ Geburt unter Ehebruchsverdacht stand, weshalb diese Ehe gleich danach geschieden wurde. Doch darauf kommt es hier nicht an. Zieht man in Betracht, daß Friedrich Wilhelm mitten in dieses politische Ehe-Karussell hinein den geheimen Ringtausch nebst Liebeschwur mit Wilhelmine vollzog, dann wird deutlich, was er vom höfischen Zynismus des Onkels in diesen Dingen hielt. „[...] ich gebe ihnen recht viel bürger küse“, lautet eine wiederkehrende Formel in den Briefen. Daß seine bürgerliche Moral dann, vor allem nach dem Regierungsantritt, so konsequent nicht war, steht auf einem anderen Blatt. Friedrich Wilhelm 14 15 16
Zitiert nach Hagemann [Anm. 1], S. 16f. Anläßlich seines zweiten Eheschlusses mit Frederike Louise von Hessen-Darmstadt 1769. Zitiert nach Hagemann [Anm. 1], S. 13. Zitiert nach Hagemann [Anm. 1], S. 14.
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war keiner der raren Selbstherrscher im Sinne Friedrichs des Großen, sondern ein normaler absolutistischer König, der einem Ministerialregiment vertraute, was allerdings durch ein nicht ganz so normales Bedürfnis nach intimer Führung problematisch verstärkt wurde. Dieser quasi ‚ganymedische‘ Grundzug seines Charakters bedeutete allerdings nicht, daß es ihm völlig an ‚prometheischer‘ Energie gemangelt hätte. Hat er doch, wenn auch nicht gerade sein politisches Erbe, so doch manches andere höchst eigenwillig zu formen versucht: die künstlerische und musikalische Kultur seiner Hauptstadt, die Frömmigkeit seines Volkes, die nationale Umrüstung seiner Akademien, vor allem aber das Ideal einer Geliebten als Seelenvertrauten.
V Zum letzteren gehört das Wunschbild eines natürlichen, aufrichtigen und gleichberechtigten Liebesdialogs, von dessen brieflicher Version hier die Rede war. Friedrich Wilhelm hat, wie wir durch die Richter der Untersuchungskommission von 1797 wissen, seine Geliebte nicht in das politische Interessenspiel hineingezogen, aber er hat durch alle Phasen des Verhältnisses Trost, Ansprache und Geborgenheit bei ihr gesucht. Wiederholte Trennungen, auch die von ihm selbst veranlaßten, hat er nicht ausgehalten und nach kurzer Zeit wieder rückgängig gemacht. Selbst in der Zeit seiner morganatischen Ehe-Episoden, also im letzten Dezennium des Verhältnisses, scheint in den Briefen kaum etwas so wichtig wie die Vereinbarung des nächsten Zusammenseins, wobei sich der merkwürdige Befund ergibt, daß dieses Zusammensein im Grunde lebenslang unter dem Vorzeichen der Irregularität stand. Wie weit dies von außen erzwungen, wie weit es von ihm selbst (unbewußt?) gewollt war, ist schwer zu beurteilen. Sicherlich, die Widerstände von außen waren groß und dauerhaft. Zunächst erzwang der König mehr als zehn Jahre lang die Geheimhaltung, dann folgten die heuchlerischen Einwände der rosenkreuzerischen Freunde und die berechtigten der Neben-Ehefrauen, ganz zu schweigen vom wachsenden Dauervorbehalt der dynastischen Nachkommen, vor allem des Kronprinzen. Auf der anderen Seite hat Friedrich Wilhelm nie versucht, seine Geliebte zur maitresse à tître zu machen, was am preußischen Hof nicht einfach, aber vielleicht möglich gewesen wäre. Stattdessen ließ er sich auf die Scheinehe Wilhelmines mit seinem Faktotum Johannes Ritz ein, die keine Scheinehe war, sondern eine Art ménage à trois, um gleichzeitig, unter komisch anmutenden Gewissensqualen, seine neuen Affairen von ihr absegnen zu lassen. Auch dies, die Gewissensbisse wegen seiner sexuellen Unzuverlässigkeit, sind ein durchgängiges Motiv
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der Briefe, wobei die Vorstellung, daß körperliches Begehren nicht der maßgebliche Aspekt echter Liebe sei, offensichtlich von Anfang an im Spiel ist. Das allgegenwärtige Beschwichtigungswort von seiner Seite heißt trotzdem „Treue“, und tatsächlich haben sich die beiden ja eine Treue höherer Art gehalten. Daß die Rolle Wilhelmines in diesem Liebes-WirrWarr ungleich komplizierter und riskanter war, läßt sich aus vielen seiner Briefe heraushören. Allerdings auch, daß sie schon früh mit eigener Stimme gesprochen und ihm zu mancherlei Heftigkeit, auch Eifersucht Anlaß gegeben hat. Aus seiner Sicht war diese Selbständigkeit fraglos gewollt. Wüßte man nicht, daß Wilhelmine neun Jahre jünger und zumindest in den Anfängen so etwas wie sein Geschöpf war, die Briefe gäben es kaum preis. Aus dem Widerspruch dieser Wunsch-Symmetrie mit der realen, d.h. asymmetrischen Rollenverteilung hat freilich nur sie Konsequenzen gezogen. Sein halb-naives Liebesideal hat sie wahrscheinlich nie geteilt und später, als sie seine Geisterseherei geschickt zu lenken begann, sogar unterlaufen, doch nie verraten. Obwohl sich also das Fenster zur Außenwelt immer wieder und mit dem Fortschreiten der Zeit immer weiter öffnet, bleibt der erotische Kern der Liebesschrift, das Ausgeliefertsein des Schreibers an die Geliebte, im Grunde unbeeinträchtigt. Äußere und innere Zeit berühren sich zunehmend, ohne sich je wirklich zu vereinigen. Während sich die äußere rasant bewegt und ständig neue Szenerien hervorbringt, verharrt die innere im Stillstand. Denn das Verlangen des Schreibers nach körperlicher und geistiger Nähe erweist sich als dauerhaft und dokumentiert sich in einer endlosen Liebeserklärung, die vor allem von den Wiederholungsfiguren der Beteuerung und der Verlustangst vorangetrieben wird. Die Varianten dieser Figuren resultieren aus der Stimmung, nicht dem Kalkül und bleiben ganz ohne metasprachlichen Kommentar. Friedrich Wilhelm begründet nicht, wie er schreibt, hat jedoch eine intuitive Vorstellung davon, was er schreibt, nämlich eine Liebesrede als Gegenrede. Was darunter zu verstehen ist, mag das folgende Beispiel andeuten: das glük von ihnen geliebt zu sein ist unbeschreiblich, sie nur allein seind wert von mir geliebt zu sein, und ein mensch der so eine treuhe denkungs art hat als ich ist nur wert ihnen zu lieben, got hat uns für einander erschaffen wir hätten beide in der gantzen welt keine gegenstände finden können die sich dermassen für ein ander schiken, als wir es beide thun, got erhalte ihnen sie seind mein zweites leben17
Während überschwengliche Singularitäts- und Wertbeteuerungen dieser oder ähnlicher Art zur Matrix jeder Liebessprache gehören und hier den Leser bestenfalls durch ihre integre Ungeschicklichkeit berühren (oder 17
Zitiert nach Hagemann [Anm. 1], S. 22 (Fußnote 82).
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befremden), springt die intuitive Schlußformulierung durchaus in den Bereich des Originären. Hieße sie „Sie sind mein Leben“, könnten wir sie getrost zum Vorigen schlagen, doch mit ihrer Festlegung auf ein „zweites Leben“ lenkt sie unwillkürlich den Blick auf das Besondere dieser Liebesschrift, nämlich die Modellierung und Befestigung einer dem Schreiber im Grunde verwehrten Gegenwelt, einer ‚rettenden‘ Gegenwelt natürlich, denn daß das „zweite Leben“ das eigentliche sei, steht für ihn außer Frage. Das Einmalige dieses Liebesdiskurses beruht ja nicht darin, daß ein Kronprinz und König mit einem empfindsamen, bürgerlichen oder gar romantischen Liebeskonzept spielt, sondern daß er in rigider Entgegensetzung das eine wie das andere zu leben versucht: die widrige Notwendigkeit der politischen Macht und die elementare Macht der erotischen Hingabe. Um diesem Widerspruch zu entkommen, hätte er – im Sinn der Lessingschen Rücktritte – zum Aussteiger werden müssen. So aber mußte das Experiment aus der Außensicht mißlingen, aus der Innensicht Fragment bleiben. Allerdings ist aus dem Versuch dieses Doppellebens eine Liebesschrift hervorgegangen, auf deren individualitätsgeschichtliche Radikalität der Literaturhistoriker nicht gefaßt ist, weil der anarchische Kern der Liebe als Passion in ihr quasi unaufgelöst hervortritt. Die Beschäftigung mit solchen Rohmaterialen der gelebten Liebessprache könnte einem Projekt, das sich der Erforschung von Liebesbriefkultur widmet, fraglos von Nutzen sein.
VI Zum Abschluß meines Konferenzbeitrages habe ich, mehr oder minder im Sinne von Roland Barthes, dem Auditorium einige typische Belegstellen aus dem Brieftext zur Diskussion gestellt. Sie sollen auch hier, unkommentiert, den Abschluß bilden: got gebe, zu meinem glücke das du immer gesund bleibst den sonsten habe ich keine freüde mehr in der welt wenn ich dich nicht mehr hätte so währe mir das leben zehn mahl schmertzhaffter als der tod, ich werde dich weis got ale tage güter ich denke bestendig an dich und du komst niemals aus meinen gedanken wollte got, das du so wenig aus meinem bete als aus meinen gedanken kämest den währe ich der glüklichste mensch auf der welt (48 M 26) wie angenehm würde es mir sein morgen schon [?] den tod zu sterben für welchen sie mich warnen wen wir beide in unseren armen so sterben und zugleich sterben könten so würde es vielleicht glücklicher für uns seind als noch so lange in dieser fatalen welt zu leben (48 M 35)
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ich habe ohnedem schon verwichene nacht getreümt das du alle hare vom kopffe verlohren hätest und das ich dich mit dem kahlen kopf gesehen hätte [...] adieu liebstes kind wenn ich dich doch diese nacht in meinem bette hätte und das wir do do machen könten den würde ich ruhiger sein (48 M 35) ich habe die gantze nacht von ihnen getreümt viel nersch [wirsch?] zeug aber doch nichts übles (48 M 35) der brief den mich gestern christian gebracht hat, hat bei mir diese nacht geschlafen er hat auf meinem hertzen gelegen und er liegt noch darauf [...] nichts als der tod aleine ist im stande dich aus meinem hertzen zu bringen (48 M 39a) ich lerne alle tage mein glück jemehr und mehr kennen, von einer so göttlichen person als sie geliebet zu seind, ich hofe auch das meine aufführung nicht undanckbar sein wird lieber wollte ich sterben als das ich in meinem hertzen mich selbsten ihrer liebe ohnwürdig schätzen sollte, ein hertz und eine denkungs art als die meinige ist nur allein wert ihr hertz zu besitzen, got hat uns beide für unser beiderseitiges glück erschafen – dabei bleibe ich (48 M 35)
An Wilhelmines Schwester (Gräfin Matuschka) Ich bin in einer abscheulichen Situation beste gräfin um gotes willen bringen sie ihre schwester morgen her sonste steh ich nicht mehr führ mich [...] noch ist nichts geschehen aber ich sage es ihnen ich stehe vor nichts mehr, so lange ich lebe verlase ich ihre schwester nicht und thue ihr alles gutes was ich bisher gethan habe aber komt sie morgen nicht her so folge ich meine neüe liebe ich werde das ansehn als ihrer schwester eigene einwilligung ihr kindt werde ich hertzlich gut seindt und es so glücklich machen als ich kann, ich bin in einer grausamen Situation gräfin glauben sie es nur ich hätte nicht gedacht das ich noch so von sinnen komen könnte komt ihre schwester morgen und sehe ich sie so wird alles wieder gut, wo nicht so schwehre ich ihnen gräfin bei got und meiner ehre so ist es mein ernst wie ich es ihnen sage noch ist es zeit aber einen tag lenger so ist es zu spät sagen sie ihre schwester was ich ihnen sagte was in meine briefe stand die sie nicht gelesen hat und das ich ihr noch treu währe adieu (48 M 26) Ich bin hir, und weder gesund noch wohl und von ihnen belogen und betrogen und hiemit genung für heute (48 M 26) Ich will ihnen auch heute abend etwas vor lesen von unsere julie [= Rousseau: Julie, ou la nouvelle Héloïse, 1761] (48 M 25)
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Meine Cleopatra Ihr Antonius kann nicht bis Montag warten Ihnen wieder zu sehen und [komt] morgen als den Donnerstag schon [...] Ihr getreuer bis im tode Romeo (48 M 17) Sie werden heute wohl ihr empfindsames reise buch [= Laurence Sterne: A Sentimental Journey, erste deutsche Übersetzung 1768] fort fahren wen sie auf den ehrlichen münch mit der höltzernen dose komen werden und an desobligen [= desobligeante, eine Kutschenart] so denken sie an mir, ich liebe sehr das buch und den Charakter desjenigen der es geschrieben hat (48 M 26) gleich nach fünf uhr werde ich morgen abend bei Ihnen kommen, Fiesco [= Schiller: Die Verschwörung des Fiesco zu Genua, erschienen 1783] mit bringen und den abend bei Ihnen eßen aber lauter eßen die ich nicht gerne mag bit ich mir aus (48 M 24) Jai lu aujourdhui avec attention l’histoire de malheureux Verter [= Werther, erschienen 1774] elle ma beaucoup touchée je nai guere lu de livre Allemand mieux ecrit, son charactere a beaucoup de resemblence avex le mien (48 M 23)
Aus dem Kriegsquartier in Böhmen, datiert 23. Juni 1778 ich denke recht viel an ihnen besuche auch oft den [unleserl. Wort] von den bauern und küse ihre vile kleine kinder im dorf kenne ich mit nahm und vor nahme die kleine würmer seindt so dreist wenn ich auf der wiese zu weilen sitze so setzen sie mich um mich herum mit ihre kleine hemden und nakenden leib und blosen kopf, und da verzehlen sie mich was in ihrer unschuld das ich mich oft darüber jammern muß die kleine kinder sindt ordentlich recht ale katolsch da müsen sie mich den alerhand vorbeten, da denke ich so dabei das rixe [Kosename für Wilhelmine] auch katholisch ist und bin deswegen die würmchens noch güter adieu leben sie wohl (48 M 49)
Aus dem Kriegsquartier in Breslau, datiert 21. November 1778 (nach der religiösen Wende) Ich mus ihnen auch nur sagen das ich zeit [sic!] dem krieg meine denkungs art sehr gebesert habe und viel solider geworden bin und alles flaterhafte und léger so viel als möglich aus meiner denkungs art verbant habe und wen sie mich so recht begreifen und kennen könten so würden sie mir noch güter seindt als sonst weil ich nun allen wind abgelegt habe mein hertz war immer gut aber ich wahr sehr windig und habe dadurch gegen ihnen gefehlt, got wird mir schon die gnade geben das ich noch in diesem leben die zeit haben werde durch meine aufrichtige liebe gegen ihnen meine fehler wieder gut machen werde, ich weis wohl das mir
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ihr gutes hertz schon lange vergeben hat aber ich habe mir selbst nicht vergeben und fühle noch bestendige gewisens biße das ich ihnen so viel verdrus gemacht habe und ich werde nicht eher über diesen punct ruhe haben bis ich ihnen so glücklich gemacht habe als man es auf erden seindt kann [...] ich küse ihnen tausend mahl (48 M 49)
Aus einem längeren Bericht über die Beratungen zum Basler Frieden, März 1795 es macht mir immer viel unruhe und ich ängstige mir sehr bis das alles und solche depeschen recht begrifen seindt von mir und denen die darein arbeiten weil da immer sachen vorkommen die aus so vielen arten können begrifen werden, ich habe die nacht darüber confuse geschlafen weil ich immer gefürchtet das ich oder andere dabei fehler machen würden [...] Nun empfehle ich mich Ihnen aufs beste und danke mit gerührtem hertzen für aller freundschaft so Sie mir in diesen drei monaten bewiesen [...] es ist der einzige zustandt für mir wo ich jetzt mir glücklich und ruhig fühle (48 M 57)
Cord-Friedrich Berghahn
Das Schreiben der Liebe Wilhelm von Humboldt an Caroline von Dacheröden I Wahrhaft epochal und epochenübergreifend stellt sich der Briefwechsel zwischen Caroline und Wilhelm von Humboldt dar. Er reicht von 1788 bis zum Tod Carolines 1829, vom Kennenlernen des Paares und von der Brautzeit über Humboldts Reisen nach Paris, über seine diplomatischen Missionen in Rom, Aachen, Wien und London bis in die späten Jahre der sprachwissenschaftlichen Studien in Tegel. Als fortdauerndes schriftliches Gespräch legt er Zeugnis ab von der Vernetzung der klassisch-romantischen Kultur und ist zugleich ein Seismograph der zeitgeschichtlichen Tendenzen zwischen Spätaufklärung, Klassik, Romantik und dem Ende der Goethezeit. Trotz der Plünderung des Schlosses Tegel im Jahr 1806, die viele Dokumente vernichtet oder verstümmelt hat, blieben nahezu 1000 Briefe erhalten, die seit der Edition von Anna von Sydow in nahezu 3000 Druckseiten vorliegen.1 In ihr wird das gemeinsame Leben des Paares im Verständnis des 19. Jahrhunderts als Biographie in Briefen präsentiert, aber, gegen die in der Zeit übliche Monumentalisierung der männlichen Stimme, als eine Doppelbiographie zweier distinkter und doch gleichwertiger Stimmen. Im fast undurchdringlichen Dickicht der Briefeditionen Wilhelm von Humboldts und angesichts des Fehlens einer großen Briefausgabe stellt die Edition Anna von Sydows eine maßstabset-
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Wilhelm und Caroline von Humboldt in ihren Briefen, hg. von Anna von Sydow. Bd. I: Briefe aus der Brautzeit 1787 [1788]–1791, Berlin 1906; Bd. II: Von der Vermählung bis zu Humboldts Scheiden aus Rom 1791–1808, Berlin 1907; Bd. III: Weltbürgertum und preußischer Staatsdienst. Briefe aus Rom und Berlin-Königsberg 1808–1810, Berlin 1909; Bd. IV: Federn und Schwerter in den Freiheitskriegen. Briefe von 1812–1815, Berlin 1910; Bd. V: Diplomatische Friedensarbeit 1815–1817, Berlin 1912; Bd. VI: Im Kampf mit Hardenberg 1817–1819, Berlin 1913; Bd. VII: Reife Seelen 1820–1835, Berlin 1916. Zitate, die dieser Ausgabe folgen, tragen künftig die Sigle HS.
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zende Leistung dar,2 der erst in den letzten Jahren Vergleichbares an die Seite gestellt wurde.3 Begünstigt durch die oft jahrelangen Trennungen des Paares schlägt sich in diesem Briefwechsel die Entwicklung zweier sehr unterschiedlicher Charaktere nieder. Insbesondere im Hinblick auf Caroline sind diese Briefe die zentralen Dokumente der Entwicklung einer Intellektuellen zwischen literarischer Klassik und künstlerischer Romantik;4 sie sind zugleich Dokumente der Entwicklung einer neuen, individuellen Sprache der Liebe aus der konventionalisierten Sprache der Empfindsamkeit heraus. Gendertheoretisch gelesen stellt dieser Briefwechsel ein entscheidendes Kapitel der anthropologischen Neubesetzung von Weiblichkeit um 1800 dar. Politisch geben die Briefe Einblicke in das Europa des ancien régime, der Französischen Revolution, der Napoleonischen Kriege, der Befreiungskriege und der Restauration. In ihnen spiegeln sich Glanz und Elend der politischen Hoffnungen von 1789 und 1813 und sie sind zugleich wichtige Zeugnisse der deutschen Metropolenwahrnehmung von Wien, Rom, Paris und London. Was Wilhelm von Humboldt betrifft, so avancierten die Briefe an Caroline von Dacheröden schnell zu einem wichtigen, vielleicht dem wichtigsten Paratext seiner Bildungsjahre; und sie bleiben lebenslang ein 2
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Zu einer kritischen Edition des Korpus der Briefe Wilhelm von Humboldts als Teil der von Albert Leitzmann betreuten Ausgabe der Berliner Akademie der Wissenschaften ist es nicht mehr gekommen. Lediglich Teile seiner politischen Korrespondenz konnten von Wilhelm Richter noch in den Bänden 16 und 17 ediert werden, vgl. Wilhelm von Humboldt: Gesammelte Schriften, hg. von der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften, 17 Bde., Berlin 1903–1936; die Gesammelten Schriften werden künftig mit der Sigle GS zitiert. Über das Schicksal der Ausgabe informiert Gerhard Dunken: Zur Geschichte der Herausgabe der „Gesammelten Schriften Wilhelm von Humboldts“ (Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Vorträge und Schriften 75), Berlin 1962; die unüberschaubare Zahl einzelner Briefeditionen verzeichnet bis 1970 Peter Berglar: Wilhelm von Humboldt in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Reinbek 1970, S. 169–172. Hier sind v.a. die folgenden Editionen zu nennen, die andeuten, welch gewaltiges kulturund literaturgeschichtliches Potential in den Briefen Carolines und Wilhelms zu bergen ist: Wilhelm von Humboldt: Briefe an Friedrich August Wolf. Textkritisch herausgegeben und kommentiert von Philip Mattson, Berlin, New York 1990; Italien im Bannkreis Napoleons. Die römischen Gesandtschaftsberichte Wilhelms von Humboldt an den Landgraf/Großherzog von Hessen-Darmstadt 1803–1809 (Arbeiten der Hessischen Historischen Kommission. N.F. 4). Bearbeitet von Eva-Marie Felschow und Ulrich Hussong, hg. von Eckhart G. Franz, Darmstadt 1989; – Briefwechsel Carolines arbeiten die folgenden Editionen auf: Karoline von Humboldt und Friedrich Gottlieb Welcker: Briefwechsel 1807–1826, hg. von Erna Sander-Rindtorff. Bonn 1936; Caroline von Humboldt und Christian Daniel Rauch: Ein Briefwechsel 1811–1828, hg. und kommentiert von Jutta von Simson, Berlin 1999. Vgl. die Darstellung von Gustav Sichelschmidt: Caroline von Humboldt. Ein Frauenbild aus der Goethezeit, Düsseldorf 1989.
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Kommentar seiner Charakterentwicklung wie ein Diskussionsforum entscheidender politischer und wissenschaftlicher Ideen. Freilich gesellen sich für Wilhelm andere, in dieser Hinsicht vielleicht nicht weniger wichtige Briefwechsel dazu: der mit Schiller etwa und der mit Friedrich August Wolf, der mit Karl Gustav von Brinckmann und mit Christian Gottfried Körner oder der späte, intensive mit dem Bruder Alexander und die Briefe an Charlotte Diede, jene „Freundin“ der Briefe an eine Freundin. Allein: Diese Briefwechsel fallen stets nur in einen bestimmten Abschnitt von Humboldts persönlicher und wissenschaftlicher Entwicklung. Der mit Caroline aber umspannt fast sein gesamtes Leben. Und er steht als Initial am Beginn seiner Autorschaft, ja er markiert für ihn wie für Caroline eine doppelte Autorschaft, ein das Leben und die Liebe modellierendes Schreiben. Im Rahmen einer von Albrecht Koschorke angeregten Mediologie des 18. Jahrhunderts stellt der Briefwechsel von Caroline und Wilhelm von Humboldt so auch ein zentrales Dokument zur Überprüfung der These dar, dass der Brief im Gefolge der Spätaufklärung nicht nur zum Substitut des Körpers in der Signatur der Verschriftlichung avanciert,5 sondern als Ort der Generation und zugleich der Disziplinierung von ‚Empfindungen‘ kulturgeschichtlich neu besetzt wird.6 Ich möchte meine Überlegungen im Folgenden auf die Briefe aus der Brautzeit beschränken. Dieses Konvolut von 163 Briefen aus den Jahren 1788-1791 ist seit dem Erscheinen der Edition Anna von Sydows als Skript eines gemeinsamen Bildungsprozesses gelesen worden; nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg avancierte es zu einer Art Volksbuch der Inneren Bildung, wovon die zahlreicher Neuauflagen der Sydow’schen Ausgabe, aber auch der Erfolg der Separatedition von 1924 zeugt.7 Für den hier diskutierten Zusammenhang ist entscheidend, dass sich die Transformationen der empfindsamen Liebe und die Verwandlungen des Schriftbegriffs im Liebesbrief um 1800 in diesen Briefen besonders deutlich zeigen. Zugleich entstehen hier an unerwartetem Ort auch grundlegende sprachphilosophische Konzepte im Denken Humboldts. Konzepte, die sich aus den Aporien der Liebessprache ergeben und sein Denken über Sprache überhaupt prägen sollten. Es wird zu zeigen sein, dass sich 5 6 7
Albrecht Koschorke: Körperströme und Schriftverkehr. Mediologie des 18. Jahrhunderts, München 1999, insbes. S. 87ff., S. 154ff. und S. 192ff. Nikolaus Wegmann: Diskurse der Empfindsamkeit. Zur Geschichte eines Gefühls in der Literatur, Stuttgart 1988, S. 73. Die Brautbriefe Wilhelms und Karolinens von Humboldt (Memoiren und Chroniken), hg. von Albert Leitzmann, Leipzig 1924. Nach dieser Ausgabe wird unter Verwendung der Sigle HL zitiert. Darüber hinaus wurden die bisweilen ungenauen Datierungen der Ausgabe von Sydows mit den bisweilen genaueren Leitzmanns abgeglichen und – wenn nötig – stillschweigend korrigiert.
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die zentralen linguistischen Auffassungen Wilhelm von Humboldts, von der Forschung bislang unbemerkt, in diesem kulturgeschichtlich hochinteressanten Briefwechsel finden. Im Hinblick auf Carolines Briefe, die denen des Mannes vollkommen ebenbürtig sind, stellt sich die Frage nach dem Konzept weiblicher Autorschaft um 1800. In der Tat entstehen in der deutschen Briefkultur der Aufklärung seit der Mitte des 18. Jahrhunderts Texte, die individuellen literarischen Rang besitzen,8 ein traditionelles Werk-Verständnis aber unterlaufen. Im Fall der Autorinnen um 1800 führt dieser Befund zu der paradoxen Situation, dass (Brief-)Autorinnen höchsten Rangs wie Caroline von Humboldt in den Darstellungen weiblicher Autorschaft keine oder lediglich eine marginale Rolle spielen, während in anderen Fällen ein einziges (und bisweilen eher kulturgeschichtlich bedeutsames) Werk die Position der Autorin in der Geschichte weiblicher Autorschaft legitimiert.9 Die Bedeutung der Autorin Caroline von Humboldt manifestiert sich eben nicht in einem Werk, sondern in ihren Briefen, „in ihrer Schreibweise“.10 Damit ist die Frage nach einer ‚Autorschaft‘ Carolines prinzipiell offen. Legt man, wie Barbara Hahn, die Publikation als Kriterium der Autorschaft fest,11 entzieht sich Caroline – anders als etwa Rahel mit ihren subtilen Strategien der Briefzirkulation12 – der Kategorie Autorschaft. Die Probleme ihres Briefwerks, wie der vieler (Liebes-)Briefschreiberinnen der Sattelzeit, können hier allerdings nur ausgewiesen werden;13 sie verweisen 8 9
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Vgl. Robert Vellusig: Briefkultur im 18. Jahrhundert, Köln, Weimar 2000, S. 153f. Vgl. dazu etwa die marginale Erwähnung Caroline von Humboldts in Barbara BeckerCantarinos Handbuch Schriftstellerinnen der Romantik. Epoche – Werk – Wirkung, München 2000, die Caroline fast ausschließlich im Materialteil anführt; v.a. Christa Bürgers wichtige Darstellung Leben Schreiben. Die Klassik, die Romantik und der Ort der Frauen, Königstein 2001, stellt am Beispiel des „Briefwerks“ von Caroline Schlegel-Schelling die entscheidenden Fragen weiblicher Autorschaft, vgl. S. 85–108. Christa Bürger: Leben Schreiben [Anm. 9], S. 85. Barbara Hahn: Brief und Werk. Zur Konstitution von Autorschaft um 1800, in: Autorschaft. Genus und Genie in der Zeit um 1800 (Geschlechterdifferenz und Literatur 1), hg. von Ina Schabert und Barbara Schaff, Berlin 1994, S. 145–156, hier S. 150. Zu Rahels Briefwerk vgl. die differenzierte Darstellung von Renate Stauf: „Wen ich nicht behandeln kann, der ist auch nicht für mich“. Liebe und Selbstverhältnis im Briefwechsel Rahel Varnhagens mit Alexander von der Marwitz, in: Tableau de Berlin. Beiträge zur „Berliner Klassik“ (1786–1815) (Berliner Klassik 10), hg. von Iwan D’Aprile, Martin Disselkamp und Claudia Sedlarz, Hannover 2005, S. 331–352, insbes. S. 334ff.; zur Frage des ‘Werks’ vgl. Friedhelm Kemp: Briefe schreiben – lesen – drucken. Rahels „Werk“, in: Romantik und Exil. Festschrift für Konrad Feilchenfeldt, hg. von Claudia Christophersen und Ursula Hudson-Wiedemann, Würzburg 2006, S. 209–212, zur Frage des Werkcharakters vgl. S. 209f. Vgl. dazu auch Wolfgang Bunzel: Schrift und Leben. Formen der Subversion von Autorschaft in der weiblichen Briefkultur um 1800, in: Vom Verkehr mit Dichtern und Gespenstern. Figuren der Autorschaft in der Briefkultur (Beiträge zur neueren Literatur-
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ebenso nachdrücklich auf die Bedeutung des Braunschweiger Forschungsprojekts zur Kulturgeschichte des Liebesbriefs,14 wie auf die Explosion literarischer Optionen um 1800.15
II Humboldt hat seine Ehe mit Caroline rückblickend als den entscheidenden Impuls seines Lebens gedeutet. An Friedrich Gottlieb Welcker schreibt er im Dezember 1809: Eine Heirat hat selten auf einen Mann einen günstigen Einfluß. Mich aber, kann ich wohl sagen, hat die meinige gerettet. Ich habe eine ordentlich unselige Fähigkeit, mich jeder Lage anzupassen, und stand, als ich mich versprach, eben auf dem Punkt, ganz und rettungslos in äußeren Verhältnissen unter uninteressanten Menschen zu versinken, als mich meine Verbindung und der darauf notwendig gründende Plan, selbständig und für mich zu leben, plötzlich wie aus einem Schlummer herausriß. Indes wäre dies noch wenig. Allein der Umgang mit gewissen Naturen, und keine darf man dabei so nennen wie meine Frau, hat durch sich selbst etwa unmittelbar und in jedem Moment Bildendes. Bei meiner Frau kommt aber noch hinzu, daß, da einer der Hauptzüge in ihr Ehrfurcht für jedermanns Freiheit ist, das Bildende nur immer jeden in seiner Freiheit weiterführt.16
Die Rolle des schicksalhaften Zufalls, der den jungen preußischen Adligen und die ein Jahr ältere Caroline von Dacheröden, diese in ihrem intellektuellen Herkommen so Unterschiedlichen, zusammengeführt hat, fiel Henriette Herz zu. Sie hatte, zusammen mit Brendel Veit – der Tochter Moses Mendelssohns, der späteren Dorothea Schlegel – eine empfindsame literarische Vereinigung gegründet: den „Tugendbund“. In ihm wurde praktiziert, was spätere Darstellungen oft zu Unrecht ironisiert haben: die praktische Kenntnis des Menschen durch Verfolgung aller seiner seelischen Regungen und die rituelle Verschriftlichung dieser Re-
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geschichte 229), hg. von Jochen Strobel, Heidelberg 2006, S. 157–176, der zwar wie Barbara Hahn (vgl. Anm. 11) an einem Begriff der Autorschaft festhält, dem die Publikation zugrunde liegt, der aber gerade am Beispiel von Autorinnen um 1800 die differenzierten, ja subversiven Strategien des Publizierens und damit die Subversion der traditionellen Autorschaft durch diese Autorinnen nachzeichnet. Vgl. Christoph Schmälzle: Spuren wohlgehüteter Intimität, in: FAZ vom 11.10. 2006, L 1. So betont Anita Runge in ihrer perspektivreichen Studie Literarische Praxis von Frauen um 1800 (Germanistische Texte und Studien 55. Hildesheim [u.a.] 1997) die Offenheit weiblicher Autorschaften zwischen Empfindsamkeit und Romantik (vgl. insbes. S. 9–32). Wilhelm von Humboldt: Briefe. Ausgewählt von Wilhelm Rößle. Mit einer Einleitung von Heinz Gollwitzer, München 1952, S. 315.
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gungen.17 Ebensowenig wie Friedrich Schleiermacher ein Jahrzehnt später konnte Humboldt sich der charismatischen jüdischen Salonière entziehen;18 in ihrem Bannkreis hat er die Grundlagen seiner Liebessemantik erlernt, die im Briefwechsel mit Caroline dann umcodiert werden sollten. Damit steht auch der „Tugendbund“ im Zeichen jener umfassenden „Modernisierung des menschlichen Gefühlslebens“,19 die als eine der entscheidenden Errungenschaften des Zeitalters ein neues Blatt der Mentalitätsgeschichte aufgeschlagen hat. Und es ist sicherlich kein Zufall, dass die doppelte Bewegung einer zunehmenden Personalisierung, Intimisierung und Subjektivierung von Liebe und einer Zunahme des Schrifttums über Liebe, die so kennzeichnend für die Literatur wie die Epistolographie des späten 18. Jahrhunderts ist, als grundsätzliche Spielanordnung auch diese empfindsame Sozietät beherrscht. So zeigt sich gerade in den frühen Briefen zwischen Caroline und Wilhelm – verfasst unter den Regeln des Tugendbundes – die Beobachtung Foucaults bestätigt, derzufolge Diskurse das in ihnen verhandelte Wissen nicht vorfinden, sondern generieren.20 Nicht um Inhalte ging es dem „Tugendbund“ (oder wenigstens nur peripher), sondern diese wurden Initial „soziale[r] Praktiken“.21 Henriette Herz, Brendel Veit, Carl von Laroche – Sohn der Jugendgeliebten Wielands, der Autorin der Geschichte des Fräuleins von Sternheim – und Wilhelm von Humboldt verfolgten in diesem empfindsamen Zirkel seit dem Winter 1785 darüber hinaus auch ein höchst modernes Projekt – eines in genuin Berlinischer Tradition: die erfahrungsseelenkundliche Erforschung der Psyche und ihrer Äußerungen in Handlung und Empfindung. Zwei Jahre zuvor hatte Karl Philipp Moritz mit seinem Magazin zur Erfahrungsseelenkunde die theoretischen Grundlagen hierfür gelegt; im Vorwort seines Periodikums fordert er: „Wer sich zum eigentlichen Beobachter des Menschen bilden wollte, der müßte von sich selber ausgehen: erstlich die Geschichte seines eignen Herzens […] so getreu wie möglich entwerfen […]“, und weiter: „Aus den vereinigten Berichten mehrerer sorgfältiger Beobachter des menschlichen Herzens könnte eine Erfahrungsseelenlehre entstehen, welche an praktischen Nutzen alles das übertreffen
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Vgl. Detlef Gaus: Geselligkeit und Gesellige. Bildung, Bürgertum und bildungsbürgerliche Kultur um 1800, Stuttgart, Weimar 1998, S. 126ff. Vgl. Herbert Scurla: Wilhelm von Humboldt. Werden und Wirken, Berlin 1970, S. 34. Albrecht Koschorke: Körperströme und Schriftverkehr [Anm. 5], S. 11. „Vor dem Ende des achtzehnten Jahrhunderts existierte der Mensch nicht. […] Es ist eine völlig junge Kreatur, die die Demiurgie des Wissens vor noch nicht einmal zweihundert Jahren geschaffen hat.“ Michel Foucault: Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften, Frankfurt/Main 1974, S. 373. Albrecht Koschorke: Körperströme und Schriftverkehr [Anm. 5], S. 10.
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würde, was unsre Vorfahren in diesem Fache geleistet haben.“22 Insofern ist der „Tugendbund“ kein bizarrer Auswuchs der literarischen Empfindsamkeit, so wie auch die Empfindsamkeit kein bizarrer Auswuchs der Aufklärung ist. Hier wurde das psychologische Denken der Berliner Aufklärung – das avancierteste seiner Zeit in Europa23 – einem lebenspraktischen und diskursformierenden Testfall unterzogen. Von Humboldts Parisreise der Jahre 1788/1789 mit dem Mentor Joachim Heinrich Campe24 ist ein bemerkenswertes Beispiel psychologischer Selbstanalyse erhalten; es wirft ein bezeichnendes Licht auf Humboldts Sozialisation in der Berliner Aufklärung: auf seine Beziehung zum psychologisch neugierigen Moses Mendelssohn (der ihm eine Vatergestalt war),25 auf die zu Moritz (dessen Schriften er las und dessen antikekundliche Vorträge er hörte) und auf die zu Johann Jakob Engel, dem späteren Intendanten des Nationaltheaters. Dieser „Philosoph für die Welt“ – so der Titel seines popularphilosophischen Periodikums – hat seinen Schüler mit seinen vielseitigen wissenschaftlichen Interessen Humboldts Bekenntnis zufolge mehr als jeder andere Lehrer geprägt.26 Dazu gehörten Dichtung und Dichtungstheorie, Anthropologie und Ästhetik, aber auch und entscheidend eine ganz neue Disziplin, für die Engel den Namen der Eloquentia Corporis erfand, man könnte sagen: der Semiotik des Körpers.27 Damit steht Engel am Beginn der modernen Theorie der Performanz. In Humboldts Neugier auf den (eigenen und fremden) Körper, der ihm zum epistemologischen Organ wird, ist sicherlich auch eine Folge dieser Schülerschaft zu sehen. In seinem Journal der Reise nach Paris jedenfalls 22 23 24
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Karl Philipp Moritz: Werke in zwei Bänden, hg. von Heide Hollmer und Albert Meier (Bibliothek deutscher Klassiker). Bd. I. Frankfurt/Main 1999, S. 799 und 794. Vgl. Iwan-Michelangelo D’Aprile: Die schöne Republik. Ästhetische Moderne in Berlin im ausgehenden 18. Jahrhundert (Studien zur deutschen Literatur 181), Tübingen 2006, S. 6ff. Vgl. zu Wilhelm von Humboldts Pariser Lehrjahren Cord-Friedrich Berghahn: Urbane Semantik. Metropolenerfahrungen bei Wilhelm von Humboldt am Beispiel der Pariser Tagebücher. In: Tableau de Berlin 1785–1815 (Berliner Klassik 10), hg. von Iwan D’Aprile, Martin Disselkamp und Claudia Sedlarz, Hannover-Laatzen 2005, S. 307–330, zur Reise mit Campe insbes. S. 310–315. Herbert Scurla: Wilhelm von Humboldt [Anm. 18], S. 27. Von Engels Einfluss auf Humboldt legen Wilhelms umfangreiche Mitschriften seiner Privatvorlesungen für die Brüder Humboldt Zeugnis ab, vgl. GS VII.2, 361–469. Vgl. Helmut Lethen: Die Geste als Ausdruck im Licht einer Handlung. Johann Jakob Engels „Beobachtungen zur Mimik“, in: Johann Jakob Engel (1741–1802). Philosoph für die Welt, Ästhetiker und Dichter (Berliner Klassik 7), hg. von Alexander Košenina, Hannover-Laatzen 2005, S. 137–147, hier S. 146f., und Alexander Košenina: Anthropologie und Schauspielkunst. Studien zur „eloquentia corporis“ im 18. Jahrhundert, Tübingen 1995.
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notiert der 22jährige Humboldt das wohl bemerkenswerteste Dokument der Berliner Erfahrungsseelenkunde: Zwischen Duysburg und Crefeld geht man in einer fähre über den Rhein. Auf der fähre arbeitete ein mädchen mit, äusserst häslich, aber stark, männlich, arbeitsam. Es ist unbegreiflich, wie anziehend für mich solch ein anblik, und ieder anblik angestrengter körperkraft bei weibern – vorzüglich niedrigeren standes – ist. Es wird mir beinahe unmöglich, meine augen wegzuwenden, und nichts reizt so stark iede wollüstige begier in mir. Dieses rührt noch aus den iahren meiner ersten kindheit her[.] Wie sich zuerst meine seele mit weibern beschäftigte, dachte sie sich immer sklavinnen, durch allerlei arbeit gedrükt, tausend martern gepeinigt, auf die verächtlichste weise behandelt. Noch iezt hab’ ich sinn für solche ideen. Noch iezt kann ich wie ehemals mir romane denken, die dieses inhalts sind. Nur mehr geschmak, weniger unwahrscheinlichkeit ist nach und nach in diese romane gekommen, und immer ist es mir psychologisch merkwürdig, sie chronologisch nacheinander durchzugehn. Wie zuerst diese richtung in mir entstand, bleibt mir immer ein räthsel, auf der einen seite diese härte, auf der andren diese wollust. Aber das ist gewiss dass sie, nur verbunden mit den lagen, in die ich kam, meinen ganzen ietzigen charakter gebildet hat, dass aus ihr einsame beschäftigung der einbildungskraft, abneigung gegen gesellschaft und umgang entstand, ferner aus ihr wollust – die auch iezt noch bei mir unverkennbar das gepräge iener ideen hat – aus der wollust liebe, weiberfreundschaft, beschäftigung mit weibern überhaupt, durch diess alles studium der charaktere, streben sich in andrer ideen hineinzudenken, ihre handlungsweise anzunehmen, mit einem wort raffinirte kunst des umgangs, die mich endlich dahin führte andren – allen was ich wollte, manchen viel, mir nichts zu sein, die iede wahre ursprüngliche, eigne empfindung so in mir abschliff, dass keine herrschend blieb, die endlich die gleichgültigkeit und die leere in mir hervorbrachte, an der ich iezt kranke. Wie das alles so licht und klar vor mir da steht. Nur ein paar wochen und ich wollte mich schildern, dass auch nicht das kleinste gefühl in mir unerklärt bliebe, und alles würde dann an einem einzigen faden hängen. Aber in eben dem augenblik wär ich auch keinem mehr, was ich ihm sonst war. (GS XIV, 79f.)
Die Bekanntschaft mit Caroline von Dacheröden fällt mitten in diese depressive Epoche in Humboldts Leben. Die junge Adlige aus dem Thüringischen wurde durch Carl von Laroche als Auswärtige in den Berliner Bund um Henriette Herz geholt. Dieser hatte die Tochter des preußischen Regierungsrates und Präsidenten der Domänenkammer Minden schon früher in Erfurt kennen gelernt. Jetzt, als Eleve des Bergdepartements in Berlin, zog er sie in den Kreis des Tugendbundes. (Dass Carl von Laroche zu diesem Zeitpunkt, 1788, selbst in Caroline verliebt war und später auf sie verzichtete, sei hier am Rande erwähnt). Da Caroline die meiste Zeit auf den väterlichen Gütern in Auleben bei Magdeburg und Burgörner bei Erfurt zubrachte, ist der Anteil ihrer Korrespondenz im Rahmen des Bundes besonders groß; er bietet die Möglichkeit, eine weibliche intellektuelle Sozialisation im Spannungsfeld der anthropologischen Entwürfe von Weiblichkeit um 1800 zu beobachten.
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In der Tat fällt der Beginn der Liebesbriefe zwischen Wilhelm und Caroline von Humboldt in eine entscheidende Phase der Geschlechteranthropologie der Aufklärung.28 Dabei lassen sich grob zwei Strömungen unterscheiden. Auf Rousseaus Diktum, dass es „keine Gleichartigkeit zwischen den beiden Geschlechtern“ gebe,29 beriefen sich in der deutschen Diskussion vor allem Joachim Heinrich Campe (Väterlicher Rat für meine Tochter, 1789), Adolph Freiherr von Knigge (Über den Umgang mit Menschen, 1788) und Johann Gottlieb Fichte in seinem Grundriß des Familenrechts von 1795. Mit den Forderungen nach wirklicher Gleichberechtigung der Geschlechter erhoben auf der anderen Seite – nicht zuletzt unter dem Einfluss der Französischen Revolution – Theodor Gottlieb von Hippel (Über die bürgerliche Verbesserung der Weiber, 1793) und in England Mary Wollstonecraft (A Vindication of the Rights of Women, 1792) ihre Stimmen. Und wenn Varnhagens Diktum, dass die „Revolution, die in Frankreich den Staat, […] in Deutschland die Literatur erschüttert“ habe,30 irgend Geltung hat, dann in der Frage der Geschlechteranthropologie im Deutschland des klassisch-romantischen Zeitalters, im Deutschland zwischen Schillers Glocke und Schlegels Lucinde, zwischen Goethes Tasso, Wilhelm Meister und den Wahlverwandtschaften.31 Im Kräftefeld dieser anthropologischen Diskussion sind die Selbstentwürfe zu positionieren, die Caroline im Verlauf des Briefwechsels mit Wilhelm entwickelt.
III Soweit die kultur- und mentalitätsgeschichtliche Einführung. Lassen wir nun die Briefe der Jahre zwischen 1788 und 1791 selber sprechen. Sie beginnen im Zeichen des empfindsamen Schwärmens, in der Diktion der 28 29
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Vgl. zum Folgenden Ute Frevert: Frauen-Geschichte. Zwischen bürgerlicher Verbesserung und neuer Weiblichkeit, Frankfurt/Main 1986, S. 15–62. Jean-Jacques Rousseau: Émile oder Über die Erziehung, hg., eingeleitet und mit Anmerkungen versehen von Martin Rang, Stuttgart 1990, S. 726 (5. Buch). Vgl. zur Dichotomie der Geschlechter in der Anthropologie der Sattelzeit Claudia Honegger: Die Ordnung der Geschlechter. Die Wissenschaften vom Menschen und das Weib 1750–1850, Frankfurt, New York 1991, S. 14ff. Karl August Varnhagen von Ense, zitiert nach: Harro Zimmermann: Die Französische Revolution in der deutschen Literatur 1789–1989. Ein Umriß des Themas, in: Schreckensmythen – Hoffnungsbilder. Die Französische Revolution in der deutschen Literatur. Essays, hg. von Harro Zimmermann, Frankfurt/Main 1989, S. 7–23, hier S. 7. Vgl. zum Kräftefeld der literarischen Geschlechteranthropologie um 1800 die Studie von Julia Augart: Eine romantische Liebe in Briefen. Zur Liebeskonzeption im Briefwechsel von Sophie Mereau und Clemens Brentano (Epistemata 541), Würzburg 2006, S. 20ff.
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Empfindsamkeit, die „Liebe“ nicht als erotisches Gefühl, sondern als Ausweis der Menschheit gegen die Konvention der Gesellschaft fasst. Faszinierend ist dabei zu beobachten, wie nach dem ersten Kennenlernen aus einer empfindsamen Gestimmtheit Liebe im emphatischen Sinn wird, generiert im Medium des Liebesbriefes; und wie sich aus der empfindsamen Seelenfreundschaft allmählich die Idee des Hohen Paares herausbildet. So nennt Caroline Wilhelm im ersten erhaltenen Brief von 1788 noch „Bruder“ und versichert ihn ihrer „schwesterliche[n] Liebe“ (HS I, 3) und so antwortet Humboldt auf diesen Brief mit einem Gedicht, das sentenziös und nicht individuell ist, das eine melancholische Liebe à la Nouvelle Heloïse verkündet und mit der aufklärerischen Theodizee amalgamiert. Die Briefe der beiden gehorchen in dieser Phase noch der erfahrungsseelenkundlichen Forderung, im Ich den Anderen mitzuschildern, in seinen autobiographischen Zeugnissen also vom Menschen schlechthin zu reden. Das Ich ist hier – im Gegensatz zum emphatischen Ich des romantischen Briefs – noch ein verallgemeinerbares.32 So zirkulieren die ersten Briefe des Paares noch im Berliner Tugendbund, und so kann Humboldt Caroline schreiben: „Du wünschtest die Briefe der [Therese] Forster zu lesen. Ich schicke Dir, soviel ich habe. Sie enthalten keine Geheimnisse, wohl Anspielungen, die Dir aber nicht einmal verständlich sein können. […] Ich gestehe Dir, mir sind diese Briefe unendlich wert, ich habe ein Studium daraus gemacht. Man kann das und muß es.“ ( HS I, 31) Doch während der fast fünf Monate, die sich die beiden nach dem ersten Treffen nicht sehen, entsteht im Briefwechsel eine Sprache, die die Regeln des Tugendbundes transformiert.33 So tritt das Berliner Gefühlskollektiv, das zunächst alle Briefe aller Mitglieder liest, immer mehr an den Rand. Koseworte werden erfunden – erst allgemeine: Liebe, Liebste, Allerliebste, dann individuelle: Für Wilhelm Bill, für Caroline Lina, Li, Herzens-Li. Dann bekommen die Personen des täglichen Umgangs privatsprachliche Namen: Blindschleiche, Gestirn, Bild – kurz: es entsteht im Rahmen des Liebesbriefwechsels ein privatsprachlicher Code, der nur von Sender und Adressat entschlüsselt werden kann.34 Und die Diktion empfindsamer Epistolographie wird stilistisch nach oben wie unten erweitert, so dass der Briefwechsel bemerkenswerte Amplituden aufweist. 32 33 34
Darin besteht für Karl Heinz Bohrer der mentalitätsgeschichtliche Quantensprung des romantischen Briefs, vgl. ders.: Der romantische Brief. Die Entstehung ästhetischer Subjektivität, Frankfurt 1989, S. 25. Wie Henriette Herz und Brendel Veit anmerken, die den exklusiven Charakter dieser intimen Sprache ahnen, vgl. HS I, 18. Vgl. Ernst Leisi: Paar und Sprache. Linguistische Aspekte der Zweierbeziehung, Heidelberg, Wiesbaden 1993, S. 121.
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Kindersprache etwa. Caroline: „Gestern abend konnte die arme Li nicht zu Dir kommen, war so krank, mußte sich früh zu Bette legen und brachte die Nacht in bangen Fieberphantasien hin. Seit heute Mittag geht’s nun aber viel besser […]. Nein, Li wird nicht krank, sei ruhig, meine Seele.“ (HS I, 282) Und Wilhelm: „Schilt Billn nicht, daß er so kindisch ist. Hat heut noch eine Entdeckung gemacht, die ihn so gefreut hat. Li heißt auf Hebräisch mein, brauche nun nicht mehr zu sagen ‚meine Li‘, Li ist schon mein; aber Bill heißt nicht Dein und ist doch auch Dein.“ (HS I, 285) So arbeiten die Briefpartner am Entwurf des Ich und des Anderen, und so treffen sich im Januar 1789 Caroline und Wilhelm als Gleichgestimmte; dem gerade Abgereisten schreibt Caroline am 21. Januar 1789 hinterher: Seit Du fort bist, hast Du mich nicht verlassen, Dein Bild lebt in meiner Seele und die Erinnerung der Vergangenheit umschwebt sie. Lebhafter wird sie in Stunden der Stille wie diese, wo nicht Äußeres mehr mich stört und ich mich ganz dem Andenken meiner Lieben überlasse. […] Dein Abschied, Wilhelm, der Augenblick, wo Du gingest, fühlst Du auch, wie mir war? Ich konnte kein Wort hervorbringen, mein Herz war fürchterlich gepreßt, aber es ging bald vorüber, wie ich wieder allein war und mich sammeln konnte. Eine stille Wehmut trat an die Stelle meines Schmerzes, und sie ist seitdem meine freundliche Begleiterin gewesen. Ich liebe diese Stimmung der Seele, sie führt uns tiefer in uns selbst zurück und zeigt uns die Dinge außer uns in ihrem wahren Lichte. Meinem Wesen ist sie die angemessenste, beste, das gleich entfernt von düstrer Schwermut und lächelnder Freude für sie von der Natur bestimmt scheint. (HS I, 23)
Solche Selbstentwürfe werden im Verlauf des Briefwechsels der Brautzeit durch literarische Liebesentwürfe sekundiert. Die permanente Versicherung der Liebe wird im gegenseitigen Briefwechsel nicht nur zum Akt des symbolischen Tausches, in dem der exzessive Gebrauch der Schrift die Absenz des realen Körpers kompensiert, sondern die Versicherung der Liebe und das „briefliche Strömen ein[es] auf Permanenz gestellten Bekenntnis[ses] von Liebe“ werden selbst Akte der Performanz.35 Nicht auf die genaue Beschreibung des Individuums Caroline oder Wilhelm kommt es an, nicht auf den Inhalt36 – dann wären die frühen Briefe, insbesondere die Carolines, wenig ergiebig (und das wurde ihnen, wie allen empfindsamen Briefen, ja auch vorgeworfen) –, vielmehr besteht ihr Wert darin,
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Albrecht Koschorke: Körperströme und Schriftverkehr [Anm. 5], S. 221. Das wusste schon Humboldts Mentor Joachim Heinrich Campe in seinem Briefsteller für den gesamten schriftlichen Verkehr, der zur Gattung der Liebesbriefe konstatiert: „Ihr Inhalt entspringt ganz aus dem vollen Herzen, äußerer Anlaß und wirklich greifbarer Inhalt fehlen diesen Briefen oft ganz.“ (44. [!] Aufl., bearbeitet von Ernst Walden, Leipzig 1916.)
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das Individuum in einer Reihe von Momentaufnahmen performativ zu generieren.37 Solche Inszenierungen von Identität funktionieren im Briefwechsel zwischen Caroline und Humboldt angesichts der diskursiven Leere einer Paarsprache, die „immer nur ihr letztes Wort wiederholen kann“,38 über die Matrix der Literatur. „In dem Maß, in dem die Liebenden sich nur immer wieder ihrer Differenzlosigkeit vergewissern“, führt das „Rollenspiel der Lektüre ihrer Liebe semantisches Volumen zu“.39 Vor allem die Texte Goethes sind es, die als Folie der eigenen Gefühle dienen. So schreibt Humboldt am 30. Mai 1789: Werther las ich diesen Winter zum erstenmal. Ich fand ihn einen Abend auf dem Tisch eines meiner Freunde, und ich konnte nicht aufhören, bis ich am Morgen damit fertig war. O! Line, welch ein Buch! Nicht sowohl seine Liebe, seine daraus entspringende Melancholie, seine Verzweiflung […] reißt mich so hin, aber die Fülle der Empfindung und der Ideen, mit der er alle Gegenstände umfaßt […]. (HS I, 40f.)
Humboldt nutzt im Folgenden Goethes Roman, um sich à la Werther zu entwerfen: als den richtig Fühlenden, die Welt der Buchgelehrsamkeit Ablehnenden. So schreibt er weiter: Ich bin darin so, wie die Natur mich bestimmte zu sein. Ich las überhaupt wenig; [was nicht stimmt, Anm. C.-F.B.] wenige Leute meines Alters, die ungefähr eben den Gang gingen als ich, werden so wenig gelesen haben. Aber ich freue mich darüber. Ich habe mehr gedacht, weniger Wert auf fremde Ideen, allein auf Erfahrung zu legen gelernt, und ich bin auch dadurch sicherer vor Eitelkeit und Prahlsucht geworden. (HS I, 41f.)
Neben Goethes Werther ist es die Evokation der erhabenen Natur, die die Liebenden vereint und die von ihnen in den Briefen als Gemeinsames beschworen wird. Dabei entstehen besonders eindrückliche Passagen, wie überhaupt unterstrichen werden muss, dass sich Caroline und Wilhelm stilistisch und intellektuell ebenbürtige Briefpartner sind. So schreibt Caroline am 10. Juni 1790, den Ton des Werther-Briefs vom 10. Mai aufnehmend und weiterentwickelnd: Ich komme aus der Pappelallee, wo ich den ganzen Nachmittag mit meinem Ossian und Werther gesessen habe. Wenn gar nichts mehr helfen, nichts mehr fruchten will, wenn mit meine Lieblingsbeschäftigungen widerstehen und meine Seele, in ungestümer Sehnsucht aus sich selbst gerissen, mir entflieht, so lindert das all ein einsamer Spaziergang – ja Natur, Du lösest das irre Gewebe in mir, und mein Herz atmet sich aus an Deinem Busen wie an dem Busen eines Freundes! – O mit welchen Empfindungen habe ich sie wiedergesehen, diese liebe Ge37 38 39
Vgl. Tanja Reinlein: Der Brief als Medium der Empfindsamkeit. Erschriebene Identitäten und Inszenierungspotentiale (Epistemata 455), Würzburg 2003, insbes. S. 39f. Roland Barthes: Fragmente einer Sprache der Liebe, Frankfurt/Main 1984, S. 40. Albrecht Koschorke: Körperströme und Schriftverkehr [Anm. 5], S. 159.
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gend, in der ich keinen Schritt fast tun kann, ohne daß sich nicht süße und bange Erinnerungen der Vergangenheit in meine Seele drängten; ich war in der Laube, die ich nicht wieder betreten hatte seit dem Morgen meiner Reise nach Lauchstädt, und es war mir, als vernähme ich da noch einen Laut von Euch – in welchem sonderbaren Zustand verließen wir uns doch damals! – in welcher Verwirrung – o es ist mir so klar, wie nur die Zeit alles ausreift, und wie so gut es ist, daß nichts gebrochen werde, ehe es reif ist, unsre Trennung war uns gewiß wohltätig, so weh sie uns auch tat. (HS I, 155)
Und auch Wilhelm zieht alle Register des Erhabenen, wenn er Caroline am 5. Dezember desselben Jahres (1790) wertherisierend schreibt; aber seine Naturschilderung schlägt unvermittelt um in eine bemerkenswerte Selbstanalyse: Es war heut ein entsetzlicher Sturm und Regen. Ich ritt aus in der Abenddämmerung. Die Wellen der Spree rollten so dunkel ans Ufer. Am weiten Himmel hatten sich ringsum schwarze Gewölke gelagert. In den Wipfeln der Tannen brauste fürchterlich der Sturm. Da ward mir besser. Wie wunderbar wir der Natur außer uns unsre innere Stimmung mitteilen! Die Wildheit der tobenden Elemente verwandelte sich in mir in eine wehe Melancholie. Langsam ritt ich zwischen dem Wald und dem Strome hin, in einem jammervollen, aber ruhigen Gefühl. „Was klagst Du“, rief es mir zu, „die entflohene Freude? Gleich einem Sonnenstrahl erfreut sie das arme Herz des Sterblichen, aber ein Sturm weht sie hinweg. Gehorche dem waltenden Schicksal.“ Es war nicht Mut, den es mir ins Herz goß, aber eine Hingabe in die stärkere Macht, so ist’s mir oft, aber nie stärker, als wenn die Natur selbst so kräftige Spuren dieser Macht mir um mich her zeigt. Ich bin ein sonderbares Wesen. Aber der Anblick einer Gewalt, der nichts widersteht, hat mich immer so mächtig angezogen, wenn ich gleich selbst fortgerissen würde im Strudel und meine letzten, liebsten Freuden. Wie ich noch ein Kind war, erinnere ich mich so deutlich, wie ich einen Wagen durch die vollen Straßen rollen sah und die Leute links und rechts aus dem Wege springen und den Wagen unbekümmert in gleicher Schnelle hineilen, dann klopfte das Herz mir so hoch. Lache nicht über mich, Li, und meine kindischen Erinnerungen. Was kann ich dafür, daß so viele Ansichten noch in mir sind, wie sie in meiner Kindheit waren, und daß es mir so eigen ist, geistige Gestalten in der Hülle der Sinnlichkeit zu sehen. Alles verwandelt sich vor meinem Blick so leicht nicht in Zeichen, aber in Ausdruck, und weil das tief in meinem Innern liegt, mein Gefühl es hervorbringt, nicht eine spitzfindige Vernunft es vorräsonniert, so laß ich mich gern gehen und hindere nichts. (HS I, 305, Hervorhebung: C.-F.B.)
Diese faszinierende Passage zeigt nicht nur Humboldts Fähigkeit der begrifflichen Selbstanalyse, sondern in nuce auch die Verbindung des so erkannten Ich mit den späteren Projekten. So schimmert gerade hier, in der Ableitung des Ich aus wenigen Grundmomenten das gewaltige anthropologische Projekt seines späteren wissenschaftlichen Lebens durch: seine Forschungen zur Sprache; denn nichts anderes als das linguistische Grundmotiv seines in der Signatur der Identität von Denken und Sprache stehenden späteren Kampfes gegen die semiotisch-kommunikative Auf-
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fassung von Sprache – wie sie seit der Aufklärung (und bis heute) die Diskussion bestimmt40 – bedeutet der Passus, dass sich vor seinem Blick alles in „Ausdruck“ und nicht in „Zeichen“ verwandele. Hier, wo Humboldt seine Weltansicht versprachlicht, lässt sich schon die Blaupause seiner späten Sprachphilosophie erahnen, derzufolge Sprachen „Weltansichten“ sind, linguistisch gesprochen: Signifikat und Signifikant zusammen entstehen und synthetisch miteinander verbunden sind. So kann behauptet werden, dass der Ursprung des Sprachphilosophen Humboldt nicht im Tagebuch der baskischen Reise (1801)41 zu finden ist oder im Fragment Latium und Hellas (1806),42 sondern bereits hier, in seinen Selbstentwürfen und Selbstanalysen für Caroline. Ausgehend vom Wunsch nach einer Sprache der Liebe, die ursprünglich ist, nicht korrumpierbar und nicht schon durch Gebrauch korrumpiert und ent-individualisiert, und angesichts der schon hier konstatierten Geschichtlichkeit jeglicher Sprache ergibt sich das Konzeptionelle der Liebe, die im Briefwechsel wie im realen Miteinander eine Liebe in der Sprache ist. Der Briefwechsel über die Liebe ist also, wie alle Arbeit in und an der Sprache, zugleich ein historisch-hermeneutischer und ein konstruktivistischer Akt. Arbeit an einer, nicht der Wirklichkeit. Diese findet in der Sprache ein transzendentales, objektkonstitutives Medium vor, das eine sprachliche Realität zwischen Subjekten (oder Subjekt und Objekt) generiert.43 In diese Richtung zielen Überlegungen, die Humboldt erstmals 1795 systematisiert; im Fragment Über Denken und Sprechen heißt es dahingehend: 1. Das Wesen des Denkens besteht im Reflectiren, d.h. im Unterscheiden des Denkenden von dem Gedachten. 2. Um zu reflectiren, muss der Geist in seiner fortschreitenden Thätigkeit einen Augenblick still stehen, das eben Vorgestellte in eine Einheit fassen, und auf diese Weise, als Gegenstand, sich selbst entgegenstellen. […] 5. Kein Denken […] kann anders, als mit Hülfe der allgemeinen Formen unsrer Sinnlichkeit geschehen; nur in ihnen können wir es auffassen und gleichsam festhalten. 6. Die sinnliche Bezeichnung der Einheiten nun, zu welchen gewissen Portionen des Denkens vereinigt werden, um als Theile andern Theilen 40
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Vgl. Jürgen Trabant: Apeliotes oder der Sinn der Sprache. Wilhelm von Humboldts Sprach-Bild, München 1986. Die entscheidende Formulierung findet sich in den Arbeiten zum Kawi-Werk; so heißt es in der zwischen 1827 und 1829 entstandenen Version der Einleitung, dass „in jeder Sprache eine Weltansicht“ liege, und weiter: „Weltansicht aber ist die Sprache nicht bloss, weil sie, da jeder Begriff soll durch sie erfasst werden können, dem Umfange der Welt gleichkommen muss, sondern auch deswegen, weil erst die Verwandlung, die sie mit den Gegenständen vornimmt, den Geist zur Einsicht des von dem Begriff der Welt unzertrennlichen Zusammenhanges fähig macht.“ (GS VI, 179f.) GS XV [Wilhelm von Humboldts Tagebücher. Zweiter Band 1799–1835], 356–451. GS III, 136–170; vgl. insbes. S. 166ff. Vgl. Monika Schmitz-Emans: Die Frage nach der Sprache. Zur Aktualität der Sprachreflexion Humboldts, in: Neohelicon 25 (2002), S. 33–66, insbes. S. 42ff.
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eines größern Ganzen, als Objecte dem Subjecte gegenübergestellt zu werden, heisst im weitesten Verstande des Worts: Sprache. 7. Die Sprache beginnt daher unmittelbar und sogleich mit dem ersten Act der Reflexion, und so wie der Mensch aus der Dumpfheit der Begierde, in welcher das Subject das Object verschlingt, zum Selbstbewusstseyn erwacht, so ist auch das Wort da […]. (GS VII.2, 581f.)
Indem Humboldt diese Einsichten schon 1790 im Briefwechsel mit Caroline antizipiert, entwirft er auch eine neue Sicht auf die Codierung von Intimität; indem der Sprache ein wesentlicher Anteil an der Konstitution des Schreibens der Liebe zugesprochen wird, wird sie, reziprok, an den historischen und kontingenten Charakter der Sprache zurückverwiesen. Was Kant für die Philosophie und unter bewusster Ausklammerung der Sprache unternommen hat,44 wird, zugespitzt formuliert, von Humboldt für die Liebe geleistet: Auch sie ist dem historisch-kontingenten Medium Sprache unterworfen, auch sie ist ein zwischen Subjekt und Objekt stehendes transzendentales Drittes. Damit wird die Liebe und ihre Sprache vom platonischen Paradigma der apriorischen, ahistorischen Substanz freigesprochen; sie ist in konstruktiven, kontingenten Akten der Poiesis ‚gemacht‘, und zwar in der Sprache. Diese Sprache aber ist zugleich in einem fundamentalen Sinn auf die Schrift verwiesen. Nicht im wirklichen Dialog kann es zu jenem für Humboldt so entscheidenden „still stehen“ des Geistes, zum „reflectiren“ (GS VII.2, 581) kommen, sondern erst in der Schrift. Sehr viel später, 1824, schreibt Humboldt in seiner Akademierede Ueber die Buchstabenschrift und ihren Zusammenhang mit dem Sprachbau gegen die phonozentrische platonische Tradition:45 „Allein das tönende Wort ist gleichsam eine Verkörperung des Gedanken, die Schrift eine des Tons. Ihre allgemeinste Wirkung ist, dass sie die Sprache fest heftet, und dadurch ein ganz andres Nachdenken über dieselbe möglich macht, als wenn das verhallende Wort bloss im Gedächtnis eine bleibende Stätte findet.“ (GS V, 109) Jedes Entwerfen der Liebe als poietischer, voluntaristischer Akt von Individuen ist in diesem Sinn auf Schrift angewiesen; damit wird schon in den sprachphilosophischen Überlegungen Humboldts auf eine grammatologische Kette der Reflexion verwiesen, deren trigonometrische Punkte mit den Namen Derrida, Kittler und Koschorke benannt werden können.46 44 45 46
Rainer Thurnher: Bemerkungen zu Humboldts These der sprachlichen Weltansicht, in: Neohelicon 25 (2002), S. 11–32, insbes. S. 14f. Vgl. zu diesem Zusammenhang Jürgen Trabants Studie Traditionen Humboldts (Frankfurt/Main 1990), und hier insbesondere das aufregende neunte Kapitel: „Humboldts Grammatologie“, S. 185–210. Jacques Derrida: Grammatologie [1967], Frankfurt/Main 1984, insbes. S. 16ff. und S, 27ff.; Friedrich Kittler: Aufschreibesysteme 1800/1900 [1985], München 2003, insbes. S. 95ff.; Albrecht Koschorke: Körperströme und Schriftverkehr [Anm. 5], passim.
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Ein solches Konzept der Poiesis, das Humboldts weiteres Sprachdenken bestimmen sollte, findet sich auch in seiner Ästhetik. In einer französischsprachigen Selbstrezension seiner Ästhetischen Versuche für Mme de Staël entwirft Humboldt sein transzendentalpoetisches Manifest, ironischerweise im Rahmen eines Versuchs, Goethes Herrmann und Dorothea als Paradigma des Klassischen zu kanonisieren. Humboldts Unterfangen, das Epos als die Form literarischer Autonomie für die Moderne festzuschreiben stand von je quer zu den literaturgeschichtlichen Konstellationen der Epoche.47 Für Goethe wie für Schiller ist es ohne Wirkung geblieben; nicht jedoch für die Geschichte der Ästhetik der Moderne. Sein 1799 im Magasin encyclopédique erschienener Aufsatz ist ein emphatisches Manifest der Einbildungskraft, das die transzendentalpoetische Denkfigur einer nicht-mimetischen und nicht-realistischen Poetik radikalisiert zu einer Ästhetik bewusster, autonomer Artifizialität als Ausweis der Freiheit und als Signum der Versöhnung der Individualität mit der empirischen, kontingenten, historischen Welt.48 Wie Baudelaire liest sich Humboldt, wenn es gleich zum Auftakt der Abhandlung programmatisch heißt: „Le domaine du poète est l’imagination; il n’est poète qu’en fécondant la sienne. Il ne se montre tel qu’en échauffant la nôtre.“ (GS III, 1) Oder wenn Humboldt die Wirkung der Imagination in fast Benjaminscher Wendung als „choc électrique“ (GS III, 2) bezeichnet. Aus der ästhetischen Theorie der Transformation von Natur in Kunst formuliert Humboldt hier eine Ästhetik der Künstlichkeit, in deren Rahmen er gegen die abendländische Mimesislehre postuliert: „En effet, l’artiste doit anéantir la nature comme objet réel, et la refaire comme production de l’imagination.“ (GS III, 10) Diese Radikalität ist nur mit einem avancierten Begriff der Autonomie möglich. Und in der Tat ist der Humboldt des französischen Essays ein ästhetikgeschichtlicher Avantgardist, „bewegt sich hier auf einer Spur, der auch Novalis, Friedrich Schlegel und andere Vertreter romantischer Transzendentalpoesie“ folgen sollten.49 Auch dieser moderne Autonomiebegriff – so eine weitere These angesichts des Briefwechsels zwischen Caroline und Wilhelm – findet sich in den Briefen des Paares, und zwar 47
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Ernst Osterkamp: Gesamtbildung und freier Genuß. Wechselwirkungen zwischen Goethe und Wilhelm von Humboldt, in: Wechselwirkungen. Kunst und Wissenschaft in Berlin und Weimar im Zeichen Goethes (Publikationen zur Zeitschrift für Germanistik 5), hg. von Ernst Osterkamp, Bern [u.a.] 2002, S. 133–154, hier S. 141. Vgl. die hervorragend kommentierte zweisprachige Ausgabe von Kurt Müller-Vollmer: Poesie und Einbildungskraft. Zur Dichtungstheorie Wilhelm von Humboldts. Mit der zweisprachigen Ausgabe eines Aufsatzes Wilhelm von Humboldts für Frau von Staël, Stuttgart 1967. Monika Schmitz-Emans: Die Frage nach der Sprache [Anm. 43], S. 38.
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als Blaupause einer Existenz, die die Lebensgestaltung als Autonomie begreift, als eine Folge dezisionistischer Momente und nicht länger als entelechischen Akt. In diesem Briefwechsel gewinnt der spätere Konzeptualist der politischen Liberalität, der Antikekunde, der literarischen Ästhetik und des im Leben verwirklichten Eros deutliche Kontur. Und zwar im gegenseitigen epistolarischen Gespräch mit Caroline. Wenn Humboldt in einer seiner ersten politisch-anthropologischen Schriften, dem Aufsatz Über Religion von 1789, schreibt, dass „alle Bildung […] ihren Ursprung allein in dem Innren der Seele“ habe (GS I, 70), dann ist die Umsetzung dieser emphatischen Auffassung von personaler Autonomie in den Lebensentwürfen und in der Geschlechterlehre des Briefwechsels mit Caroline zu finden. Indem sich nämlich Humboldt im Brief an Caroline als Individuum beschreibt, und zwar in momentanistischen Schilderungen als historisch-kontingentes Individuum, und indem er diese Beschreibung selbst zum zentralen Motiv der Briefe erklärt, wird ein zweites Projekt erkennbar: das der autonomen Existenz und ihrer anthropologischen Beschreibung. Wohl kein intellektueller Protagonist der Goethezeit hat sein Leben so konsequent unter das Signum der Individualität gestellt, hat sein Werk bis zur Verweigerung störrisch dem Projekt einer rückhaltlosen Selbsterforschung und -auskunft untergeordnet wie Wilhelm von Humboldt. Im Tagebuch hat er sich später als „reiner Zuschauer in der Welt“ (GS XIV, 453) bezeichnet, der diese Welt in ihrer empirischen Totalität in sein Innen verwandele, um sie als Identität von Idee und Realität denken zu können. So kann er das „Auffassen der Welt in ihrer Individualität und Totalität“ als Ziel seines „Bestrebens“ (GS XIV, 456) angeben. Für Humboldt, der, wie er später schreibt, aus seiner Individualität stets das „Symbol“ (GS XIV, 452) der Ideen des Zeitalters zu entwickeln sucht, wurde das Tagebuch zum Medium der Selbstanalyse;50 der Briefwechsel aber zum eigentlichen Ideenmagazin und zur Probebühne dieser Individualitätsentwürfe. Das zeigt sich entscheidend im Entwurf der gemeinsamen Existenz der beiden Liebenden.
IV Die Briefe aus der Brautzeit Carolines und Wilhelms von Humboldt entwerfen das Bild einer faszinierenden Existenz der Sattelzeit. Dazu zählt v.a. die Autonomie der Liebenden, die sich gegen die Bedenken sowohl der Mutter Humboldts wie des Vaters Carolines verloben, die es also ge50
Cord-Friedrich Berghahn: Urbane Semantik [Anm. 24], S. 309.
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gen die Konvention der Zeit wagen, eine Ehe im adligen Milieu nicht auf Konvenienz, sondern, ganz bürgerlich und empfindsam, also modern, auf Liebe allein zu gründen. Was Jean Paul im Anhang zum Quintus Fixlein formulierte51 und im Hesperus zum Konzept der „Hohen Seelenliebe“ gegen bürgerlichen Pragmatismus und adlige Liebessemantik ausarbeitete,52 findet sich auf faszinierende Weise, und zwar weil es ein realer Existenzentwurf ist, der von epistolarischer Reflexion begleitet wird, in den Briefen Carolines und Wilhelms von Humboldt aus den Jahren 1790/1791. In ihnen nehmen Caroline und Wilhelm gegen den Widerstand ihrer elterlichen und familiären Umgebung nicht nur ein ganz neues und unerhörtes Individualitäts-Projekt in Angriff, sondern auch das vorweg, was das Allgemeine Landrecht in Preußen erst fünf Jahre später garantieren sollte: das Recht auf freie Partnerwahl.53 Die andere, nicht minder revolutionäre und die Umwelt nicht minder frappierende Unabhängigkeitserklärung in diesen Briefen betrifft die Autonomie der Person und den damit verbundenen Entwurf einer gemeinsamen Existenz, die sich den pragmatischen Forderungen der Gegenwart zugunsten eines gemeinsamen Bildungsprojekts entzieht. Caroline und Wilhelm zeichnen im Verlauf ihrer Liebesbriefe das Bild einer apollinischen Partnerschaft des Hohen Paares.54 Das platonische Bild der Kugelhälften und die platonische Vorstellung der gegenseitigen Ergänzung gehören dazu. Aber auch die Vorstellung der Freiheit des Individuums. Nicht Selbstaufgabe im Anderen, sondern Ergänzung und Individualität sind die Leitbegriffe, die die Briefe seit der Verlobung im Dezember 1789 charakterisieren. So schreibt Wilhelm von Humboldt am 4. Dezember 1790: Was mich noch so in Deiner Erzählung gefreut hat, ist, daß Du Dich immer so gehen lässest, wie Du bist. Das ist allein das Kennzeichen der wahren Größe, dies Vertrauen auf das innere Wesen. Daran erkannt ich Dich zuerst, und daran unterschied ich Dich von allen, die meinem Herzen auch nah waren. Nur in Dir fand ich eine so ungebundene Freiheit, und dennoch sah ich Dich immer in so entzückender Harmonie mit allem, was Dich umgab. […] Ich kann Dich nicht aussprechen, Li, und wer auf Erden vermag es, aber ich habe Dich aufgefaßt in 51 52 53 54
„Alle Liebe liebt nur Liebe, sie ist ihr eigner Gegenstand“. (Jean Paul: Sämtliche Werke, hg. von Norbert Miller, Abt. I, Bd. 4, München, Wien 1975, S. 220.) Vgl. dazu Julia Bobsin: Von der Werther-Krise zur Lucinde-Liebe. Studien zur Liebessemantik in der deutschen Erzählliteratur 1770–1800 (Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur 48), Tübingen 1994, S. 135ff. Vgl. dazu Reinhard Koselleck: Preußen zwischen Reform und Revolution. Allgemeines Landrecht, Verwaltung und soziale Bewegung von 1791–1848, München 1981, insbes. S. 52ff.; Julia Augart: Eine romantische Liebe in Briefen [Anm. 31], S. 26. Vgl. Ernst Bloch: Das Hohe Paar. Ein altes Ehesymbol, in: Sinn und Form 7 (1955), S. 851–868.
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aller der Unendlichen Schönheit Deiner großen Seele, und glühend steht Dein Bild in meinem liebenden Herzen. Sonst dacht ich oft, auch unerwiderte Liebe müsse so wunderbar beglücken, weil man doch das Bild des Geliebten im stillen Busen trüge. Jetzt ist mir’s viel anders. Sein Bild trüge man. Ach! ein Schatten ist’s des Bildes, ohne Glut der Farben, ohne Feinheit der Züge. Um das wahre Bild in sich aufzunehmen, bedarf es der Begeisterung der Liebe. Ohne sie vermöchte ich Dich nicht so zu denken. (HS I, 304)
Um diese Idee des Hohen Paares ohne Kompromisse zu leben – und Kompromisse gibt es im Freundeskreis viele: Schiller etwa, der Charlotte anstelle von Caroline von Lengefeld heiratet oder Caroline selbst, die dann Beulwitz heiratet und sich Schiller gegenüber förmlich auslöscht55 –, reift in den Brautleuten ein ungewöhnlicher Entschluss. Während Carolines Vater gerade erst die Tatsache verdaut hat, dass seine Tochter nur einen Assessor (mit freilich glänzenden Aussichten) im preußischen Justizwesen heiratet, planen die beiden in ihren Briefen den Ausstieg in eine freie, ungebundene, den bürgerlichen wie adligen Zwecken enthobene Existenz. „Wir fühlen uns jeder in dem anderen und den anderen in uns“ – schreibt Caroline am 9. Dezember 1790 – „Vereint wollen wir von Stufe zu Stufe auf der unabsehbaren Leiter hinan.“ (HS I, 312) Und im selben, über mehrere Tage verfassten Brief schreibt sie nach einer ausführlichen Diskussion der ökonomischen Lage des Paares am 11. Dezember: […] aber den schöneren Kreis, den Du Dir in einer anderen Lebensart [als der des Angestellten im Justizministerium] bilden kannst – o, nur wenige Menschen können ihn erschaffen! Nur weniger Menschen Dasein kann so segensvoll werden wie das Deine, denn was es allein dazu macht, diese Fülle des Geistes, dieser innere Reichtum, diese Empfänglichkeit für alles Schöne und Große, dies Vermögen zu geben – wie wenige besitzen das alles, und wie wenige unter der geringen Zahl begünstigt das Schicksal so wie Dich, ihre geheimen Wünsche möglich zu machen. (HS I, 316)
Während Schiller als Professor in Jena sein mageres Gehalt verdient, Goethe in Weimar Ministerpflichten wahrnimmt, Herder predigt und Wieland als Zeitungsmann arbeitet, Moritz in Berlin die Brücke zwischen 55
So schreibt Wilhelm von Humboldt bald nach der Verlobung mit Caroline im Dezember 1789 aus Weimar seinen Eindruck über Caroline (von Beulwitz/Wolzogen), die ihm und Caroline zuvor „das Original der schönen Seele“ verkörperte (Christa Bürger: Leben Schreiben [Anm. 9], S. 152f.): „Schiller wurde in den ersten Stunden vertraut, das heißt er genierte sich nicht. Aber die Art, wie sie untereinander sind, drückte mich oft. Wenn ich C[aroline] ansah, über ihn hingelehnt, das Auge schwimmend in Tränen, den Ausdruck der höchsten Liebe in jedem Zuge, – ach ich kann’s Dir nicht schildern, wie mir’s dann ward. Denn es war kein freies Äußern, kein Hingeben in die Empfindung, alles gehalten, gespannt. So viel Fähigkeit, zu geben und zu genießen, und die gehemmt. Wenn es nun so fortgeht, denk ich immer, tötet endlich das ewige Hemmen die Kraft, es stirbt hin, was in sich so beseligt, so viel Schönes erzeugt hätte, und man sitzt endlich wie der Adler mit gelähmten Flügel am Strande des Meeres und blickt zur Sonne und vermag kaum mehr den Gedanken zu fassen: ich war einst da.“ (HS I, 60, vgl. HL 51)
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seiner hehren Kunsttheorie und der praktischen Kunstpflege an der Akademie schlagen muss, während die meisten der Intellektuellen und Schriftsteller im Deutschland der Goethezeit ihren zumeist akademischen Brotberufen mit mehr oder weniger Ingrimm nachgehen, während also die Misere der Intellektuellen anhält,56 versuchen Caroline und Wilhelm das Utopische: die freie, autonome Existenz. Das hat ihnen die akademische Zunft, das haben ihnen die Berufsschriftsteller, die Antikeforscher, die Linguisten und Künstler bis heute nicht verziehen. – „Wie ich nach Göttingen kam“, schreibt Humboldt Caroline am Heiligabend 1790, „wie ich Stieglitz, Jakobi, Forster oft sah, wurde ich sehr mißtrauisch gegen das beschränkte Gute im Geschäftsleben, und wie ich mich tiefer studierte, wie ich große Charaktere in andern näher sah, o! und vor allem, wie Dein Anblick mich ewig beschäftigte, da dämmerte es erst so in mir, daß doch eigentlich nur das Wert habe, was der Mensch in sich ist.“ (HS I, 344) – Und anlässlich eines Werks über den Charakter schreibt er Caroline: Überhaupt zeigt man in der Geschichte zu wenig den Menschen. Das, was eigentlich überall Zweck ist, die Art des Seins des einzelnen Menschen, wird so oft und auch in der Geschichte als Mittel zu Zwecken angesehen, die nicht selten mehr als Worte sind. Es scheint so simpel, eben dies innere Sein des Menschen überall zum letzten Gesichtspunkt zu nehmen, und doch ist es beinah unbegreiflich, wie fast alle Beobachtungen aller Wissenschaften eine verschiedene Gestalt erhalten, wenn man diesen Gesichtspunkt streng ins Auge faßt. Vorzüglich kommt es wohl daher, weil man in einem Studium, und gerade im wichtigsten, noch ganz zurück ist. Dies ist eben das Studium des Menschen in sich, wie er ist und wie er sein soll. Auch hier nimmt man immer fremde, äußere Gesichtspunkte, und daher entstehen dann alle die Sätze, die ein richtiges, nicht mißgeleitetes Gefühl für irrig erklärt. Dalberg hat gesagt, alles nähme in meinem Kopf eine andre, eigene Gestalt an, und Du sagtest es mir oft. Wenn dies ist, so ist’s doch nur, weil ich gerade immer von diesem Punkt ausgehe, und daß ich das tue, ach! das lernt ich von den Stunden, die die seligsten […] [und] auch die wohltätigsten meines Lebens waren. […] Das volle, reine Anschauen, o! das wurde mir erst, da ich Dich liebte und da Du mich liebtest. So stammt es von Dir, so danke ich Dir, o! wahrlich allein Dir, was mich beseligt, warum Du selbst mich liebst. (HS I, 393f.)
Im Verlauf der Liebeskorrespondenz zwischen Caroline und Wilhelm entsteht so die Idee der autonomen Existenz, deren Ziel die gegenseitige Vervollkommnung und die Aufhebung der Begrenztheit des isolierten Geschlechterwesens Mensch ist. „So schlossen wir unsern Bund. Freiheit ist sein erstes Gesetz. Ach! und nicht Gesetz, wie kennten wir das Wort“; so Humboldt kurz vor der Hochzeit im März 1791, „aber es ist die milde Luft, in der allein die Blüten unserer Freude gedeihen. Emporzusteigen in 56
Vgl. Hans Mayer: Das unglückliche Bewußtsein. Zur deutschen Literaturgeschichte von Lessing bis Heine. Frankfurt/Main 1989, insbes. S. 26ff.
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ungebundener Freiheit, uns zu sehen in allen Gestalten, zu werden, wozu unser Wesen uns führt, ist unser einziges Streben, die Erreichung unsrer einzigen Glückseligkeit.“ (HS I, 429) Die Autonomie der Liebe, die sich den kurrenten Kategorien entzieht, wird von Humboldt wie von Caroline immer wieder beschworen; ihr korrespondiert der Versuch, ein Leben an dieser Liebe auszurichten. So schreibt Humboldt 1792 rückblickend auf die Brautzeit: Keiner hat eigentlich dem andern etwas gegeben, o! die Liebe hängt zu süß an dem Geliebten, um von sich in ihn übertragen zu wollen, und das Wesen, das zu lieben vermag, ist zu groß und selbständig, um aus dem andern für sich zu nehmen. Daß wir beide das fühlen, darum ersticken wir mit besorglichen Küssen immer die Worte des andern, wenn er Dank stammelt für das, was er empfing. Aber daß jeder dem andern sich hingab, das machte erst, was jedem eigen in sich war, vom Schattenbilde zur Wahrheit. (HS II, 5)
So steht der Briefwechsel zwischen Caroline von Dacheröden und Wilhelm von Humboldt, der in den Konventionen der empfindsamen Briefkultur und unter den Auspizien der spätaufklärerischen Psychologie begann, in seinem Verlauf für einen der ungewöhnlichsten Lebensentwürfe der klassisch-romantischen Periode. Er präludiert das gemeinsame, den Zwängen enthobene Dasein des Paares vor Humboldts diplomatischen, bildungs- und kulturpolitischen Missionen. Also die Existenz in Burgörner, die Jahre in Weimar im Kreise Schillers und Goethes, die Jahre in Tegel und die in Paris – und vor allem natürlich die großen gemeinsamen Reisen nach Spanien. In diesen Jahren zwischen 1791 und 1802 sind zahlreiche Fragmente Humboldts entstanden, deren Fäden er in seinen ästhetischen, geschichtsphilosophischen, anthropologischen und linguistischen Studien wieder aufnehmen sollte. Und, was für den hier dargestellten Zusammenhang von Bedeutung ist, in den Jahren der gemeinsamen zweckfreien Existenz hat Wilhelm von Humboldt seine Theorie des Menschen, seine Lehre der Geschlechter und seinen Entwurf eines liberalen Staates verfasst. Alle diese Texte hängen mit der Existenz des Paares und mit dem im Briefwechsel Entworfenen zusammen. So unterstreicht Humboldt in seinem Versuch, die Gränzen der Wirksamkeit des Staaates zu bestimmen von 1792 die unbedingte Autonomie des Individuums, der ein Entwurf des Politischen korrespondieren soll, der Erziehung nicht durch direkte Maßnahmen, sondern indirekt, v.a. durch das Medium des Ästhetischen zu verwirklichen sucht. Aus den gemeinsamen Überlegungen mit Caroline entwickelt er in dieser wohl liberalsten Staatslehre des deutschen 18. und 19. Jahrhunderts die Theorie des historischen Moments, eines kritischen Punkts der „Jetztzeit“, der die Ausbildung des Individuums als Ausgang aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit und als emphatischen Neubeginn der europäischen Geschichte fei-
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ert. In den Ideen schreibt er dahingehend: „Endlich steht, dünkt mich, das Menschengelschlecht jezt auf einer Stufe der Kultur, von welcher es sich nur durch Ausbildung der Individuen höher emporschwingen kann; […]“ (GS I, 143–144) Und folgert für die Einrichtung des modernen liberalen Staats: „Ueberhaupt habe ich versucht, die vorteilhafteste Lage für den Menschen im Staat aufzusuchen. Diese schien mir nun darin zu bestehen, dass die mannigfaltigste Individualität, die originellste Selbstständigkeit mit der gleichfalls mannigfaltigsten und innigsten Vereinigung mehrerer Menschen neben einander aufgestellt würde – ein Problem, welches nur die höchste Freiheit zu lösen vermag.“ (GS I, 236) Humboldts liberale Theorie fußt wesentlich auf einer Ergänzungserfahrung des Männlichen und des Weiblichen, die er nur gemeinsam mit Caroline machen konnte und die als Geschlechterlehre57 im gemeinsamen Briefwechsel ihren ersten Niederschlag gefunden hat.58 Die zwischen Caroline und Wilhelm entworfene Ergänzung der Geschlechter im Rahmen eines selbstbestimmten Lebensentwurfs hat Humboldt zur Basis einer Reihe anthropologischer Projekte gemacht. Sie alle erweitern den Begriff des Geschlechts in die menschheitsgeschichtliche und philosophische Dimension. So schreibt Humboldt in seinem Aufsatz Über den Geschlechtsunterschied und dessen Einfluss auf die organische Natur, der 1795 in Schillers Horen erschien, dass es „nur einer mässigen Anstrengung des Nachdenkens [bedarf], um den Begriff des Geschlechts weit über die beschränkte Sphäre hinaus […] in ein unermeßliches Feld zu versetzen. Die Natur wäre ohne ihn nicht Natur, ihr Räderwerk stände still, […] wenn an die Stelle des Unterschiedes eine langweilige und erschlaffende Gleichheit träte.“ (GS I, 311) In seiner Geschlechtertheorie geht Humboldt der Frage der Synthesis von Sinnlichkeit und Einbildungskraft – der Frage, der Kant ausgewichen war – nach;59 er verfolgt damit weit über die angegebene Aufgabe hinaus transzendentalphilosophische Absichten (und zwar auf dem dunklen Fleck der Transzendentalphilosophie). Gemeinsame „Wurzel“ (GS I, 323) von Sinnlichkeit und Verstand ist für Humboldt die Sexualität, „die ZeugungsKraft, die körperlich genetische Kraft, das Genie im konkreten Sinne des
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Vgl. zum Folgenden Schriftstellerinnen der Romantik [Anm. 9], S. 45–49. Man kennt sie zumeist in der durch Schiller verflachten Form, vgl. Volker Hoffmann: Elisa und Robert oder das Weib und der Mann, wie sie sein sollten. Anmerkungen zur Geschlechtercharakteristik der Goethezeit, in: Klassik und Moderne. Die Weimarer Klassik als historisches Ereignis. Walter Müller-Seidel zum 65. Geburtstag, hg. von Karl Richter und Jörg Schönert, Stuttgart 1983, S. 80–97. Robert Leroux: L’esthéthique sexuée de Guillaume de Humboldt, in: Études Germaniques 3 (1948), S. 261–273, hier S. 269f.
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Wortes, die wort-wörtliche Ein-Bildungs-Kraft“.60 Humboldt denkt die Differenz der Geschlechter als notwendige Entzweiung, die nicht nur im Organischen Movens des Lebens ist, sondern in einem höheren Sinn auch Movens der Bildung. Für ihn ist, worauf Jürgen Trabant nachdrücklich hingewiesen hat, auch das Verfahren der Sprache eine „Vermählung der Kräfte des Menschen mit der Welt und – mehr noch als die Kunst – des Menschen mit dem Menschen“.61 Das Faszinierende dieser Geschlechterlehre ist also nicht nur ihre Adaptierbarkeit im Hinblick auf die Fragen der Zeit – also auf Fragen der Ästhetik, der Geschichtsphilosophie und der Anthropologie – und die Tatsache, dass Humboldt sie aus den gemeinsamen Erfahrungen des Paares gewinnt, sondern die Schlüsselposition, die sie im Netzwerk von Humboldts Denken einnimmt. Es ist keine dualistische, sondern eine sym-biologische, keine ahistorisch-platonische, sondern historisch-empirische Lehre, die auf die Transzendierung des Dualismus der Geschlechter zielt (und damit eines der großen Phantasmen der deutschen Kunst und Anthropologie bis hin zu Richard Wagner begründet.) So schreibt Humboldt: „Alles Männliche zeigt mehr Selbstthätigkeit, alles Weibliche mehr leidende Empfänglichkeit. Indes besteht dieser Unterschied nur in der Richtung, nicht in dem Vermögen.“ (GS I, 320) Und weiter, implizit den Bogen zur Selbstanalyse von 1789 und zu den Positionsbestimmungen des Briefwechsels schlagend: In dem ersten Fall ist daher eine Stärke, die, auf einen Punkt versammelt, von diesem nach außen hin strebt. Ausser sich sucht dasjenige einen Stoff, was in sich nicht genug Beschäftigung seiner Thätigkeit findet. In dem letzteren ist eine Fülle des Stoffs, die sich einen fremdem Gegenstand in einem Punkt innerhalb ihres Wesens aufzunehmen, und von ihm Einheit zu empfangen sehnt. So befriedigt die eine Kraft die Sehnsucht der andren, und beide umschlingen einander zu einem harmonischen Ganzen. (GS I, 321)
In seinem Fragment gebliebenen Aufsatz Über die männliche und weibliche Form hat Humboldt diese Lehre der Geschlechter weiter präzisiert und in Verbindung zu seiner Theorie der griechischen Antike als Kairos der Humanität gesetzt. Im Rahmen seiner Spekulationen über die geschichtliche Gegenwart der Geschlechter entwickelt Humboldt hier sogar die Vision einer Aufhebung der dissonanten Nationalcharaktere der europäischen Gegenwart durch ein qualitativ Anderes, ein Drittes zwischen Sinnlichkeit und Verstand, Idee und Empirie, einen Charakter, der aus der Versöhnung und Ergänzung der Geschlechter entsteht.
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Jürgen Trabant: Traditionen Humboldts [Anm. 45], S. 40. Ebd., S. 41.
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Kaum ist es möglich, sich hiebei [dem Verhältnis des Schönen zum Charakteristischen im Hinblick auf die Geschlechter, Anm. C.-F.B.] nicht an den Einfluss zu erinnern, welchen zwei Nationen von ganz entgegengesetzten Charakter nach und nach auf unsern Geschmack ausgeübt haben, und seine Blicke nicht erwartungsvoll auf eine dritte zu richten, welche den Gehalt, wie die Form, wieder in ihre Rechte einsetzte und beiden einander zu verdrängen wehrte, wenn sich von einem besondern Nationalcharakter die Vollendung erwarten liesse, die nur das Werk des allgemeinen Vernunftcharakters sein kann. (Vgl. GS I, 365)
Auf der Basis dieser Anthropologie erhebt sich das gewaltige Lebensprojekt Humboldts. Die Facetten und Inhalte dieses Projekts sind dabei sehr unterschiedlich: zunächst die philosophischen und politischen Studien in Paris und an der Seite Carolines; die altertumskundlichen Schriften im Austausch mit Friedrich August Wolf; seine Ästhetischen Versuche, die eine Poetologie der Goethezeit entwerfen; schließlich sein großer Plan einer vergleichenden Anthropologie – alles Themen, die im Briefwechsel der Liebenden angesprochen werden. Freilich ist nichts systematisiert, was dem lebenslangen epistolarischen Austausch seinen Reiz gibt und diese Briefe zu ideengeschichtlichen Steinbrüchen der Goethezeit macht. Aus den einzelnen, versprengten Reflexionen aber lassen sich, dies habe ich zu zeigen versucht, die Elemente der Humboldtschen Spekulationen über das historische Individuum und seine Sprachen entziffern. Bedeutsam sind die Briefe aber auch in einem mediengeschichtlichen Sinn, weil diese Reflexionen an die Schrift und an den Brief notwendig gebunden sind (worauf Humboldt immer wieder hinweist), und weil sich aus dieser Gebundenheit, die Grundlage der Reflexion und der Bildung ist, ein ganz anderes, vermitteltes und für Humboldt in einem höheren Sinne produktives Ideal der Liebe ergibt. Wilhelm von Humboldts Briefe sind Briefe der ‚Schrift‘ in einem ganz elementaren Sinn; erst in ihnen findet die Sprache der Liebe zu sich, changiert zwischen Konvention und Freiheit, zwischen Sprache und Individuum.
V Dieser beeindruckenden Bilanz des Briefwechsels stehen jedoch auch offene Rechnungen gegenüber. Die Briefe zwischen Wilhelm von Humboldt und Caroline von Dacheröden enden ja nicht mit der Hochzeit im Juni 1791, und der Briefwechsel wird auch nicht nahtlos in die weiteren Projekte Wilhelm von Humboldts überführt. Im Briefwechsel der Brautzeit hatte sich aus einem empfindsamen ein olympischer Diskurs entwickelt, der die Idee des Hohen Paares in das Zentrum stellte. Dem entsprach zunächst ein platonischer Eros, dann ein komplexer historischer
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Entwurf der Liebe, der auf Zusammenführung der Geschlechter zielte, das Erotische im eigentlichen Sinn jedoch aussparte. Dabei lassen sich die Stimmen der Partner dieses Dialogs im Laufe des Briefwechsel deutlich scheiden. Wilhelm, dem Konzeptualisten und Idealisierer, dem auch die junge Caroline von Dacheröden allmählich zur Idee des Weiblichen wird, tritt in seiner Briefpartnerin eine Gleichgestimmte entgegen, die jedoch im Idealisierten den Menschen und zukünftigen Gatten sah. In einem ganz elementaren Sinn besteht hier die Asymmetrie der Briefe, und hier liegt auch ein Minenfeld für die weitere Forschung. Humboldt macht die Verwandlung der Erscheinung in die Idee – die Grundzug seiner Ästhetik ist – auch zum Skript des Briefwechsels. „Ich idealisiere die Wahrheit“, schreibt er im Brief vom 21. Januar 1790, „ja Lina, ich gestehe es frei und offen, selbst Dich idealisiere ich“. (HS I, 171) Eine solche Praxis aber muss Folgen für die Wirklichkeit haben, Folgen, die auf das in diesen Briefen entworfene Liebeskonzept deuten, auf den Status dieser Briefe – und nicht zuletzt auf die raison d’être des Liebesbriefs: die gelingende Liebe. Der Briefwechsel zwischen Caroline von Dacheröden und Wilhelm von Humboldt ist ein emphatischer Liebesbriefwechsel, der die Konventionen der Empfindsamkeit weit hinter sich lässt. Gleichwohl sind es keine romantischen Briefe im Sinne Karl Heinz Bohrers, keine Briefe also, in denen der mimetische Charakter epistolarischer Dialogizität zugunsten einer radikalen ästhetischen Subjektivität aufgegeben wird.62 Einer solchen Radikalisierung widerspricht der zweifache Anspruch dieser Briefe, am Projekt der Selbsterhaltung und Lebensgestaltung des Individuums teilzunehmen und authentisch zu sein. Daneben verhindert natürlich die klassizistische Literaturauffassung Wilhelm von Humboldts, dass seine Briefe literarischen, ja kunstautonomen Anspruch erheben (und das macht sie, verglichen mit seiner eigentlichen Dichtung, ja auch so lesbar).63 Nicht romantisch ist auch die Liebeskonzeption Wilhelm von Humboldts, die nicht nur in ihrer Zukunftgerichtetheit, sondern auch in ihrem Dualismus zwischen Idealisierung und erotischer Realität das genaue Gegenteil der Liebeskonzeption der Lucinde und der Briefe etwa Clemens Brentanos oder Friedrich Schlegels darstellt.64 Anders als in der Liebes62 63 64
Vgl. Karl Heinz Bohrer: Der romantische Brief [Anm. 32], S. 12. Vgl. zu Humboldts Literaturauffassung, die gerade an den Rändern des Klassizismus ungewollt eine Poetik der Moderne entwirft, Kurt Müller-Vollmer: Poesie und Einbildungskraft [Anm. 48], S. 77–115. Zur Liebesauffassung der Romantik vgl. die materialreiche Studie von Paul Kluckhohn: Die Auffassung der Liebe in der Literatur des 18. Jahrhunderts und in der deutschen Romantik, Halle/Saale 1922; Lothar Pikulik: Romantik als Ungenügen an der Normalität,
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konzeption der Romantik hat Humboldt zwei erotischen Sphären angehört: der idealischen mit Caroline und der realen, despotischen – um nicht zu sagen sadistischen – mit Prostituierten, Johanna Motherby und, epistolarisch, Charlotte Diede, die er in den notorischen Briefen an eine Freundin tyrannisiert.65 Seine im Brautbriefwechsel mit Caroline konsequent durchgehaltene Sublimierung hat ex negativo zu einer Theorie und Praxis körperlicher Beziehungen geführt, die sich brutal, direkt und unpersönlich, vor allem aber: ohne Sprache in sexuellen Akten entlädt.66 Caroline hingegen hat an ihrer Liebeskonzeption festgehalten, und sie hat sich, anders als der Klassizist Wilhelm, in den Jahren nach 1797 auf die Romantik zubewegt; sie hat den Kosmos ihrer künstlerischen und literarischen Ambitionen auf ein umfangreiches Briefwerk verteilt, das nach wie vor einer kulturgeschichtlichen Aufarbeitung harrt. Dass beider Ehe trotz Wilhelms Libertinage und trotz Carolines romantischer, also bedingungsloser Liebe zu Wilhelm von Burgsdorff und zu anderen nicht nur ‚gehalten hat‘, sondern als Erfolgsgeschichte im Rahmen der pluralistischen Lebensentwürfe um 1800 gelten muss, verdankt sich den zahlreichen Briefen, die in den Phasen der Trennung geschrieben wurden. In ihnen zeigt sich die Kunst beider Briefpartner, den „Terror der Authentizität“ (Th. Markwart) zu überwinden und aus der Idee der Freiheit die Praxis einer Liebe zu gewinnen, die die realen Kontingenzen des Lebens toleriert, ja als Teil dieser Freiheit bejaht.
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Frankfurt/Main 1979, insbes. S. 111ff.; Günther Dux: Geschlecht und Gesellschaft. Warum wir lieben, Frankfurt/Main 1994, S. 424; Walter Hinderer: Zur Liebesauffassung der Kunstperiode. In: Codierungen von Liebe in der Kunstperiode (Stiftung für Romantikforschung 3), hg. von Walter Hinderer, Würzburg 1997, S. 7–34, insbes. S. 10ff. Briefe von Wilhelm von Humboldt an eine Freundin (2 Bde.), Leipzig 1847. Kritische Ausgabe: Briefe von Wilhelm von Humboldt an eine Freundin. Zum ersten Male nach den Originalen hg. von Albert Leitzmann (2 Bde.), Leipzig 1909; vgl. Albert Leitzmann: Die Freundin Wilhelm von Humboldts, in: Deutsche Rundschau 140 (1909), S. 204–230. Vgl. zu diesem für die Humboldt-Forschung wichtigen heiklen Punkt die immer noch lesenswerte Arbeit von S.[iegfried] A. Kaehler: Wilhelm von Humboldt und der Staat. Ein Beitrag zur Geschichte deutscher Lebensgestaltung um 1800, München, Berlin 1927, insbesondere S. 59–107.
Barbara Potthast
Liebe als Revolutionssurrogat ² Zum Briefwechsel zwischen Therese von Bacheracht und Karl Gutzkow 1848/49 Im Zusammenhang mit den revolutionären Erschütterungen des Jahres 1848 veränderten sich die Vorstellung und die Praxis der Liebe. Revolution und Liebe traten 1848 in ein enges Verhältnis.1 Die Euphorie der Revolution bezog die Geschlechterliebe mit ein: einerseits bediente sich die Revolution einer amourösen Semantik, andererseits intensivierte das politische Pathos die gelebte Liebeskultur. Dabei wurde Liebe als progressive, utopische Kraft verstanden, als Antizipation einer freiheitlichen und gerechten Gesellschaft. Die revolutionären Konzeptionen von Liebe, Mann und Frau kollidierten, obwohl in der Vormärzkultur vorbereitet, in vielfältiger Weise mit traditionellen Normen; die Lebenszeugnisse des Revolutionsjahres, in denen Geschlechterliebe thematisiert wird, sind daher von Widersprüchen und Konflikten geprägt.
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Vgl. zu den folgenden Ausführungen: Gabriella Hauch: Frauen-Räume in der MännerRevolution 1848, in: Dieter Dowe, Heinz-Gerhard Haupt, Dieter Langewiesche (Hg.): Europa 1848. Revolution und Reform, Bonn 1998 [Reihe Politik- und Gesellschaftsgeschichte Band 48], S. 841²900; Gabriella Hauch: Å:LUKlWWHQMDJHUQGLHJDQ]H:HOWEHJOFNW´3Rlitik und Geschlecht im demokratischen Milieu 1848/49, in: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 9.4 ( Å´. Revolution & Geschlecht, S. 471²495; Carola Lipp: Frauen und Öffentlichkeit ² Möglichkeiten und Grenzen politischer Partizipation im Vormärz und in der Revolution 1848/1849, in: Dies. (Hg.): Schimpfende Weiber und patriotische Jungfrauen ² Frauen im Vormärz und in der Revolution 1848/49, mit Beiträgen von Beate Bechtold-Comforty u.a., 2. Auflage, Baden-Baden 1998, S. 270²307; Carola Lipp: Liebe, Krieg und Revolution ² Geschlechterbeziehung und Nationalismus in der Revolution 1848/1849, in: ebd., S. 353²384; Carola Lipp: Das Private im Öffentlichen ² Geschlechterbeziehung im symbolischen Diskurs der Revolution 1848/49, in: Karin Hausen, Heide Wunder (Hg.): Frauengeschichte. Geschlechtergeschichte, Frankfurt/Main, New York 1992 [Reihe Geschichte und Geschlechter Band 1], S. 99²116; Sylvia Paletschek: Einschluß im Ausschluß? Überlegungen zur politischen Partizipation von Frauen 1848/49 und zum Verhältnis von Frauenemanzipation und Revolution, in: Gabriella Hauch, Maria Mesner (Hg.): 9RPÅ5HLFKder Freiheit«´. Liberalismus ² Republik ² Demokratie 1848²1998, Wien 1999, S. 73²83.
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Bereits in den Vormärzkreisen hatte man das liebende Paar als Gegenmodell zum Machtstaat verstanden, als Keimzelle und Grundlage einer zu erstreitenden demokratischen Gesellschaft. Der Demokrat und seine Geliebte stellten ein Emblem der revolutionären Bewegung dar. Dazu gehörte die auf inniger Liebe und Gleichberechtigung beruhende Beziehung zwischen Mann und Frau ebenso wie ein offener Umgang mit Sexualität. Diesem Modell, das Berührungen aufwies mit früheren, romantischen Liebeskonzeptionen, lebten die radikal-demokratischen Intellektuellen im Umkreis des Jungen Deutschland nach. Bereits die Romantik hatte Liebesbündnisse frei von Macht wie von rechtlicher Reglementierung propagiert und die Konvenienzehe verworfen. Im Kontext der Revolution wird die Liebe dagegen eng mit bürgerlicher Freiheit und demokratischer Gesinnung verbunden. Die Leidenschaftlichkeit der Liebe spiegelt die politische Passion wider. Der Briefwechsel zwischen Karl Gutzkow (1811²1878) und seiner Geliebten Therese von Bacheracht (1804²1852) dokumentiert in verstörender Weise die Aporien dieser revolutionären Liebes- und Geschlechterkonzeption. Im Jahr 1848 pervertiert der Schriftsteller und Journalist unter dem Eindruck der Revolutionsereignisse das neue, freiheitliche Liebesideal, denn er benutzt es, um die Geliebte aufs Äußerste zu erniedrigen. Gleichzeitig dient ihm der revolutionäre Liebesenthusiasmus dazu, die an ihn als Jungdeutschen gestellten politischen Erwartungen und Forderungen zu kompensieren. Die Verliererin dabei ist die Frau: ihre Gleichberechtigung erweist sich als scheinhaft, ihre Forderung nach Liebesidealität als anmaßend. Dabei sollte die Frau in der 48er-Revolution eigentlich eine neue, herausgehobene Bedeutung in der Gesellschaft erhalten, verbunden mit neuen Handlungs- und Gestaltungsräumen. Die politische, rechtliche und soziale Gleichstellung der Bürgerinnen wurde freilich nicht mit Nachdruck angestrebt, ein weibliches Wahlrecht nicht ernsthaft erörtert. Dennoch drangen Frauen immer stärker in die bürgerliche Öffentlichkeit vor und begannen sie mitzugestalten. Frauen wurden durch ihre Männer ins politische Leben miteinbezogen; sie nahmen an politischen Veranstaltungen und Volksversammlungen teil, waren Mitglieder in politischen Vereinen, betrieben Wahlagitation, publizierten kritische Schriften. Sie gestalteten die politischen Vorgänge in Europa mit und profitierten von den revolutionären Errungenschaften. Zwar wurden sie rechtlich keine vollwertigen Bürger, aber ihnen war erlaubt, an den Sitzungen der Nationalversammlung und den Verhandlungen des Schwurgerichts teilzunehmen, mancherorts auch bei Gemeinderatssitzungen anwesend zu sein. Frauen spielten in der Vormärzkultur und in der Revolution eine zentrale Rolle. In allen Gruppierungen, liberal-demokratischen, linksliberalen wie radikalen, ge-
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hörte die Frau zur Selbstdarstellung der politischen Bewegung, wurde mit Pathos umgeben und mythisiert.2 Bereits im Vormärz hatte die fortschrittliche Intelligenz kritisches Bewusstsein von der traditionellen Frauenrolle für sich beansprucht; dabei wurde die Emanzipation der Frau aus der Abhängigkeit vom Mann parallelisiert mit dem politischen Ziel, die bürgerliche Gesellschaft aus spätabsolutistisch-patriarchalischen Machtstrukturen zu lösen. Im Damen Conversations Lexikon (1834²1837) heißt es unter dem Stichwort Frau: Wo das Weib die Sclavin des Mannes, wo sie ohne höhere Liebe an ihn gefesselt, wo sie ausgeschlossen ist vom höheren Leben, wo sie keine berathende Stimme hat im Familienverband der Nation, da gibt es keine Kultur.3
Dennoch lebten die konservativen Überzeugungen vom Wesen der Frau, die selbst die Jungdeutschen nicht abgelegt hatten, in der Revolutionszeit weiter. Frauen galten als emotional und dem rationalen Charakter des Mannes entgegengesetzt, daher betrachtete man sie als notwendig für seine Ergänzung zum vollwertigen Bürger.4 Umgekehrt war die Frau erst durch ihre Beziehung zum Mann, im Idealfall durch die Liebesheirat, ein angesehenes Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft, die durch das Paar repräsentiert wurde. Der Ausschluss der Frauen von politischen Entscheidungen war daher Ausdruck der fortgesetzten Dichotomisierung der Geschlechtscharaktere. Die Frau war in der Revolutionszeit wesentlich durch Liebesfähigkeit definiert; Liebe war ihre höchste Bestimmung, ihr sollten alle anderen Eigenschaften und Interessen ² wie die eigenen politischen Rechte ² untergeordnet werden. Das Ideal war die Hingabe der Frau und ihres ganzen Lebens an die Liebe, sie konnte bis zur Selbstaufgabe, ja Selbstauslöschung reichen. Die Formulierungen über weibliche Liebesfähigkeit in der Revolutionszeit sind hyperbolisch und übertragen die erotische Liebe zum Mann auf die Passion für das politische Ziel einer demokratischen bürgerlichen Gesellschaft. Bereits im Vormärz bildet sich das neue weibliche Leitbild der liebenden Gefährtin heraus, die Seite an Seite mit dem Mann 2 3 4
Vgl. Wulf Wülfing: Zur Mythisierung der Frau im jungen Deutschland, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 99.3 (1980), S. 559²581. Damen Conversations Lexikon, hg. von Carl Herloßsohn im Verein mit Gelehrten und Schriftstellerinnen, 10 Bände, Leipzig 1834²1837, Band 5, S. 230; zit. nach Lipp, Liebe 1998 2 [Anm. 1], S. 355. In Das Kränzchen, einer württembergischen Frauenzeitung, heißt es in Ausgabe 54 (1849): Å:HUdurch kein liebendes ihm ganz angetrautes Wesen an die Mitmenschheit, an die bürgerliche Gesellschaft gekettet ist, wird selten ein eifriger Bürger und selten ein eifriger PatULRWVHLQ´=it. nach Lipp, Liebe 19982 [Anm. 1], S. 365. Carola Lipp betont, dass der Mann erst dann das Wahlrecht bekam, wenn er einen eigenen Hausstand vorweisen konnte, d.h. in der Regel, wenn er verheiratet war. In diesem Sinne machte die Frau den Mann auch rechtlich erst zum vollwertigen Bürger; vgl. Lipp 1992 [Anm. 1], S. 103.
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in den politischen Kampf geht, ihm beisteht, ihn unterstützt und ergänzt. Das Modell der Gefährtin eröffnete der Frau neben ihrer traditionellen Rolle als Hausfrau und Mutter neue, politische Wirkungsräume als Partnerin und Beraterin; gleichzeitig war es in sich widersprüchlich, denn es implizierte bürgerlich-demokratische Gleichberechtigung ebenso wie liebenGH'HYRWLRQXQG6XERUGLQDWLRQÅ6LHLVWGLH*HIlKUWLQGHVVHQJHZRUden, den ihr Herz erwählt, mit dem sie Seele um Seele getauscht, dem sie VLFKIUHZLJ]XHLJHQJHJHEHQ´KHLWHVLPDamen Conversations Lexikon.5 Gutzkow hatte 1835 den Roman Wally, die Zweiflerin veröffentlicht, dessen Titel die innere Widersprüchlichkeit des modernen, vormärzlichen Frauenbildes schlagwortartig zu benennen scheint. In Wally verbinden sich exaltierte Emotionalität und skeptische Intellektualität; das kritische Räsonieren seiner Hauptfigur über religiöse Glaubensfragen und ihr offener Umgang mit Erotik brachten Gutzkow zweieinhalb Monate Gefängnis wegen unsittlicher sowie gotteslästerlicher Darstellungen ein und den Mitgliedern des Jungen Deutschland (neben Gutzkow Heine, Wienbarg, Laube und Börne) ein Publikationsverbot im Gebiet des Deutschen Bundes. Die mondäne Wally liebt den Lebemann Cäsar, sucht zunächst die Distanz, später die innige Verbindung mit ihm, geht aber doch am Ende an ihren wachsenden Zweifeln an der Welt und der Religion zugrunde. Sie begeht Selbstmord, indem sie sich mit einem Stilett in die Brust sticht. Reales Vorbild für die Figur war Charlotte Stieglitz, geb. Willhöft (1806² 1834), die sich umbrachte, weil das Talent und das Werk ihres Mannes, des Dichters Heinrich Stieglitz, unter den Widrigkeiten des Alltags zu leiden hatten. Sie sah in ihm titanische Größe verwirklicht und glaubte, dass ihr Tod ihm ermöglichen werde, sein Leben ganz der Kunst zu widmen. Die Jungdeutschen und ihr Umkreis stilisierten Charlotte Stieglitz zur mythischen Heldin, und Gutzkow widmete ihr einen Artikel in Phönix, in dem er ihre Opferbereitschaft für geistige Ideale pries und von Erhaben5
Damen Conversations Lexikon 1834²1837 [Anm. 3], Artikel Gattin, Band 4, S. 328; zit. nach Lipp, Liebe 19982 [Anm. 1], S. 356. Sozialgeschichtliche Einzelstudien haben gezeigt, dass es 1848/49 durchaus radikal gleichberechtigte Liebes- und Ehegemeinschaften gab, in denen beide Partner dieselben politischen Überzeugungen hatten, sich gleichermaßen und öffentlich politisch engagierten, alle Entscheidungen und Aktivitäten gemeinsam verantworteten und in denen einer wie der andere für die materielle Versorgung aufkam (z.B. Fanny Lewald-Stahr und Adolf Stahr, Georg und Emma Herwegh, Karl und Jenny Marx). Weil sie den bürgerlichen Weiblichkeitsvorstellungen widersprachen, wurden diese Paare von der liberalen Öffentlichkeit abgelehnt. Sie hatten also nicht nur konservative, sondern auch liberale Feinde und wurden nach der Revolution vielfach als Hochverräter angeklagt, gerieten in materielle Not, gingen ins Exil oder in innere Emigration. Vgl. hierzu Birgit Bublies-Godau: Geliebte, Gatten und Gefährten. Selbstverständnis und politisches Handeln von Ehepaaren in der deutschen Revolution von 1848/49, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 49.5/6 (1998): 1848/49, S. 282²296.
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heit, Genie und Modernität sprach. Zur tieferen Ursache des weiblichen Selbstopfers erklärte er die ideale Liebe, in der sich weibliche Opferbereitschaft und gleichberechtigte, symbiotische Gemeinschaft verbinden: Das erste Motiv des tragischen Aktes ist auch hier die Liebe; es war ein Opfer, das die Frau ihrem Manne brachte. Aber diese Liebe war eine volle, gesättigte; eine Liebe, die sich an großen Tatsachen erwärmt und die allein imstande ist, Männer zu beglücken. Es war nicht eine allgemeine, durch das Band der Gewohnheit zusammengehaltene Neigung, die sich bei den meisten Frauen zuletzt auf die Tatsache der Kinder wirft und von diesen aus den Mann nur noch mit einem matten, wenn auch treuen Feuer umfängt. Es war noch weniger jene egoistische Liebe der Schönheit, die sich um ihrer selbst willen nur hingibt, da, wo sie Anbetung findet. Sondern ein anderes Ideal der Liebe lag hier vor, eine objektiv angelegte Liebe, eine Liebe, die sich auf Tatsachen stützt, die für beide Teile des Bandes gemeinschaftliche waren, eine Weltansicht, wechselseitige Zulänglichkeit, auf das Lebensprinzip des Wachstums und des Erkenntnisses. Diese Liebe war erfüllt, sie hatte Staffage. Beide Teile standen sich gleich, und eins durfte für das andere nicht verantwortlich sein. Ideen vermittelten hier Kuß und Umarmung.6
Therese von Bacheracht, geb. von Struve, selbst Autorin, lernte den rastlos arbeitenden Gutzkow Jahre nach dem Skandal um Wally kennen, als er bereits zu einem der führenden, meinungsbildenden Kritiker Deutschlands gehörte. Therese stammte aus einer Diplomatenfamilie und genoss eine privilegierte Erziehung im Dunstkreis Goethes und in St. Petersburg.7 Mit 21 Jahren wurde sie an den vermögenden russischen Vizekonsul in Hamburg, Robert von Bacheracht, verheiratet. Die Ehe blieb ohne Zuneigung, Bacheracht hatte Affären, das einzige gemeinsame Kind starb früh. Therese von Bacheracht begann zu reisen und ihre Eindrücke literarisch zu verarbeiten. Ihr erstes Buch erschien 1841 unter dem Titel Theresens Briefe aus dem Süden; in den nächsten acht Jahren veröffentlichte sie unter GHP 3VHXGRQ\P Ä7KHUHVH· ZHLWHUH :HUNH 5HLVHEHVFKUHLEXQJHQ 1Rvellen und Romane.8 Ihre Prosa ist nicht frei von Klischees und Trivialitäten, ihre Stärke sind stimmungsvolle Charakter- und Naturschilderungen. 6
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Karl Gutzkow: Charlotte Stieglitz, in: Literaturblatt Nr. 8 zum Phönix, 25. Februar 1835; hier zit. nach Karl Gutzkow: Ausgewählte Werke in zwölf Bänden, hg. von Heinrich Hubert Houben, mit drei Bildnissen und einem Briefe als Handschriftprobe, Leipzig [1908], Band 8, S. 104²113, S. 105. Vgl. zur Rezeption von Charlotte Stieglitz auch Wülfing [Anm. 2], S. 574²577. Vgl. zur Biographie Renate Möhrmann: Therese von Lützow, in: NDB Band 15 (1986), S. 493 und Karl Emil Franzos: *XW]NRZ·VÅ7KHUHVH´. Mit ungedruckten Briefen der Therese von Bacheracht, in: Ders. (Hg.): Deutsche Dichtung, 35 Bände, Berlin 1886/87² 1903/04, Band 15 (Oktober 1893²März 1894), Berlin 1894, S. 222²228, 245²251. Vgl. Hugh Powell: Fervor and Fiction: Therese von Bacheracht and her Works [Studies in German literature, linguistics and culture], Columbia 1996. Die letzten, in Java entstandenen Manuskripte Therese von Bacherachts sind soeben ediert worden: Therese von Bacheracht: Å+HXWH ZHUGH LFK $EVRQGHUOLFKHV VHKHQ´. Briefe aus Java 1850²1852, hg. von Renate Sternagel, Königstein/Taunus 2006.
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Unter den professionellen Autorinnen im Umkreis des Vormärz gilt sie als eine der konservativsten. Als höchste weibliche Tugend erscheint in ihren Texten die vollständige Unterordnung der liebenden Frau unter den Mann. Einhellig wurde Therese von den Zeitgenossen, Männern wie Frauen, als schöne, liebenswürdige und geistvolle Erscheinung beschrieEHQ6HOEVW*XW]NRZV(KHIUDX$PDOLHGLH7KHUHVHLQ%ULHIHQDXFKÅ7HuIHOVEUDWHQ´9 titulierte, bezeichnete die Geliebte des Gatten an anderer StelOHDOVÅHLQHVHKUUHL]HQGHEUQHWWH6FK|QKHLW´ 10 Therese von Bacheracht trifft Gutzkow zum ersten Mal in Hamburg 1841. Sie verliebt sich in den reizbaren, geistvollen Mann, er ist geschmeichelt durch die Avancen der anmutigen, kultivierten, gesellschaftlich weit über ihm stehenden Schriftstellerin und beginnt ein Liebesverhältnis mit ihr, die sieben Jahre älter ist. Gutzkow ist seit 1836 verheiratet mit Amalie, geb. Klönne (1817²1848), die aus einem gebildeten, liberalen Elternhaus in Frankfurt am Main stammt; sie ist die Pflegetochter des schwedischen Generalkonsuls. Ihre Loyalität Gutzkow gegenüber zeigt sich bereits in der Verlobungszeit, als sie während seiner Inhaftierung treu zu ihm steht. In der Ehe, aus der drei Söhne stammen, erträgt sie die unsicheren wirtschaftlichen Verhältnisse und die wechselnden Liebschaften ihres Mannes.11 Sieben Jahre, von 1841 bis 1848, führen die Gutzkows und Therese eine Art Ehe zu dritt. Gutzkow lebt in dieser Zeit in Paris, Frankfurt am Main und Dresden, wo er 1846 Dramaturg am königlichen Theater wird. Therese von Bacheracht wohnt die meiste Zeit in Hamburg. Sie und Gutzkow korrespondieren und treffen sich immer wieder an verschiedenen Orten. Beide treten in Gesellschaft gemeinsam auf, so dass ihr Verhältnis bekannt ist. Er korrigiert ihre Romane vor der Drucklegung, sie liest als erste seine neuen Texte, rezensiert einige davon und kopiert dutzendfach seine unleserlichen Dramenmanuskripte in ihrer klaren Handschrift, um sie an die deutschen Theater zu schicken. Der gemeinsame )UHXQG)HRGRU:HKOVFKUHLEWÅ(VJDE:RFKHQZRVLHGLH)HGHUIULKQ 9 10
11
Werner Vordtriede (Hg.): Therese von Bacheracht und Karl Gutzkow. Unveröffentlichte Briefe (1842²1849), München 1971, S. 40 (Amalie an Julie von Carlsen, 14. Juli 1847), S. 42 (Amalie an Julie von Carlsen, undatiert). In: ebd., S. 22. Eine differenzierte Darstellung von der Schönheit der Freundin gibt Fanny Lewald in ihrer Autobiographie: Fanny Lewald: Meine Lebensgeschichte, hg. und eingeleitet von Gisela Brinker-Gabler, Frankfurt/Main 1980 [Die Frau in der Gesellschaft. Lebensgeschichten], S. 275²277. Feodor Wehl, Freund des Hauses Gutzkow, schreibt in seinen Lebenserinnerungen Zeit und Menschen, Altona 1889, über Amalie: Å,FKHPSIDQGEDOGYRULKUGLHgrößte Achtung. Sie war eine hübsche, stattliche Frau von sehr ruhigem und ernstem Wesen, die Gutzkow vortrefflich zu behandeln und zu nehmen wußte. Leicht von Allem, was ihm in den Weg trat, erregt und heftig in seinen Empfindungen, durch beständige geistige Arbeit seelisch überreizt, sprang er rasch von einer 6WLPPXQJLQGLHDQGHUHEHU>«] Sie hat ohne Zweifel nicht immer gute Stunden neben Gutzkow gehaEW´In: Franzos [Anm. 7], S. 226.
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QLFKWDXVGHQ+lQGHQOLH´12 Thereses Liebe zu Gutzkow ist ernsthaft: sie will ihn heiraten und die Mutter seiner Söhne sein. Er sagt und schreibt ihr, dass er ihre Liebe braucht und sie für ihn unentbehrlich ist. Obwohl Gutzkow über seine Ehe mit Amalie bei ihr klagt, stellt er Therese keine Scheidung in Aussicht und lässt über die Jahre die Perspektive auf eine gemeinsame Ehe offen. Später wird er in einem Brief an Feodor Wehl bePHUNHQÅ0LUODJGDV*OFNLQGHU9HUELQGXQJPLW7KHUHVHQQXULQGHU Verschwiegenheit; sie wollte sie öffentlich. Darin lag der tiefe Konflikt zwischen uns beiden schon seit Jahren«´13 Amalie leidet unter dem Liebesverhältnis Gutzkows mit Therese von Bacheracht und ist oft verzweifelt. Ihr Ehemann steht zu seiner Geliebten, betont Therese zu brauchen, versichert aber auch Amalie seiner Zuneigung. Auf Vorwürfe seiner Ehefrau reagiert er gereizt oder auch beschwichtigend, wenn er ihr vorlügt, die Beziehung zur Geliebten, die alt geworden sei, eingeschränkt zu haben. Nicht ohne Geschick spielt Gutzkow beide Frauen gegeneinander aus, um von beiden zu bekommen, was er will. Werner Vordtriede gebührt das Verdienst, die ihm zugänglichen, zumeist unveröffentlichten Briefe, die zwischen dem Liebespaar, der Ehefrau und Freunden gewechselt wurden, 1971 herausgegeben und mit erläuternden, weitere Quellen und Zeugnisse einbeziehenden Zwischenkommentaren versehen zu haben. Es scheint fast wie ein symbolischer Ausdruck des Missverhältnisses zwischen Thereses drängender, verzweifelter Liebe und Gutzkows Lavieren sowie seinem langsamen Rückzug aus der Beziehung, dass die das Liebesverhältnis dokumentierenden Briefe fast ausschließlich von ihr stammen. Gutzkows Briefe an sie wurden nicht gefunden.14 Die wenigen seiner überlieferten Schreiben an die Ehefrau und die Geliebte sind im Ton frei von Romantik.15 In seinen Briefen an Amalie zwischen 1842 und 1847 versucht er immer wieder, ihre Angst 12 13 14
15
In: Franzos [Anm. 7], S. 227. Karl Gutzkow an Feodor Wehl, 29. Januar 1849, in: Vordtriede [Anm. 9], S. 245. Am 18. Januar 1880 schreibt der Gutzkow-Biograph Johannes Proelß über diese Briefe an /HYLQ 6FKFNLQJ Å,Q *XW]NRZV 1DFKOD KDEH LFK GLH %ULHIH YRQ LKU DXV GHP -DKUH GHU Trennung 1849 gefunden. Sonst nichts. Die übrigen u. die von ihm soll die Lewald haben, ZHOFKHQLFKWVKHUDXVUFNW´:HVWIlOLVFKHV/DQGHVPXVHXP0QVWHU'Hpositum Schücking; zit. nach Wolfgang Rasch (Hg.): Der Briefwechsel zwischen Karl Gutzkow und Levin Schücking 1838²1876, Bielefeld 1998, S. 39. Vgl. Ute Promies: Probleme einer Gutzkow-Briefedition, in: Bernd Füllner (Hg.): Briefkultur im Vormärz. Vorträge der Tagung des Forum Vormärz Forschung und der HeinrichHeine-Gesellschaft am 23. Oktober 1999 in Düsseldorf, Bielefeld 2001 [Vormärz-Studien IX], S. 195²218, S. 195. Im Rahmen des großangelegten, von Gert Vonhoff und Martina Lauster geleiteten Projekts einer Gutzkow-Edition ist eine Briefdatenbank im Aufbau, die möglicherweise in den nächsten Jahren weitere der bisher verstreut publizierten oder ungedruckten Briefe nachweisen kann; vgl. www.projects.ex.ac.uk/gutzkow/Gutzneu/gesamt ausgabe/index.htm.
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und Verzweiflung über das Liebesverhältnis ihres Mannes einzudämmen. Sie sieht in ihren Briefen dagegen ihre und Gutzkows Situation bemerkenswert klar. Während der Stil der beiden Literaten Bacheracht und Gutzkow ² unter dem Druck ihrer jeweiligen Absichten und ihrer Schuld ² geprägt ist durch Pathos, Überladenheit und Phrasenhaftigkeit, hinter denen sich Verlogenheit verbirgt, wirkt Amalies Sprache wahrhaftig, schlicht und präzise. Sie ist unmittelbarer, berührender Ausdruck des Gefühlten und besitzt vor den Briefen ihres Mannes und seiner Geliebten literarische Originalität. An die Freundin Julie von Carlsen schreibt sie am 14. Juli 1847: Er ist schwach, sehr schwach, eitel, sehr eitel, es schmeichelt ihm sich so angebetet zu sehen und meine Zukunft dräut mir scKZDU]XQGGURKHQGHQWJHJHQ>«] Ich möchte mich von ihm trennen. Soll ich mein Leben verjammern? Warum soll ich nicht auch etwas für mich tun >«]. Er muß mir geben was ich brauche, meine Kinder bleiben mein ² er hat sie durch den (KHEREUXFK>VLF@YHUZLUNW>«] Kurz wir passen nicht zusammen und ich habe nicht Lust mich mit Füßen treten zu lassen.16
Amalie Gutzkow ist insofern keine moderne Frau, als sie dem traditionellen Weiblichkeitsideal folgt: ihr vornehmlicher Wirkungskreis ist das Haus, ihre Aufgabe die Kindererziehung, die Hauswirtschaft, die verständnisvolle Unterstützung des in der Öffentlichkeit stehenden Ehemannes. Obwohl ihre Briefe kein intensiveres Interesse an intellektuellen oder politischen Fragen dokumentieren, ist sie alles andere als unselbstständig oder abhängig ² im Gegenteil. Die zitierte Passage zeigt Amalies emotionslose Analysefähigkeit und ihr weibliches Selbstbewusstsein. Den jahrelangen Ehebruch ihres Mannes will sie nicht weiter dulden, sondern für sich ein neues Leben anfangen. Der Ton ist hier nicht mehr, wie in früheren Jahren, leidend, sondern kämpferisch. Als Therese, die wie Amalie die Situation nicht mehr erträgt, am 5. November 1847 einen langen Brief an die Ehefrau richtet, in dem sie nach sechs Jahren Liaison Ansprüche und Forderungen stellt, tritt Amalie ihr selbstbewusst entgegen. Sie durchschaut wohl, dass das Friedensangebot zum Wohle des gemeinsamen Mannes ein Manöver der Rivalin ist und wirft ihr vor, dem gutmütigen Gutzkow ihre Leidenschaft aufzudrängen und ihn unter Druck zu setzen. Der Vorwurf der Schriftstellerin, Amalie gehe mit dem intellektuellen Ehemann nicht angemessen um, werde als Frau an seiner Seite seiner Geistesgröße nicht gerecht, scheint die Ehefrau nicht zu beeindrucken. Die Spannung innerhalb dieses Dreiecks löst sich anders, als zu vermuten war, durch einen Schicksalsschlag. Amalie Gutzkow, die gerade ihren dritten Sohn geboren hatte, beobachtet am 21. März in Berlin mit 16
In: Vordtriede [Anm. 9], S. 41f. Wichtige Wörter schrieben sich die Freundinnen seit ihrer KindKHLWLQGHUÄ%2-6SUDFKH·GDKHUÅ(KHEREUXFK´
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ihrem Mann von einem Fenster aus den Trauerzug für die Opfer der 9RONVHUKHEXQJHUNlOWHWVLFKXQGVWLUEWDPIROJHQGHQ7DJDQHLQHPÅ1HrYHQILHEHU´ ZLH HV KHLW 'RFK LQ *XW]NRZV 8PNUHLV PDFKW PDQ VHLQH und Thereses Rücksichtslosigkeit für Amalies frühes Sterben verantwortlich.17 Der Witwer ist fassungslos, und seine Briefe zeigen deutlich, dass die Ursache dafür nicht nur in der Verzweiflung über den Tod der Gattin liegt, sondern auch in seinen Schuldgefühlen über Amalies jahrelange Demütigung, die im Rückblick wie eine Vorbereitung ihres Sterbens erscheint. Gutzkow ist zerrissen: er suggeriert sich, sein Verhältnis zu Therese sei kurz vor dem Ende gewesen, und sehnt sich andererseits nach seelischer Unterstützung durch die Geliebte.18 In dieser Situation entschließt er sich zu einer öffentlichen Aussage, die zeigt, dass er von außen unter moralischem Druck steht, sich zu legitimieren. Gutzkow versendet einen gedruckten Rundbrief an seine Freunde, in welchem er seinen ÅüEHUZlOWLJHQGHQ6FKPHU]´]XP$XVGUXFNEULQJWGHWDLOJHnau die Vorgeschichte sowie minutiös den Ablauf von Amalies Sterben (einschließlich ihrer letzten Worte) darstellt und sie als liebende, loyale, tolerante Ehefrau ehrt. Der Witwer überhöht, ja sakralisiert seine Ehe und erteilt sich selbst Absolution, wenn er von den letzten Stunden der Sterbenden berichtet: Ich fühle das mit so bitterer Wehmut, daß ich mich selbst durch die stummen Küsse, mit denen sie in ihren letzten Stunden ihren Trauring bedeckte und ihn mit dankbar verklärten Blicken gen Himmel empor hielt, als wollte sie sagen: dieser Bund hat mich glücklich gemacht!19
Das Interessanteste an diesem Brief ist allerdings der Umstand, dass Gutzkow Amalie zur tragisch-heroischen Freiheitsgöttin stilisiert, die ihr Leben für die Revolution opfert: Unser Kind lag krank im Bett, während draußen die Kanonen donnerten. Amalie, mit ihrer lebhaften süddeutschen politischen Empfänglichkeit, die den Freunden bekannt ist, geriet in eine Exaltation, die nur einen Anlaß zu finden brauchte, um 17 18
19
Vgl. Franzos [Anm. 7], S. 247. .XU]QDFKLKUHP7RGVFKUHLEWHULQHLQHPXQGDWLHUWHQ%ULHIDQ(PLO'HYULHQWÅ,FKKDWWH PHLQH)UDXZLUNOLFKOLHEKDE·LKUGDVLHVLFKVHLWPHLQHU%HNDQQWVFKDIWPLWGHU%DFKHUDFKW so zu ihrem Vorteil veränderte, diese fast selbst geopfert, war so schön einverstanden mit ihr, nehme sie nach Berlin, weil mich wirklich die lange Trennung schmerzte und sie stirbt mir! Grade weil mein Herz in einem so unglücklichen Kampf zwischen zwei weiblichen Naturen stand, die mich liebten, u. Ansprüche auf mich machten, bin ich so unglücklich, daß die arme Amalie, der ich entschlossen war, mich ganz zu erhalten, aus diesem Widerspruch der Gefühle durch den Tod scheiden mußte! Es liegt darin etwas furchtbar Tragisches, das mich vernichtet. Ich fühle mich verlassen und bedarf GRFKGHU/LHEHXQGGLHVH/LHEHKDE· ich bei der Therese in einem unermeßlichen Grade. Kann ich sie annehmen? Darf ich? Ich bin willenlos und weiß nicht, wo ich mich hinwenden soll. Ich hatte sonst Furcht vor dem Tode. Ich fange an, ihm Süßigkeit abzugewinnen. Meine arme, liebe, liebe Amalie! Gott! Gott! Ich verwindHGDVQLH«µIn: Vordtriede [Anm. 9], S. 95. Karl Gutzkow an Freunde, undatierter Brief, in: ebd., S. 93.
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fast selbst auf die Barrikaden zu treten! Sie schrieb eine feurige Beschreibung des Kampfes an die Ihrigen in Frankfurt. Sie ist in mehrere Zeitungen übergegangen. Weil ich wußte, daß alle Beweise eines ausbrechenden Ringens der Völker um ihre Freiheit sie glücklich machten, unterließ ich nicht, sie in der lebhaften Teilnahme und Kenntnis von dem, was täglich geschah, zu unterhalten. Ich ahnte nicht, daß das, was ihr Wonne und Freude war, den still sich entwickelnden Todeskeim nähren sollte.20
Von revolutionärem Engagement Amalie Gutzkows ist in ihren Briefen nichts wahrzunehmen. Obwohl Gutzkow auch ihre Erkältung erwähnt, ist deutlich, dass er die für ihn heikle Todesursache mit den revolutionären Vorgängen überblendet und so beides, die Sterbende und die Revolution, mythisiert. Amalie stirbt zwar im Bett und nicht auf den Barrikaden, aber im Geiste ist sie angeblich dort und kämpft für die Freiheit. Ähnlich wie den Selbstmord der Charlotte Stieglitz deutet Gutzkow auch das Sterben seiner Ehefrau als erhabenes Frauenopfer der Liebe zum Mann wie zur großen, bürgerlichen Freiheitsidee. Die heroische Opferrolle der Frau zementiert ihre Subordination im revolutionären Prozess. Gutzkow nutzt die sakrale Aura der Revolution, nicht nur um von seinen in der Öffentlichkeit bekannten Eheproblemen abzulenken, sondern auch, um sich von einer Schuld am Tod seiner Frau freizusprechen. Geschickt bekennt er sich schuldig, ihr auf dem Krankenlager vom Fortschritt der Freiheitsbewegung berichtet und sie damit getötet zu haben ² diese Art von todbringender Behandlung gleicht einer heroischen Opferung der eigenen Ehefrau für das höchste Ideal und lässt deren jahrelange Erniedrigung vergessen. Erniedrigt oder zumindest öffentlich kompromittiert wurde durch dieses Rundschreiben freilich Therese von Bacheracht. In einem ihrer Briefe an Gutzkow wird erwähnt, dass man sie in Gesellschaft darauf hinwies, durch das Circulair gekränkt worden zu sein. 21 Therese gibt sich keine Blöße und verbreitet unter den Freunden, dass Gutzkow, trotz seiner Trauerbekundungen, in Wahrheit froh sei über den Tod seiner Frau. Die Geliebte erkennt die Strategie in seinem Schreiben, billigt sie aber nicht.22 Mit Kränkungsgefühlen hält sie sich in dieser Stunde nicht auf, 20 21 22
In: ebd., S. 91. Therese von Bacheracht an Karl Gutzkow, 28. Juni 1848, in: ebd., S. 122f. 7KHUHVH VFKUHLEW DP -XQL DQ GLH )UHXQGLQ 7KHNOD :HEHU Å*XW]NRZ KDW QXQ LP ersten Drang des Schmerzes ein Circulair an die Freunde ergehen lassen, dessen Inhalt ich nicht billigen kann und das wohl auch unterblieben wäre, hätte ich zu rechter Zeit Kunde davon erhalten. Der liebe Freund hatte nehmlich den Wunsch, der Welt zu sagen, daß Amalie durch uns nicht unglücklich gewesen sei. Er hätte diese Wahrheit sagen können und doch nicht Amaliens Charakter als so selbstlos, als er that, schildern sollen. Die, welche diese Ehe kannten, konnten sie nicht für das ansehen, was Gutzkow jetzt aus ihr machen möchte; sie mußten nothgedrungen, auch selbst ohne persönliches Interesse für mich, diesen Todesfall als ein sehr negatives Unglück beurtheilen. Amalie war eben nicht
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denn sie ist sich ganz sicher, dass sie nun am Ziel ihrer Wünsche ist und Gutzkow sie heiraten wird. In einem ersten, pathetischen Brief an den Geliebten, geschrieben am Tag von Amalies Tod, heuchelt Therese noch tiefe Trauer, versucht aber bereits wenig subtil und raffiniert, aus der Situation ihren Vorteil zu schlagen: Gibt es ein Fortleben mit dem Irdischen nach dem Tode, so wird die Verklärte schon jetzt wissen, wie ich alles was ich bin und habe für Dich hingeben möchte und weit entfernt zu tadeln wird sie freundlich zu meinem bei Gott selbstlosen Willen lächeln.23
Es wirkt wie die steigende Handlung in einem klassischen Drama kurz vor der Peripetie, dass Therese von Bacheracht wenige Tage vor Amalies Tod nach Berlin kommt, um Gutzkow nah zu sein und ihn ganz für sich zu gewinnen. Ihre Briefe an ihn sind vom 17. April 1848 an überliefert. Sie sind voll von überladenen Liebeserklärungen und verzweifelten Bitten um Gegenbriefe des Geliebten, die zunehmend ausbleiben. Nach Amalies Tod intensiviert sich dieser Ton. In ihren übersteigerten Liebesbeteuerungen sucht Therese den Ausdruck von Absolutheit und fällt dabei in einen sakralen, beschwörenden Duktus: Da soll kein Tag und keine Nacht, keine Handlung und kein Traum, keine Begebenheit und kein Wunsch sein, der sich nicht auf Dich bezöge. Und hätte mir das Schicksal auch noch manches Harte bestimmt, so würde ich dennoch nie aufhören Dich zu lieben. Das Leben kann mir leichter oder schwerer werden, aber bloß es soll nicht abhängig von einem Mangel oder einer Gabe sein, es soll immer vollgefüllt von Dir, von Deinem Wesen sein, das ich mit seinen Eigenschaften und Fehlern, insgesamt ohne Wenn und Aber in mich aufgenommen habe.24
Der Briefwechsel zwischen Therese von Bacheracht und Karl Gutzkow stellt ein Dokument der hoch gespannten Erfahrung von Liebe zur Zeit der 48er-Revolution dar, das zeigt, wie die spezifische Emotionalität im
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geschafIHQGLH7LHIHGHV/HEHQVXQGLKUH3IOLFKWLPYROOVWHQ8PIDQJHLQ·V$XJH]XIDVVHQ Sie wollte erndten ohne gesäet, glücklich sein, ohne beglückt zu haben; dadurch ist sie wirklich kein Verlust für den häuslichen Kreis, den sie einnahm. Die Kinder haben ihrem Sarge erstaunt nachgeblickt, ohne später nur irgend eine Sehnsucht oder einen Schmerz zu äußern. Auch die Mutter ist wunderbar getröstet, vielleicht deswegen, weil sie sich mit Gutzkow ausgesöhnt hat und dieser ihr lieber als die Tochter ist. Und was Gutzkow betrifft, so hat er nur noch Mitleid mit einer Frau, die so plötzlich mitten im Glück starb; [«@´)UDQ]RV [Anm. 7], S. 248. Über ihre eigenen Gefühle hatte sie Thekla bereits am 2. Mai 1848 geschrieEHQÅ-DHV ist eine wunderbare Lösung, die dieser schnelle Tod mit sich brachte, ein plötzliches Aufhören aller jener Folterqualen, die mir die Seele verrenkt hatten. Ich stehe noch immer staunend, aber dankbar davor, die ersten heftigen Eindrücke sind überwunden. Gutzkow hat schon jetzt das stärkende Bewußtsein erlangt, daß das, was eintrat, kein Unglück, sondern eine Wohlthat war; er wird dieses Bewußtsein mit jedem Tage mehr haben. [«] Lassen Sie mich denn im Lehnstuhl zurücksinken, still für mich hinsehen und Gott für seine Wohlthat SUHLVHQXQGDQEHWHQ´In: ebd., S. 246f. Therese von Bacheracht an Karl Gutzkow, 22. April 1848, in: Vordtriede [Anm. 9], S. 82. Therese von Bacheracht an Karl Gutzkow, 4. Juli 1848, in: ebd., S. 136f.
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Zusammenhang mit den politischen Umwälzungen auf die Geschlechterliebe überspringt, sie zu ihrem Medium und ihrer Ausdrucksform macht. Beide, die aristokratische Gesellschaftsdame Therese von Bacheracht wie der Jungdeutsche Karl Gutzkow aus einfachen bürgerlichen Verhältnissen, begrüßen die Revolution, da sie ² freilich in ganz unterschiedlichem Maße ² der liberalen Bewegung nahestehen. Beide beobachten das revolutionäre Geschehen an seinen Brennpunkten ² Paris, Berlin, Dresden ² aus unmittelbarer Nähe. Gutzkow hält im März in Berlin Reden und lässt sie drucken, er ist Sprecher einer Volksversammlung und unterzeichnet am 24. März eine Eingabe an den König, in der ein neues Wahlgesetz gefordert wird. Der Schriftsteller teilt die Forderungen der Revolution ² allgemeines freies Wahlrecht, Pressefreiheit, Bundesverfassung ², aber gleichzeitig glaubt er, dass nur Schreiben und Bewusstseinsveränderung in der Lage sind die bestehenden Verhältnisse zu überwinden. Er versteht seine journalistische und schriftstellerische Arbeit zeitlebens als politische TäWLJNHLW DEHU HU YHUDFKWHW GLH Å7HQGHQ]´ $XV %HUOLQ QDFK 'UHVGHQ DQV Theater zurückgekehrt, schreibt er für ein gebildetes Publikum Deutschland am Vorabend seines Falles oder seiner Größe,25 eine Schrift, die weitgehend wirkungslos bleibt. Auch Therese sucht die Nähe des Geschehens. Als sie und ihre Freundin Fanny Lewald hören, dass in Paris die Revolution ausgebrochen ist, reisen sie Anfang März dorthin. Therese berichtet ihrer Freundin Thekla Weber von dort am 18. März 1848: Ich schreibe nur das Notgedrungene, die übrige Zeit sind Fanny und ich auf der Straße, auf den Boulevards, lesen die Plakate der provisorischen Regierung oder ziehen dem Volke nach, das, die Hände in der Tasche und das heitere vive la république auf den Lippen, seine Wünsche auf eine gutmütig ernste Weise ausdrückt. Alle, die dies in der Nähe betrachten, die sich in die Masse hineinwagen, müssen gute Hoffnungen für die Zukunft hegen. Ein Volk, das, die Gewalt in der Hand, mit Kartouschen und Waffen behangen, nicht einen Augenblick die Grenze überschritten hat, das die Ordnung in der Freiheit will, ein solches Volk wird nicht stehlen und morden, sondern es wird das Individuum, das augenblicklich seiner Ehre anvertraut ist, schonen.26
Aus diesen etwas naiven Zeilen spricht nicht das politische Analysevermögen Karl Gutzkows, sie zeugen allerdings von emotionaler Ergriffenheit und hoch stehenden Idealen.27 Zurück in Hamburg verfasst Therese 25 26
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Karl Gutzkow: Deutschland am Vorabend seines Falles oder seiner Größe, hg. von Walter Boehlich, Frankfurt/Main 1969. In: Vordtriede [Anm. 9], S. 76. Fanny Lewald schreibt über Therese in ihrer LebensgeVFKLFKWHÅ6LHZDUQXUVHOWHQHLQHUJDQ]REMHNWLYHQ%HWUDFKWXQJIlKLJVLHVDh alles nur von ihrem StandpunkWHVLHEHXUWHLOWHDOOHVQXUQDFKGHP0DVWDELKUHVHLJHQHQ(PSILQGHQV´ Lewald [Anm. 10], S. 277. $P6HSWHPEHUZLUGVLHGHVLOOXVLRQLHUWDQ*XW]NRZVFKUHLEHQÅ-HGHUYRQXQVZLOO und ersehnt Freiheit, aber Freiheit in der Ordnung, Freiheit gestützt auf das Gesetz, nicht
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ihre Liebesbriefe an ihn, während der Lärm der Barrikadenkämpfe von außen in ihr Zimmer dringt. Doch politische Fragen haben in ihren Episteln wenig Raum. Was sie von nun an ganz erfüllt, ist ihr Liebesprojekt. 'LHÅJXWHQ+RIIQXQJHQIUGLH=XNXQIW´GLH7KHUHVHLQGHU3DULVHU5evolution wahrgenommen hat, bringt sie nun vor allem einer zukünftigen Verbindung mit Gutzkow entgegen. Dass der Gefühlskomplex Revolution und der Gefühlskomplex Liebe hier überblendet werden, dass das Projekt des liebenden Paares an die Stelle des Revolutionsprojekts tritt, zeigt ein Liebesbrief der Bacheracht vom 12. August 1848, wo das Scheitern der Freiheitsidee mit dem Tod des Geliebten zusammenfällt: Wir hatten eine sehr beängstigende Nacht. Anfänge von Barrikaden, Schreien und Schießen in den Straßen, Arrestationen und fürchterliche Steinwürfe. Gegen Morgen schlief ich ein und hatte einen fürchterlichen Traum. Mir war als erhielt ich aus Dresden die Nachricht Deines Todes. Diesen Brief empfangen und von einem wirklichen Starrkrampf ergriffen werden war eins. Als ich erwachte war ich in Tränen und Schweiß gebadet; ich fühlte wie ich an Dir hange, wie ich Dich liebe, wie erschüttert ein bloßer Traum mich hatte;28
Therese beginnt, Gutzkow mit Liebesbriefen zu bombardieren. In einem brieflichen Feldzug versucht sie von Hamburg aus, den verwitweten Liebhaber nun endgültig zu erobern. Treffend schreibt der Herausgeber VorGWULHGH YRQ ÅHLQHU $UW YRQ +HU]HQVNDPSDJQH´ 29 Fünf Monate lang schreibt sie ihm fast täglich, manchmal zweimal am Tag, schickt ihm Bücher und Geschenke. Dass sie die Briefe nummeriert, zeigt den Projektcharakter des Ganzen. Deutlich ist, wie Therese versucht Gutzkow von verschiedenen Seiten her argumentativ und emotional einzukesseln. Ihr briefliches Unternehmen ist manipulativ, auch im Tonfall, der zunehmend einen beschwörenden, beinahe demagogischen Charakter erhält. Ihr Erfindungsreichtum beim Einsatz sowohl emotionaler wie rationaler Überzeugungsstrategien ist stupend. So nutzt sie ihre Berichte über den Alltag, über Besuche, Begegnungen, Gespräche und ihre Arbeit, um daraus Argumente für das Zusammenleben mit Gutzkow abzuleiten. Sie spielt ihre Intellektualität gegenüber der verstorbenen Ehefrau aus, hält Gutzkow vor, dass ihm in der Ehe mit Amalie die geistige Befriedigung gefehlt habe. Für ihn, so Therese, sei der Tod der Ehefrau, die immer wieder von ihr geschmäht wird, eine Befreiung aus einer entsetzlich bedrückenden Lebenssituation gewesen. Bis ins Kleinste kommentiert die Bacheracht Gutzkows Familien- und Geldangelegenheiten; so erklärt sie die Verweigerung von Gutzkows Schwiegermutter Madame Freinsheim, einen ihrer
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diese zügellose, bis zum Fanatismus sich steigernde Menge, die im Morde ein Recht zu übHQJODXEW´In: Vordtriede [Anm. 9], S. 212. In: ebd., S. 182. In: ebd., S. 100.
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Enkel eine Zeitlang zu sich zu nehmen, für herzlos und egoistisch.30 Und in strategischer Manier schließt sie die Beteuerung an, aus Liebe zu Gutzkow gerne selbst für den kleinen, mutterlosen Emil sorgen zu wollen, ZHQQVLHLKQEHNlPHÅ:DUXPIKOHLFKGHQQZlUPHUDOVGLHHLJHQH0Xtter? Doch wohl darum, weil ich Dich liebe, weil ich will, daß Du Vorteil von mir hast, weil ich Dir gern beweise, wie hingegeben ich Dir bin >«@´31 An anderer Stelle schlägt sie Gutzkow vor, alle drei Kinder in eine Pension zu geben.32 Immer wieder legt sie ihm nahe, dass es das Beste wäre, wenn sie für ihn sorgen würde. Niemand in seinem Umfeld, so versucht sie ihm deutlich zu machen, keine Verwandten, keine Hausangestellten, keine Freunde ² vor allem nicht weiblichen Geschlechts! ², wären so geeignet, ihm gut zu tun und ihn glücklich zu machen, wie sie selbst. Bereits in den ersten überlieferten Schreiben an den Geliebten wird deutlich, dass Therese weitaus mehr Nähe und Anteilnahme sucht, als er ihr gewährt. Sie erbittet in zunehmend flehendem Ton Briefe von ihm: Å'X ZHLW GD LFK YLHO HUWUDJHQ NDQQ DEHU GLHVHV 6FKZHLJHQ LVW GHU Tod «´33 Sie ist in ihrer Stimmung und Tagesverfassung vollkommen von Gutzkows Briefen abhängig und bittet ihn mehrfach, diese abends statt morgens auf die Post zu geben, weil die am Morgen bei ihr eintreffenden Briefe sie unter Umständen derart aufwühlen, dass sie die Anforderungen des Tages nicht mehr bewältigen kann. Indem Gutzkows Briefe immer seltener werden, sinken Thereses Ansprüche. Sie ringt zunehmend um HalWXQJ6FKOLHOLFKHUEHWWHOWVLHQXUQRFK/HEHQV]HLFKHQÅHWZDDOOH zwei Tage irgendein Zeichen Deines Wohlseins, eine Visitenkarte, einen KoP|GLHQ]HWWHOLUJHQGHWZDVDQGHU6WHOOHHLQHV%ULHIHV´ 34 Der offensive Charakter ihrer Briefkampagne vermischt sich schon bald mit Devotion; parallel zu ihrer Überzeugungstaktik entwickelt sie eine Strategie der emotionalen Erpressung durch die Mitleid heischende Zurschaustellung ihrer /LHEHVTXDOHQÅLFKOHLGHOLHEHUDOVGDLFK'LULUJHQGHWZDVXQGVHLHVMHW]W nur eine Rücksicht auferlegte >«@´35 Therese kämpft ² mit Strategien, die sie den jeweiligen Verhältnissen flexibel anpasst. Und die verändern sich in den nächsten Monaten ständig. Schuld daran ist Gutzkow. Die Radikalität, die der Verfasser der Wally während der Revolution vermissen lässt, legt er in eroticis an den Tag. Seit seiner Jugend ist Karl Gutzkow ein homme à femmes; bereits in seinem 30 31 32 33 34 35
Therese von Bacheracht an Karl Gutzkow, 26. Juni 1848, in: ebd., S. 112; 3. Juli 1848, in: ebd., S. 128²130. Therese von Bacheracht an Karl Gutzkow, 3. Juli 1848, in: ebd., S. 130. Therese von Bacheracht an Karl Gutzkow, 14. Juli 1848, in: ebd., S. 151f. Therese von Bacheracht an Karl Gutzkow, 21. Juli 1848, in: ebd., S. 160. Therese von Bacheracht an Karl Gutzkow, 31. August 1848, in: ebd., S. 199. Therese von Bacheracht an Karl Gutzkow, 21. Juni 1848, in: ebd., S. 102.
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ersten erhaltenen (bisher ungedruckten) Brief an seine ehemalige Verlobte Bertha Spohn aus dem Jahr 1830 bemüht er sich um Ausreden für den Liebesbetrug mit einer anderen, bei dem Bertha ihn in flagranti überrascht hat.36 In der Ehe mit Amalie ist er untreu aus Überzeugung und vertritt die Freiheit von Liebe und Sexualität. Doch im Revolutionsjahr scheint sein promiskuitives Leben außer Kontrolle zu geraten. Während auf den Straßen die politische Anarchie herrscht, lebt der Schriftsteller eine Anarchie der Liebe und desavouiert durch sein Verhalten die herkömmlichen Vorstellungen von Anstand und Moralität. Der Bürger ist außer Rand und Band geraten ² nicht auf den Barrikaden, sondern in den Betten. Nur wenige Tage nach Amalies Tod treffen sich Gutzkow und Therese im Badeort Warmbrunn, wo er, vor der Geliebten nicht verborgen, zunächst eine Liebesaffäre mit einer Mme. Hancke, dann mit dem Kindermädchen Mamsell Heller beginnt. Mme. Hancke und er schreiben sich, nachdem er nach Dresden zurückgekehrt ist, weiter Liebesbriefe. Therese gegenüber GHXWHW*XW]NRZDXHUGHP%H]LHKXQJHQ]X3URVWLWXLHUWHQDQÅ$FK OLHEH mich, ehre mich, sprich nicht in Deinen Briefen von öffentlichen MädFKHQ>«@´VFKUHLEWVLHLKPDP-XOL 37 Seine moralisch fragwürdigste Liaison ist die mit Thekla Weber, eine der besten Freundinnen Thereses. Der neuen Geliebten gegenüber stellt er die Bacheracht als alt und aufdringlich hin, obwohl die Beziehung mit der alten Geliebten noch nicht beendet ist.38 Ende des Jahres schließlich verlobt er sich mit der jungen 36 37 38
Vgl. Promies [Anm.15], S. 195, dort findet sich auch der Nachweis des Briefes. In: Vordtriede [Anm. 9], S. 169f. Vgl. Therese von Bacheracht an Karl Gutzkow, 10. Oktober 1848, in: ebd., S. 225. Therese passt sich der radikalisierten Situation an, wenn sie voller Argwohn und Eifersucht präzise AuskünIWHEHU*XW]NRZV ZHLEOLFKHV+DXVSHUVRQDOHLQIRUGHUWÅ*RWWJHEHGDGLH:DKO Deiner Wirtschafterin eine vernünftige ist. Dieses Fräulein ist doch nur empfohlen von Leuten, die sie vielleicht gern los sein wollen, ist nur durch Traditive bekannt, ist viel zu jung für den Ernst des Lebens. Auf ihre Häßlichkeit oder Schönheit, auf die guten oder schlechten Zähne kommt es gar nicht an, wohl aber auf ihr Gewissen, auf ihre Duldsamkeit, auf die Fähigkeit, unsichtbar für Dich zu sorgen, unsichtbar Deine kleinen Gewohnheiten zu erraten und zu berücksichtigen. Für das alles kenne ich nur ein Wesen, was sich qualifizieren würde, und das bin ich. [«] Halte nur wenigstens darauf, daß nicht die leiseste Intimität zwischen Dir und ihr eintritt; schließe Dich jedenfalls so lange schroff ab, bis Du ihren Charakter geprüft und ihre Weise mit den Kindern umzugehen beobachtet hast. Ist sie denn gleich für ein Jahr oder nur vierteljährig angenommen? [«] Wo wird GHQQ'HLQÄ)UlXOHLQ·ZRKQHQ":LUGVLHPLWGHQ.LQGHUQ]XVDPPHQ VFKODIHQ"´%ULHIYRP 26. Juni 1848, in: ebd., S. 112f. An anderer Stelle wird sie noch deutlicher in ihren Fragen und bezieht sich auch auf die Geliebte in Warmbrunn. Gerade Gutzkows Zurückhaltung GHXWHW VLH DOV +LQZHLV DXI VH[XHOOH $NWLYLWlW Å'X VDJVW PLr nicht ob Du badest? Ob Du Dein Bett wieder erlangt hast? Wie Deine Nächte sind? Und die Aufführung? Die Moralität? Die mehr oder weniger große Liederlichkeit? Du bist doch sehr zurückhaltend in Deinen Briefen und verrätst auch nichts von der WarmbrunneU.RUUHVSRQGHQ]´%rief vom 3. Juli 1848, in: ebd., S. 132.
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Cousine seiner verstorbenen Frau, Bertha Meidinger (1827²1909), die er kurz darauf heiratet. Während der vorangegangenen Monate ist Gutzkow nicht nur auf der Suche nach wechselnden Liebhaberinnen gewesen, er hatte auch verschiedene Heiratspläne erwogen: so verbreitet er unmittelbar nach Amalies Tod, auf keinen Fall Therese heiraten zu wollen, dann spricht er davon, sich überhaupt nicht mehr zu verehelichen, dann verspricht er Thekla Weber die Ehe, schließlich geht er das Verlöbnis ein. Am Dresdner Maiaufstand 1849 nimmt er nicht teil. Der Enthusiasmus des jungdeutschen Skandalschriftstellers, der sein Lebenswerk ganz in den Dienst der bürgerlichen Freiheitsidee gestellt hatte und dafür ins Gefängnis gegangen war, richtet sich 1848/49 weniger auf politische Vorgänge als auf die Frauen und die Liebe. Wie bei Therese ist bei Gutzkow im Revolutionsjahr ein gewisser Liebesenthusiasmus zu beobachten, bei beiden allerdings mit jeweils unterschiedlichem Akzent versehen: während sie ein hoch gespanntes seelisches Liebesideal entwirft, lebt er ein Liebeskonzept des sexuellen Hedonismus. Interessant ist, wie Gutzkow in der Liebe die Entwicklung und das Scheitern der Revolution nachvollzieht. Am 30. Dezember 1849 bemerkt er in einem Brief an Feodor Wehl: « 1XQVROOW·LFK,KQHQQRFKEHUPHLQH(KHVFKUHLEHQ'DUEHUVDJ·LFKJDQ] kurz, daß ich eine gute Wahl getroffen habe. Meine Frau ist jung, recht hübsch, talentvoll und von soviel Phantasie in der Liebe, daß ich nicht nötig habe, zu wecken, eher zu zügeln. Die Zeiten wo ich neben meinen geordneten Lebensverhältnissen rechts und links noch nach Liebe oder wenigstens Hingebung suchte, sind vorbei. Wären in meiner guten verstorbenen Frau nur einige Funken von dem gewesen die in meiner jetzigen Frau liegen, der Roman Therese wäre nie gespielt worden.39
Gutzkow bekennt sich hier noch einmal zu seinem Ideal von der Freiheit der Liebe und Sexualität und bringt es gleichzeitig geschickt in Übereinstimmung mit der neuen wie auch alten Ehemoral, die nach dem Scheitern der Revolution und ihrer liberalen Liebes- und Partnerschaftsmodelle für das Bürgertum wieder Norm gebend wird. Er vollzieht die Reaktion mit und scheint doch seine alten Ideale nicht aufzugeben. Dass hier ein sich selbst und anderen präsentiertes gedankliches Konstrukt vorliegt, ist wahrscheinlich. Die entscheidenden Gründe für seine zweite Eheschließung liegen vermutlich nicht in den erotischen Qualitäten von Bertha Meidinger, sondern in ihren familiären, das Haus betreffenden Fähigkeiten: der Witwer sucht eine Ehefrau, die geeignet ist, die Mutter seiner drei kleinen Söhne (einer davon ein Säugling) zu sein, das Haus zu versorgen, ihm zur Seite zu stehen ² eine dem traditionellen Frauenbild entspre39
In: ebd., S. 246f.
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chende Frau also. Er heiratet, weil ihn Amalies Mutter davon überzeugt, dass es das Beste wäre, sich schnell wieder zu verehelichen. Bertha ist als Cousine seiner verstorbenen Ehefrau mit der Familie eng verbunden und den Kindern vertraut. Aus familiären Rücksichten ist eine Verbindung mit ihr also nahe liegend. Bertha Meidinger wird diese Rolle ausfüllen und Gutzkow noch drei Töchter gebären. Von einem Engagement seiner zweiten Ehefrau außerhalb des engeren häuslichen Bereichs ist nichts bekannt. Dass sie jung, hübsch, talent- und phantasievoll in der Liebe ist, kommt dem Witwer zweifellos entgegen, ist aber vermutlich nicht ausschlaggebend für seine Wahl gewesen. Die Entscheidung, Bertha Meidinger zu ehelichen, ist also eine Entscheidung gegen das Modell der intellektuellen, modernen Gefährtin à la Wally und Therese, mit der man die Probleme des öffentlichen Lebens, die Schriftstellerei, die Politik, die geistige Auseinandersetzung gleichberechtigt teilt. Gewählt hat Gutzkow den anderen Weg: die Verbindung mit einer bedeutend jüngeren, zu ihm aufschauenden Frau, die ihr Leben ganz in den Dienst seines Hauses stellt. In Gutzkows Liebesleben 1848/49 spiegelt sich die Revolution ebenso wie die reaktionäre Anpassung des bürgerlichen Liberalismus. Die Freiheits- und Liebesidee der Revolution wird in die altbewährten Geschlechterhierarchien integriert. In der zweiten Jahrhunderthälfte ist die revolutionäre Frauenrolle der gleichberechtigten Gefährtin Geschichte, das Frauenbild wird von den alten, konservativen Mustern bestimmt. Die Sphäre der Frau bleibt wieder ganz auf das Haus beschränkt, ihre soziale Funktion ist die der liebenden Mutter und der dem Mann untergeordneten Gattin. Als politikfähig gilt allein der Mann. Bei Gutzkow drücken die Namen seiner Zeitschriften symbolhaft diese von ihm mitvollzogene Wendung aus: verwies der Telegraph aus der Vormärzzeit noch auf Modernität und Öffentlichkeit, so stehen die ab 1852 von ihm redigierten Unterhaltungen am häuslichen Herd für den Rückzug ins Private, Häusliche, Unpolitische. Auch am Roman Die Ritter vom Geiste (1850/51) ist dieser Bewusstseinswandel auf den ersten Blick sinnfällig. Nach ursprünglichen Plänen sollte er die Revolution von 1848 zum Gegenstand haben, eine Idee, die Gutzkow später aufgab. In der schließlich realisierten Fassung liegt die Revolution bereits zurück und ist gescheitert. Für eine freiheitliche, gerechtere Zukunft wird nicht mehr öffentlich gestritten, sondern im Verborgenen, Privaten in einem Geheimbund räsoniert und geträumt. Während es Gutzkow gelingt, sein Liebesverhalten den sich verändernden politischen und moralischen Verhältnissen anzupassen und dabei QRFK VHLQHQ 9RUWHLO ZDKU]XQHKPHQ Å3KDQWDVLH LQ GHU /LHEH´ OlVVt das weibliche Rollenmodell der Revolutionszeit Therese von Bacheracht deutlich weniger Spielraum. Unter dem Druck von Gutzkows zahlreichen Eskapaden mit jüngeren Konkurrentinnen versucht sie zunächst ihr Liebes-
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LGHDOZHLWHU]XEHUK|KHQ]XHLQHPÅ0\VWHULXPYRQGHUZLUNOLFKHQ+oKHLWGHVPHQVFKOLFKHQ:HVHQV´Gas weit über den Niederungen des Körperlichen steht: Du wirst vielleicht hie und da der einen oder andern Frau huldigen, Du wirst ein flüchtiges Liebesverlangen haben, das der einen Richtung Deines Wesens entsprechend schnell erlöschen wird, sobald Du das Ziel erreicht hast, Du wirst ohne Neigung und ohne Leidenschaft aus heller Langeweile eine künstliche Blume in den Kranz Deines Lebens flechten, Schaum- und Rauschgold statt Goldbarren in den Kauf nehmen, aber Du wirst eine Neigung wie die, welche uns aneinanderkettet, für diese augenblicklichen Genüsse nicht hingeben. Unser Verhältnis hat sich allmählich zu einem Etwas gestaltet, das Du anfangs mit Erstaunen, später mit Bewunderung in Dich aufgenommen hast; dies Etwas wird Dich gelehrt haben, daß die Ehe mit einem meist unentwickelten Wesen kein Glück, sondern nur eine Reihe von Sorgen und Bitterkeiten sein könnte, denn die Ehe ist nur dann schön, wenn man auf gleicher Höhe steht>«] Laß uns in und durch uns das Mysterium von der wirklichen Hoheit des menschlichen Wesens feiern, laß uns erkennen, daß in uns beiden der Strahl des wahren Lichts leuchtet, DEHU« mische nicht mit ernsthafter Miene Deine Schmachtlocken und weißen Hände hinein.40
Die Aporien der revolutionären Liebeskonzeption liegen hier offen zutage: die Idee der freien Liebe kollidiert mit der utopischen Vorstellung vom reinen Liebesideal, das den freien Menschen der Zukunft verwirkOLFKWLQGHPGHUÅ6WUDKOGHVZDKUHQ/LFKWV´OHXFKWHW:HQQDOOHUGLQJVGLH übergroße Liebesfähigkeit der Frau und ihre Qualitäten als gleichberechtigte geistige Gefährtin nicht mehr gefragt sind, bleibt nur noch eine Möglichkeit: Devotion bis zur Selbstaufopferung. In Therese von Bacherachts Briefen wird der Ton des Leidens und der Verzweiflung im Laufe des Sommers 1848 immer dominanter. Sie beklagt ihre innere Leere, spricht YRQ LKUHU 7RGHVVHKQVXFKW ,KUHQ =XVWDQG QHQQW VLH VHOEVW ÅQHUYHQNUDQN XQG EHUUHL]W´41 Es ist die Affäre Gutzkows mit ihrer Freundin Thekla Weber, welche Therese schließlich erkennen lässt, dass ihr Selbstopfer umsonst ist. In zwei langen, nüchtern-gefassten Briefen vom 29. September und vom 10. bis 16. Oktober hält sie mit sich selbst Gericht, rekapitu40 41
Therese von Bacheracht an Karl Gutzkow, 14. Juli 1848, in: ebd., S. 150f. Therese von Bacheracht an Karl Gutzkow, 13. August 1848, in: ebd., S. 184. In ihrer derartigen Verfassung führt der Empfang eines Briefes von Gutzkow zu einem NervenzusamPHQEUXFKÅ$OVLFK'HLQHQ%ULHIVDKKDWWHLFKNDXPGLH.UDIWLKQ]X|IIQHQLFKZDU eiskalt, meine Glieder zitteUWHQDOVVROOWHLFKXPVLQNHQ« als ich gelesen, brach sich die Erregung, ein Tränenstrom machte meinem Herzen Luft, ich hatte das Gefühl sterben zu müssen und noch heute kann ich mich nicht erholen, noch heute ist mir die Erinnerung an dies Leiden wie ein eben überstandenes Fieber, das mich matt und müde macht, doch habe ich geschlafen, geschlafen wie ein Kind das seinen heftigen Kummer mit hinübernimmt XQG LP 7UDXP VFKOXFK]W´ 7KHUHVH YRQ %DFKHUDFKW DQ .DUO *XWzkow, 22. Juli 1848, in: ebd., S. 163.
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liert ihr Liebesverhältnis mit Gutzkow und benennt deutlich seine Brutalität ihr gegenüber. Klar und kalt schreibt sie: so bin ich es mir selbst schuldig, Dir jetzt mit schmerzlicher Ruhe zu sagen, daß ich jeden Glauben an Deine Gesinnung für mich verloren habe und der Entschluß fester denn je in mir steht, für Dich wirklich die alternde, aber bei Gott nicht die mit ihrer Liebe Dich verfolgende Frau zu sein.42
Therese hofft nun auf eine sanfte Freundschaft mit Gutzkow. Um diese zu besiegeln, kündigt sie Mitte Oktober ihren Besuch in Dresden an. In einem Brief, der wahrscheinlich ein Konzept darstellt und vielleicht nicht DEJHVFKLFNWZXUGHELWWHW*XW]NRZVLHÅ'UHVGHQPLWNHLQHP)X]XEeUKUHQ´:HLWHUVFKUHLEWHU Alles, was seit 2-3 Monaten zwischen uns verhandelt, ausgesprochen oder unterlassen wurde ist mir so widerwärtig, in seinen Grundmotiven durchaus meiner innersten Natur zum Ekel, daß ich nicht begreife, was Du hier willst.43
Es kommt schließlich doch zu einer Unterredung, die in einer heftigen, das Paar endgültig trennenden Szene endet. Dennoch behält Therese mit ihrem typischen Schmerzenspathos das letzte Wort. Ihren letzten, langen Brief an Gutzkow vom 8. November 1848 beendet sie mit folgenden Worten: Laß uns denn auf das Grab unserer Liebe edle Gefühle pflanzen und den Frieden Gottes, den Frieden der Versöhnung herunter auf uns bitten, die wir glückliche und unglückliche Stunden verlebt und oft uns nicht verstanden haben.44
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Therese von Bacheracht an Karl Gutzkow, 10. Oktober 1848, in: ebd., S. 226. Einige Tage vorher hatte sie noch auf eine rein geistige Form der Liebesbeziehung ohne Sexualität gehofft. Den Anlass einer Krankheit nutzend oder vortäuschend, übernimmt sie nun den Part derjenigen, die Sexualität verweigert und nimmt Gutzkow diese sie kränkende Rolle ZHJÅ-DJXWHU.DUOXPHVJHUDGHKHUDXV]XVDJHQLFKIUFKWHVHKUGD'XLQHLQHU+Lnsicht nicht mehr auf mich rechnen kannst. Es haben sich heftige Blutungen eingestellt, die in Ruhe gepflegt und abgewartet werden müssen. Der Arzt warnt und ich selbst bin so erschöpft, daß ich Dich im Voraus um Nachsicht und Schonung bitte. Sei mir nicht böse, wenn ich die Sinnlichkeit aus unsern Kreisen banne und Dir nur eine liebende, die zärtlichste Schwester bin. Vielleicht ist es auch besser so. Den echten, rechten Zauber habe ich längst nicht mehr über Dich ausgeübt; ich habe oft mit innerer Beschämung empfunden, daß die Seite des Lebens, die die Jugend besitzet, die das Erbteil der feurigen Liebe ist, eher künstlich hervorgerufen als freiwillig gegeben wurde. Jetzt bin ich zum Nachdenken gekommen und will Dir wo möglich noch größere Freiheit als jetzt gönnen. Alles was Freundschaft und Sorge ersinnen kann soll für Dich geschehen. Vielleicht werden wir beide glücklicher durch rein geistige Be]LHKXQJHQ)UHLOLFKZLUVW'XOlFKHOQXQGVDJHQÄ(L ei, wie vernünftig ist sie, MHW]WZRVLHVLFKNUDQNIKOW«·+LQWHUGLHVHU9HUQXQIWVWHFNWDEHU ein tiefer Schmerz, ein Schmerz, den Du mildern, dem Du zu Hilfe kommen, den Du mir heiOHQ PXW´ 7KHUHVH von Bacheracht an Karl Gutzkow, 19. September 1848, in: ebd., S. 210f. Karl Gutzkow an Therese von Bacheracht, 15. Oktober 1848 (vermutlich nicht abgeschicktes Konzept), in: ebd., S. 232. In: ebd., S. 239.
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Barbara Potthast
Am 19. September 1848 heiratet Karl Gutzkow Bertha Meidinger. Er wird, soviel bekannt ist, mit seiner jungen Frau eine glückliche Ehe führen. Gut drei Wochen zuvor, am 24. August 1849, vermählt sich die frisch geschiedene Therese von Bacheracht mit ihrem Cousin Heinrich von Lützow, der bereits in ihrer Jugend um sie geworben hatte. Kurz nach ihrer Heirat mit Robert von Bacheracht 1825 war er als Diplomat nach Niederländisch Indien gegangen, wo er Gouverneur von Surabaya wurde. Zurück in Deutschland wirbt er erneut um sie und macht ihr im Sommer 1848 einen zweiten Heiratsantrag, obwohl er von ihrer verzweifelten Liebe zu Gutzkow weiß. Therese geht 1849 mit Lützow als seine Frau nach Java und bekommt dort eine Tochter. In Java schreibt sie ihre Reiseeindrücke nieder, die seit kurzem gedruckt vorliegen.45 Am 15. September 1852 stirbt sie unerwartet in Tjilatjap an Dysenterie. Als Karl Gutzkow von ihrem Tod erfähUWEHPHUNWHULQHLQHP%ULHIDQ)HRGRU:HKOÅ0DQ schreibe auf ihr Grab: Denen, die sie liebte, war sie die Liebe ´46 Gutzkow mythisiert die Tote, wie er es auch mit seiner verstorbenen Ehefrau Amalie getan hatte. Als Liebesallegorie hat Therese für ihn im Tod die höchste Idealität der Liebe realisiert, die nach den Vorstellungen der liberalen Ästhetik die Idealität der bürgerlichen Freiheit widerspiegelt. Im Leben hat er Therese allerdings nicht die ersehnte Rolle der gleichberechtigten, liebenden Gefährtin des liberalen Bürgers einnehmen lassen. Der Verfasser der Wally zeigt in den Jahren 1848/49, dass nicht nur seine politische Radikalität, sondern auch die Modernität seines Frauenbildes Grenzen hat. In diesen Monaten inszeniert er mit Therese eine Art Umkehrung der progressiven liberalen Paarkonzeption. Statt Thereses Gleichberechtigung vollzieht sich ihre schrittweise Erniedrigung. Ihre Überhöhung lässt Gutzkow nur im Tod zu. Fanny Lewald, die bedeutende Schriftstellerin und enge Freundin Thereses, selbst in einer intellektuellen Liebesbeziehung mit dem verheirateten Schriftsteller Adolf Stahr lebend, hatte sich noch zu Amalies Lebzeiten 1847 in einem langen Brief an Gutzkow gewandt, um ihn davon zu überzeugen, mit seiner Liebe zu Therese an die Öffentlichkeit zu gehen. 6LHZLUIWLKPÅHLQH>P@GHUNODUVWHQ.|SIH'HXWVFKODQGV>«] eine[m] der VFKDUIVLQQLJVWHQ0HQVFKHQ´YRUÅPLWGLHVHQXQZUGLJHQ+HLPOLFKNHLWHQ JHJHQ:LQGPKOHQ>]XIHFKWHQ@´47 Fanny Lewald ist sich sicher, dass das Paar Gutzkow und Bacheracht in der Öffentlichkeit Anerkennung und Verehrung ernten würde und dass im Fall fortgesetzter Heimlichkeit die
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Bacheracht [Anm. 8]. Franzos [Anm. 7], S. 251. Fanny Lewald an Karl Gutzkow, 3. Dezember 1847, in: Vordtriede [Anm. 9], S. 61.
Zum Briefwechsel zwischen Therese von Bacheracht und Karl Gutzkow
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Zerstörung von Gutzkows GeniuV GURKH Å$XI *HKHLPQLV EDVLHUW´, schreibt sie, ist ein ideales Verhältnis zu kleinlichen Zuständen herabgesunken, zu Heimlichkeiten, Halbheiten, Unwahrheiten, an denen die Seele zu Grunde geht, die den höchsten Geist entadeln. Es gibt nur eine Rettung für Sie, lieber Gutzkow! nur eine Beruhigung für beide Frauen ² die sichere Freiheit ehrenvoller Öffentlichkeit.48
Karl Gutzkow hat einen anderen Weg gewählt ² warum, ist nicht zuletzt wegen seiner fehlenden Briefe kaum mehr zu rekonstruieren. Einer seiner Aphorismen aus der Sammlung Vom Baum der Erkenntnis ODXWHW Å*U|H isoliert. Seid nachsichtig, wenn große Männer mehr, als ihr billigt, die )UDXHQVXFKWHQ´49
48 49
In: ebd., S. 58f. [Karl Gutzkow:] Gutzkows Werke. Auswahl in zwölf Teilen, hg. mit Einleitungen und Anmerkungen versehen von Reinhold Gensel, Berlin u.a. [1910], Band 10: Aufsätze zur Literaturgeschichte, S. 85.
Roman Lach
„Die todeselenden englischen Gedichte“ Romantische Krisen in Otto von Bismarcks und Johanna von Puttkamers Briefwechsel der Brautzeit Es beginnt mit einer Reise in den Harz, die ein kleiner Kreis von romantischen Schwärmern von Ende Juli bis Anfang August 1846 unternimmt. Zur Gruppe gehören Moritz von Blanckenburg mit seiner Frau Marie, geborene von Thadden, Elisabeth von Mittelstädt, eine Freundin Maries, deren Eltern mitreisen, Johanna von Puttkamer, ebenfalls eine Freundin Maries, sowie zwei Schulfreunde von Moritz, wie sie ungleicher nicht sein können: der Theologe Herrmann Theodor Wangemann (1818–1894) und der als „wilder Bismarck“, als Zweifler und Deist verschriene Otto von Bismarck, den Moritz und seine Frau speziell unter ihre Fittiche genommen haben, um seine religiösen Zweifel zu beheben und ihn in den Schoß des Glaubens zu überführen. Alle Teilnehmer der Reise, bis auf diesen letzten, fühlen sich den pommerschen Pietisten verbunden, einem vom preußischen Landadel geprägten Kreis von Konservativen, die ihre Autonomie gegenüber der lutherischen Staatskirche durch emphatischen romantischen Subjektivismus behaupteten, der mit pietistischer Innerlichkeit amalgamiert wurde. Romantische Verklärung des Mittelalters, der Versuch, in der eigenen Lebenspraxis ein idealisiertes Bild feudaler Kultur zu realisieren, schwärmerischer Gefühls- und Naturkult, begeisterte Literaturversessenheit gehen hier mit religiöser Seelenzergliederung und Gewissensbefragung einher.1 Bismarck hat in den vorangegangenen Jahren die Nähe dieses Kreises gesucht. Nach mehreren gescheiterten Versuchen, in ein Berufsleben einzutreten, nach mehreren gescheiterten Liebesbeziehungen sowie einigen finanziellen Debakeln war er in eine tiefe Krise geraten und hatte sich seinem Jugendfreund Moritz anvertraut. Der sah das Problem vor allem in Ottos Glaubenslosigkeit und versuchte ihn zu bekehren. Seine Braut – 1
Vgl. Erich Marcks: Bismarck. Eine Biographie 1815–1851. Einundzwanzigste, um den nachgelassenen Band „Bismarck und die deutsche Revolution 1848–1851“, erweiterte Auflage, Stuttgart 1951, S. 214–215.
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und ab 1844 Ehefrau – Marie engagierte sich ebenfalls mehr und mehr für die Rettung der Seele Bismarcks und brachte damit ihn und sich selbst in gefährliche Nähe einer erotischen Unterminierung des religiösen Austauschs. Die Reise in den Harz, das bedeutendste Ziel aller romantischen Reisen in Norddeutschland, soll nun unter anderem dieser Gefahr entgegenwirken, indem Bismarck mit Maries Freundin Johanna von Puttkamer verkuppelt werden soll. Ein Unternehmen, zu dem es bereits mehrere Anläufe gegeben hat, die aber bisher zumindest auf Bismarcks Seite wirkungslos geblieben sind. Zugleich geht es auch um die Stiftung bzw. Befestigung einer Gemeinschaft, die ihr geistiges Zentrum zwar für die Mehrzahl der Mitreisenden in der Religion hat, die auf dieser Reise aber trotz Predigerbesuchs in Wernigerode nicht den alle verbindenden Faden bildet. Diesen bilden die Poesie und die Musik, die in diesem Kreis eine der Religion ebenbürtige Rolle spielen. Die Frauen sind allesamt begeisterte Leserinnen Jean Pauls. Man ergeht sich in abendlichen „Titans-Augenblicken“2, wie Johanna das später umschreibt, und führt „Gespräche à la Katzenberger“3. Die Schutzpatrone der Reise aber sind Felix Mendelssohn-Bartholdy und die von ihm vertonten Dichter, deren Lieder bei allen Wanderungen und Mondscheinbetrachtungen abgesungen werden. Die etwas bigotte Elisabeth Mittelstädt schreibt an eine Freundin: „Man merkt bei uns leider gar nicht, daß es Pietisten sind; müßte man es ihnen nicht mit Kreide auf den Rücken schreiben?“4 Und Johanna schreibt nach Hause: […] ach meine einzige Mutter, die Feder Deiner Tochter ist zu schwach für die Roßtrappe, da hören wirklich schon alle Worte auf, – ach man möchte nur die Hände aufheben und rufen: Herr! wunderbar und mächtig sind deine Werke! – Eine so wilde und anziehende Felsen-Gegend, schroff und kühn und doch mitunter durch kleine Eichen besänftigt, die tiefe enge Schlucht in welcher die kleine Bode schäumend tobt – und dazu die häufigen Pistolenschüsse, die gleich heftigen Donnerschlägen in der Tiefe rollten und durch das prächtige Echo von Fels zu Fels getragen wurden, bis sie zuletzt ganz leise in der Ferne verhallten. Dies machte einen unbeschreiblichen Eindruck auf mich und ich kann’s durchaus mit nichts als mit C-Dur vergleichen [sie umschreibt Stimmungen häufig mit den Tonarten der von ihr geliebten Beethovensonaten. Hier meint sie also die Klaviersonate Nr. 21 in C-Dur, die „Waldstein-Sonate“, Anm. R.L.].
2 3 4
Johanna in einem Brief an Bismarck vom Juni 1847, siehe: Die Brautbriefe der Fürstin Johanna von Bismarck. Mit Briefen und Aufzeichnungen von und über den Altreichskanzler, hg. von der Fürstin Herbert von Bismarck, Stuttgart, Berlin 1931, S. 155. Elisabeth Mittelstädt in einem Brief, zitiert nach Marcks [Anm. 1], S. 277. Zit. nach: Joachim von Kürenberg [d.i. Joachim v. Reichel]: Johanna von Bismarck: Lebensschicksal einer deutschen Frau, Berlin 1935, S. 37.
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In Johannas Briefen an die Mutter findet sich unter allen überlieferten Zeugnissen der Teilnehmer am intensivsten und „stilechtesten“ der romantische Ton, der die Stimmung dieser Reise beherrscht. Sicherlich ist ihre Landschaftsschilderung reichlich eklektizistisch, aus Tieck und vor allem Eichendorff zusammengeraubt, viel Ahnung und Gegenwart im synästhetischen Verschmelzen unterschiedlicher Sinneseindrücke, dabei die Landschaft konsequent als Tableau behandelnd und auch pflichtschuldigst den Herrgott in einer dann doch mehr protestantisch formelhaften als naturandächtigen Anrufung nicht vergessend. Aber es steckt doch Witz in der „Feder, die zu schwach ist für die Roßtrappe“! Wie wird durch dieses Eingeständnis des Scheiterns, das der Beschreibung vorausgeht, diese Beschreibung sogleich unmittelbar verknüpft mit dem Empfinden der Schreibenden! Hier beherrscht jemand den stilistischen Code, den diese Reise erfordert. Deshalb gibt es bei Johanna auch nicht die leiseste Andeutung einer Enttäuschung. Die Reise entspricht absolut ihren Erwartungen und bestätigt die Gültigkeit ihres romantischen Weltzugriffs. Diese Harzreise, das Programm romantischer Freundschaft, das in ihr gefeiert wird und aus dem heraus eine Verbindung zwischen Otto von Bismarck und Johanna von Puttkamer gestiftet werden soll, ist als Ausgangspunkt dieser Ehe entscheidend. Sie ist der Grund für den hohen Anspruch, den beide in den ersten Monaten ihrer Verlobung an sich selbst und den Partner richten, was Offenheit, emotionale Übereinstimmung und religiöse Gesinnung betrifft, für den Ton und die Stillage der Briefe, die bei ihr einem romantisch-empfindsamen, Natur, Gefühl und Gegenüber verschmelzenden Jean-Paul-Duktus entsprechen, bei ihm einem ebenfalls romantisch geprägten Stil mit jedoch deutlich ironischeren und groteskeren, mitunter an Heine erinnernden Zügen. Im Zusammenhang mit der Harzreise findet sich auch eine Ursache für den melancholischmorbiden Ton, in den beide in späteren Briefen immer wieder verfallen, die Anspielung an einen Schmerz, der in der Sprache nicht recht zu fassen ist und der bei beiden sicher mit dem nur wenige Monate nach der Harzreise erfolgten Tod der Organisatorin dieser Reise, Maries von Blanckenburg, zusammenhängt, die diese Beziehung gestiftet und durch ihren Tod gewissermaßen besiegelt hatte. Diese Schwierigkeiten machen gerade den Briefwechsel der Brautzeit zu einem Dokument eines Kampfes zwischen ideellem Anspruch und Wirklichkeit, zwischen Emotion und Realitätssinn, der Komplikationen einer durch räumliche Trennung erschwerten Annäherung. Fast ausschließlich wird diese Phase der Brautzeit in der Forschung – auch da, wo die Beschäftigung mit Johanna erklärtermaßen im Vordergrund stehen soll – aus der Perspektive der Bismarckschen Briefe an Johanna beurteilt. Das hängt auch damit zusammen, dass ihre Brautbriefe
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erst 30 Jahre nach seinen publiziert wurden, die bereits um 1900 in einer weit verbreiteten Ausgabe vorlagen. Allerdings ist Erich Marcks in seiner Bismarck-Biographie relativ ausführlich auch auf Johannas Briefe eingegangen. Er ist einer der wenigen Autoren, die ihren Briefstil dem Bismarcks ebenbürtig zur Seite stellen. Er geht dabei konsequent eben von einem Briefwechsel aus, zu dem ihre Briefe ebenso gehören wie seine. Baasners These vom monologischen Charakter des Briefs im 19. Jahrhundert5 würde auf diese Korrespondenz damit nicht zutreffen: Seine Briefe sind bekannt und unvergeßbar. Wer zu lesen verstand, hat auch ihre Empfängerin daraus sofort verstanden und liebgewonnen; aber nicht jedem ist das zu teil geworden, und mancher behielt aus dem Monologe, den allein er vernahm, nur den Eindruck gewisser Mühen des Bräutigams, die Braut zu beeinflussen und zu ändern, einen Eindruck fast von Vorwürfen und ein halbes und kaum halb richtiges Bild.6
Damit steht Marcks relativ allein. Für alle Biographen Johannas, von Eduard Heyck, dem ersten Verfasser eines Buches über Johanna von Bismarck, das fast ausschließlich von Otto von Bismarck handelt,7 über Joachim von Kürenberg, der sie 1935 in seiner zum historischen Roman ausgestalteten Biographie in ihrem „Lebensschicksal einer deutschen Frau“ aus der Perspektive eines deutschnational bis nationalsozialistisch gefärbten Eheideals betrachtet8 bis zu Ingelore M. Winter, die 1988 die „historische Leistung“ von Johanna darin sieht, dem „zornigen Bismarck“ die „Qualen und Schmerzen seines Lebens zu lindern“, damit er zu „Großem“ fähig sein konnte.9 Auch für Waltraut Engelberg, die als Frau des Historikers Ernst Engelberg dessen Bismarck-Biographie um zwei Monographien zum Eheleben der Bismarcks ergänzt hat, sind die Rollen bei diesem Paar klar verteilt im Sinne des 19. Jahrhunderts: Warum alle diese Erörterungen, Erwägungen, Ermahnungen, mitunter sogar Beschwörungen? Es geht schließlich um Eigenschaften wie passive Gottergebenheit, Sektenhochmut und Intoleranz, die die künftige Lebensgestaltung beeinflussen könnten, sie bergen Konfliktmöglichkeiten, die Bismarck ausräumen will,
5 6 7 8 9
Rainer Baasner: Briefkultur im 19. Jahrhundert. Kommunikation, Konvention, Postpraxis, in: ders.: Briefkultur im 19. Jahrhundert, Tübingen 1999, S. 1–36, hier S. 25. Marcks [Anm. 1], S. 301–302. Eduard Heyck: Johanna von Bismarck, Bielefeld, Leipzig 1907. Joachim von Kürenberg: Johanna von Bismarck. Lebensschicksal einer deutschen Frau [Anm. 4]. Ingelore M. Winter: Mein geliebter Bismarck. Der Reichskanzler und die Fürstin Johanna. Ein Lebensbild mit unveröffentlichten Briefen, Düsseldorf 1988, S. 15.
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noch ehe sie zur Wirkung gelangen. So ringt, kämpft, schreibt er um der künftigen Harmonie in seinem Heim willen, an der ihm über alles gelegen ist.10
Kurz und gut, auch in dieser Beziehung träte Bismarck von Anfang an als Politiker auf, als Planer und Gestalter. Das Ziel: die Austreibung der religiösen Schwärmerei aus dem Kopf seiner Frau, der Schwärmerei auch ganz allgemein; auch der romantische Hang zu Jean Paul muss ausgetilgt werden, wo eine funktionstüchtige Ehe in Angriff genommen werden soll: Aus der Themenvielfalt der Brautbriefe und der Briefe an seine junge Frau tritt noch ein anderer Bereich heraus, den Bismarck immer wieder erörtert: die künftige Lebensweise. Sie soll ganz bewußt von konservativer Prägung sein, ähnlich der Johannas, und dennoch mit besonderen Akzenten. Zunächst tut Otto v. Bismarck die sentimental romantisierende Jean-Paul-Schwärmerei, der sich Johanna und ihre Freundinnen gefühlsselig hingeben, recht herzhaft ab. Gewiß, er verspricht ihr, den ‚Titan‘ zu lesen, Kleidungsvorschläge in dieser Richtung lehnt er jedoch ab. […] Damit begegnet er auch dieser Jungmädchenlaune wie mancher anderen freundlich, aber resolut.11
Bismarck als Erzieher also, der als ein neuer Pygmalion sich eine Frau formt, wie er sie braucht, um Rückhalt und Ruhe für seine zukünftigen Taten zu haben. Es passt zum Bild des Tatmenschen Bismarck, zu dem, was man sich seit Jacob Burckhardt unter „historischer Größe“ vorstellt.12 Im ersten Jahr des Briefwechsels ließe sich so gesehen ein zweiter ehediplomatischer Coup nach dem ersten des Brautwerbebriefs, den Bismarck im Gewand einer pietistischen Beichte abgefasst hatte,13 nachvollziehen: der des Gefügigmachens einer überspannt schwärmerischen Verlobten. Bismarck, der an seiner Braut zu einem Baron von Instetten würde. Auch wenn Marcks ebenfalls Bismarck die „Führung in ihrem Zwiegespräch“ zuspricht, sieht er die wechselseitige Beeinflussung der beiden doch differenzierter: Wer beider Briefe überblickt, wird den Eindruck der Weisheit und der Notwendigkeit seines Verfahrens haben, aber freilich auch den, daß sein unablässiger Kampf gegen die Seelenkrankheit der Braut diese in seinen Briefen kränker erscheinen läßt, als die ihrigen sind: es ist schon angeführt worden, wie viel hellsprudelnde Natürlichkeit in ihnen ist. […] Und auch das muß man hinzufügen: es fehlt dabei auch auf seiner Seite – natürlich! – nicht an Stimmungen und an Schärfen. In den Zeiten, wo der Kampf gegen die Elbe, die Anstrengung vielarti10 11 12 13
Waltraut Engelberg: Otto und Johanna von Bismarck, Berlin 1990, S. 33–34. Vgl. auch: Waltraut Engelberg: Das private Leben der Bismarcks, Berlin 1998, S. 33–37. Engelberg: Otto und Johanna [Anm. 10], S. 35. Jacob Burckhardt: Das Individuum und das Allgemeine. (Die historische Größe), in: Weltgeschichtliche Betrachtungen, hg. v. Rudolf Marx, Leipzig 1935, S. 207–248. Vgl. den Brief an Herrn von Puttkamer, Ende Dezember 1846, in: Fürst Bismarcks Briefe an seine Braut und Gattin, hg. vom Fürsten Herbert von Bismarck, Stuttgart 1900, S. 1–5.
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ger Geschäfte, die Länge der Trennung ihn unruhiger und müder machten (etwa 25. Februar bis 7. März), waren auch seine Briefe nervöser und ungeduldiger, und dann war sie es, die, ganz ohne Vorwurf und Verstimmung, mit tröstender und manchmal schalkhafter Liebe, nachgab, ausglich und die Falten leise glättete. […] auf die Dauer hat sein starker Lebensmut zu beider Heile […] gesiegt. Dazwischen drang freilich auch seine eigne Schwermut manchmal durch und sein Beispiel widersprach seinen Mahnungen – ein liebenswerter Selbstwiderspruch, der seinen Briefen erst den Reiz des allseitigen und echten Lebens gibt.14
Ich möchte noch weiter gehen: In diesem Briefwechsel bewegen sich zwei krisenhafte Individuen aufeinander zu. Es ist ein problematischer Briefwechsel, voll von Missverständnissen, Reibungen, grundsätzlichen Gegensätzen, an denen beide mitunter durchaus zu zerbrechen fürchten: „Les extremes se touchent – mais – ils se brisent, las ich neulich irgendwo. – Otto, was meinst Du zu diesem Nachsatz, – ich hoffe, Du wendest ihn nicht auf uns an.–“ schreibt Johanna in einem Brief.15 Joachim Radkau hat die Jahre „zwischen Bismarck und Hitler“ als das „Zeitalter der Nervosität“ bezeichnet und Bismarck selbst als einen von dessen ersten und früh auch in dieser Rolle populären Repräsentanten.16 Das Anbrechen der Moderne, der Industrialisierung, die Beschleunigung des Lebens seien eng verknüpft mit dem Aufkommen des psychosomatischen Phänomens der „Neurasthenie“, einer Nervenschwäche durch Überforderung, Reizüberflutung, innere Haltlosigkeit: die Krankheit der „Moderne“ schlechthin. Otto von Bismarck habe das erste Modell eines Neurasthenikers gestellt, mit seiner „Nervosität“ ein neues Muster des aktiven öffentlichen Charakters popularisiert, eine regelrechte Mode ausgelöst. Auch die weit verbreiteten, von Bismarck besonders geschätzten Portraits aus der Hand Franz von Lenbachs folgen, nebenbei bemerkt, diesem Konzept. Anders als etwa Napoleon inszenierte sich Bismarck keineswegs als heroische Gestalt, sondern verhehlt auch nicht Erschöpfungszustände, Krankheiten, persönliche Enttäuschungen, Nervenzusammenbrüche wie den Weinkrampf in Nikolsburg im Jahre 1866. Rastlose Tätigkeit geht bei ihm einher mit unverhohlen geäußerten Frustrationen, Lustlosigkeit, auch Ängsten. In dieser Hinsicht ist das öffentliche Bild des späteren Reichskanzlers in dem Briefwechsel der Brautzeit mit seinen vielen Missverständnissen, Schwermutsattacken und Entschuldigungen durchaus schon vorgezeichnet. Nicht minder „nervös“ zeigt sich 14 15 16
Marcks [Anm.1], S. 306–307. Johanna von Puttkamer an Otto von Bismrack, 28.2.1847, in: Die Brautbriefe der Fürstin Johanna von Bismarck [Anm. 2], S. 66. Joachim Radkau: Das Zeitalter der Nervosität. Deutschland zwischen Bismarck und Hitler, München 2000, S. 63–66.
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Johanna. Als Frau fällt sie damit aber unter den Typus der „tränenseligen Schwärmerin“, wodurch die schwierige, prekäre emotionale Situation, der sich beide Korrespondenten ausgesetzt sehen, nur zu leicht zu verschleiern ist. Man kann diesen Briefwechsel durchaus einen „nervösen“ im Sinne des zeitgenössischen Sprachgebrauchs nennen. Er nimmt in diesem Punkt vorweg, was Angelika Ebrecht für viele Briefwechsel der Jahrhundertwende feststellt: Mit dem wachsenden ‚Unbehagen in der Kultur‘ verschärften sich auch die psychischen Konfliktspannungen und die Probleme in den persönlichen Beziehungen. Man versuchte in Briefen eine Identitätskrise des bürgerlichen Subjekts zu artikulieren und zu überwinden. Sie wurden eingesetzt zur Bewältigung der Schwierigkeiten, die die Einzelnen mit sich selbst und anderen hatten.17
Gerade wenn man die Briefe der ersten Monate im Zusammenhang des Briefwechsels sieht, also nicht separat als Dokumente zu einem Portrait jeweils eines der beiden Korrespondenten, wie dies insbesondere in der weit verbreiteten Prachtedition Fürst Bismarcks Briefe an seine Braut und Gattin der Fall ist, die sein Sohn Herbert 1900 herausgab,18 zeigt sich dieses Verhältnis als weit weniger eindeutiges und einseitiges, als ein vielmehr auch sehr prekäres. In den ersten Monaten gerät diese junge Beziehung an gefährliche Klippen, die nicht nur er, sondern auch sie geschickt zu umschiffen genötigt ist. Lehnt er auch die Sentimentalität eines Jean Paul ab, so ist ihm doch die Zerrissenheit eines Byron nicht fremd. Auch er ist erfasst vom romantischen Geist, auch er hat einen Hang zur Depression, kann wegen eines Briefes, der sich um wenige Tage verspätet, in die düstersten Todesahnungen verfallen, war ja in den Kreis um Johanna überhaupt erst gelangt durch sein Suchen nach religiösem Halt. Auch er, der ihr immer wieder Tränenseligkeit vorwirft, vergießt Tränen – etwa beim Hören einer Beethovensonate. Das legendäre stabile Tat-Ich Bismarcks ist auf unstabilen Fundamenten erbaut! Romantische Literatur spielt in diesem Briefwechsel, wie bereits angedeutet, eine herausragende Rolle: Gedichte von Byron und Thomas Moore werden ausgetauscht, es ist viel von Jean Paul, von Lenau die Rede, Stimmungen werden mit Anspielungen auf Beethovensonaten und Mendelssohnsche Liedern umschrieben. Auch der Hang beider Briefpartner zu melancholischen Einbrüchen, zu durch kleinste Anlässe motivierten Stimmungsschwankungen, die mutwilligen und abrupten Wechsel von 17 18
Angelika Ebrecht: Brieftheoretische Perspektiven von 1859 bis ins 20. Jahrhundert, in: Brieftheorie des 18. Jahrhunderts. Texte, Kommentare, Essays, hg. Angelika Ebrecht u.a., Stuttgart 1990, S. 243. Vgl. Anm. 13.
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Stimmung und Tonlage, die insbesondere seine Briefe auszeichnen, sind Erbe der Romantik, das zeigt sich bereits im ersten Brief aus Jerichow an der Elbe, wo er als Deichwart das frühjährliche Elbhochwasser überwachen muss, den er ihr am 29. Januar 1847 nach Reinfeld in Pommern schickt. Ich zitiere den Schlussabsatz dieses Briefes: Sobald das Wasser (was übrigens noch garnicht gekommen ist) verlaufen sein wird, fliege ich wieder nach Norden, die Blume der Wildniß, wie mein Vetter sagt, aufzusuchen. Sobald ich in Schönhausen zur Ruhe bin, schreibe ich Dir ausführlicher, für jetzt nur dies Lebens- und Liebeszeichen, die Rosse stampfen wiehern und bäumen sich vor der Thür und ich habe heute noch viel vor. Die herzlichsten Grüße an Deine oder j’ose dire unsre Eltern. Sans phrase der D e i n i g e von Kopf bis zur Zehe. Küsse lassen sich nicht schreiben. Leb wohl. Bismarck.19
Der galoppierende Duktus, der Geschwindigkeit und Gehetztheit des Reisens wie des Verfassens dieses Briefes mimetisch abbildet (die Bezugnahme auf die Schreibsituation gehört laut Angelika Ebrecht zum festen Repertoire des Briefstils des 19. Jahrhunderts), wird gebrochen und zugleich gesteigert durch Einschübe, die das Situative dieses Schreibens transzendieren. Sobald das Wasser verlaufen sein wird, fliege ich wieder nach Norden – aber das Wasser ist noch nicht einmal erst gekommen!, d.h., der vermeintlich in ganz naher Zukunft liegende Moment, wo Bismarck der Deichaufsicht enthoben sein wird, den die Antizipation gleich zu Beginn des Satzes suggeriert, liegt noch in ungewisser Zukunft (es wird noch bis Mitte März dauern, bis es zu diesem Wiedersehen kommt)! Der humoristisch-bizarre Einschub hebt also die mimetische Abbildfunktion dieses ersten Satzes sogleich wieder auf, macht den Wunsch zum Vater des Gedankens, bringt einen Moment von Irrealität und Absurdität in diese doch so plastisch-intensive Aufbruchsszene. Es ist der weltenverwirbelnde Grotesk-Stil, den man gleichzeitig bei Autoren wie Immermann oder Grabbe oder in den Wispeliaden Mörikes findet. Ein romantisches Erbteil, zu dem hier um die Mitte des Jahrhunderts eine gewisse Gewalthaftigkeit hinzutritt, eine Schroffheit, die der romantischen Ich-Versponnenheit entgegenläuft. Gleich wird aus dieser fernen Zukunftsvision aber wieder Schilderung einer realen und baldigen Zukunft: die Benennung des nächsten Zielortes Schönhausen und die mit diesem verbundene Schreibabsicht. Und dann geht er hinein in die unmittelbare Situation, und die wird wieder stark rhythmisiert durch Dopplungs- und Aufzählungsfiguren. Das Stampfen, Wiehern und Bäumen der Pferde vor der Tür gibt dem abschließenden Gruß wieder höchste Geschwindigkeit – und damit 19
Otto von Bismarck an Johanna von Puttkamer, 29.1.1847, in: Fürst Bismarcks Briefe an seine Braut und Gattin [Anm. 13], S. 7.
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den, auch hier wieder als Verzögerungen eingesetzten, Einschüben „si j’ose dire“ und „sans phrase“ einen Zauber von Augenblickseinfall, von Spontaneität, den das ganze Schreiben ohne dieses Drängen, ohne den Rhythmus und ohne das Tempo nicht hätte. Und weil dann der letzte Satz wie im Aufspringen und Fortlaufen noch hingeworfen scheint, erscheint er so wirklich und lebendig: „Küsse lassen sich nicht schreiben“ – beinahe wird durch die Form diese Aussage negiert, beinahe gelingt hier der Sprache die Suggestion sinnlicher Gewissheit. Und an dieser Front kämpfen dieser Brief und dieser Briefwechsel. Das Schreiben wird hier nicht gesucht als Möglichkeit eines engeren und innigeren Austauschs, wie etwa in den romantischen Briefen Rahel Varnhagens, wo man sich auch schreibt, wenn man sich ebenso gut treffen könnte, sondern ist Notlösung. Bismarck und Johanna schreiben einander nur in den Phasen langer und weiträumiger Trennungen – die allerdings im Laufe dieser Beziehung recht zahlreich sein werden. Gleichzeitig wird diese Not zur Voraussetzung eines grotesken Spiels mit den Grenzen des Schreibens, Versuchen, Raum und Zeit in Sprache, in Symbolen und Zeichen zu überbrücken und andererseits eines ganz und gar nicht spielerischen Erleidens der Grenzen des Schreibens: der Beunruhigung durch ironisch gemeinte (oder auch nicht) Vorwürfe, durch das Wegfallen des erklärenden Tonfalls. Begleitumstände des Schreibens spielen ebenso immer wieder eine Rolle, wie Düfte und Gerüche, die der Brief ausströmt – in gutem Sinne, wenn er noch den Geruch der mitgeschickten Wurst an sich trägt,20 wie im schlechten, wenn der „Moschus-Geruch“ seines Briefes Johanna auf eine Krankheit Ottos schließen lässt, die er mit Moschus behandelt – wobei nicht ganz klar ist, ob sie das wirklich glaubt, oder ob der Patschuliduft (denn um ein Parfüm, nicht um Medizin handelt es sich, wie der Antwortbrief offenbart) ihr nicht Befürchtungen ganz anderer Art eingibt.21 Denn auch ihre Eifersucht fließt immer wieder ein in ihre Briefe, und die wird durch die lange Trennung empfindlicher und wachsamer, zumindest im ersten Jahr. Die schroff gefügte Mischung aus Sturm und Drang-Dynamik, ironischer Verdrehtheit, poetischen Aufschwüngen und plastischer Wirklichkeitsmalerei hält aber in Bismarcks Briefen das schreibende Subjekt immer präsent. Das vor allem ist das Romantische an diesem Briefstil, an seinem Briefstil, der sich von ihrem unterscheidet, obwohl es viele Ähnlichkeiten gibt. Das ist mehr Arnim oder Heine als Jean Paul. Dieses Schreiben „aus 20 21
Johanna von Puttkamer an Otto von Bismarck, 25.2.1847, in: Fürst Bismarcks Briefe an seine Braut und Gattin [Anm. 13], S. 52. Vgl. den Brief Johanna von Puttkamers an Otto von Bismarck, dem Antwortschreiben zufolge wahrscheinlich vom 4. März (Brautbriefe [Anm. 2], S. 71), und die Antwort Bismarcks vom 7. März 1847 (Briefe an seine Braut und Gattin [Anm. 13], S. 66).
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dem prallen Leben“ ist aber nur die eine Seite der Medaille. Es kann unvermittelt umkippen in düsterstes Grübeln, Sinnieren über Tod, Vergänglich- und Vergeblichkeit des Lebens. Am Abend desselben Tages schreibt auch sie einen kurzen Brief an ihn – obwohl er ihr offenbar wegen ihrer Augenprobleme halb scherzhaft verboten hat, das abends zu tun. Schilt nicht, daß ich Dein Gebot schon überschreite, es soll gewiß nicht wieder geschehen, lieber Freund! Unzählige Briefschulden lasten auf meinem Haupt, die ich sämmtlich bei hellem oder trübem S on ne ns c h e i n abzutragen gedenke, ni e des Abends, – nur dies eine Mal laß mich ungehorsam sein – später sollst Du doch noch einsehen, daß ich nicht so widersetzlich bin wie Du u. alle glauben! Übrigens bescheint die Lampe dies grüne Blatt, und ich wollte Dir ja nur für das kleine französische Lebenszeichen danken; ich wollte auch gern wieder die Spirituslampe sein, die das lauwarme Wasser einen Augenblick auf den Siedepunkt brächte, und dann gleich verschwinden mit der Schnelligkeit aller schwarzen Katzen! – Otto, hast Du j e t z t kalte Hände?? – Nun bist Du in Berlin, und morgen früh in Schönhausen – ach, Du armes zerrissenes Fähnlein, mußt Du nun jede Nacht an der Elbe umherflattern? – und ich kann immer schlafen, so süß – und von Dir träumen! – Es thaut hier großartig und ich denke viel an Dich. – 22
Fast durchgängig scheint hier uneigentlich, metaphorisch gesprochen zu werden. Zumindest eine der Metaphern wird in diesem Briefwechsel zu einem regelrechten Leitmotiv werden: die schwarze Katze, die Johanna selbst ist. Wohl von ihm erfunden, wird diese Metapher von ihr sogleich angenommen und anverwandelt. Er tut es ebenso mit dem Bild der Lampe, die ihr Brief für ihn ist. Auf die Einheit des Bildes wird keinerlei Rücksicht genommen: die Spirituslampe verschwindet mit der Schnelligkeit einer schwarzen Katze. Diese „Disziplinlosigkeit“ in der bildhaften Rede funktioniert nur unter der Voraussetzung, dass es eben um die Bilder nicht geht, sondern um die Kette der Assoziationen und die Bezugnahme auf den andern, der diese Bilder kennt, auch schon verwendet oder sogar hervorgebracht hat. Die Exzentrizität der Verknüpfung stellt damit eine Intimität her, die auch für den außenstehenden Leser noch nachempfindbar ist, wenn auch nicht immer bis ins Einzelne nachvollziehbar. Ebenfalls bereits in diesem ersten kurzen Schreiben findet sich das Motiv des Landschaftlichen, der Natur, die gar nicht nur metaphorisch, sondern ganz konkret mit dem eigenen Subjekt oder dem des andern zusammengedacht wird. „Es taut hier großartig und ich denke viel an dich“ ist ja einerseits elliptisch gedacht und heißt zugleich: wenn es hier, 300 Kilometer östlich von dir, zu tauen beginnt, wird das Schmelzwasser bald die Elbe herunterkommen und wieder verfließen und du kannst zu mir 22
Johanna von Puttkamer an Otto von Bismarck, Brief vom 29. Januar 1847, in: Brautbriefe [Anm. 2], S. 22–23.
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kommen. – Andererseits realisiert diese gedankliche Ellipse, was auch Bismarck meint, wenn er sich nach dem Zitieren einer Gewitterschilderung aus dem Childe Harold wünscht, „a sharer in the delight, a portion of tempest of night“23 zu sein: die Ineinssetzung von Natur und Subjekt, hier demjenigen des Geliebten. Zahllos sind derartige Bilder in diesem Briefwechsel. Sie zeugen bei aller Originalität im Einzelnen von einem immer noch tragenden Konzept von Vergrößerung und Überhöhung von Ich und Anderem durch die Assoziation mit Naturbildern, Liedern, Zitaten, die zugleich das eigene Ich dem andern öffnen sollen, Bekenntnischarakter haben. Noch immer transportieren sie ein Ideal der Liebe als Seelengemeinschaft, die sich gerade auch im Brief offenbart. Zugleich produzieren sie jedoch eine Unzahl von Leerstellen, von Unausgesprochenem, das im Briefwechsel von Otto und Johanna zu zahlreichen Konflikten führt. Denn die unausgesprochene Forderungen aller derartiger Bekenntnisse seit Rousseau, dass das Ich, das sich offenbart, auch in seinem ganzen Sein, so wie es ist, geliebt und angenommen werden will, lässt sich nur schwer einlösen. So kommt es zu einer ersten Auseinandersetzung schon in der Folge des ersten längeren Briefs Bismarcks vom 1. Februar. In diesem bekennt er: Du kannst glücklicher Weise nicht beurtheilen, mein Herz, mit welcher trostlosen Stumpfheit ich früher nach einer Reise mein Haus betrat, welche Niedergeschlagenheit sich meiner bemächtigte, wenn mich die Thür meines Zimmers angähnte und das stumme Geräth in den lautlosen Räumen mir, gelangweilt wie ich selbst, gegenüberstand. […] Ach Gott und nun? […] meine ganze Lebensanschauung ist eine neue, und selbst Deich- und Polizei-Geschäfte betreibe ich mit Heiterkeit und Theilnahme. Diese Aenderung, dieses neue Leben danke ich nächst Gott Dir, ma très-chère, mon adorée Jeanneton, die du nicht als Spiritusflamme an mir gelegentlich kochst, sondern als erwärmendes Feuer in meinem Herzen wirkst. – Man klopft. – Besuch des Herrn Conrectors, Klage über schlechte Zahler des Schulgeldes […]24
Zu dieser neuen Lebenseinstellung ist Bismarck fest entschlossen. Der Zustand der Fremdheit in der Welt, der Leere, des Schweigens der Dinge um ihn soll jetzt einem Leben der Teilnahme an allem, was ihn umgibt, weichen. Jetzt begreife er erst, schreibt er, was es heiße, eine Heimat zu haben. Diese soll sie ihm sein, ohne überhaupt anwesend sein zu müssen. Sie ist das Feuer in seinem Herzen, der metaphysische Halt, den er jetzt 23 24
George Gordon Noël Lord Byron: Childe Harold, Canto III, 93, zitiert im Brief Bismarcks an Johanna von Puttkamer vom 1. Februar 1847, in: Fürst Bismarcks Briefe an seine Braut und Gattin [Anm. 13], S. 13. Fürst Bismarcks Briefe an seine Braut und Gattin [Anm. 13], S. 10–11.
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seinem Leben gegeben hat. Das Problem wird sein, diesen Anspruch in der brieflichen Kommunikation einzulösen. Die Überleitung zur komödienhaften Szene mit dem störenden Besucher zeigt, dass es Bismarck, ähnlich wie Heine, nicht lange in solchen schwärmerischen Zuständen aushält und fast immer in solchen Momenten einen satirischen oder ironischen Kontrapunkt setzt. Dem Brief legt er, als Symbol seiner früheren Zerrissenheit und Trostlosigkeit, das Gedicht To Inez aus Byrons Childe Harold bei, „in der ich früher oft meinen innersten Ausdruck fand. Now never any more.“25 Dieses Lied, Inbegriff Byronischen Weltverdrusses, ist Childe Harolds Abschiedslied an die Geliebte, das auch ein Abschied von der Liebe überhaupt ist, vom Glauben an ihre sinnstiftende Kraft. Auf dem Altar der Verbindung mit Johanna sollen Byron und der frühere Bismarck geopfert werden. Eine hochpathetische Geste und dennoch ein merkwürdiges Geschenk für eine Braut: It is that weariness which springs From all I meet[,] or hear[,] or see: To me no pleasure beauty brings[;] Thine eyes have scarce a charm for me.26
Johanna zeigt sich in der Antwort auf diesen Brief reichlich irritiert, verängstigt: Vielen Dank für die englischen Lieder, ach Otto, das eine ist ja todeselend, – solche Melancholie zum Sterben erschüttert mich zu sehr, ich kann’s gar nicht vergessen. – ‚Thine eyes have scarce a charm for me!‘ Bitte, bitte vergifte Dich doch nicht an solchen furchtbar traurigen Bildern, – ach denke Dir, wie abscheulich von mir, daß mich dieses Lied eben in seiner Verzweiflung so anzieht, – daß ich’s wohl bald auswendig wissen werde. – Aber ich will nicht und Du sollst es auch nicht mehr lesen, – lieber theurer Freund. (S. 27, 4. oder 5.2.1847)
Eine Auseinandersetzung entsteht um diese verzweiflungsvollen „englischen Gedichte“. Bismarck antwortet: Die todeselenden [er hat eine boshafte Neigung, sie in Meinungsverschiedenheiten ironisierend wörtlich zu zitieren, Anm. R.L.] englischen Gedichte fechten mich jetzt nicht mehr an, das war sonst, als ich kalt und starr ins Nichts blickte, Schneegestöber im Herzen. Jetzt spielt eine schwarze Katze im Sonnenschein damit, wie mit einem rollenden Knäuel, und ich sehe sein Rollen gern; am Schluß will ich Dir noch einige Verse aus jener Zeit geben, von denen sich noch fragmentarische Abschriften wie ich sehe in meiner Schreibmappe erhalten haben. Du kannst mir immer gestatten sie zu lesen, sie schaden mir nicht mehr. Thine eyes have still (and will always have) a charm for me. (7.2.1847, S. 17) 25 26
Fürst Bismarcks Briefe an seine Braut und Gattin [Anm. 13], S. 11. Byron, Childe Harold, Canto I, zwischen St. 84 und 85, zitiert in: Fürst Bismarcks Briefe an seine Braut und Gattin [Anm. 13], S. 12.
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(Es sind Verse aus Thomas Moores Lalla Rookh und die berühmten nihilistischen Verse aus Macbeth V/5, die er dem Brief beilegt.) In diesen Februartagen erfüllt ihn eine regelrechte Bekenntniswut. Er schickt ihr einen Brief an seinen Vater, mit dem er diesem einst erklärt hatte, warum eine geregelte berufliche Laufbahn als Beamter für ihn nicht in Frage komme. In den selben Brief schließt er auch noch einen Liebesbrief ein, den er einer früheren Geliebten, Ottilie von Puttkamer, einer entfernten Verwandten Johannas und eine seiner gescheiterten Verlobungen, geschickt hatte. Offenbar soll hiermit das Portrait des „früheren Ich“ vervollständigt werden, Johanna nimmt diese Zumutung tapfer auf sich und antwortet, sie habe diesen Brief mit schwesterlicher Zuneigung zu ihm gelesen. In ihrem Antwortbrief, der ganz durchtränkt ist von melancholischer Winterstimmung („Weißt Du, Otto, was ich glaube? Es wird wohl immer so beibleiben, Schnee und Frost – […] bis zum 11. April, wo der majestätische König Euch alle zum vereinigten Landtag berufen will, – in Schönhausen thaut es dafür unablässig und ich spiele: ‚s’ist nicht der Schnee und Sturm und Graus, doch immer kommen Thränen mir in’s Aug’, denk’ ich an ihn, der weit hinaus! ––“27) bekennt sie sich ausführlicher, beinahe erschrocken, ebenfalls zu der Faszination, die die weltschmerzvollen Lieder eines Byron oder Moore auf sie haben: Die englischen Verse sind wieder recht schlimm, aber lies sie nur, ich habe keine Angst mehr, – wenn ich nur begriffe, warum sie m i r gefallen. Wenn mein Herz heiter und gesund ist, wie kann ich dann Geschmack an solchen Zerrissenheiten finden? – Frü he r verstand und liebte ich nichts der Art, ich las es ohne den geringsten Eindruck, und ergötzte mich nur an solchen recht heiteren unschuldigen Frühlingsliedern, wie die Lerche singt, und Annchen; – jetzt laßen mich d i e gewöhnlich ganz kalt, und ich greife nur noch nach den anderen, die mich durch und durch traurig machen und worin ich vollkommen Einklang finde. –
Es folgen Verse aus All that’s bright must fade von Thomas Moore: All that’s sweet was made – but to be lost – when sweetest – All that’s bright must fade The brightest still the fleetest. – – […] Aber was schwatze ich hier ohne Ende, – ich glaube, ich bin krank, Otto, wenigstens in einer unaustehlichen Stimmung, – ich bedarf nur eines ganz kleinen Stoßes, um reichlich Thränen zu vergießen; und so magst Du mich doch gar nicht; ach vergib mir, Du Einziger, – Du hättest wohl einen beßeren Brief ver27
Johanna von Puttkamer an Otto von Bismarck, 12.2.1847, in: Brautbriefe [Anm. 2], S. 30; das Zitat stammt aus Felix Mendelssohn-Bartholdys Lied Wie kann ich froh und lustig sein.
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dient fü r D e i n e n ge l i e bt e n , – aber ich konnte heute nicht anders, es läßt sich auch alles nicht sagen, was mich schmerzlich bewegt. Habe nur Geduld mit mir und warte auf den Frühling und Deine Pflege – ich hoffe Dich doch mit einigen grünen und roten Blättern zu erfreuen.28
In der Antwort auf diesen Brief, in der er sie zunächst wegen ihres geäußerten Misstrauens in seine Treue rügt, liefert Bismarck dann eine regelrechte Poetik des Verzweiflungsvollen, bei der er ganz und gar in Byronschen Kategorien argumentiert: Tief in der menschlichen Natur, ich möchte sagen in der unbewußten Erkenntniß des irdischen Elends und Jammers, und der unklaren aber mächtigen Sehnsucht nach bessern edlern Zuständen, liegt es wohl, daß, bei nicht ganz leichtfertigen oberflächlichen Menschen das Hervorheben der Zerrissenheit, der Nichtigkeit, des Schmerzes, die unser hiesiges Leben beherrschen, mehr Anklang findet, als eine Berührung der minder mächtigen Elemente, welche die leicht welkende Blume ungetrübter Heiterkeit, deren heimischer Boden nur die Kindheit ist, in uns vorübergehend hervortreiben. […] Das irdisch Imponierende und Ergreifende, was mit menschlichen Mitteln für gewöhnlich dargestellt werden kann, steht immer in Verwandtschaft mit dem gefallnen Engel, der schön ist, aber ohne Frieden, groß in seinen Plänen und Anstrengungen, aber ohne Gelingen, stolz und traurig. Darum kann das, was es außerhalb des Gebietes der Religion für uns Ergreifendes giebt, nicht heiter und zufrieden sein, sondern uns stets nur als Wegweiser dahin dienen, wo wir Frieden finden. Wenn Dein Sinn für die Poesie des Herbstes, des Reifs in der Maiennacht, und alles dessen, was im Menschen dahin gehört, empfänglicher geworden ist, so beweist das nur daß Du nicht mehr zwölfjährig bist. Ueber die Kinder, äußre und innre, wie über die kleinen Bäume im Walde, geht der Sturm hinweg, der in den Kronen der alten braust und sie beugt und bricht; wenn sie größer werden, wachsen sie in die Sturmschichte hinein, und ihre Wurzeln müssen kräftiger werden, wenn sie nicht untergehn wollen. […] Wenn Bäume im Sturme Risse erleiden, so quillt das Harz wie lindernde Thränen aus ihnen, und heilt; wenn sie aber gegen derlei Risse nicht Schutz in eigener Festigkeit, sondern immer wieder das Heilmittel der Harzthräne (welcher zufällige Doppelsinn) suchen, so erschöpfen sie den Quell und trocknen aus. Worte, Worte, Worte wirst Du sagen.29
Noch immer behält er den „grämlichen doctrinären Ton eines alten Onkels“, für den er sich bereits zuvor in diesem Brief entschuldigen musste (S. 34). Aber was „lehrt“ er sie hier? Dass in irdischen Dingen der gefallene Engel, der Satan dem Menschen ein besseres Vorbild liefert als der Zufriedene und Fromme. Spätestens hier zeigt sich, dass es mit Byrons negativer Haltung längst nicht vorbei ist für ihn. Ganz im Sinne von dessen Cain werden die Unzufriedenheit und das Aufbegehren, die Sehnsucht 28 29
Johanna von Puttkamer an Otto von Bismarck, Brief vom 13. Februar 1847, in: Brautbriefe [Anm. 2], S. 33–34. Otto von Bismarck an Johanna von Puttkamer, 17.2.1847, in: Fürst Bismarcks Briefe an seine Braut und Gattin [Anm. 13], S. 34–36.
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nach dem verweigerten Paradies über das unhinterfragte Annehmen des göttlichen Willens gestellt, die Selbstzufriedenheit in Gott. Diese von vornherein zum Scheitern verurteilte Haltung wird als Herausforderung der Religion neben diese gestellt. Johannas Glauben und vor allem ihren pietistischen „Quietismus“30, wie er das nennt, attackiert er auch später immer wieder, in diesen Tagen aber besonders heftig. Und insbesondere in dem hier zitierten Brief. Er steckt voller ironischer und blasphemischer Sticheleien: „A propos von dem d[evil], ich kann in der Bibel keine Stelle finden, wo es verboten wäre den Namen des Teufels zu mißbrauchen; weißt Du eine, so sage sie mir.“31 Er erklärt ihr, dass er es in Anbetracht der ihn umgebenden Armut für unsittlich hielte, viel Geld für eine kurze Reise zu ihr auszugeben,32 zitiert ein atheistisches Gedicht von Béranger, hängt zum Ausgleich zwar ein hoffnungsvolles von Chatterton an, nicht ohne jedoch anzumerken, dass dieser Dichter mit 18 Jahren in Kummer und Elend wahrscheinlich an Gift starb.33 Zum Schluss folgt noch – und das ist vielleicht die größte Blasphemie – ganz unvermittelt das Vaterunser auf Italienisch mit dem Nachsatz: „Was heißt das? Sehr melodisch.“34 Das ist keine Erziehung und Belehrung mehr, das ist reine Selbstbehauptung, Angriff als die beste Verteidigung. Merkwürdigerweise verteidigt er ihr gegenüber gerade das, wovon er durch sie geheilt zu werden erhofft: seine Schwermut, seine religiöse Orientierungslosigkeit, seinen Fatalismus. Wenn man bedenkt, dass eineinhalb Monate zuvor der Brautwerbebrief an den Vater Johannas geschrieben wurde, in dem Bismarck sich als reuigen verlorenen Sohn darstellte, dann muss dieser Brief als Rückschritt erscheinen. Die Widersprüchlichkeit seines Handelns und Verhaltens in dieser und in vielen anderen Fragen ist es aber gerade, die er mit seinen Ausführungen und Attacken in diesem Brief verteidigt. Worum es über die Frage der Selbstbehauptung hinaus noch geht, verrät die merkwürdige Anspielung auf die Harzträne: hinter der Auseinandersetzung um tragisch-heroische und weinerliche Haltung steht immer noch die Trauer um die tote Marie von Blanckenburg, die Stifterin dieser Beziehung. Denn in Johannas Neigung, sich der Schwermut hinzugeben, schwingt einiger Schmerz um Marie mit. Beide haben sie in Marie eine geliebte Person verloren: „Früher wusste ich ein Herz zu finden, welches jeden Pulsschlag des meinigen mitfühlte, und jede schmerzvolle und hei30 31 32 33 34
Otto von Bismarck an Johanna von Puttkamer, 28.2.1847, in: Fürst Bismarcks Briefe an seine Braut und Gattin [Anm. 13], S. 56. Otto von Bismarck an Johanna von Puttkamer, 17.2.1847, in: Fürst Bismarcks Briefe an seine Braut und Gattin [Anm. 13], S. 36. Ebd., S. 37–38. Ebd., S. 39–40. Ebd., S. 41.
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tere Regung kannte, zu dem flüchtete ich zu jeder Zeit, und wurde nie abgewiesen.“ schreibt sie am 18. Februar 184735 und wirft ihm dabei indirekt vor, sie eben nicht zu verstehen. Auch bei ihr findet sich das Gefühl des Nichtverstandenwerdens. Und wie er nimmt sie alles im nächsten Brief zurück und erklärt, dass hinter seinen Vorwürfen der Tränenseligkeit und Schmerzlust Eifersucht auf Marie liege: Das merke Dir nur, und sei nie eifersüchtig auf Marie, – nie! Es ist gewiß unrecht von Dir, – laß mir meinen Schmerz um sie, er schadet Dir nicht; und wenn ich bei Dir bin, vermisse ich sie nicht. – Wenn ich ne u l i c h von ihr schrieb, wie sie mich immer angenommen in allen Thorheiten und Unarten, immer mit derselben Liebe, so war ich in diesem Punkt noch nicht ganz klar über Dich – Otto, das heißt, ich war ni c h t m i s s t ra u i s c h, aber ich glaubte, Dir wäre die M o l l t o na r t in mir unlieb, weil Du mir ja immer die Augen mit Deiner lieben Hand bedeckst, wenn sie weinen wollten, – oder ich dachte, Du könntest mich mißverstehen, weil ich Dir in manchen Dingen noch fremd bin und Du mich noch mehr kennen lernen musst, um Dich an die vielen Verkehrtheiten zu gewöhnen! –36
Missverstanden zu werden, davor fürchten sich beide. Und für beide liegt in der Berufung auf Marie zugleich Verbindendes und Trennendes. In der immer wieder geäußerten Angst, Johanna durch den Tod zu verlieren, schwingt bei ihm immer auch der Schmerz über den Verlust Maries mit. In der Möglichkeit des Todes findet eine Überblendung der beiden Frauen statt, die durchaus makabre Züge hat. Besonders eindrucksvoll zeigt sich das am letzten Byron-Gedicht, das Bismarck einem seiner Briefe beilegt, an den Stanzas to Augusta37 in einem Brief, der insgesamt erfüllt ist von der Sorge um Johanna, die krank ist. Den Stanzen schließt er übergangslos ein – ebenfalls von Byron stammendes – Epitaph an, das mit den Worten beginnt: „I heard thy fate without a tear“. Nach allen Auseinandersetzungen um „scarce a charm“ wäre dies als Gruß an eine Kranke doch wieder reichlich ungeschickt, würde man nicht die Überblendung mit Marie in Rechnung stellen, durch die die Klage um die Tote und die Angst um die Lebende ineinander übergehen und sich wechselseitig ergänzen. Neben Marie bilden die Religion und Johannas vermeintliche Glaubensfestigkeit einen weiteren Konfliktpunkt. Bismarck hält sie in ihrem Glauben für selbstgerecht. Dabei ist auch ihr Beharren auf ihren religiösen 35 36 37
Brautbriefe [Anm.2], S. 37. Johanna von Puttkamer an Otto von Bismarck, Brief vom 26. Februar 1847, in: Brautbriefe [Anm. 2], S. 59–60. Otto von Bismarck an Johanna von Puttkamer, 14.3.1847, in: Fürst Bismarcks Briefe an seine Braut und Gattin [Anm. 13], S. 77–78.
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Überzeugungen nicht auf die Festigkeit eines unerschütterlichen Glaubens zurückzuführen, wie sie ihm am 22. Februar erklärt: Schicke mir jetzt keine kranken Lieder, Otto, ich muß mich erst etwas erholen von den vielen […] Wie wünschte ich doch, daß ich noch einmal wieder 14 oder 15 Jahre würde, so recht durch und durch nämlich – daß ich nicht nur r os a Kl e i d e r tragen könnte, sondern ein recht rosiges Herz hätte, und wieder „die vergnügte Johanna“ hieße, wie in d e r Zeit immer! Als ich einmal in Kieckow die Eltern und Großeltern von „Sorgen und Trübsinn“ sprechen hörte, wie erstaunt sah ich sie an, und sagte, ich könnte es mir nicht recht vorstellen, was diese Worte eigentlich bedeuteten, weil ich noch nie ein solch Gefühl gekannt und wohl auch nie lernen würde, worauf mich der Großpapa freundlich umarmte und lächelnd: Du liebes E n ge l k a l b ! nannte. Ach geliebtester, theuerster Otto, wie viel wünsche ich mir D e i n e t w e ge n, was ich jetzt nicht habe, und so schwer – oft sogar garnicht erlangen kann! Bitte, schilt mich doch nur einmal recht ordentlich, ich verdiene es wirklich reichlich, – nac h he r kannst Du mich dann wieder e i e n, – aber Du glaubst garnicht, wie leichtsinnig ich bin, und wie diese Schwermuthsflügel, in denen ich so sehr gefangen liege – ein rechter Beweis sind von dem verzagten, trotzigen Herzen. Es ist soviel S c he i n in Worten und Werken, bei mir, womit ich Alle irre leite, die mich oft für so viel besser halten, wie nöthig ist […].38
Auch bei ihr gibt es über alle pietistische Befangenheit hinaus ein Bewusstsein, nicht das zu sein, wofür man sie hält, der Welt eine Maske vorzuhalten, hinter der nichts ist. Sie fürchte, schreibt sie ihm bereits in einem früheren Brief, er habe nach einem Halt gesucht und in ihr nach einem Faden gegriffen, der ihm stark erschien und der doch dünner sei als ein Haar.39 Die Angst vor dem Verkanntwerden ist bei beiden groß und bei beiden löst sie Bekenntnisse und Herzensergießungen aus, die zu nichts weniger als Einigkeit und Verständigung führen. Bei beiden resultiert daraus eine skeptische Haltung gegenüber den Möglichkeiten des Briefes: Du mußt meine Briefe überhaupt leichter aufnehmen als Du zu thun scheinst; das geschriebne Wort sieht so schwerfällig und unzerstörbar aus, und der erklärende Ton fehlt; aber mein Herz ich schreibe Dir plaudernd als wenn wir zusammensäßen, und manches Wort für das ich nicht mehr verantwortlich sein will, als wenn es in traulichem ungenirten Gespräch gesagt und vom Winde verweht würde. Ich habe schon Furcht, daß Dir meine letzten, noch laufenden Schreiben auch einen schwerfälligern Eindruck machen als sie sollen, sie waren glaub ich ganz erstaunt altklug; ich möchte Dir das Alles so viel lieber sagen wenn ich Dich im Arme habe und Dir ins Auge sehe; ich hätte dann die Gewißheit Dir nicht weh zu thun mein Herz, und könnte gleich an deinen Zügen sehn wenn ich ungeschickt gewesen wäre, wie der Bär der die Fliege auf dem Kopf seines Herrn mit dem Stein todtwirft. Bei den englischen Gedichten bedenke doch Du Engel daß ich sie nicht gemacht habe sondern Byron. […] Schreibe mir doch gleich wie 38 39
Brautbriefe [Anm. 2], S. 50–51. Johanna von Puttkamer an Otto von Bismarck, 12.2.1847, in: Brautbriefe [Anm. 2], S. 31.
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es Dir geht mit Deiner Gesundheit. Ich hatte einen so häßlichen Traum, Moritz hatte Dir gesagt das ginge nicht mit uns, wir wären zusammen verloren, weil mein Glaube nicht recht und fest sei, und Du stießest mich von der Planke, die ich im Schiffbruch gefaßt hatte, in die rollende See, aus Furcht sie möchte uns beide nicht tragen, und wandtest Dich ab, und ich war wieder wie sonst, nur um eine Hoffnung, und einen Freund ärmer. Als ich aufwachte, lächelte ich mit des Bräutigams Behagen [Zitat aus Goethe: Ritter Kunos Brautfahrt, Anm. R.L.]: the english call that a night-mare, die Deutschen den Alp.40
Die Unzerstörbarkeit und Schwerfälligkeit des geschriebenen Wortes wird hier mit einem Mal als Hindernis einer echten Verständigung aufgefasst. Das Stilideal des 18. Jahrhunderts, nach dem der Brief die Leichtigkeit eines Gesprächs haben sollte, das auf dem Papier stattfindet, die Sätze den Charakter von Augenblickseinfällen, wird hier noch einmal von Bismarck herbeibemüht, aber unter scheinhaften Voraussetzungen. Denn an diese Möglichkeit einer spielerischen Auffassung des Psychologischen, eines marivauxesken Plauderns über dem Herzensabgrund, glaubt ja keiner von beiden mehr und sie ist hier auch nicht mehr möglich. Die Inkonsequenz, mit der einmal Byron zum Sprachrohr eines indirekten Bekenntnisses gemacht wird und dann, wie hier, wieder weggeschoben wird vom Ich des Briefschreibers (wenige Wochen später wird aber wieder das nächste Byron-Gedicht mitgeschickt), kann nur noch neues Misstrauen stiften. Diese Einforderung eines philologisch korrekten Umgangs mit Zitaten erscheint als überaus fadenscheinig, vor allem in Verbindung mit dem nachgesetzten, in seiner kaum noch symbolisch zu nennenden Deutlichkeit schroff vorwurfsvoll erscheinenden Alptraum, weil er ja den mangelnden Glauben, das, wofür der Name Byron steht, zum Thema hat. Gerade eine Traumerzählung von derart allegorischem Charakter setzt der anfänglichen Behauptung eines leichthin-plaudernden Schreibens eine wuchtige Widerlegung entgegen. Hier erscheint auch das als Pointe gemeinte Bräutigamsbehagen nicht als frivoler Schlussschnörkel und kann die Schärfe der Anklage kaum wegwischen. So kann man hier nur auf den ersten Blick von einer Krise des geschriebenen Wortes, einem Zweifel an den Möglichkeiten brieflicher Kommunikation und einem sich abzeichnenden Ende der Briefkultur sprechen, was doch sehr verlockend wäre. In dem merkwürdigen Lavieren zwischen Bekenntnis, Beschwichtigung und Vorwurf, das die Brautbriefe dieses Paares auszeichnet, zeigen sich vielmehr die Schwierigkeiten einer brieflichen Kommunikation, die für beide Briefpartner in je verschiedener Weise so widersprüchliche Funktionen wie die einer emphatisch-romantischen Ichsetzung, wechselseitiges Kennenlernen und die Diskussion weltanschaulicher Gegensätze erfüllen soll, die ge40
Otto von Bismarck an Johanna von Puttkamer, 25.2.1847, in: Fürst Bismarcks Briefe an seine Braut und Gattin [Anm. 13], S. 53–54.
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wollte Vermischung von Literatur und Leben ist es, die diesen Briefwechsel in die Krise führt. Obwohl hier zwei Individuen ganz im Sinne des romantischen Diskurses ihr Leben mit Literatur ausstaffieren, Literatur und literarische Symbolverfahren als einzige Möglichkeit einer Sprache des Gefühls zur Verfügung haben, glauben beide letztlich wenig an die Möglichkeiten der Literatur. An seiner Romantik droht dieser Briefwechsel zu scheitern. Monika Ritzer hat am Beispiel Gottfried Kellers einen bewussten und programmatischen Wechsel von einem als wirklichkeitsferne Schwärmerei kritisierten romantischen Briefkonzept zu einem „realistischen“ Modell des Freundschafts- und Liebesbriefs nach 1848 aufgezeigt, in dem Keller nicht mehr versuche, über die Sprache eine Verbindung der Seelen herzustellen, sondern in der Orientierung an den äußeren Dingen, in der „sachbezogenen Kommunikation“ Verbindungen und Verbindlichkeiten herzustellen, die im Andern nicht mehr das Metaphysische, die Seele suchen, sondern ein Gegenüber, mit dem zu kommunizieren Befreiung aus der Isolierung im Subjektiven bedeutet.41 Eine ähnliche Wendung ist in Bismarcks Briefen nach der Eheschließung und Hochzeitsreise festzustellen. Die Auseinandersetzungen um Religion und Literatur verschwinden. An ihre Stelle treten Schilderungen der parlamentarischen Debatten und politischen Ereignisse und ausgedehnte Beschreibungen, Berichte von Erlebnissen, die Behaglichkeit gemessenen Erzählens tritt an die Stelle von Lyrik, Rabulistik und Kontroverse. Zwar gibt es offenbar immer noch Einbrüche von Depression und Angst vor der Leere, wenn er etwa schreibt: „bei jedem Todesfall von Weib oder Kind den ich in der Zeitung sehe, fällt es mir auf die Seele was ich zu verlieren habe, und was der barmherzige Gott mir gegeben hat.“42 Aber diese Einbrüche werden nun seltener im Briefwechsel erwähnt, und wenn doch, dann wirken sie eher wie altvertraute Zeichen der Anhänglichkeit. Der Charakter der Briefe wird monologischer, der Stil weniger übermütig. Hatten seine Briefe der Brautzeit in ihrer Wirklichkeitslust, in ihren Versuchen, die Grenzen der Schriftlichkeit zu durchbrechen, Trennung zu überwinden, sich zu offenbaren, das Gegenüber für sich zu gewinnen, zu bezwingen, zu verwirren und die eigene Verwirrung zu bemeistern, mitunter Ähnlichkeit mit dem realistischromantischen Briefstil einer Bettina von Arnim gehabt, der Gordon A. Craig einmal in einem schönen Doppelportrait Bismarck gegenübergestellt 41 42
Monika Ritzer: „Es liegt mein Stil in meinem persönlichen Wesen“. Individualitätsbegriff und Kommunikationstheorie im Briefwechsel des Realismus am Beispiel Gottfried Kellers, in: Briefkultur im 19. Jahrhundert [Anm. 5], S. 183–206. Otto von Bismarck an Johanna von Puttkamer, Frankfurt/Main, 26.6.1851, in: Fürst Bismarcks Briefe an seine Braut und Gattin [Anm. 13], S. 294.
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hat,43 so hält jetzt das 19. Jahrhundert in all seiner erzählerischen Breite Einzug. Schönhausen 18. 7. 49. Mein Liebchen Vorgestern Abend, gerade als die alte Thurmuhr 11 schlug, kam ich hier an. Bellins schliefen schon, Hildebrand besorgte die Pferde, und ich steckte mir an des schlafbesoffnen Kahle thraniger Lampe meinen Wachsstock an, bei dem ich kalten Taubenbraten verzehrte und zu Bett ging. Sehr früh schon, vor 8, kam das alte Dickchen, und weckte mich, da die Wahl schon begonnen habe, und zwar in der Kirche. Ich verfügte mich nach 9 dahin. Von der dritten Klasse waren von 360 nur 115 erschienen, welche den Stadtrath und Kunow wählten; in der 2ten Klasse wählten 9, die von 34 anwesend waren, den Bauer Witte, und in der ersten, zu welcher 14 gehören, von denen aber nur der Stadtrath, ich und 2 Bauern zugegen waren, wurden der Prediger und ich einstimmig Wahlmänner. Die Leute der 3ten Klasse waren aus Gleichgültigkeit fortgeblieben, mit Ausnahme von Bellin, der es für eine Verletzung seiner gesellschaftlichen Stellung hielt, in der 3ten zu erscheinen. Die Bauern konnten sich nicht darin finden, dass einige von ihnen in der 2ten andre in der ersten Klasse sein sollten; jene nahmen es übel und diese wollten ihre Standesgenossen nicht durch die Benutzung einer privilegirten Stellung ihre politische Ueberlegenheit fühlen lassen. 4 ächte Demokraten, Gastwirth Rabenow, 2 Schäfer und ein blödsinniger Mensch Namens Wagener, waren anwesend, und erklärten beim Aufruf: sie würden nach diesem Gesetz nicht wählen, worauf Münch aufstand, gegen Schäfer s e h r grob wurde, und ihn einen Aufwiegler nannte. Nach der Wahl sollte ich bei Stadtrath essen, lehnte es ab, und wurde zu heut eingeladen. Nachdem ich mit Bellin sehr viel vortreffliche Kohlrabi gegessen, und er sich wieder gewundert hatte, dass ich die überhaupt äße, fuhren wir nach der Heide um die neuen Schonungen anzusehn, die mir trotz mancher schlimmen Wirkung der Dürre, viel Freude machten. Ich nahm die Büchse mit, um Franziska möglicher Weise durch einen Spießer zu erfreuen, aber ich sah nur Mütter und babies, die ich nicht von einander trennen mochte. Am Abend wollte ich Dir schreiben, aber es war so himmlische Luft, dass ich wohl 2 Stunden auf der Bank vor der Gartenlaube saß, rauchte und die Fledermäuse fliegen sah, ganz wie vor 2 Jahren mit Dir mein Liebling, ehe wir unsre Reise antraten. Die Bäume standen so still und hoch neben mir, die Luft voll Lindenblüthe, im Garten schlug eine Wachtel und lockten Rebhühner, und hinten über Arneburg lag der letzte blaßrothe Saum des Sonnenuntergangs. Ich war recht von Dank gegen Gott erfüllt, und vor meine Seele trat das ruhige Glück einer von Liebe erfüllten Häuslichkeit, ein stiller Hafen, in den von den Stürmen des Weltmeers wohl ein Windstoß dringt der die Oberfläche kräuselt, aber dessen warme Tiefen klar und ruhig bleiben, solange das Kreuz des Herrn sich in ihnen spiegelt; mag auch das Spiegelbild oft matt und entstellt zurückstrahlen, Gott kennt sein Zeichen doch. Danke auch Du ihm mein Engel, gedenke des vielen Guten was er an uns gethan, des vielen Uebels vor dem er uns bewahrt, und halte das mit fes43
Gordon A. Craig: Romantik und Realität: Bettina von Arnim und Bismarck, in: Das Ende Preußens. Acht Porträts, München 1985, S. 39–66.
Krisen in Otto von Bismarcks und Johanna von Puttkamers Briefwechsel
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tem Vertrauen auf Seine starke Hand den bösen Geistern entgegen, wenn sie Deine kranke Phantasie mit allerhand Gebilden der Angst zu schrecken suchen.44
Bettina von Arnim hat der Dorfgeschichte Platz gemacht, könnte man sagen. Das Idyll der anfänglich geschilderten ländlichen Wahlveranstaltung (das durch weitgehendstes Desinteresse der ländlichen Bevölkerung und bäurische Unzufriedenheiten letztlich in seiner feudalen Rechtmäßigkeit, der auch vier demokratische Querulanten nichts anhaben können, nur bestätigt wird) und das Idyll von liebeerfüllter Häuslichkeit gehen fugenlos ineinander über. Diese befriedete Welt, in der Wahlen eine Dorfposse sind, auf Rehkitze nicht geschossen wird und das Weltgeschehen nur als Wellengekräusel ankommt, wird von nun an, dezidiert zwischen Häuslichkeit und Welt trennend, zum Maßstab seiner brieflichen Schilderungen. Die Beruhigung in den Briefen geht vom nun konsequent durchgehaltenen Duktus des Erzählens aus, der auch Stimmungsschwankungen und „erregte Galle“ zu absorbieren vermag. Weder Aufruhr, Krieg noch Krankheit vermögen mehr diesen Strom des Erzählens aus seinem Bett zu treiben. Es ist der Strom, in den – mit wenigen Ausnahmen – nach 1848 die deutsche Literatur insgesamt einmündet und der unter dem Etikett „poetischer Realismus“ die Aufgeregtheit der Romantik vergessen machen soll. Wenn die „Schriftstellerin Lisa de Boor“, zitiert in Walter Kempowskis Echolot, 1945 schreibt: Lektüre: Briefe Bismarcks an Braut und Gattin. Es ist kaum faßlich, daß seit der Zeit, in der diese ersten Briefe geschrieben wurden, erst 80 Jahre vergangen sind. Das waren ganz andere Menschen, sie lebten in einem ganz anderen Bewußtsein45,
dann liest sie diese Briefe genau im Sinne des in diesem Ehebrief zur Schau gestellten „Quietismus“. Dass aber das caspar-david-friedrichhaft spröde Bild vom Kreuz des Herrn, das sich matt im Gekräusel dieses Hafens spiegelt, keine letztgültige Sicherheit stiftet, dass kranke Phantasiegebilde diese Ruhe jederzeit bedrohen, dass aus diesem stillen Teich plötzlich wohl ein gell schreiender Hahn auftauchen könnte, wie aus Fontanes Stechlin-See, diesen Verdacht kann Bismarck, der nervöse Briefschreiber, nicht zerstreuen.
44 45
Otto von Bismarck an Johanna von Bismarck, Schönhausen, 18. Juli 1849, in: Fürst Bismarcks Briefe an die Braut und Gattin [Anm. 13], S. 132–133. Walter Kempowski: Das Echolot. Fuga Furiosa. Ein kollektives Tagebuch. Winter 1945, München 1999, Bd. 1: 12.–20. Januar 1945, S. 36.
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Wenn Lisa de Boor weiter schreibt: „Sie wußten noch nichts vom Marxismus und seinen Auswirkungen, aber immerhin, das bereitete sich damals schon alles vor“,46 dann ist ihr im Schreiben vielleicht ein ähnlicher Verdacht gekommen.
46
Ebd.
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Å3RO\SKRQLHGHVJDQ]HQ/HEHQV´ Dietrich Bonhoeffer und Maria von Wedemeyer in ihren Briefen1 I Ich glaubte zu träumen, als ich den Brief von Deiner Handschrift heute in Händen hatte. >«@Aber als nun ein Brief, ein wirklicher, richtiger Brief von Dir vor mir lag, da habe ich mich einfach überfreut. >«@ Ach, könnte ich mich doch auch einmal als Brief verschicken lassen! (36f.)
So schreibt Maria von Wedemeyer vom heimatlichen Gut Pätzig in der Neumark am 9. August 1943 an ihren Verlobten Dietrich Bonhoeffer ins Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis in Berlin-Tegel. Über die ungewöhnliche Liebesgeschichte, die mit Bonhoeffers Hinrichtung am 9. April 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg endete und doch nicht endete, und über den Briefwechsel ins Gefängnis und aus dem Gefängnis, der sie dokumentiert, soweit das unter diesen äußeren Lebensbedingungen überhaupt möglich ist, sei hier berichtet. Maria und Dietrich begegneten einander im Sommer 1942 auf dem Gut Klein-Krössin, auf dem Marias Großmutter, Ruth von Kleist-Retzow, lebte. Die alte Dame war eine begeisterte theologische Anhängerin und eine großmütterliche Freundin des damals 36jährigen Bonhoeffer. 1906 in Breslau als Sohn des bedeutenden Psychiaters Karl Bonhoeffer und seiner Frau Paula, einer geborenen von Hase, geboren, hatte der 1
Das Zitat findet sich in: Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung (DBW 8), hg. von Christian Gremmels, Eberhard Bethge, Renate Bethge und Ilse Tödt (Brief vom 21.5.1944 an Eberhard Bethge), 442²448; 444. Die Textgrundlage der folgenden Darstellung: Brautbriefe Zelle 92. Dietrich Bonhoeffer Maria von Wedemeyer 1943²1945, hg. von Ruth-Alice von Bismarck und Ulrich Kabitz. Mit einem Nachwort von Eberhard Bethge (%HFN·VFKH Reihe 1312), 4. Auflage, München 2004 (Seitenzahlen sind im Text notiert). Für allgemeine Informationen über Dietrich Bonhoeffer sei verwiesen auf: Gerhard Krause, Art. Dietrich Bonhoeffer: TRE 7, 55-66 (Lit.); Christian Gremmels, Jürgen Henkys, Art. Dietrich Bonhoeffer: RGG4 1, 1683²1685 (Lit.). Grundlegend: Eberhard Bethge: Dietrich Bonhoeffer. Eine Biographie, 8., korrigierte Auflage, Gütersloh 2004.
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hochbegabte und genialische Student der Theologie, ein Schüler Adolf von Harnacks und Reinhold Seebergs, eine akademische Karriere vor Augen. 1927 promoviert, habilitierte er sich im Jahre 1930 in der Theologischen Fakultät der Universität Berlin, an die sein Vater inzwischen berufen worden war. Ein Vikariat in der deutschen evangelischen Gemeinde in Barcelona und ein Studienaufenthalt am Union Theological Seminary in New York hatten seinen intellektuellen wie seinen politischen Horizont geweitet, bevor er als blutjunger Privat-Dozent mit seinen Vorlesungen und Seminaren die Studenten zu faszinieren begann. Hitlers Ernennung zum Reichskanzler und die nachfolgende Machteroberung während des Frühjahrs 1933 verstand Bonhoeffer wie die ganze Familie von Anfang an als Ankündigung eines neuen Krieges. Deshalb sah er schon sehr bald, was die damaligen Kirchen auch in ihrem Widerstand gegen die nationalsozialistische Kirchen- und Religionspolitik nur schwer zu sehen vermochten: dass HV QlPOLFK PLW GHP Å.LUFKHQkamSI´ QLFKW JHWDQ VHL VRQGHUQ GDVV es darum gehe, dem verbrecherischen Regime selbst und seinen kalten und rohen Figuren Widerstand zu leisten. Deshalb war es nur konsequent, dass Bonhoeffer, der zunächst von 1935 bis zur Schließung 1937 das illegale Predigerseminar der Bekennenden Kirche in Zingst und in Finkenwalde geleitet hatte, sich nach dem Ausbruch des Krieges im August 1939 der Widerstandsbewegung anschlossGLHMDQDFKGHPY|OOLJXQHUZDUWHWHQÅ0QFKHQHU$ENRPPHQ´ von 1938 in eine tiefe Krise geraten war. War er doch durch seinen älteren Bruder, den Juristen Klaus Bonhoeffer, und durch seine Schwäger Hans von Dohnanyi und Rüdiger Schleicher in die Pläne Ludwig Becks und Carl Friedrich Goerdelers für einen Staatsstreich eingeweiht. Als Bonhoeffer im Sommer 1942 Maria begegnete, führte er ein eigentümliches Doppelleben. Von dem von Admiral Wilhelm Canaris geOHLWHWHQÅ$PW$XVODQG$EZHKU´LP2EHUNRPPDQGRGHU:HKUPDFKWDQgefordert und deshalb vom Kriegsdienst freigestellt, hatte er verschiedene konspirative Reisen unternommen, auf denen er seinen Gesprächspartnern die Existenz und die Zielsetzung einer deutschen Widerstandsbewegung offenbarte und zugleich nach den Friedensbedingungen der Alliierten fragte. Zugleich zog er sich, mit einem allgemeinen Rede- und Publikationsverbot belegt, an verschiedene Orte zurück, um das Buch zu schreiben, auf das er vom Anfang seines wissenschaftlichen und seines kirchlichen Denkens an hingearbeitet hatte und das ihm nicht zuletzt im %OLFNDXIGLH=HLWÅGaQDFK´DPPHLVWHQDP+HU]HQODJGLHEthik. Mit ihr war er in einem Mansardenzimmer des von Kleist-5HW]RZ·VFKHQ *XWshauses beschäftigt, als die achtzehnjährige Maria eines schönen Tages ihre Großmutter besuchen kam.
Dietrich Bonhoeffer und Maria von Wedemeyer in ihren Briefen
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Maria2 war 1924 in Pätzig zur Welt gekommen, einem Gut von etwa dreitausend Morgen Land, das ihr Vater Hans von Wedemeyer wiederum von seinem Vater geschenkt bekommen und das er in der langen und schweren ökonomischen Krise der ostelbischen Patronatswirtschaft zu einem prosperierenden Unternehmen entwickelt hatte. In der monarchisch gesinnten, vom Geist des pommerschen Pietismus erfüllten, mit anderen Häusern wie etwa den Bismarcks verbundenen Familie wuchs das Mädchen heran in einer Landschaft von eindrucksvoller herber Schönheit mit ihren Wäldern, Sümpfen und Seen, mit ihren Blumen, ihren Vögeln und ihrem Wild ² in ihren Briefen wird es immer wieder der große Traum sein, Dietrich eines Tages Pätzig zeigen zu können. Natürlich konnte die Abiturientin, die sich zunächst in der Hauswirtschaft nützlich machte und später als Schwesternhelferin im Roten Kreuz und als Erzieherin tätig ZDU UHLWHQ XQG VSUDFKGDV3RPPHU·VFKH3ODWW$P nächsten standen ihr ihr Vater ² die langen Ausritte mit ihm, der sie zärtlich seine Å0LHVHnPDXV´QDQQWHZDUHQGDV+öchste der Gefühle ² und ihr ältester Bruder Max. Und für Marias Liebesgeschichte mit Dietrich dürfte es bedeutsam gewesen sein, dass beide, Vater und Bruder Marias, an den russischen Fronten standen und dass beide noch während des Jahres 1942 fallen würden. Von Bonhoeffers Doppel-Existenz konnte und durfte Maria natürlich nichts wissen. Jedenfalls fasste sie, die überaus ausgelassen, witzig und unterhaltsam sein konnte, alsbald ein tiefes Vertrauen in ihn, das ihr in der stetigen unausgesprochenen Sorge um den Vater und um den Bruder und um manche Freunde und Bekannte ² fast täglich kamen Todesanzeigen ins Haus ² offensichtlich Halt gab. Es ist immer wieder darüber berichtet worden, dass selbstsicheres, souveränes, ruhig bestimmendes Auftreten selbst in der Grenzsituation des Gefängnisses zu Bonhoeffers Charakterzügen und Temperament gehörte. Und nachdem der Tod des Vaters im August 1942 vor Stalingrad und erst recht der Tod des Bruders im November 1942 die Familie in Schock und Verzweiflung gestürzt hatte, waren es Bonhoeffers tröstende und klärende Worte, die in der VaterTochter eine tiefe Zuneigung zu ihm erweckten. Umgekehrt muss Marias jugendliches Wesen Bonhoeffer spontan bezaubert und ihn dazu bewogen haben, in den Grenzen damaliger Konvention um ihre Liebe zu werben. Im Pätziger Trauerhaus stand Marias Mutter, Ruth von Wedemeyer, der jetzt auch die ökonomische Verantwortung für das Gut zukam, einer Ehe vor allem wegen des Altersunterschieds mit größter Zurückhaltung gegenüber. Sie wünschte eine einjährige Prüfungs- und Besinnungszeit, 2
Zu Maria von Wedemeyers Lebensgeschichte vgl. die Hinweise von Ruth-Alice von Bismarck in: Brautbriefe [Anm. 1], 271²298.
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und Maria und Dietrich haben sich diesem Wunsch zunächst gebeugt. Freilich wird sich Maria, wie die Notizen aus ihrem Tagebuch bezeugen, sehr schnell darüber klar, dass sie sich mit dLHVHPÅ*HOHKUWHQW\S´YHUELnden möchte, obwohl sie sich auch fragt, was dann aus ihrer Freude am Tanzen, am Reiten, am Sport und am Vergnügen werden würde; und sie setzt ihre unabänderliche Entscheidung ihrer Mutter gegenüber kraftvoll durch. Ihr Brief vom 13. Januar 1943 und Bonhoeffers Antwortbrief vom 17. Januar 1943, in dem sie einander das über das ganze Leben entscheidende Ja aussprechen, gilt beiden als ihre geheime, nur wenigen mitgeteilte Verlobung. Am 5. April 1943 wird Dietrich im Berliner Haus seiner Eltern verhaftet und in das Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis Berlin-Tegel gebracht. Das Amt Canaris war schon einige Zeit im Visier des Reichssicherheitshauptamts gewesen. Dessen Hinweisen ging der Oberreichskriegsgerichtsrat Dr. Roeder nach, als er dem u.k. gestellten Pfarrer Wehrkraftzersetzung zur Last legte ² immerhin ein Delikt, auf das die Todesstrafe stehen konnte ² und noch gar nicht ahnte, welchen Fang er da gemacht hatte. In den langwierigen Vernehmungen musste Bonhoeffer nicht nur alles tun, um die erhobenen Vorwürfe zu entkräften, sondern er musste vor allem auch sorgfältig alle konspirativen Verbindungen zu der Verschwörung verschleiern, die er maßgeblich mitgeprägt hatte und von der er nunmehr ausgeschlossen war.3 Die Briefe, die er dank wohlgesonnener Wachsoldaten in Form von Kassibern mit seinem jungen Freund und späteren Biographen Eberhard Bethge wechseln konnte, bezeugen nicht nur seine hochgespannten Erwartungen an das entscheidende Attentat, sondern nach dem Scheitern des Å-XOL´DXFKGLHLOOXVLonslose Todeserwartung: sie kommt in einem ² am Tag danach verfassten ² Prosagedicht zur SpraFKHLQGHPHVKHLWÅ.RPPQXQK|FKVWHV)HVW auf dem Wege zur ewigen Freiheit, / Tod, leg nieder beschwerliche Ketten und Mauern >«@´4 Diese poetische Imagination wurde schreckliche 5HDOLWlWQDFKGHPGHU*HVWDSRLP6HSWHPEHUGHUÅ=RVVHQHU$NWHQIXQG´JHOXQJHQZDUGHUGDVJDQ]H$XVPDGLH%UHLWHXQGGLH7LHIHGHU Verschwörung dokumentierte, und Bonhoeffer in das Gefängnis des Reichssicherheitshauptamts in den Kellern der Prinz-Albrecht-Straße gebracht wurde. Natürlich unterliegen die Briefe, die Bonhoeffer von Maria erhalten und die er ihr in bestimmten Abständen schreiben darf, der Zensur, die ² 3 4
Zum Trauerspiel der Helfer Hitlers und ihrer pflichtbewussten Funktionstüchtigkeit gehört es, dass der Oberreichskriegsgerichtsrat Dr. Roeder Bonhoeffers Vernehmungsakten rekonstruierte, die bei dem Luftangriff im November 1943 schwer beschädigt wurden! Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung [Anm. 1], 570²572; 571f.
Dietrich Bonhoeffer und Maria von Wedemeyer in ihren Briefen
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nachdem das Reichskriegsgericht im Winter 1943 durch Bomben schwer beschädigt worden war ² in Torgau stattfand. Und natürlich finden die verschiedenen Sprecherlaubnisse, die jedesmal beantragt und genehmigt werden müssen, in Gegenwart eines Wachsoldaten statt. So kristallisieren sich Marias und Dietrichs Empfindungen, Gedanken, Pläne und Träume im Medium ihrer Briefe unter wachsender Lebensgefahr und unter ständiger Überwachung, in meist verschwiegener und nur zwischen den Zeilen zu lesender Betroffenheit. Eine Kulturgeschichte der Liebeskommunikation und des Liebesbriefs wird die harten sozio-politischen Realitäten, die den Krisen der Modernisierungsprozesse geschuldet sind, nicht aus den Augen lassen dürfen.
II Unter diesen schwierigen äußeren Umständen spiegeln Marias und Dietrichs Briefe einen Verstehensprozess, der je länger je mehr um das Verhältnis von Glück und Schmerz, von Hoffnung und Verzweiflung kreist. Die faktische Präsenz einer Zensur hat es nicht verhindert, dass beide ihrem Erleben und Empfinden erstaunlich offen Ausdruck geben. Sie suchen einander Einblick zu gewähren in ihr individuelles Selbst-Sein, in ihr Sich-selbst-Verstehen, und sie entwerfen sich auf diese Weise ein Bild der Zukunft und des gemeinsamen Lebens, in dem sie endlich miteinander allein sein können werden. Maria scheint dies zunächst besser zu gelingen. Die Form ihrer Briefe und ihr Schreibstil haben etwas Unwillkürliches und Spontanes an sich. Sie ironisiert diese Form und diesen Schreibstil selbst, wenn sie ihre Briefe JHOHJHQWOLFK DOV ÅGXPP´ XQG ÅREHUIOlFKOLFK´ RGHU DOV Å*HVFKPLHU YRn GHU %HWWNDQWH´ EH]HLFKQHW 'DVV sie freilich des öfteren Brief um Brief zerreißt, bevor sie schließlich einen zur Post gibt, zeigt allerdings auch, wie sie um Worte ringt, die etwas von ihrem Selbstgefühl mitteilen und dem gefangenen Geliebten Freude bereiten. :DVVLHLKUHPÅJHOLHEWHQ'X´YRQLKUHP6HOEVWJHIKOPLWWHLOWGDVLVW genau beobachtet und durchdacht. Nachdem sie zum ersten Mal Bonhoeffers Eltern in Berlin besucht und seinen Schreibtisch, seine Bücher und seinen Aschenbecher wahrgenommen hat VFKUHLEW VLH ÅGDV *OFN sitzt tief und fest innen drin, soweit kann das Leid einfach gar nicht reichen, auch wenn das maQFKPDO EHUJUR HUVFKHLQW´ Gut zwei Monate später, als die beginnende Getreideernte auf Pätzig schon den Herbst DQNQGLJW KHLW HV Å$FK GDV :DUWHQ LVW PDQFKPDO VFKOLPP IU HLQ Herz, das sich so nach Dir sehnt. Aber es ist auch dankbar, daß es sich so sehQHQGDUI´
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Immer wieder ist von dem Glück und von der Freude die Rede, die DietULFKV %ULHIH XQG GLH 6SUHFKHUODXEQLVVH EHGHXWHQ HLQVROFKHU%ULHIÅZLUG mir ein Stücken von dem Sonnengold mitbringen, das man tief in sich hineinfallen lassen kann, das so allen Regen und Sturm überdauert und doch bis ins kleinste Glied hinein wärmt, strDKOWXQGOHXFKWHW´ 8mgekehrt aber ist Maria auch der tiefen Differenz gewahr zwischen dem, was sich sagen und mitteilen lässt, und dem, was sich der Mitteilung ent]LHKW Å'DQQ >VF ZHQQ VLH PLW GHP +XQG +DUUR DOOHLQ GXUFKGHQ :DOG geht] schreibe ich Dir lange Briefe in Gedanken. Das sind solche, die man nicht aufschreiben kann, die aber alle im Herzen stehen und sich nach Dir VHKQHQ´ 6LHZHLDXFKÅGDHVPDQFKPDOVRVFKZLHULJLVWDQ'LFK ]X VFKUHLEHQ´ GHQQ Å,FKNHQQH'LFKVHKUZHQLJXQGNenne Dich doch DXFKVHKUJXW´ ,QGHU6LWXDWLRQGHVHU]ZXQJHQHQ*HWUHQQW-Seins, im Stigma des Gefangen-6HLQVEOHLEHQ%ULHIHÅ8QVLQQ´ XQG:RUWHHLQ Å1LFKWV YRU GHP (LJHQWOLFKHQ´ Und je länger Bonhoeffers Haft andauert, desto mehr sieht sicK 0DULD LQ HLQHP Å,UUJDUWHQ´ XQG LQ HLQHPÅ'XUFKHLnDQGHU´ GHU*HIKOHGDVVLHVFKRQIUKDOVÅGDVY|llige Alleinsein mit dem inneren Erleben und das Spüren und Begreifen GHU 0DFKWORVLJNHLW GHU *HGDQNHQ´ FKDUDNWHULVLHUW KDWWH ,Q GLHVHP Å,UUJDUWHQ´ XQG LQ GLeVHP Å'XUFKHLQDQGHU´ PHOGHW VLFK GHQQ DXFK GHU Zweifel zu Wort, ob sie in der so sehr herbeigesehnten Ehe dem Mann ZLUNOLFK GLH Å*HKLOILQ´ ZHUGH VHLQ N|QQHQ LQ GHU VLH LKUH VR]LDOH 5ROOH sieht, und ob sie ihn wirklich werden glücklich machen können.5 Dietrichs Briefe lassen in ihrer Wortwahl, ihrem Schreibstil und ihren Gedankengängen auf den ersten Blick erkennen, dass sie von einem hoch gebildeten, überaus belesenen, künstlerisch versierten und weitgereisten Mann geschrieben sind. Er ist es ² übrigens auch aus theoretischen Gründen ² nicht gewohnt, von sich zu sprechen ² Å(UVSDUHHVPLUYRQ PLUVHOEVW]XUHGHQ´ KHLWHVLP:HLKQDFKWVEULHIYRP Dezember 1943 ², und so scheint er sich erst langsam an eine Sprache der Leidenschaft anzunähern. Das gelingt je länger je mehr, und vor allem in zwei geschmuggelten Briefen kommt sie kraftvoll an den Tag.6 $XFK'LHWULFKV*HGDQNHQNUHLVHQXPGHQÅHUVWHQ7DJLQ3lW]LJ´XP GHQÅ)UHXGHQWDJ´GHU+RFK]HLWXPGHQ7DJDQGHPÅZLUXQVDOOHin sehen und sprechen und miteinander in Pätzig durch den Wald gehen könQHQ´ 'LH /DVW GHV :DUWHQV GLH ÅVFKZHUH :DUWH]HLW´ GLH ODQJVDP nicht mehr zu begreifen ist, kommt unverhüllt zum Ausdruck. In dieser Å3UIXQJV]HLW´KHUUVFKW]XQlFKVWGDV*HIKl des Dankes für Marias Da5 6
Vgl. auch Brief vom 25.12.1943 (104²107). Vgl. Brief vom 29.5.1944 (189²191) und Brief von Anfang Juni 1944 mit dem Prosagedicht Å9HUJDQJHQKHLW´²195).
Dietrich Bonhoeffer und Maria von Wedemeyer in ihren Briefen
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VHLQIULKUH%ULHIHXQGIULKUH%HVXFKHYRUÅ'XNDQQVWHVJDUQLFKWHUmessen, was es für mich in meiner jetzigen Lage bedeutet, Dich zu haEHQ´ ² Å:LUZROOHQNHLQHQ$XJHQEOLFNYHUJHVVHQIUZLHYLHOHVZLU dankbar sein müssen und wieviel Gutes wir immer noch erfahren; ich brauche dabei nur an Dich zu denken und jede kleine Trübung der Seele wird wieGHU KHOO´ 'LHVHV *XWH KDW GXUFKDXV VHLQH PDWHULHOOH 6HLWH GLHÅKHUUOiFKH(UGEHHUPDUPHODGHXQGGLH$QLVSOlW]FKHQ´LPOHtzten Paket RGHUGLH:XUVWYRP*XWGHU%LVPDUFNVZHUGHQÅPLW$QGDFKW´YHr]HKUWGHQQÅ$OOHV¶0DWHULHOOH· >«@verwandelt sich bei den Mahlzeiten zu =HLFKHQ(XUHU*HPHLQVFKDIWXQG/LHEHXQG7UHXH´ 'LHVHV*XWHLVW aber vor allem Maria selbst in ihrer sinnenfälligen Erscheinung, ihrer Stimme, ihrem Lachen, ihren Augen, ihren Händen. Von dem Gedanken, ÅGD'XPLFKJHQRPPHQKDVW´LVW'LHWULFKEHUZlOWLJW'DYRUÅYHUVLnken alle Fenstergitter. Dann bist Du bei mir; was geht mich die verschlossene TüU DQ"´ (47) Denn in ihren Briefen und in ihrer Gegenwart spürt Dietrich, zu dessen Temperament auch ein Hang zu Schwermut und zu XQIUXFKWEDUHU6HOEVWNULWLNJHK|UWZLHLKPÅHLQJDQ]QHXHV9HUWUDXHQ]XP Leben gegeEHQZLUG´ 'LHVH ÅJDQ] QHXH 9HUWUDXHQ ]um LeEHQ´ KDW JHZLVV damit zu tun, dass Dietrich in Marias individuellem Wesen das Andere seiner selbst entdeckt. Im Brief vom 16. April 1944 zu ihrem 20. Geburtstag markiert er dieses Andere beinahe analytisch: Du schreibst glücklicherweise keine Bücher, sondern tust, weißt, erfährst, erfüllst mit dem wirklichen Leben das, wovon ich nur geträumt habe. Erkennen, Wollen, Tun, Empfinden und Erleiden bricht bei Dir nicht auseinander, sondern ist ein großes Ganzes >«@>«@das ist es, was ich brauche, was ich in Dir gefunden habe, was ich liebe ² das Ganze, Ungeteilte, wonach ich Sehnsucht und Verlangen habe. Du bist so jung und wirst es immer bleiben ² für mich. (167² 169)
Es gibt nun allerdings auch einen geschmuggelten Brief 7, in dem Dietrich seinerseits die ungeklärte Problematik dieser Liebeskommunikation anspricht. Anders als manche Theoretiker des Liebesdiskurses sieht er diese Problematik nicht etwa in dem grundsätzlichen Unverhältnis zwischen dem Gefühl der Liebe und der Sprache der Liebe, sondern in der objektiven Behinderung des Einander-Kennens und Einander-Verstehens. Er YHUKHLPOLFKW VHLQHQ =ZHLIHO GDUDQ QLFKW ÅGD ZLUHLQDQGHUZLUNOLFKYRQ +HU]HQOLHEKDEHQ´ XQGHUVXFKWGLHVHQ=ZHLIHO]XYHUMDJHQXQG]X vertreiben, indem er für Geduld wirbt. Er sieht also ² ähnlich wie Maria, aber vielleicht schärfer als Maria ² den Zusammenhang von Lieben und Verstehen; insofern überschreiten beide, indem sie sich schlicht auf ihre 7
Brief vom 11.3.1944 (150²154).
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faktische Situation besinnen, das romantische Modell der Liebe. Dieser Zusammenhang von Lieben und Verstehen bezieht sich auf das gemeinsame Erleben der Welt. Welches gemeinsame Erleben der Welt deutet sich in diesem Briefwechsel an?
III Nun, wir finden in diesen Briefen natürlich viele Hinweise auf Marias und auf Dietrichs Alltag. Alltäglich sind zunächst Marias Vorbereitungen für die Hochzeit. Sie spricht von der Aussteuer und von den Möbeln, die sie sich schon für die gemeinsame künftige Wohnung ausdenkt; sie überlegt sich, wo Dietrichs Flügel am besten aufgestellt werden könnte. Und alltäglich sind die Erzählungen von Wohl und Wehe in der großen Familie, deren düsterer Hintergrund die Bombardierungen Berlins und die näherrückenden Fronten sind. Alltäglich ist sodann die Unterhaltung über die richtige Lektüre und über deren bildende Bedeutung, die in den Briefen gepflogen wird. An den Freund Eberhard Bethge schreibt Bonhoeffer am 28. November Å/HLGHUELQLFKDXIOLWHUDULVFKHP*HELHWPLW0DULDQRFKQLFKWNRnIRUP´8 Während Maria für Rilkes Duineser Elegien schwärmt und ihrem Geliebten die Briefe an einen jungen Dichter mitbringt, dagegen Dostojewski XQGDOOHUXVVLVFKHQ6FKULIWVWHOOHUIUHPGILQGHWZHLOVLHÅJUDGH]XHLQHWLHUiVFKH )UHXGH DP 6FKUHFNOLFKHQ KlWWHQ´ NDQQ 'LHWULFK PLW 5LONH LQ einem Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis und angesichts seiner politisch-ethischen Zeitdiagnose gar nichts anfangen (17). Statt dessen spricht er von seiner Bewunderung für Stifters Bergkristall und Witiko, für Jeremias Gotthelf, aber auch für den Don Quijote und für Wilhelm Meister, und er rät der Geliebten dazu, doch einmal die pseudonymen Schriften Sören Kierkegaards ² den Begriff der Angst und die Krankheit zum Tode ² zu lesen. Vor allem aber gehört zum Alltäglichen dieser Liebeskommunikation die religiöse Thematik, genauer: die Frage nach der Wahrheit und nach der Tragfähigkeit des christlichen Glaubens in einer schwer erträglichen privaten Lebenssituation und in einer katastrophischen geschichtlichen Gesamtlage. Maria und Dietrich sind darüber verständigt, dass sich diese Frage auf dem Boden der Glaubensgewissheit stellt; und sie praktizieren die notwendigen Formen und Rituale, unter denen sich solche Glaubensgewissheit bilden und erhalten kann: das Gebet beim Aufstehen morgens um sechs Uhr, das Lesen der Tageslosung im Losungsbuch, die Hausandacht, das Feiern der Hochfeste, des Weihnachts- und des Osterfestes. Sie 8
Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung [Anm. 1], 213.
Dietrich Bonhoeffer und Maria von Wedemeyer in ihren Briefen
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zitieUHQHLQDQGHU7H[WHGHU+HLOLJHQ6FKULIWÅ-DXQGOLHV(SKHVHUYRP 14. Vers an und 1. Korinther 13, weil das meine Lieblingsstelle ist, und GHQ3VDOP´² heißt es in Marias Brief vom 27. November 1943 [87]) oder aus dem GeVDQJEXFKÅ/LHVGRFKPDOGDV/LHGYRQ*RWWIU$UQROG das die meisten Leute nicht kennen und das ich ganz besonders liebe; es ist schwer nach Inhalt und Melodie, fast zu schwer für ein Gemeindelied, aber man gewinnt es immer lieber; HVEHJLQQW¶6RIKUVW'XGRFK«·XQG steht im GesangEXFK´ ² schreibt Dietrich am 9. September 1943 [54]). Und sie suchen einander die Botschaft des Weihnachtsfestes in einem ganz individuellen Ton und ohne jede Floskel nahezubringen ² Å$OOHV Weihnachten beginnt im Himmel und kommt von da zu uns allen, zu Dir wie zu mir und verbindet uns wieder miteinander, stärker, als wir es je aus HLJHQHU .UDIW N|QQWHQ ¶2K GD 'X GHQ +LPPHO ]HUULVVHVW XQG IKUHVW herab, daß dLH%HUJHYRU'LU]HUIO|VVHQ·:RVWHKWGDV"´ ² so Maria am 19. Dezember 1943 (99). Dietrich hatte seinerseits in seinem Weihnachtsbrief vom 13. Dezember 1943 geschrieben: die Weihnachtsbotschaft sagt uns, daß alle unsere Gedanken verkehrt sind und daß das, was uns böse und finster erscheint, in Wahrheit Licht ist, weil es von Gott kommt>«@ Gott ist in der Krippe, der Reichtum in der Armut, das Licht in der Nacht, die Hilfe in der Verlassenheit >«@(95).
In dem Verstehensprozess dieser Liebesgeschichte ist die Gemeinschaft im Fundamentalen konstitutiv. Die individuelle Aneignung der christlichreligiösen Zeichenpraxis9 ² also das, was an dieser Zeichenpraxis jeweils liebenswert erscheint ² ermöglicht es den Liebenden, ihr Geschick sub specie aeternitatis zu verstehen und zu tragen. Wie sie zunächst ihre Begegnung als einen Akt der göttlichen Führung betrachtet haben, so ringen sie QXQ GDUXP GLH Å8QEHJUHLIOLFKNHLW GLHVHU 6FKLFNXQJ´ LP /LFKWH GHU LQ Jesus von Nazareth als dem Christus Gottes des Schöpfers erscheinenden Liebe zu sehen. Die Hoffnung auf ein gemeinsames Leben in der Erfahrung des individuellen Anders-Seins speist sich aus diesem Ringen. Und der Trost, den sie einander geben, erwächst aus der Gewissheit, die etwa im Evangelium von der Stillung des Sturms (Matth 8,23-27) ausgesprochen ist, auf das Dietrich im Brief vom 31. Januar 1944 anspielt als auf VHLQHÅOLHEVWHELbOLVFKH*HVFKLFKWH´ Eben diese Zusammenhänge verbergen sich hinter der musikalischen 0HWDSKHUYRQGHUÅ3RO\SKRQLHGHVJDQ]HQ/HEHQV´10 Unverabredet kon9 10
=XPKLHUYHUZHQGHWHQ%HJULIIGHUÅ=HLFKHQSUD[LV´GDUILFKYHUZHLVHQDXI: Konrad Stock: Geistgewirktes Verstehen, in: Verstehen über Grenzen hinweg (MJTh XVIII), hg. von Wilfried Härle, Reiner Preul, Marburg 2006, 83²113. Wie Anm. 1.
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Konrad Stock
vergieren Marias und Dietrichs Verständnis des erscheinenden Wesens der Liebe darin, dass sie in der Erfahrung der Liebe Eros und Agape, Leidenschaft für einander und Leidenschaft für Gott und Gottes Reich, irdisches Glück und himmlisches Glück als Elemente einer Ordnung der Liebe verstehen.11 Vor diesem Hintergrunde sind die Sätze der noch nicht ganz Zwanzigjährigen im Brief vom 11. April 1944 zu lesen: Ich meine, die Liebe ist gar nicht etwas, was man in Händen hat und dem schenken kann dem man gerne möchte, sondern man ist ihr einfach ausgeliefert. Sie kommt von außen und geht nur durch einen hindurch zu dem andern hin und man muß einfach mit (166f.).
IV Ich komme zum Schluss und suche eine Antwort auf die Frage zu geben, welchen Gewinn die kulturgeschichtliche Forschung aus der Lektüre des Briefwechsels zwischen Maria von Wedemeyer und Dietrich Bonhoeffer über das biographische Interesse und über das sympathetische Miterleben hinaus zu schöpfen vermag. Die gesuchte Antwort ergibt sich aus einem vollständigen und prägnanten Begriff von Kultur.12 Im Interesse an einem solchen vollständigen und prägnanten Begriff von Kultur stelle ich hier in aller Kürze einen kritischen Vergleich mit der Theorie an, die Günter Dux vorgelegt hat in seinem Buch: Geschlecht und Gesellschaft. Warum wir lieben. Die romantische Liebe nach dem Verlust der Welt.13 Die These des überaus belesenen Buches versteckt sich in seinem UnWHUWLWHO9RQHLQHPÅ9HUOXVWGHU:HOW´KDEHQZLUQDFK'X[GHVKDOE]X reden, weil wir uns unausweichlich in einem nachmetaphysischen Zeitalter, in der Endzeit der verpflichtenden und orientierenden Weltbilder befinden, in der es keinerlei objektive und allgemeingültigen Sinnbestimmungen mehr für die prekäre und riskante menschliche Existenz mehr JHEH 0LW GHP 9HUOXVW GHU :HOW JHKH GLH Å.ULVH GHV 6XEMHNWV´ HLQKHU Diese Krise habe die romantische Liebe dadurch bewältigen wollen, dass sie die Liebenden im Geliebten den bedeutungsvollen Andern und damit den Sinn suchen lässt, der den Verlust aller Sinnbestimmungen kompensieren könne. Das aber habe sich als Illusion erwiesen, und so sieht Dux ² übriJHQVLP*HJHQVDW]]XU%HFN·VFKHQ7KHVHYRQGHU/LHEHDOVÅ1DFKUe11 12 13
=XP%HJULIIXQG]XU(QWIDOWXQJHLQHUÅ2UGQXQJGHU/LHEH´GDUILFKYHUZHLVHQDXI Konrad Stock: Gottes wahre Liebe. Theologische Phänomenologie der Liebe, Tübingen 2000, 195²278; 279²313. Vgl. bes. Eilert Herms, Art. Kultur V. Ethisch: RGG4 4, 1827²1829. Frankfurt/Main 1994. ² Zur Kritik der Liebestheorie von Dux vgl. meine in Anm. 11 genannte Darstellung (294²301).
Dietrich Bonhoeffer und Maria von Wedemeyer in ihren Briefen
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ligiRQ´14 ² die Möglichkeit der Liebe nach dem Verlust der Welt mit unverhohlener Skepsis. Ich behaupte nun: das Lebenszeugnis, das wir im Briefwechsel zwischen Maria von Wedemeyer und Dietrich Bonhoeffer finden, ist kulturtheoretisch von erheblichem Gewicht. Es bietet nämlich nicht nur eine empirische Widerlegung der Dux·VFKHQ7KHRULHLQVRIHUQHVHLQHU(UIDhrung der Liebe im ausdrücklichen Horizont einer Gemeinschaft im Fundamentalen Ausdruck gibt15; es regt auch dazu an, die kategorialen Bestimmungen zu verfeinern und zu verdeutlichen, mit deren Hilfe wir die Liebeskommunikation und ihren Niederschlag in einer Briefkultur interpretieren können. Die These vom Verlust der Welt und von der Krise des Subjekts, die ihr geschuldet sei, beruht auf einer Forscherintention, die für die Tatsache einer gewiss nicht mehr einheitlichen, wohl aber pluralen und vielgestaltigen religiös-weltanschaulichen Orientierung schlechthin blind ist. Es ist nun aber gerade die Funktion einer religiösweltanschaulichen Orientierung, der Sinnhorizont zu sein, innerhalb dessen wir das eigene Dasein und seine Möglichkeiten und Verpflichtungen in einer geschichtlichen und sozialen Welt verstehen. Die religiös-weltanschauliche Orientierung, die in der christlichen Zeichenpraxis angeeignet und überliefert wird, ist gewiss unter den Bedingungen eines Grundrechts der Religionsfreiheit in einer Gesellschaft nur eine unter anderen. Als solche aber konstituiert sie eine Kultur: eine Kultur des Umgangs mit der Erfahrung der Liebe, in der die Liebenden eben in ihrer wechselseitigen Bezogenheit je zu sich gelangen, aber in gleicher Weise auch eine Kultur der sozialen Beziehungen, der Begründung und der Gestaltung des sozialen Handelns und seines Richtungssinns. Die Briefe, die zwischen Dietrich Bonhoeffer und Maria von Wedemeyer gewechselt wurden, sind ein bewegendes Zeugnis dafür, dass die Liebeskommunikation zwar ganz intim, keinesfalls aber nur privater Natur ist. In ihr ist vielmehr stets eine Anschauung des Lebens präsent. Wie sich die christliche Kultur des Liebesbriefs zu anderen Kulturen in der Kulturgeschichte des Liebesbriefs verhält ² das zu untersuchen ist die theoretische Anregung, die Bonhoeffers 0HWDSKHUYRQGHUÅ3RO\SKonie des ganzen LeEHQV´HQWKlOW
14 15
Vgl. Ulrich Beck, Elisabeth Beck-Gernsheim: Das ganz normale Chaos der Liebe (st 1725), Frankfurt/Main 1990, bes. Kap. VI: Die irdische Religion der Liebe (222²266). Insofern macht es darauf aufmerksam, dass das Projekt einHU Å.XOWXUJHVFKLFKWH GHV LiebesEULHIV´ VWHWV GLH VWLOOVFKZHLJHQGHQ RGHU DXVGUFNOLFKHQ .RQIHVVLRQHQ UHOLJL|VHU WeltanVFKDXXQJ HLQ]XEH]LHKHQ KDW ZLH VLFKMDDXFKGLHÅLUGLVFKH5HOLJLRQGHU/LHEH´DOV eine verfallende und zum Scheitern bestimmte Erfahrung der Liebe zeigt.
II INSZENIERUNGEN
Sebastian Neumeister
Selbststilisierung zwischen Leben und Werk: Liebesbriefe von Gabriele d’Annunzio Great passions may give us this quickened sense of life, ecstasy and sorrow of love, the various forms of enthusiastic activity, disinterested or otherwise, which come naturally to many of us. Only be sure it is passion – that it does yield you this fruit of a quickend, multiplied consciousness. Of such wisdom, the poetic passion, the desire of beauty, the love of art for its own sake, has most. For art comes to you proposing frankly to give nothing but the highest quality to your moments as they pass, and simply for those moment’s sake. Walter Pater, The Renaissance (1873).
I Einer der seltenen Autoren in der deutschen Literatur, die mit spitzer Zunge oder besser spitzer Feder zu plaudern verstehen, nämlich Franz Blei, überliefert in seinen Zeitgenössischen Bildnissen eine Szene, in der es um Gabriele d’Annunzio (1863–1938) geht, den italienischen Skandalautor an der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert, und um Eleonore Duse, genannt „die Duse“ (1858–1924), zusammen mit Sarah Bernard die berühmteste Schauspielerin ihrer Zeit. Franz Blei erinnert sich an ein tête-àtête der beiden, das im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts anzusiedeln sein dürfte: Auf der Terrasse eines Wirtshauses in Brescia warf die Duse dem Dichter Teller und Tassen an den damals schon kahlen Kopf und fluchte dazu wie ein Genueser Fischweib. Dem etwas erstaunten Gast aus dem Norden erklärte mit einem eingefrorenen Lächeln d’Annunzio, das sei eine etwas lebhaftere façon de parler des Südens und habe nichts weiter zu bedeuten. Tatsächlich war nach fünf Minuten das etwas einseitige parler beendigt, die Sonne schien wieder, und vor Eleonoras immer tragischen Zügen stand ein kleiner Regenbogen des Lächelns. Nicht mehr zu erinnern – es ist gut dreißig Jahre her –, weshalb die Duse und worüber sie sich mit ihrem angelischen Freund so lebhaft unterhielt, ob über
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Liebesbriefe von Gabriele d’Annunzio
Geld, Schulden oder eine andere Frau. Das waren die drei Kreuze d’Annunzios, die er trug, und unter denen er immer wieder fiel, verschwenderisch und unbekümmert, wie er lebte und wie zu leben er sich verpflichtet glaubte, Idol und Beispiel der italienischen Jugend nicht nur, sondern auch unter den Augen der aufmerkenden Monde aller Großstädte Europas. Es mußte, wie um eine schöne und vielbegehrte Frau, immer etwas Skandal um ihn sein. Entweder Frauen, die sich um ihn in die Coiffuren gerieten, oder Versteigerungen seiner gesamten Habe bis auf die Leibwäsche. Der Dichter nannte das „ein aktivistisches Leben führen“.1
Zu dieser ‚aktivistischen‘ Lebensführung gehört auch die Liebesbeziehung, die die beiden exaltierten Künstlernaturen zwischen 1895 und 1904 erotisch ebenso wie intellektuell verband, und deren Spuren noch bis ans Lebensende der Duse nachweisbar sind, Spuren, die sich im dramatischen Schaffen des Dichters und in einem intensiven Briefwechsel zwischen den beiden Protagonisten finden. Von diesem Briefwechsel ist allerdings nur die eine Hälfte erhalten, das, was die Duse ihrem fünf Jahre jüngeren Liebhaber, der sich auch ihr „figlio“ nennt, geschrieben hat, nicht das, was dieser, der zweifellos Wortmächtigere, ihr zukommen ließ. Eleonore Duse hatte die Briefe d’Annunzios Teresa Giacosa, der Schwester des Dramatikers Giuseppe Giacosa, mit dem Auftrag übergeben, sie sofort nach ihrem, der Duse Ableben zu vernichten. Teresa Giacosa hielt sich gegen alle Einwände und Beschwörungen an diesen Auftrag2 –, was d’Annunzio im tiefsten Herzen traf, wie man einem Telegramm entnehmen kann, das er noch 1934, also zehn Jahre nach dem Tod der Duse, an Enrichetta, die Tochter der Duse, in dem Glauben schickte, sie habe die Briefe verbrannt: […] mi fu confermata la distruzione delle mie lettere a Ghisola, che è un ingiustificabile delitto contro lo spirito. Quelle tante pagine erano la più alta testimonianza di nobiltà per me e per l’amata. Non è vero che ne riceveste l’ordine da lei. Giuro che non è vero. Ella è sempre accanto a me e mi parla senza parole. [mir wurde die Vernichtung meiner Briefe an Ghisola bestätigt, ein nicht zu rechtfertigendes Verbrechen gegen den Geist. Alle diese Seiten waren für mich und für die Geliebte das höchste Zeugnis des Adels. Es ist nicht wahr, daß Ihr dafür von ihr den Auftrag erhieltet. Ich schwöre, daß es nicht wahr ist. Sie ist immer an meiner Seite und spricht zu mir ohne Worte.] 3
Weshalb empört sich d’Annunzio in so pathetischen Worten über den Verlust der eigenen Briefe? Denkt er voller Wehmut an eine große Liebe zurück, deren Zeugnisse ihm das Teuerste auf der Welt sind? Gegen diese sentimentale Lesart spricht allein schon, daß d’Annunzio ebenso wie die 1 2
3
Franz Blei: Gabriele d’Annunzio, in: Ders.: Schriften in Auswahl, München 1960, S. 239. Gabriele d’Annunzio: Carteggio D’Annunzio – Duse. Superstiti missive: Lettere, cartoline, telegrammi, dediche (1898–1923), a cura di Piero Nardi con prefazione di Vittore Branca, Firenze 1975, S. 22f. Ebd., S. 21.
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Duse mit ihrer Verbindung durchaus auch professionelle Ziele verfolgten: d’Annunzio sah in der Schauspielerin die ideale Tragödin seiner Dramen und diese sah in ihm den Wortführer eines neuen, natürlich auf sie zugeschnittenen Theaters. Vor allem aber stimmt bedenklich, daß d’Annunzio vor, während und nach der Liaison mit Eleonore Duse zahllose andere Affären und Liebesverhältnisse hatte – eine neuere Anthologie von Liebesbriefen d’Anunnzios versammelt ausgewählte Briefe an nicht weniger als zehn Frauen4 – einzig Rilke könnte sich hier vielleicht noch mit d’Annunzio messen.5 Um das wahre Motiv von d’Annunzios Empörung zu ergründen, sollte man deshalb lieber auf den zentralen Satz seines Telegramms an die Tochter der Duse schauen: „la più alta testimonianza di nobiltà per me e per l’amata.“ („Alle diese Seiten waren für mich und die Geliebte das höchste Zeugnis des Adels.“) „Nobiltà“ also, nicht „amore“ ist es, was die Briefe für d’Annunzio unersetzlich macht. Und es sind, wie gesagt, „die eigenen Briefe, nicht die der Duse, deren Verlust er beklagt. „Je te rappelle ta promesse de me laisser relire mes lettres“, schreibt d’Annunzio 1925 an eine andere Geliebte, in diesem Fall ein fast 40 Jahre jüngeres französisches Hausmädchen mit dem trügerischen Versprechen, sie umgehend zurückzugeben.6 .Selbstverliebtheit, nicht Verliebtheit ist das Motiv, das alle diese Äußerungen verraten.
II Gabriele d’Annunzio hat seine langjährige Liaison mit Eleonora Duse in einem Roman verarbeitet, der im Jahre 1900 erscheint: Il fuoco (Das Feuer). Dieser Roman wurde wegen der Detailliertheit, mit der der Dichter darin die große Schauspielerin portraitiert und seziert, zu einem Skandalerfolg, aber auch zum Anlaß vielstimmiger Kritik am mangelhaften Respekt vor dem Privatbereich der Duse. Doch d’Annunzio, der sich für diesen Roman von Nietzsche und Wagner inspirieren läßt und den Künstler als Übermenschen konzipiert, kennt keine Hemmungen, ja er erhebt in der Beschreibung des Haupthelden die Sublimierung des Lebens zum Kunstwerk zum Programm: Egli era giunto a compiere in sé stesso l’intimo connubio dell’arte con la vita e a ritrovare così nel fondo della sua sostanza una sorgente perenne di armonie. Egli era giunto a perpetuare nel suo spirito, senza intervalli, la condizione misteriosa 4 5 6
Gabriele d’Annunzio: Lettere d’amore. A cura di Annamaria Andreoli, Milano 2001. Vgl. Gunnar Decker: Rilkes Frauen oder die Erfindung der Liebe, Leipzig 2004, sowie den Beitrag von Erich Unglaub im vorliegenden Band. Gabriele d’Annunzio: Lettere a Jouvence. Prefazione di Pietro Gibellini. A cura di Elena Broseghini, Milano 1988, S. 130.
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Liebesbriefe von Gabriele d’Annunzio
da cui nasce l’opera di bellezza e a trasformare così d’un tratto in specie ideali tutte le figure passeggiere della sua esistenza volubile. Egli aveva indicato appunto questa sua conquista quando aveva messo in bocca ad una delle sue persone le parole: „Io assisteva in me medesimo alla continua genesi d’una vita superiore in cui tutte le apparenze si trasfiguravano come nella virtù di un magico specchio.“ [Er war dazu gekommen, in sich selbst die innige Verbindung von Kunst und Leben zu erreichen und so am Grund seiner Existenz eine dauernde Quelle der Harmonie wiederzufinden. Er war dazu gekommen, in seinem Geiste auf Dauer und ohne Unterlaß die geheimnisvolle Bedingung zu schaffen, aus der das Kunstwerk entsteht und so mit einem Schlag die flüchtigen Figuren seiner flatterhaften Existenz in Idealwesen zu verwandeln. Er hatte gerade diese seine Errungenschaft kundgetan, als er einer seiner Personen die folgenden Worte in den Mund gelegt hatte: „Ich erlebte in mir selbst die ständige Entstehung eines höheren Lebens, in dem alle Erscheinungen sich wie durch einen magischen Spiegel ‚verwandelten‘.“]7
Der letzte Satz ist – das macht ihn doppelt interessant – ein Zitat im Roman aus einem anderen Roman d’Annunzios, Le vergine delle rocce aus dem Jahre 1895. D’Annunzio scheut sich also nicht nur nicht, die eigene Person zum Protagonisten von Il fuoco zu machen, sondern er läßt diesen Protagonisten auch noch aus einem Werk seines Schöpfers zitieren – das Konnubium von Kunst und Leben wird hier auf die Spitze getrieben: Erst die Kunst verleiht, davon ist d’Annunzio überzeugt, der Vergänglichkeit der eigenen Subjektivität eine bleibende Idealität: Dotato d’una straordinaria facoltà verbale, egli riusciva a tradurre istantaneamente nel suo linguaggio pur le più complicate maniere della sua sensibilità con una esattezza e con un rilievo così vividi che esse talvolta parevano non più appartenergli, appena espresse, rese ogettive dalla potenza isolatrice dello stile. [Begabt mit einer außerordentlichen Ausdrucksfähigkeit, gelang es ihm, noch die kompliziertesten Facetten seiner Sensibilität mit einer so lebhaften Genauigkeit und Konturierung sofort in seine Sprache zu übertragen, daß diese, kaum ausgesprochen, ihm zuweilen nicht mehr zu gehören schienen, objektiviert durch die isolierende Kraft des Stils.]8
Angesichts eines solchen Kunstprogramms müssen alle kleinlichen Bedenken der Zeitgenossen verstummen, ja bei denen, die dem Helden nahestehen und ihn lieben, ist Bewunderung angebracht und entsteht angeblich auch: Talché in quanti l’udivano per la prima volta si generava un sentimento ambiguo, misto di ammirazione e di avversione, manifestando egli sé medesimo in forme così fortemente definite che sembravano risultare da una volontà costante di stabilire tra sé e gli estranei una differenza profonda e insormontabile. Ma, poiché la sua sensibilità eguagliava il suo intelletto, a quanti gli stavano da presso e lo amavano era facile ricevere a traverso il cristallo della sua parola il calore della sua 7 8
Gabriele d’Annunzio: Prose di romanzi, Bd. II, Milano 1989, S. 205f. Ebd., S. 206.
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anima appassionata e veemente. Sapevano costoro come fossero infinite le sue potenze di sentire e di sognare, e da qual combustione sorgessero le imagini belle in cui egli soleva convertire la sostanza della sua vita interiore. [Derart, daß bei all denen, die ihn zum ersten Mal hörten, ein zwiespältiges Gefühl entstand, gemischt aus Bewunderung und Abneigung, da er sich in so stark festgelegten Formen äußerte, daß sie das Ergebnis eines konstanten Willen zu sein schienen, zwischen sich und den anderen eine tiefe und unüberwindliche Differenz aufrechtzuerhalten. Da jedoch seine Sensibilität seinem Intellekt nicht nachstand, war es für diejenigen, die ihm nahestanden und ihn liebten, ein leichtes, durch das Kristall seines Wortes die Wärme seiner leidenschaftlichen und stürmischen Seele zu empfangen. Sie wußten, wie unendlich seine Fähigkeiten zu fühlen und zu träumen waren und aus welcher Glut die schönen Bilder aufstiegen, in die er die Substanz seines Innenlebens zu verwandeln pflegte.]9
Auch Eleonore Duse, mit der d’Annunzio in den Jahren, da Le vergine delle vocce und Il fuoco entstehen, in Liebe verbunden war, ist bereit, ihm die Bewunderung zu geben, die er verlangt – sie, die weltberühmte Schauspielerin, der das Theaterpublikum in den Hauptstädten Europas, in London, Paris, Wien, Berlin und St. Petersburg zu Füßen liegt. So schreibt sie in einem Brief vom 6. August 1897: […] ich sehe, wieviel ich tun könnte und was es jetzt zu erledigen gäbe! Ach! sei nicht gekränkt, teure Seele – wenn ich immer wieder darauf bestehe; wirken, tätig sein, Dir helfen. Ich weiß recht gut, wie sehr Dich diese Worte empören können, wenn Du aber in Dich gehst und erwägst, welcher Ruhe und welcher Sammlung Du bedarfst, dann verstehst Du mein demütiges Anerbieten in seiner Würde. Ach! Ach! Es ist nicht die einfache Kreatur, die der Hilfe bedarf, sondern das Genie. Du brauchst um Dich ehrgeizige, aber ruhige Leute, und sie würden Dir jede äußere Belastung, jede Zeitvergeudung ersparen, solange Du das heilige Brot bereitest – das Du geben mußt, wenn Du in der großen Freude des Ausstrahlens leben willst.10
D’Annunzio hat, das zeigt seine Biographie, die Glut solcher vorwiegend weiblicher Bewunderung von Beginn seiner literarischen Produktion an dazu genutzt, das „heilige Brot“ seiner Werke zu bereiten. Frauen begleiten, wie die schon erwähnte Anthologie von Liebesbriefen vorführt, sein dichterisches Schaffen zwischen 1881 und 1935, von Lalla (Giselda Zucconi), der Tochter eines Lehrers von d’Annunzio, bis zu Ether (Ester Pizutti), der letzten Liebe des Dichters, der der über Siebzigjährige noch hocherotische Liebesbriefe zukommen läßt. Denn d’Annunzio ist kein misogyner Dandy, der die Bewunderung der Menge braucht, ohne seiner-
9 Ebd. 10 Liebesbriefe, München 1964 (Briefe der Weltliteratur, hg. von Kurt Fassmann), S. 158f.
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Liebesbriefe von Gabriele d’Annunzio
seits irgendein Gefühl zu investieren, es sei denn Verachtung.11 Nein, Gabriele d’Annunzio ist bei allem Narzißmus, der ihn psychologisch und ästhetisch charakterisiert, viel mehr Don Juan als Dandy, eine Mischfigur, der zwar die eigene Kreativität über alles geht, die aber zu ihrer Verwirklichung der Sexualität und ihrer ästhetischen Sublimierungen bedarf. D’Annunzio nutzt die Energie, die er in seine immer neuen Liebschaften investiert, schamlos (und das ist hier wörtlich zu nehmen), um aus den „figure passagiere della sua esistenza volubile“, den „flüchtigen Figuren seiner flatterhaften Existenz“ – und auch dies kann, wie man sieht, wörtlich genommen werden – die Bilder seiner Gedichte, die Szenen seiner Romane zu formen. Dies gilt schon für den ersten großen Erfolg, Il Piacere, erschienen 188912, den ersten der drei Rosenromane (Romanzi della rosa), zu denen noch L’innocente und Trionfo della morte gehören. Die Handlung von Il Piacere speist sich aus den Erfahrungen, den Szenen, den Briefen, die d’Annunzio das Verhältnis mit Elvira Natalia Fraternali Leoni, genannt Barbara, einbrachten. Die Stimmung, die die Briefe an Barbara Leoni kennzeichnet, prägt auch die Handlung von Il Piacere, wenn auch hier effektvoll stilisiert zum Gegensatzpaar femme fatale/femme fragile13 , von Elena Muti, die seine Sinnlichkeit reizt, und Maria Ferres, einer Frau von madonnenhafter Idealität. Graf Andrea Sperelli-Fieschi d’Ugenta, der Protagonist des Romans aus altem Adel („di antica nobiltà italica“), macht wie sein Ebenbild, der Autor selbst, aus der Liebe ein Kunstwerk, in dem die Wirklichkeit zur Kunst und die Kunst Wirklichkeit wird: La ragione del suo potere stava in questo: che, nell’arte d’amare, egli non aveva ripugnanza ad alcuna finzione, ad alcuna falsità, ad alcuna menzogna. Gran parte della sua forza era nella ipocrisia. [Darin lag die Ursache seiner Macht: in der Kunst der Liebe schreckte er vor keiner Verstellung, keiner Falschheit, keiner Lüge zurück. Ein großer Teil seiner Stärke lag in der Heuchelei.]14
11 Zur Figur des Dandy vgl. u.a. Sebastian Neumeister: Der Dichter als Dandy. Kafka – Baudelaire – Thomas Bernhard, München 1973, und Marie-Christine Natta: La Grandeur Sans Convictions. Essai sur le dandysme, Paris 1991. 12 Aus der umfangreichen Sekundärliteratur zu Il Piacere vgl. Wolfgang Drost: Negative Idealität im Denken Gabriele d’Annunzios: Eine Lektüre des Romans „Il Piacere“ (1889), in: Italienische Studien 3 (1980), S. 45–57, und – grundlegend – Joachim Küpper: Dekadenz. Zu Gabriele d’Annunzios Il Piacere, in: Poetica 29 (1997), S. 198–233 (jetzt in: ders., Zum italienischen Roman des 19. Jahrhunderts, Stuttgart 2002, S. 114–148). 13 Vgl. zu diesem Gegensatzpaar Hans Hinterhäuser: Fin de Siècle, München 1977, und die dort, S. 107, angegebenen Studien von Ariane Thomalla und Bettina Pollak sowie Elisabeth Bronfen: Liebestod und Femme fatale. Der Austausch sozialer Energien zwischen Oper, Literatur und Film, Frankfurt/Main 2004. Zu Il Piacere bei Hinterhäuser vgl. ders.: Fin de Siècle, S. 110–117. 14 Gabriele d’Annunzio, Prose di romanzi, Bd. I, Milano 1988, S. 14.
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Doch die Erfindung, die Lüge, die Heuchelei ist gerechtfertigt, ja geheiligt dadurch, daß sie Kunst ist. Die Kunst aber, das Theater, ist der Ort, an dem der Künstler wie der Liebende sich selbst zum Idol werden:15 […] la sua casa era un perfettissimo teatro; ed egli era un abilissimo apparecchiatore. Ma nell’artificio quasi sempre egli metteva tutto sé; vi spendeva la richezza del suo spirito largamente; vi si obliava così che non di rado rimaneva ingannato dal suo stesso inganno, insidiato dalla sua stessa insidia, ferito dalle sue stesse armi, a simiglianza d’un incantatore il qual fosse preso nel cerchio stesso del suo incantesimo. [Deshalb war sein Haus ein vollkommenes Theater und er ein sehr fähiger Regisseur. Aber er ließ fast immer sein ganzes Sein in das Kunstwerk eingehen; er verschwendete großzügig den Reichtum seines Geistes; er vergaß sich so weit, daß er nicht selten durch seine eigene Täuschung getäuscht wurde, durch seine eigenen Fallen zu Fall kam, durch seine eigenen Waffen verletzt wurde, wie ein Zauberer, der in seinem eigenen Zauberkreis gefangen ist.] 16
Es spricht vieles dafür, daß d’Annunzio sich als Liebhaber ebenso verhalten hat wie seine Kunstfigur Andrea, daß er jene „unheimliche Gabe der Selbstverdoppelung“ besessen hat, von der Hugo von Hofmannsthal in Bezug auf d’Annunzio gesprochen hat17, daß er jenes Talent zu lügen besaß, das Friedrich Nietzsche in Richard Wagner beschrieben und bekämpft hat, Nietzsche zufolge der Künstler der décadence, der zugleich der moderne Künstler par excellence, der „Cagliostro der Modernität“ ist.18 D’Annunzio schaut sich selbst bei der Liebe zu, so wie Hofmannsthal zufolge eine ganze Generation, seine und diejenige d’Annunzios, dem eigenen Leben zugeschaut hat, fasziniert von der eigenen Fähigkeit zur ästhetischen Selbstinszenierung und nicht geneigt, daran Kritik zu üben. Dieses Leben gleicht dem magischen Spiegel, von dem nicht zufällig im zitierten Eigenzitat aus Il fuoco die Rede ist, Spiegelung einer Spiegelung, die sich vor die Wirklichkeit schiebt. Und nichts hindert uns, dies auch für die Liebesbriefe anzunehmen. Ist es Verzweiflung oder ist es Theater, wenn er im Dezember 1891 an die ihm entgleitende „Barbara“ schreibt:
15 Vgl. Marc Föcking: „Fra le pura dita l’ostia santa“. Die Sakralisierung des Profanen in den Romanen Gabriele d’Annunzios, in: Germanisch-Romanische Monatsschrift 41 (1991), S. 189–213. Vgl. zum Thema der Sakralisierung der Liebe bei d’Annunzio und dem von ihm stark beeinflußten, doch anders als der Italiener ironisch-spielerischen Spanier Ramón María de Valle-Inclán Elisa Martínez Garrido: Imágenes místicosacrales en el erotismo de D’Annunzio y Valle-Inclán, in: Eros Literario, Madrid 1989, S. 159–166. 16 D’Annunzio: Prose di romanzi, Bd. I [Anm. 14], S. 17. 17 Hugo von Hofmannsthal: Gabriele d’Annunzio (I), in: ders.: Prosa I, Frankfurt/Main 1956, S. 147–158, hier S. 148. 18 Friedrich Nietzsche: Der Fall Wagner. Ein Musikanten-Problem, in: ders.: Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, hg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, Bd. 6, München 1980, S. 21, 26 und 28. Vgl. dazu Küpper: Dekadenz [Anm. 12], S. 231f. (Anm. 92; mit weiterer Literatur).
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Liebesbriefe von Gabriele d’Annunzio
Speravo, dunque, speravo ancora. Pensavo: „Ancora riuscirò forse ad innamorarla. Qui, nell’intimità di questa casa luminosa e quieta, io cercherò di essere per lei l’amante ideale. E il suo amore forse risalirà.“ [Ich hoffte also, ich hoffte noch immer. Ich dachte: „Vielleicht gelingt es mir noch immer, sie verliebt zu machen. Hier, in der Intimität dieses hellen und ruhigen Hauses werde ich versuchen, der ideale Liebhaber für sie zu sein. Und vielleicht erwacht von neuem ihre Liebe.“]19
Zur selben Zeit, da er diese Zeilen schreibt, weiß d’Annunzio aber schon, daß er dem Wunsch Barbaras, nach Rom zurückzukehren, schon wegen der Gläubiger, die dort auf ihn warten, nicht entsprechen kann, daß sein Eheversprechen eine Lüge ist, daß er zur selben Zeit ein Verhältnis mit einer sizilianischen Adligen, Mutter von vier Kindern, hat und daß er sich schon eine neue Liebe gönnt, Maria Gravina, der er im April 1892 ein Exemplar seines Romans L’innocente widmet. Kein Zweifel (und das „Verliebtmachen“ – innamorarla –, das „Derideale-Liebhaber-sein-Wollen“ bestätigt es): es ist Theater, ein Theater allerdings, das zum Ort einer rituell gefeierten Liebesreligion wird: Tutto, intorno, aveva assunto per lui quella inesprimibile apparenza di vita che acquistano, ad esempio, gli arnesi sacri, le insegne d’una religione, gli strumenti d’un culto, ogni figura su cui si accumuli la meditazione umana o da cui l’immaginazione umana poggi a una qualche ideale altezza. Come una fiala rende dopo lunghi anni il profumo dell’essenza che vi fu un giorno contenuta, così certi oggetti conservavano pur qualche vaga parte dell’amore onde li aveva illuminati e penetrati quel fantastico amante. E a lui veniva da loro una incitazione tanto forte ch’egli n’era turbato talvolta come dalla presenza d’un potere soprannaturale. [Alles um ihn herum hatte für ihn jenen unbeschreiblichen Anschein von Leben angenommen, den zum Beispiel heilige Gerätschaften erhalten, die Zeichen einer Religion, die Instrumente eines Kultes, kurz, alle Gebilde, auf die sich die menschliche Meditation vorzugsweise richtet oder von der die menschliche Vorstellungskraft zu idealen Höhen aufsteigt. Wie eine Phiole noch viele Jahre den Duft der Essenz bewahrt, die einstmals in ihr war, so bewahrten auch bestimmte Gegenstände einen unbestimmten Anteil der Liebe, mit der sie jener phantastische Liebhaber erleuchtet und erfüllt hatte. Und ihm kam aus ihnen ein so starker Anreiz, daß er davon bisweilen beunruhigt war wie von der Anwesenheit einer übernatürlichen Macht.]20
Wie skrupellos d’Annunzio mit den eigenen Gefühlen umgeht, führt er in dem Roman Trionfo della morte (Triumph des Todes) vor, entstanden zwischen 1889 und 1894, dem Jahr der Veröffentlichung. Thema des Romans ist, wie schon der Titel erkennen lässt, der Tod. Giorgio Aurispa, der Protagonist, ist dem „schrecklichen Schauspiel“ des Todes verfallen, wie er seiner Geliebten Ippolita Sanzio verfallen ist. Der Tod durchzieht leitmotivisch das ganze Buch, vom Freitod eines Unbekannten gleich zu Be19 Come una carezza. Lettere d’amore dell’ Ottocento italiano. A cura di Guido Davico Bonino, Torino 2004, S. 287. 20 D’Annunzio: Prose di romanzi, Bd. I [Anm. 14], S. 17f.
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ginn bis zum gemeinsamen Sturz vom Felsen am Ende, mit dem der Held sich von der Frau befreit, die ihn ausweglos beherrscht und nun sein Opfer wird. Dem Roman ist übrigens ein Aphorismus in deutscher Sprache aus Friedrich Nietzsches Jenseits von Gut und Böse vorangestellt und die Widmung für den Freund Francoro Paolo Mischetti beschließt d’Annunzios mit den Worten: Noi tendiamo l’orecchio alla voce del magnanimo Zarathustra, o Cenobiarca; e prepariamo nell’arte con sicura fede l’avvento dell’ Uebermensch, del Superuomo. [Wir leihen unser Ohr der Stimme des großmütigen Zarathustra, o Klosterpatriarch, und bereiten in der Kunst mit festem Glauben die Ankunft des Übermenschen vor.]21
In den Dunstkreis dieses Menschenbildes, das fremdes wie eigenes Leben dem titanischen Kunstwollen opfert, ist auch die Selbstdarstellung einzuordnen, die d’Annunzio in das sechste Kapitel des ersten Buches seines Romans einfügt. Ippolita findet in ihrem Koffer jenes sprichwörtliche Bündel von Liebesbriefen, das gemeinhin, zusammengehalten von einer rosa Schleife, als das Unterpfand einer sentimentalen Verbindung gilt: - Vedi? Le tue lettere … Le porto sempre con me. Giorgio esclamò con visibile compiacenza: - Tutte? Le hai conservate tutte? Sì, tutte. Ho anche i biglietti, anche i telegrammi. Manca un biglietto solo, quello che gettai nel fuoco perché non cadesse nelle mani di mio marito. Ma conservo i pezzi bruciati: qualche parola à ancora leggibile. - Mi lasci vedere? domandò Giorgio.22 [„Siehst Du! Deine Briefe … Ich habe sie immer bei mir.“ Mit sichtlichem Wohlgefallen rief Giorgio aus: „Alle? Hast Du sie alle aufbewahrt?“ „Ja, alle. Ich habe auch die Karten und die Telegramme. Eine einzige Karte fehlt, die ich ins Feuer warf, damit sie nicht meinem Mann in die Hände fallen sollte. Aber ich bewahre die angebrannten Stücke auf: einige Worte darauf sind noch leserlich.“ „Willst Du sie mir zeigen?“ fragte Giorgio.]23
Ippolita stimmt zu und die beiden vertiefen sich in die Lektüre einiger der 294 Briefe, zu denen noch Telegramme und Kurzbotschaften (biglietti) gehören, einschließlich derer, von der nur noch verkohlte Reste existieren: Si posero l’uno accanto all’altra seduti, contro il tavolo; e incominiciarono la lettura. Invadeva Giorgio una commozione singolare, dinanzi a quei documenti del 21 Ebd., S. 644. 22 Ebd., S. 686f. 23 Hier und im folgenden leicht überarbeitete Übersetzung von M[aria] Gagliardi: Gabriele d’Annunzio: Der Triumph des Todes, Berlin 1899.
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Liebesbriefe von Gabriele d’Annunzio
suo amore: una commozione delicata e forte. Le prime lettere misero nel suo spirito uno scompiglio. Certi stati dell’animo estremi, che quelle lettere rivelavano, gli parvero da principio incomprensibili. L’elevazione lirica di certe frasi lo empì quasi di stupore. La violenza e il tumulto della passione giovine stupore. La violenza e il tumulto della passione giovine gli diedero una specie di sbigottimento, in mezzo alla quiete che ora lo circondava, in quell’albergo modesto e silenzioso. Una lettera diceva: „Quante volte il mio cuore ha sospirato verso di te, questa notte! Un’angoscia oscura mi premeva, anche nei brevi intervalli di sonno; ed io aprivo gli occhi per fuggire i fantasmi che si levavano dal profondo dell’anima mia … Un solo pensiero mi tiene, un solo pensiero mi tortura: – che tu possa andar lontano. Mai mai una tal possibilità mi ha dato un terrore e un dolore più folli. Io ho, in questo momento, la certezza precisa, chiarissima evidente, che senza di te è impossibile la mia vita. Se penso che tu non ci sei, ecco, il giorno si oscura, la luce mi diventa nemica, la terra mi appare come una tomba senza fondo: – io entro nella morte.“ [Sie setzten sich nebeneinander an den Tisch und begannen mit der Lektüre. Eine sonderbare Rührung bemächtigte sich Giorgios angesichts dieser Dokumente seiner Liebe, eine sanfte und starke Rührung. Die ersten Briefe hatten etwas Verwirrendes für seinen Geist. Gewisse verzweifelte Seelenzustände, die diese Briefe enthüllten, schienen ihm anfangs unbegreiflich. Die lyrisch gehobene Ausdrucksweise bestimmter Sätze verblüffte ihn beinah. Die Heftigkeit und das Ungestüm seiner jungen Leidenschaft versetzten ihn hier, inmitten der Ruhe, die ihn in dem bescheidenen, stillen Gasthaus umgab, in eine Art von Bestürzung. Ein Brief lautete: „Wie oft hat mein Herz heute Nacht nach Dir geseufzt! Eine trübe Bangigkeit bedrückte mich selbst in den kurzen Pausen des Schlafes; und ich öffnete die Augen, um den Wahnvorstellungen, die sich im Innern meiner Seele erhoben, zu entfliehen … Ein einziger Gedanke läßt mich nicht los, ein einziger Gedanke foltert mich: daß Du fortgehen könntest. Niemals hat eine solche Möglichkeit mir unsinnigeres Entsetzen, herberen Schmerz verursacht. Ich habe in diesem Augenblick die absolute, klarste, überzeugte Gewißheit, daß ohne Dich mein Leben unmöglich ist. Wenn ich denke, daß Du nicht hier bist, siehe, so verfinstert sich für mich der Tag, das Licht wird mein Feind, die Erde erscheint mir wie ein bodenloses Grab: – ich spüre den Tod.“]24
Wie man sieht, ein typischer Liebesbrief, voller Leidenschaft und voller Leiden. Im folgenden integriert d’Annunzio noch Zitate aus nicht weniger als 15 weiteren Briefen in den Text, in denen die ganze Gefühlsskala einer stürmischen Liebesbeziehung ausgebreitet wird, Beginn, Verlauf und Krise – „die Briefe werden allmählich bitter, trübe, voller Verdächtigungen, Zweifel, Anklagen“, wie es einmal in den zwischen die Brieftexte eingeschobenen Kommentaren des auktorialen Erzählers heißt.25 d’Annunzio entfaltet in der Schilderung der Gefühlsnuancen dieser Liebe eine hohe Kunst der Differenzierung und der Psychologie und dies alles vor dem Hintergrund einer Handlung, die selbst reich an Ereignissen und Erlebnissen ist. 24 D’Annunzio: Prose di romanzi , Bd. I [Anm. 14], S. 688f. 25 Ebd., S. 697.
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Die Perversion dieser kunstvollen Textkombination besteht nun ganz im Wortsinn darin, daß alle diese im sechsten Kapitel des ersten Buches von Trionfo della morte versammelten Briefpassagen echt sind – sie entstammen dem Briefwechsel d’Annunzios mit Barbara Leoni und spiegeln den Weg dieser Beziehung wider, die fünf Jahre dauerte, von 1887 bis 1892, bis sie an der Untreue beider Partner zerbricht, beide wegen dieser Verbindung geschieden und beide am Ende schon wieder in neuen Beziehungen. Die genannte Zeitspanne ist aber zugleich auch eine Periode höchster Kreativität, in der die Trilogie der Romanzi della morte entsteht. Hierher gehört u.a. auch die Gedichtsammlung Elegie romane (Römische Elegien), eine Art lyrisches Tagebuch nach goetheschem Vorbild, in dem der Dichter die Liaison mit Barbara von den leidenschaftlichen Anfängen bis zum Wechsel zur nächsten Geliebten, Maria Gravina, poetisch gestaltet. Hugo von Hofmannsthal hat hellsichtig den Unterschied der Charaktere, aber auch den Epochenbruch beschrieben, der diese Elegien von denen Goethes trennt: Es ist, als hätte sich in den hundert Jahren, die zwischen diesen beiden Liebestagebüchern liegen, alle Sicherheit und Herrschaft über das Leben rätselhaft vermindert bei immerwährendem Anwachsen des Problematischen und Inkommensurablen. Gegenüber diesem ekstatischen Auffliegen der Liebe, dieser uneingeschränkten mystischen Hingabe an die Stimmung, wie nüchtern bei Goethe die weise Beschränkung, wie simpel, wie antik! Dem nervösen Romantiker ist die Liebe halb wundertätiges Madonnenbild, halb raffinierte Autosuggestion; unter den Händen Goethes war sie nichts als ein schöner Baum mit duftenden Blüten und saftigen Früchten, nach gesunden Bauernregeln gepflanzt, gepflegt und genossen.26
III „Raffinierte Autosuggestion“: das ist ein Stichwort, das uns zum Kern des Problems zurückführt, das es hier zu erörtern gilt. Denn spätestens die Tatsache, daß sich ein ganzes Romankapitel als Collage echter Briefe erweist, muß Anlass zu der Frage sein, was hier echt ist und was falsch, was Wahrheit ist und was Erfindung, und vor allem, was ein Brief, ein Dokument ist und was ein Kunstprodukt.27 Die Briefe, die d’Annunzio aus seiner Korrespondenz mit Elvira Natalia Fraternali Leoni, genannt Barbara, in seinen Roman Trionfo della morte übernommen hat, sind gleich weit entfernt von den spontanen, nicht stili26 Hugo von Hofmannsthal: Prosa I [Anm. 17], S. 155. 27 Die gleichen Fragen muß sich auch der Leser der Briefe Oscar Wildes stellen, die dieser zur selben Zeit an seine Freunde, an Mäzene, Kritiker und Feinde schrieb (Oscar Wilde: Ein Leben in Briefen, hg. und kommentiert von Merlin Holland, München 2005).
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Liebesbriefe von Gabriele d’Annunzio
sierten Briefen einer Liebschaft wie von den fiktiven Briefen eines Briefromans. Den einen haben sie die Authentizität voraus, den anderen die Form. Dennoch fällt es schwer, ihnen gerade jene Authentizität zuzusprechen, die normalerweise Briefe als persönliche, ja intime Zeugnisse einer individuellen Biographie kennzeichnet. Es sei denn, man betrachtet Gabriele d’Annunzio als eine Person sui generis, die in allem sich selbst inszeniert, auch in der Liebe, ohne Rücksicht auf die Opfer, die diese Haltung von anderen verlangt. D’Annunzios Authentizität wurzelt gerade in seinem Künstlertum, seine genuine Lebensform ist die Inszenierung. Zu unterscheiden ist dabei allerdings zwischen verschiedenartigen Lesern seiner Liebesbriefe, der jeweiligen Adressatin zum einen und dem anonymen literarischen Publikum zum anderen. Das macht unterschiedliche Wege erforderlich, um für eine übermittelte Botschaft jenseits der sprachlichen Verständigung einen gemeinsamen Bezugsrahmen herzustellen.28 Ein solcher Bezugsrahmen ist notwendig, um die Botschaft zu verstehen. Im unmittelbaren Gespräch kann er durch Rückfragen und nonverbale Signale hergestellt werden. Im schriftlichen Kommunikationsprozess dagegen ist das nicht ohne weiteres möglich und setzt entweder das Wissen beider Kommunikationspartner um die gemeinte Situation voraus, so wie dies beim Austausch von Liebesbriefen normalerweise der Fall ist, oder die Verständigung hat es mit Unbestimmtheitsgraden zu tun, die weniger solche des Textes als vielmehr solche der Beziehung des Lesers zum Text sind.29 Im Falle von Liebesbriefen, die, wie dies bei Trionfo della morte der Fall ist, in einen Roman integriert sind, orientiert sich der Leser an dem, was er hat, an der Charakterisierung der handelnden Person und an der Romanhandlung. Da es sich dabei jedoch um naturgemäß reduzierte und überdies vom Autor gesteuerte Informationen handelt, muß der Leser solcher Briefe zusätzlich tätig werden und eine eigene, wenn auch durch den literarischen Kontext vorgeprägte Sicht der Dinge konstruieren. Wenn daher d’Annunzio seine Privatkorrespondenz in eine fiktionale Handlung einbaut, ändert sich der Charakter der ursprünglich authentischen Botschaft substantiell. Was vorher pragmatisch und referentiell war, ist nunmehr fiktional und autonom. Der funktionale Akzent verlagert sich, rhetorisch gesprochen, vom genus deliberativum zum genus demonstrativum, vom rhetorisch durchaus komplexen Versuch der Einflußnahme zum eigenen Vorteil zur Instrumentalisierung für die literarische Konstruktion. „Come ti sei allontanata da me!“ – so schreibt d’Annunzio am 2. September 1888 an Barbara Leoni in einem Brief, den er später in den Roman 28 Vgl. Wolfgang Iser: Der Akt des Lesens: Theorie ästhetischer Wirkung, München 1976, S. 262. 29 Vgl. ebd., S. 283.
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Trionfo della morte aufnimmt – „Non è soltanto il sentimento della lontananza materiale, che mi tortura. Mi pare che anche l’anima tua si distacchi da me e mi abbandoni … – Il tuo profumo fa felici gli altri. Chi ti guarda, chi ti ode, gioisce di te … – Scrivimi e dimmi che sei tutta mia in ogni tuo atto e in ogni tuo pensiero, e che mi desideri e che mi rimpiangi, e che non trovi bello nessun momento, lontana da me.30 [Wie fern bist Du mir gerückt! Es ist nicht nur das Gefühl der räumlichen Entfernung, das mich peinigt. Mir ist es, als ob auch Deine Seele sich von mir loslöst, und mich verlässt … – Dein Duft beglückt andere. Wer Dich sieht, wer in Deiner Atmosphäre atmet, erfreut sich Deiner … Schreibe mir, sage mir, daß Du in jedem Atemzug, in jedem Gedanken ganz und gar mir angehörst, daß Du Dich nach mir sehnst, daß Du mich beklagst und daß Du, fern von mir, keinen Augenblick des Genusses hast.] Im Original hat die Schilderung, die d’Annunzio in diesem Brief gibt, eine eindeutig pragmatische Funktion, sie soll die Geliebte an ihn binden, auch wenn aus dem Text unverhüllter Egoismus spricht. Diese Funktion wird in einem Brief, den d’Annunzio fünf Tage später schreibt, im Roman aber auf Anfang November datiert, noch stärker sichtbar: Tu mi scrivi: – Io ti son rimasta fedele a gran pena. – Che intendi di dire? Quali sono le terribili vicende che ti hanno sconvolta? Dio mio, come sei mutata! Ne soffro inesprimibilmente; e il mio orgoglio si adira contro la sofferenza. Ho una ruga tra ciglio e ciglio, profondissima, come una cicatrice. Vi è raccolta un’ira repressa; vi è raccolta tutta l’amarezza de’ miei dubbii, de’ miei sospetti, de’ miei disgusti. Credo che neppure il tuo bacio basterebbe a mandarla via. Le tue lettere piene di desiderio mi turbano. Io non te ne sono grato. Da due o tre giorni ho contro di te qualche cosa, nel cuore. Non so che sia. Forse un presentimento? Forse una divinazione? [Du schreibst mir: „Ich bin Dir unter großen Schwierigkeiten treu geblieben.“ Was willst Du damit sagen? Mein Gott, wie verändert Du bist! Ich leide unaussprechlich darunter, und mein Stolz bäumt sich auf gegen dieses Leiden. Zwischen meinen Augenbrauen hat sich eine tiefe Falte, wie eine Narbe, eingegraben. Ein unterdrückter Zorn hat sich dort angesammelt. Ich glaube, nicht einmal Dein Kuß würde genügen, sie zu vertreiben. Deine sehnsüchtigen Briefe verwirren mich. Ich bin Dir dafür nicht dankbar. Seit zwei oder drei Tagen habe ich etwas gegen Dich auf dem Herzen. Ich weiß nicht, was es ist. Vielleicht ein Vorgefühl? Vielleicht eine Ahnung?]31
Die Frage, die sich der Schreiber des Briefes, Gabriele d’Annunzio, am 7. September 1888 stellt, war zu diesem Zeitpunkt noch unbeantwortet, es war eine echte Frage an die Zukunft. Im Roman dagegen ist sie Teil der situativen Konstruktion und als Handlungselement in Abhängigkeit von der späteren Entwicklung dieser Handlung längst beantwortet. Die Gefühlszustände sind nicht mehr real und ihre Schilderung hat nicht länger 30 D’Annunzio, Prose di romanzi, Bd. I [Anm. 14], S. 697. 31 Ebd., S. 698.
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Liebesbriefe von Gabriele d’Annunzio
eine pragmatische Funktion, sie sind fiktional und dienen der Darstellung eines narrativ inszenierten Gemütszustandes, statt ihn authentisch auszudrücken. Im Verhältnis des Dichters zu Barbara Leoni erfüllten die zitierten Briefe offenbar ihren Zweck, denn die Verbindung hat die hier sichtbar werdende Krise noch bis 1892 überdauert. Sie sind insofern Dokumente, Dokumente, die der Dichter zur Abfassung seines Romans von der Geliebten zurückerbittet.32 Im Roman von 1894 dagegen erhalten dieselben Briefe eine neue, eine nunmehr fiktionale Funktion, die ihren Charakter komplett verändert: Die Schilderung der Gefühle, die nun nicht mehr diejenigen Gabriele d’Annunzios sind, sondern dem Protagonisten Giorgio zugeschrieben werden, müssen ihre Eignung für die psychologische Konstruktion einer fiktiven Person unter Beweis stellen. Vielleicht aber, und damit käme die saubere Trennung von Wahrheit und Fiktion ins Wanken, war dies auch schon die Aufgabe der Originalbriefe? Eine Frage, die sich bei Gabriele d’Annunzio mit besonderer Eindringlichkeit stellt. D’Annunzio praktiziert, indem er sein eigenes Leben und sogar Originalbriefe in einen Roman integriert, nur dem ersten Anschein nach einen Realismus, für den ihm der französische Naturalismus und insbesondere der quasi wissenschaftlich vorgehende Émile Zola das Vorbild bot. In Wirklichkeit folgt er auch damit den Gesetzen einer ästhetischen Fiktion, die aus Originaltexten eine Welt jenseits der Welt formen will. „Giorgio litt beim Lesen, als ob sich in seinem Innern eine Wunde wieder geöffnet hätte“, so heißt es in dem dem Briefzitat folgenden Satz33 – eine Behauptung, die wir dem Erzähler abnehmen, weil es dem Autor Gabriele d’Annunzio gelingt, uns den Protagonisten psychologisch glaubwürdig zu schildern. Ob ihm dies aber deshalb gelingt, weil diese Briefe authentische Zeugnisse eines Gefühlszustandes sind oder weil d’Annunzio ein perfekter Gefühlsschauspieler war, das ist die Frage. Alles spricht dafür, daß letzteres anzunehmen ist. Daß dem Autor die Motivation der Gefühle seiner Protagonisten allerdings nicht immer gelungen ist und seine Romane häufig an ihrer Exaltiertheit und Künstlichkeit leiden und zu scheitern drohen, hat schon die zeitgenössische Kritik gesehen. Sie macht d’Annunzio nicht nur die wörtliche Übernahme von ganzen Passagen anderer Autoren zum Vorwurf, sondern unter literarischen Gesichtspunkten auch den zu direkten Anschluss an die Wirklichkeit in naturalistischer Manier.34 Das jedoch ist, wie wir gesehen haben, nicht der Kern des Problems. Es ist vielmehr eine Diskussion, die trotz aller 32 Vgl. ebd., S. 1282. 33 Ebd., S. 698f. 34 Vgl. ebd., S. 1296.
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Grenzverwischungen nur die erzählerische Kunst Gabriele d’Annunzios betrifft, nicht seine staunenswerte Kunst authentischer Inszenierung, in seinem Leben wie in seinen Briefen.35
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Der Verfasser legt Wert auf die Beibehaltung der alten Rechtschreibung.
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Liebesbriefe in fremder Sprache Rainer Maria Rilkes Briefe an Adelmina Romanelli Briefe ² ein Anachronismus? Im Nachwort zur 1936 von Walter Benjamin unter dem Pseudonym Å'HtOHI+RO]´KHUDXVJHJHEHQHQ%ULHIVDPPOXQJDeutsche Menschen schreibt Adorno, wer in diesem Jahrhundert noch Briefe schreiben könne, verfüge EHU ÅDUFKDLVFKH )lKLJNHLWHQ´ GHQQ HLJHQWOLFK OLHHQ VLFK NHLQH %ULHIH mehr schreiben. 1 Hinter dem Diktum steckt einerseits das Argument, im Zeitalter der perfektionierten technischen Kommunikation entspreche der persönliche Brief 2 nicht mehr der Situation des aufgeklärten Diskurses, wie er sich seit dem 18. Jahrhundert entwickelte, andererseits die Annahme, dass nach den Katastrophen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht einfach mit einem Federstrich zu den Kommunikationsformen der vorausgegangenen Zeit zurückgekehrt werden könne. 7URW] GLHVHU $XVJDQJVODJH KDW5HLQKDUG 1LFNLVFK ÅHLQH EHWUlFhtliche =DKO YRQ EHUGXUFKVFKQLWWOLFKHQ (SLVWRORJUDSKHQ´ LP Jahrhundert festgestellt, DQ GHUHQ 6SLW]H HU PLW GHP 9RUEHKDOW ÅYLHOOHLFKW´ 5DLQHU Maria Rilke setzt,3 von dem Paul Raabe behauptetHU KDEHÅVHLQJDQ]HV :HVHQ GHQ %ULHIHQ´ DQYHUWUDXW 4 Auch auf Rilkes eigene Aussage kann PDQ VLFK LQ GLHVHP =XVDPPHQKDQJ VWW]HQ Å,FK JHK|UH ]X Gen Men-
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Theodor W. Adorno: Nachwort, in: Deutsche Menschen. Eine Folge von Briefen, ausgewählt und eingeleitet von Walter Benjamin, Frankfurt/Main 1962 [zuerst Luzern 1936], S. 128. Vgl. auch die Abgrenzung von Brief und Rede bei Georg Simmel: Der Brief. Aus einer Soziologie des Geheimnisses (1908), in: ders.: Gesamtausgabe, hg. von Otthein Rammstedt, Bd. 8 Aufsätze und Abhandlungen 1901²1908, Bd. II, hg. von Alessandro Cavalli, Volkhard Krech, Frankfurt/Main 1995, S. 394²397. Reinhard M.G. Nickisch: Brief, Stuttgart 1991, S. 61. Paul Raabe: Brief/Memoiren, in: Wolf Friedrich, Walther Killy (Hg.): Das Fischer Lexikon. Literatur II,1, 2. Auflage Frankfurt/Main 1969, S. 112.
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schen, den altmodischen, die den Brief noch für ein Mittel des Umgangs halten, der schönsten und ergiebigsWHQHLQHV´5 Unter den zwei Grundarten des Briefschreibens, die Gustav Hillard festgestellt hat,6 der dialogischen und der monologischen Form, zählt Alberto Destro die kunstreichen Briefe Rilkes zu letzterer. Seine Mitteilungen seien letztlich Selbstergüsse, der Empfänger spiele nur eine marginale Rolle.7 Das ist freilich im Hinblick auf die Editionsverhältnisse eine riskante Wertung, zumal daraus weitreichende Folgerungen gezogen wurden, dass nämlich der Brief bei Rilke wie bei Hölderlin und Brentano eine Form der dichterischen Produktion gewesen sei, entsprechend dem Gedicht oder dem Roman. Damit rückt der Brief ins Zentrum des literarischen Werks, die Adressaten aber werden zu bloßen Stichwortgebern degradiert. Privatbriefe im engeren Sinn sind so kaum noch denkbar. Bei Rilke geht das Raffinement der Stilisierung so weit, dass der scheinbar nur ganz persönlich sich mitteilende BriefschreibHUDOVHLQHÅlVWKHWLVFKH5ROOH´ benutzt wird und das Sich-privat-Mitteilen somit selbst Fiktion wird.8 Beziehen wir solche Überlegungen auf den Liebesbrief, so wird nicht nur GHVVHQÄ)RUP¶VRQGHUQDXFKGHVVHQÄ0RUDO¶SUHNlUÄ/LHEH¶LVWDOVROLWHUarisch gemeint, und hinter dem Empfänger, der den Umschlag öffnet und das ² bei Rilke meist blaue ² gefaltete Seidenpapierblatt herauszieht, steht der mitlesende Rilke-Leser oder -Forscher, der ein literarisches Werk sieht, dessen persönlich-privater Hintergrund nur den Anlass für einen poetischen Aufschwung geliefert hat. Doch der Fall ist komplizierter. Denn Rilke machte seinen Korrespondenten immer wieder klar, dass für ihn Brief nicht gleich Brief sei. Dem Medium Brief schrieb er nämlich durchaus ganz unterschiedliche Funktionen zu und ebenso sich selbst unterschiedliche Rollen als Briefschreiber. Dies wäre im Rahmen einer noch zu schreibenden ausführli5 6 7 8
Rainer Maria Rilke an Lisa Heise, 2.8.1919, in: Rilke: Briefe in zwei Bänden, Bd 2, 1919 bis 1926, hg. von Horst Nalewski, Frankfurt/Main, Leipzig 1991, S. 8. Vgl. Gustav Hillard: Vom Wandel und Verfall des Briefes, in: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, Nr. 252, 23. Jg., H.4 (April 1969) S. 344. Vgl. Alberto Destro: La comunicazione epistolare in R.M. Rilke, in: studi germanici 14 (1976), S. 197²220. Vgl. Nickisch [Anm. 3], S. 97²98 (mit Bezug auf Heinz-Joachim Fortmüller: Clemens Brentano als Briefschreiber, Frankfurt/Main 1977, S. 17 und Karl Heinz Bohrer: Der romantische Brief. Die Entstehung ästhetischer Subjektivität, München, Wien 1987, S. 214 und 239). Von Rilke selbst wurde eine solch egomane Haltung eher kritisch gesehen, wie er LP)DOOHLQHULKPNDXPEHNDQQWHQ%ULHISDUWQHULQQlKHUDXVIKUWHÅ,FKELQ unbescheiden ausführlich, aber Ihr Brief hat ja wirklich zu mir geredet, zu mir, nicht zu irgendeinem, der nur willkürlich vom Briefschreiber mit meinem Namen ausgestattet worden ist, und so wollte ich auch meinerseits nicht weniger genau sein und keine Phrase Ihnen gegenüberVWHOOHQ YLHOPHKU GDV ZLUNOLFKH WDWVlFKOLFKH (UOHEQLV GLHVHV %HUKUWVHLQV´ 5DLQHU 0DULD Rilke an Lisa Heise, 2.8.1919, in: Rilke: Briefe in zwei Bänden [Anm. 5], Bd. 2, S. 8.)
Rilkes Briefe an Adelmina Romanelli
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FKHQ 'DUVWHOOXQJ YRQ 5LONHV Å%ULHIZHUN´ ZLH -Rachim W. Storck nicht ohne Bedacht schreibt9), eigens zu klären. Die Besonderheit von Rilkes Briefwechsel mit Frauen spiegelt sich dabei auch in einer eigenen Dynamik der Edition und Rezeption. Auch die nachfolgende Darstellung eines einzelnen Korrespondenzverhältnisses ist im Grunde nur der erste Teil einer Geschichte, die ihre Fortsetzung im verschlungenen Weg der Publikation und Rezeption der Briefe finden wird. Dem wäre gleichfalls gesondert nachzugehen.
Eine venezianische Begegnung (1907) Der in Deutschland nicht mehr ganz unbekannte, seit 1902 überwiegend in Paris lebende Rainer Maria Rilke hatte in rascher Folge die Lyrik-Bände Das Stunden-Buch (1905), Das Buch der Bilder (1902) und Neue Gedichte (1907) vorgelegt und hatte mit seinen Vorträgen (1905) über den französischen Bildhauer Auguste Rodin Aufsehen erregt. Doch das große Romanwerk, an dem er arbeitete, das dann bei seiner Veröffentlichung (1910) den Titel Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge tragen sollte, war noch eine unübersichtliche Textagglomeration in unterschiedlichen Taschenbüchern und Konvoluten. Rilke lebte jedoch nicht isoliert in Paris, sondern war durchaus in die dortige Kunstszene eingebunden; er besuchte Ateliers und Ausstellungen, hatte Kontakt mit Malern und Kunstschriftstellern wie Erich Klossowski (1875²1949) und Julius Meier-Gräfe (1867²1937). Letzteren hatte er Anfang Oktober 1907 bei der berühmten Gedächtnis-Ausstellung für CézanQHLP6DORQG·$XWRPQHJHWURIIHQ+LHUHUKLHOWHUGLH(PSIHKOXQJGLH VHLQHQELVKHUHKHUXQEHVWLPPWHQÅ5HLVeZXQVFK´QDFK9HQHGLJKLQOHLWHWH $QVHLQH)UDXEHULFKWHWHUÅ:HQQLFKYLHOOHLFKWLQGHU3HQVLRQGHV6LJQRU Romanelli, den Meier-*UDHIH HPSIDKO PLFK HLQULFKWHQ N|QQWH >«@ ,FK hätte dann dort drei Wochen «´10 Der Hintergrund war eine der üblichen Bekanntschaften im Milieu: In Paris war auch der Kunsthändler Piero Romanelli tätig, von ihm, dem zwei Jahre älteren, wurde Rilke an die Schwestern Adelmina und Anna in Venedig empfohlen, in deren Haus er dann auch vom 19. bis 30. November 1907 als (bescheiden) zahlender
9 10
Joachim W. Storck: Das Briefwerk, in: Manfred Engel (Hg.): Rilke-Handbuch. Leben ² Werk ² Wirkung, unter Mitarbeit von Dorothea Lauterbach, Darmstadt 2004, S. 498²506. Rilke an Clara Rilke-Westhoff, Paris 2.10.1907, in: Ingeborg Schnack: Rainer Maria Rilke. Chronik seines Lebens und seines Werkes, zweite, neu durchgesehene und ergänzte Auflage Frankfurt/Main 1996, S. 282.
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Gast unterkam. In einem Brief an Clara Rilke-Westhoff ist die Vorfreude schon erkennbar, wenn er darin aus Paris schreibt: Gestern abends hatte ich einen sehr netten Brief von Signor Romanellis Schwester aus Venedig bekommen. Ich könnte in LKUHP+DXV)RQGDPHQWD=DWWHUH>«@ ein sehr schönes Zimmer, gegen Süden, für 6 bis 7 Frcs. Pension (noch dazu vegetarischer!) jederzeit bekommen. Auch das stimmte also.11
Damit war der Aufenthalt gesichert. 12
Venedig, Zattere 1471, Wohnhaus der Geschwister Romanelli 13
Vom 19. bis zum 30. NovemEHU ZRKQWH 5LONH LQ GHP &DVD 5RVD¶ JHnannten Palazzetto an den Zattere 14 mit der alten Quartiernummer 1471, den schon John Ruskin in seinen Stones of Venice (1851²53) beachtet hatte.
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13 14
Rilke an Clara Rilke-Westhoff, Paris, 12.10.1907. In: R.M. Rilke: Briefe aus den Jahren 1906 bis 1907, hg. von Ruth Sieber-Rilke und Carl Sieber, Leipzig 1930, S. 376. Vgl. zum Venedig-Aufenthalt: Ralph Freedman: Rainer Maria Rilke. Bd. 2 Der Meister 1906²1926, aus dem Amerikanischen von Curdin Ebneter, Frankfurt/Main, Leipzig 2002, S. 58²61 und Stefan Schank: Rainer Maria Rilke, München 1998, S. 96. Aus den Dokumenten geht nicht hervor, dass Rilkes Abreise durch den Tod von Paula Modersohn-Becker veranlasst gewesen ist. Vgl. auch die saloppe Skizze bei Gunnar Decker: Rilkes Frauen oder die Erfindung der Liebe, Leipzig 2004, S. 141²143. 4XHOOH 3LHWUR &DVHOODWR /D YHQH]LDQD ÅPLVWHULRVD´ GL 5DLQHU 0DULD 5LONH 9HQHGLJ S. 119. Die Gegend bei den großen Landungsbrücken war gerade literarisch namhaft geworden. Henri de Régnier schrieb (1906) darüber die Skizze Les Zattere. Vgl. Henri de Régnier: Esquisses vénitiennes. Préface de Sophie Basch, Paris 1991, S. 65²67.
Rilkes Briefe an Adelmina Romanelli
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Der kleine Palast hatte einen großen Ausblick auf die Insel Giudecca und behielt die Akademiebrücke im Rücken. Rilke schreibt am Ankunftstag: Nun bin ich hier, in einer Art Privatwohnung diesmal, nicht im Hotel; in einem kleinen venetianischen Haus, in dem zwei Schwestern wohnen mit einer einzigen Magd. Draußen ist, nächtlich jetzt, der breite Steinquai der Zattere, an dem entlang große Segelschiffe liegen. Es ist so still, dass man an einem entfernteren die Taue knarren hört. Dann und wann kommt einzeln ein Schritt, der spät klingt, obwohl es erst nach acht ist. Ich warte. Ich denke mir, es wird seinen Sinn haben.15
Rilke wird sich der Episodenhaftigkeit seiner Existenz in Venedig bald bewusst, sie wird dann auch seinen Liebesbriefwechsel bestimmen. Drei Tage nach seiner Ankunft hat ihn die Atmosphäre ganz erfasst, wie er an 0DWKLOGH 9ROOPRHOOHU QDFK 3DULV VFKULHE Å8QG QXQ ELQ LFK LQ 9HQHGLJ >«@ 8QG GDV:XQGHU LVW GLHVPDOZLHDXVNlOWHVWHP *ODV $EHU ZXQGHUbaUHUVFKHLQW PLUDOVMH´16 DDV:XQGHU¶LVWGLH6WDGWPLWLKUHP*ODQ] ihrer Brüchigkeit und ihrer Kälte, noch nicht die Begegnung mit einer Frau. Rilkes Hoffnung war zunächst ganz auf die Literatur gerichtet. In Venedig war er ein ausländischer Dichter inkognito, denn in Italien war sein Werk als deutschsprachiger Schriftsteller noch ganz unbekannt. Entgegen der literarisch ausgerichteten Erwartung spielt sich in den wenigen Tagen des Aufenthalts eine Liebesgeschichte zwischen dem 32jährigen Rilke und der 30jährigen Tochter des Hauses ab.17 Diese war eine auffallende Persönlichkeit. VRQ .LQG DQ KDWWH $GHOPLQD Ä0LPL¶ 5omanelli eine kleine, fragile Gestalt mit sehr feinem Haar, großen topasfarbenen lebhaften Augen, die später in ein seltenes Blau übergingen.18 Da ihr Vater dagegen war, dass sie Schauspielerin wurde, wurde sie nach Bologna geschickt, wo sie ein Klavierstudium absolvierte. Eine erste Liebesgeschichte 15
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Rilke an Sidonie Nádherný von Borutin, 19.11.1907, in: Rainer Maria Rilke ² Sidonie Nádherný von Borutin: Briefwechsel 1906²1926, hg. und kommentiert von Joachim W. Storck unter Mitarbeit von Waltraud und Friedrich Pfäfflin, Göttingen 2007, S. 29. Eine solche Konstellation (Hafenstadt, Schiffe und nächtliche Meditation des Dichters) war seit Mallarmés Gedicht Brise marine (1865) zur poetologischen Chiffre geworden. Die Problematik einer künstlichen Stadt wie Venedig, die, anders als Florenz, einen Widerspruch zwischen Fassade und Leben schon in Topographie und Architektur demonstriere, hatte Georg Simmel, dessen akademischer Hörer Rilke war, kurz zuvor betont, vgl. Simmel: Venedig, in: ders.: Gesamtausgabe 8 [Anm. 2], S. 263 (Erstdruck in: Der Kunstwart, 20. Jg. [2. Juniheft 1907] S. 303). 5LONH DQ 0DWKLOGH 9ROOPRHOOHU LQ Å3DULV WXW QRW´ 5DLQHU 0DULD 5LONH ² Mathilde Vollmoeller. Briefwechsel, hg. von Barbara Glauert-Hesse, Göttingen 2001, S. 21. AOHVVDQGUR&XWROREH]HLFKQHWHVLHDOVÅTXHVWRSXULVVLPRDPRUHURPDQWLFRFKHGXUHUjSHU YHQWLOXQJKLDQQLILQRDOODPRUWHGLH5LONH´$OHVVDQGUR&XWROR/·DPRUHYHQH]LDQRGL5DLner Maria Rilke. 7UHQWDQRYHOHWWHUHGHOSRHWDDOODILGHOHGRQQDGDOÅFXRUHLQWHQVR´LQ&RUriere della Sera. 4. Mai 1940 Anno XVIII). Vgl. die Schilderung durch den Bruder bei Manlio Miserocchi: Un personaggio della Belle Époque, Venedig 1961, S. 118.
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versprach eine Ehe mit einem vielversprechenden Violinisten, der aber an Tuberkulose erkrankte und starb. Als glänzende Erscheinung und hervorragende Pianistin war sie lange Jahre auch ein unentbehrlicher Teil im Clan des Bruders in Paris. In Venedig hatte sie einen extravaganten Freundes- und Bekanntenkreis, der zum Beispiel den Komponisten Reynaldo Hahn, die Prinzessin Edmond de Polignac, die Tänzerin Isadora Duncan und die Schauspielerin Réjane umfasste.
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Quelle: Ingeborg Schnack: Rainer Maria Rilke: Leben und Werk im Bild, Frankfurt/Main 1973, S. 172. Die Herausgeberin hatte das Foto Mitte der sechziger Jahre von Adelmina Romanelli erhalten, vgl. Nachweis der Bilder, S. 287. Mit Dank an Dr. Renate Scharffenberg (Marburg) für ergänzende Informationen.
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Rilkes Liebesbriefe20 Die Sprache des Briefwechsels zwischen Rilke und Adelmina Romanelli ist ausschließlich französisch. Dies ist außergewöhnlich, denn es ist für beide Briefschreiber nicht die Muttersprache. Rilke hatte zwar als Schüler in Prag Französisch gelernt, diese Sprache aber erst seit Herbst 1902 (und zunächst mit einiger Mühe) in Paris für den Alltagsgebrauch benützt. Privatbriefe in französischer Sprache kennen wir von ihm bis zum VenedigAufenthalt 1907 überhaupt nicht. Seine Briefpartnerin behauptete im Rückblick von 1976 auf die Frage, ob sie damals Deutsch verstehen konnte: Å3RFR DOORUD >«@ PD OXL VH Q·HUD DFFRUWR VXELWR H PL SDUODYD LQ francese.´21 Mimi Romanelli hat als Fremdsprache das Französisch vorgezogen. Die Geschwister Piero und Anna Romanelli konnten sich durchaus akzeptabel auf Deutsch ausdrücken, wie deren Briefe an Rilke zeigen. Rilkes Italienisch war zu dieser Zeit eher rudimentär.22 Rilkes Liebesbriefe an Mimi Romanelli sind relativ kurz, keiner dürfte mehr als ein Manuskriptdoppelblatt an Umfang haben. Ort und Zeit sind meist angegeben und werden dem Text vorangestellt. Venedig, Bremen, Paris, Capri und Duino sind Rilkes Schreiborte, bei seiner Briefpartnerin sind es Venedig und Paris (wo sie gelegentlich ihren Bruder besuchte). Rilkes Datierungen sind meist genau, gelegentlich, vor allem, wenn die Briefe in einer raschen Folge verfasst werden, nennt er nur den Wochentag.
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Die heute meist verfügbare Ausgabe dieser Briefe, nach der auch im Folgenden unter der Sigle LAV zitiert wird, ist: Rainer Maria Rilke: Lettres à une amie vénitienne, Paris 1985. Diese Publikation folgt einer älteren Ausgabe (Lettres à une amie vénetienne par Rainer Maria Rilke, Verona 1941), jedoch sind die drei Briefe Rilkes an Piero Romanelli von Roman Simon aus dem Deutschen ins Französische übersetzt. Die entsprechende italienische Ausgabe: Rainer Maria Rilke: Lettere a un'amica veneziana, Mailand 1986 (die Briefe an Piero Romanelli sind in der italienischen Übersetzung von Rosellina Archinto und Elena Brosehini enthalten). In den Beständen des schweizerischen Literaturarchivs in Bern befinden sich 31 Abschriften von Rilkes Briefen an Mimi Romanelli (1907²1912) sowie 23 Gegenbriefe von Adelmina Romanelli an Rilke, die bislang nur in Zitaten veröffentlicht sind. Im Deutschen Literaturarchiv Marbach/Neckar befinden sich sechs Briefe, ein Telegramm (1911²1914) von Mimi Romanelli an Rilke. Hier ist das Potenzial eines echten, in der Zahl der Poststücke nahezu gleichberechtigten Briefwechsels editorisch noch zu erschließen, somit eine exemplarische Aufgabe in einem Projekt zur Kulturgeschichte des Liebesbriefs. Diese Briefkonvolute haben einige Besonderheiten, die zu untersuchen sich lohnt. Casellato [Anm. 13], S. 40. Wir wissen nicht, wann und wo er diese Sprache erlernt hatte, aber doch, dass er schon NOHLQHUH3DUWLHQGHULWDOLHQLVFKHQ/LWHUDWXUYRQ'DQWHELV'·$QQXQ]LREHUVHW]WKDWWH2E dies eine hinreichende Qualifikation für das Verfassen von privaten Liebesbriefen gewesen ist, lässt sich bezweifeln. So ist das von ihm initiierte Ausweichen auf das ihm geläufigere Französisch durchaus plausibel.
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Auffällig ist der erste Brief, eine Woche nach der Ankunft in Venedig geschrieben. 5LONH VHW]W ]XP 'DWXP Å 1RYHPEUH´ KLQ]X ÅYHUV PLQXLW´ XQG XQWHUVWUHLFKW GLHVH PDUNDQWH )RUPHO LP (LQJDQJVVDW] ÅPour la première fois seul avec votre portrait je dois dans le silence de la nuit vénitienne vous écrire´(LAV 7) Aus dem Datum wissen wir: Rilke schreibt an die Dame im selben Haus. Es ist der nicht ganz seltene Fall, dass bei Liebesbriefen nicht die amtliche Post bemüht werden musste,23 sondern das billet doux auf irgendeine direktere Weise der Verehrten24 zugestellt worden ist. Ein später Biograf behauptete, Rilke habe den Brief an den Rand eines Tischs in der Nähe ihres Zimmers gelegt.25 Acht Tage nach Rilkes Ankunft ist also der Verkehr der Liebesbriefe eröffnet ² der Hinweis auf das Porträtfoto lässt es möglich erscheinen, dass bereits eine entsprechende kommunikative Geste vorausgegangen war, jedenfalls ist anzunehmen, dass Rilke das Bild von Mimi Romanelli selbst erhalten hat: ein Vertrauensbeweis, der ² unausgesprochen ² eine Botschaft enthielt. Rilke beginnt seine Briefe in der Regel mit einer eher blassen und NRQYHQWLRQHOOHQ $QUHGHIRUPHO Å0D FKqUH HW EHOOH $PLH´ ZREHL HU VLFK QLFKW VHKU XP 9DULDQWHQ EHPKW ÅFKqUH´ VHOWHQHU ÅFKqUH DPLH´ RGHU ÅPRQDPLH´VLQGEOLFK1LHIlOOWDQGLHVHU6WHOOHGHU1DPHGHU*HOLHEWHQ den er im Schriftverkehr überhaupt sehr selten gebraucht.26 Die Rolle des Absenders in der Schlussformel ist ebenfalls eher konventionell. Zunächst KHLW HV Å9RWUH 5DLQHU 0DULD 5LONH´ JOHLFK GDQDFK Å YRXV LQILQLPHQW 50´ RGHU Åj YRXV WHQGUHPHQW 50´ DXV %UHPHQ Å7RXMRXUV j YRXV 505LONH´Å9RWUH50DULD´RGHUQXUÅ50´DXV3DULVHWZDVYHU]RSIW Å-HYRXVHPEUDVVHOHVPDLQV9RWUH505LONH´DE-DQXDUIDVWQXU QRFK Å9RWUH 5LlNH´ GHU OHW]WH %ULHI DXV 'XLQR VFKOLHW GDQQ schon fast wiHGHU YHUGlFKWLJ IRUFLHUW PLW Å9RWUH DPL 5LONH´ $Q GLHVHQ Formeln lassen sich gut Stadien der Beziehung ablesen: Emphatische Annäherung, schnelles Erreichen eines gemäßigten Plateaus und nachlässiger Abklang (bei gelegentlich kompensiertem schlechtem Gewissen). 23
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Im Jahr 1905 hatte Robert Walser einen ähnlich strukturierten Briefverkehr mit einer verehrten Dame, der über mehrere Stockwerke hinweg ging. Vgl. Erich Unglaub: Flora Ackeret und Robert Walser. Poetisierung oder Poetologisierung einer Beziehung?, in: PaROR &KLDULQL +DQV 'LHWHU =LPPHUPDQQ +J Å,PPHU GLFKW YRU GHP 6WXU]H «´ =um Werk Robert Walsers, Frankfurt/Main 1987, S. 110²113. Ilsedore B. Jonas: Rilke und Adelmina Romanelli. Ein Beitrag zur Biographie des Dichters, in: Philobiblon, 42. Jg., Heft 2 (Juni 1988), S. 114, Anm. 14 (französische Version). Vgl. M. Miserocchi [Anm. 18], S. 142. Auffällig ist allerdings, dass Rilke in dem deutsch geschriebenen Brief an Sidonie vom 19. 1RYHPEHUXQWHUGHU2UWVDQJDEHÅ9HQHGLJ=DWWHUH´GLHIUDQ]|VLVFKH5HIHUHQ] VHW]W Å&KH] 0DGHPRLVHOOH 5RPDQHOOL ´ +LHU GLIIHUHQ]LHUW er noch nicht zwischen den beiden Schwestern Romanelli, die (mit einer Magd) das Haus bewirtschafteten. R.M. Rilke ² S. Nádherný von Borutin [Anm. 15], S. 28.
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Höflichkeit, eine gewisse Geziertheit, mag man darin erkennen, dass Rilke VHLQH*HOLHEWHVWHWVPLW6LH¶ÅYRXV´ DQVSULFKW.HLQHLQ]LJHV0DOZHFhselt er zum 'X¶ :LH DXV GHQ JHOHJHQWOLFK ]LWLHUWHQ 3DVVDJHQ DXV 0LPLV Briefen zu ersehen ist, verhält sie sich genauso. Das mag der französischen Konvention auch bei privaten Briefen in dieser Zeit durchaus entsprechen, doch schon die Art, wie Rilke diesen Liebesbriefwechsel eröffnet, lässt kaum mehr eine andere Stilebene zu. Die Themen der Korrespondenz sind nicht zahlreich, Rilke variiert sie immer wieder. Es sind im Wesentlichen: Venedig im Rückblick; die Arbeit des Schriftstellers; die Einsamkeit, Krankheit, Müdigkeit; die Literatur, zum Beispiel Franz von Assisi, die Lyrik Emile Verhaerens, die Bibel, Dante, die Gedichte der Gaspara Stampa, die Liebesbriefe der Marianna Alcoforado, der von Rilke aus dem Französischen übersetzte Sermo Die Liebe der Magdalena, Sapphos Verse, die Dichtungen der Anna de Noailles, André Gides La porte édroite. Von Rilkes im Frühsommer 1908 in Paris entstehenden Gedichten Venezianischer Morgen, Spätherbst in Venedig, San Marco und Ein Doge, die aus Anregungen des vorausgehenden Novembers hervorgegangen sind,27 erhält die Freundin keine Nachricht.28
Das Thema Liebe Wie iniWLLHUW 5LONH GDV 7KHPD Ä/LHEH¶ LQ GLHVHP %ULHIZHFKVHO" 0DQ Hrkennt, dass der erste Kontakt, der Mitternachtsbrief vom 26. November 1907, das Thema energisch besetzt und wesentliche Faktoren bestimmt. Rilke kündigt das in der ersten Briefschaft für die kommenden Briefe auch DQÅ,O\HQDXUDG·DXWUHV>OHWWUHV@TXLYRXVUpSpWHURQWFHTX·HOOHYLHQWYRXV dire tout ingénument.´ (LAV 7) Ganz überraschend beim seelengestimmten Rilke ist die hymnische Deklaration der äußeren Erscheinung Mimi RomanellisÅCombien je suis heureux de vous avoir rencontrée belle et admirable comme vous êtes en tout.´ (LAV 7) Diese Schönheit wird nicht weiter beschrieben, diskutiert, sie wird wie ein Dominostein gesetzt, ihre Rezeption ist fast literarisch durchwirkt, wenn Rilke erklärt Å-·DSSUHQGV YRWUH EHDXWp FRPPH XQ Hnfant à qui on raconte une belle histoire.´ (LAV 7) Die schon anfangs erwähnte Bewunderung ist aber nicht die der äußeren Schönheit, sondern 27 28
Vgl. Volker Durr: Rainer Maria Rilke. The Poet's Trajectory, New York u.a. 2006, S. 51² 85. Die eingehende Studie zu den Venedig-Gedichten, die in der deutschen Motivtradition angesiedelt werden, bezieht die biografischen Bezüge nicht ein. Die Gedichte sind in konzentrierten Arbeitstagen bis zum 17. August 1908 entstanden. Die nächsten Briefe vom 25. und 28. $XJXVWVSUHFKHQ]ZDUYRQGHU$UEHLW¶ODVVHQDEHUNHLQH konkreten Bezüge erkennen.
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des nicht näher beschriebenen Schicksals der Angesprochenen. Rilke erklärt: Å-·DGPLUHFHTXHYRXVrWHVGHYHQXHHQVRXffrant sincèrement.´ (LAV 7) Man könnte sagen, hier wird von einem Casanova die Karte des Frauenkenners gespielt. Rilkes Zusatz zeigt ein Kompliment in der extrePHQ 6WHLJHUXQJ Å9RWUH F±XU D JUDQGL R G·DXWUHV Sérissent.´ Daran NQSIWHUGLH:DUQXQJÅ1HO·RXEOLH]MDPDLV1HYRXVHnfermez pas dans un sort, restez ce que vous êtes´ (LAV 7). Rilke fordert sie zur Unabhängigkeit auf, fordert, dass sie sich nicht in ein Hausfrauenschicksal, also den konventionellen Lebensplan der Zeit, ergibt. Sprachlich ist dies recht konventionell, geradezu in trockene Anweisungen gekleidet. Erst zuletzt kommt der metaphorische Aufschwung: *DUGH]OHVDLOHVG·DQJHTXLYRXVSHUPHWWHQWG·HQWUHUGDQVXQHYLHTXLYRXVDDttendue sans le savoir ² . Ce sont ces mêmes ailes qui vous emportent vers votre Art. Prenez tous vos essors et imposez à ceux que vous rencontrez votre beauté et votre âme comme une loi. Soyez tranquille, chère, dans tout ce qui vous arrive: vous êtes sauvée. (LAV 7f.)
Rilke wechselt zu den gemeinsamen Gesprächen, der Übereinstimmung in den Gefühlen während der letzten Tage und folgert daraus: ÅIl est bien naturel que je vous aime.´ (LAV 8) Beiläufiger, schematischer argumentierende Liebeserklärungen mag es kaum geben. Rilke scheint das Unzureichende der Sentenz selbst bemerkt zu haben und setzt ² ganz Wortjongleur ² hinzu: Å,OIDXW UHVWLWXHU FH PRW GDQV VRQ DQFLHQQH JUDQGHXU F·HVW SRXUFHODTXHMHOHSURQRQFHGHORLQSDUFHTXHM·DLSULVVXUPRLWRXWHPD solitudHGHSUqVSDUFHTXHFHX[TXHM·DLPHP·DLGHQWLQILQLPHQWjOD VXpporter. ² ´ (LAV 8) Damit schreibt Rilke die Bedingungen seiner Liebe fest: Sie darf die eigene Einsamkeit nicht aufheben. Der (nahe) Partner hat die Funktion, diese Einsamkeit zu erhalten, ja sie zu unterstützen. Wir kennen diese Position schon aus früheren Briefen des Dichters an Emanuel von Bodmann29 und Franz Kappus, in denen Ehepartnern die Aufgabe zugewiesen wird, jeweils der Wächter der Einsamkeit des anderen zu VHLQ E]Z GDVVÅ]ZHL Einsamkeiten einander schützen, grenzen und grüHQ´30 Bis zu den (Liebes-)Briefen im letzten Lebensjahr wird an der Einsamkeit als Bedingung des Dichtertums festgehalten.31 Die erste Begegnung wird jetzt zur Liebe auf den ersten Blick erhoben, sogar noch LQGLH9HUJDQJHQKHLWYHUOHJWZHQQ5LONHHUNOlUWÅCar je 29 30 31
5LONH DQ (PDQXHO YRQ %RGPDQQ Å9LHOPHKU LVW GLH JXWH (KH GLH LQ ZHOFKHU jeder den anderen zum Wächter seiner Einsamkeit bestellt und ihm dieses größte VerWUDXHQEHZHLVWGDVHU]XYHUOHLKHQKDW´LQ%ULHIHLQ]ZHL%lQGHQ>$QP@6 98. Rilke an Franz Kappus, 14.5.1904, in: Briefe in zwei Bänden 1 [Anm. 5], S. 197. 9JO0DUL7DUYDVÅ(LQ :RUW ZLOOLFKGLUVFKHQNHQ «´=XU3RHWRORJLH GHV%ULHfwechsels von Marina Cvetaeva und Rainer Maria Rilke, in: Triangulum, 1. Jg. (1994), S.131-154, S. 140.
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vous aime depuis toujours. Mais je vous aimerai mieux depuis que je vous connais.´ Denn die so geartete Geliebte war eine erwartete, das Zusammentreffen die Einlösung der Erwartung und das Erkennen dieser EinlöVXQJLQGHUNRQNUHWHQ3HUVRQÅ0DLVF·HVWHOOHF·HVW0LPL²´LAV 8) Dieser Vorfall ² man kann ihn nur die Epiphanie der Geliebten nennen ² wird fünf Tage später (an einem Sonntagmorgen, dem Tag der Abreise)32 in einem weiteren Billet gefeiert. Wie aus dem Zusammenhang erkennbar ist, hatte Mimi sich geweigert, die Liebe aufzugeben und dem Gast Adieu zu sagen. Rilke schloss sich ihr in seiner kurzen Antwort an, nahm aber eine bilderreiche Ausweitung und (gefährliche) Differenzierung vor: Å-·HPSRUWH YRWUH ÇPH HW MH OD PRQWUHUDL j 'LHX HW DX[ $QJHV Elle VHUDGDQVO·8QLYHUV/HVIOHXUVV·\UHJDUGHURQWpPHUYHLOOpHVHWOHVRLVHDX[\ viendront boire. Elle sera heureuse.´ (LAV 9) Aus dem Porträtfoto des ersten Briefs ist ein Andachtsbild geworden, dessen Erhöhung Rilke brieflich feierte, indem er ² metaphorisch etwas schief ² schreibtÅ0RQF±XU continue de vous contempler tout à genoux. Je vous aime. -·HQWHQGV OHV cloches.33 A vous infiniment R.M.´ (LAV 9) Die Metaphorik mit ihrer Trennung von Erscheinung und Seele lässt aber auch erkennen, dass Rilke gar nicht daran gedacht hat, diese äußerst sublim diskutierte Liebesbeziehung in eine bürgerliche (übrigens war er noch mit Clara Westhoff verheiratet) hinüber zu leiten. Von gemeinsamer Zukunft ist nicht die Rede. Den elf venezianischen Tagen der Liebe folgte die Abreise zunächst nach Bremen (in die Landschaft des Regens, der Schwere, der Wiesen und des Nebels, wie er nach Venedig mitteilt) und danach nach Paris. Rilke hat die Tage von Venedig von der Kontinuität seines Lebens abgesondert. Er hat innerlich damit abgeschlossen, es sei, wie er einer Vertrauten mitteilt, Å9HQHGLJGDVHLQJDQ]HV/HEHQZDU ´PLWGHU5HLVHQDFK%UHPHQÅDEJeVFKQLWWHQZRUGHQ´ 34. Liebesbriefe als Zeugnisse und schriftliche Beschwörungsform eines anhaltenden Gefühls- und Beziehungszustands sind nun nicht mehr möglich. Mit der Rückkehr in den Norden taucht Rilke wieder ein in seine bürgerliche Familie, sieht seine Pflichten bei der Ehefrau und der kleinen Tochter. Auch dieVH:HOW¶VLHKWHUGHXWOLFKEHJUHQ]W6HLQ=LHO LVWGLH$UEHLW¶LQ3DULVGLHQDFKGHQ:HLKQDFKWVWDJHQEHJLQQHQVROO35 32
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Die Briefausgabe stilisiert hier etwas (unfreiwillig?) die Situation: Der erste Brief vom 26. November 1907 ist ein Mitternachtsbrief, auf den ein nur PLWÅ'LPDQFKHPDWLQ´EHUVFKULHEHQHU6RQQWDJVEULHIIROJW6R ZLUGGDVVDNUDOH0RGHOO YRQ9LJLOLH¶XQGNLUFKOLFKHP )HVWWDJ¶HYR]LHUW(LQ%OLFNDXIGHQ.DOHQGHU]HLJWMHGRFKGDVVGHUHUVWH%ULHIVFKRQDP vorausgehenden Donnerstag geschrieben worden ist. Es könnten die gewöhnlichen Glocken zum Sonntagsgottesdienst (1. Advent) sein. 5LONHDQ0DWKLOGH9ROOPRHOOHULQÅ3DULVWXWQRW´>$QP@6 24. Vgl. die Briefe an Sidonie Nádherný von Borutin, 29.11., 7. und 15. 12. 1907, in: R.M. Rilke ² S. Nádherný von Borutin [Anm. 15], S. 33²36. Mimi Romanelli wird im Text nicht direkt HUZlKQWLVWDEHUGXUFKGLH:HOW¶YRQ9HQHGLJSUlVHQW
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Die damit erreichte räumliche Distanz lässt in Rilkes Briefen die Erinnerung an das Venedig-Erlebnis zur Nostalgie werden, die sich der Gestalt Mimis anschließt. Es verbindet sich mit Evokationen des gemeinsamen Kniens in den Kirchen bei der Vesper, des Besuches der kleinen Gassen an den Kanälen entlang der Zattere, des roten Hauses der Geschwister Romanelli, der gemeinsamen Fahrten mit der Gondel, der Rufe der Gondolieri, des Klanges der Kirchenglocken am Sonntagmorgen sowie mit den Ahnungen des Todes und der morbiden Atmosphäre. Es sind dies Versuche der Beschwörung von Vergangenheit und einer Situierung der Geliebten in ihr. Die Transposition der Geliebten in die Gestalt des Engels kehrt dabei ständig wieder. Als Mimi einmal ihren Bruder in Paris besucht und Rilke eine Nachricht zukommen lässt, antwortet dieser: 6LM·DLELHQFRPSULV&KqUHYRXVGpMHXQHUH]HQYLOOHDXMRXUG·KXL-HQ·ose pas vous HQSULHUPDLVM·DYRXHTXHYRXVPHUHQGULH]XQHJUkFHGLJQHG·XQ$QJHHQHQWUDQW FKH]PRLDSUqVPrPHVLFHQ·HVWTXHSRXUXQLQVWDQW. (LAV 21)
So ganz aufrichtig kann das nicht gemeint sein, denn danach zählt er seine Verpflichtungen und Termine auf, die einen solchen Besuch (und seine eigene Anwesenheit) ganz ungelegen erscheinen lassen. Es ist erkennbar: Rilkes Schriftstellerexistenz hat Vorrang vor der Liebesbeziehung.
Mon travail Rilke etikettiert diesen Zustand mit der Formel ,mon travail¶:LUNHQQHQ den Rekurs auf diese Position seit der Begegnung mit Auguste Rodin, der GHPELVODQJDXIVHLQHQÄ6WLPPXQJHQ¶EDXHQGHQ'LFKWHUGKGHPVerfasser des Stunden-Buchs und noch eines Teils des Buchs der Bilder), die Haltung GHVÅWRujours travaillHU´36 vermittelt hatte. Eine Losung, die Rilke begierig aufgriff und die für die mittlere Phase seines Schaffens (Neue Gedichte) bestimmend wurde. Insbesondere gilt dies für die Zeit der Entstehung des Malte-Romans, die mit dem Liebesbriefwechsel zusammen fällt. /LHEH¶LVWLQGLHVHP.RQ]HSWGLH$EOHQNXQJYRQGHUJURHQ$UEHLW die alle Energien beansprucht und die ² auch körperlichen ² Kräfte des Dichters zu überfordern scheint. Deshalb sind seine Briefe an Mimi Romanelli durchzogen von Klagen über körperliche Beschwerden, Ermattungen, Grippe, Nervenreizungen, Kraftlosigkeit, Müdigkeit, Depressionen. Rilke fühlt sich wie am Meeresboden, dem Druck des Wassers ausgesetzt. Keineswegs erhofft er sich von der Geliebten Trost und Aufmunterung ² höchstens Solidarität, wenn es ihr ebenfalls schlecht geht. 36
Vgl. auch den Brief an Lou Andreas-Salomé, Rom 13.5.1904, in: Briefe in zwei Bänden 1 [Anm. 5], S. 184.
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Die körperlichen und seelischen Malaisen sind Begleiterscheinungen und Nachweise seiner Arbeit, Anzeichen, dass er sich in dem richtigen, dem Dichter angemessenen Zustand befindet. Das Verlassen der Arbeit führt ebenfalls zu diesen Symptomen, denn, ZLHHUEHJUQGHWÅF·HVWGDQVOHVHXOWUDYDLOTXHMHSXLVHWRXWHVOHVIRUFHV résistance et courage.´ (LAV 23) Hier spricht nicht der Hypochonder, sondern der Poetologe der Krankheit. (UNODJWQLFKWÅRien ne me manque TXHODVROLWXGHHWOHWUDYDLOHQUHJDJQDQWFHVGHX[WUpVRUVM·DXUDLWRXWHW ma santé ne tardera point me soutenir.´ (LAV 23) Die Arbeit verlange alle seine Zeit, das Werk entstehe langsam, schreite mühsam fort, das ist seine ständige Klage in den Briefen (vgl. LAV 33). Treffen in Paris werden stets schriftlich verabredet, sie sind zeitlich genau kalkuliert, einmal ist die Begegnung mit exakt einer Stunde am Nachmittag (LAV 40) in den Tagesplan des Dichters eingepasst, selbst wenn Rilke einen Satz später erklärt, mit ihr lange und ruhig plaudern und an nichts anderes denken zu wollen. (LAV 45) Dieses ständige Abwägen und Einwenden, das spürt er, führt ]XPÅHQQXL´LAV 29) der Geliebten, und eben diesen Zustand will er ihr ersparen. Die Venezianerin kannte beim ersten Zusammentreffen nichts von Rilkes Gedichten und auch nichts von seinem Prosawerk ² noch war nichts ins Italienische oder Französische übersetzt. Die literarische Kommunikation ging andere Wege. Ein Beispiel mag das verdeutlichen. Rilke hatte auf Capri im Winter 1906/07 im deutschen Freundeskreis der Villa Discopoli die Fioretti des Franz von Assisi vorgelesen. 37 Vermutlich benutzte der dabei die 1905 erschienene Übersetzung von Otto von Taube. Im Haus der Schwestern Romanelli war im November 1907 ebenfalls von den Fioretti die Rede, da Rilke im Rückblick an Mimi Romanelli schreibt, HUOHVHLPPHUQRFKLQGLHVHP%XFKÅHQSHQVDQWjYRXVHWjYRWUHV±XU TXLP·DLQWHUSUpWpLQRXEOLDEOHPHQWFHVKXPEOHSDUROHVGHVRQKXPEOHIDYHXU´ :LH ZLU DXV Gem späteren Briefwechsel sehen, konnte Anna Romanelli zwar gut deutsch, doch ist bei den Fioretti-Gesprächen es wahrscheinlicher, dass sie auf der Basis des italienischen Urtexts stattgefunden KDEHQ'DQQKlWWH5LONHVÅLQWHUSUpWp´HLQHQEHVRQGHUHQ6LQQdenn Anna Romanelli (nicht aber Mimi, die offensichtlich nicht zugegegen war) hätte die Möglichkeit gehabt, für Rilke den Text gesprächsweise ins Deutsche zu übersetzen. Möglicherweise hat Rilke die Fioretti von Anna und Mimi Romanelli bei seiner Abreise aus Venedig als Geschenk erhalten.38 Er liest sie in der Eisenbahn. Der Dialog mit Mimi Romanelli bleibt aber auch bei 37 38
Zur Bedeutung dieses Buchs für Rilke vgl. Tina Simon: Rilke als Leser, Frankfurt/Main u.a. 2001, S. 200. Vgl. August Stahl: Rilkes Franz von Assisi. Spuren, Kontext, Ethik, in: Blätter der RilkeGesellschaft, Bd. 27/28 (2006/2007), S. 85²86.
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diesem Thema im Französischen. Dies war umso natürlicher, als er gerade die Lebensbeschreibung des Heiligen aus der Feder Paul Sabatiers besonders schätzte.39 Eben dieses Buch sandte er der venezianischen Freundin und setzte ² durchaus passend ² in dieser Sprache eine epigrammatische Widmung hinzu: 4X·LOQRXVVRLWSHUPLVGHWHPSVHQWHPSV de pleurer et de rêver sur un livre, PDLVV·RXYULU JUDQGHPHQWTXDQGPrPHF·HVWYLYUH pour être lu de Dieu qui nous comprend À Mimi Venise, ce 9 may 1910 40
'LH :LGPXQJ Å 0LPL´ DXFK 2UW XQG 'DWXP VLQG QLFKW LWDOLenisch, sondern in französisch-deutscher Mischung formuliert. Das ist kein Zufall, sondern eine penible Konstruktion, denn für Rilke hatte schon der IUDQ]|VLVFKH $XVGUXFNÅ9HQLVH´ HLQHQ EHVRQGHUHQ .ODQJ HUKDOWHQ .XU] bevor er zu den Romanellis in die Lagunenstadt kam, hielt er fest: Venise: dieser wunderbare verblichene Name, durch den ein Sprung zu gehen scheint und der sich nur wie durch ein Wunder noch hält ² dem heutigen Dasein jenes Reiches ebenso seltsam entsprechend, wie einst Venezia dem starken Staate entsprach, seiner Aktion, seiner Pracht: den Galeeren, den Gläsern, den Spitzen und GHQYHUVFKZHQGHULVFKHQ%LOGHUQYRQDOOHGHP:lKUHQG9HQHGLJ¶XPständlich und pedantisch schien und nur gültig für die kurze unselige Zeit österreichischer Herrschaft, ein Aktenname, von Bürokraten boshaft auf unzählige Konvolute geschrieben, trist und tinten, so liest sich das: Venedig. (Und man sagte auch noch Venediger seinerzeit, statt Venezianer!)41
Das österreichisch beherrschte Venedig der Restaurationsepoche wird deutlich abgelehnt,42 aber auch die lange Periode der 1797 untergegangenen StadtreSXEOLN ZLUNW QXU PHKU DOV +LVWRULH YRQ ÅHLQVW´ GLH IUDQ]|Vische Epoche ist aber keineswegs das napoleonische Zwischenspiel, sondern eine literarisierte Stadtvision der Dekadenz, wie sie der französische Symbolismus (in Paris!) zur Verfügung stellte. Nicht umsonst erhascht Rilke als Flaneur vom Gespräch einer schwarz gekleideten Pariser Passan39 40
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Vgl. ebd., S. 83²84. Rainer Maria Rilke: Werke. Kommentierte Ausgabe in vier Bänden. Supplementband. Gedichte in französischer Sprache. Mit deutschen Prosafassungen, herausgegeben von Manfred Engel und Dorothea Lauterbach, Übertragungen von Rätus Luck, Frankfurt/Main, Leipzig 2003, S. 157. Rilke trug seine Widmungsverse in das Buch von Paul Sabatier Vie de St. François d'Assise (1893) ein. Rilke an Clara Rilke-Westhoff, 10.10.1907, in: Briefe aus den Jahren 1906 bis 1907 [Anm. 11], S. 372. Wie groß die Verachtung für diese Epoche war, zeigt sich in Ruskins Werk The Stones of Venice, in dem ein entsprechender Abschnitt über die Kunst und Architektur als Kapitelüberschrift gedruckt ist, danach (auch in der deutschen Ausgabe von 1906) aber die lakonische Bemerkung angefügt, dass dieser Abschnitt nicht ausgeführt wird.
Rilkes Briefe an Adelmina Romanelli
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tin schon in der violetten Abenddämmerung am Pont des Arts den Satz: ÅdD VHPEOH XQH IrWH YHQLFLHQQH´ 'XUFK GLH VWlQGLJH 3UlVHQ] YRQ Å9HQLVH´LQDOOHQ=HLWXQJHQXnd Büchern, die er wahrnimmt, befindet er sich LP +HUEVW ÅIDVW LPPHU]X LQ OüFNHQORVHU $Q]JOLFKNHLW´43 dieser Stadt. Rilke hatte es leicht, Venedig hatte in Paris Saison.
Liebe und Dichtung Mit Verweisen auf literarische Kontexte findet im Liebesbriefwechsel eine Ausweichbewegung statt, die Rilkes erster Brief schon angedeutet hatte. RilNHVFKUHLEWYRQ(QJHOVIOJHOQGLH0LPLÅ]XLKUHU.XQVW´IKUHQVROOHQ Die damit angedeuteten Verhältnisse sind der Wirklichkeit nicht ganz angemessen. In der Tat ist sie ja zur Konzertpianistin ausgebildet worden, hat diese Karriere aber nie professionell betrieben. Rilke allerdings schreibt ihr im Brief die Rolle der Künstlerin zu (man könnte auch sagen: er schreibt sie vor). Man mag dahinter einen Versuch sehen, die junge Frau auf das von ihm definierte und propagierte Verhältnis von Liebe ² Leben ² Arbeit einzuschwören. Ein Dreivierteljahr nach der ersten Begegnung kündigt er in einem Schreiben aus Paris an, er werde eines Tages zum Arbeiten (!) nach Venedig kommen; dabei teilt er auch Mimi RomaQHOOLLKUH$XIJDEH]XÅVous me donnerez une chambre et vous garderez ma tranquillité et mes labeurs. 9RXV VHUH] O·$QJH GH OD 3RUWH HW OH VLOHQFHDXWRXUGHPRQF±XU0DLVG·DERUGMHGRLVILQLULFLPRQ OLYUHSUochain ² ´. (LAV 37) Das Buch, von dem Rilke spricht, ist der Malte-Roman, den er erst zwei Jahre später vollenden wird. Auch dort findet sich der Schauplatz Venedig.44 Die den Reisenden Malte faszinierende Gestalt, eine dänische Sängerin, wird mit Benedicte von Qualen verglichen, der Geliebten des verheirateten dänischen Schriftstellers Jens Baggesen, deren einseitige, unglückliche Liebe durch leidenschaftliche Briefe dokumentiert ist. Diese Konstellation könnte Rilke als ein korrespondieUHQGHV0XVWHU¶ seiner Beziehung zu Mimi Romanelli verstanden haben. Abseits von Rilkes etwas abstrusen Vorschlags an die Geliebte, zeigt er im Brief vom 29. August 1908 auf, wie die Beziehung sich gestalten
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Rilke an Clara Rilke-Westhoff, 10.10.1907, in: Briefe aus den Jahren 1906 bis 1907 [Anm. 11], S. 372. Vgl. Rainer Maria Rilke: Werke. Kommentierte Ausgabe in vier Bänden. Bd. 4: Prosa und Dramen, hg. von August Stahl, Frankfurt/Main, Leipzig 1996, S. 623²628 (69. Aufzeichnung) und S. 1034²1037 (Kommentar).
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soll: Er will mit Mimi eines Tages zusammen einige Vorbilder45 studieren: Das Werk der Dichterin Gaspara Stampa und die Briefe der portugiesischen Nonne Marianna Alcoforado. Es sollen Vorstudien für ein Buch über Frauengestalten sein, deren Liebe unglücklich gewesen ist: vous savez que je prépare de loin un livre qui contiendra quelques portraits de femmes, qui (ayant été malheureuses dans leurs amours) ont dû accomplir et finir OHXUV F±XUV FRPPHQFpV WURS JUDQGV SDU OD SDVVLRQ SRXU j OD ILQ OHV UHQGUH j 'LHXWHUPLQpVTXDQGPrPHHWWURSUHVSOHQGLVVDQWVSRXUTX·XQDPDQWDLWSXOHV supporter. (LAV 37f.)
Modell und Vorbild für diese Argumentation sind die großen Liebenden ² die Dichterin Sappho, aber auch Eleonora Duse und Mme de Noailles werden berufen. Ein gemeinsames literarisches Projekt, wie es Rilkes abVFKOLHHQGH)RUPXOLHUXQJÅ9RLOjXQWUDYDLOSURFKDLQjQRXVGHX[´LAV 38) nahelegt, war indes nicht wirklich beabsichtigt. Offensichtlich soll der Geliebten hier nur ein genuin künstlerisches Lebensmodell aufgezeigt werden: das Modell der unglücklich Liebenden, die in ihrer Passion den Geliebten weit übersteigt und in der Klage der Verlassenheit ein grandioses Kunstwerk erschafft.46 Die markanten Namen werden so zu Bürgen. Denn nicht zufällig sammelte die mit Bruder und Schwester in Venedig aufgezogene Dichterin und Kurtisane Gaspara Stampa (1523²1554) ihre Rime und schickte sie mit einem anklagenden Brief an ihren Geliebten, den Grafen Collaltino di Collalto, der sie verlassen hatte.47 Der Name, der in Rilkes Werk vom Malte-Roman (1910) bis in die erste der Duineser Elegien (1912) als Merkstein gesetzt worden ist, taucht im Umkreis des Dichters im Brief vom 29. August 1908 erstmals auf. Das briefliche Angebot, gemeinsam das Werk der Dichterin zu studieren, ist keineswegs ungewöhnlich. Rilkes Italienischkenntnisse waren nicht so sicher, weshalb er sich immer wieder bemühte, in gemeinsamer Lektüre die sprachlichen Klippen zu bewälti-
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Ulrich Baer (Das Rilke-Alphabet, Frankfurt/Main 2006, S. EHKDXSWHWGD]XÅ5LONHKDW einen Fetisch: unbefriedigte, verlassene alte Jungfern, die in und an ihrer Liebe für einen 0DQQYHUJHKHQ´ +DUROG%ORRPVLHKWKLHUHLQH.RQWLQXLWlWLP*HGDQNHQGHU(QWVDJXQJ¶YRQ3HWUDUFDEHU *RHWKH]X5LONHÅ'HQYLHOOHLFKWVWlUNVWHQ(LQIOXDXI5LONHEWH*RHWKHLQVHLQHU5ROOHDOV Verfasser von Liebesbriefen aus, dessen Vorstellungen vom Idealzustand jede Begegnung PLW GHU IHUQHQ *HOLHEWHQ DXVVFKORVVHQ´ + %ORRP *HQLXV 'LH KXQGHUW EHGHXWHQGVWHQ Autoren der Weltliteratur, aus dem Amerikanischen übertragen und mit Nachdichtungen von Yvonne Badal, München 2004, S. 933. Vgl. die Ausgabe, die mit einem Rilke-Motto versehen ist: Gaspara Stampa: Dichtungen, ausgewählt und übertragen von Leo Graf Lanckoronski und mit einem Nachwort versehen von Maria Gräfin Lanckoronska, Frankfurt/Main 1947. Der Brief ist im Nachwort (S. 182²183) enthalten.
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gen.48 Ein Besuch in Venedig wäre also auch hiermit gut motiviert gewesen. Noch Jahrzehnte danach erinnerte man sich im Hause Romanelli, dass Mimi eine venezianische Ausgabe (1738) der Rime überaus sorgsam aufbewahrt habe. 49 Gleichwohl ist es unsicher, ob dieses Buch schon vor Rilkes Besuch von 1907 in ihrem Besitz war ² und auf diesem Weg Rilke zur Kenntnis gelangt ² oder in Erwartung seiner Rückkehr behütet worden ist. In jedem Fall dokumentiert der Briefwechsel den Vorgang der ,QWHJUDWLRQ GLHVHV 0RWLYV LQ 5LONHV $UEHLW¶.50 Rilke konnte sich so kurz fassen bei seinem Vorschlag, weil Mimi Romanelli den Text besaß und als gebildete Venezianerin das Schicksal der Dichterin kannte. Die Passage ist mehr eine Ansage von Bedeutungen, die sich aus dem Lebenskontext der Briefpartner ergab. Wenige Tage später schrieb Rilke in zwei Briefen an Sidonie Nádherný von Borutin ausführlich über das Leben der Gaspara Stampa und legte schließlich auch seine Abschriften aus dem italienischen Original bei.51 In Rilkes Nachlass hat sich ein Konvolut von Seiten eines 48
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Im Dezember 1909 ² kurz vor dem Abschluss des Malte-Romans ² erhielt Rilke in Paris, vermittelt durch Rudolf Kassner, Kontakt zur Fürstin Marie von Thurn und Taxis. Diese in ihren Beziehungen und literarischen Kenntnissen wahrhaft europäische Dame führte Rilke in die italienische Literatur erst wirklich ein. Auf ihrem adriatischen Besitz Schloss Duino übersetzte sie mit Rilke zusammen Dantes Sonette aus der Vita Nuova. Die Fürstin erkannte schnell das Problem ihres Dichter-*DVWHV Å(U VSUDFK ]ZDU IOLHHQG LWDOLHQLVFK aber ein Werk aus der Zeit um 1300 bot doch Schwierigkeiten, wenn man Italienisch nicht zur Muttersprache hatte; so rechnete er mit meinen Kenntnissen, um Unklarheiten zu überwinden. Diese Aufgabe konQWH LFK >«@ EHUQHKPHQ´ 0DULH YRQ 7KXUQ XQG 7D[LV Erinnerungen an Rainer Maria Rilke, deutsche Ausgabe besorgt von Georg H. Blokesch, Frankfurt/Main 1966, S. 37. Vgl. Casellato [Anm. 13], S. 99, wo von einem Besuch bei Mimi Romanellis ehemaliger HaushäOWHULQEHULFKWHWZLUGÅ&LDIDFHQQRD1LQDGLHVWUDUUHLOOLEURGDOODFXVWRGLDGLFXRLR a quadrettini di vari colori, tinte smorte. Ne esce un meraviglioso volume delle rime di Gaspara Stampa pubblicato in Venezia nel 1738. ,La Signorina lo custodiva geloVDPHQWH¶ GLFHOD&LD´ Es handelt sich um die Ausgabe: Rime di Madonna Gaspara Stampa con alcune altre di Collaltino, e di Vinciguerra Conti di Collalto: e di Baldassare Stampa, Venedig 1738. In die 66. Aufzeichnung des Malte-Romans wurde im Manuskript des ,Berner TaschenEXFKV¶ GHU 1DPH *DVSDUD 6WDPSD YRQ 5LONH HUVW QDFKWUlJOLFK DQ GLH 6SLW]H GHU JURHQ Liebenden gesetzt. Da das Taschenbuch erst in der späteren Phase der Entstehung des Romans (1908/1909) anzusiedeln ist, ist der Zusammenhang mit dem Brief an Mimi Romanelli und dem darin dokumentierten Interesse durchaus plausibel. Zum ,Berner TaschenEXFK¶YJOGHQ.RPPHQWDUYRQ$XJXVW6tahl in: Rilke: Werke 3 [Anm. 40], S. 868² 878, sowie Brigitte von Witzleben: Untersuchungen zu Rainer Maria Rilkes Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. Studien zu den Quellen und zur Textüberlieferung, Vaasa 1996, S. 228 (zur Textstelle). R.M. Rilke an Sidonie Nádherný von Borutin, 24.9.1908, 7. 10.1908, in: R.M. Rilke ² S. Nádherný von Borutin [Anm. 15], S. 59 und S. 60²65. Bisher wurden diese Briefe als erste Erwähnung der Gaspara Stampa bei Rilke bezeichnet. Die benutzte italienische Ausgabe (es ist nicht die von 1738!) ist bislang nicht ermittelt. Im Briefwechsel mit Pia Valmarana kommt Rilke wiederholt (1920, 1924) auf seine eigene Ausgabe der Rime zurück. Vgl.
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Schreibblocks mit Notizen erhalten. Eine Seite davon enthält eine Liste von italienischen Wörtern und Wendungen, denen (teilweise) deutsche Übersetzungen hinzugefügt worden sind. Bislang konnte diese Agglomeration nicht zugeordnet werden.52 Eine genaue Sicht zeigt jedoch, dass die italienischen Wendungen ² auch in ihrer Abfolge ² mit dem Brief von Gaspara Stampa an ihren Geliebten und ihrem ersten Sonett übereinstimmen. Die von Rilke brieflich angekündigte gemeinsame Arbeit am Werk dieser Dichterin hat also tatsächlich stattgefunden.53 Das Werk der portugiesischen Nonne Marianna Alcoforado (1640² 1723?) besteht aus insegsamt nur fünf den treulosen Liebhaber anklagenden Schreiben.54 Als Zwölfjährige ohne große Neigung von ihrem Vater in den Konvent der Clarissen von Beja geschickt, erhielt sie im Alter von 25 Jahren über ihren Bruder den Kontakt zu dem französischen Offizier Noël Bouton, Marquis de Chamilly, dem späteren Marschall von Frankreich, der nach zwei Jahren Portugal wieder verließ. Rilke lernte die Briefe der portugiesischen Nonne in einer französischen Ausgabe kennen. Im März 1907 schrieb er einen Begleittext zu einer deutschen Ausgabe (1906), der im Herbst 1907 erschien. Dem unsensiblen Geliebten, der auf die glühenden Liebesbriefe nicht reagierte, stellt Rilke ein vernichtendes Urteil DXV Å'LH %ULHIH GHU 9HUODVVHQHQ EHZHLVHQ GD GHU *UDI YRQ &KDPLOO\
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5lWXV /XFN Å0H]]DQLQR´ 5DLQHU 0DULD 5LONH XQG GLH 'DPHQ 9DOPDUDQD LQ %OlWWHU GHU Rilke-Gesellschaft Heft 16/17 (1989/90) S. 47, jedoch erwähnt Rilke bei diesen Gelegenheiten nicht, um welche Ausgabe es sich handelt. Ein passender Hinweis befindet sich im %ULHIDQ$QWRQ.LSSHQEHUJYRP2NWREHUÅDOWH$XVJDEHQ LKUHU>*DVSDUD6WDPpas] Gedichte sind nicht schwer zu finden; auch existiert (leider nicht mehr in meinem Besitz) ein biographisch und textkritisch begleiteter Neudruck ihrer Sonette und ihres EpisWROlUV´ 5DLQHU 0DULD 5LONH %ULHIZHFKVHO PLW $QWRQ .LSSHQEHUJ ELV KJ YRQ Ingeborg Schnack, Renate Scharffenberg, Bd. 2, Frankfurt/Main, Leipzig 1995, S. 431). Vermutlich bezieht sich hier Rilke auf die Ausgabe: Rime di Gaspara Stampa, novammente pubblicate per cura di Pia Mestica Chiappetti, Florenz 1877. Diese Ausgabe enthielt textkritische Verbesserungen und eine Biographie. Rilke plante noch im Herbst 1926 selbst eine Übertragung der Gedichte. Dr. Franziska Kolp vom Schweizerischen Literaturarchiv in Bern danke ich für wichtige Informationen. Rainer Maria Rilke: Notes diverses, hg. von Walter Simon, in: Blätter der Rilke-Gesellschaft 25 (2004), S. 151. In der Abfolge GHU 1RWHV¶ LVW GLHV IRO 'HU .RPPHQWDU YHUPHUNW GD]XÅhEHUVHW]XQJVYHUVXFKHLQHVQLFKWQDFKJHZLHVHQHQLWDOLHQLVFKHQ7H[WHV´6 176) Die notierten italienischen Stichworte erfolgen wie die Abschrift in der Beilage im Brief an Nádherný von Borutin nach derselben Ausgabe, vgl. Rilke an Sidonie Nádherný von Borutin, 7.10. 1908, in: R.M. Rilke ² S. Nádherný von Borutin [Anm. 15], S. 63²65. $XIHLQHJHPHLQVDPH$UEHLWN|QQWHKLQGHXWHQGDVV5LONHLQGHQ 1RWHV¶JHOHJHQWOLFKQHben und statt der deutschen Übersetzung auch die französischen Begriffe gesetzt hat, die 6SUDFKHGLHHUYHUPXWOLFKDXFKLP*HVSUlFKPLW0LPL5RPDQHOOLEHQW]WKDW'LH1RWHV¶ sind bislang nur vage datiert. Einiges deutet nun darauf hin, dass sie im Zeitraum November 1907 bis Oktober 1908 entstanden sind. Zur Autorschaft der Briefe vgl. Myriam Cyr: Letters of a Portuguese Nun. Uncovering the Mystery Behind a Seventeenth-Century Forbidden Love, New York 2006.
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sich diesem Zwange fast ganz zu entziehn gewusst hat, wenn man nicht annimmt, dass er sich schon damals überanstrengte, als er, ein paar Monate lang, der Liebende dieser Seligen war, die die Liebe so ernst nahm. Damals stellte er, eitel und selbstsüchtig, ein paar Anforderungen an ihr Gefühl, die sie so glänzend erfüllte und mit so viel Genie übertraf, daß er VLFKHUVFKURFNHQ]XUFN]RJ´,QGLHVHQ$XVIKUXQJHQGLH5LONHNXU]YRU seiner Begegnung mit Mimi Romanelli formuliert, zeigt er auch die Konsequenz dieser Konstellation auf, die dann in seine eigene Beziehung hinüberwirken sollte: Sein Fortgehn war für sie das Unbegreifliche, aber es bestimmte sie zu ihrer Aufgabe. Alleingelassen nahm ihre Natur es auf sich, alle die Ansprüche nachzuholen und zu erfüllen, die der Geliebte, in seiner Oberflächlichkeit und Eile, vergessen hatte. Und fast möchte man sagen, dass Einsamkeit nötig war, um aus dieser hastig und nachlässig begonnenen Liebe etwas so Vollkommenes zu machen.
Die Idee eines aus der Liebe notwendig hervorgehenden Künstlertums war damit statuiert. Rilke hielt an ihr jedoch nur für begrenzte Zeit fest. Als er fünf Jahre später die Briefe ins Deutsche übersetzte, war ihm dieser Gedanke schon deutlich ferner.55 Wenn Rilke in seinem Brief vom 29. August 1908 diese Gestalten heraufbeschwor, um die Beziehung zu Mimi Romanelli zu definieren, blieb es nicht in diesem privaten Kontext. Jener Brief gilt als Schlüsseldokument für Rilkes Hinwendung zu den Gestalten der großen Liebenden.56 Acht Tage später kehren die Namen der Nonne und ihres Geliebten wieder im Gespräch mit Auguste Rodin auf, danach in einem Brief an Clara Rilke-Westhoff57 und ausführlich, kaum einen Monat später, an Sidonie Nádherný von Borutin.58 Es sind dieselben Gestalten, manchmal vermehrt 55
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Vgl.: Portugiesische Briefe. Die Briefe der Marianna Alcoforado, übertragen von Rainer Maria Rilke, Nachwort von Ernst Zinn, Wiesbaden 1955. Rilke lernte das Schicksal der Nonne in einem Buch des Insel-Verlags (1905) kennen und schrieb eine Ankündigung für den Insel-Almanach auf das Jahr 1908, der im Herbst 1907 vorgelegt wXUGHÅ0LWGLHVHQ Briefen des siebzehnten Jahrhunderts ist uns eine Liebe von unvergleichlicher Arbeit erhalten. Wie in einer alten Spitze so laufen in ihnen die Fäden von Schmerz und Einsamkeit auf unbegreifliche Weise zusammen, um Blumen zu bilden, eine Bahn verwirrender BluPHQ´'LH%ULHIHVHOEVWKDW5LONHHUVWEHUVHW]W]XVSlWZLHHUIDQGZHLOVLHLKPGDmals schon fern gestanden hätten. Vgl. Text und Kommentar in: Rilke: Sämtliche Werke. Bd. 7 Übertragungen, hg. vom Rilke-Archiv in Verbindung mit Hella Sieber-Rilke, besorgt durch Walter Simon, Karin Wais, Ernst Zinn, Frankfurt/Main, Leipzig 1997, S. 124²193 und S. 1250²1257. Vgl. ebd., S. 1240. Vgl. Rilke an Clara Rilke-Westhoff, 3.9.1908 (das Gespräch mit Rodin wird in diesem Brief wiedergegeben), in: Rainer Maria Rilke ² Auguste Rodin: Der Briefwechsel und andere Dokumente zu Rilkes Begegnung mit Rodin, hg. von Rätus Luck, Frankfurt/Main, Leipzig 2001, S. 237²238. Vgl. Rilke an Sidonie Nádherný von Borutin, 7.10. 1908, in: R.M. Rilke ² S. Nádherný von Borutin [Anm. 15], S. 61.
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um Heloise oder Bettine von Arnim,59 die erwähnt werden, um in ihrem Spiegel das männliche Liebesverhalten zu charakterisieren und zu kritisieren. Dabei gerät auch die brieflich formulierte Liebe in schräges Licht. Mit Verweis auf Gaspara Stampa, Sappho und 'LRWLPD IRUGHUW HU Å$EHU Briefe reichen ja doch nicht aus; das muß Arbeit werden, innerste klare Verwirklichung für imPHU´60 Das gilt auch für das eigene Werk. Der Versuch, Liebe mit Hilfe der großen Liebenden zu definieren, führt vom Liebesbrief 61 in die eigene Dichtung. Dies ist nicht nur ein Wechsel des Registers,62 es ist in diesem Fall auch ein Wechsel der Sprachen, vom Französischen ins Deutsche: Zuerst wird im Malte-Roman die Reflexion über die großen Liebenden fast wörtlich in die 66. Aufzeichnung übertragen. Dort führt er das Thema über die beiden folgenden Aufzeichnungen in die Gegenwart fort und OlVVW VHLQHQ 7DJHEXFKVFKUHLEHU IUDJHQ Å$EHU QXQ GD VR YLHOHV DQGHUV wird, ist es nicht an uns, uns zu verändern? Könnten wir nicht versuchen, uns ein wenig zu entwickeln, und unseren Anteil Arbeit in der Liebe langVDPDXIXQVQHKPHQQDFKXQGQDFK"´ 63 Es ist eine Forderung, der Rilke allerdings selbst kaum entsprochen hat. Doch das Postulat bleibt im Werk bestehen. Parallel zum Brief an Mimi Romanelli entsteht im Sommer 1908 das kleine Gedicht Die Liebenden, das mit den Zeilen endet: Laß sie ineinander sinken, um einander zu überstehn.64
Das über die geliebte Person Hinauswachsen, mit dem Ziel, die Liebe von ihr zu lösen und auf ein anderes Ziel hin zu richten, ist als Auftrag formuliert. In der ersten der Duineser Elegien, wird das Thema erneut aufgenommen (ebenso in der zweiten Elegie): 59 60 61
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Der Briefwechsel Bettines mit Goethe lag bei den Romanellis wahrscheinlich nicht in italienischer oder französischer Sprache vor, so war ein entsprechender Hinweis hier nicht sinnvoll. R.M. Rilke an Sidonie Nádherný von Borutin, 24. September 1908, in: R.M. Rilke ² S. Nádherný von Borutin [Anm. 15], S. 59. Der Autorenbrief erhält damit zugleich ² wie Gérard Genette beschreibt ² als Paratext eine Kommentarfunktion für das Werk. Vgl. Volker Meid: Brief, in: Volker Meid (Hg.): Sachlexikon Literatur, München 2000, S. 125. Dieser Zusammenhang kann sich zwar für den späteren Leser des literarischen Werks ergeben, muss aber für den Briefpartner keineswegs schon evident sein. Vgl. auch die grundsätzliche Analyse und Interpretation der Liebesgedichte von Joachim W. 6WRUFNÅ0DVNHQ0DVNHQ'DPDQ(URVEOHQGH´'LH/LHEHVO\ULN5DLQHU0DULD5LONHV in: Ulrich Kittstein (Hg.): Die Poesie der Liebe. Aufsätze zur deutschen Liebeslyrik, Frankfurt/Main u.a. 2006, S. 235²266. Rainer Maria Rilke: Werke 3 [Anm. 40], S. 550. Rainer Maria Rilke: Werke. Kommentierte Ausgabe in vier Bänden. Bd. 1 Gedichte 1895 bis 1910, herausgegeben von Manfred Engel und Ulrich Fülleborn, Frankfurt/Main, Leipzig 1996, S. 410.
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>«@+DVWGXGHU*DVSDUD6WDPSD denn genügend gedacht, daß irgend ein Mädchen, dem der Geliebte entging, am gesteigerten Beispiel dieser Liebenden fühlt: daß ich würde wie sie? >«@ Ist es nicht Zeit, daß wir liebend uns vom Geliebten befrein und es bebend bestehn: wie der Pfeil die Sehne besteht, um gesammelt im Absprung mehr zu sein als er selbst. Denn Bleiben ist nirgends.65
Å,UJHQGHLQ0lGFKHQ´² das ist die anonymisierte Benennung der Liebenden, sie ist von der privaten Sphäre in die literarische übersetzt worden. Die Liebesklage, aus der heraus ein Brief, ein künstlerisches, literarisches Werk von hohem Grad entsteht, scheint dabei für Rilkes Liebesbrief-Ich die einzig akzeptable Form der Liebesbeziehung darzustellen. Es ist ein GXUFKDXV ÄZHLEOLFKHV¶ /LHEHVNRQ]HSW66 Doch Rilkes venezianische Geliebte scheint dieses Konzept nicht als das ihre akzeptiert zu haben. Ihren (bislang meist nur zu erschließenden) Äußerungen zufolge scheint sie mehr auf dem Wunsch nach Zweisamkeit bestanden zu haben. Demgegenüber unterstreicht ein bitterer Abschiedsbrief Rilkes vom 11. Mai 1910 aus Venedig nochmals seine Position: Es gebe ein gemeinsam zu verantwortendes Problem, einen Fehler ² der sowohl ihm als auch ihr zuzuschreiben wäre: ÅIl y a un seul tort mortel que nous pourrions nous faire, F·HVWGHQRXVDWWDFKHUO·XQjO·DXWUHPrPHSRXUXQLQVWDQW´ (LAV 63) Er behauptet, sie habe mit seiner Schwäche gerechnet und ihm zerstörerisch Gewalt angetan. Nun könne er keine Hilfe leisten, ihre Aufgabe sei es gewesen, ÅSURWpJHU PD VROLWXGH GRQW M·DYDLV WRXW EHVRLQ´ (LAV 64) Die Brüchigkeit der Argumentation wird jedoch erkennbar, wenn wir uns daran erinnern, dass Rilke einen Monat zuvor die Korrekturen an seinem RoPDQ DEJHVFKORVVHQ KDWWH 'LH JURH $UEHLW¶ ZDU QXQ EHHQGHW NHLQH neue Aufgabe in Sicht. Rilke beharrte auf seiner Unabhängigkeit, 67 bezeichnet es als verhängnisvollen Anfangsfehler der Beziehung, darauf nicht geachtet zu haben und verlangt, in Zukunft diesen Umstand entschieden beachtet zu wissen. Daran fügt er eine generelle Bemerkung: Å1·RXEOLH] MDPDLV TXH MH VXLV j OD VROitude, que je vous assure, Mimi, je 65 66
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Rainer Maria Rilke: Werke, Bd. 2 Gedichte 1910 bis 1926, hg. von Manfred Engel und Ulrich Fülleborn, Frankfurt/Main, Leipzig 1996, S. 202. Eine Ausnahme von der weiblichen Belegung dieses Konzepts bildet bei Rilke Petrarca, dem er in gewisser Weise selbst nachfolgt. Der italienische Dichter setzt an die Stelle seiner Liebe zu Laura, seine Gedichte an sie. Allerdings ist in Rilkes Werk (anders als bei Petrarca) GLHHQWVSUHFKHQGH3HUVRQMHZHLOVDQGHUVRGHUPHKUIDFKEHVHW]W¶KlXILJQXUGLH/LHEHQGH¶ oder ,die GeliHEWH¶ Dies wurde zu einem Stereotyp, wenn Rilke in ähnliche Situationen geriet, vgl. dazu Béatrice Commengé: En face du Jardin: Six jours dans la vie de Rainer Maria Rilke, Paris 2007, S. 97.
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supplie ceux qui m·DLPHQWG·DLPHUPDVROLWXGHVDQVFHODMHGHYUDLPHFacher même à leurs yeux, à leurs mains comme un animal sauvage se cache à la poursuite de ses ennemis.´ (LAV 64f.) Entschieden wird die Geliebte im Brief verabVFKLHGHWÅAttachez-vous à la vie, résolue comme vous êtes, elle ne vous refusera rien, si seulement vous croyez en elle.´ (LAV 65) Mit GLHVHU(PSIHKOXQJXQGHLQHPÅ$GLHX0imi´ von Anfang Mai 1910 endet ZRKO GDV ZDV PDQ LQ GHU .RUUHVSRQGHQ] DOV Ä/LHEHVEULHIH¶ im engeren Sinne bezeichnen würde. Der Kontakt ² brieflich wie in Besuchen ² reißt zwar nicht ganz ab, wird aber zu einer eher milden Freundschaft umgewandelt. Die wenigen Briefe, die nun in längeren Abständen gewechselt wurden, handeln oft von verpassten Begegnungen, enthalten weitschweifige Entschuldigungen, Festtags- und Geburtstagsgrüße. Immer noch werden die alten freundschaftlichen Formeln verwendet, neue Gedanken treten nicht hinzu. Ein letztes Schreiben von Mimi Romanelli aus dem Jahr 1925 hat sich ² lange unveröffentlicht ² erhalten: 0RQDPL&·HVWVHXOHPHQWSDU9RWUHJORLUHTXHFHWWHIRLV-ci je sais que Vous êtes j3DULV9RXVGLUHWRXWHODMRLHTXHM·DXUDLVGH9RXVYRLUHWG·DYRLUXQHQWUHWLHQ DYHF9RXVF·HVWLQXWLOH&HVHUDLWXQHJUkFHGLJQHGH9RXV1RVVRXYHQLUVP·RQW donné tant de courage dans le chemin difficile de mon existence, que seulement à 9RXVMHSXLVGLUHODEDWDLOOHTXHM·DLJDJQp« Je suis sereine ² et dans mon travail M·DLWURXYpGHVMRLHVLPPHQVHV« Dites moi si Vous préférez que je vienne chez Vous, ou si Vous préférez de venir un soir avec nous et partager notre humble repas ² ce sera encore un doux souvenir que Vous éveillerez en moi. Donnez moi ce cadeau paternel. Votre Mimi68
Adelmina Romanelli schrieb diese Zeilen achtzehn Jahre nach der ersten Begegnung. Der zeremoniöse französische Briefstil erscheint hier aufs Umständlichste gesteigert. Der nur zwei Jahre ältere Rilke ist in seiner ÄJORLUH¶ ]XU 9DWHUILJXU HUKREHQ (LQ 6FKOVVHOZRUW DXV GHQ /LHEHVEULHIHQ scheint Mimi Romanelli indes übernommen zu haben. Sie zitiert es, wenn VLHVFKUHLEWÅGDQVPRQWUDYDLO M·DLWURXYpGHVMRLHVLPPHQVHV´ und zeigt damit, dass sie Rilkes Lebenskonzept dann doch akzeptiert hat. Beide Partner haben in ihren Brief-,FKVGHQÄWUDYDLO¶-Begriff formelhaft verwendet. Mimi Romanelli ist mit ihrer angenommenen Rolle zu einer einsamen Künstlerin ohne eigentliches Kunstwerk geworden. Ein Unglück scheint das für sie nicht gewesen zu sein. Sie ist keinesfalls in dieser Rolle aufgegangen, sonGHUQ KDWVLFKLQGHQ -DKUHQÄQDFK5LONH¶]XHLQer glanzvollen Dame der venezianischen und internationalen Gesellschaft entwickelt. Auch diesen Weg hat ein Brief Rilkes vorgezeichnet, ein energischer Brief in deutscher Sprache an Mimi Romanellis Bruder,69 der mit ihrem Lebens68 69
I.B. Jonas [Anm. 24], S. 51. Rilke an Piero Romanelli, 4.1.1908, in: LAV, S. 84 (in französischer Übersetzung).
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stil nicht einverstanden warVRQGHUQVLHDOVÅLOWHVRURGHOODFDVDVXD´ LAV 84)70 behandeln wollte, ein wertvolles, aber nicht nützliches Museumsobjekt. Rilke warnt aber auch davor, die Schwester des Adressaten wie ein Gemüse im Hausgarten zu behandeln, wie ein Blatt Zichorie,71 mit dem jeder Bürger seinen Kaffee verdünnen und verbilligen könne. Diese Forderung nach Freiheit und Unabhängigkeit in der Lebensführung einer Frau ist um 1900 durchaus bemerkenswert.72 Etwas seltsam erscheint die Entstehung des Re