Nr. 355
Der Flugmeister Das Psychoduell mit dem Tyrannen von Hans Kneifel
Pthor, dessen Horden Terra überfallen sollt...
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Nr. 355
Der Flugmeister Das Psychoduell mit dem Tyrannen von Hans Kneifel
Pthor, dessen Horden Terra überfallen sollten, hat sich längst wieder in die unbekannten Dimensionen zurückgezogen, aus denen der Kontinent des Schreckens urplötzlich materialisiert war. Atlan und Razamon, die die Bedrohung von Terra nahmen, gelang es allerdings nicht, Pthor vor dem Start zu verlassen. Der ungebetene Besucher ging wieder auf eine Reise, von der niemand ahnt, wo sie eines Tages enden soll. Doch nicht für lange! Denn der überraschende Zusammenstoß im Nichts führte dazu, daß der »Dimensionsfahrstuhl« Pthor sich nicht länger im Hyperraum halten konnte, sondern zur Rückkehr in das normale Raum-Zeit-Kontinuum gezwungen wurde. Und so geschieht es, daß Pthor auf dem Planeten der Brangeln niedergeht, nachdem der Kontinent eine Bahn der Vernichtung über die »Ebene der Krieger« gezogen hat. Natürlich ist dieses Ereignis nicht unbemerkt geblieben. Sperco, der Tyrann der Galaxis Wolcion, schickt seine Diener aus, die die Fremden ausschalten sollen. Darauf widmet sich Atlan sofort dem Gegner. Um ihn näher kennenzulernen und seine Möglichkeiten auszuloten, begibt sich der Arkonide zu den Spercoiden. Atlan gelangt als Gefangener an den Hof Spercos – bald aber wird er DER FLUGMEISTER …
Der Flugmeister
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Die Hautpersonen des Romans: Sperco - Der Tyrann an den Grenzen seiner Macht. Atlan - Spercos Flugmeister. Körz - Atlans Freund und Bewacher. Tancai - Etorcs Mutter. Etorc - Ein Braisling, der das Fliegen lernt.
1. Tamcaythor T'haam, der Blumenheger, genoß von der ersten Sekunde an seinen Aufenthalt in der riesigen unterplanetarischen Halle. Sie war ein Drittel so groß wie die Grundfläche MOACs, und hier fühlte er sich seiner Heimat und dem Leben seiner Art so nahe wie nirgendwo sonst. Von mehreren Seiten neigten sich weiche Zweige, streichelten ihn und blickten ihn aus riesigen Blütenaugen an. An anderen Teilen waren jüngere und ältere T'haams an der Arbeit. Die Pflanzen dachten und empfanden, aber sie waren nicht in der Lage, sich selbst zu pflegen. Die T'haams waren von Sperco zu dieser Arbeit verpflichtet worden: die richtige Arbeit für die besten Fachleute, die es gab. Dankbar und voller Freude genoß Tamcaythor die sanfte Berührung der Pflanzen. Er streckte einen Wurzelarm aus und schaltete das Licht ein. An der Decke dieses Höhlenteils erschienen große, runde Kreise von dunklem Gelb. Es waren spezielle Solarlampen, die binnen weniger Minuten ihr gesamtes gleißendes Lichtspektrum entfalteten. Taghelles Licht riß diesen annähernd rechteckigen Raum aus dem Halbdunkel. Tamcaythor schob die lichtschluckende Ringfolie über seine optischen Zellen und bewegte sich raschelnd weiter. Der Boden unter seinen Wurzelfüßen war so weich und feucht, daß der Wunsch in ihm übermächtig zu werden drohte, die weißen Fasern in dieses Gemisch aus Erde, faulenden Pflanzen und Kies zu versenken. Er ging weiter und musterte die links befindliche Pflanze sehr genau. Die Werkzeuge aus seinen Arbeitsstäben traten in Tätigkeit. Hier
schnitt er ein faulendes Blatt ab, dort kappte er einen trockenen Ast, an anderer Stelle schälte er ein Stück Rinde ab. Als er den Stamm und die herunterhängenden Äste bis zu einer Höhe von knapp eineinhalb Metern gesäubert hatte, steckte er einen Stab in den Boden und begann, am Stamm hinaufzuklettern. Er war ein langsamer, gründlicher Arbeiter. Das Leben und die Gesundheit der Pflanzen waren das Wichtigste. Der betäubende und süße Geruch erfüllte den großen Raum und machte ihn glücklich. Der nächste dickere Ast geriet unter seine Wurzeln. Das Werkzeug wurde wieder eingesetzt. Warum diese Pflanzen für MOAC und Sperco wichtig waren, wußte Tamcaythor nicht. Aber er liebte die Arbeit, weil eine solch große Menge beruhigender Impulse von den Pflanzen ausging. Am meisten mochte er den Geruch des Nektars, der an einigen Stellen anfiel und von ihm und seinen Freunden gesammelt wurde. Er und mindestens drei Dutzend anderer Wesen seines Volkes pflegten die Pflanzen tief unterhalb der Bauten MOACs. Irgendwann würde auch Tamcaythor T'haam absterben und hier im weichen Erdreich begraben werden, um neue Nahrung für die prächtigen Pflanzen abzugeben. Die Wärme und das sonnenähnliche Licht ließen die Pflanzen wieder aufleben. Sie bewegten sich, als striche ein warmer Wind über sie hinweg. Als Tamcaythor seine Sinnesorgane auf eine besonders hochgewachsene Pflanze richtete, sah er wieder diesen unerklärlichen Effekt. Die äußersten Spitzen wurden ab und zu unsichtbar und schienen zu verschwinden. Als ob viele der seltsamen Pflanzen in eine andere Dimension hineinwachsen wollten.
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Hans Kneifel
2. Atlan fühlte sich in eine ferne Zeit versetzt, in die Zeit der wagemutigen Männer, die ihr Leben gebrechlichen Flugapparaten anvertraut hatten. Er lag bäuchlings auf einem Gerät, das drei verschieden hoch angebrachte und unterschiedlich breite Tragflächen hatte. Ein gekrümmtes Rohr ragte wie ein Libellenschwanz von seinem Rücken hoch und trug Einrichtungen, die wie Seiten- und Höhensteuer aussahen. Wie gewöhnlich bestanden die verschiedenen Teile aus dünner, teilweise durchsichtiger Bespannung in vielen grellen Farben und aus Drähten und dünnen Rohrteilen. »Kumpel«, erklärte Körz und wußte nicht, ob er sich dem Schlitten nähern sollte, »du riskierst wirklich eine Menge.« Atlan, der an das Ding angeschnallt war, sagte lakonisch: »Sperco ist die Macht!« »Und die Spercotisierten sind seine Diener!« war die Antwort. »Fertig?« Atlan biß die Zähne aufeinander und umklammerte die hornförmig gekrümmten Hebel der Steuerung und der Auslösevorrichtung. »Fertig. Gib acht, Partner, ja?« »Wie immer. Wir haben schon sieben Apparate verschrottet …« »Und werden auch den achten zerlegen.« Körz näherte sich mit einem Flammenstab der Zündschnur. Die Startrakete begann knisternd zu brennen. Dann zündete die Pulverladung. Zuerst schoß eine orangegelbe Stichflamme dicht neben dem Braisen vorbei waagrecht über den Belag der Rampe. Dann trieb eine weiße Wolke verbrannter Gase den kleinen Schlitten über die ausgerichteten Schienen. Zwanzig Meter lang dauerte die Beschleunigung, die den ächzenden Segler nach vorn riß. Als der Schlitten an den Schlagpunkt krachte, wurden Atlan und der Segler nach vorn geschleudert und traten ihren Flug an. Atlan steuerte mit dem ersten Schwung schräg in die Höhe und in
eine leichte Kurve. Als einer der drei Flügel am Material der Hallenwand entlangschrammte, kippte er die Steuerung und leitete die erste Abwärtskurve in die entgegengesetzte Richtung ein. »Hervorragend!« schrie der Braise von oben. Atlan hörte die begeisterten Ausrufe durch das Sausen und Knattern des Apparats. Er behielt dieselbe Schräglage bei und ging in die zweite Kurve der abwärts führenden Spirale. Plötzlich erschütterten starke Vibrationen den Flugapparat. »Verdammt! Schon wieder!« stieß Atlan hervor. Er wußte, daß ihm auch mit diesem Gerät keine einwandfreie Landung gelingen würde. Der Fahrtwind pfiff kreischend durch die Verspannung und die Stege. Der Rauch der Startrakete senkte sich durch die Halle und bildete entlang der Feldlinien merkwürdige Schleier und Fäden. Die Vibrationen des Flugkörpers nahmen zu. Atlan umklammerte mit aller Kraft die Steuerhebel und versuchte, den Apparat wieder in eine stabile Fluglage zu bringen. In seinem Rücken fühlte er das Beben und Schwanken der kombinierten Seiten- und Höhensteuerung. Immer mehr ächzte und knirschte die Konstruktion. Klirrend rissen stählerne Saiten, und die beiden obersten Tragflächen wirbelten im Luftstrom rückwärts hinweg. Atlan kippte den Segler nach vorn und wollte mehr Geschwindigkeit gewinnen. Aber aus dem kontrollierten Sturzflug wurde hundert Meter über dem Boden ein unkontrollierbarer Absturz. Wieder rissen sich einzelne Teile los und krachten in der Luft gegeneinander. »Das war's wohl«, murmelte der Arkonide resignierend. Kopfüber stürzte der Flugapparat ab. Er raste auf den tiefsten Punkt der schüsselförmigen Fangfelder zu. Atlan erwartete den Aufprall. Er hoffte nur, daß sich ihm nicht die Splitter in den Körper bohren würden. »Achtung! Ich fange dich auf!« schrie Körz von oben und schaltete den Fangstrahl ein. Im selben Moment, als das helle, schil-
Der Flugmeister lernde Feld sich dem halb zertrümmerten Flugapparat förmlich entgegenwarf, zuckte der Fangstrahl auf. Atlan hörte hinter sich das helle Krachen, mit dem der Rest der Konstruktion sich auflöste. Sein Körper wurde in der Luft weich angehalten, die meisten Trümmer stürzten weiter. Wie immer bisher landete Körz seinen neuen Pseudofreund weich auf dem Boden der Halle und fuhr, kaum daß er den Strahl abgeschaltet hatte, mit dem Lift wieder hinunter. Atlan stand auf und schüttelte breite Gurte, Fetzen von allerlei Schnüren und kleine Fetzen der Bespannung von seinem Oberkörper. »Danke, Körz«, sagte er leise. »Wieder nichts.« »Denke dir«, erklärte der Braise. »Seit unendlich vielen Jahren versuchen die besten Konstrukteure des Imperiums, einen Apparat zu bauen, der Sperco das Fliegen ermöglicht. Keiner hat es fertiggebracht. Kein Apparat hat funktioniert. Immer hat Sperco die Versager töten lassen. Und jetzt willst du versuchen, ihm das Fliegen zu zeigen, Botosc?« Atlan sah den Braisen voller Ernst an und antwortete: »Ich will ihm nicht das Fliegen zeigen, Körz. Ich kann es selbst nicht, jedenfalls nicht ohne viel Technik und so. Das Geheimnis des Fliegens liegt an anderer Stelle, und das Geheimnis sieht auch ganz anders aus, als Sperco denkt. Ich habe nicht vor, mich in dieser Halle umzubringen.« »Und was hast du wirklich vor?« fragte aufmerksam der Braise. »Ich rechne damit, irgendwann in meine Heimat auf Loors zurückzukehren. Mit und ohne Sperco.« »Bis dahin hat es sicherlich noch viel Zeit.« »Das fürchte ich auch«, schloß der Arkonide. Atlan arbeitete wieder in der Werkstatt weiter und zerlegte ein weiteres Flugmodell. Die Energiezellen waren voll geladen. Das Seglermodell, das er mit den Antischwer-
5 kraftprojektoren ausrüsten wollte, stand wie ein riesiger Vogel inmitten der Werkstatt. Die Reihen der flugunfähigen Geräte hatten sich bereits erheblich gelichtet. Roboter räumten jede Nacht den Hallenboden ab und vernichteten die Bruchstücke. Atlan begann in den Fächern und Regalen des Werkzeugmagazins zu suchen und fand schließlich zwei versiegelte kleine Kanister. Er hoffte, daß ihn Sperco nicht unausgesetzt beobachtete.
* Mitten in der Nacht weckte ihn der Logiksektor. Atlan verbarg den weichen Pinsel und die beiden kleinen Dosen in seinem Gürtel. Das Licht des Vollmonds half bei seinem Plan. Leise stand er auf, ging ans Fenster und blickte hinaus. Von den wenigen Beleuchtungskörpern entlang der Wege und Treppen abgesehen, gab es keinen einzigen beleuchteten Raum mehr. So schnell und so leise wie möglich huschte Atlan aus seiner Zelle hinüber zu dem Wohnturm der Braisen. Überlege dir eine gute Ausrede! empfahl der Extrasinn. Atlan hatte an diesem Abend von Tancai erfahren, daß die heranwachsenden Braisen nur neun oder zehn Tage lang von ihrer Mutter ernährt wurden. Auch dieser Umstand paßte genau in seinen Plan. Er schob zentimeterweise die Tür der Braisenwohnung auf und tastete sich ins Innere. Tancai und Körz schliefen in ihrem Zimmer. Klein-Etorc, der in den vergangenen vier Tagen kräftiger und größer geworden war, schlief ebenfalls, die Schwingen ausgebreitet. Das Mondlicht genügte Atlan vollkommen. Er zog den Pinsel hervor, öffnete die Dose mit dem roten Farbstoff und fing hastig an, die Haut des Braisen zu bemalen. Kleine und große rote Flecken erschienen in unregelmäßigen Abständen. Unruhig bewegte sich Etorc im Schlaf und klapperte mit den Schnabellippen. Immer wieder zog sich Atlan zurück und hörte erschrocken auf.
6 Aber es gelang ihm, fast die Hälfte des roten, lackartigen Farbstoffes über den Körper des Braisen zu verteilen. Er schloß die Dose, öffnete die andere und arbeitete angestrengt mit der blauen Farbe weiter. Jedes leise Geräusch erschreckte ihn. Er durfte nicht entdeckt werden! Seine Finger zitterten, aber er ließ den Pinsel nicht einmal fallen. Als seine Nervosität den Höhepunkt erreicht hatte und Etorc, den er vorsichtig auf den Bauch gelegt hatte, zu erwachen drohte, verließ Atlan mit drei schnellen Sprüngen die Wohnung. Draußen lehnte er sich keuchend und schweißüberströmt gegen die kühle Wand. Geschafft! Als er wieder in seiner eigenen Zelle war, hatte er sich soweit beruhigt, daß er die beiden Farbdosen und den Pinsel in der Erde vergraben konnte, die sich in einem Kasten voller blattloser Büsche befand. Jetzt konnte er nichts anderes tun als warten, wie Tancai, Körz und die Spercoidenärzte reagierten. Hoffentlich verlief alles so, wie er es sich ausgedacht hatte. Er schlief ein paar Stunden. Als er aufwachte, spürte er eine harte Klaue an der Schulter, die ihn wachgerüttelt hatte. Er richtete sich auf und blickte in das Fledermausgesicht von Körz. Es war bereits hell geworden. »Du bist aufgeregt«, stellte er fest und zwang sich dazu, sich normal zu verhalten. »Etorc ist erkrankt. Wir sind beide aufgeregt«, sagte Körz mit zitternder Stimme. Atlan gähnte und blieb auf der Kante des Lagers sitzen. Vor ihm stand Körz und bebte an allen Gliedern. »Etorc erkrankt? Ist es dieser … Ausschlag, von dem ihr mir erzählt habt?« »Ja. Die Haut ist übersät von blauen und roten Flecken. Es kam über Nacht.« Atlan hatte sich die Antworten oft genug zurechtgelegt. »Du sagtest, heute würden die Ärzte kommen?« »Wir erwarten sie heute oder morgen«,
Hans Kneifel antwortete der Braise. »Was können wir tun?« Atlan hob die Schultern und meinte unschlüssig: »Sage den Ärzten, sie sollen mit dem Beschneiden der Flügel warten, bis die Krankheit vorbei ist.« »Du hast recht. Das werde ich tun. Und …« »… dann gibt es zwei Möglichkeiten«, sagte Atlan und legte seine Hand auf die Schulter des aufgeregten Braisen. »Entweder überlebt Etorc die Ansteckung oder nicht. Jedenfalls würde ihn die Operation zweifellos töten. Wie lange dauert erfahrungsgemäß die Krankheit?« »Sechs, sieben Tage, sagte mir eine Braisenfrau.« »Dann müssen wir warten. Ich werde dir helfen, wenn ich kann. Aber zuerst solltest du den Ärzten sagen, daß sie ihren Besuch verschieben müssen.« »Du hast recht. Wir treffen uns in der Halle.« »Ich esse nur noch etwas, dann mache ich mich auf den Weg.« »Gut. Danke, Kumpel.« Aufgeregt rannte Körz davon. Atlan begann sich zu schämen. Ausgerechnet ein Wesen, das sich nicht wehren konnte, hatte er zur zentralen Figur seines Planes machen müssen. Die traurige Wahrheit, daß der Zweck die Mittel heiligte, galt auch hier. Atlan beendete seine Vorbereitungen und ging dann in die Richtung seines Arbeitsplatzes. Als er fast den letzten kleinen Innenhof überquert hatte, blieb er stehen und wartete. In einem kleinen runden Türmchen hatte sich eine Tür geöffnet. Ein Lift offensichtlich. Aus der Liftkabine kam eines jener Wurzelwesen, wie er es vor einigen Nächten vor seinem Fenster beobachtet hatte. Auch dieses Wesen trug zwei weiße Stäbe in den faserigen Fingern. Ohne Atlan zu beachten, drückte der Fremde mit einem Stab auf den Schalter. Der Lift schloß sich. Auf dem Kopfteil des Wesens sah Atlan in der Morgensonne deut-
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lich die Fetzen grüner Blätter. Blätter? In Spercos Reich? fragte der Logiksektor. Der Fremde ging nur wenige Meter von Atlan entfernt in die Richtung, aus der Atlan gekommen war. Atlan sah abermals scharf hin. Es waren tatsächlich Teile von grünen Pflanzen! Die Schlußfolgerungen aus dieser Beobachtung waren aufsehenerregend für ihn. Angeblich gab es rund um MOAC und in der Stadt nicht ein einziges Blatt an einer einzigen Pflanze. Woher kamen dann die Blatteile? Atlan merkte sich den Standort des Liftschachts. Er wußte, daß er die Verbindung zwischen dem Bodenniveau MOACs und irgendwelchen Räumen tief unter der Stadt entdeckt hatte. Er würde sich zu gegebener Zeit darum intensiv kümmern, sagte er sich und setzte seinen Weg zur Halle fort.
* Während er auf Körz wartete, beschäftigte sich Atlan weiter mit seinen schwebenden Sesseln und Sätteln. Das Exemplar, das er irgendwann selbst verwenden wollte, stellte ihn noch nicht ganz zufrieden. Schweigend und konzentriert arbeitete er weiter, bis schließlich Körz eintrat. Der Braise wirkte etwas erleichtert. »Nun?« fragte Atlan. »Die Spercoiden-Operateure sagten, sie würden nach Abklingen der Krankheit kommen. Oder ich sollte sie benachrichtigen, wenn Etorc sterben sollte.« Vermutlich würden also Tancai und Körz den Betrug mit den Farbtupfern selbst nicht erkennen können, sagte sich Atlan erleichtert. Seine Annahme, die Gleichgültigkeit der Spercoiden betreffend, war also richtig gewesen. Bis jetzt! »Ich bin sicher, daß Etorc überlebt«, versuchte er Körz zu trösten. »Es ist ein starker Braise. Viele junge Wesen haben Kinderkrankheiten und werden trotzdem groß und kräftig. So ist es auch in meinem Volk.«
»Du willst mich beruhigen«, meinte der Braise langsam. »Ich sage dir, was ich für die Wahrheit halte«, entgegnete Atlan. »Zusammen werden wir es sicher schaffen, deinen Sohn am Leben zu erhalten und zu einem nützlichen Mitglied der Gesellschaft zu machen.« »Auch Etorc wird spercotisiert und zu Spercos Diener gemacht werden.« »Du freust dich darüber?« »Es gibt keine andere Möglichkeit, auf dieser Welt zu leben, Partner.« Er hatte vermutlich recht, mußte sich Atlan sagen. Das Überleben seiner Diener war durch Spercos Organisation gewährleistet, und er betrachtete immerhin seine Sklaven als wertvolle Arbeitseinheiten. Allerdings schien er sie ebenso kalt auszuwechseln, wenn sie versagten. Atlan holte tief Luft und murmelte: »Das Leben ist hart.« Der Umstand, daß Körz ohne Aufforderung nach so kurzer Zeit die Begriffe Partner und Kumpel benutzte, trug weiter dazu bei, daß der Arkonide dem System mentaler Versklavung mißtraute. Es war nicht lückenlos und nicht stabil. Chancen, dieses System zu unterminieren und vielleicht nachhaltig zu schädigen, bestanden. »Wirst du heute wieder einen neuen Versuch wagen?« erkundigte sich Körz. Atlan hob beide Arme, die voller kleiner Schrammen waren. »Heute nicht. Ich bin Flugmeister und versuche, einen funktionierenden Apparat zu konstruieren. Das kann ich nicht mit gebrochenen Armen und Beinen.« Körz stieß einen Laut aus, der das Lachen eines Braisen bedeuten konnte. »Wir werden weitersehen. Vielleicht wendet sich alles in die Richtung, von der wir träumen.« Seine Worte riefen in Atlan tiefe Nachdenklichkeit hervor. Er drehte sich um und arbeitete weiter.
*
8 Wieder betrat Atlan die Wohnung der Braisen. Tancai saß auf einem Schemel und spielte mit Klein-Etorc. Der junge Braise sah bemitleidenswert aus. Atlan unterdrückte ein amüsiertes Grinsen. Seine Malkünste und die dauerhafte Farbe hatten die Haut des heranwachsenden Braisen auf bemerkenswerte Weise verunstaltet. Schwingen, Körper und Hals waren von leuchtenden blauen und feuerroten Flecken in allen Größen und in einem bizarren Muster bedeckt. Aber Etorc schien nichts zu merken. Er wirkte, fand Atlan, ebenso bemerkenswert gesund. »Nun, mein kleiner Freund«, sagte er und streckte behutsam die Hand aus. »Du bist der Operation durch die Spercoiden zunächst einmal entkommen. Warten wir ab, wie es mit uns weitergeht.« »Er wird sterben«, sagte Tancai und zog an einem Flügel. Atlan sah verblüfft, daß sich die Schwingen fast vollständig mit zungenförmigen Horngefiedern überzogen hatten. Die meisten waren silbergrau oder hellgrau. Aber ebenso viele schillerten in metallisch glänzenden Farben. Es mochte sein, daß sich diese Färbung mit zunehmendem Alter änderte. Aber kein Braise auf Roppoc hatte je die Flügel eines flugfähigen Braisen gesehen. »Ich glaube nicht, daß er sterben wird«, sagte Atlan. »Warum sagst du dies mit solch großer Sicherheit?« fragte Körz barsch. »Vielleicht fällt mir ein, wie ich ihm und euch helfen kann«, antwortete Atlan leise. »Ich denke nach.« »He, Kumpel!« kreischte undeutlich der junge Braise. »Ganz der Vater«, murmelte Atlan und grinste breit. »Das scheint das erste Wort zu sein, das er gelernt hat.« Körz lachte, packte seinen Sohn und warf ihn spielerisch in die Höhe. Etwa ein Meter weit war Etorc von den ausgestreckten Händen des Vaters entfernt, als er seine vergleichsweise riesigen Schwingen einsetzte
Hans Kneifel und damit wie wild schlug. Es gab einen riesigen Luftwirbel, und alle drei sahen sie, daß Etorc sich aus eigener Kraft in der Luft hielt und ganz langsam heruntersank. Überglücklich fing Körz ihn auf. »Das ist das wahre Geheimnis des Fliegens«, sagte Atlan. »Wir sollten es bewahren.« »Aber sie werden kommen und ihm die Flügel abschneiden!« rief Tancai aus. Sie wirkte verzweifelt. »Vielleicht können wir auch das verhindern!« meinte Atlan zuversichtlich. Es hing von den Reaktionen der beiden Braisen ab und davon, wie geschickt er selbst sich in den nächsten Tagen verhielt. »Ich kann es nicht glauben!« sagte Körz in einer Art finsterer Entschlossenheit. »Abwarten!« Nach einigen Minuten ließ Atlan die Braisen allein und zog sich in sein Apartment zurück. Er erinnerte sich an den Zeitpunkt, an dem er jenes Wurzelwesen beobachtet hatte – in der Nacht, vermutlich vor Antritt der Arbeit in den Kavernen unter MOAC. Atlan hatte in der Werkstatt eine kleine, leistungsstarke Lampe gefunden und mitgenommen. Er würde sie brauchen.
* Wieder wurde es dunkel. Atlan dachte daran, daß dieses Nebeneinander von unzähligen Sklaven verschiedener Sternenvölker ihm nutzte. Zwischen den einzelnen Gruppen fand so gut wie keine Kommunikation statt; keiner wußte, was der Nachbar tat, und ob auch er Spercos Befehlen gehorche. In seinem dunklen Apartment saß der Arkonide auf der Liege und wartete. Nach und nach erloschen alle Lichter rundum. Die undeutlichen Stimmen wurden seltener, hin und wieder vernahm er weit entfernte Lautsprecherdurchsagen. Immer wieder durchdachte er die Phasen seiner zukünftigen Handlungen und die Teile des Planes. Schließlich wurde sein Warten belohnt. Er
Der Flugmeister hörte die charakteristischen, schleifenden und raschelnden Geräusche des Fremden. Ein schneller Blick aus dem Fenster: wie erwartet, bewegte sich der Fremde über die Treppenstufen abwärts. Atlan sprang auf, griff nach der kleinen Lampe und wartete, bis das Wurzelwesen um die nächste Ecke verschwunden war. Dann folgte er ihm, ängstlich bemüht, immer im Schatten zu bleiben und keine Geräusche zu verursachen. MOAC schien in allen Teilen in totenähnlicher Ruhe zu schlafen. Nichts rührte sich. Der riesige Mond des Planeten Roppoc hob sich über den Horizont und überschüttete das flache Land mit seiner harten Lichtflut. Geheimnisvolle Linien und Schattierungen zwischen Licht und Finsternis bauten sich auf. Sie machten aus der steinernen, leblosen Landschaft MOACs eine zauberische Kombination aus Schluchten, Grüften und Schluchten. Atlan huschte dicht neben dem steinernen Pfad hinter dem fremden Wesen her und sah immer wieder kurz das Aufblitzen der beiden weißen Stäbe und den bizarren Schatten der wurzelartigen Körperstrukturen des Fremden. Er preßte sich gegen eine Wand, als er den Fremden vor dem Lift stehenbleiben sah. Warte! Fahre nicht mit ihm zusammen hinunter! sagte beschwörend der Logiksektor. Die Tür schob sich auf. Undeutlich hob sich der Fremde gegen die schwache Beleuchtung im Innern der Liftkabine ab. Der Fremde verschwand. Atlan löste sich aus dem Schatten und drückte nach einer Weile den Rufschalter. Als der Lift wieder an der Oberfläche war, trat er schnell hinein und fuhr abwärts. Je tiefer er sank, desto mehr nahmen verschiedene, ihm bekannt vorkommende Eindrücke zu. Gerüche und Empfindungen waren es hauptsächlich; seine exakte Erinnerung sagte ihm, was es zu bedeuten hatte. Feuchtigkeit und Wärme, Geruch nach wild wuchernden Pflanzen und Blüten, die
9 betäubende Aromen ausströmten. Und noch etwas. Eine mentale Kraft, die er ebenfalls kannte. Der Begriff Karoque-Tal tauchte auf, der Nektar, der unsichtbar machte und, wie Atlan noch immer glaubte, gegen die Einwirkungen der Spercoiden-Anzüge in begrenztem Maß schützte, drängte sich in seine Erinnerungen. »Aber … ich Narr! Ich hätte damit rechnen sollen!« stöhnte er, von der Einsicht übermannt. Der Lift hielt, die Türen öffneten sich. Atlan war mit einem Sprung draußen und fand sich mitten in einer Art Dschungel wieder. Von der Decke strahlten sonnenähnliche Scheinwerfer. Rings um den röhrenförmigen Liftschacht wucherten in großen, kastenförmigen Elementen voller Erdreich und faulendem Abfall riesige Pflanzen. Es traf Atlan wie ein Schlag. »Ich kenne euch!« murmelte er. »Ich kenne euch sehr gut. Wir haben jede Menge gemeinsame Erlebnisse.« Er verschwand in einem schmalen Gang zwischen den hydroponischen Elementen. Hin und wieder sah er zwischen den großen Kästen die Anschlüsse für Wasserleitungen, die vermutlich auch Nährflüssigkeiten transportierten. Die Halle oder das Gewölbe war riesengroß. Es gab Hunderte oder Tausende von Pflanzen dieser Art. Kleine, mittelgroße und riesige, die wie schlanke Bäume wirkten. Diejenigen, die sehr hoch gewachsen waren, schienen an ihren Spitzen zu verschwinden. Blätter und Blüten wurden partiell unsichtbar. Das waren jene Pflanzen, von denen die moralisch positiven Bewußtseinsinhalte der Spercoiden aufgesaugt und gespeichert wurden. Atlan sah ein, daß in einigen Fällen seine Überlegungen einfach zu wenig tief gewesen waren: wo es Spercoiden in jenen Anzügen gab, mußte es wohl auch diese Art von Pflanzen geben! Hier waren sie! Atlan betrachtete die Stämme und die blütenübersäten Zweige. Plötzlich fiel sein Blick in halber Höhe einer ausgewachsenen
10 Pflanze auf dieses fremde Wesen: Es kletterte langsam zwischen dem Stamm und einem dicken Ast hin und her, klammerte sich mit vielen Fasern an die Karoque-Pflanze und handhabte schnell und geschickt die zwei weißen Stäbe. Jetzt befanden sich an den Enden der Stäbe blitzende, sich selbst bewegende Werkzeuge. Sie schnitten, kappten, sägten und trennten ab. »Auch diese Frage«, flüsterte Atlan im Selbstgespräch und sog tief den betäubenden Duft der Blüten ein, »ist hiermit geklärt. Die Wurzelwesen befinden sich in MOAC und auf Roppoc, weil sie diese wichtigen Pflanzen pflegen.« Wo es diese Pflanzen gibt, ist der bekannte Nektar nicht weit! sagte plötzlich der Logiksektor. Der Einwurf eröffnete eine weitere Perspektive. Langsam ging Atlan durch die schmalen Gassen zwischen den einzelnen Teilen dieses riesigen, unterplanetarischen hydroponischen Gartens. Es war schon mehr ein großer Park. Die Blütenpracht der Pflanzen verkümmerte hier, ohne daß sie Sperco oder ein anderer Bewohner der Stadt sah. Der Arkonide sah einen zweiten und später einen dritten Fremden. Sie alle führten dieselben Arbeiten aus. Er sah keine Gefäße, in denen Nektar gesammelt wurde. Begreiflich, denn diese Eigenschaft der Pflanzen durfte auf MOAC nicht bekannt werden. Aber er spürte in immer kürzer aufeinanderfolgenden Wellen die starke Ausstrahlung der Pflanzen. Nach allen seinen Erlebnissen schien er inzwischen zu diesen Gewächsen eine deutliche Affinität zu besitzen. Sein photographisches Gedächtnis ließ ihn nicht im Stich. Er wußte mit unumstößlicher Sicherheit, daß er dieselbe Art von Empfindungen vor ganz kurzer Zeit gehabt hatte. Nämlich an dem Zeitpunkt, als er mit seinem Leben abgeschlossen hatte und in die Tiefe der Halle stürzte. War es denkbar, daß die Pflanzen mit ihrer geballt gerichteten Kraft ihn gerettet hatten? Ob es möglich war oder nicht – das Ereig-
Hans Kneifel nis hatte stattgefunden. Und ohne jeden Zweifel waren es dieselben emotionalen Schwingungen. Im Verlauf der nächsten Stunde entdeckte Atlan mindestens zwei Dutzend der Wurzelwesen, von denen die Pflanzen geradezu liebevoll gepflegt wurden. Nirgendwo gab es aber Gefäße voller Nektar. Atlan wanderte hin und her. Er hob den Kopf und betrachtete immer wieder die Spitzen der hochwachsenden Pflanzen. Sie veränderten sich fortlaufend, verschwanden und tauchten wieder auf, als ob ein Luftzug sie in eine andere Dimension treiben und zurückschaukeln würde. »Was nun, Arkonide?« fragte Atlan. Er zuckte mehrmals die Schultern und setzte sich, den nutzlosen Scheinwerfer unangeschaltet in der Hand, auf die Kante eines der vielen hydroponischen Tanks. »Zunächst einmal zurück ins Quartier.« Atlan ging langsam wieder zurück in die Richtung des röhrenförmigen Liftschachts und stieg in die Kabine. Als er wieder in seinem Apartment war, versuchte er, mit seinem neuen Wissen etwas anzufangen. Es fiel ihm nur eine einzige Möglichkeit ein, und diese war ziemlich kühn.
* Wieder wurde Atlan vor der Zeit geweckt. Diesmal stand Tancai in der offenen Tür und hob grüßend den Arm. Eine furchtbare Ahnung überfiel Atlan. Er sprang auf und fragte leise: »Was ist los? Etorc? Ist etwas geschehen?« »Ich bin hier, um dir zu danken, Partner«, sagte Tancai. »Körz weiß nicht, daß ich hier bin.« Atlan schüttelte verwirrt den Kopf und fragte zurück: »Wofür danken, Tancai?« »Ich glaube, du willst Etorc retten. Er ist so jung, so hilflos.« »Ich werde es versuchen«, sagte Atlan schließlich nach einigem Nachdenken.
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»Aber dazu brauche ich deine ganze Unterstützung.« »Du hast sie.« »Wundere dich nicht, wenn merkwürdige Dinge passieren. Sprich nicht mit Körz. Ich werde versuchen, ihn zu retten. Es wird nicht einfach werden. Ihr müßt mitspielen!« »Mitspielen? Was bedeutet ›mitspielen‹?« »Wir werden Dinge tun müssen, die nicht wahr sind. Lügen und Spercos Dienern falsche Tatsachen vorspielen«, erläuterte Atlan. »Ich werde dir sagen, was zu tun ist. Du mußt später mit Körz sprechen. Und jetzt – geh bitte!« »Ich danke dir, Partner«, sagte die Braisenfrau und sprang mit weiten Sätzen die Stufen hinunter.
3. Atlan spürte, wie der Flugapparat versuchte, ihn in Stücke zu reißen. An seinem Rücken hoben und senkten sich zwölf Libellenflügel, lange, ovale Dinge, die zu sechst in zwei Reihen angeordnet waren. Durch den Luftzug, der beim Segeln entstand, wurden die Libellenflügel bewegt, und durch die rasend schnelle Bewegung sollte sich das Fluggerät selbst in die Höhe bewegen wie ein Helikopter. Atlan segelte diesmal nicht mehr. Er stürzte nur noch ab, und dies in einem steilen Winkel. Die Flügel sollten sich fortlaufend von vorn nach hinten bewegen und Auftrieb erzeugen, aber vorläufig erzeugten sie nur starke Vibrationen und höllische Geräusche. »Das nächste Meisterwerk der Aeronautik«, stieß er hervor und versuchte, den rasenden Sturz auf die am weichsten federnden Teile der Abfangschirme zu steuern. »Diese verdammten Stümper!« Es war das dreizehnte Modell, das in wenigen Sekunden ebenfalls zerstört sein würde. Auch die Steuerung gehorchte ihm nicht mehr. Der letzte Flügel links löste sich aus der Verankerung und wirbelte klappernd davon. Hilflos erwartete Atlan die völlige Zer-
trümmerung des Apparats. »Achtung!« rief sich der Arkonide zu. Er versuchte, sich kurz vor dem Aufprall auf die Schirme herumzuwerfen. Es gelang ihm nur zum Teil. Krachend löste sich in seinem Rücken der Flugapparat auf. In einem Hagel von Splittern und Bruchstücken fiel Atlan in die Schirme. Kurz zuvor hatte Körz die Geschwindigkeit des fallenden Körpers noch mit Hilfe des Fangstrahls drastisch verringert. Wieder sank das Konglomerat aus Bruchstücken mit Atlan in ihrer Mitte auf den Hallenboden hinunter. »Das war wieder ein Beweis für die Untüchtigkeit der Konstrukteure!« sagte Körz und packte Atlans Arm. »Schon mehr ein Beweis dafür, daß es nicht so geht, wie es sich einschließlich Spercos alle vorstellten!« erwiderte Atlan. »Ich habe es dir oft genug gesagt: Nur Wesen wie dein Herr Sohn und andere dieser Art können fliegen. Aber mir glaubt ja niemand!« »Sie werden dir schon noch glauben, Kumpel!« antwortete Körz mit Nachdruck. »Was fangen wir jetzt an?« »Jetzt zertrümmern wir das nächste Modell!« versprach der Arkonide. Der Lift brachte sie hinauf. Das nächste Modell war schon bereitgestellt. Es sah ähnlich abenteuerlich aus. Inzwischen hatte es sich Atlan hier etwas gemütlich eingerichtet; es gab Nahrungsmittel, einige bequeme Sessel und etliche Decken, die Atlan gefunden hatte. Es wirkte wie eine winzige Oase der Freiheit inmitten der großangelegten Sklaverei. Wo blieb Spercos nächste Reaktion, sein nächster Versuch? Der Tyrann verhielt sich aus unbestimmbaren Gründen im Augenblick völlig passiv. Nun, er nahm an, daß Atlan keinen eigenen Willen mehr besaß. Atlan dachte an das Flugmodell, an dem er seit Tagen arbeitete. Er würde noch viele Gelegenheiten haben, seinen Plan weiter zu verfolgen. Die Wachsamkeit des bewaffneten Braisen Körz hätte deutlich nachgelassen. Er
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Hans Kneifel
vertraute dem Fremden. Atlan konnte damit rechnen, daß er ab und zu allein sein würde. Dies ermöglichte ihm einige weitere Ausflüge innerhalb und unterhalb MOACs. Auch an diesem Tag tat er weiter seine Arbeit. Er probierte noch drei weitere Flugapparate aus. Keiner davon funktionierte wirklich richtig. Später konstruierte Atlan wieder an dem Modell herum, das er sich für den persönlichen Gebrauch reserviert hatte. Er verstärkte an gewissen Stellen die Konstruktion, entfernte an anderen Stellen zu schweres Material und ersetzte es durch leichtere Werkstoffe, testete die Projektoren und die Ansprechbarkeit der Steuerung und war, als ihn Körz zurückbrachte, nicht unzufrieden.
* Heute war der siebzehnte Tag seiner Gefangenschaft auf MOAC. Vor einem Tag hatte sich das Leben des jungen Braisen entscheidend verändert. Er war nicht mehr auf die Drüsen seiner Mutter angewiesen, sondern vertrug jene Nahrungsmittel, die erwachsene Braisen aßen. Etorc war größer und stärker geworden. Er flog innerhalb des Raumes, und deutlich war zu erkennen, daß er wirklich hervorragend würde fliegen können. Ein paar Tage, überlegte Atlan, und du bist der beste Flieger des Planeten! Die Spercoidenärzte hatten sich nicht wieder gemeldet, aber ihr Kommen stand unmittelbar bevor. Die »Krankheit« schien zu vergehen, bemerkte er, denn die meisten Farbflecken waren von der wachsenden Haut abgestoßen worden. Etorc besaß bereits einen begrenzten Wortschatz und wandte ihn auch an. Er war ein liebenswerter Heranwachsender. Die Eltern behandelten ihn mit einer Mischung aus unverhohlenem Stolz und der Gewißheit, daß die Schwingen bald operiert werden würden. Atlan wandte sich an Körz und fragte:
»Angenommen, Etorc wäre an der Krankheit gestorben. Was dann?« Körz blickte ihn entsetzt an und stieß hervor: »Wir hätten ihn begraben, draußen in der Ebene, bei den anderen. Und ich hätte an die Ärzte eine Meldung machen müssen.« »Ich verstehe«, murmelte Atlan und versuchte, Tancai nicht anzusehen. Die Braisenfrau erhoffte sich von ihm eine Aktion, aber sie würde ihn beim geringsten Verdacht verraten. Sie konnte nicht anders. Atlan lächelte grimmig und sagte: »Meint ihr nicht auch, daß alle Braisen so aussehen und so fliegen sollten wie euer Etorc? Sperco beraubt euch nicht nur der persönlichen Freiheit, sondern auch der natürlichen Fähigkeiten!« Sie antworteten nicht. Der Gewissenskonflikt war zu groß. »Hi, Kumpel!« krähte Etorc und schwang sich vom Fenstersims in elegantem Gleitflug bis zu seinem Lager und wieder hinauf auf die Tischplatte. »Wart's ab, Kumpel«, murmelte der Arkonide und deutete zur Tür. »Ich gehe jetzt«, sagte er. »Du holst mich morgen wieder ab, wie an jedem Morgen?« Körz stieß einen zustimmenden Laut aus. Atlan wartete, bis es dunkel wurde. Nachdem das Wurzelwesen, pünktlich wie jede Nacht, vor seinem Fenster die Stufen raschelnd hinuntergeglitten war, hängte sich der Arkonide die schwere Tasche über die Schultern. Er hatte sie in der Werkstatt zusammengebastelt und mit Nahrungsmitteln und Getränkebehältern gefüllt. Nur eine Waffe hatte er trotz intensiver Suche nicht gefunden. Er glitt lautlos durch die Dunkelheit auf die Wohnung der beiden Braisen zu. Sein Plan für diese Nacht war einfach und sehr riskant. Er erkannte den schlafenden Etorc, der sich in seinem Bett zusammengerollt hatte wie eine Kugel. Vorsichtig hob Atlan den Braisen hoch und nahm ihn ebenso behutsam unter den Arm. Der Kleine schlief tief und erwachte erst, als Atlan sich mit ihm
Der Flugmeister auf dem kleinen Platz vor dem Lift befand. Zwischen den Flughäuten blinzelte ein großes Auge den Arkoniden an. »He, Kumpel!« flüsterte Atlan. »Wir gehen fliegen.« »Fliegen, Kumpel!« piepste Etorc. »Richtig. Still.« Die Platte schob sich zurück, Atlan trat in den Lift hinein. Ungeduldig wartete er, bis der Lift wieder hielt. Der vertraute Geruch der Hydroponikgärten schlug ihm zusammen mit dem grellen Licht entgegen. Schnell lief Atlan zwischen den Behältern entlang und setzte sich schließlich. Er hob Etorc an und legte den Braisen zwischen einige Wurzeln. »Kumpel! Aufwachen!« sagte er und streichelte ihn. Langsam entrollte sich das Wesen und schüttelte die Schwingen. »He?« »Jetzt wird es schwierig«, sagte Atlan und versuchte, dem Kleinen zu erklären, wie er sich zu verhalten habe. Würden die Wurzelwesen Etorc verraten, wenn sie ihn hier zwischen ihren sorgsam gehegten Wunderpflanzen fliegen sahen? Aufmerksam starrten die großen Augen den Arkoniden an. Atlan sprach langsam und ließ Etorc wiederholen. Nach einer halben Stunde war er einigermaßen sicher, daß ihn der junge Braise verstanden hatte. Die Nahrungsmittel deponierte Atlan auf der Oberfläche einer Kabine, in der die Wurzelwesen größere Werkzeuge und Kanister einer streng riechenden Flüssigkeit aufbewahrten. Es schien eine Art Dünger zu sein, entschied Atlan. Etorc schien völlig wach zu sein. Er rannte leise piepsend einen Gang zwischen den Pflanzentrögen entlang, erspähte eine Lücke zwischen den Ästen und Zweigen und schwang sich mit drei Schlägen der kräftigen Schwingen in die Luft. Hinter ihm bewegten sich die Blätter und Blüten im Luftzug. Die Spannweite der Flügel war nicht geringer als zweieinhalb Meter, und in wenigen Tagen würde sie noch größer sein. Atlan starrte begeistert dem fliegenden
13 Braisen nach. Etorc bewegte sich mit der Eleganz einer Möwe zwischen den Stengeln und Stämmen. Noch sah der Arkonide eine Menge kleiner Ungeschicklichkeiten, und auch die angewandte Kraft ließ noch zu wünschen übrig. Aber es war damit zu rechnen, daß Etorc durch dieses Training und die kräftige Nahrung von Tag zu Tag besser würde fliegen können. Bis hierher hat dein Plan gestimmt, sagte der Logiksektor zufrieden. »Er ist voller Unsicherheiten«, brummte der Arkonide. Er wartete noch ein wenig, bis Etorc müde wurde und sich schließlich auf der Kabine niederließ, noch einmal »Kumpel!« krächzte und einschlief. Dann kehrte der Arkonide in seine Zelle zurück. Der nächste Akt des Dramas ließ nur einige Stunden auf sich warten. Diesmal wurde Atlan von Körz und Tancai zusammen geweckt. Beide befanden sich erwartungsgemäß in heller Aufregung. »Botosc! Er ist weg!« fauchte der Braise und schüttelte Atlan an beiden Schultern, um ihn aufzuwecken. »Wer ist weg?« fragte Atlan und tat, als sei er eben aus tiefstem Schlaf hochgeschreckt, Tancai stand da und wimmerte leise. »Etorc!« Atlan lachte leise und sagte in gutmütigem Ton: »Er wird weggeflogen sein. Vermutlich sieht er sich die Umgebung von MOAC an, Körz.« Tancai rief jammernd: »Du hast versprochen, uns zu helfen, Fremder. Was hast du mit Etorc gemacht?« Atlan antwortete ernst und verschwörerisch: »Ihr müßt mir glauben! Etorc ist in Sicherheit! Ich habe ihn versteckt.« Außerdem war er ehrlich davon überzeugt, daß diese Pflanzen Etorc schützen würden. Wie das allerdings vor sich gehen sollte, wußte er auch nicht, aber diese positi-
14 ve Ausstrahlung hatte auch im Fall Etorcs etwas zu bedeuten. Wenn sie ihn, Atlan gerettet hatten, würden sie einen anderen »Fliegenden« vermutlich auch schützen. Er hob die Hände und wiederholte: »Niemand wird ihn finden. Hört auf zu jammern!« Tancai und Körz sahen sich schweigend an. Dann legte die Frau ihrem Gefährten die Hand auf die Schulter. Es war eine Geste der Hoffnung. »Was hast du vor?« fragte Körz unsicher. »Etorc ist heute nacht an der Infektion gestorben!« erklärte Atlan. »Ich meine, daß wir ein Bündel Kleider an seiner Stelle begraben werden. Und du, Körz, meldest den Tod deines Nachkommen an die Spercoidenärzte.« Das war der nächste wirklich schwache Punkt seines Planes. Atlan war ziemlich sicher, daß Tancai diese Komödie mitspielen würde. Aber wie verhielt sich Körz? Atlan holte tief Atem und versuchte, seinen Bewacher zu überzeugen. Was war stärker? Der Vaterinstinkt oder die Gehorsamspflicht dem Tyrannen gegenüber? »Ich soll entgegen Spercos Anordnungen handeln?« »Ja. Du hilfst dir, Tancai, eurem Sohn und mir. Niemand wird dieses Begräbnis kontrollieren.« »Das kann ich nicht, Botosc!« Es war frühester Morgen. Die ersten Sonnenstrahlen badeten Teile der Wohnanlage in grelles Licht. Noch waren die meisten Einwohner nicht erwacht, es gab keinen Lärm, und die Wahrscheinlichkeit, daß die erbitterte Unterhaltung mitgehört wurde, blieb gering. Atlan versuchte, mit schwerwiegenden Argumenten hauptsächlich Körz zu überzeugen. Er hatte seit dem ersten Moment versucht, die beiden Eltern darauf vorzubereiten, daß Etorc unbeschadet seine Flugfähigkeit behalten sollte. Davon, daß er mit Farbe die Krankheit simuliert hatte, sagte er natürlich nichts. Schließlich hatte er den Vater in eine Lage versetzt, die Körz nur noch sagen
Hans Kneifel ließ: »Ich sehe ein, daß deine Vorschläge die beste Lösung sind. Tun wir also, als ob wir Etorc in der Ebene begraben.« »Ein Sieg der Vernunft!« rief Atlan. »Ich ahne, daß wir später für diesen Betrug schwer bestraft werden!« versicherte Körz und winkte. »Komm!« »Niemand wird bestraft, wenn das geschieht, was ich glaube«, entgegnete der Fremde mehrdeutig. Bisher hatte sich Körz trotz der Spercotisierung keineswegs wie ein willenloser Sklave verhalten. Die Spercotisierung schien schon vor langer Zeit vorgenommen worden zu sein, vermutlich damals, nachdem man seine Flügel amputiert hatte. Falls Körz irgendwann zu der Ansicht kam, alle diese geheimnisvollen Vorgänge an Sperco zu beichten, falls es einen dementsprechenden Auslösemechanismus gab, waren sie tatsächlich alle verloren. Aber Atlan blieb, in Maßen, optimistisch. »Was soll geschehen, Botosc?« »Größere Veränderungen«, murmelte Atlan und folgte den Braisen zu ihrem Quartier. Dort wickelten sie kissenartige Gegenstände, einige dünne Decken und einige Gefäße zusammen und befestigten ein helles Tuch um das Bündel. Tancai knotete einige Schleifen in die Verschnürung ein, während Körz aus dem Magazin zwei Grabwerkzeuge holte und eines davon Atlan übergab. »Je weniger Spercotisierte uns sehen, desto besser wird es sein«, meinte der Braise. Sie verließen nacheinander die Wohnung und schlugen, langsam und traurig einherschreitend, einen anderen Weg ein. Atlan erkannte schließlich den Innenhof wieder, durch den er vor Tagen hierher gebracht worden war. Die schwer bewaffneten Spercoiden verließen ihre Posten an den Eingängen und hielten die Gruppe auf. »Was habt ihr da?« fragte einer der Wachtposten. Tancai hob das Bündel und antwortete in klagendem Tonfall. Atlan hatte nicht mit dieser Wache gerechnet und be-
Der Flugmeister gann nervös zu werden. Bewegungslos standen die vier Spercoiden da und betrachteten die Braisen. Schließlich fragte einer: »Ihr habt den Tod gemeldet, Körz?« »Ich melde ihn, wenn alles vorbei ist. Ich bin der Bewacher des Flugmeisters. Wir sind bald wieder zurück.« »In Ordnung.« Sie gaben den Weg frei. Atlan atmete auf. Das Glück hatte ihn also noch nicht verlassen. Die drei langsam und traurig dahinmarschierenden Personen verließen nach einigen Schritten die glatte Straße und die langen, schwarzen Schatten der blätterlosen Alleebäume. Das hohe Gras war naß, die Tautropfen glänzten und leuchteten an den Spitzen der Gräser. Gravitätisch stelzten in kleinen Gruppen die flügellosen Vögel und suchten nach kriechenden Insekten. Zwischen den niedrigeren Gebäuden der kleinen Siedlung, deren Außenseite wie eine Mauer mit unzähligen Nischen und Vorsprüngen wirkte, und der offenen Fläche der Ebene standen drei große Bäume. Sie waren schwarz, und fast alle Zweige hingen wie dicke Schnüre herunter. Zwischen den Stämmen, die ein ziemlich gleichmäßiges Dreieck bildeten, breitete sich niedriges Gestrüpp aus. Die Zone atmete trostlose Verlassenheit aus. »Dorthin?« fragte Atlan und zeigte auf das dunkle Dreieck. »Wohin sonst? Dort wird alles Gestorbene in die Erde gebracht.« Sie bahnten sich einen Weg durch das feuchte Gras. Bald waren die Beine bis zu den Knien naß. Schweigend gingen sie weiter und erreichten den Rand des Begräbnisfelds. Atlan sah sofort, daß vor kurzer Zeit mehrere Gräber ausgehoben worden waren. »Gibt es bestimmte Vorschriften?« fragte Atlan. »Nein. Nur … wir sollten so schnell wie möglich alles hinter uns bringen.« Atlan nahm das dreieckige Werkzeug und stach ein kleines Quadrat Grasstücke aus, stapelte die würfelförmigen Brocken aufein-
15 ander und sah zu, wie Körz eine kleine, aber tiefe Grube aushob. Es schien keine Begräbniszeremonien zu geben – vermutlich hatte Sperco diese Bräuche abgeschafft. Körz sagte nach einigen Minuten: »Ich bin fertig. Das Loch ist tief genug.« Atlan sagte leise: »Denkt daran, daß wir vielleicht beobachtet werden. Keine Experimente.« »Ich habe verstanden, Kumpel«, sagte Tancai. Es war deutlich zu sehen, daß beide Braisen unter einer nahezu beängstigenden Anspannung ihrer Nerven standen. Mit langsamen Bewegungen versenkten sie das Bündel und blieben eine kleine Weile bewegungslos stehen. Dann schaufelten Atlan und Körz den Sand wieder ins Loch, und der Arkonide sah, daß der Sand kleine Knochen und die Splitter größerer Knochen enthielt. Als das Loch aufgefüllt war, schichtete der Arkonide die Grasstücke nebeneinander und trat sie langsam fest. Er sagte zurückhaltend: »Ich hoffe, daß eure Angst nachläßt. Niemand wird sich jemals wieder um Etorc kümmern.« »Sie kümmern sich um ihn, wenn er wieder sichtbar wird«, schnarrte Körz. »Ich bin anderer Meinung«, erklärte Atlan und schulterte den Spaten. Auf ihren eigenen Spuren gingen sie zurück. Die Spercoidenwachen ließen sie ungehindert wieder den Außenbezirk MOACs betreten, und kurz darauf, nach einem flüchtigen Essen, gingen Körz und Atlan zurück in die Halle der Versuche.
* Ein unhörbares Signal rief den persönlichen Diener herein. Er näherte sich in vorgeschriebener Demutshaltung dem Arbeitstisch und sagte leise: »O Herr. Du hast gerufen?« Sperco bewegte sich unruhig in der Sitzschale. Er warf einen Blick auf die Informations-Bildschirme und sagte: »Ich bin unruhig und unguter Laune. Gibt
16 es Gründe für meine Unruhe?« Aus dem Helm des Spercoidenanzugs kam knarrend die Antwort: »Ich kenne keine Gründe dafür. Alles ist ruhig. Die Operationen«, der Diener deutete auf die Schirme, die von den Nachrichtenabteilungen der riesigen Raumforts und Nachrichtensatelliten über Roppoc gespeist wurden, »gehen mit militärisch exakter Zuverlässigkeit weiter vor sich. Der Flugmeister arbeitet zuverlässig, wie es einem Spercotisierten nicht anders möglich ist.« Sperco hatte immer wieder seine Bildschirme und Lautsprecher in die Halle der Versuche geschaltet. Er sah ein, daß alle seine Konstrukteure und sämtliche Konstruktionen versagt hatten. Plötzliche Wut ließ ihn auffahren. Er rief schneidend: »Befindet sich noch einer der Versager in MOAC?« Vorsichtig wandte der Diener ein: »Welcher Versager? Versager welcher Art, meine ich.« Sperco schrie: »Versager der Flugtechnik. Irgendeiner, der mich in Todesgefahr gestürzt hat!« »Ein Spercoide ist in seiner Zelle. Er hat ein stählernes Insekt konstruiert. Es war eine der letzten Konstruktionen.« Sperco deutete mit seiner zitternden Klauenhand auf den großen Bildschirm und donnerte wütend: »Zieht ihn aus der Zelle. Vernichtet ihn!« »Du wünschest eine Übertragung hierher, o Herr?« »Selbstverständlich.« »Es wird geschehen, Herr. Sperco ist die Macht!« Sperco scheuchte den Diener mit einer ärgerlichen Handbewegung aus dem Raum. Die Befehle wurden sehr schnell übermittelt. Das Bild auf dem riesigen Bildschirm wechselte und zeigte eine einfache Zelle, in der ein Spercoide von einem Kommando von der Pritsche gerissen und aus der Tür gezerrt wurde. Man brachte ihn auf einen runden, freien Platz, dessen Boden und Wände mit Metall ausgeschlagen waren. Kräftige
Hans Kneifel Scheinwerfer erhellten die Szene. Die Spercoiden handelten schnell und so effizient, wie Sperco es erwartete. Sie öffneten mit sicheren Griffen den Anzug, noch ehe der Versager auch nur an Gegenwehr denken konnte. Dann sprangen sie zurück, denn der Anzug löste sich in lautlosen und kalten Flammen auf. Mit ihm starb augenblicklich der Spercoide. Sperco sah schweigend auf den Bildschirm und erlebte mit, wie der Versager starb. Nachdem der Anzug sich aufgelöst hatte, erschien das Bild des persönlichen Dieners auf dem Schirm. »Darf ich noch etwas tun, das deine Billigung hervorruft, Herr?« fragte er. »Nein!« brüllte Sperco. »Ich werde mich um alles andere selbst kümmern.« Er schaltete das Bild aus der Verbindung, machte es sich in der Sitzschale bequem und sah und hörte weiterhin die vielen wichtigen Informationen aus allen Teilen seines Imperiums. Trotzdem wich seine Unruhe nicht einen Moment.
* Atlan blieb stehen und schob vorsichtig einen langen Zweig zur Seite. Er hatte den deutlichen Eindruck, daß dieser Zweig mit den wohlriechenden Blüten ihn »mochte«, denn dieser Zweig gehörte einer KaroquePflanze weit unter MOAC. Atlan blinzelte in die gleißenden Lichtstrahlen und hoffte, daß sich hier unten nichts ins Negative geändert hatte. Er blickte nach links. Hier kletterte zwischen kleinerwüchsigen Pflanzen eines der bizarren Wurzelwesen über die Schichten des Nährbodens. Die Werkzeuge klapperten, der Pflanzenheger schien mit Begeisterung in seine Arbeit vertieft zu sein. Atlan drehte den Kopf nach rechts und suchte Etorc. Der Braisen-Flieger hatte länger als vierundzwanzig Stunden Zeit gehabt – und jetzt würde es sich zeigen, ob ihn die Wurzelwesen gesehen und verraten hatten.
Der Flugmeister Ihn jedenfalls beachteten die Wurzelwesen nicht. Oder zumindest nicht so, daß er den Eindruck hatte, sie würden es tun. Dieses bleiche Wesen jedenfalls benahm sich so, als sei der Fremde nicht existent. Atlan überlegte sich, wieviel er riskieren konnte. Tu's, sagte der Logiksektor. Atlan schnippte mit den Fingern und rief unterdrückt: »He, Kumpel! Sturzflug!« Er blieb stehen und fühlte halb unbewußt die schmeichelnden und lockenden Strömungen der Emotionen. Eine Stimmung ergriff ihn abermals, die ihn friedlich stimmte und seine Probleme vorübergehend zur Seite schob. Zum erstenmal hatte er diese Wirkung in jenem Tal auf Karoque gespürt. Heute, unter ähnlichen Verhältnissen, spürte er sie ebenso, während er auf ein Zeichen des jungen Braisen wartete. Über ihm gab es ein Knistern und Rascheln. Einige vielfarbige Blütenblätter und kleine Teile von Blättern rieselten lautlos auf ihn herab. Atlan blickte schnell nach oben, blinzelte im Lichtschein und sah endlich Etorc. Er schien innerhalb von rund einem Tag und einer Nacht unendlich viel gelernt zu haben. Elegant und absolut souverän flog und segelte er durch den künstlichen Dschungel der Pflanzen. Er wich einzelnen Blüten aus, umrundete Stengel und Ästchen, zog Kreise und Spiralen, ließ sich über einen Flügel fallen und tauchte herunter, vor Atlan wie ein Falke in der Luft verharrend. »Hier bin ich!« sagte Atlan leise und freute sich, daß Etorc augenscheinlich ohne Probleme überlebt hatte. »He, Kumpel!« schrie Etorc begeistert. Atlan streckte den rechten Arm aus. Inzwischen hatte Etorc ein Gewicht von mehr als dreißig terranischen Kilogramm erreicht; er war insgesamt etwa ein Drittel so groß wie seine Eltern. Etorc landete auf Atlans Arm, kreischte übermütig auf, und der Arkonide mußte zuerst seinen Arm mit der linken Hand abstützen und sich dann setzen, weil
17 der junge Braise ihm zu schwer wurde. »Wie geht es, Kumpel?« fragte Atlan. Er war davon überzeugt, daß Etorc ihn mochte und ihm vertraute. Er sah sich nicht enttäuscht. Langsam, nach Worten suchend, erklärte der Braise: »Gut, Kumpel. Nicht gesehen lange.« Atlan nickte, streichelte die härter werdenden Muskeln unter den scharfrandigen Pseudofedern und antwortete: »Bald sehen immer. Bald sehen Tancai und Körz. Sie dich … lieben.« »Ich lieben alle!« fistelte Etorc und leckte mit seiner langen Zunge Atlans Handrücken. »Wie schön.« »Hier gut fliegen. Hier alles da. Ich manchmal trinken … Saft aus Blüte.« Atlan zuckte zusammen und runzelte die Stirn. Daß Etorc nicht nur rasend schnell das Fliegen lernte und die Sprache nicht weniger leicht, war ganz in Ordnung und zeigte ihm, daß viele seiner Mutmaßungen und Überlegungen richtig gewesen waren. Daß er jetzt auch noch Nektar trank und vermutlich unsichtbar wurde, bedeutete eine abenteuerliche Variante der Pläne. Warum eigentlich? Unsichtbar sein bedeutet Schutz vor Entdeckung, sagte der Logiksektor. Atlan fragte: »Hunger? Durst?« Etorc schlug fröhlich mit den großen Schwingen und entfachte einen kleinen Sturm. »Nein. Alles da. Oben.« Mit den Klauen an einem Flügel deutete der Braise zum Dach des Würfels. »Verstehe. Fremde, sie stören?« fragte er und deutete auf ein Wurzelwesen, das in ihrer Nähe unbeirrbar arbeitete. »Nein stören. Nicht bemerken.« »Fabelhaft. Du mir helfen?« Etorc sah ihn voller Begeisterung an und pfiff: »Helfen. Gut!« Atlan griff zwischen die Säume seines dicken Hemdes und holte eine verschließba-
18 re Dose hervor, die Fruchtsaft enthalten hatte. Er gab sie Etorc, der begierig danach griff und zu spielen begann. »Einfüllen Saft aus Blüten. Ganz voll, ja, Kumpel?« »Ganz voll. Morgen abholen, Kumpel!« »In Ordnung. Ich hole es morgen ab. Und bis dahin lernst du weiter fliegen.« »Lernen. Viel Spaß, Kumpel.« Atlan war nahe daran, ein hysterisches Kichern auszustoßen. Er machte sich ernsthafte Sorgen, betrog die versklavten Braisen, inszenierte eine Scheinbeerdigung und mußte hier nachdrücklich erfahren, daß der angeblich tote Braise sein Leben in den vollsten Zügen genoß. Seine Unruhe nahm zu; so viel Euphorie und Leichtsinn konnten auf die Dauer nicht verborgen bleiben. Halte an dich! empfahl der Extrasinn. Je frecher, desto erfolgreicher! »Schon möglich. Immerhin sind es meine ramponierten Nerven«, flüsterte der Arkonide und setzte Etorc zwischen den Tankwänden ab. Er selbst hatte an diesem späten Abend noch etwas Besonderes vor und konnte nur hoffen, daß Sperco oder einer seiner Diener nicht ausgerechnet jetzt nach ihm suchte. »Morgen Gefäß voll, wie?« fragte er und deutete auf die dünnwandige Büchse. »Voll, Kumpel. Alles klar.« »Atlan als Fluglehrer und Fremdwesen-Erzieher. Wenn ich es Razamon oder Thalia erzähle, erklären sie mich für verrückt!« murmelte Atlan kopfschüttelnd. »Verrückt, Kumpel. Alles klar!« kreischte in unschuldiger Fröhlichkeit der junge Braise, nahm einen Anlauf und startete mitsamt dem leeren Gefäß wie ein riesiger Vogel. Atlan blickte ihm nach, bis er zwischen den feuchten Zweigen und Blüten verschwunden war. Atlan ging etwa vierhundert Meter geradeaus und wich nur dann zur Seite aus, wenn sich ihm arbeitende Wurzelwesen in den Weg stellten. Er wollte versuchen, andere Teile der Unterwelt von MOAC zu entdecken.
Hans Kneifel Vielleicht fand er etwas, das ihm helfen konnte. Der Duft und die entspannende Ausstrahlung der Blumen und Blüten begleiteten ihn bis an ein rostbedecktes, altes Tor. Atlan hob seinen Handscheinwerfer und leuchtete die wichtigsten Teile an. Er sah, daß die schweren Torangeln und die Hebel und Untersetzungen der Verschlüsse dick eingefettet waren. Fremdartige Schriftzeichen verrosteten; er hätte sie ohnehin nicht entziffern können. Es schien sich jedoch um den Typ von Eintritt-verboten-Schildern zu handeln. Wenn diese Annahme zutreffend war, würde er jenseits dieser massiven Tür etwas finden, das keineswegs alltäglich war. Er korrigierte sich. Es war für ihn vielleicht nicht alltäglich, sicher aber für die komplizierte hierarchische Struktur der Riesenburg MOAC. Er zog unter Anspannung aller seiner Kräfte den obersten Hebel herunter. Das Tor war größer als sechs Quadratmeter, breiter allerdings als hoch. Der nächste Riegel! Er bewegte sich langsam, aber ohne ernsthaften Widerstand. Atlan legte das Ohr an den rostenden Stahl, aber er hörte und spürte nichts. Der letzte Riegel wurde zurückgezogen. Knirschend bewegten sich die komplizierten mechanischen Untersetzungen und zogen unterarmdicke Bolzen aus den ebenfalls dick eingefetteten Zuhaltungen. Mit einem fauchenden Geräusch öffnete sich die schwere Tür. Atlan stemmte sich dagegen und huschte durch den entstandenen Spalt. Er befand sich in einem milchigen Halbdunkel, lehnte sich wieder gegen die Platte und schob sie mit dem Rücken zu. Er schloß die Tür nur mit einem Hebel. Dann erst drehte er sich um und versuchte zu erkennen, wo er sich überhaupt befand. Du hattest es erwartet – in alptraumartigen Gedanken! sagte resignierend der Logiksektor. Atlan senkte den Kopf. So war es. »Ich hätte es mir denken müssen«, schalt er sich betroffen. Er ging einige Schritte vorwärts und be-
Der Flugmeister trachtete das alptraumhafte Panorama, das sich ihm bot. Viele Bilder, die in seiner langen, tiefen und unbewußten Erinnerung schlummerten, schoben sich ineinander und verdichteten sich zu einem Eindruck, der viele Empfindungen gleichzeitig weckte. Abstoßend, faszinierend und phantastisch. Trostlos, apokalyptisch und riesig. Gleichermaßen Ausdruck eines pervertierten Verstandes, aber in seiner Art logisch und von glasklarer Transparenz. Bösartig, mitleiderregend und doch so fremd, daß echte Emotionen erst gar nicht durchschlugen. Dazu kam, daß die Betroffenen dieses schauerlichen Panoramas auf ihre Art wenig anziehend waren. Trotzdem blieben sie die unschuldigen Opfer dessen, der dies alles zu verantworten hatte. »Verfluchter Sperco!« flüsterte Atlan und ging abermals ein Dutzend Schritte weiter. Er sah: Eine riesige Mulde, etwa zweitausend Meter im Durchmesser. Die Ränder waren hochgezogen und bestanden aus Mauern oder Übergängen in den Fels des Planeten, die wie glasiert oder geschmolzen wirkten. Von der Decke hingen an dicken, stangenartigen Elementen vier verschiedene Lichtquellen herunter. Jede von ihnen beleuchtete, mit fließenden Übergängen, rund neunzig Grad dieses annähernd kreisförmigen Tales. Ein weißes Mondlicht auf der einen Seite, im ersten Quadranten. Dann folgte eine Art, die Atlan nur als Morgenlicht identifizieren und deuten konnte. Das Licht eines frühen Morgens. Waagrecht strahlend, sehr hell und trotzdem mild und wie gefiltert wirkend; der Eindruck war unverkennbar. Der folgende Quadrant stand unter der stechenden, bösartig heißen und senkrecht einfallenden Strahlung einer Mittagssonne. Daran schloß sich ein abendliches Licht an; milde, warm, versöhnlich und nächtliche Kühle versprechend. Atlan stand an einem der drei oder vier »höchsten Punkte«, nämlich am Anfang eines weit in das betreffende Gebiet hineinragenden Steges.
19 Die Wände des Talkessels waren so glatt, daß keines der hier gefangenen Wesen auch nur die geringste Chance hatte, jemals entkommen zu können. Die Stege schwebten, nachdem sie die senkrechten Wände und Abgründe durchstoßen hatten, wie vorspringende Pfade im Leeren und näherten ihre Enden in keinem Fall irgendwelchen Felsen oder Pflanzen an. Der Arkonide sah, daß es auch vier verschiedene Vegetationszonen gab. Es wechselten einander kleine, künstlich aussehende Bassins und sandige Flächen ab, es gab ebenso winzige Wälder aus verschieden hoch wachsenden Bäumen. Mit Blättern! unterbrach der Extrasinn aufgeregt. »Tatsächlich!« murmelte Atlan. Er stand noch immer unter dem Bann dessen, was er sah und noch viel mehr dessen, was er erkannte und analysierte. Die vier Vegetationszonen unter dem Einfluß von vier verschiedenen Lichtquellen waren die Heimat von molchähnlichen Wesen. Es gab sie in jeder Größe, folglich in jeder denkbaren Altersstufe. Überall sah man sie in kleineren oder größeren Gruppen. Aber sie alle waren in ununterbrochener Bewegung. Auf den ersten Blick waren diese Ortsveränderungen nichts anderes als chaotisches Durcheinander und quirlende Betriebsamkeit, auf den zweiten Blick zeichnete sich eine Art Kreislauf ab, der von Morgen über Mittag und Abend nach nachts erfolgte. Atlan begriff. Wenn sich der Planet nicht drehte und für einen richtigen Ablauf der Tageszeiten sorgte, dann taten dies die Bewohner dieses miniaturisierten Kosmos selbst. Sie wanderten durch die verschiedenen Teile des »Tages«. »Welches abartige, kranke Hirn hat diese Tragödie ersonnen?« fragte er sich laut. Es gab nur eine Antwort. Sperco, der Tyrann! Atlan bewegte sich vorsichtig auf dem etwa vier Meter breiten Steg vorwärts. Merkwürdigerweise verspürte er keine Angst, ent-
20 deckt zu werden. Er versuchte, den Sinn dieses riesigen Terrariums zu begreifen. Die Lebewesen hier vegetierten dahin. Sie hatten Wasser zum Trinken und zum Baden oder Schwimmen. Sie selbst waren viergliedrig und sehr entfernt humanoid, aber nur die erwachsenen Exemplare bewegten sich auf den Hinterläufen. Es gab eine riesige Menge von Höhlen, die in die teilweise künstlich hergestellten, teilweise aus dem Material des Planeten und teilweise aus dem Bruchgestein oder Aushöhlung geschaffenen kleinen Berge getrieben waren. Diese Höhlen dienten unzweifelhaft als Unterkünfte. Es gab auch Nahrung, denn an vielen Stellen in allen vier Tageszonen sah Atlan Einrichtungen, die wie große Brunnen aussahen. Aber dort schien eine Nährflüssigkeit aus den Stutzen zu laufen. Die Molche, das waren die Insassen der Spercoiden-Anzüge. Hier wurden sie gezeugt und geboren, hier wuchsen sie auf und wurden vermutlich auch für den Dienst an Sperco vorbereitet. Sie kannten Licht und Schatten, Tag und Nacht, Bäume und Landschaft. Vermutlich waren sie bis zu einem bestimmten Punkt auch noch völlig normal und im Besitz aller ihrer Emotionen. Atlan sah aus dem Augenwinkel einen strahlenden, feuerroten Lichteindruck, erschrak und blieb unbeweglich stehen. Roboter! Ihm genau gegenüber, in der NachtMondlicht-Sektion dieses Überlebensbereichs, bewegte sich der Steg. Er senkte sich langsam von der senkrechten Wand hinunter und bohrte seine Vorderkante in eine Grasfläche. Eine Gruppe von etwa drei Dutzend Robotern erschien in maschinenhaftem Gleichschritt. Sie ging den Steg hinunter und auf eine Gruppe von mindestens hundert Molchen zu, die sich beim ersten Aufblitzen des roten Signalfeuers dort versammelt hatten. Hinter den Robotern schwebten Antigravplattformen. Sie wirkten wie Kleiderständer.
Hans Kneifel Nur mit dem Unterschied, daß es keine Kleider waren, die dort auf Gestellen hingen, sondern die typischen Spercoidenanzüge. Atemlos und gebannt sah Atlan zu, was schräg unter ihm geschah. Die Roboter rissen die Anzüge von den Hängestangen. Die Anzüge klafften auseinander wie Papierfiguren. Die Roboter des Tyrannen, deren Aussehen er sattsam genug kennengelernt hatte, arbeiteten mit der Schnelligkeit, die Maschinen eigen war. Sie schienen genau zu wissen, welchen Kriterien sie zu folgen hatten. Die Maschinen packten die größten Molche. Sie preßten sie förmlich in die Anzüge und klappten die beiden Hälften der Anzüge mit fieberhafter Eile zu. Aber noch besaßen die Molche ihre negativen und positiven Wesensinhalte. Atlan stand schweigend da und sah in ohnmächtiger Wut zu. Kaum hatte sich einer der Anzüge geschlossen, begann der Eingeschlossene von selbst den Steg hinaufzumarschieren. Der Extrasinn sagte: Das, was du siehst, geschieht vermutlich nur auf Roppoc so. Aber auf anderen Planeten wird es nicht viel anders sein. Es unterscheidet sich nur in Nuancen! »Es ist nichts anderes als eine Zuchtfarm!« flüsterte Atlan bestürzt. Richtig beobachtet! Die Aktion, in aller Eile vorangetrieben, näherte sich ihrem Ende. Die Roboter füllten eben die letzten Spercoidenanzüge. Dann entfernten sich die Maschinen mit den leeren Plattformen. Der Steg hob sich leise summend wieder in eine Höhe, die keiner der bleichhäutigen Molche überwinden konnte. Die Spercotisierten! Atlan hatte jetzt endgültig gesehen, wer sich in den Anzügen befand. Er ging ohne das grausig-groteske Bild des künstlichen Talkessels aus den Augen zu lassen, rückwärts bis zum Tor. Jetzt wußte er auch, wozu der schlauchartige Gang diente, der aus dem Felsen bis ins Zentrum des künstlichen
Der Flugmeister Dschungels führte. Verberge dich! Du bist nicht unsichtbar! sagte aufgeregt der Logiksektor. Atlan hatte gar keine andere Wahl: Er erinnerte sich an die Gestelle, an die Fesselung, an Laccied und an seine Eindrücke, die er gehabt hatte, als er selbst in der Lage gewesen war wie diese Spercoiden. Der nächste Akt würde folgendermaßen aussehen: Die Roboter trieben die eben rekrutierten Molche in die Nähe der Pflanzen. Die Pflanzen: Sie waren deshalb so gut, positiv und machtvoll, weil sie sämtliche positiven Eigenschaften der Molche in sich aufsaugten und speicherten. Die Molche:Sie wurden innerhalb ganz kurzer Zeit zu lebenden Robotern. Jede positive Regung war ihnen unmöglich gemacht worden, weil sie sie nicht mehr kannten. Es war, als wolle man von einem Beinamputierten verlangen, er solle einen Marathonlauf mitmachen. Oder von einem amputierten Braisen, er solle fliegen. Die Spercotisierten: Sie waren tatsächlich lebende Roboter. Sture, empfindungslose Wesen, die jedem Befehl gehorchten. Sämtliche Beweggründe, die das mehr oder weniger reibungslose Zusammenleben von Individuen erst ermöglichten, waren ihnen unbekannt. Aber erst nach dem Kontakt mit den Speicherpflanzen! Ein echter Dualismus! Hier die Pflanzen. Sie waren geradezu unvorstellbar gut, edel, positiv. Aber sie konnten nicht handeln. Wirklich nicht? Dort die Spercoiden. Sie waren nur so gut oder positiv, wie der Text des entsprechenden Befehls lautete. Irrsinn! dachte Atlan und verließ den riesigen Höhlenraum. Als er sich wieder zwischen den Pflanzen befand, beruhigte er sich unter dem Einfluß der Pflanzen. Er hatte zugesehen, wie Spercoiden »hergestellt« wurden. Wenn diese armen, ahnungslosen Wesen, nichts anderes als Werkzeuge, auch noch durch Berührung spercotisiert wurden, hat-
21 ten sie für den Rest ihrer Existenz keine Chance mehr. Sie blieben buchstäblich willenlose Instrumente Spercos. Sie kannten nichts mehr, was … Atlans Gedanken verloren sich, als er den letzten Riegel hinter sich zuschob und in die Richtung auf den fingerähnlichen Fortsatz lief, der ihm schon ein halbes Dutzend Male aufgefallen war. Die Pflanzen wucherten so dicht über die durchsichtigen Rundungen, daß sie fast unsichtbar geworden waren. Jeder Spercoide, der für einen wichtigen Posten – Raumschiffkommandant, Anführer von Kampfgruppen, Vertrauter von Sperco selbst – vorgesehen wurde, ging zu Sperco und wurde spercotisiert. Dieser Akt der Unterwerfung, der bei Atlan nicht gewirkt hatte, machte ihn nicht nur zum willenlosen Mitläufer, sondern gleichsam zur rechten Hand des Tyrannen. Eine volle Stunde lang hielt Atlan es noch hier unten aus. Er erlebte mit, wie von den Anzügen ein Strom von Emotionen auf die Pflanzen überging und emotionale Wracks hinterließ. Er wußte, daß die Molche förmlich moralisch mumifiziert wurden. Irgendwann in dieser Nacht flüchtete er zurück in seine Zelle. Etorc, der junge Braise, schien von allem nichts zu merken. Vermutlich schlief er in einem Winkel des unterplanetarischen Dschungels. Atlan brauchte lange, bis er endlich einschlafen konnte. Visionen folterten ihn.
4. Atlan versuchte, alle Eindrücke der vergangenen Nacht zu verdrängen. Körz wußte nichts davon, aber die Sorge um seinen Sohn bedrückte ihn schwer. Die »Kumpel« befanden sich, wie um diese Zeit üblich, in der Halle der Versuche. Atlan deutete auf einen Raumanzug, dessen Aussehen ihm schon jetzt einen Schauder über den Rücken jagte. »Das wird mein nächster Versuch!« sagte er.
22 »Wie geht es Etorc?« fragte Körz flüsternd, als sie das Modell auf das Podest schoben. »Hervorragend. Er fliegt besser und besser. Sein Versteck wurde nicht entdeckt.« Besorgt flüsterte Körz zurück: »Hungert er? Sucht er uns? Was hast du mit ihm vor?« Das Fluggerät bestand aus sieben waagrecht angeordneten Rädern, in die Propeller eingearbeitet waren. Die Achsen wurden von einer langen Kette angetrieben, die ihrerseits umgelenkt war und von einem Pedalmechanismus in Bewegung gesetzt werden mußte. »Er hungert nicht, und ich habe vor, ihn so lange zu verstecken, bis er voll ausgebildet ist.« »Wirklich?« »Du kannst dich auf mich verlassen«, entgegnete Atlan. Der Flugapparat war in schillernden Farben gehalten. Das Gestänge funkelte silbern. Die lange Kette war, ebenso wie jedes einzelne Lager und die Zahnräder, von Atlan und Körz vor wenigen Minuten geölt und gefettet worden. Das Gerät stand auf zwei kleinen, dicken Rädern aus superleichtem Drahtgeflecht und wies hinter dem Seitenleitwerk zwei gebogene Handgriffe auf, die für eine Hilfskraft gedacht waren. Auch mit diesem Gerät war ein Flug unmöglich; das erkannte Atlan bereits jetzt. Bestenfalls konnte er einen mehr oder weniger kontrollierten Absturz herbeiführen. Dieses Gerät sollte durch einen Propeller vorwärts getrieben und von den anderen sechs sollte es, einem Helikopter nicht unähnlich, in der Luft gehalten werden. Es sah unvorstellbar prächtig aus. »Ich glaube, daß Sperco bald einer Flugvorführung beiwohnen will!« sagte Körz etwas lauter. »Er ist herzlich eingeladen«, meinte Atlan und zog seinen Kopf zwischen den gefährlich nahe stehenden Propellern hervor. »Roboter sollen einen Sessel und ein Podest für die Zuschauer errichten. Unterhalb der Fesselfelder!« erklärte der Braise.
Hans Kneifel »Tancai sorgt sich und ist ganz verzweifelt.« »Ich werde mein Bestes geben. Vielleicht nehme ich einen der neu konstruierten Apparate«, sagte der Arkonide und fügte flüsternd hinzu: »Ich werde Tancai, die mir sehr ans Herz gewachsen ist, heute abend trösten.« »Du bist wirklich ein guter Freund!« »Ich habe meine Pläne, Kumpel«, sagte Atlan.
* Sperco glaubte jetzt den Grund seiner Unruhe zu kennen. Zur gewohnten Stunde hatte er die Bildschirme in die Halle der Versuche geschaltet. Er sah den Fremden und den Braisen Körz der Leibgarde, die sich mit dem Flugapparat beschäftigten. Sperco erinnerte sich nicht mehr daran, ob der Konstrukteur dieses farbenprächtigen Gerätes noch lebte oder nicht. Wahrscheinlich hatte er ihn hinrichten lassen. »Ich bin unruhig, weil ich mich noch immer nicht an den Anblick dieses … Fliegenden gewöhnt habe!« stieß der Tyrann hervor. Mindestens zwölfmal hatte er zusehen können, wie Botosc sich mutig mit zerbrechenden Konstruktionen in die Tiefe gestürzt hatte. Einmal hatte der Flug in vollendeter Harmonie fünf Sekunden lang gedauert, andere dauerten länger, waren aber weniger vollkommen. Andere wieder sahen wie Selbstmordversuche aus. Aber allen Versuchen war ein Ende gemeinsam gewesen: Die Flugapparate erreichten den Boden in keinem Fall ohne schwerste Zerstörungen. »Alles Versager!« fauchte Sperco. Sperco wußte, daß seine Empfindungen zwiespältig waren. Er haßte alles, was fliegen konnte. Aber er wollte selbst um jeden Preis fliegen können. Er verbot jedem fliegenden Wesen diese Ausübung seiner Kunst. Für sich selbst tat er alles, was nur irgend möglich war. Er haßte und liebte das Fliegen zugleich.
Der Flugmeister Deswegen spürte er auch jetzt wieder Unruhe und Spannung, als er dem Flugmeister bei den Vorbereitungen zusah. Er beugte sich vor und heftete seine Augen auf den großen Bildschirm. Jede winzige Einzelheit wurde deutlich. Der Flugapparat sah so aus, als könne niemand mit ihm richtig fliegen, auch jener fremdartige Botosc nicht. Der Flugmeister nahm auf dem schmalen Sitz Platz und legte zwei breite Gurte um. Seine Füße lagen auf den Pedalen und steckten in weichen Kappen. Mit den Händen umklammerte Botosc die Griffe der Steuerung. Jetzt probierte er sie aus; einige der räderförmigen Luftschrauben verlagerten ihre Achsen. Es sah alles sehr verwirrend aus. Körz stand hinter dem Flugapparat, der etwa zehn Meter vor der Kante des Podests abgestellt worden war. Jetzt trat der Flugmeister in die Pedale. Die Bewegungen waren noch langsam. Etwas schneller drehten sich die sieben Luftschrauben. Dann wandte der Fremde mehr Kraft auf, die Propeller begannen sich rasend schnell zu drehen. Aber so sehr sich auch der Flugmeister bemühte, das Gerät flog nicht. Dann hob der Fremde die Hand. Ein Signal für den Braisen. Körz wuchtete das Heck des Flugapparats hoch und begann zu rennen. Er schob den Flugapparat auf die Kante des Abflugpodests zu. Noch drei Schritte, noch einen – mit ziemlich starkem Schwung stürzte sich der Apparat schräg nach vorn und trat seinen Flug an. Körz war mit einem Satz an dem Zielgerät, das Sperco selbst hatte installieren lassen. Der Fangstrahl zuckte auf, aber er traf den Flugapparat noch nicht. Keuchend und gierig, das Ende des Fluges zu sehen, vertiefte sich Sperco in die spannenden Bilder dieses Flugversuchs. Die Kombination zwischen einem Wesen, das ohne Flügel fliegen konnte, und diesem flugunfähigen Gerüst voller Luftschrauben müßte eigentlich erfolgreich sein. Was die
23 Maschine nicht schaffte, sollte der Flugmeister hervorbringen! Es sah jedoch nicht nach einem Erfolg aus.
* Atlan wußte schon in dem Augenblick, als der Flugapparat über die Kante kippte, daß der Flug, der keiner sein würde, ein schreckliches Ende nehmen würde. Etwa zehn Meter weit trug der Schwung das summende, rasselnde, knarrende und klirrende Fluggerät. Die Tragflächen entwickelten sogar geringfügige Segeleigenschaften. Mit aller Kraft trat der Arkonide in die Pedale und fühlte, wie die Propeller in ihren Lagern schlugen und hämmerten. Sechs Luftwirbel rissen an der Verspannung, aber sie konnten den Fall nicht aufhalten. »Körz!« schrie Atlan und sah aus dem Augenwinkel den weißen Fangstrahl durch die Halle zucken. Der Flugapparat fiel in einer zunächst noch flachen, dann immer steileren Kurve nach unten. Die Luftschrauben hielten den Fall nicht auf, aber sie dämpften ihn ein wenig ab. Atlan trat in die Pedale, so schnell er es noch konnte. Die Kette, einige fünf Meter lang, klirrte gegen die Zähne der Zahnräder. Schließlich sprang sie von den Zähnen der Hauptantriebskurbel, schmetterte gegen Atlans Schienbein und verhakte sich zwischen den Führungsrollen, dem Gestänge und anderen Teilen. Die Propeller blieben alle ruckartig stehen. Der Fangstrahl des Braisen packte die Konstruktion, als sie zu kippen und zu trudeln begann und senkrecht mit zunehmender Geschwindigkeit abstürzte. Atlan versuchte, die Fußspitzen aus den Pedalsicherungen herauszuziehen und zog die Knie an. Wieder ein provozierter Mißerfolg! rief der Logiksektor. Der Fangstrahl zertrümmerte mit seinem zupackenden energetischen Griff fast das gesamte Oberteil des Apparats. Also sämtliche Schrauben und die vielen Ausleger, die
24 sich wie die Stacheln eines Igels nach oben und nach allen Seiten reckten. Ein ohrenbetäubendes Krachen ertönte, als der Sitz mit einigen Trümmern aus der Konstruktion nach unten fiel. Atlan schaffte es gerade noch, die Gurtschlösser zu öffnen. Dann tauchte er kopfüber in das hellblaue Feld ein und spürte, wie es nachgab, durchsackte und ihn sanft auffing. Es federte wieder hoch. Der Sessel und ein schweres Stück Metall kamen mit unverminderter Geschwindigkeit aus großer Höhe heruntergestürzt. Als Atlan erleichtert die leichte, wiegende Aufwärtsbewegung des rettenden Feldes registrierte, trafen ihn das Metallstück und die Kante des Sitzes. Der Sitz schlug wie ein Hammer auf die Wirbelsäule, das andere Teil traf Atlans Schläfe und betäubte ihn. Langsam schwebte der bewegungslose Körper zu Boden und blieb liegen. Körz hatte alles gesehen. Er versuchte, ebenso schnell wie zweckmäßig und richtig zu handeln. Zunächst ließ er die Trümmer, die sich im Griff des Strahles befanden, an anderer Stelle krachend zu Boden fallen. Dann schaltete er einen Sektor des Feldes und landete Botosc so behutsam wie möglich. Augenblicklich darauf befand er sich im Lift und fuhr nach unten, eilte auf seinen Kumpel zu und sah auf den ersten Blick, daß Botosc zumindest bewußtlos war. Sollte er die Spercoidenärzte rufen? Er schreckte aus zwei Gründen davor zurück. Er hatte ihnen den Tod Etorcs berichtet und fürchtete unangenehme Fragen. Aber der eigentliche Beweggrund war, daß dieser Fremde so ganz verschieden von allen anderen Bewohnern MOACs war. Würden die Ärzte wirklich helfen können? Körz kauerte sich neben dem ausgestreckten Körper nieder und schob seine Arme darunter. Ganz vorsichtig drehte er Botosc auf den Rücken. Die Augen des Fremden waren geschlossen. »He, Kumpel«, flüsterte Körz eindringlich. »Wach auf! Wie kann ich dir helfen?« Er erinnerte sich an bestimmte Handlun-
Hans Kneifel gen, die die Ärzte vorgenommen hatten. Sofort war er auf den Beinen und raste über den federnden Belag davon. Er hatte den Pulsschlag Botoscs gespürt. Also lebte der Flugmeister noch. Das Ziel des Braisen war eine kleine Kammer im unteren Bereich der Halle. Kurz bevor er sie erreichte, dröhnte Spercos Stimme durch den riesigen Hohlraum. »Ist der Flugmeister tot?« Körz blieb wie angewurzelt stehen und rief: »Nein, Herr. Er ist bewußtlos. Ich versuche, ihn wieder zu wecken!« »Ich sehe jede Bewegung. Bringe ihn wieder auf die Beine. In zwei Tagen werde ich persönlich der nächsten Vorführung beiwohnen.« »Dein Befehl wird ausgeführt, Herr!« rief Körz. »Ich bin sicher.« Körz holte Tücher und Wasser und einige einfache Arzneimittel, die er kannte. Er rannte wieder zurück und wischte das Gesicht, die Innenseite der Arme und die Brust des Fremden mit dem feuchten Tuch ab. Dann hielt er ihm eine stark riechende Flüssigkeit an die Nase. Die Augenlider hoben und senkten sich zitternd. Körz nahm eine andere Flasche und öffnete mit sanfter Gewalt die Kiefer des Flugmeisters. Einen großen Schluck goß Körz zwischen die Lippen, und diese Therapie schien zu helfen. Botosc öffnete die Augen, dann schluckte er keuchend und schließlich richtete er sich auf. Sofort stützte Körz den Oberkörper und fragte: »Was ist los, Kumpel?« Der schwere Körper bebte unter einem Hustenanfall. Immer wieder ächzte Botosc unter Schmerzen auf. Schließlich brachte er stückweise hervor: »Es tut verdammt weh. Der verfluchte Apparat … hat mich hier getroffen.« Langsam beruhigte er sich. Dann nahm er Körz das nasse Tuch aus den Klauen und wischte sich mehrmals Gesicht und Brust ab. Körz stand auf und hielt seinem Freund
Der Flugmeister die Klauenhand entgegen. »Kannst du aufstehen?« fragte er besorgt. »Ich werde es versuchen. Was war das für ein Teufelszeug?« meinte der Flugmeister und richtete sich mit Hilfe des Braisen mühsam auf. Als er stand und einige Schritte versuchte, knickte er ächzend zusammen und legte die Hand an eine Stelle des Rückens. »Hier! Da ist es besonders schlimm.« Unter dem weißen Haar des Fremden lief ein schmaler Blutfaden herunter, über die Schläfe und weiter über die Wange. Körz bückte sich und reichte Botosc die Flasche. »Es hilft?« fragte er neugierig. Die Erleichterung, daß Atlan nicht tot war, sprach aus jeder einzelnen Geste. »Es ist hochprozentiger Alkohol«, erklärte der Flugmeister leise und trank ein Drittel des Flascheninhalts in einem einzigen Zug aus. Vor ehrlicher Verwunderung traten die Augen des Braisen aus den Höhlen. Er zwinkerte verwirrt. »Und Alkohol hilft immer. Gegen einen schmerzenden Schädel ebenso wie gegen eine ausgerenkte Wirbelsäule!« sagte der Flugmeister. Körz verstand nicht sehr viel von dem, was er meinte. Aber er freute sich, daß der Fremde sich nicht brüllend am Boden wälzte wie ein erkrankter Braise. »Deine Körperflüssigkeit rinnt an dir herab«, meinte Körz und nahm dem Fremden das Tuch aus den Fingern. »Das kann passieren. Viel?« Der Braise tupfte das Blut von Atlans Gesicht. Der Fremde zuckte zusammen. Dann versuchte er wieder, vorwärts zu gehen, hörte aber nach zwei Schritten wieder auf und krümmte sich nach vorn. »Ich will dir helfen. Brauchst du einen Spercoidenarzt?« erkundigte sich Körz leise. Botosc starrte ihn entgeistert an und erwiderte mit deutlichem Grimm: »Alles andere kann ich brauchen. Nur keines dieser gespenstischen Wesen in den Anzügen. Ich werde mich selbst heilen können, denke ich.«
25 Körz fragte mehr erschrocken als verwundert: »Du kannst dich selbst heilen? Das hast du nicht ernst gemeint!« Der Flugmeister erwiderte wegwerfend: »Vermutlich schon. Warten wir es ab. Jedenfalls muß ich mich jetzt hinlegen. Sonst sehen wir uns morgen unter den drei Bäumen wieder, neben Etorc!« Er hoffte, daß der Zellschwingungsaktivator, der in seinem Körper verborgen war, wie bisher seinen Dienst tun würde. Die Kopfverletzung schmerzte stark, stellte aber kein größeres Problem dar. Sein Schädel dröhnte, und ausnahmsweise schwieg auch der Logiksektor. Aber diese stechenden Schmerzen, die bei jedem Schritt durch seinen Körper fuhren … sie mußten erst abklingen. Atlan legte das kalte Tuch wieder gegen die Stirn und fragte schließlich, ein wenig betrunken von dem großen Schluck Alkohol: »Muß ich den langen Weg bis zu meiner Zelle laufen? Das überlebt niemand. Nicht einmal ein Flugmeister.« »Nein«, sagte Körz. »Für solche Zwischenfälle gibt es Roboter. Sie werden dich tragen. Lege dich hin, strecke dich aus. Ich besorge den Rest.« »Gut. Danke.« Atlan ließ sich von Körz helfen, setzte sich unter erheblichen Schmerzen und streckte sich dann aus. Als er die beste Lage herausgefunden hatte, ließen die Schmerzen zwischen Brust und Gürtelgegend nach. Der Arkonide spürte kalten Schweiß auf seiner Haut und fragte sich, wie lange es dauern würde, bis er sich wieder einigermaßen richtig bewegen konnte. Wieder rannte Körz in beträchtlicher Eile davon. Als er die Halle verlassen hatte und Atlan die Augen schloß und fühlte, wie sich sein Körper in der unbequemen Haltung mehr und mehr verkrampfte, hörte er ein lautes Knacken. Er begriff, noch bevor das erste Wort ertönte. »Sperco spricht, Flugmeister. Ich bin miß-
26 trauisch.« Die beste Gelegenheit, dachte Atlan, die Empfindlichkeit der technischen Ausrüstung kennenzulernen. Er sagte ziemlich leise: »Ich bin fast in zwei Teile zerbrochen, Herr. Alle deine Flugapparate verdienen nicht einmal dem Aussehen nach diese Bezeichnung. Sie sind alle zertrümmert, wie ich.« Spercos Stimme dröhnte widerhallend durch das Gebäude. »Du wirst übermorgen einen weiteren Versuch unternehmen. Ich sehe zu.« »Du siehst alles auf deinen Bildschirmen, Herr«, wagte Atlan einzuwerfen. »Wozu willst du dich am Versagen der Konstruktionen weiden?« »Weil ich nicht so sehr den Konstruktionen mißtraue, sondern dir, Diener.« »Mißtrauen ist stets angebracht, Herr«, sagte Atlan und wußte, daß selbst geflüsterte Worte von Spercos höchstempfindlichen Richtmikrophonen aufgefangen wurden. »Aber warum in meinem Fall?« »Weil du mir bewiesen hast, daß du ohne Geräte fliegen kannst.« Atlan schätzte, daß Sperco ihn provozieren wollte. Er konnte nicht so wenig intelligent sein, seine schon vor vielen Tagen gemachten Einwände nicht zu beachten. Er hatte ihm doch deutlich zu verstehen gegeben, daß seine angebliche Flugfähigkeit keine normale, jederzeit anwendbare Sache war. Also antwortete er langsam und nachdenklich, jedes Wort sorgfältig abwägend: »Herr! Ich sagte dir die Wahrheit! Ich kann fliegen und kann es nicht. Ich konnte es, ohne zu wissen, wie ich es vermochte, als ich in unmittelbarer Lebensgefahr war. Jetzt aber weiß ich, daß mich federnde Sicherheitsfelder auffangen, und daß mein Sturz dank der verminderten Geschwindigkeit nicht tödlich war.« »Das alles«, donnerte Sperco, »interessiert mich nicht. Du bist auf dem Weg aller Versager.« »Die Wahrheit«, beeilte sich Atlan zu erklären, »richtet sich nicht nach Interesse, o
Hans Kneifel Herr. Diese Weisheit ist nicht meine Weisheit. Trotzdem ist es so. Ich gehorche deinen Befehlen gern, aber ich kann keine Wunder wirken. Aber meine Fähigkeit wiederholte sich nicht. Ich bin sicher, daß ich wieder fliegen kann, wenn es um mein Leben geht.« Spercos Antwort hatte Atlan erwarten müssen. Sie war der reine Zynismus des Diktators. »Es wird in zwei Tagen um dein Leben gehen, Flugmeister. Bereite dich darauf vor. Beweise mir, wie man fliegen kann.« Atlan bewegte sich, der Schmerz lähmte ihn fast, aber er brachte noch eine Antwort fertig. »Dies werde ich dir, o Herr, auf Loors beweisen können. Komme mit mir dorthin, und alle Fragen werden beantwortet werden.« Während Körz mit vier Robotern in die Halle stürmte, schloß Sperco: »Die wichtigsten Fragen werden in zwei Tagen beantwortet, Flugmeister!« Trotz der fremden Sprache klang dieser Satz eindeutig sarkastisch, fand Atlan. Sperco schaltete die Lautsprecher ab. Atlan hörte schwere Schritte und wandte den Kopf. Vier Roboter, die eine einfache Bahre trugen, hielten neben ihm an. Körz gab einen Befehl, die Roboter hoben den Arkoniden vorsichtig hoch und legten ihn auf die federnde Platte. »Schmerzt es noch immer?« fragte Körz besorgt. »Nicht mehr so stark. Vielleicht kann ich mich morgen wieder bewegen«, sagte Atlan und dachte an Etorc und an die SpercoidenZuchtfarm. »Folgt mir!« sagte Körz zu den Robotern. Sie brachten Atlan auf den bekannten Wegen zu seiner Wohnzelle. Er blieb mit geschlossenen Augen liegen und überlegte. Falls seine Wirbelsäule wirklich verletzt gewesen wäre, hätte er sich in der Halle nicht einmal aufrichten können. Sperco hatte reagiert! Mit einer ähnlichen Reaktion hatte Atlan stets gerechnet, aber daß sie so bald eintrat, überraschte ihn etwas. Nun wurde er
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gezwungen, zu handeln. Er ließ sich von den Robotern auf seine Pritsche legen und wartete, bis Körz die Maschinen weggeschickt hatte. »Übermorgen also findet das große Ereignis statt«, sagte Atlan müde. »Sperco wird mit allen Leibwachen und Robotern kommen und zusehen, wie du fliegst«, erklärte der Braise. »Aber ohne Flugmaschine.« »Wir werden uns etwas einfallen lassen«, meinte der Arkonide. Wenn Sperco zu fassen war, dann nur mit einem geschickten psychologischen Schlag. Genau darauf hatte Atlan hingearbeitet, seit er die ersten Möglichkeiten dazu gesehen hatte. »Wer ist ›wir‹?« fragte der Braise. Er bezog es wohl auf sich. »Die Flugmaschinen und ich«, wich Atlan aus. »Würdest du mir später etwas zu essen bringen?« »Selbstverständlich. Bleibe liegen und erhole dich, Kumpel!« Körz hob grüßend die Klauenhand und verließ den Raum.
* Der schräge Balken des Mondlichts erreichte das Fußende der Liege. Vor rund zwei Stunden hatte der Arkonide das raschelnde Geräusch gehört, mit dem sich das Wurzelwesen über die Treppe bewegte. Langsam und sehr vorsichtig stand Atlan auf, hielt sich fest und hütete sich, falsche Bewegungen zu machen. Es war ihm einigermaßen geglückt, die Verrenkung oder Verstauchung zu besiegen, wobei ihm der Zellschwingungsaktivator entscheidend geholfen hatte. »Vielleicht hat Sperco sein ganzes Leben lang solche Schmerzen aushalten müssen«, murmelte Atlan. »Das würde vieles erklären.« Gebückt schlich Atlan aus seiner Zelle und humpelte vorsichtig bis zum Lift, der zu den Pflanzen hinunterfuhr. Nichts hatte sich hier verändert; das helle Licht, die Geschäf-
tigkeit der Wurzelwesen, die wunderschönen exotischen Blumen und sowohl der Geruch als auch die Strahlung. Atlan wünschte sich, daß die Pflanzen auch seine Schmerzen beseitigen würden, aber er spürte keine Linderung. »Etorc!« rief er leise. Mit einem leisen Stöhnen setzte er sich und wartete auf den jungen Braisen. Sofort flog Etorc heran. Er faltete die Schwingen zusammen und sank vor Atlan aus den Zweigen herunter. »Fliegen gut, Kumpel?« fragte Atlan und lächelte mühsam. Der Braise war noch immer voller Begeisterung und Vertrauen. »Ganz gut. Wie geht's?« »Wir ziehen um!« sagte der Arkonide. »In einen anderen Raum.« »Wann? Gleich?« »Nein. Morgen. Du hast gesammelt?« »Ja. Ganz viel!« Natürlich war Atlan nicht hundertprozentig sicher, ob auch der Nektar dieser Pflanzen ihn unsichtbar machen würde wie derjenige von Karoque. Ein Versuch war ungefährlich. Wieder sah er voller Bewunderung, wie Etorc einen kurzen Anlauf nahm, die Flügel ausbreitete und mühelos startete. Er vollführte, sicher nur um Atlan seine Kunst zeigen zu wollen, einen schnellen Slalom zwischen Stämmen und Ästen und landete auf der Kabine. Sofort kam er auf ähnlich kunstvolle Weise wieder zurück und stellte den fast vollen Behälter auf Atlans Knie. »Danke«, sagte Atlan und roch an der gelben Flüssigkeit. Sie war flüssig wie verdünnter Honig, und der Nektar roch noch betäubender als die Blüten selbst. »Wann holen?« Atlans Finger beschrieben eine kreisende Bewegung. »Morgen. Gleiche Zeit. Ich hole dich ab.« »Ich viel freuen. Viel fliegen. Immer stärker.« »Das habe ich gesehen, mein Kleiner. Sperco wird auf seine Weise hingerissen sein. Morgen, Kumpel!« »Morgen!«
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Hans Kneifel
Atlan stand auf, wartete auf den nächsten Schmerzanfall und war erstaunt, daß er ausblieb. Er nahm die Büchse und versuchte, gerade zu gehen. Er lachte kurz, weil auf irgendeine Weise wirklich sein Wunsch in Erfüllung gegangen war. Er machte sich allerdings keine Gedanken darüber, wie es passiert war. Er ging langsam durch die kühle Dunkelheit.
* Wie konnte er testen, ob er unsichtbar wurde oder nicht? Diese Frage überfiel Atlan, als er aufwachte. Ihm fiel nur Körz ein, denn alles andere würde gefährlich sein. Er nahm einen mittelgroßen Schluck etwa eine halbe Stunde vor dem Zeitpunkt, an dem ihn der Braise abholen würde. Wenn Körz ihn vorfand, wußte er, daß der Nektar nicht gewirkt hatte. Bewirkte der konzentrierte Pflanzensaft, daß andere Wesen Atlan nicht wahrnehmen konnten, dann würde Körz annehmen, Atlan sei bereits in der Halle oder der Werkstatt. Atlan machte sich bereit und wartete. An sich selbst nahm er keinerlei Veränderungen wahr, abgesehen davon, daß sein Rücken kaum noch schmerzte. Er konnte sich fast ungehindert bewegen. Als er schließlich Schritte hörte, schlich er aus der Zelle und blieb in, wie er hoffte, unverdächtiger Haltung neben dem Eingang stehen, so weit von der Tür entfernt, daß er mit Körz nicht zusammenstoßen konnte. Der Braise stieg die Treppen hinauf, bog ab und kam auf den kleinen Erker vor Atlans Zelle. Körz öffnete die Tür, ohne auch nur in Atlans Richtung geblickt zu haben. Der Arkonide begriff, daß der Nektar tatsächlich auch hier und jetzt wirkte. Er hielt sich zurück, um nicht vor Vergnügen laut aufzulachen. »Botosc«, hörte Atlan den Braisen rufen. »Ich soll von Tancai …« Er brach ab und schien sich in der Zelle und den Nebenräumen umzusehen. Er kam wieder heraus und murmelte etwas Unverständliches.
Atlan stand grinsend da und sah zu, wie der ratlose Braise noch einmal in die Zelle zurückging, wieder herauskam und dann genau das tat, was Atlan sich ausgerechnet hatte. Er ging in die Richtung, die sie zusammen jeden Morgen einschlugen. Atlan folgte ihm so leise wie möglich. Einmal sah er neben sich seinen Schatten und fragte sich, wie es damit stand – würde der Nektar auch den Schatten verbergen? Das Problem löste sich, als Atlan zwanzig Meter hinter Körz in die Korridore und Kavernen hineinging und der Schatten kaum mehr zu erkennen war. Körz vermutete ihn in der Werkstatt, ganz ohne Zweifel. Atlan erinnerte sich genau daran, daß die Wirkung des Nektars ziemlich schnell abnahm. Er hielt die lebenswichtige Dose in der Hand und wollte sie in der Werkstatt verstecken. Da niemand mit einem solchen Trick auch nur im entferntesten rechnete, würde er sicher damit durchkommen. Körz ging in die Werkstatt, rief nach Botosc und fand ihn nicht, kam abermals dicht an Atlan vorbei und fuhr mit dem Lift zum Hallenboden. Sofort huschte Atlan in die Werkstatt und stellte die Dose in einen Schrank. Er vermied jeden Lärm und betrachtete seine letzte Fluchtchance, nämlich das fertig montierte Antigravgerät. Atlan blieb vor einer langen Werkbank stehen und sah nach draußen. Dort stand das andere Modell, das er verbessert hatte; ein übermechanisiertes Flugmodell mit beweglichen Schwingen, in das er ebenfalls Antischwerkraftprojektoren eingebaut hatte. Damit würde selbst Sperco leicht fliegen können. Noch rund vierundzwanzig Stunden, dann war die Entscheidung da. Atlan wartete ungeduldig, ging langsam hin und her und hörte undeutlich, wie Körz in der Halle nach ihm rief. Es dauerte nicht lange, dann kam der Braise wieder herauf. Atlan beobachtete ganz genau seine Augen. Sie irrten zunächst hin und her, dann hefte-
Der Flugmeister ten sie sich im richtigen Augenblick auf ihn. »Hier bist du. Ich habe dich in der Zelle abholen wollen, aber du warst nicht da.« »Ich bin früher gegangen«, erklärte Atlan und wußte jetzt, wie lange ihn dieser mittelgroße Schluck unsichtbar gemacht hatte. »Ich war im Nebenraum.« Er deutete nach hinten. »Alles klar«, erwiderte Körz, offensichtlich erleichtert. »Ich sehe, dir geht es wieder gut.« »Leidlich. Ich werde dieses Modell testen.« »Dann mußt du gesund sein!« Atlan ließ sich Zeit, während ihm Körz half. Er schlüpfte in die röhrenförmigen Stücke der Haltesysteme, testete die Schalter und bewegte prüfend die Schwingen. Der fächerförmige Schwanz spreizte sich und zog sich wieder zusammen. Atlan sah zu, wie Körz wieder die verschiedenen Auffangfelder einschaltete und justierte. Dann drehte sich der Braise halb herum und sagte: »Morgen werden die Felder nicht eingeschaltet! Spercos Befehl.« »Ich dachte es mir.« »Aber heute wird dir nichts passieren. Ich halte den Fangstrahl eingeschaltet.« »Auch das dachte ich.« Atlan regulierte die Antigravprojektoren ein, ließ sich langsam nach vorn fallen und begann zu segeln. Die Schwingen und der Schwanz hatten jetzt nur noch Steuerfunktionen, die Projektoren hielten Atlans Körper leicht in der Luft. Atlan segelte vorsichtig in die erste Kurve, sank etwas, ließ sich wieder hochsteigen und wurde kühner und fühlte sich besser, je länger er flog. Mit Sicherheit beobachtete ihn Sperco. Der Tyrann sollte gereizt werden, sollte den nächsten Tag gleichzeitig herbeisehnen und verfluchen. Dann würde Atlans Plan aufgehen. Er flog mindestens zwanzig Minuten lang und vollführte schließlich ausgesprochen artistische Flugfiguren. Diese Kombination arbeitete hervorragend; modernste Technik und archaische Anwendung von biegsamen Rohren und dünner Verspannung wirkten
29 perfekt zusammen. Endlich landete Atlan und kam klar auf die Füße. Er schälte sich selbst aus den Haltegurten und sah Körz auf sich zulaufen. »Du fliegst herrlich, Kumpel.« »Nicht so gut wie dein Sohn«, flüsterte Atlan so leise dicht neben dem Vogelohr des Braisen, daß es Sperco garantiert nicht hören konnte. »Und?« Atlan machte das Zeichen, das sie auch während der Flugversuche verwendeten und das soviel wie in Ordnung bedeutete. »Wir schaffen den Apparat wieder nach oben. Vielleicht wünscht Sperco morgen auch damit eine Vorführung«, ordnete Atlan an. »Dazu gibt es Roboter.« »Ich rufe sie.« Der Rest des Tages und die Zeit bis zur entscheidenden Stunde vergingen ohne besondere Vorkommnisse. Atlan bastelte in der Werkstatt, besuchte Tancai und Körz in deren Heim, holte spät nachts den jungen Braisen aus dem Versteck und brachte ihn in die Werkstatt. Er schärfte ihm ein, sich nicht aus diesem Schrank zu entfernen und ließ genügend Nahrungsmittel zurück. Dann schlief Atlan einige Stunden und wurde von Körz wieder abgeholt. Sperco wartete bereits auf ihn.
5. An einer Wand der Halle, gegenüber dem Absprungpodest, hatten die Roboter eine Plattform aufgebaut, die verschiedene Ebenen aufwies. Auf der höchsten, die nur einem riesigen Sessel Platz bot, war Sperco zu sehen, der in diesem dick gepolsterten Möbel kauerte. Unter ihm standen drei Reihen bewaffneter Braisen der Leibwache, darunter mindestens zweihundert Spercoiden in Anzügen. Eine Doppelreihe Roboter mit waffenstarrenden Armen umgaben das Viereck. Sämtliche Scheinwerfer waren eingeschaltet. Sperco glaubte, so viele Vorführungen gesehen zu haben, daß er auf die persönliche
30 Konfrontation mit dem wahren Fliegen vorbereitet war. Atlan ging auf der obersten Rampe entlang und blickte hinunter. Sperco wirkte winzig klein wie auch seine Umgebung. Atlans Nerven waren bis zum Zerreißen gespannt. »Du wirst uns jetzt zeigen, Flugmeister, wie das wahre Fliegen ist!« dröhnte Spercos Stimme auf. »Sofort, Herr«, sagte Atlan laut und ging weiter. »Ich werde nur noch die Kraft anrufen, die mir hilft.« »Ich werde ungeduldig«, schrie Sperco. Atlan ging weiter, sah den Schrecken in den Augen seines Leibwächters und bedeutete Körz, im Eingang der Werkstatt stehenzubleiben. Atlan öffnete die Tür des Schrankes und sagte leise, als ihm Etorc aufgeregt entgegensprang: »Etorc! Dort ist dein Vater. Du sollst jetzt fliegen und alles zeigen, was du kannst. Und dann, am Ende, landest du in dem großen schwarzen Sessel ganz unten auf dem Boden der Halle. Verstanden, Kumpel?« »Verstanden Kumpel.« Körz blieb wie angewurzelt stehen, als er sehen mußte, wie Etorc nach drei Sprüngen in der Luft war und dreimal im engen Kreis um Körz' Kopf flog, dann in die Halle hinausschoß und elegant über den rechten Flügel kippte. Atlan hob den Sessel mit den Flugaggregaten von den Böcken und trug ihn hinterher, stellte ihn auf der Rampe ab. Dann hörte er vom Boden der Halle eine Vielfalt verschiedener Geräusche: Summen, einzelne Schreie, Gespräche und Klappern. Er lief schnell zurück, holte die Dose mit dem Nektar und blieb dann, nachdem ihm auch Körz gefolgt war, an der Kante des Podests stehen. »Ich will, daß der Flugmeister …«, schrie Sperco, aber beendete den Satz nicht mehr. Alle starrten Etorc an. Noch konnten sie nicht deutlich erkennen, was dort in zweihundert Metern Höhe wirklich flog. Aber jeder sah, daß keine Maschine und auch nicht der Flugmeister flog, son-
Hans Kneifel dern ein anderes lebendes Wesen. Die braisische Wache sah zuerst, was geschehen war. »Mein Sohn!« fauchte Körz hingerissen. Er sah dem immer kleiner werdenden jungen Braisen fasziniert nach. Und Etorc zeigte, was er zwischen den Blütenzweigen gelernt hatte – es war nichts anderes als die Kunst des Fluges, die jeder Braise einst beherrscht hatte. »So ist einst jeder geflogen. Jeder Braise! Bevor dieser Krüppel dort euch die Flügel abgeschnitten hat.« Atlan sagte es absichtlich laut. Ob Sperco die Worte hörte, war jetzt unwichtig. Atlan versuchte, die Reaktionen Spercos zu erkennen, aber es war eine zu große Entfernung. Etorc hatte etwa die Hälfte des Höhenunterschieds zurückgelegt und entfaltete alle seine fliegerischen Künste. Die Spercoiden standen dort unten und rührten sich nicht. Die Roboter blieben unbeweglich. Nur die Braisen waren unruhig geworden. Aber alle blickten in die Höhe und sahen diesem einmaligen Beispiel von Eleganz und fliegerischem Können zu. Und schließlich, als Atlan den Flugapparat neben sich stehen hatte und die Nektarbüchse öffnete, machte Etorc eine Abwärtsspirale, berührte mit seiner Brust fast den Boden und schoß dann dicht über dem Belag auf die Gruppe zu, schwang sich über die Köpfe der Wachen und bremste mit einem Kolibri-Manöver direkt vor Sperco ab. Mit einem weichen Schwung landete er direkt vor Sperco und stützte sich auf den breiten Sesselrand. Sperco, bemerkte Atlan zu seiner Freude, schien sich vor dem Braisen zu Tode zu fürchten.
* Sperco wußte zuerst nicht, was sich von dort oben stürzend näherte. Dann begriff er während langer Sekunden, daß es ein junger Braise war. Und je näher das Fledermauswesen mit den schillernden Flügeln kam, je
Der Flugmeister länger es seine vollkommenen Flugkünste demonstrierte, desto mehr wanderte Spercos Erinnerung zurück. Dort war er! Dort nahte sich in Racheabsicht sein Bruder. Der Bruder, den er selbst getötet hatte. Mörder! »Nein!« krächzte Sperco. »Du bist nicht Öpner. Ich habe dich nicht getötet! Nein. Öpner, neeiiinn!« Er rutschte in der schwarzen Sitzschale hin und her und versuchte, seinen Vorstellungen zu entkommen. Aber unerbittlich näherte sich der fliegende Rächer und zielte mit den Krallen auf ihn. Die unendliche Leichtigkeit und Sicherheit, mit der sein Bruder stets geflogen war, ließ ihn verzweifeln. Trotzdem konnte er seinen Blick nicht davon losreißen. Niemals war er jemals so geflogen! Niemals war er geflogen! Er war und blieb der Krüppel. »Öpner! Verschwinde! Es gibt dich nicht! Du bist es nicht!« schrie Sperco. Seine Schreie hallten durch das Bauwerk. Er war hilflos. Immer deutlicher sah er Öpner herankommen und niederschweben. Der Mord an seinem Bruder tauchte wieder und immer wieder in seinen gepeinigten Vorstellungen auf. Er konnte die Gedanken nicht verdrängen. Der volle Blick Öpners traf ihn, als der Braise dicht über ihm hinwegflog und dann eine Spirale einleitete. »Geh weg, Öpner!« winselte er in lähmender Angst. Ohne daß er es merkte, waren gleich ihm sowohl die Spercoiden als auch die Braisen von einer unerklärlichen Spannung ergriffen. Archaische, längst vergessen geglaubte Regungen und Empfindungen brachen wie eine lautlose Sturmflut über die Squoonernachfahren und die amputierten Braisen aller Generationen herein. Sie erinnerten sich nicht bewußt, aber sie empfanden etwas, das sie förmlich lähmte. Der Braise huschte dicht über den Boden, überwand die lebende Mauer vor Sperco und hing plötzlich mit langsam schlagenden Schwingen genau über Sperco. Der Tyrann
31 winselte und fauchte vor Haß, Furcht und Verzweiflung abermals: »Geh weg, Öpner. Nein, berühre mich nicht …« Der Braise lachte ihn förmlich an. Für Sperco hatte dieses Lachen eine furchtbare Bedeutung. Er erschrak zu Tode, als sich Öpner dicht vor ihn an den Sessel setzte und damit begann, die Hände des Tyrannen fassen zu wollen. Wie ein Insekt krümmte sich Sperco und schien über den oberen Rand des Sessels klettern zu wollen. Nur weg von diesem … Noch immer verharrten alle Spercoiden und Braisen wie versteinert. Alle, die diese Flugvorführung gesehen hatten. Da die Aufnahmegeräte hierher geschaltet und viele Bildschirme in allen Teilen des Riesenschlosses MOAC von Sperco aktiviert worden waren, sahen es wohl die meisten Braisen und nahezu alle Spercoiden MOACs.
* Als Etorc seine letzte Spirale flog, trank Atlan einen tiefen Schluck Nektar, schloß die Büchse und schob sie in den Gürtel. Dann trat er neben den bewegungslosen Braisen Körz und zog dessen Waffe aus der Schutztasche. Körz bemerkte es nicht. Atlan trat drei Schritte zurück, setzte sich in den Flugapparat und schloß den Haltegurt. Fast lautlos, nur leise summend, erhob sich das Gerät. Atlan steuerte es in flachem Winkel auf das zerbrochene Fenster und hielt kurz an, ehe er die Halle verließ. Noch immer befand sich alles in totaler Erstarrung. Atlan lachte leise. Er wußte nicht, aus welchem Grund sich Sperco derartig gefürchtet hatte, aber was er erwartet hatte, war eingetreten. Totale Verwirrung, Erstarrung, vermutlich beginnende Revolte. Als er durch die gezackte Öffnung hindurchsteuerte, merkte er noch etwas. Das Gefühl, das von den Pflanzen ausging, wur-
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Hans Kneifel
de stärker. Es war geradezu leidenschaftlich und drängend. Dieselben Gefühle, wie er sie kannte und auch richtig wiedererkannte, nahmen zu und steigerten sich in nie geahntem Maß. Es war wie eine einzige, langanhaltende Entladung der gespeicherten positiven Kräfte aller Spercoiden. Wie eine Flut wälzte sich diese Positiv-Kraft durch ganz MOAC. Es war eine lautlose Musik, rauschhafte, unhörbare Takte, Empfindungen der Wahrheit und Echtheit, ein verwirrendes Spektrum aller denkbarer positiven Emotionen, das auch der Arkonide voll empfing. Er steuerte in mehreren Schleifen über die Säulen und Kuppeln der Stadt hinunter zum Lift. Atlan schwebte hinein und verließ den Lift ebenfalls schwebend, als er in der Hydroponikhalle war. Hier war er mitten in dem Inferno. Aber es war ein gutartiges, überwältigendes Inferno. Die Pflanzen bebten und zitterten wie im Fieber, wie unter Sturmstößen, die gleichzeitig aus allen Richtungen hereinbrachen. Der Nektargeruch war stechend, und unentwegt regnete es Blütenblätter. Zunächst war er hier sicher. Atlan schaltete ein paar Sonnenlampen ein und verbarg sich schließlich in der Astgabel eines der stärksten Gewächse. Er begann zu ahnen, daß weit über ihm jetzt entscheidende Dinge vorfielen.
* Die Pflanzen, seit undenklichen Zeiten von der tyrannischen Zuchtweise Spercos ausgenutzt und manipuliert, schienen sich mit dem Fremden und dessen Absichten verständigt zu haben. Aber das erschien jedem, der in MOAC noch klar denken konnte, mehr als unwahrscheinlich. Eine geheime Absprache zwischen Pflanzen und Flugmeister hätte vorausgesetzt, daß beide miteinander hätten »sprechen« können. Das war unmöglich, niemand vermochte es. Aber alle emotionalen Kräfte, die von den Pflanzen im Lauf der Generationen angesammelt worden
waren, tobten sich in MOAC aus. Die Folgen waren in diesen Augenblicken noch nicht abzusehen.
* Der Druck der Angst wich von Sperco. Verwirrt blickte er um sich. Weder die Braisenwache noch die Spercoiden oder die Roboter bewegten sich. Der junge Braise – es war nicht Öpner! – hockte noch immer vor ihm und lachte ihn ausgesprochen herausfordernd an. Mühsam und unter Anspannung aller seiner Kräfte beruhigte sich Sperco. Die Erinnerung an den Haß gegen den Bruder und den Mord verblaßte langsam. Sperco streckte die zitternden Hände aus und berührte den Kopf des Braisen. Auf alle Fälle würde jetzt dieser spercotisierte Sklave keine Eigenmächtigkeiten mehr versuchen. »Wer bist du?« fragte Sperco lauernd. »Etorc. Kind von Körz und Tancai. Gut geflogen, Kumpel, wie?« Sperco nahm seine Hände zurück. In ohnmächtiger Wut brüllte er: »Braisen! Nehmt Körz und Tancai sofort gefangen. Jagt diesem Botosc nach! Werft auch den jungen Braisen ins Gefängnis!« Niemand rührte sich. Die Braisen blickten ihren Artgenossen hingerissen an und waren in ihren Erinnerungen versunken. Sie befanden sich in einer Art Trance. Jedenfalls tat keiner von ihnen etwas. Sie waren unfähig, zu gehorchen. Sie hatten den Befehl gehört, aber nicht verstanden. Das Wunder des Fliegens hatte sie starr werden lassen. Sperco begriff nicht, was über sie gekommen war, aber er begriff, daß die Braisen für absehbare Zeit ausgeschaltet waren. »Spercoiden!« schrie der Tyrann wieder. Der Braise vor ihm entfaltete seine Flügel, machte einen weiten Satz und schwang sich in die Luft. Etorc flog zu Körz hinauf, zu seinem Vater, der ebenfalls starr und gelähmt dastand und ihm entgegensah. »Spercoiden! Nehmt die Braisen gefangen! Alle! Werft sie in die Zellen!« donnerte die Stimme des Tyrannen durch ganz
Der Flugmeister MOAC. Aber auch die Spercoiden – jeder von ihnen war von ihm persönlich spercotisiert worden – bewegten sich nicht. Sperco selbst spürte, daß sich einiges verändert hatte. Eine ungesunde Stimmung herrschte hier. Ihm kam es wie eine Lähmung vor, die von einer unsichtbaren Quelle ausgestrahlt wurde. Die Wesen in ihren dunklen, schweren Anzügen waren in eine zwiespältige Empfindungswelt geschleudert worden. Einerseits bestand ihre Loyalität zu Sperco unverändert weiter. Sie konnten sich dem Einfluß der Spercotisierung nicht entziehen. Jeder von ihnen hatte die Berührung des Tyrannen gespürt, die sie zu bedingungslos gehorchenden Dienern machte, die für ihn arbeiteten und starben. Aber der Schwall von Emotionen, der über die bleichen Wesen in den Anzügen hereinbrach, löste Reaktionen aus. Die Squooner-Nachkommen wußten nicht, was mit ihnen geschah. Sie merkten, daß ihnen Emotionen und Gefühle zurückgegeben wurden, die sie verloren hatten. Bisher waren sie Wesen, die wie Roboter handelten. Jetzt veränderten sie sich auf einen Punkt zu, der sie zu echten Lebewesen machte. Sie bestanden nicht mehr länger nur aus negativen, sondern zunehmend auch aus positiven Komponenten geistig-seelischer Art. Die Gefühle kehrten zurück, die Wünsche wurden stärker. Ein Chaos des Verstandes lähmte einen jeden Spercoiden innerhalb MOACs. Diese Wesen wurden in eine nicht vorstellbare schizophrene Situation gestürzt. Sie schwankten zwischen Loyalität und Gehorsamspflicht auf der einen und dem Hang zur persönlichen Freiheit auf der anderen Seite. Das Dilemma war nicht zu lösen und machte die Spercoiden handlungsunfähig. Zunächst erschrak Sperco darüber, daß die Braisen ihm nicht sofort gehorchten. Jetzt saß der Schrecken tiefer. Auch die Spercoiden waren nicht in der Lage, sich zu bewegen. Der Tyrann sprang aus der Sitz-
33 schale und drängte sich zwischen Braisen und Spercoiden hinunter zu seinen Robotern. »Roboter! Vortreten!« schrie er aufgeregt. Die erwartete Krise war da. Aber er würde auch sie meistern. Die Roboter gehorchten! Sie bildeten eine neue Formation um den Tyrannen. Sperco fuchtelte mit den Händen und Armen vor ihnen herum und brüllte seine Befehle. »Alle Roboter sollen sofort die Braisen einfangen und einsperren. Ein Kommando der bestausgerüsteten Roboter macht Jagd auf Botosc, den Flugmeister.« Sofort marschierte eine Abteilung der Maschinen auf den nächstgelegenen Ausgang zu. Der Tyrann überlegte kurz, dann donnerte seine Stimme abermals auf. »Ich muß sofort zurück in den Thronsaal. Bringt mich dorthin.« Sofort packten vier Roboter, nachdem sie sich rücksichtslos durch die Reihen der betäubt dastehenden Spercoiden und Braisen einen Weg gebahnt hatten, den schalenförmigen Sessel. Sperco ließ sich hineinheben und deutete auf die Gestalten, die auf dem Postament standen. »Fangt gleich damit an. Packt sie!« Diesmal brauchte sich Sperco nicht zu fragen, ob seine Befehle beachtet wurden. Er sah die Roboter bereits im Einsatz, als er die Halle der Versuche verließ. Was war eigentlich geschehen? Auf dem Weg zum Thronsaal, also zu seinem eigenen Schaltzentrum, versuchte Sperco, sich über den Grund und das Ausmaß der Krise klar zu werden. Mit Sicherheit war der Flug des jungen Braisen der Auslöser gewesen. Man konnte ihm jetzt nicht einmal die Flügel abschneiden, denn alle Spercoidenärzte waren wie versteinert. Aber dann? Wer hatte diesen gigantischen Einfluß auf Braisen und Spercoiden zugleich ausgedehnt? Sperco erinnerte sich jetzt, selbst verwirrende Strömungen gespürt zu haben. Erinnerungen an eine Zeit, in der er Liebe und Geborgenheit gespürt hatte, Stürme von Mitleid und Selbstmitleid, der Wunsch, einmal in seinem Leben zu fliegen
34 – das alles hatte ihn heimgesucht, nachdem Etorc vor ihm gelandet war. Sperco ließ den Sessel hinter dem Tisch abstellen, scheuchte die Roboter in den Hintergrund der dunklen Halle zurück und aktivierte seine Kommandogeräte. »Hier spricht Sperco!« rief er, seine Erregung mühsam zügelnd. »Sperco ist der Herr, die Spercotisierten sind seine Diener. Ich spreche zu allen Wesen, die mir in MOAC und außerhalb dienen. Ein bösartiger Feind hat aus dem Hinterhalt zugeschlagen. Es gelang ihm, die Spercotisierten in den Lebensanzügen und die braisischen Wachen vorübergehend auszuschalten.« Noch konnte er sich nicht um andere Teile seines Imperiums kümmern. Er mußte erst wieder den empfindlichen Organismus MOACs unter volle Kontrolle bekommen. »Diese Störung wird binnen kurzer Zeit wieder beseitigt werden. Für die nächsten Stunden herrscht in MOAC Ausnahmezustand! Alle anderen Wesen werden sich den Anordnungen der Roboter unterwerfen. Fangt den Flugmeister und bringt ihn zu mir. Verhindert, daß gegen meine Anordnungen verstoßen wird.« Er schaltete den Kommunikator ab und berührte eine Serie verschiedener Kontakte. Die Angst, daß die Krise größer sein würde als seine Möglichkeiten, ihr zu begegnen, saß in ihm wie ein Gespenst. Er rief die Zentrale der über Roppoc schwebenden Nachrichtenstation. »Sperco verlangt die neuesten Informationen.« Der Sprecher starrte durch die dunkle Sichtscheibe des Anzugs und erwiderte: »Herr, aus vielen Orten der Galaxis Wolcion treffen Nachrichten ein, die beunruhigend sein könnten.« Das konnte nur eines bedeuten. »Beunruhigend? Sprich!« fuhr Sperco ihn an. Noch während Sperco ihn anblickte und auf eine Antwort wartete, mußte er erkennen, daß auch dieser Spercoide nicht in der
Hans Kneifel Lage war, weiterzusprechen. Diese eigenartige Lähmung hatte auch ihn ergriffen – dort, weit entfernt von MOAC, im Weltraum! Sperco spürte, wie er ebenso starr wurde wie seine Diener. Zum erstenmal in seinem langen Leben voller Erfolge stand Sperco plötzlich vor einer Aufgabe, die er nicht mehr lösen konnte.
6. Gab es telepathische Beziehungen zwischen den exotischen Pflanzen, die überall in Spercos Imperium gezüchtet wurden und die positiven Bewußtseinsinhalte der Squooner-Nachkommen aufgesogen und gespeichert hatten? Niemand wußte es. Es gab auch keine Zeit, darüber nachzudenken oder gar zu forschen. Der Effekt jedenfalls sprach für diese These. Gleichzeitig mit dem Zeitpunkt, an dem auf Roppoc die Pflanzen unterhalb der Riesenburg MOAC ihre positiven Energien schlagartig verströmten und damit alle Spercoiden überfluteten, reagierten die Pflanzen überall in Spercos Imperium. Jeder Spercoiden-Stützpunkt besaß entweder hydroponische Gärten oder besondere Pflanzungen, in denen jene Pflanzen gehegt wurden. Und jeder der vielen zehntausend Stützpunkte, Raumhäfen, Militärbasen oder Großwerkstätten, Werften und Verwaltungszentren brauchte ununterbrochen Spercoiden, die von den Pflanzen behandelt wurden. In jedem Fall waren Lähmung, Überraschung und Entsetzen vollständig. Braisen, die natürlich an anderen Stellen des Imperiums keine wirkliche Flugdemonstration miterlebt hatten, blieben handlungsfähig. Sämtliche Spercoiden blockierten durch ihre Lähmung wichtigste Arbeiten. Der Prozeß, durch den sie Liebesfähigkeit zurückbekamen, Gutmütigkeit, Mitleid und Freude an einer Art Leben, das sie nicht kannten, dauerte nicht lange, war aber intensiv und aus-
Der Flugmeister schließlich. Die Folgen waren ungeheuerlich. Absolute und völlig kritiklose, bedingungslose Gehorsamspflicht, jederzeit verlangt und jederzeit ausgeführt, war die sichere Grundlage von Spercos Imperium gewesen. Gehorsam sicherte auch das Vorgehen der Invasionsflotten. Schlagartig dachte kein Spercoide mehr daran, bedingungslos zu gehorchen. Es gab keinen Sinn mehr, für Sperco zu arbeiten, zu kämpfen und zu sterben. Einige der persönlich von Sperco mit der Geste der Freundschaft berührten Spercoiden in hohen Funktionsstellen, an allen Orten des Imperiums gleichzeitig, öffneten ihre Anzüge. Alle verbrannten, bei den meisten lösten sich auch die Anzüge in kaltem Feuer auf. Diejenigen, die ihnen dabei zusahen und ähnliche Empfindungen gehabt hatten, sahen die Sinnlosigkeit ein. Sie besaßen jetzt die Fähigkeit wieder, sinnvolle von sinnlosen Aktionen klar unterscheiden zu können. Die Schiffe der Flotten änderten ihre Kurse. Versklavte Völker und Planeten erhielten ihre Freiheit wieder, weil niemand für die Einhaltung der Gesetze des Tyrannen sorgen wollte. Die militärische und die administrative Macht Spercos wurde binnen weniger Stunden derartig ausgehöhlt, daß ihr vollkommener Zusammenbruch nur noch eine Frage von Tagen oder Wochen sein würde. Die meisten Spercoiden fanden sich mit ihrem Schicksal ab. Sie öffneten die Anzüge nicht. Sie wußten, daß sie mutierte Nachkommen der Squooner waren und bleiben würden. Ihr Leben hing von den Anzügen ab. Sie würden bis zum Ende ihres Lebens diese Anzüge tragen müssen. Aber ihre Enkel würden frei sein, und sie würden vollständige Wesen bleiben, denen niemand mehr die größten Teile ihrer Seele stahl. Langsam breitete sich das Chaos über Spercos Reich aus.
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* Bewegungslos kauerte Sperco in seiner Sitzschale. Die Erfrischungen, die ihm Roboter gebracht hatten, rührte er nicht an. Sperco begann einzusehen, daß seine Macht Millimeter um Millimeter abgetragen wurde. Der Gehorsam … nur noch die Roboter gehorchten ihm. Und sie waren bei weitem nicht für die Aufgaben zu gebrauchen, die er den Spercoiden anvertraut hatte. »Die Garnison auf Chioxe Vier verbrüdert sich mit den Eingeborenen …« »Schwere Schlachtschiffe im Raum zusammengestoßen, viele Tote und Ausfälle.« »Die wilden Eingeborenenhorden von Utsbelk II greifen die Basis an.« »Stützpunkt Wolcion Minor mußte aufgegeben werden. Die Fadenwesen des Planeten haben ihn fast ohne Gegenwehr gestürmt …« Unaufhörlich verlas der Braise, unterstützt von ein paar Fremdweltlern und den Robotern, die Schreckensmeldungen. Alle Teile des Imperiums standen in Flammen. »Herr! Was sollen wir tun? Wir haben nur noch ein einziges Schiff, mit dem wir uns zurückziehen können!« »Die Roboter sind nicht in der Lage, das Schiff zu steuern …« Ganz langsam schälte sich ein einigermaßen sicheres Bild aus dem Wirrwarr der Panikmeldungen heraus. Die Spercoiden, falls sie nicht den Freitod vorgezogen hatten, gehorchten nur manchmal. Sie führten nur Arbeiten aus, von deren Sinn sie überzeugt waren. Viele andere Individuen, die sich von Sperco nicht versklavt gefühlt hatten, arbeiteten, und versuchten, den Zusammenbruch aufzuhalten, indem sie das Chaos steuerten. Die meisten Braisen waren ihm weiterhin treu ergeben. Sie schienen wenigstens die hauptsächlichsten Nachrichtenwege zu kontrollieren. »Roboter verteidigen das Fort Siebzehn auf Aleety. Die Eingeborenen greifen mit
36 bloßen Händen an …« »Das Schiff BARMHERZIGKEIT meldete soeben Totalschaden. Die Gefangenen haben die Energieerzeuger in die Luft gesprengt …« »Flottenverband Eins kehrt in die Basis zurück. Die Kommandanten haben sich selbst umgebracht …« »Sämtliche noch funktionierenden Kommandostellen erbitten dringend Anweisungen und Befehle. Hilf uns, o Herr …!« In Spercos Phantasie zeichneten sich die vielen Stellen, an denen sein Reich zerfiel, deutlich ab. Schnelle Entscheidungen wurden überall verlangt. Niemand wagte, seine Gebote außer Kraft zu setzen – sie waren alle weitestgehend unselbständig. Sperco suchte fieberhaft nach einem Ausweg. Seine Gedanken rasten förmlich. Schließlich sagte er: »Sperco an alle, die ihm treu ergeben sind: Unser Imperium ist in Gefahr, auseinanderzufallen. Ich befehle euch allen, sich zurückzuziehen. Nur sichere Plätze sollen aufgesucht werden. Die Kolonisationsflotten sollen in ihre Stützpunkte zurückkehren. Führungspersönlichkeiten dürfen sich auf keinen Fall in Kämpfe verwickeln lassen und ihr Leben aufs Spiel setzen. Wir werden später, wenn sich das Chaos gelegt hat, das Imperium wieder konsolidieren. Dann wird eine neue Zeit heraufkommen. Im gegenwärtigen Moment brauche ich jedoch alle Energie hier in MOAC. Sicherheit geht vor Expansion. Bewahrt nach Möglichkeit das Erreichte, aber opfert euch nicht. Wir kommen wieder!« Er schaltete den Bildschirm ab. Dunkel hüllte auch diesen Teil der Halle ein. Sperco sank zurück und schloß die Augen. Warum geschah das alles? Welche Macht war imstande, ihn derart schonungslos zu besiegen? Woher kamen die unverständlichen Reaktionen der Wesen, die ihm treu ergeben waren? Er wußte es nicht. Noch einmal flackerte die Wut in ihm hoch, und er
Hans Kneifel rief seine Roboter herbei. »Ist dieser Flugmeister schon gefunden worden?« »Nein, Herr. Aber die Suche läuft unverändert weiter.« »Haben die Spercoiden ihre Lähmung schon hinter sich?« »Jawohl.« »Wie äußerte es sich?« »Viele von ihnen öffneten die Anzüge. Sie lösten sich auf. Auch viele Anzüge verbrannten.« »Die Braisen?« »Sie kommen allmählich zu sich und verhalten sich wieder völlig normal. Jedenfalls gehorchen sie.« »Man soll den Fremden sofort hierherbringen, wenn er gefangen wurde.« »Herr, es soll geschehen.« Sperco schrie in unbeherrschtem Haß: »Es wird geschehen! Und zwar bald!« »Jawohl, Herr.« Dann übermannte die Erschöpfung den Tyrannen, und er schlief für kurze Zeit ein. Sein Traum war erfüllt von gräßlichen Visionen des Untergangs.
7. Atlan wartete eine halbe Stunde. Dann wurde ihm die Zeit zu lang. Er hatte eine Entwicklung in Gang gesetzt und wußte nicht, wie es inzwischen weiterging. Hier, in den riesigen hydroponischen Gärten, hatte sich etwas geändert. Der Aufruhr unter den Pflanzen hatte nachgelassen. Die wunderschönen Blüten und die grünen Blätter bewegten sich nur noch langsam. Völlig ungerührt von allem arbeiteten die Wurzelwesen weiter; sie schienen sich auch jetzt um nichts anderes zu kümmern als um die Pflanzen und deren Wohlergehen. Bisher hatte ihn niemand belästigt. Wie ging es Körz und Etorc? Atlan war einigermaßen sicher, daß er miterlebt hatte, wie die Pflanzen ihre positive Energie abgegeben hatten; dies schien der emotionelle Sturm
Der Flugmeister gewesen zu sein, der durch MOAC fegte. Er hielt es nicht mehr länger aus und schaltete den Flugapparat wieder ein. Vorsichtig, um die Pflanzen nicht zu beschädigen, schwebte er wieder zum Lift. Noch immer trug er den Nektar bei sich; vielleicht konnte er ihm im entscheidenden Augenblick wieder helfen. Inzwischen war er mit Sicherheit schon wieder sichtbar. Der Lift brachte ihn an die Oberfläche. Atlan steuerte das Gerät in einer steilen Kurve aufwärts und senkte es wieder auf einem Turmbau mittlerer Größe. Es war Nacht geworden. Es schien eine Nacht voller krasser Gegensätze zu sein. Der Himmel war klar und voller Sterne. Der Mond schob sich gerade über den Horizont; er bildete eine breite Sichel. In den Grasflächen rund um MOAC vollführten die Insekten ein wildes Konzert zirpender Laute. Am fernen Raumhafen, der sich schon fast hinter der Krümmung des Horizonts zu verbergen schien, zuckten lautlose Blitze, Scheinwerfer vermutlich, schräg und senkrecht in die Höhe. MOAC selbst war voller Bewegung. Atlan blieb noch eine Weile regungslos hier oben sitzen und betrachtete das hektische Treiben unter sich. Zwei Roboter rannten in höchster Eile über einen Hof. Sie hielten ihre Waffen schußbereit; das Mondlicht und das Licht der Scheinwerfer glänzten auf den Läufen. Ein Spercoide taumelte eine Treppe hinunter, griff sich mit beiden Händen an den Helm und öffnete ihn. Atlan entfuhr ein leiser Aufschrei. Sofort stand der Anzug in grellen Flammen. Der Anzug mit dem Spercoiden, der in diesen Sekunden starb, überschlug sich und polterte die Stufen abwärts. Ungerührt schleifte ein Wurzelwesen vorbei. Ein anderer Hof: Vier Roboter stießen etwa ein Dutzend Braisen vor sich her und trieben sie auf den Gefängnisbereich zu. Eine Gruppe Spercoiden sprach aufgeregt miteinander, dann wandten sie sich in eine Richtung, die sie aus der Stadt bringen würde. Irgendwo hin-
37 ter Atlan ertönte eine dumpfe Explosion. Kurzer Feuerschein erhellte die Nacht. Roboter nehmen Braisen gefangen! sagte der Logiksektor alarmiert. War Sperco verrückt geworden? Er ließ ausgerechnet seine Leibgardisten einkerkern? Der Vorgang wiederholte sich noch zweimal. Atlan wußte nicht, was er davon zu halten hatte. Beachte die Spercoiden! empfahl der Extrasinn. Die bleichen Molchnachkommen in den schweren Anzügen verhielten sich völlig untypisch. Zwischen ihnen schienen sich Szenen der Verbrüderung abzuspielen. Einmal sah Atlan zu seiner Verblüffung, wie drei Spercoiden zwei der Roboter unter Feuer nahmen und vernichteten. Also doch! Sein Versuch mit dem Flug des Braisen hatte irgendeine Form von Rebellion ausgelöst. Noch waren nicht alle einzelnen Fragen geklärt. Aber alle Wesen, die er bisher beobachten konnte, verhielten sich völlig untypisch. Atlan kontrollierte seine Umgebung und legte die Hände auf die Steuermechanismen. Summend erhob sich das Gerät, umrundete den Turm und sank tiefer. Atlan steuerte in schnellem Flug entlang der dunklen Wände die nächste freie Zone an. Dort standen zwei Spercoiden; er wußte, daß er sie von allen Wesen am besten verstehen konnte. Er hielt das Gerät vor ihnen in der Luft an, richtete die Waffe von Körz auf die Wesen und fragte: »Ihr rebelliert gegen Sperco?« Knarrend erklärte der rechts stehende Spercoide: »Das ist der Flugmeister, den die Roboter suchen. Sperco haßt ihn, weil er fliegen kann. Nein. Keine Rebellion.« »Ich sah Spercoiden, die ihre Anzüge selbst öffneten und starben! Was ist los?« Die Antwort beseitigte seine restlichen Zweifel. »Wir haben alle von den Blumen unsere Seelen zurückbekommen. Wir wissen nicht,
38 was wir tun sollen.« »Ich verstehe«, murmelte Atlan. »Was werdet ihr vermutlich tun?« Der links stehende Spercoide zögerte mit der Antwort. »Wir besitzen eine neue Art von Freiheit. Wir kommen mit dieser Freiheit nicht zurecht. Wahrscheinlich werden wir uns weiterhin indifferent verhalten.« Atlan sah sich wachsam um. Er durfte den Robotern nicht begegnen. Dann meinte er nachdenklich: »Ob sich dieser Effekt nur auf MOAC beschränkt?« »Sperco rief uns auf, ihm weiter zu dienen. Überall in seinem Imperium haben uns die Pflanzen die geistige Freiheit wiedergegeben.« »Das ist mehr, als ich mir vorzustellen wagte«, bemerkte Atlan. »Danke für die Auskünfte. Ist die WAHRHAFTIGKEIT schon gestartet?« »Wir wissen es nicht. Wahrscheinlich nicht, Fremder. Wir wünschen dir viel Glück – die Roboter sind grausam und rücksichtslos.« Noch vor Stunden wäre eine solche Antwort völlig undenkbar gewesen. Atlan lächelte grimmig und hob grüßend die Hand. Dann ließ er den Apparat steil hochsteigen, orientierte sich und jagte in die Richtung des Gefängnisses. Sein Flug führte über einen Teil der grasbewachsenen Ebene. Er konnte sehen, daß nicht nur Spercoiden sich in kleinen Gruppen oder einzeln aus MOAC entfernten, sondern auch andere Wesen. »Ich denke, auf alle Fälle bricht eine neue Zeit an!« sagte er sich und versuchte, unbemerkt zwischen den Türmen, Verbindungsstollen und Terrassen der äußeren Burg hindurchzukommen. Plötzlich riß er den Vorwärtshebel zurück und hielt das Gerät mitten in der Luft wieder an. Unter ihm lag der Innenhof, den er besonders gut kannte. Auf den Steinplatten wimmelte es von Robotern und Braisen. Die Maschinen trieben die noch immer willenlos reagierenden Braisen in das Gefängnis hin-
Hans Kneifel ein. Es war ziemlich klein, und schon jetzt mußte dort eine qualvolle Enge herrschen. Atlan steuerte den leichten Sitz in den Schutz einer massiven Terrassenbrüstung und spähte hinunter. Die Maschinen bewegten sich mit einer geradezu herausfordernden Schnelligkeit. Jede von ihnen schien genau zu wissen, was zu tun war. »Die Konsequenzen sind für mich und Sperco noch keineswegs klar«, sagte sich der Arkonide. »Aber es wird niemals wieder so sein wie vorher. Das ist sicher.« Die Spercoiden würden ihm nicht bewußt helfen. Aber sie würden ihn auch nicht ohne Grund verraten. Sie waren so sehr mit sich selbst beschäftigt, daß sich niemand auf sie verlassen konnte. Die Flucht aus MOAC war einer der Beweise. Du bist wieder einmal allein auf dich gestellt, erinnerte ihn der Logiksektor. »Wie wahr!« sagte er und fügte einen Fluch hinzu. Vorsichtig stieg er aus der Deckung auf, umrundete zwei Mauern und einen Turm mit schrägem Dach und konnte jetzt nahezu den gesamten Platz überblicken. Zwei Roboter standen auf beiden Seiten des Gefängniseingangs und bewegten sich ruhig hin und her. Sie suchten die Umgebung nach Eindringlingen ab. Aber sie konzentrierten sich auf den Boden und die Treppen, denn es schien undenkbar zu sein, daß sich etwas aus der Luft näherte – dafür schienen sie nicht programmiert zu sein. Atlan zog die Waffe des Braisen, blockierte die Steuerung des Fluggeräts und feuerte zwei präzise gezielte Schüsse ab. Sofort beschrieb das Gerät eine seitliche Ausweichbewegung. Die Strahlenflut erfaßte die Maschinen und sprengte sie in einer scharfen Doppelexplosion auseinander. Atlan stürzte sich verwegen schräg auf den Eingang zu und löste den Gurt. Er hatte jeden Handgriff der Braisen beobachtet, als er hier der Gefangene gewesen war. Er drückte jeden wichtigen Schalter. Neben ihm rauchten die Reste der Roboter. Die
Der Flugmeister schweren Gitter schoben sich wieder zur Seite und versanken im Boden. Licht flammte im Innern des Gefängnisses auf. Auch die Projektoren und die Strahlenbarrieren schalteten sich ab. Atlan zerstörte mit einigen kurzen Feuerstößen die Schaltanlage und stürmte in den Gefängnisbau hinein. »Körz!« schrie er laut. »Tancai! Etorc! He, Kumpel!« In jeder Zelle drängten sich die Braisen. Sie waren, so weit Atlan dies feststellen konnte, entwaffnet worden. Schließlich, als er im ersten Stock in die letzte Abteilung hineinrannte, kreischte der junge Braise irgendwo im Hintergrund einer Zelle auf. »Hier, Kumpel!« Atlan änderte seine Richtung und öffnete auch diese letzte Zellentür. Die Braisen drängten sofort heraus. Atlan, der sie alle um einen Kopf überragte, brüllte: »Geht alle zurück in eure Wohnungen. Versteckt euch, bis alles vorbei ist. Ihr habt die Freiheit wieder – eure Kinder werden fliegen wie Etorc!« Die Braisen waren ebenso verwirrt wie alle anderen Wesen. Sie wußten nicht, was vorgefallen war. Die Verhaftungen durch die Roboter hatten sie schockiert; dieser Schock war in gewisser Weise heilsam. Jedenfalls verhielten sie sich so, wie es Atlan sich vorgestellt hatte. Sie verließen in einem breiten Strom das Gefängnis. »Körz! Etorc! Hierher!« schrie Atlan und drückte sich an die Wand. »Es muß schnell gehen.« Braisen drängten schweigend an ihm vorbei. Schließlich erkannte er Körz, der seinen Sohn auf den Schultern schleppte. Etorc schien alles für einen großartigen Spaß zu halten und benahm sich dementsprechend. Atlan hielt Körz fest und sagte beschwörend: »Wo ist Tancai?« »Irgendwo in einer Zelle. Was ist eigentlich passiert?« »Alle Zellen sind geöffnet. Ich werde dir sagen, was in MOAC und in allen Teilen von Spercos Imperium geschehen ist.«
39 Sie eilten nebeneinander durch die fast leeren Gänge und Korridore auf den Innenhof hinaus. Atlan berichtete, was er wußte. Er merkte natürlich, daß wenigstens Körz ebenfalls im Bann dieses kaum lösbaren Zwiespalts stand. Gehorsam des Spercotisierten und der Drang nach Freiheit stritten miteinander. Neben dem Flugapparat blieben sie stehen. »Was soll ich tun, Kumpel? Ich bin ratlos. Alle Braisen sind ratlos.« Atlan schwang sich in den Apparat und gurtete sich an. »Versteckt euch. Bald ist alles vorbei. Und sage den anderen Braisen, daß niemand mehr den jungen Fliegern die Flügel stutzen wird. Es sind nur noch die Roboter, die Sperco gehorchen. Und … die Roboter jagen und verfolgen mich.« Er legte seine Hand auf die Schulter des Leibgardisten und sagte so eindringlich wie möglich: »Grüße Tancai. Verstreut euch, flüchtet in die Ebene. In ein paar Tagen herrscht hier das Gesetz der Freiheit. Ich muß ebenfalls flüchten.« Etorc leckte mit seiner hornigen Zunge quer über Atlans Gesicht und plapperte piepsend: »Viel Fliegen, Kumpel. Du auch Flieger.« Atlan lachte und erwiderte, während er den Sitz senkrecht hochschweben ließ: »Ich auch Flieger. Hoffentlich fliege ich bald zurück nach Loors. Ade, mein Kleiner!« Er unterdrückte mit Gewalt die starken Gefühle der Sympathie für den jungen Braisen, wendete in etwa fünfzig Meter Höhe sein Fluggerät und entschied sich für seine nächste Aktion. Was er tun konnte, um den versklavten Wesen ihre Freiheit innerhalb eines engen Rahmens wiederzugeben, würde er tun. Außerdem erhöhten seine Handlungen das Chaos und zerstreuten die Gruppen der Roboter, dienten also seinem eigenen Schutz. Er raste im Zickzack, noch immer unbemerkt, zwi-
40 schen den Türmen dahin und bremste wieder vor dem Lift in die Unterwelt des Riesenschlosses. Die Lifttüren waren noch immer offen; ein Zeichen, daß man ihn hier wohl nicht vermutete. Er schwebte hinein, schloß die Tür und zog wieder die Waffe, als der Kubus hinuntersank. Wieder empfingen ihn die Farbenpracht und die wehenden Wohlgerüche der Pflanzen. Er steuerte vorsichtig über ihren Köpfen und Blüten, zwischen Ranken und tastenden Zweigen auf das massive Tor zu, das er entdeckt hatte. Fraglich, ob deine Vorstellungen richtig sind, mahnte der Logiksektor. »Auf alle Fälle rufen sie noch mehr Panik hervor! Und den bleichhäutigen Molchen kann die Panik nur dienen!« sagte er laut, sprang aus dem Sitz und öffnete die Riegel und Zuhaltungen. Mit kurzen Schüssen zerstörte er die beweglichen Teile. Dieses Tor würde sich nur noch unter erheblichen Schwierigkeiten schließen lassen. Vor ihm befand sich der künstliche Talkessel mit den vier Lebenszonen. Das Bild, das er in seiner Erinnerung hatte, schien sich nicht im geringsten verändert zu haben. Aber auch der Molchkolonie hatte sich eine sichtbare Unruhe übertragen. Atlan schwebte weiter und sah, daß der schmale Steg nur durch eine schlanke, glattwandige Säule gehalten wurde. Er bog in eine enge Kurve ein, ließ sich absinken und schoß auf die Säule. Die ersten Energiestrahlen wurden abgelenkt und zeigten keine Wirkung. Aber schon der vierte Treffer bohrte sich in das Material und sprengte große Fetzen daraus nach allen Seiten. Verwirrt rannten die molchähnlichen Wesen davon und verbargen sich in Höhlen und Erdlöchern. Wieder ertönte ein Schuß. Echos donnerten durch die Halle. Der letzte Treffer ließ die Säule endlich auseinanderbrechen. Das Gewicht, das auf ihr ruhte, warf die Trümmer nach rechts und links. Dann begann sich der Steg, der jetzt frei schwebte, nach vorn zu biegen. Felstrümmer
Hans Kneifel brachen aus der Umgebung des offenen Portals und rollten in den Talkessel hinunter. Das Material der zungenartigen Plattform bekam breite Risse. Mit peitschendem Knallen barsten Konstruktionsteile. Staubfontänen schossen hoch. Immer mehr bog sich der Steg durch, er zitterte und schwankte, während seine vorderste Kante sich dem felsigen Boden der »Abend«-Zone näherte. Schließlich, als Atlan bereits zur gegenüberliegenden Seite hinüberschwebte, krachte der Steg in fünf Teilen hinter einem Felsen herunter. Jetzt war die Verbindung zwischen den hydroponischen Gärten und der Heimat der Squooner-Nachkommen hergestellt. Irgendwann würden sie ihre Angst überwunden haben und diesen Weg beschreiten. Atlan erreichte jetzt einen kippbaren Steg, über den er die Spercoiden mit den Anzügen beobachtet hatte. Sorgfältig orientierte er sich und verstand schließlich, wie der Kippmechanismus funktionierte. »Wie auch immer«, murmelte er wütend und begann zu feuern, »Sperco wird viel Arbeit haben, das Chaos zu beseitigen.« Die peitschenden und röhrenden Geräusche der Schüsse hallten durch den Talkessel. Funkengarben und flammende Bahnen kennzeichneten die Treffer. Stahlträger und hydraulische Elemente wurden systematisch zerschnitten, kippten auseinander und schmolzen in der wilden Glut. Mit einem lauten Ächzen und Knirschen brach der Steg auf voller Länge herunter und schlug die Felsen, auf denen er sonst weich aufsetzte, in Stücke. Atlan hob die heißgeschossene Waffe hoch und steuerte durch die Rauchwolken und die Schleier des hochgewirbelten weißen Staubes auf die Schottür zu. Was dahinter lag, konnte er nicht einmal vermuten. Denke an den Nektar! sagte der Logiksektor wachsam. Atlan zog die Büchse hervor und trank einen möglichst großen Schluck. Dann stieg er von dem Sitz und versuchte das Schott zu öffnen. Die Handgriffe waren, wie fast über-
Der Flugmeister all, für die klobigen Finger von Spercoidenanzügen gemacht. Er drehte an einem großen Rad, kippte lange Hebel nach unten und zog an schweren Zuhaltungen. Schließlich fand er nichts mehr, das er hätte bewegen können, und riß an einem senkrechten Griff. Lautlos schwang das Portal auf. Dahinter erstreckten sich Räume, die in völligem Dunkel lagen. Der Lichtschein der sonnenähnlichen Lampen reichte nur einige Schritte weit. Atlan mußte mit einer Strahlensperre rechnen. Er hatte kein Werkzeug, um das Vorhandensein zu testen. Er zuckte die Schultern und schwebte hinunter in den Talkessel. Dort riß er einen langen Ast von einem der kümmerlichen Sträucher und hielt wieder dicht vor dem Durchlaß an. Langsam bewegte er den Ast von oben nach unten, aber es gab keine Entladung, keinen Blitz, keine aufzuckenden Strahlen. »Immerhin sollte ich unsichtbar sein. Ob das auch die Roboter wissen?« fragte er sich. Vorsichtig schwebte er in den Raum hinein. Er drehte den Apparat herum und suchte Schalter, die er betätigen konnte. Als er schließlich schwere Hebel nach unten gekippt hatte, flammten hinter und über ihm Lichter und Scheinwerfer auf. Atlan sah sich um und entdeckte, daß er sich in einer anderen Höhle befand, die ebenfalls aus dem Fels herausgearbeitet worden war. Sie wirkte unvorstellbar trostlos und war völlig leer. Im Hintergrund gab es nichts als schwere, mattglänzende Metalltüren. »Uninteressant!« brummte Atlan, schwenkte den Sitz herum und schwebte wieder in die Richtung, aus der er gekommen war. Im selben Augenblick öffneten sich hinter ihm mit donnerndem Getöse viele der eben bemerkten Schotte. Atlan sah Scheinwerfer, glänzende Metallteile und dazwischen die Gestalten von verschiedenen Wesen, die zweifellos alle hinter ihm her waren. Wirkte seine Nektar-Tarnung noch?
41 Er hatte nicht die geringste Lust, ein Risiko einzugehen und die Tarnung zu testen. Er schob den Geschwindigkeitshebel nach vorn und raste aus der Felsenhalle heraus, tauchte über dem Zuchtgebiet auf und sah, während er auf das offene Schott zusteuerte, daß sich die Bleichhäutigen beruhigt hatten, und daß einige von ihnen bereits versuchten, aus dem Kessel zu entkommen. Sie hatten sich am Fuß der beiden Rampen versammelt. Wie ein Geschoß schwebte Atlan in die Öffnung hinein, verlangsamte seinen Flug und schlängelte sich zwischen den Pflanzen hindurch zum Lift. Er bremste und sah, daß jemand den Lift nach oben geholt hatte. Sein Finger drückte den Rufknopf, dann sagte sich der Arkonide, daß der Lift ebensogut leer herunterkommen konnte wie auch mit Robotern gefüllt. Sofort drehte er ab und verbarg sich hinter einem dichten Wall von Pflanzen. Zwischen den Zweigen konnte er den Lift genau beobachten. Aus der Öffnung im hinteren Teil des Hydroponikgartens kam charakteristischer Lärm. Die Verfolger waren zwar zahlreicher, aber sie konnten nicht fliegen. Das war Atlans einziger Vorteil. Atlan wußte nicht, wohin er flüchten sollte – er hatte vorläufig nur das Ziel, die nächsten Stunden lebend zu überstehen. Er spähte, sich mit einer Hand an einem schwankenden Ast festhaltend, auf den Liftschacht. Das Zeichen leuchtete, die Tür glitt auf. Rund zehn Roboter bewegten sich aus der Kabine hervor und schwärmten sofort in alle Richtungen auseinander. Atlan versuchte, die Chancen abzuschätzen. Die Maschinen drangen rücksichtslos zwischen den Pflanzen vor, rissen Zweige ab und stießen die Wurzelwesen zur Seite. Ganz sicher war, daß sie den Flugmeister suchten. Atlan wartete voller Ungeduld, bis die Roboter weiter vom offenen Lift entfernt waren als er selbst, dann handelte er blitzschnell. Er schob den Hebel bis zum Anschlag durch.
42 Der Sitz machte förmlich einen Satz nach vorn, durchbrach die mehrfachen Vorhänge aus Pflanzen und Blüten und bremste wieder stark ab. Atlan drehte, als er sich in der Kabine befand, den Flugapparat wieder herum. Während er mit der einen Hand den Schalter betätigte, zielte er mit der Rechten. Die Roboter drehten sich ebenso schnell um wie er selbst und feuerten augenblicklich. Die Tür schob sich zu. Rund um die Tür schlug das Feuer aus den Roboterwaffen ein. Atlan schoß zurück und traf zwei Roboter, die inmitten der Pflanzen in grellem Feuer auseinanderbarsten. Dann hatte sich der offene Spalt zwischen Rahmen und Lifttür geschlossen. Atlan war jetzt sicher, daß man entweder ihn gesehen hatte oder den »leeren« Flugapparat. Die Wirkung war dieselbe. Sie erwarten dich oben! wisperte der Logiksektor. »Ich bin fast sicher«, knurrte Atlan und trank noch einen Schluck Nektar. Er ließ die Dose achtlos fallen und bereitete sich auf den Zusammenstoß vor. Der Lift hielt. Atlan holte tief Atem und spannte den Finger um den Auslöser. Die Lifttür öffnete sich, Licht fiel nach draußen, und augenblicklich feuerte Atlan auf den ersten Roboter. Gleichzeitig dirigierte er sein Fluggerät vorwärts und versuchte, so lange wie möglich in der schützenden Sicherheit der aufgleitenden Platte zu bleiben. Die Roboter feuerten zurück, er ließ die zweite Maschine detonieren und jagte dann durch die Flammen und die Rauchwolken der beiden glühenden Reste aus dem Lift hinaus und schräg hinauf in das Dunkel der Nacht. Der Andruck der Beschleunigung preßte ihn hart gegen die Rückenlehne. Er drehte sich halb herum und versuchte, die anderen Maschinen unter Feuer zu nehmen, aber nicht jeder Schuß traf. Atlan war ihnen jetzt entkommen. Sie würden aber nicht aufhören, nach ihm zu suchen. Er steuerte das Gerät erst einmal aus der Stadt hinaus. Die Entfernung bis zur
Hans Kneifel Ebene war nicht besonders groß. Was sollte er jetzt anfangen? Es lief auf dasselbe hinaus, ob er immer wieder den Maschinen entkam, oder ob er sich jetzt gleich stellte – sein einzig sicherer Fluchtweg war das startende Raumschiff. Es würde nur auf Spercos Befehl abheben. Langsam schwebte er in geringer Höhe über die Ebene. Die Sterne funkelten über seinem Kopf. MOAC lag hinter ihm, und die Riesenburg hatte sich abermals verändert. Überall schalteten sich Scheinwerfer und Beleuchtungskörper ein. Deutlicher zeichneten sich die vielfältigen Formen der Gebäude gegen den Nachthimmel ab. Die Stadt war nun auch oberhalb des Planetenbodens voller Bewegungen und Geräusche. Viele davon galten ihm allein. Sollte er zu Sperco vordringen und den Tyrannen in eine Zwangssituation bringen? Sinnlos. Der Weg dorthin würde von Sicherheitsvorkehrungen aller Art förmlich gespickt sein. Unschlüssig lenkte Atlan den Apparat wieder in die Richtung der Stadt und versuchte, im Schatten zu bleiben. Als er den ersten der höheren Türme erreichte, umrundete er ihn halb und blickte auf das Gewimmel unter ihm. Er sah keine Braisen, aber viele Spercoiden, die nach wie vor ausgesprochen passiv wirkten. Zwischen den Robotern gab es wahre Unmengen von verschiedenen anderen Wesen; er hatte niemals gedacht, daß es so viele und so verschiedenartige gewesen wären. Aber sie lebten zweifellos in MOAC. Vorsichtig schwebte er seitlich des Turms hervor. Noch während er versuchte, die nächsten Schritte zu planen, überzogen sich sämtliche Außenwände aller Gebäude mit einem grünlichen Schein. Es wirkte, als würde jede einzelne Kontur von einer Art schimmerndem Nebel nachmodelliert. Die gesamte Umgebung wurde dadurch viel heller, und er befand sich mitten in dieser Helligkeit. »Verdammt! Ein neuer Trick dieses Sperco!« stieß er hervor und beschleunigte wieder. Aber noch während er im schnellen
Der Flugmeister Steigflug aus dem schimmernden Nebel hinauszufliegen versuchte, vergrößerten sich die strahlenden Felder. Was sie bedeuteten, wußte er nicht. Er zwang den dahinrasenden Sitz in eine enge Linkskurve und wußte, daß nur die Flucht in die Ebene hinaus ihn retten konnte. Genau über ihm detonierte mit einem gewaltigen Donnerschlag eine riesige Feuerkugel und überschüttete ihn mit grellem Licht. Der Explosionsdruck schlug wie ein Hammer zu und schleuderte Atlan schräg nach unten. Er versuchte, einen Zickzackkurs einzuschlagen. Die nächste Feuerkugel blühte vor ihm auf, blendete ihn und ließ den Apparat fast auf der Stelle anhalten. Jetzt weißt du es! kommentierte der Extrasinn. Er war in eine kombinierte Ortungs- und Abwehranlage geraten. Sperco hatte beim Bau der Stadt vorgesorgt und die Möglichkeit, von etwas Fliegendem angegriffen zu werden, einkalkuliert. Entweder er selbst oder eine seiner Kreaturen hatte die Anlage jetzt aktiviert. Atlan kam nicht mehr dazu, weitere Überlegungen anzustellen. Er versuchte, aus dieser Falle zu entkommen. Zuerst ließ er den Apparat hochsteigen. Eine Feuerkugel direkt über ihm stoppte diesen Versuch. Eine zweite hinter ihm schleuderte ihn wieder vorwärts. Er wich aus und fühlte, wie er durch kühle und kochendheiße Luftschichten hindurchraste. Die Automatik hatte ihr Ziel gefunden, Ununterbrochen detonierten die Feuerkugeln. Sie waren hervorragend gezielt. Sie zwangen ihn im Lauf von zehn Minuten, einen Kurs einzuschlagen, den nicht mehr er bestimmen konnte. Rechts und links von ihm, über und unter ihm und in seinem Rücken erschütterten diese gewaltigen Donnerschläge die Nacht. Die zeitlichen Abstände zwischen den einzelnen Feuerkugeln betrugen jetzt weniger als eine Sekunde. Atlan konnte nur noch schneller werden und schräg abwärts steuern. Dort, gerade voraus, lag ein hell erleuchteter Innenhof. Er mußte ziemlich im Zentrum der Anlage sein.
43 Bist du noch unsichtbar? Dann versuche, den Apparat schnellstmöglich zu verlassen! »Verstanden«, murmelte er fatalistisch und bewegte sich durch das künstliche Gewitter vorwärts. Jetzt befand er sich im Zentrum des Chaos. Er schob den Geschwindigkeitshebel vorwärts und entkam für wenige Sekunden dem Inferno aus Donner und Feuerkugeln. Auf dem Platz erkannte er viele teilnahmslos herumstehende Spercoiden – und eine Menge Roboter. Das Ende seines Fluchtversuchs kam in rasender Eile näher. Einige Salven zwangen ihn, den Kurs exakt beizubehalten. Er erreichte, knapp über dem Rand eines Daches dahintaumelnd, etwa die Mitte des Innenhofs und bremste stark ab, öffnete den Gurt und ließ sich seitlich aus dem Sitz kippen, ehe sein Fluggerät auf dem Steinboden aufprallte. Atlan rollte sich seitlich ab und sprang auf die Beine. Er hielt die Waffe in der Hand und sah sich um. Einige der Spercoiden schienen den Apparat mit mäßigem Interesse anzusehen, ehe sich die Glutstrahlen aus nicht weniger als zehn Roboterwaffen vereinigten und das Gerät trafen. Es glühte an einigen Stellen auf, und schließlich detonierte die Energiezelle mit einer ohrenbetäubenden Explosion. Atlan glaubte ziemlich sicher zu sein, daß ihn der Nektar-Effekt noch schützte. Er rannte in weiten Sprüngen auf eine Treppe zu, die von Spercoiden und Robotern besetzt war. Er kam zehn Stufen weit. Dann schien ihn entweder einer der Roboter zu sehen oder zu spüren. Atlan erahnte es mehr, als er es wahrnahm, aber eine Abteilung der Roboter setzte die Lähmstrahler ein. Ein schmetternder Schlag, das war alles, was Atlan noch hörte. Dann traf ihn eine unsichtbare Faust im Rücken und rief augenblickliche Lähmung hervor. Atlan brach mitten auf der Treppe zusammen, direkt vor den wuchtigen Anzugstiefeln eines Spercoiden. Wohltuendes Dunkel senkte sich über ihn.
8.
44 Der Schmerz weckte ihn auf. Jede einzelne Zelle seines Körpers schien lodernd zu brennen oder in Säure getaucht zu sein. Er vermochte sich nicht zu bewegen, während immer neue Schmerzwellen durch die Haut, die Muskeln und die Organe tobten. Also lebte er noch. Mit Mühe öffnete er die Augen und sah – nichts. Er rührte sich nicht und spürte jetzt bereits die wärmenden Strahlungen, die von der Mitte seiner Brust-Knochenplatte ausgingen. Der Zellschwingungsaktivator hatte seine Arbeit aufgenommen. Dann unterschieden seine brennenden Augen weitere Einzelheiten. Er lag auf dem Rücken und blickte senkrecht nach oben. Tropfsteinähnliche Strukturen hoben sich aus dem schwarzen Untergrund hervor und schienen direkt auf ihn herunterfallen zu wollen. Wo war er? Schlagartig setzte die Erinnerung ein. Spercos Höhle. Sein Thronsaal. Das Kommunikationszentrum des Planeten Roppoc. Sein Gehör funktionierte offensichtlich auch wieder. Durch ein Rauschen hindurch hörte er metallisch klingende Geräusche, leises Murmeln, ferne Lautsprecherstimmen und die Geräusche von Schritten. Steh auf, wenn du kannst, meldete sich der verdammte Extrasinn wieder. Atlan versuchte sich zu bewegen. Beim ersten und zweiten Versuch glitten seine Hände in dem dicken, zottigen Belag ab, dann gelang es ihm, den Oberkörper hochzustellen und sich halb umzudrehen. Er war nicht überrascht; er lag einige Meter vor dem gigantischen Tisch des Saales. Gerade noch konnte er die dämonisch glühenden Augen des Tyrannen über der Platte erkennen. Atlan zog die Knie an, stützte sich mit langsam neu erwachender Kraft und versuchte, die tobenden Schmerzen zu ignorieren. Schließlich kam er mit zitternden Knien hoch, wankte hin und her wie ein besinnungslos Betrunkener und fiel schwer gegen die Vorderkante des Tisches.
Hans Kneifel »Hier bin ich«, sagte er undeutlich mit schwerer Zunge. »Du hast mich wieder einfangen können Sperco.« Er war sicher, daß Sperco keine Sekunde lang zögern würde. Rechts und links der riesigen Sitzschale standen drei Roboter und richteten die Projektoren auf den Gefangenen. »Du bist einer der bemerkenswertesten Gefangenen, die ich je in MOAC hatte«, erwiderte der Tyrann. Atlan war noch halb besinnungslos und konnte nicht sagen, mit welchem Tonfall der Krüppel sprach. »Das spielt nach meinem Tod keine wesentliche Rolle mehr«, brachte er hervor. »Offensichtlich herrscht hier … einige Verwirrung.« Sperco funkelte ihn an. Atlans Sinne begannen sich zu klären. Er hielt sich krampfhaft an der Kante fest und wartete auf sein Todesurteil. »Richtig. Es herrscht Verwirrung. Wie kommst du darauf, daß ich dich töten lassen will?« Stockend erwiderte Atlan: »Die Wahrscheinlichkeit liegt näher als alles andere.« Was Sperco jetzt auf seinen Informationsbildschirmen sah, konnte Atlan nicht einmal erraten. Sicher aber hatte es etwas mit dem Zustand des Imperiums zu tun. »Ich dachte zunächst daran, dich auslöschen zu lassen«, sagte Sperco. »Aber ich zögere noch.« »Warum?« Es war wie immer. Der Tyrann ließ sein Opfer im ungewissen und versuchte, die Qualen noch auszudehnen. »Mein Imperium«, bekannte Sperco freimütig, »macht im Augenblick eine Phase der Konsolidierung durch. Es schrumpft sich gesund und wird nach meiner Rückkehr kleiner, aber leichter zu beherrschen sein.« Atlan glaubte, völlig falsch verstanden zu haben, aber als Sperco weitersprach, mußte er feststellen, daß er sich doch nicht verhört hatte. Seine Verwunderung wuchs, die Gewißheit, kurz vor der Hinrichtung zu stehen,
Der Flugmeister wurde geringer. »Ich bin im Begriff, viel von dem zu verlieren, was ich erreicht habe. Deine Flüge und der Umstand, daß du auch den jungen Braisen dazu gebracht hast, vor mir zu fliegen, haben mich in meiner Absicht bestärkt. Du sagst, das Geheimnis des Fliegens ist auf Loors zu erfahren?« Atlan senkte den Kopf, um seine völlige Überraschung nicht zu verraten. »Ja. Das sagte ich. Es ist die Wahrheit. Ich habe es immer wieder gesagt. Dort werden wir vielleicht erfahren, wie dieses Geheimnis zu lösen ist. Ich bin sicher, daß man dir, Herr, dieses Geheimnis gern verrät.« »Dann will ich dieses Geheimnis kennenlernen.« Der Tyrann mußte tatsächlich wahnsinnig geworden sein. Wenn zutraf, was ihm, Atlan, die Spercoiden mit gänzlich veränderter Stimme und völlig neuen Empfindungen verraten hatten, stürzte das Imperium Spercos in Trümmer. Und dieser irrsinnige Herrscher flog mitten im Inferno nach Loors, um das Geheimnis des Fliegens kennenzulernen. »Ich werde dir dabei helfen, so gut ich es vermag«, beeilte sich Atlan zu bestätigen. »Meine Roboter werden dafür sorgen, daß dir kein weiterer Trick einfällt. He, ihr vier! Nehmt ihn in die Mitte. Wenn er zu fliehen versucht, tötet ihr ihn auf der Stelle.« Je zwei Roboter umrundeten den Tisch und richteten ihre Waffen auf den Arkoniden. Atlan hob die Schultern; er hatte diesmal alles andere als eine Flucht im Sinn. Nach Loors! Endlich! »Ich fliehe nicht!« versicherte er. »Bringt ihn in die WAHRHAFTIGKEIT. Ich komme nach«, sagte Sperco. Die Roboter umgaben Atlan im Viereck. Zwei von ihnen griffen unter seine Schultern und zogen ihn nachdrücklich in die Richtung des riesigen Doppeltors. Atlan ließ sich willig mitschleppen. Den Weg kannte er bereits, aber trotzdem wurde er immer wieder von dem, was er entlang dieses Weges sehen mußte, verblüfft und erschreckt. Auf den Monitoren gab es Bilder
45 von explodierenden Raumstationen. Es schien in MOAC keinen einzigen Braisen zu geben. Jedenfalls sah Atlan keines der Fledermauswesen. Er sah dafür flüchtende Schiffe und Szenen der Panik. Zeigten sie das Innere der Raumstationen über Roppoc? Überall standen Spercoiden ratlos herum, bildeten Gruppen und sprachen miteinander, aber waren vollkommen untätig. Sie sahen nicht einmal den vier Robotern und dem Flugmeister nach. Einmal erblickte Atlan eines der Wurzelwesen. Es verharrte in einem Winkel des Korridors und schien auch nicht zu wissen, was zu tun war. Andere Wesen, kugelig, insektenartig, wie pflanzlich-pelzige Kombinationen aussehend, befanden sich jenseits der Scheiben an den Pulten und arbeiteten. Als Atlan mit den schweigenden Robotern etwa zwei Drittel des Weges zurückgelegt hatte, hörte auch er die Stimme des Tyrannen. »Hier spricht Sperco. Ich befehle allen Spercoiden, die wieder handlungsfähig sind, sowie allen anderen Wesen aus MOAC, die etwas von der Raumfahrt und der Steuerung eines Raumschiffes verstehen, sofort an Bord der WAHRHAFTIGKEIT zu kommen. Es ist eilig und dringend. Jeder Raumfahrer findet sich so schnell wie möglich dort ein. Die Roboter werden Transportmittel bereitstellen. Ich wiederhole: Sperco befiehlt jedem raumfahrenden Wesen in MOAC, sofort zum Raumhafen aufzubrechen und seine Dienste und Fähigkeiten zur Verfügung zu stellen.« Gemischte Mannschaft freiwilliger Autodidakten! sagte der Logiksektor wegwerfend. Um unter den gegebenen Umständen nach Loors zurückzukommen, würde Atlan die WAHRHAFTIGKEIT selbst zu steuern versucht haben. Er kam wieder auf dem leeren Gefängnishof aus dem Labyrinth von MOAC heraus. Drei der bekannten Bodenfahrzeuge warteten dort mit laufenden Motoren und aufgeblendeten Scheinwerfern. Atlan wurde von
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Robotern in das erste Fahrzeug gedrängt. Er saß hinten zwischen zwei Maschinen, und vor ihm saßen zwei andere. Alle richteten die Waffen genau auf ihn. Der Wagen fuhr an und verließ schnell den Innenhof. Atlan lehnte sich zurück, schloß die Augen und fühlte, wie langsam der Schmerz aus seinem Körper wich.
* Gegen Morgen kam einer der Braisen, der neben Körz und Tancai wohnte, in das Zimmer der Leibwächterfamilie. »Körz!« sagte er aufgeregt krächzend, »ihr habt Erfahrung darin. Wir wissen es. Eben ist unser Ei aufgebrochen. Kommt und helft uns!« »Gern«, antwortete Körz. »Und euer Junges … hat es ausgebildete Schwingen?« »Ja. So wie dein Etorc!« Sie verließen hastig den Raum und rannten treppauf und treppab. Noch zwei andere Nachbarn kamen aufgeregt aus den Wohnungen, als sie merkten, was hier vorging. Schließlich, als die Sonne aufgegangen war, stellte sich heraus, daß in dieser Nacht allein sieben junge Braisen aus den Eiern geschlüpft waren. Tancai bewunderte eines nach dem anderen und sagte schließlich: »Wenn der Flugmeister recht hat, wird niemand kommen und ihnen die Flügel amputieren. Seht, wie sie ihre kleinen Schwingen auseinanderspreizen. Als wüßten sie …« »Kumpel gut, wie?« schrie Etorc, der über ihrer Schulter lag und neugierig auf die zappelnden Braisenküken starrte. »Sie alle fliegen!« Sie glaubten alle daran, daß kein Spercoidenarzt jemals kommen würde, um die Braisen zu verstümmeln. Und die Wahrscheinlichkeit, daß Etorc der letzte Braise war, der von dem Tyrannen spercotisiert wurde, war auch nicht gering. Die Nachrichten besagten, daß Sperco und der Flugmeister das Geheimnis des Fliegens erforschen wollten. Körz zumindest wußte ziemlich genau, was
er davon zu halten hatte – und er war immerhin spercotisiert worden! Die Braisen würden lange brauchen, bis sie sich ihrer Kinder sicher waren. Aber auch den ganzen Tag lang blieben sie unbelästigt. Niemand kam, niemand rief sie, nicht einmal die Roboter wußten, was geschehen sollte. Sie hatten keine Befehle. Und bisher war auch nicht an die Oberfläche durchgedrungen, welche Zustände dort unten herrschten, wo sich die Molche zwischen die Pflanzen der Hydroponikgärten wagten und seltsame Gefühle spürten, merkwürdige Empfindungen hatten und nie gekannte Träume träumten. Als am späten Morgen Tamcaythor T'haam von seiner Arbeit zurückkam, schwieg er wie stets und kümmerte sich nicht um die Braisen und deren Freude.
* Atlan und seine vier Bewacher standen in der Zentrale der WAHRHAFTIGKEIT. Vor den Pulten kauerten, standen oder hockten die Angehörigen von nicht weniger als elf verschiedenen Völkern der Galaxis Wolcion. »Ich befehle den Start!« donnerte Spercos Stimme durch alle Räume des Schiffes. Viele einfache Schaltungen würden sie ohne Schwierigkeiten ausführen, dachte Atlan. Aber die Steuerung des Raumflugs selbst? »Versucht, Loors zu finden. Unterlagen sind an Bord, Sternkarten und so fort«, brüllte Sperco. Er schien völlig zu vergessen, daß sich nur noch wenige wirkliche Spercoiden-Raumfahrer an Bord befanden. Schleusen und Luken schlossen sich. Immer mehr rote Lichter erloschen auf den Pulten. »Und nun zu dir, Flugmeister!« sagte der Tyrann eine Spur leiser. »Wenn du mir auf Loors nicht das Geheimnis der Flugfähigkeit zeigen kannst, werde ich dich ohne Rücksichtnahme töten.« Atlan sagte sich, daß Sperco tatsächlich mehr und mehr den Verstand verlor. Niemand hätte sich mit dieser Mannschaft in
Der Flugmeister
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den Raum gewagt. Die Maschinen liefen an. Kommandos waren zu hören. Atlan war jetzt fast sicher, daß die Katastrophe schon während des Starts erfolgen würde. »Schneller! Ich habe keine Zeit! Bringt das Schiff in den Weltraum!« tobte der Tyrann. Mehrere Minuten vergingen. Atlan beobachtete zitternd vor Spannung, wie die WAHRHAFTIGKEIT unter Schwierigkeiten startete, gefährlich zu schwanken begann, mit donnernden Maschinen immer höher kletterte und tatsächlich ihre Fluglage stabilisierte. Hilfsgeräte wurden mehr und mehr zugeschaltet und versahen ihren Dienst mit robotischer Zuverlässigkeit. Auf den Bildschirmen schrumpfte die ferne Silhouette von MOAC zur Bedeutungslosigkeit. »Schneller!« schrie Sperco. »Jagt Loors entgegen!« Etwa zwanzig Minuten später – aus den
Maschinen wurde das Äußerste herausgeholt – sagte eines der Wesen, die an den Navigatorenpulten saßen: »Herr! Wir finden das Leuchtfeuer von Loors nicht. Entweder wurde es aus den Informationen gestrichen, oder …?« Sperco erwiderte brüllend vor Wut und Ungeduld: »Gleichgültig! Macht schneller. Ich befehle euch, Loors sofort zu finden.« Atlan zwang sich dazu, weder an den Flug selbst noch an das Ende des Fluges zu denken. Der Flug würde seine Nerven bis zum Äußersten strapazieren, aber das Ende würde das schaffen, was Sperco androhte: den Tod. Noch aber gab es eine Gnadenfrist.
ENDE
ENDE