BIBLIOTHEK DER GRIECHISCHEN LITERATUR ISSN 0340-7853 . BAND 50
BIBLIOTHEK DER GRIECHISCHEN LITERATUR
HERAUSGEGEBEN VON PETER WIRT H UND WIL HELM GESSEL
BAND 50
EIN BAND DER ABTEILUNG BYZANTINISTI K HERAUSGEGEBEN VON PETER WIRT H
ANTON HIERSEMANN STUTTGART 1999
DEMETRIOS KYDONES
Briefe
ÜBERSETZT UND ERLÄUTERT VON FRANZ TINNEFELD
D RITTER TEIL ( 1 1 2 BRIE FE , REGISTER)
ANTON HIERSE MANN STUTTGART 1999
Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme Demetrius
: Briefe
/ Demetrios Kydones. Übers. und er!. von Franz Tinnefeid. -
Stuttgart : Hiersemann Teil 3. (112 Briefe, Register).
-
1999
(Bibliothek der griechischen Literatur; Bd. 50) ISBN 3-7772-9911-1
:semann, Stuttgart Alle Rechte vorbehalten, insbeson...�_
und der Übersetzung. Ohne schriftliche
Genehmigung des Verlages ist es auch nicht gc., __
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Teile daraus in einem photomechanischen, audiovisuellen oder sonstigen Verfahren zu vervielfälti gen und zu verbreiten. Diese Genehmigungspflicht gilt ausdrücklich auch für die Verarbeitung, Vervielfältigung oder Verbreitung mittels Datenverarbeitungsanlagen und elektronischer Kommunikationssysteme. Lichtsatz in Sabon-Antiqua und Druck von AZ Druck und Datentechnik GmbH, Kempten. Gedruckt auf einem holzfreien, säurefreien und alterungsbeständigen Papier. Bindearbeit von Großbuchbinderei Heinrich Koch, T übingen. Einbandgestaltung von Alfred Finsterer, Stuttgart.
I N HA LT
VII
VORWORT . . EINLEITUNG . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1. Auswahl und Anordnung der Briefe im dritten Teil 2. Konkordanz der Briefnummern im dritten Teil 2.1 Reihenfolge nach der Zählung von R.-J. Loenertz 2.2 Reihenfolge nach der eigenen Zählung . . . . 3. Zur Übersetzung und zum Kommentar . .
DIE BRIEFE DES DRITTEN TEILS (Nr. 230 - 0341 der eigenen Zählung)
1 1 3 3 4 7
11
ANHANG
317
Abkürzungsverzeichnis Korrekturen und Nachträge zu den Bänden 1/1, 1/2 und 11 Register zum dritten Teil . . . . . . 1. Historisches Register . . . . .
317
1.1 1.2 2.
2.1 2.2
324 324 324 331
Namen (Personen, Geographisches)
. ... .. . .... .. Briefregister . . . . . . . . . .
Sachen
334
Adressaten der in den Kydonesbriefen erwähnten eigenen Briefe
334
Die in den Kydonesbriefen erwähnten Briefe anderer Personen
(1.
Absender von Briefen an Kydones,
andere Personen)
3.
322
. . . . .
2.
Absender von Briefen an
334 335
4.
Griechische Stichwörter Literarisches Register . .
337
4.1
Epistolographisches
337
4.2
Rhetorisches
4.3
Bilder in Vergleichen und Metaphern
2.
(1.
.....
Beobachtungen zum Stil des Kydones,
Von Kydones verwendete rhetorische Begriffe)
4.4
Antike Namen und Sachen
4.5
Testimonien .
5.
Grammatisches . . Moderne Autoren
6.
. . . .
339 341 343 347 348 349
VORWORT
Acht Jahre nach Band II kann nunmehr Band III der Kydones-Briefe erscheinen, der erste, der auf Computer geschrieben und bei dessen Drucklegung eine mit dem Manuskript eingereichte Diskette verwendet wurde. Dies bedeutete im ganzen, abgesehen von einigen neuen Proble men, die sich ergaben, eine große Erleichterung der Korrekturarbeit. Dem Herausgeber der Reihe, Herrn Dr. Peter Wirth, sei für die sorgfäl tige Durchsicht der Übersetzung und seine wertvollen Anregungen und Hinweise, vor allem zu stilistischen Verbesserungen, gedankt, Herrn Prof. Dr. jur. Dr. phil. Hubert Kaufhold für seine selbstlose Bereitschaft, auch diesmal wieder, wie schon bei den vorausgehenden Bänden, die gesamte Korrektur mitzulesen; er fand noch manche Versehen, die dem Verfasser des Bandes entgangen waren. Die hier ins Deutsche übertragenen Briefe entstammen der Zeit, als türkische Eroberer, vor allem die Osmanen, auch im europäischen Teil des ehemaligen byzantinischen Reichsgebietes immer weiter vordrangen und schließlich Thessalonike, nach Konstantinopel das zweite bedeutende Zentrum des verbliebenen Restreiches und Heimatstadt des Kydones, zu erobern drohten. Damals, gegen Ende des Jahres 1382, begab sich der Sohn des regierenden Kaisers Johannes V. , der Mitkaiser Manuel Palaio logos, aus eigener Initiative in die gefährdete Stadt, um sie für das ster bende Byzanz zu retten. Viele Briefe, die Kydones in den Jahren 1382 bis 1387 an ihn und andere Personen in Thessalonike schrieb, sind wertvolle Zeitzeugnisse der kritischen Situation, die zunächst von wechselndem Kriegsglück geprägt war. Kurz nach der Zeitgrenze des vorliegenden Ban des, im Frühjahr 1387, mußte die Stadt dennoch den türkischen Erobe rern überlassen werden. Davon und von den darauf folgenden Ereignissen wird in den Briefen des vierten und letzten Bandes die Rede sein. München, im November 1998 Franz Tinnefeld
EI NLEI TUN G 1. AUSWAHL UND ANORDNUNG DER BRIEFE IM DRITTEN TEIL Die bisher erschienen Bände dieser kommentierten Übersetzung der Kydonesbriefe (I11: BGL 12, 1981; I12: BGL 16, 1982; II: BGL 33, 1991) enthalten 47 + 91 + 91, insgesamt also 229 Briefe. Von diesen sind 228 der Edition LC, einer (T81) dem Band MercNotl entnommen. Die Edi tion LC umfaßt 450 Nummern, doch sind die Briefe 121 und 122 als nicht von Kydones verfaßt zu eliminieren (siehe Bd. I11, 77); es verbleiben also 448 Briefe. Nach Abzug der 228 sind noch 220 Briefe zu übersetzen und zu kommentieren. Von diesen umfaßt der vorliegende Bd. III 112, Bd. IV wird die restlichen 108 Briefe enthalten. Das in Bd. III vorgelegte Material gliedert sich wieder wie in Bd. II in sog. datierbare und nicht datierbare Briefe. Als «datierbar» werden in der Regel die bezeichnet, welche Loenertz in seine «Series epistularum chronologica» bzw. «Chronotaxis» (LC II 484-496) aufgenommen hat. Es handelt sich um den Versuch einer chronologischen Anordnung der (anteilmäßig zahlreicheren) Briefe, die eine einigermaßen wahrscheinliche Datierung bis zu einem gewissen (nicht immer gleichen) Grad von Ge nauigkeit, meist aus inneren Gründen, zulassen. Aus dieser Chronotaxis enthält der vorliegende Band die Briefe der Listen XIII, XIV und XV. Bestand und Reihenfolge der Listen werden in der Regel beibehalten, auch wenn sich aus der Arbeit an den Briefen geringfügige Abweichungen in der Datierung gegenüber LC ergaben. Doch wird L241 ( T231) ab weichend von Liste XIII (LC II 491) vor L200 ( T232) eingeordnet, und L265, der vorletzte Brief von Liste XIII, wird aus dieser Liste herausge nommen und unter die nicht datierbaren Briefe von Liste XXVI eingereiht ( T 0292). Es verbleiben also aus dieser Liste 30 statt der dort enthalte nen 31 Briefe. Der Liste XIV (LC II 492) wird Brief L344 als T264 bei gefügt; sie umfaßt deshalb hier 28 statt 27 Briefe. Liste XV enthält 33 Briefe. Die Summe der «datierbaren» Briefe in diesem Band beträgt also 91. =
=
=
1
Zu den verwendeten Abkürzungen siehe das Literaturverzeichnis.
1
EINLEITIJNG
Als «nicht datierbar» gelten alle übrigen Briefe. Doch auch sie lassen sich aufgrund ihrer Einordnung in die autographe Briefsammlung des Ky dones oft wenigstens mit geringerer Genauigkeit (etwa 3-4 Jahre) datie ren. Unter ihnen finden sich auch einige, die eine engere Eingrenzung der Datierung zulassen, so daß in diesem Fall die Grenze zum «datierbaren» Brief fließend wird. Doch wurde darauf verzichtet, sie in diesem Fall einer der Gruppen datierbarer Briefe zuzuordnen, weil die Sicherheit der Datie rung nur als relative zu verstehen ist. Loenertz hat in LC II, XIV eine Übersicht über die Zuordnung der Briefe von LC II zu den einzelnen Heften (cahiers) im autographen Brief buch des Kydones (Vat.gr. 101) gegeben und jedem Heft eine ungefähre Datierung zugeordnet. Meist ist der Umfang eine Heftes mit der Nummer eines «Buches» (livre) in der Edition identisch; in drei Fällen hat Loenertz aber auch zwei cahiers zu einem livre zusammengefaßt. Im folgenden werden die nicht datierbaren Briefe jeweils ihrem «Buch» (livre) in der Ausgabe LC zugeordnet. Nach der Herausnahme der «da tierbaren» Briefe verbleiben aus den Büchern XXIV-XXXI, die in ihrer ungefähren Datierung etwa dem Zeitraum der datierbaren Briefe (138287) entsprechen, die folgenden «nicht datierbaren» Briefe für Bd. III, die nach der Reihenfolge, die sie in diesen Büchern einnehmen, angeordnet werden: Buch XXIV: L245, 252; XXV: L256, 257; XXVI: L265, 268, 280, 281; XXVII: L286-288, 290, 292; XXVIII: L295-298, 301; XXIX: L317; XXX: kein Brief (da alle «datierbar» sind); XXXI: L330, 333, also insgesamt 21 Briefe. Einer Gruppe von «datierbaren» Briefen wird jeweils nachfolgend eine Gruppe «nicht datierbarer» Briefe zugeordnet, die gemäß dem Heft (ca hier) bzw. Buch (livre), dem sie angehören, vermutlich etwa zeitgleich mit den datierbaren Briefen entstanden sind. Daraus ergibt sich folgende Anordnung: Gruppe 1: Datierbare Briefe der Liste XIII (1382/83); Gruppe 2: Nicht datierbare Briefe aus LC II, Buch XXIV und XXV (ca. 1382/83); Gruppe 3: Datierbare Briefe der Liste XIV (1383/84); Gruppe 4: Nicht datierbare Briefe aus LC II, Buch XXVI und XXVII (ca. 138284, z.T. vielleicht auch bis 1386); Gruppe 5: Datierbare Briefe der Liste XV (1385-87); Gruppe 6: Nicht datierbare Briefe aus LC II, Buch XXVIII, XXIX und XXXI (1383-87).
2
EINLEITUNG
2. KONKORDANZ DER BRIEFNUMMERN IM DRITTEN TEIL 2.1 Reihenfolge nach der Zählung von R.-J.Loenertz L T
= =
Loenertz Tinnefeld
L
T
L
T
80 200 203 204
277 232 233 243 244 244:123 1 234 235 0260 245 236 259 237 249 238 0261 253 254 239
27 1 272 273 274 276 277 278 279 280 281 282 283 284 285 286 287
283 270 284 247 24 1 285 278 248 0294 0295 268 27 1 266 267 0296 0297 0298 272 0299 279
0262 0263 240 242 250 251 265 252 258 0292 230 257 293 246 269
292 293 294 295 296 297 298 299 300 301 302 303 304 305 306
235 235:124 1 243 244 245 246 247 248 249 250 25 1 252 253 254 255 256 257 258 259 260 261 262 263 264 265 266 267 268 269 270
288 289 290 291
0300 273 288 0334 0335 0336 0337 289 28 1 0338 302 303 304 305 306
L
T
307
290 307 308 286 287 255 309 301 310 311 0339 3 12 282 274 291
308 309 3 10 311 3 12 313 314 315 316 317 318 3 19 320 321 322 323 324 326 327 328 329 330 331 332 333 334 335 336 337 338 339 340 342 344
313 280 275 256 316 3 17 326 0340 327 328 0341 3 14 315 318 324 332 276 333 329 264
3
EINLEITUNG
L
T
L
T
L
T
345 346 357
330 331 321
358 359 360
322 323 319
36 1 362
320 325
2.2 Reihenfolge nach der eigenen Zählung Nummern TIL
Adressat
Datum
Gruppe 1: Datierbare Briefe der Liste LC II 491, Nr. XIII (ohne L265) L266 L241 L200
230 231 232
=
233 234 235
=
236 237 238 239 240 24 1 242 243 244 244* 245 246 247 248
= =
= = = = = = =
=
L276 L259 L204
=
L235
=
L235* L246
= =
= = = =
249 250 251 252 253 254
=
255 256
=
4
L203 L243 L244 L247 L249 L251 L255 L258
= = = = =
=
L269 L274 L279 L250 L260 L261 L263 L253 L254 L312 L326
Kaiser Ioannes V. Palaiologos Kaiser Matthaios Kantakuzenos Ein ehemaliger Vertrauter des Despoten Manuel Kantakuzenos Kaiser Manuel IL Palaiologos Kaiser Manuel IL Palaiologos Kaiser Manuel IL Palaiologos Kaiser Manuel IL Palaiologos Kaiser Manuel II. Palaiologos Theodoros I. Palaiologos, Despot Ioannes Asanes Kaiser Manuel IL Palaiologos (nicht abgesandt) Kaiser Manuel 11. Palaiologos Kaiser Manuel IL Palaiologos Ein unbekannter Freund Isidoros Glabas, Metropolit von Thessalonike (Erstfassung von L235) Thomas (Dukas) Alusianos Ioannes Laskaris Kalopheros Ein Freund Ein hoher kaiserlicher Finanzbeamter Kaiser Manuel II. Palaiologos Ein Mönch der römischen Kirche Ein Aufseher des Fischereiwesens Akakios, Geistlicher (Mönch?) Kaiser Manuel 11. Palaiologos Theodoros Kantakuzenos Kaiser Manuel 11. Palaiologos Kaiser Manuel 11. Palaiologos
1382 (?) Herbst 1382 Spätherbst 1382 Herbst (November) 1382 Herbst (November) 1382 Spätherbst 1382 Winter 1382/83 Winter 1382/83 Winter 1382/83 Ca. Winter 1382/83 Winter 1382/83 Winter 1382/83 Frühjahr 1383 Nov. 1382-Frühjahr 1383 (?) Nov. 1382-Sept. 1383 (?) 1382/83 (?) 1383 (?) Frühjahr/Sommer 1383 (?) 1383 Frühjahr/Sommer 1383 1383/84 1383 (?) Frühjahr/Sommer Frühjahr/Sommer Frühjahr/Sommer Frühjahr/Sommer Frühjahr/Sommer
1383 (?) 1383 1383 1383 1383 (?)
EINLEITUNG
257 258
= =
L267 L264
259
=
L248
Ioannes Asanes Ioannes Asanes Rhadenos
Sommer 1383 Spätsommer 1383 Spätsommer 1383
Gruppe 2: Nicht datierbare Briefe aus LC II, Liber XXIV und XXV (ca. 1382/83) Alle nicht datierbaren Briefe sind durch vorgesetzte 0 gekennzeichnet 0260 0261 0262 0263
= = = =
L245 L252 L256 L257
Ein hoher kaiserl. Finanzbeamter Ein selbstgefälliger Lebemann Kaiserin Helene Palaiologina Chloros, Beauftragter des Fiskus
1382/83 1382/83 1382/83 1382/83
(?) (?) (?) (?)
Gruppe 3: Datierbare Briefe der Liste LC II 492, Nr. xrv, mit L344 (1383/84) 264 265 266 267 268 269 270 27 1 272 273 274 275 276 277 278 279 280 281 282 283 284 285 286 287 288 289
L283 L289 L293 L320
Georgios Gabrielopulos Kaiser Manuel 11. Palaiologos Kaiser Manuel 11. Palaiologos Rhadenos Kaiser Manuel 11. Palaiologos Rhadenos Ein literarisch gebildeter Freund Kaiser Manuel 11. Palaiologos Rhadenos
1383/84 Herbst 1383 Herb.st 1383 Herbst 1383 Herbst 1383 Herbst 1383 Herbst 1383 (?) Spätherbst 1383 (?) Spätherbst 1383
Theodoros I. Palaiologos, Despot Kaiser Manuel 11. Palaiologos
L324 L339 L80
Rhadenos Ein Freund, Finanzbeamter Kaiser Manuel 11. Palaiologos Ein Freund Ein Freund Muzalon, hoher Beamter Ein hoher Finanzbeamter
=
L278 L291 L323 L300 L319 L271 L273 L277 L310 L311
=
L294
Rhadenos Rhadenos Kaiser Manuel 11. Palaiologos
SommerlHerbst 1384 Winter 1383Frühjahr 1384 (?) Februar-Mai 1384 1383-86 Spätherbst 1383Frühjahr 1384 (?) 1383-86 (?) 1383-86 (?) 1383-86 1383-86 (?) 1383-86 (?) Sommer 1384 (?) Bald nach 6.8. 1384 Bald nach 6.8.1384 Ca. September 1384 Herbst 1384 Spätherbst 1384Frühjahr 1385 (?)
=
L299
Kaiser Manuel 11. Palaiologos
= = = = = = = = = = =
= = =
= = = = = = = = =
L344 L262 L284 L285 L282 L270 L272
Thomas Dukas Alusianos Kaiser Manuel 11. Palaiologos Rhadenos Kaiser Manuel 11. Palaiologos
Winter 1384/85Frühjahr 1385 (?)
5
EINLEITUNG
290 291
L307 L321
= =
Patriarch Neilos 1. Kerameus Francesco H. Gattilusio
Ca. 1385/86 Ca. 1385/86
Gruppe 4: Nicht datierbare Briefe aus LC II, Liber XXVI und XXVII (ca. 1382-84) 0292 0293 0294
=
0295 0296 0297
=
=
L281 L286 L287
0298
=
L288
0299 0300
=
L290 L292
= =
=
=
L265 L268 L280
Ein unbekannter Freund Ein Freund, Bruder eines Richters Ein Freund Ein Freund Ein Freund Ein literarisch gebildeter Freund Ein Bekannter in der Umgebung des Kaisers Ein Freund Ein beim Patriarchen einflußreicher Freund
Frühjahr 1382 (?) 1382-84 (?) 1382-84 (?) Aug./Sept. 1383 (?) 1383 (?) 1383 (?) 1381 (?); 1383 (?) 1383 (?) 1383 (?)
Gruppe 5: Datierbare Briefe der Liste LC II 493, Nr. XV (1385-87) 301 302 303 304 305 306 307 308
= = = = = = = =
L314 L302
Ca. März 1385 Ca. Mai/Juni 1385 Mai/Juni 1385 Mai/Juni 1385
Kaiser Manuel H. Palaiologos Kaiser Manuel H. Palaiologos
Mai/Juni 1385 Juni 1385
L313 L315 L316 L318
Kaiser Manuel H. Palaiologos Theodoros 1. Palaiologos, Despot Kaiser Manuel H. Palaiologos Rhadenos Kaiser Manuel 11. Palaiologos
Juni 1385 Mai/Juni 1385 1383-86 (?) Herbst 1385-Frühjahr 1386
L322 L334
Theodoros 1. Palaiologos, Despot Rhadenos
L335 L327 L328 L336
L303 L304 L305 L306 L308 L309
309 310 311 312
=
313 314
=
315 316 3 17 318
=
319 320
= =
L360 L361
321
=
L357
Rhadenos Kaiser Manuel 11. Palaiologos Ein Freund Theodoros 1. Palaiologos, Despot Ein Abt in Konstantinopel Ein Mann, der über Einfluß am Kaiserhof verfügt Gudeles, Mesazon am Kaiserhof
322 323
=
L358 L359
Ein Freund, ehemals Richter loannes Laskaris Kalopheros
6
= = =
=
= = =
=
Ca. März 1385
Ein Freund Kaiser Manuel 11. Palaiologos Rhadenos Kaiser Manuel H. Palaiologos Rhadenos
Ca. Herbst 1385Frühjahr 1386 SommerlHerbst 1385 Ca. Herbst 1385Sommer 1386 Herbst 1385-Sommer 1386 1386 1386 (?) SommerlFrühherbst 1386 Herbst 1386 (?) Herbst 1386-März 1387 Herbst 1386-März 1387 (?) 1386 (?) Ca. August-Oktober 1386
EINLEITUNG
324
=
L337
325 326 327 328 329 330
=
L362 L329 L331 L332 L342 L345
= = = = =
Ein Freund, der sich bei den Walachen aufhält Manuel (?) Tarchaneiotes Demetrios Kabasilas Ioannes Laskaris Kalopheros Rhadenos Kaiser Manuel 11. Palaiologos Ioannes Laskaris Kalopheros
33 1 332
=
L346 L338
Ein Mönch, ehemals Hofbeamter Ein Mann, der über Einfluß am
333
=
L340
Kaiserhof verfügt Kaiser Ioannes V. Palaiologos
=
Herbst 1386 Winter 1386/87-April 1387 Winter 1386/87 NovemberlDezember 1386 Ca. Februar-April 1387 Ca. Februar-April 1387 Ca. Frühjahr 1387 Frühjahr 1387 Februar-April 1387 (?) Bald nach dem 5.4. 1387
Gruppe 6: Nicht datierbare Briefe aus LC II, Liber XXVIII, XXIX und XXXI (ca. 1383-88) 0334 0335 0336 0337 0338 0339 0340 0341
= = = = = = = =
L295 L296 L297 L298 L301 L317 L330 L333
Ein Geistlicher oder Mönch Zwei befreundete Damen Ein Freund Ein Freund Ein befreundeter Arzt Ein Megas Chartophylax Ein angesehener Anwalt Maximos Chrysoberges
Ca. Ca. Ca. Ca. Ca. Ca.
1383-88 1383-88 t383-86 1383-88 1383-88 1383-86
Ca. 1385-87 1385-87
3. ZUR ÜBERSETZUNG UND ZUM KOMMENTAR Wie in Bd. I und II beginnt jeder Brief mit einer Titelleiste. Sie enthält in der ersten Zeile die Nummer der eigenen Zählung sowie, falls vorhan den, den im Autographen oder in anderen Handschriften überlieferten Brieftitel, der meist nur den Empfänger, in seltenen Fällen auch seinen Aufenthaltsort angibt. Ab der zweiten Zeile finden sich in kleinerem Druck folgende Angaben: Nummer nach der Zählung der Edition Loe nertz (L), Aufenthaltsort des Kydones (OKyd), Angaben zum Empfänger und dessen Aufenthaltsort (E, OE), soweit nicht schon im überlieferten Brieftitel enthalten, das vermutliche Datum des Briefes (D) und ein knap pes Regest, das den wesentlichen Inhalt (wI) des Briefes wiedergibt. Die Zeilen der Übersetzung werden nach der Loenertz-Edition in Fün fergruppen durchgezählt. Auf die in Band II (BGL 33) eingeführte Praxis, 7
EINLEITUNG
den Beginn von Z. 5, 10 usw. der Edition j eweils durch einen Schrägstrich zu bezeichnen, wird in diesem Band wieder verzichtet, weil eine entspre chende Anweisung von der Druckerei nicht ausgeführt wurde und eine spätere Korrektur dieses Versehens als zu aufwendig erschien. Zeilen wer den im Kommentar grundsätzlich nach der griechischen Edition zitiert. In der Übersetzung hinzugefügte Wörter werden wieder in spitze Klam mer gesetzt. Allerdings werden wie in Bd. II Wortzusätze, die der Routine der Übersetzungpraxis aus dem Griechischen entsprechen, nicht bezeich net. Im Zweifelsfall entscheidet das Ermessen des Übersetzers, doch ist in ähnlich gelagerten Fällen Konsequenz in der Verwendung der Klammern beabsichtigt. Abweichungen der Übersetzung vom Wortlaut des griechi schen Textes erscheinen dort gerechtfertigt, wo eine wörtliche Überset zung mit gutem deutschem Stil nicht vereinbar ist. Ausnahmsweise wurde aber, wie in den vorausgehenden Bänden, die frei abwechselnde Verwen dung von Ich- und Wir-Formen für die erste Person (des Briefschreibers ) übernommen, obwohl sie modernem Empfinden widerstrebt. Dies soll daran erinnern, daß in der byzantinischen Anrede nach antikem Vorbild die Unterscheidung von « du » und « Sie» zwar unbekannt ist, daß aber andere Kategorien an deren Stelle treten. In manchen byzantinischen Brie fen findet sich eine Anrede in der zweiten Person Plural, nicht aber bei Kydones. Doch spricht er von sich selbst abwechselnd in der ersten Per son Singular oder Plural. Wie in früheren Bänden ( siehe Bd. II, 12) werden in Kapitalbuchstaben geschrieben: das Wort « STADT» , wenn es Konstantinopel bezeichnet, Umschreibungen Gottes wie « ERLÖ SER» , aber nicht das Wort « Gott » , sowie die Anrede des Kaisers und anderer hochrangiger Briefpartner als « HAUPT» . Der Übersetzung eines j eden Briefes schließt sich wieder ein Kommen tar (K) an, der in vier Kategorien eingeteilt ist: r. Begründung der Anga ben in der Titelleiste. Ir. Angaben zum historischen Gehalt bzw. Hinter grund der Briefe nach den Kategorien: Biographie des Kydones (BKyd) , Biographie des Empfängers (BE ) , Angaben z u dritten Personen ( in der Reihenfolge ihres ersten Vorkommens im Brief: Xl, X2 usw.) und zur Zeitgeschichte (ZG), Erwähnung eigener oder anderer Briefe ( Ep ) . III. Handschriftliche Grundlage des Briefes (Hs ) unter Verwendung der in LC I, III -XII und LC II, XXVI angegebenen Siglen, bereits vorliegende Übersetzungen (Üb ) , in seltenen Fällen auch weitere Sekundärliteratur
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EINLEITUNG
zum Brief, sofern nicht schon vorher zitiert. IV. Einzelanmerkungen zum Brieftext: sachliche Angaben, Zitate und Anspielungen. Epistolographi sche, rhetorische und stilistische Beobachtungen werden wie in Bd. II in das literarische Register (Register, Kategorie 4) verwiesen. Auf Kurzbiographien konnte wie bereits in Bd. II verzichtet werden, da das Prosopographische Lexikon der Palaiologenzeit (PLP) nun vollständig vorliegt und daher auf dessen Nummern verwiesen werden kann. Für die häufigeren Briefpartner Manuel Palaiologos, Rhadenos und Ioannes Laskaris Kalopheros liegt ausreichende Spezialliteratur vor, die zum j e weiligen Brief zitiert wird.
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DIE BRIEFE DES DRITTEN TEILS
Gruppe 1: Datierbare Briefe der Liste LC II 491, Nr. XIII (1382-83) (ohne L265)
230 L : 2 6 6 ; OKyd: Konstantinopel; E : Kaiser Ioannes V. Palaiologos; OE: Konstantinopel; D: 1382 (?); wI: Versuch, dem spanischen Dominikanermönch Garses (Garcia) durch höch stes Lob seiner Verdienste eine erneute finanzielle Unterstützung von seiten des Kaisers zu erwirken.
Alles, was eine gute Behandlung angemessen erscheinen läßt, ist in der Person dieses Garses vereinigt zu finden. Denn arm · ist der Mann und
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auch einer von denen, die um Christi willen den Verzicht auf Eigentum für einen Schatz halten. Er hat seine Mutter, seine Brüder und sein Haus, die ihn zur Genüge hätten ernähren können, aufgegeben und verläßt sich auf den Ernährer der Vögel und Raben ! , aber er hat über Gottes Gebot hinaus auch bereitwillig die Lebensweise derer angenommen, die zeit ihres Lebens enthaltsam bleiben wollen. Auch sein sonstiges Verhalten 1 0 entspricht i n hohem Maße seinen Grundsätzen. Ferner ist e r ein Freund der Bildung; von den Annehmlichkeiten, die es unter den Menschen gibt, ist er dieser allein so sehr ergeben, daß es ihm nicht genug war, nur in Italien rhetorisch tätig zu sein, wo er viele in der Redekunst übertraf, die sie als Beruf ausüben, sondern wenn er nicht auch den Stil eines Platon und Demosthenes2 beherrschte und bei uns attisch reden lernte, achtete er die heimische Bildung gering. Womit aber könnte uns j emand mehr 15 erfreuen, als wenn er offenkundig unsere Kultur der eigenen vorzieht? Was aber vor allem von ihm bekannt ist, womit er uns alle für sich einge nommen hat und wofür wir ihm von Gott und von dir einen Gnadener weis wünschen, (ist dies): Er ist dir über die Maßen zugetan, Kaiser, singt bei allen in beiden Sprachen dein Lob und geißelt mit ausführlicher Ge- 20 genrede die, welche dagegen sprechen. Auch freut er sich mit denen, die sich günstig über die Rhomäer3 äußern, die aber, die das nicht ertragen, verlacht er als Neidbesessene, und mit Herz und Seele ist er bereit, für dich und die Deinen wie für sein eigenes Vaterland zu kämpfen.
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
Er also, der sich einen solchen Reichtum an vorzüglichen Eigenschaften gesammelt hat, entbehrt (einige) bescheidene (Güter), wie sie wohl nicht 25 einmal ein zutiefst philosophisch Gesinnter verachten würde. Da er nun
suchte, wie er diesen Mangel beheben könne, gedachte er des Lenkers aller, der vielen anderen solche Nöte gelindert und auch ihm selbst im vergangenen Jahr eine Gabe gewährt hatte, die ihm unter anderem die Fortsetzung seiner Studien erleichterte. Als er sich nun wieder an das Empfangene erinnerte, wählte er mich als Vermittler in der gleichen Ange legenheit und konnte mich mühelos gewinnen; denn ich bin überzeugt, 30 daß die Vermittlung mit keinerlei Schwierigkeiten verbunden ist, da deine
Wesensart uns ganz leichte Erfüllung verspricht. Ich lobte ihn aber auch, weil er mit scharfem Blick sah, wohin er den Lauf zu richten habe, und verhieß ihm, wir würden keinen Mißerfolg erleiden, sondern die Quelle frischen Wassers werde sich auch uns nicht verweigern. Es liegt also bei dir, Kaiser, für deinen eigenen und für meinen Ruhm zu sorgen; denn ich werde (dann) nicht als Prahler erscheinen, wenn ich deine Natur zu ken35 nen behaupte, und du selbst wirst vielen, die in der Gegend von Gadeira4
wohnen, Anlaß zu deinem Lob geben, wenn dieser nach Hause zurück kehrt und seinen Angehörigen von den Gaben erzählt, die er erhalten hat. Ich aber glaube, daß diese Wohltat nicht nur bis zum Okeanos und nach Gadeira, sondern sogar bis zum Himmel hinauf bekannt wird, wann im mer er die MysterienS feiert und mit Gott verhandelt, um dein Heil zu erwirken6 . K 1.
OKyd, OE: Nichts deutet darauf hin, daß Kyd. und der Kaiser sich an einem anderen
Ort als dem der kaiserlichen Residenz, in Konstantinopel, aufhalten. E: Der angeredete Kaiser (Z. 1 8 f. 3 3 ) ist derselbe, der Garcia im Vorjahr eine Wohltat erwies ( siehe D ) . D: Wegen des Verweises auf eine Wohltat des Kaisers «im vergangenen Jahr» (:rcEQ'lJO"L, Z.27), siehe Bd. H, T2 1 4 (wahrscheinlich zu datieren auf Mai/Juni 1 3 8 1 ) , wurde vorliegender Brief wohl i.]. 1382 verfaßt. H. BKyd: Der Brief ist nach T208 und 2 1 4 ein weiteres Zeugnis für die freundschaftliche Beziehung des Kyd. zu Garcia und erweist ihn wie T2 14 als gewandten Fürsprecher (weitere Fürsprache-Briefe des Kyd . : siehe Bd. 11 1 , 56, A.22 ) . Allerdings scheint er mit der Vergeßlich keit des Kaisers zu rechnen, weil er dieselben Argumente wie in T2 1 4 verwendet, um ihn für den Freund zu gewinnen. BE: Das wie hier (Z.3 8 f. ) schon in T2 14, Z.52 f. versprochene Gebet des Dominikanermönches bei der Eucharistiefeier setzt die Konversion des Kaisers zur römischen Kirche i.]. 1 3 69 voraus. Xl : Zur Person des Garses (Garcia) (Z.4) siehe PLP 3 5 70 und die oben zitierten Briefe. III. Hss: A 80Y - 8 I', Nr. 3; U 1 3 3Y - 1 34V, Nr. 1 44.
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BRIEFE
T2 30-2 31
IV. 1 NTLk 12, 24 (Erwähnung der Raben) . 2 Dazu Näheres: B d . 112, T1 1 6, A.3. 3 Rhomäer ('PWflULOl): Selbstbezeichnung der Byzantiner. 4 Sc. am westlichen Ende der damals bekannten Welt (vgl. Bd. 111, T44, A. 1 9 ) . 5 Sc. die Eucharistie bzw. die römische Meßliturgie. 6 Die Eucharistiefeier bietet also nach dem Glauben des Kyd. gleichsam Gelegenheit zu privater Zwiesprache oder gar zum « Verhandeln über das Heil» ( ÖtUAEyw8m UJtEQ 'tfis; ow'tllQCuS;) eines Priesters mit Gott.
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AN KAISER MATTHAIOS
L: 24 1 ; OKyd: Konstantinopel; E: Kaiser Matthaios Kantakuzenos; OE: Mistra, Pelopon nes; D: Herbst 1 3 82; wI: Kydones, zuvor der irrigen Meinung, Matthaios zürne ihm, freut sich, von ihm einen liebenswürdigen Brief erhalten zu haben, den er als dauernden Beweis seiner Gunst versteht. Er teilt ihm die baldige Ankunft des Despoten Theodoros Palaiologos . in Mistra als eine frohe Nachricht mit.
Es ist also nun nicht mein Schicksal, ganz unglücklich zu sein, sondern es sollte uns auch etwas Trost in unserem Kummer1 zugedacht werden.
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Diesen brachte mir der Brief von edler Hand, in dem sich kaiserliches Denken und kaiserliche Gesinnung glänzend offenbarten; es war aber auch viel Milde und Sanftmut darin zu erkennen, Eigenschaften, welche (die) Kaiser mehr (noch) als die goldene Krone zieren können. Bewundern wir doch auch bei Gott, mögen wir auch alle in j eder Hinsicht Schrecken und Staunen für ihn empfinden, vor allen seinen anderen Vorzügen seine 1 0 Güte, der wir auch die Entstehung aller Dinge und unser Heil verdanken und zuschreiben. Sie nimmst auch du dir zum geziemenden Vorbild und hältst sie deinen Untertanen als MerkmaF der Herrschaft vor Augen, während du das schroffe und grimmige Auftreten verächtlich den Tyran nen überläßt. Nun hätte es einem anderen als (Beweis seiner) Liebenswür digkeit und des bloßen Rufes gnädiger Gesinnung genügt, den Fehlenden nichts nachzutragen, sondern ihnen zu verzeihen, wenn sie ihn um Verge- 15 bung bitten. Du aber verfügst so reichlich darüber, daß du es nicht er trägst, wenn j emand vermutet, du könntest ihm böse sein; du kommst ihm vielmehr mit versöhnlicher Geste zuvor, (noch) bevor j ener zeigen kann, daß er gekränkt ist, als wolltest du dich bei den Gekränkten für ihren Irrtum entschuldigen. Ich muß gestehen, daß ich nicht einmal bei denen, die auf den 3 Bergen Askese üben, eine so tiefe philosophische Ge-
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
sinnung gefunden habe. Denn das ist es, wofür Paulus bewundert wird, 20 wenn er brennend mit denen leidet, die Ärgernis nehmen4 . Deswegen
wirst nicht nur du dir selbst einst den Richter gnädig stimmen, sondern auch j etzt (schon) für deine Milde keine geringe Ehre empfangen, da rings um dich deine Feinde sich besänftigen lassen, die Leute deiner Umgebung dich lieben und alle sich dir bereitwillig anvertrauen; denn wer wird sich einem Gütigen und Freundlichen entziehen? Mehr noch, wer wird es nicht als Gewinn ansehen, einem solchen Menschen zu dienen ? 25
Ich aber verfluche die, welche dein HAUPTs (unter der Vorgabe), du zürntest, verleumden, und tadle mich selbst, daß ich denen, die mich so gleißend täuschten, glaubte; doch erbitte ich nicht Verzeihung für meinen Irrtum, denn die hat zuvor schon dein Brief gewährt. Ich verspreche aber, fortan von dir nur das Richtige zu vermuten, und, wenn einer mich umzu stimmen sucht, Steine gegen ihn aufzuraffen, zur alten Freundschaft, wie
30 du selbst befiehlst, eilends zurückzukehren und mich zu bemühen, mein
früheres durch mein späteres Verhalten zu korrigieren. Ich bin mir aber bewußt, daß ich auf diese Weise meinen einstigen Herrn6 wohlwollender (und geneigt) finden werde, mir ebenso wie seinen Getreuen eine offene Sprache zu gestatten, die für verwerflich zu halten, die sich als Verleum der versuchen, und mir in j eder Hinsicht wie einen Hafen seine Gunst zu öffnen. Denn das ist deinen anderen guten Eigenschaften angemessen, 35 und zugleich wirst du recht tun, wenn du in deinem Umgang mit mir
deinen Vater, den Kaiser7, nachahmst, der mich in ganz j ungen Jahren in seine Dienste nahm und meine Anwesenheit nie als die eines Jünglings verstand, sondern für sich und den Staat von ihr größeren Gewinn zu haben glaubte als von der (Gesellschaft) betagter Leute. Seinem Urteil wagte niemand je ein anderes entgegenzusetzen8• Durch solches (Verhalten) also erfreue uns, aber auch durch die guten 40 Nachrichten, deren Ankunft wir uns alsbald erhoffen, (nämlich) daß die
Barbaren, die ein schlimmes Spiel getrieben haben, bestraft wurden, daß ihren Freveltaten ein Ende gesetzt ist und Lakonien j etzt mit besseren und vernünftigeren Gesetzen als zu Zeiten Lykurgs verwaltet wird. Glauben wir doch alle, daß du dazu fähig bist, zumal der Kaiser, dein Vater, dich in deine Aufgaben einführt, der Sohn des Kaisers9 aber mit dir zusam menwirkt. Sobald dieser zu dir kommt, wird er dich durch seine Anwe45 senheit erfreuen, in dir aber auch einen guten Zuschauer haben, dem er
seine Fähigkeiten beweisen kann.
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BRIEF T23 1
K r. OKyd: Kyd. kündigt die Reise des Theodoros Palaiologos an, der sich zuvor in Kon stantinopel aufhielt (s.u., X2 ) . OE: Lakonien (Z.4 1 ) steht hier für das Gebiet der Peloponnes, in dessen Hauptstadt Mistra die byzantinischen Despoten residieren. D: In LC 11 49 1 , Liste XIII, wird vorliegender Brief zeitlich nach L200
( T232 ) eingereiht, entsprechend den (nicht =
näher begründeten) Angaben in LS 1 4 1 , wo L200 (dort: 1 6,4) auf 1 3 8 0 - 82, und in LS 90, wo L241 (dort: 4, 1 ) auf 1 3 82 - 8 3 datiert wird. Doch erheben sich gegen diese Reihenfolge gewichtige Einwände. Loenertz sagt in einer Fußnote zu Z.43 selbst, daß der hier genannte «Sohn des Kaisers » , dessen Ankunft auf der Peloponnes von Kyd. angekündigt wird, Theodo ros Palaiologos ist. Brief L200 (der hier folgende Brief T232) aber setzt zweifellos voraus, daß Theodoros bereits auf der Peloponnes angekommen ist, was auch Loenertz selbst durch seine Bemerkung zu L200, Z.20 bestätigt. Die Reihenfolge der beiden Briefe wird daher hier gegenüber der in Liste XIII vertauscht. Die genauere Datierung der Briefe hängt davon ab, wann Theodoros auf die Peloponnes reiste. Gemäß SchreinChron 11 324 f. war dies im Welt jahr 6 8 9 1 (Sept. 1 3 82 - Aug. 1 3 8 3 ) , doch wartete er gemäß ManuelOr 1 1 1 , 1 1 - 1 6 in Kon stantinopel, bis die Lage dort sich beruhigt hatte, worunter gemäß DenReign 58 f. und SchreinChron 11 324 f. der Vertrag mit Genua vom 2 . 1 1 . 1 3 82 (Dö� eg 3 1 77) zu verstehen ist. Gemäß DenReign reiste er etwa um die Zeit dieses Vertrages, nach SchreinChron kam er gegen Ende des Jahres 1 3 82 in Mistra an. Es gibt aber keinen Grund, warum er noch länger hätte warten sollen, und so ist seine Ankunft in Mistra noch im November durchaus wahr scheinlich. Entsprechend ist auch die Ankündigung seiner Ankunft im vorliegenden Brief am ehesten auf November 1 3 82 zu datieren. Der unzureichend begründeten Datierung des vorliegenden Briefes auf 1 3 80/8 1 durch MaksKant 1 8 3 f. mit A.44, übernommen von RadJov 416, A.39, kann ich nicht beipflichten. Ir.
BKyd: Zur Anspielung des Kyd. auf die gegenwärtige unglückliche Situation siehe
A. 1 . Über die Beziehung des Kyd. zu Matthaios Kantakuzenos siehe den Exkurs Bd. 111, 1 3 9 f. und hier, A.6. Zum Rückblick auf die Vertrauensstellung bei Ioannes VI. (Xl ) in jungen Jahren (Z.35 - 3 8 ) siehe Bd. 111, 1 0 f., 97 mit A.66; vgl. auch ebd. 4 f., A . 3 . BE: Die gemein same Herrschaft über die Peloponnes mit Theodoros r. (X2 ) entsprach gemäß LBF I 2 3 1 tatsächlich (wie Z.43 f . angedeutet) dem ausdrücklichen Wunsch des Matthaios; e r sah sich allein den innenpolitischen Schwierigkeiten dort (vor allem der Auseinandersetzung mit sei nem rebellischen Sohn; dazu LBF I, ebd. ) nicht gewachsen. Xl: Kaiser Ioannes VI. Kantaku zenos (PLP 1 0973 ), erster Dienstherr des Kyd. (Z.35 - 3 8 ; s.o., BKyd) und derzeitiger Ratge ber seines Sohnes Matthaios in Mistra (Z.42 f. ) . Aus genuesischer Gefangenschaft im Mai 1 3 82 entlassen (dazu Bd.lI, 203 f. ), reiste er bald darauf zur Peloponnes, wo er jedenfalls einige Zeit vor Theodoros eintraf, wie u. a. vorliegender Brief bezeugt (siehe auch LBF I 232; SchreinChron 11 324 f. ) . X2: Theodoros r. Palaiologos, Despot der Peloponnes 1 3 82 - 1407 (PLP 2 1460), hier (Z.43 ) als « Sohn des Kaisers» (sc. Ioannes' V. ) bezeichnet, der bald auf der Peloponnes eintreffen werde, um dort gemeinsam mit Matthaios zu herrschen (Z.43 45 ) . Der vierte und jüngste Sohn Ioannes' v., geboren um 1 355, war von seinem Vater zum Nachfolger des am 1 0.4. 1 3 8 0 verstorbenen Manuel Kantakuzenos bestimmt worden. Zur Datierung seiner Reise auf die Peloponnes s.o., D. ZC: In der jüngsten Vergangenheit haben Barbaren auf der Peloponnes ihren Mutwillen getrieben (Z.40 ) . Siehe dazu die Erläuterung in ManuelOr 1 1 5, 7 - 1 1 , wonach das byzantinische Herrschaftsgebiet damals von benach-
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
barten abendländischen Mächten (sc. der sog. Navarresischen Kompanie; dazu unten, T273 , ZG) und von Türken, die zu Pferd über das Festland und auf Piratenschiffen über das Meer kamen, bedroht wurde. Ep: Ein vorausgehender versöhnlicher Brief des Matthaios an Kyd. (Z.5 f. ) . III. Hss: A 22ry, ohne Nummer (die Briefe L24l -243 sind i m Autographen A [nr -23Y] nicht numeriert); U 29Y - 3 0V, Nr. 39. Ed: KydEpCam Nr. 29. Üb: Ebd. (frz . ) . IV. 1 Kyd. spielt vielleicht schon (wie bereits i n B d . VI, 35, A. 1 8 9 vermutet) auf seine Betrübnis über die Abreise des Manuel Palaiologos aus Konstantinopel an, die etwa um die Zeit der Abfassung dieses Briefes anzusetzen ist (s.u., T23 3 ) , sicher aber auch auf die schwie rige politische Situation. Zwar wurde der Bürgerkrieg mit Andronikos IV. und die kriegeri sche Verstrickung mit Genua beigelegt, aber die schmachvolle Abhängigkeit von der Gunst des Osmanensultans Murad I. da.uerte weiter an; dazu DenReign 46 - 5 l . 2 W. : aUf!ßoAoV. 3 In der Edition steht vor OQWLV irrig zweimal TOÜ;. 4 NT2K 1 1 , 29. 5 Ehrerbietige Anrede statt des einfachen «Du» , die in der Übersetzung der Briefe über nommen wird; zur Kennzeichnung der Redensart wird das Wort «Haupt» mit Blocklettem geschrieben. Vgl. Bd. VI, 85 und T19, A.2. 6 W. : TOV uQXa10v ÖWJtOTYjV. Hier kann Kydones niemand anderen als Matthaios selbst meinen (den er ja im folgenden Satz wieder mit «Du» anredet) . Matthaios ist sein «einstiger Hew>, weil er seit April 1 3 53 (Ausrufung) bzw. Februar 1354 (Krönung) bis zu seiner Ab dankung im Dezember 1357 die Kaiserwürde bekleidete. 7 Ioannes VI. Kantakuzenos (Xl ) . 8 W. : EvavT(av SELVaL. Den Druckfehler der Edition uvavT(av hatte bereits P. Wirth, BZ 56 ( 1 96 3 ) 344 gemäß der Hs zu EvavT(av korrigiert. 9
Theodoros Palaiologos (X2 ) .
232 L : 200; OKyd: Konstantinopel; E: Ein ehemaliger Vertrauter des verstorbenen Despoten Manuel Kantakuzenos; OE: Mistra, Peloponnes; D: Spätherbst 1 3 82; wI: Theodoros I. Pa laiologos hat als Despot in Mistra die Herrschaft angetreten. Kydones preist den neuen Des poten, vor ihm aber noch den nun wieder in Mistra lebenden greisen Exkaiser Ioannes Kanta kuzenos, als hervorragende Herrscherpersönlichkeiten und betont, der Adressat habe von dem Regierungswechsel nichts zu befürchten, da Theodoros Leute von Bildung und Charak ter wie ihn zu schätzen wisse.
Ich glaube, du wirst nun deine Klagen um den Tod des Despoten1 been5 den; hast du doch j etzt zwei2 Herren statt des einen, und zwar solche, die
ihm an Tugend nicht nachstehen, der Würde nach ihn aber sogar bei weitem überragen 3 , so daß auch er ihnen als Herrscher über Menschen
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BRIEFE
T2 3 1 -23 2
den Vortritt gelassen hätte. Denn hervorragend geeignet sind beide Män ner, Krankheiten von Städten zu heilen. Bei dem Kaiser4 aber könnte man sogar ein wunderbares Übermaß dieser Fähigkeit beobachten. Das hat er jedenfalls klar gezeigt, als er bei einem großen SturmS unsere Große STADT zu regieren hatte. Hätte nämlich er damals nicht am Steuer geses- 1 0 sen, welcher Ausweg6 wäre uns da noch verblieben, als die Stadt gegen die ständig heranbrausenden Wogen keinen Widerstand mehr leisten konnte ? Jetzt aber7 sind wir mit Gottes Hilfe durch ihn gerettet, und die Untertanen zollen ihm vielfaches Lob. D och ist er gewiß nicht einer, der den Städten nur im öffentlichen Bereich zu nützen versteht, privat aber die Menschen seiner Umgebung unterdrückt; (er ist nicht) wie j emand, der durch Arroganz gegenüber anderen seine (eigene) Würde erhabener erscheinen lassen will, sondern behält das Schrecken erregende seinen 15 Feinden vor und ist im privaten Kreis auch (dann) nicht zornig, wenn er unterliegt. Er ist aber auch zu bewundern, weil er die' unschönen Leiden schaften in der Jugend beherrschte und so sehr der Gerechtigkeit und den Gesetzen ergeben war, daß ihm ein Leben ohne sie unmöglich war. So könnte man in j eder Hinsicht sagen, dem Manne stehe das Kaisertum ans. Ich glaube aber, auch Platon würde, wenn er ihn sähe, ganz unum- 20 wunden sagen, er besitze einen königlichen Sinn und eine königliche Seele9. Ihr habt also nun einen StaatslenkerlO, euch von Gott gegeben, wie ihn andere nicht haben. Seht ihn als Geschenk eines gütigen Schicksals an, stimmt mit ihm im Guten überein und folgt bereitwillig seinen Anordnun gen. Er wird euch nichts Belastendes auferlegen, nichts, was ihm Freude, den Untertanen aber Betrübnis bereiten könnte. Denn niemals würde er von dem, was den Untertanen Nutzen bringen könnte, seinen eigenen 25 Vorteil unterscheiden; sondern was er ihnen wünschen würde, das bedeutet ihm auch die Erfüllung des eigenen Begehrens, und nur dies, glaubt er, gezieme sich für einen Kaiser1 1 . Es wird ihn aber auch das Gedenken an seinen Onkel1 2 dazu ermutigen. Da er nämlich von vielen seinen edlen Sinn rühmen hörte, wird er versuchen, in keinerlei Hinsicht hinter seinem Verwandten zurückzustehen. Er wird ihn aber auch dadurch ehren, daß er entsprechend seine Freunde behandelt und die ehrt, die auch jener der 3 0 Ehre für würdig hielt. D aher ist es vernünftig, wenn d u darauf vertraust, daß es dir bei ihm nicht schlechter gehen wird (als vorher). Ich weiß aber, daß er dich nicht nur dem Verstorbenen zuliebe ehren, sondern daß man
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
dich dank deiner Bildung und deines Charakters unter seinen engsten Vertrauten sehen wird. Denn er ist ein Meister im Zuhören und hält es für einen Sieg, wenn er im gelehrten Streit unterliegt; es freut ihn, wenn j emand schön zu reden versteht und der Bildung zugetan ist. Wer aber 35 beides aufweisen kann und sein Redetalent mit (einem guten) Charakter
ziert, der hat ihn besiegt und kann seine Zustimmung zu allem gewinnen. Du aber bist ein Mensch von edlem Sinn und verstehst anmutig zu reden. Ein klarer Beweis dafür ist dir mit deinem Brief an ihn gelungen. Du hast ihn mit deinen Worten so bewegt, daß er nach wiederholtem Lesen nicht aufhörte zu staunen. K I. OKyd: « Unsere Große STADT" (Z.9) Konstantinopel. E, OE: Ein Mann aus der näheren Umgebung des verstorbenen Despoten in Mistra Manuel Kantakuzenos (Z.4), der sich Sorgen wegen des jetzt erfolgten Herrscherwechsels macht (Z.3 1 f. ) . Zu seiner möglichen Identität mit dem Adressaten von T 1 1 5 bzw. mit Manuel Raul Metochites (PLP 1 7984) siehe Bd. 112, 345 und Tl 15, Xl. D: Gemäß Z.4 und 20 ff. ist der Brief verfaßt, nachdem Theodo ras I. als Despot auf der Peloponnes, gemäß T23 1 , D wahrscheinlich im November 1 3 82, die Herrschaft übernommen hatte, und zwar nicht allzu lange nach diesem Zeitpunkt, denn =
Z.3 6 - 3 8 wird ein kürzlich geschriebener Brief von E an Theodoros erwähnt, den der Despot noch in Konstantinopel erhalten h aben muß, weil Kyd. seine begeisterte Reaktion darauf persönlich beobachten konnte. 11. BKyd: Das Lob - aus der Rückschau - auf Ioannes Kantakuzenos, wohl auch dem Adressaten (einem Anhänger der Kantakuzenen-Familie) zuliebe so stark aufgetragen, scheint jedenfalls - wie bereits in T23 1 - einen Gesinnungswandel des Kyd. gegenüber dem in früheren Jahren einmal (Bd. 111, T93 ) so heftig getadelten Exkaiser anzudeuten. Zu Einzelhei ten s.u., A. 7 - 9 . Xl: Manuel Kantakuzenos (PLP 1 0978 ) . Auf seinen Tod ( am 1 0 .4. 1 3 8 0 ) wird zweimal angespielt: E soll mit den Klagen u m ihn aufhören (Z.4); der Despot Theodoros wird das Andenken des Verstorbenen ehren (Z.2 6 f. ) . Außerdem ist Kyd. überzeugt, daß Theodoros ihn sich als seinen Onkel (Z.26; siehe X3 ) zum Vorbild nehmen werde. X2: Ioan nes Kantakuzenos (4.7-2 0 ) . Daß er und nicht Matthaios einer der beiden in Z.4 gemeinten neuen Herrscher der Peloponnes ist, mag zunächst befremden, wenn man aus T23 1 entnom men hat, daß doch Matthaios Kantakuzenos sich Zusammenarbeit (a'U[l1tOvo'ÜVLO�, Z.43 ) mit Theodoros als seinem künftigen Mitregenten erhofft; doch wird auch dort schon (T2 3 1 , X l ) wie hier (Z.7-20) die große politische Befähigung und Erfahrung seines Vaters geprie sen. Dieses Lob paßt in keinem Fall auf Matthaios, der in Konstantinopel weder geherrscht noch gar die Stadt « gerettet" hat. Freilich ist diese Passage eine übertriebene Lobhudelei für den keineswegs so untadeligen Ioannes Kantakuzenos (zur Erklärung s.o., BKyd ) . Demnach soll er Konstantinopel in einer sehr schwierigen Situation ( EV [lEyaAI:p XEL[lWVL, Z.8 f. ) regiert und gerettet haben, so daß Byzanz sogar noch seine gegenwärtige Existenz ihm zu verdanken habe (s.u., A.7). Kantakuzenos regierte in Konstantinopel in den Jahren 1 3 4 7 - 54 . In Wirk lichkeit waren manche Probleme, die er damals gemeistert haben soll, von ihm selbst ver schuldet, vor allem wegen seiner skrupellosen Zusammenarbeit mit Landesfeinden während
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BRIEF T232
des vorausgehende� Bürgerkrieges 1 3 4 1 - 47, die er freilich selbst in seinen Memoiren zu beschönigen versuchte. Siehe dazu TinnPol, passim. Die schmeichelhafte Passage des vorlie genden Briefes über den Exkaiser ( auf die bereits in Bd. VI, T3, A.68 hingewiesen wurde) hat K.-P. Todt, Kaiser Johannes VI. Kantakuzenos und der Islam, WürzburglAltenberge 1 9 9 1 , 305 übersehen; e r verweist nur auf das knappere Lob auf ihn i n L222 ( Z . 9 8 f. ), einem Brief an Kaiserin Helene aus dem Jahr 1 3 92 . X3 : Theodoros Palaiologos (4.20 - 3 8 ) . Daß der zweite Herrscher neben Ioannes Kantakuzenos, der hier genannt wird, nicht Matthaios Kan takuzenos ist (wie NicKant 1 27, A. 1 5 anzunehmen scheint und auch MaksKant 1 84, Ao44 für möglich hält), ergibt sich aus der Anspielung auf seinen Vorgänger und Onkel, der nie mand anders als Manuel Kantakuzenos sein kann (Z.26; vgl. A. 1 2 ) , da Matthaios nicht Manuels Neffe, sondern sein Bruder war. Zu der Frage, warum Kyd. den Despoten Z.26 als « Kaiser» zu bezeichnen scheint, s.u., A. 1 1 . ZC: Zur Andeutung der schwierigen Situation Konstantinopels, die Ioannes Kantakuzenos gemeistert haben soll (Z.8 f. ), siehe X2 . Ep: Ein kürzlich verfaßter, sehr wohlwollend aufgenommener Brief des Adressaten an Theodoros I., als er sich noch in Konstantinopel aufhielt (Z.3 6 - 3 8 ) . III.
Hss: A 95v - 9 6r, Nr. 4 ; U 1 7P - 1 72r, Nr. 1 77.
IV. 1 Manuel Kantakuzenos (Xl ) . 2 Wie sich aus dem Folgenden ergibt, ist hier von Ioannes Kanta kuzenos (X2 ) und Theo doros I. Palaiologos (X3 ) die Rede. 3
Ioannes Kantakuzenos wurde auch nach seiner Abdankung nach wie vor als « Kaiser»
angeredet (vgl. KantRef XXIIf. mit A.3 9 ) ; Theodoros war im Gegensatz zu Manuel Kantaku zenos ein Porphyrogenneros (siehe die Überschrift des Kyd. zu T23 8 ) . Zu diesem Prädikat jetzt grundlegend G. Dagron, Nes dans la pourpre, TM 12 ( 1 994) 105 - 142. 4
Ioannes Kantakuzenos (X2 ) .
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« Sturm» (XEq..lW V) ist natürlich wie die folgenden « Wogen» metaphorisch zu verstehen
(siehe X2). MaksKant 1 84, Ao44 (Z.8 von unten), der aus dieser Angabe auf die Abfassung des Briefes im Herbst schließt, scheint die Anspielung auf den Sturm wörtlich zu nehmen. 6 W. : A6yor; . 7
Das Verständnis von « jetzt aber» (viJv eSE) bereitet Schwierigkeiten, weil hier nur von
Leistungen des Exkaisers die Rede sein kann, die etwa 30 Jahre zurückliegen (siehe X2 ) . Kyd. meint hier wohl, es sei der Politik des Kantakuzenos in der Vergangenheit zu verdanken, daß Byzanz gegenwärtig überhaupt noch bestehe. 8 Hier betont Kyd. noch einmal, was Kantakuzenos gern hörte, daß er der geborene Kaiser sei (vgl. A.3 ) . 9 Z u Kantakuzenos als dem platonischen « Philosophenkönig» siehe Bd. 11 1 , 96 mit A.2 1 - 2 8 . 1 0 W. : �YEf-L6va. Obwohl der Übergang mit -rOLyagoiJv nicht gerade geschickt ist, kann kein Zweifel bestehen, daß ab hier von dem zweiten der beiden in Zo4 (siehe A. 1 ) gemeinten Herrscher die Rede ist, also von Theodoros I. Palaiologos (X3 ) . 1 1 M a n fragt sich, warum Kyd. hier von den Pflichten eines Kaisers spricht, obwohl er natürlich wissen mußte, daß Theodoros nicht die Mitkaiserwürde bekleidete. Manuel II. weiß j edenfalls in der Grabrede auf Theodoros (ManueIOr) nichts von einem kaiserlichen Rang seines Bruders und bezeichnet ihn grundsätzlich nur als Despoten. Doch spielt Kyd. auch in T23 8 (siehe dort, A. 1 ) auf die ßaoLAELa des Theodoros an. Wahrscheinlich verwendet Kyd.
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
diese Terminologie wegen der Abstammung des Despoten aus der kaiserlichen Familie der Palaiologen. 12 Der verstorbene Manuel Kantakuzenos war ein Bruder von Helene Kantakuzene, der Mutter des Despoten Theodoros 1.
233 L : 2 0 3 ; OKyd: Konstantinopel; E : Kaiser Manuel 11. Palaiologos; O E : Thessalonike; D : Herbst (November) 1 3 82; wI: Klage über die Abreise des Kaisers; L o b seiner Person; Hoff nung auf seine militärischen Erfolge.
Was hat die Große STADT gegen dich gefehlt, daß du sie im Stich ließt 5 (und zwangst), geradezu eine Witwenklage anzustimmen? Denn nach dei
ner unglückseligen und von niemandem gutgeheißenen Abreise haben alle die eigenen Sorgen gänzlich vergessen. Sie denken vielmehr (nur noch) an die Mühen, die du für alle ertrugst - wenn du Nächte durchwachtest, Rat hieltest, von Termin zu Termin eiltestl , täglich Angriffen ausgesetzt und auf alles bedacht warst, wodurch du allen Sicherheit verschaffen konntest - , und bilden nun Chöre von Klagenden in j edem Haus, in 10 j edem StadtteiF . Der eine besingt deine Klugheit, mit der du schärfer als
j eder andere das Notwendige erkennst, ein anderer behauptet, daß der Peleus des Mythos dir an Besonnenheit nachstehe 3 . Wieder andere be haupten, bis zum heutigen Tage sei noch nicht ein solches Muster an Tapferkeit entdeckt worden. Jemand sprach aber auch von der Gerechtig keit und glaubte si� als dein Merkmal entdeckt zu haben4 . Andere aber lassen dies beiseite und lobpreisen deine Zunge, ihre sanfte Überredungs15 kunst, ihren anmutigen Lauf und die Wahrhaftigkeit, die stets mit deinen
Worten einhergeht. «Er hat etwas ausgesprochen » , sagen sie nämlich5, « und (schon) wandelt sich das Wort den Zuhörern zur Tat. » Auch be haupten sie, daß sie alle gänzlich einem einzigen - (und zwar) dir - in jeder Hinsicht unterlegen sind. Dies also ist bei Versammlungen, auf den öffentlichen Plätzen, ebenso aber auch im Kaiserpalast täglich in aller Munde und gibt allen zu Wehklagen Anlaß, wie sie bei der Totentrauer nicht größer sein können. Denn je wertvoller das ist, was man entbehren 20 muß, um so schmerzhafter trifft der Pfeil, den dieser Verlust bedeutet6.
Was aber j eden Trost zum Geschwätz werden läßt, ist die stürmische Zeitlage7: Die Wogen schlagen uns über das Haupt, überall (ragen be-
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BRIEFE T232 -233
drohliche) Klippen, (toben) gewaltige Stürme, (herrscht) tiefe Finsternis; dazu sind die Seeleute noch untereinander zerstritten, denn ich zögere zu sagen: unfähig. Der Steuermann des Schiffes aber ist in weitesten Fernen, und es ist zu befürchten, daß es sinkt und mit ihm auch die noch verblie benen Hoffnungen untergehen8 . So großes Unheil bedrängt die Bürger 25 nach deiner Abreise. (Nur) eines hält uns Ertrinkende j etzt noch aufrecht: Wir glauben, daß Gott den Guten immer als tatkräftiger Helfer zur Seite steht. Deshalb hoffen wir auch, daß dir die VORSEHUNG (noch) größere Kraft verleihen wird. D aß aber du ihre Gaben allen gemeinsam zur Verfü gung stellen wirst, so wie alle es von dir kennen, daran zweifelt niemand. Diese Hoffnung allein hat uns die Tyche in ihrem Gefäß9 übriggelassen, 30 und nur dieses Heilmittel finden wir für die Krankheiten der Stadt; denn im übrigen ist nicht einmal von Träumen ein Trost zu erhoffen. Bleibe es uns also beschieden, dir Gutes von Gott zu erbitten, dir aber, mit unseren Gebeten zusammenzuwirken, zu versuchen, dich und die Freunde zu er retten, und das, was Hektor, wie j emand sagte10, für Troja war, deinerseits für Vaterland und Volk zu werden.
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K I. OKyd: Die Große STADT (Z.4 ) . E, OE: Daß dies der erste Brief ist, den Kyd. an den nach Thessalonike abgereisten Manuel Palaiologos richtete, ist im Kontext der übrigen Ma nuel-Korrespondenz zweifelsfrei gesichert (BarkMan 45, A. 1 2 3 ) . In der Reihe dieser Briefe enthält erstmals T23 6, Z.40 einen ausdrücklichen Hinweis darauf, daß Manuel sich in Thes salonike aufhält (siehe dort, OE) . D: Der Brief ist kurz nach besagter Abreise zu datieren, die gemäß DenReign 59 und BarkMan 44 f. um den 2 . 1 1 . 1 3 82 erfolgte. 11. BKyd: Der Brief ist wie viele weitere der Reihe ein Dokument der tiefen Zuneigung des Kyd. zu Manuel und seines Vertrauens auf dessen staatsmännische und militärische Fä higkeiten. BE: In diesem wie in einigen der folgenden Briefe wird angedeutet, daß Manuel Konstantinopel überraschend verlassen hat, um in Thessalonike - er war bereits 1 3 69 - 73 als « Despotes» mit der Herrschaft über die Stadt betraut gewesen (BarkMan 9 f. ) - , diesmal offenbar ohne Auftrag seines Vaters, erneut die Macht zu übernehmen (BarkMan 44 f. ) . Xl, X2: S.u., A. 8 . Z C : Die Lage Konstantinopels wird als äußerst angespannt geschildert (Z.20 - 23 ) . Zur Deutung dieser Anspielung s.u., A. 8 . III. Hss: A 9 8v - 99" Nr. 7 ; U 1 74v - 1 75V, Nr. 1 8 0; c (Vat. gr. 82) 404v• IV. 1 W. : TtEQLTQEXWV. 2 W.: xaTa ÖiUlOUC;. 3 Die Besonnenheit (owcpQOOUVll, im Sinne keuscher Zurückhaltung) des Peleus wird gepriesen, weil er die erotische Zudringlichkeit der Astydameia, Gattin des Königs Akastos von Iolkos, zurückwies und sie ihn deswegen verleumdete (Potiphar-Motiv der Bibel, ATGe 39, 7 - 20 ) , siehe Apollodoros III 1 65 III 1 3 , 3 (in deutscher Übersetzung: Griechische Sagen, übers. von L.Mader, ZürichJStuttgart 1 963, 1 1 1 ) . Zum Lohn für seine Tugend erhielt =
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
Pe leus ein Schwert (l-tUXaLga), auf das AristophNu 1 063 anspielt. Siehe Suda TI 1507 (und M 393); Jo. Tzetzae Commentarii in Aristophanem, Commentarii in Nubes, ed. D. Holwerda, Groningen/Amsterdam 1 9 60, 628. 4 Manuel ist also eine Verkörperung der vier platonischen Tugenden gemäß PIPlta 427e und den anschließend folgenden Ausführungen zu ao<j:>(a, avögEla, aw<j:>goauvl1 und Ö LX aLO aUvl1. In PISmp 209a tritt wie hier die <j:>g6Vl1aL� an die Stelle der ao<j:>(a. 5 Loenertz schreibt: « E<j:>l1 yug TL» <j:>aa(v, aber eigentlich gehört yug nicht zur wörtlichen Rede, sondern zu <j:>aa(v. Eine sinngemäße Schreibung ist jedoch wegen der enklitischen Ver bindung yug TL nicht möglich. 6 W. : °co aou 'tcp xal 't<9 'tfj� av(a� 6�U'tEgcp ßEAEL xEvn:T'taL. 7 W. : Ö'tL I-tEV 6 XELWDV xal Ö11 nugEa'tLv. Aus dem Folgenden ist klar zu entnehmen, daß Kyd. nicht auf eine etwaige winterliche Jahreszeit anspielt, sondern daß XELl-tWV (wie T232, A.5 ) metaphorisch zu verstehen ist (Näheres in der folgenden Anmerkung) . 8 Das Schiff und die streitsüchtigen Seeleute sind der byzantinische Staat und seine in Konstantinopel und Umgebung verbliebenen Lenker, also Kaiser Ioannes V. und sein rebelli scher ältester Sohn Andronikos IV., der zwar seit dem Abkommen von Mai 1 3 8 1 als aner kannter Thronfolger über eine « Apanage» um Selymbria verfügt (BarkMan 4 1 ), aber vermut lich auch weiter Unruhe stiftet (BarkMan 50 f. ) . 9 Anspielung auf das Gefäß ( die « Büchse » ) der Pandora, HesOp 47-99: Auf Geheiß des Zeus, der sich für den Diebstahl des Feuers durch den Titanen Prometheus rächen wollte, schuf Hephaistos eine schöne junge Frau, Pandora ( Schenkerin aller Gaben ) , die Prome theus' Bruder Epimetheus mit einem Gefäß (nceo�), einem angeblichen Geschenk des Zeus, =
täuschte: Als sie den Deckel vom Gefäß entfernte, entwichen alle Übel der Menschheit; die Hoffnung aber blieb nach dem Willen des Zeus allein in dem Gefäß zurück. 10 HomIl 6, 403 : « . . . denn allein beschirmte Ilios Hektor.» Andromache redet Hektor in ihrer Totenklage wie folgt an: « Denn du allein hast ihnen die Tore geschirmt und die langen Mauern» (HornIl 22, 507; jeweils Übers. W. Schadewald ) . Beide Stellen kontaminiert offenbar PIKra 3 92de.
234 - AN KAISER MANUEL L: 243; OKyd: Konstantinopel; E: Kaiser Manuel 11. Palaiologos; OE: Thessalonike; D: Herbst (November) 1 3 82; wI: Klage über die Situation in Konstantinopel nach der Abreise Manuels und über die Unzuverlässigkeit der Gerüchte aus Thessalonike.
In welchen Zustand unsere STADT nach eurer Abreise geriet, weißt 5 gewiß besser du selbst als jeder (andere) . Denn was du durch deine Anwe
senheit damals verhindert hast, wirst du, wenn du darüber nachdenkst, zweifellos wissen, und auch, wie all j enes nun in schlimmerer Form zu uns zurückkehrte; denn niemand ist da, der deine Fähigkeit besitzt oder dir in deiner sorgenden Mühe nacheifert. Wenn aber auch ich über großes
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BRIEFE
T2 33 - 234
Unglück ein kleines Wort sagen soll . . . So, wie es uns j etzt umschlossen hält, läßt es die Bürger (der Stadt) seufzen, die Feinde aber fröhlich sein. So geben wir Demokrit allen Anlaß zum Lachen\ Heraklit aber zur 1 0 Klage2 . Allerdings hat das Schicksal dies bei den anderen Menschen ge trennt, denn es werden (gewöhnlich) die beklagt, denen es unverdienter maßen schlecht geht; die aber, die sich aus eigener Schuld und aus Dumm heit verfehlen, ziehen sich Gelächter zu, weil sie erleiden, was ihnen zu kommt. Uns aber ist beides widerfahren. Denn das gewaltige Unheil, in das wir geraten sind, überführt sogar die Tränen der Heliaden3 im Ver- 1 5 gleich zum Übermaß (unserer) Not als etwas Geringfügiges; wer aber4 sollte Mitleid haben mit denen, die sich freiwillig in den Abgrund stürzen, wenn er sieht, daß sie ihren eigenen Untergang wählen, als ob er etwas wäre, was ihnen Nutzen bringen könnte ? Ihnen bleibt nichts anderes, als von denen, die es (mit an)sehen, verlacht zu werden. So kann man nicht einmal herausfinden, wie unsere Lage zu beurteilen ist, wenn man über sie nachdenkt. Was aber die Verzweiflung (noch) steigert: nicht einmal aus einem Ge- 20 rücht5 ist (so) leicht zu erfahren, wie es euch ergeht, sondern ein j eder geht umher und fabelt zusammen, was ihm gerade einfällt. Allerdings ist das, was man berichtet, nur Gutes, nur Glück; denn niemand würde von dir Gegenteiliges erzählen. Ein j eder glaubt j a, daß von deinen Fähigkei ten (nur) Gutes zu erwarten ist, und in der einhelligen Überzeugung, daß deine Erfolge sich auf alle gemeinsam auswirken, wünschen aus gutem Grund alle so wie sich selbst auch dir in Gedanken und Worten das Aller- 25 beste. Das Betrübliche ist aber, daß wir nichts Sicheres über diese Dinge wissen, und so tadeln wir das, was in der Öffentlichkeit erzählt wird, nur als gutgemeint oder als böswillig. Doch halten alle die wohlmeinenden Berichterstatter für Freunde und wünschen Ihnen Angenehmes, deinen Gegnern aber, daß sie bersten und selbst zuerst das zu spüren bekommen, was sie dir (Schlimmes) andichten6. K 1. OKyd: Die STADT (Z.4 ) . OE: Siehe T23 3 , OE. D: Die Abreise Manuels erscheint bereits, anders als in T23 3 , nicht mehr als etwas Neues (Z.4; siehe auch Z.5 «1'01'10 » ) , aber noch weiß Kyd. nichts Genaues über die Vorgänge in Thessalonike (Z. 1 9 ff. ) . II. Z G : Konstantinopel ist i n einer desolaten Lage (Z.4 - 1 9 ) : Die Feinde (gemäß Den Reign 60 und BarkMan 50 f. der Rebell Andronikos und seine Anhänger) triumphieren (Z.8; vgl. T23 3 , A. 8 ) . III. Hss: A 23'v, Nr. fehlt (siehe T23 1 , Hss ) ; U 3 1 '- 32', Nr. 4 1 .
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
IV. 1
Demokrit war Prototyp des ironischen Gelächters nach Suda Ö 447: 'Em
xA:fJ8Y1 . . . fEAuoivoC; ÖE, Öta LO YEAÜV JtQOC; LO XEVOOJtOUöov LWV av8Qo)Jtoov. 2 Zu Heraklit als Melancholiker siehe Bd. 11, T 0226, A. 1 . 3 Als die Heliaden, Töchter des Sonnengottes, über den Sturz ihres Halbbruders Phae thon trauerten, überbot gemäß Diodoros (Sikeliotes) V 23, 3 eine Schwester die andere mit ihren Klagen. Vgl. auch Philostratos (ed. C. L. Kayser), Vita Apollonii 5, 1 - 5; Imagines I 1 1 , 1 -2. 4 w.: « und» ( 8' LE). Die deutsche Sprachlogik fordert hier - anscheinend anders als die griechische - den Ausdruck eines Gegensatzes. 5 Im folgenden Brief T235 (ZA) ist Kyd. eher bereit, einem Gerücht, das von Erfolgen =
Manuels berichtet, zu glauben. 6 Anscheinend gibt es also, im Widerspruch zur Behauptung Z.2 1 -23, auch Gerüchte, aus denen Negatives über Manuel zu enmehmen ist.
235 L: 244; OKyd: Konstantinopel; E : Kaiser Manuel 1 1 . Palaiologos; O E : Thessalonike; D : Spätherbst 1 3 82; wI: Enthusiastische Reaktion auf erste Siegesmeldungen im Kampf gegen die Türken und Hoffnung auf weitere Erfolge.
Gerüchtweise verlautet, daß die Barbaren fliehen und die Rhomäer ih5 nen auf den Fersen sind, daß die Furchtsamen zittern und die in Angst
sind, die gewohnt sind, sich feige zu verkriechen. Man berichtet über die Einnahme von Festungen, über die Freilassung von Gefangenen und über ein Heer, das eine große Ebene bedecken kann, und (ferner), daß bereits seit langem geschlossene Tore von Städten sich öffneten, daß Bürger von den Mauern sprangen und Feinde gefangennahmen und daß überhaupt 10 unsere Lage sich gänzlich ins Gegenteil verkehrt habe. Du aber seist es
gewesen, der diese unglaublichen Dinge bewirkt habe; durch dein bloßes Erscheinen hättest du die lange schon gedrückte Stimmung der Deinen wiederaufgerichtet und die Soldaten motiviert, der Tapferkeit der Vorfah ren nachzueifern. Wir aber haben das auch schon vorher erhofft. Denn deine Natur hat uns sogar noch Größeres als dies versprochen. Jetzt aber freuen wir uns, da wir hören, daß unsere Voraussagen eingetroffen sind; wir bedauern 15 aber, daß weder Boten noch Briefe von euch kommen, die uns das, was
wir seit langem ersehnten, zuverlässiger bestätigen könnten. Ich weiß zwar, daß du diese (Erfolge) als nur geringfügige erste Anfänge abtust und es nicht über dich bringen würdest, sie deinen Freunden persönlich
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BRIEFE
T2 34 -2 3 5
mitzuteilen. Hältst du es doch erst nach vollbrachten Kämpfen, wenn die Barbaren die verdiente Strafe für ihren Übermut empfangen haben, für nötig, zu schreiben und Siegesbriefe zu schicken. Ja wirklich, j enen Tag 20 möchten wir (0 Eleutherios ! l ) erleben, an dem wir die Boten bekränzen und Gott öffentlich für die (wiedererlangte) Freiheit Opfer darbringen. Es hindert dich aber nichts, uns auch (schon) vor dem Höhepunkt der Freu den das Gegenwärtige kosten und vor dem Ende den Anfang genießen zu lassen. Denn nicht zu verachten ist auch schon das Vergnügen an den Anfängen der guten Dinge, die man erhofft, wie wir (ja), glaube ich, auch bevor wir den (ersten) Strahl voll genießen, uns freuen, wenn wir die 25 (Sonne) erwarten, die gerade im Begriff ist aufzugehen. Für uns ist aber auch schon das, was bis j etzt geschehen ist, ganz wie ein strahlend heiterer Himmel. Denn daß die Barbaren im Nahkampf fliehen könnten, erschien den Rhomäern zuvor nur als Wunschdenken2 , nicht weil ihre Tapferkeit gesiegt hätte oder weil wir die Schlechteren wären; (ihre Erfolge) waren vielmehr gleichsam eine Strafe für unsere Verfehlungen gegen Gott, die er nun anscheinend durch dich zu lindern begann. Welche Freude aber3 ist größer als die über die Versöhnung mit der Gottheit? Welchen (guten) 30 Wunsch4 aber hat (erst) der verdient, der dafür die Ursache war ? Da mag (dir) nun j eder im Gebet etwas anderes wünschen, ich aber, daß du dem guten Anfang stets (noch weitere Erfolge) hinzufügst und Triumph an Triumph reihst. Verleihe also, 0 ERLÖSER, dem Kaiser den Sieg, indem du sein Planen und Tun lenkst, und sende auch deinen Engel vor ihm her, der ihm den Weg bereitetS und ihn mit Trophäen schmückt. 35 Gewähre aber auch seinem Gefolge und denen, die an seinen Taten teil nehmen, untereinander einig zu sein und keine Ehrengabe für wertvoller als die Freiheit zu halten. Das aber wird wohl nur möglich sein, wenn sie nicht vor dem Sieg ehrgeizig um die Auszeichnungen streiten und wie Hähne schon vor dem Sieg krähen. K I.
OKyd, E, OE, D: Die Situation entspricht etwa der von T234. Während aber in T234
die Gerüchte aus Thessalonike noch ganz vage waren, sind sie nun konkreter geworden. Jedoch erst im folgenden Brief T23 6, der jedenfalls vor Frühling 1 3 8 3 geschrieben ist, wird ein Berichterstatter namentlich genannt. Vorliegender Brief ist also vor T23 6 und wahrschein lich noch auf Spätherbst (Dezember) 1 3 82 zu datieren. 11. BE: Siehe ZG. ZG: Wie sich aus den späteren Briefen des Kyd. an Manuel ergibt, waren es osmanische Truppen Murads 1., die im Gebiet um Thessalonike spätestens seit Herbst 1 3 82 ihr Unwesen trieben. Gemäß dem vorliegenden und dem folgenden Brief konnte
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
Manuel gegen diese Angreifer entscheidende Erfolge erzielen (dazu DenReign 6 1 - 64; Bark Man 46 f. mit A. 1 2 8 ) . Wie C. Imber, The Ottoman Empire 1 3 00 - 148 1 , Istanbul 1 990, 3 3 35 angibt, hatten die Vorstöße der Osmanen i m Jahr 1 3 8 0 unter dem General Lala Schahin (zu diesem siehe Bd. V2, T95, X l ) mit Angriffen auf Epeiros begonnen und später auf den Raum Makedonien übergegriffen. Wir wissen nicht, ob Schahin zunächst auch noch diese Operationen leitete. Doch ist mit DenReign 73 f. und Irene Beldiceanu-Steinherr, La prise de Serres et le firman de 1 3 72 en faveur du monastere de Saint-Jean-Prodrome, Acta Historica 4 ( 1 965) 15 - 24, hier 19 anzunehmen, daß im Jahr 1 3 82 j edenfalls noch nicht der gefürchtete Hayreddin Pascha diese Truppen befehligte; beide nehmen an, daß sich erst mit seinem Auf treten in Makedonien Frühjahr/Sommer 1 3 8 3 eine für Manuel ungünstige Wende anbahnte. Zu Hayreddin siehe Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas, Bd. 11, München 1 9 76, 1 1 7 f. III. Hss: A 23v-24" Nr. 4; U 32r - 3 Y, Nr. 42. Üb: DenReign 6 l f. (engl.; Z. 2 1 - 2 6 ausgelassen ) . IV. 1 Gemäß R E V ( 1 905), s.v. Eleutherios, 2348 - 2 3 5 1 diente d a s Epitheton (sc. im Vokativ, also 'EAEU8EQlE) zur Anrufung verschiedener Gottheiten, vor allem aber des Zeus. Platon erwähnt zwar die Stoa des Zeus Eleutherios in Athen (Theag 1 2 1 a ) , verwendet aber nicht die Epiklesis, für deren Vorkommen der RE-Artikel (2348) Stellen aus anderen Autoren angibt. 2 W. : EVxfl . . . �v EOlX6�. Auch die Übersetzung DenReign 62 . . . has been likely only in prayer» ist möglich, doch erscheint es mir hier wie in Z.30 notwendiger, daß der Aspekt des Wunsches anklingt. Die Übersetzung von Z.3 1 versucht Gebet und Wunsch zugleich auszudrücken ( << im Gebet etwas . . . wünschen» ) . 3 W.: 1:o(vuv, das sich auf « ein strahlend heiterer Himmel» (Z.26) bezieht. Die wörtliche Übersetzung mit « also» erscheint jedoch im Zusammenhang unverständlich, weil die Bezugs «
aussage zu weit entfernt ist. 4 Sc. für zukünftige Erfolge. Siehe auch A.2. 5
NTMt 1 1 , 1 0; Mk 1 , 2; Lk 7, 27.
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AN KAISER MANUEL
L: 247; OKyd: Konstantinopel; E: Kaiser Manuel II. Palaiologos; OE: Thessalonike; D: Winter 1 3 82/8 3 ; wI: Ein zufällig in Konstantinopel eingetroffener Zeuge der Ereignisse um Thessalonike hat umfassend von Manuels kriegerischen Erfolgen gegen die Türken und sei nen anderen Leistungen für die Stadt berichtet, aber auch über die freigebige Unterstützung einiger ihrer reichen Bürger für den Kaiser. In Konstantinopel beneidet man nun den Wohl stand Thessalonikes.
Was Loizos betrifft, so wurde er, wie er sagte, durch einen ungünstigen 5 Wind wider Willen in unsere Häfen getrieben. Wir aber haben dieses
Mißgeschick als besonderes Glück angesehen. Er hat uns nämlich berich tet, wovon wir längst, da wir deine Natur gut kennen, überzeugt waren.
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BRIEFE
T23 5 - 23 6
Da wir aber nicht durch einen sicheren (Beweis) die widerlegen konnten, die eine pessimistische Stimmung verbreiten wollten, beschlossen wir, un sere Vorstellungen (von deiner Lage) aufzugeben. Jetzt aber hat dieser (Mann) mit seinem Bericht auch den Unverschämten das Maul gestopft, und das Lob des Kaisers macht die Runde, ohne daß sich j emand störend 1 0 einzumischen wagt. So ist die Stadt denn voll v o n Erzählungen über dich. Die einen loben, daß deine Abreise allen verborgen blieb - denn das erforderte zum damaligen Zeitpunkt einiges Geschick -, die anderen er zählen von deiner Weisheit, weil du die, welche um den ersten Platz wett eiferten, untereinander wie Gleichrangige behandeltestl und dazu bewe gen konntest, dir freiwillig zu dienen. Sie sind nun überzeugt, daß sie keine Chance haben, ihr Leben zu retten, wenn sie nicht in allem deinen 15 Anweisungen gehorchen. Anderen scheint es am wichtigsten zu sein, daß deine Geschenke nicht mit der Zeit an Wert verlieren, sondern daß mit den Versprechungen auch die Tat verbunden ist. Die " aber, welche ihren Lebensunterhalt als Juristen verdienen, preisen deine Gewissenhaftigkeit als Richter und deine Fähigkeit, die zum Gehorsam gegen die Gesetze zu bewegen, die zuvor glaubten, die einzige Möglichkeit der Lebensführung sei offene Gewalt. Es gibt aber auch Leute, die sich über die Menge der Geschenke wun dern, darüber nämlich, daß du täglich viele Zuwendungen von denen 20 erhältst, die für gewöhnlich nur aufs Raffen bedacht sind. D arin sehen ja Anbeter der baren Münze den Inbegriff alles menschlichen Glücks und aller Leistung - wie du aber weißt, bietet die Wunderbare STADT diesem Getier reichliche Weide - , und sie halten dich, wenn schon aus keinem anderen Grund, so doch allein deswegen für glückselig, (und zwar) nicht nur, weil du selbst schon reich geworden bist, sondern auch, weil du deinem Gefolge wunderbaren Wohlstand statt früherer Armut verliehen 25 hast. Denn es wird berichtet, daß j emand von dort seinen Angehörigen von der Kleidung und dem Gold, die ihm zuteil wurden, (etwas) geschickt und sogar versprochen hat, er werde seiner Frau im Frühjahr noch mehr zukommen lassen; was sie (dann) erhoffen könne, sei noch aufwendiger als das, was sie (bereits) habe . Nun, den Armen bei uns blieb die Kunde von (solchem) Gewinn nicht verborgen, nicht weniger als den Hunden die Spur wilder Tiere. So ist es Zeit, daß du im Sommer - wie (weiland) 30 Joseph - den Bedürftigen Pyramiden voll Getreide2 bereitstellst. D u kannst nämlich damit rechnen, d a ß viele solche Leute, v o n uns wie Kolo-
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
nisten entsandt, zu dir kommen werden. Dieses Gerücht aber hat sogar den Großen Senat in Aufregung versetzt; du kannst hören, wie sie alle die Talente, das Silber und die Stateren3 rühmen und den als Tagedieb bezeichnen, der fortan hier sitzen bleibt und glaubt, er könne sich von 35 den Säulen ernähren4 . Man müsse 5 sich vielmehr schleunigst zu dem be
geben, der einen Iros plötzlich in einen Kallias verwandeln6 könne . So ist bei den Rhomäern alles, was dich betrifft, Tag und Nacht ständiges Ge spräch. Es wird nicht, wie Asanes behauptete?, zu verabredeter Zeit sein Ende finden, sondern wird bei allen auf D auer das frohe Gedenken an dich (wach) erhalten. Ich aber freue mich doppelt, einmal, daß du zu solchem fähig bist und in Zukunft sein wirst - denn ich bin überzeugt, daß dir Gott deine Tat40 kraft vergelten und dich bei all deinem Tun leiten wird -, aber auch, daß
meine Vaterstadt8 sich eines solchen Herrn erfreuen kann, der durch sei nen mühevollen Einsatz die Barbaren vertreibt und ihr so das stolze Ge fühl verleiht, den Rhomäern (im Kampf) um die Freiheit voranzugehen. Denn einen solchen Ruf wird sie gewinnen, weil von ihr dieses Gut erst mals seinen Ausgang nahm. Ich glaube aber, daß auch ich, wenn man sie dafür preist, nicht ganz fernstehe; bin ich doch an der Ehre meiner Mit bürger in gewisser Hinsicht beteiligt. K I. OKyd: Die Wunderbare STADT (Z.22 f. ) . OE: Dies ist der erste in der Reihe der Briefe, der den Aufenthaltsort Manuels durch Anspielung auf die Heimatstadt des Kyd. (ZAO, dazu Bd. I 4 mit A.3 ) ausdrücklich nennt. D: Kyd. spricht vom kommenden Frühjahr (Z.27) und Sommer (Z.30), sehr wahrscheinlich doch schon aus der Sicht des vorausgehen den Winters. Jedenfalls ist dieser Brief nach T23 6 verfaßt (siehe dort, D ) . 1 1 . BKyd: Kyd. zeigt sich stolz über die politischen und militärischen Erfolge des Freun des. An den Ehren, die seine Vaterstadt als Vorkämpferin der Freiheit verdient, sieht er sich unmittelbar beteiligt (Z.3 8 - 44 ) . BE, ZC: Ein Zeuge der Ereignisse (Xl ) hat die im vorausge henden Brief beschriebenen militärischen Erfolge des Kaisers gegen die Türken « < Barbaren» ) bestätigt (Z. 6 - 1 0 A 1 f. ) , doch enthält der Brief noch weitere Nachrichten: Manuel hat seiner zeit Konstantinopel heimlich verlassen (Z. l 1 f. ) ; er hat durch gleiche Behandlung seiner Ge folgsleute ehrgeizigen Streit unter ihnen verhindert (Z.12 - 1 4) und sich ihrer Ergebenheit versichert (Z.14 f. ) , ihre Dienste durch Einhaltung seiner Versprechungen belohnt ( Z . 1 5 - 1 7) und sich als gerechter Richter erwiesen (Z. 1 7 - 1 9 ) . Inzwischen wird er von reichen Bürgern Thessalonikes finanziell unterstützt, und an seinem Wohlstand haben auch seine Diener Anteil, so daß einige von ihnen ihre Familien in Konstantinopel sogar mit Gold und Kleidung beschenken können (Z. 1 9 - 2 7 ) . In Konstantinopel blickt man voll Neid auf diesen Reichtum, und mancher träumt davon, nun selbst in Thessalonike sein Glück zu machen (Z.2 8 - 3 5 ) . Die wirtschaftliche Situation Thessalonikes in dieser Zeit wird also überraschend positiv
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BRIEF T236
dargestellt. Diese Entwicklung war wohl dem Einfluß der langen Erholungsphase seit dem Ende der Zelotenherrschaft 1 3 5 0 (zur Datierung NicKant 72 f. ) zu verdanken. Anscheinend verfügte man um 1 3 8 2 reichlich über finanzielle Reserven (Z.3 3 ) , Lebensmittel ( Z.30) und Textilien (Z.26 ) . Xl : Loizos (PLP 1 5029 ), Zeuge der Situation in Thessalonike (ZA f. ) . Da Kyd. von ihm berichtet, er sei wider Willen nach Konstantinopel verschlagen worden, vermu tet DenReign 62 in ihm einen Schiffskapitän. X2: Gemäß TrappAs 1 74 handelt es sich bei dem Z.37 erwähnten Asanes um Konstantinos (PLP 1 5 03 ), der Manuel 1 3 82 nach Thessalo nike begleitete. Die Frage ist nur, wie xm:u 'tov 'Aoavllv zu übersetzen ist. Heißt es «wie Asanes behauptete» oder «wie es Asanes erging» ? Die letztere Lösung vertritt offenbar TrappAs 1 74 ( " . . . er [sc. Asanes] sei das Tagesgespräch gewesen » ) ; für die erstere plädiere ich selbst in Auseinandersetzung mit Trapp (Bd. I 269, T43, BE) und übersetze auch hier entsprechend, da ich sie für wahrscheinlicher halte. Doch besteht mangels weiterer Quellen in keinem Fall Klarheit über den Zusammenhang der Anspielung. III. Hss: A 24v - 25v, Nr. 7; U 34r - 35', Nr. 45; L 1 3 1 " - 1 32', Nr. 20; Gruppe H, Nr. 1 1 ; m, Nr. 5. Ed: Matthaei 1 776, 3 8 - 40, Nr. 5 (nach Hs m ) . Üb: DenReign 62 f. (engl. ) . IV. 1 W. : CtAAtlAOU; Xm:UIlCSUC;, « du hast sie untereinandergemischt» . 2 Loenertz (zur Stelle) verweist für die Vorstellung, Josef habe das Getreide Ägyptens in Pyramiden gespeichert (vgl. ATGe 4 1 , 48 f. ) , auf Verse «De septem mirabilibus mundi » , über liefert in Hs Marcian. gr. 408 (colloc. 672), 1 5 3'. Gemäß dem Katalog von E. Mioni, Biblio thecae Divi Marci Venetiarum Codices Graeci 11, Roma 1985, 1 64 handelt es sich um ein Gedicht in 29 « politischen» Versen (Inc.: 'Emu ÖE llav8uvE XUAWC;). Es wurde meines Wis sens bisher nicht ediert. In den von Mioni als Vorlagen angegebenen Väterpassagen über die sieben Weltwunder (Gregor von Nazianz und Scholien) findet sich genannte Vorstellung noch nicht. 3 Talente, Stateren: antikisierende Umschreibungen für Geld. Mit «Talent» ('taAuv'tOv) wird eine sehr hohe Summe angedeutet, als «Stater» wird antikisierend das byzantinische Hyperpyron bzw. in dieser Zeit das Stavraton (s.u., T25 8 , A. 6 ) bezeichnet. 4 Der TLG kennt keinen Beleg für diese Wendung. Kyd. wird sie ad hoc geprägt haben. Die Säulen deuten wahrscheinlich die ehrwürdigen Bauwerke Konstantinopels an, von denen man sich ( im Gegensatz zum Reichtum Thessalonikes) nicht ernähren könne. 5 LlEL ist noch von dem vor lla'tUloc; stehenden WC; abhängig. 6 Iros ist ein in HomOd 1 8, 6 erwähnter Bettler. Die Kallias waren ein begütertes Ge schlecht in Athen. Am Schluß von Libanios, Brief 143 ( ed. R. Foerster, X 1 4 1 ) findet sich der Zweizeiler: «So sei denn verflucht, 0 Krieg, aus vielen Gründen, der du die Kallias schnell zu Leuten wie Iros machst. » Die Verfluchung des Krieges ist AristophNu 6 entnommen; die Kallias-Iros-Metapher scheint von Libanios zu stammen. 7 8
S.o., X2. Thessalonike (siehe OE).
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
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AN DEN KAISER
L: 249; OKyd: Konstantinopel; E: Kaiser Manuel II. Palaiologos; OE: Thessalonike; D: Winter 1 3 82/8 3 ; wI: Freude über den in Gebeten lange erflehten, aber unverhofft plötzlichen Abzug eines türkischen Heeres aus dem Gebiet von Thessalonike, Beweis dafür, daß Gott selbst die Sache Manuels unterstütze.
Siehe da, was wir längst erhofften, was ständig in die Gebete aller noch 5 vor den eigenen Anliegen eingeschlossen war, was Gott reichlich bei Tag
und Nacht aus aller Munde zu hören bekam, das ist j etzt Wirklichkeit, und es übertrifft bei weitem unsere Wünsche und Gebete . Wäre es uns doch bereits als großer (Erfolg) erschienen, wenn sich der Barbar zurück gezogen hätte, ohne großen Schaden anzurichten, und hätte uns j emand dies gemeldet, hätten wir ihn als Freudenboten angesehen. Aber anschei1 0 nend genügte dies keineswegs so wie uns auch der Dike\ sondern sie gab
dem Schicksal eine völlig entgegengesetzte Wendung und bewahrte uns nicht nur ganz unversehrt vor der Frechheit der Barbaren, sondern j agte sogar dem, der wie Senacherim2 drohte, die Stadt umzingelt hielt und die Tore aufzubrechen befahl, plötzlich Angst ein, und furchtbares Entsetzen aus ungeklärter Ursache, wie man sagt3 , befiel sie alle. So floh denn der 15
Gottlose, obwohl ihn niemand verfolgte, es flohen aber auch die Gigan ten\ ihre Abteilungen wurden zerstreut, und es erschien fortanS nicht mehr schändlich, den Schild wegzuwerfen und waffenlos zu fliehen. D och wurden Gold, Silber, Kleidung und alle erdenklichen kostbaren Gegen stände, mit denen die Barbaren prahlten, mitsamt den Zelten zurückgelas sen, und j eder Beliebige konnte sie wie etwas Wertloses plündern. Sie
20 ermutigten einander zwar zu bleiben, mit dem Hinweis, es sei ihnen doch
niemand auf den Fersen - das konnten sie ja deutlich sehen, wenn sie sich umwandten -, aber niemand hörte darauf oder schämte sich gar, sondern statt ihrer Hände gebrauchten sie nach Kräften ihre Füße, und j eder beeilte sich, seinen Vordermann zu überholen. Denn nicht von hin ten, sondern von innen trieb sie die Angst, als ob sie ein Feind wäre, vorwärts. So flohen denn viele in die Berge, viele ins weite Land hinaus; voll (von Flüchtigen) waren aber auch Wälder, sumpfiges Gelände und 25 Schluchten. Viele stürzten auch in Flüsse und ertranken, weil sie nicht schwimmen konnten. Überall herrschten Ratlosigkeit und Verwirrung. Leichen lagen umher, ein Fraß den wilden Tieren und Raubvögeln, wäh rend die Überlebenden einander niedertrampelten, da ihnen das eIgene
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BRIEF
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(Leben) kostbarer als je zuvor erschien. Als sie aber doch einmal stehen blieben und Luft schöpften, fragten sie einander, was sie (eigentlich) zur Flucht getrieben habe. D a aber der Grund ihres Entsetzens nicht erkenn bar war, verstanden selbst sie recht wohl, daß sie gegen den HIMMLI- 3 0 SCHEN6 und seine Macht ihre Waffen erhoben hatten. Dies nahmen sie aber auch als deutliches Zeichen dafür, daß (Gott) um dich besorgt ist. So haben sich die nicht geirrt, die überzeugt sind, daß deine mutige Entschlossenheir7 es verdient hat, von Gott belohnt zu wer den. Da du nun also Gott zum Bundesgenossen gewonnen hast, du bester von (allen) Kaisern, zaudere nicht! Unterstelle dich vielmehr einem sol chen Feldherrn und folge ihm, überzeugt, daß er dir in einer Feuersäule vorangehen8, dich zu Fuß durch das Meer führen9, in der Wüste Brot 35 regnen lassenlO, zu Tausenden die feindlichen Truppen schlagen und nun mehr durch dich Ruhmestaten wirken wird, die dem, was in Ägypten Moses wunderbar vollbrachte, nicht nachstehen. Denn ich glaube, der Wohltäter wird mit seinen Wohltaten, die er an den Seinen zu tun begon nen hat, nicht aufhören, bis er sein Gerichtsurteil siegreich durchgesetzt1 1 und die, welche uns Unrecht antun, gebührend bestraft hat; er wird auch nicht davon ablassen, dein Haupt zu bekränzen, bis er dir wie D avid 40 den Thron bereitet hat1 2 • Denn die unerhörten Dinge, die gegenwärtig geschehen, verheißen dir dies in glanzvoller Weise . Sie hätten, wenn man sie den Waffen zu verdanken hätte, nicht zu so großer Zuversicht Anlaß gegeben wie j etzt, da sie sich aus ungeklärter Ursache ereigneten. Im erste ren Fall hätte man j a die Ereignisse vielleicht auch auf die Tyche zurück führen können, die den Schlechteren oft das zuteil werden läßt, was den Besseren gebührt1 3 . Für die Taten der VORSEHUN G 1 4 aber Tyche ver- 45 antwortlich zu machen, ist widersinnig. Denn wenn der (Wille) Gottes seine Zustimmung erteilt, zieht der, dem sie zuteil wurde, siegreich von dannen und gewinnt dazu auch noch den Ruf, der Bessere zu sein. Hättest du also aus eigener Kraft gesiegt, dann brauchten auch die Hoffnungen der Barbaren nicht völlig leer auszugehen, und die Zukunft könnte dir manchen Anlaß zu Befürchtungen geben. Da aber Gott an deiner Statt die Feinde bestraft hat, ist für sie j ede Hoffnung auf eine Verbesserung 50 ihrer Lage dahin, für dich aber verbürgt sich dein BUNDESGENOSSE (sc. Gott) aufgrund der vergangenen Ereignisse in glanzvoller Weise auch für die Zukunft. Zugleich ist es viel besser, den Sieg von Gott als Ge schenk zu erhalten, als sich Bundesgenossen zu suchen und ihnen dafür
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
Dank zu schulden, nicht nur, weil das Erstgenannte frei von Gefahren, die Bewährung im Waffendienst aber mit hohen Verlusten auch in den eigenen Reihen verbunden ist, sondern weil es ehrenvoller ist und mehr 55 Freude als j eder Siegeskranz bringt, wenn Gott an (unseren) Taten Anteil
hat; denn das ist sozusagen eine sichere Bestätigung aller hervorragenden Eigenschaften 1 5 . Wenn du also willst, daß dir kein Hindernis im Weg stehe, mußt du um das besorgt sein, woran Gott, wenn man ihm Ehre erweisen will, sich freut; du mußt aber auch das hinzufügen, was in ge meinsamer Beratung als nützlich erscheint, und dies den eigenen Interes60 sen vorziehen. Denn wenn sich so mit dem Handeln Gottes euer eigenes
verbindet, wird nichts dagegen sprechen, dich einen Vorkämpfer der Frei heit für alle1 6 zu nennen. K I. OKyd, E, OE: Analog zu T23 3 -236. D: Während in T23 6 die Angaben über militäri sche Erfolge Manuels noch recht vage sind, werden sie nun detailliert beschrieben, ohne daß eine neue Informationsquelle genannt wird. Es scheint aber, daß Kyd. sich auf einen zuverlässigen Bericht stützt, den er nicht lange nach dem des Loizos (T236) erhielt. Daraus ergibt sich die Datierung des Briefes, der auf diesen Bericht reagiert. 11 . BKyd: Kyd. nimmt hier vor allem seine Rolle als Ratgeber und Mentor Manuels wahr. Kyd. als Lehrer Manuels: siehe Bd. 1/1, 17 mit A.93. BE: Selbst wenn man mit Den Reign 64 den rhetorisch-enkomiastischen Charakter des Briefes in Rechnung stellt, ist an der Tatsache dieser frühen Erfolge Manuels ( bestätigt auch durch T23 5 und 236) nicht zu zwei feln. Xl : Der Anführer der türkischen Truppen, der den Befehl gab, die Tore Thessalonikes mit Gewalt zu öffnen, ein zweiter Senacherim ( Z. 1 1 f.; siehe auch A.2 ) . Zur Frage der Person siehe T235, ZG. III. Hss: A 26r- 27" Nr. 9; U35v- 37r, Nr. 47. IV. 1 Gemäß HesOp 255 - 2 84 Tochter des Zeus, Göttin der Gerechtigkeit. 2 König von Assur (hbr. Sanherib), überfiel zur Zeit des Königs Hiskiah (Ezechias) ( 72 1 - 6 9 3 ) das Südreich Juda und ließ Jerusalem zur Übergabe auffordern. Weil er Gott lästerte, erschlug ein Engel des Herrn in seinem Lager 1 85 .000 Mann, und er mußte unver richtetersache abziehen (AT4Kg 1 8 , 1 3 - 1 9,36 LXX; ATls 36 und 3 7 ) . 3 W. : ÖEI!!a
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Kyd. verwendet AOlJtOV (fortan) i m Kontext zweimal (Z.15 f. ), wohl versehentlich. Zur Verwendung der Kapitalbuchstaben siehe Einleitung, Abschn. 3 . W. : LT]V OT]v aQHtlv. Vgl. ATEx 1 3 , 2 1 ; 14, 24.
BRIEFE T23 7 - 2 3 8
9 Vgl. ATEx 1 4, 22. 1 0 Vgl. ATEx 1 6 , 4. 11 Anspielung auf ATJb 23, 7. Während es dort heißt E�ayayOl ÖE cL� LO.O� La xg(fla flOU, schreibt Kyd . : . . . Ec.O� av cL� vlxo� E�ayaYll Lilv xgCmv. 12 Vgl. ATPs 8 8 , 5 LXX. 13 Zur antiken und byzantinischen Vorstellung von der launenhaften, unberechenbaren Tyche siehe F. Tinnefeid, Schicksal und Vorherbestimmung im Denken der Byzantiner, Das Mittelalter 1 ( 1 9 9 6 ) H. 1 , 2 1 - 42, hier 22 und 3 0 f. 14 Zur Vorsehung Gottes (JtgovOla, zur Schreibung in Kapitalen siehe A.6): Tinnefeid, ebd. 3 9 f. 15 W. : JtavL(J)v Lmv xaAACoL(J)V, «aller herrlichen Dinge » , was ich wegen des folgenden Satzes moralisch verstehe und mit « Eigenschaften » übersetze. Der Sinn der Stelle ist wohl, daß man aus der Hilfe Gottes auf den positiven Charakter eines Menschen schließen könne. Im folgenden Satz wird in entsprechender Weise dem Erfolg verheißen, der durch sein Tun Gott zu erfreuen sucht. 16
W.: Lli� XOlvli� EAEueEgCa� CtgXYJyELYJV.
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AN THEODOROS , DEN PORPHYROGENNETOS
L: 2 5 1 ; OKyd: Konstantinopel; E: Theodoros 1. Palaiologos, Despot; OE: Mistra, Pelo ponnes; D: Winter 1 3 82/83; wl: Freude über die kluge und erfolgreiche Politik des Theodoros während seiner ersten Monate in Mistra; Ermahnung, diesen Kurs fortzusetzen.
Spontan freute ich mich, als ich den Brief erhielt, einmal, weil ich die Schriftzüge der edlen Hand erblickte, die durchaus dem Kaisertum ange-
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messen sind\ dann auch, weil ich erfuhr, daß Tyche dir nichts verwei gerte, was du erhofftest, sondern dir alles nach Wunsch vonstatten ging. Es waren aber Dinge, die alle Menschen sich selbst, ihren Kindern und ihren Freunden wünschen: Die inständige Erwartung aller - war doch schon, bevor du kamst, deine Anwesenheit allen erwünscht - , bei der Ankunft eine freundlichere Aufnahme als von den eigenen Angehörigen, Geschenke sogar von den Raffgierigen2 , die freiwillige Übergabe der Fe- 10 stungen durch die, welche von dort aus gewöhnlich ihren Landsleuten schweren Schaden zufügten, Eintracht, wo man zuvor im Aufruhr sein Heil suchte, und was sonst zum Wohlergehen der Städte und zum Anse hen eines Herrschers beiträgt. Was aber alle verblüfft, ist, daß du dazu nicht einmal der Waffen be durftest, sondern deine entschlossene Haltung und das rückhaltlose Ver trauen der Guten dazu genügten. Freilich bewahren die im Krieg Bezwun-
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
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genen ihren Bezwingern nicht gern verläßliche Freundschaft, sondern tra gen ihnen nach, was sie erlitten haben, und tun alles, um sich der Unter werfer 3 zu erwehren. Die aber, welche sich geistiger Überlegenheit4 gebeugt haben, bleiben beständig und sind denen, die sie bezwangen, wie Liebhabern ergeben. Auch entscheidet über den Erfolg der Kriegstaten meistens Tyche, die oft nicht für die Besten, sondern für die Schlechteren
20 Partei zu nehmen pflegt5. Wer aber durch Charakterstärke die Gegner
gewinnt, beweist dadurch allein seine eigene Fähigkeit. Ferner gehen mit Kriegen Zerstörung, Tod und alle Übel einher, und oft klagten nach dem Sieg die Sieger nicht weniger als die Besiegten; dem aber, was durch Zure den und entschlossene Haltung erreicht wird, ist nichts Unerfreuliches beigemischt, sondern man bewahrt (zugleich) sicher das Eigene und ge winnt mühelos auch das Gut der anderen hinzu. 25
Da also deine geistige Überlegenheit die alleinige Ursache deiner Erfolge ist, solltest du an diesem Bündnis eifrig festhalten und versuchen, aus dieser Kraft an alles heranzugehen. Das wird aber der Fall sein, wenn du Tapferkeit mit Besonnenheit verbindest, beiden die Vernunft als Wagenlenker6 überordnest, dein Gespann auf das hinlenkst, was zu tun deine Pflicht ist, und den Guten ihren Lohn, den Bösen ihre Strafe be stimmst; zuvor freilich sollte es dir selbst zur Gewohnheit geworden sein,
3 0 diesem Gesetz gemäß zu leben. Denn so wirst du zuerst dich selbst beherr
schen, was wahrhaft die vollkommenste Form der Herrschaft ist, und (dann) die anderen mühelos deinem Joch unterstellen. Denke aber auch an Sparta und Lykurgos und daß du dich unterfängst, ein Land hervorra gend bewährter Männer zu beherrschen, die durch Verachtung des Ge nusses und Beherrschung der Lust Herrschaft über alle Hellenen erlang35 ten. Wenn du auf sie schaust, wirst du auch selbst den Ruhm nicht verfeh
len, den ihnen ihre Taten einbrachten. Dies habe ich aber nicht gesagt, um einen Wissenden zu belehren, sondern weil ich es für ein Zeichen der Zuneigung halte, den Freunden, obwohl sie es (schon) wissen, das, was ihnen zuträglich zu sein scheint, ohne Scheu zu raten, zumal, wenn der Ratgeber auch von seinem Alter her dazu legitimiert ist. K 1. OKyd, E, OE: Siehe T23 1 , X2; T232, OKyd und X3 . D: Gemäß T23 1 , D, traf Theo doros wohl noch im November 1 3 8 2 in Mistra ein. Vorliegender Brief setzt voraus, daß er sich nun bereits einige Zeit dort aufhält und inzwischen als fähiger Herrscher bewährt hat. Andererseits bezieht sich Z.4 f. auf einen brieflichen Bericht an Kyd. über die Ereignisse seit
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BRIEFE T23 8 -239
seiner Ankunft, den Theodoros, da von einem langen « Schweigen» keine Rede ist, sicherlich innerhalb der ersten drei Monate verfaßte. Aus der Antwort des Kyd. ist zu entnehmen, daß sie rasch (vgl. E'\J8u�, « spontan», Z.4), also ebenfalls wohl noch vor Frühjahr 1 3 8 3 , erfolgte. II. BKyd: Kyd. erwähnt Theodoros erstmals in Briefen des Jahres 1 3 82 (T23 1 und 232), und der vorliegende ist sein erster Brief an ihn. Seine frühere Beziehung zu ihm liegt im Dunklen, doch lassen die hier vorgebrachten philosophisch-ethischen Ermahnungen (Z.25 3 8 ) und die ausdrückliche Berufung auf das eigene Alter, das ihn als Ratgeber legitimiere (Z.3 7 f. ) , vermuten, daß er sich in gewissem Sinne, mag die entsprechende Beziehung zu seinem Bruder Manuel auch intensiver gewesen sein (siehe T23 7, BKyd), als sein Mentor und Lehrer betrachtete. Vgl. auch die späteren Briefe an ihn. BE: Auf die frühen Erfolge des Theodoros auf der Peloponnes spielt auch ManuelOr 1 1 5 - 1 1 9 an, doch ist aus dieser Rede zu ersehen, daß Theodoros sich nicht so kampflos etablieren konnte, wie Kyd. es in enkomia stischem Überschwang, vielleicht unter dem Einfluß seines Berichtes, darstellt (Z. 7 - 1 6 ) . Zur Bezeichnung « Porphyrogennetos » im überlieferten Brieftitel, siehe T232, A.3. Ep: Ein vor ausgehender Brief des Theodoros an Kyd. (Z.4 f. ) . III. Hss: A 2 7v-28" Nr. 1 1 ; U 3 8 r - 3 9r, Nr. 49. IV. 1 Vgl. T232, A. 1 1 . 2 W.: rtaQu 'tWV ELW86'twv aQrtcl�ELV, wie T23 6, Z.20. 3 W. : 'tou� UrtclQ�av'ta�. Für umlQXw in der Bedeutung « beherrschen» zitieren die Le xika ( LSc, Thes) Thuk 6, 87 ( dort das Präsens UrtclQXOIlEV, das einen andauernden Zustand bezeichnet), doch legitimiert der Aorist eine Übersetzung, die eine punktuelle « < konfektive » , siehe Schwyzer I I 2 6 0 mit der Erläuterung 2 5 2 f.) Handlung wiedergibt (hier: « unterwerfen » ) . 4 5
W. : uQE'tfl. Zur launenhaften Tyche siehe T23 7, A. 1 3 .
6 W. : �v(OXov 'tOV A.oYLa�L6v . Das i n der späteren Literatur beliebte Bild vom Wagenlen ker geht auf Platon zurück (z. B . Pltk 266e), nicht aber vorliegende Wortverbindung. Diese bezeugt der TLG u. a. für Phiion (Legum allegoriarum libri, I, § 73 ) und Achilleus Tatios (Leucippe et Clitophon, VI, cap. 1 8 , § 6 ) . Beide Wörter in weiterem Abstand voneinander: ThemOr I, Or. 1 , S. 1 1 , Z.14 f. Eine ähnliche Verbindung: ThemOr 11, 0r.24, S. 1 00, Z. 1 7 f.
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AN IOANNES ASANES
L: 255; OKyd: Konstantinopel; OE: Euboia; D: Ca. Winter 1 3 8 2/8 3 ; wI: Kydones hält dem Adressaten vor, daß er trotz seiner früheren Freundschaftsbeteuerungen gegenwärtig für ihn keine Zeit zu haben, sondern lieber auf die Jagd zu gehen scheint. Er erhofft sich jedoch von einem Brief des Freundes eine Erklärung für sein Verhalten.
Passend hast du dem Früheren auch das Zweite hinzugefügt. Damals nämlich hast du, obwohl du wußtest, daß ich zu Schiff nach Mitylene reisen wollte, mich weder (zum Hafen) begleitet noch mir, wie es üblich ist, vor der Reise ein letztes Lebewohl gesagt, sondern ich trat die Seefahrt
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
an, du aber verfolgtest auf den Fluren die Spur der Hasen. Nun aber, da du selbst nach Euboia abgereist bist, hast du mir von dort seit meiner Rückkehr keine Zeile geschrieben, obwohl viele Leute ständig durch die bewußte Meerengel hierher unterwegs sind. Ein anderer hätte daraufhin 10 gesagt, Ursache dieses Schweigens sei, daß du uns vergessen hast. Ich aber
möchte dafür, selbst wenn ich es (recht) bedenke, mir allein Vorwürfe machen, wenn ich berücksichtige, wie gut du von mir gesprochen hast, welche Freundschaft du mich hast spüren lassen, wie du ohne Zögern versichert hast, daß ich dir lieber bin als deine Geschwister, mehr von dir geachtet als dein Vater, und wie du geweint hast, als du von meiner Ab reise hörtest, und immer wieder beteuert hast, die Zeit bis zu meiner Rückkehr werde dir ständige Betrübnis bedeuten. 15
Dies also hindert uns anzunehmen, du könntest uns aus deiner Erinnerung verbannt haben. Ich werfe dir aber vor - und ich würde dir, bekäme ich dich zu fassen, dafür die Haare zausen und dich mit Ohrfeigen nicht verschonen2 - , daß du zwar an mich denkst und dich nach mir sehnst wie die Dürstenden nach kühlem Naß - das jedenfalls entnahm ich den Briefen an deinen Onkel -, dann (aber doch die Sache) leicht nimmst und
20 dich, obwohl es möglich wäre, nicht mit Briefen trösten lassen willst, wie
Freunde es tun, wenn sie voneinander getrennt sind. Aber davon spricht dich dein Leichtsinn frei, den wir alle an dir kennen; er hat (freilich) auch dir (selbst) oft sehr geschadet. Nein, wenn du in Zukunft schreibfaul bleiben und Flugwild j agen willst, werden wir es (zwar) dulden und (den noch) glauben, von dir geliebt zu werden; wir werden uns aber auch für vernachlässigt halten und von dir die Strafe einfordern, die du dir selbst 25 freiwillig auferlegt hast; ich werde beim Kaiser, den hohen Beamten und
allen, die du zu Zeugen deiner Freundschaft mit mir erwählt hast, das Schlimmste von dir erzählen und bekunden, daß auch von dir das Sprich wort gilt: « D ie Ehrfurcht hat (nur) auf Sichtweite Bestand » 3 . Schreibe also, um unserer Entschlossenheit zu einer Anklage gegen dich zuvorzu
kommen, oder laß vielmehr das Schreiben und komm mit dem Geld4 , mit 3 0 dem du vielleicht von den Richtern ein Urteil zu deinen Gunsten erkaufen
kannst. K 1. OKyd: « Seit meiner Rückkehr » , sc. nach Konstantinopel, Z . 8 . E: Zur Person siehe PLP 9 1 3 71 ( starr 1497). Biographischer Abriß: BozAsen 3 3 6 - 3 3 8 (Nr. 3 2 ) . Analyse der ein schlägigen Quellen ebd. 476 -479. Von den sieben Briefen des Kyd. an Ioannes Asanes, die
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BRIEFE T239 - 240
BozAsen aufzählt, sind zwei bereits in Bd. 11 übersetzt ( L 1 8 5 T 0 1 95; L229 T 0228 ) , einer ist der vorliegende Brief. B e i einem von den übrigen vier Briefen ist e s unsicher, ob er an Asanes gerichtet ist (L265 T 0292 ) . Die restlichen drei sind: L267 T257 und L264 T258 ( beide in diesem Band) sowie L423 (Bd. IV ) . OE: Z.7. D: Loenertz hat in seiner Chro notaxis (LC 11 49 1 ) hier diesen Brief eingefügt, der etwa um die Zeit der Briefe T235 - 2 3 8 verfaßt sein dürfte, j edenfalls geraume Zeit (wegen des Tadels, Asanes habe ihm nach der =
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Rückkehr nicht geschrieben, Z . 8 ) nach der zweiten (zur ersten siehe Bd. IIl , 28 f. ) uns be kannten Reise des Kyd. nach MitylenelLesbos, die wahrscheinlich auf Frühjahr/Sommer 1 3 82 zu datieren ist (Bd. 11, T2 1 8 , D; T2 1 9 ) . 11. BKyd: Zur Reise nach Mitylene siehe D . Der Brief bekundet eine freundschaftliche Beziehung zu dem wohl wesentlich jüngeren Asanes, die jener allerdings wegen seines (ju gendlichen) Leichtsinns gelegentlich enttäuschte. BE: Asanes wird hier als leidenschaftlicher Jäger ( Z. 6 f. 23; vgl. T 022 8 ) und als unverbesserlicher Leichtfuß (Z. 1 9 - 22 ) charakterisiert. Daß er sich auf Euboia (Z.7) in Erbangelegenheiten aufhielt, ergibt sich aus T25 7 und 258 (siehe auch AA). Xl : Ein Onkel (8ci:o�) des Adressaten in Konstantinopel (Z. 1 8 f. ), gemäß PLP 9 1 3 7 1 nicht näher zu bestimmen, jedenfalls nicht Konstantinos Asanes, wie Bd. IIl , 269 ausgeführt. X2: Ein Kaiser (Z.25 ) , sc. Ioannes V. Ep: Mehrere Briefe (emo'toAu() des Asanes an seinen Onkel ( Z. 1 8 f., siehe X l ) . 111. Hss: A 29rv, Nr. 15; U 40v - 4 1', Nr. 5 3 . IV. 1 Der Euripos; siehe Bd. 11, T2 1 7, A.6. 2 W. : 'tfl Öc�t(i 'twv JWQetWV oux av e<j)etOallllv. Die Drohung zeigt einen bei Kyd. sonst seltenen drastischen Humor. 3 Dieselbe Wendung, die wohl auf Theognis von Megara, Elegie 1, 85 f. basiert, bezieht Kyd. auch auf Rhadenos (siehe Bd. 11, T 1 63, A. l ) . 4 Offenbar Anspielung auf das Erbe, das Asanes z u erhalten hofft; siehe T257, Z . 1 3 f., BE; T25 8, Z. l 1 f., X2.
L: 258; OKyd: Konstantinopel; E: Kaiser Manuel 11. Palaiologos; OE: Thessalonike; D: Winter 1 3 82/8 3 ; wI: Ironischer Tadel für Manuel, weil er Kydones, der sich selbst bescheiden als « Barbaren» bezeichnet, eine Platonhandschrift verschafft habe und nun zu Unrecht darauf hoffe, sie könne durch ihn zu neuem Leben erweckt werden.
Du bist stolz auf dich, als ob du etwas Großartiges für PI at on geleistet hättest, und behauptest, daß er durch dich zum Leben erweckt worden sei, weil er zuvor eingeschlossen war und weder sich selbst bewegen noch andere durch seine vortrefflichen Ausführungen in (innere) Bewegung versetzen konnte, j etzt aber, weil er durch dich mein geworden sei, dies beides vor aller Augen verwirklichen und mit seiner Weisheit, die nieman dem unbekannt ist, öffentlich die Stadt erfüllen werde; daher müsse er
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
mir und dir für sein zweites Leben dankbar sein2 . Ich aber sage im Gegen10 teil, daß Platon mir und dir mit Recht für das zürnt, was wir als Wohltat
für ihn bezeichnen. Denn bei mir wird er bei einem Barbaren hausen, der von seinem Sirenensang wenig oder nichts versteht, und du weißt, wie unerfreulich für einen geistvollen Menschen der Aufenthalt bei den Unge bildeten ist. So hast du bei Platon wohl mit Recht, weil du ihm dies eingebrockt hast, Strafe verwirkt, und ich glaube auch, daß er, wäre er 1 5 noch am Leben, wie Philoxenos 3 handeln und eher (Verbannung in) die Steinbrüche als meine Stimme ertragen würde. Deshalb also werden alle behaupten, daß du dich an Platon vergangen hast, weil du versuchtest, ihn mit einem solchen Mann (wie mir) zusammenzubringen. K 1. oKyd, E, OE, D: Siehe die Angaben zu Brief T24 1 , der anstelle des vorliegenden Briefes abgesandt wurde (dazu A. 1 ) . 11. BKyd: Aus den Bescheidenheitswendungen dieses Briefes sind keine Schlüsse auf das tatsächliche Bildungsniveau des Kyd. zu ziehen. Zur erbetenen Platonhs siehe A. 1 . Ep: Siehe A.2. III. Hss: A 1 74', da getilgt (s.u., A. 1 ), ohne Nummer, in U nicht kopiert. IV. 1 Dieser Brief, ursprünglich als Antwort auf LetMan Nr. 3 vorgesehen, ist im Auto graphen A durchkreuzt und damit als nicht abgesandt gekennzeichnet. Vermutlich schien er Kyd. mit seinen ironischen Bescheidenheitswendungen kein adäquater Dank für das angekün digte, in seinen Augen so wertvolle Geschenk zu sein und wurde daher durch Brief T24 1 ersetzt. Aus diesem ergibt sich (wie auch aus LetMan Nr. 3, siehe A.2 ) , was hier nicht so klar ist, daß Kyd. die Hs noch nicht erhalten hat. Wir wissen nicht, in welcher Form Kyd. dem Kaiser seinen Wunsch, eine Platonhandschrift zu erhalten, mitgeteilt hatte. Jedenfalls berich tet er in Brief T273 (an den Despoten Theodoros), in dem er (Z.54 - 60 ) noch einmal auf Manuels Geschenk zu sprechen kommt, zuvor entsprechendes Interesse geäußert zu haben; dasselbe setzt LetMan Nr. 3, Z.2 voraus. 2 Die ganze Passage spielt auf LetMan Nr. 3, Z.2 - 1 7 an, wo Manuel ausführt, die Hs habe bei den Mönchen lange Zeit wie ein toter Gegenstand gelegen, und Platon selbst habe Grund, dankbar zu sein, weil Kyd. ihn nun zum Leben erwecken werde (vgl. T24 1 , A . 1 ) , was Kyd. i m folgenden bescheiden zurückweist. 3 Der lyrische Dichter Philoxenos von Kythera (435/34 - 3 8 0/79 ) - zur Vita: Suda
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BRIEFE T240 - 241
24 1 - AN KAISER MANUEL L: 2 76; OKyd: Konstantinopel; E: Kaiser Manuel 11. Palaiologos; OE: Thessalonike; D: Winter 1 3 82/8 3; wI: Manuel hat Kydones brieflich die Zusendung einer Handschrift mit Werken Platons angekündigt, die noch im Besitz eines Athosklosters ist. Kydones äußert sich besorgt, ob die Mönche das kostbare Buch auch tatsächlich herausgeben werden, und bittet daher den Kaiser um beschleunigte Durchführung des geplanten Kaufes.
Was soll man von diesem (Beweis deiner) Klugheit, oder besser, von diesem Traum, halten ? Denn ich glaubte wahrhaftig, vom Schlaf umfan-
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gen zu sein, als ich den köstlichen Brief las. Glaubte ich doch in ihm den längst dahingegangenen Platon zu sehen, wie er lebte\ sich bewegte und sprach, und hielt ihn beinah in meinen Händen, umarmte und begrüßte ihn, befragte ihn wegen der Akademie und der Stoa, und2 ob einige j unge Leute in Athen sich mit Geometrie oder einem anderen '(Gebiet der) Philo sophie beschäftigten, und war überhaupt bemüht, keine Frage auszulas- 1 0 sen, die das (Leben) dort betraf. Und als ich dann erwachte, erkannte ich mit Mühe die Täuschung und bewunderte die Kunst (deiner) Worte und ihre allumfassende Kraft, die einem (so) bedeutenden Manne gerecht wird; so ließest du uns durch das, was du schriebst, D aidalos erstehen. Denn dieser verlieh seinen Skulpturen Bewegung und erreichte es durch seine Kunst, daß sogar Steine davonliefen 3 . So hast auch du den, der längst darniederlag, durch deine Worte auferweckt. D och wie (Daidalos) 1 5 von seiner Kunst keinen Nutzen hatte - wer nämlich einmal getäuscht worden war, war fortan auf seiner Hut - , (so) werde auch ich, (selbst) wenn du mir viel solche D inge über Platon erzählst, dich zwar wegen deiner Worte bewundern und wegen deiner Redegewalt loben, ihnen aber nicht glauben, bevor sie Wirklichkeit geworden sind. D aher werde ich also, selbst wenn du Wunder wirkst und mir unzählige Male einen sol chen Platon sendest, (doch immer noch) glauben, Trugbilder zu sehen. Laß also diesen Schatten sich auflösen, laß - um Gottes willen ! - 20 Worte zu Taten werden und bemühe dich, den Sohn des Ariston4 vor vielen, die so sind wie Dionysios, zu retten. Denn keineswegs ist ihm nun der Athos zuträglicher als Sizilien, sondern j ene (sc. die Mönche) denken vielleicht sogar daran, ihn zweimal so wie (einst) der Tyrann zu verkau fens. Zu dieser Annahme bringt mich die Tatsache, daß sie zu sehr an dem festhalten, was sie nicht unbedingt nötig haben6 . Sie wollen nämlich
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
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aus deinem Interesse Gewinn ziehen, einem anderen aber hätten sie (die Handschrift) wohl zu Schleuderpreisen nachgeworfen, selbst wenn er sie nicht (darum) gebeten hätte. Wenn du also sanft mit ihnen umgehst, wer den sie den Handel als Sakrileg hinstellen und die Spröden spielen. Wenn es aber der Kaiser ist, der sie (sc. die Handschrift) fordert und sie die Erfahrung machen, daß er nicht locker läßt, wirst du sehen, wie die j etzt (so) Halsstarrigen nachgeben und dir noch dazu dankbar sind, daß du sie überhaupt gebeten hast. Bleib also nur den Leuten im Nacken, und um so schneller wirst du uns diesen Greis (Platon) sehen lassen, wie er nicht
30 nur die Charybdis, sondern auch das Ägäische Meer durchquert und mit
leichter Mühe wieder nach Athen7 gelangt, zu lieben Freunden, die seine Rede verstehen können. Vielleicht aber wirst du seinen und deinen Lieb haber in seinem Gefolge bei dir haben, (ihn,) der sich nach deinem An blick nicht weniger sehnt als Dürstende nach Quellen8 . Es halten ihn aber nicht, wie du annimmst9, die Mangana 10 gefangen - diese Fessel er scheint mir schwächer als Spinnwebenl l - , sondern die stählernen Fes35 seln, die du kennst und durch die auch du selbst noch in vielerlei Hinsicht
behindert wirst1 2 . Wenn aber (sogar) du gefesselt bist, wie sollte (dann) ich Mittel und Wege zur Flucht finden? K I. OKyd: Kyd ., an den Kaiserhof gefesselt (A. 1 2 ) . OE: Siehe T23 6, OE. D: LetMan Nr. 3, in dem die Platonhs angekündigt wird, ist « mitten im Winter» (dort, Z . 1 8 f.) geschrie ben; entsprechend ist die sicher recht bald nach Eintreffen des Briefes verfaßte Antwort des Kyd. zu datieren. 11. BKyd: Der Brief zeigt die Verehrung, die Kyd. für Platon hegt (ZA- I 0 ) , seine Reserve gegenüber den ungebildeten (Z.23 f.; vgl. LetMan Nr. 3, Z.7 f., wie unten, A.l, zitiert), aber geschäftstüchtigen (Z.2 1 - 2 8 ) Mönchen des Athos, zugleich aber auch seine Sorge, ob er die Handschrift wirklich erhalten werde (Z.20 - 3 1 ) . BE: Manuel hat in LetMan Nr. 3 (siehe Zitat, A . l ) nicht deutlich genug Versprechen und Erfüllung des Versprechens unterschieden, und Kyd. weist ihn darauf deutlich hin (Z.15 - 1 9 ) . Xl: Ioannes V. Palaiologos, zwar nicht ausdrücklich genannt, aber die Z.34 f. erwähnten Fesseln, die Kyd. und auch Manuel binden, sind zweifellos auf seine Autoriät als Dienstherr bzw. Vater und Hauptkaiser zu beziehen. Vgl. auch Bd. IIl , 35 mit A. 1 93 . Ep: Ein vorausgehender Brief Manuels an Kyd. (Z.5), iden tisch mit LetMan Nr. 3 . III.
Hss: A 8 8 rV, Nr. 1 3 ; U 1 47r- 148", Nr. 1 54; B 24OCv, Nr. 9 1 ; L 1 32rv, Nr. 2 1 ; 0 322\
Nr. 43; Gruppe H, Nr. 12; m, Nr. 6 . Ed: Matthaei 1 776, 40 f., Nr. 6 (nach Hs m). Üb: Let Man 10, Nr. 3, A.2: Z. 1 5 - 3 0 (engl. ) . Lit. : DenReign 69 - 71 (Überblick über den Inhalt der Korrespondenz betr. der Hs ) . IV. 1 Kyd. bezieht sich hier auf den Anfang von LetMan Nr. 3, Z.2 - 9 : « Worum d u s o sehnlich batest, das hast du, den Platon. Daß e r aber dir geschenkt wird, halten wir nicht für
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BRIEF T241
unpassend. Ja, er (selbst) sollte uns sogar nicht weniger dankbar sein als du, der ihn bekom men hat. Denn wenn man gemäß seiner (sc. Platons) Weisheit das Lebendige für besser als das Leblose zu halten hat, aber im strengen Sinne niemals etwas lebendig genannt werden oder sein kann, was sich nicht bewegt oder wirkt oder spricht . . . So aber erging es ihm schon so viele Jahre lang, weil er nicht zu den Mönchen paßte, die schon längst die Weisheit der Welt verlassen haben. Als lebendig und wirksam kannst aber nun du ihn dank meiner Ver mittlung erweisen. « Die Hs wird hier metonymisch mit dem Verfasser ihres Inhaltes gleichge setzt, den daher Kyd. bei Lektüre des Briefes zum Leben erwachen sah. Da Kyd. nirgends (auch nicht in den folgenden Briefen) auf den Inhalt der Hs eingeht (darauf weist auch Let Man 10, A.1 hin), ist eine Antwort auf die Frage, ob es sich um eine der heute bekannten Platon-Hss handelt, kaum möglich. Der einzige verbleibende ( aber wohl nicht ausreichende) Anhaltspunkt ist der in T242, Z.5 - 9 beschriebene beklagenswerte Zustand der Hs bei ihrer Ankunft. 2 Einige Hss ( BLOHm) überliefern hier (vor « und » ) ü ber AU hinaus noch die weitere Frage: « ob er den Krieg gegen Homer und die Sophisten beendet habe » . 3 Gemäß PIMen 9 7d mußte man die Skulpturen des Daidalos fesseln, damit sie nicht da vonliefen. Darauf spielt auch PIEuthphr 1 1 bc an. Vgl. ferner Diodoros (Sikeliotes) IV 76, 2. 4 Ariston, Vater Platons gemäß PlAp 34a und Diogenes Laertios (De philosophorum vitis, III 1 ) . 5 Anspielung auf den Verkauf Platons als Sklave im Zusammenhang mit seiner ersten Sizilienreise (ca. 3 8 8 ) , die erstmals PIEp 7 (Echtheit umstritten) 326b-327b erwähnt ist. Wie Diogenes Laertios III 1 8 f. berichtet, erzürnte Platon den Tyrannen Dionysios (I.) durch seine kritischen Bemerkungen über die Tyrannei als Verfassungsform (entsprechend PIPlta 565d569c). Dieser soll ihn darauf einem spartanischen Gesandten zum Verkauf (waTE cmoMa8m) übergeben haben. Kydones geht von einem Verkauf « XJtEf.lltOAiiam) durch Dionysios aus, was auch der Text der Vita nicht ausschließt. Die Übersetzung des Verbums durch Dennis (LetMan 1 0, A.2) mit « betray» (verraten) ist daher unzutreffend, zumal im Kontext der Verkauf Platons durch Dionysios klar zu den Verkaufspraktiken der Athosmönche in Bezug gesetzt wird. Aus dem letzten Satz von A.2 «
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
bereisen soll, während du die Vaterstadt und uns vergißt, im Manganakloster wohnst und dich dort ausruhst, - denn ich zögere zu sagen: - wie in einer Falle gefangen bist.» 1 0 Zum «Adelphaton» des Kyd. im Manganakloster siehe Bd. 11 1 , 12, 1 4 und 28, A. 149. 11 Die Edition bietet hier uQUXvwv (Spinnen), doch erweist Einsichtnahme in den mir vorliegenden Film des Autographen A, daß UQUXVLWV zu lesen ist. 12 Zum Bezug dieser Anspielung auf Ioannes V. siehe X l .
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-
AN KAISER MA NUEL
L: 259; OKyd: Konstantinopel; E: Kaiser Manuel 11. Palaiologos; OE: Thessalonike; D:
Frühjahr 1 3 8 3 ; wI: Freude über den Erhalt der angekündigten Platonhandschrift, die aller dings beim Transport vorübergehend in die Hände türkischer Seeräuber geriet und in sehr beschädigtem Zustand ankam. Ihr Schicksal wird mit dem Platons verglichen.
Mit knapper Not ist der Sohn des Ariston1 dem Gefängnis, den Fesseln 5 und den Tyrannen 2 entkommen und für uns gerettet worden. Allerdings
zeigte er insgesamt deutliche Merkmale seiner lange andauernden j am mervollen Lage, völlig durchnäßt, (wie er war,) völlig zerrissen, äußerlich verwahrlost, innerlich in mangelhaftem Zustand 3 , auf allen Seiten gedun kelt, kurz, man hätte nicht geglaubt, es sei derselbe, der früher so ansehn lich war4 . Hätte Homer ihn gesehen, (dann) hätte er (auf ihn) seine Worte über Aias bezogen: « Platon ging zugrunde, da er salziges Wasser getrun10 kens . » Der Gipfel der Tragödie aber ist, daß er nach seiner Befreiung
auch noch Bekanntschaft mit Piraten machte6 und ihn das Schicksal der Gefangenen ereilte, und zwar in der Nähe seiner Vaterstadr7, damit er auch dies mit dem einstigen Platon gemeinsam habe 8 . So war es anschei nend vom Schicksal bestimmt, daß nun auch dieser den Türken als Sklave diente, damit kein Hellene, auch wenn er schon längst gestorben ist, der frechen Anmaßung dieses Gesindels entgehe. Dennoch erfreute er uns, als er so, wie er war, ankam, auch durch die 1 5 verbliebenen Überreste9, wie Menschen, die nach langer Odyssee zu ihren
Angehörigen nach Hause zurückkehren; er dankte dir persönlich für seine Freiheit und bewog uns dazu, jetzt auch die Tatkraft dessen zu bewundern, den wir früher nur wegen seines Wohlwollens lobten. Dies tun wir also; wir sind dir j etzt und in Zukunft stets für deine Zuneigung, die wir bei vielen Gelegenheiten erproben durften, dankbar, halten aber 20 nun auch deine Tatkraft für lobenswert, mit der du diesen Mann aus der
Sklaverei befreit hast, und wünschen, daß du sie ebenso deutlich unser
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BRIEFE
T24 1 -242
aller Feinde spüren läßt. Möge durch dich dem Gemeinwesen die Freiheit wiederkehren, und mögen die, welche j etzt über uns triumphieren, von Gott und von dir ihre Strafe erhalten! So habe ich denn nun als dein Geschenk neben vielen anderen auch den Kodex1 0 ; mein (Geschenk) für dich aber ist, daß alle darum wissen, mit dir sei nun wahrhaftig der 25 philosophische Herrscherl l erschienen, was allein - sagt Platon - die Städte von (ihrem) Unheil befreien werde. Wenn aber j ener meinte, dies gleiche eher einem Wunsch(traum)1 2 , so hast du nun selbst gezeigt, daß der Wunsch Wirklichkeit geworden ist, weil du so über die Maßen als Herrscher und in deinen Taten die Weisheit liebst, und dies sogar, obwohl du siehst, daß sie derzeit von allen als lebensfremd verworfen wird . Ich glaube - um mit Gott zu sprechen - , sie wird die Weissagung Platons
•
an dir als wahr erweisen und allen zeigen, daß Macht ohne Vernunft 3 0 blind ist. K I.
OKyd: Kyd. hat die Hs an dem Ort erhalten, an dem er sie erwartete; siehe T24 1 ,
OKyd. OE: Siehe T23 6, OE. Dazu paßt die Anspielung auf Manuels Kampf gegen die Türken (siehe ZG). D: Da wegen ihres abenteuerlichen Schicksals Kyd. zweifello.s eine Zeitlang auf die Hs warten mußte, ist sie wohl nicht mehr im Winter eingetroffen. II. BKyd: Die Freude über den Erhalt der Hs beweist erneut seine Verehrung für Platon. ZC: Zur hier geäußerten Hoffnung auf Erfolge Manuels in seinem Kampf für die Freiheit (Z.2 1 - 2 3 ) siehe BarkMan 48 mit A . 1 3 0 . III. Hss: A 1 74v, Nr. fehlt. Gemäß LR 46 sind die Briefe i n Heft 26 (gemäß LC II, XIV identisch mit Buch XXV der Edition L25 6 - 263 ) der autographen Sammlung der Kydonesbriefe nicht numeriert. Doch ist Brief L260 nur in U überliefert, L262 trägt in der Edition irrig die Nr. 0 ' 1. Die acht Briefe entsprechen in diesem Band T240, 242, 250, 251, 252, 0263, 0264 und 266. Gemäß T23 1 , Hss, sind aber außerdem die Briefe L24 1 ( T23 1 ) und L243 ( T234) ohne Nummer.Weitere Hss: U 28 1 ' - 2 8 2f, Nr. 2 753; B 242v- 24Y, Nr. 94; L 1 32V - 1 33\ Nr. 22; Gruppe H, Nr. 1 3 ; m, Nr. 7. Ed: Matthaei 1 776, 42 f., Nr. 7 (nach Hs m); Üb: DenReign 70: Z.5 - 14, 20 - 22 (eng!. ) . Lit: Bd. 111, 35 mit A . 1 9 3 ; DenReign 70; F. Tinnefeid, Demetrios Kydones: His Cultural Background and Literary Connections in . Thessalonike, Macedonian Studies 6 ( 1 9 8 9 ) 3 3 - 43 , hier 3 8 f. IV. 1 Siehe T24 1 , AA. 2 Die bisherigen Besitzer der Hs, Mönche eines Klosters auf dem Athos gemäß T24 1 , Z.21 f. und LetMan Nr. 3 , Z . 7 f. 3 W. : aUVEmOA.!lEvo'.; (reduziert, vermindert) . 4 W. : 'tov JtQO'tEQOV 'tov XOA.OV EXELVOV. Obwohl formal von Platon die Rede ist, ist mit =
=
=
=
der Metapher natürlich die Handschrift gemeint. 5 HomOd 4, 5 1 1 : Der weissagende Meergreis Proteus berichtet dem Menelaos, Posei don habe den Helden Aias, der ihn gelästert habe, im Meer ertrinken lassen. 6
Im Griech. Wortspiel: JtELQa'twv EJtELQu8l].
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
7 Damit kann nur Athen gemeint sein ( siehe auch folgende Anm.), woraus sich ergibt, daß das Schiff, das die Hs brachte, auf dem Weg vom Athos bzw. von Thessalonike nach Konstantinopel weit nach Süden verschlagen wurde. 8 Gemäß Diogenes Laertios III 19 verkaufte der spartanische Gesandte (siehe T241 , A . 5 ) Platon auf der Insel Aigina bei Athen; sein Käufer schenkte ihm alsbald die Freiheit. 9 w.: "tOll; AEL'tjJavOL�, wobei ein Byzantiner auch an die Bedeutung «Reliquien» denken konnte. 10 W. : ÖEA-ro�. Gemäß LC 11 479 (Index) kommt das Wort (von Loenertz mit « liber» übersetzt) bei Kyd. nur an dieser Stelle vor. 1 1 W. : q:nAOOO<j>OV ßaOLAEa. Die übliche deutsche Übersetzung ist « Philosophenkönig» (im Sinne von PIPlta 473cd), « Philosophenherrscher» impliziert auch den Bezug auf den Kaiser. Zu Manuel in dieser Eigenschaft: BarkMan 84 mit A . 1 ; ebenso Ioannes Kantakuze nos: T232, A.9. Siehe auch Bd. 112, 678, Index, s.v. Platons Philosophenkönig. 12 Gemäß PIPlta 499d und 502a - c ist es schwer, aber nicht unmöglich, einen solchen Herrscher zu finden.
243 L: 204; OKyd: Konstantinopel; E: Ein unbekannter Freund; OE: An einem von Konstanti nopel fernen Ort, so daß eine persönliche Begegnung der Freunde auf längere Zeit nicht möglich zu sein scheint, Thessalonike( ? ) ; D: November 1 3 82 - Frühjahr 1 3 8 3 ( ? ); wI: Kydo nes bedauert, sich mit dem Freund, als er noch in Konstantinopel weilte, nicht häufiger persönlich getroffen zu haben. Um so mehr sollten beide nun ihre Freundschaft durch den Austausch von Briefen pflegen.
Es ist nicht verwunderlich, wenn Freunde dasselbe empfinden. Denn 5 wenn es Ähnlichkeit war, die ihre Freundschaft entstehen ließ, kann die
Natur sie auch nur in gleicher (Richtung) lenken. So habe ich mich denn auch gefreut, als ich bei mir dasselbe Gefühl wie bei dir entdeckte\ und verstand es als Beweis dafür, daß wir harmonisch miteinander verbunden sind. Denn dich reut es, wie du sagst, daß du mich nicht häufig besucht hast, als du hier weiltest, und ich höre nicht auf, mir Vorwürfe zu mal o chen, daß ich, als es möglich war, mich täglich deiner persönlichen Ge genwart zu erfreuen, weniger Wichtigem meine Aufmerksamkeit zu wandte und mich von dem abhalten ließ, was mich vor allem hätte fesseln sollen . Könnte man aber einen deutlicheren Beweis inniger Freundschaft als diesen finden ? Es werden doch die, welche schwer darunter leiden, wenn sie voneinander getrennt werden, dem persönlichen Beisammensein gewiß nichts vorziehen! Aber wie anscheinend schon viele andere das
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BRIEFE
T242-2 43
Ersehnte versäumt haben, (gerade) weil ihnen der Genuß des Schönsten möglich war, so hat dies auch uns der vollen Freude beraubt. Denn als wir 15 in derselben (Stadt) wohnten und nur durch wenige Gassen voneinander getrennt waren, so daß es uns freistand, wenn wir gewollt hätten, einan der täglich zu besuchen, versäumten wir unvermerkt das, was uns größte Freude bedeutet hätte. Möge aber der, welcher die Liebe zum Gesetz er hob2 , unser beider Betrübnis heilen, uns einander zeigen, nachdem wir ihm die jetzt (empfundene) Reue für unsere Verfehlung als Buße darge bracht haben, und möge er uns lehren, in Zukunft füreinander Zeit zu 20 haben3 . D och solange wir die persönliche Begegnung4 entbehren müssen, sollten die Ruders uns über die Trennung trösten und ständig Briefe aus getauscht werden, die uns für die vergangenen (Versäumnisse) nicht gerin gen Trost bringen können. K 1. OKyd: Kyd. ist an seinem ständigen Aufenthaltsort, von dem der Freund abgereist ist, geblieben. E: Ein Mann aus dem Gefolge Manuels 11. ( ? siehe D ) , der früher in der Nachbar schaft des Kyd. wohnte (Z. 1 5 f. ) , offenbar bereits seit längerer Zeit ein Freund des Kyd. OE: Siehe D. D: Gemäß der Übersicht LC H, XIV steht der Brief in Heft 16, welches allgemein auf 1 3 8 1 - 1 3 8 3 zu datieren ist. Loenertz schlägt (mit Fragezeichen) 1 3 82 - 8 3 vor, wohl in der Annahme, daß sich der Freund bei Kaiser Manuel in Thessalonike aufhält, weil der Brief von einer länger andauernden, durch äußere Umstände bedingten Trennung ausgeht. Da Manuel erst etwa Anfang November 1 3 82 Konstantinopel verließ ( siehe T23 3, D) und ande rerseits der Brief seinem Inhalt nach nicht allzulange nach der Abreise des Freundes geschrie ben sein kann, läßt sich die vermutliche Datierung noch etwas enger eingrenzen (siehe Brief kopf) . H. Ep: Kyd. bezieht sich Z.6 - 9 auf vorausgehende, zweifellos briefliche, Äußerungen des Freundes. III. Hss: A 99', Nr. 8; U 1 75v - 1 76', Nr. 1 8 0a• IV. 1 W.: 'to aov 1ta8 o� EugwV. Siehe zu dieser Wendung Bd. 111 , T4, A.5. 2 Jesus Christus (NTMk 12, 2 8 - 34; Mt 22, 34 - 40; Lk 1 0, 25 -28) im Anschluß an ATDt 6,5 und Lv 1 9 , 1 8 . 3 4 5
W. : UAA:f]Awv Exw8m. W.: 'tO'Ü 1tVEu!la'to�, des Atems. Sc. der Schiffe, welche die Post befördern (Synekdoche ) .
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
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AN DEN HÖCH ST WUNDERBAREN l METROP OLITEN VON THES SALONIKE KYR ISIDOROS GLABAS
L: 235; OKyd: Konstantinopel; OE: Thessalonike ( ? ) ; D: November 1 3 82 - September 1 3 8 3 ( ? ); wI: Glabas hat Kydones in Abwesenheit gelobt, wegen seiner antipalamitischen Gesinnung aber auch getadelt. Dieser reagiert darauf mit einer Mischung von Devotion und Ironie und versichert, er werde seine Glaubensüberzeugung ändern, wenn man sie aus der Bibel, den Kirchenvätern und mit allgemein anerkannten Sätzen widerlegen könne.
Ich hörte von Freunden, die es mir berichteten, daß du viele Lobreden 5 über mich bei vielen Menschen deiner Umgebung hältst; du lobst meine
Worte, billigst meine Meinung, die ich gegenüber allen Gesprächspart nern äußere, da sie auf maßvolle Art vorgebracht werde, und sagst auch sonst noch viel Schmeichelhaftes über mich, was zwar wenig auf mich zutrifft, aber geeignet ist, einem ehrgeizigen Mann bei denen, die es hö ren, großen zusätzlichen Ruhm einzubringen. Ich würde also sagen, daß 10 du damit Erfreuliches verlauten läßt, wie es Freunden ansteht. Sie versi
cherten aber, du hättest diesem auch einiges andere hinzugefügt, was nicht ganz mit dem zuvor Gesagten übereinstimme, sondern sogar einen Menschen, der sich gänzlich der Philosophie ergeben habe, hätte kränken können. Sie erzählten nämlich, daß du nach j enen vielen Lobsprüchen nicht zögertest, den (so) Gepriesenen auf eine Stufe mit denen zu stellen, die völlig die Orientierung verloren haben. Angeblich hast du gesagt, ich 15 sei denen ganz ähnlich, die in der Finsternis umherirren und nicht die
j äh abstürzende Wand vor ihren Füßen erkennen, sondern dem Abgrund (geradezu) entgegeneilen. Was aber in einer solchen Situation (noch) schlimmer und Kennzeichen einer ganz aus der Fassung geratenen Seele sei: ich ließe, obwohl es mir ein Leichtes wäre, umzukehren und, den zuverlässigen Führern gehorsam, den rechten Weg zu gehen, die Chance ungenutzt und lieferte, um nur ja nicht den Anschein zu erwecken, mich von anderern belehren zu lassen, meine Seele mit Absicht dem Verderben 20 aus. Das sagten sie und fügten hinzu, man könne auch das zuvor (von dir
Gesagte) nicht einfach als lobende Rede bewerten. Es handle sich viel mehr um einen geschickten Kunstgriff, damit der folgende Tadel um so leichter aufgenommen werde. Denn wie der, der schlechthin alles tadele, mit Recht in Verdacht gerate, er lasse sich aus Haß zur Anklage hinreißen, so scheine der, welcher unterscheiden könne und bereit sei, das eine zu
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BRIEF
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loben (und) das andere zu tadeln, Anerkennung und Kritik aus aufrichti ger Gesinnung zu äußern. So j edenfalls sprachen sie. Dein Charakter aber, deine Bildung und alle 25 die anderen Vorzüge, mit denen du das Bischofsamt schmückst, vor allem aber die Tatsache, daß mir bis j etzt nichts bekannt ist, was an deiner lauteren Gesinnung zweifeln ließe, (all dies) warnt mich davor, denen allzusehr zu glauben, die darauf bestehen, du hättest schlecht von mir geredet. D aher erklärte ich ihre Worte als Erfindung und als einen Ver such, Freunde (gegeneinander) aufzubringen. Als sie mir aber beharrlich 30 zusetzten und bereit waren, ihre Aussagen durch Zeugen bestätigen zu lassen, hielt ich es schließlich für ungehörig, Leuten zu mißtrauen, die mir so wohl gesonnen waren, wollte aber trotzdem meine ursprüngliche gute Meinung von dir nicht aufgeben und sagte, deine Vorwürfe seien ver gleichbar mit Zurechtweisungen von Vätern oder Erziehern, die man beim bloßen Hören als Kränkungen und Schmähungen (miß)deuten könne; vielleicht aber würde man die, welche (so) reden, sogar für Feinde 3 5 halten u n d sie für vermeintliche Schroffheit z u r Verantwortung ziehen. Wer aber wisse, wie sie es meinten, werde sie vielmehr loben und überle gen, wie er sie für ihre Kritik belohnen könne. Eine solche Bedeutung, sagte ich, hätten für mich auch die Anschuldigungen des bewunderten Bischofs von Thessalonike, denn sie seien Worte eines Vaters und Lehrers; Väter und Lehrer versuchten aber bekanntlich ihre Söhne oder Schüler mehr durch Tadel als durch Lob zu fördern2 . Ich selbst also war ent- 40 schlossen, so zu denken, und versuchte auch j ene zu überreden, das nicht allzusehr übelzunehmen, was dem Anschein nach über uns geredet wor den war, sondern zu glauben, daß auch die besagten (Äußerungen) außer ordentlichen Nutzen bringen könnten. Ob ihnen nun meine Worte glaubwürdig schienen oder ob sie bei ihrer ursprünglichen Meinung blieben, als sie von mir weggingen, kann ich nicht sagen. Ich selbst jedenfalls bin dir für deine früheren Lobreden sehr 45 dankbar und will versuchen, dir in Zukunft mit Gleichem zu vergelten, wenn es auch wahr ist, daß ich selbst bereits, bevor du über mich zu reden anfingst, vielen von deinen guten Eigenschaften erzählt und sie dazu geführt habe, den Gewinn, den deine Worte der Kirche Gottes und der Gesellschaft bringen, hoch einzuschätzen. Das später Gesagte aber, das ich (zunächst) für kränkend hielt, deutete ich, wie gesagt, als einen von der Absicht bestimmten Kunstgriff, mich durch Schmähungen auf 50
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
das zu lenken, was mir förderlich sei; daher glaube ich dir für den Tadel ebenso wie für das Lob Dank zu schulden. Eines j edoch, wünsche ich mir, solltest du von mir sicher glauben: Falls du j emals hörst, daß ich das Gegenteil von dem sage oder denke, was wahr ist, geschieht es nicht deshalb, weil ich absichtlich Böses tun will, sondern es unterläuft mir aus Unwissenheit, weil mein Denkvermögen 55 sich so zur Wahrheit verhält wie gemäß einem Zitat3 die Augen der Fle
dermaus zur Sonne. Denn wer ist so unselig, daß er entweder die falsche Meinung als solche vorzieht oder im Wissen um die Wahrheit freiwillig in sich selbst gespalten ist und Worte vorbringt, die den Gedanken in seinem Inneren widerstreiten? Schadet er doch damit nicht nur sich selbst, sondern stürzt außerdem auch noch die ins Verderben, die sich (von ihm) überzeugen lassen, und hängt sich so selbst den Eselsmühlstein, der ihn 60 ins Meer versenkt, blindlings und leichtfertig an den Hals4 • Dies ist (dann)
um so schlimmer, wenn eine Pflicht besteht, über den heiligen Glauben zu reden, der doch unbedingtS nicht nur um der Gerechtigkeit willen im Herzen zu glauben, sondern auch um des Heiles willen mit dem Mund zu bekennen ist6, ohne den, wie der Lehrer des Glaubens und der Völker7 gesagt hat, es unmöglich ist, Gott zu gefallenS . Aber ich habe auch wie vielleicht ein ehrgeiziger Schwätzer unverschämt behaupten möchte 65 keinen eigennützigen Beweggrund9, gegen meine innere Überzeugung zu
reden. Worin sollte denn dieser bestehen? Es wäre doch recht und billig, ihn zu nennen, wenn man nicht einfach im Geschwätz seine Ehre sucht! Wird man vielleicht behaupten, daß ich mich durch Geld zum Lügen verlocken lasse ? Und wie sieht es zur Zeit mit dem Eifer für die Wahrheit aus, wer sind die Leute, die um ihretwillen miteinander streiten, so daß 70 man, wenn man sich der Gegenpartei im Streit anschließt, (überhaupt)
hoffen kann, von ihrer Seite belohnt zu werden, wenn man den anderen widerspricht? Du siehst es ja selbst, daß die Rhomäer sich mehr um das Gemüse auf dem Markt als um erhabene philosophische Erörterungen sorgen! Und selbst wenn ich so erbärmlich wäre, daß ich mich bereit fände, alles für Geld 1 0 zu sagen: was könnte ich mir von den Armen 75 erhoffen, denen wegen der Raffgier der Türken nichts mehr außer dem
nackten Leben verbleibt ? Aber selbst wenn jetzt viele Geber viel zu geben hätten, hätte ich es doch meinerseits nicht ertragen, Gott zu beleidigen und mir selbst Schande anzutun, indem ich die Wahrheit verleugne und (ein Geschenk) annehme, der ich doch nicht einmal meine Schuldner da-
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BRIEF
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bei störe, wenn sie mich berauben wollen. Es wird aber auch niemand, der bei Verstand ist, behaupten können, ich hätte mich anderen zu Gefallen für neuartige Lehren entschieden. Vielmehr ist es umgekehrt, (denn) wollte ich (jemandem) zu Gefallen reden, (dann) müßte ich das Gegenteil
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von dem, was ich j etzt sage, v o r euch öffentlich predigen und dem Volk und euch mit dem schmeicheln, was ihr gern hören wollt. Dafür würde ich nicht nur Lob, sondern auch Lohn in reichem Maße von euch davon tragen; ihr würdet mich nicht nur sonst in j eder Hinsicht ehren, sondern mich auch bei den Ämterwahlenl l vielen anderen vorziehen. Nun habe ich aber, wie du siehst, viele Beschimpfungen, viele Schmähungen, oft aber auch Gefährdungen zu ertragen, da ich es nicht über mich bringe, dem beizustimmen, was öffentlich gepredigt wird und was euch, wie ich
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weiß, gefällt. Aber auch in Zukunft bin ich nicht bereit, mir aus Furcht vor gewissen Leuten einen Schutzwall aus Lügen zu bauen. Denn es gibt, um mit Gott zu sprechen, niemanden, vor dem ich Angst habe, obwohl ich die Anführer meiner Gegner und ihre Flüche gegen Unschuldige 1 2 (eigentlich) fürchten müßte, weil sie von Gott, von Feuer und Wasser1 3 und den öffentlichen Versammlungen 1 4 Leute fernzuhalten versuchen, die nichts Unrechtes tun. Wenn aber ihre Machenschaften für mich (nur) ein
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Schatten sind, woher sonst sollte die Furcht kommen, die mich zu diesen Reden veranlassen könnte ? Nichts also von dem grundlosen Geschwätz ist dazu geeignet, meine ehrliche Gesinnung zu verdächtigen. «Welcher andere (Grund liegt) also (vor), wenn nichts von dem, was du sagtest, dich zu solch unerfreulichen Reden veranlaßt hat? » wirst du vielleicht sagen. Vielleicht ist es, wie gesagt1 5 , die totale Unwissenheit und Unfähigkeit einer Seele, die nicht klar sieht, oder auch eine der Menge
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verborgene Wahrheit, die nicht zuläßt, daß ich sie, (gerade) weil ihr von vielen Unrecht getan wird, im Stich lasse. Da ich ihr gehorsam bin, füge ich mich nicht leichthin den spitzfindigen Gedankenspielen, denn wenn der Wahrheit Schimpf angetan wird und j emand zugegen ist, der sie ver teidigen könnte, würde er sogar einen Frevel begehen, wenn er sich nach giebig zeigte. Wenn also Sorge um die Wahrheit und die Furcht, ihrer beraubt zu werden, Ursache meiner scheinbaren Kühnheit ist, wage ich zu behaupten, daß ich Drohungen und Schmähungen und das andere, was ich täglich erleben (muß), als Lohn meines offenen Eintretens für die 1 00 Wahrheit nicht verdient habe . Andere aber würden sogar sagen, mir ge bühre um ihretwillen ein Kranz, wie Gott ihn denen gegeben und zu ge-
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
ben versprochen hat, die für die Wahrheit nicht nur die Waffen - wie für das Vaterland - , sondern sogar das Leben einsetzen1 6 . Wenn man aber meine Gegenrede allein auf Unkenntnis der Wahrheit zurückführen will 1 05 denn zu dieser Deutung wird, glaube ich, eher der neigen, der nachsichti
ger ist und meinen Charakter aus Erfahrung kennt, daß ich mich nämlich nicht aus Streitsucht mit Sachkundigen anlege - , was bleibt sonst (zu tun), als daß ihr Weisen, denen die Fähigkeit, Krankheiten der Seele zu behandeln, anvertraut ist, meine Unwissenheit oder mangelnde Bildung menschenfreundlich zu heilen versucht? So möchte ich denn, unter Ver1 1 0 zicht auf alle anderen, die du mir empfohlen hast und die sich selbst
zu Führern der verirrten Blinden ernennen, mich lieber dir und deiner Sachkenntnis unterwerfen, denn ich weiß von dir, daß du in deiner Weis heit, Rechtschaffenheit und Vernunft dir viel Erfahrung in der Heilung der Seelen gesammelt hast. Höre also auf damit, an uns das eine zu loben, das 1 ? andere zu tadeln, widme dich ganz der Frage, wie du mein ungehöriges Reden und Tun 1 1 5 heilend behandeln kannst, und werde nicht müde, einem Freund Wohlta
ten zu erweisen! Es wäre aber eine Wohltat, wenn du meine Seele von unfreiwilliger Unwissenheit reinigen könntest. Ich werde dir in allem ge horsam sein und meine Seele der Reinigung unterwerfen, auch wenn sie unter Schmerzen erfolgen müßte; auch dann werde ich nicht vor dir flie hen, sondern dir für diesen Schmerz noch dankbar sein. Nur übernimm du die Führung und öffne dich dem Dialog! Ich aber werde dir folgen, 120
auch wenn du bis Gadeira und Phasis fahren willst. Denn ich könnte in meinem Leben nichts Wichtigeres gewinnen, als von irriger Meinung und Unwissenheit befreit zu werden. Du sollst aber auch über meine (persönliche) Eigenart Bescheid wissen, und aus welcher Richtung man ihr mit Argumenten beikommen kann. Der Arzt muß j a nicht nur Orte und Zeiten1 8 , sondern auch die Natur der Kranken erforschen, um die Behandlung leichter und erfolgreicher durch führen zu können. Nimm also zur Kenntnis, daß ich mich nur durch Zeug-
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nisse der heiligen Schriften, durch die Aussagen der heiligen Väter und außerdem durch allgemein angenommene S ätze1 9 , was Gott betrifft, über zeugen lasse, mir aber Ehrfurcht, Achtung, Respekt und Dank, die wir vielen hochstehenden und ehrfurchtgebietenden Personen schulden, für andere Gelegenheiten und Streitfragen vorbehalte20 . Im gegenwärtigen (Fall) aber werde ich allein das, was ich (soeben) genannt habe, fürchten
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und scheuen. D aher wirst du, wenn du damit aufhörst, mir Befehle zu erteilen oder auch Dank für deine Überredungsversuche zu fordern, und 1 3 0 mich allein auf der Grundlage der genannten Argumente belehrst und mir Heilmittel zubereitest, um so schneller sehen, wie ich von meiner Krankheit genese, mit deiner Hilfe mich selbst und meine früheren Meinungen loslasse und zu deinem Sieg beitrage. Wenn du aber nicht auf diese Weise deinen Worten Überzeugungskraft beimischst, sondern mich auf die Väter des Volkes, auf den Soundso2 1 , auf die Erfahrung und die Gefühle verweist 1 3 5 und darauf bestehst, daß sie das Geistige einfangen können, behaupte ich, daß dies die Lehre eines Mannes ist, der nicht beweist, sondern vielmehr b�efiehlt oder von seinen Zuhörern Willfährigkeit verlangt. Diese (Lehre) werde ich zwar wegen ihres Scharfsinns und wegen des leichten Weges, (den sie) zum Göttlichen weist, bewundern, (dann) aber (doch) andere Argumente bei anderen suchen, die überzeugender sind als diese, und viel leicht werde ich mit der Führung Gottes solche Menschen finden. Denn allgemein vertritt man die Meinung, daß der Geist der Wahrheit allen beim 140 Aufspüren der Wahrheit beisteht, die sie in Frömmigkeit suchen. K
I. OKyd: Nichts weist darauf hin, daß Kyd. sich an einem anderen als dem üblichen Aufenthaltsort befindet. OE: Siehe D. D: Der Brief ist gemäß der Überschrift an Glabas (PLP 4223 ) gerichtet, als er Metropolit war. Gemäß V. Ch. Christophorides, 0 AQXLE:7t(OXO:7tO� eEOOaA.Ov(x1']� Io(öooQo� n.aßa� xm -ca XQLVOOVLXa :7tQoßA:flflma 't1']� E:7tOXtl� 'tOU, in: Emo't1']flOVLXtl E:7tE't1']Q(öa eEOA.OYLXtl� LXOA.tl� IIavEmo't1']fl(oU eEOOaA.Ov(x1']� 29 ( 1 9 8 6 8 9 ) 5 1 7 - 5 9 1 ( ausführliche, gut dokumentierte Biographie ), hier 5 3 5 wurde Isidoros Glabas am 25.5 . 1 3 8 0 Metropolit von Thessalonike. Im Juli 1 3 82 bot er wegen einer Auseinanderset zung mit Patriarch Neilos seinen Rücktritt an, den dieser aber nicht annahm (ebd. 546548 ) . Im Frühjahr 1 3 84 verließ er aus eigenem Entschluß das von den Türken belagerte Thessalonike und begab sich nach Konstantinopel (ebd. 549, A . l 0 l und 556), wo im Septem ber des Jahres wegen Aufgabe des Bischofssitzes seine formelle Absetzung erfolgte ( ebd. 559 ) . 1 3 8 6 kehrte e r wieder i n sein Amt zurück, blieb aber zunächst noch i n Konstantinopel (ebd. 566). Da gemäß der Übersicht LC 11, XN der vorliegende Brief in Heft 1 0 steht, das allgemein auf 1 3 8 0 - 8 3 zu datieren ist, kommt die zweite Amtszeit des Glabas als Zeit der Abfassung wohl nicht in Betracht. Die allgemeine Anspielung auf die Raffgier der Türken (Z.74 f. ) ohne konkretere Angaben läßt vermuten, daß der Brief verfaßt wurde, als die Auseinandersetzun gen Manuels mit ihnen bereits im Gange, aber weder Serres (Sept. 1 3 8 3 ) noch Thessalonike bereits in ihrer Hand waren. Eine Datierung auf den Zeitraum November 1 3 82 bis September 1 3 8 3, als sich Glabas noch in Thessalonike aufhielt, ist daher am wahrscheinlichsten. Die Aufforderung des Kyd. an Glabas, sich auf ein Gespräch einzulassen ('tii� öLaM�Eoo� (l:7t'tOu, Z. 1 1 8 f. ) zwingt nicht dazu, einen Aufenthalt des Metropoliten bereits am gleichen Ort anzu nehmen. Kyd. könnte entweder an einen brieflichen Dialog denken oder auch bereits gehört
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
haben, daß Glabas nach Konstantinopel zu kommen plante (gemäß Christophorides, ebd. 554 f. bestanden solche Pläne schon im September 1 3 82) . II. BKyd: Der Brief ist ein wichtiges Dokument für die Anfeindungen, die Kyd. wegen seiner ablehnenden Haltung gegenüber der damals herrschenden Gotteslehre (Z. 125 f. ) zu ertragen hatte, und für seine unbeugsame Entschlossenheit, das öffentlich zu bekennen, was er für die Wahrheit hielt, solange es nicht aus der Schrift, den Vätern oder auf der Basis von
xOLval EvvOLm (s.u., A . 1 9 ) zu widerlegen sei. Die gemeinte Gotteslehre ist zweifellos die des Palamas (siehe auch unten, A.2 1 ) und seiner Anhänger vom Wesen und den Energien Gottes, die in der Person des damaligen Patriarchen Neilos Kerameus ( 1 3 8 0 - 8 8 , PLP 1 1 64 8 ) einen eifrigen Befürworter fand (siehe Bd. 2, T2 19, A.5 und 0225, D ) . Entsprechend schwieriger wurde nun wieder die Situation der Andersdenkenden. Der Brief ist das einzige Dokument eines persönlichen Kontaktes zwischen Kyd. und Glabas (zu einem angeblichen weiteren Brief des Kyd. an Glabas s.o., Bd. 112, T 0 1 3 7, Ed ) . Die Bereitschaft des Kyd., Glabas als <
(t 1 3 5 7, PLP 2 1 546),
S.U.,
A.2 1 . ZC: Zum Einfluß
des Palamismus auf die zeitgenössische Orthodoxie siehe BKyd. Zu den Z.82 f. erwähnten Ämterwahlen (agxmgwLm) siehe die Bemerkung Bd. 112, T88, A.5; demnach ist es keines wegs klar, was darunter zu verstehen ist. In seinem Beitrag über die Versammlungen geht Tsirpanlis ( s . u., A.14) auf den Begriff nicht ein. Da es im vorliegenden Fall um Kyd. selbst geht, kann nur von einem (senatorischen ? ) Gremium die Rede sein, das bei der Verteilung hoher Posten im Staat mitspricht und dem offenbar auch kirchliche Würdenträger angehören, die dort im Fall seiner « Bekehrung» für Kyd. stimmen könnten. Ep: Gemäß S. Lampros, NE 9, 3 9 1 f. ist ein Brief von E an Kyd. nicht überliefert. III. Hss: U 273 " - 277r, Nr. 270; B 296v - 29 8 v, Nr. 1 76; UI 1 67v- 1 68r, Nr. 1 7. Siehe auch die Vorbemerkung zum folgenden Brief T244 * . Ed: BoissAnNov 2 70 - 2 76, Nr. 6; NE 9 ( 1 9 12 ) 3 93 - 3 97. IV. 1 Die Bezeichnungen 8a'U!laOLO� bzw. 8a'U!laaLo:rw'to� drücken respektvolle Freund schaft aus und sind nicht als berufs spezifische Anrede für Metropoliten zu verstehen. Vgl. Lampe, s.v., 3 «a complimentary title» ; siehe auch DarEp 408 (Index ) . Metropoliten gebührt nach DarRech 123 die Bezeichnung 8Eo
AristotMetaph 993b9. Anspielung auf das Schicksal, das nach Aussage Jesu die Verführer der Unschuldigen
verdient haben. Der Wortlaut lehnt sich an NTMt 1 8 ,6 an; der Gedanke findet sich auch NTLk 1 7,2. 5 W: xal Laü't' EV ot� avayx1'] JtEgl 'tl)� lEgä� ÖLaAEyw8m JtLa'tEül�, �v . . . O!lOAOYElv . . .
Jtäaa avayx1']. Die stilistisch unschöne Wiederholung von avayx1'] (Z.60 und 62 ) wird durch eine freiere deutsche Übersetzung geglättet.
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BRIEFE T244-244*
6 NTRm 1 0 , 1 0 . 7 S c . Paulus. 8 NTHbr 1 1 ,6. Der Hebräerbrief galt traditionell als paulinisch. 9 W. : ana. f!l]v ouö' Emw, Ö ·w; uv . . . A€ymv avmaX'UV"tTJaElEv, w� uQu Ea"tlv . . . In der Erregung unterläuft Kyd. diese umständliche Formulierung, die in freier Übersetzung wiedergegeben wird. 10 W.: UJtEQ ÖßOAO'Ü . Wie LC 11 482, Index, s.v. ößoA6�, zeigt, verwendet Kyd. diese antike Münzbezeichnung gern im generellen Sinne von « Geld» . Weitere Belege für ihr Vor kommen in Byzanz bringt B. Baldwin, Three-obol Girls in Procopius, Hermes 120 ( 1 992) 255 - 257. 11 12
W. : xav "tuI� aQxmQEO(m�. Zum Begriff s.o., ZG. Loenertz erinnert in der Edition an das Synodikon der Orthodoxie. Bei der Erwäh
nung « Unschuldiger» denkt Kyd. wohl vor allem an seinen 1 3 6 8 kirchlich verurteilten Bruder Prochoros; vgl. Bd. 111, 240 mit A.5 8 . 1 3 Jemanden von Feuer und Wasser fernhalten, bedeutet, ihm die elementare Lebens basis entziehen, im Zusammenhang also wohl, ihn gesellschaftlich ausgrenzen. 14 Hier sind wahrscheinlich kirchliche Versammlungen, nicht Volksversammlungen ge meint. Zur Frage der Versammlungen in Byzanz siehe C. N. Tsirpanlis , Byzantine Parliaments and Representative Assemblies from 1 0 8 1 to 1 3 5 1 , Byzantion 43 ( 1 973 ) 432-48 l . 1 5 S.o., Z.54 f. 16 Wohl Anspielung auf NTApk 2 , 1 0 : « Sei getreu bis in den Tod, und ich werde dir den Kranz des Lebens geben. » 1 7 M€f!
T244 ::- (L: 235 ::- ) - AN DEN (METROP OLITEN) VO N THES SALONIKE Vorbemerkung: Es handelt sich um einen in Hs A 62v - 63V stehenden Entwurf des voraus gehenden Briefes, der von Kydones mehrfach korrigiert, dann schließlich gestrichen und mit dem Vermerk « E uaov "ta'lJ-r'l1v· aAAuxo'Ü ya.Q aXQl߀a"tEQov Exö€Öo"tm» « < Laß diesen; an anderer Stelle ist er mit größerer Sorgfalt wiedergegeben » } versehen wurde. Wie in LC 11 1 3 0 z u L235 vermerkt, hatte Kydones diese Endfassung des Briefes i n das 25. Heft des Codex A eingetragen, das nicht erhalten ist; daher konnte die Endfassung, die also L235fT244 ent spricht, von Loenertz nur nach späteren Abschriften (s.o., T244, Hss) ediert werden. Der Entwurf wurde von mir mit der Endfassung durchgehend verglichen. Die Anfänge beider Fassungen, T244, Z.5 - 2 1 (Übers. bis: . . . ermöglichen solle) und 244 * , Z.2 - 1 8 sind
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
bis auf geringfügige Abweichungen miteinander identisch. Die folgenden Passagen T244, Z.2 1 - 5 1 (WOJTEg yag / Denn wie der . . . bis 0
« • • •
Übersetzung Z . 18 - 44: . . Denn es sei nicht wahrscheinlich, daß er, der .
mich zuvor so gelobt habe, sich aus Haß zu Schmähungen habe hinreißen 20 lassen; er habe vielmehr zunächst günstig (über mich) gesprochen, damit
man glaube, er habe auch das Folgende aus wahrhaftiger Gesinnung ge sagt. Daher forderten sie mich auf, dich in Zukunft keineswegs für einen Freund zu halten, weil sie dein scheinbares Wohlwollen für mich auf grund deiner folgenden Reden in Frage stellten. Ich aber tadelte ihren Rat l , (den sie mir ja nur deshalb gaben, weil) sie nicht glauben wollten, daß du wegen der j etzigen Vorwürfe viel mehr mein Freund bist als wegen 25 des früheren Lobes; denn der ständige Versuch, den Freunden zu nützen,
sei doch gerade kennzeichnend für Freunde, die diesen Namen verdienten. Aus den Lobsprüchen hingegen werde mir kein Gewinn erwachsen; denn Lob sei nur dem Anschein nach eine Wohltat, (in Wirklichkeit) aber nicht, sondern schade sogar zuweilen, da es den Gelobten nur hochmütig wer den lasse; dies aber habe stets viel Unheil zur Folge, sowohl für einzelne Menschen wie auch für Gemeinwesen. Vorhaltungen aber könnten denen, 30 die sie beachteten, größten Nutzen bringen, weil sie dazu anregten, das,
was getadelt werde, besser zu machen; sie seien den Zurechtweisungen der Väter und Erzieher ähnlich, die bekanntlich eher durch Tadel als durch Lob ihre Söhne oder Schüler zu fördern suchten2 . Damit, sagte ich, seien auch auch deine Vorwürfe gegen mich zu vergleichen, denn sie erwiesen dich als Freund, der uns zu dem lenke, was gut für uns sei. Mit solchen (Reden) also versuchte ich sie zu überreden, über das, was schein35
bar gegen uns gesagt worden war, nicht allzu ungehalten zu sein, sondern zu glauben, daß es sogar von besonderem Nutzen sei. Dir aber bin ich zwar 3 für j enes Lob zu großem D ank verpflichtet und werde versuchen, dir dafür nicht ganz undankbar zu erscheinen. Allerdings darf ich bemer ken, daß ich selbst (bereits), bevor du mit deinen Reden über mich be gannst, vielen von deinen Vorzügen erzählte, ihnen riet, wie du auf das bedacht zu sein, was nach der Meinung vieler der Kirche Nutzen bringe,
40 und hinzufügte: « Er allein ist vernünftig, die andern aber sind schwan-
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BRIEF T244*
kende Schatten. » 4 D och um der Wahrheit selbst willen und weil es nicht gerecht ist, die mit Recht Gelobten des gerechten Lobes zu berauben, zugleich aber auch, um dir für das mir erwiesene (Gute) D ank zu erwei sen, werde ich dich auch in Zukunft weiter loben, auch wenn es nicht leicht ist, für deine Leistungen die angemessenen Worte zu finden5 . Zum weiteren Inhalt des Entwurfs ab Z.44: Hier entsprechen einander folgende, im Wort laut leicht voneinander abweichende Sätze bzw. Passagen oder sind ohne Entsprechung (o.E . ) auf der anderen Seite (Kürzel I T244"·; I I T244; Ziffern Zeilen) : 1 44 -48 / I I 5 1 - 5 5 (hier I: . . . wenn ich jemals i n dem, w a s ich sage oder denke, vom Geziemenden abwei che . . . » , II: . . . daß ich das Gegenteil von dem sage oder denke, was wahr ist . . . » ) . - 1 4 8 5 5 / I I 55 - 6 3 . - I 5 5 - 57 / I I 6 4 - 6 7 . - I 5 7 - 60 / I I 67 -7 5 . - I 6 1 - 63 / I I 7 5 - 7 8 . - I 63 66 «
=
=
«
«
mir verleumderisch zu behaupten. » ) / II 78 - 79 . - I 6 6 - 69 / II 79 - 8 3 . - I 69 - 72 / II 8 3 86. - I 72 - 74 / II 8 5 - 8 8 . - II 8 8 - 9 1 o.E. (von « . . . weil sie . . . » bis: . . . veranlassen könnte » ) . - 1 74 - 79 / B II 9 1 - 97. - 1 79 - 84 / II 9 7 - 1 0 9 (längere Version ) . - I 84 - 8 6 / II 1 09 - 1 1 2 . - 1 8 6 - 8 8 / II 1 1 3 - 1 1 5 . - I 8 8 - 9 3 / II 1 1 5 - 1 1 9 . - 1 93 - 9 8 / II 1 1 9 - 126. - II 126 - 1 3 0 o .E. (von . . . mir aber Ehrfurcht . . . » bis . . . zu fordern » ) . - I 9 8 - 1 0 1 / II 1 3 0 «
«
«
1 3 3 . - I 1 0 1 - 1 0 6 / II 1 3 3 - 1 3 9 ( bis l'tL8aVU)1;EQOU�, « . . . die überzeugender sind als diese » ) . - Danach endet der Brief im Entwurf (Z. 1 0 6 f. ) mit folgenden Worten: « Denn alle versichern einhellig, daß die Gottheit jenseits aller Wahrnehmung existiert.» Auf diesen Satz, der sich gegen die Spürbarkeit der Anwesenheit Gottes in der palamitischen Vision richtet, verzichtete Kyd. in der Endfassung. Die beiden Passagen in II, die ohne Entsprechung im Entwurf sind (II 8 8 - 9 1 und 1 26 - 1 3 0 ) , zeigen gegenüber diesem einen schärferen, entschlos seneren Ton. Im ersteren Fall zählt Kyd. die Machenschaften der Gegner auf und betont, daß er sie verachte; im zweiten betont er, daß dort, wo es um die Wahrheit gehe, Erfordernisse der Ehrfucht und des Dankes zurückstehen müßten. K 1 Anstelle von « Ich . . . Rat» findet sich bereits im Entwurf eine Marginalkorrektur, die den Text der späteren Endfassung z.T. vorwegnimmt (T244, Z.24 - 3 1 , von « So jedenfalls» bis « bestätigen zu lassen» ) , aber statt « du hättest schlecht von mir geredet» (T244, Z.2 8 ) heißt e s hier: « du hättest über einen Mann, der (dir) niemals ein Unrecht zufügte, schlecht geredet» , und nach « bestätigen zu lassen» (T244, Z.3 0 f. ) liest man hier: « . . . tadelte ich sie um nichts weniger» , wonach es dann wie oben (T244 * , Z.23 f. ) mit «weil sie nicht glauben wollten . . . » weitergeht. 2 Vgl. T244, Z.3 9 f. 3 « Zwar» ( IlEV) korrespondiert mit « aber» (bE) Z.44, welches in der Übersetzung von T244 dem «j edoch» Z.51 entspricht: «Eines jedoch, wünsche ich mir . . . » 4 HomOd 1 0,495 (Kirke zu Odysseus über die Rolle, die der Seher Teiresias unter den Schatten der Unterwelt spielt). 5 Die hier übersetzte Passage des Entwurfes enthält im wesentlichen drei Gedanken: Die Freunde raten Kyd., Glabas wegen seiner Vorwürfe fortan zu mißtrauen; Kyd. hält ihnen
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
entgegen, daß die negativen Äußerungen wegen ihrer pädagogischen Tendenz wertvoller seien als das vorhergehende Lob, so daß er Glabas auch dafür zu danken habe; Kyd. hat seinerseits die Vorzüge des Glabas in der Vergangenheit stets gepriesen und will auch in Zukunft dabei bleiben. Trotz der verbalen Abweichung finden sich alle drei Gedanken auch in der Endfas sung (Z.2 1 - 5 1 ) .
245 - .AN ALUSIANOS L: 246; OKyd: Konstantinopel; E: Thomas (Dukas) Alusianos; OE: Konstantinopel; D: 1 3 82/8 3 ( ? ) ; wI: Kydones, der bei redegewandten Gegnern eine von diesen bestrittene Geld forderung durchsetzen will, ersucht den hochrangigen Richter Alusianos, den er auf seiner Seite weiß, mit ihnen hart umzugehen.
Glaube nicht, daß du dich mit denen, gegen die du für uns zu streiten 5 entschlossen bist, im Wortwechsel messen 1 kannst. Die Leute sind näm
lich, wenn sie sich etwas räuberisch aneignen können, Meister im Reden, und wenn ihnen dazu Gelegenheit gegeben wird, überschwemmen sie uns mit den Vorwänden, die sie sich ausgedacht haben, um die, welche recht mäßig etwas von ihnen fordern, zu übervorteilen. Wenn man von dem, was sie reden, Lüge und Unverschämtheit ausnimmt, bleibt nichts Ver nünftiges2 übrig. Lade die Männer also nicht vor, um sie anzuhören, son10 dern um sie zu zwingen. Du siehst j a, daß das Recht auf unserer Seite und nur Zwang notwendig ist, der sie mit knapper Not dazu bewegen wird, wa s recht ist, zu tun; denn sonst werden sie sich über mich, aber auch über euch, ja - ich zögere, es zu sagen - auch über die Gesetze und j egliche andere Autorität lustig machen. Da du also mit Giganten zu kämpfen hast, nimm all deine Kraft zusammen; denn auch so wird es dir wohl nur mit Mühe gelingen, ihre zum Kampf aufgestellte Phalanx ins Wanken zu bringen. K 1. OKyd: Wie T244, OKyd. E: Der im Brieftitel genannte Alusianos ist, wie Kyd. im Brief andeutet, ein einflußreicher Richter und daher zweifellos mit dem aus L3 1 9 bekannten Thomas A. (PLP 696), der das Amt eines « Großrichters » (XU80ALXOC; XQL1:i)C; 1:WV 'Pwj.tu(wv) bekleidete, identisch. Weiteres zu Person und Namen, siehe Bd. lI, T204, E. Ergänzend sei hier gemäß LNB 3 8 1 (s.n. Alousianos) mitgeteilt, daß der von Loenertz angegebene weitere Zuname Dukas, wie dort angegeben, aus der Urkunde Venezia, Archivio dello Stato, Privileggi, I, f. 61 (25. 1 1 . 1 3 8 3 ) bekannt ist, durch die A. unter dem Namen «Thomas Duchas de Alu xiano» das Bürgerrecht von Venedig erhielt. OE: Da der Brief des Kyd. voraussetzt, daß A. als Großrichter in seiner Sache tätig werden kann, muß er sich in Konstantinopel aufhalten.
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BRIEFE T244* - 246
D: Die Datierung des Briefes bereitet Schwierigkeiten. Aus dem Inhalt ergibt sich nur, daß E bereits sein hohes Richteramt bekleidet, in dem er aber für den weiten Zeitraum 1 3 8 0 - 97 bezeugt ist. Der Brief steht gemäß LC 11, XIV in Heft 1 7, das den Zeitrahmen 1 3 79 - 8 2 umfaßt. Wohl aus den genannten beiden Anhaltspunkten erschließt Loenertz für die Datie rung 1 3 8 0 - 82 (Briefkopf in der Edition) . Er ordnet den Brief aber in der Chronotaxis (LC 11 49 1 ) nach dem Brief an Glabas ein, den er auf den Zeitraum 1 3 82/83 ansetzt. Entsprechend erfolgt die Einreihung auch hier, mit folgender Begründung: 1 3 8 1/82 hatte sich Alusianos eine Zeitlang mit Manuel 11. bei den Osmanen aufgehalten (Bd. 11, T204, OE und Xl; zu Manuel siehe auch DenReign 4 7 - 5 0 ) , doch gehörte er zu denen, die am 2. 1 1 . 1 3 8 2 in Kon stantinopel den Vertrag mit Genua unterzeichneten (DenReign 5 0 ) . Da auch der vorliegende Brief Alusianos in Konstantinopel bezeugt (s.o., OE), hat die Datierung in die Zeit um das genannte Datum ( 1 3 82/8 3 ) eine gewisse Wahrscheinlichkeit, wenn sie auch den Zeitrahmen von Heft 1 7 leicht überschreitet. 11. BKyd: Kyd. hat eine aus seiner Sicht gerechte ( Geld-)Forderung (Z.7) gegen mehrere Personen erhoben, die den Anspruch wortgewandt bestreiten (Z.5 - 7) ; doch Kyd. ersucht A., die Zahlung kraft seiner Autorität zu erzwingen (Z.9 - 1 1 ) . 111. Hss: A 24v, Nr. 6 (die Numerierung wird laut Film der H s angegeben; sie fehlt in der Edition) ; U 3 3\ Nr. 44. IV. 1 Grundlage der Übersetzung ist das Passiv-Deponens XQ(VO!!UL in der Bedeutung «sich messen» . 2 W. : ouÖev UYLt� ( nichts Gesundes). Zahlreiche Belege für die Wendung bei LSc, s.v. uYLll�, 11 3 .
246 L: 269; OKyd: Konstantinopel; E: Ioannes Laskaris Kalopheros; OE: Unbekannt; D: 1 3 8 3 ( ? ); wI: Kydones freut sich, nach langem Schweigen einen Brief des Freundes erhalten zu haben. Er entschuldigt die eigene Säumigkeit im Schreiben mit der Unsicherheit über seinen Aufenthaltsort. An seinen freundschaftlichen Gefühlen für ihn könne jedenfalls, vor allem angesichts seiner vortrefflichen Eigenschaften, kein Zweifel bestehen. Er zeigt auch Verständnis für seine vielen Reisen, die ihm Ansehen und wirtschaftlichen Erfolg einbringen, rät ihm aber, nun doch an einem Ort seßhaft zu werden und sich, womöglich in seiner Gesellschaft, ganz der «Philosophie» zu widmen.
Nach langer Zeit habe ich einen Brief von der mir (so) lieben Hand bekommen, und ich freute mich wie Menschen, denen nach langer Zeit Vaterland und Verwandte zurückgegeben wurden. Schien es mir doch ge radezu, als hätte ich dich nach einer ausgedehnten, abenteuerlichen Odyssee wiedererhalten; denn zuvor konnte ich nicht sicher feststellen, wo auf Erden du weilst. Ich las also deinen Brief und freute mich über seinen Inhalt, denn ich konnte ihm klar entnehmen, daß nichts deine ursprüngli-
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
che Freundschaft verändert hat; ich freute mich aber auch darüber, daß du mir mein Schweigen zum Vorwurf machtest. D u würdest mich ja dafür 10 nicht (so) heftig tadeln, wenn du mich nicht sehr liebtest; Zuneigung muß
es ja sein, die einen solchen Wunsch entstehen läßt. Du hast aber mit den Vorwürfen spontan auch Verzeihung verbunden, dem Gebot des ERLÖ SERS, d a s Böses mit Bösem zu vergelten untersagtl, auch hierin ergeben, wie du sagst; du hast dich deshalb zu schreiben entschlossen und wolltest mein Schweigen nicht durch das deine bestrafen. Dennoch erscheint es 15 mir unerträglich, mir Beschuldigungen zuzuziehen, die mich überhaupt
nicht berühren; daher will ich versuchen, dich von der ungerechten Mei nung, die du von deinem Freund hast, zu befreien. Bester Mann ! Wie sehr ich deine Freundschaft schätze und wie mir vor allem anderen du und alles, was dich betrifft, (wertvoll) ist, das weißt du selbst, weil du (einst) persönlich hier in unserer Nähe lebtest. D avon brauchte dich also niemand zu überzeugen, und ich glaube, sogar du könntest anderen davon ein Lied singen; es wissen aber auch die darum, 20 die j etzt bei uns sind, weil sie von uns privat und öffentlich Tag für Tag
viele Lobreden über dich hören, aber auch viele klare Beweise meiner Freundschaft gegenüber dir zu sehen bekommen. Dazu gehört zum Bei spiel, daß wir Kritik an dir genau so wenig ertragen, als wenn sie gegen uns gerichtet wäre, sondern die Lästerer zum Schweigen bringen und ih nen nachweisen, daß sie den Verstand verloren haben, wenn sie sich un terstehen, Menschen zu tadeln, die ihnen überlegen sind. Das sagen wir, 25 obwohl wir wissen, daß einige von den Angeseheneren2 , die ihre Freude
daran haben, wenn du getadelt wirst, (darüber) ungehalten sein werden; j edoch ist uns die Freundschaft Grund genug, ihre unberechtigte Verär gerung nicht zu beachten. So hat sich denn allgemein die Ansicht durch gesetzt, daß niemand sonst in solcher Freundschaft mit einem anderen verbunden ist wie ich mit dir. Ich will aber, obwohl man auch dies (bereits) als hinreichenden Beleg unserer Zuneigung für dich ansehen könnte, nicht zögern, noch den 30 stärksten Beweis, den ich für zwingend und zutiefst gültig halte, anzufüh
ren: Ich meine 3 das untadelige Leben, zu dem du dich entschlossen hast. Es macht dich Gott und allen vernunftbegabten Menschen zum Freund, und in dieser Eigenschaft schienst du, wenn du mit Herrschern, hohen Beamten, Bürgern und Städten zu tun hattest, allen - und scheinst es noch - ein Mann zu sein, der fähig ist, es mit j eder (Herausforderung
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des) Schicksals aufzunehmen. Ein größeres Lob über einen Menschen als dies zu finden ist unmöglich. Aber selbst wenn man fast alle Völker 35 durchgeht, bist du nicht nur bei all ihren Staatslenkern, weil du wie ein Verfechter der Tugend das Schicksal besiegt hast, hochgeehrt, sondern verleihst auch der Gesamtheit der Hellenen4 durch dein Ansehen größe ren Glanz. Wie sollte ich also, da du von der Tugend, die ich zuvor (schon) an dir kannte, j etzt soviel hinzugewonnen hast und von allen wegen der schönsten Eigenschaften gepriesen wirst, nicht - wenn schon 40 nicht vorher - (wenigstens) j etzt anfangen, dich zu lieben ? Wie sollte ich aber, wenn ich dich liebe, nicht auch mit dir zusammensein wollen ? Oder wie sollte ich, da ich das Beisammensein ersehne, das Schreiben vernach lässigen, mit dem man sich allein über die Betrübnis trösten kann, nicht beieinander zu sein ? Es wäre ja rätselhaft, wenn man in Ermangelung des ersten nicht wenigstens den zweiten WegS begrüßen würde. Man sollte also nicht das Schweigen als Beweis schlechthin für man- 45 gelnde Freundschaft, Vergeßlichkeit oder Leichtsinn deuten, sondern wenn ich den tatsächlichen Grund nennen soll, dann wärest du, Bester, mit Recht wegen deiner « Flügel » 6 anzuklagen, durch die du schneller als ein Pfeil überallhin getragen wirst und nirgendwo verweilen willst, als ob du von einem Wahrsager gehört hättest, du müßtest sterben, wenn du dich zur Ruhe setze. Anscheinend um dies zu vermeiden, siehst du bald Italien und seine Städte, bald hältst du dich bei den Galatern8 auf, segelst 50 an der Küste des Okeanos9 entlang und hast mit den Germanen die Bä ren1 0 über deinem Haupt; im gleichen Jahr aber durchfährst du die Ägäis, durchziehst Jonien und Syrien, Rhodos und Cypern begrüßen dich, und bevor man Kunde davon hat, ist schon ein anderer mit der Nachricht zur Stelle, daß du den Nil überquert hast und Meroel l und die Nilquellen suchst. So zeigst du, kurz gesagt, den Ehrgeiz, mit deinen vielen Reisen zu beweisen, wie gering der gesamte Umfang der Erde ist12• Wohin also 55 sollen wir unsere Briefe schicken? Können wir uns doch nicht die Natur der Vögel aneignen, wie es der Mythos von Zeus berichtet1 3 , und sie uns dienstbar machen. Höre also (damit) aufl 4 , uns zu verzeihen, und klage dich selbst an, da du uns durch die ständigen Reisen zum Schweigen zwingst. Du hast uns ja auch j etzt in Ratlosigkeit gestürzt, weil du (als Reiseziele) Rom, Neapel und Cypern angabst. Wir wissen deshalb nicht, wohin wir schreiben sollen, um dich zu erreichen; daher müssen wir si- 60 cherlich wieder mit Vorwürfen wegen unseres Schweigens rechnen. D och
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hast du kein Recht, uns deine eigenen Fehler vorzuhalten, ähnlich als würdest du uns befehlen zu schießen, dann aber ständig das Ziel ändern, um uns Versagen vorzuwerfen. Es soll also - mit Verlaub - fortan vorbei sein mit diesem ständigen Hin und Her - denn das Ziel derer, die sich bewegen, ist von Natur aus nicht die Bewegung, sondern letztendlich das Ausruhen von der Bewe65 gung -; wählen wir uns vielmehr eine Stadt aus, in der wir den Rest des
Lebens unbekümmert verbringen können ! Denn zur Genüge haben wir uns geplagt und bedürfen nunmehr der Ruhe, in der man auch das mit viel Schweiß und Mühe Erworbene, wie du sagst, genießen und sich auf das, was mit Notwendigkeit kommen wirdIs, vorbereiten kann. D azu mahnt uns nämlich auch unser Alter, als würde es (selbst) die Stimme 70 erheben. Es würde dir ja ohnedies anstehen, wenn dir Ruhm, Reichtum
und alles andere, was Ansehen einbringt, beschieden sind, solch hohen Gütern die Philosophie wie ein goldenes Siegel hinzuzufügen und zu zei ' gen, daß dich diese (letztlich) unbedeutenden Dinge nicht für alle Zeit gefangenhalten und du sie nicht zum Ziel deines Lebens bestimmst, son dern glaubst, daß etwas anderes, was wichtiger ist als sie, dem, der es gewinnt, wahre Größe verleihen kann. Man muß sich nämlich, mein 75 Freund, vor dem lange Zeit währenden Glück hüten, weil es nicht, wie die Menschen es sich wünschen, auf D auer verweilen will. D aher wäre es wohl vernünftig, sich lieber zuvor der Philosophie wie einer Stütze zu bedienen, ehe das Schicksal (uns) stürzen läßt; denn es ist unmöglich, daß es nicht nach gewohnter Weise sein Spiel (mit uns) treiben wird. So gestat ten wir dir j etzt also, eine Zeitlang wieder deine gewohnten Reisen aufzu80 nehmen, damit nicht das, was du mit vielem Schweiß, wie du sagst, er
worben hast, durch das Verweilen an einem Ort zunichte wird. Wenn aber dank der Güte Gottes 1 6 diese Dinge gut und glücklich geregelt sind, sollten wir Zeit für Besinnung und Philosophie haben und unsere Sorge von unseren Angelegenheiten dem eigenen Selbst zuwenden. Vielleicht aber werde ich, wenn du dich darum bemühst, persönlich an deiner Seite sein, mich zusammen mit dir über deine Entscheidung freuen und dir, wenn du etwas brauchst, von dem Meinigen mitteilen . K I. OKyd: « Hier » , wo E sich bei Kyd. aufhielt (Z. 1 8 ), kann sich nur auf den ständigen Aufenthaltsort Konstantinopel beziehen. E: Daß der Empfänger des Briefes Kalopheros (PLP 1 0 732 ) ist, ergibt sich einerseits aus den Andeutungen über sein unruhiges Reiseleben (wie
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BRIEF T246
bereits Bd. 2, T 1 72, Z.4 - 9 ) , andererseits aus dem Vorschlag eines gemeinsamen Lebens abends in Beschaulichkeit (Z.63 - 84 ) , der nur auf der Basis gemeinsamer Interessen, wie sie Kyd. mit Kalopheros verbanden, möglich ist. Zu beidem siehe auch unten, BE. OE: Kyd. sagt ausdrücklich, er wisse nicht, an welchen Ort er den Brief senden solle, nach Rom, Neapel oder Cypern (Z.58 f. ) . Wir wissen daher weder, wo sich Kalopheros um die Zeit aufhielt, noch, wohin Kyd. den Brief sandte (vielleicht nach Cypern, siehe D ) ; es ist auch nicht sicher, daß der Brief überhaupt sein Ziel erreichte. D: Der Brief steht zeitlich zwischen T2 1 5 ( L223 ) (Bd. II) , zu datieren auf Mai/Juni 1 3 8 1 , und T323 ( L359), zu datieren auf 1 3 8 6 .
=
=
Loenertz ordnet ihn mit der Datierung 1 3 82/83 chronologisch a n dieser Stelle ein ( Chrono taxis, LC II 49 1 ) . Er muß gemäß Z.4 f.
um
die 60 Jahre alt - gemeinsam mit dem Freund an
einem anderen Ort zu verbringen (s.o., D). BE: Kalopheros hat sich « mit Mühe und Schweiß » , d. h., vor allem durch Handelsaktivitäten (dazu JacCaI 205 - 2 1 1 ) , ein Vermögen erworben (Z.67. 79 f. ) , zu dessen Erhaltung und Vermehrung nach wie vor Reisen notwendig sind (Z.44 - 62 . 78 - 80 ) . Ep: Ein vorausgehender Brief des Kalopheros an Kyd. (Z.4 ) . III.
Hss: A 84v - 8 5v, Nr. 6; U 1 3 9r - 1 4 P, Nr. 1 4 7 . Üb: EszKaI 228 - 23 1 , Nr. 1 0 .
IV. 1 Vgl. NTMt 5,39 - 42.44; L k 6,27-29; vgl. Rm 1 2, 1 7. 2 Die vorausgehende Übersetzung « die ihnen überlegen sind» entspricht WlI; XQELL"tOGL, «von den Angeseheneren» gibt 1:WV xQELL"tOVWV wieder. 3 W.: aü1:11 öE eanv. Die folgenden Ausführungen sind von dem Gedanken bestimmt, aus den vorzüglichen Eigenschaften des Kalopheros lasse sich die Freundschaft des Kyd. zu ihm unmittelbar ableiten und beweisen. 4 5
W. : 1:0 XOLVOV 1:WV 'EAAilvwv. Vgl. Bd. 112, T49, A. 1 6; T59, A.9. W. : ÖEU1:EQOV . . . n:AOÜV. Zur epistolographischen Verwendung des platonischen Bildes
(LSc, s.v. n:AO�, 3 ) : Bd. 112, T90, A. l 1 . 6 7
Weitere Belege zu dieser Metapher: Bd. 112, T49, A . 1 3 . W. : wan:EQ U V Et �xllxOEL� . . . eQE!-Lilaa� an:08avELa8m. Z u dieser Konstruktion siehe Schwyzer II 3 75 : « Bei gleichem Agens steht ( sc. in der Funktion einer Aussage nach verba dicendi und sentiendi) der einfache Infinitiv, wobei Prädikative oder participia coniuncta in den Nominativ treten. «
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
8 Sc. bei den « Galliern » , in Frankreich; vgl. Bd. V1, T29, A.2. 9 Sc. des Atlantischen Ozeans. 10 Der Große und der Kleine Bär, Sternbilder im Bereich des Polarsterns. 1 1 Antike Stadt auf einer Insel an der Stelle, wo Blauer und Weißer Nil sich vereinigen, nahe dem heutigen Khartum ( Sudan). 1 2 Die Erwähnung Meroes und der folgende Satz sind als hyperbolische Ausschmük kung zu verstehen. Vgl. Bd. V2, T49, A. 1 2 und 1 5 . 1 3 Loenertz gibt hier die Äsop-Fabel Nr. 1 6 3 d e r Ausgabe Chambry
( Perry 1 0 1 , Die =
Krähe und die Vögel) als Referenz an: Zeus versammelte die Vögel vor seinem Thron, um ihnen einen König zu geben. U.a. kandidierte die Krähe und hatte sich, um besonders aufzu fallen, mit fremden Federn geschmückt. Davon ist aber hier nicht die Rede, sondern davon, daß Zeus Vögel als Diener verwendete und sich so ihrer Flügel bediente. Wahrscheinlich denkt Kyd. an die Dienste des Adlers für den Göttervater (Belege: HomIl 8 ,247; 1 2,20 1 209; 24,3 1 0 f.; HomOd 2,146 - 1 5 6 ) . 14 Zu dieser Wendung: B d . V2, T1 02, A.9. Hier ÖLCt 't0'Ü't' acpeL� statt d e s häufigeren rw'Üam 'tOLVUV. 15 Sc. der Tod. 16 W. : 8co'Ü d)!lEVO'Ü�, gen. abs. ohne Partizip öv'to�. Zur «verbalen Kraft» des Adjek tivs in solchen Verbindungen: Schwyzer 11 404.
247 L: 274; OKyd: Konstantinopel; E: Ein Freund; OE: Thessalonike; D: Frühjahr/Sommer 1 3 8 3 ( ? ) ; wI: Überlegungen, warum der Briefpartner seit längerem nicht geschrieben hat, obwohl ihm Briefboten zur Verfügung standen.
Zwiefach gespalten war ich (darüber), was ich davon halten sollte, als 5 von den Bewohnern (eurer) Stadt viele zu uns kamen und viele Freunde
von ihnen viele Briefe erhielten, mir aber niemand etwas von dir über brachte; glaubte ich doch, daß du entweder durch Krankheit am Schrei ben gehindert bist oder, als die Überbringer sich auf den Weg machten, nicht in der Stadt warst. Denn daß du dich zwar ihrer hättest bedienen können, aber nicht schreiben wolltest, das konnte mich keine Überlegung glauben machen. Die Sache hat uns also nicht so sehr beunruhigt, weil wir in Betracht zogen, daß du entweder im Auftrag des Kaisers auf einer 10
Gesandtschaftsreise warst oder einen anderen Dienst für ihn versahst und so von deinem gewohnten Tun abgehalten wurdest. Allerdings bereitete uns (die Annahme), dein Schweigen könnte durch eine Krankheit bedingt sein, viele Sorgen, und bis j etzt fühlen wir uns von Angst nicht befreit. Wir beten aber zum ERLÖSER, er möge uns schneller die Boten deiner
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BRIEFE T246 - 248
Gesundheit senden - wenn er uns nicht bereits zuvorkam und diese Gnade gewährte, (wenn) du also das, was dich bedrängte, abschütteln konntest, (wieder) gesund bist und dein gewohntes Leben führen kannst. Dennoch, wenn du Leute findest, die zu uns reisen wollen, zögere nicht, 1 5 uns von der Angst um dich z u befreien, u nd berichte uns, die wir s o dringend wünschen, es zu wissen, was ihr tut und plant. Denn wir sind es leid, durch Gerüchte von Dingen zu erfahren, die sich gar nicht ereignet haben. K I. OKyd: An seinem gewohnten Aufenthaltsort « < zu uns » , Z.5 ) . E: Ein Freund, von dem Kyd. Post erwartet und um dessen Ergehen er besorgt ist, vielleicht Tarchaneiotes (PLP 27471 ) . Der zuletzt vorausgehende Brief an den langjährigen Freund (Bd. I11, 2 1 8 - 22 1 ) war wohl T 0225 (Bd. II); im vorliegenden Bd. III findet sich nur ein Brief, der sicher an ihn adressiert ist (T325 ) . OE: Eine Stadt (Z.7), Thessalonike (s.u., D ) . D: Einziger Anhaltspunkt der Datierung im Kontext des Briefes ist die Erwähnung eines Kaisers (Z.9), der den Adressaten womöglich mit einer Gesandtschaft hätte beauftragen k Önnen. Es kommt hinzu, daß dieser Brief dem Doppelheft 13 - 14 angehört, dessen Inhalt überwiegend 13 82 - 1 3 84 verfaßt ist (LC II, XIV). So wird man annehmen dürfen, daß es sich bei dem genannten Kaiser um Manuel Palaiologos in Thessalonike (Aufenthalt dort: November 1 3 82 bis April 1 3 87) handelt. Die Annahme einer Gesandtschaft setzt wohl voraus, daß sich Manuel bereits einige Zeit in der Stadt aufhielt. Außerdem scheint der Brief in einer außenpolitisch relativ ruhigen Phase geschrieben zu sein. Diese beiden Argumente zusammen verweisen auf Früh jahr/Sommer 1 3 8 3 (vor dem Fall von Serres im September) als wahrscheinliches Datum des Briefes. 11. Xl: Kaiser Manuel Palaiologos ( s .o., D ) . 1II. Hss: A 8 7rv, Nr. 1 1 ; U 1 45v - 146r, Nr. 1 5 2 .
248 L: 2 7 9 ; OKyd: Konstantinopel; E : Ein hoher kaiserlicher Finanzbeamter; O E : Thessalo nike; D: 1 3 8 3 ; wI: Kydones weist die Begeisterung des Adressaten über seinen Briefstil als Selbsttäuschung zurück und teilt ihm mit, der von ihm übermittelte Wunsch Kaiser Manuels, Kydones möge zu ihm nach Thessalonike kommen, sei wegen seiner Verpflichtungen in Kon stantinopel derzeit nicht erfüllbar; um so mehr beteuert er seine Verehrung für den Kaiser.
Wenn du einzig über meine Briefe begeistert bist und ihnen Beifall spen dest, ist das kein Wunder, denn (dazu) genügt die Freundschaft, die vor den Überlegungen (bereits) ihre Entscheidungen fällt. Ein Freund aber bist du und hast dich lange Zeit daran gewöhnt, dich über mich zu täu-
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
schen. Daß du aber meinst, auch die anderen sollten deine unzutreffende Ansicht teilen, darüber war ich verwundert und viele mit mir, denn (sie meinten), in den Briefen sei nichts enthalten, was Zuhörer beeindrucken könnel . Wenn also j emand auch dies erfinderisch behauptet hat, war es 10 ein armer (Teufel), einer von denen bei euch, die kein Einkommen haben und die um einer kleinen Gabe willen dir, dem Schatzmeister2 , mit Lob sprüchen, die du gern hörst, nach dem Munde reden. So gab der Beifall der anderen zweifellos deinen (eigenen) Geschmack wieder, der du das glaubst, was du (gern glauben) willst. D och davor solltest du dich hüten, wenn du tatsächlich die Wahrheit erfahren, mich aber nicht dahin bringen willst, die Meinung der Guten den Schlechten zuzuschreiben. Wenn es 15 aber du selbst bist, der Schmeicheleien hören und sich an den Lobhude
leien derer ergötzen will, die darauf angewiesen sind, etwas bei dir zu erhaschen, dann überlaß es mir, mich selbst zu kennen, und wenn du mir einen Gefallen tun willst, suche dir einen Teilhaber nicht beim falschen Ruhm, sondern passenderweise beim jetzt (üblichen Bestechungs-)Geld 3 ; doch solltest du dies als scherzhaft gemeinte Bemerkung verstehen. Für das aber, was du vom Kaiser gehört und mir geschrieben hast, bin ich ihm dankbar, (und zwar) nicht nur für das j etzt Gesagte, sondern 20 auch für alles, was er auch immer sagt, und dazu noch für das, was er
für mich tut; denn gewiß erweist er mir diese Ehre nicht entsprechend meinem Verdienst, sondern wegen seiner Großmut. Wenn er nämlich ständig dabei beharrt, mich zu sich zu rufen, und alles unternimmt, um mich zu gewinnen, obwohl er, wenn es ihm gelänge, keinen Nutzen davon haben würde, sollte dies wohl als Beweis meines Glückes und seiner voll kommenen Menschenfreundlichkeit genügen! (Freilich) könnte ich sie 25 ihm nicht vergelten - denn was könnte ich dem hinzugeben, der von mir
nichts braucht, und welche Gefälligkeit eines Privatmannes könnte die des Kaisers aufwiegen ? - , Gott aber, den er durch seine Taten zu gewin nen sich müht und dessen machtvolles Wirken er im Verhältnis zu seinen Untertanen ehrgeizig nachzuahmen versucht\ möge ihm erstatten, was ich ihm für seine Wohltaten schulde . Ich selbst aber würde ihm sehr gern 3 0 die einzige mir bekannte Wohltat erweisen, die mir möglich wäre, näm
lich zu ihm zu eilen und mein Leben lang bei ihm zu bleiben - eine geringe (Gegengabe) für große (Wohltaten) -; (es wäre für mich), als liefe ich - wie die dürstenden Hirschkühe zur QuelleS - zu6 dem köstlichen Strom seiner Reden, und ich würde damit nicht ihm, wie man meinen
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BRIEF
T24 8
könnte, einen Gefallen erweisen, sondern mit dem, was eine Wohltat für ihn zu sein scheint, mir selbst. Denn was ist bewundernswerter als ein Mann, der (schon) in seiner Jugend7 besonnen zu denken versteht? Was ist förderlicher als ein philosophierender8 Kaiser ? Was ist gerechter als 35 einer, der bei (all) seiner Macht den Gesetzen dient? Was macht größere Freude, als mit j emandem ohne Arglist Umgang zu haben, wie man es j etzt nicht einmal (mehr) bei Geschwistern findet? Was aber all diesem (noch) tieferen Wert verleiht, ist (seine) Liebe zu den Studien, denn ihnen bleibt j e der geeignete Augenblick vorbehalten, und die Wahrheit ist in allem, was er sagt und tut, seine Richtschnur. Wie sollte man also das Leben an der Seite eines solchen Mannes nicht 40 allem anderen vorziehen, zumal dann, wenn man sich (so auch) von de nen befreien könnte, die sich bei uns (ganz) entgegengesetzt verhalten9 ? Wenn du (also) mein Gefühl für den Kaiser mit der Beziehung des Eisens zum Stein1 0 vergleichst, hast du - das sollst du wissen - ziemlich genau das treffende Bild gefunden1 1 . Aber was soll ich tun ? Als unüberwindlich hat Aristoteles die Notwendigkeit bezeichnet1 2 , und von den Dichtern hast du gehört, wie Prometheus von Zeus gefesselt wurde1 3 . Möge mir 45 also der Kaiser mein Bleiben nicht als Gleichgültigkeit auslegen - denn ich bin nicht so unselig, eine schlechte Wahl zu treffen, wenn mir (der Weg zum) Wohlergehen freistände -; aber es gibt etwas, was mich mit Macht hindert, sich nicht bezwingen läßt, keiner Überredungskunst weicht und noch zornig würde, wenn man ihm gut zureden wollte1 4 . So müssen wir denn bleiben und warten, wann (diese Situation) wie ein Fieberanfall von selbst endet. Wenn sich das ergäbe und die übertriebene 50 Eifersucht ein wenig nachließe, würde mich der Kaiser schneller als die Wettläufer, denen ein Kranz winkt, herbeieilen sehen.
K 1.
OKyd: Von Kaiser Ioannes V., sc. in Konstantinopel, festgehalten (s.u., A. 1 4 ) . E: Der
Adressat ist Laf.lCa� ( Z. 1 0 f. ) , wohl Schatzmeister bzw. Ressortchef der Finanzen bei Kaiser Manuel, in dessen Auftrag er Kyd. geschrieben hat ( Z. 1 8 ) . Er ist Kyd. in Freundschaft ver bunden und ein Bewunderer seines Briefstils (ZA- 6 ) . OE: Der Kaiser, der Kyd. zu sich ruft (Z.22) kann nur Manuel Palaiologos in Thessalonike sein (s.u., D ) . D: Loenertz gibt das Datum 1 3 8 3 ohne Fragezeichen. Dazu veranlaßt ihn wohl die Bemerkung des Kyd., der Kaiser ( sc. Manuel) setze ihm beständig mit einer Einladung nach Thessalonike zu ( Z. 1 8 22), denn eine solche ist ersnnals i n dem auf Winter 1 3 82/83 z u datierenden Brief LetMan Nr. 3, Z. 1 9 f. vorausgesetzt, und Kyd. hatte auch bereits die Annahme erwogen (siehe T241 ,
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
A. 8 ) . Die Ablehnung, wie sie nun hier bezeugt ist, kann nicht allzulange danach erfolgt sein ( etwa Frühjahr/Sommer 1 3 8 3 ) . 11. BKyd: Zur Situation des Kydones und z u seiner Entschlossenheit, Konstantinopel zu diesem Zeitpunkt nicht zu verlassen, vgl. Bd. 11 1 , 35 f. mit A. 1 94 f. Xl : Manuel 11. Palaiologos (Z. 1 8 .45.5 1 ) , der Kyd. in seiner Nähe zu haben wünscht (Z.2 1 -24) und dessen gute Eigen schaften von Kyd. gepriesen werden (Z.34 - 3 9 ) . X2: Ioannes V. (s.u., A. 1 4 ) . Ep: Ein voraus gehender Brief von E an Kyd. (s.o., E ) . III. Hss: A 89v- 9OC, Nr. 1 6; U 149v - 1 5 F, Nr. 1 5 7. IV. 1 Was einen byzantinischen Literaten beeindruckte, war der schöne Klang eines Brie fes bei seiner Verlesung vor versammeltem Zuhörerkreis (8EaLQOV) . 2 W. : "W!lLW; (s.o., E . ) . 3 W. : 'tWV ÖE VÜV OßOAWV. Siehe T244, A. 1 0 . Auch dort wird die antike Münzbezeich nung im Sinne von « Bestechungsgeld» verwendet. Natürlich meint Kyd. die Empfehlung, Bestechungsgeld anzunehmen, nicht ernst. 4 Die byzantinische Vorstellung vom Parallelismus GottesmachtlKaisermacht, hier in rhetorischer Verwendung. 5 Vgl. ATPs 4 1 , 2 LXX, wo das Bild auf die Gottessehnsucht bezogen ist. 6 Man erwartet in der griechischen Vorlage ein nochmaliges EJtL, das in der Edition fehlt. Im Autographen folgt hier auf 'tQEXWV ein Verweiszeichen, und der Text wird mit EXELVOlJ am Rand fortgesetzt. Doch ist nach dem Verweiszeichen ein auf 'tQEXWV folgendes EJtL erkenn bar, das wohl aus EXELVOlJ korrigiert ist. Man darf annehmen, daß es versehentlich nach dem Verweiszeichen steht und von Kyd. als Bestandteil des Textes intendiert war. Wie Hs U hier votiert, kann ich nicht feststellen, da mir kein Film der Hs vorliegt. 7 Manuel, geb. 1 3 50, war zur Zeit der Abfassung des Briefes ca. 32 Jahre alt. 8 Vgl. T242, A. 1 1 . 9 Dies ist auch versteckte Kritik a n Ioannes v., der wohl kaum im Sinne des Kyd. ein « philosophischer» Herrscher war und nur geringes Interesse an Bildungsfragen zeigte ( dazu Bd. 111 , 1 9 9 f. mit A. 1 3 ; anders unten, T3 3 3 , BE) . 10 Unter dem Stein ist der Magnetstein zu verstehen; Kyd. fühlt sich von Manuel wie von einem Magneten angezogen. Entgegen der Lesung von Loenertz ist, zumindest im Auto graphen A (wo die Passage in einer Marginalie steht) nicht 'tov, sondern richtig 't�v A(8ov geschrieben (AL8o� in der Bedeutung « Magnetstein» ist feminin; LSc, s.v., 11) . Sokrates be schreibt in PHon 533d die Kraft dieses Steins, den Euripides (frg. 567) « !layvft'tL�» nenne. AristotAn 405a1 9 - 2 1 zitiert die Annahme des Thales, daß dieser Stein, weil er Eisen bewe gen ( anziehen) könne, eine Seele habe. 11 Im Autographen A findet sich hier noch der syntaktisch nicht unterzubringende Zu satz 'to 'tft� E!lft� 'ljJlJxft�, der in der Reinschrift U getilgt ist. 12 AristotMu 401 b8 - 9; vgl. Bd. 111, T14, A. 8 . 1 3 Anspielung auf den Mythos und das Aischylos-Drama vom gefesselten Prometheus. In der Metapher entsprechen einander Zeus und Kaiser Ioannes V. sowie Prometheus und Kyd. Zu den stählernen Fesseln des Prometheus siehe Bd. 111, T22, A.3; T39, A.12. =
14 Kaiser Ioannes v. , der Kyd. aus Eifersucht (Z.50) daran hindert, Konstantinopel zu verlassen (vgl. T24 1 , Xl; Bd. 111, 202 mit A.46. ) .
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BRIEFE T248 -249
249 L: 250; OKyd: Konstantinopel; E: Kaiser Manuel II. Palaiologos; OE: Thessalonike; D: Frühjahr/Sommer 1 3 8 3 ; wI: Empfehlungsschreiben für Theodoros Kantakuzenos, der sich in Manuels Dienste begeben will. Kydones bittet ihn, er möge ihn wegen seiner treuen Ergeben heit freundlich aufnehmen.
Diesen Brief schicke ich dir nicht allein zugunsten des Kantakuzenos, dem du (eigentlich) aus freien Stücken und ohne das Einwirken anderer
5
vielfache Gunst erweisen solltest, sondern ich entschied mich zum Schrei ben, weil ich glaubte, es sei eine Schande für mich, dir gegenüber aber ungerecht, wenn ich die Freundschaft, die dieser Mann für dich empfin det, mit Schweigen überginge. Zwar wußtest du auch (schon) früher um sie; du nanntest ihn häufig deinen Freund und danktest ihm durch diese Anrede für seine Zuneigung. D amals freilich äußerte sich die Liebe nur in Worten, jetzt aber, da die Umstände (dazu) herausfordern, zögerte er 1 0 nicht, d a s damals Gesagte auch durch Taten zu beweisen, und zeigte (seine Gefühle) nicht nur, wie man es erwarten könnte, sondern war ehr geizig bemüht, die (Freundschaft) eines Theseus und Herakles 1 zu über treffen. Als er nämlich hörte, daß du von Waffen(lärm), Sorgen und schwierigen Aufgaben umgeben bist, und den Augenblick für gekommen hielt, in dem du wahre Freunde brauchst, vergaß er seine Frau, achtete 1 5 seine Söhne gering, vernachlässigte sein Haus, ließ die Geschenke und Versprechungen des Kaisers2 unbeachtet und hatte nur einen Wunsch, zu dir zu eilen und dein Schicksal zu teilen. Dies möge, so wünscht er mit allen, Gott dir günstig gestalten; aber selbst wenn sich etwas Betrübliches ereignen sollte, ist er bereit, auch dies den Annehmlichkeiten hier ohne Widerstreben3 vorzuziehen. Eine solche Begeisterung für deine Sache hat ihn ergriffen, daß auch einige seinen ungestümen Eifer als Wahn bezeich- 20 neten und ihn an das (Sprichwort) « nichts im Übermaß » 4 erinnerten. Er aber hielt es für lächerlich, wenn sie nicht der Meinung waren, daß vor einem Freund alles zurückstehen müsse, und war offensichtlich bereit, falls eine Schiffsreise nicht möglich sei, sogar ohne Zögern durch die Wo gen oder auch durchs Feuer zu laufen, wenn er sich nur an deinem Antlitz und deiner Stimme erfreuen könne. In solchem Maße würde er alles tun und erleiden, um dir gefällig zu sein.
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Da ich also dies von ihm weiß, wäre es nicht recht von mir, darüber zu schweigen. Du aber solltest mir gebührend dankbar sein, denn ich
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
stelle dir deinen Verehrer vor, damit du bei der Vergeltung nicht das ent sprechende Maß verfehlst. Ga) mehr noch, du solltest, wie es sich für Kaiser gehört, deinen Ehrgeiz daransetzen, seine freundschaftliche Gesin nung noch zu übertreffenS . Denn Feinde müßt ihr mit Waffen bezwingen, Freunde aber mit Wohltaten, und ihnen das Vielfache von dem geben, 30 was sie euch einbringen. Es gilt ja auch für uns einfache Bürger ein Ge
setz, den Freunden, wenn mehr nicht möglich ist, wenigstens an dem, was wir haben, Anteil zu geben. K I. OKyd: Kyd. befindet sich an dem Ort, wo Kaiser Ioannes V. residiert ( s .u., E, OE). E, OE: E ist ein Kaiser (Z.27), der in Kriegsangelegenheiten verwickelt ist ( Z. 1 2 f. ) , zu dem sich ein Mann begeben will, der bisher im Dienst eines anderen Kaisers stand (Z. 1 5 f. ) . Es kann sich nur um die bei den miteinander konkurrierenden Kaiser Manuel in Thessalonike und seinen Vater Ioannes V. in Konstantinopel handeln. D: Der Brief ist in die Zeit nach den ersten Erfolgen Manuels und vor dem Fall von Serres, also auf Frühj ahr/Sommer 1 3 8 3 zu datieren, als Freiwillige wie Kantakuzenos von Konstantinopel zu Manuel nach Thessalonike kamen, um ihm gegen die Türken beizustehen ( s.u., X l ) . 11. Xl: Der in Z A genannte Kantakuzenos heißt mit Vornamen Theodoros und ist ein Verwandter - SEloC; (NicKant 1 6 6, A. 8 ) - Manuels. S.u., T254. Über ihn NicKant 1 65 f.; NicKantAdd 3 12 f. ; PLP 10965 . Sein hier ( Z . 1 9 -25) beschriebener Enthusiasmus steht exem plarisch für die Begeisterung, die damals viele für die Sache Manuels und seine Entschlossen heit, Thessalonike gegen die Türken zu verteidigen, erfaßt hatte (DenReign 7 1 ; BarkMan 48 mit A.130 ) . X2 : Kaiser Ioannes V. Palaiologos (Z.15 f. ) , nicht namentlich genannt, aber erschlossen (s.o., E, OE) , in dessen Diensten Kantakuzenos zuvor stand, wie sich aus der Anspielung auf seine « Geschenke und Versprechungen» ergibt. ZC: S.o., E, OE und X l . III. Hss: A 2 7rv, Nr. 1 0; U 3 7f - 3 8f, Nr. 4 8 . IV. 1 Das sprichwörtliche Freundespaar sind eigentlich Theseus und Peirithoos. Siehe Paroem 11 457, Nr. 9 1 a sowie: Johannes Kantakuzenos, übersetzt und erläutert von G. Fatou ros und T. Krischer, Bd. 11, Stuttgart 1 9 8 6 , 1 70, A. 30. Auch in dem Brief Bd. II, T 022 8, Z. l l stellt Kyd. Theseus und Herakles als Vorbilder der Freundschaft hin. Zur freundschaftlichen Beziehung dieser beiden Heroen siehe RE Supp!. XIII ( 1 973 ) , s.n. Theseus, 1 045 - 1 23 8, hier 1 20 1 - 1205. 2 Sc. Kaiser Ioannes V. in Konstantinopel, sein bisheriger Dienstherr ( X2 ) . 3 Annehmlichkeiten . . . ohne Widerstreben, i m Griechischen Wortspiel (Polyptoton)
�ÖEWV . . . U1']ÖWC;. 4
Theognis von Megara, Elegie 1, VV. 3 3 5 und 40 1 . In beiden Fällen warnt der Dichter
vor zu großer Eile (l!1']öev ayuv OJtEUÖELV ) . 5 W. : l!äAAOV ö ' 8 ßUcrtAEÜcrt Jtgooi]itEL JtgoC; 'tllv TOUTOU YVWI!1']v
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BRIEFE T24 9 - 2S0
250 L: 2 6 0 ; OKyd: Konstantinopel; E: Ein Mönch der römischen Kirche; O E : Unbekannt; D : 13 83/84; wI: D e r Adressat hat als Anerkennung für seine Leistungen von Papst Urban einen Ablaßbrief erhalten. Aus der Sicht des Kydones wäre eine finanzielle Unterstützung des mit tellosen Mönches sinnvoller gewesen.
Die Gabe ist groß und ziemt sich für den, dem die Schlüssel des Reiches anvertraut wurden und der den Anspruch erhebt, daß seine Entscheidun-
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gen auch im Himmel gültig sindl . Man hätte sie aber besser uns verliehen, die wir Gott vielfach erzürnt haben, nicht aber denen, die der Vergebung gar nicht bedürfen, sondern vielmehr hohe Preise für große Leistungen im Wettkampf zu erwarten haben2 , wovon wir alle, was dich betrifft, überzeugt sind; du hast dich j a vielfach für die Wahrheit eingesetzt, hast bis jetzt im Streit (deinen Mann) gestanden und gegen ihre Widersacher gekämpft, gegen Mächte und Gewalten und die Machthaber dieser Welt3 1 0 manche Schlacht geschlagen und aus diesen (Taten) ein unsterbliches Sie gesmal aller Tugend errichtet. Um dieser (Verdienste) willen glaube ich, daß in deinem Fall beim Kampfrichter ( sc. Gott) nicht von Vergebung, sondern von Kränzen die Rede ist. D aher könnte ich zwar keine andere Gabe nennen, die besser wäre als die j etzt verliehene; man hätte aber um eine notwendigere, die (deiner) Situation mehr entspricht, den guten Gar- 1 5 ses für dich bitten sollen. Wenn nämlich diese auch von allen (Gaben) die größte Anerkennung verdient, weil sie den Seelen Freiheit verspricht, so ist doch nicht einfach das Bessere zugleich für alle von größerem Vorteil, sondern aus praktischer Sicht erweist sich oft gerade das Geringere als nützlicher. So ist auch das Philosophieren aus der Sicht des einfachen Denkens allen menschlichen Betätigungen überlegen, aber finanzieller Ge- 20 winn ist, wie Aristoteles sagt, für die notwendiger, die um ihren Lebens unterhalt besorgt sein müssen4 • Ein solches (Geschenk) hätte man j etzt auch im Hinblick auf deine Armut um Christi willen für angemessener halten sollen. Da aber Garses glaubte, ihm selbst und dir stehe die geistliche (Gabe) mehr an, und er darum den Hohenpriester bat, und da auch j enem sein Amt es auferlegt, vor allem für die Seelen zu sorgen, sollten wirs nun 25 dennoch dieses Gnadengeschenk annehmen. Mag es auch der Sünden we gen für uns nicht notwendig sein, so wird doch die demütige Annahme des Schreibens dir sehr förderlich sein. Man sollte aber gewiß auch auf
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
die (Gabe) nicht verzichten, die ich für weniger ehrenvoll, aber für not wendiger halte; denn ich bin überzeugt, daß der gemeinsame Vater dir auch diese hinzugeben wird, wenn er von deiner Notlage erfährt. K I. OKyd: Kyd. schreibt offenbar an seinem gewohnten Aufenthaltsort. E: Der Empfänger des Briefes lebt arm um Christi willen ( 2 1 ) , ist also Mönch, und zwar der römischen Kirche, wie sich aus der Ehrung durch den Papst ergibt. Da der Dominikaner Garcia (Xl ) der Ver mittler der Ehrung ist, gehört vielleicht auch E dem Dominikanerorden an. Siehe aber OE. OE: Es ist unklar, wie Kyd. zu diesem Brief veranlaßt wurde, doch hat sich E wahrscheinlich brieflich bei Kyd. über seine finanzielle Notlage und die ihm wenig zuträgliche päpstliche Gunst beklagt, hält sich also nicht am gleichen Ort wie Kyd. auf, aber wohl auch nicht in Italien, weil Garcia beim Papst für ihn vermittelte, vielleicht aber in einem Dominikanerklo ster in der Umgebung von Konstantinopel (Pera oder Lesbos ) . Doch spricht seine hier stark betonte Bedürftigkeit eher dagegen, daß er in der Geborgenheit" eines Klosters lebte. D: Zur Zeit der Abfassung dieses Briefes weilte Garses ( X2 ) in Italien in der Umgebung des Papstes (Z.22 f. ), der sich, wie Loenertz zu Z.23 vermerkt, vom 1 0 . 1 1 . 1 3 8 3 bis zum 1 6 . 6 . 1 3 84 in Neapel aufhielt. Gemäß T2 86, Z. 1 4 - 1 8 wurde er im Frühjahr 1 3 84 von Italien zurückerwar tet, kündigte aber dann seine Rückkehr doch erst für Herbst 1 3 84 an. Wie T230 zeigt, befand er sich 1 3 82 in Konstantinopel. Er reiste wohl im Laufe des Jahres 1 3 8 3 nach Italien. Der Brief ist daher wahrscheinlich auf 1 3 8 3/84 zu datieren. 11. Xl: Ein Papst (s.u., A. 1 ; Z.23, aQXIEQEuC;), sc. Urban VI. (PLP 2 1 1 74), hat E mit der schriftlichen ("ta YQU<»EV"tU, Z.26) Gewährung der Vergebung seiner Sünden (auyyvwf,L'r]) ge ehrt ( 7. 1 2 f.; ÖWQE
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BRIEFE
T25 0 -25 1
unbrauchbar, die erste 6 ÖE XQllfla-.:LO"tT]� ß(m6� "tL� EO"tLV ( der Geldmensch ist gewalttätig) erinnen wenigstens von der Wortwahl her an das Kyd.-Zitat, hat aber mit seiner Aussage kaum etwas zu tun. 5 Kyd. spricht hier, wohl aus Solidarität mit dem Adressaten, in der Wirform, obwohl er selbst natürlich nicht betroffen ist.
25 1
-
AN DEN AUFSEHER DES FISCHEREIWESENS
L: 261; OKyd: Konstantinopel; OE: Konstantinopel; D: 1 3 8 3 ( ? ) ; wI: Scharfe Invektive gegen den Aufseher wegen der von ihm veranlaßten harten Besteuerung der Fischer, die zu einer empfindlichen Einschränkung des Marktangebotes an Fisch und zur Entwicklung eines « schwarzen Marktes» mit überhöhten Preisforderungen führte. Empfehlung, er möge durch Senkung der Steuer den drohenden Ausbruch des Volkszornes abwenden.
Ob du auch bei den Gesunden in schlechtem Ruf stehst, weiß ich nicht. Jedenfalls klagen wir Kranken dich an und verfluchen dich sogar. Noch
5
mehr aber hast du Entsprechendes von den Angehörigen der Kranken zu erwarten, die Mitleid mit uns empfinden wegen des Unrechts, das du uns ihrer Meinung nach zufügst, weil du durch deine Zwangsmaßnahmen gegen die unglückseligen Fischer unsere Genesung verhinderst. Denn wie, glaubst du wohl, sind alle auf dich zu sprechen, wenn Väter zusehen müssen, wie ihre Kinder, Männer, wie ihre Frauen, Geschwister, wie ihre Geschwister verschmachten oder auch zugrundegehen - wegen deiner 1 0 schändlichen Habsucht ? Den Arzt, der uns nach dem Fieber ein Fischlein verordnete1 , trifft ja doch keine Schuld! Du aber erklärst den fischreichen Bosporos2 bedenkenlos für mitten im Lande liegendes Gebiet und zwingst durch unzumutbare Steuern die, welche aus dem Meer ihren Unterhalt beziehen3 , es zu meiden; so läßt du die ärztliche Kunst scheitern und nimmst den Kranken j ede Hoffung auf Genesung, hinderst zugleich aber auch die, welche in irgendeiner Weise die Geschenke des Meeres nutzen, 15 dies zu tun und sich ihrer zu erfreuen. Obendrein schaffst du den Sklaven noch strenge Herren und bist schuld daran, daß sie von ihnen geschlagen werden, denn sie geraten in Verdacht, deshalb mit leeren Händen vom Markt zurückzukehren, weil sie (angeblich) leichtsinnig waren und sich keine Mühe gaben, (nach der Ware) zu suchen. Wenn aber irgendwo auch einmal einer etwas fand und es seinem Herrn brachte, so ist es doch allbekannt, daß er es mit Gold aufwiegen mußte und (deshalb nur) mit Mühe herbeischaffen konnte. Um aber (der Ware) habhaft zu werden,
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
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mußte der Käufer zuvor nicht weniger (schreckliche) Eide leisten, als (sie) bei staatlichen Verträgen (üblich sind), er werde dir den Verkäufer nicht verraten. Denn die Gesetze, die du j etzt gegen die Fischer ersonnen hast, übertreffen noch die gegen Mörder, und Fesseln und Hinrichtung sind dem gewiß, der nach nächtlichem Kampf mit Wellen und Stürmen etwas von dem, was (doch) sein ist, beiseite schafft und sich auch selbst einen
25 Lohn für seine Plage wünscht. Kann er doch, wenn er dir nicht die ge
samte Beute ausgehändigt hat, (nur) zitternd auf sie blicken und ist oft (schon) dankbar, wenn er keine Schläge empfängt und ins Gefängnis wan dert. Sobald du aber den Fang erspähst, freust du dich wie ein Löwe, der ein großes Beutetier erhascht hat4 , und bietest mit lautem Schreien die Fische feil wie Räuber die Sklaven5 . Du hältst es aber nicht für eine Schande, wenn der hohe Beamte von seinem Wagen zum Fischhändler 30 herniedersteigt6 und seiner senatorischen Ehre? den schnöden Mammon8
vorzieht. Wer also, glaubst du, würde dir deswegen nicht alles Schlimme gönnen und wünschen, wenn du einige daran hinderst, (sich mit) dem Notwen digsten (zu versorgen), anderen ihr Glück zerstörst und dich schlechthin als Feind der ganzen Stadt erweist, (und das) aus unerfindlichen Grün den ? Denn es fällt doch auch j ener schändliche Gewinn, für den du soviel 35 Mühe und Schande auf dich lädst, einem anderen zu9; dir aber bleibt nur
der Schaden und die Feindschaft aller. Oder willst du etwa behaupten, daß du den allseitigen Haß für förderlich hältst und auf dessen Mehrung bedacht bist? Ich jedenfalls frage mich, ob einem Mann des öffentlichen Lebens1 0 ein schlimmeres Unglück zustoßen könnte, als von allen gehaßt zu werden! Auch wissen wir, daß das Volk sozusagen deren Schiff zum Kentern bringt, die sich nicht davor hüten, es mit ihm zu verderben. Sie 40 stürzen sich, wie das sturmgepeitschte Meer aufwallt, unter anfeuerndem
Geschrei auf den Frevler und bringen ihm und seinem Haus Vernichtung. So entreiße dich jetzt selbst dem Unwetter, befreie die Bürger von der übertriebenen Forderung und gewähre Steuernachlaß. D ann kannst du getrost auf dein Wohlergehen vertrauen. K I. E: Der Empfänger, den Kyd. im Brieftitel als « 0 "Cf]!; aA.lEU'tl'Xii� J'tQoo"Cu"CÖ)v» bezeich net, wird nicht namentlich genannt. Matschke (siehe Lit. ), 28 l f. kennt keinen weiteren zeit genössischen Beleg für diese Funktionsbezeichnung; er läßt es offen, ob es sich um einen terminus technicus handelt, weist aber auf ähnliche Bezeichnungen im Eparchenbuch des
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BRIEF T25 1
j. Koder, Wien 1 9 9 1 , 128 f., § 1 704 ( ot Lmv LX8uoJtQaLmv JtQOOLaLEUOVLE� ) . Doch ergibt sich aus ebd. 1 26 f., § 1 7 . 1 , daß
10. Jh.s hin. Vgl. Das Eparchenbuch Leons des Weisen, e d .
jede Verkaufshalle (XUf,luQu) für Fische einen solchen Vorsteher (JtQOOLaLEUWV) hat. Jeden falls handelt es sich im Eparchenbuch um eine Mehrzahl solcher Vorsteher; Kyd. hingegen richtet seinen Brief an einen Oberaufseher über den gesamten Fischfang, zumindest in der Hauptstadt, wohl, wie Matschke (282) annimmt, ein Finanzbeamter, der für die Eintreibung der Abgaben - vielleicht auch z.T. in Form von Ware - von den Fischern zuständig ist. Daß er ein « senatorisches» Amt bekleidete, ergibt sich aus Z.2 8 - 30; dazu A.6 und 7. OE: Die Erwähnung des Bosporos ( Z. l 1 f. ) verweist auf Konstantinopel. D: Eine Datierung des Briefes aus inneren Gründen scheint kaum möglich zu sein. So bleiben nur die Eckdaten 1 3 82/83 des Heftes 26 (L256 - 2 6 3 ) gemäß LC II, XIV. Loenertz schlägt mit Fragezeichen 1 3 8 3 vor und ordnet den Brief in der « Chronotaxis» (LC II 49 1 ) an dieser Stelle ein. II.
BKyd: Ein Arzt hat Kyd., der soeben von einer fiebrigen Erkrankung genesen ist,
Fisch als Diätspeise verordnet ( Z. 1 0 f.; siehe auch A . 1 ) , der wegen der restriktiven Fiskalmaß nahmen des Aufsehers (E) nun knapp geworden ist. Kyd. verwahrt sich schärfstens gegen solche Eingriffe in das Marktgefüge. Doch scheint sein Protest privaten Charakters zu sein, da er nirgends auf eine Weisungsbefugnis anspielt, sondern E nur von der Unzweckmäßigkeit seiner Maßnahmen zu überzeugen versucht. Nach Ansicht Matschkes (siehe Lit. ), 2 9 1 warnt Kyd. den gierigen Steuereintreiber vor der Wut der Volksmassen (Z. 3 8 - 43 ) , weil er wie Kyd. selbst zur « herrschenden Klasse» gehöre; es seien also hier im Grunde beide gleichermaßen betroffen. Tatsächlich ist der «Volkszorn» , den Kyd. 1 345 in Thessalonike erleben mußte (siehe Bd. I11, T42, ZG), für ihn ein « Reizwort» , das auch an anderen Stellen seines Briefcor pus anklingt (Bd. I12, T100, Z . 1 9 - 26; T2 80, ZG). 1. S evcenko, Society and Intellectual Life in the Fourteenth Century, in: Actes du XIVe Congres international des Etudes byzantines, Bukarest 1 9 74 (auch in: 1. S evcenko, Society and Intellectual Life in Late Byzantium, Collec ted Studies, London 1 9 8 1 , I), 69 - 92, hier 86 mit A.59 spricht in diesem Zusammenhang von einem « permanent trauma» des Kyd. So kann Kyd. also die Drohung, der Aufseher müsse mit der Wut des Volkes rechnen (Z.37-43), ernst meinen, ohne daß es ihm eigentlich um die sozialen Belange des Volkes geht. LOCP 3 7, 1 1 mit Ao4 ordnet diesen Brief hingegen, wohl nicht zu Recht, in die Reihe derer ein, in denen Kyd. für die «classes pauvres» eintrete. In späteren Jahren scheint Loenertz ( OCP 50 [s.u., Lit.], 439) weder dies, noch - wie Matschke - anzunehmen, daß Kyd. sich selbst auch vom Volks zorn bedroht fühle: « . . . il essaie d'inculquer aux responsables une peur salutaire . . . Mais il ne faut pas attribuer a Cydones les vues interessees dont il se sert pour emouvoir des personnages endurcis dans le mal. » Xl: Ein Arzt des Kyd. (Z. 1 0 ) . ZC: Aus der Sicht der Wirtschaftsgeschichte bemerkens wert « modern» ist die Angabe, daß die restriktiven Maßnahmen des Aufsehers zur Entste hung eines « Schwarzen Marktes» führten, auf dem die Händler Fische insgeheim zu « Phanta siepreisen» verkauften ( Z. 1 8 - 2 1 ) . III.
Hss: A 1 75', Nr. fehlt. Der vorausgehende Brief L2591T242 endet auf f. 1 74V etwa
10 Zeilen vor dem Ende der Seite; der Rest der Seite bleibt frei. Gemäß LR 46, A.5 fehlen zwischen f. 1 74 und 1 75 zwei Blätter, welche L260 ( T250 ) und vielleicht noch einen ande ren Text enthielten. Der vorliegende Brief beginnt mit f. 1 75' und endet unten auf dieser =
Seite. U 282v-2 84r, Nr. 2 77. Üb: Loenertz, OCP 50 ( s.u., Lit.), 444 f. (frz . ) . Lit: 1. R.-j. Loe nertz, Trois lettres de Demetrius Cydones relatives a la fiscalite byzantine, OCP 50 ( 1 9 84 )
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üBERSETZUNG UND KOMMENTAR
43 8 - 445 (hrsg. von G. T. Dennis aus dem Nachlaß des Verf. ), hier 439 und 443 - 445. Bei den anderen beiden Briefen handelt es sich um L 1 14 ( Bd. 1/2, T 1 00; dort konnte der Auf satz, der erst nach diesem Band erschien, noch nicht berücksichtigt werden) und um L257 T 026 3 . 2. K.-P. Matschke, Situation, Organisation und Aktion der Fischer von Konstantino pel und Umgebung in der byzantinischen Spätzeit, Byzantinobulgarica 6 ( 1 9 8 0 ) 2 8 1 - 2 9 8 . I V. 1 Hier ist nicht a n die etwaige Heilwirkung irgendeines Fisches z u denken, sondern =
=
an die Bekömmlichkeit der Fischnahrung und die kräftigende Eigenschaft von tierischem Eiweiß in der Zeit der Rekonvaleszenz. 2 Vgl. AristophTh 324. 3 W. : 't"lv 8UAa't'tUV ago'Üv'tu�, also eigentlich: « das Meer beackern, pflügen » . Ein ähn liches Bild: Bd. 1/2, T94a, A.9. 4 W. : IlEyUACP EJtl aWIla'tL x:ugau� (HornIl 3,23 ) . 5 W. : xllgv't'tEL�. Sowohl Loenertz (444 f., Übers., Abschnitt 6 ) wie Matschke ( 2 8 2 ) ver stehen die Passage in dem Sinne, daß der Aufseher den beschlagnahmten Fang nun selbst verkaufte. Das trifft wohl auch zu, doch wird Z.34 f. deutlich gesagt, daß der Erlös nicht ihm zugutekam; er verkaufte die beschlagnahmten Fische also offenbar zugunsten des Fiskus. 6 Diese Stelle hat Matschke (282 mit A. 1 2 ) m.E. mißverstanden, wenn er sie wie folgt übersetzt: « Schändlich aber ist, daß der uJtugxwv» - richtig muß es heißen: 'ÜJtugxo� « nichts von der Anlegestelle zum Fischhändler bringt . . . Die Übersetzung von « av'tus» (Wagensitz, Wagen) mit « Anlegestelle» ist lexikalisch nicht belegt. Was die Bedeutung von 'ÜJtugxo� betrifft, so kommt gemäß dem Index in LC 11 483, S.v., diese Amtsbezeichnung in »
den Kydonesbriefen noch dreimal vor. L23 1 , 8 ist vom 'ÜJtugxo� 'tfJ� A'ivou wohl im Sinne des obersten Beamten dieser Stadt (entsprechend dem EJtUgXO�) die Rede. Nicht genau zu ermitteln ist der Sinn an den Stellen L269,33 (s.o., T246,33, Plural, übers. mit « hohe Be amte » ) und 3 9 1,29. Sehr wahrscheinlich ist im vorliegenden Brief mit 'ÜJtugxo� der Aufseher ' des Fischereiwesens selbst gemeint. Der Begriff bezeichnet dann nicht mehr als einen hohen Beamten seines Ranges, der seine « senatorische» Ehre kompromittiert, wenn er sich unter die Fischhändler begibt. Der « Wagen» (Loenertz übersetzt: « chaise curule» ) steht symbolisch für seine hohe Stellung, von der aus er sich « herabläßt» . 7 Die Übersetzung von 'tfJ� Jtugu TO'Ü auvEögLou 'tLllfJ� mit « senatorische Ehre» setzt voraus, daß E dem Senat angehörte, der auch für die Spätzeit noch gut bezeugt ist, wenn man auch nicht mehr senatorische Ränge, wie für die früheren Zeiten, ausdrücklich benennen kann. Siehe Tsirpanlis (wie T244, A. 14), 44 1 - 444, 446 - 448, 455 - 464; PLP, Abkürzungs verzeichnis und Gesamtregister, Wien 1996, Index, 4 8 6, s.v. Senator, 4 8 8 , S.v. auyxAll'tLX6�. Ferner: Bd. 1/2, T54, A.23a; T100, A.12; in diesem Band: T23 6, Z.32. Ausdrücklich von Beschlüssen des Senates ist in T 0263, Z.8 f. (s.u. ) die Rede. 8 W. : 'tov OßOAOV. 9 Im Griechischen Wortspiel: AfJllllu ( Gewinn) / YLVETUL x'tfJllu (fällt zu ) . 10
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W. : avögl JtoAL'tEUOIlEvcp.
BRIEFE T25 l -252
252
-
AN AKAKIOS
L: 263; OKyd: Konstantinopel; E: Akakios, Geistlicher (Mönch ? ) , Anhänger Kaiser Ma nuels II.; OE: Thessalonike; D: Frühjahr/Sommer 1 3 8 3 ( ? ); wI: Kydones, der von Manuel viel Gutes über Akakios gehört hatte, hat von Akakios, dem Manuel, wie Kydones annimmt, ebenfalls lobend von Kydones berichtet hat, einen Brief erhalten, in dem er ihm seine Freund schaft anbietet. Gern bereit, sie anzunehmen, warnt er Akakios davor, weiterhin Schriften, die er (Kydones) verfaßt habe, im Auftrag des Kaisers zu kopieren, da dies nicht der Mühe wert sei.
Da der bewundernswerte Kaiser mir in j eder Hinsicht wohltun will, liebt er mich nicht nur selbst, sondern sammelt mir auch allenthalben
5
Freunde zu meinen Ehren. So hat er denn auch, um dich für mich zu gewin nen, mir wahre und dazu noch lange Lobreden über dich gehalten; weiß er doch, daß ich mich mit denen, von deren guten Eigenschaften ich über zeugt bin, sofort auch befreunde. Offenbar hat er aber ·auch bei dir über mich in ähnlicher Weise gesprochen, so daß du, dadurch beeinflußt, mir schreiben wolltest. Ich aber will den Geschenken, die ich vom Kaiser be- 1 0 sitze, noch deine Freundschaft hinzufügen, denn d u bist ein Mann, der Verstand besitzt und Gott fürchtet, fähig, ihn in vertrauensvollem Gebetl mit mir zu versöhnen. Ob aber auch du Veranlassung hast, dem Kaiser2 wegen des geknüpften Kontaktes dankbar zu sein, dazu möchte ich nichts sagen, weil ich mich scheue, das Urteil des Kaisers anzutasten. Ich bin aber überzeugt, daß du, durch die Zeit belehrt, herausfinden wirst, daß das über mich Gesagte von einem Kaiser kam, der die Treue eines Dieners mit 15 schönen Worten belohnte3 . Sei ihm also nicht, als ob du etwas Bedeutendes von ihm erhalten hättest, für die Freundschaft mit mir dankbar ; glaube auch nicht, daß dir meine Briefe im Hinblick auf Privilegien, die4 er selbst verleiht, etwas nützen werden. Von ihnen wirst du außer der Ermüdung deiner Hand5 keinen weiteren (Nutzen) haben6; auch wird der Kaiser, glaube ich, statt seiner j etzigen Meinung über sie ( sc. meine Briefe) bald die entgegengesetzte vertreten, wenn er seine irrige (Vorliebe) für meine 20 literarischen Erzeugnisse überwunden und eingesehen hat, daß er Th.e rsites statt Nireus 7 bewundert. Ich aber würde dich j etzt, wenn nicht (schon) wegen deiner neuen Freundschaft (zu mir)8, mit Recht (dafür) bestrafen, daß du mich, der nichts Unrechtes getan hat, dem Tadel der Nachwelt ausgeliefert hast, weil du in schöner Schrift häßliche Texte, die als solche wohl mit Recht (besser) vernichtet worden wären, der kommenden Gene-
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
ration bewahrst. Aber hier wird die Zeit, die alles, was ans Tageslicht 25 gelangt, (auch wieder) verschwinden läßt, Trost bringen9. Wir aber wollen,
da uns ein solcher Kaiser zusammenführt, einander kennenlernen und ver suchen, das Band (zwischen uns) zu erhalten, dem wir größere Kraft wer den geben können, wenn ich dir schreibe, du aber auch1 0 (für mich) betest. K I.
OKyd: Kyd. befindet sich nicht an demselben Ort (Thessalonike) wie Akakios, da die
Freundschaft vorläufig durch Korrespondenz erhalten werden soll (Z.26 f. ), sondern zweifel los an seinem gewöhnlichen Aufenthaltsort. E: Die Anspielung auf die Frömmigkeit (Z. l l f. ) und die Bitte um das Gebet des Akakios (Z.27) lassen erschließen, daß er Priester oder Mönch ist. Wenn ich A.6YOlJ� (Z. 1 7) richtig auf « Privilegien» beziehe (siehe A.4), ist es wahrschein licher, daß es sich um einen Mönch handelt, der sich vom Kaiser Zuwendungen für sein Kloster erhofft. Die Identität dieses Akakios mit anderen Adressaten des Kyd. gleichen Na mens ist gegen PLP 484 abzulehnen (siehe Bd. 111, T45, X2 ) . E ist im Auftrag Kaiser Manuels als Kopist von Texten (A.6ym) des Kyd. tätig (Z.23 f. ) . Gemäß T256, Z. 1 5 f. und LetMan Nr. 10, Z.2 f. ließ Manuel die Briefe des Kyd. in ein Buch (ßtß)..LOV) kopieren ( dazu DenReign 9 6 ) . Diese Sammlung ist nicht erhalten (vgl. LR 69 f. ) . OE: E weilt bei einem Kaiser (Xl ) , der die Schriften bzw. Briefe des Kyd. kopieren läßt (siehe E), zweifellos b e i Manuel 11. in Thessalonike. D: Da auf eine bedrängte Lage Thessalonikes oder eine Behinderung der Korrespondenz nicht angespielt wird, ist der Brief im Zeitrahmen von Heft 26 ( 1 3 82/83 gemäß LC 11, XIV) sehr wahrscheinlich auf die Phase relativer Ruhe im Frühjahr/Sommer 1 3 8 3 (vor dem Fall von Serres am 1 9 . 9 . ) zu datieren. 11.
BKyd: Siehe Resümee am Anfang des Briefes. Xl : Ein Kaiser (Z.4. 1 0 .25 ), Manuel
Palaiologos (siehe E, OE) . Ep: Ein vorausgehender Brief von E an Kyd. (Z.9) mit dem Ange bot der Freundschaft. III.
Hss: A 1 0 1
v,
ohne Nummer (Neufassung eines von Kyd. annullierten Briefes in A
1 76V); U 2 1 5 r - 2 1 6r, Nr. 215; B 246v -247r, Nr. 1 0 l . IV. 1 2 3
« In vertrauensvollem Gebet» ist Übersetzung für « l'wQQl]OÜ;t » .
W. : EXELVq.>. Bescheidene Minderung des kaiserlichen Lobes; sein Anlaß sind nicht die gelobten
Eigenschaften, sondern Dank für treue Dienste. 4
Loenertz liest A.6YOlJ� ä� (im Apparat zu Z . 1 7 wiederholt), ein Blick in den Mikrofilm
von A zeigt mir aber eindeutig, daß ou� zu lesen ist. Worauf sollte sich ä� auch beziehen? A6yolJ� verstehe ich im Sinne von XQlJooßOUA.A.OlJ� )"6yolJ� (Privilegien-Urkunden) . 5
Die Briefe des Kyd. werden die Hand des Akakios ermüden, weil e r sie abschreiben
muß. 6
An dieser Stelle fehlt in der Edition ein unentbehrliches Komma.
7
Der homerische Thersites steht für alles Häßliche und abstoßend Geschwätzige, Nireus
(nicht zu verwechseln mit Nereus) aus Syme, Sohn des Charopos und der Aglaia, war nächst Achilleus der Schönste der Danaer ( Griechen) vor Troja (HomIl 2, 671 - 674 ) . 8
I n übermäßiger Bescheidenheit sieht Kyd. i m freundschaftlichen Gefühl d e s Akakios
für seine Person einen Mißgriff, der Strafe verdient habe.
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BRIEFE T25 2 - 253
9 Kyd. tröstet sich mit dem Gedanken, das sein Werk wenigstens im Laufe der Zeit der Vergessenheit anheimfallen werde. Dies trifft allerdings gerade für das 20. Jahrhundert nicht zu. 10 « Auch » , das heißt, selbstverständlich soll Akakios nicht nur beten, sondern auch schreiben; vgl. A.5.
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AN KAISER MANUEL
L: 253; OKyd: Konstantinopel; E: Kaiser Manuel 11. Palaiologos; OE: Thessalonike; D: Frühjahr/Sommer 1 3 8 3 ; wI: Manuel hat Briefe an Adressaten in der Hauptstadt geschrieben, aber Kydones übergangen. Auch er will sich nun in Schweigen hüllen, beteuert aber seine Sorge um den Kaiser.
Mit Briefen von dir hat Phialites, als er kam, unsere Stadt reichlich versorgt. Auf die Frage aber, ob er auch mir einen B.rief von dir bringe,
5
antwortete er « nicht einen Mucks » \ wie man so sagt. Ich aber hätte mich, wenn mir nicht seit langem die Geringschätzung von euch Kaisern gegenüber uns Bürgern bekannt wäre 2 , in der Annahme, verachtet zu werden, sehr gegrämt. D a ich aber schon oft viele, die von eurer Seite Ehrung verdient hätten, übergangen sah, hielt ich auch mich selbst für einen von ihnen; so war ich zwar enttäuscht, tröstete mich aber über meinen Kummer mit ihrem Beispiel. Was bleibt uns also nun anderes, als 10 dein Verstummen für eine Mahnung zum Schweigen zu halten, (die be sagt), wir sollten dir nicht mit Briefen lästig (fallen) und geschwätzig er scheinen ? Wir wollen also der Zunge eine Fessel anlegen, aber keineswegs auch damit aufhören, liebevoll um euer Ergehen besorgt zu sein. Denn das eine schützt uns vor einem Risik0 3 , das andere aber geschieht zu deinem Vorteil . K 1. OKyd: Kyd. wartet an seinem gewohnten Aufenthaltsort auf Post. OE: Zur vermute ten Abfassungszeit des Briefes (s.u., D) hält sich Manuel in Thessalonike auf. D: Der Brief steht gemäß LC 11, XIV in Heft 4, datiert auf 1 3 82/8 3 . Aus dem Beginn von Manuels Aufent halt in Thessalonike (November 1 3 82 ) ergibt sich ein terminus post quem. Der erste sichere Brief Manuels an Kyd. nach dessen Abreise ist LetMan Nr. 3, der durch T241 (Z.5) bestätigt wird. Dem Brief T241 gingen fünf Briefe ( der annullierte Brief T240 nicht mitgezählt) des Kyd. an Manuel voraus, die wahrscheinlich nicht beantwortet wurden. In dieser Phase könnte also das vorliegende Mahnschreiben des Kyd. bereits untergebracht werden. Mit LetMan Nr. 4 antwortete Manuel auf T242. Es folgte wahrscheinlich das Empfehlungsschreiben T249 für Theodoros Kantakuzenos, auf das Manuel nicht antwortete, das aber gleichwohl erfolg-
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
reich war, wie T254, Z.22 - 2 6 zeigt. Erst auf T256 antwortet LetMan Nr. 1 0 . Ein Brief wie dieser, der Manuel Säumigkeit im Schreiben vorwirft, überrascht also nicht. Eine genauere Datierung (Frühj ahr/Sommer 1 3 8 3 ) ist möglich, weil der Brief zweifellos zusammen mit T254 ( an Theodoros Kantakuzenos ) abgeschickt wurde, in dem das Ausbleiben von Briefen aus Thessalonike mit dem Übermut des Kaisers und seiner Anhänger wegen ihrer Erfolge gegen die Türken erklärt wird. Er ist daher nach T249 und jedenfalls vor dem Fall von Serres (September 13 8 3 ) verfaßt. II. BKyd: Siehe A.2. BE: Siehe D. Xl : Phialites, Briefbote, nochmals erwähnt L427, 1 3 , ferner i n einer Urkunde (siehe PLP 2971 3 ) . Ep: Mehrere Briefe Manuels a n Adressaten in Konstantinopel, aber nicht an Kyd. (Z.4 - 6 ) . 1II. Hss: A 28v- 29r, Nr. 1 3 ; U 5 1 ", Nr. 3 9v• IV. 1 W. : OUÖE ygü (siehe Bd. I12, T8 1 , A.3 1 ) . 2 Der resignierende Ton gegenüber dem sonst so enthusiastisch verehrten Freund er scheint ungewöhnlich. Doch zeigt sich Kyd. am Schluß des Briefes wieder versöhnlicher. 3 W. : EXELVO yag �IlLV ao<j)aAElUV . . . EXEL. Gemeint ist: Wenn wir schweigen, haben wir keine Kritik wegen Aufdringlichkeit oder Geschwätzigkeit zu fürchten.
254 - AN THEODOROS KA NTAKUZENOS L: 254; OKyd: Konstantinopel; OE: Thessalonike; D: Frühjahr/Sommer 1 3 83; wI: Sarka stischer Tadel des Adressaten, der es ebenso wie Kaiser Manuel im Taumel der kriegerischen Erfolge gegen die Türken nicht für nötig gehalten habe, Kydones zu schreiben.
Wie das ? Vor dem Erfolg (schon) die Freunde vergessen ? Sollen wir 5 daraus vor dem Sieg die Zeichen der Zukunft entnehmen ? Wie werdet
ihr dann erst sein, wenn ihr gesiegt habt, euch bekränzt und von den Schmeichlern größeres Lob hört, als es euren Taten entspricht? Ich glaube, daß ihr dann nicht nur das Schreiben einstellt! , sondern sogar denen zürnt, die uns nicht hinauswerfen2 , wenn wir vorsprechen, und wenn wir den Ehrgeiz haben, (doch) zu erscheinen, sofort euer Antlitz 10 wie von einem unangenehmen (Anblick) abwendet. Solches zu prophe
zeien haben wir Anlaß, weil ihr - noch von der Woge kriegerischer Er folge getragen und von dem Argwohn, die Lage könne sich verschlech tern, nicht völlig befreit - keinen Gedanken an uns verschwendet3; aber der Gipfel der Geringschätzung ist es, daß ihr uns auch brieflicher (Mittei lungen) für unwürdig haltet. Dafür wollen wir euch zwar tadeln, es euch aber nicht nachtragen, sondern euch Sieg, Ruhm, Reichtum und alles 15 andere Glück wünschen, auch wenn ihr vorhabt, uns daran ganz und gar
nicht teilhaben zu lassen. Wenn ihr es aber auch noch für recht haltet, so
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BRIEFE T253 - 255
mit den Freunden umzugehen, und glaubt, es werde euch zum Ruhm gereichen, wenn die Fama solches von euch berichtet, sollt ihr es (meinet wegen), wenn ihr es geprüft habt, für das Bessere halten; doch bin ich überzeugt, daß sich dadurch die Zahl eurer Freunde vermindert, euch aber Leute, die euch Böses wünschen, in reichlicher Menge erstehen wer den. Nun will aber wohl niemand, daß sich seine Tadler vermehren. Daß 20 dir dies widerfährt, möchte ich dir nicht wünschen, daß du (also beispiels weise) den Anschein erweckst, dein Glück sei dir wichtiger als die Freun destreue. Aber vielleicht erscheine ich dir, wenn ich dich so ermahne, als (gar) nicht (so) schlechter4 Ratgeber. Bei denen aber, die dich anklagen, weil du uns nicht geschrieben hast, habe ich eine Entschuldigung (für dich) gefunden, indem ich sage: « Kantakuzenos ist ein treuer Freund, der seine Freunde niemals freiwillig vergessen würde. Da aber der Kaiser nicht schrieb, vermied er es, da er Verstand hat, uns gegenüber gerechter 25 zu erscheinen als j ener. » K I. OKyd: Siehe T253 , OKyd, D. E: Siehe T249, X l . OE: Wie Brief T249 angekündigt hat, ist E inzwischen in Thessalonike bei Kaiser Manuel eingetroffen. D: Siehe T253, D . II. BKyd: Kyd. fühlt sich, wie v o n Kaiser Manuel, so auch von d e m Mann, den e r dem Kaiser empfohlen hat, vernachlässigt. Xl : Ein Kaiser, der Kyd. nicht geschrieben hat, Manuel II. (Z.24 - 26 ) . ZC: Kaiser Manuel hat zwar in Thessalonike Erfolge gegen die Türken zu verzeichnen, aber ein durchschlagender Sieg steht noch aus (Z. 1 0 f. ) . III. Hss: A 29r, Nr. 1 4 ; U 4OCv, Nr. 52. IV. 1 W. : uflä.� . . . OLwl't1)oeo8m. 2 W. : LoI� . . . E�cAaoouOLv, Partizip des Futurs EAaow ( attisch EAW ) . 3 Die Zeichensetzung der Edition sollte zur Verdeutlichung wie folgt geändert werden:
w'Üw l'tc(8cL flavLcueo8m LO - LWV aywvwv E8' U fllv aXfla�ovLwv xal Lfj� LWV XELQovwv ul'tO'lj!(a� OUl'tW xa8aQw� AcAUflEvll� - ouöEva l'taQ' U flWV cLvm AOYOV �flwv. Zum Inhalt: In den Enthusiasmus über die kriegerischen Erfolge mischt sich also doch noch die Sorge, die Lage könne sich verschlechtern. 4 W. : ou xaxov '(ow� OU�lßOUAO� ö6�w. Hs A zeigt hier eindeutig xaxov, was aber vielleicht ein seltener graphischer Lapsus des Kyd. für xaxwv ist, da meines Erachtens xaxwv . . . OUflßOUAO� (Ratgeber zu schlechten Dingen) zu lesen ist. Loenertz äußert sich nicht dazu, wie er xaxov hier verstehen will.
255 L: 3 1 2; OKyd: Konstantinopel; E: Kaiser Manuel II. Palaiologos; OE: Thessalonike; D: Frühjahr/Sommer 1383; wI: Klage über die lethargische Stimmung in der Hauptstadt; Freude über die Kunde von Erfolgen Manuels im Kampf gegen die Türken; Hoffnung, daß sein Mut auch manche in Konstantinopel zu Taten anspornen werde.
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
0, wer wird uns endlich einmal deinen Anblick gewähren, nach dem 5
sich alle sehnen, an dem sich aber (nur) die Glücklichen freuen können? Bei uns jedenfalls hat das Unglück so überhand genommen, daß wir uns eine bessere Situation schon nicht mehr vorstellen können. So sitzen wir da und vergleichen die mit den Seligen, die bei d ir sind und an deinen Reden und Taten Anteil haben. Denn auch die täglichen kriegerischen Auseinandersetzungen und der Waffenlärm werden nichts daran ändern können, daß man sie (selig) nennt; sie werden vielmehr ihren Ruhm
10 (noch) vermehren, wenn denn wirklich ein Leben in tapferer Bewährung
glückseliger ist als eines in stumpfer Gleichgültigkeit1 . Uns aber erlaubt man weder, zu dir zu eilen, noch bekommen wir hier etwas zu sehen, was mit deinen Taten vergleichbar ist. Geradezu als einen Schlag aber emp fand ich es, daß ich durch die Krankheit sogar daran gehindert wurde, Laskaris zu sehen. Wenn ich ihn getroffen hätte, wäre mir wohl (nur) wenig von dem, was bei euch geschieht, entgangen. Nun aber wurde mir zugleich bekannt, daß er gekommen und (schon wieder) auf dem Rück15 weg sei, so daß durch meine Betrübnis die Krankheit, von der ich mich
erholt hatte, einen erneuten Anlaß erhielt, wieder auszubrechen. Als ich aber die, welche mit ihm zusammengetroffen waren, fragte, ob sie etwas Genaues darüber sagen könnten, weshalb er gekommen sei, erhielt ich widersprüchliche (Antworten), weil j eder das Wahrscheinliche (noch) übertrumpfen wollte2 . Es wußten3 aber alle gemeinsam von der See schlacht, der auf sie folgenden Feldschlacht und vom Sieg in beiden. Sie sprachen auch von einer hohen Zahl Gefallener und Gefangener, und daß 20 der gesamte (Erfolg) des Kampfes der Fähigkeit des Kaisers zu verdanken
sei, der es verstehe, die Bürger von Thessalonike in Marathonkrieger zu verwandeln, und es (ihnen) zur Gewohnheit mache, die in die Flucht zu schlagen, vor denen es sie früher schon schauderte, wenn sie nur von ihnen (reden) hörten. Von derlei Berichten läßt du unsere STADT widerhallen\ und sie sind geeignet, vielleicht auch (noch) einen anderen, einen zweiten und einen dritten zu ermutigen. (Gewiß) läßt das Siegesmal des Miltiades Leute wie 25 Kimon 5 bei uns nicht schlummern, sondern sie werden aus dem Schlaf
aufwachen, sich vielleicht ihre Gleichgültigkeit vorwerfen, ihren Blick auf deine Kriegstaten richten, selbst nach dem Sieg trachten und (j edenfalls) etwas tun, was der Großen STADT würdig ist. So laß es denn geschehen, ERLÖSER, daß viele bei uns Nacheiferer deiner Taten werden.
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K I. OKyd: Die STADT (Z.22 ) bzw. die Große STADT (Z.2 6 f. ) . E, OE: Ein Kaiser in Thessalonike ( Z.20 f. ) , zweifellos Manuel Palaiologos. D: Die Siege Manuels über die Türken zu Wasser und zu Lande (Z. 1 7 - 20 ) werden gemäß DenReign 72 f. und BarkMan 48 f. auch in seiner Rede an die Bewohner Thessalonikes (Herbst 1 3 8 3 ) als unlängst, also etwa zwischen Mai und August 1 3 8 3 , errungene Erfolge erwähnt. 11. BKyd: Kyd., der an der Lethargie Kaiser Ioannes' V. und der Bewohner Konstantino pels leidet, wird daran gehindert, zweifellos vom Kaiser (siehe T24 8, Text zu A. 1 3 ), zu Ma nuel nach Thessalonike zu kommen. Er bedauert, daß er wegen einer Erkrankung Laskaris (Xl ) bei seinem Besuch in Konstantinopel nicht getroffen habe. BE: Siehe D . Xl : Ein gewisser Laskaris unbekannten Vornamens, ein Mann aus der Umgebung Manuels in Thessalonike, der sich kurzfristig in Konstantinopel aufhielt und dort von den Taten Manuels berichtete (Z.12), gemäß Bd. V2, T 0 1 3 7 ein Freund des Kyd. (PLP 14505 ) . ZG: Siehe D. III. Hss: A 1 1 6rv, Nr. 4; U 227V - 22 8 ', Nr. 227. IV. 1 W. : f-lE't' aßEhT]Q(a�. 2 W. : EXa.O'tQU 'to Öoxoüv ßOUAOf-lEVOU VLxäv. 3 In der Edition steht hier versehentlich �ÖOV. Mit Hs A ist EIÖov zu lesen. 4 W. : 'tllv IIoALv EvEJtAT]Oa�. 5 Ca. 5 1 2 - 449 v. Chr., athenischer Staatsmann, Sohn des Staatsmannes und Heerfüh rers Miltiades, der dessen Kampf gegen die Perser fortsetzte.
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AN KAISER MANUEL
L: 326; OKyd: Konstantinopel; E: Kaiser Manuel 11. Palaiologos; OE: Thessalonike; D: Frühjahr/Sommer 1 3 8 3 ( ? ) ; wI: Kydones hat erfahren, daß der Kaiser seine Briefe in ein Ko pialbuch abschreiben läßt, und sieht diese Entscheidung als Strafe an, weil so auch die Nach welt sie lesen und wegen ihrer angeblich zahlreichen stilistischen Fehler mit Spott und Verach tung aufnehmen werde.
Weil du mich anscheinend für meine Treue zu dir bestrafen wolltest, hast du aus meinem Geschwätz ein Buch gemacht. Ich sehe nämlich nicht,
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welche Verfehlung ich sonst begangen hätte, daß du ein solches Urteil über mich verhängt hast, mich nicht nur vor meinen Zeitgenossen, son dern auch vor zukünftigen Generationen lächerlich zu machen, welche meine darin enthaltenen Äußerungen - oder vielmehr Entgleisungen lesen werden, in denen man mehr sprachliche Schnitzer als Wörter finden kann. Gleichwohl mußte der, welcher dies vorhatte, seinen Anschlag auf mich verschweigen, damit ich in Unkenntnis der Tatsachen nicht gekränkt 1 0 sei. Du läßt mich aber (auch noch), damit ich u m s o lächerlicher er scheine, wissen, daß das Machwerk nun abgeschlossen sei. Damit sagst
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
du ja beinahe (schon) voraus, daß ich auch nach meinem Tod, ähnlich wie Thersites\ auf immer dem Spott nachfolgender Generationen der Hellenen2 ausgesetzt sein und von meinen Lesern, so wie j ener für un ziemliche Reden in der Öffentlichkeit, für meine Geschmacklosigkeit Schläge erhalten werde. Noch mehr aber kann man darüber lachen, daß 1 5 du mich sogar ermunterst, noch mehr solches (Zeug) zu schreiben, und
mir mitteilst, daß du in dem Buch noch für zukünftige Briefe Platz gelas sen hast3 ! So wenig Gespür für mein eigenes (Können) traust du mir zu, als würde ich mir von mehr Geschwätz mehr Lob erhoffen, so wie wenn ein schlechter Kämpfer im Theater, der für sein Versagen von den Zu schauern ausgepfiffen wird, daraufhin noch weitere Fehler macht und sich dafür einen um so prächtigeren Siegeskranz erhofft. Aber ich will 20 mich nur für das zuvor Geschriebene tadeln, da ich es nicht zurückneh
men kann, um es zu vernichten. D och werde ich fortan Hand und Zunge lehren, ihre Grenzen zu wahren, und wenn ich an dich schreibe, darauf noch mehr achten, damit ich nicht zu allem anderen auch noch den Fehler begehe, durch häßlichen Stil deine Taten zu schmälern, die (j a) die Musen kunst eines Pindar verdient haben. So wollen wir (lieber) schweigen, da25 mit nicht auch von uns j emand die Linsensuppe des Chalazas4 ver
schütte 5 . K I. OKyd, E, OE: Die Situation entspricht der von T252 an Akakios, den Kopisten der Kydones-Briefe. D: Brief T252 an Akakios steht gemäß LC II, XIV in Heft 26 ( 1 3 82/8 3 ) , vorliegender Brief i n Heft 20 ( 1 3 83/8 6 ) . Dessen Abfassung bald nach ( oder zusammen mit) T252, jedenfalls Frühjahr/Sommer 1 3 8 3 (vor dem Fall von Serres, von dem keine Rede ist), steht von daher also nichts entgegen. II. BKyd: Kyd. treibt den epistolographischen Topos der Bescheidenheit auf die Spitze, wenn er den ehrerbietigen Umgang seines Freundes mit seinen Briefen so entschieden zurück weist; doch hat Manuel seinen Freund wohl richtig verstanden, wenn er diese Selbstkritik eher als ironisch gemeint versteht ( s.u., BE) . BE: Zu der von Kaiser Manuel in Auftrag gegebenen Sammlung von Kyd.-Briefen siehe A . 1 und T252, E. Er beantwortete vorliegenden Brief mit LetMan Nr. 10, von Dennis auf 1 3 8 3 - 8 7 datiert, doch wahrscheinlich bald nach T25 6 abgefaßt. Hier interpretiert er die Ausführungen des Kyd. als Scherz (l'ta�ELv), der aber nicht ungefährlich für ihn sei: Wenn er seine eigenen untadeligen Briefe zum Geschwätz erkläre, werde er gerade durch diese Behauptung zum Schwätzer ! Xl : Chalazas, ein gemein samer Bekannter des Kyd. und Kaiser Manuels, der hier nur wegen der metaphorisch verwen deten Anspielung auf eine Episode erwähnt wird (s.u., AA und 5 ) . III. Hss: A 105v, Nummer fehlt. Die beiden letzten Briefe von Heft 20 (L325 Bd. II 2, T67 und vorliegender Brief) sind in A nicht numeriert; U 22F- 222r, Nr. 223; B 247rv, Nr. 1 0 1 . =
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IV. 1 Kyd. vergleicht sich wie oben, T252, A.7, mit Thersites. Zu diesem antiken Proto typ eines widerwärtigen Schwätzers s.o., Bd. 112, T 0 1 3 6, A. l . 2 Zum Begriff « Hellenen» s.o., Bd. 112, T49, A. 1 6 . 3 Z u dieser Briefsammlung siehe LetMan Nr. 1 0 , A. 1 ; DenReign 9 6 . Als Kopist war gemäß T252 der Kleriker (oder Mönch) Akakios tätig. 4 Chalazas, von Kyd. nur hier erwähnt, gemäß PLP 30359 vielleicht identisch mit einem Andronikos Chalazas in den Akten des Athosklosters Docheiariu. 5 W. : Die Edition hat Xa1:EXETI, was Druckfehler für xa-raXETI ist, wie auch der Mikrofilm der Hs A bestätigt. Eine Episode - das Verschütten einer Linsensuppe -, die sich vielleicht in der Umgebung Kaiser Manuels ereignet hatte und j edenfalls beiden Briefpartnern bekannt war, wird hier als Metapher für einen ungeschickt formulierten Brief verwendet, den Kyd. durch « Schweigen » vermeiden will.
257 L: 267; OKyd: Konstantinopel; E: Ioannes Asanes; O E : Euboia; D: Sommer 1 3 8 3 ; wI: Kydones schildert eindringlich die Enttäuschung, die er empfand, als er Asanes, dessen Rück kehr von Euboia er erwartete, in einem Hafen Konstantinopels abholen wollte, ihn unter den Passagieren des ankommenden Schiffes nicht fand und einige von diesen, darunter auch der kaiserliche Gesandte Sebastopulos, ihm mitteilten, Asanes plane eine Reise auf die Pelopon nes, um sich dort seinen Anteil am väterlichen Erbe zu sichern. Er tadelt ihn, daß er weder Sebastopulos mündlich noch irgend jemandem in Konstantinopel, nicht einmal dem Kaiser hof, brieflich die Änderung seiner ursprünglichen Absicht, nach Konstantinopel zu kommen, mitgeteilt habe, und spricht die Besorgnis aus, seine Verstöße gegen jegliche Etikette könnten sein Ansehen bei Hofe ruinieren.
(Noch) bevor die Seeleute aufhörten zu rudern I , eilte ich mit deinem
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OnkeF freudig zum Hafen, überzeugt, dich alsbald zu sehen. Denn nie hätte j emand geglaubt, du würdest noch dort bleiben, da dir die venezia nische Galeere 3 zur Verfügung stand. Sobald diese einlief und (bereits) aus der Nähe erkennbar war, schauten wir genauer nach denen, die auf dem Achterdeck saßen, ob wir dich unter ihnen irgendwo entdecken könnten. Als das Auge sie aber bereits unterscheiden konnte, du aber nirgendwo (zu sehen) warst, fragten wir den, der zuerst ausstieg, wo auf 1 0 dem Schiff d u dich (wohl) aufhieltest. E r aber glaubte, wir seien vielleicht von denen, welche die Wahrheit nicht wüßten, getäuscht worden, und rief laut: « Den Asanes haben wir noch auf Euboia zurückgelassen » , und er fügte hinzu, daß du entschlossen warst, auf die Peloponnes zu reisen, um deinen Bruder zu besuchen und von ihm das, was dein Vater dir hinterlassen habe, in Empfang zu nehmen. Wir aber glaubten, er rede
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
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Unsinn, und gingen zu einem anderen, um ihn dasselbe zu fragen. Als wir aber feststellten, daß dieser, der dritte, der vierte und der Reihe nach alle anderen einhellig dasselbe sagten, hielten wir das Warten auf den Pferden nicht mehr für erträglich, sondern stiegen ab und versuchten an Bord zu gehen, weil wir genauer erfahren wollten, wie es sich denn mit dir ver halte. Wir waren aber schon an vielen vorbeigegangen, da trafen wir Se-
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bastopulos und waren überzeugt, einen gefunden zu haben, von dem wir die Wahrheit erfahren würden. Er aber bestätigte uns, wir hätten das tatsächlich Zutreffende erfahren: Du seist nicht zurückgekehrt und wür dest auch nicht mehr lange auf Euboia bleiben, sondern nach Arkadien weiterreisen, um von deinem Bruder zu fordern, was er dir vom väterli chen Erbe schulde. Wir waren also nun betrübt, den bis dahin (so) sehnlich Erwarteten zu entbehren, zumal wir besorgt darüber nachdachten, welchen Schaden
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dein Haus wegen deiner langen Abwesenheit nehmen könnte, und zöger ten nicht, Sebastopulos offen zu tadeln, weil er den Freund nicht wieder mitgebracht habe und an nutzlosem Umherreisen den nicht hindere, der vielleicht aus Unkenntnis der hiesigen (Situation) nicht besorgt sei, durch Abwesenheit seinem Besitztum zu schaden; er hätte ihn aber (auch) als Freund informieren sollen, welche Entscheidung ihm nützlich gewesen
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wäre . Mit solch heftigen Vorwürfen überschütteten wir ihn. Er aber sagte4 : « Wohin mag denn nur Asanes entschwunden sein ? Ich habe ihn nämlich aus diesen und vielen anderen Gründen, vor allem aber, weil ich sein Freund bin, gesucht und konnte ihn nicht finden. Zur Zeit aber, als (unser Schiff) ablegte, eiferte die Stadt5 dem Euripos6 vor ihren Toren nach: Alle waren unterwegs, sie gingen oder kehrten zurück, man be grüßte und verabschiedete sich, brachte Geschenke, erhielt Briefe von Freunden, schickte Briefe an Freunde; alles wimmelte um uns herum wie
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ein Bienenschwarm. Hier sah man, wie j unge Mädchen von den Mauer zinnen herunterschauten, dort, wie Greise sich um die Tore drängten oder Kranke von Gesunden an der Hand geführt wurden, und überhaupt war die Stadt damals wie zu einem Festzug hergerichtet. In all dem (Gedränge) war nur Asanes nicht zu sehen, so daß mich sogar ein Schrecken befiel, wir suchten vergebens einen, der bereits gestorben sei; es habe ihn der
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Tod hinweggerafft und halte den Gesuchten verborgen. Von dieser Angst aber befreiten mich viele, die gerade noch mit ihm zusammen gewesen waren, und versicherten, er sei am Leben und bei Gesundheit, doch sei
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BRIEF T257
auch ihnen unbekannt, was ihn davon abhalte, mit den Freunden zu sei nen Freunden zu reisen. « Das also sagte er und redete uns zu, zuversicht lich zu sein, so als (wollte er damit andeuten?, daß du vielleicht im Herbst zurückkehren könntest. Wir aber hielten uns, da wir die erste Chance verfehlt hatten, an die zweitbeste8 : wir gingen umher und erkun digten uns, ob j emand zu dieser (Frage) einen Brief mitbringe. Als aber 45 darüber ebenfalls niemand etwas wußte, entfernten wir uns aus dem Ha fen wie Leute, die Schiffbruch erlitten haben; dabei betrübte uns weniger die verpaßte Gelegenheit, dich zu treffen, als die Schande, die diese Aus künfte für uns bedeuteten. Als wir im Palast ankamen, (mußten wir feststellen), daß das Gerücht uns bereits zuvorgekommen war und alle mit der Kunde von dir in Schrecken hielt. Deine Freunde waren bleich und stumm, als ob sie selbst 50 bei schändlichsten (Vergehen) ertappt worden wären, deine Feinde aber lachten und jubelten; sie wiederholten oftmals das Ges·agte und schmückten es mit ihren eigenen Zutaten aus, wie es die Rhetoren in einem Rechtsstreit (tun? Die (Angelegenheit) blieb aber auch dem Kaiser nicht unbekannt. Denn Sebastopulos ließ in das, was er als Gesandter zu sagen und als Antwort der Venezianer mitzuteilen hatte, auch die Nachrichten über dich einfließen. Sonderbar erschien aber auch dem Kaiser alles, und 55 er stellte fest, daß durch die Mißachtung seines Gesandten1 0 auch seine eigene Ehre verletzt worden sei. Auch mir hielt er, als ich zu ihm in (den Palast) kam, das Geschehene vor und bemerkte tadelnd: « Dein Freund hat uns nicht einmal eines Briefes gewürdigt. » Als ich aber den Vorfall deiner j ugendlichen Unbedachtheit zuschrieb, und (dazu riet), nicht nach tragend zu sein, wenn j emand aus Unerfahrenheit solche Fehler begehe, wollte er diese (Entschuldigung) nicht zulassen, sondern deutete das Vor- 60 kommnis als Feindseligkeit und Bosheit gegen seine Person . So ging ich denn auch noch mit dieser Ohrfeige weg, voll böser Ahnung, aus dem Gesagten werde nichts Gutesl l erwachsen. Ich konnte aber (auch), als ich während der ganzen Nacht das Gesagte und Geschehene bei mir allein überdacht hatte1 2 , nicht herausfinden, was die Ursache für (dein Verhal ten)1 3 sein könnte. Sag also selbst, um Gottes willen, was man davon halten soll und was wir denen, die dich dafür anklagen, zur Verteidigung erwidern sollen, 65 ohne als unbedachte Schwätzer zu erscheinen ! Denn alle erwarten von mIr, daß ich für dein Tun Rechenschaft gebe . Ich aber habe nichts zu
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
sagen, muß, zur Erde gebeugt, die Vorwürfe über mich ergehen lassen und ebenso wie die Frager meine Unwissenheit zugeben. Wie sollte ich denn auch Bescheid wissen, da (doch) das (Verhalten), das du jetzt zeigst, dem früheren genau entgegengesetzt zu sein scheint? Denn wenn ich dich 70 für einen j ener Stubenhocker hielte, die aus Einfalt und Trägheit die Ver
sammlungen der Männer meiden, würde ich nicht darauf bestehen, nach dem Grund deiner Entscheidung zu fragen, sondern hätte sie aus deinem unglückseligen Charakter erklärt und dich nicht dafür getadelt, daß du, statt in der Öffentlichkeit, lieber in Abgeschiedenheit leben wolltest. Nun bist du aber aufgrund deiner Abstammung den anderen überlegen, von Kind an vielfach an den Umgang mit den Höhergestellten bei uns ge75 wöhnt und dem Kaiser, aber auch dem Senat wohlbekannt; du bist einer
von denen, die oft für das Vaterland gekämpft haben, wirst sogar den hervorragendsten Rhomäern gleichgestellt und verfügst über einen ge sunden, kräftigen Körper ; viele loben auch deine Intelligenz, und über haupt zeigst du an ruhmreichen Eigenschaften keinen Mangel. So sage (mir denn), was dich dazu bewegt hat, an j enem Tag1 4 bei den Mäd chen 15 in der Stube zu sitzen, auf das Zuschauen bei einer so eindrucks vollen Festlichkeit16 zu verzichten und, obwohl es dir freistände, ein 80 ruhmvolles Leben zu führen, (schon) vor deinem Tod geradezu dich
selbst zu begraben ? Ich bin aber auch ratlos, in welcher seelischen Ver fassung du warst, daß du die Trompeten, die Herolde und das Geschrei der Menge unbewegt anhören konntest und allein standhaft zu Hause bliebest. Denn du warst nicht wie Paulus zum dritten Himmel entrücktI ?, so daß du, mit Göttlichem beschäftigt, die menschlichen Angelegenheiten hättest vergessen müssen. Wenn aber nun sogar Krieg gewesen wäre und 8 5 alle hätten ausziehen und mit Waffen das Vaterland gegen die Angreifer
verteidigen müssen, hättest du es auch dann wohl über dich gebracht, als Feigling zu erscheinen und dich zu verstecken? Ich muß jedenfalls, wenn ich mir (dein Verhalten) in diesem Fall ansehe, feststellen, daß du ein anderer geworden bist. In all diesen Dingen habe ich von Anfang an ganz entgegengesetzte Erinnerungen an dich. Schienst du mir doch oft sogar eines Zügels zu bedürfen, daß er dein allzu heftiges Temperament mäßige. Wieso aber hast du nicht daran gedacht, daß es recht und billig gewe90 sen wäre, dich von dem Gesandten des Kaisers bei seiner Rückreise zu
verabschieden und ihn (seinem Rang) entsprechend zu ehren - haben ihm
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BRIEF
T25 7
doch sogar die, die mit dem Kaiser gar nichts zu tun haben, mit allem, was ihnen zur Verfügung stand, Lebewohl gesagt - , oder auch, dem Kaiser zu schreiben, einerseits, um der Pflicht zu genügen, dann aber auch, um ihm die dir zugegangenen Nachrichten über auswärtige Angelegenheiten, ob etwas im Gange oder zu erwarten ist, mitzuteilen - du weißt j a, wie sehr die Kaiser so etwas schätzen ! - , oder auch, in deinen eigenen Angelegenheiten Bitten vorzubringen - (ich meine) das, was er dir bei
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deiner Abreise versprochen und bis j etzt auch eingehalten hat1 8 -, oder auch, ihm für den (militärischen) Schutz1 9 D ank auszusprechen? Wenn du aber dies für überflüssig hieltest - ich weiß allerdings nicht, was wich tiger als dies wäre - , was hinderte dich, deinem Onkel zu schreiben, entweder weil du ihn ehrst oder weil du dich ohnedies um dein Haus20 kümmern mußt? (Was aber) meinen eigenen (Anspruch betrifft), so halte ich es für unnütz, ihn j etzt zu prüfen; (jedenfalls) scheinst du mich j etzt - 1 00 im Gegensatz zu deinen früheren Versprechungen, an mich zu denken eher vergessen zu haben, obwohl du mir oft geschworen hast, mich schlichtweg allen vorzuziehen. Gleichwohl! Wenn du auch meintest, daß auf mich (nur) wenig Rück sicht (zu nehmen sei), so war dies doch der Kaiserin gegenüber ungehörig, da sie deine Verwandte2 1 und dein Vormund ist und dich bis j etzt vieler Sorge gewürdigt hat. Wenn du (also) auf diese Weise alles, was dich be trifft, Hals über Kopf im Stich läßt, kannst nicht einmal du selbst abse hen, auf was du dich sehenden Auges einläßt. Jedenfalls solltest du den 1 05 j ähen Sturz in den Abgrund fürchten, der bei solchem Verhalten absehbar ist! Ich fürchte (aber), daß die Untätigkeit Ursache deines schlechten Be nehmens ist und du, weil du dich aus der Gesellschaft der Guten zurück ziehst, unversehens durch schlechten Umgang verdorben wirst. Das beun ruhigt mich zutiefst, und ich fürchte, es könnte dir künftig etwas zusto ßen, was deine Freunde dir nicht wünschen und was dir heillosen Scha den, deinen Freunden aber Kummer ohne Ende einbringt. Möge Gott dies 1 1 0 verhüten ! Jetzt aber, du Ausbund von Leichtsinn, der du, als du hier warst, soviel mündlich versprochen hast, es in Abwesenheit aber anderen überließest, deine Versprechungen einzulösen, komm entweder schleu nigst zurück, um dich mit denen zu streiten, die dir maßlose Schlaffheit vorwerfen, und dich selbst vom schlechten Ruf zu befreien, oder teile (uns), wenn du (dort) bleibst, (wenigstens) schriftlich mit, was in aller Welt man den Anklägern zu deiner Verteidigung sagen soll. Ich jedenfalls 1 1 5
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
bin es leid, Entschuldigungen (für dich) bei denen zu erfinden, die be haupten, daß du geradezu den Verstand verloren hast. K 1. OKyd: In der Stadt, in welcher der Kaiser ( X5 ) und die Kaiserin (X6) residieren. E: Ein Asanes (Z. 12.29 . 3 8 ) , zweifellos identisch mit dem Empfänger von T23 9 (dem Brieftitel nach Ioannes Asanes ) , der sich ebenfalls auf Euboia aufhält. OE: Euboia (Z. 1 1 .2 1 ) . Er plant eine baldige Reise auf die Peloponnes (Z. 1 2 f.; vielleicht nach Arkadien, Z.2 1 f., doch könnte Et� 'AQx
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BRIEF T257
Loenertz, LC II 5 7, zu L 1 85, Z.2) und 1 72, A.58 vermutet, er sei identisch mit Michael Asanes, Statthalter auf der Peloponnes (PLP 9 1 3 76 ) . X4: Sebastopulos (Z. 1 9 .25.5 3 ) , Gesand ter Kaiser Ioannes' V. auf Euboia, soeben nach Konstantinopel zurückgekehrt. Zu seiner Identität siehe die Überlegungen Bd. II, T200, X2. X5: Ein Kaiser (Z.53.55.74.90), zweifellos in Konstantinopel, Ioannes V. Er ist über das Verhalten des Asanes gegenüber seinem Gesand ten (siehe BE) verärgert (Z.53 - 60 ) und hätte zumindest einen Brief von ihm erwartet (Z.9 1 ) . X6: Eine Kaiserin (ö€oJ'tOlva) , Z . 1 02, zweifellos Helene, die Gattin Ioannes' V. (PLP 2 1 3 6 5 ) .
Sie wird als UVE't\JUl des Adressaten bezeichnet (siehe A.2 1 ) . Loenertz und TrappAs (siehe X3 ) nehmen an, daß Manuel Asanes der Vater des Ioannes Asanes war. Eirene Asanina Kantakuzene (PLP 1 0 9 3 5 ) , die Mutter der Helene, war dessen Schwester. Demgemäß wäre UVE't\JlU hier mit « Cousine» zu übersetzen. Ep: Wie sich aus T25 8 , Z.4 f. ergibt, wurde dieser Brief von Asanes aus Euboia beantwortet. III. Hss: A 8 1 " - 8 3', Nr. 4; U 1 3 4v - 1 3 s r, Nr. 145. IV. 1 Die Galeeren der Zeit (s.u., A.3 ) verfügten gemäß G. Makris, Studien zur spätby zantinischen Schiffahrt, Genova 1 9 8 8 , 1 7 1 zugleich über Segel und Ruder. 2 3
Siehe X l . W.: 't ii � . . . 'tQli]QOU�. Die antike Bezeichnung « Triere » , also eigentlich Dreiruderer,
verwendet Kyd. konsequent für die Galeere seiner Zeit. Dazu Makris (wie A. 1 ), 1 7 1 . Gemäß Makris, ebd. 1 6 9 f. muß die spätbyzantinische Galeere anders ausgesehen haben als die hier erwähnte venezianische, doch besitzen wir bis heute keinen einschlägigen Fund aus dieser Epoche (siehe dazu auch ebd. 1 62 ) , so daß genauere Angaben nicht möglich sind. 4 Es folgt eine für Briefe ungewöhnlich lange wörtliche Rede. 5
Kydones nennt die Hauptstadt Euboias (gr. Euripos oder Chalkis, venezianisch Negro
ponte ) , von der hier wohl die Rede ist, nicht mit Namen. Doch ist die folgende Euripos Metapher wohl auch als Wortspiel mit dem Namen der Stadt zu verstehen. 6
Zu dieser wegen gefährlicher Strömungen berüchtigten Meerenge siehe Bd. II, T2 17,
A.6. 7 8
W. : WOJ'tEQ d xaL cb�. W. : i]I-lE'[� ö' uJ'to'tUXOV'tE� 'tOü J'tQQnou, 'tov yoüv ÖEV'tEQOV J'tAOÜV UJ'tTl'tOÜI-lEV. Zur
Vorstellung vom Brief als der zweitbesten (Metapher von der « zweiten Fahrt» gemäß PIPhd 99d, Phlb 1 9c, Pltk 300c) Möglichkeit des Kontaktes aus der Sicht der persönlichen Gegen wart siehe Bd. II, T90, A. 1 1 . 9 Die rhetorisch übertreibende Darstellung des Kyd. läßt das Verhalten von Freund wie Feind reichlich albern erscheinen. 10 Die Brüskierung bestand gemäß Z.78 f. 8 0 - 84. 8 9 - 91 in der unentschuldigten Abwe senheit des Asanes am Tage der festlichen Verabschiedung des Gesandten. 11 12
W. : OUÖEV VYl€�. Siehe Bd. 11, T132, A.4a. w.: J'tQo� EI-lau'tov . . . UvaAal-lßuvwv, übersetzt gemäß LSc, s.v., 11 4: to run over in
one's mind (Beleg: PlTi 26a). 13 14 15
W. : 'tov'twv. W. : 'tO'tE, sc., als das venezianische Schiff von Euboia abfuhr. Die Vorstellung, daß das unverheiratete Mädchen sich in der Regel im Hause aufzu
halten habe, ist in der byzantinischen Literatur ein beliebtes Klischee. Die Realität sah, zu mindest ab dem 1 1 .Jh., ein wenig anders aus. Dazu A. Laiou, The Role of Women in Byzan-
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
tine Society, lÖB 3 1 /1 ( 1 9 8 1 ) ( Akten, XVI. Internationaler Byzantinistenkongreß), 23 3 260, hier 249 -253. Vgl. auch oben, Z.35. 1 6 Hier ist das festliche Treiben beim Abschied des Gesandten Sebastopulos gemeint, wie es Z.3 1 - 3 7 (vgl. auch Z.8 1 ) beschrieben und in den folgenden Zeilen nochmals angedeu tet wird. 17 Vgl. NT2K 12,2. 1 8 Gemäß T25 8, 1 0 6 f. bezog Asanes eine finanzielle Unterstützung vom Kaiser. 19 W. : . . . 't'fic; <jrlJAux'fic;. Vielleicht ein kaiserlicher Geleitschutz auf der Reise. Auch T25 8, 1 14 - 1 1 6 ist von militärischem Schutz für Asanes die Rede. 20 Zum Haus des Asanes in Konstantinopel s.o., Z.24. Kyd. will sagen, daß Asanes, =
wenn er selbst noch nicht heimkommen könne, wenigstens die Hilfe seines Onkels (Xl ) in Anspruch nehmen solle, um sein Haus in Konstantinopel vor dem Ruin ( dazu unten, T25 8, Z. 74 - 79) zu bewahren. 21 W. : aVE'ljnäc;. Zur Deutung dieser Verwandtschafts bezeichnung siehe X6.
25 8 L: 264; OKyd: Konstantinopel; E: Ioannes Asanes; OE: Euboia; D: Spätsommer 1 3 8 3 ; wI: Asanes h a t brieflich seine Rückkehr nach Konstantinopel i n Aussicht gestellt, sobald er
von seinem Bruder auf der Peloponnes das ihm laut Testament seines Vaters zustehende Geld erhalten habe. Kydones, überzeugt, daß die Auszahlung sich aus mehreren Gründen verzö gern werde, rät ihm, den Plan einer Reise auf die Peloponnes aufzugeben, seine Schwester auf Euboia, bei der er zur Zeit wohnt, mit der Beschaffung des Geldes zu beauftragen und selbst so schnell wie möglich nach Konstantinopel zu kommen, da der Kaiser über sein Fern bleiben verärgert und sein dortiges Haus vor der Habgier seiner Feinde nicht mehr sicher sei.
Obwohl ich gewohnt bin zu j ubeln, wenn ich höre, daß Post von dir 5 angekommen ist, war ich diesmal, offen gestanden, betrübt, als j emand,
der von (Euboia) kam, mir sagte, er bringe mir einen Brief von dir. Hatte ich doch gehofft, dich alsbald wiederzusehen, und war auf eine entspre chende Nachricht täglich geradezu erpicht. Dein Brief aber, der (nun) aufschiebt, was wir uns gewünscht hatten, stimmte uns traurig, da wir uns in unseren Hoffnungen getäuscht sahen. Ich nahm ihn also mißmutig in Empfang, und als ich ihn gelesen hatte, fühlte ich mich zwar1 erleich10 tert, weil er mir mitteilte, daß du dich gesund und wohlbehalten bei dei
ner Schwester aufhältst, die, wie es recht und ihrem Geschlecht angemes sen ist, bei dir die Stelle der Mutter vertritt. Ich freute mich aber auch über die finanzielle Zusage2 deines Bruders. Es ist richtig, daß du ihn für seine Gesinnung lobst und einen guten Bru der nennst. Ich war aber (bereits) aufgrund anderer, wichtigerer (Gründe)
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davon überzeugt, daß er sich dir gegenüber als Verwandter und Bruder erweisen werde, indem er seinen Besitz mit dir teilt. Denn dir den Anteil 1 5 zu geben, d e r dir von deinem Vater he r zusteht, könnte wohl einem ande ren den Ruf der Gerechtigkeit einbringen, würde aber bei einem Bruder nicht als Beweis der Großmut genügen. Denn was die Gesetze vorschrei ben, ist ja j eder j edem schuldig, und wer sie nicht einhält, wird von allen als Schurke angesehen und bestraft. Verwandte aber bewundert man noch nicht dann, wenn sie zu dem, was die Gesetze vorschreiben, nichts freiwillig hinzugeben3 . Du j edoch tust gut daran, wenn du ihm auch dafür 20 (noch) dankst. D arüber also freute ich mich, wie gesagt, als ich deinen Brief durchlas4 • Ich war aber nicht erbaut, deine Ankündigung zu vernehmen, daß du (erst) nach Auszahlung des Geldes zu uns zurückkehren willst; denn das bedeutet geradezu den vorläufigen Verzicht auf die Rückkehrs. Und wenn du mich nach der Ursache meiner Bedenken fragst, will ich nicht zögern, dir das Orakel zu deuten. Alle, die deinen Vater gut kennen, sagen, daß er 25 stets beteuerte, er schulde dir tausend Stateren6, die deiner Mutter gehör ten und für dich bestimmt waren, die aber er für seinen Bedarf ausgegeben habe. Als er nun im Sterben lag und, wie es üblich ist, an ein Testament dachte, hielt er es für gerecht und zugleich dem Gesetz entsprechend, j enes Geld zurückzuzahlen und, wie deinen Geschwistern, auch dir einen Teil seines Besitzes zukommen zu lassen. So verfuhr er auch; er vermachte ih nen einen anderen Teil seines Vermögens, dir aber gab er zu den tausend 30 entsprechend mehr hinzu und glaubte damit dem Gesetz genügt zu haben. Dieses (Geld) ließ er bei deinem ältesten Bruder abgezählt zurück, und es sollte dir nach seiner Beerdigung sofort ausgehändigt werden. Denn er besaß keine Schaf- und Rinderherden oder Ländereien auf der Peloponnes, daß er dir diese auf die Schuld hätte anrechnen können. Er hatte nämlich j ene zuvor schon deinen älteren Geschwistern übertragen, weil er es viel- 3 5 leicht nicht für angebracht hielt, daß der, der nicht ortsansässig war7, son dern sich entschieden hatte, in der Großen STADT zu wohnen, auf der Peloponnes Land bestellen und Vieh weiden sollte . Daher vermachte er die dortigen Güter denen, die dort verbleiben wollten; dich aber befreite er von (solchen) Mühen und hinterließ dir das Geld. Die (damit) Beauftragten hätten es8 dir also aufheben und du hättest es erhalten müssen; dann hät test du an die Heimkehr denken und dich j etzt mit deinen anderen Ver- 40 wandten um deine häuslichen Angelegenheiten9 kümmern können.
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Aber anscheinend hat dein Bruder eine Gelegenheit, als er für seine Ausgaben (Geld) brauchte, genutzt und ein wenig das Recht und die Ver fügung des Vaters vergessen, hat das (für dich) beiseite Gelegte wie sein Eigentum verwendet und eine nicht ganz unbedachte Dreistigkeit an den Tag gelegt, wenn er im Vertrauen auf die Verwandtschaft den Besitz der Brüder als gemeinsamen verstand. Aber er wäre mehr gelobt worden, 45 wenn er dem rasch erworbenen Wohlstand gerechtes Handeln vorgezogen
hätte, anstatt nach kurzem Vergnügen j etzt gezwungen zu sein, an schmählichen Rückzug zu denken. Denn ist es vielleicht keine Schande, wenn er, nachdem das Vermächtnis in unangebrachter Weise ausgegeben wurde, jetzt erklärt, er werde die Pferde, Rinder und Feldfrüchte (wieder) verkaufen, um das Geschuldete auszahlen zu können? Ob er das nun allerdings auch j emals tun wird, weiß ich nicht. Ich bin j edoch überzeugt, 50 daß ihn das Feilbieten der Herden sehr viel Zeit kosten wird und du
entsprechend lange auf die Auszahlung deines Geldes (wirst warten müs sen) . Denn er wird ja (auch) umherziehen und Käufer suchen müssen, und wenn er sie mit knapper Not gefunden hat, wird es auf beiden Seiten viel Palaver geben. Außerdem wird man nicht einmal die Rinder des Ge ryon 10 für die Geldsumme verkaufen können, die dir geschuldet wird, zumal Vieh dort gegenwärtig fast keinen Wert hat; denn die Peloponne55 sier betrachten ihr gegenseitiges Eigentum als leichte Beute l l : Wer es ver
kauft, verschleudert sein Eigentum, als wenn es nichts wert wäre, für ein Spottgeld; die Käufer aber wollen es nicht einmal für einen so geringen Preis erwerben, weil sie überzeugt sind, daß ihnen die Räuber die Freude daran nicht lange erlauben werden. Es ist aber auch, wenn man davon absieht, rätselhaft, wenn dein Bruder dir (aus dem Erlös) von Ziegen und Schafen die Auszahlung verspricht, diese1 2 aber, wie du sagst, zuvor der 60 Despot1 3 für sich gefordert und ihm weggenommen hat. D a (ihm) dieses (Vieh) also geraubt wurde, sehe ich keine (Möglichkeit), woher du noch das dir Zustehende erhalten sollst. Aber selbst wenn j emand diese (Schuld) unverzüglich einlösen wollte, so wirst du doch ganz offensicht lich schwer zu finden sein, wenn du die Kühnheit hast, von Euboia auf die Peloponnes überzusetzen, wo überall, in den Gebirgen und in den Ebenen, Räuber auf der Lauer liegen. Durch wessen Vermittlung also 1 4 willst du deinen Bruder an das, was 65 er (dir) schuldet, erinnern oder (erreichen), daß j ener, wenn er denn über
genügend Geld verfügt, es dir ausbezahlt? Denn er wird entweder von
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vorneherein vorschützen, er vertraue niemandem, oder auch aus tatsächli chem Mißtrauen das (Geld) bei sich behalten, was auf dasselbe hinaus läuft, (nämlich), daß du nichts von ihm erhalten wirst. D araus folgt not wendig, daß du, wenn du (weiter) so zuwartest, statt des Geldes (nur) leere Hoffnung(en) ernten wirst. Außerdem wirst du deinen Aufwand aus eigenen Mitteln bestreiten (müssen) und (noch dazu) als Träumer verlacht werden. Dies sage ich aber, weil ich es nicht für ganz unmöglich halte, 70 daß du den geschuldeten Betrag (doch noch) bekommen wirst; denn ich vertraue darauf, daß dein Bruder, weil er sich scheut, das Recht (zu verlet zen), (weil er) dich liebt, (weil er) den Tadel derer, die um die Angelegen heit wissen, vermeiden möchte und ihm der letzte Wille des Vaters wohl bekannt ist, darauf bedacht sein wird, vor dir nicht wie ein Straffälliger dazustehen. Ich behaupte also nicht, (daß die Sache hoffnungslos ist), sondern (ich meine), daß1 5 du dazu lange Zeit brauchen wirst und daß deine lange Abwesenheit von zu Hause dir auch in dieser Hinsicht großen 75 Schaden bringen wird, da dein Besitztum täglich mehr verfällt, einmal durch die Nachlässigkeit - ich zögere nämlich zu sagen: Bosheit - deiner Diener, dann auch, weil die Beamten auf Abwesende wenig Rücksicht nehmen. So müssen (denn) auch wir täglich für dich zur Finanzbehörde gehen und sie bitten, an deinem Besitz, auf den sie bereits ihre Hand gelegt haben, nichts zu ändern. Es gibt aber auch Leute, die dem Kaiser einreden, daß du nach Thessa- 80 lonike, in das neue Herrschaftsgebiet1 6 , umsiedeln willst. Welchen Scha den dies aber denen, die letztes Jahr1? (der Absicht) verdächtigt wurden, gebracht hat, hast du, als du (noch) hier warst, erfahren (müssen) und kennst recht wohl jene, die (damals) bestraft wurden. Und wenn ich nicht selbst den Kaiser mit beredten Worten überzeugt hätte, daß du noch auf Euboia bist und wir dich täglich von dort zurückerwarten, bekämest du jetzt schon zu hören, daß andere an deiner Statt zu Herren deines Eigen tums erklärt wurden. Bis jetzt aber hat er (noch) damit gezögert, in der 85 Annahme, er werde durch deine Rückkehr die Wahrheit erfahren. Doch hat er sich trotzdem nicht beruhigt, sondern gibt denen, die dich erwäh nen, noch zornige Antworten. Er behauptet (nämlich), er sei von dir regel recht (um sein Recht) betrogen worden, weil du Sebastopulos anläßlich seiner Heimreise von der Gesandtschaft weder, wie es sich gehört hätte, ehrtest, noch überhaupt zu treffen bereit warst, obwohl sich damals fast alle Euboier um ihn scharten und durch Ehrung des Gesandten ihre Treue
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zum Kaiser selbst bekunden wollten; du seist wohl sogar vom Kaisertum abgefallen und kehrtest deshalb nicht mehr zurück, weil du schon an andere (Herren) dächtest1 8 . Wie oft ich versucht habe, ihn durch meine Gegenargumente zu beschwichtigen, wirst du von den Freunden hören, wenn du wiederkommst. Wenn ich nun keiner von denen wäre, die dich rückhaltlos lieben, son dern von der Sorte, für die Freundschaft erst mit Wein und Einladungen zum Essen beginnt, würde ich es nicht für nötig halten, dir lästig zu fallen,
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sondern würde dich tun lassen, was dir beliebt. Da ich aber nicht weniger um deine als um meine eigenen Angelegenheiten besorgt bin und mich, wenn dir etwas zustößt, selbst betroffen fühle - dasselbe empfindest du, wie alle wissen, auch für mich -, hielt ich es nicht für richtig, vorerst abzuwarten, bis ich gefragt würde, und dir dann mitzuteilen, was dir meiner Meinung nach von Nutzen ist, sondern ich ahme die Ärzte nach, die, wenn es ihren eigenen Söhnen schlecht geht, nicht warten, bis sie
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gerufen werden, sondern von selbst zu den Kranken hineingehen und an ihrem Leiden Anteil nehmen, sie trösten, ihnen Ratschläge geben, welche Mittel ihnen Genesung bringen können, und sie, wenn sie (darüber) unge halten sind, unter Tränen bitten, ihre Anweisungen anzunehmen - was sie bei anderen nicht tun würden, da sie sich (hier) nur an die Vorschriften ihrer Zunft halten. So zögere denn auch ich nicht, der ich anderen ohne vorherige Aufforderung keine Ratschläge geben würde, dich zu beraten, obwohl du mich keineswegs darum bittest. Ich sage also, daß es dir Nut-
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zen bringt, schleunigst heimzukehren, denn ich bin der Meinung, daß nur dies dir dein Eigentum erhalten kann, während längeres Zögern dir auf jeden Fall schaden wird. Denn (dann) wirst du die kaiserliche Unterhalts zuwendung verlieren, da es, wie du auch selbst zugeben wirst, recht und billig ist, dem Kaiser dafür in entsprechender Weise Dienste zu leisten. Das kannst du (aber) nicht, wenn du abwesend bist, und er muß (dann)
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nach anderen Ausschau halten, welche die entsprechenden Aufgaben übernehmen können. Du wirst (aber) bestimmt nicht, wenn diese einem anderen übertragen werden, dein väterliches Erbe sorglos genießen kön nen, sondern wirst mit dem kaiserlichen Dienst zugleich auch noch dieses verlieren. Denn (nur), wenn man dem Kaiser dient, wird man von ihm entlohnt und kann sich seines privaten Eigentums ungehindert erfreuen. Wenn du aber nach einem Abfall vom Kaisertum glaubst, von deinen eigenen Mitteln leben zu können, wirst du viele (wilde) Bestien gegen dich
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auf den Plan rufen, die du j etzt (noch) mit der Hilfe des Kaisers und 1 15 seines Heeres einschüchtern kannst; denn sie scheuen es, sich mit seinen Streitkräften anzulegen. Wenn du dir aber diesen Schutz entziehst, wird es auch dir gehen wie dem einfachen Bürger, dem soviel zu besitzen er laubt ist, wie es dem verfluchten Gesindel, das dank seiner Intrigen über Macht verfügt, gutdünkt. Wenn du es mit ihrer brutalen Gewalt zu tun bekommst, wirst du binnen kurzem am Bettelstab gehen. Wenn es dir aber - wie dem Schlachtvieh - einfallen sollte, einen Klagelaut von dir zu geben, wirst du sofort als « Verräter» und « Feind des Kaisertums» 120 abgestempelt sein und für deinen Leichtsinn fortan lebenslang im Gefängnis sitzen, ganz zu schweigen von den täglichen Kränkungen und Be schimpfungen, der Verachtung und der übrigen Schande; hat man doch, wenn man solchen (Schurken) in die Hände gefallen ist, das Schicksal von Schustern und Schmieden zu teilen. D aß ich mich aber nicht nur in düsteren Andeutungen ergehe oder aus Ängstlichkeit befurchte, was niemals eintreten wird, dafür könnte ich dir viele aufzählen, die ihnen in die 125 Hände gefallen sind; mit einer (noch) größeren Zahl (von Menschen), denen es so ergangen ist, hast aber auch du selbst (schon) Mitleid gehabt, konntest ihnen aber nicht helfen. Wenn du also an sie denkst und dich selbst vor einem entsprechenden Schicksal schützen willst, beeile dich, heimzukehren und vor dem Kaiser zu erscheinen, aber (so) auch die zum Schweigen zu bringen, die es voll Gier auf dein Besitztum abgesehen haben und meinen, es durch anonyme Verleumdungen an sich bringen zu können. Damit wirst du aber auch deine Freunde erfreuen, die sich sehr 130 um dich sorgen und große Freude an deiner Heimkehr haben werden, mit der (auch) ihre Ängste (um dich) be endet sind. Was aber die geschuldete Summe betrifft, so wirst du am besten deine Schwester mit (der Eintreibung) beauftragen; sie wird deinen Bruder mit sanfter Gewalt dazu bringen1 9 , das auszuzahlen, was dein Vater für dich bestimmt hat. Wenn also auch er bereit ist, sich anständig zu verhalten, wirst du das Deine bekommen, zugleich den Kaiser versöhnen, alle, die gegen (dich) kläffen, um ihm nach dem Munde zu reden, zum Schweigen 135 bringen, aber auch das, was dir hier gehört, genießen können. Wenn aber (dein Bruder) den Gewinn dem Recht vorzieht, wird dir doch der bessere Gewinn bleiben, weil du die Zeit nicht nutzlos vergeudet hast und (hier) über deinen Besitz verfügen kannst. Ich weiß, daß ich das Maß eines
Briefes überschritten habe2 0 , aber für mein langes Gerede ist die Zunei-
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gung verantwortlich. Es ihr anzulasten hast du allen Grund, wenn dir 140 einiges von dem, was ich sagte, nicht (so) angenehm erscheinen sollte. K I. OKyd: Am Ort der Residenz Kaiser Ioannes' V. ( s .u., X5 ) . E, OE: Der Aufenthalt des Empfängers auf Euboia (Z.62 . 8 3 ) und die Erbangelegenheit, auf die der Brief (wie T257) eingeht, lassen keinen Zweifel, daß der Brief an Ioannes Asanes (T257, E, BE) gerichtet ist. D: Vorliegender Brief ( Z.4 f. ) bestätigt einen Brief von Ioannes Asanes, den Kyd. (T257,
Z. l 1 3 f. ) zuvor erbeten hatte. Zur genaueren Datierung auf Spätsommer ( September) 1 3 8 3 s.u., A. 1 7. Ir. BKyd: Kyd. bedauert, daß Asanes immer noch nicht nach Konstantinopel zurückge kehrt ist (Z.6 - 8 ) . Seinen Optimismus, die Erbschaftsangelegenheit (T257, BE) bald regeln zu können, teilt er nicht ( Z.40 - 69 ) und gibt ihm nun als Freund den dringenden Rat, alsbald zu kommen, da seine Abwesenheit ihm in mehrfacher Hinsicht schaden könne ( Z . 1 04 - 1 3 1 ) . Unter anderem will die Finanzbehörde sein Haus beschlagnahmen, und Kyd. muß alle Über redungskunst aufbringen, um sie daran zu hindern, verfügt also selbst dort über Einfluß ( Z.76- 79 ) . BE: Entgegen seinem Plan, zu seinem Bruder auf die Peloponnes zu reisen (T257, Z.12- 14), ist Asanes auf Euboia (Z.62 . 8 3 ) geblieben und wohnt dort bei seiner älteren Schwester, die bei ihm Mutterstelle vertritt ( Z. 1 0 f. ) . Sein Bruder hat in Aussicht gestellt, die ihm zustehende Erbschaft an ihn auszuzahlen ( Z. l 1 f. ) . Doch bestehen nach Meinung des Kyd. begründete Zweifel, ob sein Plan, sich das Geld durch eine Reise auf die Peloponnes selbst zu holen, den erwünschten Erfolg haben wird ( Z.40 - 69 ) . Außerdem könnte sein länge res Fernbleiben von Konstantinopel den weiteren Verfall seines Hauses und dessen staatliche Beschlagnahmung (Z. 75 - 79) sowie den Verlust seiner Einkünfte, die er für seine Tätigkeit im kaiserlichen Dienst erhält ( Z . 1 04 - 1 1 3 ) , zur Folge haben. Er würde deshalb besser daran tun, heimzukehren und mit der Eintreibung des Erbes seine Schwester zu betrauen (Z. 126 1 3 6 ) . Xl: Die Schwester, bei der sich Asanes auf Euboia aufhält ( 1 0 f. ) . Sie ist (wegen der Anspielung auf ihre Mutterrolle beim Bruder, Z. 1 0 f. ) älter als er. Kyd. traut ihr zu, daß sie bei dem Bruder auf der Peloponnes die Auszahlung des Erbes für Ioannes erreichen kann ( Z . 1 3 1 - 1 3 3 ) . X2: Der ältere von zwei Brüdern des Asanes (T257, X2 ) , der ihm die Auszah lung des väterlichen Erbes (zur Vorgeschichte: Z.25 - 3 9 ) schuldet und auch zugesagt hat ( Z . 1 1 - 1 5 ) . Diese 'scheinbare Großzügigkeit soll aber, wie Kyd. im folgenden ausführt, nur verschleiern, daß der Bruder das Erbe des Ioannes, das ihm der Vater zur Auszahlung anver traut hatte (Z.3 1 f. ) , inzwischen zum Kauf von zusätzlichem Vieh und Ländereien auf der Peloponnes verwendet hat (Z.40 - 4 8 ) . Jedenfalls muß Ioannes davon ausgehen, daß der Wie derverkauf dieser Erwerbungen, also ihre Rückverwandlung in das ihm zustehende Bargeld, aus einer Reihe von Gründen sehr schwierig sein wird ( Z.46 - 6 1 ) . Dennoch besteht Hoff nung, daß er sein Erbe nach einiger Zeit erhalten wird (Z.69 - 74. 1 3 1 - 1 3 6 ) . X3 : Der verstor bene Vater des Ioannes ( der vielleicht Michael Asanes hieß; siehe T257, X3 ) hatte diesem einen Erbanteil in bar und noch dazu 1 000 geschuldete « Stateren» (s.u., A.6) aus dem Erbe seiner Mutter hinterlassen, während er seinen drei übrigen Kindern (zwei Söhnen und einer Tochter) Z.T. auch Ländereien und Vieh auf der Peloponnes vermachte ( Z.25 - 3 8 ) . Die ganze Summe hatte er seinem ältesten Sohn ausgehändigt, der sie nach seinem Tode an Ioannes auszahlen sollte (Z.3 1 .f. ) . X4: Ein Despot, der die Ziegen und Schafe, die der Bruder des
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Ioannes Asanes besaß, beschlagnahmt hat ( Z.5 8 - 6 1 ) , wohl Demetrios, ein Sohn des Mat thaios Kantakuzenos. Matthaios übernahm nach dem Tode des Manuel Kantakuzenos ( 7.4. 1 3 8 0 ) kurzzeitig die Herrschaft auf der Peloponnes, mußte sich aber mit einem aufsässi gen Sohn auseinandersetzen. Dieser scharte eine Privatarmee um sich, in der sich auch Latei ner und Türken befanden. Mit deren Hilfe lehnte er sich auch gegen Theodoros Palaiologos auf, den von seinem Vater Ioannes V. bestellten Mitregenten und anschließenden Nachfolger des Matthaios (s.o., T23 1 , X2; T23 8 , BE) . Über den Aufrührer berichtet ManuelOr 1 1 4 1 1 7, teilt aber seinen Namen nicht mit. Loenertz und DenReign 1 1 6 mit A.40 nehmen mit G.Gerola an, es handle sich um den älteren Sohn Ioannes (PLP 1 0972 ) ; NicKant 1 5 7 f. ( und mit ihm PLP 1 096 1 ) plädiert, wohl mit den besseren Gründen, für den jüngeren Sohn Deme trios. X5: Kaiser Ioannes V. Palaiologos, der auf Asanes nicht gut zu sprechen ist (s.o., T257, X5 ) . Er ist nun auch verärgert über die Nachricht, daß Asanes angeblich zu seinem Sohn Manuel nach Thessalonike umsiedeln will. Entsprechend habe er vor einiger Zeit andere bestraft, die ähnliche Tendenzen zeigten (Z.79 - 82; siehe auch A. 1 8 ) . Zur Unzufriedenheit des Kaisers über den Entschluß seines Sohnes, sich als selbständiger Herrscher in Thessalo nike zu etablieren, siehe DenReign 1 0 8 f. Kyd. schildert mit beredten Worten seine Versuche, den Ärger des Kaisers über Asanes zu beschwichtigen ( Z.82 - 92 ) . X6: Sebastopulos, kaiserli cher Gesandter (s.o., T25 8 , X4 ) , während seiner Anwesenheit auf Euboia von Asanes igno riert ( Z . 8 7 f. ) . ZC: Kyd. entwirft ein düsteres Bild von den Machenschaften « mafiöser» Kreise ( « wilde Bestien») in Konstantinopel, deren verbrecherischer Willkür Leute der unteren Schichten « < Schuster und Schmiede » ) und sogar Vermögende wie Asanes im zeitgenössischen Byzanz ausgeliefert sind, wenn der Kaiser sie nicht persönlich schützt ( Z. l 1 3 - 129). Ep: Ein vorausgehender Brief des Asanes an Kyd. (s.o., D; zum Inhalt: BE) . III. Hss: A 78 r - 8 or, Nr. 1 ; U 1 29r- 1 3 2 \ Nr. 142. N. 1 Diesem « zwar» entspricht erst das « aber» Z.22 «
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
6 Mit « Stater» wird antikisierend die jeweilige Standardmünze bezeichnet. An die Stelle der alten Standardmünze, des goldenen Hyperpyron, war in der späteren Regierungszeit Ioannes' V. eine in der Umgangssprache als « Stavraton» ( bzw. Stauraton) bezeichnete Silber münze getreten (Ph. Grierson, Byzantine Coins, London etc. 1 9 82, 3 14 ) . Es ist also hier wohl von 1000 Staurata die Rede. 7 W. : a:Ttoöfj'..tüüvw. 8
In der Edition steht versehentlich wüwv, in Hs A deutlich das hier mit Bezug auf 'to
XQuo(ov zu erwartende wüw. 9 Sc. in Konstantinopel (siehe T257, A.20). 1 0 Dreileibiger Riese auf der Insel Eurytheia ( bei Gadeira) , Besitzer großer Rinderher den, die ihm Herakles entführte (HesTh 2 8 7 - 293 ) . 1 1 W. : 1"(P 'tf]v Muowv AE(UV tlvm :TtuQ' aAA.1)Awv 't u IIEAo:Ttovvfjo(wv. « « Myserbeute » : sprichwörtliche Bezeichnung für leichte Beute bzw. Beute ohne Strafverfolgung. Die antiken Myser galten als friedliebendes Volk, das sich leicht berauben ließ. Zahlreiche Belege für die Wendung in: E. M. Cope / J. E. Sandys, The Rhetoric of Aristotle with a Commentary, Cambridge 1 8 77, Ndr. Hildesheim 19 70, Bd. I 235 f. (zu AristotRh 1 3 72b3 3 ) . 12 W. : 'tuü'tu, grammatisch z u beziehen auf :TtQoßa'twv (Schafe), sinngemäß auch auf
ULYWV (Ziegen) . Der erwähnte Despot hat also offenbar die Herden des Bruders beschlag nahmt. 13 Zur Identität s.o., X4 . 14 « Also» (ou v ) ist wohl als Folgerung daraus zu verstehen, daß Asanes gar nicht auf die Peloponnes reisen sollte, weil es zu gefährlich sei, und daher einen Vermittler in Anspruch nehmen müßte, um sein Geld zu erhalten. 15 W. : OU 'to(vuv 'toü'to
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Sc. Manuel Palaiologos. S.o., X5 . W. : avuyxaoEL xUl :TtE(OEL. Bezug auf den Topos, daß ein Brief ( zu lat. « brevis » ) kurz zu sein habe.
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AN RHADENOS
L: 248 ; OKyd: Konstantinopel; E: Rhadenos; OE: Thessalonike; D: Spätsommer 1 3 8 3 ;
wI: Trostworte zum Tod des Bruders; Klage über die heillose Situation Konstantinopels; Sorge wegen der wachsenden Bedrohung Thessalonikes.
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BRIEFE T258-259
Von der Trauer, die du um deinen Bruder empfindest, bin, glaube mir, auch ich nicht sehr weit entfernt. Du weißt j a, daß es mich (schon) oft,
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gleichsam zwangsläufig, betrübte, wenn dich ein Schmerz traf. Da ich also um dich besorgt war, dein Körper könne wegen deiner tiefen Traurig keit zunehmend an Kraft verlieren und deine Seele wegen ihrer Sorgen wichtige Dinge vernachlässigen, drängte es mich, mit wenigen Worten mögen es auch die üblichen sein - nach Möglichkeit deine Betrübnis um einiges zu lindern. (Doch) dann besann ich mich, daß ich nichts Neues 1 0 sagen könne, w a s nicht auch d u anderen (in einem solchen Fall z u sagen) empfehlen könntest. Wenn also, sprach ich (zu mir), das, was ich (ihm) sagen will, Überzeugungskraft hat, kann er es auch sich selbst sagen . Wenn aber das Heilmittel sich schwächer zeigt als die Wunde, wird auch der Ratgeber zwangsläufig zum Schwätzer. Deshalb habe ich mich ent schlossen, auf tröstenden Zuspruch zu verzichten, wünsche dir aber, daß Gott dir ihn von oben sende, der, weil er nach dem Propheten der Gott unseres Herzens istl, ihm von innen her zureden kann, wenn er will . Du 1 5 aber versuche deine Gedanken von dem Geschehen abzulenken, aus der Einsicht, daß die Tatsache sich nicht ändern läßt. D amit würdest du dir selbst einen nützlichen Rat geben, und es würde dir fortan besser gehen; du würdest den Schmerz deiner Eltern lindern, die darum besorgt sein werden, daß es dir nur ja in Zukunft wohlergehe. Ich aber, der ich, wie du weißt, in meinem Privatleben zufrieden bin, finde täglich Anlaß zu großer Verzagtheit wegen der heillosen politischen 20 Verhältnisse. Denn wenn die tägliche Verschlechterung der Lage durch keinerlei positive Wende unterbrochen wird, würde das nicht j edem die gute Laune verderben, auch wenn es ihm persönlich gut ginge ? Uns aber erscheint nicht nur das vergangene Jahr, sondern sogar schon der gestrige Tag viel erträglicher als der heutige. Oft aber und auch zum gegenwärti gen Zeitpunkt geschieht es, daß das sich neu Ereignende jedesmal das soeben Vergangene erträglicher und weniger schädlich erscheinen läßt
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wie es den Sterbenden kurz vor dem Ende ergeht: Jeder Tag nimmt etwas von ihrem Leben weg, verstärkt aber in gleichem Maß ihre Krankheit und drängt unaufhaltsam zur endgültigen Auslöschung. Denn was sich in ständiger Auflösung befindet, wird fortan in sich keinen Bestand haben (können? Selbst wenn ich also in meinem privaten Leben etwas als ange nehm empfinde, geht es im Strudel des widrigen äußeren Geschehens un ter. Dennoch schrecken uns die Verhältnisse hier nicht (einmal) so sehr, 30
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
da wir längst an sie gewöhnt sind. Wir sind vielmehr, weil jetzt bei euch die Lage stürmisch zu werden beginnt, in j eder Hinsicht zutiefst besorgt. Denn es sind nicht wenige und auch nicht Gewöhnliche, die bei euch von der Gefahr betroffen sind, sondern vielmehr so viele und so Wichtige, daß mit ihrem Scheitern alsbald auch das Reich der Rhomäer3 wie eine mit der Wurzel ausgerissene Pflanze dahinsein wird. Soviel wie alle zu35
sammen aber wiegt an Bedeutung der Kaiser, der alle übertrifft, und so glaube ich, daß allein mit Rücksicht auf seine gute Gesinnung Gott den Ansturm der Barbaren, der alles bedroht, aufhalten wird, so daß (alles), was die andern leisten, dagegen (nur) ein Schatten ist. K I. OKyd: Die beklagte politische Situation ( Z.20 .24 f. ) « hier» (29 f. ) ist zweifellos die Konstantinopels, die von der Thessalonikes, wo Rhadenos sich aufhält, unterschieden wird. E, OE: Es handelt sich um den ersten Brief an Rhadenos in diesem Band, dem zuletzt T2 1 6
( Bd. II) , zu datieren auf ca. SommerlHerbst 1 3 8 1 , vorausging. Vorliegender Brief und alle weiteren an Rhadenos, die in diesem Band übersetzt sind, wurden von Kyd. nicht mit einem Adressaten versehen. Gemäß der Ankündigung in TinnFreund 236 wird daher jedem Brief an Rhadenos eine kurze Begründung der Zuweisung beigegeben, wie sie auch jeweils in Bd. II erfolgte. Im vorliegenden Brief spricht vor allem der Hinweis auf lange Vertrautheit miteinan der ( Z.5 f. ) und die Erwähnung des Kaisers, auf den Kyd. seine Hoffnung setzt (X3 ), für Rtladenos in Thessalonike, der sich außerdem an einem Ort aufhält, wo auch seine Eltern leben (Z. 1 8 ; siehe TinnFreund 2 1 4 mit A. 1 5 ) . D: In TinnFreund 219, A.49 hatte ich gegen Loe nertz den Brief auf FrühjahrlFrühsommer 1 3 8 3 datiert, weil ich aus der Anwesenheit der Freiwilligen, die an Manuels Seite kämpfen wollen (Z.32 - 34), schloß, daß sie kürzlich erst zu ihm gestoßen sind. Das aber ist nirgends gesagt. Die Anspielung auf die Verschlechterung der Lage auch für Thessalonike (Z.3 0 f. ) aber paßt eher auf die Situation kurz vor der Ein nahme von Serres ( 1 9.9 . 1 3 8 3 ) als, wie ich annahm, auf die Zeit der vorausgehenden kriegeri schen Erfolge gegen die Türken, von denen T255 ( Z . 1 7 - 2 0 ) berichtet. So könnte der Brief am ehesten im Spätsommer 1 3 8 3 (Loenertz hält auch noch Herbst für möglich) geschrieben sein. 11. B Kyd: Kyd. ist bemüht, den Freund über den Tod des Bruders zu trösten ( Z.419). Es geht ihm persönlich zufriedenstellend ( Z . 1 9.28 f. ), aber er macht sich Sorgen um Thessalonike und hofft auf entsprechende Erfolge Kaiser Manuels ( Z. 3 0 - 3 7) . BE: Rhadenos betrauert den Tod seines Bruders (Z.4 f. ); seine Eltern leben noch und werden fortan nur noch auf ihn ihre Hoffnungen setzen ( Z. 1 8 f. ) . Er hat also zumindest keinen weiteren Bruder mehr. Xl : Der verstorbene Bruder des Rhadenos (Z.4 ) . X2: Die Eltern des Rhadenos ( s .o. BE) . X3: Ein Kaiser am Ort des Rhadenos, auf den Kyd. alle Hoffnungen setzt (Z.34 - 3 7) , Manuel Palaiologos. ZC: Zur schwierigen Situation Konstantinopels und neuerdings auch Thessalonikes wegen der türkischen Bedrohung ( <
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BRIEFE T259-0260
IV. 1 ATPs 72,26 LXX: « Der Gott meines Herzens und mein Anteil ist Gott in Ewig keit.» Der alttestamentliche König David wird wegen der Weissagungen (vgl. NTApg 1 , 1 6 ) i n den ihm zugeschriebenen Psalmen als « Prophet» bezeichnet. 2 W. : ou yaQ eOLw UU-':UQXEOOV 1:l Ol.JVEXW� ÖUJtUVWIlEVOV. D aß Kyd. hier tatsächlich UU-':UQXEOOV (Part.Fut. zu UU-':UQXEW) zu lesen wünscht und nicht UU-':UQXE�, hat er durch Korrektur in Hs A und durch eigenhändigen marginalen Eintrag in Hs U ( der von seinem Schüler Manuel Kalekas gefertigten Kopie des Autographen) zu Erkennen gegeben. Siehe den Apparat der Edition zu Z.2 8 . 3 W. : -': 0 -.:Wv 'PWIlU(wv.
Gruppe 2: Nicht datierbare Briefe aus LC II, Liber XXIV und XXV (ca. 1382/83) 0260 L : 245 ; OKyd: Konstantinopel; E: Ein hoher kaiserlicher Finanzbeamter; OE: Konstanti nopel; D: 1 3 82/8 3 ( ? ) ; wI: Der Adressat hat Kydones am Vortage schriftlich und vor Zeugen eine finanzielle Zusicherung gegeben, die er tags darauf gegenüber seinem Diener unter Be schimpfungen abstreitet. Kydones kritisiert die schlechte Behandlung seines Dieners, gibt sich aber im übrigen gelassen, da er mit der Unzuverlässigkeit des Adressaten gerechnet habe.
Du scheinst von einem Wahrsager gehört zu haben, daß du, wenn du die Wahrheit sprichst, sterben mußt; (sonst) hättest du dich nämlich nicht
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auf so spektakuläre Weise der Einhaltung deiner Versprechungen entzo gen. Denn wo sind deine Ankündigungen von gestern, die du nicht nur ausgesprochen, sondern sogar schriftlich niedergelegt und von Beisitzern hast bestätigen lassen, magst du sie nun als Zeugen oder auch als Teilha ber (an der Entscheidung) verstehen? Du hast aber außerdem sogar noch einen Eid geschworen und dich für den Fall seiner Nichteinhaltung der Dike unterworfen. Am nächsten Tag aber war all das (Schall und) Rauch ! Da hast du meinen Diener, der zu dir kam und dich an deine Zusagen 1 0 erinnerte, beschimpft und wegen seiner Abkunft verhöhnt, obwohl er sein Geschlecht nicht von schlechteren (Vorfahren) als du ableiten kann. Du nahmst ihm sogar durch listige Täuschung das D okument ab, in dem du versprochen hattest, deine Verpflichtung zu erfüllen, und zwangst ihn, dich kreuz und quer durch die STADT zu begleiten\ auf der Suche, wer bereit wäre, für dich zu lügen und dich so von der Schande zu befreien. Als du aber niemanden deinesgleichen finden konntest, verhülltest du 1 5
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
dein Angesicht2 , entferntest dich und ließt ihn (wie) einen Schwätzer ste hen. Bravo, das ist ein Mann, der den Anspruch erhebt, ein Diener des Kaisers zu sein, so verhält sich ein Mann, der mit vernünftigen Menschen Gemeinschaft haben will! Was mich betrifft, so bin ich dir für deine unwahre Rede sogar dank bar, denn durch dein Leugnen hast du klar gezeigt, daß ich keinen Fehler beging, als ich dir nicht glaubte . Als nämlich der Sekretär der Behörde3 die schriftliche Zusicherung abfaßte, lachte ich, weil ich (schon) wußte, 20 daß dir tags darauf das gerade Geschriebene (bloßes) Geschwätz bedeuten
würde. Ich bemerkte aber auch, daß die meisten mein Mißtrauen tadeln würden, wenn kein Grund dafür ersichtlich wäre. Ich sagte deshalb zu ihnen: «Ich würde mich freuen, ihr Guten, daß eure Meinung sich tat sächlich bestätigt, bin aber überzeugt, daß ihr binnen kurzem meinen Argwohn loben und euren Tadel von mir auf einen anderen übertragen werdet.» Du aber gingst weg und bestätigtest glücklicherweise4 durch 25 dein Tun das Gesagte. So nennen sie mich nun einen Kalchas, der treffen
der als sie deinen (wahren) Charakter erschlossen hat. Ich werde mich freilich an dir für deinen Betrug nicht rächen. Denn ich glaube von dir hinlängliche Genugtuung erhalten zu haben, wenn alle sich überzeugen können, daß du tatsächlich so bist, wie du bist. Ich weiß aber, daß es dir, wenn du so deine Macht mißbrauchst5, unweigerlich übel bekommen wird6 und daß du dir Verteidiger wirst suchen (müssen), wenn der Kaiser 3 0 zornig auf dich ist. Du kannst mir glauben, daß dann auch ich einer von
ihnen sein werde 7! K I. OKyd: Die STADT ( Z. 1 3 ) . E, OE: Ein Mann in kaiserlichen Diensten ( Z. 1 6 .29), der Kyd. um ein am Vortage schriftlich gegebenes Versprechen (Z.6 . 1 8 f. ) betrogen ( 1 9 f. 26) und seinen Diener bei der Einforderung brüskiert hat ( Z .9 - 1 5 ) . Es wird nicht ausdrücklich ge sagt, daß es sich um eine Geldsumme handelt. Welches andere Versprechen hätte aber der abgesandte Diener einfordern können? Vermutlich geht es um eine Salärzahlung. Es ist daher mit Loenertz anzunehmen, daß E ein sonst nicht erwähnter hoher Finanzbeamter «
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BRIEFE T 026 0 - 02 6 1
da Kyd. selbst Funktionen eines Finanzministers wahrnahm ( Bd. IIl , T45 , BKyd und A. 1 5 ), sind lange vorüber. Xl: Ein Diener des Kyd., von E brüskiert (s. o., E ) . X2 : Ein Kaiser, Ioannes V. ( s.o., E ) . X3 : Ein Sekretär der kaiserlichen Finanzbehörde ( Z . 1 9 ) . 111. Hss: A 24rv, Nr. 5; U 3 3 rv, Nr. 43. IV. 1 W.: JrEQLfJYE� airtov XUXACP "tT]v IIoALv. 2 W. : EyxaAu'tjJaf,lEvO�, eine Geste der Distanzierung vom Gesprächspartner. Auch der sterbende Sokrates verhüllte sein Angesicht vor seinen Freunden (PIPhd 1 1 8a ) . 3 W. : W 'Ü JrQu"tavElou . Antikisierende Bezeichnung für die Finanzbehörde (vgl. Loenertz zu Z . 1 9 : Byzantinis JrQu"tavElov idem erat ac "taf,lLElov) . 4 « Glücklicherweise» ist natürlich sarkastische Ironie, denn nicht die Unzuverlässigkeit des Finanzbeamten ist für Kyd. ein Glück, sondern nur, daß er seine Prophezeiung bestätigt sieht und alle sich nun von der Berechtigung seines Mißtrauens überzeugen können. 5 W. : aau"tqJ XQWf,lEVO�, übersetzt gemäß LSc, s.v. XQaof,laL, IV, 3 (make use of oneself or one's powers) . 6 W. : OLf,lW�EL�, d u wirst jammern (weil e s dir übel bekommt). 7 Diese Beteuerung ist natürlich sarkastisch zu verstehen. Der Beamte wird zweifellos nicht mit der Hilfe des Kyd. rechnen können.
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l
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AN JEMANDEN
L: 252; OKyd: Konstantinopel; E: Ein selbstgefälliger, zur Wahrnehmung öffentlicher Aufgaben unfähiger Lebemann; OE: Konstantinopel( ? ); D: 1 3 82/8 3 ( ? ) ; wI: Der Adressat,
der sich bisher im wesentlichen als Kenner guter Speisen und erotischer Freuden hervorgetan hat, fühlt sich plötzlich zu politischen Aufgaben berufen; Kydones stellt sein Vorhaben als lächerlich hin.
Sogar das überführt dich großer Unerfahrenheit in öffentlichen Angele genheiten, die du selbst den anderen vorwirfst, wenn du von dir sagst,
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viel Erfahrung in diesen Dingen zu haben; denn kein anderer außer dir und deinen Schmeichlern kann sie entdecken. Ich j edenfalls habe noch nie etwas so Ungereimtes gehört. So halte ich es fortan auch nicht für ausgeschlossen, daß die von Geburt Blinden denen, die klar sehen kön nen, eines Tages beim Streit um (die Bestimmung) von Farben vorgezogen werden, wenn nun auch du damit prahlst, in städtischen Angelegenheiten bewandert zu sein. Denn wenn man (erst) durch ständige Praxis und Übung auf diesem oder j enem Gebiet Erfahrung sammelt, (dann) denke 1 0 (einmal) darüber nach, mit welchem Tun d u dein Leben verbracht hast ! Erstens meidest du doch wie kein anderer Gespräche mit ernsthaften Leu ten wie Bisse wilder Tiere, und wenn du einmal gezwungen bist, dich mit klugen Leuten abzugeben, bist du mißmutig und darauf bedacht, die
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
Begegnung mit ihnen wie eine Last abzuschütteln. Zweitens verkriechst du dich (in dein Haus) und pflegst deinen Bauch; nach dem Essen a ber 1 5 eilst du zu dem, was das Gesetz verboten hat2 , und Zeugen deines Tuns sind Nächte und Tage . Wie also ist es dir eingefallen, dir auf deine Tugend und die Fähigkeit, Städten das Heil zu bringen, etwas einzubilden ? Das ist so, als wenn Sardanapal behauptet hätte, Milon im Wettkampf um nichts nachzuste hen 3 , und deshalb gefordert hätte, an den Kränzen für die Olympiasieger Anteil zu erhalten, (er,) der doch stets im schattigen Versteck bei seinen 20 Mädchen saß ! Ich rate dir also, dich nicht mit deiner Tugend zu brüsten -
denn nichts liegt dir ferner als sie4 -, sondern daß du Speisen zurichten und (als Geschenke) versendens , daß du üppig speisen und geheime Un terredungen mit Kupplern führen kannst, dessen solltest du dich unbe denklich rühmen! Denn daß du dich in diesen Dingen so auskennst wie kein Seemann in der Navigation, dies von dir zu wissen sind sich alle einig ! Wenn du also ernste Reden halten und als Berater in Angelegenhei25 ten auftreten willst, die der STADT nützen sollen, kannst du dir sicher
sein, daß alle darüber lachen, als wenn sie den Affen bei der Nachahmung menschlicher Tätigkeit zuschauten. K I. OKyd: Nichts weist darauf hin, daß Kyd. sich an einem anderen als dem üblichen Aufenthaltsort befindet. E: Beschreibung der Person im Kopfregest des Briefes. Weiteres ist zu seiner Identität nicht bekannt. OE: Da Kyd. über die Lebensgewohnheiten von E genau informiert ist, dürfte auch er sich wie üblich in Konstantinopel aufhalten, auch wenn zu nächst von « Städten» im Plural die Rede ist ( Z. 8 ) . Die Z.24 im Singular genannte Stadt dürfte jedoch Konstantinopel sein. Daher wäre JtOAEL an dieser Stelle gemäß der sonstigen Gepflogenheit großzuschreiben; entsprechend wird in der obigen Übersetzung STADT mit Kapitalen geschrieben. 11. BKyd: Der Brief ist als ganzes ein bezeichnendes Beispiel für den scharfen Sarkasmus des Kyd. im Umgang mit unliebsamen Zeitgenossen. III. IV. 1
Hss: A 28'V, Nr. 12; U 39'v, Nr. 50. W. : nvL. Während Kyd. sonst die Briefe, deren Empfänger er nicht nennen will,
einfach ohne Anschreiben läßt, soll hier mit Hilfe des indefiniten Pronomens bereits durch die Überschrift angedeutet werden, daß der Typ eine völlige «Null » ist. 2 Anspielung auf sexuelle Vergnügungen wie Z.21 f. (Verhandlungen mit Kupplern) . 3 Sardanapal, sagenhafter König des assyrischen Reiches; e r galt als Inbegriff des weich lichen Lebemannes. Siehe Bd. 111 , T4, A. l l ; RE, 2.Reihe, 112 ( 1 920), s.n., 244 6 - 244 8 . Milon, Athlet aus Kroton, 6.Jh. v. ehr., mehrfacher Sieger bei den Olympischen und den Pythischen Spielen, war als erfolgreicher Athlet sprichwörtlich, ist aber erst seit späthellenistischer Zeit quellenmäßig bezeugt. Siehe RE XV/2 ( 1 932), s.n., Nr. 2.
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BRIEFE T 0261 - 0262
4 W. : "CalJ-tn (durch den Film der Hs A bestätigt ) . Man erwartet aber nach Evuv"CLClnEQ ov den genetivus comparationis "CalJ-ty)�. Ließ sich Kyd. beirren, weil hier unmittelbar ein zweiter Genetiv, das von EvuvnonE Q ov abhängige OOÜ (nichts liegt « dir» ferner), folgt? 5 W. : JtQOOJtE!l'ljJUt. Anscheinend pflegte E seine Freunde mit der Zustellung selbstzube reiteter Speisen zu beglücken.
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AN KAISERIN HELENE
L: 256; OKyd: Konstantinopel; E: Kaiserin Helene Palaiologina, Gattin Ioannes' Y.; OE: Konstantinopel; D: 1 3 82/8 3 ( ? ); wI: Als Dankesgabe für ihre erfolgreiche Hilfe in einer nicht näher beschriebenen Angelegenheit schickt Kydones der Kaiserin aus Bescheidenheit erst jetzt, auf ihre ausdrückliche Bitte hin, seine Predigt auf den heiligen Laurentius.
Nicht Selbstdarstellung und der daraus erhoffte Beifall gaben mir Anlaß zu diesem Brief, sondern was mich bewegte, war (der Wunsch), dir Dank für deine große Hilfe abzustatten, die ich als Wohltat des Märty-
rers 1 genossen habe und nicht mit Schweigen übergehen 2 wollte, obwohl
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ich weiß, daß ich nichts sagen kann, was deiner Gönnerschaft würdig ist, überdies aber auch den Vorwurf der Undankbarkeit vermeiden möchte. Das hat mich auch daran gehindert, dir die Schrift zu schicken. Denn welche Veranlassung zum Ehrgeiz hätte ich gehabt, da ich (nur) mit etwas ganz Unbedeutendem meine große Schuldigkeit abstatten kann und ohne dies überzeugt bin, daß in der Schrift nichts enthalten ist, was deiner Aufmerksamkeit würdig wäre ? Da du aber sogar gewillt bist, mein Ge- 1 0 schwätz z u ertragen, sende ich sie dir, obwohl ich weiß, daß ich (damit) die (gute) Meinung, die du von mir hast, erheblich beeinträchtigen werde; denn ich bin gleichwohl entschlossen, deinem Befehl nachzukommen. Ich bitte dich aber, wenn du sie liest, zu berücksichtigen, daß die Schrift nicht aus Ehrgeiz, sondern vielmehr aus gläubiger Ehrfurcht verfaßt wurde . K I. OKyd: Die Edition läßt die Frage, wo Kyd. sich aufhält, offen. Es besteht aber kein Anlaß, aus der Zusendung der Schrift an die Kaiserin zu schließen, daß Kyd. sie ihr wegen Abwesenheit von Konstantinopel nicht persönlich überreichen konnte. Brief- und Geschenk sendungen durch Boten waren auch am gleichen Ort üblich. E: Helene Kantakuzene, Gattin Ioannes' Y. (PLP 2 1 3 65 ; KiankLett) . OE: Die Kaiserin ist an ihrem üblichen Aufenthaltsort im Palast zu Konstantinopel zu vermuten. D: Wahrscheinlich wurden die Predigt auf Lauren tius (s.u., A. 1 ) und vorliegender Brief 1 3 82 verfaßt, denn in diesem Jahr könnte gemäß seiner überlieferten Stellung im Briefcorpus auch T 0223 ( Bd. 11), der ebenfalls auf sie Bezug nimmt, noch geschrieben sein, weil der Brief einer auf 1 3 79 - 1 3 82 datierten Gruppe zuzuordnen ist.
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR 11. BKyd: Der Brief ist ein Zeugnis der respektvollen Verehrung des Kyd. für die Kaiserin. Siehe dazu auch KiankLett. BE: Die Kaiserin ist, wie aus anderen Briefen des Kyd. bekannt,
literarisch gebildet (siehe vor allem Bd. 11 1 , T24) und daher an seinen Schriften interessiert. III. Hss: A 1 73', ohne Nummer, wie die übrigen Briefe in Hs A von f. 1 7 3 ' bis 1 75'. Üb: KiankLett 1 5 9 (eng!. ) . Lit: KiankLett 159. IV. 1
Gemeint ist der römische Diakon und Märtyrer Laurentius ( 3 .]h . ) . Zu seinen Eh
ren hatte Kyd. eine enkomiastische Predigt (siehe Bd. 11 1 , 64, Nr. 1 .2.3; Bd. 11, T 022 3 ) ver faßt, auf die er im folgenden mehrfach anspielt. 2 W. : x.giJ'ljJm. Der vom klassischen Gebrauch (x.gu'ljJm) abweichende Akzent zeigt die in byzantinischer Zeit bestehende Unsicherheit über Längen und Kürzen.
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AN CHLOROS
L: 257; OKyd: Konstantinopel; E: Chloros, Beauftragter des Fiskus; OE: Ländliche Ge gend in der Provinz; D: 1 3 82/83 (?); wI: Kydones, von Chloros über eine unmenschliche Steueraktion, die er in der Provinz durchzuführen hatte, unterrichtet, übt an dem verantwort lichen Behördenleiter scharfe Kritik, droht ihm die Strafe Gottes an und gibt auch die natürli chen Folgen der Repression zu bedenken: Steuerflucht der Landbewohner, unbestellte Äcker, Verknappung der Lebensmittel und Hungersnot. Chloros soll sich bei seinem betagten Vorge setzten für eine Linderung des Steuerdrucks einsetzen.
Die Leiden der unglücklichen Bauern hast du gebührend beklagt, denn du verfügst über genügend Beredsamkeit, diese Tragödie (zu schildern), und weil du bei den Übergriffen zugegen warst und sie (selbst) erlebt 5 hastl, kannst du als glaubwürdiger Berichterstatter über die Vorfälle gel
ten. Denn wir halten die Berichte für besser und genauer, bei denen der Leiter der Aktion2 und der Berichterstatter identisch sind. Nun werden das Geschrei und die Tränen der Bauern zwar unseren S enat vielleicht nicht dazu bringen, menschlicher über sie zu beschließen, gewiß aber den 10 himmlischen (Senat), den dortigen Kaiser und seine unzertrennliche Be
gleiterin Dike, die unsere Verfehlungen straft, nicht zu ruhen, sondern von den Gewalttätern Rechenschaft für sie einzufordern. So bin ich über zeugt, daß von dort ein Urteil ergehen wird, das denen, die j etzt klagen, Befreiung aus ihrer unglücklichen Lage bringt, über die Verursacher des Jammers aber die ägyptischen Plagen kommen läßt; es wird sie belehren, daß sie Menschen sind und ihre Brüder nicht wie Tiere behandeln sollen. 15 Aber auch ohne vom Himmel (kommende) Katastrophen, glaube ich,
werden ihre Gefühllosigkeit und unmenschliche Grausamkeit beim Ein treiben von Steuern den Verantwortlichen (von) selbst Strafe einbringen,
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BRIEFE T 02 62 - 02 63
an der nichts zu tadeln ist. Denn wenn die ausgeplünderten Armen ihre Pflüge und Ochsen zur Zahlung der Steuern verkauft und sich vielleicht zu maßvolleren Herren geflüchtet haben, werden die Äcker unbebaut bleiben und nichts hervorbringen, wovon sich Menschen ernähren, weil sie von ihnen nicht gut bestellt wurden. Der Hunger aber wird in den 20 Städten wie Erdbeben und Ungewitter wüten. Dann werden die Hochfah renden, die sich auf j egliche Weise bereichern wollen, nach denen Aus schau halten, die sie j etzt aus dem Lande treiben, und es wird ihnen schlechter gehen als denen, die sie j etzt in Not bringen. Wenn aber der Hunger sie zum Betteln zwingt, werden sie niemanden finden, der ihnen vom Eigenen etwas gibt, weil alle
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dank der «Weisheit»
dieser
(Leute)3 - in dieselbe Not verstrickt sind. Dann werden sie, was sie (an- 25 deren) antun, durch Leiden zu spüren bekommen - so sehr errichten sie durch ihr j etziges Tun Vernichtungsmaschinen gegen (unsere) Städte. Nun wohl, mögen sie einsehen, daß sie den Verstand verloren haben, und aufhören, mit den anderen auch sich selbst zu verderben. Du aber, lindere4 das Übel so weit wie möglich, setze Steuern fest, welche die Mög lichkeiten der Besteuerten nicht völlig überfordern, rede aber auch dem, der für dieses (Vorgehen) verantwortlich ist, zu, nicht zu meinen, er er- 3 0 richte de m Kaiser eine Mauer, wenn er den Städten d i e Fundamente ent zieht. Denn genau das wird damit erreicht, wenn man die Bauern so würgt, wie (es) j etzt (geschieht). Erinnere ihn aber auch daran, daß es einen anderen Kaiser gibt, dem an den Armen sehr gelegen ist und der die, welche sich ihrer so wie jetzt bedienen, unerbittlich strafen wird. Die Furcht vor ihm soll ihn daran hindern, sie allzusehr zu betrüben, zumal er in baldiger Zukunft seine j etzigen Frevel wird verantworten müssen. 3 5 Denn das garantiert ihm unweigerlich sein jetziges Alter ! K I. OKyd: Die Edition läßt die Frage, wo Kyd. sich aufhält, offen. Aber nichts weist darauf hin, daß Kyd. sich an einem anderen als dem üblichen Ort befindet. E: D aß der Chloros des Titels ein untergeordneter Steuerbeamter ist, ergibt sich aus ZA f. 27- 3 3 . Siehe auch A.2. OE: Bei den hart besteuerten Bauern (Z.3 - 5 ) , also irgendwo auf dem Lande, wahrscheinlich im thrakischen Gebiet westlich von Konstantinopel, das z.T. noch nicht in türkischer Hand war. 11. BKyd: Wie Loenertz, Trois lettres (wie T25 1, Lit), 443 ( Commentaire) richtig be merkt, zeigt die Kritik an der harten Steuerpolitik des Reiches, daß Kyd. auf diese Vorgänge keinen Einfluß mehr hat, obwohl er, wie sich aus anderen Briefen ergibt, durchaus noch
Funktionen am Kaiserhof versieht, aber j edenfalls nicht mehi" in leitender Stellung.
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üBERSETZUNG UND KOMMENTAR
Xl: Der betagte Chef der Finanzbehörde in Konstantinopel, der sich bald vor Gott für sein
brutales Vorgehen wird verantworten müssen, wenn er sich nicht von E zu größerer Milde umstimmen läßt (Z.29 - 3 6 ) . Eine Identität mit T 0260, E ist nicht auszuschließen. X2 : Ein Kaiser (Z.30), dem X l mit seiner Härte keinen guten Dienst erweist, zweifellos Ioannes V. ZC: Der hier geschilderte schonungslose Steuerdruck verrät die Nervosität der Machthaber in Byzanz angesichts immer leererer Staatskassen. B. Nerantze-Barmaze, 'H f,lE1:uvao1:EuOll
(mo 1:i]v Kwvomv"tlvOUrrOAll 01:0 ß' f,llOO 1:0'Ü 140u UlWVU ( 1 35 4 - 1402 ) , BU�UV1:lUx.a 1 ( 1 9 8 1 ) 8 9 - 97, hier 94 mit A. l l , weist auf die Konsequenz hin, welche die Bevölkerung aus solcher Behandlung zog: in den türkischen Eroberern willkommene Befreier zu sehen (siehe vor allem Z . 1 8 , wo von der Flucht zu maßvolleren Herren die Rede ist) . Ep: Ein vorausgehen der Brief von E an Kyd., der die schonungslose Steuerpolitik der byzantinischen Finanzbe hörde in der Provinz beschreibt (Z.3 ) . III. Hss: A 1 73v - 1 74r, ohne Nummer (siehe T 0262, Hss); U 2 8 0v - 2 8 F, Nr. 2 7 5 . Üb: Loenertz, Trois lettres (s.o., BKyd), 442 f. (frz. ) . IV. 1 W. : rrElQWf,lEVO� 1:0U1:wv. Wie sich aus dem Folgenden (vgl. A.2) ergibt, h a t E die Reaktion der Betroffenen deshalb so unmittelbar erlebt, weil er beauftragt war, die Steuer aktion selbst durchzuführen. 2 W.: 01:Qa1:11Yov. E hatte also bei der Durchführung der Steuererhebung eine leitende Funktion, handelte allerdings gemäß Z.29 im Auftrag der Zentralbehörde. 3 4
Kyd. preist sarkastisch die Weisheit der Finanzbehörde. W. : . . . a<j>UlQELv . . . , ninElv . . . , rrE(8Elv, Infinitive in imperativischer Verwendung,
auch für die klassische Prosa (Thukydides, Platon) belegt. Siehe R. KühnerlB. Gerth, Ausführ liche Grammatik der griechischen Sprache, 11, Satzlehre, HannoverILeipzig 1 904, 2 0 - 22, mit zahlreichen Belegen.
Gruppe 3: Datierbare Briefe der Liste LC II 492J Nr. XlV, mit L344 (1383-84) 264
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AN DEN PHILOSOPHEN KYR GEORGIOS
L: 344; OKyd: Konstantinopel; E: Georgios Gabrielopulos; OE: Bei « Barbaren»; D : 1 3 8 3/84; wI: Nach lange unterbrochenem Briefkontakt mit Kydones hat Georgios, der sich einst wegen gewisser Äußerungen bei Ioannes V. mißliebig gemacht und Konstantinopel ver lassen hatte, an den Kaiser geschrieben, um eine Aussöhnung mit ihm zu erwirken. Kydones,
der dem Kaiser den Brief vorlas und ein gutes Wort für ihn einlegte, hat erreicht, daß der Kaiser mit der Heimkehr des Philosophen nach Konstantinopel einverstanden ist; doch rät Kydones selbst ihm davon ab, weil er dort weder seine materielle Lage verbessern, noch mit größerem Verständnis für seine geistigen Interessen als bei den « Barbaren» rechnen könne, bei denen er sich derzeitig aufhalte. 5
Lange hast du mir nicht, anderen aber oft geschrieben; das hielt ich geradezu für eine Warnung an mich, dich ebenfalls nicht mit Briefen zu
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BRIEFE T 02 63 - 264
belästigen; denn (ich nahm an), wer nicht gern schreibe, bekomme auch nicht gern Briefe. Ich schrieb also nicht, bedauerte, daß mir der Anlaß dazu genommen war, gab mich aber damit zufrieden, weil ich überzeugt war, daß mein Schweigen dir recht sei, und ließ mir geduldig von anderen über dich erzählen, obwohl ich doch eigentlich anderen von dir berichten 1 0 müßte. Ich verzichtete aber nicht, wie auf Briefe, auch darauf, dir alles Gute zu gönnen und zu wünschen, sondern bewahrte dir mit dem Schwei gen auch die (freundschaftliche) Gesinnung, freute mich, wenn etwas Gutes über dich berichtet wurde, war aber andererseits betrübt, wenn ich erfuhr, daß es auch dir nicht wohl ergehe. Bis j etzt also bewahrte ich Schweigen gegenüber dem Schweiger, weil ich nicht herausfinden konnte, 1 5 mit welcher von beiden LösungenI ich dir weder lästig noch ungerecht erscheinen würde. Ich würde aber noch weiter bei der bisherigen (Ent scheidung) verharren, wenn du von anderen die Meinung des Kaisers erfahren könntest; denn um dich nach dieser zu erkundigen, hast du (doch) vielen Freunden geschrieben. Da nun aber die nichts darüber wis sen, von denen du etwas zu erfahren hofftest, und sie dir deshalb auch keinen eindeutigen Rat für deine Zukunft geben können, wie du es dir 20 wünschtest, kam ich auf den Gedanken, dir selbst zu schreiben, um dich über (die Meinung des Kaisers) zu informieren, indem ich das Unbehagen, das mein Brief bringen könnte, gegen seinen Nutzen abwog. Laß dir also sagen, daß der Kaiser dein Schreiben erhielt, daß er es mir - denn ich war zufällig dabei zugegen - aushändigte und ich ihm auf seinen Befehl den Brief vorlas, wobei er mir zuhörte 2 . Nach der Verlesung erzählte ich ihm mit (aller) Offenheit von deinen Vorzügen, 25 soweit ich sie kannte, und fügte hinzu, es sei eine Schande für das Reich der Rhomäer, wenn unsere Gebildeten, die bereit und in der Lage seien, dem Vaterland nützlich zu sein, es verließen, um bei anderen Zuflucht zu suchen, in der Hoffnung, es werde ihnen dort besser ergehen, (eine Schande aber auch, wenn sie) glaubten, daß andere mehr Verständnis als wir für unsere Vorzüge hätten und freundlicher mit unseren Landsleuten umzugehen schienen als wir selbst. Nun, dem widersprach der Kaiser 3 0 nicht, sondern schien es gutzuheißen u n d stimmte ihm bei . E r fügte aller dings hinzu, daß (ihrerseits) unsere Philosophen auch dem Kaisertum die Treue zu halten und dem, was der Kaiser wünsche, zuzustimmen, seine Widersacher hingegen auch als ihre eigenen Feinde anzusehen und ge heime Unterredungen mit ihnen zu meiden hätten; denn es sei unerträg-
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
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lich, wenn man um eine Gunst bitte und (zugleich) dem zukünftigen Ge ber nachstelle. «Ich bin» , sagte er, «obwohl ich das, was damals insge heim gesagt wurde, recht wohl weiß, dennoch nicht dagegen eingeschrit ten, noch habe ich mich hinreißen lassen, von Georgios übel zu reden; ich habe ihn auch nicht aus dem Lande gejagt, obwohl er hätte bleiben wollen, sondern er selbst hat sich mit Verbannung bestraft, weil der Sta chel des Gewissens ihn plagte, und nun, da er um Vergebung bittet, erteile ich sie ihm bereitwillig; wenn er zurückkehren möchte, bin ich damit
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einverstanden, und wenn er (hier) bleiben will, wird ihn niemand belästi gen.» D a lobte ich seine milde, menschenfreundliche Gesinnung und dankte ihm dafür, als ob es um mich selbst ginge. «Bedenke aber auch, Kaiser» , fügte ich hinzu, «die hohen Lebenshaltungskosten in der Großen STADT. Es wird hier dem Philosophen an vielem mangeln; da er aber außer philo sophischer Erkenntnis und den Wissenschaften alles geringschätzt, ist zu befürchten, daß er wegen der (bevorstehenden) Not (schon) vor der
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Heimkehr wieder an die Abreise denkt oder, wenn er bleibt, das Schicksal der Zikaden erleidet, die mit Gesang zugrundegehen3 .» Darauf antwor tete er : «Einstweilen soll er sich der Vergebung, die er erbittet, freuen und in der STADT, wenn er zurückkommt, ohne etwas befürchten zu müssen, wohnen können. Was aber die notwendigen Auslagen betrifft, so werden wir nach seiner Rückkehr zu passender Zeit auch dieses Problem lösen.»
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Soweit der Bescheid des Kaisers für dich, mein Bester ! Auch befahl er mir, dir in dieser Angelegenheit ohne Bedenken zu schreiben. So hast du also nun Zeit, auf dieser Grundlage über das Weitere nachzudenken. Was aber mich betrifft, so kann ich es zwar überhaupt nicht leiden, wenn einer ungebeten als Ratgeber auftritt; dennoch sage ich dir aus Freundschaft und weil ich dringend wünsche, daß du die richtige Ent scheidung triffst, meine Meinung, auch wenn du nicht danach fragst.
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Meiner Ansicht nach also solltest du mit dem Wenigen zufrieden sein, was du nach Auskunft des Eleutherios j etzt hast, nicht aber das, was in deinen Händen ist, wegwerfen und deine Hoffnungen auf unsere unsiche ren Angebote setzen\ zumal dich bereits die Erfahrung gelehrt hat, was du (hier) zu erwarten hast. So bleibe denn, halte dich an das kleine Floß5 und versuche mit ihm den gegenwärtigen Wogenschwall zu durchqueren! D amit wirst du am besten beraten sein. Denn die Klippen, die es dort
60 gibt, (findest du) überall . Was aber deine Klagen betrifft, es sei dir schwer
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BRIEF
T2 64
erträglich, bei den Barbaren die Muse zu vermissen, so laß (doch) die Musenkunst des Platon und Demosthenes hochleben ! Denn die hast du immer bei dir, und sie werden dir helfen, den Verdruß über die Ungebilde ten ganz leicht zu ertragen. Wenn dir aber j ene Schwäne nicht genügen und du ihnen wieder die hiesigen Krähen 6 vorziehen willst, bedeutet das nicht (nur) zweifachen, sondern vielfachen Absturz, den du nicht verdient hast. Ich habe aus treuer Gesinnung gesagt, was dir nach meiner Meinung 65 zuträglich ist. Gott aber sei mit dir, wenn du darüber und über alles (andere) mit dir zu Rate gehst. K I. OKyd: In der Großen STADT ( ZA2 f. 47) und in der Nähe des Kaisers (Xl ) . E: Zur Identifizierung des Philosophen Georgios mit Gabrielopulos siehe Bd. I12, T49, BE; PLP 343 3 . OE: Georgios hält sich derzeit bei «Barbaren» auf (Z.60), wo er ein bescheidenes Leben führt ( Z.54 f. ) . In LC II 472 (Index «Nomina geographica» ) ist auch ein Stichwort «Barbari» aufgeführt, zu dem teils nähere Bestimmungen mitgeteilt werden, teils nicht. Für vorliegenden Brief läßt Loenertz eine solche offen. Nach Maßgabe dieses Index werden bei Kyd. sowohl Türken und Slaven wie auch Abendländer so bezeichnet. Es ist aber auch mög lich, daß die Bewohner der Peloponnes gemeint sind ( dazu unten, T273, Xl ) . D: Ich habe den Brief in TinnGeorg 1 62, A.2 mit Loenertz auf das Jahr 1 3 8 3 datiert. Doch ergibt sich aus T273, einem Brief, der nunmehr auf 1 3 84 zu datieren ist (siehe dort), daß Georgios inzwischen nach Konstantinopel gekommen ist. Je nachdem, welche Zeitspanne man zwi schen vorliegendem Brief und der Ankunft des Georgios in Konstantinopel ansetzt, könnte dieser noch 1 3 8 3 oder auch bereits 1 3 84 geschrieben sein. Loenertz hat ihn, obwohl er einigermaßen datierbar ist, nicht in seine Chronotaxis ( LC II 491 oder 492) aufgenommen. Ich füge ihn als ersten der Liste XIV hinzu. 11. BKyd: Kyd. hat lange keine Post von seinem Freund erhalten ( ZA ) . Er hatte ihm zuletzt den Brief Bd. II, T173 ( datiert auf 1 3 77/79 ) nach Mitylene auf Lesbos gesandt. Nun schreibt er ihm, weil er von anderen gehört hat, daß Georgios sich nach der Meinung des Kaisers (Xl ) zu seiner geplanten Rückkehr erkundigt habe ( Z. 1 6 - 2 1 ) . Da Kyd. in der Ange legenheit am besten Bescheid weiß, weil er einen Brief des Georgios an den Kaiser diesem vorgelesen und mit ihm die Frage seiner Rückkehr besprochen hat (Z.21 -49), wendet er sich nun, auch im Auftrag des Kaisers (Z.50), ungefragt an ihn (Z.5 1 - 54) und teilt ihm mit, daß der Kaiser keine Bedenken gegen seine Rückkehr habe ( Z.30 f. ) , jedoch von ihm fortan eine ergebene Gesinnung fordere (Z.3 1 - 3 5 ) . Kyd. selbst rät aber dem Freund von der Rückkehr ab, mit der Andeutung, trotz gewisser Zusagen des Kaisers (ZA6 - 49) könne er nicht davon ausgehen, daß sein Unterhalt in Konstantinopel gesichert sei (Z.54 - 56; entsprechend auch T273, Z.72 ) und daß ein unabhängiger Geist wie er es dort auf Dauer aushalten könne (Z.5 6 - 5 9 ) . BE: Daß Georgios durch unvorsichtige Äußerungen einst (d. h., vor seiner Ab reise von Konstantinopel im Sommer 1 3 6 1 , TinnGeorg 149 f. ) auch den Unmut des Kaisers erregt hatte (xQußÖllv 't0't' ELQll!lEVa, Z.35 f. ), wissen wir nur aus diesem Brief. Diese Angabe wäre auch in TinnGeorg ( 1 50 f. ) bei den Überlegungen zu den Gründen seiner Abreise nach zutragen. Gemäß TinnGeorg 1 5 1 - 159 lassen sich bis 1 3 7 1 einige seiner Reiseziele aus der
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
Korrespondenz des Kyd. verfolgen. Hinzuzufügen sind der Aufenthalt auf Lesbos (s.o., BKyd) und der jetzige bei «Barbaren» (s.o., OE). Nun wünscht Georgios nach Konstantinopel zu rückzukehren ( Z. 3 9 - 4 1 ); er hat beim Kaiser deswegen brieflich angefragt (Z.2 1 f. ) und zu gleich durch Briefe an Freunde in Konstantinopel die Meinung des Kaisers zu sondieren versucht ( Z . 1 6 - 1 8 ) . Xl: Ein Kaiser (Z.1 7.22 .3 0 .42.49 ), zweifellos Ioannes v., der sich auf Vermittlung des Kyd. mit der Rückkehr des Georgios einverstanden erklärt ( Z. 3 0 f. 3 8 -40). Siehe auch oben, BKyd und BE. Die Bemerkungen des Kaisers zur Loyalität, die er von Georgios erwartet, zeigen, daß er seine eigene Situation als unsicher einschätzt und sich in seiner Umgebung vor Gegnern zu fürchten hat (Z.3 1 - 3 5 ) . X2 : Eleutherios, Briefbote ( Z. 5 5 ) . Z G : Die wirtschaftliche Situation Konstantinopels läßt einen Aufenthalt dort nicht empfeh lenswert erscheinen ( Z.42 - 45 ) . Ep: Ein Brief des Georgios an Ioannes V. (Z.2 1 f. ) ; Briefe des Georgios an Freunde in Konstantinopel ( Z. 1 6 - 1 8 ) . III. Hss: A 127r- 128r, Nr. 1 1 ; U 1 9 7v - 1 99r, Nr. 202. IV. 1 Sc. mit Schreiben oder Schweigen. 2 W. : aVEYvwv aXQoWI-lEVep. 3 PIPhdr 259bc. 4 W. : JtQo� La� �I-lELEQa� XEXllvEvm aXL6:� (nach unseren « Schatten» begierig den Mund aufsperren). 5 Loenertz verweist auf das Floß des Odysseus, HomOd 5 , 3 6 1 - 3 64 . 6 Zur Metapher vom Gesang d e r Schwäne und dem Gekrächze d e r Krähen siehe B d . II, T147, A.3. Zur Krähen-Metapher vgl. auch Bd. I/l, T5, A.8 sowie den folgenden Brief (T265), A.2.
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AN KAISER MANUEL
L: 262; OKyd: Konstantinopel: E: Kaiser Manuel 11. Palaiologos; OE: Thessalonike; D: Herbst 1 3 8 3 ; wI: Manuel hat Kydones die beratende Rede zugesandt, die er soeben vor den
Bürgern von Thessalonike gehalten hat. In einem Brief an Kydones hat Rhadenos Manuel als Verfasser bezeichnet. Die Rede wird als Inbegriff rhetorischer Vollendung und als alleinige Leistung Manuels gelobt, die um so mehr wegen der Beanspruchung des Kaisers durch die Angriffe der Barbaren (Türken) zu bewundern sei. Durch seine profunde Bildung übertreffe Manuel alle seine Vorfahren, finde aber bei den meisten Zeitgenossen dafür leider nicht die gebührende Anerkennung. Christus möge nun dem Kaiser bald Gelegenheit zu einer entspre chenden Siegesrede geben.
Wenn ich nicht völlig überzeugt wäre, daß Rhadenos ein wahrheitslie5 ben der Mensch ist, hätte ich mich niemals überzeugen l assen, als ich die
Rede 1 sah, daß deine Zunge und dein Geist zu einer solchen Leistung fähig seien. Da ich aber seit langem weiß, daß er sich vor übertreibender Darstellung hütet, und (dies) j etzt (noch) mehr, da er durch den Aufent halt bei dir gelernt hat, das Maß zu wahren - zumal er mich überzeugen
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BRIEFE
T264 - 265
mußte, den er um nichts (in der Welt) würde täuschen wollen - , glaubte ich ihm, als er schrieb, daß die Rede allein deine geistige Leistung sei, und während ich sie bewundernd las, rief ich aus, Pindar werde mit Recht 1 0 allen Dichtern vorgezogen, weil e r mit dem Adler den verglich, der allein dank seiner Begabung ein Meister der Worte ist, mit Krähen aber die,
welche sich (alles nur) angelernt haben2 . Denn das hat sich geradezu in vollkommener Weise an dir gezeigt, der du niemandem etwas verdankst, sondern nur dich zum Lehrmeister hattest3 und auf die Schätze deiner Natur schautest; so hast du (alle), die bei Lehrern studiert haben, (vor) 1 5 der Weisheit wahrhaft a l s Arme und Bettler erwiesen und den alten Aus spruch, daß alle menschlichen Fähigkeiten der Weisheit zu verdanken seien4 , herrlich an dir selbst bestätigt. Mehr noch: während die ersten Erfinder der Kunstfertigkeiten nicht sofort das vollkommen Richtige tra fen, sondern für ihre Entdeckung bewundert wurden, noch nicht aber für die Vollendung - denn diese bewirkten durch allmähliche Ausgestaltung (erst) ihre Epigonen - , hast allein du auf den Pfaden der Worte dich selbst 20 geleitet; du selbst hast sie ersonnen, sie mit den Blüten der Redekunst geziert und erntest für dich die Ehre, zugleich Entdecker und Vollender zu sein. So läßt du deinen Zuhörern, weil du die Redekraft, die Anmut, das rechte Maß und die Sache selbst beherrschst und weil du allenthalben mutige Offenheit mit Milde verbindest, gleichsam ein Echo des Demo25
sthenes erklingen. Wenn ich dann noch an die Zeitumstände denke, wie du, von allen Seiten umbrandet, die Wogen über deinem Haupt sich auftürmen siehst und selbst inmitten der Jammernden, Klagenden, Untergehenden fest stehst, wie du nicht nur keineswegs mit ihnen kraftlos niedersinkst, (als wärest du) unschlüssig, auf welche Weise du mit dem Ungewitter und ihrer Not umgehen sollst - sogar Themistokles und Leonidas erging es
wohl so, die (doch) ihren Mut unzähligen Barbaren entgegenstellten -, 3 0 sondern gleichsam wie i n der Akademies und ihren Gärten (gelassen) da sitzt und öffentliche Reden hältst, an deren schönem Stil du sorgfältig gearbeitet hast, (Reden), mit denen du die Bürger ermutigst und aufrich test, sie ermahnst, sich für die Freiheit einzusetzen, nicht nur durch deine Worte, sondern auch durch deine Taten - wie ein Lehrer, der den Kindern ihre Pflicht vorlebt - , wenn ich also dies bedenke, kann ich es nicht leicht 3 5 auf ein Vorbild, wie es sein müßte, zurückführen. Literarische Tätigkeit und Kriegshandwerk lassen sich ja ohnedies (nur) schwer vereinbaren6 ,
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
und wenn es wirklich einem gelang, wurde er dadurch zum gefeierten Mann. Nun ist es allerdings klar, daß sich derselbe beidem nicht in glei cher Weise widmen kann, sondern wer auf beiden (Gebieten) Großes lei sten will, muß den (jeweils) geeigneten Zeitpunkt unterscheiden (können). 40 Du aber hältst Reden, während dich der Krieg von allen Seiten umbran
det, und hast den Ehrgeiz, mitten in den Schrecken der Schlacht das, was von Natur aus einander widersprichrl, (miteinander) zu versöhnen. Denn was steht der Ruhe mehr entgegen als die Mühsal, von denen die eine die literarischen Studien, die andere das Kriegswesen begleitet? Was mir aber, während ich (dies) schrieb, (noch) in den Sinn kam, will ich hinzufügen. Wen nahmst du dir jetzt zum Vorbild, du in j eder Hinsicht Bester, als du deine Liebe der Redekunst zuwandtest, die man (doch) als 45 politisch unnütz ansah ? Denn deine kaiserlichen Vorfahren liebten und
lobten mehr die anderen Fertigkeiten, und taten (insofern) recht daran, weil sie glaubten, daß die Mühen um die Bildung Kennzeichen einer trä geren Natur seien 8 . So haben die Väter der j ungen Leute sie nachgeahmt, weil sie für sich und ihre Kinder die Gunst der Herrscher gewinnen woll50 ten; sie haben Bücher und Lehrer wie einen Abgrund gemieden und zu
dem sogar die Prügelstrafe angewendet, wenn sie vermuteten, einer ihrer Söhne sei den Studien ergeben. So hat sich denn, weil von denen, welche die Tugenden der Menschen belohnen können, eine solche Parole ausge geben wurde, im Laufe der Zeit eine solche Mißachtung der Studien und der Philosophie bei uns eingebürgert, daß j etzt im Palast sogar das ele55 mentare Wissen verlacht wird. Es bringt (vielmehr) das Nichtwissen den
Ungebildeten ein Ansehen ein, als seien sie Veteranen der Schlacht bei Marathon 9 , und man fände es j etzt erträglicher, der schlimmsten Dinge bezichtigt zu werden, als den Anschein zu erwecken, auch nur einen flüchtigen Schimmer von Bildung zu besitzen. Würde doch (ein Gebildeter heute) wie eine Seuche und ein öffentlicher Makel für das städtische Ansehen außer Landes gej agt. Denn den Studien und der Bildung, nicht dem anmaßenden Unverstand gewisser Leute, schreiben sie die Unruhen in den Städten und die j etzige Sklaverei1 0 zu. Nun bist du (doch) selbst 60 von
so vielen Vertretern (dieser Ansicht) l l umgeben, und so viele (Gründe) drängen dich zu einem Leben ohne Bildung: Jugend1 2 , Reich
tum, Bequemlichkeit, der Umgang mit bildungs feindlichen Menschen, der breite Pfad1 3, der dir allenthalben zu vielfältigem Wohlleben gebahnt ist und den das Kaisertum den Leichtsinnigen weiter öffnet, weil es nicht
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BRIEF
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durch Furcht vor den Gesetzen eingeschränkt wird ! Wie also kamst du dazu, (das) alles beiseite zu lassen und dir eine Betätigung zu wünschen, die keinerlei Anerkennung zu finden scheint? Ja, es ist offenkundig, daß du dich, weil deine innere, naturgegebene Vernunft gefestigt ist, wie zu 65 etwas Verwandtem zu der öffentlichen Rede gedrängt fühltest14 und (da mit zugleich) die lächerlich machtest, die glaubten, etwas anderes sei mehr als dies dem Kaisertum und der staatsmännischen Tätigkeit angemessen. Daher bewundere ich dich wegen dieses Dranges zur geistigen Betätigung und prophezeie, daß du dafür auch allgemeine Bewunderung finden wirst, weil er von innen und durch deine Natur gefördert und nicht nur durch äußerlich (angelernte) Fertigkeit und Übung erworben ist. Nun hat aber 70 das, was du j etzt geschrieben hast, das (bisher) allerhöchste Lob bei de nen, welche die Redekunst beurteilen können, gefunden; ihnen habe ich überzeugend dargestellt, welche Ehre dir j enes Werk bringt, und sie zur Teilnahme bei diesem Festmahl eingeladen und gewonnen 1 5, und auch sie waren wie ich vom Pathos (deiner Rede) tief betroffen. Nur darüber waren sich die versammelten (Zuhörer) einhellig und mit Betrübnis einig, daß deiner Rede ein nicht ihrer Meisterschaft entspre chendes Schicksal beschieden war ; denn während sie die eine im Übermaß 75 aufweise, ergehe es ihr in der anderen Hinsicht wie denen, die den Her messtatuen vorsingen1 6 . Hat doch diesen, die aus Stein gemacht sind, die Natur keine Ohren gegeben, daß sie den Gesang hören könnten; so haben auch die Leute bei uns wegen ihrer Roheit keinen Zugang zur Kunst der Rede. D iese Tatsache hielt die Zahl der Zuhörer bei der Verlesung deiner Rede in Grenzen und beschränkte die Freude und Bewunderung auf die wenigen, die zusammenkamen, obwohl (doch) kein Mann, der die Spra- 80 che der Rhetorik beherrscht, (die Zuhörer) stärker fesseln sollte als du17. Du allerdings solltest der Gleichgültigkeit gewisser Leute nicht nachge ben, daß sie dir die Freude an der Abfassung von Reden verderbe, son dern dir vielmehr die Nachtigallen zum Vorbild nehmen, welche als Audi torium ihrer Musik die Einsamkeit wählen, und mit deinem Gesang zuerst dich selbst, dann (aber) auch alle erfreuen, die Ohren haben. Man würde doch lieber bei einem einzigen solchen (Zuhörer) Anerkennung finden, als von all den Sklaven, (die) j etzt (herumlaufen), bej ubelt zu werden. 8 5 Sieh (jedenfalls) i n mir einen v o n denen, die sich freuen werden, wenn du singst! Durch deinen öffentlich erteilten Rat1 8 hast du meine persönliche Betrübnis schwinden lassen, nicht (deswegen), weil ich mich, wie du (mir)
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
zu Ehren sagtest, über das Aufkeimen der von mir gelegten Samenkörner gefreut hätte - finde ich doch in deinen Reden keine Spur meiner «Be wässerung» und meiner Mühen1 9 , denn in deinem Inneren sprudelt die Quelle dessen, was du hervorbringst -; wir haben vielmehr, wenn (schon) 90 nicht als Schöpfer schöner Reden, so doch als deren Bewunderer unsere
Freude. So gib denn, ERLÖSER, dem Kaiser die Gelegenheit zu einer Festrede statt wie j etzt zu gutem Rat; dann wird er (noch) ehrgeiziger in seiner Wortwahl sein, und wir werden ihm (um so) lieber zuhören. Denn j etzt wurde uns ein großer Teil der Freude von den Bürgern (Thessaloni kes) genommen, wenn sie zu ihrem Wohlergehen der beratenden (Worte) bedurften2 o . K OKyd: An dem Ort, wo sich der Palast des Kaisers, sc. loannes' V. (Xl), befindet 1. (Z.5 3 ) . OE: Siehe die zuletzt vorausgehenden Briefe an Kaiser Manuel, T253 , 255, 25 6, sowie unten, D. D: Seit den unter OE genannten Briefen hat sich, wie das Bild von den brandenden Meereswogen andeutet, die Lage Thessalonikes angesichts der türkischen Bedro
hung erheblich verschlechtert ( Z.25 -29). Die soeben gehaltene Rede Manuels an die Bürger Thessalonikes, auf die Kyd. anspielt ( Z.4-25.70 - 73 ; siehe auch unten, A. 1 ) setzt, wie Den Reign 78 f. zeigt, eine Situation voraus, die in einer etwa gleichzeitig verfaßten Predigt des Isidoros Glabas zum Fest des hl. Demetrios am 26. 1 0 . 1 3 8 3 (ed. B. Laourdas, Nr. 1, zitiert in DenReign 78, A.2 und unter «Literary Sources » , 1 67) genauer beschrieben ist. Hier ist von einem Ultimatum die Rede, das die Türken, zweifellos unter Führung Hayreddin Paschas (zu seiner Person und Bedeutung siehe T23 5 , ZG), nach dem Fall von Serres ( 1 9.9.) der Stadt gestellt haben. Es läßt den Bürgern Thessalonikes die Wahl zwischen den Alternativen Unter werfung und Tribut oder Plünderung Thessalonikes und Tötung seiner Bewohner. Unter die sen Umständen appelliert Manuel an die Bürger der Stadt, militärisch wie diplomatisch alles zu unternehmen, um der Versklavung oder Tötung durch die Türken zu entgehen. Entspre chend dem Datum der Glabas-Predigt ist die Rede also wohl auf OktoberlNovember 1 3 8 3 z u datieren, und etwas später, aber sicher noch i m Herbst 1 3 8 3 , wurde die vorliegende Reak tion des Kyd. auf die Zusendung des Redetextes verfaßt. 11. BKyd: Bei aller Bescheidenheit (vgl. A.3 und A. 1 9 ) bestreitet Kyd. doch wohl nicht, Manuel Bildung vermittelt zu haben, mag er auch in der Rede die Spur seiner Mühen nicht finden ( Z. 8 7 f. ) . Der gesamte Brief ist als ein weitgehend aus persönlicher Überzeugung ver faßtes Enkomion auf Manuels literarische und politische Fähigkeiten und Leistungen zu ver stehen. BE: Manuel wird als Verfasser einer vorzüglichen politischen Rede an die Bürger von Thessalonike gelobt (s.o., D; s.u., A. 1 ), als einer, der literarische und politisch-militärische Tätigkeit erfolgreich zu verbinden verstehe ( Z.25 -43) und der nach der bildungsfeindlichen Politik seiner Vorfahren (siehe aber unten, A. 8 ) endlich wieder den Studien ihren gebühren den Platz eingeräumt habe ( Z.43 - 70 ); die relativ geringe Resonanz seiner Rede sei der man gelnden Bildung seiner Zuhörer zuzuschreiben (Z.73 - 8 5 ) . Xl: Rhadenos ( siehe T25 9 ) , der Kyd. brieflich mitgeteilt hat, daß die ihm zugegangene Rede ein Werk Manuels sei ( Z.4 - 1 0 ) .
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BRIEF T265
X2 : Obwohl Kaiser Ioannes V. nicht ausdrücklich genannt wird, enthält dieser Brief zweifel los versteckte Kritik an seiner Gleichgültigkeit gegenüber der literarischen Bildung, die Kyd.
auch an anderer Stelle andeutet, vor allem in den Briefen der späten 8 0er Jahre L23 6, Z.121 6 und L23 9, Z. 7 - 9; vgl. auch das Zitat der distanziert-herablassenden Bemerkung Ioannes' V. über «Philosophen» in Byzanz, T264, Z.3 1 - 35. Im vorliegenden Brief spricht Kyd. zwar nur von den kaiserlichen Vorfahren Manuels im allgemeinen, doch wußte er, wie L23 6, Z . 1 8 - 2 0 zeigt, durchaus, daß es unter diesen auch Andersgesinnte gab (siehe dazu unten, A.6, A. 8 ) , was er hier zur enkomiastischen Überhöhung der Leistung Manuels verschweigt. ZC: Zur außenpolitischen Lage Thessalonikes s.o., D. Zum Rückgang der Bildungspflege im zeitgenössischen Konstantinopel s.o., X2 . Ep: Brief des Rhadenos an Kyd. (s.o., X l ) , wahrscheinlich identisch mit TinnFreund 24 1 , Nr. 3 2 ; doch wird i n L2 85 ( T264, s.u.) oder späteren Briefen an Rhadenos Manuels Rede nicht erwähnt. III. Hss: Dieser Brief ist in zwei Fassungen überliefert. Die erste, welche die Spuren zahl reicher Überarbeitungen durch den Autor zeigt, steht in A 1 75v - 1 76r; sie wurde von Kyd. schließlich durch den Vermerk aQyit (unbrauchbar) annulliert und durch eine reinschriftliche Endfassung (A 1 00r- 1 0 P) ersetzt, die ihrerseits einige nachgetragene Zusätze enthält. Die Endfassung ist in U 2 1 2v - 2 1 5 ', Nr. 214 kopiert. Loenertz ediert den Text der Reinschrift und führt die Varianten der Erstfassung im Apparat mit dem Sigel D auf. Es zeigt sich, daß mit D häufig die weiteren Textzeugen des Briefes B 245'- 246v, Nr. 99 und m, Nr. 8 zusammengehen. Der Text des abgesandten Briefes, auf den die genannten Hss wohl zurück gehen, entspricht also dem der Erstfassung. Zur Bedeutung dieser Tatsache für die Beurtei lung des « Briefbuches» (Hs A) s.u. T325, A. 1 . Die hier vorgelegte Übersetzung stützt sich auf den edierten Text der Endfassung. Ed: Matthaei 1 776, 43 - 46, Nr. 8 (nach Hs m) . IV. 1 Gemeint ist der 2:\J�LßO\JAE\J"tLXO� JtQo� "tOu� 8EOaaAov(XEL�, ed. B. Laourdas, Ma XEÖOVLXa. 3 ( 1 95 5 ) 290 - 3 07, Text: 295 - 3 02, Resümee bei DenReign 8 1 - 84. Zum Anlaß der Rede s.o., D. Manuel hatte Kyd. dieses Werk mit dem Begleitbrief LetMan Nr. 1 1 zuge sandt. Eine Antwort Manuels auf vorliegenden enkomiastischen Brief ist nicht erhalten. 2 Von Kyd. mehrfach verwendete Anspielung auf PindOl 2, 155 - 1 5 8 . Vgl. Bd. 111, T5, A. 8 und 112, 6 8 1 , s.n. Pindar. 3 Diese enkomiastische Behauptung ist als bescheidene Zurückweisung der Bemerkung Manuels im Begleitbrief LetMan Nr. 1 1 , 24 - 2 8 zu verstehen, die Rede habe dem Unterricht des Kyd. viel zu verdanken. An einer späteren Stelle des Briefes (vgl. Text vor A. 1 9 ) wider spricht Kyd. diesem Lob noch deutlicher. Zur autobiographischen Bedeutung der Bescheiden heitswendung s.o., BKyd. 4 W. : w� at "tEXVaL ao(a� ELEV EllQit�a"ta (vgl. AristotMetaph 9 8 1 b 1 3 - 1 7: dxo� "tov =
(mOLaVOÜv EllQov"ta "tI�xvl1v . . . ea\J�a.�EOeaL . . . w� ao<j>ov) . 5 I. Medvedev, Vizantijskij gumanizm, Leningrad 1 976, 1 9 mit A.3 1 zitiert diese Stelle als Beleg dafür, daß nicht nur in Italien, sondern auch in Byzanz die platonische Akademie als Vorbild für Gelehrtenkreise angesehen wurde, betont aber auch, daß im Gegensatz zu Italien solche Vereinigungen niemals die offizielle Bezeichnung « Akademie» erhielten. Siehe auch unten, T266, Z . 1 6 . 6 Einst hatte Kyd. auch Ioannes Kantakuzenos, Manuels Großvater, wegen seiner Fähig keit gelobt, geistige bzw. rhetorische Betätigung mit staatsmännischer und militärischer Praxis zu verbinden; siehe Bd. 111, T4, Z . 1 0 - 1 7. Doch verzichtet er hier darauf, dieses Vorbild zu nennen.
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
7 Im Griechischen Wortspiel: 1:fl flaXTI 1:U 1:fl q)lJOEt flUXOflEVU LAOVEtxEi:� ÖLUAA,aUEtv. 8 Dies trifft für Michael VIII., Michael IX. , Andronikos III. und Ioannes v., weniger allerdings für Andronikos 11. und den schon erwähnten Ioannes Kantakuzenos zu, die sich zumindest gern als Förderer der Bildung feiern ließen. 9 W. : Mugu8wvoflaxwv. Die Veteranen dieser berühmten Schlacht der Athener gegen die Perser (490 v. ehr.) genossen besonderes Ansehen. Hier wird zugleich angedeutet, daß man einem Ungebildeten zur Zeit des Kyd. eher militärische Fähigkeiten zutraute. 10 Sc. die Versklavung durch die Türken. Vgl. zu diesem Thema TinnFreund 234-236. 1 1 W. : rcuguÖE(Yflumv. 12 Manuel war im Jahr 1 3 8 3 ca. 3 3 , Kyd. ca. 59 Jahre alt. 13 W. : EugE(U� MOli, wohl im Anklang an Mt 7,13 (Eugvxwgo� � 6öo� � cmayouou El� 1:TJv cmwAELuv) . 14 W. : � ÖfjAOV w � EggwflEvov EXWV 1:0V EVÖOV xul rcugu 1:fj� VOEW� A.6yov w � Erc( n OUYYEVE� 1:0U� E�W A.6you� �rcE(X81']�. Ein zweites Erc( vor 1:0V�, Äquivalent des im Deutschen unentbehrlichen zweiten « zu » , fehlt im Griechischen gemäß Schwyzer II 43 3 . Das Wortspiel EVÖOV . . . A.6yov (innere . . . Vernunft) mit E�W AOYOU� ( öffentliche Rede) läßt sich im Deut schen nicht nachahmen. 15 Die Rede wurde also in einem literarischen Zirkel ( 8Ea1:gov, Z.7 8 ) verlesen. 1 6 « Den Hermesstatuen vorsingen» bedeutet, wie Kyd. nachfolgend erläutert, soviel wie rcugu xwcp Ö wA.€yw8 m (Paroem 1 3 70, Nr. 32; II 127, Nr. 8 9 ) . Die spezielle Nennung von Hermen - anstelle von Statuen im allgemeinen - müßte antiken Ursprungs sein, aber einen Beleg dafür habe ich nicht gefunden. 17 Zu konstruieren ist: OOL ( Z. 7 8 ) . . . , oi5 (genetivus comparativus) oUÖEl� ÖWflO� av ögo� ÖUVUflEVOU YAWUTI AEYELV flECi;wv nv yEVOL1:0. 1 8 W. : 1:fl XOLvfl OUflßOAfl, Anspielung auf das literarische Genus der Rede ( OUflßOUAEU1:L XO�); s.o., A. 1 . 1 9 Kyd. bezieht sich auf die metaphorisch formulierte Äußerung Manuels zur eigenen Rede (LetMan Nr. 1 1 , Z.24 - 2 6 ) , die hier in der Übersetzung von Dennis zitiert sei: « Pluck then the sweet fruit for yourself, you who are the cause of it, for it was you who provided us with the seed, and it was by you that the plant was abundantly watered. » Manuel hatte also seine rhetorische Leistung bescheiden dem Einfluß seines Lehrers Kyd. zugeschrieben, was dieser (wie bereits im Text vor A.3) ebenso bescheiden zurückweist. 20 Rat und Ermahnung (DenReign 80 übersetzt rcUgUXA1']1:LXWV, nicht weniger treffend, mit « exhortations » ) wurden hier aus unerfreulichem Anlaß gespendet; so kann Kyd. über diese Rede trotz der rhetorischen Leistung des Kaisers nur geminderte Freude empfinden.
266 L: 284; OKyd: Konstantinopel; E: Kaiser Manuel 11. Palaiologos; O E : Thessalonike; D: Herbst 1383; wI: Während andere von schweren Kämpfen um Thessalonike berichten, lassen die schön formulierten Briefe des Kaisers nichts davon ahnen. Dies könnte Anlaß zur Hoff nung geben; aber eher sei es wohl Manuels Genie zuzuschreiben, daß auch eine solche Situa-
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BRIEFE T265-266
tion seine schrifstellerische Begabung nicht beeinträchtigen könne. Doch solle er auch beden ken, daß nun alles darauf ankomme, bis zum Einsatz des Lebens die Freiheit seines Volkes gegen die Angreifer zu verteidigen.
Ich habe nicht denselben Eindruck von den Ereignissen, wenn ich deine Briefe lese und wenn ich die Gerüchte höre, die von euch zu uns gelangen.
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Denn sie bringen Kunde von dem Sturm, der dich umtobt, von vielen Klippen ringsumher, von dem Boot, das allenthalben von Wellen umbran det ist, von dem Meer, das schon (über dir) zusammenschlägt, von der Nacht, die dich ängstigt, von der tiefen Ratlosigkeit der Seeleute, mehr aber (noch) von dem Wehgeschrei und den Tränen der Passagiere, (und 1 0 lassen befürchten), daß (ihr in) der Fülle von Schrecken überhaupt nur noch auf Gott angewiesen bleibt und du deshalb auch nach ihm Ausschau hältst, weil du den Glauben an menschliche Hilfe vollständig aufgegeben hast. Solches j edenfalls erzählen uns die Boten der Gerüchte und schrek ken uns täglich damit. Aus deinen Briefen aber entnehmen wir, daß bei dir großer Friede herrscht; denn nicht unter (dem Lärm der) Waffen, im Krieg und mit den entsprechenden Sorgen, wie sie dich doch eigentlich j etzt umgeben müß ten, kann man sich literarisch betätigen, sondern man braucht ringsum 1 5 Ruhe und Stille, wenn man etwas Anspruchsvolles sagen will . Du aber sitzt wie in einer Akademiel da und bist allein darauf bedacht, wie du durch den Wohllaut der Worte deine Zuhörer in Erstaunen versetzen kannst, nach Art der Sophisten, die (doch) im Schönen unerfahren sind 2 ; du suchst deine Briefe in j eder Hinsicht so schön zu gestalten, daß auch ich, wenn ich sie lese, nicht nur von ihrer Anmut bezaubert und beglückt 20 bin, sondern durch sie auch von meiner Betrübnis, (die ich) wegen der Gerüchte (empfinde), geheilt werde . Ich glaube nämlich nicht, daß du so schöne Briefe schreiben könntest, wenn du in ein so heilloses Labyrinth der Schrecken geraten wärest und nicht (wenigstens) etwas Ruhe genießen könntest, ohne die der verstörte Sinn nichts Schönes und Wohlgeratenes hervorbringen kann. Aus diesem (Grund) verzweifeln wir (wenigstens) nicht gänzlich daran, auf eine Besserung der Lage zu hoffen; ist doch ein schlafender Steuermann der Beweis für eine versöhnliche See, weil er ja 25 nicht ruhen würde, wenn er Sturm voraussähe; so würdest auch du nicht, wenn Schlimmeres zu erwarten wäre, sorglos vor dich hinleben. Weil ich mir aber sehnlich den Frieden wünsche, klammere ich mich, wie an ande-
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
res, so auch daran, daß du (Zeit zu) literarischer Betätigung (findest), und deute es als Anzeichen des Friedens . Ein anderer aber, der schärfer sieht, würde sagen, daß du keineswegs deshalb Zeit zur (Abfassung) literari scher Werke findest, weil (etwa) die Lage ruhig wäre, sondern wegen des 30 überfließenden Reichtums deiner Begabung, die alles (zugleich) leistet und
das allein vollbringt, was viele (sogar) als gesonderte (Aufgaben)3 kaum zustande bringen würden. Deine Sprachkunst ist also keineswegs Anzei chen für einen Waffenstillstand, sondern für die Größe deiner Seele, die zugleich vieles vermag, und für deine unbezwingbare Liebe zum Wort, die auch in der schlimmsten Situation nicht ihre Kraft verliert. So möge dir denn diese Leidenschaft auf immer erhalten bleiben! Denn für einen Kaiser ist sie (wertvoll wie) eine Krone, für den Bürger aber ein 3 5 Besitz, kostbarer als aller Wohlstand. Möge es Gott dir immer wieder
gewähren, daß du sie bis zur Sättigung genießen kannst, und möchten wir es erleben, daß du dich an die vergangenen Schrecken nur (noch) erinnerst und davon erzählst, sie vielleicht aber auch niederschreibst, (daß du) dich über die später folgenden Ereignisse freuen und deine Freunde dazu einladen kannst, deine Freude zu teilen. Im Augenblick aber sind alle Überlegungen anzustrengen, alle Nächte und Tage zu verwenden und 40 alle Mühen als Wohlleben anzusehen, auf daß wir den gemeinsamen
Feind abwehren, den Gefährdeten die Freiheit bewahren, aber auch un sere eigenen Tränen stillen, die aus Betrübnis über das Geschehen und aus Angst vor dem, was noch zu erwarten ist, geweint werden. Da also alle, die überlebt haben, nach dir und deinem Erfolg Ausschau halten, (so) laß dich (nun) auf den äußersten und ehrenvollsten Kampf ein! Denn 45 das, was man einsetzt, um nicht den Schlechteren Sklavendienste leisten
zu müssen, erscheint herrlicher nicht allein, wenn man siegt, sondern auch der Tod im Kampf ist ein Beweis für großen Heldenmut4. K I. E: Ein Kaiser ( Z.34), der auch zur Zeit höchster militärischer Bedrohung ( Z . 6 1 1 ) noch Zeit findet, literarisch anspruchsvolle Texte z u verfassen ( Z. 1 3 - 20; vgl. T265, BE) . OKyd, OE: Die Situation entspricht der von T26 5 . D: Die in T265 angedeutete Bedrohung Thessalonikes durch Feinde ( ZAO, sc. die Türken) dauert an und wird als höchst dramatisch beschrieben (Z.6- 1 1 ) . Hier wie dort lobt Kyd. die Fähigkeit Manuels, trotz solcher Beanspruchung literarisch tätig zu sein (s.o., E ) . Allerdings wird hier seine Rede an die Bürger Thessalonikes nicht mehr erwähnt; von dieser dürfte der Brief daher bereits einigen zeitlichen Abstand haben, also mindestens einen Monat nach dem anderen verfaßt sein.
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BRIEFE T26 6 - 267 11. ZC: Siehe D . Ep: Z.13 scheint einen vorausgehenden Brief Manuels an Kyd. anzudeu ten, der jedoch nicht erhalten ist.
III. Hss: A 1 0r, ohne Nummer; Beginn eines neuen Heftes der Briefsammlung (Heft 2 gemäß LC 11, XN) . Der Anfang des Briefes steht auf dem oberen und rechten Rand bis arcElQo- ( Z . 1 8 ) ; erst mit der zweiten Hälfte des Wortes (-x6.AoU�) beginnt der im Schriftspie gel stehende Text. Der erste Teil des Briefes stand vermutlich auf einem später entfernten Blatt, doch findet sich in LR keine Auskunft zu der Frage. U I F- 1 2v, Nr. 1 5 . N. 1 Vgl. T2 65, A.5 und zugehöriger Text. 2 Manuel bewirkt bei den Zuhörern Erstaunen, auf das es auch die « Sophisten» ( sc. der Zeit Platons) abgesehen hatten. Im Gegensatz zu Manuel waren sie jedoch, wie Kyd. betont, unerfahren im Schönen (arc€LQoxUAOl). PIPlta 403c stellt den Begriff arcElQoxuAlU neben a!!OUalu. Kyd. spielt wohl auf die von Platon (z. B. Phdr 272d-273e) kritisierte Oberflächlich keit der Sophisten an, deren Rhetorik nach Meinung Platons nicht, wie j ede wahrhaft schöne Rede (PIPhdr 278a), auf das Gute ausgerichtet war. 3 W. : XWQl� ( getrennt) . 4 Kyd. will sagen: Wo e s u m die Verteidigung der Freiheit geht, ist nicht nur der militäri sche Erfolg, sondern auch der Tod im Kampf ehrenvoll.
267 L: 2 8 5 ; OKyd: Konstantinopel; E: Rhadenos; OE: Thessalonike; D: Herbst 1 3 8 3 ; wI: Wegen der unpünktlichen Zustellung eines Briefes von Rhadenos erfuhr Kydones verspätet von einer Zuspitzung der Lage Thessalonikes, die der Freund allerdings nur angedeutet hatte,
ohne sie näher zu beschreiben. Jedenfalls haben die Osmanen unter Sultan Murad bzw. Hayr eddin Pascha frühere Vereinbarungen gebrochen und anscheinend zum Sturmangriff auf die Stadt angesetzt.
Um Gottes willen, gib den Überbringern von Briefen Anweisung, sie nicht lange bei sich zu behalten, als ob sie die Empfänger wären, sondern
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sie schneller denen, an die sie geschrieben sind, auszuhändigen, damit wir den Absendern antworten können. Denn ich erhielt deinen Brief, als das Schiff, das meine Antwort hätte bringen sollen, bereits mitten auf dem Weg war, so daß ich beim Lesen die verfluchte, die ihn mir nicht früher gegeben hatten; dadurch hatten sie (ja) dir und mir geschadet und uns 1 0 daran gehindert, voneinander (Neues) zu erfahren. Allerdings tadelte ich sie nicht in j eder Hinsicht, sondern ich war ihnen auch für etwas dankbar : daß sie mir auf längere Zeit die Nachricht von der heillosen Lage meiner Vaterstadt vorenthielten. Ich nahm sie (nämlich erst dann) notgedrungen zur Kenntnis , als sie mir deinen kurzen Brief überreichten, der höchst unglückliche Ereignisse erwähnt, über die du lieber schweigen als reden
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
wolltest. Entsprechendes hatte ich schon früher vorausgesagt; ich hatte 15 befürchtet, es werde so weit kommen, wie es j etzt gekommen ist, und
geweint, als wenn es schon Gegenwart wäre . Jetzt aber, da ich auch die Ankömmlinge befragt habe und sehe, daß du (sogar) zögerst, auch nur von den Schrecken zu berichten, weinte ich noch mehr und betrauere (nun) die Stadt schon als gefallen, wenn nicht Gott, wie du sagst, seine Hand ausstreckt; denn nichts anderes bleibt zu sagen, um so mehr, da nicht einmal mehr die Lüge Hoffnung bringen kann, mit der uns bis j etzt 20 j ener verfluchte Feigling hingehalten hat.
Bestrafe ihn also Gott für seine trügerische Rede, damit er am eigenen Leibe erfahre, wieviel besser es für ihn gewesen wäre, seine Versprechun gen einzuhalten! Möge er aber auch die Wolke auflösen, die j etzt die Stadt überschattet, und ihr Hilfe vom Heiligtum senden I . Er lasse aber auch dich bedenken und tun, was gut für dich ist! Ich bin ja nicht weniger um dich als um die Vaterstadt besorgt, und wenn der Kaiser nicht wäre, hätte 25 ich dir längst geraten, eilends zu uns zu kommen. Freilich ist unsere Lage
nicht weniger bedenklich als die eure, aber es ist leichter, Katastrophen (erst) kommen zu sehen, als sie zu erleben . Zugleich (wünsche ich mir), daß du mir bei einer Entscheidung in eigener Sache mit deinem Rat zu
Hilfe kommst. «Denn gut ist der Zuspruch eines Gefährten2 .»
K I. OKyd: Kyd. vergleicht die Lage an seinem ständigen Aufenthaltsort (-ta rruQ' l]f,Llv, Z.25 ) mit der des Freundes. E, OE: Über Rhadenos, der sich in Thessalonike aufhält, siehe TinnFreund 221, A.56. D: In TinnFreund 22 1 , A.5 6 hatte ich angenommen, daß Kyd. mit den «höchst unglücklichen Ereignissen» (Z. 12 f. ) nur den Fall von Serres meine, und daher den Brief auf Oktober 1 3 8 3 datiert, doch setzt der Vorwurf, der Gegner habe Zusagen nicht eingehalten, vorherige Verhandlungen voraus. So ist ein Ansatz des Briefes später im Herbst 1 3 8 3 wahrscheinlicher. Loenertz und DenReign 129, A.80 datieren ihn ohne nähere Präzisie rung auf Herbst. Die Andeutung « unglücklicher Ereignisse » könnte sich unter anderem auch auf die im folgenden Brief T26 8 beklagte Niederlage Kaiser Manuels beziehen, die wohl auch noch auf Herbst 1 3 8 3 zu datieren ist. Es ist möglich, daß Rhadenos sie nur vage andeutete und daß Kyd. erst später genauer darüber informiert wurde. 11. BKyd: Kyd. sorgt sich um seine Vaterstadt (Z.4 - 20 ) . Er will Rhadenos zu einem Besuch überreden, wegen der unsicheren Lage der Stadt ( Z.23 - 2 5 ) , aber auch, um mit ihm
eine private Angelegenheit zu besprechen (Z.2 7 f. ) . Loenertz (zur Stelle) fragt sich, ob Kyd. damit, wie in anderen Briefen, seine Reisepläne meine. Das wäre bei richtiger Datierung des Briefes die früheste Andeutung in dieser Richtung. Eine erste klare Äußerung zu diesem Plan findet sich T272, 27 f. BE: Rhadenos, im Dienst Kaiser Manuels (Z.24); vgl. TinnFreund 2 1 9 f. Xl: « Jener verfluchte Feigling » , der seine Zusagen nicht einhält ( Z. 1 8 - 2 1 ) , entweder der Osmanensultan Murad 1., wie Loenertz (zu Z . 1 9 ) und DenReign 129 annehmen, oder
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BRIEFE T267-268
im Auftrag Murads sein General Hayreddin Pascha, der die Operationen gegen Thessalonike leitete (T235, ZG; T265, D ) . Auch LetMan Nr. 8, 1 1 - 1 3 (zu datieren auf Frühjahr 1 3 8 5 ) deutet rückblickend trügerische Versprechungen eines nicht näher Genannten an, den Kyd. kenne; Dennis in A.4 zum Brief vermutet hier eine Anspielung auf Murad oder evtl. auch auf eine einflußreiche Persönlichkeit in Konstantinopel. X2 : Ein Kaiser, Manuel II. ( Z.24; s.o., BE) . ZC: S.o., D . Ep: Ein verspätet überbrachter Brief des Rhadenos an Kyd. (Z.4 - 8 ) . III.
Hss: A l Ov, Nr. 3 ; U 1 2 V - l J C, Nr. 1 6.
N. 1
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ATPs 19,3 LXX.
HomIl l 1 , 79 3 ( Übers. W.Schadewald ) .
268 L : 282; OKyd: Konstantinopel; E: Kaiser Manuel 11. Palaiologos; O E : Thessalonike; D: Herbst 1 3 8 3 ; wI: Kydones würde lieber von Siegestaten des Kaisers reden, aber nun sei eine Niederlage gegen die Barbaren (Türken) zu beklagen, und ihre Drohungen ließen noch Schlimmeres erwarten. Vom Unglück seiner Vaterstadt fühle er sich auch unmittelbar betrof fen, der Kaiser aber sei in der schwierigeren Situation. Trost bringe der Gedanke, daß nichts ohne Gottes Vorsehung geschehe und dem Auf und Ab der Schicksale auch das Reich der
Rhomäer unterworfen sei. Was geschehe, komme also von Gott und erhalte durch ihn seinen Sinn. Dennoch solle der Kaiser den Kampf nicht aufgeben, und er möge Kydones diese Worte des Trostes und der Mahnung nicht verübeln.
Ich würde mir wünschen, wenn ich mit Briefen dein HAUPT anrede, über (Themen) schreiben zu können, die dir angemessen und mir ange-
5
nehm sind, wie etwa Denkmäler deiner (Siege) über die Barbaren, Triumph gesänge, die ihr über eure Taten anstimmt, Niederlagen und Wehgeschrei der Feinde, Siegesfeste und (Dank)gottesdienste der Unsrigen und alles andere, was sich ereignet, wenn man nach langer Zeit wieder Erfolge verzeichnen kann; denn dies entspricht sowohl deinem Wesen wie auch 1 0 unseren Erwartungen, da wir j a unser gesamtes Schicksal nächst Gott deiner Tatkraft anvertrauen. Aber der neidische Dämon verkehrt die schönen Hoffnungen in ihr Gegenteil und hat uns eine schmachvolle Tra gödie statt der Siegesreden beschert. Wir haben nämlich vom Übermut der Barbaren und von der Niederlage der Unsrigen gehört, (wir haben vernommen), wie das Heer der Bösen1 tobt und der Barbar, nicht maß15 voller als Senacherim2 , euch bedroht. Dies bedeutet allgemeine Betrübnis wie ein Todesfall i n der Familie; für mich aber ist es eine Wunde mitten im Herzen, denn ich teile mit allen den Schmerz über das gemeinsame Unglück, muß mich aber auch - mehr
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
(betroffen) als die anderen - mit dem schlimmen Schicksal meiner Vater stadt abfinden, die mir zuerst das Licht (der Welt) zeigte, mir Erziehung 20 angedeihen ließ und auch in reiferem Alter Tag für Tag ihre Sorge erwie
sen hat. So ist es, wenn es aussieht, als hätten wir es (in unserem Leben) zu etwas gebracht, vor allem ihr zu verdanken. Wenn ich (nun) höre, daß ihr solche Schmach angetan wird, bleibt mir nichts anderes mehr übrig, als die Geliebte bei Tag und Nacht ständig zu beklagen. Wenn ich freilich bedenke, daß von diesen Schrecken du am meisten betroffen bist - denn auf die Anführer im Kampf richten sich zuerst die Geschosse aller, und 25 wie ein General den Sieg für sich bucht, so muß er auch den Hauptanteil
der Gefahren auf sich nehmen - und (daß du) in ein Labyrinth von Sor gen geraten bist, in dem sich zu befinden (ein) schwer(es Los), dem zu entrinnen (aber noch) schwerer ist, halte ich deine Lage für bedrückender als meinen Schmerz um die Vaterstadt, obwohl es so scheint, als habe er (schon) die äußerste (Grenze) erreicht. Nehme ich aber beides zusammen, so habe ich das Gefühl, als ob meine Seele ertrinke wie (Menschen), die bei einem Schiffbruch im Sturm (auf hoher See) untergehen. 30
Nur ein Gedanke bringt mir Linderung, meine Überzeugung, daß nichts fern der Guten VORSEHUNG verlassen umhertreibt, sondern daß sie überall zugegegen ist, nichts einsam und ohne ihre (Sorge) läßt und alles zu sich und zum Guten führt, so daß nichts so widerwärtig und schlecht ist, als könne sich in ihm nicht auch ein großer Nutzen verber gen, der entweder alsbald auch den meisten erkennbar ist oder (doch)
35 nach einer Weile erkennbar wird. Denn es haben wohl die recht, welche
für die gegenwärtigen Mißhelligkeiten die Vergänglichkeit und Veränder lichkeit der Natur verantwortlich machen . Dieser ist auch unser Leben unterworfen, das zusammen mit der gesamten (Welt) in Erschütterung gerät und, indem bald diese bald j ene (Macht) die O berhand behält, wie die Strömungen des Euripos wechselnd hin- und herwogt. Was ist also erstaunlich daran, daß nun diesen elenden Wichten das unbesiegbare Reich der Rhomäer dient, das allen (Menschen) unter der 40 Sonne (einst) dieses Joch auferlegt hatte ? Mußte es doch auch (einmal)
vom Entgegengesetzten kosten und an der allgemeinen Hinfälligkeit Anteil haben. So gibt es in dieser (Situation), wie gesagt, genug Tröstli ches, (wenn man es) vom natürlichen (Lauf der Dinge) her (betrachtet). Die höchste und zugleich sicherste Wahrheit ist aber (dies) : daß die vielfäl tigen und ungeordneten Bewegungen hinieden zu der einen unbewegli-
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BRIEF T26 8
chen Ursache hinführen, d i e (in sich) ruht und zum Guten und zu sich hin alles bewegt, und daß dort der Sinn der Dinge anzunehmen ist, die 45 hier als widersinnig erscheinen; denn nichts von allem, was irgendwie j emals geworden ist, kann ihr entgleiten. Wenn der mit Vernunft Begabte auf sie schaut, wird er nicht annehmen, daß er Ungerechtes leidet, da ein Guter und Gerechter dies über ihn kommen läßt, sondern wird (das Geschehen) entweder als Strafe vergangener oder als (Mittel zur) Ein schränkung zukünftiger Verfehlungen ansehen; (so) wird er zwar Schmerz empfinden wie die, denen man ein Geschwür aufschneidet oder die man mit dem Brenneisen behandelt, sich jedoch zufriedengeben mit dem, was 50 von dem GUTEN kommt wie von einem Arzt, der denen, die Schmerzen haben, Heilung bringen will. Dies sage ich aber nicht, damit wir unsere schönen Hoffnungen aufgeben, den Mut sinken lassen und Untätigkeit für Frömmigkeit halten, sondern damit wir von Gott das Nützliche erbit ten und uns selbst seiner Gnade würdig machen, aber auch selbst tun, was förderlich zu sein scheint; denn dazusitzen und nichts zum Geschehen 5 5 beizutragen, sondern zu glauben, Gott werde von selbst alles für uns tun, bedeutet (soviel wie) ihn versuchen und sich selbst zur Einfalt und zur Barbarei verurteilen. Es soll mich aber niemand wegen meiner j etzigen Worte und meiner Kühnheit, sie vorzubringen, tadeln, als versuchte ich einen solchen Kaiser, der in seiner Umgebung über so viele Ratgeber verfügt und dem nichts entgeht, was zu sagen ist, zu belehren, in der Meinung, ich hätte etwas 60 Besseres als er herausgefunden - denn nicht zu solch törichter Anmaßung hat mich der tiefe Schmerz verführt -; man sollte sich vielmehr vorstellen, daß ich mich so verhalte wie Kinder, wenn sie Wettläufern zuschauen. Sie tragen ja nichts zur Schnelligkeit der Athleten bei und scheinen durch ihre anfeuernden Rufe (doch) etwas zu bewirken. Sonst müßten wir j a ebenso auch gegen Gebete etwas einwenden, mit denen wir Gott zu dem, was 65 (uns) nützt, zu bewegen versuchen, o bwohl er seinem Wesen nach der durch sich selbst Bewegte ist4 • K I. OKyd: Situation wie T26 5 . E, OE: Ein Kaiser (Z.5 8 ), der sich in der Vaterstadt des Kyd. ( Z. 1 7 f. ) befindet, zweifellos Manuel. D: Kyd. spricht von einer Niederlage ( �rll.t(a) der «Unsrigen» gegen die Türken und nachfolgenden Drohungen ihres Anführers ( Z. 1 3 - 1 5 ) , womit wohl die auch i n T26 7 angedeuteten Ereignisse Herbst ( bzw. Spätherbst) 1 3 8 3 gemeint sind. BarkMan 49, A. 1 3 5 nimmt an, daß sich die Andeutungen nur auf den Fall von Serres
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
beziehen. Dieser ist aber bereits vor T265 und 266 anzusetzen, während T267 und 268 den Eindruck vermitteln, daß Thessalonike unmittelbarer betroffen ist. H. BKyd: Weil Kyd. seiner Vaterstadt Thessalonike soviel zu verdanken hat ( Z. 1 8 - 2 1 ) , geht ihm ihre Notlage u m s o mehr z u Herzen ( Z . 1 7 f . 2 1 f. ); e r tröstet aber sich und Kaiser Ma nuel mit dem Glauben, daß im Auf und und Ab des Schicksals Gott allein unverändert derselbe bleibe und allem Geschehen einen letzten Sinn geben könne, auch wenn dieser nicht immer un mittelbar einsichtig sei ( Z . 3 0 - 5 7 ) . BE: Siehe D. Xl: Der Barbar ( Z . 1 5 ) , Murad I. oder eher Hayreddin Pascha, der im Auftrag Murads die Operationen um Thessalonike leitete. Siehe T267, X l . Ep: Kyd. hat von den Ereignissen um Thessalonike « gehört» ( Z. 1 3 ) , was einen brief lichen Bericht von Manuel weder beweist noch ausschließt. Auch die hyperbolische Erwähnung zahlreicher Briefe Manuels an Kyd. in T269, Z. 1 8 f. trägt zu dieser Frage nichts bei. III. Hss: A 9 P - 9 l"v, ohne Nummer (wie die beiden in der Hs vorausgehenden Briefe L2 8 0 und 2 8 1 sowie der folgende Brief L2 8 3 ) ; U 15Y- 1 55r, Nr. 160. IV. 1 W. : LO rrovllQov GLQaLom:Öov. 2 Gemäß AT4Kg 19,9 - 1 3 LXX bezweifelte der Assyrerkönig, der 701 v. Chr. das Reich Juda mit einem Angriff bedrohte (vgl. T237, A.2 ) , im Vertrauen auf seine vorausgehenden Erfolge, daß Gott ihm helfen könne. 3 Siehe Bd. H, T2 1 7, A.6. 4 W. : aULOx(vllLO�. Während Proklos ( In Platonis Timaeum Commentarii, ed. E.Diehl, Bd. 1 , 41 2, 29 f. ) diese Eigenschaft der « Weltseele» beimißt, bezieht sie Pseudo-Dionysios ( De divinis nominibus 4, 14, PG 3,712C) auf Gott ( den er als EQWLLXi] x(vllm� . . . aULOx(vllLO� bezeichnet), Ioannes von Damaskos (Expositio fidei 7,24 ) auf den Heiligen Geist.
269 L : 270; OKyd: Konstantinopel; E: Rhadenos; O E : Thessalonike; D: Herbst 1 3 8 3 ; wI: Rhadenos wird getadelt, weil er längere Zeit nicht geschrieben hat; er kann sich nicht mit der Behinderung des Posrweges durch die Türken entschuldigen, weil er neuerdings zur engeren Umgebung Kaiser Manuels gehört, der Kydones mehrfach geschrieben hat. Dieselben Boten hätten daher auch seine Briefe zustellen können.
Ich weiß, wie du dich verteidigen wirst, wenn man dich wegen deines 5 Schweigens anklagt. Du wirst sagen, die Kluft zwischen uns und euch
sei unüberwindlich, den Reisenden zu Lande seien von den Barbaren die Durchgänge versperrt, nicht geringer aber im Hellespont die Gefahren derer, die zu Schiff reisen wollten, und überhaupt wirst du die Mauern ein Netz nennen und die (dunkle) Wolke beklagen, die jetzt über der Stadt lagert. Ich aber weiß das zwar und seufze über das unselige Schicksal der 1 0 Vaterstadt, als o b ich zugegen wäre und die Ängste der Einwohner teilte,
und bete zu Gott, was allein mir noch möglich ist, daß er den Engel, den er vor Zeiten zum Heer des Senacherim sandte\ auch j etzt zu den Barba-
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BRIEFE
T268 - 269
ren schicke, damit ihnen nicht einmal die Rückkehr nach Hause gelinge, sondern sie, an Ort und Stelle vernichtet, ihm für ihre gottlosen Reden und Taten büßen müßten. Ich weiß aber2 auch, daß die Liebe erfinderisch ist und viele von denen, die bei euch - wie du sagen würdest - einge schlossen sind, dazu antreibt, ihren Freunden hier zu schreiben und 15 (Briefe) zu schicken. Von diesen können auch wir erfahren, was geschehen ist und noch geschieht, mit welchen Mitteln ihr bis j etzt die Feinde ab wehrt und in Zukunft abwehren wollt, und (so) bleibt uns überhaupt nichts von dem, was sich ereignet, unbekannt, als ob wir (persönlich) zugegen wären. Um aber die anderen beiseite zu lassen und nur den einen und Wichtig sten zu erwähnen: D er wunderbare Kaiser hat oft so viele Briefe an uns geschickt, daß die STADT davon voll war. Darunter waren auch Briefe zu meiner persönlichen Ehrung3 , schön wegen ihrer Wortwahl und ihres 20 Redeflusses, schöner aber (noch), weil sie das Ethos4. und die Freund schaft, mit der sie geschrieben waren, durchaus erkennen ließen. Wie aber kann es möglich sein, daß j ener anscheinend mehr als du an mich denkt und, während du schweigst, seinem Gedenken auch noch Briefe hinzu fügt? Nun hängt aber doch von ihm alles ab, das Schicksal der Feinde und das seiner Untertanen, das der Bundesgenossen und die finanziellen 25 Verhältnisse, die Innen- und die Außenpolitik. Er aber sorgt wie ein Steuer mann, wenn das Schiff einem stärkerem Sturm ausgesetzt ist, nicht nur für die Mitfahrenden, sondern auch für die außerhalb (des Schiffes) und schreibt seinen Freunden Briefe nicht wie aus einem Heerlager, sondern wie von Bäumen und Quellen. Wenn er sogar sich selbst, geschweige denn, sie vergäße, würde man sein Verhalten für angemessen halten. Du aber hast wegen deiner geistigen TätigkeitS mit den äußeren Unruhen 3 0 nichts zu schaffen und verstehst d i e Kunst, Briefe z u schreiben. Hättest du also schreiben wollen, (dann) hätte dich kein von außen eintretendes Ereignis gestört. Es ist also eine Schande, wenn er, obwohl er Unzählige kennt, an die er sich mit vollem Recht eher als an mich erinnern könnte, nicht einmal mich 6 übergeht, du aber, der du niemanden mir vorziehst ich zitiere deinen eigenen Ausspruch, wenn du nicht inzwischen anderer Meinung sein solltest - , nicht einmal durch Briefe zeigen willst, daß du bei deiner Entscheidung bleibst. Was wirst du also (zur Verteidigung da- 35 für) vorbringen, daß du in deiner (Freundschaft) zu mir hinter dem Kaiser zurückstehst? Du kannst ja wohl nicht sagen: «Er, der Kaiser, kann auf
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
vielerlei Weise erreichen, was er will, und kann (Briefe) schicken, wann und durch wen er will.» Aber, mein Bester?, du kannst doch ohne j ede Schwierigkeit den, der den Dienst für seine Briefe versieht, überreden oder vielmehr denen, die sie zustellen, befehlen, auch die deinigen mitzuneh men. Jedenfalls wirst du, wenn du als Entschuldigung vorbringst, nicht 40 zu wissen, wann (Briefboten) abgehen, ein zweites Mal überführt, (näm
lich) auch noch dieser Verfehlung schuldig zu sein; denn wenn du nicht nach Briefboten suchst, ist das ein Beweis, daß dir nichts an uns liegt, zumal ich erfahren habe, daß du an den vertraulichen Beratungen des Kaisers teilnimmst; denn er glaubte, diese Ehre sei deiner Wesensart ange messen. Oder sollte man sagen, daß du vielmehr aus diesem Grund uns 45 jetzt verachtest? Denn seit du vom Kaiser gekostet hast, bist du (wohl)
zum Verächter der Köstlichkeiten geworden, die wir dir geboten haben. Aber an j ener (Speise) wirst du vielleicht nach der Sättigung auch (wieder) Unlust verspüren. Was du aber bei uns erlebt hast, wird deine Sehnsucht nach ähnlichen (Erfahrungen) nie versiegen lassen; denn von solcher Art ist die Gemeinschaft im Geistigen. K I. OKyd: Die STADT ( Z. 1 9 ) . E, OE: Ein Mann in Diensten Kaiser Manuels, inzwischen in seinen engeren Beraterkreis aufgenommen ( Z.4 1 - 4 3 ) , im bedrohten Thessalonike (Anspie
lung auf Senacherim, Z . 1 0 ) , der Kyd. besonders nahesteht ( 3 2 f. ) , auch wegen seiner geistigen Interessen ( Z.46 f. ) , und dem Kyd. für sein «Schweigen» wie einem Jüngeren Vorwürfe macht (passim), zweifellos Rhadenos. D: TinnFreund 24 1 , Nr. 35 und 22 1 , A.5 6 . H . BKyd: Eine gewisse Eifersucht d e s Kyd. a u f die enge Bindung d e s Rhadenos an Kaiser Manuel ist nicht zu verkennen. Er versucht seinerseits, Rhadenos eifersüchtig zu machen, indem er die Schreibfreudigkeit Manuels überbetont ( Z. 1 8 - 2 1 ) und Rhadenos zugleich als schreibfaul kritisiert (Z.3 1 - 4 1 ) . Zu dieser « Dreiecks beziehung» siehe auch TinnFreund 2 1 9 f. BE: Rhadenos als enger Berater Manuels (Z.4 1 - 4 3 ) , der Kyd. vergessen zu haben scheint (passim ) . Xl: « Senacherim» (s .u., A. 1 ) . X2: Ein Kaiser ( Z . 1 9 . 3 5 .42.44), der wegen der Umstände nur Manuel in Thessalonike sein kann. ZG: Die Behinderung und Gefährdung Thessalonikes durch die Türken unter Führung eines neuen Senacherim (s.u., A. 1 ) dauert an (Z.4 - 8 ) . Ep: Briefe Kaiser Manuels an verschiedene Personen in Konstantinopel ( Z . 1 8 f. ) , auch a n Kyd. ( Z. 1 9 f. ) . III. Hss: A 85v, Nr. 7. Der Text i n dieser H s bricht mit TtETtQax."WL ( Z . 1 6 ) a b , da das folgende Blatt mit dem Rest dieses Briefes und fast dem ganzen folgenden Brief L271 entfernt wurde. Der Text ab Z . 1 6 ist nur in U 14P- 142v, Nr. 148 erhalten. IV. 1 S.o., T237, A.2; T26 8 , A.2. Kyd. vergleicht an diesen insgesamt drei Stellen den Sultan bzw. Anführer der Türken mit Senacherim. 2 «Aber» korrespondiert mit « zwar» , Z . 8 . 3 S . o . , T265, A . 3 und A. 1 9 .
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BRIEFE T269 - 270
4 In der Rhetorik bezeichnet «Ethos » etwa den spontanen und schlichten Ausdruck des persönlichen Empfindens, der auf die im Dienst des Pathos angewandten verstärkenden Wirkmittel verzichten kann. 5 W. : uno LWV A.6ywv. 6 Kyd. übertreibt außerordentlich, wenn er sich hier als Briefpartner Manuels von zweit rangiger Bedeutung bezeichnet, allerdings nicht aus Bescheidenheit, sondern um das « Schwei gen» des Rhadenos durch den Vergleich mit der Schreibfreudigkeit des vielbeschäftigten Kai sers noch mehr anzuprangern. 7 W. : "-WaLE, zweifellos in bewußter Anlehnung an eine platonische, ironisch gefärbte Anredeweise (siehe PIGrg 467b ) .
2 70 L: 272; OKyd: Konstantinopel; E: Ein literarisch gebildeter Freund; OE: Eine unbekannte Stadt; D: Herbst 1 3 8 3 ( ? ); wI: Der Adressat ist um das Schicksal seiner Heimatstadt besorgt, und Kydones befürchtet, daß die Kyklopen (Türken) auch Konstant�nopel bald verschlingen werden. Man solle das Unglück zur Sühnung der Sünden dankend von Gott annehmen, ihn
aber zugleich um Besserung der Lage bitten.
Ich weiß um die Beunruhigung deiner Seele, und daß dir alles zuwider ist, Eltern, Verwandte, Haus und Freunde, dazu aber auch Speisen und
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Studien, da deine Heimatstadt, in der du dies alles hast, von so gefährli chen Unwettern heimgesucht wird. So, glaube ich, ist den Seefahrern alles gleichgültig, wenn ihr Schiff von den Wogen auf felsige Klippen geschleu dert wird. Ich weiß aber, daß du uns schreiben und deine Sorge (wenig stens) zum Teil durch Briefe erleichtern könntest; jedenfalls würden Briefe bei uns das Gleiche bewirken. Freilich sagt man, daß auch auf die (Lage) 1 0 hier (der Ausspruch) «nichts Heiligesl » zutrifft. Nur diesen Vorzug haben wir, als letzte nach euch von den Kyklopen verschlungen zu werden2 . Doch wie könnten wir denn unsere Lage ändern, mein Freund 3 ? Es kann doch Dike4 keinesfalls eine unserer Verfehlungen ungesühnt durchgehen lassen! So jedenfalls steht es ihr an, weil sie gut und daher gerecht ist. Möge sie uns großen Nutzen in der Gegenwart, größeren aber noch in der Zukunft bringen, wenn wir durch die Erfahrung des Leidens von 1 5 unserer Bosheit und der Furcht, noch Schlimmeres z u erleben, befreit sind, vorausgesetzt, daß wir Vernunft annehmen und künftig unser Leben bessern. Wir danken also der VORSEHUNG für diesen Gewinn, wollen aber (zugleich doch) den um Erlösung aus dieser furchtbaren Lage bitten, der imstande ist, sie zu ändern. Es bleibt doch weder uns noch euch etwas
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
anderes übrig, wenn wir das, was sich Tag für Tag ereignet, aufmerksam beobachten. K 1. OKyd: Der Ort, an dem Kyd. sich aufhält und der seiner Meinung nach ebenfalls bald von den «Kyklopen» (s.u., A.2) verschlungen wird ( Z. 1 0 f. ) , ist zweifellos Konstantinopel. E, OE: E befindet sich in seiner Heimatstadt (Z.6), wo ihm u. a. auch Möglichkeiten der Bildung zur Verfügung stehen (A6yOL, Z.5 ); dies würde für Thessalonike sprechen, auch wenn von Kaiser Manuel keine Rede ist. D: Der Brief steht gemäß LC II, XIV in dem Heft, dessen
Briefe vorwiegend 1 3 8 2 - 84 verfaßt sind. In der Chronotaxis (LC II 492) ist er an dieser Stelle eingeordnet (ebenso auch BarkMan 49, A. 1 3 5 ) , wohl weil er wie T26 8 und 269 auf die sehr schwierige Situation der vermutlich von den Türken bedrohten unbekannten Stadt anspielt, mag es sich nun um Thessalonike oder um eine andere handeln. 11. BKyd: Wie in T268 sucht Kyd. mit philosophisch-theologischen Argumenten Trost zu vermitteln ( Z. 1 2 - 1 9 ) , erklärt aber hier das Geschehen eindeutig als Strafe für die Sünden, während er dort diese Möglichkeit nur kurz anspricht (T26 8 , ZA 8 ) und dann die heilsame Wirkung des Leidens stärker hervorhebt ( ZA8 - 5 1 ) . Ep: Da Kyd. dem Adressaten das Schrei ben von Briefen zum eigenen Trost wie etwas Neues empfiehlt ( Z. 8 - 1 0 ) , antwortet er ver mutlich nicht bereits auf einen von ihm zugesandten Brief. III. Hss: A 86v, Nr. 9; U 144v, Nr. 1 5 0 . I V. 1 Z u dieser Redensart, die besagen will, d a ß auch d a s ruhmreiche Konstantinopel in der allgemeinen Notlage keinen Anspruch auf eine Sonderstellung erheben könne, siehe Bd . V2, T77, A.6. 2 In der Bedeutung «letzte» wird das homerische Wort «Jtulla1"OL» verwendet; das ist, wie bereits in Bd. V2, T 0 1 20 (siehe dort, A. 17), eine Anspielung auf HomOd 9,3 69, wo der Kyklop Polyphem verspricht, Odysseus als letzten zu verschlingen; hier sind mit den «Kyklo pen» wohl die Türken gemeint. 3 W. : 1"( Jta8wIlEV; Gemäß Pape (s .v. Jtaoxw) drückt diese Frage den höchsten Grad der Not und Verlegenheit aus, in welche jemand durch gewaltsam auf ihn eindringende Umstände geraten ist. 4 « Dike » , die antike Göttin der Gerechtigkeit, steht umschreibend für die göttliche Ge rechtigkeit. Weitere Belege: LC II 468, s.n. Iustitia.
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AN DEN KAISER KYR MANDEL
L: 283; OKyd: Konstantinopel; E: Kaiser Manuel 11. Palaiologos; OE: Thessalonike; D : Spätherbst 1 3 8 3 ( ? ); wI: Nach den vorausgegangenen Katastrophen, die Konstantinopel nicht weniger als Thessalonike betreffen, würde Kydones lieber aufs Schreiben verzichten, ent schließt sich aber aus Pflichtgefühl und Freundschaft doch dazu.
Obwohl ich dir dringend schreiben möchte, Kaiser, hemmt meinen Wil5 len die Betrübnis, und meine Hand fühlt sich behindert, weil hier die
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BRIEFE T270 -271
Verhältnisse kränkeln und nach dem, was man hört, auch bei euch nicht gesund sind 1 . D aher können wir weder über uns etwas sagen, was nicht schmerzt, noch erwarten, über euch etwas Erfreuliches zu erfahren. Was soll man also über diese (Ereignisse) schreiben, an die man ohne Tränen nicht einmal denken kann ? So sehr ist uns Unglücklichen mit allem ande ren auch die Kraft genommen, uns in Worten auszudrücken, ich möchte sogar hinzufügen: etwas zu erhoffen. Deshalb also hatte ich beschlossen, 1 0 schweigend zu verharren und z u seufzen, selbst nichts Unangenehmes mehr zu sagen und dich nicht mit Briefen über solche Themen zu betrü ben. Aber die Notwendigkeit, ich möchte sogar sagen, die Freundschaft, ließ mich nicht bei meinem Entschluß verharren, sondern überzeugte mich, daß es sich gehöre zu schreiben, wenn schon nicht aus einem ande ren Grunde, so doch um der Erfüllung einer heiligen Pflicht willen. So schreibe ich denn, überlasse j edoch die Berichte über das Unerfreuliche anderen - weiß ich doch, daß der (Schicksals)schlag viele zwingen wird, 1 5 z u dir u m Hilfe z u schreien - und bete nur, daß dir die Rettung von dem komme, der den Himmel bewohnt, daß er aber auch an uns etwas vollbringe, was seiner Güte würdig ist, die wir, wenn dies nicht geschieht, binnen kurzem nicht mehr sein werden; er möge dabei aber, wenn denn etwas so Unerwartetes möglich sein könnte, auch dich als seinen Diener verwenden. Darum bete ich; diese (Gebete) hört Gott (von mir) Tag und 20 Nacht. K I.
OKyd, OE: Eine Situation wie in der vorausgehenden Korrespondenz mit Manuel. D :
Thessalonike (Z.6 f. ) wie Konstantinopel (Z.5) befinden sich i n einer kritischen Lage ( Z. 5 ) , welche alle Hoffnungen schwinden läßt ( Z . 9 f. ) . Auch für Konstantinopel hat sich Schlimmes (ÖU(JXEgU) ereignet, das auszusprechen Kyd. lieber anderen überläßt, ein Schlag ( 1TAY)yTj ), der viele zwingen wird, bei Manuel Hilfe zu suchen (Z. 1 4 f. ), die auch Kyd. von ihm erhofft (Z. 1 8 f. ) . Vielleicht handelt es sich um dieselbe 1TAY)yTj, von der auch T272, Z.6 (Brief an Rhadenos) die Rede ist, die Eroberung von Chortiatu, zumal Kyd. auch dort auf die Bedro hung Konstantinopels durch die « Barbaren» hinweist ( Z . 7 f. ) . Zwar konnte Konstantinopel vom Fall Chortiatus, das nahe bei Thessalonike liegt (s.u., T272, A.3), nicht unmittelbar betroffen sein, doch zieht Kyd. in T272 (siehe dort, A. l ) aus diesem Ereignis Schlüsse auch auf die Gefährdung Konstantinopels. Daher hat Loenertz den Brief in der « Chronotaxis» (LC 1 1 492 ) mit Recht hier eingeordnet, mag er ihn auch in der Edition vager auf 1 3 8 3/84 datieren. 11. ZG: S.o., D . III. Hss: A 9 1 av, ohne Nummer (s.o., T26 8 , Hss ); U 1 55 'v, Nr. 1 6 1 ; B 24Y, Nr. 9 6 ; L 128', Nr. 1 3 ; Gruppe H, Nr. 2; m, Nr. 2. Ed: Matthaei 1 776, 34, Nr. 2 (nach Hs m ) .
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
IV. 1 Ein ähnlicher Vergleich der Situation beider Städte findet sich, wie Loenertz zur Stelle anmerkt, auch in L80 (= T277), Z. 1 9 .
2 72 L: 289; OKyd: Konstantinopel; E: Rhadenos; OE: Thessalonike; D: Spätherbst 1 3 8 3 ; wI: Klage über die erhöhte Bedrohung Thessalonikes und auch Konstantinopels nach der Erobe
rung von Serres und nun auch Chortiatu durch die Barbaren (Türken), aber auch über die Entscheidung des Rhadenos, in Thessalonike im Dienst Manuels 11. zu bleiben.
Wie soll man mit diesem furchtbaren Sturm fertig werden ? Erscheinen 5 doch stets die neu heranrollenden Wogen um vieles höher als die vorheri
gen, und bevor man sich von einem Schlag erholt hatte, kam (schon) ein anderer und stürzte, wen er traf, ins Verderben. Es erleidet dies aber nicht nur ihr, sondern auch wir, (zu deren Vernichtung) die Barbaren seit lan gem j egliche Vorbereitung treffen. Es ist ja undenkbar, daß die, welche es auf ein geringeres (Ziel) abgesehen haben, auf das wichtigere, das ihnen höheren Gewinn als j edes andere bringt, verzichten 1 . So traf uns denn 10 auch nach der Botschaft von (der Eroberung der Stadt) Serres , bei der sie
(so) reiche Beute machten, und ihrem anmaßenden Auftreten gegenüber unserer Vaterstadt2 das Schicksal von Chortiatu3 wie ein Pfeil mitten ins Herz, und du weißt, welche schlimmen Folgen man prophezeiend aus diesem Ereignis ableiten kann. Genauer gesagt, bedarf es gar nicht der Weissagung, da das zu erwartende Unheil allen so klar vor Augen steht. Wenn ich nun über den Kaiser nachdenke, was für ein Mann hier mit 15 welchem Schicksal zu kämpfen hat und wie er fast in der Meerestiefe
mitten zwischen Felsklippen hindurchsegeln muß, ohne daß ein Hafen in Sicht kommt, wo das Schiff Anker werfen könnte, finde ich für eine so schwere Prüfung kein Beispiel. So ließ mich oft die Sorge darum die ganze Nacht schlaflos auf meinem Bett liegen, und da ich meine kreisenden Gedanken nicht beruhigen kann, suche ich im Gebet einen Ausweg aus meiner Verzweiflung und bitte den Allmächtigen, sich seiner Wundertaten 20 in Ägypten4 zu erinnern und ähnliche wie damals auch j etzt zu wirken.
Aber auch dein (Schicksal) lastet auf mir und nagt an meiner Seele . Weiß ich doch, was du dir vorgenommen hast und wie es dir (damit) ergangen ists . Daher hätte ich dir, wenn ich nicht sicher wäre, d en Kaiser zu kränken, wenn ich ihn eines Mannes beraube, dessen Anwesenheit ihn
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BRIEFE T271 - 273
erfreut, längst geraten, dem alles erfassenden Brand zu entfliehen; denn ihn wird allein der bändigen können, der den Feuerofen von Babyion mit 25 Tau löschte 6 . Wenn du aber durch dein Bleiben dem Kaiser einen Gefallen tun willst, bleibe und befiehl dich Gott an, bete aber zugleich darum, auch uns einmal wiederzusehen. Denn wir haben beschlossen, den, wie du weißt, immer (wieder) erwogenen (Plan) einer Auswanderung nun zu verwirklichen, da auch Gott es so will. K I.
OKyd: Kyd. plant die Auswanderung ( c:tJtoöru.t(a, Z.27f. ), sc. aus Konstantinopel.
E, OE, D: TinnFreund 24 1 , Nr. 3 6; 221, A.56. Die Eroberung von Serres am 19.9 . 1 3 8 3
(SchreinChron 1 1 3 2 6 ) liegt schon einige Zeit zurück. Über die unlängst erfolgte Einnahme von Chortiatu (s.u., A.3 ) wird nur hier berichtet; sie ist vermutlich auf Spätherbst 1 3 8 3 zu datieren. II. BKyd: Kyd. nimmt Anteil an der Notlage Thessalonikes nach den vorausgegangenen Eroberungen der Osmanen, sorgt sich um das Schicksal von Kaiser Manuel und trägt schwer an der Entscheidung des Rhadenos, in Thessalonike beim Kaiser a·uszuharren. Zu seinen Reiseplänen s.o., OKyd. Entgegen meiner Annahme in Bd. 111, 36 mit A. 1 99 läßt sich weder aus diesem Brief (Z.26 -29) noch aus L2 8 5 ( T267), Z.27 entnehmen, daß Kyd. auf seiner geplanten Reise (sc. nach Italien) über Thessalonike zu reisen beabsichtigte. BE: Siehe BKyd. Xl: Kaiser Manuel 11., siehe BKyd. ZC: S.o., E, OE, D . 111. Hss: A l l rv, Nr. 7 ; U 14rv, Nr. 2 0 . Ed: KydEpCam Nr. 4 0 . Üb: Ebd. ( frz . ) ; DenReign 75 (Z.4- 1 6 , engl. ) . Lit: DenReign 75 f.; BarkMan 49, A . 1 3 5 . =
IV. 1 Mit dem geringeren Kriegsziel ist, wie sich aus dem Folgenden ergibt, Chortiatu gemeint. 2 Die Vaterstadt, sc. des Kydones, Thessalonike. 3 Gemäß DenReign 75 f. ist Chortiatu ein Dorf 6 Meilen ( 10 km ) östlich von Thessalo nike auf dem Hang eines gleichnamigen Berges. Bei dem Dorf lag ein Kloster, das auch ein Metochion (Landgut) gleichen Namens vor den Mauern von Thessalonike besaß. Doch han delt es sich hier wohl um das Dorf, nicht um das Metochion. 4 ATEx 1 - 1 5 (Wundertaten beim Auszug des Volkes Israel aus Ägypten) . 5 Anspielung auf eine frühere Absprache des Rhadenos mit Kyd., sich uneingeschränkt den Studien zu widmen. Siehe TinnFreund 23O f. mit A.89 - 9 1 . =
6 ATDa 3,50 LXX. Die Lesung a߀vav1:o� ist, wie Einblick i n den Film von H s A bestä tigt, ein Versehen und in a߀aav1:o� zu korrigieren.
2 73 L: 293; OKyd: Konstantinopel; E: Theodoros I. Palaiologos, Despot; OE: Mistra, Pelo ponnes; D: SommerlHerbst 1 3 84; wI: Ironische Verwunderung über die Fortschritte des Des poten in der Kunst der Rhetorik: Er hatte beredt zu erklären versucht, warum er Kydones eine versprochene Plutarchhandschrift nun doch nicht schicken könne; es seien Leute in seiner
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
Umgebung, die deren Herausgabe zu verhindern suchten. Kydones ist nicht bereit, ihm dies zu glauben, da man in Mistra kein Interesse, wegen kriegerischer Auseinandersetzungen aber auch keine Zeit für gelehrte Studien habe. Dem Philosophen und Rhetor Georgios rät er aus dem gleichen Grund von seinem Plan ab, in Mistra Wohnung zu nehmen.
Nicht gering sind anscheinend auch die Fortschritte der Provinzbewoh5 ner in der Weisheit. Denn, sieh an, sogar deiner Zunge hat Lakedaimon 1
Redeschmuck und (die Gabe) verliehen, mit den alten Hellenen in der Sprachkunst zu wetteifern. Denn früher hast auch du mit uns wie ein Barbar gesprochen und deiner Rede schlechten Stil beigemischt; nun aber ist, was von dir verlautet, in j eder Hinsicht fehlerfrei, und du redest so, 10
daß sich auch Demosthenes darüber freuen würde, obwohl kein Lehrer dich dazu angeleitet hat2 • Die Anmut deines (Stils) reicht aber nicht nur bis zur Wortwahl, sondern du hältst sogar schon Reden, ja noch mehr, du zeigst auch eine glänzende Dialektik, wenn du von Orten der Pelopon nes zu den Topoi3 des Aristoteles springst und mit deren Hilfe alle deine Zuhörer überzeugst, mich aber (noch) mehr, nicht nur wegen der zwin genden Kraft deiner Schlüsse4, sondern weil du mir auch Nützliches sagst, wie ich es mir von dir wünsche. Wohlan denn, überzeuge nicht nur, son-
1 5 dern tu auch, was recht ist. Denn da du es für angebracht hieltest, mir
größere Wohltaten zu erweisen - zeigtest du doch auf mein Bitten hin deine Bereitschaft, meinem Neffen (Vetter ? )5 behilflich zu sein - , laß den Überlegungen auch den Beweis durch die Tat folgen. Denn so kannst du mich in beiderlei Hinsicht6 zum Schweigen bringen und durch dein Tun der aristotelischen Logik genügen7. Jetzt aber hast du - ist es zu glau ben ? - die Taten von den Worten getrennt und mich aus herrlichen Hoff20 nungen abstürzen lassen; du gewährtest dem Aufschub deine Gunst und
kündigtest deine Gabe für morgen an, obwohl du die Wohltat sofort mit deinen Worten hättest verbinden können. Du solltest jedoch darüber (noch einmal) nachdenken, und vielleicht wirst du auf Salomon hören, der Aufschub in solchen Angelegenheiten ganz und gar nicht gutheißt 8 . Ich wundere mich aber, daß du, obwohl du durch Übersendung des Plutarch von vielen Ausreden befreit worden wä rest9 , dies nicht getan hast, unter dem Vorwand, andere würden es nicht 25 gutheißen, wenn das Buch mein eigen würde . D amit bringst du mich in
Schwierigkeiten, denn ich muß nun nach den Widersachern suchen, denen dies nicht gefallen hat. Ich sehe nämlich nicht, wer die (Leute) sind, die das Buch so sehr ehren, daß sie es wie ein heiliges Kleinod achten und wie die
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BRIEF T273
glück bringende Tyche auf der Akropolis aufbewahren wollenl O . Denn dir kann Plutarch j etzt nichts nützen, da dich die Staatsgeschäfte bedrängen, 3 0 wie d u sagst, und andere z u finden, die ihn vielleicht einmal gebrauchen werden und ihn daher für kostbar halten könnten, ist ganz unmöglich. Ganz gewiß bedürfen j etzt die Peloponnesier der Lektüre wegen ihrer allzu großen Muße; haben sie doch aufgehört, einander nachzustellen, zu bekrie gen und auszuraubenl l ! (Nein), ich traue ihnen (vielmehr) zu, daß sie sogar Plutarch selbst und alle Schriftsteller und Rhetoren, wenn sie ihnen in die Hände fielen, wie Dionysios (einst) Platon1 2 für wenige Obolen verkaufen 35 würden. Nehmen wir gleichwohl (einmal) an, es gäbe bei ihnen Leute, die es für sinnvoll hielten, das Buch wie einen Schatz bei sich aufzuheben. Warum haben sie (dann) nicht auch die anderen Bücher des alleredelsten, im höchsten Maße den Studien ergebenen Despoten 13 verteidigt, sondern sie wie verrotteten Kehricht verschleudert und gratis an Banausen gegeben, die davon soviel Gewinn haben wie - nach dem Sprichwort - Hunde von der Krippe14 ? Doch gerade in meinem Fall ist für sie, wie sie sagen, das 40 Buch zur Kostbarkeit geworden? Warum behaupten sie dann nicht auch, daß Waffen für Feiglinge, ein Pflug für Seeleute und eine Leier für Unmusi kalische kostbar sind? Wer aber von ihnen würde überhaupt einen Ein spruch wagen, wenn es dein Wille wäre, (mir das Buch) zu geben ? Denn wie sollten dieselben, die sich schon, um dir einen kleinen Gefallen zu tun, von ihrem wertvollsten Besitz trennen, etwas dagegen haben, etwas Wert loses für dich aufzugeben, zumal die Sache gar nicht ihnen gehört? Wir 45 werden doch wohl nicht behaupten, daß sie die Erben der schönen Dinge sind, die dem Despoten 15 gehörten? So gab es also keinen, der dich an deinem Entschluß gehindert hätte, wenn du es gewollt hättest. Außerdem war das Erbetene doch auch nichts so Bedeutendes, daß es deine Großmut überfordert und dich deshalb zur Ablehnung veranlaßt hätte. Denn das anzunehmen verbieten mir dieselben, die sich früher hungrig schlafen leg ten, j etzt aber das Gold wie Eisen schmieden und eheliche Verbindungen 50 mit denen, deren Sklaven sie früher waren, für ungebührlich halten1 6 . Was dieses Thema betrifft17, so habe ich es aufgegeben, (dich) bei denen, die dir diese deinem Stand nicht entsprechende (Heirat)1 8 vorwerfen, zu verteidi gen1 9 . Nun, seit du diese (Leute) förderst, schätzt du anscheinend das Wichtige gering ein 2 o . Ich aber müßte nun davon überzeugt werden, daß ich nicht einmal der Dinge wert bin, die man geringschätzt. Denn das trifft ja nun bei den Rhomäern für Bücher und Studien zu.
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
55
Jedenfalls hat eine Bereitwilligkeit solcher Art2 1 der bewundernswerte Kaiser22 mir gegenüber nicht gezeigt, sondern sobald er hörte, daß ich den Platon2 3 brauchte, hat er die zur Eile gedrängt, die ihn mir beschaffen sollten. Er konnte ihn mir nämlich (nicht einmal) aus seiner eigenen (Bi bliothek) schicken, sondern mußte zuerst Gesandte an seine Besitzer ent senden, diesen Freundschaft versprechen, wenn sie ihn aushändigten, oder auch Krieg androhen, wenn sie ihn verweigerten, und schließlich
60 nahm er dafür, daß er mir gefällig war, auch noch Gefahren in Kauf. Ich
hätte Grund, ihm dafür in höherem Maße dankbar zu sein, als wenn er mir wie einst ein Perser2 4 dem Themistokles Magnesia und Myus gegeben hätte. Ebenso dankbar aber wäre ich dir, wenn du mir gegenüber die gleiche Bereitwilligkeit zeigen würdest. Da du dich aber dazu nicht ent schließen kannst, will ich dich dafür zwar nicht tadeln, weil ich dir für anderes dankbar bin und es sich auch nicht gehört, darüber ungehalten zu sein, wenn j emand mir von seinem Eigentum (etwas) nicht herausge65 ben will . Ich möchte aber wünschen, daß der Plutarch bei dir nicht wie
derzeit in einem Winkel verrottet, sondern Gelegenheit zu freier Rede erhält und mit seinen Ermahnungen deine Gesinnung bessert. Mir j edoch, der ich seine (Werke lesen) möchte, wird die (Bereitschaft) meiner Freunde genügen. Sie werden mir (Plutarch) nicht nur gern geben, sondern mir auch noch (dafür) dankbar sein, wenn ich ihn annehme. Mit 70 mir wird ihn aber auch der treffliche Philosoph Georgios studieren. Möge
Gott ihn der bildungs beflissenen Jugend erhalten2 5 ! Er wird aber wohl nur überleben, wenn er die Große STADT und die Peloponnes in gleicher Weise meidet. Bleibt er nämlich bei uns, wird er Hungers sterben, kommt er aber dorthin, (dann) wird er in die Kriegswirren geraten und das Schicksal Plutarchs erleiden, als « Kostbarkeit » unter das Bett abgescho ben zu werden. Denn der Waffenlärm wird dabei stören, wenn man dem 75 Redner lauschen will, und er wird sich wie ein Schattenkämpfer26 lächer
lich machen. Das ist auch dem trefflichen Triboles klar. So hat er die Rhetorik, in der er sich einst auszeichnete, aufgegeben und seinen Eifer auf Pferde und Waffen verlegt, mit denen er dir zu Diensten sein kann; denn er sah ein, daß sie ihm zu seinem Lebensunterhalt mehr einbringen. Kannst du dir also vorstellen, daß Georgios, wenn er sieht, wie es ihm erging, sich bewegen lassen wird, unverzüglich zu dir zu kommen ? Wenn 80 du nämlich schon deine eigenen Gelehrten so weit gebracht hast, daß sie
glauben, das Tanzen bringe ihnen mehr ein als das Reden - von der
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BRIEF
T2 73
Tapferkeit ganz zu schweigen2 7 - , dann ist es doch sonnenklar, daß du den Auswärtigen geradezu predigst, Sparta nicht zu betreten; denn dort gilt als Schwätzer, wer es unternimmt, die zu belehren, die sogar das Zuhören für unerträglich halten. K 1.
OKyd: Die Große STADT (Z.71 ) . E, OE: Ein Herrscher (Z.30) in Mistra (A. 1 ) auf
der Peloponnes ( Z. l 1 .32.71 ) , Nachfolger eines der Bildung aufgeschlossenen Despoten (X2 ) , verheiratet mit einer Lateinerin ( Z.5 0 - 52; A . 1 9 ) ; dies trifft nur für Theodoros Palaiologos zu (zur Person s.o., T23 8 ) . D: S .u., A. 1 9 . II.
BKyd: Theodoros hat Kyd. eine H s mit Texten Plutarchs schenken wollen, sie ihm
aber dann doch nicht zugesandt, mit der Entschuldigung, Leute in seiner Umgebung seien damit nicht einverstanden ( Z. 1 8 - 2 5 ) . Kyd. versucht dieses Argument als haltlos zu erweisen (Z.25 - 54 ) und verweist auf ein vergleichbares Gegenbeispiel, die Bereitschaft seines Bruders Manuel bei der Beschaffung einer Platonhandschrift (s.u., A.23 ) . Er hofft aber, von Freunden in Konstantinopel zumindest leihweise eine andere Hs mit den Werken Plutarchs zu erhalten, die er dann gemeinsam mit dem Philosophen Georgios (X4) studieren will (Z.67-70). BE: Eingangs lobt Kyd. die Fortschritte des Theodoros in der Redekunst und Dialektik (Z.414), allerdings mit der Nebenabsicht, ironisch auf die beredte Entschuldigung des Theodoros anzuspielen ( Z.24 - 2 6 ) . Im weiteren Verlauf des Briefes zeigt er, daß er in seinen Tadel über das geringe Bildungsinteresse auf der Peloponnes (s.u., ZG) auch ihn einschließt, wenn er ihm vorhält, er schätze unter dem Einfluß seiner Umgebung nun das Wichtige (sc. die Bil dung) gering ein (Z.52 f.; dazu A.20 ) und lasse « Plutarch» in einem Winkel verrotten (Z.65 f. ) . Xl: Ein Verwandter des Kyd. (s.u., A.5 ) , dem der Despot Hilfe versprochen und auch wohl bereits gewährt hat (Z. 1 6 ) , da Kyd. ihn ermahnt, dieser Wohltat nun eine größere ( die Überlassung der Hs) folgen zu lassen. Dieser Verwandte könnte nur dann mit dem Philo sophen Georgios (X4) identisch sein, wenn dieser zuvor auf der Peloponnes gewesen wäre, was nicht ganz auszuschließen ist. Die in T264, Z.60 erwähnten « Barbaren» (vgl. T264, OE) wären dann auf die Bewohner der Peloponnes zu beziehen. D aß Georgios sie so einschätzte, ist aus T57 ( Bd. V2) bekannt; zum Urteil des Kyd. S.u., ZG. X2 : Der den Studien ergebene Despot und Büchersammler, aus dessen Bibliothek, deren Bestand nach seinem Tod großen teils verschleudert wurde (Z.3 7 -40), auch die zur Debatte stehende Plutarchhandschrift stammt (Z.37.46 ) , kann nur Manuel Kantakuzenos, Vorgänger des Theodoros in Mistra (siehe Bd. V 1 , 1 1 5 - 1 1 7) , sein (s.u., A. 1 3 und 1 5 ) . X3 : Der « bewundernswerte Kaiser» (Ma nuel), der Kyd. einst die Platonhandschrift verschaffte (Z.54 - 6 1 ) , s.u., A.22 f. X4: Der « treff liche Philosoph» Georgios (Z.69.78), der bei Kyd. in Konstantinopel weilt, ist sehr wahr scheinlich Georgios Gabrielopulos. Anscheinend ist er also entgegen dem Rat des Kyd. (T264, Z.54 - 5 9 ) doch nach Konstantinopel gekommen. Doch bleibt Kyd. auch jetzt bei seiner Mei nung, er solle dort nicht bleiben, weil sein Unterhalt in der Stadt nicht gesichert sei (Z.7072 ); er solle aber ebenso die Peloponnes meiden, weil in der dortigen Kriegssituation ein Philosoph wie Georgios nicht mit angemessenen Lebensumständen rechnen könne (Z.71 75 ), wie das Beispiel des Triboles (X5 ) zeige. Zur möglichen Identität mit X l , siehe dort und A.5. X5: Der « treffliche» (XQY]aT6�) Triboles (PLP 29295; vgl. Bd. II, T2 10, X2 ) muß, seit
137
ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
er im Dienst des Despoten steht, seine geistigen Interessen zugunsten des Kriegshandwerks zurückstellen (Z.75 - 78 ) . ZG: Die Bemerkung Z.32 f., die Peloponnesier hätten ihre Kriege beendet, ist ironisch zu verstehen; vielmehr dauern die Auseinandersetzungen, wie sich aus Z.74 - 78 ergibt, weiter an. Es handelt sich um die Eroberungszüge der sog. Navarresischen Kompanie, mit der sich Theodoros immer wieder auseinanderzusetzen hatte. Siehe zu dieser, mit Literaturangaben, ODB II 1443, s.n. Navarrese Company. Über die derzeitige geistige Situation auf der Peloponnes fällt Kyd. ein vernichtendes Urteil (Z. 3 0 f. 3 3 -42. 53 f. 73 - 7 5 ) . Dies ist vor allem bemerkenswert, wenn man die spätere Entwicklung Mistras z u einem Bildungszentrum in Betracht zieht; diese ist aber wohl allein dem Humanisten Georgios Ge mistos Plethon zu verdanken, der dort etwa zwischen 1407 und 1 4 1 0 seine Lehrtätigkeit aufnahm (siehe C. M. Woodhouse, George Gemistos Plethon - The Last of the Hellenes, Oxford 1986, 3 0 ) . Ep: Die Bemerkungen zu Stil und Inhalt von Aussagen des Theodoros (s.o., BE) können sich nur auf einen vorausgehenden Brief des Despoten beziehen. III.
Hss: A 12Y- 13Y, Nr. 1 1 ; U 1 5Y - 1 JY, Nr. 24.
Mistra liegt unweit des antiken Lakedaimon bzw. Sparta (Z.82 ) . E s galt als ehrenvoll, sich Bildung ohne Lehrer angeeignet z u haben; vgl. T265, A.3
IV. 1
2
und zugeh. Text. 3 Sowohl « Orte» wie «Topoi» sind im Griechischen 1:0nOL, ein Wortspiel, das sich im Deutschen nicht nachahmen läßt. Wie sich aus dem folgenden Satz ergibt, sind die rhetori schen Topoi des Aristoteles (AristotRh 1 3 95b-1402a ) gemeint. F. G. Sieveke (Übers . ) , Aristo teles, Rhetorik, München 1980, 141 gibt 1:0nOL mit « allgemeine Gesichtspunkte zur Ermögli chung der Beweisführung» wieder. 4
W. : 1:fl 1:(DV EJtlXElQllfHX1:WV av6.yxn. Unter EJtlXcLQllfW ist der dialektische Syllogismus
zu verstehen, in dessen Dienst laut der zitierten Passage des Aristoteles auch die 1:0nOL stehen. 5 W. : aVE'ljnov. D as Lexikon zur byzantinischen Gräzität, ed. E. Trapp, Fasz. 1, Wien 1 994, 106 kennt für diese Verwandtschafts bezeichnung nur die Übersetzung « Neffe » . So auch Bd. V I , T26, A.12. Doch ist der Sprachgebrauch bei Kyd. nicht so eindeutig, wie das Beispiel T257, X6 ( avE'ljn6. sehr wahrscheinlich « Cousine » ) zeigt. Es spricht einiges dafür (s.o., X l ) , daß Kyd. hier auf den später im Brief ausführlicher erwähnten Georgios ( X4 ) anspielt, der gemäß der Überlegung A . 2 5 wohl eher sein Vetter a l s sein Neffe war. 6 « In beiderlei Hinsicht» bezieht sich auf die bereits gewährte Hilfe für den Verwandten ( Z . 1 5 f. ) und die noch ausstehende Überlassung der Handschrift (Z.2 3 ) . 7 W. : ßEßmwow; 'AQlO1:01:Ef.. E l 1:0V 1:o n ov (vgl. oben, A.3 ) . 8
ATEk 5,3: « Wenn d u der Gottheit ein Gelübde machst, dann säume nicht, e s z u erfül
len ! Denn kein Gefallen hat sie an den Säumigen. Was du gelobt, erfülle ! » ( Übers. P. Riessler. ) 9
Diese verletzend ironische Bemerkung « < Sei froh, wenn du dich der Handschrift entle
digen kannst; sie macht dir sowieso nur Arbeit» ) zeigt, wie wenig ernst Kyd. das Bildungsin teresse des Despoten nimmt (s.o., BE ) . Vgl. auch unten, Z.29 f. 10
Es ist nicht an eine Akropolis in Mistra zu denken, sondern « Akropolis» ist hier als
allgemeiner Aufbewahrungsort städtischer Palladien zu verstehen. 11 Aus Z.72 - 78 ( und 8 0 f.; S.u., A.27) ergibt sich, daß von Frieden auf der Peloponnes keine Rede sein kann. Die Bemerkung ist also durchaus ironisch zu verstehen. 12
Zu dieser Anspielung s.o., T24 1, A.5.
13
Gemeint ist die Bibliothek des Manuel Kantakuzenos ( s . o . , X2 ) .
138
BRIEF T273
14 15
Zu dieser Wendung siehe Bd. 112, T9 1 , A.4. Manuel Kantakuzenos (s.o., A. 1 3 ) .
16 Es handelt sich um die griechischen Magnaten im Machtbereich des Theodoros, de ren Einfluß und Reichtum seit einiger Zeit zugenommen haben und die deshalb nun die zuvor wesentlich stärkeren lateinischen Machthaber auf der Peloponnes, denen sie praktisch unterworfen waren, verachten. 17 18
W. : {JJt E Q (1)v, mit Bezug auf XY]ÖE(U�, Heiratsverbindungen. W. : aVLo6tY]'tu.
19 Kyd. meint die Ehevebindung zwischen Theodoros Palaiologos (PLP 21460) und Bartolomea Acciaiuoli, einer Tochter des Herzogs von Athen Nerio I. ( zu diesem siehe PLP 1 6 1 2 ) . D as Heiratsdatum konnte durch ]. Chrysostomides, An Unpublished Letter of Nerio Acciaiuoli ( 3 0 October 1 3 84 ) , Bul;uv'tLva 7 ( 1 9 75 ) 1 1 1 - 127, hier 120 - 122 genauer einge grenzt werden. In einem von ihr erstmals edierten autographen Brief Nerios von Nov. 1 3 84 ( Cod . Flor. Laurent. Ashburnham 1 8 3 0 , Cassetta I, Nr. 76) wird mitgeteilt, daß die Heirat kürzlich, also spätestens im Frühjahr oder Sommer 1 3 84, erfolgte. Der vorliegende Brief des Kyd., der an dieser Stelle die Heirat voraussetzt, ist folglich von 1 3 8 3 (Edition Loenertz) auf 1 3 84 umzudatieren. Chrysostomides, 120, A.26 gibt an, Loenertz ha � e ihr gegenüber selbst die Umdatierung als notwendig bezeichnet. Ich lasse den Brief aber, da die D atierung in der Edition auf 1 3 8 3 sich nicht gravierend von der neuen unterscheidet und sich aus der Neuda tierung keine Änderung in seiner Beziehung zu anderen Briefen des Kyd. ergibt, in der Reihen folge an der Stelle stehen, welche in der Chronotaxis (LC 11 492) vorgesehen war. Zum Namen «Bartolomea » : Er ist nur bekannt aus einem Brief des Bischofs ]acopo von Argos an Angelo Acciaiuoli, einen Bruder Nerios, zu datieren auf März 1 3 8 5 . Siehe F. Gregorovius, Briefe aus der « Corrispondenza Acciajoli » (sic ! ) in der Laurenziana zu Florenz, Sitzungsber. der philos.-philol. u. hist. Classe der kgl. bay. Akad. der Wiss. zu München, 1 8 90, Bd. 2, 285 - 3 1 1 ; Edition des Briefes: ebd. 297 - 3 00 (29 8 : . . . de domino Nerio . . . , eum cum domina sua et Bartolomea despina et Francisca filia bus . . . bene valere ) . Die Ehe war nicht nur in der Umgebung des Theodoros (wie im Brief angedeutet) - u. a. wegen der Zugehörigkeit der Braut zur römischen Kirche ( Chrysostomides, ebd. 122) -, sondern auch in der Familie der Acciaiuoli umstritten (ebd. 12 1 ) . Es ist in diesem Zusammenhang bemerkenswert, daß Kaiser Manuel die Frau seines Bruders in der Grabrede auf ihn nicht mit einem Wort erwähnt (ManuelOr 232, A. 1 5 5 ) . Der Geschichtsschreiber Chalkokondyles berichtet beiläufig ü ber die Kinderlosigkeit der Ehe und über die außergewöhnliche Schönheit der Frau (Laonici Chalcocandylae Historiarum demonstrationes, ed. E. Dark6, Budapest 1 922, I 1 94
=
Editio
Bonnensis, 206 f. ) . 20
Die «Neureichen» i n der Umgebung des Despoten halten wenig von Bildung und
können deshalb auch eine Plutarchhandschrift kaum für besonders wertvoll halten. 21
Ironische Umschreibung für die gerade nicht gezeigte Bereitwilligkeit des Theodoros,
wie Z.61 f. deutlicher gesagt wird. 22 Sc. Manuel 11. 23 Zur Beschaffung der Platonhandschrift durch Kaiser Manuel s.o., T240 - 242. 24 Der « Perser» ist Artaxerxes I. ( 464 - 424 ) ; er verlieh Themistokles u. a. die Herrschaft über Magnesia am Mäander, wo dieser 462 v. Chr. starb. Quellen: Thuk I 1 3 8,5; Plutarch, Themistokles, 29.
139
ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
25 W. : . . . GV 'tYjQo(Yj f.lEV 6 eEO� 'tTI "A.oywv EQWOTI VEO'tYj'tl. Kyd. scheint hier anzudeuten, daß der Philosoph einen der Bildung ergebenen Schülerkreis hatte. 26 Ein Kämpfer gegen einen imaginären Gegner. Unter « Schattenkämpfen» ist ursprüng lich eine Art Kampftraining zu verstehen; der Begriff wurde aber bereits in klassischer Zeit metaphorisch verwendet, z. B. PlAp 1 8 d. Kyd. will hier sagen, daß Georgios in Mistra keinen Gebildeten finden wird, mit dem er sich geistig messen kann. 27 Wegen der ständigen Kriege sind Tapfere in Mistra sehr gesucht.
274 - AN KAISER MANDEL L: 320; OKyd: Konstantinopel; E: Kaiser Manuel 1I. Palaiologos; OE: Thessalonike; D: Winter 1 3 8 3lFrühjahr 1 3 84 ( ? ); wI: Die Krise um Thessalonike dauert an; in Konstantinopel haben Angst und Besorgnis zugenommen. Die Bewohner mancher Provinzstädte wollen sich den Türken ausliefern, und viele sind in eine Glaubenskrise geraten. Auch Kydones fürchtet das Schlimmste, betet aber für den Kaiser und hofft, daß Gott ihm weiter zur Seite stehen werde.
Da ich Leute gefunden habe, die nach Thessalonike reisen, beeile ich 5 mich, sofort zu schreiben, zumal ich mich dir gegenüber (dazu) dringend
verpflichtet fühle. Es hemmt aber meine Entschlossenheit, daß wir dir über unsere Lage nichts Gutes schreiben können und die eurige, wie man berichtet, so heillos ist, daß man nicht erwarten kann, von euch etwas Gutes zu hören. Schlimmer ist aber (noch) in diesem Fall, daß selbst der (Trost) der Hoffnungen uns fehlt, denn auch von der Zukunft haben wir 1 0 nicht einmal etwas Unbedeutendes zu erwarten, was man in Briefen be
richten könnte, um deren Empfänger zu beruhigen. Denn was sollte man (noch) erhoffen, wenn alle entweder schon versklavt sind oder das Joch des Barbaren der rhomäischen Herrschaft vorziehen und es für lächerlich halten - denn diese Stimmung herrscht sogar schon bei den Ernsthafteren vor - , wenn jemand der Sklaverei das Leben in Freiheit vorzieht? So 1 5 haben alle den Verstand verloren und sind bereit, die Barbaren zu sich
und in ihre Städte zu rufen. Diese Geistesverwirrung aber hat Unheil nicht nur über den Bereich des Irdischen und des Leiblichen gebracht\ sondern sie reckt, wie es Homer von Eris sagte, bis zum Himmel und zu den Seelen ihr Haupt2 , so daß man schon am Gottesglauben verzweifelt, als ob er ein alter Mythos sei; man sagt nämlich, er enthalte nichts, wodurch man bereichert oder begeistert3 werden könne . Denn nur in solchen (An20 zeichen) glaubt man den Lohn des wahren Glaubens an Gott zu finden,
140
BRIEFE T273 - 2 74
und aus ihnen folgert man, daß Gott unsere Taten gefallen. Die Weiseren aber hüten sich, dies so frei heraus zu sagen; sie versichern vielmehr, daß sie unter der Türkenherrschaft nur um so sicherer den Glauben bewahren werden. Solches jedenfalls hören und sehen wir hier. Es mag aber sein, daß es bei Euch gemäßigter zugeht. (Ja,) ich bin durchaus überzeugt, daß es so ist, weil durch deine Anwesenheit die Hef- 25 tigkeit und Unerbittlichkeit dieses Sturmes gemildert wird. Aber es ist unvermeidlich, daß auch der Teil mit dem Ganzen erkrankt und stirbt, wenn die VORSEHUNG nichts Besseres für die Verbliebenen beschlossen hat. Daß sie (uns) dies durch dich schenken wird, wenn es ihr Ratschluß ist, darauf vertraue ich und glaube fest daran. Denn wie sie sich, um die Bösen zu bestrafen, böser Mächte bedient, so läßt sie auch durch die 30 guten den (mit ihr) Versöhnten das Bessere zukommen. Wenn aber ihre dunklen Ratschlüsse die Oberhand behalten und es so sein soll, daß die Verantwortlichen samt und sonders zugrundegehen, moge doch dich Gott von der Erfahrung des Schrecklichen ausnehmen und dich für das Bessere bewahren. Dieses Gebet bekommt Gott von mir bei Tag und bei Nacht zu hören. K I.
OKyd: Kyd. befindet sich an seinem gewöhnlichen Aufenthaltsort. OE: Z.4. D: Im
Vergleich zu den vorausgehenden Briefen an Kaiser Manuel (T268, T2 71 ) hat sich die Situa tion verschärft; erstmals spricht Kyd. ausdrücklich davon, daß einige byzantinische Städte sich den Türken ausliefern wollen (Z . 1 1 - 1 5 ) . Loenertz schlägt wohl deshalb mit Fragezei chen die angegebene Datierung einige Zeit nach den genannten Briefen vor (sie wird über nommen von BarkMan 53 f. , A.147) und ordnet ihn hier ein. Für eine sichere Datierung sind die Anhaltspunkte allerdings zu vage. 11. BKyd: Kyd. sieht inzwischen die Lage als so hoffnungslos an, daß er für die Zukunft auch mit « dunklen Ratschlüssen» Gottes (Ta Tfj� axu8gwJTl']� '\jJY]<j>ou, Z.30 f. ) rechnet, ein Zeichen nachlassender Zuversicht. Xl: Der « Barbar » , dessen Joch manche der rhomäischen Herrschaft vorziehen (Z . l 1 f. ) : Murad I. ( PLP 1 9503 ) . ZG: S.o., D . III. Hss: A l 02rv, Nr. 4; U 2 1 6 v - 2 1 7r, Nr. 2 1 7. IV. 1 W. : ou ToI� EV Tfi yfl xal TOI� aWf,LaOL AEAVf,laVTaL �l6vov . Nach Ausweis von LSc, s.v. AU I--la[V 0 I--lat, bezeichnet AEAVf,laVTat, wie hier zu erwarten, die 3. Person des Singulars, nicht des Plurals, wie man vielleicht annehmen könnte (Belege bei Demosthenes ) .
2 Vgl. HomIl 4, 440 - 443 , z u beziehen auf «Eris, die rastlos Eifernde . . . , welche . . . gegen den Himmel stemmt das Haupt» ( Übers. W. Schadewaldt) . Den nach ou gav 0 stehen den nichthomerischen Zusatz xal '\jJuxaI� hat Kyd. in Hs A nachgetragen, womit er deutlich zeigt, daß er das Zitat für den gewünschten Zusammenhang zurechtbiegen mußte. 3 W. : ÖL'
141
ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
275
-
AN RHADENOS
L: 324; OKyd: Konstantinopel; OE: Thessalonike; D: Nach Januar, spätestens Mai 1 3 84; wI: Rhadenos hat Kydones brieflich mitgeteilt, daß er die Annahme seiner Einladung nach
Konstantinopel erwogen, sich aber für das Verbleiben im Dienst Kaiser Manuels entschieden habe. Kydones ist jedoch überzeugt, daß nur noch ein Wunder Thessalonike vor den Türken retten könne; entsprechende Signale entnimmt er auch dem vorausgehenden Brief des Freun des. Deshalb hält er dessen Entscheidung für falsch und rät ihm dringend, die Stadt zu verlas sen, ehe es zu spät ist, zumal andere, die eher zum Ausharren verpflichtet wären, bereits nach Konstantinopel geflohen sind.
Freude und Trauer erfüllten mich gleichermaßen, als ich deinen Brief 5
las. Denn deine Unruhe und Unsicherheit, was du tun sollst, beunruhigte auch uns; daß du dich aber wieder hast überreden lassen, in der Vater stadt zu bleiben und dem Kaiser den gewohnten Dienst zu leisten, dies ließ mich vertrauen, daß für sie noch eine Hoffnung auf Besserung (der Lage) besteht, und zugleich mit dir froh sein, daß du dich d(ies)es Dienstes
1 0 würdest erfreuen können. Denn ich glaubte nicht, daß du dich, wenn du
siehst, wie die Stadt von Gefahren bedroht ist, und an deiner Hoffnung auf den Kaiser gänzlich verzweifelst, j emals einem so furchtbaren Schick sal ausliefern, sondern dich (nur), wenn du überzeugt wärest, in einer glücklichen (Stadt) glücklich leben zu können 1, entscheiden würdest, ei nem solchen Wogenschwall zu trotzen. D as also möge Gott vollenden, und möge er dem Kaiser und der Stadt die Wundertaten erweisen, die er 15
unter Ezechias für Jerusalem wirkte2, euch aber, die ihr die Gefahren erlebt habt, sei nachfolgend ein besseres Schicksal beschieden, und möge die jetzige Betrübnis zukünftiger Freude weichen! Was aber mich betrifft, so sollst du wissen, daß ich dir vor einiger Zeit3 nicht zur Rückkehr riet, um mir selbst einen Gefallen zu tun, sondern weil das Gerücht mir den Sturm angekündigt hatte, welcher der Stadt bevorstand; zugleich sah ich mich zu jener Empfehlung veranlaßt, weil ich sah, daß viele Bürger bemüht waren, dem Schiffbruch zuvorzukommen.
20 Dasselbe aber würde ich dir auch noch einmal raten, wenn ich dem, was
du schreibst, mehr als deinem Tun glaubte . Denn deine Briefe (berichten), die Stadt befinde sich noch auf dem Gipfel der Gefahren, und du läßt Worte ertönen wie einer, der beinahe ertrinkt und um Rettung flehend die Hände ausstreckt. Was du aber jetzt wählst, möchte ich nicht die Tat emes sehr Mutigen nennen, sondern bloß die eines Verzagten, der zur
142
BRIEF
T2 7 5
Unzeit ängstlich ist, oder auch eines Menschen, der auf irgendwelche Schatten starrt und sich nicht entschließen kann, auch die Hoffnungen im 25 anderen der (beiden) Fässer auszuleeren4 . Ich aber bin, was dich betrifft, immer derselben Ansicht: Du sollst nicht Träumen nachgeben, sondern aus dem Feuer springen, solange es (dir noch) freisteht. Daß aber der Kaiser dich (daran) hindern wird, glaube ich nicht, wenn du ihn mit vielen gerechten (Gründen) bittest. Er hat doch auch Leuten, die ihm lieber sind als du und deren Tapferkeit er wie Festungstürme für die Stadt einschätzt, auch diesen hat er schon erlaubt, zu flüchten und Hab und Gut mitzuneh- 30 men ! Und nun bewohnen j ene, nachdem sie alles, wofür sie sich soviel gemüht hatten, den Türken überlassen mußten und Flüchtlinge geworden sind, das Chorakloster und nennen es das « Neuere Kloster» 5 . Aber nicht " nur sie selbst begeben sich auf die Flucht, sondern sie ziehen täglich auch viele andere 6 nach sich. Wenn auch du sie nachahmtest, wäre es für dich keine Schande; sollten doch sie wegen ihres (Mönchs>standes eher den Tod verachten, von allen am längsten in der Stadt ausharren und die 35 Verteidiger mit Gebeten zu Gott und Ermahnungen ausrüsten. Wenn aber sie, obwohl so viele verpflichtende Gründe sie zurückhalten, dennoch ohne Mühe Entschuldigungsgründe für ihre Flucht fanden, wirst dann nicht du den Kaiser (noch) viel leichter überzeugen können, ein Mensch, der außer seinem Willen keinem anderen Zwang gehorcht? Ich hörte aber auch, daß einige bei euch, die wegen ihrer sittlichen Reife den Anspruch 40 erheben, mehr als andere zu wissen, nicht zögerten, frei heraus in der Öffentlichkeit zu sagen, es bedeute geradezu einen Krieg gegen Gott, wenn man versuchen wolle, die Heimat von den Türken zu befreien; denn sie wüßten sicher, was Gott über die Stadt beschlossen habe. Da ich also auch selbst diese (Entwicklung) aufmerksam verfolge und um dein Wohl besorgt bin, habe ich dir bereits früher geraten und emp fehle es (dir) auch j etzt, da du um einen Rat bittest, alles zu wagen, wo- 45 durch du die Sklaverei vermeiden kannst. Wenn du aber vor den Wogen keine Furcht hast, weil du (angeblich), wann du willst, (aus ihnen) heraus schwimmen kannst - was schwierig ist, weil sich dann bereits viele über dir aufgetürmt haben -, tadle uns auch dann nicht dafür, daß wir dich lieben und grundlos um dich besorgt sind. Euch aber gebe Gott entweder nach dem Sturm « spiegelklare Meeresstille » 7 oder lasse euch in Zukunft unverhofft 8 einen Hafen erreichen. Ich bete aber, daß deine Flucht nicht 50 in den Winter oder auf einen Sabbat falle 9 .
143
ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
K I. OKyd: Kyd. empfiehlt « Rückkehr» des Rhadenos ( Z . 1 7), sc. nach Konstantinopel, und erwähnt Leute aus Thessalonike, die nun im Chorakloster (sc. ebendort) wohnen (Z. 3 0 3 2 ; A.5 ) . E : Siehe TinnFreund 24 1 , Nr. 3 8 . O E : Rhadenos hält sich i n seiner Vaterstadt auf (Z.6), also in Thessalonike (TinnFreund 2 1 3 , A. 1 2 ) . D: Nach Januar 1 3 84, dem unten, A.5, genannten terminus post quem für die Übersiedlung des Abtes Gabriel nach Konstantinopel. Da gemäß T2 8 7, Z . 1 5 Rhadenos noch im Frühjahr 1 3 84 schließlich doch angekündigt hatte, nach Konstantinopel zu kommen, mUß vorliegender Brief, der darauf noch nicht anspielt, geraume Zeit vor Frühjahrsende, also spätestens im Mai, verfaßt sein. 11. BKyd: Zur hier ausgedrückten Besorgnis des Kyd. um seinen Freund siehe Tinn Freund 220 f. BE: Rhadenos ist zwar um sein Schicksal besorgt, hat sich aber entschlossen,
in Thessalonike im Dienst Kaiser Manuels zu bleiben (Z.5 - 7) . Xl: Ein Kaiser ( Z . 7 . 1 0 . 1 3 .27. 3 8 ) , der angesichts der Lage der Stadt, die er verteidigt, auf Gottes Hilfe ange wiesen ist ( Z . 1 3 f. ) und Verständnis haben würde, wenn Rhadenos sich wegen der wachsen den Gefahr aus der Stadt entfernte (Z.27.3 8 f. ) , sc. Manuel 11. in Thessalonike. X2: Siehe ZG. ZC: Thessalonike schwebt in höchster Gefahr (Z.2 1 -23 ) . Schon haben sich einige ange sehene Personen nach Konstantinopel gerettet ( dazu auch DenReign 9 7 f. ) . Damit meint Kyd., wie aus sicherer Andeutung erschließbar, Abt Gabriel und die Mönche seines Klosters (s.u., A.5) und sehr wahrscheinlich auch den Metropoliten Isidoros Glabas (s.u., A. 6 ) . Ep: Ein vorausgehender Brief des Rhadenos an Kyd. ( Z.4; zum Inhalt: s.o., BE) . III.
Hss: A 1 04rv, Nr. 8 ; U 2 1 9 v - 22 F, Nr. 22 1 .
Üb: DenReign 9 8 : Z.25 - 3 6 (engl. ) .
IV. 1 W. : w � E U rr:Qci�ououv E U rr:Qci�wv obtl10El�. 2 AT4Kg 1 9 -20 LXX; 2Ch 32. 3
S.o., T267, Z.24 - 2 8 ; T272, Z.22 - 25.
4
W. : xul TGV E"[EQOV niJv rr:(8wv oux aVEX0I-lEVOU niJv EArr:(ÖWV XEvWom. Zum Faß der
Hoffnungen s.o., T2 33, A.9. Hier ist anscheinend von zwei Fässern der Hoffnung die Rede. D as erste, mit dem wohl die allgemeine Hoffnung auf Rettung Thessalonikes gemeint ist, ist bereits ausgeleert; das zweite, das Rhadenos nun auch noch auszuleeren fürchtet, ist wohl das der Hoffnung auf den Kaiser. Von nur einem Faß der Hoffnungen ist hingegen, wie auch in T233, in den späteren Rhadenos-Briefen T2 8 6 (Z.49) und 2 8 7 ( Z . 1 8 , in anderem Bezug) die Rede. 5 W. : NEw"[EQu Mov11. Wir wissen, daß um diese Zeit Gabriel, vorher Abt des Neuen Klosters (NEU Mov11 ) von Thessalonike ( dazu DenReign 9 7 - 1 02), später Metropolit von Thessalonike (PLP 34 1 6 ) , wegen der Türkengefahr Thessalonike verließ und Abt des Klosters Christi des Erlösers ( << Chorakloster » ) in Konstantinopel (Literatur zum Chorakloster bis 1 9 77 bei W. Müller-Wiener, Bildlexikon zur Topographie Istanbuls, Tübingen 1 9 77, 1 5 9 1 62 ) , zugleich aber auch Aufseher ( E
MUXEÖOVLXci 4 ( 1 955 - 1 960) 352 - 3 73 , hier 3 62, Z.34 8 - 3 67. Makarios Chumnos ( PLP 30956), der Gründer des Neuen Klosters in Thessalonike, hatte, als er Abt in Konstantinopel wurde, seinen Schüler Gabriel zunächst mit seiner Vertretung beauftragt. Nach Makarios' Tod war Gabriel Abt des Neuen Klosters bis mindestens Januar 1 3 84 (für diesen Monat ist gemäß DenReign 97 mit A.52 und 100 mit A.60 Gabriel in einer Urkunde noch als Abt dieses Klosters bezeugt) .
144
BRIEFE T275 - 276
6 Gemäß Loenertz, zur Stelle, wohl auch Anspielung auf Isidoros Glabas (PLP 422 3 ) , Metropolit von Thessalonike, der i m Frühjahr 1 3 84 ( s.o., T244, D ) von Thessalonike nach Konstantinopel floh und deswegen im September 1 3 84 abgesetzt wurde ( DarPatr 2772 ) . 7 W. : Afuxi]V yaAYjvllv, b e i HomOd 1 0, 9 4 a u f eine Bucht bezogen, i n der d a s Wasser, weil sich kein Lufthauch regt, spiegelklar ist. 8 W. : uno flllxavij� LlVO�, « ex machina » , mit Bezug auf die Möglichkeiten einer Theater maschine. Belege bei LSc, S.v. flllXav11, I 3 . 9 NTMt 24, 20.
276 L: 339; OKyd: Konstantinopel; E: Ein Freund, Finanzbeamter; OE: Thessalonike; D : 1 3 8 3 - 8 6; wI: Der Adressat, der ehemals i n Konstantinopel lebte, hat i n Thessalonike am
Hof Kaiser Manuels eine Tätigkeit als Finanzbeamter übernommen. Kydones tadelt ihn, weil er längere Zeit nichts von sich hat hören lassen, und rät ihm, nach Konstantinopel zurückzu kehren. Seine Zuverlässigkeit in Finanzdingen stehe zwar außer Zweifel, aber seiner philoso phischen Natur sei ein solches « Krämerleben» nicht angemessen.
Ob dir die Annäherung an den Kaiser auch Nutzen gebracht hat, magst
5
du selbst wissen. Ich j edenfalls behaupte, daß er dir sehr geschadet hat, nicht nur, weil er dich von deiner Vaterstadt und von uns getrennt und dich so - was du wohl auch selbst zugeben würdest - um den Gewinn gebracht hat, den dir der Aufenthalt bei Freunden bringt, sondern weil du anscheinend unter seinem Einfluß dünkelhaft und hochfahrend gewor den bist und deine einstigen Freunde verachtest. Dies jedenfalls gibst du (mir) zu verstehen, weil du (so) lange schweigst und ich (auch) von ande- 10 ren, die ehemals meine Freunde darüber unterrichteten, kaum erfahre, wie es dir geht. Dieser Schaden aber ist nicht geringer als ein finanzieller Verlust einzuschätzen. Denn kein menschliches Glück sollte so groß sein, daß man es für die Mißachtung der Freunde eintauschte. Mögest du also dies selbst in Ordnung bringen und den Schaden sowohl uns wie dir zu liebe heilen; denn um der Freundschaft willen fühlen auch wir uns davon betroffen. Du wirst aber schönere Heilung bewirken, wenn du nicht län- 1 5 ger Briefe schreibst, statt ihrer dich selbst uns zeigst und aufhörst, dich abzuplagen, um anderen dadurch Gewinn einzubringen. Denn was diese Sorgen betrifft, so bedauern dich die erfahrenen Diebe, weil du nicht die günstige Gelegenheit zu nutzen weißt; sollte sie sich nämlich ihnen anbie ten, sie würden sie für eine «Wolke der Rhodier1 » halten. Von dir aber
145
ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
wissen sie, daß du der Gelegenheit zum Trotz und sicherer als j ede Truhe 20 denen, die dir etwas anvertrauen, deine (zuverlässige) Gesinnung be
wahrst. Ich aber (wiederum) bedaure jene, weil sie so von dir denken; denn sie würden gewiß beim Diebstahl ertappt, wenn man ihnen Entspre chendes wie dir anvertraute. In anderer Hinsicht aber bin ich um dich betrübt, weil eine philosophische Natur gezwungen wird, ein Krämerle ben zu führen. K I. OKyd: Zweifellos an seinem gewohnten Aufenthaltsort (vgI. OE). E: Ein sehr zuverläs siger Finanzbeamter ( Z . 1 5 - 2 3 ) mit « philosophischen» Neigungen ( Z.22 f. ), der in die Dien ste eines Kaisers, sc. Manuel ( s.u., OE) eingetreten ist (Z.4 f. ) . OE: E ist von seiner Vaterstadt und von Kyd. getrennt ( Z. 6 ) , lebt also nicht in Konstantinopel, sondern dient an einem anderen Ort einem Kaiser; es kann sich in diesen Jahren (s.u., D) nur um Kaiser Manuel in Thessalonike handeln. D: Gemäß LC 11, XIV bewegt sich der Datierungsrahmen des Heftes, in dem L339 steht, zwischen 1 3 8 5 ( bzw. 1 3 8 3 ) und 1 3 8 7. Vielleicht befand sich E unter denen, die im Frühjahr 1 3 8 3 zu Manuel nach Thessalonike kamen (s.o., T249, Xl ); er kann aber auch später gekommen sein. 11. BKyd, BE: E gehörte ehedem einem Kreis von Freunden um Kyd. an, die aber nun ebensowenig wie Kyd. selbst schriftliche Nachrichten von ihm oder auch nur mündliche Berichte über ihn erhalten. Kyd. erklärt das « Schweigen» des Freundes mit der Vermutung, seine verantwortliche Stellung beim Kaiser ( X l ) habe ihn hochmütig werden lassen ( Z . 6 1 1 ) . Nur darauf bezieht sich die Bemerkung, der Kaiser habe ihm geschadet (Z.4 - 6 ) ; sie ist nicht als « Kaiserkritik» zu verstehen. Seine große Zuverlässigkeit in Finanzdingen wird E
von den weniger Ehrlichen in seiner Umgebung als Dummheit ausgelegt ( Z. 1 6 - 22 ) . Daher würde Kyd. es lieber sehen, wenn E sich aus der Finanzverwaltung zurückzöge und in Kon stantinopel seinen philosophischen Neigungen nachginge ( Z . 1 5 f. 22.f) . Xl: Ein Kaiser (Z.4), Manuel 11. (s.o., OE, BKyd, BE ) . III. Hss: A 124r, Nr. 6; U 192v - 1 93", Nr. 1 9 7. IV. 1 Zeus ließ auf die Rhodier Reichtum herabregnen; s.o., Bd. 11, T1 60, A. 6 .
277 L : 80; OKyd: Konstantinopel; E : Kaiser Manuel 1 1 . Palaiologos; O E : Thessalonike; D :
Spätherbst 1 3 8 3 - Frühjahr 1 3 84 ( ? ) ; wI: Pflicht und treue Liebe zwingen Kydones( ? ) , dem Kaiser zu schreiben, aber die unglückliche Situation an den Aufenthaltsorten beider Briefpart ner läßt ihn davor zurückschrecken. So beschränkt er sich auf die Andeutung, der Friede an seinem Ort sei mit Sklaverei erkauft, und auf das Gebet, Gott möge eine Wende herbeiführen.
Mich zwingt die Pflicht, zu schreiben und deiner gewaltigen, heiligen 5 Maj estät1 Bericht zu erstatten, zugleich aber auch meine getreue Liebe,
146
BRIEFE
T276 - 277
mit der ich mehr als allem in diesem Leben - das wage ich kühn zu behaupten - dir zugetan bin. Während ich aber zu schreiben beginne, zögere und verzage ich, wenn ich erwäge, worüber ich zu schreiben habe und was ich (als Antwort zu) hören (bekommen) werde. Denn die Erinne rung an die unglücklichen Ereignisse, die beständig meine Seele quälen, halten immerfort neu den Schmerz in ihr lebendig. Daher ziehe ich, weil ich weder betrüben noch betrübt werden will, das Schweigen vor, weil 10 ich nichts, was gegenwärtig geschieht, deiner Natur oder unseren Hoff nungen entsprechen sehe . Da ich es aber für verwerflich und undankbar halte, nicht zu schreiben und meine Pflicht abzustatten, wenn einige hier her kommen, (die Briefe zustellen könnten,) gehe ich wider Willen daran, über unerfreuliche Dinge zu berichten, oder ich übergehe sie vielmehr und bete zum allmächtigen Gott, dessen Willen sich nichts (j e) widersetzen konnte, dem Wirbelsturm und diesen schrecklichen Wogen zu drohen2, 1 5 der Seele deiner heiligen Maj estät aber Ruhe z u schenken und durch dich auch unsere Trübsal zu beenden. Dies ist mein Gebet bei Tag und bei Nacht; denn nichts Menschliches kann einer so gewaltigen Häufung allen Unheils widerstehen. Um dasselbe könnte man, wenn man besorgt um uns ist und mit uns Erbarmen hat, auch für (uns) hier beten. Denn auch unsere Lage ist in keinerlei Hinsicht leichter als die eure, j a, unter einem 20 Aspekt schlimmer. Denn der Friede, den wir zu haben glauben, ist durch Einwilligung in Sklaverei erkauft, während ihr noch die Freiheit vertei digt. Von allen Dingen aber ist es für alle am leichtesten, einen solchen Frieden zu genießen 3 . K I. OKyd,E, OE,D: Der vorliegende Brief an einen namentlich nicht genannten Kaiser, der auf eine für Kyd. ungewöhnliche Weise angeredet wird ( s.u., A. 1 ) , gehört nicht der auto graphen Überlieferung an. Weil er eine prekäre Situation sowohl am Aufenthaltsort des Ver fassers wie auch des Adressaten andeutet, scheint er zur Reihe der Briefe des Kyd. an Manuel II . in Thessalonike zu gehören. Dafür spricht auch seine Stellung in Hs B, die ihn überliefert. Hier geht ihm T2 71 voraus (s.u., Hss ), ein Brief, in dem Kyd. um Thessalonike wie um Konstantinopel Besorgnis äußert. Die Bedrohung beider Städte beschreibt Kyd. in Brief T272, Spätherbst 1 3 8 3 , Z.4 - 8 wie im vorliegenden Brief ( Z . 1 5 ) mit dem Bild von Sturm und Wo gen. Von der hier (Z.20 f. ) angedeuteten Versklavung Konstantinopels ist in dem wohl etwas später verfaßten Brief T274 ( Z. 1 3 ) die Rede. Doch lassen diese Parallelen nur eine wahr scheinliche, keine sichere Eingrenzung der Datierung zu. So ordnet LC II 492 den Brief zwar an dieser Stelle ein, datiert ihn aber vage auf 1 3 8 3 - 8 6 . BarkMan 5 3 f., A.148 hält eine Abfassung vor L320 ( T274) für wahrscheinlich. Mag somit auch die Situation des Briefes einigermaßen klar sein, so möchte ich doch vorsichtige Zweifel an der Verfasserschaft des =
147
ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
Kyd. anmelden, einmal wegen der ungewöhnlichen Anrede des Kaisers, dann auch aus stilisti schen Gründen: Die Sätze sind im Vergleich zum übrigen Epistolar des Kyd. auffallend kurz (nicht weniger als 12 Sätze auf 19 Druckzeilen). Es wäre z. B. denkbar, daß ein späterer Sammler von Kydonesbriefen versucht hätte, aus dem Material echter Briefe ( aus Verehrung ? ) eine Imitation abzufassen. III. Hss: B 244", Nr. 97. Der gemäß LR 65 in der Hs vorausgehende ( inc.: Ogf!WVLL ygcicpELV L2831T271 ) und folgende Brief ( inc. : EYW f!EV ygci�lf!UW L3 1 81T3 12) finden =
=
sich auch in den Hss AU. IV. 1 Soweit ich sehe, kommt die devote Anrede des Kaisers als «gewaltige und heilige Majestät» ('tTI XgUWlQ. xul aylQ. ßumAElQ.) oder «heilige Majestät» (Z. 1 6 ) in den Briefen des Kyd. sonst nicht vor. 2 NTMk 4,37.39; Lk 8 ,23 f. : Der Wirbelsturm (AuIA.mjJ) auf dem See Genezareth, dem Jesus drohte ( Ennlf!l']OEv ) . 3 Dieser letzte Satz (IIcivHDv ÖE näm QQ.01:OV 1:OlUU'tl']C; CmOAUUELv dgf]vl']C;) ist schwer verständlich. Wenn er auf den Frieden in Knechtschaft zu beziehen ist, kann er nur ironisch gemeint sein, sollte er den Frieden in Freiheit meinen, ist er ungeschickt formuliert, was Kyd. kaum zuzutrauen ist.
278 L: 2 7 8 ; OKyd: Konstantinopel; E: Ein Freund; O E : Thessalonike ( ? ) ; D: 1 3 8 3 - 8 6 ( ? ) ; wI: Der Adressat hat Kydones vielfach seine Freundschaft bewiesen, zuletzt auch durch einen
Brief, und Kydones erwidert sein Gefühl. Es sei nur zu bedauern, daß sie durch Kriegsereig nisse getrennt seien; um so mehr sollten sie einander schreiben.
Ich wußte auch zuvor, daß du mir zugetan bist. Denn als du persönlich 5 anwesend warst, hast du uns deiner Freundschaft versichert, und man
kann von vielen sagen hören, daß du mich lobst, wenn du von mir sprichst, nicht als ob wir es verdient hätten, sondern weil Liebende ihr Gefühl nicht bezwingen können. Sie wollen aber, daß der, den sie lieben, auch von anderen gelobt werde, damit ihr Urteil über die Freunde Aner kennung finde. Nun aber wurde mir deutlicher durch (deinen) Brief bestä10 tigt, was ich zuvor (nur) annahm. Denn wenn du dich darüber freust, daß
ständig etwas Gutes von mir erzählt wird, wenn du Kunde davon zu haben wünschst und aus Briefen von uns davon erfahren willst, erweist dich das deutlich als meinen Verehrer1 und als einen, wie ich ihn zum Freund haben möchte. Vom Eros bestimmt ist aber auch deine Eifersucht, wenn du meinst, jemand könne von mir mehr (Zuneigung) als du (erhal ten) haben, obwohl das, was ihm gegeben wird, zwangsläufig um der
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BRIEFE T277-278
Freundschaft willen auch dir gehört. Denn wie sollte das zweite Ich2 es 15 ertragen, daß dir etwas weggenommen würde, was sein ist ? So freue ich mich also, da ich sehe, daß du dich an dem, was von uns kommt, freust. Denn wenn Zuneigung zu den Guten Tugend beweist, wie unschätzbar wäre es dann (erst), von einem Mann wie dir bewundert und geliebt zu werden! Ich aber bin betrübt, weil ich mich (nur) nach dir sehne(n kann), statt bei dir zu sein; denn (wäre es) so, ich würde mich freuen, eine be redte Zunge zu hören, und könnte, ein Vorbild der Tugend vor Augen, Besserung meiner Seele erlangen3 . Nun aber « sei verflucht,
0
Krieg»4, der 20
uns viel anderen Schaden zufügt und auch die Freunde daran hindert, sich aneinander zu erfreuen, und nicht nur das; hat er doch auch den Trost, Briefe (auszutauschen), fast unmöglich gemacht. Wir hätten j a nicht geschwiegen, wenn wir Überbringer unserer Briefe gefunden hätten, und auch dein so langes Schweigen erklären wir aus demselben Mangel, denn die Zuneigung hätte deine Hand nicht ruhen lass'en ! Da aber nicht 25 nur alles zu ertragen5, sondern auch alles zu versuchen der Liebe ansteht, sollte ich und solltest du nichts Menschenmögliches unterlassen, sondern wir sollten, da uns die lebendige Gegenwart (des anderen) versagt bleibt 6 , versuchen, die zweitbeste Möglichkeit, solange es geht, durch Briefe zu verwirklichen 7. K I. OKyd, OE, D: Kyd. und E halten sich, durch Kriegsverhältnisse getrennt (Z.20 - 22 ) , an verschiedenen Orten auf, Kyd. wohl, wie gewohnt, in Konstantinopel, E wohl im belagerten Thessalonike zur Zeit Manuels 11. , ohne daß eine genauere Datierung möglich ist. E: Lebte früher in Konstantinopel (Z.4) und ist seitdem mit Kyd. eng befreundet (Z.4 - 6 ) . H. BKyd: Auch Kyd. bekundet seine Freundschaft z u dem unbekannten Adressaten (Z. 1 6 - 2 0 ) . Der Brief ist sehr allgemein gehalten und könnte daher vielleicht eine Stilübung sein. Ep: Ein (angeblich ? ) vorausgehender Brief von E an Kyd., der seine andauernde Freund schaft erweist (Z.9 - 1 5 ) . III. Hss: A 8 9rv; man erwartet wegen der Nummern des je vorausgehenden und folgen den Briefes die Nr. 15, die Kyd. einzutragen vergessen hat oder ( bei einem fingierten Brief?) nicht für nötig hielt. U 149rv, Nr. 156. IV. 1 W. : EQUOtijV. Zur erotischen Sprache im Brief an Freunde vgl. Bd. H, 242, Index, s.v. Eros-Topik. 2 W. : 6 &.A.AO� uut6�. Vgl. AristotEN 1 1 66a3 l f. : EOtL yaQ 6
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
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Vgl. NT1 K 1 3 ,7.
6 W. : WÜ JtVEU"taLO� a"laQL6vLa�, wobei JtvEÜf,la im Sinne des Atems als des Symbols lebendiger Gegenwart zu verstehen ist. 7 W. : ÖEULEQOV JtAOÜV. S.o., T257, A. 8 .
2 79 L: 291; OKyd: Konstantinopel; E: Ein Freund; OE: Thessalonike ( ? ); D: 1 3 8 3 - 8 6 ( ? ); wI: Beteuerung, am Unglück des Freundes Anteil zu nehmen, der in einer von Feinden bela
gerten Stadt lebt.
Ich wollte dich vergessen und so auch von der Betrübnis darüber befreit 5 werden, dich betrübt zu wissen. Aber das ist mir unmöglich. Denn erst
wenn ich mich vergäße, würde ich auch dich vergessen; zugleich mit dem Unglück der Stadt steht mir auch das deine vor Augen, und wenn ich daran denke, wie j ene von Feinden umzingelt ist, sehe ich sogleich auch dich in deinem privaten und öffentlichen Leben von vielem Unglück bela gert. Den Schmerz darüber muß notwendigerweise auch ich zum Teil mit 1 0 dir empfinden; denn es gibt keine Freude, wenn es den Freunden schlecht
geht. Wenn ich also Befreiung von dem suche, was mich betrübt, nehme ich allein beim Allmächtigen Zuflucht, der (uns) beiden unsere Last er leichtern und uns ein Wiedersehen 1 schenken wolle. Wenn wir uns (dann) so aneinander erfreut haben, wird das Widerwärtige uns weniger bedrän gen können. K I. OKyd, E, OE, D: Kyd. und E halten sich an verschiedenen Orten auf, Kyd. wohl, wie gewohnt, in Konstantinopel, E in einer von Feinden umzingelten Stadt (Z.7), wohl Thessalo nike zur Zeit Manuels 11. Eine genauere Datierung ist nicht möglich. Im übrigen ist der Brief nicht weniger allgemein gehalten als T278 . 11.
BKyd: Kyd. kann den Freund nicht vergessen ( Z.4 f. ) und ersehnt ein Wiedersehen
mit ihm (Z. 8 - 1 0 ) . III. Hss: A 12r, Nr. 9; U 1 Y, Nr. 2 2 . Ed: KydEpCam Nr. 4 1 . IV. 1
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W. : a ni]AOL� OUYYEvEo8m.
Üb: Ebd. (frz. ) .
BRIEFE T278 - 280
280 - A N MUZALON L : 323; OKyd: Konstantinopel; E: Muzalon, hoher Beamter an der Seite Manuels II.; OE: Thessalonike; D: 1 3 8 3 - 8 6 ; wI: Kydones lobt den sympathischen und gut informierten Sohn des Muzalon, der den Brief überbracht hat, stellt Überlegungen zu der verantwortungsvollen
Tätigkeit des Adressaten im Dienst des Kaisers an und ermahnt ihn zur Gerechtigkeit im Umgang mit den Armen.
Du hast mich mit einer (einzigen) Gabe doppelt beschenkt, da du mir schriebst und deinen Sohn 1 mit der (Überbringung des) Briefes betrautest,
5
den du naturgemäß über alles liebst; ich aber muß wegen unserer Freund schaft ihn, der dein ist, auch als mein ansehen. Du sollst jedoch wissen, daß ich früher den j ungen Mann nur um deinetwillen zu lieben bereit war ; nach (der Überbringung) des Briefes aber fand ich, daß er auch um seiner selbst willen Zuneigung verdient. Denn er ist freundlich und von scharfem Verstand und über sein Alter hinaus in öffentlichen Angelegen heiten bewandert. Er bewies aber seine Erfahrung, als ich ihn nach dei nem täglichen Tun fragte, weil er über alles so angemessen berichtete, wie 1 0 wohl auch d u selbst von dir gesprochen hättest, wenn d u e s genau hättest wiedergeben wollen. Ihn möge Gott dir und deiner Familie erhalten; verspricht er doch in der Blüte seines j etzigen Alters sehr gute Früchte. Dich aber sollten die Forderungen der Türken und der tägliche Dienst im Auftrag des Kaisers nicht beunruhigen. Denn erstens glaube ich, daß du darauf vorbereitet bist, solche Aufgaben zu übernehmen; war doch die Anmaßung der Bar- 15 baren allen längst bekannt; auch wußtest du recht wohl, welche Abgaben der Kaiser von den Städten fordert. Wie könnte es anders sein, da doch von seiner Seite viele Überlegungen, von deiner viele Bitten und Verspre chungen vorausgingen? Wenn man aber an zuvor Bekanntes herangeht, wird man durch die Ereignisse nicht so leicht erschüttert. Sodann bedenke auch, daß nicht die Meeresstille den Steuerleuten Lob beschert, sondern 20 die Fähigkeit, die Seefahrer bei stürmischem Wetter wohlbehalten ans Ziel zu bringen. Es ihnen nachzutun rufen auch dich nun die Zeitum stände auf, die Tapferkeit, Klugheit und (jegliche) andere Tugend erfor dern, durch die Städte und Völker gerettet wurden und werden. Wenn aber, wie du sagst, das Unglück überhandnimmt und die Wellen stärker als (alle Seemanns)kunst sind, setze du dennoch dem Übermaß der Schrek-
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
25 ken die Hoffnung auf Gott entgegen; dann wirst du spüren, daß sie mehr
den Ausschlag gibt als die Waffen. Von großem Einfluß auf diese Bundes genossenschaft (mit Gott) aber ist, daß man mit seinem Amt Gerechtig keit verbindet; soll doch der Beamte nicht so sehr darauf bedacht sein, was er bekommen kann, als bedenken, woher er es bekommt. Denn wer nur an das erste denkt und es nur auf das Einsammeln abgesehen hat, wird zwangsläufig der Gerechtigkeit, die für die Armen sorgt, nicht ent30 rinnen, oft aber auch das Volk als Rächer seiner Habgier erleben, wenn
es sich, erbittert über das erlittene Unrecht, gegen sein Haus zusammen rottet, wie ein vom Sturm aufgepeitschtes Meer alles samt und sonders überschwemmt und außer dem, was man ihm geraubt hat, auch den alten (Besitz) wegnimmt, oft aber dazu auch (noch) den Kopf des ungerechten Beamten fordert. Das sage ich aber nicht, um einen zu belehren, der das 35 wohl weiß, und von dem ich höre, daß er den Armen gegenüber die Ei
genschaften seines Vaters zeigt, sondern um dich verstehen zu lassen, daß auch wir mit deiner Politik einverstanden sind und uns über deinen guten Ruf freuen. So bleibe denn deiner Gesinnung treu und sei überzeugt, daß es deinem Hause auf diese Weise eher gut gehen wird, als wenn du gewalt sam den Besitz aller hineinschaffen würdest. Denn daß es den Gerechten aufs Ganze gesehen besser ergehe als den Ungerechten, das will Gott und das lehrt die Erfahrung. K I. OKyd: An einem anderen Ort als E, wie sich aus mehreren Andeutungen ergibt; wohl am gewohnten Aufenthaltsort. E, OE: Muzalon ist nur aus diesem Brief bekannt, den auch PLP 1 9432 als einzige Quelle nennt; dort aber wird Muzalon irrig als «Adressat Manuels 11. » bezeichnet; doch ist in LetMan kein Muzalon erwähnt. Wie sich aus Z . 1 3 - 3 8 ergibt, bekleidete Muzalon ein mit ho her Verantwortung ausgestattetes Amt, auf das er wohlvorbe reitet war (Z.14- 1 9 ) , an der Seite Manuels 11. ( X2) in einer von Türken belagerten Stadt (Z. 1 3 ) , zweifellos Thessalonike; vor allem war er für die Beschaffung von Finanzen zuständig ( Z . 1 6.25 - 3 8 ) . Loenertz bezeichnet seine Stellung in der Überschrift des Briefes als « ab epi stulis » , in der Fußnote zu Z.13 f., wo von seinem täglichen Dienst beim Kaiser die Rede ist, als !!EOci�wv. Zu diesem Amt, das auch Befugnisse im Fiskalbereich einschloß, vgl. Bd. l/l , 1 1 , A.54. Offenbar hatte auch sein Vater schon eine ähnliche Stellung bekleidet und sich durch Gerechtigkeit gegenüber den Armen ausgezeichnet (Z.35). D: Eine genauere D atierung innnerhalb der in Frage kommenden Zeitspanne 1 3 8 3 - 8 6 ist nicht möglich. 11. Xl: Ein Sohn des Muzalon, der einen Brief seines Vaters überbracht hat ( ZA - 6 ) . Sein freundliches, aufgewecktes Wesen weckt Sympathie. Über die Tätigkeit seines Vaters ist er bestens informiert (Z. 6 - 1 1 ) . X2: Ein Kaiser (Z. 1 3 f. 1 6 ) , zweifellos Manuel 11., der wegen seines Kampfes gegen die Türken auf Abgaben anderer Städte angewiesen ist ( Z . 1 6 ) . ZG:
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BRIEFE T28 0 - 2 8 1
Kyd. warnt davor, d a ß eine rücksichtslose Finanzpolitik z u sozialen Unruhen führen könne ( Z.2 8 - 34; vgl. auch T25 l , BKyd) . Ep: S.o., X l . III. Hss: A 1 0 3v - l 04r, Nr. 7 ; U 2 1 8v-2l 9v, Nr. 220. IV. 1 W. : 'tq> Jtmö[, gemäß Z.7 f. 1 2 etwa 16 - 17 Jahre alt.
281 L: 300; OKyd: Konstantinopel; E: Ein ho her kaiserlicher Finanzbeamter; OE: Konstanti nopel ( ? ); D: 1 3 8 3 - 8 6 ( ? ); wI: Kydones warnt den Adressaten, der ihm ein Geldgeschenk übersandt hat, man könne ihn verdächtigen, die Summe der Staatskasse entnommen zu ha ben; er möge daher in Zukunft auf derlei Geschenke verzichten.
Auch dies verdanken 1 wir dem gegenwärtigen Schicksal der Städte, daß wir nicht einmal mit Freunden frei verkehren können, sondern sie entwe-
5
der vernachlässigen oder, wenn wir die Verbindung aufrechterhalten wol len, Gefahren in Kauf nehmen müssen. Was nun dich betrifft, so erweist du dich wegen deiner großen Zuneigung als mutiger Freund, denn du wagst es, uns ohne Rücksicht auf Beobachter2 Geschenke zu schicken. Ich aber bange um dich und rate dir, dich vor diesen Männern zu hüten, für die es Routine ist, Wachende und Schlafende anzuzeigen und dadurch 1 0 den Guten z u schaden, sich selbst aber durch das Denunzieren beim Kaiser den Ruf treuer Gesinnung zu erwerben. Sie werden auch, wenn sie das Geschenk sehen, darin nicht die Gesinnung eines Freundes erkennen, der mir alles aus seinem persönlichen Eigentum hat zukommen lassen, sondern die betrügerische Hinterlist eines Mannes, der seinen Freunden mit dem gefällig ist, was er dem kaiserlichen Fiskus unterschlägt. Du weißt aber, wie unbesehen diese Erinyen3 alles glauben. Da dir dies also klar ist, versuche nicht, uns durch eine Sendung, sondern auf andere Weise zu erfreuen. Es wird uns j edenfalls genügen, unsere Zuneigung er- 1 5 widert zu wissen. Ich möchte aber nicht, daß d u u m meinetwillen der üblen Nachrede verfällst und das kleine Geschenk dir auf diese Weise großen Kummer bringt. K I. OKyd: An seinem üblichen Aufenthaltsort, wo er die Verleumder beim Kaiser (Xl ) fürchtet ( Z. l O f. ) . E: Der Adressat ist ein hoher kaiserlicher Finanzbeamter (Loenertz: « aerarii praefectus » ), der unmittelbaren Zugriff auf Gelder des Fiskus hat; sonst könnte man ihn nicht der Unterschlagung verdächtigen ( Z. 1 2 f. ) . OE: Die Anspielung auf die Behinderung der Kontakte zwischen Freunden wegen des « Schicksals der Städte» ( Z.4) zwingt nicht zu
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
der Annahme, E befinde sich an einem anderen Ort, von dem im übrigen keine Rede ist. Als ein für Denunzianten empfänglicher Kaiser ( Z. 1 0 f. ) kommt zudem eher Ioannes V. (in Konstantinopel) in Frage. Auch scheinen die « Erinyen» ( Z. 1 3 ) eine eingebürgerte Institution (s.u., A. 3 ) zu sein, die eher in Konstantinopel als in Thessalonike zu vermuten ist. D: Mit dem « Schicksal der Städte» ( ZA ) ist wohl die durch die Türken entstandene Situation zur Zeit der Belagerung Thessalonikes gemeint. Eine genauere Datierung innnerhalb der in Frage kommenden Zeitspanne 1 3 83/86 ist nicht möglich. II. BKyd: Kyd. hat von E ein Geldgeschenk aus persönlichen Mitteln erhalten. Er warnt E vor weiteren Geschenken solcher Art, da er fürchtet, man könne E verdächtigen, das Geld der Staatskasse entnommen zu haben. Xl: Ein Kaiser, der auf Denunzianten hört (A.2), wohl Ioannes V. ( 1 0 f. ) . ZC: Der Brief dokumentiert die Atmosphäre des Mißtrauens am Hof Ioannes' V. während dieser Jahre. III. Hss: A 32', Nr. 7; U 44v - 45', Nr. 6 1 . IV. 1 W. : U1tOAUU0f.t€V ist hier ironisch i m negativen Sinne z u verstehen (siehe LSc, s.v., II ) . Vgl. T277, A.3. 2 W. : "tWV 01t1:11Q wv xa"tuCPQovwv. Es ist zwar von der Routine ("tI�xvY), Z.9) der « Beob achter» die Rede, sie werden aber nicht als Angehörige einer kaiserlichen Institution im Sinne eines Geheimdienstes bezeichnet. Wahrscheinlich waren es Kollegen des hohen Finanzbeam ten in seiner eigenen Behörde, die sich als Denunzianten profilierten. 3 Die antiken Rachegeister stehen hier wohl für die Justizbehörde am Kaiserhof, nicht für die Denunzianten selbst, wie ich Bd. I12, T 0 1 20, A. 1 5 irrig vermute. Vgl. auch Bd. I12, T52, AA.
282
-
AN ALUSIANOS THOMAS
L: 3 1 9; OKyd: Konstantinopel; E: Thomas Dukas Alusianos, Großrichter der Rhomäer;
OE: Konstantinopel; D: 1 3 8 3 - 8 6
( ? ); wI: Kydones hat sich im privaten Kreis durch ein
Tragödienzitat in allgemeiner Form abfällig über einflußreiche Personen zweifelhaften Cha rakters in Konstantinopel geäußert. Der geschwätzige Andronikos, offenbar Zeuge dieser Bemerkung, hat Alusianos davon berichtet, und es steht zu befürchten, daß von ihm auch die Betroffenen davon erfahren könnten. Da Kydones dies nicht wünscht, stellt er in Abrede, auf konkrete Personen angespielt zu haben, und bittet den Richter darum, Andronikos am Weitererzählen der Äußerung zu hindern.
Ich weiß, daß ich wegen meines gestrigen Zitates aus Sophokles 1 mit 5 Strafe zu rechnen habe; denn der, welcher es dir mitgeteilt hat, wird es
vermutlich auch anderen ausplaudern, weil die Zunge des Andronikos nicht zu zügeln ist. So wird von ihm her der Ausspruch sich auf den Weg machen und eiligst bis zu denen gelangen, die gern mit skrupellosen Schurken Umgang haben. Du weißt aber, daß unsere (Stadt) j etzt viele ernährt, die nicht nur boshaft, sondern auch einflußreich sind. Diese wer-
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BRIEFE T28 1 -282
den sich nun gewiß nicht von dem Gesindel, mit dem sie auf Du und Du sind, fernhalten wollen, um das in Ordnung zu bringen, was sich für sie 10 etwa aufgrund eines unglücklichen Zufalls ergeben hätte, sondern wer den in ihrer Vorliebe für die Gesellschaft von Ungebildeten den für einen Feind halten, der mit Sophokles behauptet, sie seien den Leuten, mit denen sie gern verkehren, ähnlich. Was also mich betrifft, so lobe ich den Dichter für seine allgemein (gültige) Einsicht, habe sie aber auf keinen Zeitgenossen bezogen, sondern lediglich dafür plädiert, daß dieser Aus spruch nur zu wahr sei, und dies im privaten Kreis unter Freunden am Krankenbett eines Freundes . Wer sich aber seiner Schuld wohl bewußt 15 ist, wird nicht sich selbst, sondern die beschuldigen, die der Meinung beipflichteten, und suchen, wie er sie bestrafe. Bei Gott also, gib Andro nikos in unserem Namen zu verstehen, er möge außer dir niemandem mehr (davon) erzählen. Denn ich muß mich, wenn auch niemand mich wegen meiner Äußerungen anklagen könnte, doch · nach Möglichkeit schon vor dem (bloßen) Verdacht schützen. Jedenfalls möchte ich weder ein Mensch sein, der seine Mitmenschen beleidigt, noch als solcher er scheinen, zumal ich nicht wußte, daß ich, als ich dies sagte, andere damit 20 kränken könnte. K I. OKyd: Konstantinopel, wie gewohnt. E: Zur Person siehe PLP 696 und oben, T245, E. OE: D a Kyd. sich Alusianos gegenüber auf eine am Vortage geäußerte Bemerkung bezieht (Z.4), muß sich auch dieser in Konstantinopel aufhalten. D: Gemäß LC II, XIV steht der Brief in Heft 20, dessen Briefe durchweg in die Jahre 1 3 8 3 - 1 3 8 6 gehören. Einen «inneren» Anhaltspunkt für eine Datierung gibt es nicht. 11. BKyd: Seine Sorge, eine allgemein gehaltene Äußerung über Leute mit schlechtem Umgang (siehe A. 1 ) könnte einflußreichen Schurken am Kaiserhof bekannt werden ( Z. 1 8 20), läßt seine unsichere Stellung a m Kaiserhof erkennen. BE, Xl: Andronikos, ein Schwät zer, der nicht zu bändigen ist (Z.5 f. ), war bei der unbedachten Äußerung des Kyd. am Vor tage zugegen und hat sie Alusianos, einem Freund des Kyd., mitgeteilt. Man muß aus dem Brief des Kyd. schließen, daß Alusianos sich daraufhin bei Kyd. erkundigt hat, was es damit auf sich habe ( Z.4 f. ) . Loenertz (zur Stelle) vermutet, daß dieser Andronikos mit Sebastopulos (oben, T257, X4; 258, X6) identisch ist. Doch wie Bd. II, T200, X2 bereits ausgeführt, ist die Identität des dort erwähnten Andronikos mit dem Sebastopulos der Briefe L264 ( T25 8 ) =
und 2 6 7 ( T25 7) nicht wahrscheinlich, wohl aber die des hier erwähnten Andronikos mit dem von T200. Ep: Eine kurze schriftliche Anfrage des Alusianos bei Kyd. (s.o., BE, X l ) ist vorauszusetzen. III. Hss: A 1 02r, Nr. 3; U 2 1 6rV, Nr. 2 1 6 . IV. 1 W. : "twv urreQ LOCPOXA€O'U� !-lOt Xee� ELQT]!-lEVWV. Kyd. denkt, wie sich aus der Anspielung auf den Inhalt des Zitats Z . l 1 f. ergibt, an das Euripides ( ! )-Fragment 8 1 2, 7 - 9 =
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
Nauck, zitiert bei DemOr 1 9,245 (= Fals.Leg. 4 1 7 ) , das besagt, jemand, der mit Bösen ver kehre, sei selbst von der gleichen Art wie diese, entsprechend dem deutschen Sprichwort: Sage mir, mit wem du Umgang hast, und ich sage dir, wer du bist.
283 L : 271; OKyd: Konstantinopel; E : Kaiser Manuel 11. Palaiologos; OE: Thessalonike; D : Sommer 1 3 84 ( ? ) ; wI: Manuel hat Kydones offenbar geschrieben, daß e r sich jetzt wegen seines langen Schweigens schon vor seinem Zorn fürchten müsse, und dieser pflichtet ihm bei, daß Grund dazu bestehe, wenn man die Freundespflicht vernachlässige, daß aber der Kaiser sein Gefühl für Gerechtigkeit beweise, wenn er diese Furcht empfinde. Ferner erkun digt sich Kydones, ob er von einer Krankheit genesen sei. Die hoffnungslose politische Situa tion sei nicht dem Versagen des Kaisers, sondern dem unberechenbaren Schicksal oder eher noch den menschlichen Sünden zuzuschreiben.
o Jammer, daß mir die Kraft, die ich anscheinend besitze, zuvor nicht 5
bekannt war ! Jedenfalls glaubte ich, daß ich nicht einmal Dienern Schrek ken einjagen könnte. Nun aber erscheine ich plötzlich sogar Kaisern furcht bar, vor denen (doch) alles sich zu fügen hat, und erhalte Briefe von ihnen, diktiert von der Furcht, sie könnten etwas versäumt haben! . D och sei dies(e Bemerkung) der Ironie gutgeschrieben, mit der die Liebhaber gegenüber ih ren Geliebten kokettieren und scherzen, um sie, wenn sie von schwerem Un-
10 glück heimgesucht werden, durch freundliche Worte zu trösten, damit sie
nicht in völliger Verzweiflung der verhaßten Knechtschaft entfliehen2 . So entfachst auch du, der du wohl weißt, wie wir dir ergeben sind, mit derlei unscheinbaren Worten die Sehnsucht und verstärkst unsere Leidenschaft (für dich), (indem du andeutest), daß auch wir dir gegenüber Macht besit zen, damit wir, (so) getäuscht, dir um so bereitwilliger dienen. Du also ver15
stellst dich und gibst vor, die Schatten zu fürchten3 • Meiner Meinung nach ist aber deine Furcht, (zwar) nicht meinetwegen, aber um deiner Pflicht wil len, sogar sehr begründet. Du hättest (j a), wenn du sie nicht verspürtest, keinen Grund, dich gegen die zu verteidigen, die dich als mutig bezeichnen. Nun dürfte (aber) Leichtsinn in der Pflichterfüllung Nachlässigen gerechte Anklage einbringen. Wenn es also deine Pflicht ist, die Liebe derer, die dich lieben, zu erwidern und ihrer zu gedenken, damit aber das Schreiben ver-
20 bunden ist, solltest du da nicht mit Recht Angst haben, wenn du durch
Schweigen deinen Freunden das ihnen Zukommende entziehst und die Zu neigung, die du bei anderen findest, nicht erwidern willst, was (doch) das
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BRIEFE T282-283
denkbar Schändlichste ist? Denn man sollte nicht in anderen Bereichen die Erwiderung loben, allein aber (im Fall der) Freundschaft die Undankbar keit als (zutreffenden) Lohn ansehen; nennen wir doch (sogar) die, welche (die Freundschaft) nicht in höherem Maße erwidern, undankbar und böse. So hast du also mit Recht gefürchtet, Kaiser, denen ungewollt Unrecht zu 25 tun, die es am wenigsten verdient haben. So lobe ich diese Furcht, da sie mir glänzend deine Gerechtigkeit bestätigt. Denn wer den Ruf der Ungerechtig keit auch in kleinen Dingen scheut, wird gewiß auch an wichtigere Dinge nicht ohne Gerechtigkeit herangehen4• Ich war aber sehr erfreut, als ich erfuhr, daß es dir täglich besser geht. Möge der ERLÖ SER dir lebenslang deine Gesundheit bewahren, die du zum allgemeinen Wohl einsetzt und einsetzen wirst. Wenn aber die Ereig- 30 nisse nicht gemäß den Hoffnungen verlaufen, ist dafür wohl auch dem Schicksal die Schuld zu geben, welches immer schon die menschlichen Dinge zu erschüttern und mit unseren Bemühungen seinen Spott zu trei ben pflegt5; ein anderer aber würde vielleicht auch, wenn er Verstand hat, unseren Sünden diese verworrene Situation zuschreiben 6 . Es ist also kein Wunder, daß nicht einmal du mit deinem Versuch Erfolg hast, die, welche Strafen verdient haben, vom Unheil zu befreien. Denn auch nicht Job 35 oder Daniel vermochten es, für die Ihrigen Begnadigung zu erflehen, ob wohl sie sich, was sie selbst betraf, große Freiheit im Umgang mit Gott erlauben konnten? Indem ich das bedenke, verteidige ich dich bei denen, die aus dem Ergebnis auf das Vorherige schließen, versuche aber auch, das Unglück zu ertragen, das alle gemeinsam betrifft, in dem Glauben, daß Gottes Wille gerecht ist. K I. E: Ein Kaiser (Z.6.24 ) , den Umständen nach zweifellos Manuel II. o Kyd, OE: Ent sprechend der Korrespondenz zwischen Kyd. und Manuel in diesen Jahren. D: Manuel hat sich brieflich für sein langes Schweigen entschuldigt (Z.6 f. ) ; es muß also seit seinem letzten Brief einige Zeit vergangen sein. Zuletzt hatte Kyd. in T266, ZA f. und T269, Z. 1 8 f. ( beide Herbst 1 3 8 3 ) in allgemeiner Form Briefe Manuels erwähnt. Die folgenden Briefe an ihn (T268, 271, 274 und 277) lassen vorausgehende Briefe des Kaisers nicht erschließen. Die von Loenertz vorgeschlagene D atierung des vorliegenden Briefes auf Sommer 1 3 84 setzt eine Phase des « Schweigens » von etwa einem halben Jahr voraus, welche die Entschuldigung des Kaisers verständlich erscheinen läßt. Weitere Angaben für die D atierung lassen sich aus dem Brief nicht entnehmen; vgl. BarkMan 53 f. , A . 147. IT. BE: Manuel ist von einer längeren ( ? ) Krankheit genesen (Z.2 8 f. ) . ZC: Die politische Situation ist unverändert kritisch ( Z. l 1 f., s.u., A.2; Z.3 0 - 3 9 ) . Ep: Manuel an Kyd.; s.o, D .
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
III. Hss: A 8 6' überliefert nur den Briefschluß ab Z.33 ( voüv EXOJV); der vorausgehende Text hatte auf einem heute fehlenden Blatt gestanden; U 142Y - 143Y, Nr. 149. IV. 1 Sc. das Schreiben. 2 Die Bemerkung Manuels, er müsse sich wegen versäumten Schreibens schon vor Kyd. fürchten, ist als freundliche Ironie zu verstehen, die Kyd. angesichts der politischen Lage, der er sich seit längerem durch eine Reise ins Abendland entziehen will, als Trost empfindet. 3 4
Metapher für nichtige Furcht, wie schon PIPhd 1 0 1 d. Diese 24 Zeilen lange Überlegung zum Thema « Furcht» des Briefpartners wegen seiner
Säumigkeit im Schreiben ist ein typisches Beispiel byzantinischer Briefrhetorik und, zumin dest für heutige Leser, von schwer erträglicher Umständlichkeit. 5 Zur Tendenz, negatives Geschehen dem unberechenbaren Schicksal zuzuschreiben s.o., T237, A. 1 3 . 6 Erklärung des Unglücks mit den Sünden der Menschen auch T270 (BKyd ) . 7 J o b (Hiob) bra<;hte für seine Kinder Opfer dar, u m so Gottes Strafe, falls sie sich versündigt hätten, von ihnen abzuwenden (ATJb 1,5); dennoch kamen alle durch einen Un glücksfall ums Leben (ATJb 1 , 1 8 f. ) . Daniel betete im babylonischen Exil für sein Volk ( ATDa 9,4-20), doch wurde ihm durch Gabriel, einen Boten Gottes, mitgeteilt, zuerst habe das Volk seine Sünden abzubüßen, bevor Jerusalem wiederhergestellt werde ( ATDa 9,2 1 - 25).
284 L: 273; OKyd: Konstantinopel; E: Rhadenos; OE: Thessalonike; D: Bald nach 6 . 8 . 1 3 84; wI: Kydones kündigt den Abbruch der Korrespondenz an, denn wegen der bevorstehenden
Einnahme Thessalonikes bestehe keine Hoffnung auf ein Wiedersehen; so könne der Aus tausch von Briefen nur den Schmerz über die Trennung erneuern. Ferner äußert er sich zu tiefst betroffen, daß Francesco Gattilusio in den Trümmern seiner Burg zu Mitylene, die durch ein Erdbeben einstürzte, ums Leben gekommen sei. Mit ihm habe er einen seiner liebsten Freunde und Lesbos seinen Vorkämpfer gegen den Islam verloren; der Schmerz um ihn bringe ihn dem Wahnsinn nahe.
Du sollst wissen, daß dies der letzte Brief ist, der von uns an dich 5 gehen wird. Ja, wundere dich nicht, wenn die Freundschaft Schweigen
hervorbringt, die es (doch) eigentlich erfunden hat, den Freunden zu schreiben. Nun ist allerdings das Gespräch in Briefen mit abwesenden Freunden, die man wiederzusehen hofft, etwas Gutes und gehört zu den Mitteln 1, mit deren Hilfe man sich nach Möglichkeit die Anwesenheit der Freunde vorstellen kann. Wozu aber sollte man da, wo es unvermeidlich ist, fortan getrennt zu bleiben, die Erinnerung aufwühlen, um sich Un10 mögliches zu wünschen und (so) das Geschoß in der Wunde zu belassen ?
Denn die Sehnsucht nach dem, was sich niemals verwirklichen kann,
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BRIEFE
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schmerzt die Getroffenen empfindlicher als j edes Eisen, und es gibt für diese Qual nur ein einziges Heilmittel: das Vergessen, dessen Verhärtung durch Briefe verhindert wird, weil sie die Bilder der Freunde neu herauf beschwören. Für uns besteht aber fortan keine Hoffnung mehr auf ein Wiedersehen, denn die Habgier der Barbaren trennt uns, die wie ein auf alles übergreifendes Feuer nur Gott und seine Macht löschen können2 . 1 5 Daher scheinen wir, jedenfalls i n unserer Vorstellung, vom unseligen Schicksal der Juden3 nicht weit entfernt zu sein, um so weniger, als es nicht einmal dem Kaiser trotz seines tapferen Einsatzes beschieden ist, das zu verwirklichen, was er sich vornahm. Ihn wegen seines Vorhabens zu loben, ist gerecht, denn er hat geradezu den Würfel für alle geworfen und wollte durch die Gefahren, die er persönlich auf sich nahm, das Heil der anderen erkaufen; sein Scheitern aber ist vielen äußeren Ursachen, 20 nicht (aber) ihm anzurechnen. Denn es wäre unsinnig, für das, was nicht in unserer Macht steht, Rechenschaft von uns zu fordern, wenn wir be denken, daß nicht einmal Moses und seine Zeitgenossen in der Lage wa ren, ihr eigenes sündiges Volk zu lenken, weil die Bosheit der Untertanen stärker als die Tugend ihrer Vorsteher war. Daher wird es, wie gesagt, fortan weder für mich eine leichte Sache sein, zu dir zu kommen, noch wirst du uns wahrscheinlich jemals (wieder) besuchen können. So bleibt uns nur (die Möglichkeit), Lethe anzurufen, sie mit Euripides erhaben 25 und weise zu nennen\ uns selbst Schweigen aufzuerlegen und uns gegen seitig so zu verhalten, als hätten wir niemals existiert; das wird unser Gedächtnis zum Schweigen bringen und den Schmerz, (den wir) gegenseitig um des anderen willen (empfinden), heilen. Dies also ist das erste, was mich am Schreiben hindert. Was ich aber außerdem jetzt noch zu sagen habe, hat mir beinahe die Zunge abge schnitten und die Hand abgehauen: Tot ist mit seinen Söhnen, der am 30 meisten von allen mich und dich liebte, Phrantziskos ; er liegt begraben unter vielem Staub, Schmutz, Holz, EisenS und Steinen, da ein gewaltiges Erdbeben die Türme über ihnen einstürzen ließ, die er umsichtig errichtet hatte, um sich und seinen Kindern Schutz zu bieten; sie wurden ihm aber zu Gräbern statt Wohnräumen und zu Klippen statt Häfen. Die Bräute aber, um die er in fernen Landen für seine Söhne gefreit hatte, bekamen (noch) vor den Hochzeitsgesängen die Totenklagen um ihre Männer zu 3 5 kosten. Bevor s i e ihre Bräutigame persönlich sehen konnten, wurden sie mit ihren Leichnamen bekannt, oder richtiger : Sie bekamen nicht einmal
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
j ene unversehrt zu sehen, sondern waren gezwungen, das Erdreich abzu tragen und die Steine wegzuräumen und unter diesen ihre zerstückelten Glieder hervorzuziehen und zusammenzusetzen, wobei sie nicht einmal erkennen konnten, ob das Gefundene zu den Gesuchten gehörte oder ob 40 sie nicht vielmehr auf (die Überreste) Fremder gestoßen waren und (die)
der Ihrigen (nur) meinten (gefunden) zu haben. Ja, nun konnten die Türken, Syrer, Phoiniker und die barbarischen Anwohner der Nilmündungen aufatmen6 , die wegen ihrer tief eingewur zelten Angst vor ihm schlaflos geblieben waren. Es wehklagt aber (die Insel) Lesbos, da ihre Festung eingestürzt ist, und fängt nun an, die zu fürchten, die ihr früher Steuern zahlten und ihr Sklavendienste leisteten, 45 weil sie j etzt ihre Schwerter wetzen und damit drohen, sich an ihr zu
rächen. Wer könnte sie wohl aufhalten, die in Erinnerung an das, was sie erlitten haben, zu allem (entschlossen) auf sie einstürmen ? So hat sie ein anderes, viel schrecklicheres Erdbeben als das vorherige zu erwarten. Je nes hat ihre Herrscher getroffen und einen Teil ihrer stattlichen Mauern zerstört; das aber, welches (ihre Bewohner) zu erwarten haben, bedeutet den Untergang aller bis auf den letzten Mann, als hätte sich ein klaffender 50
Schlund unter ihnen aufgetan. Denn wenn Hektor gefallen ist, muß mit ihm auch Ilion stürzen7. Doch diese (Sorgen) überlasse ich denen, die Totenklage halten wollen. Mir aber kann nach seinem Tod nur eines, das Weinen, Trost bringen. Wenn mich aber an das, woran ich mich früher freute, jemand erinnert, ist er ein Feind. Ja sogar meine geistige Gesundheit ist beeinträchtigt; denn die Schattenbilder der Getöteten, die ständig in meiner Seele umge-
55 hen, stürzen meine Gedanken in Verwirrung und graues Dunkel 8 . Sollte
man da nicht verworren reden, wenn (die Grübeleien) nicht aufhören wollen ? Aus all diesen Gründen ist also zwangsläufig Schweigen geboten, damit wir nicht, wenn wir (etwas) sagen wollen, in unserer Betrübnis Unsinn reden 9 . K I. OKyd, E, OE: Siehe TinnFreund 24 1 , Nr. 40. D: Das aus einer Kleinchronik bekannte Todesdatum des Gattilusio ( s.u., X2) ist terminus post quem der Datierung. 11. B Kyd: Der Tod seines Freundes verstärkt die Verzweiflung des Kyd. über die politi sche Lage so sehr, daß er nahe daran ist, in geistige Verwirrung zu geraten ( Z.5 1 - 55), und fortan ganz verstummen will (Z 4 f. 55 -57), allerdings ein nicht lange andauernder Ent schluß, wie die folgende Korrespondenz zeigt. BE: Zu der Bemerkung, daß Gattilusio auch Rhadenos geliebt habe (Z.30), siehe TinnFreund 2 1 8 . Xl : Ein tapferer Kaiser, der alles getan
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BRIEF T284
hat, um die Katastrophe zu verhindern ( Z . 1 6 - 20 ) , Manuel. X2: Phrantziskos ( Z. 3 0 ) : Fran cesco Gattilusio, Herrscher von Lesbos (s.o., Bd. I12, 557- 564; PLP 3594) und seine Söhne Andronico (PLP 3 5 8 6 ) und Domenico (PLP 3 5 8 7), die am 6 . 8 . 1 3 8 4 in Mitylene infolge eines Erdbebens ums Leben kamen ( Z.29 - 34 ) . Das Datum und ein weiterer Bericht über die Ereignisse sind in einer Kleinchronik überliefert; siehe SchreinChron I 2 1 9 f.; II 327 f. X3 : Die namentlich unbekannten Bräute der beiden vorgenannten Gattilusi-Söhne, die nun um ihre Bräutigame, die sie bisher nicht einmal persönlich gesehen hatten, trauern und ihre zer schmetterten Leichname in den Trümmern suchen müssen, was Kyd. mit fast peinlich wirken dem Realismus schildert (Z.3 4 - 40 ) . ZC: Die Habgier der « Barbaren» greift auf alles über wie ein Feuer ( Z. 1 3 f. ) ; die Eroberung Thessalonikes (oder auch Konstantinopels) ist zu er warten ( Z. 1 5 f.; dazu A. 3 ) . Der Tod des Gattilusio, der ein Vorkämpfer gegen den Islam war, hat die Situation erheblich verschärft; die Muslime können allenthalben triumphieren ( ZAO 43 ) . Besonderer Anlaß zur Furcht besteht nun auch für die Insel Lesbos, die ihres Verteidigers beraubt ist (ZA3 - 5 0 ) . III. Hss: A 8 6r - 8 7" Nr. 1 0 ; U 144r - 145v, Nr. 1 5 1 . Ed: KydEpCam Nr. 39. Üb: Ebd. (frz . ) . N. 1 Grammatische Konstruktion: . . . yga.!l!lam . . . O!lLAELV . . . xaAov xal TWV (!lllXavwv EOLL) «
wv . . .
2 W. : . . JtAEovE!;La, �v . . . !lOVOU 8EüÜ xal Tli� EXELvou ÖUVa.!lE()) � a߀am. Der Genetiv ist wiederum (wie oben, A. l ) als Pertinentiv (hier im Sinne von « es ist möglich » , Schwyzer .
II 123 f. ) zu verstehen; nach ÖUVa!lE()) � ist (wie ebd. 1 24 bei JtoA.A.li� avo La� ) EaTL zu ergänzen, a߀am ist Infinitiv, nicht Optativ. 3 Anspielung auf die Eroberung und Zerstörung Jerusalems durch den Feldherrn und späteren Kaiser Titus im Jahr 70. Vgl. (Flavius) Iosephus, ed. H. St. J. Thackeray, III, The Jewish War, Books IV-VIII, London 1 9 6 1 , 43 8 - 50 1 ( lib.VI, § 220 - 4 3 5 ) . Vgl. auch Chroni con Pasch ale I, 461 CB. Sicher denkt Kyd. hier wie L432,9 0 - 9 3 , wo der jüdische Krieg ausführlicher als historisches Vorbild beschworen wird, vor allem an die drohende Verskla vung; gemäß Iosephus, ebd. 494 -496 (lib.VI, § 4 1 4 - 420) wurden die überlebenden Einwoh ner in die Sklaverei verkauft. 4 Euripides, Orestes, 2 1 3 . 5 Hinweis darauf, daß beim Bau der Gattilusi-Burg offenbar auch Eisen verwendet worden war. 6 7
Gemeint sind die islamischen Mächte insgesamt. Vgl. HomIl 6,403 « < . . . denn allein beschirmt Ilion Hektor», Übers. Schadewald).
8 9
w. :
TOL� AOYLa!lOL� auyxumv xal XOVLV eYELgEL. W. : Jtaga<j>8EYyW!lE8a. Die Bedeutung «talk nonsense » , die hier zweifellos gemeint
ist, findet sich laut LSc, S.V., 3 nur im Roman des Heliodor. Entsprechend übersetzt auch KydEpCam Nr. 39 « parler . . . des paroies non sensees » .
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
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AN DEN KAISER
L: 277; OKyd: Konstantinopel; E: Kaiser Manuel 11. Palaiologos; OE: Thessalonike; D: Bald nach 6 . 8 . 1 3 84; wI: Die türkischen Heere haben die Reisewege unterbrochen, so daß
sogar die Zustellung von Briefen fast unmöglich geworden ist. Nun hat Kydones aber ein auswärtiges (wohl italienisches) Handelsschiff gefunden, das einen Brief zustellen kann. Da es über die Lage an beiden Orten nur Trauriges zu berichten gibt, bleibt allein die Hoffnung, daß Gott den tapferen Kaiser letztlich nicht im Stich lassen werde.
Die Grausamkeit der Barbaren hat es erreicht, daß wir uns hinsichtlich 5 der Freunde nur wenig von Toten unterscheiden. Denn früher reisten wir,
um einander zu besuchen 1 und sahen uns regelmäßig; wir hatten alle (erdenkliche) Freude und beschäftigten uns gemeinsam mit Dingen, die dazu erfunden sind, daß Menschen sie miteinander tun. Wenn aber (wie es) oft (vorkam) - ein Ereignis uns hinderte, einander zu sehen, vermittelten Briefe alsbald den notwendigen Ausgleich. Jetzt aber besteht für uns keine Hoffnung mehr, einander j emals wiederzusehen, und die 10 Reise zu euch ist gefährlicher, als durch Feuer zu laufen. Selbst wenn man
(seine) Briefe Vögeln gäbe, könnte man kaum zuversichtlich sein; sie aber Boten auf dem Landwege anzuvertrauen, hat dieselbe Wirkung, als hän digte man sie den Feinden aus. Wenn aber sogar das Schreiben ausfällt, braucht man fortan einen Wahrsager, wenn man das Schicksal seiner Freunde erfahren will. Denn was sich j etzt ergab, war ein (reiner) Zufall, daß wir uns (nämlich) ausländischer Kaufleute für die Zustellung der Post 15 bedienen konnten. Ein solcher kommt aber nicht häufig vor. D aher muß uns das, was bei euch und das, was in Gadeira geschieht, in gleicher Weise unbekannt sein. Habe ich also nicht richtig gesagt, daß unsere j et zige Lage mit der von Toten zu vergleichen ist ? Es kommt aber (noch) hinzu, daß wir als Lebende die Qual zu spüren bekommen, welche die bereits Verstorbenen nicht behelligt, da Trübsal und Freude gleich weit von ihnen entfernt sind2 . 20
Aber nicht nur der seltene Austausch von Briefen schmerzt uns, sondern auch, daß sich hinter ihren Mitteilungen alles (nur erdenkliche) tra gische Geschehen verbirgt; so kommt es, daß wir uns zwar nach Briefen sehnen, wenn sie ausbleiben, aber, wenn sie kommen, mutlos werden, weil ihre Botschaft uns in der Seele trifft. Doch das Allerschlimmste für mich und alle, die von dir wissen, ist, daß auch du selbst mitten in diesen
25 Schrecken lebst und mit denen die Gefahren teilst, an deren Bosheit du
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BRIEF T285
keinen Anteil hast3 . Dieser Schmerz, der ständig in meiner Seele wohnt, hat auch oft meine Tränen fließen lassen, wenn ich bedachte, was eine wahrheitsliebende Seele zu erdulden hat, die gezwungen wird, so vielen trügerischen Reden und Lügen und deren Erfindern zu glauben und (auf der Fahrt) durch so gefährliche Strudel4 eine Beruhigung der politischen Lage zu erwirken. Aber alle Schwierigkeiten, die dich umringen, sämtlich 30 zu benennen, wäre so, als ob man bei einem Sturm die heran brandenden Wellen zählen wollte. Unter diesen Umständen bleibt uns, die wir dir ergeben sind, nur ein Trost: dein Wesen, in dem Gott viel von seiner Gnade wohnen läßt; (dank ihrer) bist du auch der Tugend ergeben und dadurch eng mit ihm vertraut. Er wird es nicht zulassen, daß sein Freund (in diesem Wirbel) umhergetrieben wird, sondern wird den Sturm beilegen und durch dich den Überlebenden ein ruhiges Meer bescheren .
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K I. OKyd, E, OE: Der Kaiser des Titels kann den geschilderten Umständen entsprechend nur Manuel in Thessalonike sein; Kyd., von ihm räumlich getrennt (Z.5 - 1 3 ) , ist an seinem gewohnten Aufenthaltsort. D: Dieser Brief wurde wohl zusammen mit T284 den hier, Z . 1 3 f., erwähnten Kaufleuten mitgegeben, denn dort ( Z. 1 3 - 1 5 ) wie hier (ZA- 1 0 ) ist von der so gut wie völligen Unterbrechung der Reise- und somit auch Postwege durch die Türken die Rede. Vgl. auch die fast gleichlautenden Sätze T2 84, Z . 1 3 und hier, Z . 8 f., wonach keine Hoffnung mehr auf ein Wiedersehen bestehe. II. BE: Zur enkomiastischen Betonung der sittlichen Überlegenheit Manuels über seine Untertanen s.u., A.3. Z.2 7 - 29 beziehen sich wahrscheinlich (wie LetMan Nr. 8, Z.l l - 1 3 ; vgl. T267, X l ) auf die Hinterlist und Unzuverlässigkeit der Türken, unter der Manuel vor allem zu leiden hat. ZC: S.o., D, BE. III. Hss: A 8 8v - 8 9', Nr. 14; U 148 ' - 1 49', Nr. 155; B 243 rv, Nr. 95. IV. 1 Die Angabe, man habe sich früher gegenseitig besucht, braucht sich nicht auf eine frühere Reise des Kyd. zu Manuel nach Thessalonike zu beziehen, von der sonst nichts be kannt und die chronologisch schwer unterzubringen ist, sondern kann auch - und dies wahr scheinlicher - eine allgemeine Feststellung sein. 2 Die Vorstellung, daß die Verstorbenen weder Trübsal noch Freude empfinden, läßt die christliche Hoffnung vermissen und entspricht eher dem populären Bild vom freudlosen Ha des, von dem der Digenis-Roman und die neugriechischen Moirologien, aber auch einige byzantinische Grabreden geprägt sind. Vgl. H.-G. Beck, Die Byzantiner und ihr Jenseits, Sit zungsberichte d.Bay.Akad.d.Wiss., München 1 979, H.6, 1 2 - 22, 3 0 - 35. 3 Der Kaiser erscheint in rhetorischem Überschwang als Tugendbold, dem die xax(a seiner Untertanen fremd ist. So auch T28 3 ,3 3 - 3 7; 284,23 . 4 W. : ÖL
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
286 L: 3 1 0; OKyd: Konstantinopel; E : Rhadenos; OE: Thessalonike; D : Ca. September 1 3 84;
wI: Rhadenos hat sich bei Kydones, der ihm eigentlich nicht mehr schreiben wollte, brieflich erkundigt, wann er seine geplante Reise ( sc. nach Italien) verwirklichen wolle und ihn gebe ten, eine Zeitlang zu warten, bis er ihn begleiten könne. So sieht sich Kydones zur Antwort gezwungen und teilt ihm mit, die Reise habe sich wegen verspäteter Ankunft seines Freundes, des spanischen Dominikanermönches Garses, verzögert. Er glaubt zwar, daß es Rhadenos mit seinem Wunsch, ihn nach Italien zu begleiten, wegen der politischen Situation und aus privaten Gründen ernst meine, zweifelt aber, ob er die Kraft aufbringen werde, sich aus seinem Dienst bei Kaiser Manuel zu lösen.
Geschickt hast du etwas gefunden, womit du mich dazu bringen kannst, das Gesetz des Schweigens, das ich mir auferlegt hattel , zu bre5 chen. Denn ich hatte beschlossen, was dich betrifft, Hand und Zunge zu
fesseln, und (das) vielleicht nicht ohne Grund. Du aber gabst mir Rätsel auf, die einer Sphinx bedürfen2 , und zwingst mich (dadurch) zu Äußerun gen, die allein den Nutzen haben, daß man nicht von mir glaube, ich wolle deine Fragen totschweigen und nicht ernst nehmen, was dir wichtig zu sein scheint. Ich möchte aber, daß es nicht einmal anderen, am wenig10
sten aber dir selbst so vorkommen sollte, ich könnte, wenn du, nebenbei gesagt, törichtes Zeug fragst und versprichst, in denselben Fehler verfal len, indem ich es unternehme, etwas zu diesen Träumen zu sagen. D a ich aber nichts, w a s dich betrifft, a l s gleichgültig ansehen darf, sollte ich versuchen, mich sogar zu diesem Scherz zu äußern3 . Ich sage also zu der Reise, nach der du fragtest: Du hättest jetzt wahrscheinlich die Nachricht erhalten, daß ich mich im Ausland aufhalte, wenn im Frühj ahr, wie er-
1 5 wartet, Garses aus Italien zu uns zurückgekehrt wäre. Dann nämlich
hätte ich mich zuvor über die dortige Situation informieren und mit grö ßerer Sicherheit die nötigen Maßnahmen treffen können. Nun aber blieb j ener in Neapel4, da irgendein Umstand seine Abreise verzögerte. Er hat aber von dort aus geschrieben und verspricht uns für den Spätherbst seine sichereS Rückkehr. Es werden aber viele erstaunliche Dinge, die er für uns vorbereitet haben soll, von den (Leuten) dort berichtet. In Erwartung sei20 nes Kommens also wollen wir uns bis zu geeigneter Zeit gedulden. Wenn
aber Gott ihn uns wohlbehalten zurückgibt, wollen wir den (Termin) wahrnehmen, den Gott beschlossen hat. Wenn du aber sagst, es schmerze dich, daß du nicht hier sein und mich auf meinem Weg begleiten kannst, und deshalb verlangst, daß ich noch
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BRIEF
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ein wenig verweile, damit du eine Gelegenheit findest, den Kaiser zu bit ten, mich begleiten zu dürfen, so bin ich überzeugt, daß du die Wahrheit sagst. Erstens hast du dies oft gesagt und willst es auch ganz offensicht lich; denn weder bist du fähig zu lügen, noch würdest du dies mir gegen- 25 über tun, weil du weißt, um wieviel schlechter und gemeiner als Betrug an anderen ein solches Verhalten gegenüber Freunden ist. Zweitens wird die Glaubwürdigkeit deiner Worte auch einwandfrei durch die Umstände bestätigt. Denn diese reden ja (schon) fast selbst und raten nicht nur dir, sondern überhaupt allen zur Flucht, wenn man nicht ganz immun gegen das ist, was j etzt tagtäglich geschieht; noch viel schlimmer aber als dies
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(so) muß m an glauben - wird d a s sein, w a s in Kürze geschehen wird. D u aber erwähnst darüber hinaus noch andere, (sonst) unbekannte Unan nehmlichkeiten. Da du diese angeblich mehr als die Barbaren fürchten mußt, sagst du, die Abreise sei für dich notwendig geworden. Wenn du allerdings angibst, das Gespräch mit mir werde dir nützen und du wollest deshalb bei mir Zuflucht nehmen, kann mich das nicht überzeugen, da ich weiß, daß einer, der sich selbst nicht helfen kann, wohl niemals denen, 35 die Hilfe brauchen, wird nützen können 6 . Doch lasse ich dies, da du es (nun einmal so) sagst, auf sich beruhen, magst du nun mir zu Gefallen reden oder dich durch die Freundschaft täuschen lassen. Jedenfalls kann ich in dieser Hinsicht überzeugt sein, dich so schnell bei mir zu haben, daß ich (schon), wenn ich ein Geräusch an der Tür vernehme, dich für anwesend halte, fast schon in die Arme schließe und nach dem Gewohn ten ausfrage. Wenn ich aber (dann) wiederum an den Kaiser und deine Einwilligung 40 zum Dienst (bei ihm? denke, sodann an die Scham Hesiods, die den Menschen großen Schaden zufügt 8 , und die Schwierigkeit, zugleich gegen die Macht und die Freundschaft eines Herrschers anzukämpfen, glaube ich, daß du eher fliegen als dich von deinen Verpflichtungen dort wirst befreien können. Freilich wird dabei keineswegs Gewalt im Spiel sein; der Kaiser wird dich weder einkerkern noch mit tyrannischer Gewalt zurück halten, sondern in seinen Worten wird viel von Gewinn und Ehre (die 45 Rede sein und auf dich) einen (mächtigen) Zauber ausüben. Solches (aber) fesselt viele stärker als die Bande des Prometheus, wenn nicht ein Hera kIes - vielleicht beherzte Vernunft - hinzukommt und den so Gefesselten befreit. Das aber ist nicht gerade leicht für einen j ungen Mann, dem sein Alter verheißt, er werde alles mühelos (gewinnen). Denn wenn auch der
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
Ansturm der Barbaren die Güter, die man erwarten kann, weitgehend einschränkt, so erscheint es doch den Menschen, als sei das Faß der Hoff50 nungen9 stets mit solchen gefüllt. Weil nämlich alle das Angenehme wol
len, glaubt man auch, es sei sehr einfach zu erlangen. D aher denkst du dir auch zu dem Geringen, was du vom Kaiser bekommst, in deinen Hoff nungen Bedeutenderes und Ehrenvolleres hinzu. Dies aber wähnst du zu erhalten, wenn du am Kaiser und deiner j etzigen Position festhältst. Ich sage dir (aber), daß du diesen Dingen nicht den Vorzug geben kannst, ohne gegen die Weisheit und die Bildung, die du selbst zu lieben behaup 55 test, zu sündigen. I m Vergleich z u diesen i st vielmehr alles a l s zweitrangig
anzusehen. Aber freilich man kann beobachten, daß die meisten Men schen das Angenehme gegen das Gute eintauschen, zumal, wenn das Er habenere nicht ohne Mühe zu erlangen ist. Aus diesen Gründen gebe ich (zwar) die Hoffnung nicht auf, daß du tun wirst, was du versprichst; denn ich weiß, daß du dich bei deinem Tun von der Vernunft leiten läßt. (Aber) es ist gewiß nicht töricht zu argwöh60 nen, daß du denselben Begierden wie die meisten (Menschen) verfallen
wirst, und deshalb an der (Verwirklichung deiner) Reise zu zweifeln, zu mal · dir nicht einmal ein großer Vorteil winkt, wenn du das, was du in Händen hast, aufgibst. Deshalb vertraue ich, selbst wenn ich freundlich mit dir umgehe, nicht allzusehr meinem Zureden in dieser Angelegenheit. Ich glaube aber, daß ich Gott und deiner Entscheidung die Reise anheim stellen muß, um dir nicht, indem ich meine Wünsche verfolge, unbeab65 sichtigt zu schaden. Denn nicht immer pflegt einem richtigen Rat auch
das Glück zu folgen; hat doch das Schicksapo einer guten Entscheidung oft einen entgegengesetzten Ausgang bestimmt. Das hindert mich auch, durch Zureden deine Bereitschaft zu fördern, denn ich will, wenn (die Angelegenheit) möglicherweise negativ ausgeht, dafür nicht an deiner Stelle verantwortlich sein. Wenn du dich also aufgrund eigener Entschei dung entschließt und kommst, bereit, mit uns zusammen die Reise zu 70 unternehmen, wie sie sich auch immer gestaltet, werden wir dich empfan
gen wie jeder, dem etwas Angenehmes und Nützliches zuteil wird, und die loben, die dich zu entsprechenden Überlegungen anregten. Wir wollen aber auch zu Gott beten, daß die Reise für uns, denen das Verbleiben viele Gefahren bringen kann, glücklich und nach seinem Willen verlaufe.
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K I . OKyd, E , O E , D : Siehe TinnFreund 24 1 , Nr. 4 2 ; 222 f., A.6 1 . 11. BKyd: Die Reisepläne des Kyd. sind konkreter geworden; er wartet nur noch auf die Rückkehr des Garses, der seine Ankunft in Italien vorbereiten soll ( Z. 1 3 - 2 1 ) . Er glaubt zwar, daß es Rhadenos mit seinem Wunsch, ihn nach Italien zu begleiten, ernst ist ( Z.23 ) , befürchtet aber, daß ihn Kaiser Manuel durch Versprechungen noch stärker a n sich binden (Z.3 9 - 5 3 ) und daß Rhadenos eine höhere Position bei ihm den gemeinsamen Studien mit seinem Mentor Kyd. vorziehen wird (Z.5 1 - 5 7 ) . BE: Rhadenos ist wegen der Bedrohung Thessalonikes ( Z.2 6 - 3 1 ), wegen ungenannter persönlicher Unannehmlichkeiten (Z.3 1 - 3 3 ) und seiner Freundschaft zu Kyd. ( Z . 3 3 f. ) gewillt, Kyd. auf seiner Reise nach Italien z u beglei ten (Z.2 1 - 2 3 ), und bittet ihn daher, auf ihn zu warten, bis er kommen könne ( Z.22 ) . Er befindet sich im Dienst Kaiser Manuels ( Z.23.4 1 -43), aber in einer bescheidenen Stellung (Z.5 l f. ) . Xl : Garses ( Z. 1 4 - 2 1 ) , der spanische Dominikanermönch Garcia, zuletzt erwähnt T250 ( X2 ) . Er hält sich gemäß Z . 14 - 1 7 in Neapel auf, zweifellos bei Papst Urban VI., der dort vom 1 0 . 1 1 . 1 3 8 3 bis 1 6. 6 . 1 3 84 weilte (TinnFreund 222, A. 6 1 ) , hat aber für Spätherbst des Jahres ( sc. 1 3 84) seine Rückkehr versprochen ( Z. 1 7 f. ) . X2 : Ein Kaiser, in dessen Dienst sich Rhadenos befindet ( Z.23 .40 -43), Manuel 11. Seine Beziehung zu Rhadenos: s.o., BKyd, BE. ZG: Andeutungen der Bedrängnis Thessalonikes durch die Türken (Z.26 - 3 1 .4 8 f. ) Ep: Ein vorausgehender Brief des Rhadenos, in dem dieser seinen Wunsch geäußert hat, Kyd. nach Italien zu begleiten (Z.6.9 f. 1 3 ) . III. Hss: A 1 14v- 1 1 5v, Nr. 2 ; U 224v- 226V, Nr. 225. IV. 1 S.o., T284, Z.4 f. 24 - 27. 2 Anspielung auf das berühmte Rätsel, das die Sphinx im griechischen Theben den Pas santen stellte und das allein Oidipus zu lösen vermochte. Ein schweres Rätsel « bedarf einer Sphinx zur Lösung » , wie es hier heißt, weil diese natürlich die Lösung ihres eigenen schweren Rätsels kennt. 3 Kyd. glaubt zwar nicht, daß das Interesse des Rhadenos an einer Mitreise ernstgemeint ist, will aber aus freundschaftlicher Verbundenheit dennoch auf die Anfrage eingehen. 4 S.o., X l . 5 Mit « sicher» übersetze ich das etwas umständlich angefügte XUL 'tO'Ü-c' LoxugU;nm
3tg6.s�:lV . 6 Bescheidenheitswendung, aber aus gegebenem Anlaß; immer wieder beschwört Kyd. in Briefen dieser Zeit die eigene Hilflosigkeit angesichts der heillosen außenpolitischen Situa tion. 7 W. : -cilv -cfjs; ÖOUAECUS; 0IlOAOYCUV. 8 HesOp 3 1 6, 3 1 8 ( Übers. A.von Schirnding, Sammlung Tusculum, 1 99 1 ) : « Ängstliche Scham ist nicht gut, wenn den dürftigen Mann sie begleitet . . . , Scham, die zu großem Scha den den Männern gereicht wie zum Nutzen. » Hier wird die ängstliche Scham nur des Armen negativ bewertet, denn wie sich aus dem Folgenden entnehmen läßt, könnte sie dem Reichen und Mächtigen Nutzen bringen, weil er sich allzuleicht zu schamloser Gewalttat hinreißen läßt (ebd. 320 - 325). Kyd. bezieht sich hier auf den ängstlichen Respekt des kleinen Mannes (Rhadenos) vor dem Mächtigen (Kaiser Manuel) . 9 Zum Faß der Hoffnungen s.o., T23 3 , A.9. 1 0 Das hier zweimal vorkommende ambivalente -CUX'll wird einmal mit « Glück» , dann mit « Schicksal» übersetzt.
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
287 L : 3 1 1 ; OKyd: Konstantinopel; E: Rhadenos; OE: Thessalonike; D : Herbst 1 3 84; wI: Das von Kydones in einem früheren Brief angekündigte Schweigen hat Rhadenos als Rache des Freundes für sein Ausbleiben mißverstanden und daher seine Entscheidung für den Ver
bleib in Thessalonike verteidigt. Kydones versichert aber, daß er nie ernsthaft mit der Ver wirklichung einer gemeinsamen Reise in das Abendland gerechnet habe, und zeigt Verständ nis dafür, daß er den Dienst bei Kaiser Manuel nicht aufgeben wolle. Er ist allerdings ent täuscht, daß der Freund auch einen geplanten Besuch abgesagt hat.
Das Schweigen hatte ich nicht zu deiner Bestrafung beschlos�en, wie 5 du bedauernd feststellst, sondern weil ich mir nicht zusätzlich zu den
Qualen, die ich erleide, noch die des Schreibens aufbürden wollte. Du erinnerst dich (j a), daß du mich oft sagen hörtest, welchen Schmerz Briefe verursachen könnten. Du aber wolltest j enen (Schmerz) nicht lindern, sondern ließt dich gleich zu Vorwürfen hinreißen; denn welche Anklage ist schlimmer als die, man habe es auf Rache an seinen Freunden abgese hen ? (Jedenfalls) hast du es gewagt, uns diese Anklage vorzuhalten, die uns (freilich) nicht im geringsten betrifft, (und dies), obwohl du (doch) weißt, (wie sehr) es mir im Wesen widerstrebt, mich an meinen Freunden, 10
ja sogar an meinen Feinden, zu rächen ! Da du dich aber anscheinend im Inneren selbst anklagst und dir bewußt bist, daß es etwas gibt, wofür ich dich bestrafen müßte, verfaßt du, ohne daß dich j emand zuvor belangt hat, eine Verteidigung. Nein, mein Guter, höre damit auf, dich bei dem zu entschuldigen, der dich nicht beschuldigt! Kam ich doch niemals auf den Gedanken, dich als Lügner oder wegen Wortbruchs zu tadeln, son dern ließ mich ursprünglich, wenn du dich erinnerst, nicht einmal über-
15 zeugen, daß du es wahr machen würdest\ als du uns im Frühjahr die
Rückkehr versprachst ! Ich wußte ja, du würdest das nicht verwirklichen, was du · weder konntest noch vielleicht wolltest, und es einerseits nicht über dich bringen, den Kaiser vor vollendete Tatsachen zu stellen und die mit (finanziellem) Gewinn verbundene Ehre, die er dir anbot, zurückzu weisen, andererseits aber auch nicht, das Faß der Hoffnungen zu entlee ren2, zumal du ein Meister darin bist, die zu überzeugen, die daraus geko stet haben. Wie hätte ich also betrübt sein sollen, als das ohnehin nicht 20 Erhoffte ausblieb, oder wofür hätte ich mich, wenn ich (überhaupt) nicht
gekränkt war, rächen sollen ? Hätte ich mich nicht vielmehr freuen sollen, einmal, weil meine Voraussage sich erfüllte, aber auch, weil deine Angele-
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genheiten wunschgemäß verliefen? Denn dasselbe wurde dir zum Gewinn und brachte mir den Ruhm eines Propheten ein. Entschuldige dich also nicht wie bei einem Beleidigten für etwas, was du nicht getan hast, sondern gehe vielmehr davon aus, daß ich mehr deinen Entschluß lobe, zu bleiben (und damit) den Kaiser zu ehren, dir Freunde zu gewinnen, die günstige Gelegenheit zu nutzen und deine 25 Hoffnungschancen zu mehren; denn solches wünschen alle sich selbst und wem immer sie zugetan sind. Diese Dinge sind aber auch erstrebens werter und wichtiger als das, was du bei mir glaubst gewinnen zu kön nen. Denn j enes hat auch dem, der es besitzt, keinen Nutzen gebracht3 , mit diesen aber wirst du selbst auch anderen nützlich sein können . Daran also halte fest und sei überzeugt, daß du auch meinem Wunsch entsprechend handelst, wenn du Gadeira und die Säulen4 aufgibst, (und damit die Illusion), du könntest mich auf diese Weise überreden, dich 30 für meinen treu ergebenen Verehrers zu halten. Denn diese Hoffnung, die sich in deinen früheren Briefen andeutete, hat Moses, als er kam, (uns) genommen. Du hattest mich (j a) an ihn verwiesen, wenn ich deine Pläne erfahren wolle. Er (also) gab an, von dir gehört zu haben, daß du dich (sogar) kaum im nächsten Jahr auf den Weg (hierher) begeben willst; du aber hattest kurz zuvor geschrieben, man könne dich im Spät herbst erwarten. So eifrig bist du immer darauf bedacht, mich als Pro pheten zu erweisen ! K I. 11.
OKyd, E, OE, D: Siehe TinnFreund 242, Nr. 44. B Kyd, BE: Kyd. hatte zwar nie ernsthaft mit einer gemeinsamen Reise in das Abend
land gerechnet ( Z . 14 - 1 7.29 ) , sich aber anscheinend wohl einen Besuch des Rhadenos, den dieser für Spätherbst 1 3 84 angekündigt hatte (Z.32 f. ) , erhofft; doch hat ihm nun der Brief bote mitgeteilt, daß er auch damit nicht rechnen könne ( Z. 3 0 - 3 2 ) . Der resignative Ton, mit dem er darauf reagiert, ist trotz gegenteiliger Beteuerungen unverkennbar. D as deutlichste Indiz ist wohl seine Bemerkung, daß Bildung keinen Nutzen bringe (A. 3 ) . Xl : Ein Kaiser, in dessen Diensten Rhadenos steht ( Z . 1 6 .24 ) , Manuel 11. X2: Moses (Z.3 1 ; PLP 1 9924), Brief bote des Rhadenos. Epl : Ein früherer Brief des Rhadenos, verfaßt im Frühjahr 1 3 84, mit der Ankündigung der baldigen Rückkehr nach Konstantinopel ( Z . 1 5 ) TinnFreund 24 1 , Nr. 3 9 . Ep2: Ein kürzlich eingetroffener Brief d e s Rhadenos a n Kyd., i n dem dieser seinen Entschluß, in Thessalonike zu bleiben, verteidigte (ZA.7. 1 l f. ) TinnFreund 242, Nr. 43 . =
=
III. Hss: A 1 1 5v- 1 1 6r, Nr. 3; U 226v -227v, Nr. 226. IV 1 W. : UAT]8EUOElC;. Das Verbum UAT]8EUW kann sowohl « die Wahrheit sagen» wie auch «etwas wahr machen, verwirklichen» bedeuten. 2 Zum Faß der Hoffnungen s.o., T23 3 , A.9; T2 86, A.9.
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
3 Kyd. meint damit die höhere Bildung, die freilich keinen «Nutzen» im materiellen Sinne bringt; doch ist aus dieser Nebenbemerkung auch ein stark resignativer Ton herauszu hören. 4 Sc. die Säulen des Herakles. Beide Ortsangaben bezeichnen eigentlich die Westküste Spaniens und damit das Ende der damals bekannten Welt, doch stehen sie hier als Hyperbel für die geplante Reise ins Abendland. Vgl. Bd. 11 1 , T44, A.19; oben, T2 8 5 , 1 6 . 5
W. : EQUOTitV.
288 L : 294; OKyd: Konstantinopel; E : Kaiser Manuel II. Palaiologos; OE: Thessalonike; D: Spätherbst 1 3 84 - Frühjahr 1385 ( ? ) ; wI: Kydones hat trotz des dringenden Wunsches, sich dem Kaiser mitzuteilen, längere Zeit nicht geschrieben und beschränkt sich auch jetzt nur
auf einen (relativ) kurzen Brief, weil ihn das Entsetzen über die heillose Lage des Reiches und vor allem seiner Vaterstadt Thessalonike verstummen lasse.
Welches Verlangen, dir zu schreiben, meine Seele erfüllt, das weiß der, 5 welcher die verborgenen Gedanken kennt1 ; das wissen aber auch alle, die
täglich bei mir sind und ihre Gedanken mit mir austauschen und daher sehen (können), wie ich die meiste Zeit darauf verwende, von dir zu re den. Wie sollte ich dir also nicht schreiben und meiner Sehnsucht, wenn sich die Gelegenheit bietet, nicht nachgeben - zumal ich weiß, daß dir (meine) Briefe nicht unwillkommen sind - , wenn nicht ein Hindernis bestände, das meine Bereitschaft einschränkt und (mich), obwohl es mich 10 zum Reden drängt, verstummen läßt ? Ja, es war offenbar etwas ganz
Furchtbares und Entsetzliches, was meine Bereitschaft erlöschen ließ, mich aus einem Lebenden in einen Toten verwandelte und mich völlig beherrschte. Es ist aber dies die dichte, finstere Wolke der Mutlosigkeit, die das (Land? der Rhomäer bedeckt hält und alle veranlaßt, j edes Fest, j edes Vergnügen zu vergessen, sich einzuschließen, nur (noch) zu wehkla15 gen, an die vielen Dinge, die ihnen geraubt wurden, und an die wenigen,
die ihnen noch nicht geraubt wurden, aber auch an die anderen Dinge zu denken, womit die, welche ein für allemal versklavt wurden, zu rechnen haben. Dieser Schrecken hält auch mich umfangen; er gestattet mir nicht mehr, bei mir selbst zu sein und mich an das Gewohnte zu halten, sondern raubt mir den Verstand, läßt mich öffentliche Plätze und Versammlungen meiden und Berichte von unglücklichen Ereignissen scheuen, fesselt mich an das Zimmer, belagert dort mit den arglistigen Anschlägen der Fama
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BRIEFE T28 7 - 2 8 8
meine Seele, quält mich mit langen Nachtwachen und der Sorge um 20 schweifende Gerüchte und erfüllt meinen kurzen Schlaf mit Trugbildern und Ängsten. Am meisten aber bringt mich dein und meiner Vaterstadt Unglück aus der Fassung; es läßt mich täglich nach böser Kunde lauschen und zugleich darüber nachdenken, was die Barbaren getan haben und noch tun, und wie sie sich in Drohungen ergehen, die auch denen, die noch übriggeblie- 25 ben sind, ein schlimmes Schicksal, aber noch größere Schande verheißen. Wie sollte man also bei so großem Unheil seiner selbst Herr werden oder wie, wenn man selbst geschlagen ist, denen, die ebenso betroffen sind, Briefe schreiben ? Denn Betrübten sollte man nicht Schläge, sondern Trost erteilen, für den es (jetzt) also vielleicht an der Zeit ist. So möge er (uns) denn werden, ERLÖ SER, von dem allein wir ihn erhoffen. Im Augenblick aber sehen wir, was man erhoffen könnte3, nicht einmal von ferne, und 3 0 niemand wagt vorauszusagen, daß wir es einmal erreichen werden. Es sei mir also verziehen, Kaiser, daß ich nicht oder (nur) kurz schreibe. Denn was sollte einer, der bei Verstand ist, verlauten lassen, wenn sein Inneres aufgewühlt und seine Hand vor Schmerz erstarrt ist ? K I. OKyd: Kyd. kann mit seinem Briefpartner in Thessalonike (s.u., OE) nur brieflich in Kontakt treten (ZA.3 0 f. ) , hält sich also an seinem gewohnten Aufenthaltsort auf. E, OE: Ein Kaiser (Z.3 1 ) in der Vaterstadt des Kyd. ( Z.22 ) , der angedeuteten Situation nach Manuel II. in Thessalonike. D: Loenertz schlägt als Datum mit Fragezeichen 1 3 84 - 8 5 vor. Anhalts punkt für eine Datierung ist die Angabe, Kyd. habe dem Kaiser (gemeint ist wohl: längere Zeit) nicht ( und jetzt nur kurz) geschrieben (Z.3 O f. ) . Es muß also seit dem letzten Brief (T285), verfaßt wahrscheinlich im August 1 3 84, einige Zeit verstrichen sein; daraus leitet sich der von mir vorgeschlagene engere Datierungsansatz ab. II. BKyd: Die dramatische politische Situation, vor allem die Bedrohung seiner Vater stadt Thessalonike, läßt Kyd. in tiefe Verzweiflung fallen, so daß er kaum noch Herr seiner Sinne ist ( Z . 1 0 -27) und das Schreiben an den Kaiser als Qual empfindet ( Z.32 f. ) . BE, ZC: Thessalonike ist nach wie vor von Barbaren ( Türken) schwer bedroht (Z.22 - 25 ) . =
III . IV. 1
Hss: A 30r, Nr. 1 ; U 4F- 42r, Nr. 55.
Vgl. AT I Ch 2 8 ,9; Ps.93 , 1 l LXX.
2 W. : TijV 'Pw/la(wv (ohne Zusatz, wie L 1 8 3ff 0 1 94,20). 3 W.: EA:rt(öa�. Die Umschreibung wurde wegen des folgenden « erreichen» gewählt, da man nicht Hoffnungen, sondern nur deren Gegenstand erreichen kann.
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üBERSETZUNG UND KOMMENTAR
289 L: 299; OKyd: Konstantinopel; E : Kaiser Manuel 11. Palaiologos; OE: Thessalonike; D : Winter 1 3 84/8 5 - Frühjahr 1 3 8 5 ( ? ) ; wI: Die traurige Situation des Reiches hemmt Kydones, einen Brief zu schreiben; doch um seiner Pflicht nachzukommen, verfaßt er einen Trostbrief an seinen Herrn: Es gehe Thessalonike nu� wie vielen anderen Städten im schicksalhaften Auf und Ab der Geschichte, die sich nach schwerer Bedrängnis schließlich doch behaupten konnten. So gebe es Grund genug, weiter zu hoffen, zumal letztlich alles von Gott gelenkt
werde; er versuche die Seinen nicht über ihre Kraft und werde auch seinen treuen Diener, den Kaiser, nicht scheitern lassen, wenn es denn sein Wille sei.
Mein Verlangen nach (deiner) Gegenwartl drängt mich zum Schreiben;
5 denn nur so ist es möglich, sie sich, wenn man getrennt ist, vorzustellen2 .
Ich greife also zum Schreibheft3 und zur Feder4 und gehe zwar daran, etwas zu schreiben, fühle mich aber an der Ausführung gehindert, unter dem Einfluß der finsteren Ereignisse, an die ich mich zwangsläufig erin nern muß . Das hat mir, obwohl ich oft zum Schreiben entschlossen war, die Hand gelähmt. Wozu sollte ich denn auch auf die schlimmen Dinge zu sprechen kommen, die den, der den Brief schreibt, und den, der ihn erhält, betrüben ? Denn woran man nicht einmal ohne Tränen denken 10 kann, wie soll man darüber ohne Qual schreiben ? Möge also Gott dies
beenden oder es die, welche darunter leiden, leichter ertragen lassen; doch ebenso, wie mich diese (Ereignisse) verstummen lassen, zwingt mich (auch) wiederum die Pflicht zum Reden. Ich will also das sagen, was nicht unvernünftig erschiene, wenn es treue Diener ihren Herren in einer entsprechenden Situation sagten. Nicht zum erstenmal hatte jetzt eine große Stadt die Gewalttätigkeit von Barbaren zu ertragen, schloß vor Feinden furchtsam ihre Tore, 1 5 schaute von den Mauern auf eine verwüstete Umgebung, mußte erleben,
daß ihr zuvor blühender Markt verödet war. Es wurden auch jetzt nicht zum ersten Male von Schlechteren die Besseren in Mauern eingeschlossen, (nicht zum ersten Mal) bekamen die Sieger Schmähungen von denen zu hören, die ihnen (zuvor) oftmals unterlegen waren, sondern das alles hat Babyion von Kyros erlitten; wir wissen auch, daß Rom durch Hannibal 20 vieler Bürger beraubt wurde; die Athener aber weinten nach (den Siegen
von) Marathon und Salamis, als sie von den Mauertürmen aus ansehen mußten, wie Acharnai5 von den Lakedaimoniern verwüstet wurde. Den König der Spartiaten Agesilaos aber, mit dem damals niemand an Tapfer-
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BRIEF
T28 9
keit, Kampferfahrung und Wagemut zu vergleichen war, schlossen die Thebaner in (seine) Mauern ein, hielten ihn, den besten der Hellenen, dort wie in einem Gefängnis, sie, von deren Feigheit und Roheit alle über- 25 zeugt waren, und befahlen ihm, entweder herauszukommen und zu kämpfen oder ihre Überlegenheit anzuerkennen. So treibt das Schicksal mit den Menschen sein Spiel, wann es will, und ändert leicht, wie bei einer Abstimmung, auch das, was festen Bestand zu haben scheint. Wir wollen uns also nicht wundern, wenn es auch Thessa lonike zuteil wurde, das zu erfahren, was oft im Leben geschieht; wir wollen die freudigen Hoffnungen nicht wie Anker kappen und uns selbst 30 dem Sturm ausliefern, sondern den Wellen entgegen blicken, vor den Au gen der Feinde der Verzagtheit trotzen und das Unabänderliche zu ertra gen versuchen, weil wir wissen, daß wir wegen unserer j etzigen Betrübnis das bestehende Ungemach um nichts verringern, sondern, von ihr befan gen, nicht einmal etwas Gutes, wenn es uns widerfährt, in angemessener Weise genießen können. Denn wie sie sich tief im Inneren festsetzt und verzehrend die Seele befällt, bewirkt sie, daß man alles versäumt, was 35 retten könnte. Wir wollen sie also wie eine zerstörerische Schwindsucht aus unserem Denken verbannen und vernünftige Hoffnungen an ihre Stelle treten lassen, vor allem aber bedenken, daß dies alles Gott lenkt, der durch viele (Geschehnisse), mögen sie (unseren Wünschen) auch noch so sehr widersprechen, nur eines bewirkt: das, was allen zuträglich ist. Er läßt es zu, daß einige in Versuchungen fallen, weil er durch diese Prüfung früher begangenes Unrecht straft oder bestehendes heilt, oft aber auch, 40 weil er zukünftiges (Unrecht) von ferne abwehrt, damit es nicht auf keime und die behaftete Seele verderbe. Doch setzt er uns nicht bis zu einem (schlimmen) Ende mit solchen Schlägen zu, noch läßt er das Uner trägliche über die Kraft der Geschlagenen hinaus andauern, sondern gibt mit der Versuchung auch den (guten) Ausgang6 , daß die Leidenden nicht gänzlich den Mut verlieren. Denn wenn sein Erbarmen nach dem Wort des Propheten mit Waage und Gewicht bemessen isr7, wird dann nicht 45 um so mehr der GUTE seiner Rache ein Maß setzen ? Doch wollen wir auch die vielfältigen Wechselfälle erwägen, welche diese vergängliche Welt zwangsläufig heimsuchen, weil das ständige Auf und Ab 8 und der Umschlag ins Gegenteil niemals aufhören. Im Hinblick darauf ist die Hoffnung nicht unbegründet, daß auch wir in den früheren Zustand zurückkehren und uns, wie gewohnt, der Freiheit und einer ent-
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
spannten Situation erfreuen werden. Denn wenn (sogar manchmal schon) 50 das niemals Erwartete eingetreten ist und Wirklichkeit wurde, könnte
man nicht um so zuversichtlicher sein, wenn ein vernünftiger Grund dazu besteht, zumal es noch so viele gibt, die über große Macht verfügen ? Wären sie nur einträchtiger Gesinnung, sie könnten leicht wie Staub die abschütteln, welche j etzt die Übermacht haben ! Man sollte erwarten, daß die gemeinsame Gefahr sie zur Eintracht aufriefe, wenn sie nicht ent schlossen wären, einander wie Feinde zu behandeln. Aber davon abgese55 hen kann man auch, wenn man die Geschichte 9 verfolgt, viele Städte
finden, die nach langer und schwerer Belagerung nicht nur von den Be drängern befreit wurden, sondern das, was sie selbst zu erleiden hatten, auf schlimmere Weise an den Feinden vollzogenlO. Das wird auch uns vielleicht Gott gewähren, wenn wir ihm nur, wie es gerecht ist, die gläu bige Verehrung bewahren, mit unseren Untergebenen maßvoll und in staatsmännischer Verantwortung1 1 umgehen und die anfallenden Staats60 geschäfte nicht so versehen, wie es für einige vorteilhaft ist, sondern wie
vor allem das Gemeinwesen gefördert wird; darauf muß ein guter Staats lenker vor allem achten. Denn dies wird ihm nicht nur wenige, sondern alle zu Freunden machen, aber auch alle dazu bringen, einträchtig und bereitwillig für ihn Gefahren auf sich zu nehmen, damit ihr gemeinsames Wohl gesichert bleibe. Dies zu sagen, fühlte ich mich gedrängt, nicht, um als Ratgeber aufzu65 treten; weiß ich doch, daß du selbst andere darüber belehren könntest;
doch zeige es in höherem Maße (auch) durch deine Taten, freilich nur 1 2 , wie auch Demosthenes sagte, wenn es in deiner Macht steht13 • Da aber jetzt nicht der rechte Augenblick dazu ist, über das zu reden, was man sich wünschen möchte, habe ich solche Worte gewählt, wie sie der gegen wärtigen Situation des Staates angemessen erscheinen und zugleich meine Gesinnung gegenüber deiner kaiserlichen Maj estät deutlich erkennen las70 sen; doch bete ich darum, das jetzt Gesagte gegen festliche Lobreden ein
tauschen zu können. Denn das zu erhoffen fühlen wir uns durch die Güte, die Gott für das Volk der Christen hegt, und durch die Fürsprache des Stadtpatrons1 4 bei Gott ermutigt; hat er doch (schon) oft die Vaterstadt aus vielerlei Unheil erlöst! Ich will aber, wenn du es auszusprechen gestat test, auch deine Tugend hinzufügen, die (allein) Grund genug wäre, den Menschen das Heil zu gewähren, wenn nicht etwa Gott entgegen dem, 75 was allen (angemessen) erscheint, etwas anderes zu tun beschlossen hat.
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K I. OKyd: Kyd. kann mit seinem Briefpartner in Thessalonike ( s .u., OE) nur brieflich in Kontakt treten (Z.4 - 6 ) , hält sich also am gewohnten Ort auf. E, OE: Ein Kaiser (Z.69) in Thessalonike (Z.2 8 ) , der angedeuteten Situation nach Manuel II. D: Die Situation ist der des vorausgehenden Briefes ähnlich. Dort hatte Kyd. bekundet, wegen seiner Betrübnis über die Lage nur kurz schreiben zu können. Auch jetzt fällt es ihm schwer, etwas zu Papier zu bringen (Z.7), aber von der Pflicht gedrängt ( Z. l l ) , entschließt er sich zu der Z. 1 3 beginnenden geschichtsphilosophischen Betrachtung. So darf man annehmen, daß der Brief nicht allzu lange Zeit nach dem vorausgehenden verfaßt wurde. II. B Kyd: Kyd. versucht in diesem Brief den Kaiser mit folgender Argumentation zu trösten: Es lassen sich seit dem alten Babyion zahllreiche Beispiele für heillose Situationen von Städten aufzählen ( Z. 1 3 - 2 6 ) . Wie sie ist nun auch Thessalonike ein Spielball des Schicksals
geworden (Z.26 - 2 9 ) . Aber statt zu verzagen, solle man die Hoffnung nicht aufgeben ( Z.29 3 7), denn alles werde vom guten Gott gelenkt, der zwar Unglück zulasse, aber nicht über das erträgliche Maß hinaus (Z.37-45 ) . Das ständige Auf und Ab der Geschichte berechtige zu der Hoffnung, daß es über kurz oder lang auch mit Thessalonike wieder aufwärts gehen werde (Z.45 - 5 1 ) . Ein konkreter Grund zur Hoffnung bestehe in der Tatsache, daß es in Byzanz eine genügend große Zahl Mächtiger gebe, die, allerdings nur " bei größerer Eintracht, viel erreichen könnten (Z.5 1 - 57). Doch sollten die Christen in der Verehrung Gottes nicht nachlassen und ihre Herrscher sie verantwortungsvoll regieren (Z.5 7 - 6 4 ) . Dann könne man sich von der Güte Gottes und der Fürsprache des hl. Demetrios eine positive Wende erhoffen. So habe es auch die Tugend Kaiser Manuels verdient, es sei denn, Gott habe es anders be schlossen (Z.64 - 75 ) . Mit dieser Einschränkung stellt Kyd. freilich wieder alle Zuversicht in Frage, ein Zeichen, daß er selbst trotz aller angeführten Vernunftgründe seine tiefe Resigna tion nicht abschütteln kann. BE, ZG: Thessalonike ist nach wie vor aufs äußerste bedroht (Z.6 - 1 0 ) . Nicht zuletzt ist daran auch die Uneinigkeit der Mächtigen schuld (s.o., BKyd, zu Z.5 1 - 57 ) . III. Hss: A 3 1 '- 32', Nr. 7 ; U 42v - 44', Nr. 60. Ed: KydEpCam Nr. 4 8 .
Üb: Ebd. (frz . ) .
IV. 1 W. : -cii� 6I-UALa�. KydEpCam Nr. 4 8 : « de t a compagnie » . 2 W. : oo<j:>u;,co8m. KydEpCam Nr. 4 8 : « s'imaginer» . 3
W. : ßtßALOU, wohl eine Lage (Heft) von Schreibblättern; s.u., T325, A . 1 .
4 5
W. : YQa<j:>(Öo�. Größter attischer Demos, im nördlichen Attika, dessen Gebiet im Sommer 43 1 die
Spartaner verheerten. Siehe Thuk II 1 9 - 2 1 ; Plutarch, Perikles, 32 (nicht « 3 1 » wie im Ap parat der Ausgabe; kurze Erwähnung) . 6 7
NT1 K 1 0 , 1 3 . ATPr 1 6 , 1 1 (nicht << 1 7, 1 1 » wie i m Apparat der Ausgabe angegeben) : « Wie der Aus
schlag einer Waage (�uYOü ) ist Gerechtigkeit beim Herrn; seine Werke sind gerechte Gewichte
(o-cu8I-ua ) . » An der Stelle ist vom Erbarmen (EAEl1Il00UVl1) Gottes keine Rede, doch zeigen die Stichwörter �uY0 und o-ca81l0 im Kyd.-Text, daß er an keine andere Stelle denkt. Es handelt sich vermutlich um ein Gedächtnis-Zitat, worauf auch die irrige Angabe hinweist, es handle sich um ein Prophetenwort. 8 « Auf und Ab » gibt das griechische EU Q LJtou wieder; siehe dazu oben, T285, A.4. 9
W. : -ca� lowQLa�. KydEpCam Nr. 48: <
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
10 W. : !-lE'ta lLgou8YJxlle; UV'tlU'tgE'ljJO:UUe; 'tllv 'tuXllv 'tOle; lLOAE!-lLme;. KydEpCam Nr. 4 8 : qui ont fait retomber leur sort e t encore plus terrible sur leurs ennemis . » 1 1 W. : lL OAl'tlXW e;. KydEpCam Nr. 4 8 : « e n bons citoyens » . 12 Mit «freilich nur» übersetze ich das griechische � , das hier i n der wörtlichen Überset zung « oder » im Deutschen zu schwach klingen würde. 13 W. : E't um lLUgf]V. Die Edition führt für dieses angebliche Demosthenes-Zitat keinen «
• • •
Beleg an. Es handelt sich offenbar nur um eine Anspielung. Von den einschlägigen Stellen, die sich mit Hilfe von S. Preuss, Index Demosthenicus, Leipzig 1 8 92 finden lassen, ließe sich vielleicht DemOr 1 8 ,48
(= Cor 24 1 ) (d lLUgEAYJAV8' 6 'twv lLgUY!-lO:'twv xUlgoe;, 6 'toD EtöEvUl 'ta 'tmuüm xUlgoe; ud lLo:gW'tl 'tole; Eil
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-
AN DEN PATRIARCHEN KYR NEILOS
L: 3 07; OKyd: Konstantinopel; E: Patriarch Neilos I. Kerameus; OE: Konstantinopel; D: Ca. 1 3 8 5/86; wI: Dank seiner Freundschaft zu dem bei einem Erdbeben ums Leben gekom
menen Francesco I. Gattilusio ist Kydones Ehrenbürger von Mitylene. In dieser Eigenschaft empfiehlt er dem Patriarchen einen Priester, den die Bewohner von Methymna auf Lesbos sich als ihren neuen Bischof wünschen. Er schildert ihn als schlichten, frommen, ehrlichen, bescheidenen und pflichtbewußten Mann, der nicht gebildet oder rhetorisch versiert sei, aber als Einheimischer die Sympathie und das Vertrauen seiner Landsleute genieße.
Die Bewohner von Mitylene haben mich zu ihrem Mitbürger bestimmt, 5 und ich wirke nach Kräften mit ihnen zusammen. Der einzige Grund ihrer
Zuneigung und meines Engagements ist aber ihr Herrscher, mein Freund Phrantziskos, der mir auf der Insel soviel Macht verleihen wollte, wie er selbst hatte. Solange er also lebte und sie vertrauensvoll zu mir kamen wie zu ihrem Herrn, der sich um alle (ihre Angelegenheiten) kümmerte, 1 0 war ich ihnen behilflich, wenn sie etwas brauchten. Als er aber auf die
Weise, wie Gott es wolltel , gestorben war, bewahrte ich gegenüber seinem Sohn die Liebe, die ich zu seinem Vater empfunden hatte und ließ in meiner gewohnten Sorge für die Bewohner Mitylenes nicht nach. Dies hat mich auch veranlaßt, dein HAUPT für den Priester zu bitten, der den Brief überbringt. Er stammt von der Insel. Die Bewohner des Städtchens 15 Eresos hatten ihn zum Ökonomen ihrer Kirche gewählt, und da er das
ihm Anvertraute gut verwaltet zu haben schien, hielten sie ihn für würdig,
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BRIEFE
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ein noch höheres Amt zu bekleiden. Als nun der Bischof von Methymna durch den Tod von seinem Dienst abberufen wurde, blickten alle sofort auf ihn und wählten ihn zum Erben seiner Sorgen um die Kirche, weil sie glaubten, daß ihm diese Ehre aus vielerlei Gründen zukomme. Sie schick ten ihn also zu deiner Heiligkeit, in gebührendem Respekt vor deinem 20 Thron, weil sie glaubten, daß allein von dort her ihre Entscheidung Gül tigkeit erlangen könne, und baten, daß von deiner Hand dem Manne das Bischofsamt verliehen werde . Mich aber ersuchen sie brieflich, mich für ihn einzusetzen und bei dir seine mir bekannte vorzügliche Eignung zu bezeugen. Allerdings scheue ich Gutachten für (die Berufung zum) Bischofsamt, denn die Sache, um die es geht, ist höchst bedeutsam; sie werden für Menschen abgegeben, deren dargebotener äußerer Anschein mit ihrem inneren (Wesen) kaum 25 übereinstimmt, und zugleich weiß ich auch, daß solches sowohl den Gut achtern wie auch deren Adressaten 2 großen Tadel einbringen kann - den einen, wenn es ihnen an Einsicht fehlt, den anderen, wenn sie sich von Leuten beeinflussen lassen, die ihnen nicht das Richtige empfehlen -, daß aber auch den Gläubigen aus der Unfähigkeit ihres Bischofs großer Scha den entstehen kann. So wollte ich (lieber) schweigen, weil ich weder mir noch anderen Schwierigkeiten verursachen wollte. Da aber die Inselbe- 30 wohner mir zusetzten und der Herrscher mich darum bat, ich möge dir mit den mir zu Gebote stehenden Worten den (zu dir) Gesandten empfeh len, hielt ich es für billig, denen, die mich darum baten, nachzugeben und sie in der Bereitschaft, diesen Mann zu fördern, zu unterstützen3, zumal ich ein Urteil abgeben kann, das der Wahrheit entspricht. Der Mann also ist in der klassischen Bildung und in der hellenischen Wißbegier und Schönrednerei4 nicht bewandert; denn er hat sich mit Paulus ein für allemal entschieden, nicht mehr zu kennen als Jesus Christus 35 und diesen als Gekreuzigtens. Über die göttlichen Hymnen aber und alles, was sonst zu einem wohlgeordneten Kirchenwesen gehört, hat er lange Zeit große Erfahrung gesammelt. Freilich ist er es nicht gewohnt zu predi gen, weil er weder redselig ist noch sich darin geübt hat, öffentliche Prunkreden zu halten. Bis zur Gegenwart hat er unermüdlich seine Pflicht getan. In der Stille aber Menschen zur Tugend zu formen, sie zu lehren, 40 was sie üben und was sie meiden sollen, um Gott zu gefallen, und dabei seinen Schülern mehr als durch Worte durch Taten ein Beispiel zu sein, dazu würden ihn alle als geeignet bezeichnen. Worin er aber viele über-
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
trifft6 , das ist sein Charakter; er ist schlicht und ohne j edes theatralische Gehabe; er verbirgt soviel in seinem Inneren wie er nach außen zeigt, so 45 daß man ihn wohl niemals bei einer wissentlichen Lüge ertappen könnte.
Sein sympathischster Zug aber ist seine freundliche Bescheidenheit; er zeigt sich gegenüber keinem, der ihm Unrecht zufügen will, feindselig. Eher würde dieser (Mann) einen Verlust hinnehmen als ein anderer sich über einen Gewinn freuen. Über seine Sittenstrenge aber, über sein sonsti ges schickliches Verhalten und seine Bereitschaft, den Bedürftigen von dem wenigen, was er hat, zu geben, (will ich schweigen), damit nicht überflüssigerweise7 (über das gesprochen) werde, was in aller Munde ist; 50 denn es wird gleichsam als Gütezeichen seiner Person von der dortigen Bevölkerung allgemein anerkannt. So habe ich denn gesagt, was ich von dem Mann aus vielen Begegnun gen und Gesprächen weiß. Ich bin aber überzeugt, daß deiner Aufmerk samkeit nichts, was ihn betrifft, entgehen wird. Denn welche guten oder schlechten Eigenschaften 8 könnten dem prüfenden Auge des Patriarchen9 verborgen bleiben ? Nur dies möchte ich (noch) wie einen Abgesang mei nem Brief hinzufügen: Wenn du dich von den Aussagen zu seinen Gun sten, die von dort kommen, überzeugen läßt und ihm das Bischofsamt 55 zuerkennst, werden dir alle für die Bestätigung ihr Wahl dankbar sein. Er
aber wird seinem (gläubigen) Volk sehr förderlich sein, da alle ihm als ihrem vertrauten Landsmann willig gehorchen werden. Wenn du aber beschließt, für die (Aufgabe), zu der man ihn erwählte, einen anderen zu bestellen, fürchte ich, daß der, den man (dorthin) sendet, nur dem Namen nach Bischof sein und die Vorteile des Bischofsamtes ein anderer genießen wird. Denn die Leute dort haben längst beschlossen, das Amt j emandem, 60 der von hier kommt, nicht zu überlassen. Das aber sage ich aus sicherer
Kenntnis, nicht aufgrund einer Vermutung. K 1.
OKyd: Loenertz nennt zu Unrecht keinen Aufenthaltsort des Absenders; der Brief muß
am gewohnten Aufenthaltsort des Kyd. verfaßt sein, weil dieser ausdrücklich und in der Präsensform darauf hinweist, daß die Bewohner von Eresos auf Lesbos ihn schriftlich gebeten hätten, auf den Patriarchen einzuwirken (Z.2 1 - 23 ) . Wenn Kyd. auf Lesbos gewesen wäre, hätten sie sicher die Angelegenheit persönlich mit ihm besprochen. OE: Nichts spricht dafür, daß sich der Patriarch außerhalb seiner Residenz aufhält. D: Die sicheren Eckdaten der Ab fassung sind das Todesdatum Francescos 1. (Z.7) am 6 . 8 . 1 3 8 4 (s.o., T2 84, X2 ) und das des Neilos am 1.2. 1 3 8 8 . D och ergibt sich ein wahrscheinlicher terminus ante quem aus der Datie rung der Briefgruppe (gemäß LC 11, XIV) auf 13 83 - 86. Außerdem spricht Kyd. von seiner
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BRIEF T290
andauernden Sorge für die Inselbewohner nach Francescos I. Tod und von seinen Beziehun gen zum Sohn und Nachfolger des Freundes (s.u., X2 ) so, als wenn die neue Situation bereits einige Zeit andauere ( Z . 1 0 f. ) . 11. BKyd: Zum Thema Fürbitte und Empfehlung i m Briefcorpus des Kyd. s.o., B d . I11 , 55, A. 1 8 ; 56, A.22; II, T2 1 4 . Nur hier (Z.4f.) ist ausdrücklich bezeugt, daß Kyd. dank seiner guten Beziehungen zu Francesco I. (Xl ) das Bürgerrecht von Lesbos erhielt. Dies erfolgte schon während seines ersten Aufenthaltes auf der Insel (Herbst 1 3 73 - FrühjahrlHerbst 1 3 74; siehe Bd. I11 , 29), denn aus Brief Bd. I12, T 1 1 2 ( 1 3 73 ) (siehe dort, BKyd) ergibt sich, daß ihm damals die führende Stellung auf der Insel angeboten wurde, mit der das Bürgerrecht zweifellos verbunden war. Die Begründung für seinen Widerwillen gegen Gutachten (Z.2 3 29 ) erweckt den Anschein, als habe e r mit diesen schlechte Erfahrungen gemacht. Möglicher weise stellt er aber auch das vorliegende Gutachten als Ausnahmefall hin, um den Patriarchen leichter zu gewinnen. Es spricht für seinen Realitätssinn, daß ihn das offensichtlich beschei dene Bildungsniveau des Kandidaten nicht hindert, für ihn einzutreten, sondern daß er sein überzeugendes Ethos und seine pastoralen Eigenschaften betont (Z. 3 3 - 50 ) . BE: Der Brief ist das einzige Dokument eines direkten Kontaktes zwischen Kyd. und dem Patriarchen (PLP 1 1 648 ) . Es scheint, als hoffe er ihn für den Kandidaten ( X3 ) zu gewinnen, aber die Drohung am Schluß des Briefes zeigt, daß er sich seiner Sache nicht sicher ist. Z�r Frage der beiderseiti gen Beziehungen siehe auch unten, T 0294, X l . Xl : Zur Freundschaft des Kyd. mit Francesco 1. Gattilusio ( Z . 6 f. 9 f. ) siehe Bd. I12, 557- 5 64 (Exkurs ) . Vgl. auch den Nachruf in T2 84.
X2: Ein Sohn Francescos 1 . und dessen Nachfolger: Francesco 11., 1 3 8 4 - 1403 (PLP 3 5 8 4 ) .
Kyd. bekundet seine Freundschaft z u ihm (Z.9 f. ) , doch s . u . , T29 1 . X3 : Ein Priester (JtQwßu 'tEQO�, Z.12 ff. ) , der von den Inselbewohnern bestimmte und von Kyd. empfohlene Kandidat für die Metropolie Methymna. Über den Erfolg der Empfehlung ist nichts bekannt (s.u., X4 ) . X4: Ein kürzlich verstorbener Bischof (Metropolit) von Methymna (Z. 1 6 ) . Durchsicht von
PLP, Abkürzungsverzeichnis und Gesamtregister, 1996, S. 5 5 1 , s.n. Methymna ergab, daß die Identität dieses Metropoliten mit Hilfe anderer Quellen nicht festzustellen ist, doch handelt es sich vielleicht um den zuletzt vor dem Brief des Kyd. bekannten Metropoliten Chariton (PLP 3064 8 ), bezeugt für 1 3 70/71 , wie DarPatr 2780 (Regest auf der Basis des vorliegenden Brie fes) vermutet. Ein anonymer Metropolit von Methymna ist für Mai 1 3 94 bezeugt (DarPatr 2962 ) . Z C : Die, wie bekundet (Z.60 f. ) , aus Kenntnis der Sachlage ausgesprochene Warnung, ein auswärtiger Kandidat sei als Bischof von Methymna unerwünscht und müsse mit entspre chender Behandlung rechnen (Z.57 - 60), bezeugt das Selbstbewußtsein der orthodoxen Insel bewohner gegenüber dem Patriarchen. Ep: Brief der Einwohner von Eresos an Kyd. (s.o., OKyd) . III.
Hss: A 3 6 v - 3 7v, Nr. 1 4 ; U 52' - 53 v, Nr. 6 8 ; B 1 8 1 ' - 1 82', Nr. 3 ; i 1 7 P - 1 73 ', Nr. 12.
IV. 1 Anspielung auf seinen plötzlichen Tod infolge eines Erdbebens (s.o., T2 84, X2 ) . 2 W. : 'toI� JtE[80UOLv xal 'toI� JtEL80fl€vOL�. 3
w.:
4
W. : 't'fj� flEV Esro8Ev JtatÖE(a� xal 't'fj� 'EAA'Y]VLX'fj� 'tau't'Y]� JtEQLEQy(a� � xOfl'ljJE(a�.
'tU JtEQl 'tov avöQa JtQ08Ufl(<;t 'tOu'trov auvayrov(aaa8at.
5 NT1 K 2,2. 6 rD..E OVEX'tEl, hier in der Bedeutung « übertreffen» mit dem Akkusativ statt dem Genetiv konstruiert, wie es in der späteren Koine üblich ist (erster Beleg bei LSc, s.v. II 2, aus Diony sios von Halikarnassos, 1. Jh. v. Chr. ) .
1 79
ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR 7 W. : IlTJ xul :rcUQEAxOV �. Übersetzung entsprechend dem spätgriechischen Sprachge brauch (Philon u. a . ) , LSc, s.v. :rcuQEf.. x w, III 2. In der Passage wird die rhetorische Figur der praeteritio (:rcuQuA.El'tjnc;, Lausberg, § 8 8 2 - 8 8 6 ) verwendet; die positive Aussage wird durch die scheinbare Übergehung des Positiven verstärkt. 8 W. : 't( . . . Eej:>' EXU'tEQU . . . (was . . . in beiderlei Richtung . . . ) . 9 W. : 'tov 'tfjc; lEQwaUv'IlC; xuvovu.
291
-
AN DEN SOHN DES PHRANTZISKOS
L: 3 2 1 ; OKyd: Konstantinopel; E: Francesco 11. Gattilusio; OE: Mitylene, Lesbos; D: Ca. 1 3 8 5/8 6; wI: Kydones weist die freundlichen Hilfsangebote des jungen Herrschers von Lesbos zurück, da ihm nichts mangele, vor allem aber, weil jener sich seinen langjährigen Gegnern und Verleumdern angeschlossen habe, die dessen verstorbener Vater besser durchschaute.
Höre auf, mich zu bedrängen, ich solle dir mitteilen, was ich brauche 5 und was mir mangele, so als ob ich gewiß mit der Erfüllung meines Wun
sches rechnen könne. Denn weder beunruhigt mich dank der Gnade des ERLÖSERS gegenwärtig eine Notlage, noch würde ich im Fall eines An liegens etwas Gutes von dir erwarten, wenn ich an die trefflichen Ratge ber . denke, derer du dich nun, wie ich höre, bedienst; halten sie doch meinen Schaden für ihren Gewinn, haben aber auch schon oft versucht, deinen Vater gegen mich aufzuhetzen. Freilich gelang ihnen nicht, was sie 1 0 neidisch planten, weil j ener mich kannte und sie nur zu gut durchschaute.
Hätte ihn aber nicht vorzeitig der Tod hinweggerafft, den alle beweinten, dann wären j ene wegen ihrer Verleumdungen gegen mich als Schurken durchschaut und (schon längst) aus dem Lande gejagt worden. Diese (Leute) solltest auch du hassen; (doch müßtest du dich dazu) dem Urteil deines Vaters anschließen, das (freilich) niemand je als wirklichkeitsfremd verworfen hat. Da du aber nun, wie ich höre, dich selbst, dein Haus 15
und deine Herrschaft ihrer Meinung untergeordnet hast, fühle ich mich schmerzlich berührt, was verständlich ist, weil ich dir um deines Vaters willen alles Gute wünsche, aber überzeugt bin, daß dir wegen dieser Leute nun das Gegenteil widerfahren wird. Mögest du nicht durch die Erfah rung belehrt werden, um wieviel besser als du dein Vater den Charakter dieser Männer durchschaut hat! K 1. OKyd: Loenertz läßt den Aufenthaltsort des Kyd. offen. Es deutet aber nichts darauf hin, daß er sich nicht wie üblich in Konstantinopel aufhält. E: PLP 3584. OE: Der Ort seiner
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BRIEFE T290- 0292
Residenz. D: Terminus post quem ist der Tod Francescos I. Gattilusio (vgl. T2 84, X2 ); dieser muß inzwischen so lange zurückliegen, daß die von Kyd. angedeutete neue Entwicklung bereits erkennbar ist; andererseits ist die Erinnerung an dieses schmerzliche Ereignis (Z.l 0 f. ) so formuliert, daß seitdem wohl kaum mehr als zwei Jahre vergangen sind. 11. BKyd: Kyd. hatte auf Lesbos bereits seit langem Gegner, die aber von Francesco I. daran gehindert wurden, ihm zu nachhaltig zu schaden; unter seinem Sohn hat ihr Einfluß aber erheblich zugenommen (Z. 6 - 1 8 ) . BE: Francesco 11., der Sohn und Nachfolger Frances cos I. Gattilusio von Lesbos, sucht zwar freundschaftlichen Kontakt zu Kyd. ( Z.4 f. ) , ist aber aus dessen Sicht zu nachgiebig gegenüber intriganten Ratgebern (Z.6 - 1 8 ) . Xl: Francesco I. (s.o., D; BKyd ) . Ep: Francesco 11. hat Kyd. anscheinend mehrfach brieflich seine Hilfe ange boten ( Z.4 f. ) . III. Hss: A 1 02v - 1 0Y, Nr. 5; U 2 1 7rv, Nr. 2 1 8 .
Gruppe 4: Nicht datierbare Briefe aus LC II, Liber XXVI und XXVII (ca. 1382-84) 0292 L: 265; OKyd: Mitylene( ? ); E: Ein unbekannter Freund; OE: Konstantinopel ( ? ) ; D: Früh jahr 1 3 82 ( ? ) ; wI: Kydones beteuert seine andauernde Freundschaft für den Adressaten, die auch durch seinen Aufenthalt bei einem anderen langjährigen Freund nicht geschmälert
werde. Doch läßt die besorgte Erwähnung einer dem Freund anvertrauten Geldsumme ( ? ) auf Zweifel a n dessen Zuverlässigkeit schließen.
Wo du in deinen Angelegenheiten Rat brauchtest, gaben wir ihn (dir) so, wie es uns richtig erschien, und ich glaube - Gott sei es gedankt
-
,
5
daß seine Verwirklichung zu deinem Nutzen und Ansehen erheblich bei tragen wird. Wenn du aber in deinem Brief verlangtest, ich solle an dich denken, dir die Freundschaft bewahren und nicht wegen meines jetzigen Aufenthaltes bei j emandemI , der gut ist und sich mir (schon) seit langem als wahrer Freund erwiesen hat, in meiner Freundschaft zu dir nachlas sen, freute ich mich; denn du bist mir offenbar sehr zugetan, wenn du glaubst, daß meine Zuneigung dir nützen kann. Ich wunderte mich aber 10 über dich, daß du von mir Beteuerungen der Freundschaft brauchst. An scheinend spürst du, daß dein eigenes Gefühl (für mich) sich verändert hat, und redest dir deshalb ein, daß auch ich fortan nicht bei den guten Anfängen bleiben werde. Dennoch versicherst du ehrgeizig, meine Abwe senheit verstärke sogar noch deine Liebe zu mir. Ich aber möchte im Ge genteil behaupten, daß hier kein allzu großer Glaube an die eigene Aus-
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
sage erkennbar ist; denn bestimmt würdest du (dann) auch uns nicht ver15 dächtigen, da du bei deinem Urteil von dir selbst ausgehst. Wenn jedoch
das wahr ist, was du sagst, dann glaube auch nicht, daß wir von der allzu leichtsinnigen Sorte sind und Freundschaften, zu denen wir uns bekannt haben, bedenkenlos vernachlässigen oder Freunde gegen Freunde wie Geldstücke eintauschen, sondern zu beständiger Zuneigung fähig sind und jedem Freund das ihm Zukommende geben können. Deine Furcht, wegen eines anderen Freundes selbst bei uns in geringerem Ansehen zu stehen, dürfte also unberechtigt sein . Wir werden dich vielmehr denen 20 vorziehen, denen dich nicht vorzuziehen ein Unrecht gegen dich wäre.
D och was sage ich ? Ich gebe dir (sogar) mehr von meiner (Zuneigung) als dem, von dem du sprichst, obwohl er mich mehr liebt. Wenn ich (hier) nämlich gerecht sein wollte, wärest du äußerst verärgert, weil du (dann) aus gutem Grunde ansehen müßtest, daß ich ihn vorziehe . Denn er schätzt mich mehr als seine eigenen Geschwister, und wenn er mich ehrt und mir mit allem, was er hat, zu Diensten ist, glaubt er mir noch (immer) nicht das erwiesen zu haben, was mir zukomme, sondern bedauert, daß er nicht 25 mehr zu tun vermag. Dir aber, der uns noch nicht so sehr liebt, sind wir
mehr zugetan; wir lassen dich von dem, was wir ihm verdientermaßen aufgehoben haben, zuerst kosten und sind bereit, um dir gefällig zu sein, gegen die Regel zu verstoßen. Wenn aber du fortan uns gegenüber unge recht bist, werden auch wir nicht bereit sein, dir unsererseits das zu erwei sen, was anderen zukommt, und werden dir fortan auch deinen Triumph nicht mehr gönnen, sondern du wirst zuschauen müssen, wie andere, 3 0 dank ihrer größeren Zuneigung zu uns, dir vorgezogen werden.
Du wirst aber gut daran tun, das Anvertraute 2 , das du mir nach deinen eigenen Worten zur Rückgabe sorgfältig aufbewahrst, zu hüten, wie du es versprichst. Wenn du nämlich zurückgibst, was du erhalten hast, bist du ein rechtschaffener (Mensch) und wirst viel Lob zu hören bekommen. Vielleicht aber werde ich dir auch noch mehr anvertrauen, wenn du deine redliche Gesinnung erwiesen hast. Wenn du es dir aber aneignest oder auch nur ein wenig davon wegnimmst, wirst du mich allerdings nicht 35
bestrafen, da ich über einen wohlhabenden3 Bürgen verfüge. Du aber wirst ihn als gerechten und strengen Mann kennenlernen. Jedenfalls kennst du seine Gerechtigeit und seine Macht.
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BRIEF T 0292
K I. OKyd: Da bei 'tTJv ClJtOÖrll.\,(av ( Z. 1 3 ) ein Zusatz wie !l0U oder oou fehlt, läßt sich das Won m.E. sowohl auf die Abwesenheit von E wie auch von Kyd. beziehen. Nun sagt aber Kyd. Z . 7 f., er halte sich bei einem anderen Freund auf (OUYYEvEo8m) . In Kombination mit dieser Stelle nehme ich an, daß cmoö'Y]!l(a sich auf den Aufenthalt des Kyd . an einem anderen On als Konstantinopel bezieht. Daraus ergibt sich die weitere Frage, wer der sehr gute, langjährige Freund ( Z . 7 f. ) an einem anderen On sein könnte. Meine Annahme, daß es sich um Francesco I. Gattilusio handelt, wird unter Xl begründet. Ich gehe entsprechend davon aus, daß Kyd. sich in Mitylene auf Lesbos befindet. E, OE: Aufgrund der Stichwörter « Rat» (Z.4), « Abwesenheit» ( Z. 1 3 ) und « Maß» (Z.27), die sich auch in dem in der Hs unmittelbar vorausgehenden Brief L264fT2 5 8 ( Z . 1 04 . 1 0 8 . 1 3 8 ) finden, nimmt Loenenz, mit Fragezei chen, an, der Adressat sei derselbe wie der von L264, Ioannes Asanes. Die beiden letzteren Stichwöner haben j edoch hier eine andere Bedeutung. Während sich
chen Umständlichkeit ( Z. 6 - 30 ) . Die übrigen Angaben zur Biographie des Kyd. sind OKyd, E, OE und Xl zu entnehmen. Xl : Ein Freund, bei dem Kyd. sich jetzt aufhält und mit dem er so gut befreundet ist, daß E fürchtet, er könne ihn deshalb vergessen ( Z. 7 - 25 ) . Loenertz schlägt mit Fragezeichen vor, es könne sich um den Dominikanermönch Garses/Garcia han deln. Um diesen geht es in dem Brief, der im Autographen A auf den vorliegenden folgt, L266 ( T23 0 ) , einem Empfehlungsschreiben für Garses an Kaiser Ioannes, in dem Kyd. ihm hohes Lob ausspricht. Außer der Wertschätzung, die Kyd. ihm wie auch dem hier gesuchten Unbekannten entgegenbringt, gibt es aber hier weder einen konkreten Anhaltspunkt für diese Annahme, noch wäre klar, was in diesem Fall OUYYEvEo8m (Z.7) bedeuten soll, denn wo =
könnte sich Kyd. außerhalb Konstantinopels bei Garcia aufhalten ? Es ist also ein Freund zu suchen, der außerhalb Konstantinopels, aber nicht allzuweit von dort ( also nicht in Italien)
1 83
ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
lebt und den Kyd. seit langem ( JtaQQw8Ev, Z . 7 f. ) kennt. Von Thessalonike ist abzusehen, denn eine Reise des Kyd. dorthin in dem Zeitraum, in den der Brief hineingehört (gemäß LC II, XIV: 1 3 82 bis 1 3 84, allenfalls 1 3 8 6 ) , ist weder sonst bezeugt noch wahrscheinlich. Doch wissen wir, daß er sich 1 3 82 auf Lesbos aufhielt (s.o., D ) . In der Tat trifft das, was hier über den Freund gesagt wird, auf Francesco I. Gattilusio zu, dem Kyd. , wie der erschütterte Nach ruf T2 84 zeigt, sehr verbunden war. Bemerkenswert ist vor allem folgender Satz (s.o., Z.22 25 ) : « Denn er schätzt mich mehr als seine eigenen Geschwister, und wenn er mich ehrt und mir mit allem, was er hat, zu Diensten ist, glaubt er mir noch (immer) nicht das erwiesen zu haben, was mir zukomme, sondern bedauert, daß er nicht mehr zu tun vermag. » Zum Stich wort « ehrt» ("tq.,lwv) vgl. T290, BKyd: Kyd. beruft sich auf eine ehrenvolle Position, die Francesco ihm auf der Insel verliehen hat. Ich gehe daher davon aus, daß von diesem die Rede ist. X2 : Ein Bürge, der mit seinem Vermögen für das Wertobjekt haftet, das Kyd. dem E anvertraut hat (s.u., A.2 ) , und den E wegen seiner Macht und Gerechtigkeit (ist er also Richter ? ) zu fürchten hat (Z.34 - 3 6 ) . Ep: Ein vorausgehender Brief von E an Kyd., in dem E seine Besorgnis geäußert hat, Kyd. könne ihn wegen seiner engen Bindung an X l vernach lässigen (Z.6 - 8 ) . III. Hss: A 80rv, Nr. 2 ; U 1 32v - 1 33v, Nr. 143 . IV. 1 -c([l ÖElvL. 2 W.: -ci]v . . . JtuQu8ip<,l'lV, in der Bedeutung « anvertrautes Gut » , das Kyd. bei seiner Rückkehr einfordern kann. 3 W. : ElJJto Qov, was sowohl « gewandt, erfahren» wie « wohlhabend, reich» bedeuten kann. In diesem Zusammenhang kommt es wohl darauf an, daß der Bürge, der mit seinem Vermögen haften muß, entsprechend begütert ist.
0293 L : 268; OKyd: Konstantinopel; E: Ein Freund, Bruder eines Richters; O E : Konstantino pel; D: 1 3 82 - 84 ( ? ) ; wI: Kydones hat einem treuen, langjährigen Diener zur Finanzierung eines Gewerbebetriebes Geld geliehen, aber dieser ist vor Rückzahlung des Kredits gestorben, und die Erben sind offenbar nicht zur Erstattung der Summe bereit. In dieser Situation bittet
er den unbekannten Freund, der über Beziehungen zu einflußreichen Vertretern der Recht sprechung verfügt, um seine Vermittlung.
Ich bewundere zwar Gesetze, Richter und Gerichte und glaube, daß sie Heilmittel für die Krankheiten der Städte sind, habe mich aber niemals 5 ihrer bedienen wollen; vielmehr war es mein Wunsch, mein Leben lang
keine nähere Bekanntschaft mit ihnen zu machen. Ich möchte ja auch, obwohl ich die Heilkunst lobe, nicht gern meinen Körper ihren Vorschrif ten unterwerfen. Aber anscheinend sollte mir eine solche Gesundheit nicht auf immer erhalten bleiben; auch ich sollte, von der alle erfassenden
1 84
BRIEFE T 029 2 - 029 3
Epidemie betroffen, erkranken und auf Heilung durch die Gerichte ange wiesen sein I . So höre denn, was mich betrübt. Ich hatte einen Diener, den ich aus dem Vaterhaus übernommen und 1 0 selbst lange Zeit i n meinen Diensten hatte. Ich liebte ihn wegen seiner Treue, wegen unserer Gemeinsamkeit in vielen Dingen, aber auch, weil wir beide fast gleichen Alters waren, was wohl Menschen vor allem ver bindet, auch wenn sie nicht aufeinander angewiesen sind. Als dieser vor langer Zeit zu heiraten wünschte, gab ich meine Zustimmung und stellte (ihm), was er dazu brauchte, nach der Hochzeit bereitwillig zur Verfü- 1 5 gung. So verbrachte er weiter sein Leben, ohne einen seiner Nachbarn (je) gekränkt zu haben. Er galt unter den einfachen Leuten2 als bescheiden, im Umgang als gerecht, in seinen Versprechungen als zuverlässig und als ein Mensch, der seinen Lebensunterhalt mit rechtschaffener Arbeit ver diente und von Reichtum und Armut gleich weit entfernt war. So war im ganzen seine untadelige Lebensführung seinem sozialen "Rang überlegen. Daher erntete er auch schon bei den Demarchen3 Lob, und der (Betrag), 20 auf den er, (wenn) öffentliche Abgaben (fällig waren), seine Mitbürger einschätzte, wurde ohne weiteres als gültig angenommen4• Als aber die Zeitumstände sogar die Wohlhabenderen in Bedrängnis brachten, war es auch um seine wirtschaftliche Unabhängigkeit geschehen; vielmehr fehlte ihm als dem Vorsteher eines (entsprechenden) Gewerbebetriebes die fi nanzielle Basis, beim Geldverleih, auf den die Städte angewiesen sind, einen Überschuß zu erzielens . So kam er zu mir, schilderte mir seine Not lage in dieser Angelegenheit und bekundete, es sei nicht gerecht, wenn ich 25 ihn bei anderen um Hilfe bitten ließe. Und wie gewohnt zögerte ich nicht, ihm zu helfen, sondern gab ihm das, worum er bat, forderte ihn auf, es zu gebrauchen, und sah seinen Gewinn als meinen einzigen Nutzen an. Er aber dankte mir vielmals und sicherte schriftlich zu, die Rückzahlung werde so schnell wie möglich erfolgen. (Eines Tages aber), als er soeben mit seiner Frau gegessen hatte und nach Tisch seiner gewohnten Beschäftigung nachgehen wollte, verschied er, ohne den geringsten Schmerz zu empfinden oder (gar) einen Arzt zu 3 0 rufen, und mit dem Mahl mischten sich Tränen und Klagen. Das Entlie hene aber ist nun in den Händen anderer. Wenn er nun Kinder gehabt hätte, auf die nach dem Gesetz der Besitzstand ihres Vaters übergeht, hätte ich es - das kannst du mir glauben ! - nicht über mich gebracht, von den Waisen etwas anzunehmen, sondern ich hä�te sie das, was ich
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üBERSETZUNG UND KOMMENTAR
35 ihrem Vater gegeben hatte, wie ihr Eigentum verwenden lassen und ver
sucht, ihnen mit (noch) anderen (Zuwendungen) aus eigenen Mitteln den Verlust ihres Vaters zu erleichtern. Da aber j ener keinen Erben hinterlas sen hat, will ich (auch) nicht, daß andere, die weder mit mir noch mit ihm verwandt sind, von mir etwas erben. Denn ich glaube, niemand, so skrupellos er auch sein mag, kann sich etwas ausdenken, wodurch er die Erstattung (der Summe) an mich verhindern könnte, es sei denn, jemand 40 würde zuvor den Gesetzen Gewalt antun und aufgrund seiner Macht ihre
gerechte Anordnung aufheben. D amit dies nicht geschehe und es nicht so aussehe, als ob bei uns die Gesetze schliefen, sollte etwas unternommen werden, was vielleicht die, welche uns berauben wollen, zurückhalten könnte. Das heißt aber, daß mir, solange der Gewerbebetrieb und seine Einrichtung dem Herkommen entsprechend versiegelt sind, von (den Er ben) 6 die zur Verfügung gestellte (Summe) ausgezahlt würde, das Übrige aber seiner Frau und den sonst Betroffenen? erhalten bliebe. 45
Dies ist (die Angelegenheit), in der du deinem Freund helfen mußt. Du hast aber, um dies zu erreichen, auch einen Bruder, der Richter ist, und einen Freund, der beim Kaiser den Dienst versieht, denen, die ungerecht behandelt wurden, beizustehen. Es sind aber auch viele andere bereit, (mir) gefällig zu sein. Wenn du sie dazu bewegen kannst, mir zu helfen, tust du recht und wirst unsere Dankbarkeit erfahren, an der dir mehr gelegen ist als an allem (anderen), was du gewinnen kannst. K I. OKyd: In der Edition fehlt eine Ortsangabe; es gibt aber keinen Grund, Kydones an einem anderen Ort als in Konstantinopel zu vermuten. E: Ein Freund (Z.45.4 8 f. ) , den Kyd. in seiner Angelegenheit um Vermittlung bittet, denn sein Bruder ist Richter ( Z.45 ) , einem seiner Freunde ist am Kaiserhof der Schutz ungerecht behandelter Bürger anvertraut ( Z.45 f. ) - wahrscheinlich ist er an einem kaiserlichen Appellationsgericht tätig -, und an scheinend verfügt er auch über weiteren Einfluß ( Z.46 f. ) . OE: Loenertz läßt den Aufenthalts ort offen, doch befindet sich E zweifellos am Ort des Kaiserhofes ( Z.45 f. ), also in Konstanti nopel. D: Die Edition läßt den Brief undatiert. Gemäß LC 11, XIV kommt der Zeitraum 1 3 82 - 84 am ehesten in Frage. Der Z.45 -47 vorausgesetzte geringe persönliche Einfluß des Kyd. am Kaiserhof steht nicht im Widerspruch zu dieser Datierung. 11. BKyd: Aus persönlicher Zuneigung hat Kyd. - zur angesetzten Zeit (s.o., D) um die 60 Jahre alt - einem aus dem Vaterhaus übernommenen etwa gleichaltrigen Diener eine Geldsumme zur Finanzierung seines Gewerbebetriebes geliehen (Z. 1 0 -29), doch verweigern ihm nach dessen plötzlichem Tod die Erben - seine Frau und wohl auch deren Anver wandte - die Rückzahlung der Schuld, die der Adressat nun mit Hilfe seines Bruders, seines Freundes und anderer Personen durchsetzen soll. Kyd. ist auf die Hilfe von Freunden ange-
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BRIEF T 0293
wiesen, weil er offenbar selbst am Kaiserhof keinen Einfluß mehr hat. X l : Ein langjähriger Diener des Kyd. (vgl. BKyd), der kürzlich überraschend verstorben ist ( Z. 1 0 - 3 1 ) . Er war von untadeligem Charakter ( Z . 1 5 - 1 9 ) und sammelte sich auch durch die Wahrnehmung von Aufgaben im öffentlichen Leben Verdienste ( Z. 1 9 - 2 1 ) . In einem Gewerbebetrieb, den er leitete, wurde offenbar Geld gegen Zins ausgeliehen, doch reichte wegen der wachsenden Verarmung der Bevölkerung Konstantinopels der erwirtschaftete Gewinn schließlich nicht mehr zur Erhaltung des Unternehmens aus, und Kyd. gewährte ihm auf seine Bitte gegen Schuldverschreibung einen Sanierungskredit ( Z.22 -29), den er aber wegen seines vorzeitigen Todes nicht mehr zurückzahlen konnte ( Z.29 - 32 ) . Der Diener ist nicht mit anderen von Kyd. erwähnten Dienern (wie z. B. Bd. lI, T209, X2 ) identisch. X2 : Die Frau des Dieners (Z. 1 4 f. 29.44 ) , wegen Kinderlosigkeit der Ehe (Z.36) seine nächste Erbin ( Z.43 f. ) , die Hauptgegnerin des Kyd. in seinem Rechtsstreit. X3, X4: Ein Richter, Bruder des Adressaten, und ein Freund des Adressaten: s.o., E. ZC: Der Brief ist eine wertvolle Quelle für die Finanz und Wirtschaftsgeschichte Konstantinopels in dieser Zeit. Vgl. K.-P. Matschke, Bemerkungen zu « Stadtbürgertum» und «stadtbürgerlichem Geist» in Byzanz, Jahrbuch für Geschichte des Feudalismus 8 ( 1 9 84) 265 - 2 8 5 , hier 282 f. Vor allem ist es bemerkenswert, daß auch be scheidene Leute wie ein Diener (ehrenamtliche ? ) Hilfe bei der Ste�erveranlagung leisteten und daß es bankenähnliche private Geldverleihinstitute (wohl auf Zinsbasis ) gab, die eben falls von Personen dieser sozialen Schicht wie ein Gewerbebetrieb bzw. Geschäftsunterneh men unterhalten wurden. Ihr Bestand war allerdings in Notzeiten nicht gesichert. Zum Bank wesen im späten Byzanz vgl. auch K.-P. Matschke, Geldgeschäfte, Handel und Gewerbe in spät byzantinischen Rechenbüchern und in der spätbyzantinischen Wirklichkeit, Jahrbuch für Geschichte des Feudalismus 3 ( 1 979) 1 8 1 - 204. III. Hss: A 8Y- 84', Nr. 5 ; U 1 3 8 ' (Edition irrig: 1 4 8 ) - 1 39" Nr. 146. IV. 1 Die auch sonst bei Kyd. beliebte Metaphorik Krankheit - Heilmittel wird hier in einem längeren Gedankengang verwendet. 2 W. : 'tOI� öYJ/.!6tm�. 3 Zum Begriff des Demarchen ( im Briefcorpus des Kyd. nur hier bezeugt) vgl. K. P. Matschke, Rolle und Aufgaben des Demarchen in der spätbyzantinischen Hauptstadt, Jahrbuch für Geschichte des Feudalismus 1 ( 1 977) 21 1 - 2 3 1 . Danach sind die Demarchen als Exekutivorgane der Verwaltung Obmänner von Stadtvierteln mit zugleich militärischen und zivilen Aufgaben im Dienst von Sicherheit und Ordnung. Vgl. auch K.-P. Matschke, Bemerkungen zu den Mikro- und Makrostrukturen der spätbyzantinischen Gesellschaft, XVIIIe Congres International des etudes byzantines, Rapports pleniers, Moskau 1 9 9 1 , 1 5 2 1 95 , hier 1 66 (Nachbarschaftsorganisation a l s «Mikrostruktur» ) . 4 W. : xav TaI� xOlvaI; €mÖOaEGlV, Ö TL l'tEQl TWV
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
Aallß6.vwv mit « Geldverleih» ( auch Matschke denkt daran, daß der Diener ein bankähnliches Unternehmen unterhielt) , naQExAEYELV mit « Überschuß erzielen» . Die Lexika ( LSc, Papel belegen zwar eher die Bedeutung « unterschlagen» , doch scheidet diese Bedeutung wegen des untadeligen Charakters, den Kyd. dem Diener bezeugt, aus. Es muß vielmehr der Überschuß ( Zins ) gemeint sein, den ein Geldverleiher erzielen mußte, um wirtschaftlich existieren zu können. 6 7
W. : EXElVWV. Gemeint sind zweifellos die im folgenden genannten Erben des Betriebes. Anspielung auf die nunmehr erbberechtigte Ehefrau?
0294 L: 280; OKyd: Konstantinopel; E: Ein Freund; OE: Konstantinopel; D : 1 3 82 - 84 ( ? ); wI: Der Adressat hat zwischen Kydones und einem Patriarchen in einer Auseinandersetzung über Glaubensangelegenheiten, allerdings ohne Erfolg, vermittelt; der Patriarch haßt Kydones
nach wie vor wegen seiner abweichenden Überzeugung und hat offenbar gegen ihn eine kirchliche Verfügung erlassen. Nun hofft Kydones noch durch die Hilfe des Freundes ein Schriftstück, vielleicht ein von ihm verfaßtes Werk, das der Stein des Anstoßes war ( ? ) , zu rückzuerhalten. Auf j eden Fall will er um der Wahrheit willen äußerem Druck nicht nachge ben.
Daß du dich für die Versöhnung eingesetzt hast, wird Gott dir vergel ten, und bei ihm wird der Lohn, der den Friedensstiftern bestimmt istl, 5 auf dich warten. Für deine Bemühungen um uns aber, meine ich, schulde
ich selbst dir Dank, und ich werde ihn (dir) abstatten, indem ich mit langen Lobreden deine Zuvorkommenheit belohne . Denn zweifellos hast du dich durch deinen Einsatz als Liebhaber der Tugend und als Freund erwiesen. Es wäre a ber auch ein erfreulicher Preis für deinen Kampf gewe sen, wenn man auf dich hätte hören wollen. Obwohl es sich aber heraus stellte, daß du deine nicht weniger schönen als zahlreichen Worte verge bens aufgewandt hast, hat (doch) deine Gesinnung die (Sieges)kränze ver10
dient. Füge also dem bereits Geleisteten (noch) das hinzu, was aussteht und gerecht ist. Gerecht aber wäre es - das würden sogar die Skythen sagen - , wenn j ene kleine Schrift zu mir zurückkäme; denn der wunder bare2 Patriarch hat wie Pilatus (nun einmal) geschrieben, was er geschrie ben hat\ und er glaubt, daß ihm sein Haß gegen mich bei allen Ehre einbringen werde. Von dieser Annahme bin ich nämlich überzeugt, weil er bis j etzt keinen anderen Grund für seinen ungerechten Zorn gefunden
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BRIEFE T 0293 - 029
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hat. (Diesen Zorn) werde ich (erst) dann (frommen) Eifer nennen, wenn 1 5 j ener mich entweder mit wahren Worten d er Lüge überführt oder (seinen Eifer) in allen unerfreulichen Affären, die sich gegenwärtig ereignen, unter Beweis stellt. Solange er aber täglich viel Schlimmeres mit Schweigen übergeht, verdient sein Urteil über mich einen anderen Namen. (Doch) werde ich es ertragen, und vielleicht (sogar) mit Freude; denn (die Tatsa che) daß ich mir keines Unrechts bewußt bin, stimmt mich sogar fröhlich, wenn ich an die Belohnung derer denke, die um Christi und der Wahrheit willen geschmäht und verfolgt werden4. Man hat uns ja nicht (etwa), 20 weil wir j emanden ausgebeutet, seines Vermögens beraubt oder ihm sonst etwas Böses angetan hätten, dazu verurteilt, solches zu erleiden, sondern wir werden um der Wahrheit willen bestraft. Von ihr werden wir (aller dings erst) dann anderen zu Gefallen ablassen, wenn auch wir selbst glau ben, daß die Lüge uns mehr als j ene frommt. Solange wir aber bei Sinnen sind, werden wir uns für sie entscheiden. Dies also bleibe Gott überlassen, der nicht erlaubt, sich an denen zu 25 rächen, die (mit dem Bösen) begonnen habenS . Du aber, mein Bester, fordere, wie gesagt, die (Herausgabe der) Schrift und schicke (sie mir) . Wir begehen doch, wenn wir das Unsrige fordern, kein Unrecht! Denn wenn wie zuvor das (einmal) Geschriebene genügt6 , sollte man auch j etzt dabei verbleiben, die Waffen niederlegen und den Gott des Friedens eh ren. Wenn ich aber sogar (noch) vor den Anklagen heuchlerisch gegen meine Überzeugung reden und ein Bekenntnis wider besseres Wissen ab- 30 legen solF, werde ich (diese) Rolle nicht spielen und auch nicht wie die Mimen 8 mein Gesicht verändern - denn dies ist nicht meine Art - , sondern ich werde zur Wahrheit stehen und das Meinige 9 fordern, wie es billig ist. Ich bin aber überzeugt, (so) dem Recht entsprechend zu handeln. K I.
OKyd: Die Edition nennt keinen Aufenthaltsort, aber Kyd. dürfte sich wie gewöhnlich
in Konstantinopel aufhalten, zumal er nicht ausdrücklich die Zusendung seiner Schrift ( Z.26) an einen anderen Ort erbittet. E, OE: Der unbekannte Freund hat in einem Glaubensstreit beim Patriarchen für Kyd. vermittelt, aber nicht den erhofften Erfolg gehabt (Z.3 - 9 ) . Kyd. dankt ihm und bittet ihn nun noch darum, beim Patriarchen zu erwirken, daß ihm seine umstrittene Schrift (s.u., BKyd) zurückgegeben werde ( Z . l O f. 26). Diese Bitte ist nur sinnvoll, wenn auch der Freund sich in Konstantinopel aufhält. D: Die Edition läßt den Brief undatiert. Gemäß LC II, XIV kommt der Zeitraum 1 3 8 2 - 84 am ehesten in Frage. Zur Frage nach der Identität des erwähnten Patriarchen s.u., X l .
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
II. BKyd: Kyd. hat eine Schrift (ygUf.Lf.ta:tLOV, Z. l l ; yg6.flf·ta, Z.26) verfaßt, bei der es um eine Glaubensfrage geht (Anspielung auf die Wahrheit seiner Überzeugungen: Z . 1 5 . 1 9 .2 1 f. 3 2 ) . Sie hat den Zorn eines Patriarchen (sc. von Konstantinopel) erregt ( Z . 1 2 1 4 ) , der i n schriftlicher Form ein negatives Urteil ('ljJij4>ov, Z . 1 7) über sie abgegeben hat ( Z . l 1 f. 2 7 f. ) und offenbar mit einer Anklage gegen ihn droht, wenn er nicht widerrufe, was Kyd. aber ablehnt (Z.29 - 3 3 ) . Die Schrift des Kyd. ist noch in Händen des Patriarchen, und Kyd. wünscht ihre Rückgabe ( s .o., E). Über ihren Inhalt wird nichts Näheres gesagt. Es muß sich jedenfalls um ein kürzeres Werk (yguflfl6."tLOv! ) brisanten Inhaltes handeln. In Frage käme vielleicht die Schrift «Testamentum religiosum» (siehe Bd. 111, 67, Nr. 1 . 7.2, Inc.: olöu JtOA AOU� EJtLJtEOOUflEVOU� flOL flEAAOV"tL "tEAEU"täv). Hier geht Kyd. davon aus, daß er bald sterben werde; der Text ist also in vorgerücktem Alter geschrieben. Die von Loenertz vorgeschlagene Datierungsgrenze « 1 3 79 au plus tard» ( LR 1 1 3 ) kann daher kaum überzeugen. Die Schrift würde hingegen gut in die Zeit um 1 3 84 passen, weil Kyd. mit Erreichen des 60. Lebensjahres eine Altersgrenze überschritt, die ihn zur Abfassung eines geistlichen Testamentes hätte veran lassen können. Daß er sich hier zum römischen Filioque bekennt und den Palamismus verur teilt, würde den Widerspruch, den er erregte, verständlich erscheinen lassen (siehe dazu auch Xl ) . Xl : Wenn der Brief in die frühen 8 0er Jahre zu datieren ist, ist der erwähnte Patriarch ( Z . 1 2 ) Neilos I. Kerameus ( 1 3 8 0 - 8 8 ) . Falls dies zutrifft, müßte T290, ein an ihn gerichtetes, ziemlich unbefangenes Empfehlungsschreiben, vor dem hier beschriebenen Zerwürfnis mit ihm (s.o., BKyd) verfaßt sein, ebenso T 0300, wo es wahrscheinlich er ist, den Kyd. Z . 1 5 f. "tov xu Mv Jta"tgL6.gXl1v nennt. Es ist Neilos im übrigen zuzutrauen, daß er auf antipalamitische Äuße rungen mit Zorn reagierte, weil er gemäß H.-G. Beck, Kirche und theologische Literatur im byzantinischen Reich, München 1959, 776 « ein begeisterter Anhänger des Palamas » war und u. a. ein Enkomion auf diesen verfaßte. Für Neilos plädiert auch Loenertz, LS 1 34 (handschrift licher Eintrag) und LNB, s.n. Nil, aber nicht in der Edition. D as Z . 1 2 und 17 angedeutete pa triarchale Dokument ist bei DarPatr, soweit ich sehe, nicht berücksichtigt. Ep: Wie Kyd. über die bisherige vermittelnde Tätigkeit des Freundes informiert wurde, wird nicht gesagt. III. Hss: A 9OCv, ohne Nummer; die Numerierung fehlt bis zum Schluß des Heftes 14 (f. 9 1 aV des Autographen; L28 3 ) . Ed: KydEpCam Nr. 14. Üb: Ebd. (frz . ) . IV. 1 Vgl. NTMt 5 , 9 . 2 Z u diesem Epitheton s . o . , T244, A. 1 . Hier nicht ohne ironischen Unterton. 3 Vgl. NTJo 1 9,22. Was der Patriarch geschrieben hat, wird nicht gesagt, doch läßt die folgende Anspielung auf seinen Haß vermuten, daß es sich um eine (zunächst private ? ) Verurtei lung der erwähnten Schrift (yguflfl6."tLOV) handelt. 4 Vgl. NTMt 5 , l l f. 5 Vgl. NTMt 5,39. 6 Wohl Anspielung auf das Pilatus-Zitat; s.o., A.3. 7 W. : xU"tu niJv AOYLOflWV xLvijom "tTJv yAW"t"tUV. 8 W. : "tguyoÖU(flOVE�. Vgl. AristophNu 296. Kyd. spielt auf die Überlieferung an, daß die Schauspieler in der Frühzeit des griechischen Theaters (zur Zeit des Thespis) ihre Gesichter mit Hefe ("tgu�) färbten, weil sie noch keine Masken hatten. Vgl. Suda T 1098 (s.v. "tguyepÖ(u) und Horaz, Ars poetica, 276 f. : « Dicitur et plaustris vexisse poemata Thespis / quae canerent age rentque peruncti faecibus ora » . 9 W. : "tU EflUU"tO"Ü, was sich auf die Schrift des Kyd. oder eher noch auf sein Recht i m allge meinen beziehen läßt.
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BRIEFE T 0294- 0295
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AN EINEN FREUND
L: 2 8 1 ; OKyd: Konstantinopel; E: Ein Freund; OE: Eine von den Türken eingeschlossene Stadt; D: Aug./Sept. 1 3 8 3 ( ? ) ; wI: Der Freund hat sich um eine Stelle am Kaiserhof beworben, und Kydones hat ihn bei Ioannes V. empfohlen. Dieser ist nicht abgeneigt, wünscht ihn aber
vor einer Entscheidung persönlich zu sehen. Kydones rät ihm, der Einladung zu folgen, da er in Konstantinopel immer noch sicherer sei als an dem Ort, wo er sich aufhalte, möge es ihm dort auch derzeit noch besser ergehen. Er solle aber den Rat- als uneigennützig verstehen und sich in seiner Entscheidung nicht beeinflußt fühlen.
Was ich in deinem Auftrag mit dem Kaiser besprechen sollte, habe ich ihm ausführlich und oft vorgetragen und ihn mit reichlichem Lob (für
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dich) überzeugen können, daß es ihm nützen werde, wenn er dich in seine Dienste nimmt. So gab er zwar seine Zustimmung, erklärte aber, daß er in den gegenseitigen Beziehungen der Menschen Verträge für notwendig halte, wenn sie später viel Ärger vermeiden wollten. Dies aber sei ohne ein persönliches Treffen der Vertragspartner und mündlichen Austausch über die beiderseitigen Forderungen auf keinen Fall möglich. In diesem Fall also, sagte er, genüge meine Auskunft über dich. Doch müßtest du 1 0 herkommen, mit ihm reden, ihn anhören und ihn persönlich kennenler nen, um eine rechtsgültige Vereinbarung mit ihm zu treffen; dann viel leicht könne deine Besoldung sogar höher als erwartet ausfallen. D ies (also) war die Antwort, die er mir gab. Wenn ich nun versuche, (ihre Bedeutung) zu ergründen, so schien er mir (jedenfalls) mit seinen Worten Bereitschaft zu verbinden. Denn er brauche, sagte er selbst, Männer, die ihm mit ihren Fähigkeiten helfen könnten, die schwierigen Zeiten durch- 15 zustehen, so wie ich dich (ihm) beschrieben hatte. Wie er sich aber später (tatsächlich) verhalten wird, das mag (nur) er selbst wissen. Denn man kann nicht sicher den Menschen abschätzen, sagt Platon, (weil er) ein von Natur leicht veränderliches Lebewesen (ist) l . Ich glaube aber, daß d u mich z u Unrecht tadeln würdest, wenn ich mir (im folgenden) erlaube, dir einen Rat zu geben, obwohl du mich nicht gefragt hast. Denn unter Menschen, die nichts miteinander gemein haben, wäre es unleidlich, (einander2 so) zu belästigen; Freunden aber muß man beistehen, (auch) wenn sie nicht (darum) bitten. Die Zunftregeln erlauben 20 j a auch nicht, daß ein Arzt ungerufen ins Haus kommt, wenn irgend j emand krank ist; wenn aber seine Eltern oder Kinder (für diesen) Medi kamente erbitten, wäre es nicht richtig, auf eine Einladung (des Kranken)
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
zu warten. (In solchen Fällen) würde man sich durchsetzen, auch wenn (die Kranken) selbst es nicht wünschen. Dies gibt auch mir j etzt Mut, dir meine Meinung zu sagen. So solltest du nicht ungehalten sein, wenn ich 25 dir etwas mitteile, was dir zuträglich ist, zumal auch nach dem Ratschlag
die Entscheidung bei dir liegt. Was sage ich (dir) also ? Ich weiß, daß du dir aus vielen Gründen schon längst den ständigen Aufenthalt in der Großen STADT wünschst. Es ist auch kein Wunder, wenn du sie der Vaterstadt vorziehst, da sie in j eder Hinsicht schöner ist. Doch ist sie nicht nur an Schönheit eurer Stadt über legen, sondern in der gegenwärtigen Lage auch viel sicherer. Zwar sind beide (Städte) dem Sturm ausgesetzt, aber es ist vorteilhafter, in dieser 30 vor Anker zu gehen. Sollte es aber zur Flutkatastrophe kommen, ist es
leichter, von hier wegzuschwimmen und viele (andere) Häfen anzulaufen. Das ist aber, wo du wohnst, nicht leicht; denn ihr seid unablässig von gewaltigen Wogen umbrandet. Es ist aber mit Sicherheit abzusehen, daß das Boot, wenn Gott nicht die Hand darüberhält, untergeht. Es ist also gut, wenn, (noch) bevor das Schreckliche (eintritt), sich die einen anderen 3 5 Hafen suchen, welche die Stadt nicht verteidigen können und sich (so
nur) · mit dem Unheil der Stadt vereinen. Wenn es aber auch gut ist, mit Hoffnungen zu leben, so ist bei euch das Gefäß, das sie (enthielt), ausge leert3 ; bei uns aber ist auf dem Grund noch der Schatten eines Vorteils verblieben. Besser aber als die fruchtlosen Mühen sind die, die auch etwas Gutes einbringen können. Viele wollen aber auch lieber den Größeren mit geringerem Gewinn dienen, als den niedriger Gestellten mit größerem 40 Vorteil untertan sein. Denn die höhere Ehre gleicht den materiellen Nach
teil aus4• Was aber uns betrifft, so haben wir zwar das andere verloren, dasselbe gilt aber nicht für Ränge und Würden5, sondern noch haben unsere Titel einen erhabenen (Klang). Aber davon abgesehen läßt uns auch (die Tatsache), daß eine größere Zahl vortrefflicher Leute unser Schicksal teilt, leichter das Geschehen ertragen 6 • So tu auch du dir selbst einen Gefallen, versuche dem, was absehbar ist, zu entgehen, halte dich 45 lieber an die sichereren Hoffnungen und komm, um den Besten zu dienen!
Glaube aber nicht, daß ich dir diesen Rat zu meinem Vorteil gebe, weil mich etwa deine Anwesenheit erfreute. Zwar würde ich nicht leugnen, daß sie mir willkommen ist; doch würde ich niemals dem, was dir nützt, meine eigenen Wünsche vorziehen. Denn lieber ist es mir, von anderen (Nachrichten) über dein Wohlbefinden zu hören, als in deiner Nähe zu
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BRIEF T 0295
sein und m it eig enen Aug en zusehen zu m üssen, wenn es dir schlecht g eht. Würde es mir doch täg liche Herzensq ual bedeuten, wenn ich mir 50 vorwerfen m üßte, an deinem Unglück schuld zu sein! Geh vielmehr davon aus, daß der Ratschlag aus Zuneig ung g eg eben wird, und nimm unseren7 guten Willen an. Besprich aber m it denen, die am m eisten dein Vertrauen genießen, deine g eg enwärtig e Situation und tu (dann) das, was ihr g e meinsam beschließt, auf daß es dir Glück bring e ! Gib (aber) nicht m ir die Schuld für den Ausgang, wenn etwas deiner Erwartung zuwider verlä uft. K I. OKyd: Kyd. interveniert am Hof bei Kaiser Ioannes V. (BKyd, Xl), hält sich also in Konstantinopel auf. E, OE: Ein guter Freund des Kyd. (Z.46 - 5 1 ) , der in einer kleineren (s.u., A.6), nicht gerade schönen (Z.27 f. ) Stadt lebt, die mehr als Konstantinopel bedroht ist (Z.28 f. 3 1 f. 36), zweifellos durch die Türken, und mit ihrer baldigen Eroberung rechnen muß (Z.3 3 ) ; er verfügt dort über eine angesehene Stellung und gute Einkünfte (Z. 3 9 ) . Er hat sich entsprechend einem schon länger gehegten Wunsch ( Z.26) um ein� Stellung am Kaiserhof beworben und Kyd. um Vermittlung gebeten (Z.4). Ioannes V. (Xl) scheint nicht abgeneigt zu sein, möchte aber den Kandidaten vorher kennenlernen, und Kyd. rät ihm wegen der größeren Gefährdung seines Wohnortes (Z.3 3 - 3 7) und der hohen Ehre, die mit dem Angebot einer angesehenen Stellung am Kaiserhof verbunden ist (Z.39-45), zur Annahme ( Z.45 ) , mögen dort auch seine Einkünfte eher niedriger sein (Z.3 7 - 40 ) . D: Konstantinopel wie auch die Stadt des Adressaten sind Stürmen ausgesetzt ( Z.29 ) , aber die letztere ist «unablässig von gewaltigen Wogen umbrandet», und man kann mit ihrem «Untergang» rechnen ( Z.3 1 - 3 3 ) . Dies erinnert an die Situation der Stadt Serres vor ihrer Eroberung a m 1 9 .9 . 1 3 8 3 (s.o., T25 9 ) . So bemerkt denn auch Loenertz z u Z.2, E halte sich vermutlich i n Serres auf. Wenn dies zutrifft, wäre der Brief auf Aug./Sept. 1 3 83 zu datieren. H. BKyd: Die abwägende Interpretation der kaiserlichen Auskunft ( Z. 1 3 - 1 7 ) zeigt eine bemerkenswerte Unsicherheit des Kyd. gegenüber seinem kaiserlichen Herrn. Aber auch im Umgang mit dem Freund erweist sich Kyd. als sehr vorsichtig: in der umständlichen Einlei tung zu seinem Ratschlag ( Z. 1 7 - 2 5 ) , in der Betonung der eigenen Uneigennützigkeit ( Z.45 52) und in der Ablehnung jeder Verantwortung für ein Scheitern des Freundes, wenn er den Dienst am Kaiserhof annehme (Z.53 f. ) . Das Loblied auf die Schönheit Konstantinopels (Z.27f. ) zeigt die innerliche Verbundenheit des Kyd. mit seinem langjährigen Wohnort (vgl. dazu Bd. I12, T74, A.9 ) . Xl: Kaiser Ioannes V. Palaiologos, in dessen Dienst E einzutreten wünscht, erklärt sich auf die Fürsprache des Kyd. hin geneigt, zumal er in schwierigen Zeiten fähige Mitarbeiter sucht, und stellt auch eine gute Besoldung in Aussicht, verlangt aber, um ihn kennenzulernen und einen Dienstvertrag mit ihm abzuschließen, einen persönlichen Be such des Kandidaten ( Z.4 - 1 5 ) . ZC: S.o., D. Ep: Der Wunsch des Adressaten ( Z.4) wurde Kyd. zweifellos brieflich übermittelt. III. Hss: A 9 1cv, ohne Nummer; U 1 52r - 1 53', Nr. 1 5 9 . IV . 1 PIEp 1 3 , 3 6 0 d ( �w ou ... EUf,lELaßaAou). Eine freiere Anspielung a u f diese Stelle findet sich auch Bd. H, T 1 74 (A.6 ) . 2 W. : 'tOU,[Ol�.
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
3 Zu dieser Metapher s.o., T2 8 7, A.3, mit weiteren Belegen. 4 W. : "tllv aVloo"tl1"ta nT.lv Al1flfla"t(J)v avwoL 5 W. : OU Lau"to xal "ta�((J)fla JtEJtov8EV. 6 Kyd. deutet damit wohl an, daß in Konstantinopel außer ihm auch andere wegen ihrer Ü berzeugung benachteiligt werden. 7 In der Ausgabe steht hier: "tfj� flEV JtQomQEoE(J)� �flä� aJtoÖEXoU, was eine Konstruk tion von aJtoÖExoflm mit Akkusativ der Person und Genetiv der Sache voraussetzen würde. Die Lexika bezeugen aber nur das Umgekehrte (aJtoÖExofla( "tLVO� "tl) . Doch zeigt ein Blick in den Film des Autographen A, daß Kyd. beim fraglichen Wort eindeutig das Kürzel für -(J)V mit dem Zirkumflex zu einem gemeinsamen Schnörkel verbindet, so daß �flWV zu lesen ist.
0296 L: 286; OKyd: Konstantinopel: E: Ein Freund; OE: Konstantinopel; D: 1 3 8 3 ( ? ) ; wI: Der
Schwager des Adressaten zürnt und schadet Kydones wegen eines vermeintlichen Unrechts, das er ihm angetan haben soll; der Freund soll ihn überzeugen, daß er sich irre.
Überzeug e deinen Schw ag er, daß ich ihm niem als das g eringste Unrecht g etan habe. D enn w ie er sich uns g eg enüber öffentlich verhält, sieht es so aus, als sei er von uns vielfach g eschädigt worden und nehm e (nun) dafür 5
Rache. Ich aber habe auch keinem anderen (j e) ein Übel zug efügt, g laubte ich doch (immer), m ich (dadurch) selbst m ehr als den Geschädigten zu strafen. So m üßte ich mich auch vor deinem Verw andten schäm en, w enn ich ihm nicht nach Krä ften durch dich Gutes erw iese. Wenn er also, weil er einsieht, (damit) einem Freund zu schaden, von nun an seine Angriffe beendet, werde ich dem Mann für seine Bereitschaft, m ich von Kumm er zu befreien, dankbar sein. Wenn er m ir aber w eiter zusetzt und die böse Kränkung für Tap ferkeit hä lt, w erde ich ihm, obwohl ich es könnte, zw ar
10 nicht aus Zorn Schaden zufügen; die Gesetze aber w erden ihn lehren, daß
man nicht ung estraft g eg en den Stachel ausschlägt1 . K I.
OKyd: Zweifellos an seinem gewohnten Aufenthaltsort. E: Über die Identität ist nichts zu ermitteln. OE: Nichts läßt auf einen anderen Aufenthaltsort als Konstantinopel schließen. D: Der Brief steht in Heft 2, gemäß LC 11, XIV auf 1 3 8 3 ( - 1 3 86 ? ) zu datieren. 11. BKyd: Kyd. weist Vorwürfe und Kränkungen durch den Schwager von E (Xl ) zurück (Z.3 f. 7 f. ) , betont, weder ihm noch anderen je Schaden zugefügt zu haben (ZA - 7) , und droht im Wiederholungsfall mit gerichtlichen Schritten (Z.8 - l 0 ) . Xl: Der unbekannte Schwager von E (s.o., BKyd ) .
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BRIEFE T 0295-0297
Hss: A 1 0v - 1 F, Nr. 4; U 1 3 r v, Nr. 1 7.
III. IV. 1
Sprichwörtlich, belegt bereits bei PindPyth 2,94 f.; Euripides, Bakchen, 795; NTApg 26, 14.
0297 L: 2 8 7; OKyd: Konstantinopel; E: Ein literarisch gebildeter Freund; OE: Konstantino pel ( ? ) ; D: 1 3 8 3 ( ? ); wI: Begleitbrief zu einer selbstverfaßten Schrift, die dem Freund zu strenger Prüfung zugesandt wird.
Nicht weil ich g ern g elobt werden m öchte, habe ich dir die Schrift g esandt, sondern weil ich v ielm ehr, wenn du sie g eprüft hast, erf ahren m öchte, was v on dem (dort) Gesagten ein Mann tadeln könnte, der selbst ein kunstreicher Autor schöner Texte ist; denn dav on bin ich überzeugt,
5
und deine Schriften beweisen es. L obsprüche kömiten ja auch v on Schm eichlern, die nach Beifall haschen, vorg ebracht werden; was aber ich meinel, erhält m an nur v on Freunden, die aus wohlm einender Gesinnung Verbesserungen anreg en. Wenn dir also an m einem g uten Ruf gelegen ist und du unseren Kritikern keinen Anlaß zum Gelächter g eben willst, schau dir unsere Schrift an und sage (uns), ob sie etwas Unp assendes enthält und ob Notwendiges ung esagt blei bt. Wenn übrigens etwas g eg en die 1 0 literarischen Reg eln verstößt, tadle e s rückhaltlos, weil ich dir auch f ür derlei g erechten Tadel dankbar bin. K 1.
OKyd: Nichts läßt auf einen anderen Aufenthaltsort als Konstantinopel schließen. E,
OE: Weder die Identität noch der Aufenthaltsort des Freundes sind zu ermitteln. Da jedoch
nicht auf Probleme der Postzustellung angespielt wird, hält er sich vermutlich ebenfalls in Konstantinopel auf. D: Der Brief steht in Heft 2, gemäß LC II, XIV auf 1 3 8 3 (- 1 3 8 6 ? ) zu datieren. 11. BKyd: Kyd. bat auch sonst gelegentlich Freunde, eine von ihm verfaßte Schrift vor Erstellung der Endfassung durchzusehen. S.o., Bd. II, T 0223 (Nikolaos Kabasilas ); s.u., T033 7; ferner L3 84. III. Hss: A 1 1r, Nr. 5; U 1 3\ Nr. 1 8 . IV. 1 W. : 'WÜTO Ö€.
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
0298 L: 2 8 8 ; OKyd: An einem Ort außerhalb Konstantinopels; E: Ein Bekannter in der Umge bung des Kaisers; OE: Konstantinopel; D: 1 3 8 1 ( ? ) ; 1 3 8 3 ( ? ); wI: Kydones, offenbar auf einer
diplomatischen Mission, wartet auf eine Entscheidung des Kaisers, die allzulange ausbleibt; er bittet einen Bekannten am Hof, der den Kaiser über den Stand der Verhandlungen unterrich ten sollte, um baldige Nachricht.
Seit du abgereist bist!, ist uns in der Ang eleg enheit, über die wir bei deiner Abreise gesprochen hatten, keine klare (Entscheidung) m itgeteilt worden; (doch) du weißt, wie wichtig sie uns dam als war und j etzt (noch) 5 ist. Sobald du also j em anden findest, der einen Brief überbring en kann,
schreibe, w as der Kaiser in der Ang eleg enheit, über die wir ihm berichtet haben, beschlossen hat, damit wir wissen, wie wir vorg ehen und was wir denen, die uns zusetzen und eine Entscheidung des Kaisers fordern, zu unserer Rechtfertigung sagen sollen. Wir können sie näm lich nicht mehr läng er hinhalten2, und sie argwöhnen weg en der Verzög erung bereits ei nen Gesinnung swandeP . Es steht zu fürchten, daß sie weg en der lang en 10
(Warte)zeit ungeduldig werden, sich mit den Feinden verbünden und zu samm en mit ihnen ihr Recht in der Ang elegenheit fordern, in der sie sich von uns g etä uscht wä hnen. K I. oKyd, D: Kyd. befindet sich als Gesandter bei einer auswärtigen Macht; es steht zu befürchten, daß sie sich bei längerem Ausbleiben der erbetenen kaiserlichen Entscheidung mit den «Feinden», also wohl mit den Osmanen verbündet. Als wahrscheinlichste Bundesge nossen der Osmanen kommen in der Zeit andere türkische Emirate in Anatolien in Frage. Von Kyd. ist bekannt, daß er einige Zeit vor Mai 1 3 8 1 zum Herrscher des Emirates Germiyan in Kütahya reiste ( Bd. II, T209, BKyd, 4.; dazu Bd. I/l, 3 3 , A. 1 80 ) . Die Gesandtschaft schei terte, und der Emir verbündete sich mit den Osmanen. So ist zu erwägen, ob auch der vorlie gende Brief mit dieser Gesandtschaft in Zusammenhang stehen könnte. In T209, geschrieben einige Zeit nach der Gesandtschaft, ist allerdings keine Rede davon, daß Kyd. in Kütahya auf eine Entscheidung des Kaisers hatte warten müssen. Auch gehört gemäß LC II, XIV der Brief zu Heft 2, dessen Schreiben auf 1 3 8 3 oder später zu datieren sind. So kann die Frage nicht eindeutig entschieden werden. E, OE: S.u., A. l . II. BKyd: S.o., OKyd, D . Xl: Ein Kaiser, von dem eine Entscheidung erwartet wird (Z.5 f. ) , wohl Ioannes V. ZC: S.o., OKyd, D . III. Hss: A 1 1", Nr. 6; U lY- 14r, Nr. 1 9 . IV. 1 Wie sich aus dem Folgenden erschließen läßt, war E zunächst mit Kyd. zum Zielort der Gesandtschaft (s.o., OKyd) und von dort zurück nach Konstantinopel gereist, um in den Verhandlungen eine Entscheidung des Kaisers einzuholen.
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BRIEFE T
0298- 0299
2 W. : eptgELv, eigentlich: ertragen. Kyd. kann seine Gesprächspartner nicht mehr länger « ertragen » , weil er sie bei guter Laune halten muß, ohne etwas Konkretes aushandeln zu können. 3 W. : aUo "CL ÖL<:X "CT]V agyCav l-laV"CE1JOl-ltV01J�.
0299 L: 290; OKyd: Konstantinopel; E: Ein Freund; OE: Thessalonike ( ? ) . D: 1 3 83 ( ? ) ; wI: Kydones will den Empfänger mit einem Brief erfreuen und bittet ihn, sich dem gefälligen, allseits beliebten Briefboten für seinen Dienst dankbar zu erweisen.
Wenn du bekennst, daß m eine Briefe an andere dir Freude bereiten, werden dich wohl (noch) m ehr m eine an dich g esandten Briefe erfreuen, zum al solche, die zusammen m it der Freude dir auch größere E hrel brin-
5
gen. D enn auch von den Nahrung sm itteln, die wir kosten, sind uns die willkomm ener, die uns außer dem Genuß nicht wenig er auch Nutzen ver sp rechen. Ich schreibe (dir) also; du aber g enieße den Brief allein, da es deinem Wunsch entspricht. Ich g laube näm lich, du wirst niem anden fin den, der dich für die Freude (an meinen Briefen) loben wird 2 . Versuche aber auch dem Überbringer des Briefes eine Freude zu m a chen; denn damit wirst du deinen D ank einem erweisen, der vielen von 1 0 der Wohltat erzählen wird, und alle werden dir dafür danken, als wenn jeder von ihnen sie für sich empfang en hätte; denn es ist ein allen g em ein sam er Wunsch, daß es dem Mann wohl erg ehe . D urch sein (umgängli ches) Wesen hat er näm lich allen Anlaß g egeben, so für ihn zu emp finden. Vielleicht aber schuldest du ihm auch eine Belohnung für deine Freude an m einem Brief. D enn er war es, der m ich zum Schreiben ermunterte, als ich vorerst noch schweig en wollte. D u würdest ihm unrecht tun, wenn du ihn, obwohl er dir eine Freude bereitet hat, betrübt von dir wegg ehen 1 5 ließest. K I.
OKyd: Nichts läßt auf einen anderen Aufenthaltsort als Konstantinopel schließen. E:
Ein Freund, der sich besonders an Briefen des Kyd. freut. OE: Wegen der ausdrücklich betonten Leistung des Boten vermutlich ein Ort außerhalb Konstantinopels. Da auch andere dort Briefe von Kyd. erhalten (Z.3 ) , kommt am ehesten Thessalonike in Frage. D: Wie T 0297, D . 11. Xl: Der Ü berbringer des Briefes. E r wird als angenehmer, allseits beliebter Mensch geschildert, der Kyd. auch angeregt habe, E zu schreiben. Ep: S.o., OE.
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
III. Hss: A 12r, Nr. 8; U 14v- 1 Y, Nr. 21. IV. 1 Aus dem Folgenden erfährt man, daß E sich durch Großzügigkeit gegenüber dem beliebten Boten die hier erwähnte Ehre erwerben kann. 2 Bescheidenheitsgeste.
0300 L: 292; OKyd: Konstantinopel; E : Ein beim Patriarchen einflußreicher Freund; OE: Kon stantinopel; D: 1 3 8 3 (?); wI: Empfehlungsschreiben für den abgesetzten Abt Dionysios, der in sein vom Verfall der Disziplin bedrohtes Kloster zurückkehren und dort Zucht und Ordnung wiederherstellen will.
Es wä re nicht g erecht von dir, ung ehalten zu sein, wenn ich dich bitte, Freunden zu helfen, die auf deinen E influß angewiesen sind. D enn du selbst hast durch dein mir g eg enüber g ezeigtes Verhalten alle überzeugt, 5 daß die, welche sich auf meine Verm ittlungl an dich wenden, nicht ent
tä uscht werden. Empfang e also, von m ir g esandtl, auch den guten D iony sios, einen ausgezeichneten Mann, befreundet m it m ir und auch m it dir, würdig, von (uns) beiden g ut behandelt zu werden. Meine (Wohltat für ihn) war ein Empfehlung sbrief, den ich ihm, wie du siehst, ausstellte; dich aber bitten wir, unserem Schreiben durch Taten E hre zu erweisen. D as bedeutet aber, daß (der Überbringer) in das Am t zurückkehren darf, aus 10
dem er zu Unrecht vertrieben wurde; denn er hat diesem höhere E hre eing ebracht, weil er m it allen Krä ften und in jeder Hinsicht auf das Wohl der Gem einschaft2 bedacht war, wurde aber von denen verleum det, die verärgert sind, wenn m an sie daran hindert, den Reichtum, der allen ge hört, für ihr eig enes Haus beiseite zu schaffen. Er bittet also, zurückkkehren zu dürfen, nicht um es denen nachzutun, die j etzt nach seiner (Absetzung ) einen (Freuden)tanz aufführen - m it ihnen lag er ja wegen seiner g anz anderen L ebensweise im Streit -, son dern um ihre unvernünftig e Völlerei zu bestrafen und zug leich zu erwei-
15 sen, daß er, ohne weg en irg endeiner Verfehlung Strafe zu verdienen, der
Bosheit g ewisser L eute gewichen sei. D as aber soll durch dich auch der g ute P atriarch erfahren. Er soll D iony sios seine frühere E hre zurückgeben, wie sie den Rechtschaffenen zukommt, die derzeit (Maßg ebenden) aber zur Vernunft bring en; denn wenn m an ihnen nicht E inhalt g ebietet, wer den sie das Kloster zugrunde richten.
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BRIEFE T
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K I. E, OE, OKyd: Der Empfänger hat Zugang zum Patriarchen, hält sich also in Konstan tinopel auf. Nichts spricht dafür, daß Kyd. seinen Empfehlungsbrief von einem anderen Ort aus abgeschickt hat. D: Wie T 0299, D . H . BKyd: D e r Brief, durch den Kyd. die Wiedereinsetzung eines wegen seiner Sitten strenge vertriebenen Abtes empfiehlt, zeigt seine Besorgnis um die Erhaltung der orthodoxen Klosterdisziplin. Xl: Dionysios (Z.5 f. 1 6; PLP 542 8 ) , Abt eines Klosters an einem unbekann ten Ort. Daß es sich um ein Kloster in Thessalonike handelt, läßt sich nicht beweisen, denn die Vermutung von Loenertz ( zu L2 1 6, Z.7), er könnte mit dem namentlich nicht genannten Abt des Briefes Bd. H, T 0225, Z.7 identisch sein, scheint mir nicht haltbar: In T 0225 ist von schweren Anklagen gegen den dort erwähnten Abt und von seiner Absetzung und Exkommunikation durch einen Oberhirten die Rede; Kyd. hält dessen Situation für so aus sichtslos, daß er glaubt, ihm nicht helfen zu können. Der Abt des vorliegenden Briefes hinge gen wurde von seinen Mönchen oder jedenfalls auf deren Betreiben abgesetzt, weil er deren üppigen Lebenswandel offenbar nicht zu dulden bereit war. Von der Klosterdisziplin ist in T 0225 nicht die Re·d e. Kyd. hat ihm zugesagt, sich beim derzeitigen Patriarchen (X2) für ihn zu verwenden, zeigt sich also optimistischer als im Fall des anderen Abtes. X2: Ein Patriarch (Z.15 f. ) , von dem Kyd. sich offenbar Hilfe erhoffen kann. Dem vermutlichen Zeitrahmen des Briefes entspre chend muß es sich um Neilos handeln; vgl. oben, T 0294, X l . III. Hss: A 1r, Nr. 1 0 ; U 1 5rv, Nr. 23 . IV. 1 Beide Übersetzungen mit gleicher Fußnotenzahl sollen Öl' Ef.lOÜ wiedergeben. 2 W.: 'tOü XOtVfl (Juvo(JoV'to�. Gemeint ist wohl die Klostergemeinschaft.
Gruppe 5: Datierbare Briefe der Liste LC II 493� Nr. XV (1385-87) 301 L: 3 14; OKyd: Konstantinopel; E : Ein Freund; OE: Thessalonike; D : C a . März 1 3 85; wI: Manuel H., bedrängt von türkischen Belagerern, hat eine Gesandtschaft an den Papst ge schickt, für die ihn manche Orthodoxe tadeln. Kydones ist überrascht, daß auch der streng orthodox gesinnte Euthymios Teilnehmer der Gesandtschaft ist, und äußert ironisch die Be fürchtung, die Begegnung mit den Theologen der Kurie könne seinen Glauben ins Wanken bringen.
Ich habe g ehört, daß vom Kaiser viele und dazu noch ausgezeichnete Männer zu einer Gesandtschaft an den P ap st ausgewählt wurden, unter denen einer auch der g ute E uthymios sei. Ich bewunderte Aristoteles (bis her schon) weg en vieler anderer D inge, die er g esagt hat, nun aber g anz besonders deswegen, weil er die Notwendigkeit für unüberwindlich er klärte 1 ; brachten es doch, von ihr g edrängt, sog ar die L eute von Thessalo-
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
nike über sich, Abg esandte2 nach Rom3 zu schicken. Was aber den Kaiser betrifft, so sei er absolv iert; es wird ja den Kaisern allgemein zugestanden, 10
daß sie alles wag en (dürfen), um ihre Städte zu retten. D ennoch zögern v iele nicht, auch nicht v on denen, die hier v on ihm m it E hren bedacht wurden, ihn für diesen Wag emut zu tadeln; denn er dürfe, sagen sie, kei nen der drohenden Schrecken für so furchtbar halten, daß er, um sich dav or zu schützen, an Vereinbarung en mit den Vertrag sbrüchigen4 denke. E uthym ios aber hätte nie jemand die Kühnheit zugetraut, auf ein Un-
IS ternehm en aufzuspringen5, das seine Seele in Gefahr bring en könnte;
(m an hätte g eg laubt), daß er bereit gewesen wäre, eher alles zu erdulden als Verrat zu begehen an der Sache seines Vaterlandes und seiner FreUI� de, m it denen zusammen er früher die, zu denen er j etzt als Gesandter g ereist ist, bekämp fte. D enn er wird es dort nicht v erm eiden können, v iel zu tun und zu sag en, was zu j enen (Ansichten) und Überzeug ung en, die sein L eben p rägten, im Widersp ruch steht. D enn wie soll er den P ap st anre den, wenn er ihn zum ersten Mal trifft oder die täg lichen Verhandlung en 20 mit ihm führt? E s liegt doch auf der Hand, daß er, wenn er bei seiner
Auffassung bleibt und sich im Umg ang m it dem P ap st entsprechend v er hä lt, v öllig scheitern wird. Wenn er aber unter dem Zwang der Notwen digkeit und seines Auftrages etwas erreichen will und ihn als «Seligkeit», «Heiligkeit», «O berhirten», «Vater» und «Stellv ertreter ( sc. Christi)>> an redet, bedeutet das den Verrat seines Glaubens, den Widerruf seines Glau bensbekenntnisses6, (die Anerkennung ) zweier P rinzip ien7 sowie (die An25 nahm e) der jüdischen Azymen8, (welche als) das schlimm ste Übel (g elten).
Ich aber fürchte, daß er, wenn er hä ufig m it jenen Männern disputiert und bei der Widerleg ung v ersagt, unv ersehens selbst den Sohn wie den Vater ehrt (und) den Geist als ihnen g em einsam bekennt, (daß er,) wenn er zurückkehrt, des Lobes v oll für ihre Auffassung ist - ich weiß, daß es v ielen so erging, die mit ihnen Umg ang hatten - und wir aufs tiefste 30 b eschäm t dastehen, weil wir einen ausgesandt haben, der für uns spre
chen sollte, und ihn als Gegner unserer Überzeugung zurückerhalten. D es halb m üssen wir g em einsam beraten, du und ich - denn mit beiden ist der Mann befreundet -, daß ihm nichts zustoße, was auch uns Betrübnis bereiten könnte. Ich bin näm lich überzeugt, daß er weg en all seiner (guten E ig enschaften) Ehrungen und Geschenke erhalten wird; denn er besitzt Verstand, sein untadelig er Charakter ist eine Zierde seiner Geist(esg aben), 35 und sein Redetalent bleibt dahinter nicht zurück, und überhaupt wird er
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BRIEF BOI
denen, die m an dort bewundert, g anz ä hnlich erscheinen. E s wird ihm aber schwerfallen, einer der beiden (Gefahren), die ich nannte, zu entg e hen. Entweder wird er sagen, was ihm richtig erscheint - dann wird seine Mühe v erg ebens sein -, oder er wird, um dem zu entg ehen, die Unwahr heit sag en und sich v or den Vertretern der g öttlichen (Lehren) 9 schuldig m achen. Du also tu dein Möglichstes, ihn v or der Wut seiner Widersacher zu retten. Bereite ihm auch g ewaltig große Wasserström e, die ihn, selbst 40 wenn sie zusammenfließen, (nur) m it knapp er Not v on dem Schm utz der L ateiner werden reinig en können. Es sind aber auch Gebete für die, wel che unreine Sp eisen g eg essen haben, beschwörend über ihn zu sprechen, v or allem, wenn er dem Brauch entsp rechend m it den anderen Gesandten zum Mahl eing eladen wurde, dort dasselbe (wie die L ateiner) aß und mit ihnen aus demselben Mischkrug trank. Ich aber bin bereit, v on hier aus nach deinen Anweisung en Hilfe zu leisten, und würde, wenn du es für richtig hältst, sog ar nicht zögern, nach Italien zu reisen, wenn ich dem 45 Freund, der dort in Gefahr ist, irgendwie nützlich sein könnte. D ies wird ihm (aber) nach m einer Überzeug ung noch m ehr nützen, wenn ich, bei ihm ang ekomm en, ihm emp fehle, er m ög e sich g eg en den drohenden Sturm wappnen. D as also werde ich tun, sobald sich im Frühling das Meer besä nftigt. K I.
OKyd: Was in Thessalonike geschieht, weiß er vom Hörensagen (Z.4); er ist also
zweifellos an seinem üblichen Aufenthaltsort, von dem aus er auch bisher schon seine Reise nach Italien geplant hat. E: E ist ein Freund des Euthymios ( X3 ) , aber wohl noch mehr des Kyd., sonst wäre der (auch von DenReign 1 3 7 beobachtete) ironische Ton, mit dem Kyd. den ganzen Brief hindurch von Euthymios spricht, nicht denkbar. Offenbar ist E ein Gesin nungsgenosse des Kyd., welcher der römischen Kirche zumindest nahesteht. OE: Kyd. setzt voraus, daß E, ein Freund des Euthymios, über die Gesandtschaft Kaiser Manuels informiert ist ( Z.4 ff. ) ; E muß sich also in Thessalonike aufhalten, zumal Kyd. ihn bittet, Euthymios (X3 ) nach seiner Rückkehr aus Italien vor seinen Gegnern zu schützen ( Z. 3 8 -40). D: Der Brief ist kurz vor Beginn des Frühlings verfaßt (Z.47f. ) . Durch die Andeutung der Italienreise (hier: Z.44 -46) ist er mit anderen Briefen verknüpft, deren terminus ante quem mit dem Tod Andronikos' IV. am 2 8 . 6 . 1 3 8 5 gegeben ist, da in mehreren von ihnen auf den letzten Aufstand des Kaisersohnes im Frühjahr 1 3 8 5 angespielt wird. Siehe dazu DenReign 1 3 6 f., vor allem 1 3 7, A. l 1 . H. BKyd: Hinter der ironischen Besorgnis des Kyd. für Euthymios ist die Überzeugung des Konvertiten erkennbar, die römische Sicht der umstrittenen theologischen Probleme sei die besser begründete. Xl: Ein Kaiser (Z.4) in Thessalonike (Z.7 f. ) , zweifellos Manuel H.;
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
siehe auch X2. X2: Ein Papst (Z.4), zu dem Manuel eine Gesandtschaft abgeschickt hat, gemäß DenReign 1 3 6, A . 1 0 nicht der Gegenpapst Clemens VII. in Avignon, sondern Urban VI. in Italien ( 1 3 78 - 8 6 ) . Die Gesandtschaft ist in päpstlichen Dokumenten nicht erwähnt, doch sind Registereinträge zwischen 8 .4 . 1 3 8 3 und 22. 9 . 1 3 8 6 nicht erhalten, also auch nicht für
( frz . ) ; DenReign 1 3 7 f. (Teilübers., engl., bis Z.3 5 ) . IV. 1 AristotMu 4 0 1 b 8 - 9, wie T248, A.12. 2 W.: 8EWgOVt;, im antiken Griechenland Gesandte, die man zu einem Orakel oder zu einem der großen Festspiele sandte. Kyd. verwendet hier wohl dieses Wort, um das Besondere der Mission an den Papst hervorzuheben. 3 Loenertz vermerkt zur Stelle, daß mit « Rom» hier nicht die Stadt, sondern die römi sche Kurie gemeint sei, da sich Papst Urban VI. ab Sommer 1 3 8 3 und bis 1 3 87, also auch zur Zeit der Gesandtschaft, nicht in Rom aufgehalten habe. 4 Die römische Kirche, die aus orthodoxer Sicht vom wahren Glauben abgefallen ist. 5 W. : Emrrll[)'fjam rrgaYllan. Mit dem Verbum, welches auch das Aufspringen auf ein Boot bezeichnet, betont Kyd. ironisch die Kühnheit des Euthymios. 6 W.: il"wü LUIlß6AOU xa-taAUOlt;. Anspielung auf den Dissens zwischen Ost- und West kirche in der Lehre vom Ausgang des Hl. Geistes. 7 Wenn - nach römischer Lehre - der Geist auch vom Sohne ausgeht (ExrrogEvnm), ist nicht nur der Vater, sondern auch der Sohn Prinzip (agxit) des Geistes. 8 Der römische Brauch, bei der Liturgie Azymen (ungesäuertes Brot) zu verwenden, wird von der Orthodoxie als Konzession an das Judentum verworfen. Kyd. deutet an, daß die Orthodoxie zu seiner Zeit den Gebrauch der Azymen im Westen noch stärker als das Filioque verurteilte. 9 Sc. der orthodoxen Theologie.
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BRIEFE
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302 L: 302; OKyd: Konstantinopel; E: Kaiser Manuel II. Palaiologos; OE: Thessalonike; D: Ca. März 1 3 85; wI: Manuel hat den Ausspruch des Theognis, Armut sei das größte Übel, auf die Freiheit bezogen, und durch seine Taten bewiesen, daß er bereit ist, sie gegen die Türken unter allen Umständen zu verteidigen. Daher hat er Gesandte mit der Bitte um Hilfe
an den Papst geschickt, was allerdings von orthodoxen Unionsgegnern getadelt wird. Obwohl Kydones zu spät über dieses Vorhaben unterrichtet wurde, hat er inzwischen ein Empfeh lungsschreiben für die Delegation an die Kurie gesandt. Er zeigt sich jedoch verwundert, daß der Kaiser ihm von einem etwaigen Glaubensgespräch mit dem abendländischen Mitglied der Gesandtschaft, einem längere Zeit in Thessalonike anwesenden Magister, nichts mitgeteilt und ihn auch nicht als Dolmetscher eingeladen hat.
Du scheinst fähig zu sein, Dichtern zuzuhören, da du nicht einm al (den Ausspruch) des Theog nis1 verg ebens vernahm st. D enn diese L iteraturg at-
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tung ist als g anze tiefsinnig2 und offenbart sich nicht g anz eindeutig aus dem Wortlaut, sondern p flegt viel durch weniges anzud euten. D aher darf, wer die Meinung der Dichter erhaschen will, nicht bei den Worten stehen bleiben, sondern m uß weiter bis zum Sinn durchdringen, weil er weiß, daß das D ichterwort von allem gesagt sein kann, was bei der Anwendung seinem Sinn nicht widerspricht3. Hä tte nun ein anderer das Theog nis- 1 0 Wort über die Arm ut g ehört, e r hä tte sich sofort unehrenhaftem Gelder werb und Handel zugewandt und sich verleiten lassen, dem Geld zuliebe auf Meer und Felsen zu sä en. Du aber, überzeugt, daß dieser Rat einem weisen Mann wenig er anstehe, hast den Ausspruch nach Kaiserart aufge nommen und den Dichter durch deine erhabene Gesinnung geehrt, denn du glaubtest, daß ein so bedeutender Mann den Rat g eben wollte, für höchst wichtige und keinesweg s alltägliche D ing e sogar Unm ög liches zu 1 5 versuchen. Das Wichtig ste aber ist es, frei und einem Tieferstehenden nicht untertan zu sein4• Um (die Freiheit) zu erlangen, wenn sie nicht da ist, oder sie zu bewahren, wenn sie da ist, werden alle Überlegungen angestellt, wird alles Geld aufg ewendet; (für sie) fallen in Kriegen viele Menschen, (ihretwegen) schreiben alle auf die Sieger L obeshymnen, auf die Unterleg enen Schmähung en. D aher hältst in der Tat auch du das L e- 20 ben in Freiheit für kostbarer als alles und bist darum bemüht, es dir selbst und deinen Untertanen zu bewahren. So entwickelst du p olitische Aktivitäten, schreibst Briefe, suchst Bundesg enossen zu gewinnen, nimm st bald zu Wasser, bald zu L ande Gefahren auf dich, schickst Gesandtschaften auf den Weg, wendest Kosten auf und läßt keine Chance ung enutzt,
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
25 was (alles) nicht nur deinen Scharfsinn und deinen E ifer, sondern auch
deine anderen hervorragenden Fähigkeiten beweist. D enn es ist g anz un m öglich, wenn m an sich nicht m üht, auf Schlaf verzichtet, Gefahren auf sich nimmt, alle Annehm lichkeiten verachtet und alle Tug enden übt, mit solchen (Schwierigkeiten) j em als fertig zu werden. Zweifellos aber wirst du, weil auch Gott seine Zustimmung zu deinem Tun g ibt, dein Ziel nicht verfehlen und nicht denen gleichen, die das Meer pflügen und auf Felsen 3 0 sä en5, sondern Gott wird dich für deine fürsorg ende L iebe zu den Unter
tanen belohnen und dich die wohlschmeckenden, g uten Früchte deiner Mühe kosten lassen, zum al du in der g lä ubig en Gesinnung handelst und ihm begegnest, die, wie er selbst verspricht, dem Bittenden herrliche Erhö rung einbringt. D ies steht einem Kaiser, einem Weisen, einem Gottes fürchtig en an; sog ar deine Feinde werden es lobend anerkennen. 35
Ich m ußte aber herzhaft lachen, als ich von der Gesandtschaft und von P othos hörte und m ir dabei vorstellte, was die (Leute) sag en werden, die der Meinung sind, m an könne Gott allein durch Hungern, bleiches Ausse hen und (den Rückzug in einen stillen) Winkel6 verehren, und welche die m ang elhafte Bildung für ein Gütezeichen der Tug end halten. (Im Umg ang mit) ihnen wirst du stä ndig auf der Suche sein, was du zu deiner Verteidi g ung sagen sollst, und fortwä hrend in Verleg enheit sein, weil dein Tun so offensichtlich ihren verhüllten Ratschläg en und Ermahnung en und dem,
40 was du (ihnen) zusag st, widersprichr7. Sollen also sie, die ihrer eig enen
L ust dienen und kleine L eute sind, Kleinliches denken, um Kleinliches besorgt sein und (m einetwegen kleine) Kinder überzeug en, die sich aus Unerfahrenheit leicht tä uschen lassen. E in Kaiser aber hat danach zu su chen, was Gottes Wille und was dem Gemeinwohl zuträglich ist, und nicht darauf zu achten, was die Leute schwätzen. So weit meine beiläufige Bemerkung8, und vielleicht muß ich mich auch 45 dafür (schon) vor den Feinden der freien Rede verantworten. D och habe
ich nichts zu fürchten, weil ich m ich fortan gemeinsam m it dir g eg en diese Mä nner zu verteidig en habe. D enn m it dem, was du selbst zu deiner Verteidigung vorbringst, wirst du auch meinen Freispruch erreichen, und ich werde, wenn ich nur das eine sag e, auch der Kaiser habe m einem Standpunkt durch die Tat zug estimmt, straffrei ausgehen. Ich aber würde dir gegenwärtig g ern j eden Gefallen tun, und wenn ich dir auch in anderer Hinsicht nicht nützen kann, hätte ich dir (doch) in dem einen Fall der 50 jetzigen Gesandtschaft nicht g ering e Hilfe leisten können, wenn ich von
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BRIEF T302
ihr g ewußt hä tte, als ihr sie p lantet. D enn ihr wären Brief e von m ir an meine Freunde in Rom vorausg egang en, die den Gesandten ihre Aufg abe erleichtert hä tten, weil die dortig en Machthaber vielleicht Brief e von uns m it einig em Resp ek t und Vertrauen aufnehm en. D enn nicht (in g leicher Weise), wie hier allein das Vorrecht der dreisten Anm aßung und Schm ei chelei g ilt, werden auch bei ihnen die, welche so vorg ehen, eing eschätzt, 55 sondern m an hat solchen (L euten) den Strick, den Rechtschaffenen aber die Throne vorbehalten. D och haben wir auch so nicht das, was uns m öglich war, vernachlä ssig t, sondern uns derer bedient, die von hier nach ltalien9 reisten, und was wir Gutes von dir wissen, dem Höchsten 1 0 und seiner Umg ebung m itgeteilt; wir haben unserem Gesandten g eziem ende E hre zuk ommen lassen und erklärt, daß er aus vielen (Gründen) Wohl- 60 wollen und Achtung verdiene. D en Magisterl1 aber haben wir, da er ihnen bekannt ist, der Beurtei lung derer überlassen, die ihn k ennen. Habe ich doch selbst den Mann niem als g etroff en, und es empfiehlt sich nicht, daß j em and, der nicht über (entsprechendes) Wissen verfügt, bei denen, die ihn k ennen, das Lob eines Unbek annten singt. Ich weiß aber, daß du ihm nie eine solche Aufg abe übertrag en hä ttest, ohne zuvor seine Fä higkeit und seinen Charakter er probt zu haben. Ich hatte g ehofft, du würdest m ir über ihn etwas m ittei- 65 len und m ir außer einigen Ang aben über ihn auch von eurer Bekannt schaft berichten. D enn ich glaube, in deiner Bereitschaft, anderen zuzuhö ren, hättest du es nicht ertrag en, einen Menschen g ef unden zu haben, der über wichtig e D ing e etwas zu sagen hat, ohne häufig e, ja ständige Gesprä che m it ihm z u f ühren, zum al weg en der Gesandtschaft Unterredung en über solche Them en f ür uns notwendig sind. D enn stets sind mit den Botschaften nach Rom auch theologische Frag en verknüpft, entweder 70 weil davon vorzug sweise die Rede ist oder weil es überzeugender wirkt, wenn die Gesandten solches vorbring en; denn sie sind sich bewußt, daß man ihnen, wenn sie nicht auf solche (Themen zu sprechen kommen), nur ungern zuhört. D ie (Vertreter) der Kirche1 2 würden j a nicht f ür Geld, Heiratsverbindung en oder andere weltliche (Güter) Bundesg enossen schaft g ewähren, sondern nur Reden über die D ogm en klingen ihnen an g enehm, und sie lassen sich (nur dann) f ür Vorschläg e g ewinnen, wenn 75 sie sich daraus das Einverständnis13 erhoff en k önnen, f ür das sie sog ar als P reis ihre Seele g eben würden. Man hätte also, da du von so bewun dernswerter Wißbeg ier beseelt bist und der Magister dir Belehrung anbot,
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
erwarten können, daß ihr viel Interessantes m iteinander im Gesprä ch aus g etauscht habt. D avon also hoffte ich etwas in deinen Briefen zu finden, 80 und ferner darüber, ob dabei auch von m ir die Rede war. D enn offensicht
lich wollte jener das, was er dachte, m itteilen, aber die Zung e folgte ihm nicht; du aber fühltest dich im Stich g elassen und warst betrübt, als wür dest du um etwas Kostbares betrogen. Es hätte also nicht ohne Grund ein zufä llig er (Beobacht�r) sag en können: «Aber wo bleibt denn der . . .?» 14
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und weiter, daß ein D olmetscher doch eine sehr g ute Sache sei, weil er die Gesprächsteilnehm er durch seine Zung e zusamm enführe und (Menschen) dazu bringe, einander kennenzulernen, die sich zuvor wie Tiere begegne85 ten 1 5 . Von diesen D ingen also hast du nichts geschrieben, zu Un�echt,
wenn sie sich ereignet haben; wenn es aber von vorneherein nicht einm al dazu g ekommen ist, bin ich allerding s verwundert, daß j em and, der in Flamm en steht und auf eine schön dahinfließende Quelle stößt, sie unbe achtet läßt. Ich fürchte aber, daß du das Gesagte nicht der Rede wert befandest und deshalb schwieg st. Du würdest j a, wie du bist, nur über etwas Bedeutendes ins Staunen g eraten. K OKyd: Kyd. schreibt aus der Distanz seines üblichen Aufenthaltsortes, zumal er auf I. einen Brief des Kaisers anspielt (s.u., Ep ) . E: Der Adressat des Briefes ist ein Kaiser ( Z. 1 3 . 3 3 A2A7), zweifellos Manuel, zum al in LetMan Nr. 8 auch die Antwort auf diesen Brief erhalten ist. OE: Der Brief setzt die bedrängte Situation Kaiser Manuels in Thessalonike voraus; sie ist Anlaß der erwähnten Gesandtschaft an den Papst. D: Für die Datierung gilt dasselbe wie für T3 0 1 . II. BKyd: Die Umdeutung eines Theognis-Zitates i m vorausgehenden Brief Manuels gibt Kyd. Gelegenheit, ein Loblied auf die Freiheit zu singen (ZA-20) und den Kaiser zu preisen, weil er sie mit dem Einsatz aller Kräfte verteidige ( Z.20 - 27), was Gott ihm mit Erfolgen lohnen werde (Z.27 - 3 4 ) . So habe er sich darüber gefreut, daß der Kaiser eine Gesandtschaft
an den Papst abgeschickt habe, die freilich bei den kleinlichen Hesychastenmönchen (über die er sehr abfällig urteilt) auf wenig Gegenliebe stoße; doch habe der Kaiser Gott und nicht ihnen zu gehorchen (Z.34-43 ) . Manuel habe sich nun gleichsam mit Kyd. solidarisiert und müsse fortan mit denselben Vorwürfen rechnen (ZA3 - 48 ) . Zwar habe er Kyd. nicht frühzei tig von der Gesandtschaft unterrichtet, doch habe Kyd. inzwischen ein Empfehlungsschreiben für sie an den Papst gesandt (ZA8 - 5 3 ) . Kyd. entwirft hier ein übertrieben idealistisches Bild vom Ethos der römisch-katholischen Abendländer im Gegensatz zu den eigenen Landsleuten (Z.53 - 5 6 ) . Schließlich äußert er unverhohlen seine Enttäuschung, daß Kaiser Manuel ihn nicht zu einem Gespräch mit einem Abgesandten der römischen Kirche in Thessalonike (s .u., X4 ) als Dolmetscher eingeladen habe ( Z.78 - 8 7 ) . BE: Auch aus der Antwort Manuels auf diesen Brief (LetMan Nr. 8) wird nicht klar, ob Manuel mit dem lateinischen Magister ( X4 ) diskutiert hat, was Kyd, jedenfalls erwartet hätte ( Z. 60 - 8 8 ) , doch ist dies eher unwahr-
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BRIEF T302
scheinlich, da Manuel entsprechend einer Andeutung des Kyd. (Z.82 - 84 ) wohl über keinen geeigneten Dolmetscher verfügte. Xl: Ein gewisser Pothos (Z.3 5 ) . Seine Beziehung zu den im folgenden getadelten Hesychastenmönchen ist nicht klar, doch scheint er zu den Kritikern der Gesandtschaft zu gehören. Davon geht jedenfalls Dennis (LetMan LI) aus, wo er ihn zur « anti-Latin party» zählt. PLP 23433 schließt seine Identität mit den Adressaten der Briefe L234 ( zu datieren auf 1 3 8 9/90?) , LetMan Nr. 17 und dreier Briefe des Theodoros Potamios ( Edition: LetMan 224 f. ) nicht aus. DenReign 1 3 9, A. 1 4 äußert sich über seine Identität zurückhaltend. X2: Der « Höchste» ( s .u., A. 1 0 ) in Rom (Z.5 1 ) , Papst Urban VI.; s.o., T3 0 1 , X 2 . X3: «Unser Abgesandter» (Z.59), wohl der Leiter der von Manuel entsandten Delegation an den Papst, von Kyd. diesem brieflich empfohlen ( Z.59 f. ) . X4: Ein aus dem lateinischen Bereich stammender « Magister» (Z.60.77; s.u., A. l l ), der sich offenbar eine Zeitlang in Thessalonike aufhielt, neben Euthymios (s.o., T3 0 1 , X3 ) Teilnehmer an der Gesandtschaft Manuels 11. zum Papst, aber Kyd. nicht persönlich bekannt ( Z. 6 l f. ) . Zur Person, die nicht näher zu identifizieren ist, vgl. auch DenReign 1 3 7 und 1 4 1 und oben, BE. ZC: Die Proble matik aller Hilfsgesuche an die römische Kirche wird treffend dargestellt. Sie ist auf den kurzen Nenner zu bringen, daß ohne den Abschluß einer Union (sc. im römischen Sinne) keine Hilfe zu erwarten war (Z.69 - 76 ) . Epl: Ein vorausgehender �rief Manuels an Kyd., der die Deutung des Theognis-Zitates enthielt, ist aus Z.4 - 1 6 zu erschließen, wird aber auch Z.79 ausdrücklich erwähnt. Z.64 f. deutet an, was er nicht enthielt. Ep2: Ein Empfehlungs schreiben des Kyd. an den Papst zugunsten der Gesandtschaft Kaiser Manuels (Z.48 - 5 6, insbes. 5 6 - 6 0 ) . III .
Hss: A 3r - 34r, Nr. 9 ; U 47rv, Nr. 6 3 . Ed: L R 93 - 9 6 , Nr. 1 (mit frz. Resümee) .
Üb:
LetMan 22, A. 1 ( Z . 1 - 1 7, 2 0 - 24, 2 7 - 29, 49 - 52, 5 6 - 59, engl. ) ; DenReign 1 3 9 ( Z.34-40, engl. ) . Lit: DenReign 1 3 6 - 142. IV. 1
Theognis I 1 75 f. : « Armut knechtet den Edlen schlimmer als andere Ü bel, Kyrnos,
weit schlimmer noch als Alter und fiebriger Frost. Auf der Flucht vor der Armut soll man sich in des Meeres Tiefen stürzen, hinab auch von dem ragenden Fels. » ( Ü bers. D. Ebener. ) 2
W. : oo
3
w.: . . . TtEQl mlVLwv dQi'jo8m "to ETtO�, ÖOOl� E
EXEl. 4 W. :
W.: TtUQE
=
es soll beiläufig bemerkt
sein). 9 W.: EXELOE. 10 W. : "tov XOQU
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
12 Sc. der römischen Kirche, die aus der Sicht des Konvertiten Kyd. die « Kirche» schlechthin ist. 13 W. : 0llovo(m;. Anspielung auf die Kirchenunion, die man in Rom als Vorbedingung für jede militärische Hilfe ansah. 14 W.: no'Ü ÖE 0 ÖElvu; Zweifellos spricht Kyd. von sich selbst; er hatte eine Einladung erwartet, als Dolmetscher zu fungieren. 15 Auch diese Bemerkung in indirekter Rede gehört noch zur Ethopoiie des « zufälligen Beo bachters}}.
303 L: 303; OKyd: Konstantinopel; E: Rhadenos; OE: Thessalonike; D: Ca. Mai/Juni 1 3 85;
wI: Rhadenos hat Kydones vorgeworfen, seinen letzten Brief nicht beantwortet zu haben, zu
Unrecht, aber offenbar ist ein Brief des Kydones nicht angekommen, was dieser aber nicht bedauert, denn eigentlich hatte er, weil ein Wiedersehen nicht mehr zu erhoffen sei, nicht mehr schreiben wollen, hatte aber dann doch geschrieben, ermutigt durch einen kurzen Be such des Rhadenos im Winter und dessen Versprechen, er werde im Frühjahr wiederkommen. Da er aber nun einsehen muß, daß Rhadenos dies Versprechen gebrochen hat, bedauert er auch den Verlust des Briefes nicht und mahnt ihn sarkastisch, sein Glück an der Seite Kaiser Manuels zu genießen, von ihm aber kein weiteres Lebenszeichen mehr zu erwarten.
Ich freute m ich, daß der Brief dir nicht überbracht wurde, den du, wie 5 du uns vorwirfst, nicht erhalten hast; denn ich habe g eschrieben und das
Gesetz g ebrochen, das einen gerechten Anlaß hatte, näm lich den: Men schen, die nicht darauf hoffen können, einander wiederzuseheni, (sollten) den sinnlosen Austausch von Briefen (einstellen), damit nicht die durch Briefe (beschworene) Erinnerung unversehens die Sehnsucht nach dem Unm ög lichen vergrößere. Und ich wäre auch beim G esetz des Schweig ens verblieben, wenn nicht du, als du im Winter kamst, Hoffnung en g eweckt 10 hättest, im Frühling zu uns zurückzukehren. D a ich aber jetzt sehe, daß
du m ich getäuscht hast, freue ich m ich zu erfahren, daß dir der Brief g lücklicherweise nicht zugestellt wurde. D enn was nicht hätte geschehen sollen, wenn ich es vorher g ewußt hä tte, erg ab sich nun zu m einer Freude von selbst. Nimm also zur Kenntnis, daß du durch deine Tä uschung m einen (Entschluß, m ich an) das G esetz (zu halten, nur) bestärkt hast. Fortan wirst du also erleben, daß wir im Schweigen m it den Pythago reern2 wetteifern; denn selbst wenn m ein Verstummen, wie du sagst, dich 15
betrüben sollte, wird dies m eine Zung e nicht in Beweg ung setzen. D enn was wird es m ir erstens bedeuten, ob ihr euch betrübt oder freut, die ich
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BRIEFE
T302-303
ent schlossen au s m einem G edächtnis vertreiben will? Wenn f erner du selbst f ord erst, dich nicht d urch Schweigen zu betrüben, kann ich m it Recht auch von d ir verlangen, d aß du m ir nicht durch d ie Aufforderung zum Schreiben d as Herz schwer m achst. Denn mit d em Schreiben ist di e Erinnerung, m it d ieser aber, w ie g esagt, d er Schmerz eng verbund en. Aber 20 wie könnten d ich, d avon abg esehen, Brief e von uns jetzt ( noch) erf reuen, d a d ir von allen Seiten eine Fülle von Freud en zust römt, w eil d er ruhmrei che Kaiser d ein G ebieter ist3 ? Das wäre so ä hnlich, als wenn j em and zu Hau se über eine Quelle verf ügt e u nd d ann weg en eines Wassertropfens z um Nachbarn lief e. Spott e also nicht, indem du versicherst, d aß Briefe von einf achen Leuten d ich erfreuen, und vorg ibst, sie d en gegenwärt igen Freud en vorzuz iehen. 25 Denn sie - oder, wenn du wi llst, ihr Urheber - st anden d ir ja zur Verf ü gung, und du bist ihnen doch, w ie einem Gefängnis und ( seinen) Ketten, beinah im Flug e entflohen. Den Freuden aber, zu denen du dich jetzt ( so) eilig begeben hast, bist du d erm aßen verf allen, d aß du sog ar bereit bist, f ür sie Belageru ng en und G ef ahren zu ertragen, - w ohl ein deutlicher Beweis d af ür, d aß du alles ( and ere) vergessen hast und nur nach ihnen gierig verlangst. Denn d eine Behauptung, gegen ihren Zauber seist du ge feit u nd keine von ihnen könne d ich vom g esteckten Ziel abbring en, d ei- 3 0 nen ( ang eblich s o) wunderbaren, nicht einmal von P hilosophen erreichten Gleichm ut und all d as andere, w as du f eierli ch d aherred est, all das werde ich (d ir), bevor es Wirklichkeit geworden ist, nicht g lau ben, sondern an nehm en, d aß du es gesagt hast, um m ir etw as vorzu spiegeln, u nd m ir erlauben, d ie Richtigkeit (meiner Annahme) au s deinen Tat en zu erschlie ßen. Dies aber sage ich nicht, um d ir Frohsinn und Freud e zu verderben ich w ünsche d ir j a (noch vi el) m ehr Glück -, sondern weil m an auch in 35 froher Stimmung bei d er Wahrheit bleiben sollt e und so auch du Taten und Wort e in Einklang bringen solltest. So bleibe d enn, freue d ich, solange es m ög lich ist, an d er G üt e d es Kaisers u nd nutz e di e d ir g ebotene G ele genheit! M ich aber ( suche) nicht zu umzu stimm en\ d enn ich bin, wi e d as Sprichw ort sagt, ein «gut f est lieg end es Ü beh>5. K 1. OKyd: Kyd. schreibt von seinem gewohnten Aufenthaltsort aus, wo Rhadenos ihn kürzlich besucht hat ( Z. 9 ) und bald wieder besuchen wollte (Z.9 f. ) . E, OE: Die Anspielung auf T2 84 (s.u., A. l ) beweist, daß es sich um denselben Empfänger an demselben Ort handelt. D: Siehe TinnFreund 223, A.62; 242, Nr. 47.
209
ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
11. BKyd: Kyd. sieht sich durch das nicht eingehaltene Versprechen, im Frühjahr wieder zukommen, das Rhadenos bei seinem geradezu unhöflich kurzen ( Z.26!) Besuch im Winter
gab (Z.9 f. ), getäuscht (Z. 1 0 ); darüber zutiefst erbittert, will er nun noch entschiedener bei seinem Entschluß bleiben, die Korrespondenz mit ihm zu beenden ( Z. 1 2 - 1 6 ) , und verbittet sich daher auch seine Appelle, ihm zu schreiben ( Z. 1 6 - 1 8 . 3 8 ) . Rhadenos habe sich nun für das Verbleiben bei Kaiser Manuel entschieden, und so möge er auch bei ihm sein Glück finden ( Z.20 - 2 8 ) . Doch wirft er ihm zugleich vor, den « Freuden» beim Kaiser wie ein Sklave verfallen zu sein (Z.27) und nach ihnen gierig zu verlangen (XEX11vEvm, Z.29 ) . Zu der hier gegebenen psychologischen «Dreieckssituation» siehe TinnFreund 220. D afür bezeichnend sind auch die dem Kaiser gegebenen Epitheta «AUIl1tQ6�» ( Z.2 1 ) und « ayu86�» (Z.37), die zwar positiv klingen und doch ein Zeichen der Eifersucht sind, zumal Kyd. sich selbst zu den «einfachen Leuten» (tÖtün:m) zählt ( Z.23 f. ) , die mit einem Kaiser nicht konkurrieren können. BE: S.o., BKyd. Xl: Ein Kaiser ( Z.21 f. 37), bei dem Rhadenos sich aufhält, Manuel II. ZC: Es ist zwar von « Belagerung» und « Gefahren» die Rede (Z.2 8 ) , aber der Besuch des Rhade nos beweist, daß die Reisewege (zur See!) nicht behindert waren. Aus dieser Sicht ist auch die in T3 02 (Z.79 H.) von Kyd. angedeutete Erwartung, als Dolmetscher nach Thessalonike eingeladen zu werden, nicht unrealistisch. Ep1: Ein Brief des Kyd. an Rhadenos, der nicht ankam (Z.4 f. 1 0 - 1 2 ) TinnFreund 242, Nr. 45, zu datieren auf ca. März 1 3 85 . Ep2: Ein Brief des Rhadenos an Kyd., in dem dieser ihn zum Schreiben aufgefordert ( Z.4 f. 1 7 f. 3 8 ) =
und Freude a n seinen Briefen bekundet hatte (Z.23 - 2 5 ) TinnFreund 242, Nr. 46. III. Hss: A 34r v, Nr. 1 0 ; U 47V-48\ Nr. 64. IV. 1 S.o., T2 84, Z. 1 0 - 1 3 .23 - 27. 2 Zum Schweigen der Pythagoreer s.o., Bd. 111 , T30, A.2. =
3 W.: XOQllYov EXWV 'tOV AUIl1tQOV ßUOLAEU. Man würde mit Bezug auf das vorausge hende iP eigentlich EXOV'tl erwarten. 4 Kyd. bezieht sich auf den Entschluß, nicht mehr zu schreiben. Das hier mit «umstim men» übersetzte X(VEL gehört zu dem in A.5 erklärten Sprichwort. 5 Anspielung auf das Sprichwort Mi] XLVELV XUXOV Ei; XE(IlEVOV « <Es ist besser, ein Ü bel, das gut festliegt, nicht in Bewegung zu setzen » ) . Gemäß Paroem 11 39, Nr. 23 ist es auf Menschen zu beziehen, die sich aus Unwissenheit in Schwierigkeiten verstricken (E1tL'twv EmJ1:0L� ES ayvo(u� 1tQa.YIlUW EYELQ6v'twv) . Vgl. die deutsche Redensart: « Nur j a nicht daran rühren! » So soll auch Rhadenos seinen Mentor Kyd. fortan in Ruhe lassen, um sich Kummer zu ersparen.
304
L: 304; OKyd: Konstantinopel; E: Kaiser Manuel 11. Palaiologos; OE: Thessalonike; D: Mai/Juni 1 3 85; wI: Manuel habe ohne die Hilfe anderer einen Brief von hoher stilistischer Vollkommenheit geschrieben und damit bewiesen, daß er zugleich Kriegsheld und Schriftstel ler sein könne; doch solle er nun seinen rhetorischen Ehrgeiz zügeln und sich voll auf den Kampf gegen die Türken konzentrieren.
210
BRIEFE
n 03-304
Ich freute mich, als ich d en Brief las, d a ich erkannte, d aß meinen Landsleuten noch di e Fähig keit zur schönen Red e erhalten gebli eben i st.
5
Denn i ch w ar überz eugt, entw ed er einer von di esen habe i hn g anz verf aßt oder er enthalte vi el von anderen, di e di r beim Auffinden u nd Zu samm en f ügen d er Wortel behilflich waren. Denn d aß du i hn selbst g eschri eben hättest - leichter stellte ich mir vor, du könntest f li egen als d azu imstande sein! Da allerdi ng s di e ehrwürdig ste d er Kaiserinnen bezeugt, j ener ( Bri ef ) sei di e alleinig e g ei stig e Lei stung i hres Sohnes, und da der Ü ber- 1 0 bring er schw or, d u hättest bei d er Arbeit a n di esem Brief keinen Helfer gehabt, hörte i ch auf, mi ch (nur) zu freuen und beg ann zu staunen, wei l ich in g anz kurzer Zeit bei dir ei nen (so) großen Fortschritt in d er Wort kunst2 beobachten konnte. Denn du hast zweifellos so sehr, als wärest du bei Hermes selbst in di e Schule g eg ang en, in d er Rhetorik d azugelernt3, so d aß ich d enen nicht g lau ben konnte, di e behaupteten, d aß du d ein Leben (zuglei ch) unter Waff en, in kri eg eri schen Aus ei nand ersetzungen und in einem solchen Labyrinth von M ühsalen verbring st. Denn di e 1 5 Schönheit d es Bri ef es kündete laut, d aß sein Verf asser in ti ef er Seelenruhe lebe. Dies also w ar d er Vogel des Zeu s, u nd (um ihn) di e verg eblich kräch zenden Vög el, w obei Pindar d as eine auf di e Natur, das andere auf di e (erlernte) Kunst bezieht4• Denn du hast, allein au s der Natur schöpf end, wi e ein Vogel viele hi nter di r g elassen, di e nur mit rhetori scher Technik den Lauf d er Worte zu vollenden su chen. Ich aber w ürde dir di e Sprachg e- 20 w alt eines Demosthenes w ünschen und m öchte ( erleben), d aß du für d eine öffentli chen Reden Beif allsstürme erntest. Ni chts i st ja stärker, nichts be g lückender als ein M ann kaiserli chen Ranges, d en G ott in d er Öffentlich keit mit Worten krönt5. Denn durch diese ni cht wenig er als durch Waffen unterwirft er seine Wid ersacher; mit Hi lf e beider aber könnte m an sog ar Babyi on und Nini ve6 erobern, und wer mit ihnen ausgerüstet i st, wi rd die 25 M ehrheit (der M enschen) u nd (gerade) di e Fähig en zu seiner Dienerschaf t zählen. Wi e aber beid es sich ( nur) schwer bei einem M anne vereint, so i st es ( noch) schw erer, beide zugleich zu mei stern. Wenn es (dir) also m ög lich i st zu reden, ohne di e Zeit für d as dringend Notwendig e zu beschneid en, nutze deine Beg abung, di e di r in vi eler Hinsicht nütz en kann. Wenn aber di e Zeit f ür beid es ni cht reicht, d ann gi bt es - bei G ott - zum Red en and ere g ünstig e Geleg enheiten, di e ( G egenw art) aber sollte g anz den Ope- 30 rati onen g eg en di e Feinde g ewidmet w erden. Denn allen i st es wi chtig er, sich i hrer Bedränger zu entledigen, als d as Ang enehm e zu g eni eßen. Wi e
211
ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
du also auf and eres verz ichtest, was d ich begeistern oder d einen Ruhm mehren könnte, so züg le au ch die ( an sich) gute Begierde und enthalte d ich jetzt auch d er Red en. Wenn aber G ott es dir verliehen hat, an seinen Feind en7 für ihren Frevel d ie verd iente Strafe zu vollz iehen, d ann gib d ich 35 d er Red ekunst hin, singe ( Sieg eslieder) und labe d ich reichlich an ihr bei
Tag und bei Nacht . Vielleicht aber w erd en auch wir d abei zugegen sein, wenn du uns am Fest schmaus t eilnehmen lä ßt . K I. OKyd: Kyd. befindet sich am gewohnten Aufenthaltsort, fern von Kaiser Manuel (Austausch von Briefen, ZA; Hoffnung auf ein Wiedersehen, Z. 3 6 ) . E, OE: Ein Mann kaiser lichen Ranges ( uvY]Q ßamAEv�, Z.22 ), der gegen gottlose Feinde zu kämpfen hat (Z.30.34), zweifellos Manuel in Thessalonike. D: Der Brief kann nicht später als Juni 1 3 85 geschrieben sein, aber auch kaum vor Mai, denn in einem nicht lange vor 2 8 . 6. 1 3 8 5 geschriebenen Brief, T3 0 8 , nimmt Kyd. die hier ausgesprochene Mahnung, Manuel möge sich auf den Krieg konzentrieren, mit Bedauern zurück. 11. BKyd, BE: Kyd. lobt zwar die rhetorischen Fortschritte des Kaisers, zeigt sich aber in beinahe herablassender Weise darüber verwundert ( ZA - 1 3 ) , weil zu gleicher Zeit an die Verteidigungsbereitschaft des Kaisers hohe Anforderungen gestellt würden ( Z. 1 3 - 1 6 ) . Er lobt es zwar, daß Manuel militärische und rhetorische Begabung in sich vereinigt ( Z. 1 6 - 27), ermahnt ihn aber, in der gegenwärtigen Situation seinen rhetorischen Ehrgeiz zu zügeln und sich in vollem Umfang den militärischen Aufgaben zu stellen ( Z.27 - 3 6 ) . Im ganzen läßt der Brief trotz seiner enkomiastischen Tendenz eine gewisse Gereiztheit des Verfassers spüren. Man vergleiche T265, wo Kyd. den Kaiser ebenfalls für die Verbindung beider Fähigkeiten preist, sich aber noch nicht in so auffallender Weise darüber wundert und auch nicht zur Mäßigung im rhetorischen Eifer mahnt. Vermutlich ist es die inzwischen schon lange an dauernde Belagerung Thessalonikes, auf die Kyd. allmählich mit Ungeduld reagiert, wie sie auch die vorausgehenden Briefe an Rhadenos erkennen lassen. Xl: Die ehrwürdigste der Kaiserinnen (Z.8 f. ) , Helene Palaiologina, Mutter Manuels 11. ( PLP 2 1 3 6 5 ) . X2: Der Über bringer von Manuels Brief an Kyd. (Z.9 f. ) . ZC: Thessalonike wird nach wie vor von den « Gottlosen» ((UJEßEL�, Z.34) bedroht; die prekäre Situation fordert alle militärischen Kräfte ( Z.29 - 3 3 ) . Ep: Kyd. lobt einen stilistisch vollendeten Brief des Kaisers, den er soeben erhal ten hat ( ZA - 1 5 ) . Der Brief findet sich nicht in der Briefsammlung Manuels (LetMan) . III. Hss: A 34v - 3 s r, Nr. 1 1 ; U 48v- 49v, Nr. 65. IV. 1 Auffinden, gr. EÜQEm�, lat. inventio; Zusammenfügen, gr. Ouv8�'Kr], lat. compositio, rhetorische Begriffe. 2
W. : f,lEyaA'Ylv . . . JtQo� A6you� EJt(ÖOOLV.
3 4
W. : 'tÜ 'tEXVl] nQooE81'p
5 W.: wonEQ uvÖQo� ßaoLAE(j)� � eEO� EV uyoQÜmv EJtEOL O'tE
212
BRIEFE T304-305
Phaiakenprinzen Euryalos bemerkt, ein Gott könne die Gestalt eines unansehnlichen Mannes durch die Redekunst « krönen» , d . h. verschönern ( . . . BEO<; !loQ
305 L: 305; OKyd: Konstantinopel; E: Rhadenos; OE: Thessalonike; D: Mai/Juni 1 3 85; wI: Erneute Erläuterung des Entschlusses, die Korrespondenz abzubrechen: Wenn keine Hoff nung auf ein Wiedersehen bestehe, bringe ein Briefwechsel mehr Schmerz als Freude; nun werde aber Rhadenos im Dienst Manuels II. verbleiben, um seine Vaterstadt zu verteidigen, er selbst in Kürze (sc. nach Italien) abreisen; zudem sei ein privater Gedankenaustausch kaum
möglich, weil seine Korrespondenz (wohl von einer Zensurbehörde) vor der Aushändigung geöffnet und gelesen werde. Das Versprechen des Rhadenos, seinem « Vorhaben» treu zu bleiben, erinnert ihn an glücklichere Zeiten, als beide gemeinsam beschlossen, ein Leben für die Philosophie zu führen; doch könne er derlei Beteuerungen, wenn er die gegenwärtige Situation des Rhadenos berücksichtige, nicht mehr ernstnehmen.
Du w irst glauben, d er Brief sei voll von scherzhaft ( G em eint em), und vielleicht enthält er etw as d avon, ( aber) mit M aßen u nd keinesweg s ( nur),
5
sondern es ist ihm auch Ernst beigemischt ; ich habe ja nicht leichtfert ig, weder früher1 noch j etzt, gute Gründe f ür mein Schweigen genannt. Denn erst ens ist es, wie ich d am als schon sagt e, u nklug, sich selbst freiwillig Kumm er zu bereit en, zum al, wenn er nicht s nütz en kann. Die Sehnsucht aber u nd die Erinneru ng an d as Unerreichbare bringt d och w ohl denen großen Schmerz, d ie es nicht erlang en w erden. D aß aber ich u nd du ein- 1 0 a nder einm al wiedersehen, w ird, sow eit m an e s aus der g eg enwä rtig en Situ ation schließen kann, nicht so l eicht eintret en. Denn du wirst es weder f ür gewissenhaft halt en, dich j etzt d er Verteidigung d einer Heim at zu ent ziehen, noch f ür anständig, d en Kaiser und Freund, d er d ich bei sich zu haben w ünscht, zu verlassen; zudem p lane ich, d a viele Gründe mich d azu drängen, von denen du einig e schon kennst, and ere aber jetzt erst hinzugekommen sind, die Abreise . Diese w ird also in Kürz e erfolgen, wenn sich kein unüberwindliches Hind ernis einst ellt. D aher versuche ich 1 5 das, was m ir hier lieb und teuer ist u nd mich d avon abhalt en könnt e, zu vergessen; es sind viele ( Dinge), und als eines von d iesen sehe ich d ich an! Diese ( Erinnerung ) aber wird - d avon bin ich überz eugt - durch (unser)
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
Schweigen ( allmä hlich) absterben. Zugleich w ird es aber auch f ür d ich gut sein, wenn du au s d einem G edächtnis verbannst, was f ür d ich nicht erreichbar ist. Dies ist das eine Argument, u nd vielleicht reicht es zur Begründung d es Schweigens bereits aus. Ein anderes aber : Viele erhalt en d ie von hier nach dort u nd d ie von 20 dort nach hier gesandt en Briefe eher als wir, u nd d as ist au s Folgend em
ersicht lich : Sie w erden u ns mit großer Verspätung au sgehä nd igt, an kei nem ( Brief) ist zu erkennen, d aß d as Sieg el Sicherheit gewä hrt e2, u nd wir bekomm en bereit s vor (dem Eint reff en) d er Briefe von and eren zu hören, was bei euch (g eschieht). So halten wir es au ch au s d iesem Grund f ür sinnlos zu schreiben, wenn wir auf diese Weise eher m it j ed em beliebigen als m it unseren Freund en ins Gespräch komm en3, zum al j etzt ( schon) d as 25 allgemein Bekannt e Verd acht erregt und ein einzig es Wort genügt, d en,
d er es schrieb, ins Verd erben zu stürz en. Soviel also d arüber. Wenn du aber sag st, nichts von dem, w as viele berücke, könne d ich von d einem Vorhaben abbring en, g ibst du d am it ein Rät sel auf, da es viele Dinge g ibt, d ie dich anlocken könnt en. M einst du also mit dem «Vorhaben » d as, was du d ir jetzt (gerade) vorgenommen hast, d ann bin ich einverst and en; d enn ich sehe, d aß d ir d ieses Ziel ange30 messen ist und du auch d as leist est, w as d em Ziel ent spricht. Wenn du
aber auf d as ansp ielst, w as du d ir einst einm al vorgenomm en4 hatt est -
d arüber hast du j a auch jenen kleinen Brief verfaßt5 -, w ürde ich m ich vielleicht täuschen lassen, wenn ich jetzt nicht sä he, d aß du andere Ziele verfolg st. Dennoch ist es in d er g egenwärtig en Situation bereit s schön, sich bloß d aran zu erinnern. Doch sei d ies auf d en f olg end en Tag verscho ben. Da du aber, w as d as Jetzt betrifft, glau bst, eine günstige Gelegenheit w ahrgenommen zu haben, bleibe, (w o du bist,) d iene nach ( besten) Kräf ten denen, d ie für d ein Wohlerg ehen sorg en, und laß d ich überz eug en, 35 d aß es gegenwä rt ig w ie auf stürmischer See g efährlich ist, au s dem Schiff
zu springen. Dies soll d ich aber nicht d aran hindern, au ch an d as zu d enken, w as wir oft miteinander besprochen haben. Denn ich glau be, von jenen Worten hat nicht eines verdient, vergessen zu werden. K I. OKyd: Die von Kyd. angedeutete Briefzensur (s.u., BKyd) bezieht sich eindeutig auf die Situation in Konstantinopel. E: Die Erwähnung eines gemeinsamen «Vorhabens» erinnert an Entsprechendes in anderen Rhadenos-Briefen (s.u., BE und AA). OE: Rhadenos soll dort bleiben, wo er ist ( Z.34), um seine Vaterstadt, sc. Thessalonike, zu verteidigen ( Z . l 1).
214
BRIEFE TJOS -306
D: Der Brief ist gemäß TinnFreund 223, A.63 und 242, Nr. 48 sehr bald nach L303 geschrieben.
( T303) =
11. BKyd: Kyd. will bei seinem Entschluß, die Korrespondenz mit Rhadenos abzubre chen, bleiben ( ZA - 7), denn ein Wiedersehen sei noch unwahrscheinlicher geworden, seit er nun fest entschlossen sei, die Reise ( sc. nach Italien) anzutreten (Z. 7 - 1 5); ferner sei wegen
der Kontrolle seiner Briefe (s.u., ZG) ein persönlicher Gedankenaustausch behindert ( Z. 1 8 25). Er zeigt Verständnis für die Entscheidung des Rhadenos, i n Thessalonike z u bleiben ( Z. l 1 f. 3 3 - 3 5), und freut sich, daß jener sich wenigstens an seine früheren Versprechungen erinnert (Z.32.35 - 3 7). BE: Die erneute Ankündigung des Rhadenos, demnächst gemäß sei nem früheren Vorsatz ganz für die «Philosophie» zu leben (Z.26 - 3 1 ; dazu AA), läßt wenig Realismus bzw. Ehrlichkeit erkennen. In Wirklichkeit hat er sich längst entschieden, bei Kai ser Manuel in Thessalonike auszuharren ( Z . l 1 f. 3 1 .34). Xl: Ein Kaiser, bei dem sich Rhade nos aufhält ( Z . l l): Manuel 11. ZG: Loenertz ( zu Z . 1 3) nimmt an, daß der weitere Grund für eine baldige Abreise, den Kyd. andeutet ( ebd.), der erneute Ausbruch von Feindseligkeiten zwischen Ioannes V. und seinem Sohn Andronikos sein dürfte. Damit im Zusammenhang steht wohl auch die Nervosität der Machthaber in Konstantinopel (Kai.ser Ioannes Y. und seine Regierung), die das Privatleben der Bürger bespitzeln und ihre Post kontrollieren; auch Kyd. ist davon betroffen (Z.20 - 25). Die Belagerungssituation Thessalonikes dauert an (s.o., BE). Ep: «Jener kleine Brief» des Rhadenos; s.u., A.5 . III. Hss: A 3 Yv, Nr. 12; U 49v - 50', Nr. 66. IV. 1 S.o., T2 84, Z. 1 0 - 1 3 .23 - 27; T3 03, Z.5 - 8 . 2 W. : T<{) fllJÖEflLQ. Tilv (mo Tfj� aQay(Öo� aauAELav EvoQä.a8at. Die Edition bietet fllJÖquuv (mit falschem Akzent), welches der Film des Autographen A nicht bestätigt. Zu der hier angedeuteten Briefzensur s.o., ZG. 3 Kyd. will hier wohl andeuten, daß die Zensurbehörde gleichsam zum unerwünschten Briefpartner wird. 4 Etwa im Jahr 1 3 75 faßten Kyd. und Rhadenos den Plan, sich fortan ganz dem intensi ven Studium der «Philosophie» zu widmen und aus diesem Grund auch auf eine eheliche Bindung zu verzichten ( dazu TinnFreund 2 3 0 - 234). 5 Gemeint ist wohl der Brief, der T303 vorausging ( TinnFreund 242, Nr. 46), da dieser gemäß T3 0 3 , Z.30 bereits eine Beteuerung des Rhadenos enthalten hatte, nichts werde ihn von seinem «Vorha ben» abbringen. =
306 L: 3 0 6; OKyd: Konstantinopel; E: Kaiser Manuel 11. Palaiologos; OE: Thessalonike; D: Mai/Juni 1 3 85; wI: Gegen den Appell des Kaisers an Kydones, in Konstantinopel zu bleiben, argumentiert dieser mit einem Vergleich der Situation dort und in Thessalonike. Während man in Thessalonike noch um die Freiheit kämpfe, bestehe in Konstantinopel die Souveräni tät des Reiches nur noch formell, in Wirklichkeit habe man (sc. Kaiser Ioannes Y. ) sich bereits der türkischen Sklaverei ausgeliefert. Daher lehne es Kydones in diesem einzigen Fall ab, der Anweisung des Freundes zu gehorchen.
215
ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
M anche meinen, d aß es euch schlecht er g ehe als uns hier, weil w ir 5 angeblich vor d em Feind Ruhe haben u nd d ie Erträge, d ie d er Jahreslauf
bringt, in Sicherheit einbringen können, ihr aber ständ ig m it ihm zu kämp fen und an d en Wunden und Unbild en des Krieges zu leid en habt . Ich aber t eile nicht ihre Ansicht, sondern behaupt e, d aß sie offensicht lich von Sinnen u nd verblendet sind . Denn w enn wir als Sieger im Kamp f u nd nach Vertreibu ng d er Angreifer sorglos unseren Besitz genießen könnt en, 1 0 wäre es zutreffend, unsere Lag e g lücklich zu nennen und von vielen zu
fordern, d aß sie d ie Freud e über unsere Leistung teilen. Wenn uns aber d ie Barbaren (nur) deshalb, weil w ir ein für allem al eingew illigt haben, ihnen zu d ienen, fort an wie Ihresgleichen verschonen, wie könnt e m an ihre Nachsicht uns ( als Verd ienst ) anrechnen? Ich g lau be vielmehr, d aß diese Red en schamloses Geschwätz sind, es sei d enn, m an w ollt e behaup t en, einer, d er im Ringkampf schon besiegt am Boden lieg e, sei d em über15
legen, der w eit er kämpft, d em Gegner zu setzt u nd (som it ) Anlaß hat, d en Sieg ( für sich) zu erhoffen. So kann m an eure Lage eher als Unglück d enn als eine Schande be zeichnen. Dieses aber d en Unt erlegenen vorzuwerfen, w ürd e sich nie mand unt erstehen. Es kennzeichnet vielmehr d en w ahren M ann, beherzt gegen das Schicksal anzukämpfen, und w ir kennen viele, die nur d eshalb
20 berühmt wurden, weil sie sich d en äußeren Ereignissen m it ihrer eigenen Tap ferkeit w idersetzten und lieber den Tod als d ie Knecht schaft wählt en. Wenn wir aber sog ar ihren Tod loben, wie d ürfen w ir d ann ihre Kämpfe zu Lebzeiten ein Unglück nennen? Doch m ag m an (m einetwegen) d ie Plage des täglichen Kamp fes als Ung lück bez eichnen; w as aber d ie Ruhe bei uns betrifft, so weiß ich nicht, wodurch sie sich vom Schicksal der Sklaven unterscheid et . Denn wenn w ir deshalb, weil wir noch leben u nd 25 atm en und d er bescheidene Lebensunt erhalt u ns noch nicht ausgeg ang en
ist, unsere Lage für besser als d ie ihre halt en, ( so ist d ag egen einzuwen d en,) d aß doch auch j ene ( sc. d ie Sklaven) leben, sich täglich sättigen u nd wohl auch einm al ihr Vergnügen haben, wenn ihre Herren gerade nicht aufpassen 1. Aber sie haben auch Esel zu treiben, Lasten zu trag en, zu ackern und Vieh zu weiden und alles zu ertragen, was ihnen M ühe m acht, ihrem Herrn aber Gew inn ins Haus bringt . Sind sie aber träg e, d ann lä ßt 30
es ihnen ihr Herr nicht durchgehen, sondern verprügelt sie ausg iebig und wirft sie in Fesseln und ins Gefängnis. Wenn notwendig, w erd en sie aber auch verkauft und haben wiederum anderen zu d ienen, u nd so leben sie
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BRIEF
T3 06
überhaupt nicht f ür sich, sondern nu r f ür ihre Herren. So würde nie m and , d er bei Verst and ist , dem beschwerlichen Leben der Freien d as geruhsame d er Skl aven vorz iehen. Denn es g ibt nicht s Unglückl icheres al s einen M enschen, der nach d en Anweisungen and erer zu leben hat , zum al, wenn d iese t ief u nt er ihm stehen2 und durch d as, was sie anord nen, die Unt ergebenen zugrund e richten. Unsere Lage aber ist jetzt d er 35 ihrig en ä hnlich. Denn d ie Feinde sp ielen die Rolle der Herren, wir aber die der Skl aven. Sie bekomm en aber (sog ar) noch mehr von uns als sie verl ang en, d och befehlen sie uns ( au ch), was uns höchst schäd lich, f ür sie aber nützlich ist . So sehr haben wir uns schon an das Gehorchen ge wöhnt , d aß m an über die Freiheit lacht , wenn jem and sie erwähnt. Es wünschen sich aber sog ar die Ang esehensten d ie Skl averei u nd behaup- 40 ten, sie sei f ür die Unt erworf enen nützlicher al s unsere Gesetz e. M ag es aber auch noch nicht zu Fesseln, Schlägen und zum Verkauf in d ie Skl averei f ern von d en Ang ehörigen gekomm en sein, so hat d och erstens die M ehrz ahl von uns noch Schlimm eres als d ies erlitt en, und was hindert zweit ens daran, daß auch wir ähnliches zu erl eid en ha ben werden ? Denn solange wir in d er Gewalt der Feinde sind, ist es (doch) ganz unvernünf tig , guten Mutes zu sein! Ihr aber seid noch keine Sklaven, sondern wehrt euch m it Waff en gegen 45 die Versuche, euch zu knecht en. Wenn ihr aber auch mehr Wunden emp f angt , so bringt ihr doch auch (d em Gegner) einige Verlu st e bei. Da aber Gott gerechterweise d enen beisteht , d ie Unrecht erleiden, best eht die Hoffnung , daß ihr auch d as Schicksal zum Nacht eil der Feinde wenden werdet . Wie kann m an also d ie Unabhä ngigkeit , die uns noch zu bleiben scheint , m it euren Kämpf en verg leichen, es sei d enn, m an wollte d ie be reit s Verst orbenen m ehr al s d ie vom Fieber Befallenen g lückl ich p reisen, weil d ie einen regung slos am Boden liegen, ohne selbst Sorgen zu haben 50 od er anderen zu bereit en, die and eren aber wegen der Fieberhitze keine Ruhe g eben wollen, sondern Ärzt en, Elt ern, Freund en und Pf legern be schwerl ich sind ? Nein, du Tor3! Die, denen du den Vorzug gibst , sind nicht mehr, sondern liegen t ot d a , und ihre Regungslosigkeit ist der Be weis f ür ihre völlige Vernichtung . Die aber, die schreien, in ihrem Bett 55 toben und ihre P fleg er beschimpf en, leben noch und haben von Natur au s allen Grund, auf Genesung zu hoffen. Bei d iesen als04 gebietest du m ir, 0 Kaiser, zu bl eiben und zu wohnen, bei M enschen, die wie von Sinnen sind , d ie jed e Hoffnu ng auf Rettung
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
aufg eg eben und f ür ihr kurzf ristiges Wohlerg ehen verkauft haben, d ie sich 60 von d en Feind en reg ieren lassen u nd , w enn sie sehen, d aß j em and ihre
Besessenheit w ahrnimmt , nicht z ög ern, ihn zu vernicht en? Wie soll ich das noch au shalt en und m ich solchen Launen des Schicksals preisg eben? Denn entw eder stimm e ich ihrem Wahnsinn zu und l asse m ich versklaven, od er ich muß die üblen Folgen d es Auf st andes in Kauf nehm en5, oder (es bleibt m ir) das Dritte und Unau sweichliche: Ich setze m ich d em G ered e d er Verl eumd er au s, d ie d erz eit z ahlreicher als Flieg en, d ie zur Frühling s65 zeit die Milch um schwärm en6, d ie Stadt bevölkern. Verz eih m ir also, bei
G ott , w enn ich d ir, d em ich sonst in allem g ehorsam bin, in d iesem einen (Pu nkt) nicht folg en kann. K I. OKyd: Kyd. war von Kaiser Manuel aufgefordert worden, an seinem bisherigen Auf enthaltsort, sc. Konstantinopel, zu bleiben (Z.57). E, OE: Ein Kaiser (Z.57) an einem anderen Ort (Z.4), der die Freiheit gegen die Barbaren verteidigt (Z.44 -46), zweifellos Manuel in Thessalonike. D: Der Aufstand (01:aoll; ), auf den Kyd. anspielt (Z.62), ist die letzte Erhebung des Andronikos Palaiologos (PLP 2 1 43 8 ) gegen seinen Vater Ioannes V. im Frühjahr 1 3 8 5 . S.o., Bd. 112, 442 f . ; DenReign 1 1 0; SchreinChron 11 3 3 O f. Gemäß SchreinChron I 6 8 starb Andronikos einige Tage nach einer letzten kriegerischen Auseinandersetzung mit seinem Va ter an einer plötzlichen, kurzen Erkrankung in Selymbria am 2 8 . 6 . 1 3 85. Für die genauere Datierung des Briefes auf Mai/Juni 1 3 8 5 spricht, daß Kyd. hier (Z.65 f. ) wie im Brief T305 (Z . 1 3 ) an Rhadenos ( siehe dort, D ) die Reise ins Abendland als seinen unabänderlichen Beschluß bezeichnet. II. BKyd: Auf die Aufforderung Kaiser Manuels hin, er möge in Konstantinopel aushar ren (Z.57 f. ), vergleicht Kyd. die Situation in Thessalonike mit der in Konstantinopel (Z.4 8 .4 7 - 5 7 ) und stellt fest, daß man in Konstantinopel schon jede Hoffnung auf die Rettung der Freiheit aufgegeben habe und den Türken Sklaven dienste leiste ( Z. 8 - 14.23 -44), wäh rend die Verteidigung der Freiheit in Thessalonike zwar wesentlich schwerer sei, aber doch noch auf einen Erfolg hoffen lasse ( Z . 1 4 - 23 .44 - 47). Es sei also für ihn unzumutbar, in Konstantinopel zu bleiben, denn wenn er gegen die Politik der Unterwerfung protestiere, werde er angefeindet ( Z.57- 6 1 ) , schließe er sich selbst dieser Politik an, dann sei ihm ein Sklavenschicksal gewiß (Z.6l f. ) ; die Wirren des Bürgerkrieges (s.u., ZG) bedeuteten auch für ihn Gefahr (Z.62 f. ) , und die Zahl seiner Gegner habe erheblich zugenommen (Z.63 - 65 ) . E r müsse also i n diesem einen Fall dem Kaiser den Gehorsam verweigern ( Z.65 f. ) . Die lange geplante Reise nach Italien ist also nun beschlossene Sache (vgl. Bd. 111 , 38 mit A.208; dort Aufzählung der übrigen Briefe, in denen dieser Reiseplan erwähnt wird ) . ZG: Während Ma nuel in Thessalonike gegen die Türken kämpft ( s.o., BKyd ), hat Ioannes V. ( der nicht aus drücklich genannt wird) sich gegen seinen widerspenstigen Sohn Andronikos mit den Türken (Murad I . ) verbündet und zugleich in deren Abhängigkeit begeben (Anspielungen: Z. 8 14.23 -44. 5 7 - 6 3 ; s.o., D , BKyd ) . Ep: Ein Brief Kaiser Manuels, in dem dieser von Kyd. verlangt hatte, er solle in Konstantinopel ausharren (Z.57).
2 18
BRIEFE T306 - 307
III. Hss: A 3 5 v - 3 6v, Nr. 1 3 ; U 50'- 52f, Nr. 67. IV. 1 W. : Ta� Ö1jJEL� TWV ÖWl10TWV cmoÖgcivTa (wenn sie den Blicken ihrer Herren ent rinnen) . 2 W. : xaL TOuTwv auTO'Ü XELgovwv, vgl. T3 02, Z . 1 6 . 3 W.: aA."A.' w /!WgE. Anstelle der umgangssprachlichen Ü bersetzung mit «Dummkopf» wähle ich hier das der Hochsprache entnommene, weniger verächtlich klingende « Tor » , weil zwar ein fingierter Gesprächspartner angeredet wird (entsprechend Z.4: « Manche meinen .. » ) , aber eigentlich doch Kaiser Manuel gemeint ist, wie sich aus Z.57 ff. ergibt. Es ist kaum anzunehmen, daß Kyd. den Kaiser, dem er sonst soviel Respekt entgegenbringt, auch nur indirekt als «Dummkopf» beschimpft hätte. 4 W. : TOUTOL� o u v . Kyd. bezieht das Demonstrativum, wie sich aus dem Folgenden er gibt, nicht auf die Letztgenannten, die sich noch gegen ihr Schicksal wehren, sondern auf die bereits « Toten» des vorausgehenden Satzes. 5 Gemeint ist die erneute Erhebung des Andronikos gegen seinen Vater Ioannes V. (s.o., D ) . Da Kaiser Ioannes gegen seinen Sohn türkische Hilfe in Anspruch nahm, mußte Kyd. im Falle der Ablehnung der türkischen Verbündeten einen Sieg des Usurpators befürchten. 6 Der Vergleich ist HomIl 2, 469 - 471 entnommen.
307 L: 308; OKyd: Konstantinopel; E: Kaiser Manuel II. Palaiologos; OE: Thessalonike; D:
Juni 1 3 8 5; wI: Wegen der heillosen Situation an beiden Orten schreibt Kydones nur, weil er es für seine Pflicht hält. Der erneute Konflikt zwischen Ioannes V. und seinem Sohn Androni kos, in dem es nun zur Entscheidungsschlacht gekommen sei, hätte sich, glaubt er, vermeiden lassen, wenn Manuel in Konstantinopel geblieben wäre.
Ich weiß nicht, was ich schreiben soll, um weder dich zu betrüben, noch mich selbst zu quälen. Denn wenn ich auf das, (was) bei euch (geschieht), zu sprechen komme, wird geradezu nichts anderes als das Beten und Weh-
5
klagen wegen der FeindeI mein Thema sein, rede ich aber von unserer Situation, habe ich von anderen, schlimmeren Dingen zu berichten, j eden falls wenn es viel schlimmer ist, sich den Feinden gänzlich auszuliefern und in die Knechtschaft einzuwilligen, als dies noch nicht zu erleiden, sondern gegen sie die Freiheit zu verteidigen, weil man die Hoffnung auf einen günstigen Ausgang nicht aufgegeben hat. Deshalb wollte ich schweigen, in der Absicht, dir den Schmerz, den solche Reden bewirken, zu ersparen. 10 Weil ich mir aber bewußt bin, daß ich dir den Briefzoll schulde2, und dir das Geschuldete nicht entziehen will, das dir vielleicht sogar, wenn es entrichtet wird, Freude bereiten wird, schreibe ich und unterlasse die Erwähnung der besagten unliebsamen (Themen), sondern bete nur zu dem,
2 19
ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
der auf die Art und Weise, die er selbst kennt, unsere Dinge lenkt, er möge es dir verleihen, die (Geschicke) deiner Untertanen in deinem Sinne zu gestalten, und uns, daß es uns einst zuteil werde, dein göttliches HAUPT 15 wiederzusehen, nach dem wir uns (so) lange sehnten, wenn wir auch im
Ungewissen sind, wann wir einmal das Ersehnte werden erlangen dürfen. Dies also gebe Gott, auf daß es uns ein Heilmittel vieler Schmerzen werde . Das andere aber ist wieder wie ein FieberanfalP über uns gekom men; es ist das alte und immer wieder neue Übel - ich meine den Krieg, den die Natur gegen sich selbst führt4. D enn es sollte so sein, daß nicht einmal dieser bei uns zur Ruhe kommt, damit es uns von allen Seiten her 20 treffe . Da ich nun weiß, daß dir darüber viele Boten berichten werden,
will ich es übergehen, damit es nicht so aussieht, als wollte ich dir (schon) wieder Unglück(sgeschichten) erzählen; denn ich wollte dir j a , wie gesagt, um dies zu vermeiden, (überhaupt) nicht schreiben. Nur dies sollst du wissen, daß du viele als Propheten erwiesen hast, die dem Kaisers voraus sagten, es werde ihm (noch) Kummer bringen, wenn du nicht an seiner Seite bliebest. Die Prophezeiung hat sich nämlich schlimmer, als alle er wartet hatten, erfüllt. Hat doch um seinen Ruhm der Kaiser oft gegen 25 viele gekämpft, j etzt aber mußte er zum ersten Mal sein Leben gegen
seinen (eigenen) Sohn verteidigen. Daher haben sogar die, welche damals schrieen, deine Abwesenheit werde dem Kaiser keinen Schaden bringen, fortan keinen Grund mehr zu ihrem frechen Gerede, denn dein Bruder hätte sich entweder gar nicht erst gegen seinen Vater, den Kaiser, erhoben, wenn du zugegen gewesen wärest, oder wäre, wenn er so etwas gewagt hätte, der Strafe nicht entgangen. Es spricht also außer dem Zeugnis, das deine Freunde für dich ablegen, auch noch das deiner Feinde für dich ! K I. OKyd, E, OE: Kyd. unterscheidet, wie auch sonst, « bei euch» und « bei uns » (Z.4 f. ) . E ist Bruder eines Kaisers (Z.27), der seinerseits Sohn eines Kaisers ist ( Z.22 -25), also zwei fellos Kaiser Manuel in Thessalonike. D: In der Auseinandersetzung zwischen Ioannes V. und seinem Sohn Andronikos hat inzwischen die Entscheidungsschlacht ( bei Melitias in Thrakien, DenReign 1 1 0 ) stattgefunden ( Z.24 f. ), aber vom Tod des Andronikos ( 2 8 . 6 . ) ist noch nicht die Rede. So ist der Brief wohl auf Juni 1 3 85 zu datieren. 11. BKyd: Vielleicht hat Kyd. diesen in durchweg freundlichem Ton gehaltenen Brief einige Zeit nach dem vorausgehenden (T3 06) gleichsam zur Beschwichtigung abgeschickt, weil er sich dort dem Wunsch seines kaiserlichen Freundes, in Konstantinopel zu bleiben, so energisch verweigert hatte. BE: Zur Rolle Manuels als Vermittler im Konflikt zwischen Vater und Bruder siehe Z.2 1 - 2 9 . Xl, ZG: Zur Revolte Andronikos' IV. s.o., D .
220
BRIEFE
T30 7- 30 8
III. Hss: A 3 7v, ohne Nummer (letzter Brief von Heft 5 gemäß LC 11, XIV); U53 v - 54r, Nr. 69. Üb: DenReign 1 1 0 f. (engl . ) . IV. 1 W. : rr;OA.qtLWV, wohl als genetivus obiectivus z u verstehen. D a s bei Schwyzer 1 1 1 2 1 genannte Beispiel « 8uggo� rr;OA.E!!LwV» « Zuversicht mit Bezug auf die Feinde» - ist hier vergleichbar. Die Übersetzung « desires and victory songs of the enemy» (DenReign 1 1 0 ) ist -
wohl nicht zutreffend. 2 W. : 'tilv 'tWV yga!!!!u'twv 6<j>ELA.WV <j>oguv. Zum Topos der Epistolographie: Bd. 11 243, Index, s.v. Steuer. Belege für <j>ogu aus Bd. lI: T l 72, A. 1 ; T 1 76, Z.5; T 0 1 85, Z.6; T202, A. 1 ; T 022 1 , A. 1 . 3 W. : xmaßoA.ft. Ü bersetzung gemäß LSc, s.v., III (periodical attack o f illness; s o auch DenReign 1 1 1 , aber « periodic » ) . 4 W. : 'tov 'tfj� <j>UOEW� rr;OA.E!!OV, mit Bezug auf den Krieg zwischen Verwandten, hier Vater und Sohn (s.o., D ) . 5 Ioannes V.
308
-
AN KAI SER MANUEL
L: 3 0 9; OKyd: Konstantinopel; E: Kaiser Manuel 11. Palaiologos; OE: Thessalonike; D: Juni 1 3 85; wI: Kydones bedauert die in einem früheren Brief geäußerte Mahnung, Manuel möge wegen der kritischen Situation Thessalonikes seinen rhetorischen Ehrgeiz zügeln und sich auf die Verteidigung der Stadt konzentrieren; er sei tatsächlich fähig, bei dem gleichzeitig gerecht zu werden. Andererseits weist er Manuels Appell, Konstantinopel in diesen schwieri
gen Zeiten nicht zu verlassen, wiederum zurück, weil er keine Chance mehr sieht, sein eigenes Konzept einer konsequent antitürkischen Politik durchzusetzen, und sich von einflußreichen Gegnern verdrängt und bedroht fühlt.
Ich wußte es auch selbst, daß du mit Vernunft die (Kunst der) Worte pflegst 1 und niemals auf der Jagd nach ihnen dein Bemühen um das Wohl
5
der Städte einschränken würdest. Wie hättest du dich auch anders verhal ten können, ein Mann, der das volle Ausmaß (seines Wesens) mehr im Tun als im Reden zeigt, wie du selbst es als erster (einmal) gesagt hast ? Aber mich hat die Schönheit deines Briefes2 verleitet, das später zu verges sen, was ich zuvor recht gut gewußt hatte. Denn wer, der ihn las, hätte bezweifelt, daß er mit großer Mühe und Sorgfalt verfaßt war ? So schön 1 0 wäre er nicht einmal zahlreichen (Verfassern) nach vielen mühevollen rhe torischen Studien gelungen ! Verzeih also , wenn ich im Hinblick auf un sere allgemeine Verzagtheit und in der Annahme, auch du könntest den (Anforderungen des) Krieges und der Rhetorik nicht (gleichzeitig) gerecht werden, dich zu ermahnen wagte 3 , in einer Situation, die schnelle (Ent scheidungen) erfordert, auf jegliche literarische Betätigung zu verzichten,
221
ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
da man die (rechten) Worte nicht sammeln kann, wenn man nicht seine 15 volle Zeit dazu aufwendet, zumal ich auch um die Vaterstadt fürchtete,
es werde etwas, was sie betreffe, versäumt, überzeugt, daß allein dein sorgendes Bemühen sie Rettung erhoffen läßt. Aber darüber wirst du selbst mit dir besser zu Rate gehen und für die Zeiteinteilung nichts Schlechteres verordnen4 als Hippokrates für den Körper. Die Mahnung aber, zu bleiben und nicht zu verreisens , ist als solche gut, ein Ratschlag, wie er einem Kaiser und Rhetor vor allem ansteht. 20 Denn ein Redner hätte so (wie du) keinen Mangel an vielen schönen
Worten, wenn er Bürgern riete, das Schicksal ihrer Vaterstadt auf sich zu nehmen, und welche passenderen Reden könnte sich ein Kaiser, dessen Amt es ist, die Städte zu schützen, ausdenken, als Mahnungen an die Bürger, in den Städten zu bleiben und sich nicht vorzeitig den Gefahren zu entziehen, sondern es höher zu bewerten, sie mit ihm durchzustehen, 25 als in der Fremde führende Positionen einzunehmen? (Nun) gabst du also
auch selbst einen solchen Rat und hast dabei große Redekraft, als Kaiser aber auch großes Wohlwollen für die Städte bewiesen; zugleich aber hast du gezeigt, daß du nicht mehr um den guten Ruf der Bürger als darum besorgt bist, was dir selbst förderlich ist. Denn die Entvölkerung der Städte zu verhindern, ist für die Kaiser von höchstem Nutzen, wenn sie 30 denn der Menschen bedürfen, über die sie herrschen können. Kurz gesagt,
wenn du so redest, scheinst du überzeugender als j eder Redner zu spre chen. Der Ratgeber muß sich j edoch auch in die Situation dessen hineinden ken, dem der Rat gilt; denn oft ist wohl das, was gemeinhin nützlich erscheint, im Hinblick auf konkrete Personen als schädlich zu beurteilen. So hat zum Beispiel mancher, der seinen Eltern nicht gehorchte, oft (schon), anstatt Strafe verwirkt zu haben, wie es jeder Gesetzgeber will, 35 sogar einen Ehrenkranz erhalten; denn anscheinend war es ihm erlaubt
zu behaupten, das Gebot der Eltern stehe dem Gesetz entgegen, und so, was wie Willkür aussah, als rechtmäßig zu erweisen6 . Umgekehrt wurde ein anderer, der einem Armen Wohltaten erwies, statt den erwarteten Lohn (zu erhalten), wie ein Räuber bestraft, weil er vielleicht mit der Gabe für den Armen das Lob der Zuschauer erkaufen wollte . Kurzum, 40 bei Ratschlägen hat das, was man Umstände nennt, großes Gewicht für
beide Seiten, und wenn einer, der (zu etwas) überreden will, sie mißachtet, nur Zustimmung zu dem einfach Gesagten verlangt und glaubt, daß dies
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BRIEF
T30 8
allen Nutzen bringe, kann er (damit) denen, die ihm gehorchen, vielfa chen und großen Schaden zufügen. Denn der Ratgeber hat nicht schlecht hin Menschen zu belehren, sondern Athener oder Lakedaimonier, Junge oder Alte, Weise oder Einfältige, und seine Aufmerksamkeit auf ihre j eweilige Situation zu richten; sonst würde er sich zwar im allgemeinen 45 als Redner bewähren, weil er aber den speziellen Fall und den Zweck seiner Rede unberücksichtigt läßt, mit seinem vorgefaßten Ratschlag un gewollt den größten Schaden anrichten. Dies ist auch die Ursache dafür, daß deine Ermahnungen, die das Vaterland betreffen, bei mir ihre Wir kung verfehlen. Denn ich weiß ja auch selbst, daß ich einer heiligen (Pflicht) nach komme, wenn ich mein Vaterland liebe und ihm nach Kräften treu bleibe, zumal, wenn es der Hilfe bedarf. Man sollte aber mit Gründen zu seinen 50 Gunsten nur argumentieren, wenn auch das Vaterland dies will und es den Rat, der ihm förderlich ist, erträgt, nicht aber, wenn es einen solchen Ratgeber beschimpft, ausschließt und verj agt und ihm für seine freimütige Rede Gefahr androht, j a sich denen ausliefert, die eher Politik zugunsten der Feinde als zu seinem Nutzen betreiben, und die Rednerbühne mit Schmeichlern und ehrlosem Gesindel bevölkere; denn wer wird einem 55 solchen (Vaterland) nicht (gern) den Rücken kehren, dem der beste Ratge ber nichts nützen kann ? Ist ein solcher doch nur noch dem Gespött von Banausen und der Willkür von Verleumdern preisgegeben, weil der Schmeichler, der Käufliche, der Sklave 8 über ihn, aber auch über alle guten, vernünftigen, freiheitlich gesinnten Männer, herrschen und ihnen 60 Befehle erteilen wie Knechten, das gemeinsame Vermögen der Stadt skru pelloser herunterwirtschaften, als wäre es ihr Privatbesitz, mit Gewalttä tigkeit, Unvernunft und Leichtsinn alles in Unordnung bringen und schließlich auch die ganze Stadt wie ein Schiff, das wegen der Unerfahren heit und Unfähigkeit der Seeleute untergeht, in grausame Sklaverei sto ßen ! Möchte uns doch dies j etzt nicht treffen, ERLÖSER! Doch die Tatsa chen erheben beinahe (selbst schon) ihre Stimme und kündigen die kom mende Katastrophe an; ihnen widerspricht niemand, der aus vernünftiger 65 Überlegung die Zukunft voraussehen kann . Dem also, der von einem solchen Wirbel widriger Umstände umgetrie ben wird, befiehlst du,
0
Kaiser, auszuharren, die täglichen Pöbeleien zu
ertragen, a bzuwarten, wann er zu guter Letzt versklavt wird, und nur darin, daß dies im Einklang mit dem Willen seines Vaterlandes geschieht,
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
ein Heilmittel seiner Schmach zu sehen 9 ? Ich würde aber, wenn mich 70 j emand überzeugen könnte, daß (mein Vaterland) auch nur halbwegs zu
Verstand kommen, diese Verrückten verabscheuen und sich den Gerech ten, die das ihm Zuträgliche suchen, anschließen werde, lieber als allen (anderen) deinen Worten gehorchen und glauben, daß dein Ratschlag der Stadt förderlich ist. Wenn aber kein Ende ihrer Krankheit abzusehen, son dern zu befürchten ist, daß allein der Tod ihr Befreiung aus ihrer verzwei75 felten Lage bringen wird, warum versuchst du einen Menschen zurückzu
halten, der (zur Änderung) der Verhältnisse nichts Förderliches beitragen, sondern nur selbst darin untergehen und sich obendrein zu allem Übel noch den Ruf der Gleichgültigkeit zuziehen wird ? Ziehe dies in Betracht, o Kaiser, und (prüfe), ob ich, wenn ich bleibe, dem Vaterland nützen kann. (Dann) rate, j a befiehl mir, und du wirst mich deinen Ermahnungen wie einem Orakel folgen sehen. Wenn man aber sogar einen Propheten, 80 wollte er solches behaupten, für einen Schwätzer hielte, ich selbst a ber
(dir) etwas (Zutreffendes) zu sagen scheine und du es als unzumutbar beurteilst, (dort) auszuharren, wo ein ehrloser Tod zu erwarten ist, ver zeih, bei Gott, dem, der lieber in Ehren leben als schmachvoll sterben will ! Denn das haben ich und alle beim gegenwärtigen Stand der Lage zu gewärtigen, zumal nunmehr zu den Kriegen gegen äußere (Feinde) auch der innere Zwist hinzukommt. Schon früher hat unser aller gemeinsame 85 Sündenschuld bewirkt, daß er über alle Verderben brachte, ihn j etzt (aber)
zur heillosen Katastrophe werden lassen. Wird doch hier die Natur miß achtet, Verwandtschaft ist nur noch ein Wort1 0 , und nur der Verrat an den eigenen Stammesgenossen und Mitbürgern kann (noch) eine Über lebenschance bringen. Diese (Vorgänge) hätten auch j etzt beinahe alles zerstört, hätte nicht Gott das Gebot, das er zugunsten der Eltern gegeben hat, als gültig erwiesen und den Kaiserl l mit den anderen vor schmach90 vollem Tod bewahrt. Ist also meine Flucht (doch) entschuldbar, und bin
ich kein ausgemachter Feigling, wenn ich solchen Schwierigkeiten ent fliehe ? Ich füge aber noch eines hinzu und hoffe damit auch bei dir Gehör zu finden: Rede mir nicht zu, Übel zu ertragen, denen du selbst dich entzogen hast. Denn weder erscheinen sie mir j etzt erträglicher als damals dir - das Unheil nimmt ja täglich zu - , noch bin ich mehr (als du) ver pflichtet, sie auszuhalten, zumal ich gewiß auch nicht tapferer (als du) bin, der du alle j etzt (Lebenden) an Tapferkeit übertriffst! Wenn also der 95 Diamant nachgegeben hat, wie darf man das Wachs tadeln ?
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BRIEF T308
In den Hss BLHm (deren Überlieferung auch sonst zahlreiche kleinere Abweichungen vom A U-Text aufweist) findet sich ab Z.48 ein wesentlich kürzerer Schluß des B riefes, in dem Kyd. auf eine Begründung seiner von Manuels Wünschen abweichenden Entscheidung verzichtet. Es handelt sich wohl um eine ältere Fassung, weil der A U-Text die Gründe auf zählt, deren Angabe hier noch als schwierig bezeichnet wird. Sie wird im folgenden gemäß der separaten Edition von Loenertz (L3 09 ") übersetzt.
Denn ich weiß ja auch selbst, daß ich einer heiligen (Pflicht) nach komme, wenn ich mein Vaterland liebe und ihm nach Kräften treu bleibe, zumal, wenn es der Hilfe bedarf. Es gibt aber andere (Gründe), die auch
5
mich 12 daran hindern, ihm diesen Dienst zu leisten. Sie aufzuzählen ist schwierig, und sich über sie hinwegzusetzen ist unmöglich. Da sie also (nun einmal) bestehen, kann ich allenthalben mit viel Verständnis rech
nen1 3 , falls ich dem Vaterland nicht den geschuldeten Dank abstatten könnte. Ich sage aber nur noch eines 1 4 und hoffe damit auch dir etwas zu erklären: Rede mir nicht zu, Übel zu ertragen, denen du selbst dich
entzogen hast. Denn weder erscheinen sie mir j etzt erträglicher als damals 1 0 dir - d a s Unheil nimmt j a täglich zu - , noch b i n ich mehr (als du) ver pflichtet, sie auszuhalten, zumal ich gewiß auch nicht ausdauernder (als du) bin, der du alle j etzt (Lebenden) an Tapferkeit übertriffst ! Wenn also der Diamant nachgegeben hat, wie darf man da das Wachs tadeln ? K I.
OKyd: Kyd. deutet an, daß Manuel selbst den Ort verlassen hat, an dem er sich
aufhält (Z.9 1 ) , sc. Konstantinopel (s.o., T23 3 , BE). OE: Die Vaterstadt des Kyd. (Z. 1 5 ) . D: Gemäß Z.84 (mit Z. 8 6, S.u., A . I 0 ) befindet sich Kaiser Ioannes V. mit seinem Sohn Androni kos im Bürgerkrieg. Die auf einige Zeit vor 2 8 .6. (Todesdatum des Andronikos) des Jahres 1 3 8 5 zu datierende Schlacht bei Melitias (s.o., T3 07, D) zwischen Ioannes V. und seinem Sohn hat bereits stattgefunden ( Z. 8 8 f. ) . II. BKyd: Kyd. entschuldigt sich für seine Mahnung i m Brief T3 04 (s.u., A . 3 ) , Manuel möge sich auf die Verteidigung Thessalonikes konzentrieren, und gesteht ihm zu, daß er fähig sei, literarische und militärische Aktivitäten erfolgreich miteinander zu verbinden (Z.4- 1 8 ) . Manuels Appell, e r möge Konstantinopel i n dieser schweren Zeit nicht verlassen, weist er jedoch abermals (s.o., T306, BKyd) zurück ( Z. 1 8 - 50 ) , weil er sich von seinen eigenen Mit bürgern abgelehnt sieht, die auch nicht bereit sind, seine politischen Ratschläge anzunehmen. Kyd. denkt hier wohl an sein - allerdings bislang gescheitertes - Konzept, das er bereits in der Rede « Pro subsidio Latinorum» (s.o., Bd. 111, 65, 1 . 3 .4) dargelegt hatte, die Türken mit abendländischer Hilfe zu bekämpfen. Nun sind Leute an der Macht, die eine Politik der weitgehenden Unterwerfung unter die Türken betreiben und ihn als deren erklärten Gegner
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
anfeinden (Z.50 - 8 3 ) . Als weiteren Grund, warum er Konstantinopel verlassen will, führt er noch den Bürgerkrieg an (Z. 8 3 - 90; s.o., D) und beruft sich schließlich darauf, daß auch Manuel sich einst von dort entfernt habe (s.o., OKyd ) . Xl, X2: Kaiser Ioannes V. und sein Sohn Andronikos werden nicht ausdrücklich erwähnt; siehe aber oben, D. Z C: S.o., D, BKyd. Ep 1 : S.u., A.2 und 3 .
III.
Hss: A 1 1 Y- 1 14r, Nr. 1 ; U 222r-224v, Nr. 224; B 240v-24 F, Nr. 92; L 1 3 0r- 1 3 F,
Nr. 19; Gruppe H, Nr. 1 0 ; m, Nr. 4 ( die Edition gibt Nr. 8 an, was aber offensichtlich ein Irrtum ist, da Matthaeis Nummer sonst mit der von m übereinstimmt und Nr. 8 im übrigen dem Brief L262 T265 entspricht; siehe dort, Hss ) . Ed: Matthaei 1 776, 3 6 - 3 8 , Nr. 4. - G. Jorio, L'epistolario di Demetrio Cidone. Preparazione ad una completa e critica edizione, Studi italiani di filologia classica 4 ( 1 895) 270 - 2 72. Jorio ediert nacheinander die kürzere Version und die Langversion ab Z.4 7 (Loenertz), um zwei von Kyd. selbst verfaßte Versionen eines Briefes vorzustellen. - KydEpCam Nr. 27. Üb: KydEpCam Nr. 27 (frz . ) ; DenReign 1 1 1 ( Z. 8 3 - 89, engl . ) . I V. 1 W. : IlE"tCt A.6you LOU� AOYOU� IlHEQXtl. D a s griechische Wortspiel läßt sich i m Deutschen nicht nachahmen. 2 Gemeint ist der oben, T3 04, unter Ep erwähnte Brief. =
3 4
Anspielung auf die oben, T3 04, unter BKyd, BE zusammengefaßten Ausführungen. W. : LOi:� xatQoi:� ÖtatT�OEt�. Kyd. hofft, daß der Kaiser sich selbst die rechte Zeiteintei-
lung wie eine ärztliche Diät verordnen wird. 5 Vgl. T306, Z.5 7 f. 6 Eine bemerkenswert «modern» klingende Relativierung der Gehorsamspflicht. 7 In der Edition sind die Passagen « wenn auch das Vaterland will . . . » und ab « (wenn) es den Rat . . . » bis hier in Anführungsstriche gesetzt. Da es sich aber nicht um ein Zitat handelt und der Grund für diese Schreibung nicht recht ersichtlich ist, werden sie für die Übersetzung nicht übernommen. 8 W. : 6 OlXOTQt1.jJ ( der im Hause geborene Sklave) xul TO avöQarwöov, wohl als Syn onyme zu verstehen, daher als Hendiadyoin « < der Sklave » ) übersetzt. Kyd. denkt wohl vor allem an die sklavische Gesinnung der herrschenden Clique, die bereit ist, sich den Türken zu unterwerfen. 9 Es ist ein schwacher Trost « < Heilmittel » ) , daß die drohende Sklaverei der Entscheidung des Vaterlandes ( seiner Mitbürger) entspricht. 10 Anspielung auf den Krieg zwischen Vater und Sohn ( wie T3 07, A.4 ); s.o., D. 1 1 Ioannes V. =
12 W. : xul EilE. Kyd. will wohl durch « auch» andeuten, daß er nicht der einzige ist, der Gründe, hat Konstantinopel zu verlassen. 13 Hier ist auch die Ü bersetzung möglich: « . . . fühle ich mich in j eder Hinsicht weitge hend entschuldigt » . 14
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A b diesem Satz entspricht der Text fast wörtlich der Langfassung, Z.90 -95.
BRIEFE T308 - 309
309 L: 3 1 3 ; OKyd: Konstantinopel; E: Theodoros 1. Palaiologos, Despot von Morea; OE: Mistra, Peloponnes; D: Mai/Juni 1 3 85; wI: Theodoros hat als Entschuldigung für versäumtes Schreiben die vorausgehenden Kämpfe mit abendländischen Feudalherren der Peloponnes angeführt, Kydones aber seinerseits allzu langes Schweigen vorgeworfen. Dieser beteuert, ihm mehrfach geschrieben zu haben, und bekundet, die ständige Bedrohung Konstantinopels durch die « gottlosen» Türken und der noch andauernde Bürgerkrieg zwischen Ioannes V. und seinem Sohn Andronikos bedeuteten eine wesentlich stärkere Behinderung des Schreibens als die eher sporadischen Kriege, die der Despot mit seinen christlichen Nachbarn zu führen habe.
Wenn ich behauptete, daß ich dir oft geschrieben, aber von dir nichts erhalten habe, wüßte ich, daß ich ü ber mein Tun wahrheitsgemäß berich-
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ten würde . Viele aber werden vielleicht lachen und sagen, daß auch ich das vorbringe, was üblicherweise Leute erzählen, wenn sie ihre Freunde mit Schweigen bedachten. Sie begnügen sich j a oft, wenn sie nachlässig gewesen sind, mit einer Lüge und behaupten, geschrieben zu haben, was sie nicht geschrieben haben. Deshalb will ich mich auf diese Weise j etzt nicht bei dir entschuldigen, wenn du mein Schweigen tadelst, obwohl viele Überbringer meiner Briefe es mir bezeugen könnten und die Briefe 1 0 noch von vielen aufbewahrt werden \ i n denen wir dir für deine freundli che Bemühung um unseren verstorbenen Verwandten2 unseren D ank aus sprechen, und auch dafür, daß wir nach deinem Willen das, was du ihm zugewandt hattest, erben sollten. Es war aber dort auch die Rede von
dem Plutarch3 und daß wir nicht Arkadien verlangten\ als wir darum b aten und sagten, die Handschrift würde besser denen gegeben, die sie 1 5 (auch) b enutzten, sollte aber nicht nur so a l s Kostbarkeit herumliegen, aufbewahrt für Leute, die mehr vom Ziegenhüten als vom Lesen verste hen. Dies also lasse ich beiseite, denn es ist ausreichend bewiesen, daß wir nichts von dem, was wir (dir) schuldig waren, unterlassen habenS. Ich glaube aber, es wird mir zur Verteidigung der Vorwand genügen, den du selbst für dein Schweigen uns gegenüber ersonnen hast, ein schöner, wie mir scheint, der außer seiner Überzeugungskraft auch noch Tapferkeit 20 zur Schau stellt. Wer nämlich Waffen, Kriegen und vielerlei Sorgen die Schuld für sein Schweigen gibt, hätte Grund genug, auch denen, die in gleicher Weise geplagt sind, zu verzeihen. Denn nicht gemäßigter als die Feinde aus dem Abendland6 sind die aus dem Osten anstürmenden Türken, und als Gottlose? sind sie nicht weni-
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
ger als die Christen zum Unrechttun entschlossen, zumal sie sich allein 25 mit dem Schwert ihren Lebensunterhalt sichern. Auch können wir den
Kampf gegen diese beiden (Gegner) nicht auf die gleiche Stufe stellen. Vielmehr habt ihr gegen die eurigen nur wenig zu kämpfen; über die meisten (Streitfragen) könnt ihr euch gütlich einigen. Schließlich habt ihr ja (mit ihnen), was euch heilig ist und den Glauben gemeinsam, ferner Gesetze, Eheriten und Gebräuche, und mit wenigen Ausnahmen könnte man bei euch beiden dasselbe finden. Mögt ihr auch miteinander im Streit liegen, so vereinbart ihr (doch) häufig eine Waffenruhe; ihr haltet so die Dauer der Kriege in Grenzen und nehmt ihnen durch immer neue Ver30
träge ihren unleidlichen Charakter. Selbst wenn die Gegenseite besiegt wird, sind die Sieger damit zufrieden, wenn die Unterlegenen ihre Nieder lage eingestehen, und gewähren im übrigen reichlich Schonung und Er b armen. Unsere Beziehung zu den Gegnern hingegen ist davon ganz ver schieden. Denn welch größerer Gegensatz ist denkbar als der zwischen unserer Mäßigung und ihrer Ausschweifung? Was steht in stärkerem Wi derspruch zu unserer alltäglichen Lebensweise als das, was j ene treiben ?
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Ferner ist bei uns alles durch die besten und gerechtesten Gesetze geord net, bei ihnen aber scheint statt der Gesetze das zu gelten, was sie beim Trinkgelage beschließen, und überhaupt könnte man bei uns nichts fin den, was mit ihren (Traditionen) übereinstimmt; es ist dies vielmehr der ständige Krieg der Rhomäer gegen die Barbaren, den die Natur von j eher beiden wie ein Schicksalslos zugeteilt hat. Wodurch wir a ber am meisten
40 getrennt sind, das ist der Glaube an Gott, den wir verehren. Sie aber
haben nicht einmal eine Ahnung von ihm, sondern richten mit ihrem Geschwätz (über ihn nur) Verderben an, liegen mit denen, die sie nicht überzeugen können, ununterbrochen im Kampf und wähnen Gott durch deren Ausrottung zu ehren. Wem von beiden also würde man leichter verzeihen, wenn er wegen kriegerischer Auseinandersetzungen seine Freunde vergißt? Euch, die ihr gelegentlich mit Gesinnungsgenossen 8 zu 45 kämpfen habt - was eher einer Fehde als einem Krieg ähnlich sieht - ,
oder uns, die wir den Krieg, selbst wenn wir wollten, nicht beenden könn ten, euch, die ihr ehrgeizig mit denen um das wenige Land kämpft, die es euch streitig machen, oder uns, deren voller Herrschaftsanspruch gegen die, welche danach trachten, zu verteidigen ist, und außerdem Heiligtü mer, Gräber, Gesetze, unser Andenken in der Nachwelt und die noch verbliebenen Hoffnungen ? Dabei will ich noch gar nicht von dem Krieg
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BRIEF
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reden, den wir intern untereinander austragen, der die natürlichen 50 (Bande) zerrissen 9 , alle gegeneinander bewaffnet und den grundsätzlichen Bestand der STADT gefährdet hat. Wenn also der rings tobende Krieg euch als Entschuldigung gilt, sind aus demselben Grund auch wir um so weniger zu tadeln, je grausamer das wilde Tier ist, das uns umschlungen hält. Dennoch wollte ich keinesfalls unter Berufung auf Zeitumstände oder Schwierigkeiten etwas von dem versäumen, was dir zusteht, und (in der 55 Tat) bin ich - wenn du mir glaubst - niemals den Briefzoll schuldig geblieben, wenn ich j emanden hatte, der zur Peloponnes segeln wollte ! Denn aus liebevoller Zuneigung für dich, die stärker ist als meine Sorge um andere Dinge, konnte ich nicht in Trägheit verharren. Weil aber du mich weniger liebst, hast du dich, wie mir scheint, zur Genüge verteidigt, indem du das Gesagte vorbrachtest. Denn es wäre j a ungerecht, die freundschaftliche Gesinnung, die wir für euch verspüren, auch von euch zu fordern. Sonst sähe es j a so aus, als wollten wir uns ehrgeizig mit 60 Despoten auf eine Stufe stellen. Wäre aber eure Zuneigung dieselbe, dann sähe es so aus, als wäret ihr die Unterlegenen, die ihr doch in allem Sieger bleiben wollt und rückhaltlose Liebe wie Knechtschaft scheut. Soviel also dazu, und vielleicht (habe ich es) in angemessener Weise (gesagt) . Als wir aber hörten, daß ihr eine Waffenruhe vereinbart habt und die einst (so) Hochmütigen, durch Erfahrung klug geworden, (nun) deinen Befehlen gehorchen, freuten wir uns, nicht nur, weil der Friede für die 65 Städte kostbar ist, sondern weil es auch uns einen Vorteil bringen wird, wenn du von den Wirren befreit bist. Denn wenn du Ruhe hast, wirst du vielleicht auch an uns denken und uns Briefe zukommen lassen, die uns willkommener als alles sind! K I. OKyd: Anspielung auf den Bürgerkrieg (Z.49 f. ) ; s.o., T3 0 8 , D. E, OE: Ein Despot (Z.60) auf der Peloponnes (Z.5 6 ) . Es kann sich im fraglichen Zeitraum nur um Theodoros I. (PLP 2 1460) handeln. Vgl. auch die im vorausgehenden Brief an diesen (T273 ) behandelten Parallelthemen: Erwähnung des Verwandten (hier Z.12, dort, siehe X l ) und der Plutarch handschrift (hier Z . 1 3 - 1 6, dort, siehe BKyd ) . D: Aus der Erwähnung des andauernden Bür gerkrieges zwischen Vater und Sohn Palaiologos ( Z.49 - 5 3 ) ergibt sich wieder der terminus ante quem 2 8 . 6 . 1 3 8 5 (s.o., T306, D ) . Da allerdings nicht, wie in T3 07 und T3 08 (s. dort, D ) , von dem Waffenstillstand die Rede ist, kann der Brief auch bereits im Mai verfaßt sein. 11. BKyd: Kyd. hat die in T273 und in den nicht erhaltenen folgenden Briefen (Z.9 - 1 4 ) erbetene H s mit Plutarchtexten offenbar immer noch nicht erhalten ( Z . 1 3 - 1 6 ) . D i e Kriege,
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die Theodoros auf der Peloponnes gegen die abendländischen Feudalherren (Navarresen, s.u., A.6) zu führen hat, kann er als Entschuldigung für dessen langes Schweigen nicht ernstneh men, denn aus seiner Sicht können christliche Abendländer (Anhänger der römischen Kirche, der Kyd. sich 1 3 56 angeschlossen hat) nicht annähernd so gefährlich sein wie die muslimi schen Türken, die er als gottlose Barbaren und Erzfeinde der « Rhomäer» ansieht, fanatisch einem perversen Glauben ergeben, dessen Gegner sie unbarmherzig ausrotten (Z.22 - 5 3 ) . B E : Theodoros hat seine Säumigkeit i m Schreiben mit Kämpfen gegen die Abendländer auf
der Peloponnes entschuldigt ( Z.22 .25 - 32.44 - 4 6 . 5 1 f. ), aber auch mitgeteilt, daß er jetzt einen Waffenstillstand mit ihnen geschlossen habe (Z.63 - 6 6 ) ; siehe auch die Anspielungen des Kyd. auf entsprechende Vereinbarungen, Z.26.28 - 3 0 . Xl : Ein Verwandter des Kyd., identisch mit dem aVE'I.j)L6� (Vetter ? ) des Briefes T273 (dort X l , identisch mit Gabrielopu los ? ) , dem Theodoros inzwischen die gemäß T273 zugesagte Hilfe gewährt hat; er ist offenbar kürzlich gestorben und hat Kyd. ein Erbe hinterlassen ( Z. 1 2 f. ) . ZC: Vgl. D, BKyd, BE. Siehe auch unten, A. 6. Ep l : Mehrere Briefe von Kyd. an E, die sich z.T. in Abschrift auch in der Hand anderer befinden (Z. 1 0 f. ) . Ep2 : Von einem vorausgehenden Brief des Theodoros an Kyd. ist zwar nicht ausdrücklich die Rede, doch ist ein solcher anzunehmen, weil Kyd. sich ausdrücklich gegen den von Theodoros ( also wohl schriftlich) erhobenen Vorwurf der Säu migkeit im Schreiben verteidigt ( Z.9 . 1 8 - 2 l . 5 8 ) und von ihm über einen Waffenstillstand mit seinen Gegnern informiert worden ist (Z.63 f. ) . III. Hss: A 1 1 6V - 1 1 7\ Nr. 5; U 228[-23 0[, Nr. 228. IV. 1 S.o., Ep I . 2 S.o., Xl . 3 Zu dieser Handschrift, die Kyd. dringend zu besitzen wünschte, s.o., T2 73, Z.2 1 - 54. 4 Anspielung auf Herodot, I 66: Als die Spartaner dank der Gesetze des Lykurgos zu Macht und Ansehen gelangten, wollten sie auf der Peloponnes auch Arkadien in ihre Gewalt bringen. Als sie aber deswegen die Priesterin von Delphi befragten, wies diese ihren Anspruch zurück. Somit steht « Arkadien fordern» für einen unerfüllbaren Wunsch. Schon T273, Z.47 f. hatte Kyd. betont, daß er nichts ungewöhnlich Wertvolles fordere. 5 . . . lasse ich . . . , unterlassen . . . », Nachahmung des Polyptoton l1:uQuALl1:EIV . . . l1:UQU «
AEtl1:()) . 6 Sc. die sog. Navarresische Kompanie. Zu dieser siehe T2 73, ZG. 7 Für Kyd. ist es anscheinend selbstverständlich, daß die Muslime « gottlos» (aoEßEI�) sind. Man vergleiche auch das düstere Bild, das er Z.32-42 von ihnen entwirft. Quelle der vorgebrachten Klischees ist zweifellos die von Kyd. übersetzte antiislamische Schrift des Riccoldo Pennini da Monte Croce (s.o., Bd. 111, 7 1 , 2 . 1 0; zur Schreibung des Namens Ric coldo mit doppeltem c siehe K.-P. Todt [wie T232, X2] , 250, A. 1 ) . Zu den Klischees: Todt, ebd. 3 95 (laxe Moral), 397 (Lügen im Koran; Gewaltanwendung bei der Bekehrung), 3 9 8 und 404 -407 (perverse Gottesvorstellung) . 8 W. : 6f!0<j),\JAOL�, eigentlich « Stammesgenossen » , hier aber wohl eher i m übertragenen Sinne auf den gemeinsamen Glauben zu beziehen. 9 Vgl. T3 07, A.4; 3 0 8 , A. 8 .
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BRIEFE
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310 L: 3 1 5; OKyd: Konstantinopel; E: Kaiser Manuel 11. Palaiologos OE: Thessalonike; D: 1 3 8 3 - 8 6 ( ? ) ; wI: Manuels Lob für seinen Brief habe Kydones in einen Taumel der Selbstüber schätzung gestürzt, aus dem er erst allmählich wieder zu einer realistischen Beurteilung seiner
literarischen Fähigkeiten gelangt sei. So möge denn der Kaiser in Zukunft mit seinem Beifall zurückhaltender sein.
Zuvor war ich bescheiden, weil ich von meinen unbedeutenden Schrif ten gering dachte . Jetzt aber fühlte ich mich von deinem Urteil und deinen
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ausführlichen Lobesworten ein wenig1 betroffen und begann darüber nachzusinnen, ob mir (als Autor) doch eine gewisse Bedeutung zu komme2• Denn ich sagte (mir), ein so bedeutender Kaiser könne sich nicht täuschen, der den anderen in allem überlegen ist und in der Beurteilung politischer Angelegenheiten sogar offensichtlich sich selbst übertrifft. So verblieb mir länger als zwei Tage lang dieses erhabene Bewußtsein, so daß ich auch meiner Umgebung herablassender erschien und man vermutete, 10 ich hätte irgendwo einen Schatz entdeckt, durch den ich hoffärtig und ein Verächter meiner Freunde geworden sei. Als ich danach mit knapper Not (wieder) zur Besinnung kam, den Brief, den du gelobt hattest, durchlas und darin nirgends das Bild der Nachtigall fand, mit der du meine Stimme verglichen hattest, gab ich Dünkel und Hochmut auf, überzeugt, es sei für Thersites schändlicher als (j ede) Schande, wenn er sich irrigerweise bei 1 5 einem Vergleich mit dem Sohn d e s Peleus für schön hielte 3 . So bin ich nun wieder zu meiner früheren, der Wahrheit gemäßeren Meinung über mich selbst zurückgekehrt und habe die Lobesworte eher der Freundschaft zu geschrieben, denn unter ihrem Einfluß können Freunde in ihrem Urteil über Freunde nur mit Mühe das Maß bewahren. Da meine Überzeugung, was ich wert bin, aber (nun) der Wahrheit entspricht, (kann) ich mir (nur noch) wünschen, einmal dessen für würdig befunden zu werden, was du mir zubilligst. Bewahre also du auch in deinen Worten das Maß, um das 20 du dich in j eder Hinsicht mühst, damit du so die Wahrheit nicht verfehlst und die in ihre Schranken weist, die durch unverdientes Lob vielleicht hochmütig geworden sind. Sie sollen ja ihrem früheren Unverstand nicht auch den der Selbsttäuschung hinzufügen und so noch lächerlicher er scheinen! D enn so weit geraten Menschen, die sich nicht sehr vorsehen, durch großes Lob aus der Fassung, zumal, wenn ein Kaiser es ist, der
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ihnen seine Gunst erweist. Wenn diesem nämlich alle mit Geschrei zustim men, treiben sie dem Getäuschten seinen gesunden Menschenverstand aus wie Bauern, die Stare aus ihren Weinbergen verj agen. K I. OKyd, E, OE, D: Ein Kaiser ( Z.7.24 ), der mit Kyd. im Briefwechsel steht, sich also an einem anderen Ort als Kyd. aufhält, und dessen literarisches Urteil ihm viel bedeutet, zur Zeit der Briefe von Heft 21 (LC II, XIV), sc. 1 3 8 3 - 8 6 (ein inneres Argument für eine Datie rung läßt sich nicht beibringen), zweifellos Kaiser Manuel in Thessalonike, der mit Kyd. in Konstantinopel korrespondiert. 11. BKyd, BE, Ep: Manuel hat einen von Kyd. verfaßten Brief als stilistisch vollendet gelobt (Z.5 . 1 2 ) und Kyd. mit einer Nachtigall verglichen ( Z. 1 2 f. ) . Kyd. war auf diese Aner kennung zunächst sehr stolz ( Z.5 - 1 1 ), besann sich aber dann darauf, daß sie eher der Freundschaft des Kaisers als seiner Fähigkeit zuzuschreiben sei ( Z. 1 1 - 1 9 ) . So bittet er nun den Kaiser, sich in Zukunft maßvoller zu äußern, damit er nicht seine nüchterne Selbstein schätzung verliere ( Z. 1 9 - 2 6 ) . 111. Hss: A 1 1 8v - 1 1 9r, Nr. 7 ; U 23 Fv, Nr. 230. IV. 1 Dreifaches Polyptoton mit l.uxQ6�: Im vorausgehenden Satz: f!LXQU mQl f!LXQWV
l"WV Ef!WV AOywv ol6f!EVO�, hier: Ef!aVWV . . . �lLXQOV XEXLvllf!Evov . 2 w.: w� Öll l"L xal aUl"o� WV EV A.6yOL�. 3 Der häßliche, streitsüchtige Thersites tadelte gemäß HomIl 2, 2 1 6 - 22 1 mit Vorliebe Achilleus (und Odysseus). Eine andere Kombination mit Thersites: T252, A.7.
311 L: 3 1 6; OKyd: Konstantinopel; E: Rhadenos; OE: Thessalonike; D: Herbst 1 3 85 - Früh jahr 1 3 8 6; wI: Kydones ist mit einem nach längerem Schweigen eingetroffenen Brief des Rhadenos unzufrieden, weil er, angeblich aus Sicherheitsgründen, keine Mitteilungen über
das eigene Befinden und die Lage Thessalonikes enthalte. Die vagen Versprechungen des Rhadenos, ihn auf seiner Reise nach Italien zu begleiten, kann er nicht ernstnehmen.
Bei seiner Rückkehr händigte Palaiologos mir deinen Brief aus. D arin 5 konnte ich nichts von dem finden, was ich von dir erfahren wollte, son
dern er enthielt nur eine Rechtfertigung dafür, warum du ihn (eigentlich) nicht als Briefboten verwenden wolltest; denn du gabst an, dieser (Brief) bedürfe der Sicherheit, die derzeit für Sendungen nicht leicht zu erreichen sei . Es fand sich (darin) aber auch ein vages und unklares Versprechen, wie es Leute vorbringen, die nicht ungerecht sein wollen, aber, weil sie sich dazu nicht voll und ganz entscheiden können, das, was sie gerechterIO weise tun sollten, aufschieben.
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BRIEFE
T3 1 0 - 3 1 1
Dein Schweigen 1 war vielmehr dadurch begründet, daß du nichts Ge naues darüber schreiben wolltest, was ich, wie du wußtest, gern wissen wollte, der Aufschub aber durch das Bewußtsein, leichtsinnig die Pflicht versäumt zu haben2• Ich aber bin der Ansicht, daß Sicherheit nicht nur für Briefe, sondern für alles was wir tun, notwendig ist, und doch verzichten wir ihretwegen nicht gänzlich auf unsere Unternehmungen, sondern gehen, solange es möglich ist, a bgesichert an unsere Aufgaben heran; wenn es aber 15 einen kleinen Anlaß zum Mißtrauen gibt, stellen wir die Angelegenheit Gott anheim und halten das, was er beschließt, für wichtiger als unsere eige nen Überlegungen. D enn wenn auch die, die zur See fahren, nur um Wogen, Stürme, Schiffskatastrophen, Seeräuber und alles, was Seefahrern zustoßen kann, allzusehr besorgt wären, gäbe es keinen Seemann, keinen Händler, und um das wechselseitige Zusammenwirken der Städte wäre es geschehen. 20 Auch gibt es vor einer Schlacht unter den Kriegführenden vielerlei Beratun gen über Bewaffnung, Truppenzahl, Signale und Heeresördnung; was (uns) aber wegen (unseres) Nichtwissens zustoßen kann, versucht niemand durch Vorsorgemaßnahmen, sondern j eder durch Gebet abzuwenden. Wir flehen aber nicht etwa mit gekreuzten Armen3 die Feinde um Schonung an, weil wir einigen ihrer Kriegslisten nicht gewachsen sind ! Wäre dir also das Schreiben notwendig erschienen, (dann) wärest du 25 bei der Suche, wem du deine Briefe anvertrauen könntest, vielleicht nicht in Verlegenheit geraten. Hätte dich a ber irgendein Verdacht4 beunruhigt, (dann) hättest du ihn beiseite lassen sollen, um nicht unversehens aus Angst vor einem kleinen und unbedeutenden Nachteil (anderen) Wichti geres wegzunehmen und dich selbst darum zu bringen. Wir hatten ja auch von denen, in deren Hände der Brief vielleicht gelangt wäre, weder einen Schaden noch einen Tadel zu erwarten, der dich hätte veranlassen kön- 3 0 nen, uns nur nach umfangreichen Sicherheitsvorkehrungen zu schreiben. Denn es kann, bei Gott, weder das, was wir uns aus dem Privatbereich erzählen noch das, was uns gegenseitig betrifft, Anstoß erregen. Kommen wir aber auf die Habgier der Barbaren und die Eroberung der Städte zu sprechen und teilen wir einander die alle betreffenden Tragödien mit, dann reden wir von Dingen, die in aller Munde sind, und niemand würde uns deshalb Verrat von Geheimnissen vorwerfen, so daß dein Brief des- 35 halb keiner großen Sicherheit bedürfte . Wenn du a ber die Säulen5, die Fahrt über den Ozean und die (mit der Reise verbundene) Lebensgefahr6 scheust und den Wunsch hegen solltest,
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niemand möge zuvor etwas davon erfahren, damit er dir bei dem Vorha ben nicht hinderlich sei, so sorge ich mich darum weniger als um gau kelnde Traumbilder, nicht als ob es mir, sollte es Wirklichkeit werden, 40 keine große Freude machte, sondern weil ich niemals glaube, daß es ge
schehen wird, und die, die davon reden, stets auslache . Weiß ich doch, daß du meinst, dieses Versprechen habe für mich, solange ich (noch) da bin, einigen Reiz; in Wirklichkeit aber wirst du, wenn ich abgereist bin, nicht einmal mehr daran denken; dafür wird dir die Zeit gar bald, glaube ich, den Beweis liefern. Nicht also, weil ich dies7 wissen will, bin ich betrübt, daß du (davon) nicht schreibst; sondern es sind andere Dinge, die du uns, wie ich meine, 45 zu Unrecht nicht mitteilen willst, nämlich, wie es dir persönlich geht und
was du bei dem, was um dich herum geschieht, empfindest. Wenn ich sagen wollte, ich wäre darum besorgt wie um meine eigenen Angelegen heiten, sollte man mich nicht leichthin für neugierig halten. Das aber, was gerüchtweise über die Stadt 8 und die Freunde erzählt wird, kann mich nicht davon abhalten, umherzugehen und die Wahrheit zu erforschen; man kann zwar viele darüber Lobpreis und Klage anstimmen hören, es ist aber ganz unmöglich, einen zu finden, der aus eigener Erfahrung darüber 50 berichten kann. Die anstehenden Gefahren drängen ja dazu, sich bei de
nen Auskunft zu holen, die (wirklich) Bescheid wissen. So werde auch ich, wenn ich über diese Dinge zuverlässig unterrichtet bin, meine eigenen Vorhaben mit größerer Sicherheit planen können. Es sollte mich also, wenn du mir darüber nicht schreiben willst, niemand tadeln, daß ich dich (dafür) tadle ! Es könnte ja auch das, was du in dieser Angelegenheit als Sicherheit bezeichnest, ein anderer Umsicht nennen, ich a ber möchte be haupten, daß es Unzuverlässigkeit ist! So begehrtest du anscheinend auch 55 nur um des Sieges willen zuvor Briefe von uns und triebst deshalb den
(zum Schreiben) an, der schweigen wollte; nachdem du ihn aber mit vie len Worten überredet hast, das Gesetz des Schweigens zu brechen, wirst du träge und schützt vor, daß dies und j enes dich am Schreiben hindere. Wenn es aber für dich Ehrensache ist, auf diesem Feld zu siegen, wird es auch uns ganz leichtfallen, dir im Schweigen nicht nachzustehen! K 1. OKyd, E, OE: D aß es sich um einen Brief des Kyd. aus Konstantinopel an Rhadenos in Thessalonike handelt, beweist die Anspielung auf das « Gesetz des Schweigens » , das Kyd. sich auferlegt hatte (vgl. Z.55f mit T2 8 6, A. l ; T28 7, Z.4; T305, BKyd) . D: Wegen der An-
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spielung auf eine längere Schreibpause muß der Brief geraume Zeit nach T305 (Mai/Juni 1 3 8 5 ) geschrieben sein, also kaum vor Herbst 1 3 85, aber andererseits einige Zeit vor T3 1 4 ( Sommer 1 3 8 6 ) . D i e präzisere Datierung auf c a . März 1 3 8 6 (TinnFreund 242, Nr. 5 0 ) er scheint mir nun nicht genügend begründet. 11. B Kyd, BE: Kyd . weist den Versuch des Rhadenos, sein Schweigen mit der Sorge um die Sicherheit der Briefzustellung zu begründen (Z.6 f. ) , mit folgenden Argumenten zurück: 1. Das Bedürfnis nach Sicherheit sei in allen Lebensbereichen berechtigt, solle aber nicht übertrieben werden ( Z. 1 2 -24 ) . 2. Rhadenos hätte, wenn er hätte schreiben wollen, geeignete Boten finden können ( Z.24 - 26 ) . 3. Sein Sicherheits bedürfnis sei auch deshalb unbegründet, weil ihre beiderseitigen Briefe keinerlei Nachrichten enthielten, die strenge Geheimhaltung forderten (Z.2 6 - 3 5 ) . 4. Wenn Rhadenos nicht wünsche, daß jemand von seinem Plan, mit Kyd. nach Italien zu reisen, erfahre, so sei diese Sorge nach Ansicht des Kyd. unbegründet, weil er ohnehin nicht glaube, daß Rhadenos dieses Vorhaben durchführen werde ( Z.3 5 - 43 ) . Schließlich bedauert Kyd ., daß der nun eingetroffene Brief nicht die erwartete Information über Rhadenos selbst und über die Lage Thesssalonikes enthalte (Z.43 - 5 3 ) . Ep, Xl : Ein vorausgehender Brief des Rhadenos an Kyd. (zum Inhalt s.o., BKyd, BE), überbracht von einem gewissen Palaiologos ( Z.4; zur Person s.u., T3 12, X l ) . III. Hss: A 1 1 9'- 1 20" Nr. 8 ; U 232' -233', Nr. 23 1 . IV. 1 Z u der längeren Schreibpause des Rhadenos, auf die hier angespielt wird, s.o., D, BKyd, BE. 2 Grund des Aufschubes ( sc. des Kommens) war also nach Meinung des Kyd. das schlechte Gewissen des Freundes. 3 W. : LW XELQE ÖllaaVLE�. Zum Demutsgestus ÖELV La� XELQa� siehe K. Groß (hrsg. von W. Speyer), Menschenhand und Gotteshand in Antike und Christentum, Stuttgart 1 9 8 5 , 36 und o . Treitinger, Die oströmische Kaiser- und Reichsidee, Jena 1 9 3 8 (Ndr. Darmstadt 1 95 6 ) , 6 6 f. : Es handelt sich wohl um das vom persischen an den byzantinischen Hof (und dann auch in die Liturgie) übernommene Kreuzen der Arme auf der Brust. Doch wird auch die Meinung vertreten, es sei das Falten der Hände mit verschränkten Fingern gemeint. 4 W. : U
Sc., ob Rhadenos wirklich mit Kyd. nach Italien reisen wolle.
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Thessalonike.
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AN DEN KAISER
L: 3 1 8 ; OKyd: Konstantinopel; E: Kaiser Manuel 11. Palaiologos; OE: Thessalonike; D: Ca. Herbst 1 3 85 - Frühjahr 1 3 8 6; wI: Palaiologos hat bei seiner Rückkehr aus Thessalonike Kydones keinen Brief von Manuel überbracht, aber berichtet, der Kaiser sei enttäuscht, weil er ihm nicht geschrieben habe. Als Ursache des angeblichen Versäumnisses gibt Kydones
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an, Palaiologos habe während seines früheren Aufenthaltes in Konstantinopel Kydones den Zeitpunkt seiner Abreise nach Thessalonike nicht mitgeteilt, so daß er ihm seinen Brief an Manuel, den er gewiß niemals « vergessen» würde, nicht habe mitgeben können.
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Ich erwartete von dir einen Brief als Trost in den Sorgen, die mich ständig verzehren; j etzt aber hat uns stattdessen der gute Palaiologos Vor würfe übermittelt. Er berichtete nämlich, du fühltest dich vergessen, weil er dir keinen Brief von mir überbracht habe. Mich aber traf es, muß ich gestehen, sofort wie ein Stich, so sehr von dir verkannt zu werden, daß du glaubst, ich könne dein HAUPT vergessen. Wie könnte das wohl einer glauben, der weiß , wie ich im privaten Kreis den Anwesenden dein Lob
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singe, aber auch in Versammlungen frei und offen von dir rede, wenig Rücksicht auf die nehme, die über meine Reden ungehalten sind, und beinahe schon einen Eid darauf ablege, j edem über dich gesagten Wort sei vorzuwerfen, daß es deine guten Eigenschaften nicht erreiche! Als ich dann wie die Verwundeten ein Heilmittel für die Verletzung suchte, ent deckte ich in der Wunde selbst auch die Linderung, denn ich sah in dei nem Schmerz wegen der (ausbleibenden) Briefe einen Beweis, daß dir die
15 Stimme ihres Verfassers lieb ist. So sprach ich: «Wie könnte der Kaiser
mir zürnen, wenn er sich über meine Worte freut und sich (nur) über mein Schweigen b etrübt? » Ich glaubte also, deine Vorwürfe seien ein Be weis der Liebe, nicht des Zornes; diese (Erkenntnis) legte ich dem Stich als Heilmittel auf und umhüllte ihn mit der Erinnerung an deine (freund schaftliche) Gesinnung wie mit einem Verband . So heilte ich meinen Schmerz und verfahre nun wie gewohnt: Ich schreibe und gebe zugleich 20 dafür, daß Palaiologos ohne Post von mir bei dir erschien, dir die Schuld 1 !
Sie besteht aber darin: Die Göttin Hesiods2 berichtete, der Kaiser 3 habe Gesandte ausgewählt, (um sie) zu Karatines4 zu senden, mit dem Auftrag, zwischen diesem und den Bewohnern Thessalonikes Frieden zu schließen.
Nun behaupteten die einen, es seien diese, andere, es seien j ene (dazu) bestimmt worden, und so waren lange Zeit die Namen unbekannt. Schließlich setzte sich die Meinung durch, Palaiologos sei mit den Ver25 handlungen beauftragt worden. Ich wandte mich also an ihn und fragte
ihn, ob er auch dein HAUPTs sehen werde . Da ich nun erfuhr, er werde als Bote des Kaisers auch zu dir kommen, hielt ich die Gesandtschaft für einen Glücksfall und war sofort mit einem Brief (an dich) bei der Hand. Da er aber noch nicht abreiste, sondern hier verweilte, schien es mir aus
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vielen (Gründen)6 nicht sicher zu sein, ihm den Brief auszuhändigen. Ich setzte ihm aber ständig zu und fragte ihn, wann er abreise, um ihm (den Brief) am Stadttor zu geben und (so) sicher zu sein, daß du ihn als erster 30 liese. Es war (eine Art) Wettkampf: Ich wollte die letzte Stunde (vor der Abreise) erfahren, er aber war darum bemüht, sie vor allen geheimzuhal ten. Es war ihm nämlich befohlen, niemandem etwas Genaues über seine Abreise mitzuteilen. Du kennst die Taktik bei solchen (Anlässen) und weißt, aus welchem Grund man sie erdacht hat. Während wir also einan der hierin zu überlisten suchten, mußte der Stärkere siegen, (nämlich) der, welcher (den Termin) der Abreise zu entscheiden hatte. So geschah es 35 denn, daß - auf Anordnung des Kaisers - Palaiologos vor (Empfang des) Briefes bei Nacht, als ich schlief, abreiste . D as war es, was uns den Vor wurf der Vergeßlichkeit eingebracht hat. Mögest du aber niemals glau ben,
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Kaiser, sie könnte unsere Seele so beherrschen, daß unsere Treue
sich eher von anderen als von dir fesseln ließe ! Würden wir doch leichter uns selbst als dich und deine liebenswerten Eigenschaften vergessen ! Da- 40 von also sei überzeugt und nimm unser Schreiben wie eine gezahlte Schuld entgegen; mein Schweigen aber halte eher für alles andere als für (ein Zeichen), vergessen (zu sein). K I. OKyd: Am Ort, wo sich der (Haupt- )Kaiser, sc. 10annes V. ( X2 ) aufhält, also Konstan tinopel. E, OE: Ein Kaiser ( Z . 1 5 .37) in Thessalonike (s.u., A. 1 ) , dem Kyd. sehr zugetan ist (Z. 7 - 1 9 . 3 7 - 4 1 ) , zweifellos Manuel. D: Gemäß T3 1 1 , Z.4 reiste Palaiologos zunächst von Konstantinopel nach Thessalonike (und Serres, S . U . , X3 ), kehrte nach Konstantinopel zurück und händigte Kyd. einen Brief des Rhadenos aus. Denselben Reiseweg setzt vorliegender Brief T3 1 2 voraus: Manuel war enttäuscht, daß Palaiologos ohne einen Brief des Kyd. nach Thessalonike kam, und Palaiologos berichtete davon anschließend dem Kyd. in Konstantino pel (Z.5 - 7 ) . So darf man annehmen, daß die Reisen des Gesandten in T3 1 1 und 3 1 2 iden tisch sind, zumal die Enttäuschung des Kyd., daß Rhadenos nichts über die Lage Thessaloni kes berichtet habe (T3 1 1 , Z.45 - 5 0 ) , gut zu der Tatsache paßt, daß Manuel dem Palaiologos überhaupt keinen Brief mitgab (Z.5 ) . Da nun beide Briefe bald nach der Rückkehr des Palaio logos geschrieben sind, sind sie auch in die gleiche Zeit zu datieren. 1I. BKyd: Der Brief ist ein weiteres Zeugnis der tiefen Freundschaft, die Kyd. mit Manuel verbindet (Z.7- 1 9 .3 7 - 4 1 ) . BE: Offenbar hatte Manuel Gegner in Konstantinopel ( Z. 1 0 f. ) , wohl v o r allem wegen d e s angespannten Verhältnisses z u seinem Vater 10annes V. ( dazu BarkMan 5 0 ) . Doch war er anscheinend von der im Auftrage seines Vaters erfolgten diploma tischen Mission an Hayreddin Pascha unterrichtet (s.u., X l ) . BarkMan 57, A. 1 5 6 fragt sich daher: « Does John's embassy suggest the possibility of any last shred of good relations bet ween father and son ? » Xl : Palaiologos (Vorname unbekannt); Gesandter im Auftrag Kaiser 1oannes' V. zu Hayreddin Pascha (Z.20 - 3 6; vgl. DenReign 1 0 1 . Zur Person: PLP 2 1 402, wo
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
er, mit Fragezeichen, aber ohne stichhaltige Begründung, mit einem Palaiologos ohne Vorna men aus Kyd .-Briefen der Jahre 1 3 5 8 - 60 und 1 3 74/75 gleichgesetzt wird; siehe Bd. 1/1 , T45, Xl; T46, Xl; Bd. 11, T 1 5 6, X6); er überbrachte Kyd. die Nachricht, daß Manuel ihm zürne (5 f. ) . Siehe auch oben, D. X2 : Ein Kaiser, Ioannes v., der durch den Gesandten « Palaiologos» Verhandlungen mit Hayreddin Pascha aufnahm (Z.20 - 3 6 ) . X3: «Karatines» ( 2 1 f., siehe PLP 1 1 097, KuguAlf.,lTCumw; XU·lgm:lYll�) ist Hayreddin Kara Halil Pap (Pascha ), Wesir des Os manenemirs Murad I., Statthalter von Rumelien 1 3 8 3 - 8 7. Zu seiner Person siehe auch oben, T235, ZG. ZC: S.o., BE, XI -X3 . Ep: Ein Brief an Kaiser Manuel (Z.28 ), den Kyd. dem Gesandten Palaiologos bei dessen früherem Aufenthalt in Konstantinopel mitgeben wollte, als er nach Serres ( zu Hayreddin Pascha) und nach Thessalonike abreiste. Aus Sorge, der Brief könne in die falschen Hände geraten, wollte Kyd. ihn dem Boten erst kurz vor seiner Abreise aushändigen. Da die näheren Umstände des Auftrages aber geheimgehalten wurden, ließ sich der genaue Termin nicht ermitteln, und so reiste der Bote ohne den Brief ab ( Z. 1 9 3 6 ) . Ob dieser Brief mit einem der erhaltenen Briefe a n Manuel identisch ist, muß offenblei ben, weil über den Inhalt nichts bekannt ist. III. Hss: A 120rv, Nr. 1 0 ; U 233 v -234 r, Nr. 232; B 244r - 245r, Nr. 9 8 . Lit: DenReign 129. IV. 1 Wie sich aus dem Folgenden ergibt, war eigentlich die Geheimdiplomatie Kaiser Ioannes' V. der Anlaß dafür, daß Manuel keine Post von Kyd. bekam, aber Kyd. gibt hier (nicht ohne Ironie) Manuel selbst die Schuld, weil der diplomatische Auftrag die Rettung Thessalonikes betraf. 2 Sc. Y!f.,l1l (Fama, das Gerücht) , gemäß HesOp 762 f. 3 Ioannes v.; s.o. X2 . 4 Zur Person s.o., X3 . 5 Kyd. verwendet hier statt des sonst üblichen XE
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AN DEN DESPOTEN THEODORO S
L : 322; OKyd: Konstantinopel; E : Theodoros I . Palaiologos; OE: Mistra, Peloponnes; D: SommerlHerbst 1 3 85; wI: Dank für einen « schönen» Brief, der allerdings von lakonischer Kürze gewesen sei, insbesondere zur Frage des versäumten Schreibens. Die seit seit langem erbetene Plutarch-Handschrift befinde sich nach wie vor in Mistra, wo sie aber niemandem nützen könne. Es sei zu bedauern, daß Theodoros nicht bereit sei, seine Freundschaft für Kydones durch Geschenke zu beweisen.
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BRIEFE
T3 1 2 - 3 1 3
D ank sei dir, weil du geschrieben und (deinen Brief) schön verfaßt hast. Denn so schreibt weniger ein Kriegsmann als vielmehr ein Rhetor ! So ist
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anscheinend dem Lakonischen (doch) noch etwas von der Musenkunst verblieben. Es wird (ja) mit Maßen auch mancher von ihr ergriffen, der mit anderen Dingen befaßt ist, und erhebt (dann) seine Stimme wie die gelernten Redner. In einer Hinsicht nur betrübte mich dein Brief: daß mit der Schönheit nicht auch Länge verbunden war, sondern er (nur) für kurze Zeit Freude brachte, aber nicht gestattete, die gleiche Anmut (auch) lange zu genießen. Freilich ist auch dies lakonisch, viel gedanklichen Inhalt in wenige Worte 10 zu fassen! D u aber hast ihn noch mehr verkürzt, weil du die Verteidigung deines Schweigens, da du keinen gerechten Grund hattest, mir zu wider sprechen, auf Schweigen beschränkt und behauptet hast, es sei fortan nicht mehr nötig, sich darum zu streiten, weil das, was beiderseits (dazu) gesagt worden sei, genüge. Hier hast du allerdings nicht so gehandelt, wie es bei den Spartiaten üblich war, denn bei ihnen war es Tradition, entwe der zu siegen oder wenigstens nicht zu fliehen. Aber anscheinend sind j etzt nicht nur Leute wie Agesilaos, Brasidas 1 5 und Leonidas1 vergessen, sondern auch Plutarch2 wurde, wie ich prophe zeit hatte, in eine Ecke geworfen und liegt dort herum wie unbrauchbares Gerümpel. Wahrhaftig, er würde, wenn er reden könnte, dich zum Stu dium ermutigen und dich lehren, im Ringen mit der Wissenschaft nicht nachzulassen; er würde dir aber (auch) zeigen, was man sagen muß, um seine Gegner in einer Disputation zu widerlegen, mich aber würde er dazu bringen, Britannien und die Säulen 3 zu vergessen und zu dir und zu ihm4 20 zu eilen, den ich, wie du auch selb st einräumst, liebe und verehre. Jetzt aber rät er mir, weil er (so) verachtet wird, ich solle die Peloponnes mei den, damit ich nicht, wenn ich komme, sein Schicksal mit ihm teile, zumal du mich zwar in deinen Briefen herbeizuwünschen scheinst, im übrigen aber recht abweisend behandelst. Denn die Machthaber sollten für ihre 25 Getreuen nicht bloß Worte übrig haben, die (j a) auch von den Ärmsten beigesteuert werden könnten, sondern es sollte noch etwas anderes als Beweis für die Wahrhaftigkeit ihrer Worte hinzukommen, damit man die schönen Reden nicht für bloßes Getöse hält. Dies sage ich aber nicht, weil ich mich bei dir bereichern will - ich habe mich längst daran gewöhnt, mir nicht mehr zu wünschen als das wenige, was ich habe - , sondern weil (uns) mehr als alles (andere) die Geschenke derer, die wir lieben,
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
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teuer sind; gelten sie (uns) doch als Beweis, daß auch sie (uns) wiederlie ben ! Wem aber dies wichtig ist, der braucht sich nichts (anderes) mehr zu wünschen. Doch plagt mich insgeheim auch der Neid, ich könne vielleicht weniger bei dir gelten als einige (andere), die ständig mit deiner Freund schaft und mit Gaben von dir rechnen können; bei mir aber kommen mit knapper Not einmal im Jahr einige wenige Worte von dir an. Doch wür den wir, wenn du uns ebenso wie ihnen zugetan wärest, es ertragen, daß sie uns in materieller HinsichtS vorgezogen werden. Denn es ist unser
35 Ehrgeiz, den alleredelsten Despoten, nicht das, was er hat, zu besitzen. K L OKyd: Kyd. befindet sich zweifellos an seinem gewohnten Aufenthaltsort, von dem aus er grundsätzlich in das Abendland wie auch nach Mistra reisen kann ( Z. 1 9 - 24 ) . OE: Die Peloponnes (Z.22 ) . D: Der Brief T309 (Ansatz: Mai/Juni 1 3 8 5 ) hatte bis zur Ermüdung (in der Edition 67 Zeilen ! ) die Frage behandelt, wer von beiden berechtigt sei, dem Briefpart ner « Schweigen» vorzuwerfen. Zweifellos bezog sich Theodoros auf diesen Brief, wenn er gewiß bald darauf - kurz und bündig « dakonisch » , Z . 1 0 ) antwortete, es sei fortan nicht mehr nötig, über Versäumnisse im Schreiben « < Schweigen» ) zu streiten, weil das bisher dazu Gesagte genüge ( Z. l O - 1 3 ) . So sollte vorliegender Brief nicht allzulange nach T309, späte stens wohl auf Herbst 1 3 85, datiert werden (Loenertz: 1 3 8 5 - 1 3 8 6 ) . II. BKyd, B E : Kyd. lobt den Stil, bedauert aber die Kürze des Briefes, den e r von Theodor erhalten hat, zumal dieser sich jede Diskussion über die Berechtigung des « Schweigens» (s.o., D ) verbeten habe (ZA- 1 4 ) . Erneut bedauert er, daß die in mehreren vorausgehenden Briefen erwähnte und erbetene Plutarchhandschrift (s.o., T309, BKyd) immer noch ungenutzt in Mistra liege ( Z. 1 6 f. ) . Weil ihm dieser Autor gleichgültig sei, beraube sich Theodoros der Chance, von ihm die Kunst der Disputation zu lernen ( Z. 1 7 - 1 9; Kyd. will hier wohl andeu ten, daß Theodoros dann auch besser vorbereitet wäre, sich brieflich mit seinen Argumenten auseinanderzusetzen) . Kyd. selbst würde diese Handschrift so gern lesen, daß er sogar ihret wegen auf seine Reise ins Abendland verzichten und nach Mistra kommen würde ( Z. 1 9 2 1 ) . Das sei aber nicht anzuraten, weil man Bildung dort s o wenig schätze, daß auch e r selbst keine bessere Behandlung als die Handschrift zu erwarten hätte (Z.2 1 -23 ) . Außerdem lade ihn Theodoros zwar nach Mistra ein, lasse es aber an Beweisen der Freundschaft in Form von Geschenken fehlen. Es folgt eine gewundene Argumentation: Kyd. beteuert, es gehe ihm nicht darum, beschenkt zu werden; er sei mit seinem geringen Hab und Gut zufrieden. Ande rerseits aber seien Geschenke unter Freunden unentbehrliche Zeichen der Zuneigung, und so sei er enttäuscht, daß Theodoros anderen solche zukommen lasse, ihm aber nicht (Z.23 3 2 ) . Zweifellos geht es hier in erster Linie um die Handschrift, aber anscheinend auch um eine finanzielle Unterstützung ( s.u., A.5 ) . Schließlich hält er Theodoros doch wieder seine Säumigkeit im Schreiben vor und betont in diesem Zusammenhang, daß er sich auch ohne Geschenke begnügen könne, wenn Theodoros ihm andere Freunde nicht vorziehe (Z.32 3 5 ) . Die latente Spannung zu dem Despoten, die auch schon in früheren Briefen erkennbar war, hat in diesem Brief ihren Höhepunkt erreicht. Es ist jedoch möglich, ja wahrscheinlich, daß er den Adressaten nie erreichte, denn in dem nach längerer Pause auf diesen Brief folgen-
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BRIEFE T3 1 3 - 3 1 4
den Brief T3 1 8 bedauert Kyd., daß Theodoros - anscheinend sogar mehrfach - Post von ihm nicht erhalten habe (Z.5 f. ) , ohne auf seine eigenen Vorwürfe Bezug zu nehmen. Ep: Zum vorausgehenden Brief des Theodoros an Kyd. s.o., BKyd, BE ( am Anfang) . III. Hss: A 1 0Yv, Nr. 6; U 2 1 7Y - 2 1 8 r, Nr. 2 1 9 . IV. 1 Spartanische Feldherren; Agesilaos und Leonidas waren zugleich Könige. 2 Die bereits in T273, Z.2 1 - 54 und T309 (A.2) erwähnte Handschrift. 3 Damit wird die geplante Reise nach Italien angedeutet, allerdings in Form einer Hyper bel, denn zweifellos plante Kyd. nicht, nach « Britannien» oder gar zu den « Säulen des Hera kIes» ( auch T3 1 1 , A.5 und öfter als Periphrase für « Abendland» verwendet) zu fahren. 4 Sc. zu « Plutarch » . 5
W: XQf]�laaLV, was wohl auf ein finanzielles Geschenk z u beziehen ist.
314 L: 334; OKyd: Konstantinopel; E: Rhadenos; OE: Thessalonike; D: Herbst 1 3 85 - Som mer 1 3 8 6; wI: Der Legat Paolo Foscari, von Papst Urban VI. nach Thessalonike und Kon stantinopel gesandt, ist entgegen seinem ursprünglichen Plan zuerst nach Konstantinopel ge langt und dort mit großer Zurückhaltung empfangen worden. Nun ist er unterwegs nach
Thessalonike. Rhadenos soll auf Manuel 11. einwirken, daß er den Legaten, aber auch seinen Begleiter, den Dominikanermönch Garcia, freundlich aufnehme.
Der Legat des Papstes hat - zu seinem Unglück1 - seinen Reiseplan umgekehrt und ist bei uns, zu denen er (erst) an zweiter Stelle kommen
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sollte, zuerst eingetroffen, zu euch a ber kommt2 er später, zu denen er zuerst gesandt war. Für diese Änderung wurde er von uns nicht gerade milde bestraft3 : Von denen, die ihn brieflich eingeladen hatten\ wollten ihn die einen nicht einmal empfangen; die anderen empfingen ihn zwar wenn auch mit Widerwillen - , ließen sich aber auf keinerlei Gespräch ein; sie vergaßen vielmehr völlig, was sie geschrieben hatten, und waren so sehr auf die Union, um die sie gebeten hatten, bedachtS, daß sie sich 10 sogar über den Papst lustig machten, der diese erhoffte, und die Bemü hung darum für offenen Wahnsinn erklärten. Um nun seine Bereitschaft gänzlich als absurd zu erweisen, forderten sie vom Papst, wenn er nicht zuerst dies und j enes aus dem Symbolon entferne6, wollten sie ihn fortan keines Wortes mehr würdigen. Noch manches andere fügten sie mit ge wichtiger Miene hinzu und zeigten durch ihr Verhalten, daß sie nichts 1 5 von ihm erbaten u n d es fortan auch nicht nötig sei, ihn (in der Angelegen heit) zu bemühen. Unter diesen Umständen also reiste der Legat von hier ab. Er kommt aber j etzt zu euch mit dem Wunsch, von euch nicht die
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
gleichen Antworten zu erhalten. Nun konnte ich aber seine Furcht nicht wenig zerstreuen, denn ich unterrichtete ihn über die zuverlässige Gesin nung des Kaisers7 und überzeugte ihn, daß er ihn wohlwollend und 20 freundlich empfangen und sich bemühen werde zu verwirklichen, was er
seinem Auftrag gemäß erreichen wolle. Ich sagte nämlich, er sei ein Mann, der seinen Entscheidungen treu b leibe und auf Worte auch Taten folgen lasse. Er kommt also (nun) und ist überzeugt, daß es ihm bei euch besser ergehen wird. Bei Gott also, wenn du irgendeine Möglichkeit hast, den Kaiser zu beraten, bringe ihn dazu, den Mann freundlich aufzunehmen und gezie mend zu ehren; denn er hat es verdient, nicht nur wegen seines Auftragge25
bers und der Pflicht, in den Gesandten ihre Auftraggeber zu ehren, son dern weil er es auch um seiner selbst willen verdient hätte, so liebenswür dig und gebildet wie er ist, sogar von Skythen geachtet zu werden! Man sollte auch versuchen, ihm Antworten zu geben, die von dem, was ver nünftig und billig ist, nicht weit entfernt sind, sondern soweit wie möglich dem Auftrag entsprechen, den die Gesandten übermittelt haben. So wür den wir, (selbst) wenn uns die Gesandtschaft nichts anderes einbringen
sollte, wenigstens Lob für Wahrhaftigkeit und gute Umgangsformen ern30 ten. Ich würde mir aber wünschen, daß auch Fra 8 Garcia vom Kaiser entsprechend geehrt wird, da er seit langem sein Freund und ihm treu ergeben ist, nun aber auch das Bischofsamt erhalten hat und es durch seine rechtschaffene Gesinnung ziert. Jedenfalls pflegt der Kaiser auch sonst Personen wie ihm hohe Ehre zu erweisen. Willst du aber etwas über mich erfahren, so wird dir nichts unbekannt bleiben, wenn du ihn fragst. K L OKyd: « Bei uns » (Z.5), sc. in Konstantinopel, wie sich aus dem Folgenden ergibt. E, OE: Vor allem die Anspielung auf den Zugang des Adressaten zum Kaiser ( Z.22 f. ), sc. Ma nuel in Thessalonike, läßt auf Rhadenos schließen (vgl. TinnFreund 2 1 9 f. ) . D: Sichere Grenz daten für die im Brief erwähnte päpstliche Gesandtschaft sind: Das Schreiben des Patriarchen Neilos an den Papst, Sept. 1 3 84 (s.u., A.4) und, gemäß DenReign 144, A.2 8 , das Datum 22. 9 . 1 3 8 6, bis zu welchem ab 8 .4. 1 3 8 3 die Einträge im Papstregister fehlen (s.o., T3 0 1 , X2 ) . Da die Gesandtschaft i m Papstregister nicht erwähnt ist, muß sie i n diese Zeit fallen. Den Reign plädiert für Frühjahr/Sommer 1 3 8 6 (von mir übernommen in TinnFreund 224 mit A.64 ) , doch ist nicht auszuschließen, daß die Gesandtschaft schon im Herbst 1 3 85 nach Konstantinopel kam. Daher kann auch vorliegender Brief bereits Herbst 1 3 85 verfaßt sein, so daß hier die weitere Datierungsspanne der Edition übernommen wird. H. BKyd: Über den frostigen Empfang der päpstlichen Gesandtschaft in Konstantinopel, also vor allem bei Patriarch Neilos, berichtet Kyd. mit kritischem Sarkasmus (Z.4 - 1 6; ein
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BRIEF T3 14
gespanntes Verhältnis zu Neilos ist auch anderwärts erkennbar; s.o., T 0294, Xl ) . Er hofft nun, daß sie von Kaiser Manuel freundlicher empfangen werde, und bittet Rhadenos um entsprechende Vermittlung ( Z. 1 6 - 3 0 ) . Er empfiehlt Rhadenos auch seinen Freund Garcia ( s.u., X4 ), der ihm berichten könne, wie es ihm gehe ( Z.3 0 - 34 ) . Xl : Der Gesandte des Papstes (Z.4), Legat gemäß T3 1 5 , Z. 12; T3 1 6, Z.4.29, dessen Name in den Kydonesbriefen T3 1 4 - 3 1 6, der einzigen Quelle der Gesandtschaft, nicht genannt ist, muß identisch sein mit Paolo Foscari, dem lateinischen Erzbischof von Patras (seit 1 3 75 ) , weil dieser einige Zeit vor Sept. 1 3 84 zum Apostolischen Legaten in der « Romania» erhoben wurde (DenReign 143 ) . E s kommt also kein anderer i n Frage. Aus unbekanntem Grund kam e r entgegen seinem Auftrag zuerst in Konstantinopel an, wo der Unionsvorschlag, den er mitbrachte, unfreund lich aufgenommen wurde (Z.4 - 1 6 ) . X2: Ein Kaiser (Z. 1 8 f. 23 . 3 0 . 3 3 ) an einem anderen Ort (Z.5), zweifellos Thessalonike: Manuel 11., von dem sich Foscari eine freundlichere Aufnahme erhoffen könne ( Z. 1 8 f. ) . X3 : Der Auftraggeber der Gesandtschaft ( Z.24 ) , ein Papst (Z.4), sc. Urban VI. Mit ihm hatte Kaiser Manuel durch eine Gesandtschaft Verhandlungen aufge nommen (s.o., T3 0 1 , X2 ) . X4: Fra (s.u., A. 8 ) Garcia (Z.30; zur Person s.o., Bd. lI, T208, X2; in diesem Band: T 0292, Xl), inzwischen zum Bischof erhoben (Z.3 l f. ), sc. zum Erzbi schof von Theben (DenReign 145, A.30). Er befindet sich offenbar bei den Gesandten. ZC: Patriarch Neilos, auf den Kyd. nur indirekt Bezug nimmt (Z.6 - 1 6; vgl. oben, BKyd ) , hielt anscheinend Unionsverhandlungen nur für sinnvoll, wenn der Papst sich zuvor bereit zeigte, das Filioque aus dem Symbolon zu tilgen (s. u., A.6). 111. Hss: A 1 2 1 ", Nr. 1 ; U 1 8 7" - 1 8 8 ", Nr. 1 92 . Ed: LR 9 6 f., Nr. 2 (mit frz. Resümee) . Üb: DenReign 144 f. (engl. ) . IV. 1 W. : o v ÖE�L(:t LUXl1 XQYjaciI-lEvo�. Mit diesen Worten wird nicht der Grund (etwa irgendein Mißgeschick) für den Austausch in der Abfolge der Reiseziele angegeben ( dieser bleibt unbekannt) , sondern es ist nur gemeint, daß die Ä nderung dem Legaten kein Glück brachte (wie sich aus dem Folgenden ergibt) . 2 W.: � XEV ( kam) . Kyd. versetzt sich i n die Lage des Adressaten; i m heutigen Empfinden ist die Zeit der Abfassung des Briefes ausschlaggebend. So übersetzt auch Dennis « he is coming» . 3 W. : EÖWXEV �I-lIv Ö(xYjv ODLOL �lEl-lmllv. Gemäß LSc, s.v. I-lEl-lm6�, ist o v I-lEI-l1tL6� mit <
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
315 L: 335; OKyd: Konstantinopel; E: Rhadenos; OE: Thessalonike; D: Herbst 1 3 85 - Som mer 1 3 8 6; wI: Nach Absendung des Briefes, der die Ankunft des Legaten ankündigte, blieb dieser wider Erwarten noch eine Zeitlang in Konstantinopel, unter anderem auch, weil Ge rüchte eintrafen, Kaiser Manuel habe sich aus Thessalonike entfernt. Kydones versteht dies als einen Schritt der Verzweiflung angesichts der türkischen Bedrohung und rät seinem Freund, ebenfalls aus der Stadt zu fliehen, wenn er sein Leben retten wolle.
Was, wie man sagt, die empfinden, die ein Chamäleon anschauen � , 5 erleben j etzt die, welche über die Lage berichten wollen. Von j enem heißt
es j a, man habe noch nicht seine Farbe bestimmt, da habe es schon eine andere angenommen, und bevor man j ene angebe, zeige es (schon wieder) eine andere, und danach biete es einen (wieder) anders schillernden Kör per dar, und dieser Wechsel nehme kein Ende, bis man (die Beschreibung) erschöpft aufgebe. Das hat auch uns, die wir für euch Briefe verfaßt hatten, gezwungen, 10
sie wegzuwerfen und andere zu schreiben, danach aber wieder andere, viele andere, und (so) haben wir oft die vorherigen verworfen, schließlich (aber) das Schweigen als das Beste angesehen, um nicht wegen unseres Laufes gegen die Strömung als lächerlich zu erscheinen. D aß dies wahr ist, wirst du einsehen, wenn du den Brief über den Legaten liest, den ich unmittelbar bei seiner Abreise absandte; weil ihn nämlich ein zufälliges Ereignis und einige weitere Dinge, die sich j üngst ereigneten, aufhielten,
15 mußte ich auch meinen Brief (durch einen anderen) ersetzen. Als darauf
hin wieder anderes berichtet wurde, schien mir auch j enes (Schreiben) überholt zu sein. Bald darauf wurden wir wieder von einer anderen Kunde überschwemmt, die uns ihrerseits an dem gerade Geschriebenen keinen Gefallen finden ließ . So erwartet uns eine Woge nach der anderen, und immer bringt die nächstfolgende größere Betrübnis als die vorausge hende. Doch j etzt ist (dies alles noch) übertroffen worden, weil wir Anlaß sehen, die Stadt2 schon als erobert zu beklagen. Zu dieser Vermutung 20 gelangen nämlich a lle, weil der Kaiser zu Schiff abgereist ist3 . Denn auch, wenn man dies mit einer diplomatischen Mission für die Stadt, mit einem Bittgang zu dem Barbaren, die eine Erleichterung der Belagerung erwir ken soll, oder mit etwas anderem in dieser Art erklärt, nimmt es denen, die davon hören, nicht die Furcht um die Stadt; sie sagen vielmehr, der
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BRIEF T3 1 5
Kaiser s e i über die Lage völlig verzweifelt und versuche sich auf ehren hafte Weise den Gefahren zu entziehen, oder auch, er habe sich, um etwas für sich4 zu erreichen, zu dem begeben, der es ihm gewähren könneS, da 25 er das, was er von den Feinden zu erwarten habe, für erträglicher halte als das, was ihm in der Stadt zustoßen könne . Dazu kann man wohl weder etwas schreiben noch sagen. Denn die Größe der Not verfinstert die Gedanken mit Mutlosigkeit und hemmt den Lauf der Zunge und der Hand. Man muß allein Gott als Bundesgenossen anrufen und ihn durch Änderung des Lebens und durch Tränen versöhnen; ich (aber) kann dir 3 0 nur noch raten, dich selbst zu retten, d en Untergang mit denen, die dem Untergang geweiht sind, nicht für Tapferkeit zu halten - kann er doch ihnen auch nichts nützen ! - und hier auch nicht die unvernünftige Scham6 als Ratgeberin zu wählen, die niemandem förderlich ist und dir (nur) Reue und viele Gefahren einbringen wird. Zerreiße vielmehr, so lange du es (noch) kannst, das Spinngewebe, in das' du dich verstrickt hast, und schenke dir und deinen Freunden deine Rettung. Diesen Rat 35 wage ich (dir), obwohl ich dir (dasselbe schon) oft rier7 und dich (bisher) noch nie überzeugen konnte, dennoch auch j etzt zu erteilen. Nehme ich es doch sogar lieber in Kauf, dir, wenn ich dir das rate, was dir meiner Meinung nach nützlich ist, lästig zu fallen, als zur Vermeidung dieser (Gefahr) das, was ich meinen Freunden schuldig bin s , zu versäumen. K 1. OKyd: Der « Brief über den Legaten» ( Z . 1 2 ) wurde vom gleichen Ort aus geschrieben. E, OE: Vgl. die Mahnung, zu der in A.7 Parallelstellen angegeben werden. D: Nicht lange Zeit nach T3 l4; siehe dort, D ( abweichend von der Datierung TinnFreund 242, Nr. 52). 11. BKyd: Wegen der sich überschlagenden Hiobsbotschaften aus Thessalonike ist Kyd. von wachsender Sorge um das Schicksal seiner Vaterstadt erfüllt und rät Rhadenos zu schleu niger Flucht aus der bedrohten Stadt. BE: Es gelang Rhadenos bisher nicht, sich aus dem « Spinnennetz» seiner Bindung an Kaiser Manuel zu lösen und aus Thessalonike zu fliehen (Z.33 f. ) . Xl : Ein Legat ( Z . l l ) , Paolo Foscari (T3 14, X l ) . Seine Abreise von Konstantinopel hat sich aus nicht näher genannten Gründen verzögert ( Z. 1 3 f. ) . DenReign 146 vermutet, daß vor allem die in anderen Briefen des Kyd. genannte Pest (die gemäß T327, Z.32 f. insbe sondere auf den Schiffen wütete) die Abreise behinderte. Das würde eine Datierung der Fos cari-Gesandtschaft auf 1 3 8 6 bedeuten. Doch verwundert es, daß Kyd. die Pest hier nicht ausdrücklich als Grund nennt, da sie wohl auch für Rhadenos, den er zur Flucht aus Thessa lonike ermuntert, eine Gefahr bedeutet hätte. X2: Ein Kaiser, der (vorübergehend, s.u., A. 3 ) z u Schiff (sc. von Thessalonike) abgereist ist ( Z. 1 9 f. ), Manuel 11., vermutlich, u m mit X 3 zu verhandeln; S . U . , X3 . Doch betont BarkMan 57, A.156, der Grund der Reise bleibe unsicher. X3: Ein Barbar, mit dem Manuel 11., wie Kyd. annimmt, verhandeln will (Z.21 .24 f.; vgl.
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
DenReign 129 f. ), entweder Emir Murad I. oder eher noch Hayreddin Pascha, der Gouver neur von Rumelien (s.o., T3 12, X3 ) . Ep: Kyd. spricht von mehreren Briefen, die er zur Absendung nach Thessalonike verfaßt, dann aber wegen veränderter Umstände nicht abge schickt habe (Z.8 - 1 0 ) . Dies mag eine Hyperbel sein. Konkret faßbar ist nur der Z . 1 2 f. erwähnte Brief an Rhadenos, der mit T314 identisch ist. III. Hss: A 1 2 P - 1 22r, Nr. 2; U 1 8 8 r - 1 89r, Nr. 1 93 . Ed: LR 9 8 f., Nr. 3 (mit frz. Resü mee ) . Lit: DenReign 129 f., 145 f. IV. 1 Das Chamäleon als Symbol des Veränderlichen seit der Antike (z. B. AristotEN 1 l 00b6 ) . 2 S c . Thessalonike. 3 Wie Loenertz im Apparat zu Z.20 anmerkt, kann dies nur eine vorübergehende und noch nicht die letzte und endgültige Abreise Manuels von Thessalonike gewesen sein. Zu dieser s.u., T328, X l . 4 W. : atrt0, i n reflexivem Sinne verwendet. 5 Sc. der « Barbar» (s.o., X3 ) . 6 Vgl. oben, T2 86, A. 8 . 7 8
Vgl. oben, T275, Z.25 - 3 9; T2 86, Z.28 - 3 0 . W. : Tl]V avayxa(av TüÜ; cpo._Ol� . . . cpoQuv. Zum Begriff cpoQu s . o . , T3 07, A.2.
316 L: 3 2 7 ; OKyd: Konstantinopel; E: Kaiser Manuel 11. Palaiologos; O E : Thessalonike; D :
1 3 8 6; w!: Kydones hat gerüchtweise von einem positiven Verlauf der Verhandlungen zwi schen Manuel und dem päpstlichen Legaten gehört. Doch muß er sich von den Unionsgeg nern in Konstantinopel Vorwürfe anhören, Thessalonike sei vom wahren Glauben abgefallen, und er habe dies mitverschuldet. Um darauf angemessen reagieren zu können, bittet er den Kaiser, ihn über die Ergebnisse der Gespräche persönlich zu informieren.
Wir sind, wie du dir denken kannst, begierig zu erfahren, (wie) die Angelegenheit mit dem Legaten (ausgegangen ist), aber keiner kann uns 5 darüber genaue Auskunft geben. Zwar sind viele (Leute) unterwegs, die
vieles daherreden, a ber alle sagen (nur) das, was sie (selbst) für zutreffend halten; es stimmt aber miteinander nicht überein. So können sie uns nicht von dem überzeugen, was sie beteuern. Darüber j edoch sind sich alle einig: Dem Gesandten sei sowohl vom Kaiser wie von der Stadt große Ehre (erwiesen worden); (man habe ihm) auch entsprechende Geschenke (überreicht); man habe Reden (gehalten) und lange Gespräche (geführt), 10 ganz ähnlich denen, (die) unter Freunden (üblich seien), teils vor vielen
Zeugen, teils unter Ausschluß der Öffentlichkeit, und (noch von man chem) anderen (war die Rede), womit man die Kirche und den Auftragge-
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BRIEFE
T3 l5- 3 l 6
berl habe ehren wollen . Aber auch der Legat habe durch seine Zusagen alle erfreut2, und er habe alles erhalten, was er gefordert habe, da alle (es ihm) bereitwillig zugestanden. So sei j etzt unsere Stadt 3 überzeugt, der Sohn sei in gleicher Weise wie der Vater zu ehren, und dieser Glaube 15 habe (auch) Geltung bei den öffentlichen Gottesdiensten und bei allen Versammlungen4. Andere aber, die unsere Mitbürger zum Zorn reizen wollen, fügen noch die Schlüssels und deren Primat über das kaiserliche Herrschaftszeichen6 hinzu; (sie behaupten), daß von uns7 nicht nur der Glaube verfälscht worden sei, sondern daß dies auch dem Kaisertum viel Schande eingebracht habe und daß die Schuldigen dafür bei Gott und dem Kaiser Strafe verwirkt hätten8 . Alle also, denen daran gelegen ist, 20 selbst den wahren Glauben zu bewahren, und die wünschen und beten9 , daß er auch von den anderen bewahrt werde, stimmen denen zu, die
überzeugt sind, die Wahrheit erkannt zu haben 1 0 , und bestätigen ihnen, daß sie mit Vernunft Vereinbarungen getroffen haben, die der Freiheit förderlich sind l 1 . Diej enigen aber, die dem fluch beladenen Gesetzgeber12 vor Christus den Vorzug geben und sein Joch gegen die Freiheit mit den Christen eintauschen, nehmen an dem Anstoß, was das Gerücht verlauten 25 läßt, bedauern die Stadt, weil sie den Glauben der Väter verleugnet habe, und prophezeien ihr als Strafe für ihren Frevel die gänzliche Eroberung. So reißen denn alsbald alle gegen mich das Maul auf und entladen für das, was sie euch in dieser Angelegenheit vorwerfen, ihren Zorn auf mich. Ich hätte, (sagen sie) nämlich, mich hier dafür eingesetzt, daß der Legat die Neuerung im Glauben als Gegengabe für militärische Hilfe fordern 30 dürfe, bei dir aber die Meinung vertreten, es sei in Ordnung, dem zuzu stimmen, was er fordern werde. So ist um meine Person, da ich offensicht lich diese (Entwicklung) ver anlaßt hätte, ein großer Krieg ausgebrochen, und alle schreien laut, man müsse den Ratgeber zur Verantwortung zie
hen, weil er die Stadt1 3 betrogen habe.
Doch kann man die meisten irgendwie entschuldigen; wer aber könnte die Komödien, welche die trefflichen Hesychasten14 aufführen, und ihre Geschosse ertragen oder zählen? So dicht ist ihre Folge, und sie verletzen 35 (mich) tief! Dies ist mein einziges Heilmittel gegen die Verwundungen, daß ich mit dir und der Vaterstadt die Schmähungen teile. Nicht einmal nämlich, nicht einmaps von deinem HAUPT1 6 lassen sie ab, die dieses sagen, sondern schließen in ihre Vorwürfe gegen uns auch dich ein und klagen dich eines angeblich unvorhersehbaren Gesinnungswandels an.
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
Zeige dich also um Gottes willen geneigt, uns zu enthüllen, was wirklich 40 (vereinbart) wurde, damit wir entweder erfahren, daß die Ankläger die
Wahrheit sagen, und als Verantwortliche schweigend die Schmähungen ertragen, oder belehrt werden, daß die Göttin Hesiod s 1 7 lügt, und (dann) etwas haben, was wir diesen Frechlingen, die niemanden verschonen, zu deiner und unserer eigenen Verteidigung entgegenhalten können. K I. OKyd, OE: Anspielung auf das Geschehen in Thessalonike (s.u., A.3 ) , von dem Kyd. gerüchtweise, zweifellos in Konstantinopel, gehört hat (Z.5 - 7; S .U . , A . 1 7 ) . E: Der Z.8 ge nannte Kaiser ist, wie aus der Anrede xOQu<j>i] ( s.u., A. 1 6 ) erkennbar ist, der Adressat des Briefes. D: Der Legat, der gemäß T3 1 5 mit einiger Verzögerung von Konstantinopel nach Thessalonike gereist war, hat sich inzwischen dort eine Zeitlang aufgehalten, hat mit Kaiser Manuel Unionsverhandlungen geführt und ist wieder abgereist. Ü ber die Ergebnisse der Ge spräche hat Kyd. seit längerem keine Nachricht von Kaiser Manuel erhalten. Es liegt also eine längere Zeitspanne zwischen T3 1 5 und T3 1 6. Da T3 1 5 wohl frühestens im Herbst 1 3 85, vielleicht aber auch erst viel später, verfaßt ist, ist T3 1 6 wohl in keinem Fall mehr auf 1 3 85 anzusetzen. 11. BKyd: Kyd. wird in Konstantinopel, vor allem von Hesychasten ( s.u., A.14), heftig angefeindet, weil Kaiser Manuel angeblich einen Unionsvertrag mit dem Legaten (Xl ) abge schlossen habe ( s.u., BE) und Kyd. dafür ( als Anhänger der römischen Kirche) mitverantwort lich sei (Z.2 7 - 3 3 ) . BE: Kyd. hat nur aus Gerüchten erfahren, daß Manuel, um Hilfe gegen die Türken zu erlangen (s.u., A. l l ) , mit dem Legaten (Xl ) eine Kirchenunion vereinbart habe (Z. 1 2 f. ) . Manuel habe dabei zumindest das Filioque (Z. 14 f. ) , vielleicht aber auch den päpstlichen Jurisdiktionsprimat akzeptiert (s.u., A.5 und 6 ) . Was nun wirklich vereinbart oder nicht vereinbart wurde, ist nicht mehr festzustellen, denn vorliegender Brief ist wegen der Lücke im Papstregister (s.o., T3 0 1 , X2) die einzige und dazu noch - wegen des Gerücht charakters der Nachrichten - eine recht vage Quelle für die tatsächlichen Vorgänge. Wäh rend DenReign 147- 150 offenbar davon ausgeht, daß eine Union vereinbart wurde ( <<Ma nuel II accepted union with the Roman Church» , S. 147), mögen über die Details auch viele Fragen offenbleiben, zeigt sich BarkMan 55 f., A. 1 52 skeptisch und schlägt vor: « At best, the problem remains mysterious and uncertain. » X l : Der Legat (Z.4 . 12.29), sc. Paolo Foscari (s.o., T3 14, X l ; T3 1 5 , X l ); s.o., BE. X2: Der Auftraggeber des Legaten ( Z . 1 2 ) , sc. Papst Urban VI. (s.o., T3 14, X3 ) . X3: Der « fluchbeladene Gesetzgeber» : s.u., A. 1 2 . III. Hss: A 1 5 9r", Nr. 1 ; U 250r - 2 5 1 ', Nr. 25 1 . E d : L R 99 - 1 0 1 , Nr. 4 (mit frz. Resü mee ) . Üb: H. Hunger, Byzantinische Geisteswelt, Baden-Baden 1 95 8 , 206-208 (dtsch.); Den Reign 146 f. (engl . ) . IV. 1 S c . die römische Kirche (vgl. oben, T302, A. 1 2 ) und der Papst. 2 Die Edition bietet hier entsprechend der Lesung der Hss EV
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BRIEF T3 1 6
Filioque (vgl. oben, T3 14, A . 6 ) zum Symbolon, i n der Liturgie und i n kirchlichen Versamm lungen. 5 Anspielung auf die « Schlüsselgewalt» des Papstes in der Nachfolge des Petrus gemäß NTMt 1 6, 1 9 , die auch als Jurisdiktionsgewalt zu verstehen ist. Siehe Lexikon für Theologie und Kirche2 , IX ( 1 9 64) , S .V., 422 -425. 6
W. : La ßUOLALXOV 01']f,lELOV. Dennis übersetzt «the imperial standard (Standarte, Ban
ner) ) , Hunger, allgemeiner und wohl zutreffender, « das kaiserliche Herrschaftszeichen » , denn gemeint ist zweifellos der römische Standpunkt, wonach auch der Kaiser von Byzanz sich dem Papst in kirchlichen Angelegenheiten unterzuordnen habe. Dieser Gedanke war bei den Verhandlungen mit den Legaten deshalb besonders wichtig, weil in Thessalonike Kaiser Manuel wegen der Abwesenheit des Patriarchen als höchster Repräsentant seiner Kirche gel ten mußte. 7 W. : EVLE'Ü8EV. Anspielung auf den römischen Vorwurf, von Byzanz sei eine Verfäl schung (La XLßÖ1']AOV) des Glaubens ausgegangen. 8
Kyd. zitiert hier also einen extrem romfreundlichen und antiorthodoxen Standpunkt.
Man fragt sich, ob es in Konstantinopel noch jemanden gab, der bereit war, hier noch weiter als Kyd. selbst zu gehen. Der Gedanke, daß der Abfall vom wahren Glauben auch Bestrafung durch den Kaiser erfordere ( ÖELV . . . ßumAEL Ö(x1']v öo'Üvm), ist wohl nicht auf einen konkre ten Kaiser von Byzanz zu beziehen, sondern es ist das römisch-byzantinische Kaisertum schlechthin gemeint, das durch diesen Abfall in Verruf geraten sei (Lf] ßumAE(� rtOAU LO
ULOXQOV llXOAOU81']oE) und deshalb gegen die Schuldigen Anklage erheben müsse, eine Beur teilung der Orthodoxie aus römischer Sicht, die Kyd. zwar anderen in den Mund legt, aber wohl auch selbst vertritt. 9 W. : ÖOOLl; . . . EUXfJ. In der Ü bersetzung wird die hier in besonderem Maße zutreffende Doppelbedeutung von EUXfJ berücksichtigt. 10 Gemeint sind die Bewohner Thessalonikes, die sich für den Glauben der römischen Kirche gewinnen ließen. 1 1 Damit deutet Kyd. an, daß die Vereinbarungen - wie früher in ähnlichen Fällen Hilfe gegen die Türken erhoffen lassen, was Z.29 f. ausdrücklich gesagt wird, und daher Freiheit bewirken; wie der folgende Satz zeigt, fürchtet Kyd. nichts so sehr wie die Unterwer fung unter den Islam. 12 Loenertz deutet mit einem Verweis auf L328,29 an, daß er hier eine Anspielung auf Mohammed sieht, was DenReign 146 übernimmt. Die Bezeichnung Mohammeds als « Gesetzgeber» ist naheliegend, da Kyd. in Ü bereinstimmung mit seinem Gewährsmann Ric coldo ( s.u., T3 1 7, AA) den Islam als « Gesetz» verstand. Die Annahme von Hunger (zitiert oben, Ü b ) , 3 3 0, A.2 zum übersetzten Kydonestext, es handele sich um Patriarch Neilos, ist hingegen nicht haltbar. Zwar gab es in Fragen der Union und der palamitischen Theologie grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten zwischen Kyd. und dem Patriarchen (s.o., T 0294, Xl; T3 14, BKyd) , doch hätte wohl auch Kyd. einen amtierenden Patriarchen nicht als evuyfJt;
(fluchbeladen) bezeichnet und von seinen Anhängern gesagt, daß sie ihn Christus selbst vor ziehen (Lü'Ü XQLOLO'Ü rtQOLLf,lWVLEt;). Es bliebe auch unklar, in welcher Beziehung Neilos ein VOf,108ELYIt; ( Gesetzgeber) sein sollte. Der Patriarch gehört allerdings, wie aus T3 14, ZA - 1 6 zu erschließen ist, zweifellos zur Gruppe derer, denen Kyd. unterstellt, Mohammed dem eigenen Religionsstifter Christus vorzuziehen, weil sie die Kirchenunion und damit das solida-
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
rische Zusammenwirken aller Christen gegen den Islam ablehnen. Daß dieses «Vorziehen» aber nur als Konsequenz aus ihrer antiunionistischen Position und nicht als bewußte Ent scheidung zu verstehen ist, ergibt sich daraus, daß die gleiche Gruppe die drohende Erobe rung Thessalonikes durch die (islamischen) Türken als Strafe für den Frevel des Abfalls vom (orthodoxen) Glauben versteht. 13 Sc. Thessalonike. 14 Kyd. hatte vor allem die Hesychastenmönche als Gegner einer Kirchenunion mit Rom zu fürchten. 15 W. : OUÖE YUQ OUÖE. Affektbetonte Wortwiederholung (repetitio). 1 6 W. : xOQlJ
317 L : 328; OKyd: Konstantinopel; E : Ein Freund; OE: Thessalonike; D: 1 3 8 6 (?); wI: Kydo nes vergleicht seine Übersetzertätigkeit mit dem Tun eines Fernhändlers, betont jedoch die Uneigennützigkeit seines Tuns. Es komme ihm nur darauf an, die Schätze der « Barbaren» an seine Landsleute zu vermitteln, so auch den Inhalt einer lateinischen Schrift gegen den Islam, deren Ü bersetzung er dem Freunde zukommen läßt.
Gewillt, meinen Mitbürgern in j eder Hinsicht wohlzutun, würde ich 5 ihnen sicherlich Weisheit zukommen lassen, wenn ich fähig wäre, ihnen
aus Eigenem diese Wohltat zu erweisen. Da ich aber persönlich nicht in der Lage bin, sie so zu beschenken, beschloß ich die Kaufleute nachzuah men, die den Städten nicht mit selbstgefertigten (Waren) nützen können und daher Schiffe bauen, weite Meere überqueren, bei den Herstellern die Waren einkaufen und sie in ferne Länder transportieren, um sie denen 10 zu verkaufen, die ihrer bedürfen. Als ich nun bemerkte, daß bei den Bar
baren 1 viele Schätze der Weisheit aufgehoben sind, brachte ich sie aus der Ferne nach Hellas2 und mißgönnte sie nicht meinen Mitbürgern, sondern stellte sie unentgeltlich denen zur Verfügung, die sie in Fülle genießen wollten, ohne es dabei den Kaufleuten nachzutun, welche (Waren) trans portieren, um ihre Einnahmen zu erhöhen, indem sie billig einkaufen, 15
aber teuer verkaufen. Aber nicht nur das; ich bin zudem noch bereit, es den Lesern zu dan ken, wenn sie sich die(se) Werke wie einen Raub aneignen und sich bis zur Sättigung an ihnen laben; denn ich glaube, genug aus diesem Handel zu gewinnen, wenn ich durch meine Mühen den Freunden mehr Weisheit vermittle . Während es aber (sonst) durchaus die Regel ist, daß Beschenkte ihren Wohltätern Dank zollen, um dem Vorwurf der Undankbarkeit zu
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BRIEFE
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entgehen, mögen sie mich verschonen, denn ich glaube genügend geehrt 20 zu sein, wenn ich nur meinen Landsleuten (dabei) zusehen kann, wie sie die(se) Schriften eifrig studieren. Wohl aber haben die Verfasser des über setzten Originals, scheint mir, den Lohn der Anerkennung verdient; denn es wäre nicht gerecht, die schöpferischen Gedanken derer, die etwas zu sagen hatten, den Übersetzern anzurechnen, wie man j a auch die guten Eigenschaften der Quelle nicht auf die Wasserleitung überträgt. Meine 25 Leistung aber ist nur die Übersetzung dessen, was j ene gedacht haben. So würde ich unrecht tun, wollte ich mir einen Anteil an den Ergebnissen ihrer Arbeit zuschreiben. Will aber dennoch j emand auch mir einen Lohn zukommen lassen, sei dies mein Entgelt von seiten der Leser, daß sie mir für meine Bereitschaft dankbar sind. Damit aber auch du einen Nutzen von meinen Einfuhrwaren hast, schicke ich dir das Buch, welches gegen das gesetzwidrige Gesetz 3 von 30 einern Mann geschrieben wurde, der in den göttlichen Gesetzen bewan dert ist und sich mit Hilfe dieser Kenntnis auf den Kampf mit ihm einließ, es niederzwang und der Lächerlichkeit preisgab4. Beten wir also zu Gott, daß wir, wie mit Wahrheit und Vernunft, so auch auch mit den Waffen j enes Mannes und derer, die sich von ihm überzeugen lassen, den Sieg ernngen. K I. OKyd: Kyd. schickt dem Freund seine Ü bersetzung des Islam-Traktates wohl von sei nem gewohnten Aufenthalt aus . E, OE: Loenertz schließt wohl daraus, daß Kyd. den Adressaten zu seinen «Mitbürgern» (LOIe; Ef-lUULOD nOA.L1;me;) zählt, mit Recht auf Thessalo nike als OE. Auf Thessalonike läßt sich in der in Frage kommenden Zeit auch vor allem die Hoffnung beziehen, daß man über den Islam siegen werde ( Z.32 f. ) . Kyd. traut dem sonst unbekannten Empfänger j edenfalls ausreichende Bildung zu, seine Ü bersetzung mit Gewinn zu lesen (Z.2 8 - 3 3 ) . D: Der Brief steht in Heft 23, dessen Briefe gemäß LC 11, XIV in die Jahre 1 3 8 5 - 8 7 zu datieren sind. Für eine Datierung auf das Jahr 1 3 8 6 (so Loenertz mit Fragezeichen) könnte sprechen, daß die Bezeichnung des Islam als gesetzwidriges Gesetz (Z.29; siehe auch unten, A.4) und die seines Stifters als fluch beladener Gesetzgeber (T3 1 6, Z.23 ) vielleicht zeitlich zusammengehören. Zudem mag man aus der Hoffnung, den Islam mit geistigen Waffen zu besiegen ( Z.32 f. ) schon so etwas wie Untergangsstimmung herausle sen, die ebenfalls gut in das letzte Jahr vor der Eroberung Thessalonikes paßt. Doch ist BarkMan 53 f. , A. 14 7 hinsichtlich einer genaueren Datierung zurückhaltend. 11. BKyd: Der Brief enthält grundsätzliche Bemerkungen zur Ü bersetzertätigkeit des Ky dones, die bekanntlich einen bedeutenden Teil seines Werkes ausmacht (s.o., Bd. 111 , 6 8 - 72 ) . Xl : D e r Verfasser der antiislamischen Schrift, ein Mann, der i n den göttlichen Gesetzen bewandert ist (Z.3 0 ) ; s.u., A.4.
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
III. Hss: A 1 6 0v - 1 6 F, Nr. 3; U 25 P - 252r, Nr. 253 . Ed: KydEpCam Nr. 7 ediert den Text der unten als T3 1 7 " übersetzten Erstfassung des Briefes. Üb: KydEpCam Nr. 7 (frz . ) , Übersetzung des genannten Entwurfes. Lit: Auf d e n Brief bezieht sich auch E.Trapp, Manuel 11. Palaiologos, Dialoge mit einem « Perser » , Wien 1 966, S. 3 5 * . IV. 1 Selbst Kyd. verwendet gegenüber Adressaten, die entsprechend der i n Byzanz übli chen Vorstellung alle Nichtbyzantiner als Barbaren bezeichnen, diese gängige Bezeichnung, obwohl die Abendländer aus seiner Sicht alles andere als Barbaren waren (vgl. dazu Bd. 1/2, T76, A.7). 2 Zur Verwendung des KulturbegriHs « Griechenland» ('En6.�) s.o., Bd. 1/2, T49, A. 1 6. 3 Gemeint ist der Islam; s.o., D. Zur Anspielung auf den Titel der Schrift Riccoldos s.u., A.4. 4 Es handelt sich um die oben, T309, A.7 zitierte Schrift des Riccoldo Pennini, die den Titel « Contra legern Sarracenorum» trägt. In Anspielung auf den Titel dieser Schrift bezeich net Kyd. den Islam als « Gesetz » , seinen Stifter als « Gesetzgeber» (s.o., D ) .
Vorbemerkung: Erstfassung von T3 1 7, nur i m Autographen A , H . 1 5 9 v - 1 6W, überliefert; dort von Kydones durch den Vermerk clQY1l getilgt. In der Zweitfassung kommen keine we sentlich neuen Gedanken hinzu. Sie ist nur in der Abfolge leicht verändert, breiter ausgeführt und stilistisch überarbeitet. Die heiden Schlußsätze sind in beiden Fassungen identisch.
Wir sehen, daß die Kaufleute, die (selbst) arm sind!, keine eigenen Erzeugnisse liefern, wenn sie den Städten ihre (materiellen) Bedürfnisse 5 erfüllen, sondern Schiffe bauen, weite Meere überqueren, bei den Her
stellern die Waren einkaufen, in den Häfen landen und so denen, die ihrer bedürfen, mit dem, was aus der Fremde kommt, zu Diensten sind. Da ich also selbst über kein (Erzeugnis) meiner eigenen Weisheit verfüge, durch das ich meine Mitbürger weiser machen könnte, wollte ich ihnen die Schätze, die ich j enseits der Grenzen mit vieler Mühe gesammelt habe, nicht mißgönnen, sondern wenn ich wahrnahm, daß die Barbaren Weises 1 0 gesagt hatten, brachte ich es von ihnen nach Hellas und stellte es denen
öffentlich zur Verfügung, die etwas Nützliches lernen wollten. Freilich verfolgen die besagten Kaufleute mit dem Transport und ihren Mühen das Ziel, ihren Gewinn zu mehren; denn sie wollen mit all ihrer Tätigkeit nicht nur anderen nützlich sein, sondern sind auch darum bemüht, zu einem geringeren Preis einzukaufen und den Verbrauchern für einen höheren Preis zu verkaufen. Mir aber wird es allein genügen, wenn meine 15 Freunde durch meine Mühen weiser werden und für das Geschenkte nicht
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BRIEFE T3 1 7- 3 1 8
mich, sondern die eigentlichen Urheber preisen. Denn auch den Dolmet schern schreiben wir das nicht zu, was die Gesprächspartner zueinander sagen, wie auch den Wasserleitungen nicht die guten Eigenschaften der Quelle. Wenn aber die Leser auch mir ein Verdienst zubilligen wollen, sei dies ihr Entgelt für mich, daß sie mir für meine Bereitschaft dankbar sind. D amit aber auch du einen Nutzen von meinen Einfuhrwaren hast, 20 schicke ich dir das Buch, das gegen das gesetzwidrige Gesetz von einem Mann geschrieben wurde, der in den göttlichen Gesetzen zur Genüge be wandert ist, der sich mit Hilfe dieser Kenntnis auf den Kampf mit ihm einließ, es niederzwang und der Lächerlichkeit preisgab . Beten wir also zu Gott, daß wir, wie mit Wahrheit und Vernunft, so auch auch mit den Waffen j enes Mannes und derer, die sich von ihm überzeugen lassen, den Sieg erringen. K 1 W. : 'tou� 1tEvll'ta� 'tWV Efl1tOQwv, eigentlich « diejenigen Kaufleute, die arm sind » . Die Bezeichnung der Kaufleute als « arm» war wohl ursprünglich, da Kyd. das Bild auf sich bezog, als Bescheidenheitswendung gedacht. Doch verzichtete Kyd. in der späteren Fassung wahrscheinlich auf dieses Adjektiv, weil im strengen Sinne von « Armut» der Kaufleute keine Rede sein kann. Sie sind nur in dem Sinne « arm» , als sie selbst keine Ware herstellen.
318 L: 3 3 6 ; OKyd: Konstantinopel; E: Theodoros I. Palaiologos;
OE: Mistra, Peloponnes;
D: SommerlFrühherbst 1 3 86; wI: Kydones bedauert, daß Theodoros wegen der Unzuverläs
sigkeit der Boten mehrere Briefe von ihm nicht erhielt, und beteuert, ihm, zumal er nun die Muße dazu habe, mehrmals geschrieben zu haben. Theodoros möge ihn weiterhin nicht vergessen, auch wenn er in Kürze nach Italien reise. Auf dem Wege dorthin werde sein Schiff auch in Methone auf der Peloponnes anlegen; die Zeit werde aber zu einem Besuch in Mistra nicht ausreichen.
Von den Schlägen des Schicksals, über die ich j etzt zu berichten habe denn ich habe es gegenwärtig als äußerst widerwärtig erleben müssen - , hielt ich es doch für den größten und zugleich schlimmsten, daß sogar meine Briefe an dich ihr Ziel nicht erreichten. Ich hatte mich ja gemüht, aber meine Mühe wurde von denen vereitelt, die mir versprochen hatten, die Briefe zu überbringen, und nicht nur das; durch ihr Verschulden wurde ich auch getadelt. Denn was könnte mir einer, der mich kränken
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
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will, Schlimmeres s agen als dies, daß du von allen hier Post erhalten hät test, nur von mir habe sich darunter nichts gefunden, obwohl ich dir eher als die anderen diesen Tribut schulde ? So seien die verflucht, die sich (Briefe) geben lassen und versprechen, sie zu überbringen, es aber ebenso vergessen, als hätten sie geschworen, das Ausgehändigte verschwinden zu lassen. Man möchte sie mit Fug und Recht dazu verdammen, daß andere mit ihnen ebenso umgehen, wie sie selbst sich verhalten, und daß ihnen
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von den Briefen ihrer Frau oder ihrer Familie kein einziger ausgehändigt wird! Diese Strafe sollten sie uns für ihr Unrecht verbüßen ! Ich aber, das merke dir, habe niemals gezögert, dir zu schreiben, wenn ich j emanden hatte, der zur Peloponnes segelte, und ich war nicht einmal nur darauf bedacht, deine Briefe zu beantworten, sondern zeigte den Ehrgeiz, dir noch mehr zu schicken, als ich von dir empfing, teils weil ich meine Freude daran hatte, indem ich dir schrieb, auch an dich erin-
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nert zu werden, teils, weil ich es für angemessen hielt, daß ein Mann, der in Muße lebt, häufiger als ein Vielbeschäftigter schreibt. Nicht also unsere Trägheit, sondern das Versagen anderer hat wohl mit Recht dei nen Tadel wegen des Schweigens verdient. Weil du das auch selbst weißt, hast du nicht mir, sondern den alltäglichen äußeren Umständen die Schuld zugeschrieben und dadurch bewiesen, daß du meine freundschaft liche Gesinnung für dich bestens kennst, die nichts erschüttern kann, nicht Zeit noch Ort noch ein Verleumder, noch was man sich sonst aus-
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denken könnte, zumal auch ich mich der gleichen (Zuneigung) deiner GÜTEl erfreuen kann. Das bestätigt mir dein Brief, der mitten aus Sor gen und Kriegswirren gesandt wurde. Wir wissen a ber, daß die meisten selbst dann, wenn es um sie herum ruhig ist, ihre angeblichen Freunde vergessen. Dich a ber kann keine der beiden (genannten) Situationen daran hindern, an deine Freunde zu denken. So wünsche ich mir, daß dir die Erinnerung auch an mich wie ein Unterpfand unversehrt bewahrt
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bleibe, und j etzt um so mehr, da es mir beschieden ist, die Grenzen mei ner Heimat (zu verlassen) und in ein weit entferntes (Land) zu reisen. D enn darum habe ich - statt irgendeiner anderen Gunst - den wunder baren Kaiser gebeten; er a ber hat bereitwilligst zugestimmt. So wird mir, glaube ich, dein Gedenken an mich im fremden Land ein großer Trost sein. Ich möchte aber auch über die Peloponnes reisen, um dem göttli chen HAUPT das letzte Lebewohl zu sagen. Da aber die Seeleute mit einem Aufenthalt nicht einverstanden sind, werde ich, wenn ich nach
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BRIEF T3 I 8
Methone komme, meinen Blick i n Richtung Sparta wenden und e s statt 3 5 deiner grüßen2 . K I . OKyd: Zweifellos a n seinem gewohnten Aufenthaltsort, v o n d e m aus e r nun seine Reise in Abendland plant ( Z.29 f. ) . E, OE: Eine als göttliches HAUPT (Z.33 f. ) angeredete Person in Mistra (s.u., A.2 ) auf der Peloponnes (Z. 1 7 ) ; im fraglichen Zeitraum (s.u., D) kann nur der Despot Theodoros I. gemeint sein (zur Person s.o., T23 1 , X2 ) . D: Der Brief steht gemäß LC II, XIV in Heft 1 8 - 1 9 mit den Zeitgrenzen 13 85 - 87. Der entscheidende Anhalts punkt für eine genauere D atierung ist die Erwähnung des Planes, in Kürze über die Pelopon nes nach Italien zu reisen ( Z.29 - 35 ) , denn Kyd. berichtet in T327, verfaßt im Winter 1 3 8 6/ 8 7, Z.30 f., er habe im vergangenen Herbst, also Herbst 1 3 8 6, nach Venedig reisen wollen, sei aber durch eine Pestepidemie ( AOLl..l6�) aufgehalten wollen. Vorliegender Brief mit dem entsprechenden Reiseplan muß also im Sommer, spätestens im Frühherbst 1 3 8 6 geschrieben sein. 11. BKyd: Der Ton dieses Briefes ist wesentlich freundlicher als der des einige Zeit zuvor an den Despoten gerichteten, T3 1 3 (siehe dort, BKyd, BE), der anscheinend verlorenging
(s.u., Ep2 ) . Kyd. scheint nun auch bereit zu sein, die leidige Angelegenheit mit der Plutarch handschrift, auf die er dort noch einmal zurückgekommen war, zu vergessen. Gemäß Z.20 lebt er in Muße (axoAa�wv), ist also offensichtlich von j eder Aufgabe im Dienst des Kaisers entbunden. So kann er erstmals auch mitteilen, daß Ioannes V. ihn « bereitwilligst» reisen lassen will. Aufgrund von Z.20 ist davon auszugehen, daß Kyd. im Frühjahr oder Sommer 1 3 8 6 von Ioannes V. aus dem Hofdienst entlassen wurde. Zum Plan einer Reise nach Venedig s.o., D. BE: Es ist nach wie vor von kriegerischen Auseinandersetzungen des Theodoros auf der Peloponnes die Rede (Z.26; siehe dazu oben, T273, ZG; T309, A. 6 ) . Xl: Der «wunder bare » Kaiser, Dienstherr des Kyd., der ihm die Reise nach Italien erlaubt (Z.3 0 - 32 ) , Ioannes V. ZC: S.o., BE. Ep 1 : E hat Kyd. brieflich ( Z.26) mitgeteilt, keine Post von ihm erhalten zu haben (Z.8 - 1 1 ), jedoch vermutet, daß äußere Umstände dabei eine Rolle spielten ( Z.22 f. ) . Ep2: Kyd. beteuert, E geschrieben z u haben, aber der Brief sei offenbar nicht zugestellt wor den ( Z.5 - 7 ) . Es handelt sich vermutlich um T3 1 3 , einen Brief, in dem Kyd. bereits, wenn auch noch vage, von Reiseplänen sowohl ins Abendland wie auch zur Peloponnes gesprochen hatte. III. Hss: A 1 22'v, Nr. 3; U 1 8 9'- 1 90', Nr. 1 94 . IV. 1 W. : naQa 1:ii� aii� aya861:'Y]1:O�. Die ehrerbietige Anrede des Despoten wird von mir, wie sonst HAUPT ( s.u., Z.33 f. ), in Blocklettern geschrieben. 2 Kyd. will sagen, es bestehe keine Zeit zu einer Reise auf dem Landwege von Methone nach Mistra, wo der Despot residiert. Er verwendet den Namen Sparta (so auch Bd. U2, T57, Z.20 ) bzw. Lakedaimon (s.o., T273, Z.5 und A. l ) in klassizistischer Tradition anstelle des « vulgären» Namens Mistra( s ) (MlJ�'Y]8Qä�), den er grundsätzlich meidet. Von den Geschichts schreibern des 1 5 . Jahrhunderts nennt z. B. Georgios Sphrantzes, der in seinen Memoiren ein der Volkssprache nahes Idiom verwendet, die Stadt bedenkenlos MlJ�'Y]8Qä�, Laonikos Chalkokondyles hingegen bald MU�'Y]8Qä�, bald Sparta.
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
319 L: 3 60; OKyd: Konstantinopel; E: Abt eines unbekannten Klosters; O E : Konstantinopel; D: Ca. Herbst 1 3 8 6 ( ? ); wI: Empfehlungsschreiben für einen gebildeten jungen Mann aus
Mailand, der die Autoren der griechischen Klassik und die östlichen Kirchenväter im Original lesen und deshalb in Konstantinopel die griechische Sprache erlernen möchte. Da er in einer Mönchszelle zu wohnen wünscht, um ungestört studieren zu können und auch das östliche Mönchsleben näher kennenzulernen, schlägt Kydones dem befreundeten Abt vor, ihn in sein Kloster aufzunehmen.
Ich weiß, daß du denen, die dem Schönen und Guten zugetan sind, 5 stets behilflich warst zu erlangen, was sie sich wünschen, und das, was
du ihnen gern zukommen läßt, als deinen persönlichen Gewinn ansiehst. So schicke ich dir diesen j ungen Mann, damit er in gleicher Weise wie die anderen von dir gefördert werde, darüber hinaus aber (auch) dir mit dem, was er von dir erbittet, einen Gefallen erweise; denn ich weiß, daß du etwas zu gewinnen glaubst, wenn man dir einen guten Anlaß bietet, dei nem Wesen entsprechend zu handeln. Er wird aber außerdem nicht nur dir eine Wohltat erweisen, sondern zugleich auch der Gesamtheit der Hel10
lenen1 ein höheres Ansehen geben, weil er ihre Sprache an die weitergeben wird, die sie (zu erlernen) wünschen. D enn für so bedeutend und wunder bar hielt er die Sprache der Hellenen, daß er nicht glaubte, er könne sich mit seiner Muttersprache zufrieden geben, wenn er nicht die unsrige hinzugewinne, obwohl er wegen (seiner Kenntnis der) Rhetorik und sei ner Fähigkeit, schöne Reden zu halten, bei der Jugend der Lateiner hoch angesehen ist. Wie sollte also sein Werturteil nicht das Ansehen unseres
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Gemeinwesens fördern, da er so dem Eigenen das Unsrige vorzieht? D enn mehr als Cicero ehrt er - allein vom Hörensagen her - Demosthenes und stellt Homer über Vergil, Hesiod über Lukan. Er ist aber auch mit Platon und seinem Schüler2 wohlvertraut und weiß, daß von diesen Quel len her das Philosophieren wie ein Strom selbst bis zu den Anwohnern des äußeren Meeres 3 seinen Weg nahm. Doch geht es ihm offensichtlich
20 ebenso mit unseren heiligen Vätern und Lehrern, denn er kennt den mit
der goldenen Seele und Zunge4, aber auch Basileios, den ihm gleichge sinnten Theologen5 und den Kreis, der sie umgibt, und ist überzeugt, daß von ihnen auch die entzündet wurden, die in Italien leuchteten. Als er entdeckte, daß sie in den Schriften der Lateiner gepriesen werden, be25 gnügte er sich nicht mit dem, was man dort über sie sagte, sondern sehnte
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BRIEF T3 1 9
sich danach, sie selbst reden z u hören und ihre Tugend und Kraft aus eigener Erfahrung kennenzulernen. Ja, das war es vor allem, was ihn an trieb , Mailand zu verlassen, die Begeisterung für Männer, die in der Kir che Gottes hochangesehen sind6. Sie veranlaßte ihn auch, Eltern, Alters genossen, Ruhm, Hoffnungen und Freuden, denen j unge Leute ergeben sind, zu verachten und die Fremde und ihre Unannehmlichkeiten seinem Vaterland und dem, was ihm dort lieb und teuer war, vorzuziehen. Zu- 30 dem sucht er Weisheit; doch ist gegenwärtig bei dem Volk, dem ihr Besitz anvertraut wurde, nichts weniger als sie geachtee. Ich möchte aber hinzu fügen, daß (er sich zu diesem Schritt) sogar zu Zeiten (entschlossen hat), da unsere Bürger es als vernünftig ansehen, sich gegenseitig zu bekriegen, und den Sklavendienst an den Barbaren für Freiheit halten, obwohl er weiß, daß es nicht ungefährlich sein dürfte, sich in die Gesellschaft von Wahnsinnigen zu begeben. Dennoch konnte ihn nichts daran hindern, das 35 Unsere zu bewundern; er hielt die griechische Sprache allem, was ihm zustoßen könnte, entgegen, überzeugt, sie allein könne ihm gegen das, was hier im Argen liegt, ein Heilmittel sein. D as sollte auch dir den j ungen Mann der Bewunderung und der Zu wendung wert erscheinen lassen . Du wirst aber finden, daß er nicht nur aus den von mir erwähnten (Gründen), sondern auch wegen seiner Tu gend mit Recht Lob verdient hat; das wird dir klar werden, wenn du sein Anliegen erfährst. Er bittet nämlich darum, von dir innerhalb des Klosters 40 eine Mönchszelle zu erhalten. Wenn er dort wohnt, wird er die Gefahren, die sein Alter und der Umgang mit j ungen Leuten mit sich bringen, ver meiden; er wird intensiver und ungestört seine Studien betreiben können; zugleich aber wird er sich auch von den Mönchen, wie er sie j eweils antrifft, über die Grundelemente (ihres Lebens) belehren lassen. Das eine ist es also, worum er j etzt bittet; was das andere betrifft, so kann ein j eder sein Lehrmeister sein. Er verspricht aber auch, allen, wie man es ihm 45 aufträgt, zu Diensten zu sein, in keinerlei Hinsicht durch sein Verhalten den Brüdern zur Last zu fallen und sich überhaupt zu mühen, es an nichts fehlen zu lassen, was der frommen Lebensweise im Kloster entspricht, zumal er mit dem, was die Gottgeweihten erfreut, durchaus vertraut ist. Er weiß auch um die alltäglich anfallenden Kosten und hinterlegt das, was für seinen Lebensunterhalt nötig ist. Gewähre also, in Gottes Namen, dem j ungen Mann angemessene Hilfe, erinnere die Mönche an den Lohn, 50 der für die Aufnahme der Fremden verheißen ist8, (zeige ihnen), daß sie
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
hier eine Chance h aben, sich ohne Aufwand als gütig zu erweisen, (und) gib ihm (so) Gelegenheit, wenn er zu den Seinigen zurückkehrt, nicht nur die Bildungstradition9 der Hellenen, sondern auch ihre Gesinnung zu loben. Denn so wirst du das, woran dir am meisten gelegen ist, (nämlich) das verwirklichen, was hinsichtlich der Fremden befohlen ist, und deinem eigenen Wesen entsprechend handeln, wenn du als Künstler der Worte einem Liebhaber der Worte hilfst; du wirst den Ruhm des Reiches, aber 55 auch den der STADT mehren, wenn du den Italern einen zweisprachigen
Rhetor ausbildest und sendest. D enn es liegt auf der Hand, daß er uns,
wenn er dorthin zurückkehrt, in beiderlei Hinsicht 1 0 loben wird.
K 1. OKyd: Zweifellos hält sich Kyd. in der Z.55 erwähnten STADT auf. E, OE: Der Adressat wird nicht ausdrücklich als Abt bezeichnet, aber seine leitende Funktion in einem unbekannten Kloster Konstantinopels (Z.55) mehrfach vorausgesetzt (Z.39 f. 49 - 52 ) ; er wird als gebildeter Mann (Z.4) und Rhetor (Z.54) angeredet, und die Argumentation des gesamten Briefes setzt voraus, daß ihm die Bildungstradition der « Hellenen» (s.u., A. 1 , A.9 und zugehör. Text) etwas bedeutet. D: Die Bemerkung, daß die Bürger von Byzanz miteinan der im Krieg liegen ( Z.3 1 f. ), ließe sich auf den Zwist zwischen loannes V. und seinem unbot mäßigen Sohn Andronikos beziehen; dann wäre der Brief auf Frühjahr 1 3 85 (s.o., T306, D ) z u datieren. Doch findet sich eine ähnliche Anspielung ( auf die auch Loenertz, zu!:. Stelle, veeweist) auch im Brief T325, Z.24 (vielleicht zu kombinieren mit der Andeutung ebd. Z.28 32, die sich auf die persönlichen Gegner des Kyd. bezieht), der wegen der pessimistischen Beurteilung der Lage eher in die Zeit kurz vor dem Fall Thessalonikes gehört. So scheint die von Loenertz vorgeschlagene Datierung auf Herbst 1 3 8 6 eher zuzutreffen, zumal der Brief im Gegensatz zu manchen anderen aus der Zeit dieser Auseinandersetzung (siehe z. B. oben, T3 07, A.4) einen Kampf zwischen Vater und Sohn nicht ausdrücklich andeutet. 11. BKyd: Kyd. verhehlt in diesem Empfehlungsschreiben, das er dem Empfohlenen mit gibt (Z.6), nicht seine Freude über das erwachende Interesse italienischer Humanisten an der griechischen Kulturtradition (passim), die allerdings gegenwärtig in Byzanz schlecht verwaltet werde (Z.30 f. ) . Xl : Ein junger Mann (vEav(axo�, Z.6) aus Mailand (Z.2 6 ) , bereits ein erfolg reicher Lehrer der lateinischen Rhetorik (Z. 1 2 - 1 4 ) , der gemäß L435, Z.45 den Namen Pau lus trägt, ist nach Konstantinopel gekommen (Z.6), um dort Griechisch zu lernen (Z. l 1 f. ) und die griechischen Klassiker ( Z. 1 5 - 1 9 ) und Kirchenväter (Z. 1 9 - 2 3 ) i n der Originalspra che zu studieren (Z.23 - 26 ) , um diese Kenntnis daheim als Lehrer weiterzugeben (Z. 1 0.55 f. ) . Kyd. schildert ihn außerdem als Mann mit asketischen Neigungen und als Liebhaber des Mönchslebens (Z.3 8 - 4 8 ) ; doch übertreibt er wohl diese Eigenschaften seines Proteges, um so den Abt eher für ihn zu gewinnen. III. Hss: Fehlt in A (wie alle Briefe von Liber XXXIII, L357- 362); U 277v - 2 79', Nr. 272; B 29Yv, Nr. 1 70; UI 1 71 ' - 1 72', Nr. 2 1 . Lit: F. Tinnefeld, Das Niveau der abendlän dischen Wissenschaft aus der Sicht gebildeter Byzantiner im 1 3 . und 14. Jh., Byz. Forschun gen 6 ( 1 979 ) 277-279. IV. 1 W. : La XOlVOV LWV 'Eni)vwv. Siehe dazu oben, Bd. 1/2, T49, A. 1 6; T59, A.9 .
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BRIEFE T3 1 9 - 320
2 3 4
Sc. Aristoteles. Das Meer am Westrand der damaligen Welt: der Atlantische Ozean. Sc. Ioannes Chrysostomos.
5 Sc. Gregor von Nazianz. 6 Dies schreibt Kyd. wohl vor allem, um den Abt für seinen Protege zu gewinnen. 7 Die negative Sicht des intellektuellen Niveaus seiner Landsleute ist vor allem ein Leit motiv der ersten Apologie des Kyd. ( s .o., Bd. IJ1, S. 66, 1 . 6 . 1 ) . 8 D a s Wort ouvaywyfj, hier mit «Aufnahme» übersetzt, wird zweifellos i m Anschluß an NTMt 25,35 verwendet, wo das entsprechende Verbum steht: �EVO� ll/ll1v xal ouvl1yaYHE
/lE. Gemäß LSc, S.V., I 7, wo auch diese Stelle zitiert ist, findet sich der Gebrauch von ouvayw im Sinne von <
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BRIEF A N EINEN BEIM KAISER EINFLU S S REICHEN MANN 1
L: 3 6 1 ; OKyd: Konstantinopel; OE: Konstantinopel; D: Herbst 1 3 8 6 - März 1 3 8 7; wI: Der Adressat soll den Kaiser, der Kydones mit Versprechungen von seinen Reiseplänen ab hält, ohne sie einzulösen, veranlassen, ihm entweder ohne Wenn und Aber die Reise ( sc. nach Italien) zu gestatten oder in angemessener Weise für seinen Lebensunterhalt zu sorgen.
Hochverehrter Kollege2 ! Ich bedaure es, daß mir ein Gesuch an den gütigen Kaiser nicht genehmigt wird, obwohl ich um etwas Geringes bitte, was man sogar einem Mann, der nicht dem Staat diente 3 und mit
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dem man nicht befreundet ist, ohne weiteres gewähren würde, während er täglich vielen zahlreiche große (Beweise seiner) Gunst zukommen läßt. Es enttäuscht mich aber nicht weniger, daß ich mir nicht einmal eindeutig über seine Meinung klar werden kann. D enn der Widerspruch zwischen seinen Worten und Taten erlaubt mir nicht, einer der beiden Seiten in meinen Gedanken zuzustimmen; ich muß vielmehr nach vielem Herumra- 1 0 ten schließlich zu dem Ergebnis kommen, daß ich nichts Sicheres für mich festhalten kann. Er will nämlich, daß ich bleiben soll, und sagt dies (auch), erbittet es sich beinahe als Gunst und tadelt meine Abreise als etwas, was weder ihm nützen noch mir einen Vorteil bringen würde. So bald ich mich aber überreden lasse zu bleiben, verspricht er mir vieles, wie es sich für einen Kaiser gegenüber einem treuen Diener geziemt. Weiter als
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
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bis zu Worten aber gelangt die Gunst nicht, sondern sein Tun scheint eher darauf gerichtet zu sein, (mich) zu vertreiben und beinahe schon, als ob ich zögerte, zu größerer Eile anzuspornen. Löse mir also, um Gottes willen, dieses Rätsel, damit ich weiß, wofür ich mich entscheiden soll, oder sprich vielmehr offen mit ihm, denn du kannst es, da du dir durch lange, mühevolle Tätigkeit, auch außerhalb der Grenzen4, dieses Vorrecht erworben hast. Wirke zunächst auf ihn ein, mir die Abreise zu gewähren, die ich mir sehr wünsche. Sollte sie (mir)
20 erlaubt werden, (dann) wäre ich dir dankbarer als allen, die mir je eine
Wohltat erwiesen haben. Wenn er aber, wie er (selbst) sagt, glaubt, daß dieses (Vorhaben) ihm selbst und dem Staat unzuträglich sei, und mich deshalb zurückhalten will, wäre er verpflichtet, für einen Mann zu sor gen, dem nichts in der Großen STADT außer (seinem eigenen) Leib ge hörts . Er soll j edenfalls klar und deutlich zur Kenntnis nehmen, daß ich mich nicht dazu herbeilasse, im Winter das Schicksal der Zikaden zu 25 erleiden6, denn aus dem wiederholten Aufschub7 läßt sich mit Sicherheit
meine zukünftige Lage voraussagen. Um Gottes willen also - ich sage noch einmal dasselbe - , sorge dafür, daß ich nicht weiter ehrgeizig versu che, die Schatten zu überholen8 , der Kaiser aber fortan nichts mehr ver spricht, was er später widerruft oder was den (Aussprüchen) der Sphinx9 ähnlich ist. K I. OKyd: In der Großen STADT (Z.22 f. ) . E, OE: E hat sich im Staatsdienst, u. a . als auswärtiger Gesandter, solche Verdienste erworben, daß er offenbar leichten Zugang zum Kaiser hat (Z. 1 7 f.; siehe auch den in Hs U1 überlieferten Brieftitel) . Er lebt folglich wie Kyd. in Konstantinopel. Kyd. vertraut ihm, denn er läßt ihn seine Enttäuschung über Kaiser Ioan nes unverblümt spüren (Z.4 - 1 5 .22 - 2 7 ) . D: Im SommerlFrühherbst 1 3 8 6 hatte es noch so ausgesehen, als wolle Kaiser Ioannes V. Kyd. die Italienreise gestatten (T3 1 8 , Xl), doch nahm er, wie Kyd. hier bezeugt, einige Zeit danach sein Einverständnis wieder zurück. Der Brief kann daher frühestens im Herbst 1 3 8 6 geschrieben sein und andererseits wohl nicht nach der Einnahme Thessalonikes durch die Türken, weil dies für Kyd. und seine Reisepläne wich tige Ereignis nicht erwähnt wird. Die Stadt fiel allerdings nicht, wie Loenertz mit der älteren Forschung annahm, am 6.4. 1 3 8 7, sondern gemäß SchreinChron H 332 f. zwischen März und Mai (vielleicht am 7. Mai) 1 3 8 7. Daher ist etwa März 1 3 8 7 wohl der späteste denkbare Ansatz für vorliegenden Brief. H. BKyd: Kyd. ist verzweifelt über das widersprüchliche Verhalten des Kaisers, der ihm die bereits genehmigte (s.o., D) Reise (nach Venedig gemäß T327, 3 0 f. ) wieder ausreden will und ihm zugleich eine finanzielle Versorgung in Konstantinopel (Z.22 - 24 ) verspricht, aber keine Anstalten macht, sein Versprechen einzulösen (Z. 1 1 - 1 5 ) . Er bittet E, den Kaiser umzu-
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BRIEFE
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stimmen oder wenigstens zu einer klaren Ä ußerung zu bewegen ( Z. 1 6 -27). Xl: Ein Kaiser, Ioannes V. Palaiologos (Z.4. 1 3 .2 6 ) ; s.o., BKyd. 111. Hss: Fehlt in A (s.o., T3 1 9 , Hss) . U 3 1 3 rv. Nach der Stellung in der Hs müßte der Brief in U als Nr. 309 gezählt sein; er trägt aber irrig die Nr. 3 1 9 (siehe LR 46). - B 293v294[, Nr. 1 71 ; U I 1 72rv, Nr. 2 l . IV. 1 W. : 'Evl LWV nagu ßaOlAEL Öllvm;wv EmoTOAiJ. Diesen Titel überliefert gemäß dem Apparat Hs U I . 2 W. : BEALLOLE avögwv. Es handelt sich um einen der seltenen Fälle einer Anrede am Briefanfang in der Überlieferung der Kydonesbriefe ( in Hs A, soweit ich sehe, nur L43 9, Z.5; siehe auch oben, Bd. 1I2, T89, A. 1 ) . Es ist anzunehmen, daß sich in de,n abgesandten
Briefexemplaren regelmäßig oder zumindest häufiger eine Anrede fand, die in der für den eigenen Gebrauch bestimmten Briefsammlung weggelassen wurde. 3 W. : tÖLcl)"tTI. In der freien Ü bersetzung dieses Wortes verwende ich die Vergangenheit, weil Kyd. gemäß T3 1 8, BKyd bereits aus dem Staatsdienst entlassen ist. 4 W. : f!axgoL� xal unEgog(OL� n6vOL�, vermutlich als Unterhändler bei auswärtigen Mächten, weniger wahrscheinlich im Militärdienst. 5 Hyperbel, da Kyd. an anderer Stelle sein Haus und seinen Garten erwähnt (s.o., Bd. 11, Index, 235, s.n. Kydones, Demetrios, Haus und Garten; siehe auch unten, T 0334 und 0335); doch erhielt er anscheinend seit seiner " Pensionierung» (s.o., A . 3 ) keine Einkünfte mehr. 6 In der äsopischen Fabel Nr. 3 73 Perry hat die Zikade im Gegensatz zur Ameise im Sommer nicht vorgesorgt und muß deshalb im Winter Not leiden. 7 W. : LaL� avaßoAaL�, sc. der Zahlung eines «Ruhegeldes » . 8 w. : TOÜ LU� OXLU�
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A N DEN MESAZON GUDELES, ZUGUNSTEN VON KYR THEOD OROS KAUKADENO S 1
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L: 357; OKyd: Konstantinopel; E: Georgios ( ? ) Gudeles; OE: Konstantinopel; D: Herbst 1 3 8 6 - März 1 3 8 7( ? ) ; wI: Kydones verwendet sich bei seinem Amtsnachfolger Gudeles, weil er selbst inzwischen beim Kaiser keinen Einfluß mehr hat, erneut für Kaukadenos, der trotz
loyaler Gesinnung und gewissenhaften Vorgehens gegen Korruption sein Amt durch Intrigen und Verleumdungen verloren hat. Kaukadenos will Gudeles seinen Fall auch persönlich vor tragen und hofft durch dessen Vermittlung beim Kaiser seine frühere Stellung wiederzuerlan gen.
Ich glaube, es wird, wenn j e, dann j etzt Zeit sein, bewährte Männer so zu behandeln, wie sie es verdient haben. Denn dies verspricht in freigebi
ger Huld allen die allumfassende Güte des herrlichen Kaisers2 . Wenn er nämlich sogar seinen größten Feinden nicht nur ihre Schuld verzeiht, son-
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5
ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
dern ihnen sogar, als hätten sie für ihn gekämpft, seine Gunst erweist, (wenn er) denen, die wegen ihrer Verfehlungen in Angst sind, erstaunliche 10 Belohnungen für ihre künftige treue Gesinnung in Aussicht stellt und
durch sein liebenswürdiges Verhalten und (seine Bereitschaft), nieman dem Vergangenes nachzutragen, (bereits) die Anfänge seines Kaisertums schmückte 3 , was würde er (dann) nicht (erst) seinen Getreuen gewähren, denen die j etzigen Verhältnisse4 erwünscht und willkommen sind ? Von ihnen einer ist auch der vortreffliche Kaukadenos, ein Mann, wie alle wissen, der keinem je Kummer bereitet, sondern sich nach Möglich keit um viele verdient gemacht hat. Gegen seinen Lebenswandel und seilS
nen Charakter hatte (selbst dann) niemand etwas einzuwenden, als es Mode wurde, allein aus Verleumdung und Lüge seinen Lebensunterhalt zu beziehen. Er nahm vielmehr Anstoß daran, daß die Mächtigen durch rechtswidrige Übergriffe gegen das Kaisertum ihren eigenen Besitz mehr ten, und es war sein Wunsch, es möge j emand auftreten, der diesem (Tun) Einhalt gebieten könne. Das brachte ihm den Haß derer ein, die es nicht ertrugen, daß j emand (ihre) Machenschaften wahrnahm; sie neideten ihm
20 seine geringe Besoldung, die er vom Kaiser erhielt, brachten ihn darum und verurteilten ihn zur Untätigkeit und der daraus folgenden Armuts. So sitzt er nun mit Frau und Kindern da, ohne (einen Verdienst) nach Hause zu bringen, und zehrt schon seit vielen Jahren6 von seinen geringen Ersparnissen. Jetzt aber naht er sich im Vertrauen auf die allumfassende Sorge des Kaisers mit der Bitte, daß die unerträglichen Angriffe derer, die ihn bis 25 j etzt verfolgen, endlich aufhören möchten und er selbst zum früheren
Dienst wieder zurückkehren dürfe, damit er aus ihm wieder j enes kleine Gehalt beziehe und er seinerseits dem Kaiser aus treuer Gesinnung den schuldigen Dienst leiste und es keinem, der zu unterschlagen versucht, gestatte, öffentliche Gelder heimlich auf die Seite zu bringen. Aufgrund solcher (Machenschaften) haben sich ja offensichtlich viele, die zuvor nicht einmal etwas zu essen hatten, j etzt plötzlich bis zum Platzen der Trunksucht und der Völlerei ergeben und wissen nicht einmal mehr, wo3 0 für sie ihr Geld verschleudern sollen.
Wenn es mir also selbst möglich wäre, vor den Kaiser zu treten und für den Mann zu bitten, würde ich nicht zögern, alles zu sagen, da ich es für billig halte, einem Freund, der es verdient har7, beizustehen. Da es für mich aber gegenwärtig nicht leicht ist, eine Audienz zu erhalten, würde
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BRIEF T321
ich mich nicht schämen, statt persönlicher (Vorsprache) deinen Einfluß in Anspruch zu nehmen. Ich schicke ihn also zu dir, damit er dich über das, was er erlitten hat und was er sich erhofft, genau unterrichte. Die dazu notwendige ausführliche Schilderung habe ich seiner Beredsamkeit über- 35 lassen, weil er besser (selbst) darstellen kann, wie ihn das kränkende Ver halten seiner Verwandten schmerzt; denn er ist - was ich noch nicht erwähnt habe - auch ein (fähiger) Redner. K I. o Kyd, OE: Kyd. und E halten sich in der Nähe des Kaisers, also in Konstantinopel, auf (Z.32 f. ) . E: Zur Person des (Georgios) Gudeles siehe PLP 43 34 (Lit. ) . Er ist nur im Titel dieses Briefes als Mesazon (s.u., A. l ) bezeugt und war in diesem Amt wahrscheinlich der unmittelbare Nachfolger des ca. Sommer 1 3 8 6 aus dem Dienst entlassenen Kyd. (s.o., T3 1 8 , BKyd ) . Gudeles wird i m Briefcorpus des Kyd. noch zweimal erwähnt, i n T 0 1 2 7 (Bd. 1/2 ) und in L84 ( der Bd. IV vorbehalten blei bt) . Gemäß T 0 1 2 7 besaß Gudeles schon 1 3 7 1 /72 (wenn die vermutete Datierung des Briefes zutrifft, die aber mit dqn für 1 423 bezeugten Gudeles, s.u., kaum vereinbar ist) neben Kyd. eine einflußreiche Stellung am Kaiserhof. Eine Datierung von L84 in die späten 80er Jahre (s.o., Bd. II 4, A. 1 7; genauere Begründung folgt in Bd. IV) würde am ehesten zu der dort ( Z. 1 7 - 1 9 ) vorausgesetzten Machtstellung des Gude les am Kaiserhof passen. Ein Georgios Gudeles ist (nach Angabe der Edition Loenertz zu Z.3 dieses Briefes) in Urkunden der Jahre 1 3 82, 1 400/0 1 und 1423 sowie in einem Brief des loannes Chortasmenos ( dazu H . Hunger, Johannes Chortasmenos, Wien 1 969, 75 - 77) be zeugt; seine Identität mit dem Gudeles der Kyd.-Briefe ist sehr wahrscheinlich. Ferner besaß zweifellos derselbe - Georgios Gudeles gemäß J. W. Barker, O CP 28 ( 1 9 62) 2 1 3 - 2 3 8 im Jahr 1 3 9 0 gemäß einer genuesischen Urkunde das Bürgerrecht von Genua. Den Hinweis darauf wie auch auf zwei weitere Dokumente aus dem Archivio di Stato di Genova, die von Zahlungen an Gudeles in den Jahren 1 3 78 und 1 3 8 0 berichten, verdanke ich M. Thierry Ganchou, Paris (Brief vom 22 .9.97). D: Basis der vorgeschlagenen Datierung ist die Situation des Briefes, die der von T320 ähnlich ist: Kyd., aus dem kaiserlichen Dienst entlassen, wendet sich mit der Bitte um Vermittlung an eine beim Kaiser einflußreiche Person. Vgl. auch den in LC II, XIV für Heft 25 angegebenen Zeitrahmen. 11. BKyd: S.o., E, D. Xl : Ein Kaiser (Z.6 . 1 1 . 1 9 .23 .26.3 0 ) , loannes V., bei dem Gudeles eine Rehabilitierung des Kaukadenos ( X2 ) erwirken soll. Siehe auch unten, A.2-4. X2: Theo doros Kaukadenos ( Z . l l f.; Vorname nur im Titel; s.u., A . l ) . Zur Person siehe PLP 1 1 5 6 1 . Kyd. hatte sich bereits in einem Brief der Zeit 1 3 8 0/82 an Ioannes v., der nur als Fragment überliefert ist (s.o., Bd. II, T205 ), für Kaukadenos verwendet und sich in einem weiteren Schreiben an den Kaiser (s.o., Bd. II, T 0224) für dessen Bereitschaft, ihn zu fördern, bedankt, jedoch zugleich erkennen lassen, daß die entsprechende Anordnung von Intriganten am Kai serhof unterlaufen werde. Im vorliegenden Brief bittet er nun Gudeles, sich beim Kaiser für ihn einzusetzen (Z.32 f. ) ; Kaukadenos werde ihm aber noch persönlich sein Anliegen vortra gen (Z.33 - 3 6 ) . Es geht vor allem um Intrigen seiner Verwandten (Z.35), die offenbar zur Entlassung des verdienten Mannes aus einer bescheidenen Stellung am Kaiserhof führten (Z. 1 9 -22). Ü ber den Erfolg des Briefes ist nichts bekannt. Wir wissen aber aus LetMan
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
Nr. 27, daß Manuel II. Kaukadenos, vielleicht 1403, mit der Erziehung seiner Kinder betraute (siehe LetMan XLVIIf. und Fußnote zu LetMan Nr. 27). III. Hss: Fehlt in A (s.o., T3 1 9 , Hss ) . U 27P-272f, Nr. 268; B 292f, Nr. 1 6 8 ; P 424fV, Nr. 40; UI 1 6 9v - 1 7OC, Nr. 1 8 . Ed: BoissAnNov 2 1 9 f., Nr. 3 3 . IV. 1 Der i n der Edition angegebene Brieftitel kombiniert die Angabe von Hs B (yoUOEAll I-tEOci�oVTL) mit einem Teil der in PUl überlieferten Ü berschrift Ul'tEg 1:0'Ü xaUiwÖllvo'Ü xugo'Ü 8wöwgou l'tg6C; TLva 1:WV l'tagCt ßaOLAEL ÖUVaLwv. Zur Bedeutung der Amtsfunktion I-tE
oci�()Jv, die Kyd. in früheren Jahren selbst bekleidete, s.o., Bd. 111, 1 1 , A.54. 2 Ü bertriebene Schmeichelei an die Adresse des Kaisers, deren unterschwellige Ironie wohl dem Adressaten nicht bewußt werden sollte. 3 Ioannes V. hatte Kyd., der zuvor seinem Schwiegervater und Gegner im Bürgerkrieg Ioannes Kantakuzenos gedient hatte, bald nach dessen Absetzung erneut zum Mesazon er nannt. S.o., Bd. 11 1 , 14. 4 Sc. unter der Regierung Ioannes' V. 5 W. : agy(av alJLo'Ü xal 1:l]v EV1:E'Ü8EV l'tEv(av XaLE'ljJllep(oav1:o. 6 W. : l'tOAAWV E1:WV, verstanden als Partitiv der Zeit gemäß Schwyzer 11 1 1 3 ( am Ende von Abschnitt b, mit Beispiel aus PISymp 1 72c). 7 W. : avögl epCAcp xal aya80.
322 L: 358; OKyd: Konstantinopel; E: Ein Freund, ehemals Richter; OE: Ein unbekannter Ort fern von Konstantinopel; D: 1 3 8 6 ( ? ); wI: Der Adressat hat Manuel Chrysoloras, einen Freund des Kydones, weil er einen Kodex, welcher Schriften der « Lateiner» enthielt, von ihm zurückforderte, in einem Brief getadelt. Doch falle der Vorwurf des Adressaten, Chrysoloras sei ein Lateinerfreund, auf ihn selbst zurück, weil er offenbar so begierig sei, deren Schriften zu lesen. Er verletze aber andererseits auch Kydones, der sich mit Chrysoloras solidarisch
fühle. Im übrigen bedaure er, daß der Adressat ihm von der ehrenvollen Gesandtschaft ins Ausland, auf der er sich befinde, nichts berichtet habe, und hoffe, von ihm nach seiner Rück kehr darüber Genaueres zu hören.
Daß du in deinem Brief an den trefflichen Chrysoloras auch meinen 5 Namen erwähnt und (mich) als deinen Freund bezeichnet hast, dafür bin
ich dir höchst dankbar; denn das hättest du nicht geschrieben, wenn du dich nicht erinnert hättest, und als zwingender Grund deines Gedenkens war deine Freundschaft anzusehen, die durch Briefe die Freude gemein sam verbrachter Stunden zu ergänzen versucht. Da du dir aber heraus nahmst, ihn den ganzen Brief hindurch zu tadeln, wirst du es hoffentlich (auch) hinnehmen, wenn man dich dafür zur Rede stellt und dir vorwirft, 10
daß du Worte gewählt hast, die weder dir selbst noch ihm anstehen . Er
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BRIEFE
T32 1 - 3 22
hat j a kein Unrecht getan, wenn er sein rechtmäßiges Eigentum forderte, zumal man es ihm ohne sein Einverständnis geraubt hatte . Du solltest aber, weil du nicht nur wegen deiner Treue zu den Gesetzen von allen gepriesen wirst, sondern auch früher als Richter von allen verlangtest, nach ihnen zu leben, sie nun auch in deinem Privatleben beachten und dem Eigentümer das Seine geben. Du aber nennst den, der (dies) fordert, auch (noch) zudringlich, obwohl du dich (doch) für das Geschehene ent schuldigen müßtest, und fügst anderes hinzu, was geeignet ist, trotz der 1 5 gesetzten WortwahF wehzutun. Wenn du a ber glaubtest, ihn tadeln zu müssen, weil er wegen seiner übermäßigen Zuneigung zu den Lateinern an dem Buch hänge und so nicht nur gemäß seiner inneren Einstellung, sondern auch (als Leser) ihres Schrifttums seine Verbundenheit mit ihnen zeige, so war (doch) dasselbe anscheinend auch für dich der Anlaß, das Buch bis j etzt zu behalten. Es sollte j e doch niemand dem Chrysoloras offene Freundschaft zu den Lateinern vorwerfen, wenn er etwas, was ihm 20 gehört, behält und ungern denen überläßt, die es ihm wegnehmen wollen. Von dir aber könnte j eder sagen, daß du durchaus ein Anhänger ihrer Überzeugungen bist, wenn er in deiner Begierde, dich ihrer Redeweise zu bedienen, ein Anzeichen dafür sieht; (denn) sie ließ dich nicht zögern, entgegen deiner gewohnten Art etwas zu entwenden oder dir sogar, mit Verlaub gesagt, gewaltsam anzueignen. Auch sonst könnte man dich viel fach (dabei) ertappen, daß du den Anklägern der Lateiner nicht ganz ergeben bist. D enn nicht das, was du einem gewissen Herrn und den 25 Vätern des Volkes2 zu Gefallen sagst, wollen wir als Beweis deiner Gesin nung verwenden; wir behaupten vielmehr, daß man an j enen (Äußerun gen) einen Mann erkennt, der sich zunutze macht, was j eweils für ihn günstig ist. (So) nehmen wir als Zeugnis deiner innersten Gedanken lieber deine Weisheit und deine alles durchdringende Vernunft, die dir alle zuge stehen. Laß also das schlaue Argumentieren und versuche nicht, uns für etwas zu tadeln, was kaum von deiner eigenen Überzeugung abweicht; 30 du kannst nämlich damit rechnen, daß alles, was du dem Chrysoloras vorgeworfen hast, auch mich betrifft, nicht nur wegen unserer Freund schaft, sondern auch wegen unserer geistigen Verbundenheit3 , die auch (vorgebrachte) Kritik zur gemeinsamen S ache werden läßt. Doch wirst du dies j edenfalls von der heiteren Seite nehmen und das, was ich schreibe, nicht als kränkend empfinden, auch wenn es dir persön lich gesagt würde4. Ich wundere mich aber, daß du in dem Brief deine
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
Gesandtschaft mit keinem Wort erwähnen wolltest, sondern sie so, als 35 ob du nicht an Freunde, sondern an InderS schriebest, mit Schweigen
übergingst. Wir haben j edoch von ihr, von den Ergebnissen der Verhand lungen und von den Ehren, die man dir dort einmütig erwiesen hat, ge hört; wir haben die gelobt, die dich ehrten, weil sie richtig erkannten, wen es zu ehren galt, und freuten uns mit dir, sowohl über die Ehrungen wie auch über deine Rückkehr. Du wirst uns (über alles) genau berichten, 40 wenn Gott dich deinem Haus und uns zurückgibt. Möge er dies schneller
geschehen lassen, denn es wird uns für vieles ein Trost6 sein. K I. OKyd: Mit der erwarteten Rückkehr des Adressaten von einer Gesandtschaft (Z.3 7 f. ) kann nur die nach Konstantinopel gemeint sein. E , O E : Ein ehemaliger Richter ( Z . 1 2 ) , der eine Buchhandschrift des Chrysoloras mit Texten lateinischer Autoren ( Z. 1 6 f. ) ohne dessen Erlaubnis an sich genommen « < geraubt» , Z. 1 0 f., « gewaltsam weggenommen» hat, Z.22 f. , wie, wird nicht näher beschrieben; wohl ironische Hyperbel, wie Z.32 f. andeutet) und ihm bis jetzt nicht zurückgegeben hat ( Z . 1 8 f. ) , ja ihn, weil er sie zurückfordert, noch beschimpft (Z.8 - 1 0 . 1 4 f. ) und ihm vorwirft, er sei ein Anhänger der Lateiner ( Z. 1 5 - 1 7 ) , was er aber, wie Kyd. betont, zweifellos auch selbst sei. Dies lasse sich, trotz seiner gegenteiligen - wohl opportunistischen - Äußerungen gegenüber angesehenen Vertretern der Orthodoxie, aus sei nem Interesse an dem Buch, aber auch aus seiner Weisheit und Vernunft (gemäß Kyd. muß ein vernünftiger Mensch sich für die Schriften der Lateiner, vor allem der Scholastik, begei stern) folgern ( Z. 1 8 f. 2 1 - 2 9 ) . Er befindet sich nun kurz vor oder auf dem Rückweg nach Konstantinopel von einer Gesandtschaft ins Ausland, die ihm große Ehren einbrachte ( Z .3 3 3 9 ) . Das Ziel der Gesandtschaft wird nicht genannt. Sie ging jedenfalls, weil Kyd. sie nicht in Bezug zu seiner
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BRIEFE T322-323
( Z.25, 't0 ÖELVl), wahrscheinlich Patriarch Neilos, der Anführer und Hüter der Orthodoxie in diesen Jahren (zur Person s.o., T 0294, X l ; T3 14, BKyd ) . Ep: Ein Brief, den E kürzlich an Chrysoloras (Xl ) geschrieben und in dem er Kyd. als seinen Freund ( EJtl'tYJÖELOr;) bezeich net hat (ZA f. ) . III . Hss: Fehlt in A (s.o., T3 1 9, Hss ) . V 272r - 2 73" Nr. 269; B 292v - 293 r, Nr. 1 69; VI 1 70rv, Nr. 1 9 . IV. 1
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W. : f,lE't' EUJtQEJtE(ar;. W. : "t0 ÖELVl xal 'tOLr; 'tOÜ ÖYJf,lOU Jta'tQum. Wohl Anspielung auf den Patriarchen (s.o.,
X2 ) und die orthodoxe Geistlichkeit einschließlich der Mönche. 3 W. : Tii r; "tWV Mywv xOlvwv(ar;. 4 Dieser unvermittelt freundliche Satz soll den vorausgehenden sehr hart formulierten, aber wohl ironisch gemeinten Vorwurf, E habe Chrysoloras seine Handschrift regelrecht «geraubt», abmildern, leitet aber zu einem neuen Tadel über, der wiederum in eine Beteue rung der Freundschaft mündet. Diese seltsame Gefühlsmischung läßt zumindest den heutigen Leser im unklaren, wie der Brief eigentlich gemeint ist. Doch scheint, wie der Schluß zeigt, das freundschaftliche Gefühl stärker als die Verärgerung zu sein. 5 Wegen der großen Entfernung der Inbegriff des Fremden. S.o., � d. 111, Tl l , A.6; auch L4 1 1 , Z. 1 7 - 1 9. 6 W. : <j:>uQf,laxov.
323 L: 359; OKyd: Konstantinopel; E: Ioannes Laskaris Kalopheros; OE: Modon ( ? ) , Pelo ponnes; D: Ca. August-Oktober 1 3 8 6; wI: Kydones hat Kalopheros an verschiedene Orte geschrieben, wo er ihn vermutete, hat aber nur selten eine Antwort von ihm erhalten, was wohl mit seinen vielen geschäftlichen Verpflichtungen zu erklären sei. Dennoch hofft er nun auf einen baldigen Brief des Freundes oder gar auf ein persönliches Wiedersehen.
Solch eine Freude ist es für mich, dir zu schreiben - und nicht nur eine Freude, sondern auch bereits ein Bedürfnis - , daß ich dir, obwohl
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ich nicht sicher weiß , wo auf Erden du bist, doch überallhin schreibe, wo du dich angeblich aufhältst. Daher habe ich nach Cypern geschrieben, in der Annahme, daß du dort beim König weilst, gab aber auch Pilgern\ die nach Jerusalem und zum lebenspendenden Grab eilten, Briefe mit; denn ich hatte erfahren, daß du schon zum dritten Mal dem ERLÖSER ein (entsprechendes) Gelübde einzulösen hattest. Als aber j etzt einer, der um dich mehr als um sich selbst besorgt ist, der gute Skaranos, berich tete, daß du im Frühjahr wegen (gewisser) Angelegenheiten2 und wegen 1 0 deines Sohnes nach Venedig zurückkehren 3 willst, w a r ich (schon) ent schlossen, dir sofort4 dorthin zu schreiben. Aber selbst wenn man mIr
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
sagt, daß du nach Gadeira und bis zum äußeren Meer unterwegs bist, werde ich meinen Ehrgeiz daransetzen, dir auch dorthin einen Gruß zu senden, sofern ich nur Boten für meine Briefe finden kann. So bin ich 15
darum bemüht, niemals mit dem Schreiben an dich aufzuhören, obwohl ich dich anklagen könnte, daß du ein nachlässiger Briefpartner bist; denn du bist ja nicht weit entfernt und könntest vielen Kaufleuten Post für mich mitgeben. Man kann aber für dein Schweigen mit Recht (auch) die zahlreichen Angelegenheiten, mit denen du befaßt bist, verantwortlich machen. Sie würden einen Menschen ja sogar dazu bringen, daß er sich selbst vergißt! Uns aber (bewegt) nicht nur die Freundschaft, (der Respekt vor) deinen verdienstvollen Leistungen und die Überzeugung, daß es einen Gewinn
20 bedeutet, einen so erfolgreichen Manns nicht zu vergessen und ihm zu
schreiben, sondern außerdem (das Bewußtsein), daß es uns nun endlich freisteht, ein Leben in Muße beginnen6 zu können. All dies (also) spornt uns an, uns erfinderisch das Gespräch (mit dir) in Briefen vorzustellen7, bis uns Gott auch das Wiedersehen schenkt, das wir uns mehr als vieles andere wünschen. Wenn nun auch du gewillt wärest, sobald du zufällig 25 einmal Muße findest, diese zum Schreiben zu nutzen, wird es uns so er
scheinen, als wären wir (dem Ziel) unserer Wünsche nahe. K I. OKyd: Kyd. schreibt Kalopheros diesen Brief wie die anderen, die er geschrieben zu haben behauptet (Z.4 - 1 5 ) , zweifellos am gewohnten Ort. E: Der vermutete Aufenthaltsort Cypern (Z.6) und die geplante Reise nach Venedig ( Z . 1 0 ) lassen sich mit der bekannten Biographie des Kalopheros gut vereinbaren. Gemäß T327, Z.6 war Kalopheros zuvor tat sächlich auf Cypern gewesen, vor allem, um den langwierigen Streit um das Erbe seiner 1 3 69/ 70 verstorbenen Gattin Marie de Mimars beizulegen ( siehe JacCal 1 9 1 - 1 9 8 ) . Andererseits bezeugt T327 (Winter 1 3 8 6/87), Z . 3 0, daß Kalopheros inzwischen in Venedig eingetroffen ist. Daß er möglicherweise auch eine Pilgerreise nach Jerusalem unternahm, ist allerdings nur hier belegt. OE: Obwohl wir die Aufenthaltsorte des Kalopheros zwischen 1 3 8 1 und 1 3 8 6 nicht genau kennen (JacCaI 2 1 2 ) , muß e r sich doch vor der Reise nach Venedig zumindestens einige Zeit auf der Peloponnes, vielleicht in Modon (ME8wv'Y\), wo er wahrscheinlich ein Haus besaß (JacCal 2 1 0 ) , aufgehalten haben, denn er war Mitglied der peloponnesischen Gesandtschaft, die nach dem Tod von Jacques de Baux ( t 1 3 8 3 ) wegen der zukünftigen Herr schaft im Fürstentum Achaia in Venedig verhandeln sollte. Diese Gesandtschaft erfolgte ge mäß JacCal 2 1 3 im Auftrag des « vicaire general» Pierre de Saint-Superan und der kirchlichen und weltlichen Vornehmen des Fürstentums. D: Nicht allzu lange nach der Entlassung des Kyd. aus dem Staatsdienst (Z.20 f. ) , die auf ca. Sommer 1 3 8 6 anzusetzen ist (s.o., T3 1 8 , BKyd ), vielleicht noch i m Spätsommer oder auch i m früheren Herbst 1 3 8 6 . Kyd. rechnet gemäß der Angabe des Skaranos erst für das kommende Frühjahr mit Kalopheros' Rückkehr
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BRIEF T323
nach Venedig (Z.9 f. ); dieser kam aber wahrscheinlich schon im November dort an, wo er erstmals am 1 8 . 1 . 1 3 8 2 urkundlich bezeugt ist (JacCal 2 1 3 ) . 11. BKyd: Kyd. fühlt sich Kalopheros i n besonderer Weise freundschaftlich verbunden. Daher bemüht er sich um ständigen Briefkontakt mit ihm, zumal er, frei von Amtspflichten (s.o., D ) , nun Zeit zum Schreiben hat (Z.4 - 1 5 .2 1 f. ) , und hofft auf ein baldiges Wiedersehen (Z.22 f., sc. in Venedig; s.u., T327, Z.3 0 - 3 8 ) . Xl : Ein König von Cypern (Z.7): Jacques I. Lusignan ( 1 3 8 2 - 1 3 9 8 ; PLP 92567 ) . Zu den negativen Erfahrungen des Kalopheros mit ihm s.u., T327, E. X2: Skaranos, mit Vornamen Demetrios ( PLP 2603 5 ) , ein treuer Freund des Kalopheros; Verwalter seiner Besitzungen. Er hat Kyd. dessen Reisepläne mitgeteilt, hält sich also derzeit in Konstantinopel auf (Z.9 - 1 2 ) . X3: Ein Sohn des Kalopheros (Z. l 1 ) . Es ist nicht klar, ob Kalopheros in Angelegenheiten des Sohnes mit diesem zusammen nach nach Venedig reisen oder ob er ihn dort treffen wollte (JacCaI 224 ) . Es handelt sich jedenfalls um Erard (IV.) Laskaris (in PLP erwähnt unter Nr. 1 0732 und 2603 5 ) , Sohn aus seiner (dritten) Ehe mit Lucie le Maure, Tochter von Erard 111. le Maure (Mavros), Seigneur von Arkadien (PLP 1 227, 'AQuQÖoC; ) . Dieser Sohn ist mehrfach erwähnt ( als «Arardus » ) im Testament des Kalopheros vom 5 . 7. 1 3 8 8 (Text: LC I 1 8 7- 1 94 ) . Zur Heirat des Kalopheros mit Lucie ( 1 3 72/73 ) : JacCaI 1 9 9 f.; zum Tod des Erard Laskaris, noch nicht 1 8 Jahre alt, 1 3 92 : JacCal · 222 und 224. ZC: Zur Gesandtschaft nach Venedig wegen der Va kanz des Fürstentums Achaia s.o., OE und EszKal 89 f. ( << Gesandtschaft der Navarresen» ) . Ep: Kyd. beteuert, Kalo pheros mehrfach geschrieben zu haben (s.o., BKyd) . 111.
Hss: Fehlt i n A (s.o., T3 1 9, Hss ) . V 2 77rv, Nr. 271 ; B 29 P, Nr. 1 67; P 424v- 42Y,
Nr. 4 1 ; VI 1 70V - 1 7F, Nr. 20. Ed: BoissAnNov 3 0 6 f. , Nr. 26. Üb: EszKal 2 3 1 -233, Nr. 1 1 . Lit: EszKal 8 3 - 90 . IV. 1
W. : m:Q€yQLvOlC;. D i e v o n Kyd. gemäß LC 1 1 4 8 2 , Index, s.v. nur hier verwendete,
dem Lateinischen entlehnte Bezeichnung des Pilgers ( << peregrinus » ist ursprünglich auf jeden zu beziehen, der fern von seiner Heimat ist; siehe B. Kötting, Peregrinatio religiosa, 2Münster 1 9 8 0, 7 - 9; dort auch der griechische Parallelbegriff �EVOC; mit dem Abstraktum <1JtoÖrll.lLa ODB 111 1 676, s.v. Pilgrimage, nennt JtQoaxuv11OLC; und 6ÖOlJtoQLa - und den Verben <1JtOÖ11!lElv und EXÖ11!lElv) ist auch in anderen byzantinischen Quellen bezeugt, insbesondere bei Anna Komnene 1 3 , 1 2,23 und 28 (als Bezeichnung der Kreuzfahrer; vgl. D. R. Reinsch, Ale xias, Köln 1 99 6, 470, A. 1 8 6 ) und bei Syropulos in der Form JtEAEYQlvoC; (mit Varianten in den Hss ) , in der Bedeutung «Pilger» , siehe Les « Memoires» du Grand Ecclesiarque de l' Eglise de Constantinople Sylvestre Syropoulos etc., ed. V. Laurent, Paris 1 9 7 1 , 294, 8; dazu ebd. 295, A.2. 2 W. : JtQaY!lu"twv. EszKal 232 mit A.536 bezieht das Wort auf die Beiteiligung des Kalopheros an den oben, OE und ZG erwähnten Verhandlungen und übersetzt « politische Geschäfte » , JacCal 2 1 3 f. mit A.155 hingegen sieht hier eine Anspielung auf Geschäfte priva ter Natur. Da die Frage, was Kyd. meint, nicht sicher zu entscheiden ist, wähle ich eine neutrale Ü bersetzung. 3 Nur aus dieser Stelle läßt sich entnehmen, daß Kalopheros einige Zeit zuvor bereits einmal in Venedig gewesen sein muß. EszKa1 232, A.535 vermutet (ohne zwingenden Beweis) 1 3 8 5 oder 1 3 8 6 . Wahrscheinlich führte aber der aus Angaben in einem Brief des Magistrates von Barcelona zu erschließende Aufenthalt des Kalopheros in Italien zwischen Juli und Ende 1 3 8 1 (JacCal 2 1 2 ) ihn auch nach Venedig und war der letzte vor November 1 3 8 6 (s.o., D ) .
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
4 Dieses « sofort» bezieht sich nicht auf vorliegenden Brief. Kyd. will vielmehr sagen, daß Kalopheros, wenn er in Venedig ankommt, dort bereits einen weiteren Brief von ihm vorfinden soll. 5 W. : avÖgo� woou'tou. 6 W. : Au߀o8m, was deutlich auf den B eginn dieses neuen Lebens hindeutet. Die Entlas sung aus dem kaiserlichen Dienst kann also noch nicht lange zurückliegen (s.o., D ) . 7 W. : 1tgo� 't o 'toI� ygufl,fl,um 't�v Ofl,LA(UV oocp(�E08m.
324 L: 3 3 7; OKyd: Konstantinopel; E: Ein unbekannter Freund; OE: « Bei den Walachen » ; D : Herbst 1 3 8 6; wI: Der Adressat ist a n seinem Aufenthaltsort von der Pest verschont geblieben. Er will aber bald nach Konstantinopel zurückkehren, zumal er sich bei dem barbarischen, räuberischen Volk sehr unglücklich fühlt. Freilich muß Kydones bedauernd feststellen, daß man nun auch im eigenen Lande nicht weniger Gefahr läuft, von seinen Mitmenschen, wenn auch mit verfeinerten Methoden, ausgeplündert zu werden. Er versucht dem Freund zum Tod seines Vaters Trost zu spenden und äußert sich optimistisch, daß er nach seiner Rückkehr ohne Streitigkeiten sein Erbteil erhalten wird.
Mit Freude und Betrübnis zugleich erfüllte uns dein Brief, als er ankam. 5 Wir erhielten ihn ja nach langer Zeit, und erfuhren aus ihm, daß du der
Pest entronnen bist. Auch willst du in Kürze zurückkehren, wie uns der gute Lap ardas ankündigte. D arüber freuten wir uns - wie alle, wenn sie hoffen können, nach langer Abwesenheit ihre engsten Freunde wiederzu sehen. Daß du a ber des Lebens überdrüssig bist, weil du in der Gesell schaft unerträglicher Leute wohnst, die außer Räuberei und Trunksucht 10 kein Bedürfnis haben, das stimmte uns sehr traurig, weil wir uns vorstell
ten, wie unerfreulich es ist, bei Menschen mit völlig abweichenden Sitten (und Bräuchen) zu leben. Doch haben wir, daß du darüber unglücklich bist, nicht j etzt (erst) aus deinem Brief erfahren, sondern wußten zuvor schon, als du dich auf die Reise begabst, daß du Ärger haben würdest, wenn wir darüber nachdachten, wie deinen Interessen und deinem Wesen zuwider ein Mann 1 sein muß, der fern j eder Bildung und ein Barbar ist. Doch weil es auch philosophischer Gesinnung entspricht, Schicksals1 5 schläge zu ertragen und Mitmenschen wie Lebensumstände nach Mög
lichkeit in aufrechter Haltung anzunehmen, laß auch du dich belehren, wie kostbar Vernunft inmitten b arbarischer Roheit sein kann. D enn auch die Lakedaimonier ermahnten ihre Söhne, wenn sie sahen, wie ungehörig
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BRIEFE
T 3 2 3 - 3 24
sich die Heloten nach dem (Genuß von) Wein benahmen, sich vor der Trunksucht zu hüten2 • Auch etwas anderes sollte dir noch das Gefühl des Unbehagens, das du in Gegenwart der Barbaren empfindest, erleichtern: Du bist ja nicht von Athen und einem (Hort der) Gesetze aus auf Reisen gegangen. Sei dir 20 vielmehr klar (darüber, daß) sie ( sc . die Barbaren) sich j etzt nicht sehr von denen unterscheiden, die du in der Heimat zurückgelassen hast. Du weißt nämlich (genau), daß manchen auch bei uns nichts in ihrem Haus verbleiben würde, wenn man denen, die (in die Häuser) ihrer Opfer ein
dringen, erlaubte, deren Eigentum mitzunehmen 3 . Nur in der Hinsicht scheinen sie gemäßigter als die Barbaren zu sein, daß sie die Gewalt nicht offen, sondern auf hinterhältige Weise ausüben. D aher ist es sehr schwer, sich vor ihnen zu schützen, denn sie können sich lange Zeit verborgen 25 halten, aber auch, wenn sie entdeckt werden, ihre Ankläger überzeugen, d aß sie kein Unrecht tun. Dies (aber) nannte Platon das größte Unrecht: wenn j emand freche Gewalt unter der Maske der Gerechtigkeit verhülle4. Mit den Methoden dieser Leute hast vielleicht auch du einmal Bekannt schaft gemacht. (Jedenfalls) steht dein Haus nun da, ohne - dank ihrer Rechtschaffenheit - weiter deinen Namen zu tragen5. Wenn du also den Walachen Räuberei vorwirfst, geht es dir etwa so 30 wie denen, die sich nach der einen Krankheit eine andere zuziehen; ihnen erscheint j eweils das, was sie zuletzt bedrängt, auch wenn es erträglicher als das Vergangene ist, als das schlimmere Übel. (So) hast auch du j etzt, da du mit den Walachen zu tun hast, deine (eigenen) Mitbürger vergessen. Beten wir also, daß du der Gesellschaft (dieser) Rohlinge entkommst, deine Meinung aber, wenn du zu uns kommst, nicht widerrufst6 oder uns (dann) als das Feuer nach dem Rauch bezeichnesr7.
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Der Tod deines Vaters aber hat uns schon als solcher, noch mehr aber im Hinblick auf dich und das, was du darüber sagst, betrübt. Doch wirst du auch dies mit Vernunft annehmen, wie du es gewohnt bist, und so den Schmerz leichter ertragen. Es hat j a auch die Pestepidemie, die unsere STADT heimsuchte 8 , viele zu gleicher Klage wie dich verurteilt9 . So könnte (die Einsicht), das Unglück mit vielen zu teilen, dir in deinem Leid große Linderung bringen. Auch sollte (die Tatsache), daß der Tod seinem Alter bereits angemessen war, dir ein Anlaß sein, dich mit der Schwäche der Natur abzufinden. Schließlich ist (es) aber auch (tröstlich), daß er bei 40 seinen Angehörigen an einer Krankheit gestorben ist, denn das bedeutet,
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
d aß m an f ür ihn g ebet et hat . Au s all diesen Gründen versuche d eine Trauer in Grenzen zu halt en. D aß du aber nicht zugegen sein u nd ihm im Sterben d en letzt en Dienst erweisen konnt est , soll d ich nicht beunruhig en; d enn niem and , d er Verst and hat, w ürd e d ir d as vorhalten, wenn er weiß, w as d ich hinderte. Zug leich aber gibt es nicht s, was du versäumt hätt est , 45 d enn du hast ihm nicht nur w ie ein Sohn, sondern sog ar wie ein Knecht
g ed ient . D aher g lau be ich, d aß er sich, als er seine letzt en Verf ügungen nied erschrieb u nd das Erbe vert eilte, vor allem an d eine treue G esinnung erinnerte. Auch wirst du - d avon bin ich überzeugt - ( alles) nach deiner Rückkehr so geregelt vorf ind en, d aß d eine Verwandten deine Recht e an erkennen, und gewiß w ird d er wunderbare Kaiser einschreit en, w enn j e m and sich unangemessen verhält . Nur sollt est du ernsthaft an d eine 50 Rückkehr d enken. D ann nämlich w irst du nach d einer Ankunft deine
Recht e in d iesen Angelegenheit en w ahrnehmen können, d ich selbst von einer Tätig keit befreien, d ie d ir nicht im gering st en ansteht, u nd uns, nach d enen du d ich sehnst , vor (unserer) Abreise (wieder)sehen. K I. OKyd: In der STADT (Z.3 7). E, OE: E, dessen Identität dennoch unbekannt ist, ge hört zu den engsten Freunden (ObtElO'W'tOL, Z.7f. ) des Kyd. Er ist wie Kyd. ein Gebildeter, und ihm ist die Gesinnung eines «Philosophen» zuzutrauen (Z. 12 - 1 6 ) . Derzeit hält er sich bei den Walachen auf (Z.30.32), die er in seinem Brief (s.u., Ep) als ein räuberisches (Z.9.30), zur Trunksucht neigendes (Z. 8 f. ), ungebildetes und barbarisches (Z. 1 3 . 1 9 ) Volk beschrieben hat. E. Stänescu, Autour d'une lettre de Demerrius Kydones expedie en Valachie, Revue des Etudes Sud-Est Europeennes 7 ( 1 969) 221 - 230 nimmt an, daß E sich in der Walachei, also nördlich der unteren Donau, aufhält, was jedoch H.-G. Beck in einer Anzeige des Aufsatzes, BZ 63 ( 1 970) 1 3 8, nicht für erwiesen hält. Beck weist auch mit Recht die Meinung des Autors zurück, Kyd. zeige sich in diesem Brief an den Walachen « interessiert» . Das «Inter esse» erschöpft sich in der Teilnahme am Schicksal von E, der sich über ein Leben in unerträg licher Umgebung beklagt hat. Es ist aber nicht nur unklar, wo sich E aufhält, sondern auch, warum er sich dort aufhält. Kyd. deutet nur an, daß E zur Zeit einer Tätigkeit nachgeht, die nicht im geringsten zu ihm paßt. Es scheint, daß sie nur dem Broterwerb dient, weil E sie aufgeben kann, wenn ihm das erhoffte Erbe zuteil wird (Z.50 f. ) . So ist kaum an eine diplo matische Mission, sondern wohl an eine kaufmännische Tätigkeit zu denken, zumal Kyd. diese auch sonst für unvereinbar mit dem Leben eines Gebildeten hält. Vgl. vor allem Bd. II, T168, Z.9 - 1 1 .22-25.28 (an Rhadenos, dem sein Vater ein Leben als Kaufmann zugedacht hatte ), aber auch oben, T276, Z.23. Auch die Anspielung auf Räubereien der Barbaren (Z.9.30) würde dazu passen. E ist ferner durch die Machenschaften von Gaunern in Konstan tinopel um sein Eigentum an einem Haus gebracht worden (Z.27-29). Sein Vater ist dort kürzlich an einer Pestepidemie gestorben (Z.35 - 3 8 ) . Zur Erbangelegenheit s.u., BKyd. D: Die erwähnte Pestepidemie in Konstantinopel (Z.5 f. 3 7 f. ) ist gemäß T327, Z.30 f. (vgl. auch
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BRIEFE T324 -325
oben, T3 1 8, D ) auf Herbst 1 3 8 6 zu datieren. Vgl. auch die Erwähnung der baldigen Abreise (Z.5 1 ; dazu T323, BKyd). 11. BKyd, BE: Kyd., mit E in Freundschaft verbunden, sucht ihn wegen seines unliebsamen Aufenthaltes bei den Barbaren ( s.o., E, OE) und über den Tod seines Vaters zu trösten (Z.35 45). Er hofft, daß E von seinem Vater im Testament gebührend bedacht wurde (ZA5 - 47), daß seine Verwandten dies respektieren werden und daß andernfalls der Kaiser ( s.u., X4) eingreifen werde (ZA 7 -49). Allerdings sei, wenn er die Erbangelegenheit regeln und Kyd. vor seiner Ab reise (s.o., D) noch sehen wolle, seine schnelle Rückkehr notwendig (ZA9 - 5 1 ) . Xl: Lapardas, Briefbote, sonst unbekannt (siehe PLP 14469); er kündigte die baldige Heimkehr von E an (Z.6 f. ) . X2: S.u., A. l . X3: Der Vater des Adressaten (Z.35; s.o., E, OE). X4: Ein Kaiser, loannes V. (ZA9; s.o., BKyd) . ZC: Um die Zuverlässigkeit der Justiz in Konstantinopel ist es schlecht bestellt. Rechtswidrige Übergriffe auf das Eigentum anderer sind an der Tagesordnung, ohne daß die Täter eine Verurteilung fürchten müßten (Z. 1 8 -27). Ep: Ein vorausgehender Brief von E an Kyd. (ZA), mit der Nachricht, daß E von der Pest verschont geblieben ist (Z.5 f. ), sich aber bei den «Walachen» , wo er sich derzeit aufhält, sehr unglücklich fühlt (Z.8 f. 30.32). III . Hss: Fehlt in A (s.o., T3 1 9, Hss ). U 1 90r- 1 9 1 Nr. 195. Üb: Izvoarele istoriei Roma niei (Fontes historiae Daco-Romanae), III, Scriitori bizantini (sec. XI-XIV), ed. A. Elian / N. �. Tana�oca, Bucarest 1 9 75, 524 - 527 (rumän., mit Anmerkungen). Vgl. Anzeige BZ 69 ( 1 976) 487. v,
IV. 1 Wenn E sich nicht als Gesandter in der Fremde aufhielt (s.o., E, OE), handelt es sich wohl nicht um einen konkreten Mann (mit dem er etwa hätte verhandeln müssen), sondern um « jedermann» im Barbarenland. 2 Anspielung auf Ps.-Plutarch, Apophthegmata Laconica (nicht von Plutarch verfaßter Abschnitt der Moralia), 239A 13 f. (-toL� rtmolv ErtEÖECXVUOV 'tou� ELA{J)'ta� IlE8uoav'ta� EL� Urto'tQOrtT]v rtOAUoLVCa�), zum Erweis, wie positiv sich Vernunft in einem barbarischen Milieu auswirken kann. 3 w.: E'( 'tL� OUVEXWQEL'tOL� ßLao8ELoLV ELoEA80DOL'tCr. oLxELa XOIlU;Eo8m. Die Formulie rung erscheint stilistisch unschön, da von den beiden aufeinanderfolgenden Partizipien im Dativ das erste offenbar auf die beraubten Opfer, das zweite auf die Räuber zu beziehen ist. 4 PIGrg 478e. 5 Freie Übersetzunng für: xal EO'tllXE OOL vDv tl oLxCa 'tT]v urtO ooD rtQoollyoQCav UIlEL 'ljJaoa ÖLCr. 'tT]v 'tou'toov ÖLXmOOUvllv. «Dank ihrer Gerechtigkeit» ist Ironie, mit Bezug auf Z.25 f. 6 W: 1lT] rtaALvooÖfjom. Zur Palinodie s.o., Bd. 111, T9, A.8. 7 Zu diesem Bild s.o., Bd. 112, T57, A.6. Es will hier besagen: du bei uns aus dem Regen in die Traufe geraten bist.» 8 S.o., D. 9 W. : Exu8l0E.
«
• • •
oder dann sagst, daß
325 - AN TARCHANEIOTES L: 3 62; OKyd: Konstantinopel; E: Manuel ( ? ) Tarchaneiotes; OE: Thessalonike; D: Ca. Winter 1 3 8 6/87 - April 1 3 8 7; wI: Die Situation Thessalonikes ist bis zum Äußersten verzwei felt und läßt Kydones nicht mehr ruhen. Von den Ereignissen ist Tarchaneiotes, der sich dort
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
offenbar in einer angesehenen Stellung befindet, besonders betroffen. Kydones selbst sieht sich von Gegnern verfolgt und mächte lieber heute als morgen Konstantinopel verlassen, doch hindert ihn daran anscheinend der Wille des Kaisers.
Ich weiß, daß du mit Betrübnis diesen Brief empfangen und lesen wirst, 5 da auch mich selbst, der ich ihn schreibe, der Jammer überkam und ich
nicht mehr an mich halten konnte, sondern reichliche Tränen über mein Schreibheft vergoßt , bei dem Gedanken, welcher Sturm, welche Wogen dich umtoben, die sich überhaupt nicht mehr beruhigen, sondern dir �ald wenig, bald aber stärker zusetzen und dich jedenfalls ständig ein gewisses Unbehagen verspüren lassen, dich j etzt aber gänzlich zu verschlingen dro hen, es sei denn, gleichsam aus dem Schlaf seiner allzu großen Langmut 10 würde der Lenker aller (Dinge) Jesus aufwachen, dem Sturm und dem
Wogenschwall drohen und den noch überlebenden Rhomäern und dir ein ruhiges Meer bescheren2 . Denn gegenwärtig ist alles dahin, die Gesamt heit des Reiches, oder vielmehr dessen müdes Schattenbild; auch j enes ist gestorben und verbreitet schon seit vielen Jahren den Geruch der Fäulnis3, und es bleibt nichts übrig, als daß Christus an das Grab tritt, den Toten 15 ruft und ihn denen übergibt, die ihn von den Übeln befreien, mit denen
er umschnürt ist4• Das schneidet mir in die Seele, das nimmt mir den Atem, das läßt mir Licht, Schlaf, Speisen, Studien und alles, was die Menschen erfreut, un leidlich werden. Wenn ich mir außerdem noch deine Situation vorstelle, wie du Dinge, die du früher zu tun zögertest, wenn man dich dazu rief, nun durchaus bemüht bist, zu Ende zu führen - es ist ja das größe Un glück, das dem Menschen zustoßen kann, wenn er, in sich selbst gespal20 ten, gezwungen wird, gegen sich selbst zu kämpfen, und zu tun gedrängt
wird, was seinen Wünschen am meisten widerstrebt - wenn ich mich also in deine Lage versetzeS, ist es mir fortan sogar eine Last zu leben, und ich würde lieber aus dem Leben scheiden. Weil aber in einem solchen Fall niemand Herr seiner selbst ist, dränge ich nur noch darauf, meine Heimat zu verlassen, weil es mir unerträglich ist, sie wie eine verachtete Sklavin von den Barbaren wie auch von ihren 25 eigenen Bürgern hin- und hergezerrt und zerrissen zu sehen. Aber auch
(mit der Anwendung) dieses Heilmittels komme ich nicht vorwärts. Denn dem, was mich zu bleiben zwingt6, kann ich nicht entrinnen, und es ist unmöglich, es zu beschwichtigen, sondern es will, daß ich bleibe, mich den
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BRIEF T325
Schicksalen der Stadt unterwerfe und Schlimmeres erleide, als man selbst den Feinden wünschen kann. Ich bleibe also und nehme viel Unliebsames auf mich, zumal, wenn ich mit diesen Unruhestiftern7 zu tun habe; gibt es doch keinen so Verworfenen, mit dem man sie vergleichen könnte, um 30 ein (auf sie) passendes Bild zu finden! Nein, lange werde ich sie wahrhaftig nicht mehr aushalten, sondern ein Mittel suchen und vielleicht (auch) finden, wie. ich vor diesen Schurken das Weite suchen kann! Wenn ich dieses (Ziel) erreicht habe, will ich für dich und mich zugleich Rettung erflehen8• K I. OKyd: Kyd. befindet sich noch am gewohnten Ort, den er zu verlassen gedenkt (Z.22 f. 30 f. ) . E, OE, D: Der letzte vorausgehende Brief an E (zur Person: PLP 27471 und 27499; s.o., Bd. 111, 2 1 8 -221 ) ist wohl Bd. II, T 0225 ( 1 3 80/82 ? ) . Tarchaneiotes ist bis 1 3 8 7 ausschließlich i n Thessalonike bezeugt, w o e r sich auch j etzt aufhält. Die vorgeschlagene Datierung geht davon aus, daß die Situation der Stadt Thessalonike lJ.icht allzulange vor ihrer Eroberung durch die Türken (März-Mai 1 3 8 7 gemäß T320, D) beschrieben wird (Z.4 - 1 1 ) und daß Kyd. trotz bestehender Hindernisse (s.u., A.6) nach wie vor die Reise ins Abendland zu verwirklichen hofft (s.u., BKyd). II. BKyd: Kyd. ist über die Situation Thessalonikes zutiefst beunruhigt, macht sich aber auch Sorgen um Tarchaneiotes persönlich (Z.4 - 22 ) . Aus dem untergehenden Reich (Z. l 1 1 5.22 - 24) und vor seinen Gegnern (s.u., A.7) hofft er sich nur noch durch seine Abreise (nach Venedig gemäß T327, Z.30 f. ) retten zu können (Z.22 f. 3 0 - 32), sieht sich aber derzeit noch an der Verwirklichung seines Planes gehindert (s.u., A.6). BE: Tarchaneiotes hat ange sichts der Lage Thessalonikes eine nicht näher beschriebene Aufgabe übernommen, vor der er lange zurückschreckte und die ihm sehr zuwider ist (Z. 1 7- 2 1 ), vielleicht die aktive Teil nahme an der militärischen Verteidigung der Stadt? ZC: Thessalonike (s.o., D) und das Reich insgesamt (Z. 1 2 f. ) sind in größter Gefahr, aufgrund innerer Uneinigkeit der Bürger (Z.24;
vgl. oben, T3 19, D ) von den Türken erobert und versklavt zu werden (Z.23 f. ) . Kyd. denkt wohl vor allem an die Uneinigkeit in der Frage, mit wem zu paktieren sei (s.u., A.7). III. Hss: Fehlt in A (s.o., T3 1 9, Hss ) . U 279r -28 0', Nr. 2 73 ; B 296rv, Nr. 1 75; P 425v426r, Nr. 43; UI 1 74rv, Nr. 26. IV. 1 W. : xa't
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
sandten Originalbrief abhängig sein; eine Abschrift von dem in A ausdrücklich verworfenen Text ist undenkbar. Aus der Erwähnung des ßLßALOV im vorliegenden Brief (und in T289) ist also zu schließen, daß Kyd. auch seine zur Absendung bestimmten Originalbriefe zunächst in ein Heft eingetragen hat, aus dem er dann offenbar die Blätter, die zur Absendung be stimmt waren, heraustrennte. 2 3
Vgl. NTMt 8,24 - 26; Mk 4,3 7 - 3 9; Lk 8,23 f. W. : Öl:;EL, wie in NTJo 1 1 ,39 (siehe folgende Anm. ) .
4 Anspielung auf NTJo 1 1 ,43 f.: Jesus ruft Lazarus aus dem Grab und fordert die Umste henden auf, ihn von den Binden an Händen und Füßen zu befreien. 5 W. : ö"tuv "tOLV'UV EV "t01hOL� &. 6 Gemäß der i n der Edition zitierten Parallelstelle L3 6 1fT320, Z. 1 1 - 13 handelt e s sich um das dort erwähnte Verbot des Kaisers. Man könnte zwar auch an die Pest denken, die Kyd. in T327, 30 f. rückblickend als Hinderungsgrund anführt, zumal hier das, was Kyd. aufhält, durch ein Neutrum ("to ßLul:;6J.tEVOV) umschrieben wird, aber es ist zweifelhaft, ob Kyd. der Behinderung dann eine so wie hier beschriebene Dauerwirkung beimessen würde. Es ist j edenfalls eine Tatsache, daß sowohl das Verbot des Kaisers wie die im Herbst 1 3 8 6 wütende Pestepidemie zunächst den Aufschub der geplanten Reise beeinflußten. 7 w.: EUQLJtOL�. Dieses Bild vom hin und her flutenden Meeresstrom in der Wasserstraße zwischen Euboia und dem griechischen Festland verwendet Kyd. in unterschiedlichem Bezug, u. a. auch auf Menschen unbeständigen oder streitsüchtigen Charakters: s.o., Bd. 1/2, T 0 1 2 1 , A . 6 ; I I , T2 1 7, A . 6 (Kennzeichnung des Charakters junger Menschen); in diesem Band: T285, AA mit BE (wohl mit Bezug auf die Unzuverlässigkeit der Türken als Verhandlungspartner). Auf seine persönlichen Gegner bezieht Kyd. das Bild nur hier. Er meint wohl die antiunioni stischen und zugleich dem Hesychasmus ( bzw. Palamismus) ergebenen (s.o., T3 1 6, AA) Kreise innerhalb der Orthodoxie, die lieber mit den Türken als mit den Abendländern paktie ren (s.o., T308, BKyd ) . 8 Mit der Rettung, die Kyd. für seinen Freund erflehen will, meint e r wohl dessen erfolg reiche Flucht aus Thessalonike.
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AN DEMETRIO S KABASILAS
L: 329; OKyd: Konstantinopel; OE: Thessalonike; D: Winter 1 3 8 6/8 7; wI: Dies ist der Begleitbrief zu einem Brief, den Kydones über Kabasilas an Kaiser Manuel II. weiterleiten will, denn angesichts der schweren Bedrohung Thessalonikes durch die Türken fürchtet er,
der Brief könne ihn bei direkter Zustellung zur Unzeit erreichen und seine Bemühungen um die Verteidigung der Stadt stören. Ohnehin habe er öfters den Vorwurf hören müssen, die literarischen Studien seien eine nutzlose Kunst und an allem Unglück schuld.
Ich sende einen Brief an den Kaiser, weil ihm, wie er sagt, meine Worte 5 gefallen und er (mir deshalb) befiehlt, die sich anbietenden Boten! mit
der Überbringung von Briefen zu beauftragen. Diesen (nun) möchte ich durch dich ihm überreichen, nachdem du ihn zuerst gelesen hast. Der
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Grund meines Wunsches aber, daß du zuerst den Brief liest, ist die Über zeugung aller, daß die Stadt j etzt über das gewohnte Maß hinaus bedrängt wird und es zu erwarten ist, daß der Barbar - verflucht sei er zutiefst! sie mit (noch) größerer Wut anfallen wird. Folglich ist anzunehmen, daß die Stadt sich in großer Verwirrung befindet und der Kaiser sich von 1 0 vielen Sorgen umringt sieht, wie e r sich selbst und seine Herrschaft2 schützen könne. Ich möchte also zu einer solchen Fülle von Schwierigkei ten nicht noch meinerseits etwas beitragen und bei der allgemeinen Nie dergeschlagenheit unpassenderweise die Freuden des schönen Briefstils beschwören3 , so, als ob man beim Begräbnis von Freunden statt gemein samer Trauer (seine Fähigkeit im) Tanz zur Schau stellen wollte. Zugleich aber fürchte ich dadurch die Sicherheit der Stadt zu beeinträchtigen, als 1 5 wollte ich i n Sturm und Wogenschwall den Steuermann durch private Gespräche4 von der Sorge um das Schiff ablenken, der (doch) die Aufgabe hat, durch seine Mühen zum Wohlergehen aller beizutragen. Denn wenn er auch die literarischen Studien liebt und sie für wichtiger als jede andere Beschäftigung hält, so sollen wir doch auch mit Salomon5 alles zu seiner Zeit tun, sofern wir unsere Bildung sinnvoll einsetzen wollen6. Wenn du also den Brief gelesen hast, übergib ihn, falls der Augenblick 20 es zuläßt und ihr gerade ein wenig Ruhe vor den Feinden habt, und viel leicht wirst du ihn mit der Lektüre nicht belästigen. Wenn aber der ringsum wogende Krieg es nicht zuläßt, daß man an irgend etwas außer dem (nackten) Leben denkt, dann rufe, um Gottes willen, Hephaistos zu dem Brief 7, damit nicht die Umstehenden mich und dich beschimpfen und die Marathonkämpfer die dann (gerade) drohenden Gefahren der geistigen BetätigungS zuschreiben. Auf sie nämlich versuchen alle die 25 Schuld an der gegenwärtigen Katastrophe von sich abzuwälzen. Wenn du also in der Angelegenheit so mit dir zu Rate gehst, wirst du in meinem Sinne handeln. Wenn du aber auch die Muße hast, etwas von mir zur Kenntnis zu nehmen: Ich bleibe hier und warte, bis ich die Blüten und die Schwalben sehe. Du aber besänftige uns durch Gebete das Meer ! Dann wollen wir dir Gewinn und Ehren erflehen. K 1.
OKyd: Kyd. weilt noch am gewohnten Ort (Z.2 7 f. ) . E: PLP 1 0079 unterscheidet den
im Titel genannten Adressaten Demetrios Kabasilas von allen anderen Trägern des gleichen
Namens (vgl. auch PLP 92223, am Schluß) . Jedenfalls ist er ein guter Bekannter des Kyd., der von seinen Reiseplänen weiß (Z.28) und auch Zugang zu Kaiser Manuel (s.u., OE) hat
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
(Z.5 f. ) . Er soll sogar den Brief an den Kaiser zuerst lesen dürfen, um zu prüfen, in welcher Situation er überreicht werden könne (Z.5 - 19 ) . OE: Kabasilas soll einem Kaiser, der gern liest, was Kyd. schreibt, von diesem einen Brief überreichen (Z.4 - 6 ) ; das kann nur Manuel in Thessalonike sein. D: Thessalonike ist in verzweifelter Lage (Z.7- 14); Kyd. will im kom menden Frühling seine Reise (sc. nach Venedig, T327, BKyd) antreten (Z.27 f. ) ; diese Anga ben sprechen für Winter 1 3 86/8 7. 11. BKyd: S.o., D . Xl: Kaiser Manuel H. (Z.4. 10; s.o., OE), angesichts der bedrohten Lage intensiv um die Verteidigung Thessalonikes bemüht (Z. 1 0 - 1 7 ) . Vgl. BarkMan 54 mit A.148. Ep: Ein Brief an Kaiser Manuel H., den E weiterleiten soll (Z.4 - 6) . Aus dieser Zeit ist nur L342 ( T329) erhalten. Loenertz fragt sich nicht, ob dieser Brief der genannte sein könnte und ordnet ihn in seiner chronologischen Liste auch nicht unmittelbar nach dem vorliegenden Brief L329 ein. Doch ist auch zu bedenken, daß die beiden Briefe im Autogra phen A weit voneinander entfernt (in verschiedenen Heften) stehen, so daß gleichzeitige Ab sendung von daher nicht zu beweisen ist. III . Hss: A 1 60rv, Nr. 2; U 251rv, Nr. 252; L 1 27rv, Nr. 1 1 ; 0 273v, Nr. 6; i 1 63v - 1 64r, Nr. 2. IV. 1 W.: 'tWV 'XOf.tLOUf.tEVWV. 2 W. : 'tWV öÄ.wv, wie häufiger, auch hier auf den Staat und die Herrschaft zu beziehen. 3 Die Übersetzung «unpassenderweise die Freuden des schönen Briefstils beschwören» =
steht für 'tEQ'1.jJLV ES E3tLcnOÄ.WV nUQELoaYELv. 4 W. : töLOÄ.OY(UU;. 5 ATEk 3,1 - 8 . Hier ist vom rechten Augenblick ('XaLQ6e;) für jedes Ding unter dem Himmel die Rede. Das Buch Ekklesiastes (Kohelet) wurde dem König Salomon zugeschrie ben, stammt aber aus viel späterer Zeit. 6 W. : . . . eL f.tEÄ.Ä.OLf.tEV EuA.6ywe; XQt;o8aL 'toLe; A.6YOLe;. 7 W. : "H<j>aLcnov EnL 'tU YQaf.tf.tu'tu 'XaÄ.EL. Gemäß LSc, s.n. "H<j>aLcnoe;, 11. wird «He phaistos» metonymisch für «Feuer» verwendet. Kyd. will also sagen: Wirf den Brief ins Feuer. Die Wendung 'XUÄ.ELV 'tOV "H<j>aLcnov EnL ist nach Ausweis des TLG bei Galenos in der Schrift «Adversus eos qui de typis scripserunt vel de circuitibus » ( 7, 507) belegt. 8
W. : 'tote; A.6YOLe;.
327 L: 3 3 1 ; OKyd: Konstantinopel; E: Ioannes Laskaris Kalopheros; OE: Venedig; D: Novem beilDezember 1 3 8 6; wI: Kydones beklagt verschiedene Mißgeschicke, die den Freund kürz
lich getroffen haben, und lobt seine gottergebene Gesinnung. Er erinnert sich dankbar an viele Jahre freundschaftlichen Austausches von Briefen und bedauert nur, daß sie einander lange nicht persönlich sehen konnten. Da aber Kalopheros seine Abreise nach Venedig ange kündigt und ihn dorthin eingeladen habe, sei er entschlossen, ihm so schnell wie möglich dorthin zu folgen.
Oft hast du mich mit Briefen erfreut, j etzt aber hast du mich wirklich 5 tief betrübt. Denn die Augenkrankheit, die dich befiel, hat auch unser
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BRIEFE T326 - 327
inneres Auge mit dichtem Gewölk der Mutlosigkeit verschlossen, und von der Undankbarkeit der Cyprioten sehen in gleicher Weise auch wir uns bestraft, aber auch die Mißerfolge, die dich in deinen jetzigen Unterneh mungen treffen, rechnen wir uns gewiß nicht weniger auch als unser eige nes Versagen an, und überhaupt hat ein j edes (Unglück), das dich gemäß deinem eigenen Bericht traf, mir das Herz verwundet, als hätte es mich 10 selbst betroffen. So wäre ich (fast) verzweifelt, hättest du nicht selbst (schon) in deinem Brief Gedanken anklingen lassen, wie sie den (Un glücksfällen), welche die Menschen treffen können, angemessen sind, und hast durch sie auch uns, die wir ganz niedergeschlagen waren, aufgerich tet. Da du nämlich der guten VORSEHUNG die alltäglichen Wechselfälle überläßt und überzeugt bist, daß sie durch ihre (Fügung) zu einem guten Ende gelangen, wenn man sie mit dankbarem Sinn annimmt, gab uns dies 1 5 Zuversicht, daß d u der Trübsal nicht ganz verfallen wirst, weil d u gefe stigt die Vernunft in dir trägst, die dich befreien kann. Wir nahmen es als Anleitung, dir nachzueifern, um so zu lernen, wie wir uns wappnen müs sen, um den (Angriffen) des Schicksals standzuhalten. Möge sie also der gute Gott zunichte machen oder uns Einsicht geben, sie zu ertragen; denn er ist der ständige Ursprung des Guten für die Menschen, wie j eder weiß, der nicht völlig gedankenlos ist oder nach antiker (Tradition) die Herr- 20 schaft über alles (Geschehen) dem Schicksal und dem Zufall überläßt. Ich aber habe mir von j eher ein Leben an deiner Seite gewünscht, über zeugt, es werde mir in vielerlei Hinsicht förderlich sein. Ist es doch über alles (kostbar), wenn Freunde sich nach langer Zeit wiedersehen, mitein ander über ihre alltäglichen Angelegenheiten reden, einander mit Freude an vergangene (Erlebnisse) erinnern, aber (auch) das, (was) in Zukunft 25 (zu tun ist), miteinander, wenn notwendig, überlegen können. Denn so geht geradezu der Wunsch Nestors, wieder j ung zu werden, in Erfüllung! . Doch war e s für mich kein s o leichtes Unterfangen, (dich z u treffen), weil ich deinen Flügen nicht folgen konnte. Ich hätte dann gleichzeitig zum Phasis2 und nach Gadeira eilen und in alle Richtungen fahren müssen und dich doch nirgends gefunden; denn was deine früheren Reisen be trifft, kam es allen so vor, als lenktest du den Wagen des Zeus3 ! Nun enthielt aber dein j etziger Brief die Nachricht, daß du nach Vene- 30 dig abgereist bist, wohin ich im letzten Herbst selbst reisen wollte - und ich wäre j etzt dort, wenn nicht die Pest mich gehindert hätte, die damals heftig auf den Galeeren4 wütete, mit denen ich hätte fahren sollen. Kannst
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
du dir vorstellen, wie mir (da) zum Wiedersehen mit dir Flügel wuchsen, wie ich mich ganz der Sehnsucht nach dir, (ganz) meinen Reise(plänen) 35 hingab ? Hattest doch auch du beteuert, uns nicht weniger zu lieben, und
versichert, dich auf das Gespräch (mit mir) zu freuen, da es dir über alles willkommen und nützlich erscheine. Und auch dies noch hast du hinzugefügt, was mir tief zu Herzen geht5: Es sei dein Wunsch und Gebet, daß dieses (Gespräch) nicht zeitlich begrenzt sei, sondern (unser) restli ches Leben hierin seine Vollendung finde. Wen also hätte dies, auch wenn er vorher nicht dein Freund gewesen wäre, nicht dafür gewonnen, sich 40 deine Freundschaft und Nähe zu wünschen ? Bist du doch ein Mann, der
mit den Freunden, wenn sie anwesend sind, ganz liebenswürdig umgeht und in j eder Hinsicht auf ihren Nutzen bedacht ist, in ihrer Abwesenheit aber mit Freude ihr Gedächtnis pflegt und beteuert, es werde ihm persön liches Wohlergehen bedeuten, wenn er sie wiedersehe. Wenn du also selbst die, die dich noch nicht kannten, mit solchen Zauberkünsten für dich gewonnen hättest, wie, glaubst du, ergeht es (dann erst) mir, der 45 ich lange Zeit soviel mit dir geteilt habe, durch Erfahrung deine guten
Eigenschaften kenne und nun von dir solches zu hören bekomme, vor allem, daß du meine Anwesenheit (geradezu) forderst, als ob sie dir etwas nützen könne! Ich hätte mir nun sogar Flügel gewünscht, um durch Schnelligkeit dir nicht mehr als mir selbst einen Gefallen zu tun. Da uns aber die Natur solches versagt hat, werde ich meine Reise beschleunigen, so schnell - wie man sagt - die Füße mich tragen6• Es zieht uns ja nicht 50 nur zu dir wie Dürstende zur Quelle , sondern wir sehen uns auch genö
tigt, vor vielem zu fliehen, was uns den Aufenthalt hier verleidet. So kannst du damit rechnen, den Freund, der sich durch nichts aufhalten läßt, alsbald wiederzusehen, wenn auch Gott es erlaubt. K OKyd: Kyd. plant die Reise nach Venedig (Z.46 - 52 ) von seinem gewohnten Aufent haltsort; die «Flucht» von dort erscheint ihm geraten (Z.50 f.; vgl. oben, T325, BKyd) . E: Daß der ungenannte Adressat Kalopheros ist, ist aus der Kombination seiner Aufenthaltsorte Cypern (Z.6) und Venedig (Z.30) mit dem angedeuteten Plan des Kyd., an seiner Seite den
. 1.
Lebensabend in Venedig zu verbringen (Z. 3 7 f. ) sicher zu erschließen (vgl. oben, T323, E und die Erwähnung des Kyd. im Testament des Kalopheros, LC I, Appendix V, Nr. 10, hier 1 9 1 f. ) . OE: Da E seine Abreise nach Venedig angekündigt hat (Z.30), muß der Brief des Kyd. dorthin adressiert sein. D: Wenn Kalopheros im November 1 3 8 6 (sc. von der Pelopon nes; s.o., T323, E) nach Venedig reiste (EszKal 89 f. ) bzw. sogar dort ankam ( <
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BRIEFE T327-328
noch im November erhalten haben. Da er offenbar ziemlich schnell darauf antwortete, ist vorliegender Brief auf November oder spätestens Dezember anzusetzen. IT. BKyd: Der Brief ist ein besonders eindruckvolles Dokument der tiefen Freundschaft des Kyd. für Kalopheros, den er seit dessen Flucht aus Konstantinopel 1363 oder 1362 (s.o., Bd . I12, T54, BE; JacCa1 1 8 9 ) nicht mehr gesehen hatte. Zur Andeutung, daß ihm der Aufent halt in Konstantinopel unerträglich geworden ist, s.o., OKyd. BE: Kalopheros hat inzwischen an einer Augenerkrankung gelitten (Z.5) und auf Cypern (zum vermutlichen Grund der Reise, s.o., T323, E) Undankbarkeit erfahren (Z.6), was EszKal 84 (JacCal geht auf diesen Brief nicht ein) u. a. auf unfreundliche Behandlung des Kalopheros durch Jacques 1. Lusignan (s.o., T323, Xl) beziehen möchte. Kalopheros hatte zu dessen Bruder und Vorgänger Pierre 1. (ermordet 1 3 69, PLP 92565) gute Beziehungen unterhalten, was ihm nun wohl schadete, weil die beiden Brüder miteinander verfeindet gewesen waren. Zu der Anspielung auf Mißer folge bei neueren Unternehmungen (Z.7) läßt sich nichts Sicheres sagen; es handelt sich wohl um private Geschäfte, vielleicht die T323, E erwähnte Erbangelegenheit. Ep: Ein vorausge hender Brief des Kalopheros an Kyd. (Z. 1 1 .30), gemäß EszKal 233 aus ModonlPeloponnes (s.o., T323, OE). Hier hatte er über seine letzten Erlebnisse berichtet (s.o., BE), « philosophi sche» Überlegungen zur Bewältigung des Unglücks angestellt (Z. 1 0 - 1 8), seine baldige Ab reise nach Venedig angekündigt (Z.3 0 f. ) und den Wunsch geäußert; dort mit Kyd. seinen Lebensabend zu verbringen (Z.3 6 - 3 8 ) . IT1. Hss: A 1 6 P - 1 62', Nr. 5; U 253'- 254', Nr. 2 5 5 . IV. 1
Üb: EszKaI 233 -235, Nr. 12.
HomIl 7, 1 32 f.: «Wäre ich doch . . . so jung wie damals . . . » (Übers. Schadewaldt) .
2 3
Fluß i n Kolchis, identisch mit dem heutigen Rion i n Georgien. Sc. einen geflügelten Wagen, gemäß PIPhdr 246e (0 . . . !!eyu� �YE!!WV EV oUQuvq:, ZEU�, EJ..uuvwv Jt"t'l1vov äQ!!u . . . ) . 4 5
w. : 'tuI� "tQLllQEOL. Siehe T257, A . 3 . Zur Pest auf den Schiffen s.o., T3 l5, Xl; T324, D . W. : ALUV EQW"tLX6v.
6 W. : TI JtOÖ
328 L : 332; OKyd: Konstantinopel; E: Rhadenos; OE: Thessalonike; D: Ca. Februar-April 1 3 8 7; wI: In der Hoffnung, ihn doch noch umzustimmen, mahnt Kydones seinen Freund erneut, sich aus der Stadt zu retten, bevor die Türken sie erobern, und erinnert ihn an seine früheren Beteuerungen, wie sehr er sich wünsche, wieder in seiner Nähe zu wohnen. Wenn Kaiser Manuel sich nun entschließe, der Einladung seines versöhnungswilligen Vaters nach Konstantinopel zu folgen, möge er ihn begleiten. Entscheide sich Manuel aber für ein anderes Reiseziel, dann solle er sich ihm wegen der andernorts drohenden Gefahren nicht anschließen, sondern auch in diesem Fall nach Konstantinopel kommen.
Ich weiß, daß ich dir lästig erscheinen werde, wenn ich dir oft Rat schläge in derselben Angelegenheitl gebe; denn du wirst einwenden, es
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üBERSETZUNG UND KOMMENTAR
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genüge dem, der sich habe überzeugen lassen, daß ihm (etwas) einmal gesagt wurde; wenn er dies aber nicht wolle, seien die vielen Worte nur eine Belästigung. Doch möchte ich dir lieber aufdringlich erscheinen als etwas unterlassen, was dir nützen könnte, denn ich bin überzeugt, daß aus den häufigen Ratschlägen weder dir noch gar mir ein Schaden entste hen wird; vielleicht aber wird dich mein Zureden, wenn es ständig an-
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dauert, eher für das Ziel gewinnen, wie man es von den steten Tropfen, (die) auf Steine (fallen), zu sagen pflegt2 . Ein einmaliger Ratschlag aber, der gleichsam der Pflicht genügt, würde weder bei dir noch bei einem anderen viel bewirken, zumal, wenn Gewohnheit oder eine andere starke Neigung den Empfänger des Rates gebannt hält und der guten Absicht des Ratgebers entgegensteht. Dann muß man zufrieden sein, wenn j e-
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mand sich erst durch viele Ermahnungen dazu bringen läßt, etwas Not wendiges zu tun. Ertrage es also, dasselbe, was du früher (zu hören be kamst), auch jetzt anzuhören: Du mußt dich aus einer Stadt retten, die einst schön war, die (dir) des halb lieb und dazu noch deine Heimat ist, die aber jetzt zu Gottlosen überläuft oder vielmehr, um die Wahrheit zu sagen, dazu gezwungen wird; denn es wäre wohl ein Unrecht, dies als freie Entscheidung ihrer Bürger zu bezeichnen. Sie haben ja in ihrem Kampf gegen die Barbaren durch ihrer
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Hände Taten ihre Gesinnung gezeigt; sie haben Bundesgenossen geworben, dem Herrscher3 ohne j eden Neid und Ehrgeiz gehorcht, mit ihrer Eintracht und Disziplin der Stadt gleichsam eine Mauer gebaut und sich mehr um sie als jeder um sich selbst gekümmert. Später (aber) sind sie dem unterle gen, den, wie wir wissen, bisher noch niemand besiegt hat; denn Hungers
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zu sterben ist, wie jemand (einmal) sagte, das kläglichste (Ende)4. Wie ich es nämlich für unmöglich halte zu leben, ohne zu atmen, so ist auch einer, dem die notwendigsten Lebensmittel mangeln, nicht jeder Anforderung gewachsen. D iese Menschen würde also niemand tadeln, weil man sie zu Recht für unglücklich, nicht für Versager hält. Auch vielen anderen, einzel nen Menschen und Städten, ist es so ergangen und wird es so ergehen, daß sie zwar moralisch ihren Gegnern überlegen sind, dem Schicksal aber
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unterliegen. Es sei aber auch verziehen, wenn einige vom gemeinen Volk dort bleiben und die Knechtschaft in Kauf nehmen wollen, da sie immer schon Herren unterworfen waren und an das armselige Leben gewöhnt sind, zugleich aber wegen mangelnder Bildung die Verhängnisse, die auf sie zukommen, nicht einmal voraussehen könnens.
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Welche Überlegung aber könnte dich noch veranlassen, in der Stadt wohnen zu bleiben, die fortan nicht mehr so genannt werden kann ? Ist doch von ihren Vorzügen ein Teil bereits dahin; von den noch verbliebe nen aber wird sogar jede Spur verschwinden. Zudem wird sie täglich 35 (neuen) Anlaß zu Wehklagen und Jammer geben und durch das, was zu sehen und (noch) zu erwarten ist, immer größeres Mitleid wecken. Oder wirst du fortan die deine Vaterstadt nennen wollen, in der du zusehen mußt, wie deine Eltern und deine ganze Verwandtschaft teils schimpflich ums Leben kommen, teils (noch) schimpflicher auf alle (erdenkliche) Weise zugrunde gehen? Willst du aber (auch noch) dich selbst ihnen bei gesellen und nicht nur das Schicksal, auch den Tod eines Sklaven erleiden?
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Denn wenn du einmal der Grausamkeit der Barbaren ausgeliefert bist, kann man sich keine Übeltat vorstellen, mit der du nicht zu rechnen hät test. Das bestätigt nicht nur die nüchterne Überlegung, sondern es bezeu gen dies auch die alltäglichen Vorkommnisse. Ist doch von den Städten, welche sich diesen Barbaren ausgeliefert haben, ein Teil schon gänzlich menschenleer, weil ihre Einwohner in alle Welt (zerstreut und zwar) teils
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in die Sklaverei verkauft, teils in die weitesten Fernen umgesiedelt wur den, soweit sie dem Schwert, der Gefangenschaft und dem Tod entkom men konnten, dem sie ihr übriges Elend auslieferte. Die (Städte) aber, die scheinbar noch verschont blieben, preisen die (anderen) glücklich, die von Grund auf vernichtet wurden, und ihre Bürger sähen gern, daß die Erde sich spaltete und sie aufnähme, so sehr sind sie allem erdenklichen Unheil ausgesetzt. D och wäre es mir freilich lieber, ich brauchte solches nicht zu sagen ! 50 Werde ich doch auch selbst durch die Reden anderer beunruhigt und kann die Tränen und die Erschütterung, die (ihre) Darstellung bei mir bewirkt, kaum ertragen! Auch glaube ich nicht, daß du der Ermahnung zur Flucht vor diesen (Schrecken) bedarfst, um weder, wenn du bleibst, selbst Unsägliches erleiden, noch zusehen zu müssen, wie deine nächsten Angehörigen es zu ertragen haben. Ich glaube nämlich, daß die Tatsachen selbst deutlich genug sprechen und alle überzeugen, daß sie sich aus der Stadt wie aus einer Feuersbrunst zu retten haben, vor allem aber j eder, 55 der wie du von Literatur und Bildung gekostet hat; denn es ist unmöglich, sie ohne Freiheit zu genießen6• Ich bitte dich aber auch, daran zu denken, wie häufig du, wenn du mir schriebst, beteuertest, der Aufenthalt in Thes salonike sei dir verhaßt, weil du dich sehntest, bei uns zu sein, obwohl
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du zu der Zeit dort als Freund bei Freunden und als freier Mann unter Freien leben konntest. Gleichwohl aber ertrugst du nicht die Gleichgültig keit deiner Landsleute, wenn du dich an deine Bemühung um die besseren 60 Dinge erinnertest; du sagtest, wenn nicht der Kaiser und deine Rücksicht
für ihn (dich hinderten), würdest du Flügel anlegen und mit Freuden zu uns fliegen, und versprachst, wenn der Kaiser in die STADT und zu sei nem Vater komme, ihn (dann) auch persönlich zu begleiten, wenn er sich aber auf den Weg begebe, um andere aufzusuchen, (dennoch) zu uns zu eilen und alles, was dich hindern könne, hinter dir zu lassen. Jetzt also, glaube mir, fordern wir j enes Versprechen von dir ein ! Solltest du es nicht 65
einlösen, dann wird man dich gewiß für einen Lügner halten, weil du dich ganz offen über die Vereinbarungen hinwegsetzt, zumal du sie mit mir getroffen hast; denn von mir würde niemand glauben, daß ich mich je entschließen könnte, dich zu täuschen. Da sich nun das Schicksal Thessalonikes dem Ende zugeneigt hat, das ich dir oft vorhergesagt habe, da die schönste der Städte - wehe mir sich den schlimmsten Frevlern zum Sklavendienst ergeben har? und dem
70 Kaiser fortan kein Fluchtweg mehr offensteht, ist es nun an der Zeit, daß
du daran denkst, wenigstens eine Entscheidung zu deiner eigenen Rettung zu treffen, durch die du selbst dem Verderben entgehen und zugleich ihm gegenüber deine Verpflichtung einhalten kannst. Wenn sich nun der Kai ser tatsächlich entschlossen hat, zu Schiff hierher zu kommen - denn es besteht Anlaß, in diesem Sinne für euch zu hoffen, daß der Vater seinem Sohn nicht auf immer zürnen, sondern ihm verzeihen und ihn zu sich rufen wird -, dann nimm auch du die Gelegenheit wahr und komm mit 75 deinen Freunden zu uns. Wenn sich aber bei euch die Entscheidung für
die Peloponnes und das Umherreisen von Land zu Land durchsetzt, dann nimm um Gottes willen den Rat eines Freundes an, der sehr um dich besorgt ist, folge niemals denen, die dazu raten, und begib dich, wenn sie ihren Plan durchführen wollen, auf keinen Fall mit ihnen auf die Reise, (sondern) erinnere dich an die Kinder des Oidipus und an den bis zum 80 heutigen Tag zitierten Kadmos-Sieg8 • Denn alle prophezeien, daß es den
(beiden) Brüdern9 ebenso ergehen wird, wenn sie sich entschließen, mit einander am gleichen Ort zu wohnen, und mit Sicherheit wird ihre beider seitige Gefolgschaft dieses Schicksal teilen. Das Umherirren im fremden Land aber ist vergleichbar mit dem Versuch, zu Fuß eine rauhe See zu durchschreiten. Entsprechend werdet ihr auf eurem Weg ständig von Wo-
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gen überspült werden und schließlich dort irgendwo scheitern und zu grunde gehen. Bete also für sie, daß Gott auf der Fahrt ihr Steuermann sei, du selbst aber versuche dich zu retten und komm so schnell wie mög-
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lich zu uns und in die Große STADT. Wenn du hier bleiben willst, wirst du eine Zeitlang dein Leben angenehm verbringen, bis auch uns das Unheil von Thessalonike erreicht; denn alle sind überzeugt, daß danach wir das Ziel ihrer Geschosse sein werden, da die Barbaren entschlossen sind, wie der Kyklop mit uns zu verfahren1 o . Wenn du aber auch einem solchen (Schicksal) entgehen und dein Leben in Frieden beenden willst, wirst du von hier aus zu Schiff viele Häfen erreichen können, um (dann) von ferne
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dem Untergang der anderen zuzusehen, an deren Seite auch du selbst umgekommen wärest, ohne ihnen im geringesten nützen zu können. Es soll dich aber nicht erschrecken, wenn der Kaiser gebietet, sein Sohn dürfe nur mit seinen vertrautesten Dienern zurückkehren. Denn ganz gewiß gehörst auch du zu j ener (kleinen) Zahl. Außerdem ist nicht anzuneh-
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men, daß der Kaiser dies einfach im allgemeinen Sinne gesagt hat; hier zeigt sich vielmehr seine Absicht, den Sohn von solchen Freunden zu tren nen, die bei allen in schlechtem Ruf stehen und denen alle die Schuld dafür geben, was sich um seine Person und die Stadt (Thessalonike) ereignet hat. Gegen uns aber hat bis jetzt niemand Anklage erhoben; ich glaube aber, daß uns auch in Zukunft niemand anklagen wird. Daher solltest du getrost zurückkehren, um der Sklaverei zu entgehen und das ungehindert zu tun, was sich (für dich) ergibt. Denn sich blindlings und 100 ins Blaue hinein für den Untergang mit der Mehrheit zu entscheiden - es sollte mich wundern, wenn man dafür außer «Wahnsinn» ein anderes Wort finden könnte. Allen ist es ja von der Natur aufgegeben, sich selbst zu retten. K 1. OKyd: Die Große STADT ( Z. 8 5 ) . E, OE: Der Aufenthaltsort (Z.57.67. 86), die Nähe des Adressaten zum dort lebenden Kaiser (Z.60) sowie die Erinnerung an seine früheren Versprechungen (Z.56-64 ) und an die Ermahnungen des Kyd. (s.u., A. 1 ) deuten darauf hin, daß der Brief an Rhadenos gerichtet ist. Siehe auch unten, BKyd. D: Da die Eroberung Thessalonikes März-Mai 1 3 8 7 erfolgte und gemäß diesem Brief unmittelbar bevorsteht, emp fiehlt sich die hier gegebene präzisere Eingrenzung des Datums gegenüber TinnFreund 242, Nr. 53. 11. BKyd: Kyd., ernsthaft besorgt um das weitere Schicksal seines Freundes, beschwört Rhadenos, Thessalonike zu verlassen und, wenigstens vorerst, nach Konstantinopel zu kom men (passim ) . Es geht ihm aber auch tief zu Herzen, daß seiner geliebten Vaterstadt, der
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üBERSETZUNG UND KOMMENTAR
«schönsten der Städte» (Z.68) die Versklavung droht (Z. 1 6 - 1 8 .49 - 5 1 .67 - 6 9 ) . Allerdings versucht er den anscheinend bereits gefallenen Entschluß der Einwohner, die Stadt aufzuge ben, zu entschuldigen und hat auch Verständnis dafür, wenn sich das einfache Volk den Eroberern beuge, da es ungebildet und an Freiheit ohnehin nicht gewöhnt sei (Z. 1 8 - 32). Über die Pläne Kaiser loannes' V. ist er gut informiert (Z.94 - 97). Eine formelle Anklage, die ihm selbst offenbar zeitweilig drohte, ist ausgeblieben und auch nicht mehr zu befürchten
(Z.97 f.), womit Kyd. zweifellos auf einen drohenden Kirchenprozeß anspielt (vgl. oben, T3 16, BKyd und Bd. I11, 3 8 ) . Xl: Ein Kaiser in Thessalonike (Z.60.62.69 .72; siehe auch unten, A.3), Manuel 11. Palaiologos, anscheinend bereits entschlossen, Thessalonike zu verlas sen (Z.67 - 70); doch ist es noch offen, ob er sich nach Konstantinopel ( Z.71 f.) oder nach Mistra (Z.75 f. ) begeben wird. X2: Ein anderer Kaiser (Z.93 .95), Vater Manuels (Z.62), loannes V. Er ist offenbar geneigt, seinem Sohn zu vergeben (Z.72 f., sc. für dessen für ihn überraschenden Entschluß im Herbst 1 3 82, die Verteidigung Thessalonikes selbst in die Hand zu nehmen; s.o., T233, BE; über beider gespannte Beziehung s.o., T3 12, BE) und ihn nach Konstantinopel einzuladen (Z.73 f. 92 f. ), allerdings nur, wenn er auf die Begleitung einiger unliebsamer Berater verzichtet (Z. 9 5 - 97). X3: Theodoros 1. Palaiologos, Despot, j üngerer Bruder Manuels (s.u., A.9; zur Person s.o., T23 1 ,
Xl). Falls Manuel sich auf die Peloponnes
begeben sollte, droht nach Meinung des Kyd. zwischen beiden Brüdern und deren Anhängern ein Machtkampf (Z. 78 - 8 1 ) . ZC: In der belagerten Stadt Thessalonike herrscht bereits eine Hungersnot (Z. 1 8 -27); die Übergabe (sc. an die osmanischen Türken) steht unmittelbar bevor (s.u., A.7). Die Bewohner der von den «Barbaren» bereits eroberten Städte sind entwe der ums Leben gekommen, in Gefangenschaft geraten, als Sklaven verkauft oder umgesiedelt worden (Z.43 -47). III .
Hss: A 1 62r - 1 64r, Nr. 6; U 254c-25 7r, Nr. 256. Ed: KydEpCam Nr. 3 1 .
Üb: KydEp
Cam Nr. 3 1 (frz. ) ; DenReign 1 54 (Z.67 - 75, engl. ) . IV. 1 Vgl. die Mahnungen zur Flucht bereits nach dem Fall von Serres i m September 1 3 8 3 (TinnFreund 22 1 ) und danach wieder im Brief T3 1 5 (s.o.), Z.3 0 - 3 8 . 2 Daß e s sich, wie i m Deutschen ( << Steter Tropfen höhlt den Stein » ), u m eine sprichwört liche Redensart handelt, zeigt eine in der Edition zitierte Stelle bei Simplikios, Kommentar zur Physik des Aristoteles ( Commentaria in Aristotelem Graeca, Bd.x, 1 1 96). Deren Wort wahl (tüv cruvExii to'Ü ÜÖUtO� atUAUYIlOV XOtAUCVELV tflV 1tEtgUV) weicht von der des Kyd. ab, die aber, wie die Form zeigt (tO tWV 1tUXVWV atuy6vwv 1tgo� toiJ� ACeou�),·als freie Anspielung zu verstehen ist. 3
W. : ttp . . . (igXOVtL, sc. Manuel II (Xl ) .
4
HomOd 1 2, 342. Mit diesem Argument rät Eurylochos den übrigen Gefährten des
Odysseus zu dem Frevel, auf der Insel Thrinakia die Rinder des Sonnengottes zu schlachten. 5
Die Auffassung, daß man politisches Ethos nur von den Gebildeten erwarten könne,
ist bezeichnend für das Selbstbewußtsein der « Literaten» , z u denen auch Kyd. selbst gehört. 6 Zu diesem Gedanken siehe TinnFreund 234 -236. 7 Kyd. verwendet hier die Aoriste EtEAEut'llOE und EÖOUAEUOEV, als sei die Stadt schon in der Hand der Türken, wohl um auszudrücken, daß es aus seiner Sicht keine Rettung mehr gibt. 8 « Kinder des Oidipus » : Eteokles und Polyneikes, die sich gegenseitig im Zweikampf töteten. Paroem I 97, Nr. 45 versteht unter einem Kadmos-Sieg einen nutzlosen Sieg, zählt
286
BRIEFE T328 -329
aber mehrere Möglichkeiten für die Ableitung dieser Deutung auf. Kyd. bezieht sich, wie der Kontext zeigt, auf die dort erstgenannte, die gegenseitige Tötung der Kadmos-Nachkommen Eteokles und Polyneikes. Das Bild vom Kadmos-Sieg verwendet auch PINom 64 1c. Zum Bezug der Anspielung s.u., A.9. 9 Sc. Manuel 11. und sein Bruder Theodoros 1., Despot in Mistra (X3 ) . Kyd. prophezeit also einen Bruderkrieg, wenn Manuel auf der Peloponnes seine Zuflucht nehme. 10 HomOd 9, 2 8 8 -293.3 1 1 .369 - 3 70: Nachdem der Kyklop Polyphem zweimal je zwei Gefährten des Odysseus gefressen hat, kündigt er an, von den übrigen einen nach dem ande ren, zuletzt aber Odysseus selbst zu verspeisen.
329 L : 342; OKyd: Konstantinopel; E : Kaiser Manuel 11. Palaiologos; O E : Thessalonike; D : C a . Februar-April 1 3 8 7; wI: Kydones, dem e s äußerst schwierig erscheint, Manuel i n seiner Lage einen Rat zu erteilen, erklärt sich ausdrücklich nur auf dessen Bitte hin dazu bereit. Eine Flucht ins Ausland sei aus mehreren Gründen nicht anzuraten. Auch rät er Manuel davon ab, zu seinem Bruder Theodoros auf die Peloponnes zu reisen. Am ehesten sei die
Heimkehr nach Konstantinopel und die Aussöhnung mit seinem Vater loannes zu empfehlen. Dafür ständen die Zeichen günstig, wenn Manuel sich zum Einlenken bereit finde.
Nicht nur, wenn ich zu den einfachen Ratgebern gehörte, sondern auch, wenn ich ein Wahrsager und - wie Homer es Kalchas zubilligt -
5
« bei weitem der beste Vogelschauer » l wäre, auch dann könnte ich dir jetzt keine Entscheidung der so schwerwiegenden Probleme anbieten, über die du mit dir zu Rate gehst. Denn wie könnte ich mir erstens etwas ausdenken, was deiner Aufmerksamkeit entgangen wäre, zumal die jet zige Situation, über die zu entscheiden ist, nicht so sehr eine einseitige als vielmehr eine in beiden Richtungen offene Abwägung erfordert? Es ist daher weder klar, was man vermeiden noch was man wählen soll, da 1 0 Argumente, die j e für eine der beiden Möglichkeiten sprechen, dem Rat geber ein eindeutiges Urteil erschweren. Da ich außerdem über das, was dort wie auch hier vorgeht, fast gar nicht informiert bin, habe ich wohl noch mehr Grund, mit Ratschlägen zu zögern. Denn zwischen mir und euch « sind viele schattige Berge und rauschendes Meer» 2 , die uns daran hindern, auch nur durch Boten zu erfahren, wie es euch geht. Was sollte ich also von euch wissen, da ich von euch durch so große (Hindernisse) getrennt bin ? Aber auch von dem, was hier geschieht, sind wir gänzlich abgeschnitten. Denn ich war nicht nur bei der Senats sitzung abwesend, die in deiner Angelegenheit entscheiden sollte, obwohl keineswegs nur die
287
15
ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
neun Archonten3 , sondern auch Leute, die niemals dem Senat angehört hatten, an dem Tag eingeladen waren, sondern es war auch angeordnet 20
worden, vor mir - wie vor Mördern das Heiligtum - die Türen zu ver schließen, und man wollte sogar nach Möglichkeit verhindern, daß ich von den Vorgängen auf den öffentlichen Plätzen etwas erfahren sollte, so daß mir, wäre es nach ihnen gegangen, das hiesige Geschehen nicht weni ger als das bei den Antipoden unbekannt geblieben wäre4. Wie könnte man also in so tiefer Finsternis etwas Nützliches sagen, zumal ich für dich entscheiden soll ? Es wäre j a nicht nur höchst unmenschlich, dir mit Ratschlägen zu schaden, sondern man würde sich auch (schon), wenn
25
man dir durch sie nicht nach Möglichkeit nützte, dem (Verdacht) ausset zen, dem Freund das ihm Gebührende nicht gegeben zu haben. D aher möchte ich es lieber anderen überlassen, (dich) zu beraten, und selbst nur zur guten VORSEHUNG um deine Rettung beten; denn es scheint mir, daß du in deiner jetzigen Lage allein auf sie angewiesen bist. Da du aber, um mich auch auf diese Weise zu ehren, wünschtest, daß auch ich etwas zu deiner Situation sagen solle, überzeugt, daß mein Urteil eher von Zu-
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neigung als von Kompetenz5 bestimmt sein werde, hielt ich es für unge recht, hier zu schweigen, weil ich der Meinung bin, daß Herrscher zwar keineswegs einen Anspruch auf Weisheit - wenn dies nicht möglich ist - , wohl aber immer auf treue Gesinnung haben. Ich sage also, daß ein mit Vernunft begabter Mann, wenn er zwischen vielen positiven Dingen zu wählen hat, stets das Beste bevorzugen muß, hat er aber die entgegengesetzte Wahl, dann muß er das geringste Übel vorziehen. Ob es uns nun Gott j emals gewährt, das Beste auszuwählen,
35
das mag er selbst wissen, da er den Menschen sowohl das Gute wie auch dessen Beurteilung verleiht. Was aber die Gegenwart betrifft, so müssen wir versuchen, (wenigstens) den schlimmsten der uns umgebenden Übel zu entgehen, da aus meiner Sicht schon genug gewonnen ist, wenn wir nicht gänzlich untergehen. Da also das Verbleiben eine (Alternative) ist, die für dich nicht in Frage kommt, man von drei (Möglichkeiten) aber nur eine wählen kann, (so gilt folgendes): Die Flucht ins Ausland und zu
40
Menschen, bei denen du nie zuvor gewesen bist, würde (dir) niemand anraten, der dir wohlgesonnen wäre, und zwar wegen der endlosen Ent fernungen und wegen der Strapazen, ferner, weil man überall im Ausland mit Argwohn reisen (muß) und weil die Leute, die dich aufnehmen, von deinem (kaiserlichen) Stand überhaupt keine Ahnung haben und dich da-
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BRIEF
T329
her wie einen gewöhnlichen Umherreisenden oder gar Bedürftigen behan deln werden; sollten sie (deinen Stand) aber wahrnehmen, dann würden sie dich entweder als einen Bittsteller hochfahrend behandeln oder sogar (deinem Leben) nachstellen. Deshalb würde ich den Aufenthalt im Aus-
45
land nicht loben können, zumal wir auch wissen, daß unsere Landsleute, die deine Gefährten auf der Flucht sein werden, zu weiten Reisen weder geneigt noch an sie gewöhnt sind. Sie würden lieber zu Hause ihr Brot essen, sich mit Frau und Kindern einschließen und (über ihr Leben) j am mern, als bei anderen nach Art von Sybaris zu schmausen. Ja, ich kann mir vorstellen, wie sie, wenn sie sich satt gegessen haben, an den Knoblauch von Ägypten6 -
um
50
nicht zu sagen, an die Waschbecken7 - denken
und dich mit der Erinnerung an den Rauch von Ithaka 8 plagen werden. Es gehört aber dies zum Schlimmsten, was ein Mensch erleben kann, wenn ihm nächst der göttlichen Hilfe nur der gute Wille der Freunde als Trost bleibt9• Was aber erst die Peloponnes betrifft, ein kleines (Gebiet), das nicht einmal denen genügt, die bereits seit j eher dort leben, wie könnte sie dich aufnehmen, wenn du mit so vielen Leuten (in das Land) einfällst ? Entwe-
55
der werdet ihr, wenn die dortigen Bewohner ihren Besitz mit euch teilen, zweifellos mit ihnen zugrunde gehen 1 0 oder, wenn ihr euch diesen aneig nen wollt, euch beiderseits gegenseitig angreifen, miteinander kämpfen und der Nachwelt den kadmischen Sieg verheimlichen 1 1 . Ich habe aber gehört, daß nicht einmal dem, der uns jetzt vernichtet1 2 , deine Reise zur Peloponnes allzusehr gefällt; er wird vielmehr, sobald du dort bist, (Trup-
60
pen) entsenden, die dich belästigen und dort schlimmer als in Thessalo nike hausen werden; es ist aber schwer, einen Menschen zu ertragen, der zugleich auf die Brust schießt und auf den Rücken schlägt1 3 . Da es aber auch (noch) viele andere (Argumente) gibt, die beweisen können, daß jene Reise viele Gefahren mit sich bringt, sollte man einen solchen Plan aufgeben. Es bleibt dir also nur, dich dem anzuvertrauen, der zugleich dein Vater und Kaiser ist, nicht nur weil es - zumal in einer so heillosen Lage sicherer ist, sondern weil es (dir) auch als solches mehr als alles andere Freude und Nutzen einbringt. Ist doch nichts dem Vater lieber als sein Kind, nichts dem Sohn ehr- und vertrauenswürdiger als sein Vater. Mag es aber auch so scheinen, als hätte euch ein unerfreulicher Vorfall in der Vergangenheit auf kurze Zeit getrennt, (so) wird auch dies, wenn ihr ein-
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65
ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
ander wiederseht, ohne weiteres die Natur heilen, da es unmöglich ist, 70 daß sie auf lange Zeit mit sich selbst im Streit liegt. Sollte es dazu kom
men, (dann) brauchst du an Ausgaben und Lebensunterhalt und die ande ren Dinge, die du für den täglichen Aufwand brauchst, nicht einmal zu denken, da er verspricht, dich nach deiner Rückkehr zum Gesamterben 14 einzusetzen. Deine Stellung aber wird sicherer (als j etzt) sein, da niemand den Entscheidungen des Kaisers zu widersprechen wagt 1 5 . Du wirst aber 75 auch die höchst Ehrwürdige sehen, deine Mutter, die Kaiserin, die allein
deinem HAUPT in Liebe zugetan ist und (darüber) alles, was Menschen bewegen kann, vergißt. Allein wenn du ihr zu Gesicht kommst, wird es ihr (schon so) scheinen, als hättest du ihr jeglichen Wunsch erfüllt. Nur kehre zurück und zeige, daß du willens bist, dich deinem Vater, dem Kai ser, zu fügen, und seinen Befehlen in aller Öffentlichkeit zu gehorchen. Sieh es auch nicht als Brüskierung an, wenn er dir befiehlt, nur mit einer geringen Zahl deiner Diener zurückzukehren; denn du sollst nicht 80 meinen, daß er dich damit absichtlich demütigen will, sondern er glaubt
so dein Haus von Männern zu reinigen, die er verdächtigt, dich zur Wi dersetzlichkeit gegen seine Person überredet zu haben16, und will dies zugleich als Zeichen deines zukünftigen Gehorsams verstehen. Wenn er dies erreicht, wird er entschieden bemüht sein, die Hoffnung, die alle für dich hegen, zu übertreffen. So jedenfalls äußerte sich j emand, dem mutmaßlich nichts verborgen ist. Ich glaube aber, daß binnen kurzem, 85 wenn die Not ihn dazu zwingt, der Kaiser dich in vieler Hinsicht brau
chen wird, da er wegen seines Alters und seiner Krankheit schon nicht mehr über seinen Körper verfügen kann; denn er hat niemanden, dem er mehr vertrauen könnte, noch wird er (so) leicht jemanden finden, der ihm gegen die Übergriffe der Barbaren im erforderlichen Maße zur Seite steht. D aß diese (aber) häufig und schwer zu bewältigen sind, glauben wir die gegenwärtigen Zeiten fast (schon) selbst rufen zu hören. So ist es denn 90 unter dem Druck der Notwendigkeit, mit der auch die Natur zusammen
wirkt, nicht zu bezweifeln, daß nach dem (Tod des) Kaiser(s) alles dir unterstehen und du nach ihm allen wie zuvor gebieten wirst. Um diese Frösche1 7 aber sollst du wenig bekümmert sein. Denn jetzt schreien sie bis zum Zerplatzen, weil sie ehrgeizig j eder deine Stellung beim Kaiser für sich erhaschen wollen und deine Abwesenheit als Beweis anführen, daß der Kaiser dich (zu Recht) verdächtige. Wenn du aber erscheinst, 95 wird die Zuversicht und die Macht zur Natur und zum Sohn zurückkeh-
290
BRIEF T329
ren, der Sklave aber wird nachgeben und einsehen müssen, daß unterwür figer Dienst ihm mehr Nutzen bringt. Dies zu sagen, habe ich mich aber nicht verleiten lassen, weil ich den Anspruch erhebe, dir wegen meiner Weisheit Ratschläge zu erteilen, sondern weil ich es für undankbar hielt, meinem Herrn, der mich darum bat, meine Meinung zu verweigern. Ich erwarte aber auch von dir, daß du dies nur als Beweis meiner treuen Ergebenheit ansiehst, dir meinen Standpunkt zu eigen machst, Gott selbst als Lenker deiner Entscheidung anrufst und sie auch glücklich ausführst. 100 K I. OKyd: Kyd. sieht sich durch Ausschluß von einer Senatssitzung brüskiert (Z. 1 6 -20), hält sich also in der Hauptstadt auf. E, OE: Ein Sohn eines Kaisers (Z.63 f. ) in Thessalonike (Z.60), zweifellos Manuel 11.; vgl. auch T328, X l . D: Wegen der inhaltlichen Parallelen (s.u.,
II.) wohl zusammen mit T328 abgesandt (so vermutet auch DenReign 1 53 mit A.6). II. BKyd, BE: Kyd. ist zwar von Sitzungen am Kaiserhof ausgeschlossen (Z. 1 6 - 20), verfügt aber über eine gute Informationsquelle (s.u., X4; vgl. oben, T328, Z.94 - 9 7) und kann Kaiser Manuel daher auf seinen Wunsch einen Rat erteilen, wohin er sich nach der geplanten Aufgabe Thessalonikes begeben könnte. Er rät ihm ab, ins Ausland (Z.39-53; mit DenReign 1 52 ist wohl an eine Reise in das Abendland zu denken) oder zu seinem Bruder auf die Peloponnes zu reisen (Z.53 - 63 ), sondern empfiehlt ihm, nach Konstantinopel zu kommen, wo er sich mit seinem Vater versöhnen solle (Z.63 - 96). DenReign 1 54 f. weist darauf hin, daß Manuel nach seiner Abreise von Thessalonike dem letzteren Rat des Kyd. zunächst nicht folgte, sondern sich nach Lesbos begab. Xl: Man kann darauf schließen, daß es - unter dem Einfluß von Gegnern des Kyd. - Kaiser Ioannes V. war, der Kyd. von einer Senats sitzung, die über die Versöhnung mit Manuel beriet, ausschloß (Z. 1 6 -20). Trotzdem gibt Kyd. Manuel den Rat, sich mit seinem kaiserlichen Vater zu versöhnen (Z.63 - 95 ) . Im einzelnen erwähnt er das frühere Zerwürfnis (Z.67 f.; vgl. T328, X2), das Vorhaben Ioannes' v., Manuel im Falle der Versöhnung zum Gesamterben einzusetzen (Z.71 f. 90 f. ), seine For derung, er müsse sich ihm als dem Hauptkaiser unterwerfen (Z.76 - 78 . 8 l f. ) und dürfe nur mit einer zuvor genehmigten Gefolgschaft nach Konstantinopel kommen (Z.78 - 8 1 ; vgl. T328, Z.95- 97), seine durch Alter (Ioannes war bei Abfassung des Briefes noch nicht 55 Jahre alt! ) und Krankheit eingeschränkte Regierungsfähigkeit (Z.85 f. ), die ihn zu einer Aus söhnung mit dem zuverlässigsten und fähigsten seiner Söhne geradezu zwinge (Z.84 - 9 1 ), und den Widerstand seiner Berater ( << Frösche » , A.17) gegen diese Aussöhnung, den Manuel aber durch sein persönliches Erscheinen brechen könne (Z.9 1 - 96 ) . X2: Daß Manuel im Fall einer Reise auf die Peloponnes in einen Konflikt mit seinem Bruder Theodoros geraten könnte, wird angedeutet (Z.53 - 63 ) . Dazu konkreter T328 (s. dort, X3 ) . X3: Manuels Mut ter, Kaiserin Helene Kantakuzene Palaiologina (PLP 2 1 3 65), die ihren Sohn über alles liebt und sich danach sehnt, ihn wiederzusehen (Z.73 - 76). Man kann wegen der stets ungetrübten freundschaftlichen Beziehung des Kyd. zu ihr (vgl. Bd. 111, 5 8 ) davon ausgehen, daß er hier eine persönliche Äußerung der Kaiserin wiedergibt und daß sie als Vermittlerin zwischen Vater und Sohn eine wichtige Rolle spielte. X4: Eine unbekannte Person, die Kyd. über die Pläne Kaiser Ioannes' V. offenbar aus erster Hand informierte, also wohl ein Hofbeamter
291
ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR (Z.83f.), nicht aber Kaiserin Helene (X3), weil Kyd. dies dem Sohn offen hätte sagen können.
ZC: Die Argumente gegen eine Flucht Kaiser Manuels ins Ausland (Z.39-53) sind auch aus der Sicht der Mentalitätsgeschichte bemerkenswert, weil sie die starke Bindung eines Durchschnitts-Byzantiners an Heim und Familie voraussetzen (vgl. dazu A. KazhdanlG. Con stable, People and Power in Byzantium, Washington, D. C. 1982, Index, s.v. family, nuclear).
Ep: Kyd. spielt auf eine Anfrage Manuels (Z.28-30) an, die zweifellos brieflich erfolgte. Hss: A 125v-127r, Nr. 9; U 194v-19r, Nr. 200. Ed: KydEpCam Nr. 30. Üb: Ebd.
III.
(frz.); DenReign 152 (Z.7-9.11-23) und 153 (Z.53-55.58-60, engl.). Lit: DenReign 151154.
IV. 1
HomII 1,69.
2
HomII 1, 156f.
3
Natürlich ist diese Zahl (Anspielung auf die neun Archonten des antiken Athen) meta
phorisch (so schon DemOr 18,112
=
De cor. 264) zu verstehen und auf den engeren Kreis
des Senates zu beziehen. 4
Die Vorstellung von Antipoden, die auf der anderen Erdhemisphäre leben, setzt die
Erkenntnis von der Kugelgestalt der Erde voraus, die für uns zuerst bei Eudoxos von Knidos (caA08-355 v. Chr.) in schriftlicher Form faßbar ist. Diogenes Laertios VIII 26 führt den Gedanken, daß es Antipoden gebe, für die «das oben sei, was für uns unten ist», auf Pythago ras zurück. Den hier vorausgesetzten Gedanken, daß ein Austausch von Nachrichten mit ihnen schwierig oder unwahrscheinlich sei, vertritt z. B. Plutarch in seinen Moralia in «De malignitate Herodoti», § 37 in einem Überbietungsvergleich (d Yc:lQ dOLV aV'tUtOOE� �IJ.Wv,
WOl'tEQ EVLOL MyOUOLv, 'tii� Yii� 'tu XC:l'tW l'tEQLOLXO'ÜV'tE�, oIlJ.aL IJ.TlO' EXE(VOU� aVTlxoou� ElvaL . . .; also nicht einmal sie, die so weit entfernt wohnen, sind ohne Kunde von dem, was Plutarch im folgenden ausführt); vgl. auch Plutarch, Moralia, «De Stoicorum repugnantiis»,
§ 34. 5
W.: OELVO'tTl'tL.
6
Anspielung auf ATNum 11,5 (das Volk Israel in der Wüste sehnt sich nach dem Knob
lauch und anderen Speisen Ägyptens). 7
Ironische Steigerung: hygienische Einrichtungen werden auf einer solchen Reise noch
mehr als gewohnte Speisen vermißt. 8
HomOd 1,58 f. (hier mit Bezug auf Odysseus, der auf Ogygia, der Insel der Nymphe
Kalypso, Heimweh empfand). 9
Kyd. will wohl sagen, daß es Manuel schwerfallen wird, als kaum beachteter Privat
mann und ohne die gewohnte Machtstellung nur noch auf Gottvertrauen und willige Freunde angewiesen zu sein. 10
Kyd. deutet offenbar an, daß die Ressourcen der Peloponnes nicht ausreichen wer
den, wenn Manuel sich mit seinem Gefolge dort niederläßt, was allerdings übertrieben er scheint. 11
«Beiderseits» (alJ.<po'tEQOL) bezieht sich, wie aus T328 (siehe dort, A.9) zu entnehmen,
auf die Brüder Manuel und Theodoros. Die Schande eines - dazu noch gewiß nutzlosen (zum Kadmos-Sieg s.o., T328, A.8) - Bruderkrieges wäre allerdings der Nachwelt zu ver heimlichen. 12
Murad 1. oder sein General Hayreddin Pascha.
13
Sc. Manuel wird befürchten müssen, daß ihm der türkische Angreifer auch auf der
Peloponnes weiter nachstellen wird.
292
BRIEFE
T329-330
14 W.: na.vtwv 'twv ÖvtWV XATlQOVOj..Lo v. 15 Manuel bekleidete zwar seit 1373 die Kaiserwürde, aber die Legitimation seiner Herrschaft in Thessalonike war wegen seiner eigenmächtigen Abreise (vgl. oben, T328, X2) umstritten. 16 Vgl. oben, T328, Z.95 -97. 1 7 Die Frosch-Metapher bezieht Kyd. auf die freche Geschwätzigkeit seiner Gegner, entsprechend der äsopischen Fabel A€wv xu'i. ßa.'tQUXo� (Nr. 141 Perry), in welcher der Frosch für den aVTJQ YAW(J(JUAY(U� steht. Vielleicht dachte Kyd. auch an ein Zitat, das sein Bruder Prochoros aus Origenes, Contra Celsum, IV 23 entnahm und auf seine palamitischen Gegner bezog. Siehe KantRef 29, Z.14 (ßa.'tQUXOL ano 'tWV 'tEAj..La.'tWV XAW�OvtE�). Daß Pro choros hier Origenes zitiert, zeigte allerdings erst G. Podskalsky (Rez. der Edition), Byzanti noslavica 50 ( 1989) 75.
330 L: 345; OKyd: Konstantinopel; E: Ioannes Laskaris Kalopheros; OE: Ein Ort im «Abend land» ; D: Ca. Frühjahr 1 3 8 7; wI: Kydones ist enttäuscht, daß Kalopheros, den er nun auf Dauer in Venedig vermutete, diese Stadt bereits wieder verlassen und ihm einen Brief «aus den Alpen» geschrieben hat. Er rät ihm dringend dazu, sich endlich, wie angekündigt, zu einer seßhaften, «philosophischen» Lebensweise zu bequemen, damit er (Kydones) sich ge mäß seinem Plan zu ihm begeben und mit ihm sein weiteres Leben verbringen könne.
Obwohl ich mich stets sehr über deine Briefe zu freuen pflege, fühlte ich mich, als ich diesmal einen von dir erhielt, tief enttäuscht. Hatte ich
5
doch schon geglaubt, daß du nun von deinen weiten Reisen und vom Umherziehen ablassen, in Venedig verweilen, dich fortan ausruhen, dich ins Privatleben zurückziehenl und versuchen würdest, den Schatz in dei nem Inneren nach Möglichkeit zu mehren2! Da ich mich also an diese Hoffnungen klammerte, (war ich bereit), gern den Verlust des Vaterlan des, gern den der Freunde zu ertragen, da ich glaubte, anstelle von all diesem würde mir deine Gegenwart genug sein, die ich immer ersehnt 1 0 hatte, die mir nun endlich einmal zuteil werden und gegen die leidigen Erfahrungen, denen ich gegenwärtig ausgesetzt bin, ein kräftiges Heilmittel sein sollte. Du aber hast wiederum dich selbst nachgeahmt und es ehrgeizig darauf abgesehen, wiewohl von Natur aus ein zum Laufen be stimmtes Wesen, mit dem Flug der V ögel zu wetteifern. Aber sogar diese wissen um die rechte Zeit des Fluges und auch wiederum der Ruhe, lassen 1 5 sich auf der Erde und auf Bäumen nieder und erholen sich s o von ihrem mühevollen (Flug) durch die Lüfte3 . Du hingegen kennst kein Ausruhen
293
üBERSETZUNG UND KOMMENTAR
von deiner ständigen Bewegung, sondern verbindest stets eine Reise mit der anderen und nimmst die eine wieder zum Anlaß für die nächste. So findet deine Wanderung kein Ende, wie es nicht einmal für die (Gestirne) gilt, die am Himmel ihre Bahnen ziehen4, als hieltest du nicht die Ruhe, sondern die Bewegung selbst für das ZieP. Höre aber, mein Bester, auch einmal auf das, was geschrieben steht6, 20 lobe und übe das Maß in allen Dingen7 ; wie in anderem, so mäßige dich auch in Bewegung und Ruhe und (gönne) beidem seine Zeit. Wenn man aber nur mit einem von beiden8 prunkt, das andere aber, als sei es wider die Natur, meidet, ist das so, als wollte man nie das genießen, was man von der guten V ORSEHUNG erhalten hat. Das aber, was von ihr kommt, 25 stillt nicht nur dein Bedürfnis, sondern auch deinen Ehrgeiz. Auch wissen
wir, in weIchem Ruf jemand, der in dieser Hinsicht immer mehr haben will, beim Volk und bei den Weisen steht. Dies sage ich nicht, um deine so vielen Mühen gänzlich für nutzlos und nichtig zu erklären, sondern rate dir (nur), wenn ich an die gegenwärtige schwierige Zeitlage und die zwangsläufig überall drohenden Gefahren denke, dich weitreichenden Verpflichtungen nicht auszuliefern. Wenn Menschen dies wegen einer Notlage tun, ist dies vielleicht verzeihlich. Bürdet man sich aber trotz 30 persönlicher Unabhängigkeit Schwierigkeiten auf, dann sieht es so aus,
als habe man geradezu ein Bedürfnis nach selbstverschuldetem Unglück. Ich meine aber, man sollte sich auch vor lange anhaltendem Glück in acht nehmen, das nicht so gern den Erfolgreichen treu bleibt, sondern sie plötzlich, wenn sie im höchsten· Grade sicher zu sein scheinen, wie ein ungebärdiges Pferd den Reiter, abwirft oder gar zerstampft. Ja, von sol chen Scherzen (des Schicksals) ist «die Erde voll und voll ist das Wasser»9, und viel singen davon die Dichter, viel die Schriftsteller; (noch) zahlreicher 35 aber sind die Beispiele, welche die alltäglichen Ereignisse dazu liefern.
Sollte es also nicht vernünftig sein, daß auch du, der du bis jetzt vermu tel1 konntest, das Schicksal feiere ein Fest mit dir, dich zum Rückzug von den Geschäften entschließt, die den, der sie betreibt, zwangsläufig vielen unleidlichen Wechselfällen unterwerfen, zumal dir der Ruhestand zahlrei chere und größere Vorteile bringen kann? Einem Mann, der in Wissen schaft und Weisheit bewandert ist, ist ja ein großartiger Schatz innerlicher 40 Freuden und Beglückungen aufbewahrt, bei weitem kostbarer als die
(nur) so genannten Freuden, (und) jene verdirbt nichts so sehr wie die vielen äußeren Geschäfte und das Bestreben, seine Lebensweise nach der
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BRIEF T330
Meinung der Menge zu richten. Wenn daher auch du die wahren und dauernden Freuden mit (ganzer) Seele genießen willst, mußt du das weite Umherreisen und deine nutzlose Geschäftigkeit aufgeben, die allein den 45 Bedürftigen, welche die Not nicht schlafen läßt, angemessen ist. Uns aber ist mit Gottes Hilfe zu (einem Leben in) Muße und Philosophie alles, wenn wir (nur) wollen, bereitet, und wenn wir uns nicht entschließen, es gebührend zu nutzen, ist zu befürchten, daß wir in unserem Ehrgeiz nach stets weiterer Bereicherung auch unseren jetzigen Besitz verlieren und, was schlimmer ist, aus Unempfindlichkeit nicht einmal die guten (Fähig keiten), die wir haben, zu bewahren verstehen. Daher wende dich deinem 50 Selbst zu, höre auf mit dem vielen Umherreisen und (löse dich aus) dem Wirbel, (der dich) jetzt (umgibt)! Dann wirst du, wenn du dich von dem vielen Getriebe erholt hast, nicht nur eine wunderbare Stille verspüren, sondern auch die reinen Freuden genießen, die deiner Natur gemäß sind. Außerdem wirst du nicht nur, weil du früher viel geleistet hast, sondern auch wegen deiner jetzt zur rechten Zeit gewählten Ruhe von allen Lob zu hören bekommen, weil du dem, was dich dein Leben lang beschäftigt 55 hielt, einen schönen Schlußstein aufgesetzt hast. Du wirst aber auch mich an deiner Seite haben (und hören), wie ich dich für das, was du nun gewählt hast, lobe, mich aber auch mit dir über dein tägliches Wachsen in der Tugend freue. Ihren Besitz erklärst du ja allem, was du jetzt hast, für gleichwertig und beteuerst, nichts weiter zu brauchen, wenn sie dein eigen sei. Damit du also auch erlangst, was ich dir zu geben habe, entschließe dich, (das Leben in) Ruhe wahr zu machen, 60 und schreibe mir, wo du deine Bleibe nehmen willst! Um so schneller wirst du mich dann zu deiner T ür eilen sehen, an der du mich auch jetzt (schon) finden würdest, wenn ich überzeugt wäre, dich sicher an dem Ort anzutreffen, von dem aus du geschrieben hast. Da ich aber fürchtete, bevor ich dort ankäme, wie gewöhnlich hören zu müssen, daß du (schon wieder) zu anderen (Zielen) entsprungen bist, wartete ich ab, nicht weil ich, wie du sagst, die Dialektik eines Pyrrhon10 nachahmen wollte, son dern weil es vergeblich erschien, einen Vogel zu verfolgen. Die Reise 65 wurde zwar zum Teil auch durch die Pest und die Erkrankung behindert; aber stärker war, wie gesagt, meine Überzeugung, mich einem unzuverläs sigen Unternehmen auszuliefern. Daß ich aber kein schlechter Wahrsager bin, hast du jetzt selbst gezeigt, da du (mir) aus den Alpen schriebst.
295
ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
K
I.
OKyd: Kyd. verweilt noch an seinem gewöhnlichen Aufenthaltsort (Z.63). E, OE: Der angedeutete Reiseweg fügt sich dem ein, was über die Biographie des Kalopheros sonst bekannt ist. Kalopheros, zuvor in Venedig (Z.6), hatte «aus den Alpen» (Z.67) an Kyd. geschrieben. An welche Adresse Kyd. den vorliegenden Brief zustellen ließ, teilt er nicht mit; wir wissen auch nicht, ob und wo Kalopheros diesen Brief erhielt; denn L371, der folgende Brief, den Kyd. im HerbstlW inter 1387/88 an ihn schrieb (er wird erst in Bd. IV berücksich tigt werden), setzt eine Antwort des Freundes nicht voraus und ist so abgefaßt, daß Kalophe ros ihn verstehen konnte, ohne T330 erhalten zu haben. D: Der wichtigste Anhaltspunkt für die Datierung des Briefes ist die Angabe, daß Kalopheros zuvor «aus den Alpen» geschrieben hat (Z.67). Gemäß T327, D hatte Kyd. im NovemberlDezember 1386 einen Brief an ihn nach Venedig gesandt, den er früh im Jahr 1387 erhalten haben muß. Einige Zeit danach, wohl im späteren Februar 1387, reiste Kalopheros nach Pinerolo (in Piemont, südwestlich von Turin) zur Residenz des Fürsten Amedeo aus dem Hause Savoyen (t1402, PLP 771) dessen Ansprüche auf den Thron des Fürstentums Achaia er bei der dort ansässigen Navarre sischen Kompanie vertreten hatte -, um ihn über den Stand der Angelegenheit zu informie ren. Von dort begab er sich nach Avignon, um von Papst Clemens VII. die Anerkennung der Rechte Amedeos, die ihm der Johanniterorden streitig machte, zu erwirken; hier bezeugt er selbst seine Ankunft in der zweiten Märzhälfte (EszKal 90). Nach erfolgreichen Verhandlun gen mit dem Papst kehrte Kalopheros im Juli 1387 über Pinerolo nach Venedig zurück (Esz Kai 93). Sein Brief aus den Alpen ist - weil in der vorliegenden Antwort des Kyd. vom Papst und erfolgreichen Verhandlungen mit ihm keine Rede ist - wahrscheinlich auf der Hinreise, also im Februar/März, in Pinerolo geschrieben, so daß eine Antwort des Kyd. mit Loenertz noch im Frühjahr (wahrscheinlich noch vor dem Fall Thessalonikes, von dem keine Rede ist), und nicht erst SommerlHerbst (EszKal 235) anzunehmen ist. 11. BKyd: Kyd. hat gehofft, daß E nun sein unstetes Reiseleben beenden und in Venedig verweilen würde; dann nämlich wäre es ihm möglich gewesen, endlich zu ihm zu reisen, um gemeinsam mit ihm den Lebensabend zu verbringen, zumal er mit seiner Situation in Konstantinopel ziemlich unzufrieden ist .(ZA-12). Doch nun muß er zur Kenntnis nehmen, daß E schon wieder auf Reisen ist (Z.12-19.66f.). Daher ermahnt er ihn, indem er ihm die Freuden eines beschaulichen Lebens ausmalt, nun endlich seßhaft zu werden (Z.19-55), und verspricht ihm, dann auch alsbald zu ihm zu kommen (Z.55-64). Er habe die Reise bisher zwar auch wegen der Pest (vgl. oben, T327, AA und zugeh. Text) und einer Erkrankung (sonst nicht bezeugt), vor allem aber wegen der genannten Unsicherheit aufgeschoben (Z.65 f.). BE: S.o., BKyd; D. ZC: Zur Pest s.o., D. Ep: Zum vorausgehenden Brief des Kalo pheros s.o., D. 111. Hss: A 128c-129v, Nr. 12; U 199v-20F, Nr. 203. Üb: EszKaI235-238, Nr. 13. IV. 1 W.: awtJt((.> auveaw8aL. 2 Vgl. NTMt 12,35 und Lk 6,45, wonach der Gute aus dem Schatz seines Herzens Gutes hervorbringt. Vgl. auch NTMt 13,52: Ein über das Himmelreich wohlunterrichteter Gelehrter ist wie ein Hausvater, der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorbringt. 3 W.: tÜV ÖL' &EQO� xa.llatOv . . . avarrauotJaLv, also eigentlich: sie beendigen (unterbre chen) die Mühe. 4 W ieso Kalopheros sogar die Gestirne übertrifft, ist nicht ganz einsichtig, da ja auch sie (scheinbar) ohne Ende ihre Bahnen ziehen.
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BRIEFE T330-3 3 1
5 W.: WOJtEQ OUX (Hs A: OUx) T]QEIl(a �"tEAo�"ti]v X(Vl'\OLV, an' au"ti]v a{,.tfJ� Xc:i QLV JtOLOU IlEO�. Die wörtliche Übersetzung würde lauten: « ... als würdest du die Bewegung nicht für das Ziel der Ruhe, sondern um ihrer selbst willen (für was?) halten.» Diese Formulierung kann aus zwei Gründen nicht befriedigen: Sie besagt das Gegenteil von dem, was Kyd. offen bar sagen will; denn die Ruhe sollte aus seiner Sicht das Ziel der Bewegung sein, nicht umge kehrt. Außerdem paßt JtoLELo8m nur zu"tEAo�, nicht aber zum zweiten Kolon, weil hier das Prädikativum (für was?) fehlt. Daß Kyd. hier offenbar unkonzentriert war, zeigt auch das unpassende, im Apparat nicht vermerkte, aber in Hs A deutlich lesbare OUX. Ich übersetze deshalb oben den folgenden konjizierten Text: WOJtEQ ou x T]QEIlLav, aAl.' au"ti]v "ti]v XLVl'\OLV "tEAo� JtOLOUIlEVO�. Der Versuch von EszKal 236, den Sinn der Stelle durch eine gewundene Übersetzung zu retten «< ... als ob du nicht der Bewegung ein Ziel in der Ruhe setztest, sondern sie selbst zu ihrem eigenen Lohn machtest»), ist meines Erachtens nicht gelungen. 6 Mit"t
331 L: 346; OKyd: Konstantinopel; E: Ein Mönch, ehemals Hofbeamter; OE: Unbekannt; D: Frühjahr 1387; wI: Der ehemalige Kollege hat Kydones geraten, Kaiser Ioannes v., um ihn für seinen Sohn Manuel gnädig zu stimmen, an das Prooimion seiner früheren Urkunde für diesen zu erinnern, das Kydones einst verfaßt habe. Kydones bestreitet, der Urheber des dort auf Manuel ausgesprochenen Lobes zu sein; da es vielmehr auf Kaiser Ioannes selbst zurück gehe, sei es unnötig, ihn daran zu erinnern. Es folgt in Anspielung auf das noch bestehende Zerwürfnis zwischen Vater und Sohn eine längere Erörterung über die bösen Begierden der Menschen, durch die auch politischer Zwist entstehe. Der Kollege habe gut daran getan, sich aus dem unruhigen Hofleben zurückzuziehen.
Was hast du damit gemeint, Mann Gottes, (als du sagtest), ich solle nun den Kaiser an mein Lob erinnern, das ich seinem Sohn in dem Prooimion1 zukommen ließ, als ob ich der wäre, der dort spricht, nicht aber er, der persönlich seinem Sohn die Krone verlieh2 und auch selbst als bereitwilli ger Zeuge seiner ihm wohlbekannten guten Eigenschaften auftrat? Gab
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
er mir doch (nur) den Auftrag, mit wenigen kunstvollen Worten jenes 10 Lob zu schmücken, damit auch die Nachwelt (auf) immer erfahre, wie
sein Vater (von ihm) dachte. Diesen Dienst erwies ich ihm damals, zu dem er mich bei der Gelegenheit wie einen Schauspieler3 im T heater aus gewählt hatte, um seinem Sohn eine Gunst zu gewähren, bestätigt auch durch das goldene Siegel sowie durch seine namentliche Unterschrift und ihre Farbe\ welche wir Untertanen in unseren Urkunden nicht verwenden 15 dürfen. Glaube also nicht, das Gegenwärtige bedürfe der Erinnerung,
denn der Kaiser denkt auch jetzt (noch) daran, wie er damals seinen Sohn auszeichnete, und halte ihn nicht für so launisch, daß er denselben Sohn, dessen gute Eigenschaften er offen auszusprechen sich einst nicht scheute, (nun) aufgrund einer plötzlichen Sinnesänderung schmähen könnte - zu mal er ein gutes Gedächtnis hat und gerecht ist5 -, (daß er) durch seine Äußerungen den Ruf eines guten Sohnes, der ihm so viele Dienste erwie sen hat, schänden und nunmehr etwas, was seiner einstigen persönlichen 20 Meinung von ihm widerspricht, sagen könnte.
Was jedoch jetzt geschieht und geredet wird, ist befremdlich und wider spricht der allgemeinen Vernunft, es sei denn, es gehört vielleicht zu den Dingen, die manchmal dem einen oder anderen geschehen sind oder ge schehen können, solange das ständige Umschlagen der Verhältnisse in ihr Gegenteil wie auch das Bestreben eines jeden, alles, was ihm persönlich angenehm ist, vorzuziehen und nichts zu versäumen, was ihm größeren 25 Gewinn einbringen könnte, das menschliche Leben bestimmen. Denn
diese (Begierde) befällt alle wie eine Pest, wütet aber noch stärker in den Häusern der Kaiser. Die (Tatsache) nämlich, daß Herrschaft Neid erweckt und den Herrschenden alles (zu tun) freisteht, erfüllt sie mit Argwohn gegen die anderen, fordert aber auch den Widerstand der Untertanen ge gen sie heraus, die von ständiger Furcht befreit sein wollen und zugleich 30 nach ihrer eigenen Unabhängigkeit trachten, die man nicht genießen
kann, wenn man der Obrigkeit und den Gesetzen unterworfen ist. Daher stürzen sie sich auf (die Herrschenden) als erste und versuchen sich Macht zu verschaffen, um dadurch die zu beseitigen, die sich vielleicht dem Ge nuß der angenehmen Dinge widersetzen könnten, und fortan straflos außer sich selbst alle zu beherrschen. Wenn jemand also dies, die unguten Begierden, als Ursache der ständig und überall stattfindenen Unruhen und 35 Kriege bezeichnet, wird er die Wurzel (aller) Übel wohl nicht verkennen.
Dies hat auch Söhne gegen ihre V äter aufgebracht, V äter zur Grausam-
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BRIEF T3 3 1
keit gegen ihre Söhne veranlaßt, die Hände von Verwandten mit Mordta ten gegeneinander befleckt und Städte in Revolten und Wirren gestürzt. Das aber wird niemals aufhören, solange das Herrschen zu den Begierden gehört. Weil du das auch selbst weißt - du hast ja wohl reichlich die Gesell schaft der Kaiser und größten Einfluß bei ihnen genossen, so daß du ihre Tragödien nur zu gut kennst -, hast du das sogenannte Glück, das sie 40 umgibt, oder vielmehr ihr Elend, mit Recht verachtet und bei Gott und in der Stille der Muße dein Boot vor Anker gehen lassen. Von dort aus siehst du wie aus der Ferne die Schiffe kentern und kannst uns, (wenn du siehst), wie wir zugrunde gehen und versinken, nur bedauern. K I. OKyd: Kyd., der den Kaiser, sc. Ioannes V., « erinnern» soll (Zo4 f.), muß sich also in seiner Nähe, in Konstantinopel, aufhalten. E: Ein ehemaliger Hofbeamter, jetzt Mönch (Z.3 8 -43). OE: An einem unbekannten Ort, «fern» vom Geschehen am Kaiserhof (Zo4 1 4 3 ) , über das e r aber wegen seines Ratschlages (s.u., D) dennoch nicht schlecht informiert ist. Falls «fern» nur im geistigen Sinne, mit Bezug auf seinen Klosteraufenthalt, zu verstehen ist, wäre auch Konstantinopel als OE nicht auszuschließen. D: Loenertz schlägt für den Brief wohl aus folgendem Grund eine Datierung auf Frühjahr 1 3 8 7 vor: Kyd. deutet an, daß sich jetzt eine Situation ergeben habe, in welcher Ioannes V. (Xl) für seinen Sohn Manuel (X2) gnädig zu stimmen sei (Zo4 f. 1 6 -20). Eine solche Situation ist im Zusammenhang mit dem Entschluß Manuels (ca. Februar/März 1387), Thessalonike aufzugeben, und dem Rat des Kyd. an ihn, sich mit seinem Vater zu versöhnen (s.o., T329, Xl), gegeben. II. Xl: Ein Kaiser (Z.5. 15.), Ioannes V. Er beauftragte Kyd. einst mit der Abfassung eines enkomiastischen Prooimions für eine Urkunde, durch die sein Sohn Manuel zum Despo ten ernannt werden sollte (Zo4- 1 3 .15; dazu unten, A.1 -4). Über seine jetzige Beziehung zu ihm s.o., D. X2: Der Sohn eines Kaisers (Z.5.7. 15. 1 6. 1 8 ), zweifellos Manuel. Zu diesem oben, D, Xl. ZC: Im Zusammenhang mit dem Zwist zwischen Vater und Sohn spricht Kyd. generell von aktuellen (viiv, Z.20) Mißständen wie Argwohn und Zwistigkeiten kaiserlicher Persönlichkeiten untereinander (Z.25 -28) und der Angst der Untertanen vor der Macht der Kaiser, die immer wieder zu Unruhen und Aufständen führe (Z.28 - 3 3 ) . Ep: Ein vorausge hender Brief von E an Kyd. mit dem Ratschlag, Kyd. möge den Kaiser an eine früher einmal zugunsten seines Sohnes Manuel ausgestellte Urkunde erinnern (Zo4 f.; vgl. oben, Xl). ID. Hss: A 129v - 13 0r, Nr. 13; U 201 r -20r, Nr. 204. Lit: DenReign 1 12 und 152 (ebenso auch BarkMan 57) nimmt zu Unrecht an, es werde in diesem Brief (Zo4 ff., wohl vor allem Z.1 8 -20, wo aber nur von Reden, nicht von Schriftstücken die Rede ist) angedeutet, Ioannes V. habe nun - mit Hilfe des Kyd. (der doch schon aus dem kaiserlichen Dienst entlassen ist!) - ein offizielles «document of reproach» gegen seinen Sohn verfassen wollen. IV. 1 Siehe F. Tinnefeld, Vier Prooimien zu Kaiserurkunden, verfaßt von Demetrios Ky dones. Edition, Textparaphrase und Kommentar, Byzantinoslavica 44 ( 1 9 8 3 ) 13 - 30, 1 78 195, hier Prooimion Nr. 3 von ca. Dezember 1371 (Text und Paraphrase: S. 178 - 1 85).
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
2 W.: 'tov O'tE<j>avov 3tAExov'ta, also eigentlich «den Kranz windet» . Es handelt sich aber die Despotenkrone, die Manuel mit dieser Urkunde verliehen wird (Tinnefeid, ebd. 1 87). Da O'tE<j>avos; «Krone» wie «Kranz» bedeuten kann, ist «flechten» auch auf O'tE<j>avos; im Sinne der Krone metaphorisch anwendbar, was im Deutschen nicht möglich ist; daher wird die allgemeinere Übersetzung mit «verleihen» gewählt. 3 Kyd. vergleicht seine Tätigkeit als «ghostwriter» mit der eines Schauspielers, weist aber jeden Einfluß auf den Inhalt der Urkunde zurück. 4 Die Urkunde, zu der Kyd. das Prooimion verfaßte, war ein Chrysobull (eine Privile gienurkunde mit goldenem Siegel). Der Kaiser pflegte diesen Urkundentyp mit roter Tinte namentlich zu unterschreiben. Siehe F. Dölger/j. Karayannopulos, Byzantinische Urkunden lehre, München 1968, 29 (Tintenfarbe), 123 (Unterschrift). 5 Nach Ö(XaLOV ist in der Edition Loenertz ein Komma nachzutragen, weil das folgende IlEAAov'ta an das vorausgehende IlE'taßaMv'ta anknüpft und die Passage von xaL 'ta'Ü'ta bis Ö(XaLOV als Einschub zu verstehen ist. um
332 L: 338; OKyd: Konstantinopel; E: Ein beim Kaiser einflußreicher Mann; OE: Konstanti nopel; D: Februar-April 1 3 87 (?); wI: Kydones ist verbittert, weil Kaiser Ioannes V. den Wunsch, ihm, seinem langjährigen Vertrauten, eine Audienz zu gewähren, abgelehnt hat. Dennoch ist ihm weiter an einem Gespräch mit dem Kaiser gelegen, und er bittet den Adressaten, es durch seine Vermittlung zu ermöglichen.
Der wunderbare Kaiser und ich sollten miteinander so umgehen, wie 5 es im Verhältnis zwischen Herrn und Diener angemessen ist. Deshalb bat
ich ihn gestern um eine Audienz, um ein klein wenig über das dringend Anstehende mit ihm zu sprechen. Diese (Gunst) hat er (ja) sogar denen, die ihm überhaupt niemals gedient, sondern ihm vielleicht sogar in hohem Maße geschadet hatten, oft gewährt, selbst wenn sie ihn nicht darum baten. Er aber hat mir nach dreißigjährigem ergebenem Dienst selbst das verweigert und mich durch sein Verhalten belehrt, daß ich mich vergebens 10 in all der vergangenen Zeit geplagt habe und nun anscheinend für meine
lange Treue bestraft werden muß. Möge es ihm aber trotzdem wohl erge hen, möge er gesund sein, seine Feinde besiegen und viele Getreue haben, die nicht so wie jetzt ich für ihre Ergebenheit belohnt werden! Denn das würde jenen vielleicht einen Nachteil, in jedem Fall aber dem Kaiser den Ruf kleinlicher Gesinnung einbringen; müßte er doch mit Tadel rechnen, 15 wenn er anderen nicht an Liebenswürdigkeit überlegen wäre und Wohltä
ter mit einer geringeren Gegengabe entlohnte! Ich aber scheue mich auch
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BRIEFE T3 3 1 -332
nach der Brüskierung nicht, ihn wieder anzugehen und ihm meine be scheidenen Anliegen vorzutragen, weil ich glaube, daß man zufrieden sein muß, wenn man nach vielem Bitten auch nur ein wenig beim Kaiser be wirkt. So übernimm denn du die Vermittlung, wenn du es für billig hältst, einem Freund behilflich zu sein, und überrede den Kaiser, einen (Bruch) teil eines zu bestimmenden Tages für das kurze Treffen anzusetzen. Jeden- 20 falls wird er nicht das Antlitz der Gorgo sehen, wenn er mich anschauen muß, noch wird er Vorwürfe darüber zu hören bekommen, daß wir uns vielleicht als benachteiligt ansehen, noch werden wir die sich bietende Gelegenheit ausnutzen, um etwas von dem zu fordern, was er uns schul det. Weil er nämlich befürchtet, von uns vielleicht mit diesen Dingen be helligt zu werden, hat er vorgeschützt, keine Zeit zu haben. Du aber ver bürge dich beherzt für uns, daß wir den Worten nichts Unliebsames bei- 25 mischen, sondern nur sagen werden, was treuen Dienern einem gütigen Herrn gegenüber zu äußern angemessen ist. Vielleicht wird er (aber) auch etwas Nützliches zu hören bekommen; das sollte er jedenfalls nicht von vorneherein ausschließen. Er wird sich nämlich, wenn er dazu geneigt ist, erinnern, daß ihm viel Derartiges oft von mir gesagt wurde. Außerdem wird das Gespräch aber auch kurz sein, und zwar, wenn er möchte, mit der Wasseruhr abgemessen1; denn seine Sorgen um die Staatsgeschäfte 30 erlauben es uns nicht, weitschweifig zu sein, und ich weiß auch, daß er Geschwätz überhaupt nicht leiden kann. Zugleich möchte aber auch ich nicht als zudringlicher Schwätzer gelten, zumal bei denen, die nicht gern zuhören. So kann er (mich) denn getrost empfangen. Denn aus allem geht klar hervor, daß wir in keinerlei Hinsicht wehleidig sein und uns nach einem kurzen Gespräch entfernen werden. K OKyd: Von der Bitte um eine Audienz bei Ioannes V. und deren kurzfristiger Verweige rung ist in einer Weise die Rede, daß Kyd. sich am gleichen Ort wie dieser aufhalten muß (Z.5 - 1 1 ) . E, OE: Ein Freund des Kyd. am Hof Ioannes' v., der offenbar solchen Einfluß auf den Kaiser hat, daß die Hoffnung, er werde bei ihm für Kyd. eine Audienz erwirken, ange bracht ist (Z. 1 8 -20). D: Sicherer terminus post quem des Briefes ist die Entlassung des Kyd. nach dreißigjährigem Dienst am Kaiserhof (Z.8 f. ), die gemäß T3 1 8, BKyd auf ca. Sommer 1 3 8 6 zu datieren ist; denn befände sich Kyd. noch weiter im Dienst, dann wäre die Weigerung des Kaisers, ihm eine Audienz zu gewähren, kaum denkbar. Der Brief ist also sicher nicht allzulange nach Sommer 1 3 8 6 geschrieben. Wenn Loenertz die genauere Datierung auf «kurz vor 5.4. 1 3 87( ? )>> vorschlägt, scheint er anzunehmen, daß Kyd. die Audienz erbat, um bei 1.
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ÜBERSETZUNG UND KOMMENTAR
loannes V. für eine Versöhnung mit seinem Sohn Manuel einzutreten (vgl. T33 1 ). Kyd. spricht davon zwar nicht ausdrücklich, doch wäre es in diesem Fall unklug gewesen, vorher zu sagen, in welcher Angelegenheit er den Kaiser sprechen wolle. Die hier beschriebene frostige Behandlung des Kyd. durch loannes V. entspricht dem, was Kyd. im Brief T329 an Manuel über das Verhalten seines Vaters zu berichten hat (siehe dort, Xl). Die neuere Datierung des Falles von Thessalonike (s.o., T320, D) erfordert wieder eine Änderung des Datums gegen über der Angabe in der Edition. 11. BKyd: S.o., vor allem D. Es ist Kyd. zwar mit seinem Anliegen, den Kaiser sprechen zu wollen, bitter ernst, aber immer wieder bricht auch ein ironischer Ton des enttäuschten Staatsdieners gegenüber seinem undankbaren kaiserlichen Herrn durch: So fühlt er sich für seine langjährige Treue « bestraft» (Z. 1 0 f.) und wünscht ihm viele treue Diener, die er wie ihn «belohnen» werde ( Z . 1 2 f.); dies werde «vielleicht» ihnen, bestimmt aber dem Ruf des Kaisers schaden (Z. 1 3 - 15). Er, Kyd., sei keine Gorgo (Medusa), deren Antlitz der Kaiser fürchten müsse (Z.20 f. ). Es sei ja nicht auszuschließen, daß er ihm auch etwas Nützliches werde sagen können (Z.26 f.). Jedenfalls sei dies, wenn er sich zu erinnern geruhe, in der Vergangenheit auch so gewesen (Z.27 f. ) . Der Höhepunkt der Ironie ist erreicht, wenn Kyd. ein Gespräch «nach der Uhr» anbietet, damit es nur ja nicht zu lange dauere und der Kaiser in wichtigen Staatsgeschäften gestört würde ( Z.28 - 30). Xl: Ein Kaiser (Z.4. 14. 19), loannes v., der Kyd. eine Audienz verweigert (Z.5 f. 8 f. ) und sich damit seinem langjährigen Diener gegenüber als undankbar erweist (Z.9 - 1 1 ) . Er wird als wortkarg und als Gegner weitschwei figer Reden charakterisiert (Z.29 -3 1 ). III. Hss: A 123v - 124r, Nr. 5; U 1 9P - 19r, Nr. 196. IV. 1· W.: :rcQo� üöwQ, wie PlTht 201b.
333 L: 340; OKyd: Konstantinopel; E: Kaiser loannes V. Palaiologos; OE: Konstantinopel; D: Bald nach dem 5 .4. 1 3 87; wI: Kydones, der nach langem vergeblichem Bemühen endlich
von loannes V. zu einer kurzen Audienz empfangen worden ist, bedankt sich für die Großmut seines Herrn. Er lobt ihn aber auch für die Entscheidung einer theologischen Aporie zugun sten der göttlichen Barmherzigkeit, die ihn auf seine barmherzige Gesinnung schließen und eine volle Aussöhnung mit ihm erhoffen lasse.
Ich ehre jenen Tag der verehrungswürdigen Passion! (bereits) als solS chen, deutete ihn aber nun auch als gutes Vorzeichen. Gewährte er mir
doch nach langem Schweigen Zutritt zu dir und ließ mich Worte (aus deinem Munde) hören, zwar nur wenige, doch haben sie, voll von kaiser licher Großmut und Menschenfreundlichkeit, mich auch als solche schon zutiefst erfreut. Ich halte aber auch dies für ein Glück, daß an dem Tag die gerade Anwesenden erforschen wollten, ob den Gottesmördern das Gebet des ERLÖSERS zu Gott, (er möge ihnen) ihre Freveltat (vergeben),
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BRIEFE T332-333
etwas genützt habel. (Zu dieser Frage) schwiegen wir alle, weil wir in 10 beiden (möglichen Lösungen) einen Widerspruch fürchteten und nicht herausfinden konnten, welche von beiden Antworten wir geben sollten, um dem Abgrund zu entgehen. Hätte es ihnen nämlich nichts genützt, (dann) hätten wir sagen müssen, der ERLÖSER habe vergebens gebetet; wie aber hätte man (andererseits) einen Erfolg des Gebetes zugestehen können, da alle glaubten, die, welche ihn kreuzigten, hätten bei Gott die äuße