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PARKER wippt die Safe-Knacker Ein Roman von Günter Dönges Josuah Parkers empfindliche Nase nahm Witterung auf. Der Butler war zu Fuß in der City von London unterwegs, hatte einige Einkäufe getätigt und war auf dem Weg zurück zu seinem Wagen. Dabei näherte er sich in einer recht engen und relativ ruhigen Straße einem Kastenlieferwagen japanischer Herkunft. Und es erstaunte ihn, daß seine Nase den Geruch einer Zigarre wahrnahm, die auf keinen Fall den teuren Importen zugerechnet werden konnte. Parkers Nasenflügel zuckten ein wenig beleidigt. Der aufdringliche Geruch kam eindeutig aus dem geschlossenen Kastenaufbau des Wagens. Es gab an der Längsseite zwar ein Fenster, doch es war von innen verspiegelt und mit einem Werbeaufdruck versehen worden. Danach sollte man eine bestimmte Sorte Joghurt zu sich nehmen, um in den Genuß eines langen Lebens zu gelangen. Der Tabakgeruch erwies sich als geradezu penetrant. Parker blieb vor dem Spiegel stehen und schnupperte erneut. Er war inzwischen zu dem Schluß gekommen, daß es im Aufbau des kleinen Lieferwagens brennen mußte. Parker schaute in das Fahrerhaus, in dem sich allerdings niemand befand. Seltsam, dachte er… Die Hauptpersonen: Randy Gatsbury observiert mit mehr als anrüchigen Methoden. Peter Hallers gilt als bemühter Assistent, der alles recht machen will. Buddy Parney verwandelt sich aus einem »Kleiderschrank« in einen satten Säugling. Miles Brackner unterhält ein Sonnen-Studio und bezeichnet sich als Sorgenbrecher. Richard Monney wird rund um die Uhr. beschattet und weiß von nichts. Horace Pickett bewegt einen Observierungswagen und fährt Antennen aus. Lady Agatha tritt gegen diverse Schienbeine und löst »ihren« neuen Fall. Butler Parker erweist sich als Spezialist für Spinnen-Netze.
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Parker war ein ungemein höflicher und hilfsbereiter Mensch. Als alterslose, etwas über mittelgroße fast schlanke Erscheinung verkörperte er das Urbild eines hochherrschaftlichen Butlers. Er trug zu seinem schwarzen Bowler einen ebenfalls schwarzen Covercoat und einen weißen Eckkragen mit einem schwarzen Binder. Über dem angewinkelten linken Unterarm hing sein altväterlich aussehender, eng gerollter Regenschirm. Mit dem Bambusgriff dieses Universal-Gerätes klopfte Parker an die hintere Wagentür. »Is was?« fragte ein junger Mann, der aus einem Torweg kam. »Kann und darf man davon ausgehen, daß Sie zu diesem Wagen eine engere Beziehung unterhalten?« schickte Josuah Parker voraus. »Nach der unmaßgeblichen Meinung meiner Wenigkeit befindet sich im Kastenaufbau eine Rauchquelle.« »Hau ab, Mensch«, forderte der drahtige Bursche den Butler rüde auf. »Putz die Platte, wenn du überhaupt weißt, was damit gemeint ist.« »Sie verlangen von meiner Wenigkeit, das sogenannte Weite zu suchen«, übersetzte Josuah Parker. »Könnte es sein, daß gewisse Personen im Kastenaufbau sich gestört fühlen?« »Mann, du lebst verdammt gefährlich«, stellte der Gefragte fest und ließ deutlich erkennen, daß er die Absicht hatte, Parker mit dem linken Ellenbogen zu beglücken. Er wollte ihn blitzartig in die Weichteile der Hüfte rammen. Er traf zwar, aber nicht die Hüfte des Butlers. Parker war im entscheiden den Augenblick seitlich ausgewichen und schaute interessiert zu, wie der Ellenbogen das Blech des Kastenaufbaus einbeulte. Dazu jaulte der überaus sportliche Mann gequält und schloß für einen Moment die Augen. Danach öffnete er sie wieder und riß gleichzeitig das rechte Bein hoch. Er langte mit den Händen schier verzweifelt nach der Zehenpartie seines Fußes und hüpfte dann auf dem linken Bein herum, wobei deutlich seine Begabung für den künstlerischen Tanz zu erkennen war. Er hatte übrigens nicht bemerkt, daß der Butler die Spitze seines Universal-Regenschirmes auf die Zehen hatte fallen lassen. »Darf man Ihnen behilflich sein, das Gleichgewicht zu wahren?« erkundigte sich Parker und stützte den jungen Mann, der die Hilfe abwehren wollte, doch dann gegen den Butler fiel.
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Nur einem aufmerksamen Beobachter und Kenner der Materie wäre jetzt aufgefallen, wie geschmeidig und schnell Parkers Finger waren, die von schwarzen Lederhandschuhen umspannt wurden. Mit der Routine eines gewieften Taschendiebes suchte Parker nach der seiner Ansicht nach vorhandenen Schulterhalfter, fand sie auch und sicherte die darin befindliche Waffe. Er ließ sie beiläufig in einer Manteltasche seines schwarzen Covercoats verschwinden. »Da… dafür mach ich dich fertig«, kündigte der junge Mann stöhnend an. »Sollten Sie sich vorher nicht noch ein wenig erholen?« schlug der Butler vor und drückte seinen Gegner sanft von sich. Bei dieser Gelegenheit verlor der Betroffene auch noch die Brieftasche, doch davon merkte er nichts. Parkers Finger waren sanft und zupackend zugleich. »Ich bring dich um«, steigerte der Geprellte nun seine geplanten Bemühungen und bedachte den Butler mit ausgesprochen mörderischen Blicken. Dann aktivierte er den noch intakten Arm und setzte zu einem Uppercut an. Er schlug hart zu und traf… nichts als Luft. Parker hätte sich auch diesem Schlag geschickt entzogen. Vom eigenen Schwung herumgewirbelt, fiel der Mann gegen den Kastenaufbau und schlug mit der linken Kopfseite gegen die Blechverkleidung. Daraufhin hörte man aus dem Inneren einen vulgären Fluch. Anschließend wurde die hintere Wagentür aufgedrückt.
* »Und was folgte dann, Mister Parker?« fragte Lady Agatha, als ihr Butler diesen Punkt seines Berichtes erreicht hatte. Er servierte in der Halle des altehrwürdigen Fachwerkhauses seiner Herrin den Nachmittagstee und reichte dazu alten Cognac und kleine Stachelbeertörtchen. Agatha Simpson war eine bemerkenswerte Erscheinung, die ihr sechzigstes Lebensjahr allerdings überschritten hatte. Sie war groß, ausgesprochen stattlich und strahlte würdevolle Autorität aus. Sie erinnerte in ihren Gesten und ihrem lauten Organ an eine Bühnen-Heroine aus längst vergangener Zeit.
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Mylady war immens vermögend, konnte sich jede Extravaganz leisten und hielt sich für die geborene Kriminalistin und Schriftstellerin. Es war ihr Ehrgeiz, eine gewisse Agatha Christie als Autorin in den Schatten zu stellen. Ein Gefühl für Gefahr kannte sie nicht. Sie vermochte es sich einfach nicht vorzustellen, daß Gegner es wagten, sie ernsthaft zu attackieren. Daß ihr bisher nichts passiert war, verdankte sie ausschließlich Butler Parker. Er hielt stets seine schützende Hand über sie und war ihr guter Geist. »Mylady haben Gelegenheit, den erahnten Kastenlieferwagen aus nächster Nähe zu besichtigen«, beantworte Parker die Frage der älteren Dame. »Er wurde von meiner bescheidenen Wenigkeit zu Mister Pickett gebracht.« »Mit Inhalt?« wunderte sich Lady. »Mit Inhalt, Mylady«, bestätigte der Butler. »Der junge Sportler, der wohl als Fahrer fungierte, leistet den Personen im Kastenaufbau inzwischen Gesellschaft.« »Die beiden Subjekte leisteten keinen Widerstand?« Lady Agatha knabberte an einem Törtchen. Es war das dritte, das sie zu sich nahm. »Man mußte ein wenig nachdrücklich werden und benutzte dazu den Bambusgriff des Schirmes, Mylady«, gab der Butler weitere Auskunft. »Mieter Pickett hat den Wagen in einer ehemaligen Werkstatt in der Nähe seiner Wohnung untergebracht und die beiden Insassen zu sich ins Haus eingeladen.« »Der gute Pickett.« Agatha Simpson lächelte versonnen. »Ich sollte ihn wieder mal zum Tee einladen, Mister Parker. Erinnern Sie mich bei Gelegenheit daran, ja? Ich werde mir die beiden Gangster umgehend ansehen.« »Möglicherweise haben Mylady es gar nicht mit kriminellen Elementen zu tun«, fuhr Parker fort. »Die beiden Männer gehören einer Detektei an.« »Wiederholen Sie das noch mal, Mieter Parker«, verlangte die passionierte Detektivin. »Sie haben zwei Spezialisten außer Gefecht gesetzt?« »Davon sollte man in der Tat ausgehen, Mylady. Man wird sich allerdings fragen müssen, warum man derart rüde Methoden an den Nachmittag legte.«
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»Sie haben eben gestört, Mister Parker«, bot Lady Agatha als Erklärung an. »Ich fürchte, Sie haben da eine Niete gezogen. Sie wissen, was ich damit meine?« »Mylady geruhen anzunehmen, daß meine Wenigkeit ein wenig übereifrig die Ermittlungen von zwei Privatdetektiven durchkreuzte?« »Richtig, Mister Parker«, sagte sie und zeigte offene Schadenfreude. »Sie werden sich bei den Leuten entschuldigen müssen. Ich Wundere mich allerdings. Wie kann man sich nur derart täuschen? Mir, Mister Parker, wäre so etwas nie passiert.« »Dies kann und muß man als sicher unterstellen, Mylady«, antwortete der Butler höflich wie stets. »Die Ausrüstung der Herren ist übrigens bemerkenswert.« »Warum auch nicht, Mister Parker? Gute Privatdetektive arbeiten mit modernstem Gerät. Aber wie gesagt, Sie waren da übereifrig, wie ich herausgehört habe. Nach dem Tee werde ich zu Pickett fahren und versuchen, bei meinen Kollegen ein gutes Wort für Sie einzulegen.« »Mylady sind wieder mal zu gütigst«, gab Parker zurück. »Vielleicht könnte man damit bei der Detektiv-Agentur bereits beginnen, Mylady. Sie wird von einem gewissen Mister Randy Gatsbury geleitet.« »Aha. Sie haben sich inzwischen schon erkundigt?« Lady Agatha lächelte boshaft. »Sie wissen natürlich auch längst, daß Sie einen Riesenfehler begangen haben, nicht wahr?« »Meine bescheidene Wenigkeit bittet bereits jetzt und hier um Vergebung, Mylady.« Parkers glattes Pokergesicht blieb ausdruckslos wie stets. »Hatte ich nicht in jüngster Vergangenheit einen ähnlichen Fall, Mister Parker?« fragte sie und runzelte die Stirn. »In der Tat, Mylady«, erwiderte der Butler. »Es ging um den Mißbrauch von Daten. In diesem Zusammenhang wurden Computer angezapft, wie es im Fachjargon so treffend heißt.« »Nun, wie auch immer«, meinte sie. »Ob Variante oder nicht, Mister Parker, ich werde auch diesen Fall lösen, falls es einer werden sollte.« »Myladys Tatkraft ist nicht zu übertreffen«, behauptete der Butler und deutete eine Verbeugung an.
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* Die Büros der Detektei befanden sich in der City und damit in einer teuren Wohnlage. Parker geleitete seine Herrin durch die Drehtür in eine kleine Empfangshalle und wurde hier bereits von einem schlanken, gepflegt gekleideten und gutaussehenden Mann abgefangen, der um die fünfundzwanzig sein mochte. Er erkundigte sich nach den Wünschen seiner Besucher und lächelte verständnisvoll, als Parker den Manager der Detektei zu sprechen wünschte. »Mister Gatsbury könnte bereits gegangen sein«, lautete die geschmeidige Antwort, die alles offen ließ. »Wen, bitte, darf ich melden?« »Lady Simpson und ihren Butler«, erwiderte Parker. »Die Ankunft Myladys dürfte bereits durch Ihre hausinterne Überwachung zur Kenntnis genommen worden sein.« Während Parker sprach, deutete er mit der Spitze seines Universal-Regenschirmes auf eine wandgroße Glasvitrine, in der ältere Hieb-, Stich- und Schußwaffen aller Art ausgestellt waren. »Hausinterne Überwachung?« wunderte sich der junge Mann. »Der Spot-Strahler oberhalb der Duell-Pistolen ist eine getarnte TV-Kamera«, erwiderte der Butler. »Sollte Ihnen dies bisher entgangen sein?« Der Fünfundzwanzigjährige, der sich ahnungslos gab, hüstelte leicht, war für einen Moment verlegen und enteilte dann, um nach Randy Gatsbury Ausschau zu halten. »Was halte ich von diesem Empfang, Mister Parker?« wollte die ältere Dame von ihrem Butler wissen. »Mylady geruhen sich ob der Tatsache zu wundem, daß Besucher bereits optisch und akustisch überwacht werden«, lautete die Entgegnung. »Das ist richtig«, gab sie grollend zurück, »aber wieso auch akustisch, Mister Parker? Habe ich irgendwo Mikrofone gesehen?« »Sie dürften in den breiten Bilderrahmen untergebracht sein«, vermutete der Butler. »Der junge Mann sorgte unauffällig dafür, daß Mylady und meine Wenigkeit hier in dieser Ecke Rede und Antwort standen.« »Das fiel mir sofort auf«, behauptete die Detektivin mit Nachdruck. »Eine Lady Simpson kann man nicht täuschen. Ich denke, ich werde mich gleich sehr ärgern, Mister Parker.«
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Sie hatte ihren Satz noch nicht beendet, als ein etwa vierzigjähriger Mann erschien, der eine schwarze Clubjacke zu grauen Hosen trug. Er machte einen sehr seriösen Eindruck, wozu sein kurz geschorenes, eisgraues Haar noch beitrug. Sein Gesicht war voll. Er trug eine randlose Brille. »Reiner Zufall, daß Sie mich noch erreichten, Mylady«, begann er die Unterhaltung. »Mein Name ist Gatsbury, Randy Gatsbury. Ich bin der Leiter dieser internationalen Detektei. Wir haben Filialen in allen wichtigen Ländern der…« »Keine Reklamesprüche, junger Mann«, herrschte die ältere Dame den Manager an. »Ich bin gekommen, um mich zu beschweren. Ich verlange Genugtuung für die schlechten Manieren Ihrer Mitarbeiter.« »Schlechte Manieren meiner Mitarbeiter?« wundere sich Gatsbury umgehend und blickte den Fünfundzwanzigjährigen stirnrunzelnd an. Der hielt ein Clip-Board in Händen und blätterte in Papieren, die von einer Büroklammer gehalten wurden. »Wir haben einige Crews unterwegs, Mister Gatsbury«, sagte der junge Mann eifrig. »Wieso schlechte Manieren, Mylady?« wollte der Manager der Detektei jetzt von der älteren Dame wissen. »Mister Parker wird Sie informieren«, meinte Lady Agatha und wirkte bereits leicht aggressiv. »Wollen Sie mir nicht endlich einen Sessel und Erfrischungen anbieten? Behandelt man so seine Gäste, junger Mann?« »Sofort, umgehend, Mylady.« Gatsbury erteilte seinem Adlatus eine kurze Blickweisung, worauf umgehend ein Wandschrank geöffnet wurde. Agatha Simpson nickte wohlgefällig, als sie kurz danach mit einem Sherry bedient wurde. »Durchaus trinkbar«, urteilte die ältere Dame anschließend. »Lassen Sie die Karaffe stehen, mein Bester. Mein Kreislauf braucht einige Zeit, bis er sich stabilisiert hat.« »Wieso schlechte Manieren, Mylady?« wiederholte Gatsbury seine Frage erneut. »Worüber wollen Sie sich denn beschweren?« »Man belästigte meine bescheidene Wenigkeit, als man vor einem Lieferwagen mit Kastenaufbau stand«, erklärte Josuah Parker. »Bei diesem bedauernswerten Zwischenfall zog einer Ihrer Mitarbeiter eine Faustfeuerwaffe.«
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»Wer ist wo unterwegs, Hallers?« führ Gatsbury seinen Mitarbeiter an, der daraufhin noch intensiver in seinen geklammerten Unterlagen blätterte und nachdrücklich nickte. »Stinton und Cossack«, kam prompt die Antwort. Parker prägte sich die beiden Namen natürlich ein, zeigte nach außen hin allerdings keine Reaktion. Er schien nichts gehört zu haben. »Und wo sind die jetzt?« forschte Gatsbury weiter. »Noch nicht zurückgemeldet, Mister Gatsbury«, erwiderte Hallers. »Aber ich werde sofort nachfragen…« »Aber schleunigst«, verlangte der Manager der Detektei gereizt und wandte sich dann wieder an Parker. »Ich entschuldige mich natürlich für das schlechte Benehmen meiner Angestellten. Kam es zu einem, sagen wir, weiteren Zwischenfall? Ich meine, was diese Waffe betrifft?« »Meine Wenigkeit ignorierte sie, Mister Gatsbury«, gab der Butler in seiner bekannt höflichen Art zurück. »Man verwies Ihren Mitarbeiter verbal in die Schranken, um es mal so auszudrücken.« »Ich werde mit diesem Mann ein ernstes Wort reden«, versprach Randy Gatsbury, der erleichtert schien. »So etwas wird nicht wieder passieren, das garantiere ich Ihnen.« Der junge Mann kam zurück und meldete eifrig, er habe Funkkontakt mit der Crew Stinton und Cossack aufgenommen. Mit der Rückkehr des Wagens und der Besatzung sei in etwa einer halben Stunde zu rechnen. Daraufhin blickte Agatha Simpson ihren Butler nun doch ein wenig irritiert an.
* »Ich gehe davon aus, Mister Parker, daß ich verfolgt werde«, sagte Mylady. Sie saß im Fond eines Wagens, der mal als Taxi in London Dienst getan hatte. Parker hatte den so betagt aussehenden Wagen vor vielen Jahren gekauft und nach seinen sehr phantasievollen Vorstellungen technisch umrüsten lassen. Nun verfügte er über eine Trickkiste auf Rädern, wie Eingeweihte sein Gefährt nannten. Es wurde auch als hochbeiniges Monstrum bezeichnet, um das ihn ein James Bond mit Sicherheit tief beneidet hätte.
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Rein äußerlich sah man dem ehemaligen Taxi nicht an wie wehrhaft es war. Es fügte sich trotz der optischen Unfrische durchaus noch in das Stadtbild der Metropole ein. Parker hatte die Frage seiner Herrin bejaht und verwies in diesem Zusammenhang auf einen kleinen Honda, der ihnen ständig auf der Spur blieb. In dem Wagen saßen zwei junge Männer, die vermutlich ebenfalls für die Detektei Gatsbury arbeiteten. »Erteilen Sie diesen Lümmeln eine derbe Lektion, Mister Parker«, verlangte die ältere Dame. »Und wieso haben die Subjekte, die sich bei Mister Pickett befinden, sich per Funk in der Detektei gemeldet?« »Mister Pickett dürfte einen der beiden Männer gebeten haben, auf den Funkruf zu reagieren«, antwortete Parker. »Meine Wenigkeit regte Mister Pickett an, im Bedarfsfall so zu handeln.« »Aha. Nun gut.« Sie räusperte sich explosionsartig. »Vielleicht war das eine gute Idee. Man wird sehen, Mister Parker. Aber lassen Sie sich nicht ablenken. Schütteln Sie die beiden Subjekte ab, das heißt, ich will natürlich wissen, für wen sie mich verfolgen. Ich bin der Unterwelt immer noch ein Dorn im Auge.« »Mylady haben bestimmte Vorstellungen, was das gewünschte Abschütteln betrifft?« forschte der Butler nach. »Ich lasse Ihnen da völlig freie Hand, Mister Parker«, entgegnete sie. »Ich werde Ihr Vorgehen aber wachsam beobachten. Schließlich kann ich mir keine Fehler leisten.« Parker als der hochherrschaftliche Butler ließ sich durch nichts erschüttern. Sein glattes Pokergesicht zeigte auch jetzt keine Regung. Stocksteif, als habe er den sprichwörtlichen Ladestock verschluckt, saß er am Steuer seines Wagens und lotste die Verfolger unmerklich in die Nähe eines großen Warenhauses, das über einer Tiefgarage stand. Über die Wendel steuerte der Butler das hochbeinige Monstrum nach unten und nahm zur Kenntnis, daß der Honda prompt folgte. Parker erreichte das unterste Deck und schien erst jetzt bemerkt zu haben, daß er verfolgt wurde. Er produzierte gekonnt eine panische Reaktion, gab plötzlich Gas, ließ die Trickkiste auf Rädern mit durchtourenden Reifen vorpreschen, kollidierte fast mit dem Beton eines mächtigen Pfeilers, fing seinen Wagen wieder ab und jagte zurück zur Wendel, die ins Erdgeschoß führte.
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Der Fahrer des Hondas genoß die offenkundige Gewandtheit seines kleinen, schnellen Hondas. Er ließ sich selbstverständlich nicht abschütteln, schloß dicht auf und merkte nicht, daß er in eine besonders einsame und halbdunkle Region des Tiefdecks gelockt wurde. Dann passierte es plötzlich! Josuah Parker bewegte einen der vielen Kipphebel auf dem Armaturenbrett, nachdem er die versteckt angebrachte Sperre unter der Steuersäule gelöst hatte. Daraufhin schossen aus Düsen unter dem Heck des Wagens pechschwarze und dicke Rußwolken hervor, die sich explosionsartig ausbreiteten und vor allen Dingen die Windschutzscheibe des verfolgenden Wagens bedeckten. Dem Fahrer wurde jede Sicht genommen, die im unteren Parkdeck ohnehin nicht bestechend war. Der Mann am Steuer reagierte panisch und sorgte ungewollt dafür, daß der wendige Honda sich mit der Betonwand anlegte. Es war nur eine Frage von wenigen Sekunden, bis die Mauer auf der ganzen Linie siegte.
* Die Männer fielen förmlich aus dem Wagen und blieben leicht benommen auf dem Boden des Parkdecks liegen. Sie wollten zwar reagieren, als Parker sich ihnen näherte, doch dazu waren sie noch nicht in der Lage. »Mit Erlaubnis der Herren!« Parker lüftete höflich die schwarze Melone und entwaffnete die beiden Verfolger. Jeder von ihnen besaß eine gefüllte Schulterhalfter, Zwei Automatics wechselten den Besitzer. Die beiden Waffenträger wollten dagegen Protest einlegen, doch behinderten sie sich gegenseitig, was ihre gleichzeitig vorgebrachten Formulierungen betraf. »Sollten Sie in Diensten der Agentur Gatsbury stehen?« erkundigte sich der Butler. Parkers Hände suchten und fanden zwei sehr dienstlich und offiziell aussehende Ausweise, die von der Detektei Gatsbury ausgestellt waren. Damit erübrigten sich für den Butler alle weiteren Fragen. Er schritt gemessen und würdevoll zurück zu Lady Agatha, die die hintere Wagentür geöffnet hatte und nur darauf wartete, eingreifen zu können.
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»Falls Widerstand geleistet wird, möchte ich informiert werden«, rief sie ihrem Butler zu. »Die beiden Herren arbeiten für die bewußte Detektei, Mylady«, antwortete der Butler. »Es dürfte sich um sogenannte Handlanger handeln, denen man weiter keine Bedeutung beimessen sollte.« »Sagen Sie das nicht, Mister Parker«, warnte die ältere Dame. »Man sollte sie neutralisieren, wenn Sie mich fragen.« »Man dürfte bereits das suchen, Mylady, was man gemeinhin das Weite zu nennen pflegt«, erwiderte Parker. Er hörte hinter sich ein hohles Scheppern von Blech, das Splittern von Glas und das Aufheulen eines gequälten Motors. Der Butler wandte sich langsam um und nahm zur Kenntnis, daß der kleine Honda sich von der Betonwand löste, Fahrt aufnahm und dann in Richtung Wendel gebracht wurde. »Lassen Sie die beiden Subjekte etwa absichtlich davonfahren?« grollte die resolute Dame. »In der Tat«, räumte der Butler ein. »Meine bescheidene Wenigkeit geht davon aus, daß Mylady solch eine Lösung des kleinen Problems durchaus begrüßen.« »Tue ich das, Mister Parker?« Sie runzelte die Stirn. »Die beiden Privatdetektive würden als Myladys Gäste nur unnötige Kosten verursachen«, meinte der Butler. »Das ist allerdings richtig«, pflichtete sie ihm sofort bei.»Und ich muß schließlich mit jedem Penny rechnen. Nun denn, wahrscheinlich. werden diese Individuen früher oder später doch wieder meine Wege kreuzen.« »Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit«, unterstellte der Butler. »Mylady werden dann gewisse erzieherische Maßnahmen ergreifen können.« »Worauf die Lümmel sich bereits jetzt verlassen können«, versprach Agatha Simpson. Parker hatte inzwischen wieder am Steuer Platz genommen, die Türen geschlossen und fuhr über die enge Wendel zurück ans Tageslicht. Vom Honda war weit und breit nichts mehr zu sehen. Die beiden Verfolger hatten sich schleunigst abgesetzt und mieden zunächst jeden weiteren Kontakt mit Mylady und dem Butler. »Was steht jetzt auf meinem Plan, Mister Parker?« wollte sie unternehmungslustig wissen. »Mister Pickett dürfte bereits auf Mylady warten«, erinnerte der Butler.
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»Sind Sie sicher, daß ich nicht mehr beschattet werde, Mister Parker?« fragte sie. »Man sollte Mister Picketts Wohnsitz jetzt auf keinen Fall direkt ansteuern«, entgegnete der Butler. »Mylady pflegen Gegner niemals zu unterschätzen.« »Das ist richtig, Mister Parker«, gab sie zurück und nickte wohlwollend. »Sie hingegen müssen in dieser Beziehung noch einiges hinzulernen, Mister Parker.« »Mylady werden Vorbild und Mahnerin sein«, behauptete der Butler höflich wie stets. Er schaute dazu wieder mal, in den Rückspiegel seines hochbeinigen Monstrums und kam zu dem Schluß, daß es keine Verfolger gab. Dennoch blieb er sehr vorsichtig. Schließlich sollte Gatsbury nicht so ohne weiteres herausfinden, wo sein Einsatzwagen mit den beiden Detektiven geblieben war.
* Sie saßen apathisch in Strohsesseln, die einen zerschlissenen Eindruck machten. Als Parker den Raum betrat, blickten sie hoch und erinnerten sich augenscheinlich. »Endlich«, sagte einer der beiden Männer. »Wie lange wollen Sie uns hier noch festhalten, he? Sie wissen doch, daß das hier ‘ne astreine Entführung ist, oder?« »Mister Jack Stinton?« tippte der Butler an. »Stinton«, bestätigte der Mann und zeigte dann auf seinen Partner. »Und das da ist Lenny Cossack. Hören Sie jetzt mal genau zu, Mann, und nutzen Sie ihre Chance.« »Sie arbeiten für die Detektei Gatsbury«, schickte der Butler voraus. »Nach den gefundenen und gesichteten Unterlagen aus Ihrem Einsatzwagen geht hervor, daß Sie an diesem Tag zwei sogenannte Observationen vorgenommen haben.« »Sie…Sie haben sich die Aufzeichnungen angesehen?« kam verärgert die Antwort. »Und natürlich auch die diversen Tonbänder abgehört«, fügte der Butler höflich hinzu. »Sie erlauben, daß man Ihnen ein Kompliment macht, was die technische Ausrüstung Ihres Einsatzwagens betrifft. Die Herren sind auf dem neuesten Stand.« »Und wir haben erstklassige Anwälte«, warnte Stinton. Er war jener junge Mann, der aus dem Torweg gekommen war und Par-
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ker massiv bedroht hatte. Er wollte aufstehen und gab sich dazu alle Mühe, doch seine Muskeln schienen nicht mitzuspielen. Nach einem leichten Anlüpfen seines Körpers rutschte er wieder zurück in seine Ausgangslage. »Verdammt, Sie haben uns was in den Kaffee getan«, beschwerte sich Jack Stinton anschließend. »In den Tee«, korrigierte Parker. »In den Tee also«, meinte Stinton und wollte gereizt wirken, doch auch dies mißlang ihm. Er winkte mit einer müden Geste der Hand ab und schloß für einen Moment die Augen. Sein Partner Cossack, der ein wenig kompakter als sein Begleiter war, drückte sich nun ebenfalls hoch, ließ sich dann aber auch wieder zurücksinken. »Ihr habt uns was in ‘n Tee getan«, beschwerte er sich ebenfalls. »Nach der erhaltenen Information handelte es sich um ein Mittel zur allgemeinen Ruhigstellung der Herren«, erwiderte Josuah Parker. »Mit gesundheitlichen Folgerungen ist auf keinen Fall zu rechnen, wie man meiner Wenigkeit versicherte.« »Verdammt, wer sind Sie eigentlich?« wollte Jack Stinton nun wissen. »Sie haben uns da draußen in der City ganz schön hochgenommen.« »Sind Sie von ‘nem anderen Haufen?« fragte Lenny Cossack. »So sollte und könnte man durchaus sagen«, entgegnete der Butler. »Meine bescheidene Wenigkeit beschäftigt sich eindeutig nicht mit dem Ausspähen von Personen.« »Sie… Sie haben sich die Bänder angesehen?« fragte Stinton. »Wie bereits gesagt«, bestätigte der Butler noch mal. »Die Ausbeute Ihrer hochempfindlichen Richtmikrofone kann man nur als beachtlich bezeichnen. Auch die Videoaufzeichnungen sind von einer bestechenden Qualität. Sie müssen mit ausgezeichneten Optiken gearbeitet haben.« »Das ist eben unser Job«, erklärte Lenny Cossack. »Wir schaffen schließlich für ‘ne bekannte Detektei.« »Sie sind auf Scheidungen spezialisiert?« erkundigte sich der Butler. »Kein Kommentar«, sagte Stinton fast streng und warf seinem Partner Cossack einen warnenden Blick zu. »Fragen Sie unseren Chef. Sie wissen ja längst, wer das ist, oder?« »Mister Randy Gatsbury«, nannte Parker den Namen.
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»Randy Gatsbury«, bestätigte Stinton. »Von dem werden Sie übrigens noch was erleben, darauf können Sie sich verlassen.« »Möglicherweise wird Mister Gatsbury Ihre Unhöflichkeit und auch Ihr handwerkliches Unvermögen außerordentlich rügen«, schickte Josuah Parker voraus. »Er wurde bereits über den kleinen peinlichen Zwischenfall informiert.« »Moment mal… das haben Sie getan?« staunte Cossack. »Lady Simpson geruhte, darauf zu bestehen«, lautete die Antwort des Butlers. »Mister Gatsbury machte einen ausgesprochen verärgerten Eindruck, als man ihm Details berichtete.« »Wie lange wollen Sie uns hier noch festhalten?« fragte Stinton ungeduldig. Er ging auf Parkers Hinweise nicht ein, schien sie gar nicht gehört zuhaben. »Nach einer kleinen Ruhepause, die Sie sich noch gönnen sollten, steht Ihrem Weggang nichts mehr im Weg«, beantwortete der Butler die Frage. »Vorher sollten Sie aber vielleicht doch eine Liste jener Personen anfertigen, die von Ihnen in jüngster Vergangenheit bereits überwacht wurden.« »Wir… wir denken nicht daran«, erklärte Stinton wütend. »Natürlich nicht, Mister Stinton.« Parker war die höfliche Geduld in Person. »Sie ziehen es vor, erst mal hier zu verbleiben. Sie sind durchaus, wie deutlich zu erkennen ist, ein Mann von hehren Grundsätzen. Meine Wenigkeit wird dies respektieren.« Josuah Parker lüftete die schwarze Melone und verließ den fensterlosen Raum, der zu einem ausgedehnten Kellertrakt gehörte. Die beiden Detektive verzichteten auf jeden Versuch, ihn daran zu hindern.
* »Ich habe ein paar Freunde losgeschickt und herausfinden lassen, wen die beiden Leute abgehört haben«, sagte Horace Pickett. Er zeigte sich als Gastgeber und war sich der Ehre durchaus bewußt, Lady Simpson eine Erfrischung in seinen Räumen anbieten zu können. Pickett, um die sechzig Jahre alt, groß und schlank, erinnerte, was Aussehen und Gesten betraf, an einen pensionierten hohen Offizier. Er trug zur grauen Hose einen Tweed-Sakko, präsentierte
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einen sorgfältig gestutzten Schnurrbart und hatte dunkel-graue, hellwache Augen. Horace Pickett sah man nicht an, daß er vor Jahren als Taschendieb gearbeitet hatte. Er war ein Meister seines Fachs gewesen und hatte sich nur mit Personen befaßt, die seiner guten Einschätzung nach einen materiellen Verlust hinnehmen konnten. Man hatte Pickett nie gefaßt, doch um ein Haar wäre er umgebracht worden. Er hatte sich nämlich mit einer Brieftasche angelegt, die einem hohen Mafioso gehörte. Dank Parkers Eingreifen war Pickett gerade noch mit dem Leben davongekommen. Seit dieser Zeit stand der ehemalige Eigentumsumverteiler auf der Seite des Gesetzes und hafte sich zu einem überaus wertvollen Mitarbeiter Myladys und Parkers gemausert. Seine Spezialität war die diskrete Überwachung von Personen. Darüber hinaus verfügte er immer noch über ausgezeichnete Verbindungen zur Unterwelt und konnte mit vielen wertvollen Tips aufwarten. Lady Agatha hatte Picketts Hinweis wohlwollend zur Kenntnis genommen, konnte aber momentan keine Fragen stellen. Sie befaßte sich mit dem Teegebäck, das Pickett anbot, und knabberte an einer Scheibe Früchtekuchen, die in starken Rum getaucht worden war. Pickett wohnte in der Nähe des Flugplatzes von Heathrow in einem unauffällig aussehenden Reihenhaus, an dessen Rückseite sich einige Anbauten und Garagen anschlossen. Der Eigentumsumverteiler a.D. war durchaus in der Lage, einige Wagen aufzunehmen und von der Bildfläche verschwinden zu lassen. Er konnte darüber hinaus jenen Personen Kost und Logis anbieten, die ihm von Butler Parker zugespielt worden waren. »Ihre Bekannten werden sicher Namen ausgeforscht haben«, tippte Josuah Parker an. Er hatte Pickett gebeten, die Aufzeichnungen der beiden Detektive auszuwerten. Es hatte sich dabei um Audio- und Video-Aufzeichnungen gehandelt. »Sie werden staunen, Mister Parker, welche Leute die beiden Männer belauert haben«, schickte der einstige Eigentumsübertrager voraus. »Sagen Ihnen die Namen Richard Monney und Jack Lorrings etwas?« »Durchaus, Mister Pickett«, gab der Butler zurück. »Mister Monney ist ein bekannter Politiker, Mister Lorrings steht einem ehr-
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würdigen Verband vor, der in der internationalen Finanzwelt einen klangvollen Namen besitzt.« »Diese beiden Männer haben sich mit Frauen getroffen«, berichtete Horace Pickett weiter. »Das geht aus den Bild- und Tonaufzeichnungen eindeutig hervor.« »Warum sollten sie nicht?« ließ Lady Agatha sich vernehmen, während sie ihren Tee mit einem Schuß Rum anreicherte. »Die erwähnten Herren, Mylady, sind verheiratet«, bemerkte der Butler. »Warum auch nicht?« Agatha Simpson nippte an ihrem Tee, setzte die Tasse dann sehr abrupt ab und blickte Parker und Pickett nacheinander an. Dabei lächelte sie plötzlich wissend. »Sie haben sich eben nicht mit ihren Frauen getroffen, wie?« sagte sie dann fast erfreut. »Dies, Mylady, sollte man als völlig gesichert betrachten«, antwortete der Butler. »Sehr interessant.« Die Detektivin nickte gedankenvoll. »Ich ahnte so etwas gleich. Hier dürfte es um geschickte Erpressungen gehen, nicht wahr?« »Mylady treffen wieder mal den sprichwörtlichen Nagel auf den Kopf«, kommentierte der Butler diese Feststellung.
* Sie warteten vor dem geschlossenen Gittertor, hinter dem der große Vorplatz mit der Auffahrt und dem Blumenrondell zu sehen war. Lady Simpsons Haus, in Fachwerk errichtet, stand auf den labyrinthartigen Gewölben einer mittelalterlichen Abtei und war das Hauptstück eines kleinen Ensembles ähnlicher, jedoch wesentlich kleinerer Häuser, die rechtwinklig dazu angeordnet waren und den Vorplatz säumten. Der altehrwürdige Bau befand sich im Stadtteil Shepherd’s Market, ganz in der Nähe von Hydepark. Dennoch war vom üblichen Verkehr der Millionenstadt hier nichts wahrzunehmen. Man befand sich in einer Oase der Ruhe und Abgeschiedenheit. Parker, am Steuer seines hochbeinigen Monstrums, öffnete die beiden Torflügel per Funksignal vom Wagen aus und beobachtete dabei die beiden Motorradfahrer am gegenüberliegenden Straßenrand, die sich in Lauerstellung befanden.
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Ihre Absicht war völlig klar. Sobald Parker sich anschickte, das geöffnete Tor zu passieren, wollten sie sich ungebeten anschließen und in das Grundstück fahren. Der Butler war auf solche Bestrebungen eingerichtet. Beim Ausbau des altehrwürdigen Hauses hatte er Sorge dafür getragen, daß aufdringliche und bereits nahe Verfolger energisch zurückgewiesen werden konnten. Als die beiden Flügel des Tores sich geöffnet hatten, ließ der Butler sein hochbeiniges Monstrum anrollen. Er schien die Motorradfahrer gar nicht zu sehen, die prompt die an sich sehr befahrene Durchgangsstraße querten und mit Vollgas durch das Tor preschten, das sich bereits wieder langsam schloß. Die beiden durch sonnengeschützte Jet-Helme geschützten schienen sich bereits im vorhinein auf eine gemeinsame Taktik geeinigt zu haben. Die Kerle schwärmten aus und umrundeten die große Blumenrabatte auf getrennten Wegen. Trotz Vollgas rechneten sie nicht mit Schwierigkeiten. Doch stellten die sich prompt ein. Parker hatte seine Trickkiste auf Rädern vorschnellen lassen, sorgte für einen passenden Vorsprung und betätigte dabei ein zweites Funksignal. Daraufhin wurden beide Fahrbahnen der Auffahrt blitzartig gesperrt. Aus Regenablaufrinnen schossen quer über die getrennten Fahrbahnen durchgehende Gitter in die Höhe, die etwa vierzig Zentimeter hoch waren und dolchartige Spitzen aufwiesen. Sie waren ein Hindernis, gegen das kein Kraut gewachsen war. Der Fahrer, der die rechte Auffahrt gewählt hatte, sah im letzten Moment das Hindernis und versuchte es mit einer Schnellbremsung, die an sich durchaus funktionierte, ihn jedoch aus dem Sattel des Zweirades riß. Der Mann katapultierte über den Lenker hinweg in steil ansteigender Flugkurve, erreichte den Gipfelpunkt und senkte sich dann, den Gesetzen der Schwerkraft gehorchend. Wenig später landete er krachend auf dem Pflaster der Auffahrt, schlitterte etwa anderthalb Meter mit seiner Lederbekleidung in Richtung Fachwerkhaus und blieb dann vor der Sandsteineinfassung der Blumenrabatte liegen. Der zweite Fahrer auf der gegenüberliegenden Route hatte dieses Flugmanöver bereits hinter sich und klatschte mit dem Gesäß in das Blumenrondell. Dabei entwurzelte und plättete er einige Bodengehölze und blieb anschließend regungslos liegen.
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»Ich hoffe doch sehr, Mister Parker, daß die verkommenen Subjekte sich einige Knochen gebrochen haben«, sagte Lady Simpson, die den Kurzflügen wohlwollend zugeschaut hatte. »Die Herren dürften das überraschende Verlassen ihrer Maschinen unbeschadet überstanden haben«, gab der Butler zurück. »Mylady denken in diesem Zusammenhang sicher an die spektakulären Szenen, wie sie von Motorradrennen her bekannt sind. In solchen Fällen pflegen die im allgemeinen beneidenswert standfesten Fahrer in der Regel wieder aufzustehen.« »Ich will wissen, wer diese Lümmel sind und für wen sie arbeiten«, verlangte die ältere Dame. »Bringen Sie sie aber nicht ins Haus, Mister Parker. Ich habe keine Lust, schon wieder Kriminelle durchzufüttern.« »Mylady können sich auf meine bescheidene Wenigkeit verlassen«, lautete die Antwort des Butlers. Sein glattes Pokergesicht zeigte keine Regung.
* Nach wenigen Minuten standen die unfreiwilligen Stuntmen ein wenig schwerfällig auf, sortierten ihre Gliedmaßen, riefen sich wechselseitig ausgesuchte Flüche und Verwünschungen zu, richteten ihre lädierten Maschinen auf und wollten dann gemeinsam herausfinden, warum und wieso sie derart abrupt gestrandet waren. Sie untersuchten die Querrinnen im Pflasterwerk, fanden aber nichts als die schweren, gußeisernen Abdeckungen und schoben sich anschließend ausgesprochen verärgert, aber dennoch humpelnd, Richtung Vorbau zur Tür. Das Spitzdach dieses Vorbaus wurde von kleinen Säulen getragen, die ihrerseits auf einem Sockel standen. Die schwarz lackierte Tür machte einen völlig normalen Eindruck, war mit Messing beschlagen und verfügte über einen einladend aussehenden Türklopfer. Einer der beiden jungen Männer, die übrigens ihre Jet-Helme abgenommen hatten, griff nach ihm und wollte sich bemerkbar machen. Der zweite gestrandete Motorradfahrer legte seinen linken Zeigefinger nachdrücklich auf den Klingelknopf und läutete.
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Sie erlebten allerdings eine Überraschung, denn beide Dinge standen eindeutig unter Strom. Die jungen Männer zuckten wie unter unsichtbaren Peitschenhieben zusammen und wurden rund anderthalb Meter zurückgeschleudert. Sie landeten auf dem Rücken und blickten sich fassungslos an. »Aber… aber nicht mit mir«, sagte einer von ihnen und stand mühsam auf. »So was macht man mit mir immer nur einmal.« Er langte unter seine Lederjacke und wollte jene Schußwaffe aktivieren, die Parker längst gefunden und natürlich auch konfisziert hatte. Der Mann blickte verblüfft drein, räusperte sich und zuckte die Achseln. »Ich glaub’, wir ziehen Leine«, schlug er dann kleinlaut vor. »Das fehlte noch!« Der zweite Zweiradbenutzer schüttelte wütend den Kopf. »Ich lasse mich doch nicht vorführen. Was soll denn Buddy sagen?« »Dem kannst du was vom Pferd erzählen«, schlug sein Partner vor. »Merkst du denn nicht, daß sie mit uns spielen?« »Gleich nicht mehr.« Der junge Mann war wütend geworden, zeigte auf die Tür, die tatsächlich einen leichten Eindruck machte und trat dann einige Schritte zurück, um Anlauf zu nehmen. Er ging von der Konstruktion üblicher Holztüren aus, die man in der Regel mit etwas körperlichem Nachdruck öffnen konnte. Er lief an, brachte seinen nicht gerade unterentwickelten Körper auf Tempo, schob die rechte Schulter vor und warf sich mit Vehemenz gegen das Türblatt. Unmittelbar nach dem Auftreffen wurde ihm allerdings klar, daß er sich offensichtlich mit einer Tresortür eingelassen haben mußte. Er tropfte an dieser so leicht scheinenden Tür ab, stöhnte dazu und massierte sich anschließend die schmerzende Schulter. »Haste jetzt endlich die Nase voll?« höhnte sein Partner, der sich einsichtsvoll und vornehm zurückgehalten hatte. »Ich komm wieder«, drohte der Schmerzempfindliche wütend in Richtung Tür. »Und wenn ich’ne Sprengladung mitbringen…« »Hauen wir ab«, mahnte sein Partner erneut. »Ich gehe jede Wette ein, daß wir hier sogar abgehört werden.« »Dies entspricht durchaus der Tatsache«, war in diesem Augenblick die Stimme des Butlers zu vernehmen. Sie kam aus einem versteckt angebrachten Lautsprecher oben unter dem Spitzdach des Vorbaus. »Meine Wenigkeit erlaubt sich, Ihnen eine harmonische Heimfahrt
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zu wünschen, falls Ihre Zweiräder noch zu gebrauchen sein sollten.« »Dafür hetzen wir dich durch die Stadt«, drohte der Mann, dessen Schulter sich noch immer nicht beruhigt hatte. »Dafür nehmen wir dich noch hoch.« »Wie die Herren zu wünschen belieben«, war Parkers Stimme wieder zu vernehmen. »Weitere Drohungen sollten Sie aber schriftlich einreichen.« Die beiden unfreiwilligen Stuntman sahen endlich ein, daß für sie hier nichts zu holen war. Sie schlichen förmlich zurück zu ihren Maschinen und schoben sie in Richtung Tor. Sie hatten keine Lust, noch mal gegen ihren Willen absteigen zu müssen. Sie trauten dem Pflaster ganz und gar nicht.
* Buddy Parney mochte vierzig sein. Der große Mann erinnerte in seinen Außenmaßen an einen normalen Kleiderschrank hatte einen erstaunlich kleinen Kopf und eine ebenso erstaunlich hohe Stirn. Er residierte hinter einem langen Tresen und kontrollierte drei Mitarbeiter, die alle Hände voll zu tun hatten, um die Wünsche der Gäste zu erfüllen. Es handelte sich um einen Privatklub, zu dem man nur als Mitglied Zutritt erhielt. Parker hatte für Mylady und für sich diese Formalität bereits erledigt und am Eingang seine Mitgliedschaft dokumentiert. Dazu hatte er einen Klubbeitrag von je fünf Pfund entrichtet und sich und die ältere Dame in ein ausgelegtes Hauptbuch eingetragen. So konnten Mylady und er völlig legal alkoholische Getränke auch weit nach Mitternacht bestellen und zu sich nehmen. Den Gesetzgeber interessierte es nicht, was sich in einem Privatklub abspielte. Parney war ein aufmerksamer Klub-Betreiber. Er hatte Lady Agatha und ihren Butler natürlich längst wahrgenommen, wußte aber nicht, wie er die neuen Mitglieder einordnen sollte. Er schob sich um den Tresen herum und stampfte zu der Nische, in der Parker und Mylady Platz genommen hatten. Breitbeinig und mit der festen Absicht, erst mal einzuschüchtern, blickte er die beiden Gäste an. Dann nahm er sein Handtuch ruckartig von der linken
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Schulter und wollte mit dem freien Ende recht energisch vorhandene Krümel von der Tischplatte schlagen. Er blieb jedoch plötzlich wie erstarrt stehen und riskierte es nicht, die gedachte Bewegung auszuführen. Er hielt seinen Arm halb hoch und blickte dann fast schielend auf die Spitze von Parkers Universal-Regenschirm. Diese Spitze parkte auf dem Solarplexus des Mannes und bohrte sich ein wenig in die Muskelmasse. »Sie sollten stets mit einer gewissen Schreckhaftigkeit Ihrer Gäste rechnen, Mister Parney«, warnte der Butler, der sich am Eingang den Betreiber des Privatklubs hatte beschreiben lassen. »Sie…Sie kennen mich?« fragte Parney mit heller Fistelstimme, die so gar nicht zu seinem massigen Aussehen paßte. Er senkte ungemein vorsichtig den Arm und lächelte krampfhaft. »Ihr Name wurde im Zusammenhang mit zwei Motorradfahrern genannt, die Mylady gegenüber ein wenig lästig wurden«, schickte der Butler voraus. »Sie haben sich bei Ihnen noch nicht zurückgemeldet?« »Motorradfahrer?« staunte Buddy Parney, wie der vollständige Name lautete. »Zwei«, erinnerte die ältere Dame grimmig. »Stellen Sie sich gefälligst nicht dümmer an, als Sie es ohnehin sind, junger Mann. Für wen haben Sie diese jungen Gimpel zu mir geschickt?« »Zwei junge Gimpel?« echote Parney und tat erstaunt. Er wandte sich halb um und suchte sicher Blickkontakt mit seinen Mitarbeitern und einigen speziellen Gästen. »Schauen Sie sich das hier an, junger Mann«, forderte Agatha Simpson den mächtigen Mann auf. Er reagierte prompt, drehte sich wieder zu der älteren Dame um und blickte dann interessiert auf ihre rechte Hand. Auf der Fläche war ein fast schwarzer, sehr feinkörniger Belag auszumachen. »Wissen Sie, was das ist?« fragte Lady Simpson. »Klar doch«, lautete die ausgesprochen naive Antwort des Mannes, der dazu ein wenig töricht lächelte. »Das ist Pfeffer.« »Richtig, junger Mann«, bestätigte die resolute Dame und wies mit einer entsprechenden Kopfbewegung auf einen Streuer auf dem Tisch. Anschließend blies sie unvermittelt und kräftig auf den Pfeffer, ließ ihn hochstieben und sorgte so dafür, daß er dem Klub-Betreiber ins Gesicht wehte.
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Buddy Parney heulte auf wie ein Steppenwolf. Anschließend hustete er, als hätte er sich verschluckt, und ließ sich auf den Stuhl vor der Nische niederfallen. Dabei blickte er die ältere Dame in einer Mischung aus Anklage und Überraschung an.
* Dieser Blick hing ursächlich mit dem perlenbestickten Pompadour zusammen, den Lady Agatha kurzfristig und mit viel Schwung auf Buddy Parneys Brust landen ließ. In dem so harmlos aussehenden Handbeutel, der an langen Schnüren hing, befand sich der sogenannte Glücksbringer der Lady Simpson. Dabei handelte es sich um das Hufeisen eines stämmigen Brauereipferdes. Dieser Gegenstand, der so niederschmetternd sein konnte, war nur recht oberflächlich mit dünnem Schaumstoff umgeben. Mylady wollte schließlich keine bleibenden Schäden hinterlassen, wenn sie ihren Glücksbringer einsetzte. Nun, Parney zeigte Wirkung. Tränen quollen aus den Augen und vermischten sich mit dem Pfeffer zu einer Masse, die den Schleimhäuten der Augen nicht zuträglich war. Hinzu kam die Rippenprellung, für die Myladys Pompadour gesorgt hatte. Parney hing wie ein nasser Sack auf seinem Sitzmöbel. »Sie sollten sich vielleicht zu jener Person äußern, Mister Parney, für die Sie Ihre beiden Motorradfahrer nach Shepherd’s Market schickten«, ließ der Butler sich vernehmen. »Ich… ich bring euch um«, drohte der Mann kurzatmig und schlug mit den Armen wild um sich. Es sah so aus, als dirigierte er gestenreich ein unsichtbares Orchester. »Könnte Mister Randy Gatsbury Sie um einen Gefallen gebeten und entsprechend bezahlt haben?« Parker blieb höflich wie stets. »Ich…ich bring euch um«, wiederholte Buddy Parney. »Sie kündigten dies bereits an«, erinnerte Josuah Parker. »Mylady und meine Wenigkeit haben es zur Kenntnis genommen. Aber zurück zu Mister Gatsbury. Sie sind ihm in irgendeiner Weise verpflichtet, Mister Parney?« Hinter dem langen Tresen war man inzwischen auf die Nische aufmerksam geworden. Einige handfest aussehende Gäste interessierten sich ebenfalls für die Vorgänge. Mit Biergläsern in den
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Händen näherten sie sich und maßen den zweibeinigen Kleiderschrank mit ratlosen Blicken. Sie konnten sich das krampfartige Atmen des Privatklub-Betreibers nicht erklären. Parker kam den Dingen zuvor. Er war keineswegs an einer kleinen Schlacht hier im Klub interessiert. Er kannte die ausufernde Energie seiner Herrin, rechnete auf der anderen Seite, aber auch mit dummen Zufällen zu Lasten der älteren Dame. Parker hielt plötzlich wie durch Zauberei einen kleinen ParfümZerstäuber in der linken, schwarz behandschuhten Hand. Dieser Zerstäuber, kaum größer als die Hülse eines Lippenstifts, enthielt ein Präparat, das geeignet war, angespannte Muskeln schlaff werden zu lassen. Darüber hinaus vermittelte das Präparat ausgesprochen angenehme Gefühle. Drei der neugierigen Gäste hatten die Nische fast erreicht, als der Butler sie mit einer Dosis aus dem Zerstäuber versorgte. Ein feiner, feuchter Film legte sich auf die Gesichter der Männer, die erst mal ein wenig überrascht schnupperten, sich dann mit ihren freien Händen durch die Gesichter wischten und entspannt lächelten. »Man erlaubt sich, den Herren einen recht angenehmen Abend zu wünschen«, rief der Butler ihnen zu. »Würden Sie die Güte haben, auf das Wohl einer edlen Spenderin einen Drink zu nehmen?« Sie nickten, lachten, lärmten fröhlich und marschierten zurück zum Tresen. Lady Agatha blickte ihren Butler streng an. »Man hält doch hoffentlich nicht mich für die edle Spenderin, Mister Parker«, sorgte sie sich. »Myladys Name wurde eindeutig nicht genannt«, beruhigte der Butler die ältere Dame. »Möglicherweise erklärt sich aber Mister Parney bereit, für die Kosten aufzukommen.« »Richtig, Mister Parker.« Agatha Simpson erhob sich in ihrer ganzen beeindruckenden Fülle und deutete dann auf den Betreiber des Klubs. »Ich höre gerade, daß dieses Individuum eine Gesamtrunde ausgeben will. Bedienen Sie sich, trinken Sie, was immer Sie wünschen.« Anschließend winkte sie einen der Bartender energisch zu sich und verlangte französischen Cognac.
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»Beeilen Sie sich, junger Mann«, drängte sie mit grollendem Unterton in ihrer Stimme. »Eine Lady Simpson läßt man nicht warten.« »Zurück zu Ihnen, Mister Parney«, meinte der Butler und widmete sich wieder dem Spender wider Willen. »Wie lautete der Auftrag Mister Gatsburys, was Ihre beiden Mitarbeiter auf den Zweirädern betrifft?« »Die…die sollten euch nach Soho bringen«, kam eine erste brauchbare Auskunft. Sie hing damit zusammen, daß auch Buddy Parney etwas von dem bewußten Feuchtigkeitsfilm mitbekommen hatte. »Sie werden sicher die dazu passende Adresse und auch noch einen Namen nennen können«, wußte der Butler in gewohnt höflicher Form. »Zu Miles Brackner«, erwiderte der Privatklub-Anbieter, um dazu leise aufzulachen. »Mann, der macht euch fertig, wetten? Ihr werdet glatt abheben.« »Der Name Gatsbury sagt Ihnen nichts, Mister Parney?« »Überhaupt nichts.« Der massige Mann schüttelte freundlich lächelnd den Kopf. »Der hat sich mir noch nicht vorgestellt.« »Nun, Mister Parker, was sage ich dazu?« wollte Lady Simpson von ihrem Butler wissen. Sie winkte ungnädig ab, als der Bartender, der die Cognacflasche brachte, sie wieder wegtragen wollte, nachdem er Mylady eingegossen hatte. »Die Flasche bleibt hier, junger Mann«, grollte die ältere Dame. »Ich werde erst mal das Etikett studieren, bevor ich auch nur einen einzigen Schluck nehme.« Sie erhob sich und nickte Parker zu, der die Flasche an sich nahm. Dann widmete sich die Detektivin Buddy Parney. »Vielleicht stehen Sie endlich auf und begleiten eine Dame zur Tür, junger Mann«, verlangte sie mit ihrer bekannt tiefen Stimme. »Oder muß ich Ihnen erst Manieren beibringen?« Die Gäste am Tresen und an den Tischen amüsierten sich ausgiebig über den »Kleiderschrank«, der als hart und aggressiv galt. Er war zu einem Lamm geworden, das die energische Dame und ihren Butler schwungvoll zur Tür geleitete. »Sie wollen mir tatsächlich die Flasche Cognac aufdrängen, junger Mann?« staunte Agatha Simpson, als man sich voneinander verabschiedete. »Nun gut, ich lasse mich zögernd überreden… Ich möchte nicht als unhöflich gelten.«
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Mylady winkte hoheitsvoll wie eine Monarchin und bestieg dann das hochbeinige Monstrum des Butlers. Buddy Parney aber stand am Bordstein und winkte der älteren Dame. Er schien es aufrichtig zu bedauern, daß sie bereits gefahren war.
* »Wer ist nun dieses Individuum, Mister Parker?« fragte Lady Agatha, als Parker sein Gefährt in den Verkehrsstrom eingefädelt hatte. »Mister Buddy Parney gilt als gewalttätiger Gangster, Mylady«, informierte Parker die ältere Dame. »Er vermietet nach sattsam bekannter Manier Schläger aller Art. Selbst für einen Mord scheint man ihn bezahlen zu können.« »Ganz danach sah er allerdings auch aus. Ich hätte mit meinem Pompadour vielleicht doch konsequenter zulangen sollen«, meinte Agatha Simpson. »Mylady werden dazu mit einiger Sicherheit noch Gelegenheit haben«, wußte der Butler. »Mylady möchten Mister Miles Brackner aufsuchen?« »Selbstverständlich«, antwortete sie. »Und wer ist das?« »Jene Person, die Mister Parneys Motorradfahrer mietete«, erinnerte der Butler. »Seine Adresse in Soho ist bekannt.« »Kenne ich diesen Mister Bleckner?« fragte sie munter. »Mister Miles Brackner, Mylady, hat sich bisher davor gehütet, Myladys Wege zu kreuzen«, meinte Parker. »Auch meine Wenigkeit weiß im Augenblick nicht, wie diese Person ein zuordnen ist.« »Warum haben die beiden Motorradfahrer eigentlich nicht ihren Brötchengeber gewarnt?« verlangte Mylady zu wissen. »Sie gaben und geben sich auch jetzt noch einer gewissen inneren Heiterkeit hin, Mylady«, erläuterte der Butler. »Während sie unter dem Vordach standen, konnte meine Wenigkeit die jungen Männer psychisch impfen, falls dieser Ausdruck erlaubt ist.« »Natürlich ist er erlaubt«, gab sie zurück. »Und was stelle ich mir darunter vor?« »Sie wurden mit jenem Spray behandelt, der Mylady bekannt ist«, erklärte Josuah Parker. »Er regnete auf sie herab.« »Sehr hübsch.« Sie nickte und lächelte wohlwollend. »Hatte ich einen solchen Hinweis nicht in jüngster Vergangenheit gegeben?«
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»In der Tat, Mylady.« Parker ging auf diese Behauptung nicht weiter ein. »Ich bin jetzt auf dem Weg nach…?« »Soho, Mylady«, lautete Parkers diskreter Hinweis. »Man wird sich dort mit Mister Brackner befassen, falls er um diese Zeit noch zu erreichen ist.« Die ältere Dame nickte und kuschelte sich in der Wagenecke zurecht. Sie schloß die Augen und dachte sicher über ihren neuen Fall nach. Erste, Schnarchtöne verrieten dann, wie intensiv sie sich mit den Ereignissen befaßte. Parker, der seinen Fahrgast auf dem Umweg über den Rückspiegel kurz beobachtet hatte, konnte sich nun seinerseits mit den Vorfällen auseinandersetzen, die zu den momentanen Aktivitäten geführt hatten. Er dachte in erster Linie an den Kastenwagen mit den Überwachungsgeräten. Er wunderte sich noch mal darüber, daß man Personen wie Richard Monney und Jack Lorrings derart intensiv beobachtet hatte. Die Audio- und Video-Aufnahmen waren brisant zu nennen. Beide Männer turtelten darauf mit ihren Damen und kamen sich ausgesprochen näher. Die mitgeschnittenen Wortbeiträge ließen keine Zweifel an Schäferstündchen aufkommen. Natürlich dachte der Butler an Erpressungsabsichten. In der Vergangenheit hatte er es bereits mehrfach mit ähnlich gelagerten Fällen zu tun gehabt. Die Versuchung, aus dem Privatleben bekannter Personen Kapital zu schlagen, war und blieb groß. Man versuchte es immer wieder. Die Detektei Gatsbury arbeitete sicher nicht auf eigene Rechnung, was die Observationen betraf. Wer konnte ein Interesse daran haben, im Privatleben anderer Leute zu schnüffeln? Ließen mißtrauische Ehefrauen ihre Männer beobachten? Handelte es sich um Intrigen im politischen und geschäftlichen Bereich? Oder wollte man nur schlicht und einfach erpressen? Es bestand natürlich noch die Möglichkeit, daß man das gesammelte Material irgendeinem Geheimdienst zuspielen wollte. Wie brisant die Dinge waren, ließ sich von den bisherigen Ereignissen ablesen. Da gab es diesen Honda, der in der Tiefgarage gestrandet war. Die Insassen dieses Wagens hatten sich abgesetzt, und da waren die beiden Motorradfahrer, die von dem
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Gangster Buddy Parney in Marsch gesetzt worden waren. Die Detektei Gatsbury konnte keine saubere Weste haben, denn sie arbeitete immerhin mit einem in der Szene wohlbekannten Gangster zusammen. Parker war gespannt, wer Miles Brackner sein mochte. Angeblich hatte er sich mit Lady Simpson und ihm, Butler Parker, befassen wollen. Noch war diese Person der große Unbekannte im Spiel.
* »Ein Sonnen-Studio«, sagte Lady Agatha, »so etwas hatte ich mir bereits gedacht, Mister Parker.« »Myladys Sensibilität dürfte wieder mal intensiv angesprochen haben«, meinte der Butler. Er hatte das kleine Ladenlokal in einer engen Seitenstraße von Soho passiert und machte sich mit der näheren Örtlichkeit dieses Studios vertraut. Soho bot um diese Nachtstunde ein vielfältig buntes Bild. Die Neonreklamen, zuckend und grell, schufen eine fast unwirkliche, geheimnisvolle Atmosphäre und verhießen Sünde und Laster. Der Eingeweihte wußte es natürlich besser. Dieser einstmals verrufene und verruchte Stadtteil von London lebte nur noch von seinem Ruf. Touristen konnten sich hier ungestört amüsieren und hatten nichts zu befürchten. Unter der bunten Oberfläche aber gab es natürlich nach wie vor Kriminalität im großen Stil. Doch die Beteiligten hüteten sich, dies an die Öffentlichkeit dringen zu lassen. An Schlagzeilen war man nämlich nicht interessiert. Josuah Parker hatte das umgebaute Ladenlokal passiert und stellte sein hochbeiniges Gefährt auf den engen Hinterhof einer chinesischen Gaststätte. Er geleitete die ältere Dame durch den Hintereingang in das Lokal und wurde hier von dem Inhaber sehr herzlich begrüßt. Parker hatte den Asiaten vor Jahren mal aus einer bösen Lage befreit und galt seit dieser Zeit als Freund der Großfamilie. Dazu gehörte auch, daß er seinen Wagen zu jeder Tages- und Nachtzeit hier parken konnte, ein Privileg, um das man ihn gerade im überfüllten Soho nur zu gern beneidete.
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»Mylady könnten vielleicht eine Kleinigkeit zu sich nehmen«, schlug der Butler vor. »Die Hühnersuppe mit Einlage ist gerade hier besonders berühmt.« »Ein recht netter Vorschlag«, meinte sie und lächelte wohlwollend. »Ich würde solch ein Süppchen als Magenöffner bezeichnen, Mister Parker. Nehmen Sie sich Zeit, sagen Sie mir rechtzeitig, wenn ich gebraucht werde.« Parker überließ seine Herrin den Kochkünsten des sich geehrt fühlenden Inhabers und kehrte dem sehr gut besuchten Restaurant den Rücken. Er betrat die Straße auf dem Umweg über den Hinterhof und einen Torweg, schritt langsam wieder in Richtung Sonnen-Studio und schloß sich einer Gruppe lärmender Touristen an, die dem Alkohol bereits ausgiebig zugesprochen hatten. Abgeschirmt durch dieses muntere Völkchen konnte Parker sich den Eingang zum Studio genauer ansehen. Ihm fiel sofort auf, daß ein alter Mann mit einem knöchellangen Mantel Position bezogen hatte. Beim Vorbeifahren war der Mann wohl von Passanten verdeckt worden. Der Alte trug eine Art Bauchladen und verkaufte kleine Fotomappen. Es handelte sich mit Sicherheit um sogenannte pikante Aufnahmen, die noch immer ihre Abnehmer fanden. Stand der Mann zufällig neben dem Eingang zum Sonnen-Studio? Falls dem so war, mußte er ein schlechter Anbieter und Verkäufer sein, denn in der engeren Umgebung des umgebauten Ladenlokals fand er mit Sicherheit nicht das Publikum, das sich für seine Bilderserien interessierte. Parker hatte sich vom Pulk der lärmenden Touristen längst getrennt und stand inzwischen schräg gegenüber dem Studio in einer schmalen Laden-Passage. In der Auslage war Trödel aller Art zu sehen, der als Antiquitäten angepriesen wurde. Der Butler aktivierte seine Waffe. Aus einer der Innentaschen seines Covercoats holte er eine Yförmige Gabelschleuder hervor, wie sie von Jungen immer wieder aus kleinen Astgabeln geschnitten werden. Parkers Zwille allerdings bestand aus starkem Stahl, der in der Lage war, die beiden ebenfalls sehr elastischen und starken Gummistränge zu halten. Als Munition standen einige Geschoßarten zur Verfügung. Man konnte hart und weich gebrannte Tonkugeln verschießen, die auch mit einer Ummantelung von speziell getränkten Schwämmchen zur Verfügung standen. Darüber hinaus war Parker auch in
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der Lage, Explosivkörper zu versenden, die beim Aufprall für starke Geräusch- und Lichtentwicklung sorgten. Parker arbeitete immer wieder an der logischen Weiterentwicklung seiner Abwehrwaffen. Er mußte sich notgedrungen den Techniken seiner Gegner anpassen, die sehr erfinderisch waren. Im vorliegenden Fall hatte der Butler sich für eine geräuschlose Ruhigstellung des Bauchladenbesitzers entschieden. Er legte eine hart gebrannte Ton-Erbse in die Lederschlaufe seiner Gabelschleuder, strammte die Gummistränge und schickte sein Geschoß im geeigneten Moment auf die Luftreise. So gut wie unhörbar jagte die dunkel eingefärbte Ton-Erbse quer über die Straße und erwischte das Zielobjekt über der Nasenwurzel. Es zeigte sich wieder mal, wie ungemein treffsicher Parker war. Er schien den Mann wirklich nur oberflächlich anvisiert zu haben. Und dennoch hatte er sein Ziel getroffen. Der Foto-Anbieter sackte in sich zusammen, als wären ihm die Beine unter dem Körper weggerissen worden. Er rutschte an der Hauswand hinunter in Richtung Gehwegplatten und schob dabei seinen Bauchladen zur Seite. Im Sonnen-Studio mußte man das Geräusch mitbekommen haben. In der jäh aufgerissenen Tür erschien nämlich ein junger Mann, der eine weiße Hose und ein T-Shirt trug. Er blickte überrascht auf den Bauchladenbesitzer und rief ihn offensichtlich an. Parker konnte die Worte nicht verstehen, doch darauf kam es jetzt nicht an. Der Butler nutzte die Gelegenheit, auch diesen Mann von den Beinen zu bringen. Dazu benötigte er eine zweite Ton-Erbse. Er überquerte bereits die Straße, als Passanten auf die beiden Männer vor der Tür zum Sonnen-Studio aufmerksam wurden. Parker lüftete überaus höflich die schwarze Melone und bat die Leute um aktive Hilfe. »Sie sollten die Personen ins Studio tragen«, schlug er vor. »Die verlangte Erste Hilfe wird dann von meiner Wenigkeit ausgehen.« Die Passanten, junge Männer in bester Nachtlaune, befaßten sich nur zu gern mit den beiden Schlafenden und trugen sie lärmend ins Studio. Sie drängten dabei einen mittelgroßen, ein wenig dicklichen Mann zurück, der zwar abwehrend und wütend zugleich die Arme hob, aber gegen die geballte Kraft der Helfer nicht ankam.
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Die Schlaftrunkenen wurden auf einem Teppich niedergelassen. Parker trat hinter eine Schrankwand und schaute zu, wie die Helfer unter nicht geringem Lärm wieder abzogen. Der Dickliche beeilte sich, hinter innen die Tür abzuschließen. Er zog ein Schnapp-Rollo nach unten und ging dann auf die beiden Männer zu, die sich allerdings nur wenig rührten. »Ihr verdammten Idioten«, brüllte der Dickliche dennoch gereizt, »ich hatte euch doch ausdrücklich gesagt, vorsichtig zu sein. Dieser Parker ist dem Vernehmen nach ein verdammt cleverer Bursche.« »Sie beschämen meine bescheidene Wenigkeit«, ließ Josuah Parker sich in diesem Augenblick vernehmen und trat hinter dem Wandschrank hervor. Dabei lüftete er die Melone und funktionierte sie in eine Frisbee-Scheibe um.
* Die Melone drehte sich um ihre eigene Achse und sirrte in leichtem Bogen durch das Studio. Dabei stieg sie ein wenig und landete zielsicher auf dem rechten Oberarm des Dicklichen, der nach dieser Landung stöhnte und seinen Arm nach unten fallen ließ. »Meine bescheidene Wenigkeit ging davon aus, Mister Brackner, daß Sie die feste Absicht hatten, nach einer Waffe zu greifen«, kommentierte der Butler seine Aktion. »Man hat es doch mit Mister Brackner zu tun, nicht wahr?« »Brackner«, bestätigte der Mann durch Nicken des Kopfes. »Verdammt, wer sind Sie? Wie kommen Sie dazu…« »Mit Ihrer Erlaubnis, Mister Brackner.« Parker hielt plötzlich in seinen schwarz behandschuhten Händen zwei schmale Plastikstreifen. Sie waren etwa fünfzig Zentimeter lang und anderthalb Zentimeter breit. Sie erinnerten an sogenannte Kabelbandhalter und verfügten über einen sehr einfachen, aber ungemein praktischen Verschluß. Schob man das Ende eines solchen Plastikbandes durch die Schnalle, dann saß das Band unverrückbar fest. Und je intensiver man versuchte, das Band zu lockern, desto fester zog es sich zusammen. Es handelte sich um Einweg- oder auch Wegwerffesseln, wie sie von der Polizei verwendet werden. Parker hatte den Norm-
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verschluß nach seinen Vorstellungen umgestaltet und brauchte nun nicht mehr um jeden Preis seine privaten Handschellen einzusetzen. Die beiden Männer merkten nicht, wie schnell sie gefesselt waren. Und Miles Brackner versuchte krampfhaft, mit der linken Hand an seine Schulterhalfter zu gelangen. Schweiß stand auf seiner Stirn, als Parker sich ihm widmete. »Sie dürften sicher Verständnis dafür aufbringen, daß man sich rückversicherte, bevor man Sie aufsuchte«, schickte er voraus. »Sie wurden dahingehend verständigt, daß meine Wenigkeit hier auftauchen würde?« »Parker, nicht wahr?« fragte Brackner. »Parker, Josuah Parker«, bestätigte der Butler. »Sie beauftragten Mister Parney, Lady Simpson und meine Wenigkeit hierher nach Soho zu schaffen?« »Richtig«, bestätigte Brackner überraschend und rieb sich den sicher schmerzenden Oberarm. »Ich wollte mich mit Ihnen unterhalten, Parker, eigentlich nur mit Ihnen.« »Demnach hatten sie die Absicht, meiner Wenigkeit ein bestimmtes Angebot zu machen?« »Auch das ist richtig.« Brackner nickte. »Was halten Sie davon, wenn Sie sich nicht weiter um die Detektei Gatsbury kümmern?« »Hat das erwähnte Unternehmen möglicherweise etwas zu verschleiern und zu verbergen, Mister Brackner?« fragte der Butler. »Sie… Sie stören wichtige private Ermittlungen«, redete Brackner weiter. »Es geht um familiäre Dinge. Soviel darf ich Ihnen verraten.« »Man ist versucht, an Ehebruch zu denken«, tippte der Butler an. »Deutlicher hätten Sie’s gar nicht sagen können, Parker«, entgegnete der Dickliche und rang sich ein schmieriges Grinsen ab. »Sie wissen natürlich längst, um welche Personen es sich handelt, nicht wahr?« »Woher sollte meiner Wenigkeit dies bekannt sein?« staunte Parker andeutungsweise. »Sie haben sich doch diesen Ermittlungswagen unter den Nagel gerissen«, sagte Brackner ihm auf den Kopf zu. »Und Sie werden bestimmt die Ton- und Bildaufzeichnungen durchgemustert haben.« »Sie unterstellen meiner Wenigkeit Dinge, die man nur als interessant bezeichnen kann und muß«, sagte der Butler in seiner
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bekannt höflichen Art. »Sie wissen von Mister Gatsbury also, daß meine Person sich über zwei Detektei-Angestellte beschwert hat?« »Die Einzelheiten sind doch völlig unwichtig«, fand Brackner ungeduldig. »Wie teuer sind Sie, Mister Parker? Wieviel muß Gatsbury löhnen, um Sie aus den Ermittlungen rauszuhalten? Sie wissen natürlich längst, gegen wen die beiden Detektive ermittelt haben, wie?« »Sie stehen sicher dicht davor, Summen zu nennen, Mister Brackner«, meinte der Butler. »Wir denken an satte fünftausend Pfund, Parker«, schlug der Studio-Betreiber vor. »Wir finden, daß Sie damit erstklassig abgefunden werden.« »Dafür verlangen Sie Enthaltsamkeit hinsichtlich der GatsburyDetektei, Mister Brackner?« fragte Parker. »Richtig. Sie werden vergessen haben, daß es diese Detektei gibt und wer die beiden Leute auf den Aufzeichnungen sind. Sie kennen Sie doch wirklich, oder?« »Sie fürchten, meine Wenigkeit könnte die Personen warnen, Mister Brackner?« »Sie könnten doppelt kassieren, Parker, das stimmt schon!« »Fünftausend sind für sich genommen recht viel Geld, Mister Brackner«, gab der Butler zurück; »aber nur für sich genommen. Die beiden erwähnten Herren würden für die Aufzeichnungen sicher erheblich mehr bezahlen.« »Hören Sie, Parker, wir können auch völlig anders«, warnte Brackner. »Sie sprechen nun auch in Mister Gatsburys Namen?« »Nur in meinem Namen, Gatsbury kennt keine Einzelheiten. Er hat mich nur beauftragt, für klare Verhältnisse zu sorgen.« »Dazu engagierten Sie Mister Buddy Parney und dessen Handlanger?« »Auch davon weiß Gatsbury nichts, Parker. Aber noch mal, wir, das heißt im Grunde, ich, ich kann wirklich auch anders… Sie müssen mich nur in die richtige Stimmung bringen.« »Wie weit, Mister Brackner, würden Sie im Ernstfall gehen?« erkundigte sich der Butler. »Bis zur letzten Konsequenz, Parker. Ich habe schließlich einen Ruf zu verlieren.«
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»Sie sollten tatsächlich das haben, was man gemeinhin einen Ruf zu nennen pflegt?« staunte der Butler sehr verhalten. »Ich bin ein Trouble-shooter«, wies Brackner sich aus. »Ich räume Ärger aller Art möglichst geräuschlos aus dem Weg. Der Ermittlungswagen der Detektei geht natürlich ebenfalls an mich zurück, aber über diese Einzelheiten werden wir uns noch unterhalten.« »Sie rechnen mit der völligen Enthaltsamkeit meiner Wenigkeit, falls es zu einer Einigung kommen sollte, Mister Brackner?« »Sie hängen doch am Leben«, meinte der Gangster und lächelte unverkrampft-ironisch. Der Schmerz in seinem Oberarm schien sich gegeben zu haben. Die beiden Männer auf dem Boden hörten übrigens längst aufmerksam zu. »Meine Wenigkeit wird sich erst mal ausführlich mit Lady Simpson unterhalten müssen«, erklärte der Butler. »Wozu eigentlich, Parker? Sie tut ja doch, was Sie wollen«, antwortete Brackner. »Wir wissen längst, wer Sie sind. Wir haben schließlich einen guten Nachrichtendienst.« Damit wußte der Butler ohne jede Einschränkung, daß Mylady und er ermordet werden sollten.
* »Natürlich werde ich die fünftausend Pfund annehmen, Mister Parker«, sagte Agatha Simpson eine Viertelstunde später und musterte den Betreiber des Sonnen-Studios, der einen aufgebracht-hilflosen Eindruck machte. Der Butler hatte ihn eingeladen, sich mit Lady Agatha auszutauschen und deshalb hinüber zum hochbeinigen Monstrum geführt. Brackner saß im Fond des Wagens und hätte wohl nur zu gern gehört, worüber die ältere Dame und ihr Butler sich unterhielten. Sie standen neben dem Wagen. Und Brackner bekam durchaus die prüfenden Blicke der Lady mit. Sie verhießen keineswegs etwas Gutes. »Mister Brackner dürfte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Absicht haben, Mylady und meine Wenigkeit umzubringen«, äußerte Parker. »Er hat sich bereits über Mylady erkundigt und weiß natürlich, daß man Mylady niemals vom eingeschlagenen Weg abzubringen vermag.«
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»Das stimmt leider«, beklagte sie sich. »Aber zurück zu diesen fünftausend Pfund. Ich werde sie annehmen, das sagte ich ja bereits. Solch ein immenses Vermögen kann ich nicht ausschlagen.« »Man könnte Mister Brackner veranlassen, diesen Betrag umgehend zu zahlen, Mylady.« »Das klingt sehr gut«, meinte sie. »Und woher wissen Sie, daß er sofort zahlen kann?« »In seiner Brieftasche befindet sich ein flacher Tresorschlüssel, Mylady.« »Nun, die Details interessieren mich nicht, Mister Parker«, sagte sie abwinkend. »Hauptsache, Sie finden den Tresor und natürlich auch das Geld zu meiner Bestechung. Wo wohnt dieses verkommene Individuum überhaupt?« »Nicht weit von hier, Mylady, im Stadtteil Bloomsbury. Mister Brackner hat dort eine Etagenwohnung, wie aus seiner Visitenkarte hervorgeht.« »Worauf warte ich eigentlich noch?« fragte die ältere Dame. »Ist dieses Subjekt eigentlich gefährlich?« »Man sollte und darf Mister Brackner keineswegs unterschätzen, Mylady. Er bezeichnete sich selbst als Trouble-shooter«, sagte der Butler. »In kriminellen Kreisen heißt dies sehr viel und deutet durchaus auf Mordbereitschaft hin.« »Ich werde ihm die Lust an solcher Arbeit gründlich verderben«, kündigte sie an. »Machen Sie mir bei Gelegenheit entsprechende Vorschläge, Mister Parker.« Brackner hämmerte mit beiden Fäusten aufgebracht und wütend gegen die Trennscheibe im ehemaligen Taxi. Sie trennte die Vordersitze vom Fond des Wagens und erwies sich als ungemein solide. Der Butler schaltete die Bordsprechanlage ein, damit der Fahrgast sich verständlich machen konnte. Er erkundigte sich überaus höflich nach möglichen Wünschen. »Ihr seid Selbstmörder«, behauptete Brackner. »Eure letzte Chance ist, mich sofort wieder rauszulassen.« »Halten Sie gefälligst den Mund, junger Mann«, herrschte die ältere Dame ihn an. »Jetzt wird erst mal kassiert, ich habe schließlich Auslagen gehabt und wirklich nichts zu verschenken.« »Okay«, gab Brackner ein wenig erleichtert zurück. »Machen wir ‘nen Termin aus, Leute.« »Mylady denkt an jetzt und hier«, meinte der Butler und präsentierte Brackner die Brieftasche. »Meine Wenigkeit geht davon aus,
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daß der Tresor zum Schlüssel sich in Ihrer Wohnung in Bloomsbury befindet.« Erst jetzt merkte der Trouble-shooter, daß Parker die Brieftasche geschickt an sich gebracht hatte. Daraufhin trommelte Brackner erneut mit beiden Fäusten an die Trennscheibe und wütete. Er kündigte an, er würde Mylady und Parker in Stücke zerschneiden lassen, merkte aber nicht, daß der Butler die Sprechanlage längst wieder abgeschaltet hatte.
* »Ich hatte zufällig hier in der Gegend zu tun und wollte mal vorbeischauen«, sagte Chief-Superintendent McWarden. Er war um die sechzig Jahre alt, mittelgroß und hatte einen deutlichen Bauchansatz, dazu ein rundes, volles Gesicht mit einigen Falten und vor allen Dingen mit leicht hervorstehenden Augen, wie sie Basedow-Betroffene zeigen. McWarden war hoher Yard-Beamter, der sich mit dem organisierten Verbrechen befaßte. Er durfte sich als enger Freund des Hauses betrachten und genoß den rauhen Charme der älteren Dame, die sich gern an ihm rieb. Darüber hinaus schätzte der YardBeamte aber die kriminalistischen Fähigkeiten des Butlers, die ihm oft eine wertvolle Hilfe waren. »Ich habe gerade mein Frühstück beendet«, bedauerte die Hausherrin, »und ich werde mich hüten, Ihnen um diese Zeit bereits einen Sherry anzubieten. Es ist noch viel zu früh dazu.« »Sie sehen blendend aus, Mylady«, lobte McWarden. »Mit anderen Worten, mein Bester, Sie wollen etwas von mir«, übersetzte Lady Simpson umgehend und lächelte boshaft. »Sie arbeiten an einem Fall und kommen natürlich wieder ohne meine Hilfe nicht weiter?!« »Sie haben doch Zutritt zur High-Society, Mylady«, redete McWarden ungerührt weiter und blickte die Dame des Hauses fragend an. »Ich mache mir überhaupt nichts aus diesen Leuten«, gab sie grollend zurück. »Aber vielleicht werde ich wegen Ihnen doch mal eine Ausnahme machen.« »Es gibt da einige bekannte Persönlichkeiten, Mylady, die sich Hals über Kopf aus der Society verabschiedet haben. Diese Leute
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haben ihre politischen oder sonstigen Ehrenämter zur Verfügung gestellt und sich aufs Land zurückgezogen, wenn Sie wissen, was ich meine.« »Vielleicht sind sie vernünftig geworden, McWarden«, lästerte die ältere Dame genußvoll. »Es ist zwar kaum zu hoffen, aber immerhin, Ausnahmen bestätigen die Regel.« »Es gab und gibt Gerüchte, was diese Personen betrifft«, berichtete der hohe Yard-Beamte weiter. »Sie sollen in ihrem Privatleben Ärger haben. Es sind da einige Ehen in die Brüche gegangen, sagt man. Es soll sogar zwei Selbstmordversuche gegeben haben. Von einigen geschäftlichen Pleiten ganz zu schweigen.« »Und warum erzählen Sie mir das alles, mein Lieber?« fragte Agatha Simpson und blickte Parker an, der interessiert zuhörte. »Sie merken sich alles, Mister Parker?« »Wie Mylady zu wünschen belieben«, antwortete der Butler, der sich dann an McWarden wandte. »Sind die erwähnten Personen freiwillig aus ihren Ehrenämtern geschieden?« »Eigentlich nein«, entgegnete der Yard-Gewaltige. »Es muß da Aufforderungen gegeben haben, genaue Details kenne ich nicht. Man hält zusammen wie Pech und Schwefel, keiner rückt mit der Sprache heraus.« »Sollten Ihnen wenigstens einige Namen bekannt sein, Sir?« »Ich habe sie aufgeschrieben, Mister Parker. Und wahrscheinlich werde ich diesen Zettel hier verlieren.« »Man dürfte ihn rein zufällig finden, Sir«, versprach Josuah Parker. »Wandte sich eine der Personen bereits hilfesuchend an Sie?« »Wo denken Sie hin, Mister Parker?« McWarden hob abwehrend die Hände. »Dinge dieser Art bleiben im verborgenen, sagte ich ja bereits. Sich an die Polizei zu wenden, gilt als ordinär. Wir sind nur dann gefragt, wenn man eine Karre in den Dreck gesetzt hat.« »Mister Parker, ich denke, Mister McWarden sollte einen relativ kleinen Sherry bekommen«, ließ die ältere Dame sich großmütig Vernehmen. »Man soll mir nicht nachsagen, ich würde meine Gäste nicht nach Strich und Faden verwöhnen.«
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Horace Pickett hatte sich mit Lady Simpson und Butler Parker in der City getroffen. Man hatte Blickkontakt untereinander aufgenommen, mehr aber auch nicht. Parker wußte seit geraumer Zeit, daß sie verfolgt wurden. Er hatte Pickett ein verabredetes Zeichen gegeben, um ihn entsprechend zu warnen. Das Absetzen der schwarzen Melone und das Abwischen unsichtbarer Stäubchen mit dem linken Ärmel des Covercoats hatten den ehemaligen Eigentumsumverteiler entsprechend informiert. Parker, Mylady und Pickett befanden sich in einem sehr bekannten Warenhaus. Der Butler hatte sich eben von seiner Herrin abgesondert und schritt direkt auf den Beobachter und Verfolger zu. Dabei handelte es sich um einen etwa dreißigjährigen Mann, der recht gut gekleidet war. »Vergebung«, bat Parker, als er mit seinem Verfolger leicht kollidierte. »Meine bescheidene Wenigkeit hat Ihnen hoffentlich kein Ungemach zugefügt?« »Schon gut, schon gut«, wehrte der Mann ein wenig belustigt ab, als Parker nun auch ihm einige unsichtbare Stäubchen vom Sakko klopfte. »Nein wirklich, es ist nichts passiert.« »Sie sehen mich fast untröstlich«, bedauerte Parker weiter sein kleines Mißgeschick. »Kann jedem mal passieren«, wehrte der Dreißigjährige ab, der übrigens eine Schulterhalfter trug, die jetzt allerdings leer war. Parker hatte den jungen Mann mit der Fingerfertigkeit eines Taschenspielers abgeklopft und entwaffnet. Darüber hinaus hatte der Butler dafür gesorgt, daß der Verfolger jetzt im Besitz von zwei an sich billigen Taschenuhren war, die Parker erst vor knapp fünf Minuten gekauft hatte. Der, Butler lüftete die schwarze Melone und schritt zurück zu Lady Agatha, die gerade zur Parfümerie-Abteilung gewechselt war und hier nach kleinen Probefläschchen fahndete. Sie hätte sich mit einer völlig irritierten Verkäuferin angelegt, die angeblich keine Proben anzubieten hatte. Die energische Dame verlangte nach der Abteilungsleiterin. »Mylady wird in etwa zwanzig Minuten wieder zurück sein und die verlangten Proben abholen«, warnte Parker die Verkäuferin, die hilflos an einer Glasvitrine hing. Anschließend bugsierte er Lady Simpson in Richtung Cafeteria. »Haben Sie dieses Subjekt von einem Verfolger kaltgestellt, Mister Parker?« wollte sie wissen.
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»Er dürfte in einigen Minuten gestellt werden, Mylady«, gab der Butler zurück. »Wenn Mylady zu erlauben geruhen? Man muß nur noch die erforderliche Information absetzen.« Er schritt auf einen schlanken, unauffällig wirkenden Mann zu, der eine dicke Zeitung unter den Arm geklemmt hatte und ein Päckchen in der Hand hielt. »Man gestattet sich. Ihnen einen wunderschönen und erfolgreichen Tag zu wünschen«, schickte Josuah Parker voraus. »Ein erstes Erfolgserlebnis harrt Ihrer, falls Sie sich mit jenem Mann dort befassen, der sich für Gesichtswasser aller Art interessiert.« »Ich… ich verstehe kein Wort«, meinte der Mann und runzelte die Stirn. »Sie dürften einer der Hausdetektive sein«, wurde der Butler deutlich, »Ihre Tarnung ist nahezu perfekt, falls die Bemerkung erlaubt ist.« »Moment mal, sind Sie etwa Kollege?« fragte der Mann und beobachtete bereits den Dreißigjährigen, auf den Parker ihn aufmerksam gemacht hatte. »Sie werden verstehen, daß man darauf nicht unbedingt antwortet«, erwiderte Parker auf die Frage. »Meiner Einschätzung nach dürfte der Mann dort Uhren unberechtigterweise an sich gebracht haben.« »Das werden wir gleich haben«, versicherte der Hausdetektiv munter und lächelte. »Vielen Dank für den Tip, Kollege. Ihre Maske als Butler ist übrigens sagenhaft gut.« »Das Kompliment eines Fachmanns wiegt sehr viel«, bedankte sich Parker und trennte sich von dem Detektiv. Er schritt zurück zu Lady Agatha, die bereits ungeduldig auf ihn wartete. »Nun, was ist jetzt?« fragte sie. »Ich glaube, Sie haben sich da etwas eingeredet. Nichts wird geschehen, Mister Parker, rein gar nichts. Man kann sich auch etwas vormachen.« In diesem Augenblick kam es bereits zu einem Zusammentreffen zwischen dem Verfolger und dem Hausdetektiv. Lautstärke war angesagt. Und dann flogen die Fäuste. Dabei ging eine Glasvitrine zu Bruch, nachdem der Verfolger rücklings auf ihr gelandet war. Der Hausdetektiv hatte, wie Parker feststellte, eine sehr gute Linke, die er gerade ins Ziel gelenkt hatte. Wenig später suchte und fand der Detektiv zwei Uhren in der Ziertuchtasche des Sakkos, den der Dreißigjährige trug. Damit
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war die Bahn frei für eine angeregte Unterhaltung zwischen Lady Simpson, Pickett und Parker.
* »Stinton und Cossack sind völlig zusammengebrochen«, berichtete der einstige Eigentumsumverteiler und reichte Parker eine Liste jener Personen, an die die beiden Detektive sich hatten erinnern können. »Wer sind Stilton und Koslick?« wollte Agatha Simpson wissen. »Die Herren Jack Stinton und Lenny Cossack, Mylady, observierten von ihrem Einsatzwagen aus die Herren Monney und Lorrings«, erläuterte der Butler höflich wie stets. »Ich weiß, ich weiß, aber keine Namen bitte«, verlangte Lady Agatha grollend. »Ich bin zuständig für die große Linie eines Falles, Mister Parker, das sollten Sie inzwischen nun wirklich wissen. Und wo stecken die beiden Lümmel jetzt, mein lieber Pickett?« »Sie dürften inzwischen in Liverpool sein«, antwortete Pickett und lächelte ironisch. »Meine Freunde haben die Burschen in einen Lastwagen gepackt, der nach Liverpool fährt. Und dort werden sie in Empfang genommen und erst mal untergebracht. War das richtig so?« »Sie sind nach wie vor in der glücklichen Lage, Mister Pickett, Myladys Wünsche zu erraten und auch auszuführen«, meinte der Butler, der inzwischen die Liste überflogen hatte. »Außer den Herren Monney und Lorrings sind noch sechs weitere Personen observiert worden.« »Gütiger Himmel«, ließ die ältere Dame sich vernehmen. »Das ist ja ein Abgrund an Verworfenheit, Mister Parker. Bekannte Namen?« »In einschlägigen Kreisen dürften sie mit Sicherheit sehr bekannt sein«, sagte Parker. »Alle stammten aus Politik, Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft«, sagte Horace Pickett. »Ich habe bereits meine Fühler ausgestreckt und sammle Informationen. Auf dem Bandmaterial im Ermittlungswagen waren aber nur die Aufzeichnungen von Monney und Lorrings. Wo das andere Material ist, weiß ich nicht.« »Dazu wird Mister Parker in meinem Sinn etwas zu sagen haben«, wußte Agatha Simpson.
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»Mylady gehen davon aus, daß das erwähnte Material auf keinen Fall in den Räumen der Gatsbury-Detektei aufbewahrt wird«, schickte Josuah Parker voraus. »Es dürfte sich auch kaum in den privaten Räumen Mister Gatsburys befinden.« »Glaube ich auch nicht«, pflichtete Pickett dem Butler bei. »Irgendwer könnte sich ja bei der Polizei beschweren und um Hilfe nachsuchen. Bei Firmen- und Hausdurchsuchungen darf und wird man also nichts finden.« »Wußten die beiden verkommenen Subjekte etwas von Erpressungen?« wollte Agatha Simpson wissen. »Sie wissen es nicht genau, aber sie gehen davon aus. Ich habe mich mit ihnen über ihren Chef Gatsbury unterhalten.« »Und zu welchen Erkenntnissen bringt mich das, mein lieber Pickett?« »Gatsbury wohnt in Wimbledon, hat dort einen hübschen Landsitz, ist unverheiratet, beschäftigt einen Leibwächter und war früher mal bei der Polizei. Er hat den Dienst dort gekündigt, bevor man ihn entließ. Es soll eine Unterschlagung der Weihnachtskasse gegeben haben.« »Darf man hoffen, daß Mister Gatsbury ein sogenanntes Steckenpferd reitet?« wollte der Butler wissen. »Er ist passionierter Jäger«, berichtete Pickett. »Gatsbury muß in seinem Haus in Wimbledon eine Menge Trophäen hängen haben.« »Das ist nicht gerade mein Fall«, meinte die ältere Dame. »Tiere in freier Wildbahn sind mir lieber als an der Wand.« Parker wollte gerade eine Frage stellen, als der Hausdetektiv sich näherte und ihn anstrahlte. »Ich will ja nicht stören«, sagte er, »aber der Fang hat sich gelohnt, Kollege.« »Sie wurden fündig, um es mal so zu umschreiben?« »Er hatte zwei gestohlene Uhren bei sich und wahrscheinlich einen Revolver, den er irgendwo weggeworfen hat. Aber er wird von der Polizei gesucht. Er ist bereits überstellt worden.« »Sie sollten den Namen des Täters nennen«, schlug der Butler vor. »Er heißt Ben Poulsen«, antwortete der Mann, der sich als Kollege des Butlers bezeichnete. »Ein bestimmt schwerer Junge. Sagen Sie mal, wo arbeiten Sie eigentlich, Kollege?« »In meinem Warenhaus, junger Mann«, blaffte Lady Simpson. Der Hausdetektiv zog daraufhin den Kopf ein, lächelte schüchtern
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und empfahl sich. Er spürte instinktiv, daß die majestätisch aussehende Frau sehr gefährlich werden konnte…
* »Ich hoffe doch sehr, Mister Parker, daß Sie für diesen Vormittag ein hübsches Programm zusammengestellt haben«, sagte Lady Agatha. Sie saß im Fond des hochbeinigen Monstrums und knabberte an einer rumgetränkten Nußecke, die sie als eine Art Marschverpflegung mitgenommen hatte. Und sie besaß natürlich fast ein halbes Dutzend kleinerer Probefläschchen, die die immer noch beeindruckte und verwirrte Verkäuferin schleunigst in Zusammenarbeit mit ihrer Abteilungsleiterin besorgt hatte. Lady Agatha konnte mit einem neuen Gel duschen und ihre Haut nachdrücklich erneuern, sie konnte eine Creme gegen Falten auf sich wirken lassen, einige neue Parfüm-Kreationen ausprobieren und ihr Haar färben. »Mylady wünschen bestimmt, sich mit Mister Ben Poulsen zu befassen«, ging Parker auf ihren Hinweis ein. »Richtig«, bestätigte die ältere Dame. »Sie wissen hoffentlich, wer das ist, Mister Parker?« »In der Tat, Mylady. Mister Poulsen beging den Leichtsinn, Mylady beobachten und wohl auch attackieren zu wollen.« »Wie dumm doch«, meinte sie und lächelte fast mitleidig. »Was diese Leute sich immer einbilden, Mister Parker! Es ist einfach nicht zu fassen. Ich halte dieses Subjekt natürlich für einen Killer.« »Man sollte dies auf keinen Fall ausschließen, Mylady«, beantwortete Parker die Frage. »Mister Poulsen trug immerhin eine schallgedämpfte Schußwaffe, die er im Getriebe eines Warenhauses unbesorgt hätte benutzen können.« »Er gehört einer bestimmten Bande an, Mister Parker?« »Mister Poulsen ist laut Chief-Superintendent McWarden Einzelunternehmer«, konnte der Butler berichten. Er hatte nach dem Gespräch mit dem Warenhausdetektiv den Yard angerufen und sich von McWarden einen Tip aus erster Hand geben lassen. »Und wo wohnt dieses Individuum nun, Mister Parker?« »In Stephey, Mylady. Man ist bereits auf der Fahrt dorthin.«
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»Ich verspreche mir selbstverständlich einiges von dieser Tour, nicht wahr?« »Mylady können sich durchaus vorstellen, daß Mister Poulsen bereits mehrfach für die Detektei Gatsbury tätig war.« »So ist es, Mister Parker.« Sie nickte bekräftigend. »Und daraus ergeben sich doch hoffentlich Konsequenzen.« »Ein sogenannter Profi, Mylady, pflegt sich stets rückzuversichern, wenn meine Wenigkeit es so ausdrücken darf.« »Mit anderen Worten, Mister Parker?« Sie war vorsichtig und ließ nicht erkennen, wie wenig sie sich tatsächlich vorstellte. »Er könnte durchaus Material über jene Personen gesammelt haben, für die er als Einzelunternehmer tätig war, Mylady.« »Genau darauf wollte ich gerade hinweisen«, behauptete die Detektivin umgehend und nickte. »Solche Subjekte neigen doch zur Erpressung, was ihre Auftraggeber betrifft. Ich glaube, ich bin da auf einem sehr guten Weg.« »Wie könnte man nur auf den Gedanken kommen, Mylady widersprechen zu wollen«, meinte Parker. »Eben. Ich fürchte allerdings, ich werde diesen Fall bereits lösen, bevor er richtig Gestalt angenommen hat.« »Dies wäre durchaus möglich, Mylady.« Parkers Gesicht blieb unbewegt wie gewohnt. »Kümmern Sie sich also schon mal um den nächsten Fall, Mister Parker«, verlangte sie. »Ich möchte mich für den Rest der Woche nicht langweilen.« »Mylady können sich wie stets auf meine bescheidene Wenigkeit verlassen«, erklärte der Butler. Seiner Ansicht nach war mit einem Ende des Falles noch lange nicht zu rechnen. Doch dies ließ er nicht laut werden.
* Es war eine bescheidene Wohnung, die Ben Poulsen für sich eingerichtet hatte. Man sah bereits auf den ersten Blick, daß der mutmaßliche Killer hier kaum etwas verwahrte, was auf seinen Beruf hätte schließen können. Die drei kleinen Räume samt Küche waren spärlich möbliert. Lauter billige Massenware. Alles wirkte sehr aufgeräumt. Ben Poulsen schien ein ordentlicher Mensch zu seih. »Was sage ich dazu, Mis-
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ter Parker?« erkundigte sich die ältere Dame bei ihrem Butler. Sie machte einen lustlosen Eindruck. »Schon allein optisch dürfte der Eindruck vermittelt werden, Mylady, daß man hiernach Geheimnissen erst gär nicht zu suchen braucht«, lautete die Antwort des Butlers. »Das denke ich auch.« Agatha Simpson nickte nachdrücklich. »Diese penetrante Ordnung schreckt ja förmlich ab. Der Killer muß ein Pedant sein!« »Man sollte vielleicht sogar unterstellen, daß er hier so gut wie nie lebt«, meinte der Butler. »Sagte ich das nicht bereits?« Sie runzelte die Stirn. »Zumindest ist mir ein solcher Gedanke auch gerade gekommen. Und wo könnte seine tatsächliche Wohnung liegen?« »Dazu müßte man seine Nachbarn fragen, Mylady«, gab Parker zurück. »Auf der anderen Seite könnte die Abschreckung hier auch eine Art Tarnung darstellen.« »Wie komme ich denn zu diesem Verdacht, Mister Parker?« fragte sie. »Die vorhandene Ordnung läßt die Vermutung auf ein Versteck gar nicht erst aufkommen. Mister Poulsen könnte dies absichtlich so arrangiert haben.« »Mit anderen Worten, Mister Parker?« »Das Versteck wäre dann in der Tat hier zu suchen und auch zu finden.« »Wie ich es mir doch gleich gedacht habe!« Sie nahm in einem billigen Sessel Platz. »Ich bin sicher, daß ich hier etwas finde, Mister Parker. Lassen Sie sich von mir nicht ablenken.« Der Butler blieb in der Mitte des kleinen Wohnraumes stehen, schloß die Augen und versetzte sich in die Gedankenwelt eines Mannes, der hier ein Versteck angelegt hatte. Wo mochte Ben Poulsen geradezu explosive Unterlagen abgelegt haben? Parker ging durch den Schlafraum, passierte noch mal das kleine Wohnzimmer, in dem Lady Simpson saß, blickte in eine Art Büroraum und interessierte sich schließlich für die Küche. Er wurde von ihr fast magisch angezogen, inspizierte den Gasherd, einen Hängeschrank, öffnete eine Art Sideboard, in dem Konserven aller Art gestapelt waren, und bückte sich zum Kühlschrank hinunter. Es gab nur wenige, folienverschweißte Lebensmittel, die dort ihrer Verwendung harrten. Die Verfallsdaten besagten, daß sie vor mindestens zwei Wochen gelagert wurden. Parker wollte sich ge-
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rade wieder aufrichten, als er auf dem Kunststoffboden an der Vorderseite des Kühlschranks einige Kratzspuren entdeckte. »Nun, Mister Parker, habe ich etwas gefunden?« wollte die ältere Dame wissen. Sie stand in der Küchentür und machte einen bereits gelangweilten Eindruck. »Man sollte vielleicht den Kühlschrank ein wenig heben, Mylady«, schlug der Butler vor, um seinen Worten sofort Taten folgen zu lassen. Er kippte das Möbel und benutzte den Bambusgriff seines Universal-Regenschirmes als Stütze. Parker ging formvollendet in die Knie und tastete mit der rechten Hand unter den Kühlschrank. »Ich wundere mich überhaupt nicht, Mister Parker«, sagte sie und lächelte wissend. »Dieses Subjekt hatte sich doch tatsächlich eingebildet, eine Lady Simpson hereinlegen und täuschen zu können. Was haben Sie da gerade hervorgezogen?« »Einen Umschlag, Mylady«, erwiderte der Butler und präsentierte seiner Herrin ein mittelgroßes Papier. Einige Gummibänder hielten den Inhalt zusammen. »Es dürfte sich um Fotos handeln, Mylady«, sagte der Butler. Er trug den Umschlag in den kleinen Wohnraum, entfernte die Gummibänder und schüttete dann eine Anzahl Fotos auf den Couchtisch. Es handelte sich um teils recht unscharfe Schnappschüsse, die dennoch zu deuten waren. Auf diesen Bildern war stets der Inhaber der Detektei zu sehen, also Randy Gatsbury. Die Personen, mit denen er sich auf Parkplätzen oder in Warenhäusern unterhielt, konnte Parker vorerst nicht identifizieren. »Davon hatte ich mir allerdings mehr versprochen«, meinte Lady Agatha enttäuscht. »Mylady dürften die vorerst noch Unbekannten entlarven«, antwortete der Butler. »Dann wird sich zeigen, wie brisant die Aufnahmen sind.« »Nun denn, treffen Sie alle Vorbereitungen«, verlangte sie munter. »Ich kann mich schließlich nicht um alles kümmern, Mister Parker.« »Mylady werden nicht enttäuscht werden«, versprach Parker, steckte die Fotos ein und ahnte, daß Gatsbury auf diesen Aufnahmen Gelder entgegengenommen hatte. Die fremden Personen waren sicher identisch mit jenen, die seine Angestellten so intensiv observiert hatten.
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* »Damit werde ich den Detektiv überführen, Mister Parker«, sagte die ältere Dame, nachdem Parker sie informiert hatte. »Das wird ihm den Hals brechen.« Der Butler deutete ein Nicken an und bewegte sich zu einem der Fenster hinüber. Er blickte nach unten auf die Fahrbahn und sortierte mit seinem Blick die vielen Autos an beiden Straßenrändern. Er unterschätzte keineswegs den Inhaber der Detektei. Gatsbury war sicher ein mit allen Wassern gewaschener Profi, der seine Leute einzusetzen verstand. Wußte er längst, daß Mylady und er, Josuah Parker, sich hier in Poulsens Wohnung aufhielten? War man bereits im Warenhaus observiert worden? Stand man schon während der verstrichenen Stunden unter intensiver Beobachtung? Gatsbury hatte genügend Leute, die er alternierend einsetzen konnte. »Habe ich etwas auf der Straße entdeckt?« wollte Agatha Simpson wissen. Sie trat sehr ungeniert ans Fenster, schlug unbekümmert die Gardine zur Seite und blickte neugierig nach unten. Es war vielleicht diese Ungeniertheit, die Erfolg hatte. Parker beobachtete einen Passanten auf der gegenüberliegenden Straßenseite, der eine bunte Einkaufstüte. in der Hand hielt. Der Mann hatte sich neben einem Hydranten aufgebaut und sortierte den Inhalt seiner Tragetasche. Als Mylady neugierig die nähere Umgebung musterte, gab er sich einen Ruck und ging ungewöhnlich schnell weiter. Ein zweiter Mann setzte sich in einen kleinen Morris und sortierte anschließend einige Briefe oder Rechnungen. Um was es sich genau handelte, war aus dieser Entfernung nicht zu erkennen.»Sie wissen hoffentlich, wer mich beschattet, Mister Parker?« sagte die ältere Dame und beugte sich wieder zurück. »Mylady wurden bereits auf spezielle Personen aufmerksam?« fragte der Butler. »Natürlich«, lautete ihre Antwort: »Da ist einmal ein Anstreicher in der gegenüberliegenden Wohnung. Er streicht einen Fensterrahmen. Und dann müssen Sie auf die dicke Frau achten, die die Haustreppe putzt.« »Durchaus wichtige Hinweise, Mylady«, bedankte sich der Butler.
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»Verfolger erkenne ich immer auf den ersten Blick«, lobte sich die ältere Dame. »Da macht mir keiner etwas vor.« »Mylady sind die geborene Kriminalistin«, behauptete der Butler und ging zurück zum Couchtisch, auf dem der Umschlag mit den Fotos lag. Parker verspürte eindeutige Unzufriedenheit. Er war der Ansicht, daß er den Umschlag wohl doch zu schnell gefunden hatte. Ein Profi wie Ben Poulsen hätte wohl kaum diese Kratzer auf dem Boden geduldet. Handelte es sich bei diesem Versteck und dem Umschlag etwa um Spielmaterial mit dem man nur ablenken wollte? »Worauf warte ich noch, Mister Parker?« ließ Lady Agatha sich vernehmen. »Mylady spielen mit dem Gedanken, nach einem zweiten Umschlag zu suchen«, sagte der Butler und löste damit bei seiner Herrin einige Verblüffung aus. »Ein zweiter Umschlag?« fragte sie dann vorsichtig. »Nun ja, warum eigentlich nicht, Mister Parker? Eine Lady Simpson kalkuliert stets alles ein.« »Mit Myladys Erlaubnis.« Parker ging zurück in die Küche und versetzte sich erneut in die Lage Ben Poulsens. Wo mochte er das echte Material versteckt haben?
* »Wo wurden Sie dann fündig?« begehrte Mike Rander zu wissen, der sich mit Kathy Porter im altehrwürdigen Haus in Shepherd’s Market zum Lunch eingefunden hatte. Mike Rander, um die vierzig Jahre, war groß, schlank und erinnerte in seinem Aussehen an einen bekannten James-BondDarsteller, wie ihm immer wieder versichert wurde. Rander war Anwalt, verwaltete mit Kathy Porter das immense Vermögen Lady Simpsons und schaltete sich hin und wieder in die Kriminalfalle der älteren Dame wirkungsvoll ein. Seiner Lässigkeit sah man es nicht an, daß er ein harter Einzelkämpfer sein konnte. Kathy Porter hatte vor Jahren als Gesellschafterin und Sekretärin der Lady Agatha gearbeitet, wohnte aber längst nicht mehr im Haus, sondern war zu Mike Rander hinübergewechselt, dessen Kanzlei und Wohnung sich in der nahen Curzon Street befanden.
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Die Dreißigjährige war groß, schlank und eine bemerkenswerte Erscheinung, nach der die Männer sich nur zu gern umdrehten. Sie erinnerte an eine exotische Schönheit, wozu ihre betonten Wangenknochen und die ein wenig schräg geschnittenen Augen noch beitrugen. Kathy Porter war ein zurückhaltender Mensch, der allerdings zu einer gereizten Pantherkatze werden konnte, wenn man sie attackierte. Sie kannte sich in fernöstlichen Kampftechniken aus und brauchte daher keine Auseinandersetzung zu fürchten. Lady Agatha versuchte seit langer Zeit, eine Heirat für die beiden auszurichten. Es war ihr sehnlichster Wunsch, die beiden Menschen für immer aneinander zu binden. Schließlich waren sie ja auch nicht mehr die Allerjüngsten. Parker servierte zum kleinen Lunch kaltes Roastbeef, einige Salate, Backkartoffeln, etwas Huhn, Räucherfisch, Nierchen in Madeira und dann ein wenig Schweinefleisch in Form von Geschnetzeltem. Ein rumgetränkter Früchtekuchen mit einer Sahnehaube verstand sich am Rande. »Ich machte Mister Parker auf einige Kochbücher aufmerksam«, ließ die ältere Dame sich auf Mike Randers Frage hin vernehmen, »und er fand tatsächlich, wonach ich suchte.« »Fotos, Mister Parker?« ließ Kathy Porter sich vernehmen. »Fotos, auf denen Mister Gatsbury ebenfalls zu sehen ist«, bestätigte der Butler. »Diesmal allerdings mit Personen, die man häufig in einschlägigen Medien zu sehen bekommt.« »Es geht also um Erpressung, Parker?« schlußfolgerte der Anwalt. Seine vertrauliche Anrede rührte von Zeiten her, als man. gemeinsam in den USA Kriminalfälle löste. »Man sollte in der Tat von solchen Dingen ausgehen, Sir«, antwortete der Butler. »Mister Gatsbury dürfte bekannte Persönlichkeiten ausforschen, dubiose Kontakte beweiskräftig belegen und dieses Material den betreffenden Personen zum Kauf anbieten.« »Ist das zu beweisen?« lautete Kathy Porters Frage. »Wohl kaum, Miß Porter«, gab Parker Auskunft. »Die betroffenen Personen werden sich hüten, Anzeige zu erstatten. Gatsbury würde sie sonst den Medien ausliefern und so für negative Schlagzeilen sorgen.« »Irgendwo muß er sein Material ja horten«, sagte Mike Rander und blickte den Butten an. »Darüber hinaus hat er wohl einige spezielle Einsatzwagen, oder?«
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»Mister Pickett ist zur Zeit damit beschäftigt, diese Wagen aufzuspüren«, erwiderte der Butler. »Chief-Superintendent McWarden war so entgegenkommend, die Kennzeichen zu beschaffen. Dabei stellte sich heraus, daß diese Einsatzwagen von ihren Fahrern quasi mit nach Hause genommen werden. Es gibt keinen zentralen Wagenpark.« »Könnte man diese Wagen nicht…?« Agatha Simpson lächelte ausgesprochen boshaft. »Mylady denken an…?« Parker blickte seine Herrin erwartungsvoll an. »Ich denke an kleine Pannen, Mister Parker«, wurde sie deutlich. »Von mir aus können es auch große sein, der Phantasie sind da keine Grenzen gesetzt.« »Als Anwalt sollte ich darauf hinweisen, daß mutwillige Sachbeschädigung…« Rander redete nicht weiter und lächelte. »Wer würde so etwas schon tun?« entrüstete sich die ältere Dame im vorhinein. »Dinge, die auch meiner bescheidenen Wenigkeit völlig fremd sind«, erklärte der Butler umgehend. »Dann bin ich als Anwalt beruhigt«, freute sich Mike Rander und tauschte einen Blick des Einverständnisses mit Kathy Porter. Anschließend kam er auf jene fünftausend Pfund zu sprechen, die Lady Agatha erwähnt hatte. »Mister Brackner, der Betreiber des Sonnen-Studios in Soho war so generös, Sir, die erwähnte Summe für einen guten Zweck zu spenden«, nannte der Butler jetzt Einzelheiten. »Er bat Mylady und meine Wenigkeit in seine Privatwohnung in Bloomsbury, wo die Übergabe des Geldes erfolgte.« »Hoffentlich freiwillig«, meinte der Anwalt ernst. »Dieses Subjekt drängte mir die fünftausend Pfund förmlich auf«, ließ die ältere Dame sich vernehmen. »Es war mir schon direkt peinlich, mein Junge, das müssen Sie mir glauben. Er wollte noch nicht mal eine Quittung.« »Er wollte nur, daß ich diese sehr eigenartige Detektei vergesse«, berichtete die ältere Dame weiter, da sie niemand unterbrach. »Aber so etwas fällt mir sehr schwer. Ich werde es natürlich versuchen.« »Sie werden die fünftausend Pfund spenden?« hakte der Anwalt nach.
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»Aber natürlich, mein Junge«, sagte die Detektivin mit Nachdruck. »Ich werde sie an ein Waisenhaus überweisen.« »Ersparen Sie sich diese Mühe, Mylady«, warf Kathy Porter ein. »Mister Rander und ich werden Ihnen die Arbeit abnehmen.« »Die Spenderin will natürlich nicht genannt sein, oder?« erkundigte sich der Anwalt. »Nun gut.« Die Hausherrin seufzte geradezu tragisch und langte nach einer normal aussehenden Bügelhandtasche. Aus ihr holte sie einen prall gefüllten Briefumschlag, und reichte ihn Kathy Porter. »Eigentlich hatte ich große Unkosten«, klagte sie dann, »und hätte wenigstens reklamieren müssen, Kindchen, oder?« »Mylady sollten damit Mister Randy Gatsbury belasten«, schlug Josuah Parker vor. »Man wird ihn noch ausgiebig zur Kasse bitten müssen, Mylady.« »Ich werde mich daran erinnern. Und auch Sie, Mister Parker«, gab sie zurück und nickte zögernd. »Und wie soll es jetzt weitergehen?« »Mister Gatsbury wird inzwischen längst wissen, daß Mylady und meine Wenigkeit in Mister Poulsens Wohnung waren«, schickte der Butler voraus. »Er wird wissen wollen, was man dort suchte und vielleicht auch fand. Mit gewissen Belästigungen ist durchaus zu rechnen.« »Ich hatte zwei Beobachter vor dem bewußten Haus ausgemacht«, lobte sich die ältere Dame. Sie verschwieg allerdings, daß sie die völlig falschen Personen gemeint hatte. Mike Rander und Kathy Porter aber gingen davon aus.
* Richard Monney sah auf dem Video-Streifen, den die heimlichen Beobachter Gatsburys angefertigt hatten, besser aus als in Wirklichkeit. Der Kommunalpolitiker, der in London eine nicht unwesentliche Rolle spielte und in vielen Aufsichtsräten saß, blickte Lady Simpson und ihren Butler ausgesprochen verkniffen an. Es hatte einige Mühe gekostet, überhaupt vorgelassen zu werden. Die ältere Dame war im Vorzimmer von Richard Monney sehr nachdrücklich und auch laut geworden.
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»Im Grund habe ich überhaupt keine Zeit für Sie«, sagte Monney mit scharfer Stimme. Er wirkte unterkühlt. »Lassen Sie sich in Zukunft einen Termin geben. Ich bin für gut eine Woche im voraus ausgebucht.« »Dennoch hat es den Anschein, Sir, als stünden Ihnen durchaus noch freie Stunden zur Verfügung«, antwortete der Butter. »Haben Sie sich gefälligst nicht so, mein Bester«, raunzte Lady Agatha den Kommunalpolitiker an. »Ohne Ihre Wähler sind Sie ein Nichts. Nachträglich bin ich besonders froh, Ihnen meine Stimme nicht gegeben zu haben.« »Sie hatten zum Beispiel am vergangenen Tag recht viel Zeit für eine gewisse Miß Norma Tanford«, machte Parker deutlich. Der Politiker wechselte daraufhin die Farbe und strebte ein tiefes Lila an. Dann bemühte er sich um ein mattes Rot. Dazu schnappte er nach Luft. »Was…was wollen Sie damit sagen?« fragte Monney mit nun ein wenig brüchiger Stimme. »Sie sind das, was man gemeinhin leichtsinnig zu nennen pflegt, Mister Monney«, tadelte Parker andeutungsweise. »Ihre Unterhaltung mit Miß Tanford ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.« »Wie kann ein gesetzter Mann in Ihren Jahren sich derart albern benehmen«, fügte Agatha Simpson kopfschüttelnd hinzu. Eine gewisse Schadenfreude war ihrer Stimme deutlich anzumerken. »Was… was soll das alles?« entrüstete sich Monney. »Weshalb wollen Sie wissen, worüber ich mich mit einer Wählerin aus meinen Stimmbezirk unterhalten habe?« »Über ein Häschen und Mäuschen«, zitierte die ältere Dame genußvoll. »Wollen Sie mit Ihrer Wählerin einen Klein-Zoo aufmachen, guter Mann? Glauben Sie wirklich, einer erfahrenen Frau Sand in die Augen streuen zu können.« »Zu den Tonaufnahmen gibt es auch noch einen recht gut gemachten Videostreifen«, warf der Butler ein. »Auf diesem Streifen sind Sie in einigen Posen zu sehen, die man mit einer gewissen Boden-Akrobatik verwechseln könnte.« »Sie wollen mich Wohl erpressen? Sie bluffen? Hören Sie, ich werde die Polizei verständigen. Ich lasse Sie festnehmen! Sie glauben doch nicht, daß Sie einen Richard Monney fertigmachen können, wie?«
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»Das Telefon steht vor Ihnen, Monney«, sagte Agatha Simpson. »Bedienen Sie sich, junger Mann!« »Wieviel?« stöhnte Monney. Er war plötzlich sehr klein geworden und verzichtete auf die gewohnte Arroganz. Er hatte eingesehen, daß er seinen Besuchern ausgeliefert war. »Möglicherweise hat man Myladys Namen nicht deutlich genug genannt«, antwortete der Butler. »Lady Simpson ist selbstverständlich nicht daran interessiert, Sie zu ruinieren. Mylady will Sie nur warnen und in gewissem Sinne auch konditionieren.« »Mylady? Sind Sie vielleicht die Lady Simpson?« »Wer sonst, junger Mann«, gab die ältere Dame grollend zurück. »Und was ändert das an der Tatsache Ihres schlechten Benehmens?« »Ich… ich bin völlig überarbeitet«, entschuldigte sich Richard Monney umgehend und rang seine Hände. »Sie ahnen ja nicht, was man Tag für Tag alles erledigen muß.« »Sie unterhalten, um zur Sache zurückzukommen, Mister Monney, seit wann Ihre Beziehungen zu Miß Norma Tanford?« »Ich weiß wirklich nicht, woher Sie… Entschuldigung, selbstverständlich werde ich antworten. Erstaunlich, daß Sie von dieser Sache wissen…ich war stets der Ansicht, meine Besuche bei Miß Norma seien…« »Seit wann, junger Mann?« grollte Agatha Simpson dazwischen. »Seit etwa zwei Monaten«, lautete die Antwort. »Wir lernten uns während einer Wahlversammlung kennen. Es fing alles so harmlos an, verstehen Sie?« »Sie sind verheiratet, Mister Monney«, forschte der Butler weiter nach. »Seit über zwanzig Jahren«, kam die Antwort. »Gehen Sie davon aus, daß diese Beziehung längst nur noch auf dem Papier steht. Tatsächlich haben wir uns nichts mehr zu sagen. Moment, arbeiten Sie etwa für meine Frau?« »Könnten Sie sich vorstellen, daß Ihre Frau ein Detektei-Institut beauftragt, gegen Sie zu ermitteln?« wollte der Butler wissen. »Meine Frau…?« Monney dachte kurz nach und schüttelte langsam den Kopf. Dann aber richtete er sich ruckartig auf. »Warten Sie… Doch, ich könnte es mir vorstellen! Es gab Streit wegen einer Boutique, die sie sich einrichten wollte. Ich war gegen diese Investition. Vielleicht will sie sich nun scheiden lassen und braucht entsprechende Beweise.«
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»Was würde passieren, falls die Öffentlichkeit von Ihrer außerehelichen Eskapade erfährt, Mister Monney?« tippte der Butler an. »Na ja, ich mache mir da nichts vor… Ich glaube, ich könnte einpacken. Ich habe in der Vergangenheit mehrfach für die Unauflösbarkeit der Ehe gestritten. Ich hatte Fernsehauftritte, beteiligte mich an Diskussionen und arbeitete entsprechend innerhalb der Kirche.« »Sie wären demnach durchaus bereit, für entsprechendes Beweismaterial zu zahlen, Mister Monney?« fragte der Butler geduldig. »Ich… ich denke schon, obwohl ich Erpressung verabscheue, verstehen Sie?« »Wieviel würden Sie auf den Tisch legen, Monney?« schaltete die ältere Dame sich ein. »Ein… ein kleines Vermögen«, räumte der Mann zögernd ein. »Ich möchte es genauer wissen«, drängte Lady Agatha. Wenn es um Geld ging, legte sie sich stets ins Geschirr. »Tausende, Mylady«, gab der Kommunalpolitiker zurück. »Doch, darauf käme es mir nicht an.« »Genauer, Monney, genauer!« Die passionierte Detektivin ließ sich nicht abschütteln. »Würden Sie sich solches Belastungsmaterial dreißigtausend Pfund kosten lassen? Oder sogar mehr?« »Sogar mehr«, erwiderte der Mann, der sich den dicken Schweißbelag mit dem Handrücken von der Stirn wischte. »Was wäre schon Geld gegen meinen guten Namen?« »Gehen Sie davon aus, Mister Monney, daß man Sie vielleicht ansprechen wird«, warnte Parker den Mann. »Sie sollten sich dann umgehend an Mylady wenden. Nur so haben Sie die Gelegenheit, einen Erpresser auszuschalten.« »Hätte ich mich doch nie auf Norma eingelassen«, stöhnte der Mann leise. »Soll ich mit meiner Frau reden? Was meinen Sie?« »Richten Sie ihr erst mal eine Boutique ein«, schlug Mylady süffisant vor. »Das dürfte sie friedlicher stimmen, guter Mann.«
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»Ich werde doch hoffentlich verfolgt, Mister Parker, sonst macht mir die ganze Sache keinen Spaß mehr«, räsonierte Lady Agatha eine Viertelstunde später. Sie saß im Fond des hochbeinigen Monstrums und musterte unverhohlen und sehr neugierig ihre nähere Umgebung. Man hatte Richard Monney verlassen und wollte sich nun mit weiteren Opfern der Detektei Gatsbury in Verbindung setzen. »Mylady haben es mit einem GM zu tun«, konnte Parker ihr mitteilen. »Zwei Personen männlichen Geschlechts befinden sich an Bord.« »Das klingt doch wenigstens positiv«, freute sich Mylady. »Stellen Sie die Lümmel irgendwo, Mister Parker. Ich werde sie verhören.« »Möglicherweise hat Mister Parney weitere Mitarbeiter mobilisiert«, fuhr der Butler fort. »Das denke ich allerdings auch, Mister Parker.« Sie nickte wissend. »Wer ist dieser Mann?« »Er erlaubte sich, Mylady eine Flasche Cognac aufzudrängen«, erinnerte der Butler. »Mister Parney betreibt einen Privatklub und wurde für Mister Brackner aktiv, der seinerseits ein SonnenStudio leitet.« »Ich weiß«, wehrte sie leicht gereizt ab. »Ich brauche keine Nachhilfe, Mister Parker. Das sollten Sie inzwischen nun wirklich wissen.« »Die erwähnten Personen arbeiten eindeutig für die Detektei Gatsbury«, erklärte Parker, um die ältere Dame vollends ins Bild zu setzen. Er kannte ihre Vergeßlichkeit, was Namen und Zusammenhänge betraf. »Wie auch immer.« Sie absolvierte eine gelangweilte Handbewegung. »Ich lasse Ihnen jetzt freie Hand. Nutzen Sie sie, Mister Parker!« Der Butler verzichtete auf eine Antwort. Er hatte sein hochbeiniges Gefährt längst in Fahrt gebracht und lotste die Verfolger in bewährter Manier in Richtung Wapping. Dort in den ehemaligen Docklands, in denen der Neubau boomte, gab es immer noch Regionen, die bisher von den Abrißbirnen und Spitzhacken offensichtlich übersehen worden waren. Hier standen noch alte Lagerhäuser, Restbauten von längst in Konkurs geratenen Betrieben, und führten schmale Straßen zu Fabrikhöfen die von hohen Ziegelmauern umgeben wurden. Parker kannte sich ausgesprochen gut aus. Er suchte diese Gegend
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immer dann auf, wenn er sich ungestört mit Personen beschäftigen wollte, die seiner Ansicht nach entsicherte Schußwaffen trugen. Er entschied sich für eine weite Halle, in der es nur noch einige meist abgedeckte Montagegruben gab. Parker hatte sein Gefährt beschleunigt und sorgte für einen kleinen Vorsprung. Gleichzeitig aber animierte er den Fahrer des nachfolgenden Wagens dazu seinerseits Gas zu geben. Parker jagte mit seiner Trickkiste auf Rädern in die weite Halle, umkurvte einen Stapel Eisenträger, umrundete fast einen kleinen Berg, der aus beschädigten Holzpaletten bestand, hielt auf einen langgestreckten Schutthaufen zu und verzichtete erstaunlicherweise darauf, über ihn hinwegzufahren, was an sich einfach zu sein schien und sich anbot. Nein, der Butler bremste im entscheidenden Augenblick jäh und wischte nach links weg. Dabei sorgte er dafür, daß die durchtourenden Hinterräder seines Wagens eine Staubwolke hochsteigen ließ. Der Fahrer des kleinen GM geriet mit seinem Gefährt in diese Wolke, wollte auf diese Art Parker den Weg abschneiden und setzte unfreiwillig zu einem Flug an. Sein GM verließ den flachen Scheitel des Schuttbergs, segelte ein gutes Stück durch die Luft und klatschte dann in eine Montage-Grube, die bis zur Hälfte mit morschen Brettern ausgelegt war. Der kleine Wagen stand förmlich Kopf, wie sich Minuten später zeigte. Er hatte die Kühlerhaube auf den morschen Brettern ausgebreitet und den Motor zur Seite hin aus dem Chassis geschoben. Die Insassen hingen benommen in ihren Gurten und wußten zu diesem Zeitpunkt noch nicht, auf welche Art und Weise ihnen was passiert war.
* Sie kletterten sehr langsam aus der Grube, nachdem sie sich von ihren Gurten befreit hatten. Die etwa fünfundzwanzig Jahre alten Männer ließen sich sofort am Stapel der Holzpaletten nieder und tasteten sich ausgiebig ab. Dann hoben sie gehorsam die Arme, nachdem der Butler sie darum gebeten hatte. Er trat hinter einem
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schweren Eisenträger hervor, der zum teilweise eingestürzten Hallendach gehörte. »Würden Sie freundlicherweise auch noch Ihre diversen Waffen auf den Boden legen?« bat Parker zusätzlich. »Dadurch beugt man mit Sicherheit aufkommenden Mißverständnissen vor.« Die Kerle kamen seinem Wunsch nach und ließen zwei schallgedämpfte Automatics fallen. Dazu packten sie als Dreingabe noch zwei Stahlruten, die man aus Hülsen teleskopartig hervorschnellen lassen konnte, und schließlich zwei Messer aus. Sie taten dies alles im Zeitlupentempo. Es war offenkundig, daß das Eintauchen des Wagens in die halb gefüllte Montagegrube sie ein wenig mitgenommen hatte! Sie leisteten keinen Widerstand, als Parker ihnen Einwegfesseln aus Plastik anlegte. Dabei blickten sie fasziniert auf Lady Agatha, die eine der beiden Beutewaffen auf sie gerichtet hielt. Die ältere Dame schien sich augenscheinlich mit solch einer Waffe nicht auszukennen. Sie hantierte, sehr großzügig, um einen Schuß zu lösen. Die beiden Männer duckten, sich und beschworen dann die resolute Dame, das verdammte Ding, wie sie die Waffe nannten, endlich wegzunehmen. »Vorher sollten Sie sich aber vielleicht noch zur Person Ihres Auftraggebers äußern«, schlug der Butler in seiner bekannt höflichen Art vor. »Wozu?« fragte einer der beiden Männer und runzelte die Stirn. »Sie arbeiten für wen?« raunzte Lady Agatha. »Ach so… na ja, Parney hat uns losgeschickt.« »Und was sollten Sie machen?« Agatha Simpson richtete wie zufällig die schallgedämpfte Automatic auf die linke Kniescheibe des jungen Mannes, der daraufhin fast unter Erstickungsanfällen litt. »Wir… wir sollten sie für ein paar Wochen in irgendein Hospital schicken«, gestand der Mann hastig. »Aber das hätten wir natürlich nie gemacht.« »Natürlich nicht, junger Mann.« Lady Agatha lächelte boshaft. »Ich werde natürlich ebenfalls nie schießen. Vielleicht… Ich will mich da noch nicht festlegen.« »Wir sollten wirklich nur für ein paar kleine Knochenbrüche sorgen«, schaltete der zweite Gangster sich ein. »Parney übertreibt immer. Den darf man nicht ernst nehmen.«
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»Sie waren in jüngster Vergangenheit bereits mehrfach für Mister Parney tätig?« tippte der Butler an. »Sie besuchten Personen in ihren Wohnungen und überbrachten Forderungen.« »Wo… woher wissen Sie das?« fragte der junge GM-Fahrer überrascht. »Namen und Adressen«, fuhr Mylady ihn statt einer Antwort an. Sie nannten zwei Namen und Adressen, die Parker sich einprägte. »Was mache ich jetzt mit den Subjekten?« wandte die ältere Dame sich danach an ihren Butler. »Ich hätte größte Lust, sie in ein Hospital zu schicken.« »Ein längerer Aufenthalt hier in der Halle dürfte auch seine Wirkung nicht verfehlen«, meinte der Butler. »Nach Lage der Dinge dauert es seine Zeit, bis Menschen hier auftauchen.« »Ich will doch hoffen, daß es hier Ratten gibt«, fragte die ältere Dame. »Solche Nager können Mylady als gegeben betrachten«, versicherte der Butler ihr. »Nun gut«, sagte sie. »Verschnüren Sie die Lümmel und locken Sie die Ratten an.« »Oder könnten die Herren vielleicht mit einem Tip dienen, den man als brandheiß bezeichnen darf?« wandte sich der Butler an die jungen GM-Be-nutzer. »Hat Mister Parney etwa einige seiner Mitarbeiter zu bestimmten Personen geschickt. Oder ist er selbst unterwegs?« »Der ist in seinem Bau«, sagte einer der beiden hastig, »aber da sind zwei von uns, die mit ‘nem Einsatz-Wagen unterwegs sind.« Josuah Parker ließ sich genau einweisen.
* Es handelte sich um einen Kastenwagen, wie Parker ihn bereits kannte. Das Fahrzeug stand auf einem kleinen Parkplatz und wirkte völlig unverdächtig. Auf dem Dach war eine Antenne zu sehen, die jedoch keinen Verdacht erregte. Sie schien zu einer besonders guten Stereoanlage im Wagen zu gehören. Es gab oben zwei kurze Antennenhörner, die sich eindeutig bewegten und offensichtlich eingepegelt wurden. Beide Hörner wurden auf ein Fenster ausgerichtet, das sich im dritten Stock eines Apartmenthotels befand.
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»Zu welchem Ergebnis komme ich, Mister Parker?« wollte die ältere Dame wissen. Sie saß im Fond des hochbeinigen Monstrums und ließ sich informieren. »Man scheint dabei zu sein, eine Audio-Aufnahme einzuleiten«, gab Josuah Parker zurück. Er stand neben seinem Gefährt, das seinerseits auf einem Fabrikvorplatz im Ortsteil der Stadt abgestellt worden war. Der Butler beobachtete den Einsatzwagen durch ein Fernglas. »Und wie bewerkstelligt man diese Video-Aufnahmen, Mister Parker?« interessierte sich Lady Agatha. »Sie hätten die verkommenen Subjekte aus dem ersten Wagen danach fragen sollen.« »Ein Fehler, den man ungeschehen machen kann, Mylady«, erwiderte der Butler. »Aber wenn Mylady vielleicht selbst mal sehen wollen. Eines dieser Antennenhörner dürfte eine kleine VideoKamera sein.« »Ausgeschlossen«, antwortete sie kategorisch. »So etwas gibt es doch nicht.« »Mylady denken auf der anderen Seite an ein sogenanntes Endoskop«, bot der Butler als Erklärung an. »Mit einer Miniaturkamera lassen sich erstaunlich gute Bilder aus dem Inneren eines menschlichen Körpers herstellen.« »Nun ja.« Sie räusperte sich explosionsartig. »Falls dem so sein sollte, was ich ja immer noch anzweifle, Mister Parker, werde ich mir diese kleine Kamera jetzt aus der Nähe ansehen.« Parker setzte sich ans Steuer seines hochbeinigen Gefährts und rollte weiter die Straße hinunter, bis er den kleinen Parkplatz vor dem Apartmenthotel erreicht hatte. Er stieg aus und umging den Spiegeleinsatz im Kastenaufbau, um von innen nicht gesehen zu werden. Er blieb an der hinteren Wagentür stehen und blickte dann zu einer schmalen Lüftungsklappe über der Tür. Sie war weit ausgestellt und daher auch bereit, irgendwelche Dinge aufzunehmen. Parker bediente die Insassen des Wagens. Er hielt plötzlich eine bohnengroße, mehrfach perforierte Plastikkapsel in der rechten Hand. In ihr war eine kleine Glasampulle auszumachen, die mit einer wasserklaren Flüssigkeit gefüllt war. Parker zerdrückte die Ampulle zwischen Daumen und Zeigefinger und warf die Kapsel dann mit elegantem Schwung nach oben in Richtung Lüftungsklappe. Dort wurde die Kapsel willig aufgenommen.
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Parker trat ein wenig zur Seite und harrte der Dinge, die er gerade eingeleitet hatte. Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis er gequältes Husten im Wagenaufbau hörte. Nach weiteren Sekunden wurde die hintere Tür jäh aufgedrückt. Nachdem eine weißliche Wolke ins Freie gewallt war, erschienen zwei Männer, die sich förmlich die Seele aus dem Leib husteten und den Butler übersahen. »Darf man sich erlauben, Ihnen Hilfe anzubieten?« fragte der Butler an. Sie antworteten nicht, sondern setzten sich auf den Bordstein und husteten im Duett weiter. Es war schon fast varietereif, was sie boten.
* Josuah Parker hatte keine Schwierigkeiten, die Tür zum Apartment zu öffnen. Er bediente sich dazu seines kleinen Patentbestecks, das wie das Werkzeug eines passionierten Pfeifenrauchers aussah. Es gab da schmale Metallzungen, winzige korkenzieherähnliche Geräte, Dietriche und Dorne. Dies alles diente dem Butler dazu, selbst komplizierte Schlösser beschädigungsfrei zu öffnen. Er verfügte dabei über die Geschicklichkeit eines erfahrenen Spezialschlossers. Parker blieb im kleinen Vorraum des Apartments stehen und machte sich mit den Stimmen vertraut. Da war ein Mann, der näselnd sprach und der offensichtlich gern Anweisungen erteilte. Da gab es eine singende, fast fröhliche Stimme und schließlich eine, die heiser und irgendwie drohend klang. Parker blickte vorsichtig in das eigentliche Apartment. Zwei junge Männer in Jeans und Lederjacken handelten mit einem wesentlich älteren Mann, der einen grauen und mit Sicherheit nicht gerade billigen Straßenanzug trug. Es ging eindeutig um eine Ware, die in Briefchen geliefert wurde. Diese Briefchen, kaum länger und breiter als ein Einwegfeuerzeug, lagen auf einem Tisch. Der Mann im Straßenanzug war gerade damit beschäftigt, Banknoten zu zählen. Es ging um sehr viel Geld. »Darf man fragen, wie hoch heute das Kokain gehandelt wird?« ließ der Butler sich vernehmen. Im gleichen Augenblick setzte er
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den stämmigeren der beiden Jeansträger mit seiner Gabelschleuder außer Gefecht. Der Getroffene fiel gegen den leichten Tisch in der Zimmermitte, kippte mit ihm zu Boden und war vorerst nicht ansprechbar, wie der Butler aus Erfahrung wußte. Seine Ton-Erbsen sorgten stets für Ruhe. Der zweite Jeansträger wollte den Butler attackieren. Er war sehr flink auf den Beinen, duckte sich und hatte die feste Absicht, Parker mit dem Kopf zu rammen. Der Butler kam dieser Absicht allerdings elegant zuvor. Mit dem Bambusgriff seines Universal-Regenschirms zog er im richtigen Moment einen leichten Sessel so heran, daß er wie ein natürliches Hindernis wirkte. Der Angreifer knallte mit diesem Sitzmöbel zusammen, geriet aus dem Gleichgewicht und ließ das Holz brechen. Er krachte mit dem demolierten Sessel zu Boden und blieb benommen liegen. Der Mann im Straßenanzug war wie versteinert. Mit einem solchen Zwischenfall hatte er sicher nicht gerechnet. Er blickte auf den abgewetzten Teppich, Sah einige der Briefchen und beugte sich zögernd hinab. Als Parker nicht einschritt, entwickelte er Emsigkeit. Er kniete nieder, pfiff auf seine Bügelfalten und sammelte die bewußten Portions-Briefchen ein. Anschließend befaßte er sich mit den Banknoten. Er erwies sich als eine wertvolle Hilfe. Parker spendierte zwei Wegwerffesseln und machte die beiden Jeansträger kämpfunfähig. Dann widmete er sich dem älteren Mann, der seine Arbeit inzwischen beendet und sich artig und abwartend auf einem Stuhl an der Wand niedergelassen hatte. »Mein Name ist Parker, Josuah Parker«, stellte der Butler sich vor. »Geht recht in der Annahme, daß Sie gerade dabei waren, Kokain zu kaufen?« »Wie… wie kommen Sie denn darauf?« verwahrte sich der Mann aufgebracht. Er faßte allerdings unwillkürlich nach der linken Tasche seines Sakkos, in die er die Briefchen gesteckt hatte. »Sie wurden aus nächster Nähe beobachtet«, fuhr der Butler fort. »Ihre Gespräche und auch Ihre Handlungsweise sind inzwischen dokumentiert worden. Wenn Sie vielleicht mal in Richtung Straße schauen würden?« Der Mann folgte der Aufforderung zögernd, blickte aus dem Fenster und zuckte dann ein wenig ratlos die Achseln.
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»Sie sollten Ihre Aufmerksamkeit auf den Kastenwagen vor dem Haus richten«, erklärte Parker. »Danach müßten Sie sich die Richtantenne ansehen.« »Und… und was ist damit?« fragte der Mann, nachdem er Parkers Aufforderung nachgekommen war. »Sie werden je ein Richtmikrofon und eine Miniatur-Video-Kamera ausmachen«, sagte Parker. »Die Audio- und Video-Mitschnitte erreichen fast so etwas wie Studioqualität, wie man mit leichter Übertreibung wohl sagen darf.« »Guter Gott«, reagierte der Mann betroffen und sackte in sich zusammen. »Und wer hat das alles aufgenommen? Sie vielleicht? Was wollen Sie für die Sachen haben? Ich bin bereit, jede halbwegs vernünftige Summe zu zahlen.« »Fünfzigtausend«, war in diesem Augenblick die Stimme der Lady Agatha zu vernehmen. Es ging wieder mal um Geld, und da fühlte sie sich stets gefordert.
* »Ich bin Lester Witters«, stellte der Mann in Grau sich mit leiser Stimme vor. »Finanzmakler…Ja, ich wollte tatsächlich Kokain kaufen. Für mich und ein paar Freunde.« »Sie besorgten dies zum erstenmal?« erkundigte sich der Butler. »Zum zweiten Mal«, lautete die Antwort, »und ich hätte niemals gedacht, daß ich dabei beobachtet werden könnte. Wieso weiß man davon?« »Hatten Sie je mit der Detektei Gatsbury zu tun?« wollte der Butler wissen. »Nein, ganz sicher nicht«, erwiderte Witters, »Sagen Sie, was wird jetzt passieren? Sie sind von der Polizei oder so?« »Papperlapapp, junger Mann«, raunzte die ältere Dame ihn an. »Sie können von Glück sagen, daß eine Lady Simpson sich eingeschaltet hat. Sie wissen inzwischen hoffentlich, daß man Sie erpressen wollte, nicht wahr?« »Wenn meine Kunden erfahren, daß ich schnupfe, kann ich mein Geschäft schließen«, sagte Witters. »Und das gilt auch für meine Kollegen.« »Wer vertraut sein Geld schon einem drogenabhängigen Finanzmakler an«, antwortete Parker.
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»Genau das ist es«, bestätigte Witters. »Sie sind von irgendeiner Spezialeinheit der Polizei? Oder warten Sie mal… Lady Simpson… Lady Simpson…? Sie sind diese Lady Simpson?« »Mylady beschäftigt sich mit komplizierten Kriminalfällen«, klärte der Butler weiter auf. »Sie werden vom Glück ungemein begünstigt. Mylady ermittelt gegen Kriminelle, die sich auf eine raffinierte Form der Erpressung spezialisiert haben.« »Sie sind diese sagenhaft reiche Frau, die überall ihre Beteiligungen hat, nicht wahr?« Lester Witters verschluckte sich fast vor Aufregung. »Sie übertreiben maßlos, jünger Mann«, fuhr die ältere Dame ihm grollend über den Mund. »Ich bin Witwe, die mit jedem Penny rechnen muß. Alles andere sind nur wilde Gerüchte.« »Ich würde sehr gern mal für Sie arbeiten?« bot Witters sofort seine guten Dienste an. »Das fehlte noch, junger Mann.« Agatha Simpson lachte ironisch. »Haben Sie vergessen, daß Sie Drogen nehmen?« »Womit man wieder beim Thema sein dürfte«, schaltete der Butler sich ein und warf einen kurzen Blick auf die beiden Jeansträger, die aufmerksam zuhörten. Nach seiner Einschätzung handelte es sich um mittlere Dealer, um Händler also, die bereits in relativ großem Stil ihre süchtige Ware verkauften. Parker hätte nicht vor, sie von sich aus wieder in Freiheit zu setzen. »Werden Sie mich der Polizei melden?« fragte Witters. Er blickte den Butler flehentlich an. »Sie sollten darüber nachdenken, Mister Witters, warum meine Wenigkeit ausgerechnet Sie observierte«, schlug Josuah Parker vor. »Ist einem größeren Kreis bekannt, daß Sie und Ihre Freunde Kokain schnupfen?« »Nein, nein, natürlich nicht«, wehrte Witters sofort ab. »So etwas hält man schließlich unter Verschluß.« »Sie sind aber ein durchaus bekannter Finanzmakler, Mister Witters.« »Das kann man allerdings sagen. Ich habe einen recht großen Einfluß.« Witters strahlte plötzlich ein wenig und straffte sich. »Könnte man Sie dabei beobachtet haben, als Sie bei irgendeiner Gelegenheit schnupften?« »Nein, kann ich mir überhaupt nicht vorstellen.«
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Witters runzelte die Stirn, schüttelte dazu aber energisch den Kopf. Er schien sich völlig sicher zu sein. Dann aber hob er plötzlich den Kopf. »Da fällt mir was ein«, sagte er hastig. »Vor ein paar Wochen hatte ich den Eindruck, als hätte man meinen Wandsafe geöffnet.« »In dem Sie Kokain-Briefchen verwahrten?« »Richtig«, bestätigte der Finanzmakler und rückte eifrig. »Einige Dinge im Safe lagen nicht mehr an der gewöhnten Stelle, verstehen Sie? Man entwickelt im Lauf der Zeit ja einen Blick dafür.« »Wurde Ihnen Kokain entwendet, Mister Witters?« »Nein, nicht ein einziges Briefchen«, behauptete der Finanzmakler. »Und darum beruhigte ich mich ja. Auch vom Bargeld war nichts verschwunden. Dann habe ich im Safe auch viele Aktien. War alles unversehrt. Wie gesagt, es fehlte nichts, aber dennoch… Ich war mir sicher, daß der Safe geöffnet und der Inhalt gesichtet worden.« »Wahn geschah dies, Mister Witters, auch dies noch zu klären?« »Vor einigen Wochen«, erwiderte der Finanzmakler. »Ich habe den Zwischenfall bald wieder vergessen. Aber jetzt, wo Sie nach einem Grund für meine Beschattung fragen, ist mir die Sache wieder eingefallen. Falls ich mich natürlich nicht grundsätzlich getäuscht habe, Mister Parker. Offen gesagt, so richtig sicher bin ich da nicht.« »Hatten Ihre engeren Freunde ähnliche Erlebnisse?« forschte der Butler weiter. »Dan Forsay erwähnte mal so etwas«, erinnerte sich der Finanzmakler. »Mister Forsay pflegt ebenfalls zu schnupfen?« fragte der Butler. »Ich will nichts gesagt haben.« Witters hob abwehrend die Hände. »Seine Adresse wäre von einigem Wert«, beschloß der Butler die kleine Befragung. »Sie sollten jetzt das Weite suchen, Mister Witters.« »Sie werden mich nicht an die Polizei ausliefern?« Hoffnung keimte, in der Stimme auf. »Sie werden früher oder später das Opfer Ihrer eigenen Sucht werden, die Sie selbst verantworten müssen«, sagte der Butler. »Bevor Sie aber gehen, noch die Adresse. Sie sollten Mister Forsay von dieser Unterredung nicht in Kenntnis setzen.«
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»Wie Sie wollen«, folgte die überaus eifrige Antwort. »Ich richte mich da ganz nach Ihren Wünschen. Glauben Sie, daß die Sache mit dem Safe wichtig ist? Habe ich Ihnen damit einen Dienst erwiesen?« »Das wird sich zeigen, junger Mann«, meinte Lady Simpson. »Ich wünsche Ihnen einen schönen, gesundheitlichen Zusammenbruch, Sie Dummkopf! Wie kann man nur Drogen nehmen?« »Und was ist mit uns?« fragte einer der beiden gefesselten Verkäufer. »Sie dürften mehr sein als nur kleine Gelegenheits-Dealer«, antwortete der Butler. »Mylady hat sich Ihren Fall durch den Kopf gehen lassen.« »Richtig«, bestätigte die ältere Dame. »Und zu welchem Ergebnis bin ich gekommen?« »Der Polizei gegenüber werden die Herren selbstverständlich bestreiten, jemals auch nur Kokain gesehen zu haben. Aussage dürfte also gegen Aussage stehen.« »Darauf könnt ihr Gift nehmen«, bestätigte einer der beiden Dealer gereizt. »Wir werden euch Anwälte auf den Hals hetzen, daß euch Hören und Sehen vergeht.« »Mylady geht davon aus, daß es nur einen einzigen Punkt gibt, an dem die Herren verwundbar sind.« »Geld«, warf die ältere Dame freudig ein. »Ich werde Ihre Barschaft konfiszieren. Und natürlich auch die Drogen.« »Sind Sie wahnsinnig?« brüllte der Jeansträger aufgebracht. »Das sind ja rund sechstausend Pfund. Vom Koks mal ganz abgesehen.« »Gewisse Waisenhäuser werden sich freuen«, äußerte Lady Simpson und lächelte wie beschenkt. »Dafür machen wir euch noch fertig«, drohte der zweite Dealer. »Zu einer Auseinandersetzung sind Sie herzlichst eingeladen«, gab der Butler zurück. »Vorerst sollten Sie aber Mylady und meine Wenigkeit entschuldigen. Es gibt noch viel zu tun, wie es so treffend heißt.« Agatha Simpson sammelte das Geld ein und entwickelte dabei Energie, Anschließend ließ sie sich auch von Witters noch dessen Barschaft und natürlich auch die Drogen-Briefchen geben. Witters, der zuerst Einwände machen wollte, hielt schleunigst den Mund, als die Detektivin ihn mit einem strengen Blick musterte.
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»Und was ist jetzt mit uns?« fragte einer der beiden Dealer, als Lester Witters zur Tür ging. »Sie werden sich hier noch ein wenig verlustieren dürfen«, antwortete der Butler. »Wenn Sie darauf bestehen, könnte man das Radio einschalten. Vielleicht liefert es die passende Musik zu Ihrer momentanen Situation.« »Irgendwann erwischen wir euch«, drohte der andere Jeansbesitzer, »und dann wird abgerechnet.« Sie leisteten klugerweise keinen Widerstand, als Parker sie ins kleine Bad führte und hier mittels einer dritten Einwegfessel an einer frei liegenden Wasserleitung anschloß. Parker konnte sich recht gut vorstellen, daß die beiden Dealer früher oder später wütend gegen diese Leitung hämmern würden, um sich bemerkbar zu machen. Dann aber war er längst unterwegs und brauchte sich nicht länger mit unwichtigen Personen zu beschäftigen.
* Die beiden Observanten hatten sich inzwischen beruhigt. Sie lagen auf dem Wagenboden und blickten den eintretenden Butler fragend und auch mißtrauisch an. Das chemische Präparat hatte sich längst verflüchtigt, Parker brauchte nichts mehr zu befürchten. »Sie werden sich für ein paar Tage aus dem Geschehen verabschieden dürfen«, kündigte der Butler ihnen in seiner höflichen Art an. »Für eine ausreichende Unterkunft wird gesorgt werden, vielleicht sogar für einen längeren, fast erholsamen Ausflug.« »Gatsbury wird Sie belangen«, wußte einer der beiden Detektive. »Was Sie da abziehen, ist reinstes Kidnapping.« »Sie werden verstehen, daß meine Wenigkeit die Dinge anders sieht und auf Wunsch auch darstellen wird«, lautete die Antwort des Butlers. »Über diese Dinge sollte man sich nicht unterhalten. Die Herren haben eine Observation wie gezeigt nicht zum erstenmal vorgeführt.« »Wir verweigern jede Auskunft«, erklärte einer der beiden, allerdings ohne großen Nachdruck. »Sie haben eindeutig eine Person observiert, die einer internationalen Organisation angehört«, bluffte der Butler. »Diese Person ist verständlicherweise sehr erbost.«
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»Wollen Sie uns etwa mit der Mafia kommen?« Der Mann lachte spöttisch auf. »Meine Wenigkeit würde solch einen Namen sicherheitshalber gar nicht erst in den Mund nehmen«, gab Parker zurück. »Gehen Sie davon aus, daß die ausgespähte Person über Mittel und Wege verfügt, Sie zur Rechenschaft zu ziehen.« »Wir haben nur das getan, was Gatsbury uns aufgetragen hat«, kam prompt die sattsam bekannte Ausrede, wie stets in solchen und ähnlichen Fällen. »Uns können Sie dafür nicht verantwortlich machen.« »Auch nicht für das unberechtigte Öffnen von Safes und Tresoren?« bluffte der Butler erneut. »Das ist wieder ‘ne andere Crew in unserem Laden«, erfolgte die erstaunlich naive Antwort. »Für die Mister Hallers zuständig ist?« Parker spielte auf den dynamischen Angestellten in der Detektei an. »Peter Hallers«, bestätigte der Liegende arglos. Er hatte wohl den Eindruck, als würde er keine Informationen preisgeben. Er ging davon aus, daß Parker ausgiebig informiert war. »Mister Hallers könnte man als einen erstklassigen Spezialisten bezeichnen?« tippte der Butler weiter an. Er nutzte die einmalige Gunst der Stunde. »Hallers ist ein Spitzenmann«, lobte der Detektiv seinen Kollegen. »Er ist so was wie der Stellvertreter vom Chef.« »Der einen Leibwächter in Wimbledon hat, der nicht sonderlich geschätzt wird.« Parker wußte längst, daß er auf dem rechten Weg war. Die beiden Liegenden hatten sich vorgenommen, keine Aussage zu machen. Sie hielten sich ihrer Ansicht nach strikt daran. Tatsächlich aber lieferten sie eine Information nach der anderen, Schwatzbasen mochten da wesentlich zurückhaltender sein. »Jeff, das Rasiermesser«, zitierte einer der beiden Männer den Spitznamen des Leibwächters. »Der hält sich für einen einsamen Klassemann.« »Und dürfte einen Knacks im Kopf haben«, fügte sein Partner geringschätzig hinzu. »Immer und überall fuchtelt er mit seinen Wurfmessern herum. Er will damit schneller sein als ein Pistolenschütze.« »Mister Gatsbury braucht eben einen besonderen Schutz«, behauptete der Butler. »Es gibt sicher einige Observierte, die nicht gewillt sind, sich eine Erpressung bieten zu lassen.«
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»Die haben doch keine Chancen«, meinte der Wortführer der beiden Detektive. »Gatsbury hat für jeden Kunden die richtige Antwort. Der Chef ist schon einsame Klasse. Und das werden Sie bald merken… Sie sollten uns lieber abhauen lassen.« »Vielleicht später«, schlug Parker vor. »Genießen Sie erst mal völlig ruhige Tage ohne jeden Streß. Sie werden meiner Wenigkeit noch dankbar sein.« Josuah Parker dachte an Horace Pickett und an die beiden Detektive Stinton und Cossack, die sich jetzt in Liverpool befanden. Randy Gatsbury mußte nervös werden, wenn einige seiner Leute und dazu noch zwei sehr teure Einsatzfahrzeuge praktisch von der Bildfläche verschwanden. Parker wußte, daß der Chef der Detektei sich bald melden würde.
* Dan Forsay mochte um die fünfzig sein, war untersetzt, schnaufte stets ein wenig und hatte ein ungesund rotes Gesicht. Er war Banker wie sein Freund Lester Witters und blickte Mylady und ihren Butler sehr reserviert an. »Natürlich weiß ich, wer Sie sind, Mylady«, sagte er nach der Begrüßung, »ich kann mir, offen gesagt, kaum vorstellen, daß Sie mich in Ihre Geschäfte einbeziehen wollen. Sie verfügen doch bestimmt über die Größen unserer Branche.« »Mylady kommt wegen rätselhafter Tresoröffnungen, was übrigens auch für Safes gilt«, schickte der Butler voraus. Man saß im Büro des Maklers, der jetzt aufstand und Sherry anbot. Agatha Simpson nickte gnädig und damit zustimmend. »Tresor öffnen?« Dan Forsay blieb jäh mit der Karaffe stehen und blickte den Butler überrascht an. »Nun fassen Sie sich, junger Mann«, riet Lady Simpson ihm ungeduldig, »und vergessen Sie die Sherrygläser nicht.« »Sie fühlen sich angesprochen, Mister Forsay?« erkundigte sich der Butler. »Woher wissen Sie das mit der Tresoröffnung?« Forsay bediente die ältere Dame und erntete ein gnädiges Knopfnicken. »Mylady weiß auch von Ihrer Vorliebe für eine gewisse Droge«, führte der Butler weiter aus. »Ferner, daß Sie bereits dieserhalb nachdrücklich erpreßt wurden.«
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»Nehmen Sie einen Cognac, junger Mann«, forderte die ältere Dame ihn auf. Forsay hatte sich nämlich fast in einen Sessel fallen lassen und schnaufte ausgiebig. »Wieviel mußten Sie bisher zahlen, Mister Forsay?« Parker unterstellte einfach, daß er richtig lag. »Zweimal fünftausend Pfund«, erwiderte Forsay und richtete sich ein wenig auf. Parker servierte ihm jetzt einen Sherry, den Forsay dankend annahm. Er stürzte den Inhalt des Glases förmlich in sich hinein und atmete tief durch. »Sie wurden mit Video- und Audio-Aufzeichnungen konfrontiert, Mister Forsay?« wollte der Butler wissen. »Deutlicher geht’s nicht«, gestand Forsay und schnaufte nun wieder wie gewöhnlich. »Ich bin heimlich beschattet und belauert worden. Und ich weiß immer noch nicht, wie dies alles aufgenommen wurde, es ist mir einfach rätselhaft.« »Wer wandte sich wegen der beiden Zahlungen an Sie, Mister Forsay?« fragte der Butler weiter. »Das war in beiden Fällen ein Mister Brackner«, lautete die Antwort. »Ein dicklicher, mittelgroßer Mann, in dessen SonnenStudio in Soho ich kommen und zahlen mußte.« »Er zeigte Ihnen die erwähnten Aufzeichnungen?« »In einem Hinterzimmer des Studios«, berichtete der Mann weiter. Er war jetzt voll bei der Sache. »Wie gesagt, deutlicher konnten die Beweise gegen mich gar nicht sein. Ich war sofort bereit, das verlangte Geld zu zahlen und brachte es ihm ins Studio. Das lief alles ganz geschäftsmäßig ab.« »Sie fragten möglicherweise, warum man sich ausgerechnet mit Ihnen befaßte, Mister Forsay?« »Worauf Sie sich verlassen können, Mister Parker.« Er blickte für einen Moment zu Lady Simpson hinüber, die gerade eine zweite Glasfüllung fachgerecht verkostete. »Ich bekam keine Antwort auf die betreffende Frage, aber dann fiel mir ein, daß Freunde von mir und auch ich auf einem Gruppenfoto abgebildet wären. Das war bei einer Jubiläumsfeier unseres Verbandes aufgenommen worden. Wir wurden da als besonders erfolgreiche Finanzmakler geehrt.« »Danach entdeckten Sie eine mehr oder weniger gewaltsame Öffnung Ihres Tresors, Mister Forsay?« Parker gratulierte sich zu den Aussagen des Mannes.
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»Gewaltsam war er nicht geöffnet worden«, präzisierte Forsay, »aber ich fand heraus, daß einige Papiere nicht mehr so in den Fächern lagen wie vorher. Es war reiner Zufall, daß ich das merkte. Der Dieb hatte zwei fast gleiche Deckblätter miteinander vertauscht.« »Sie schöpften Verdacht, doch sie konnten sich diesen Tausch nicht erklären, Mister Forsay?« »Wie denn auch? Das, Schloß war doch völlig in Ordnung.« »Und man hatte nichts von Wert mitgenommen. Noch nicht mal gewisse Briefchen, Mister Forsay?« »Sie… Sie wissen also Bescheid? Wer hat da gequasselt? Wer glaubt, mich hereinlegen zu können? War es vielleicht… Witters?« »Sie wurden wegen dieser Briefchen erpreßt, Mister Forsay?« fragte der Butler noch mal nach. »Und wegen einiger Kontennummern in der Schweiz«, räumte der Mann ein und lächelte flüchtig. »Ersparen Sie mir Einzelheiten. Der Erpresser hat mich fest am Haken.« »Sicher nicht mehr lange, Mister Forsay«, beruhigte Parker sein Gegenüber. »Man wird diesen Kriminellen zu begegnen wissen. Ihnen sind weitere Erpressungen bekannt?« »Sie meinen, was andere Leute betrifft?« Forsay schüttelte den Kopf. »Ich habe mich nur um mich selbst gekümmert. Dieser Brackner hält mich ganz schön in Trab. Es vergeht kaum ein Tag, an dem er mich nicht anruft und mir ironisch auch noch alles Gute wünscht. Dagegen kann man sich nicht wehren.« »Diese Anrufe werden mit einiger Sicherheit bald nicht mehr erfolgen«, prophezeite der Butler in gewohnt höflicher Form. »Wann ist Ihre nächste Zahlung fällig?« »Ich warte jeden Tag auf die entscheidende Nachricht«, gab der Mann zurück, »und ich werde natürlich wieder mal zahlen. Ich kann mir in meinem Beruf keinen Skandal leisten.« »Sie sollten Mylady und meine Wenigkeit rechtzeitig informieren«, schlug Josuah Parker vor. »Erpressern kann man nur offensiv begegnen.«
* Buddy Parney nahm ein verspätetes Frühstück ein.
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Er hielt sich in einem kleinen Nebenraum seines Privatklubs auf und war gerade damit beschäftigt, ein Ei zu löffeln, als Parker und Lady Simpson erschienen. Der »Kleiderschrank« mit der Fistelstimme ließ den Löffel sinken und blickte die beiden Neuankömmlinge entgeistert an. »Sie sollten nicht fragen, woher Mylady und meine Wenigkeit kommen und wie man sich Zutritt zu diesen Räumen hier verschaffte«, schlug Josuah Parker vor. »Selbst eine genaue Antwort dürfte Sie kaum weiterbringen, Mister Parney.« »Sie wollen Ärger machen?« erkundigte sich der Mann. »Verdammt, ich habe keine Lust, mich mit Amateuren abzugeben.« »So ähnlich drückten sich bereits zwei GM-Benutzer aus«, erwiderte der Butter. »Laut deren Aussage sind Sie es gewesen, die einen genauen Auftrag erteilten, was die Behandlung Myladys und meiner Wenigkeit betrifft.« »Zwei GM-Benutzer?« Parney mühte sich ab, um desinformiert zu erscheinen. »Die betreffenden Männer befinden sich zur Zeit in einer abbruchreifen Fabrikhalle in den Docklands«, fügte Parker hinzu. »Sie sehnen sich wahrscheinlich nach menschlicher Ansprache. Auf Wunsch sollen Sie gern erfahren, wo diese Fabrikhalle sich befindet.« »Könnte nicht schaden, die Adresse zu bekommen«, gab Parney zurück und grinste. Dann schob er plötzlich zwei Finger in den Mund und stieß einen grellen Pfiff aus. Danach erhob er sich und langte nach dem Stuhl, auf dem er gesessen hatte. Es war klar ersichtlich, daß der menschliche Kleiderschrank aktiv werden wollte. Das plante Mylady aber auch. Und sie war bedeutend schneller als ihr Gegenüber. Sie holte mit dem perlenbestickten Pompadour weit aus, gab die langen Schnüre frei und hatte so plötzlich eine Art Morgenstern in ihren nicht gerade kleinen Händen. Und dann landete der sogenannte Glücksbringer auf der linken Brustseite Parneys. Die Rippen reagierten wie nach einem Huftritt, bogen sich ein wenig durch und sangen dann förmlich. Parney verfärbte sich, ließ den Stuhl los und schnappte nach Luft. Dann fiel er auf die Knie und kippte nach vorn. »Wagen Sie es ruhig noch mal, eine hilflose Frau angreifen zu wollen«, herrschte die ältere Dame den Gangster an. »Ich habe absolut nichts dagegen, Sie Lümmel.«
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Der Pfiff hatte zwei junge Mitarbeiter Parneys angelockt. Sie stürzten in den Raum, blickten betreten und verständnislos auf ihren Arbeitgeber und wußten nicht, wie sie sich verhalten sollten. »Macht… macht sie fertig«, keuchte Parney vom Boden her. »Sie sollten sich wirklich nicht unnötig genieren«, meinte Josuah Parker. »Ihnen ist ja schließlich bekannt, wie meine Wenigkeit sich in solchen Fällen verhält, nicht wahr?« Sie trauten sich einfach nicht, wichen zurück und verließen schleunigst den Raum. Inzwischen hatte Parney sich wieder hochgedrückt und wirkte ratlos. »Nun, junger Mann, noch einen weiteren Waffengang?« erkundigte sich die ältere Dame fast neckisch. Parney blickte auf den Pompadour und nickte. Ein wenig Tücke war in seinen Augen auszumachen. Er rechnete sich nun eine Chance aus. Lady Agatha ließ den Pompadour kreisen und Parney kam auf die ältere Dame zu. Dabei kümmerte er sich herzlich wenig um den Butler, der die Szene wachsam und einsätzbereit beobachtete. Parney griff nach dem wirbelnden Pompadour, erwischte einige Schnüre und riß den Handbeutel triumphierend an sich. Für ihn war damit der Fall erledigt. Erst mit einiger Verspätung ging ihm auf daß Lady Agatha die Schnüre einfach losgelassen hatte. Sie gab freiwillig ihren Pompadour preis und… trat mit dem rechten Fuß. Dieser Fuß wurde von einem großen Schuh ummantelt, der robust aussah. Mylady traf das linke Schienbein des Mannes und löste mit dieser Aktion einen ächzenden Schrei aus. Parney sackte in sich zusammen, beugte sich zu seinem Bein hinunter und litt. »Man darf mich eben nicht reizen«, sagte die ältere Dame und lächelte den Heulenden wohlwollend an. »Jetzt wollen wir endlich zur Sache kommen, junger Mann. Was, Mister Parker, wollte ich noch in Erfahrung bringen?« »Es geht um die Privatadresse Mister Peter Hallers, Mylady«, erinnerte der Butler diskret. »Besagter Mister Hallers leitete die Crew der sogenannten Tresorknacker, um sie mal so zu umschreiben.« »Richtig«, bestätigte Agatha Simpson munter. »Und dazu werde ich dieses Individuum mitnehmen.« »Myladys Vorsorge dürfte sich wieder mal voll auszahlen«, gab Josuah Parker zurück.
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* Er saß friedlich im Fond des hochbeinigen Monstrums und erinnerte, was den Gesichtsausdruck betraf, an einen satten RiesenSäugling. Parker hatte die schußsichere Trennscheibe in der Wagenmitte hochgefahren und Parney mit einer Dosis Lachgas außer Gefecht gesetzt. Man war auf dem Weg nach Bloomsbury, wo Hallers seine Privatwohnung haben sollte. »Bloomsbury… Wohnt da nicht einer meiner Gegner, Mister Parker?« fragte die ältere Dame. »Mister Miles Brackner ist dort zu Hause, Mylady«, informierte der Butler seine Herrin. »Mister Brackner ist der Betreiber des Sonnen-Studios in Soho.« »Ich weiß, ich weiß«, gab sie leicht gereizt zurück. »Ich vergesse niemals auch nur das geringste Detail, Mister Parker, das sollten Sie inzwischen wissen.« »Wie könnte man dies nur je aus dem Gedächtnis streichen, Mylady.« »War ich nicht schon mal in dieser Privatwohnung?« tippte sie ungeniert an, obwohl sie grundsätzlich nichts vergaß. »Mylady kassierten dort einen erheblichen Betrag für ein Waisenhaus«, erinnerte der Butler. »Mister Brackner zahlte allerdings ein wenig unwillig und schwor unter anderem blutige Rache.« »Dumme Rederei«, erwiderte sie leichthin. »Was diese Subjekte sich da immer zusammenphantasieren, ist einfach nicht zu glauben. Ich will den Lümmel also besuchen?« »Mehr einen gewissen Mister Peter Hallers«, korrigierte der Butler. »Er wohnt ebenfalls in Bloomsbury, übrigens nicht weit entfernt von Mister Brackner.« »Was mir natürlich zu denken gibt, Mister Parker«, lautete ihre Antwort. »Ich werde mir darauf einen Vers machen. Erinnern Sie mich daran.« »Mister Peter Hallers dürfte der Chef der Tresorknacker sein«, bot Parker als weiteren Hinweis an. »Aha.« Sie nickte. »Und was sagt mir das?« »Inzwischen dürfte erwiesen sein, Mylady, daß die Tresorknacker im Auftrag Mister Gatsburys die Safes und Tresore ausgespähter Personen öffnen und nach verwertbaren Unterlagen suchen. In den meisten dürfte man fündig geworden sein, wie das Beispiel
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Witters-Forsay, zeigte. Man entnahm, den Tresoren nichts, aber man hatte jetzt Zielpersonen und kannte ihre Schwachstellen. Diese Personen wurden und werden mit allen Techniken einer modernen Detektei observiert und belauscht. Daraus entwickelt man dann das Material, um Erpressungen großen Stils durchzuführen.« »Sehr raffiniert«, urteilte die ältere Dame. »Und sehr effektiv«, fügte Parker hinzu. »Die ausgespähten Personen konnten und können sich nicht erklären, wieso man sich ausgerechnet mit ihnen befaßte und befaßt. Sie alle stehen im öffentlichen Leben und gehen Berufen nach, die keine Zweifel an der Person aufkommen lassen. Willigere Opfer kann man sich nicht vorstellen.« »Wie gut doch, daß ich mich für die Erpresser sofort interessierte«, lobte sich die ältere Dame. »Und jetzt setze ich diesen…« »… Mister Peter Hallers, Mylady.« Parker half diskret aus. »… außer Gefecht«, redete sie weiter. »Sehr schön, Mister Parker. Ich weiß, daß ich auf einem sehr guten Weg bin.« Parker blickte kurz in den Rückspiegel und vergewisserte sich, daß der menschliche Kleiderschrank noch selig lächelte. Parney stellte momentan wirklich keine Belastung dar. Der Butler war aber gespannt, was dieser Besuch in der Wohnung von Peter Hallers bringen würde. Er rechnete mit eindeutigen Beweisstücken.
*
Parker passierte das Haus und machte sich mit der Örtlichkeit vertraut. Peter Hallers wohnte überraschenderweise in einer Parallelstraße hinter dem Gebäude, in dem Miles Brackner seine Privatwohnung hatte. Ein Zufall konnte das wohl kaum mehr sein. Parker bog in eine Seitenstraße ab und suchte nach einer Telefonzelle. Nachdem er sie gefunden hatte, setzte er sich mit Horace Pickett in Verbindung, der mit dem zweiten ObservierungsFahrzeug in der City auf ihn wartete. Der Butler brauchte nur wenige Minuten, um seinen freien Mitarbeiter zu informieren. Anschließend setzte er sich wieder ans Steuer und umrundete den großen Wohnblock. »Warum diese Zeitverschwendung, Mister Parker?« wollte Lady Agatha wissen.
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»Mister Pickett hat die Absicht, früher oder später einzugreifen«, gab der Butler zurück. »Die beiden Insassen des Einsatzfahrzeuges sind übrigens, wie zu hören war, auf dem Weg nach Manchester.« »Der gute Pickett«, sagte die ältere Dame. »Wirklich, Mister Parker, ich sollte ihn irgendwann wieder mal…« »… zum Tee einladen, Mylady«, führte der Butler den ihm sattsam bekannten Satz zu Ende. »Richtig«, bestätigte sie. »Und nun möchte ich mir dieses Subjekt von einem Tresorknacker aus der Nähe ansehen.« Parker stellte sein Gefährt in geringer Entfernung vom Haus ab, benutzte sein kleines Patentbesteck und hatte keine Mühe, die Tür zu öffnen. Er führte die ältere Dame über eine recht steile Treppe in das Obergeschoß und visitierte zunächst die vier kleinen Räume, die auch eine Küche enthielten. Im Erdgeschoß gab es eine Garage und befanden sich einige unbenutzte und verstaubt wirkende Nebenräume. »Und wonach suche ich jetzt, Mister Parker?« wollte sie wissen. »Hat dieses Subjekt hier etwa Geld versteckt?« »Man sollte dies auf keinen Fall ausschließen, Mylady«, gab Josuah Parker zurück. »Ein Mann wie Peter Hallers dürfte sicher über den Rahmen einer gewissen Beteiligung hinaus Wertsachen aller Art auf die Seite geschafft haben.« »Ich meine, die Tresorknacker hätten niemals etwas entwendet«, antwortete die ältere Dame. »Nicht, wenn sie im Auftrag der Detektei tätig wurden«, vermutete der Butler. »Darüber hinaus dürfte ein Fachmann wie Mister Hallers sich auch noch mit anderen Tresoren und Safes befaßt haben.« »Das hört sich gut an.« Agatha Simpson nahm in einem Sessel Platz. »Schauen Sie sich um, Mister Parker, aber servieren Sie mir erst mal einen Kreislaufbeschleuniger, ich bin ja schließlich kein Teenager mehr.« »Könnten Mylady sich mit einem Brandy anfreunden, der vom Etikett her einen guten Eindruck macht?« erkundigte sich der Butler. »Ich werde ihn testen«, entschied sie. »Und was hätten Sie mir sonst noch anzubieten?« »Sherry, Port und Whisky, Mylady.« Parker stand vor einer Art Hausbär.
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»Man wird sehen.« Sie nahm den Brandy entgegen und entließ den Butler, der noch mal durch die Räume ging, aber unentwegt an die Zimmer im Souterrain dachte. Seinem Gefühl nach hatte Hallers dort deponiert, was er sich privat verschafft hätte. Parker entschuldigte sich bei seiner Herrin, stieg über die steile Treppe nach unten und inspizierte die betreffenden Zimmer. Er blieb vor einem Wandschrank stehen, der in einer Nische untergebracht war. Auffallend war das große Spinnennetz, das einen fast völlig intakten Eindruck machte. Es fehlte allerdings die Spinne, die dieses Kunstwerk geschaffen hatte. Und genau das irritierte den Butler. War sie im Augenblick unterwegs? Warum hatte sie ihr Netz verlassen? Handelte es sich tatsächlich um ein echtes Netz? Parker schob seinen rechten Zeigefinger vor und zog einige Fäden aus dem Kunstwerk. Sie waren zäh wie Leim und ließen sich erstaunlich dehnen. Er zerrieb die Fäden und kam zu dem Schluß, daß es sich hier eindeutig um Chemie handelte. Dieses Netz war sicher nicht aus einer Laune angelegt worden. Es sollte etwas tarnen. Parker benutzte die Spitze seines UniversalRegenschirms, zerriß das kleine Kunstwerk und öffnete dann die Tür des Wandschranks. Es gab zwei Regale, alte Akten und Staubfäden. Parker wußte jedoch längst, daß – er auf der richtigen Spur war. Er löste die Quereinlagen und entdeckte dann – wie eigentlich bereits erwartet – hinter einer Sperrholz-Rückwand die Tür zu einem kleinen Tresor.
* »Sie sind verdammt geschickt, Parker«, sagte eine leise, amüsierte Stimme. »Irgendwie habe ich damit gerechnet, daß Sie aufkreuzen und auch den Tresor finden.« »Sie erlauben, daß, man sich langsam umwendet, Mister Hallers?« fragte der Butler. Er hatte den engen Mitarbeiter Gatsburys an der Stimme erkannt.
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»Erlaubt«, meinte Hallers und verlieh seiner Stimme dann einen fast besorgten Unterton. »Aber machen Sie bitte keinen Ärger, Parker, sonst müßte ich Sie vorzeitig umpusten.« Der Butler wandte sich also sehr sorgfältig zum Wohnungsinhaber um. Der so überaus geschmeidig wirkende junge Mann hielt eine schallgedämpfte Automatic in der rechten Hand und machte einen recht überlegenen Eindruck. »Sie haben sich bereits bedient?« fragte er. »Eine erstaunliche Menge Bargeld und Schmuck«, gab Parker zurück. »Sie legen Ihre erbeuteten Schätze in Schmuck an?« »Leicht zu transportieren«, meinte Hallers lächelnd. »Gut, beim späteren Verkauf gibt es natürlich Verluste, aber dieses Verfahren ist absolut sicher.« »Sie öffnen auch Tresore außerhalb Ihrer Dienstzeiten?« »So kann man wirklich sagen!«, pflichtete Hallers dem Butler bei und lachte erneut auf. »Wozu hat man schließlich seine speziellen Fähigkeiten?« »Davon dürfte aber Mister Gatsbury nichts wissen, wie anzunehmen ist.« »Er weiß eine Menge nicht, Parker. Neben seinem Geschäft laufen meine privaten Anzapfungen. Glauben Sie denn ernstlich, ich würde ihm alles auf den Tisch legen, was ich aus den Safes und Tresoren raushole?« »Sie sind demnach das, was man gemeinhin clever zu nennen pflegt.« »Jeder muß sehen, wo er bleibt. Gatsbury kann ohne mich und Brackner nichts machen. Soweit haben wir ihn inzwischen.« »Sie beide werden eines Tages die Detektei übernehmen, wie zu vermuten ist, Mister Hallers.« »Ich werde sie übernehmen, aber nach außen hin nach wie vor nicht in Erscheinung treten«, stellte Hallers richtig. »Ohne meine Crew kommt Gatsbury niemals an neue Kunden.« »Und wozu brauchen Sie Mister Brackner, wenn man fragen darf?« »Er hat die Schläger an der Hand, die für klare Verhältnisse Sorgen, falls es Ärger mit Kunden gibt«, lautete die Antwort des Tresor-Spezialisten. »Aber Brackner ist auf Dauer natürlich ebenfalls austauschbar.« »Mister Gatsbury verfügt über einen Leibwächter, der, wie es heißt, scharf wie ein Rasiermesser ist.«
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»Jeff? Kein Problem. Der ist umpolbar«, wußte Hallers und lachte leise auf. »Tja, Parker, das dürfte wohl die letzte Unterhaltung sein, die Sie führen.« »Sie wissen, daß Lady Simpson sich in den oberen Räumen befindet?« »Die werden wir jetzt besuchen. Und dann wird es ein wildes Feuer geben. Ich habe nichts dagegen, wenn die Bude hier abbrennt. Von Zeit zu Zeit soll man seine Spuren verwischen.« »Sie dürften doch längst der wahre Betreiber der Erpressungen sein«, tippte Josuah Parker an. »Mister Gatsbury muß wohl nach Ihrer sprichwörtlichen Pfeife tanzen.« »Sagen Sie das nicht zu laut. Er kommt nämlich gleich. Brackner und er sind von mir eingeladen worden.« »Muß man davon ausgehen, daß Sie eine günstige Gelegenheit wittern, um lästige Konkurrenten aus dem Weg zu räumen?« »Habe ich denn welche?« staunte Hallers bewußt übertrieben. »Die Herren Gatsbury und Brackner«, sagte der Butler ihm auf den Kopf zu. »Sie glauben, ich würde sie jetzt zusammen mit der Lady und Ihnen aus dem Weg räumen?« »Ein Feuer wäre Ihnen in der Tat sehr willkommen, Mister Hallers.« »Sie haben eine gute Nase für Realitäten.« Hallers lachte erneut leise auf. »Wahrscheinlich ziehe ich wirklich einen Schlußstrich. Erst einmal… Ich glaube, daß die Polizei aufmerksam geworden ist. War da nicht ein Chief-Superintendent bei Ihnen im Haus?« »Mister McWarden«, bestätigte Josuah Parker. »Er ist in der Tat sehr mißtrauisch geworden. Es gab da Gerüchte, die an sein Ohr drangen. Daraufhin ermittelt er nun.« »Sehen Sie, Parker, ein schönes Feuer beseitigt alle Spuren«, wiederholte der Tresorknacker noch mal. »Sie haben doch diese Plastikfesseln bei sich, nicht wahr? Wie wäre es denn, wenn Sie sich damit selbst fesseln würden?« »Sie bestimmen einzig und allein das weitere Vorgehen«, räumte der Butler ein. »Sie sind im Besitz der Mittel.« Während er noch sprach, wies er auf die schallgedämpfte Automatic in der Hand des Gangsters, der ihn nun aufforderte, ins Obergeschoß zu gehen. Als Parker den Raum betrat, in dem er Lady Simpson zurückgelassen hatte, entdeckte er Miles Brackner und Randy Gatsbury.
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Sie hielten die ältere Dame mit je einem schallgedämpften Revolver in Schach. Viel gefährlicher aber war für den Butler ein schlanker, mittelgroßer Mann von vielleicht fünfundzwanzig Jahren. Er hielt ein Messer in der Hand und zerschnitt mit Hingabe eine Zeitungsseite. Er demonstrierte damit die Schärfe seines Messers.
* »Ihr Leibwächter?« fragte der Butler. »Meine Wenigkeit würde nur zu gern und zur Begrüßung die Kopfbedeckung lüften, doch diese Geste könnte wohl leicht mißverstanden werden.« »Mach’s doch mal«, ließ der Messerbenutzer sich mit weicher, heiserer Stimme vernehmen. »Versuch’s doch mal, Mann.« »Ganz schön ruhig bleiben, Jeff«, sagte Gatsbury zu seinem Leibwächter. »Du wirst noch loslegen können…« »Sie scheinen Mylady und meiner Wenigkeit gram zu sein«, vermutete der Butler. »Sie hätten uns um ein Haar die ganze Tour vermasselt«, beschwerte sich Gatsbury noch nachträglich. »Und Sie haben zwei Einsatzfahrzeuge verschwinden lassen. Von den jeweiligen Besatzungen mal ganz zu schweigen. Ich erwarte jetzt Hinweise von Ihnen, Parker.« »Sie möchten Ihre Erpressungen weiter fortführen?« fragte der Butler. »Worauf Sie sich verlassen können, Parker«, antwortete Gatsbury. »Wir haben genügend Tresore und Safes geöffnet, wir haben Material für die nächsten Jahre.« Während er noch redete, richtete er die Waffe plötzlich auf Hallers und lächelte dünn. »Wir werden uns also trennen, Hallers! Sie sind mir zu stark geworden! Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Sie mich erledigen. Ich denke, ich sollte da schneller sein als Sie.« Der Leibwächter explodierte ohne jede Vorankündigung und warf sein Messer auf Gatsbury, der gleichzeitig schoß. Das Messer zischte dicht an dem Betreiber der Detektei vorüber und landete im Oberarm von Miles Brackner, der wütend und überrascht aufschrie und dann seinerseits abdrückte. Daraufhin zeigte sich der Leibwächter beeindruckt.
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Er faßte sich an die Hüfte und kniete anschließend nieder. Hallers hatte seine Waffe auf Gatsbury gerichtet, doch er kam nicht mehr zum gezielten Schuß. Lady Agatha hatte ihm ein Kissen an den Kopf geworfen und ihn aus dem Konzept gebracht. Es entstand einiger Wirbel. Josuah Parker mußte mit dem bleigefüllten Bambusgriff seines Universal-Regenschirms eingreifen, um die allgemeine Ordnung wiederherzustellen. Daraufhin blickten die Gangster sich wütend um. Brackner hielt seine Hand auf jene Stelle, die das Wurfmesser getroffen hatte. Der Leibwächter greinte und preßte ein Kissen gegen seine Hüftwunde. Gatsbury massierte seinen Hinterköpf, wo Parkers Schirmgriff nachhaltige Wirkung erzielt hatte. Lady Agatha stärkte inzwischen ihren angegriffenen Kreislauf mit einem Brandy und musterte dann die vier Männer, die alle einen betroffenen Eindruck machten. Hallers beschäftigte sich mit einem Streifschuß am rechten Oberschenkel. Diese Wirkung hatte Gatsbury erzielt. »Wir… wir werden alles abstreiten«, sagte der Betreiber der Detektei schließlich und blickte seine Mitgangster eindringlich an. »Wir werden uns später noch mal eingehend unterhalten, aber jetzt geht’s erst mal darum, die Polizei außen vor zu lassen.« »Eine Absicht, die durchaus verständlich ist«, gab der Butler höflich zurück. »Im Grund können Sie uns gär nichts nachweisen«, meinte Gatsbury intensiv und beschwörend zugleich. »Sie und Ihre Lady sind hier eingebrochen und von uns überrascht worden. Im anschließenden Handgemenge kam es dann zu den Schüssen und so…« »Das nimmt Ihnen doch kein Mensch ab, junger Mann«, ließ die ältere Dame sich spöttisch vernehmen. »Aber das Gegenteil ist auch nicht zu beweisen«, behauptete Gatsbury. Er gewann Oberwasser und straffte sich. »Natürlich werden Zweifel zurückbleiben, aber festsetzen wird man uns nicht können.« »Sie dürften Ihre beiden verschwundenen Einsatzwagen vergessen haben, Mister Gatsbury«, schaltete der Butler sich jetzt höflich ein. »Einen dieser Wagen haben Mylady und meine Wenigkeit hierher beordert. Er stand draußen vor dem Haus und hat mit Sicherheit Audio- und Video-Aufzeichnungen vorgenommen.«
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»Sie… Sie bluffen doch nur«, rief Hallers wütend. »Sie wurden bereits zusammen mit meiner Wenigkeit unten im Souterrain observiert«, gab der Butler zurück. »Aus diesen Aufzeichnungen geht immerhin hervor, daß Sie ihre Partner Gatsbury und Brackner umzubringen gedachten. Auf Wunsch wird man Ihnen die bewußten Beweise gern vorspielen.« Sie gifteten sich danach wechselseitig an und hatten sich viel zu sagen. Mylady faßte sich in Geduld, stärkte weiter ihren Kreislauf und ging dann hinüber an ein Fenster. Der Observierungswagen war nicht zu übersehen. Die Richtantenne mit den beiden Hörnern redete eine deutliche Sprache und machte klar, daß Parker keineswegs geblufft hatte. Nicht umsonst hatte er Horace Pickett nach Bloomsbury gerufen. »Ich denke, Mister Parker, ich habe wieder mal einen interessanten Fall gelöst«, lobte sie sich. »Tresorknackern und Erpressern ist das Handwerk gelegt.« »Mylady waren geradezu souverän«, fand der Butler. »Ich weiß«, entgegnete sie und lächelte wohlwollend. »Sie haben hoffentlich etwas dazugelernt, Mister Parker.« »Ein wenig«, sagte der Butler und deutete eine Verbeugung an. »Es wird aber immer beim Bemühen bleiben. Myladys Fähigkeiten dürften niemals zu kopieren sein.« »Das haben Sie sehr hübsch gesagt«, erwiderte die ältere Dame, »und dabei handelt es sich nur um die reine Wahrheit. Weiter so, Mister Parker!« Des Butlers Miene blieb glatt und ausdruckslos. Wenn Mylady ex cathedra sprach, war dies für ihn der gegebene Anlaß, keine Regung zu zeigen.
-ENDENächste Woche erscheint BUTLER PARKER Band 508, Edmund Diedrichs
PARKER greift den Museumsschreck Zufall kann es nicht sein, findet Josuah Parker: Ein junger Mann springt ihm vor den Wagen, so daß er heftig bremsen muß. Wenig später stürzen Angestellte eines Museums auf die Straße. Sie suchen den Flüchtenden, der einen Matisse zerschnitten hat Fälle
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von Kunstvandalismus häufen sich, und jetzt kommt noch Erpressung hinzu. Parker hat sich die betreffende Autonummer gemerkt und nimmt die Verfolgung auf. Eine obskure Kunsthandlung ist das Ziel. Der Butler zieht die richtigen Schlüsse und entlarvt einen Fälscherring, der für respektable Summen die Originale aus Museen entwendet und diese durch Kopien ersetzt. Doch wer ist der Hintermann? Ihn an den Pranger zu stellen, läßt auch die Kunstfreundin Agatha Simpson keine Gelegenheit aus. Eine neue PARKER-Story mit Spannung und Humor von Edmund Diedrichs!
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