MIRANDA MILLER
SMILES UND DAS NEUE JAHRTAUSEND Roman
Aus dem Englischen übersetzt von ALFONS WINKELMANN
Deutsche Ers...
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MIRANDA MILLER
SMILES UND DAS NEUE JAHRTAUSEND Roman
Aus dem Englischen übersetzt von ALFONS WINKELMANN
Deutsche Erstausgabe
WILHELM HEYNE VERLAG MÜNCHEN
HEYNE SCIENCE FICTION & FANTASY Band 06/4956 Titel der englischen Originalausgabe SMILES AND THE MILLENNIUM Deutsche Übersetzung von Alfons Winkelmann Das Umschlagbild malte Gerrit Ahnen & Jan Solterbeck, Design Team, Hamburg
Redaktion: Wolf gang Jeschke Copyright © 1987 by Miranda Miller Erstveröffentlichung by Virago Press, London Copyright © 1992 der deutschen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München Printed in Germany 1992 Umschlaggestaltung: Atelier Ingrid Schütz, München Technische Betreuung: Manfred Spinola Satz: Rudolf Schaber, Satz- und Datentechnik, Wels Druck und Bindung: Elsnerdruck, Berlin ISBN 3-453-06197-7
Der Sozialismus hat ausgespielt. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander. Die Begüterten haben sich in ihre Festungen zurückgezogen, gesichert durch Elektronik und bis an die Zähne bewaffnete Söldner. Der Rest ist ein Slum, in dem Hygiene ein unbekannter Luxus und die Cholera endemisch ist. Trotzdem gibt es junge Menschen wie Simon und Christy, die es vorziehen, im Elend, aber in Freiheit dahinzuvegetieren als abgeschieden von der Welt im Luxus begraben zu sein.
FÜR TIM UND JUDITH HYMAN
KAPITEL 1 Ich verblute, dachte Simon. Maden des Elends haben sich in meinen Eingeweiden eingenistet, und sie errichten Reiche in mir. Bald werden sie schleimig aus meinen Poren kriechen, und die Kinder werden von ihrer Ekelhaftigkeit entzückt sein. Die winzigen Toiletten mit den defekten Schlössern waren die einzig mögliche Zufluchtsstätte vor der Einsamkeit, mit der Simon erwacht war, und ihm war bewußt, wie rasch er verkommen würde, wenn er nicht jeden Tag nach Smiles käme. Er wollte, daß sein Leben etwas Nützliches und Energisches widerspiegelte: Ein Mann auf dem Rad, der den Fluß im Morgengrauen des frühen Tags überquerte. Simon dachte an das Holz, das er mitgenommen hatte; er hatte es von einem der Gerüste an den Häusern in seiner Nachbarschaft auf der anderen Seite des Flusses mitgehen lassen, wo noch immer Restaurierungsarbeiten durchgeführt wurden. Der Raum unten wurde von dem altmodischen schwarzen Eisenofen beherrscht. Christy und er hatten ihn dorthin gezerrt, weil sie befürchtet hatten, er könne durch den Fußboden der oberen Räume brechen. Sein verrostetes Wirrwarr aus Türchen, Hebeln, Knöpfen und Kochplatten war ein Altar, wo man jene Zeiten anbetete, da die Leute wußten, was es hieß, arm zu sein. War der Bauch gefüllt mit Holz und Lumpen, sorgte der Ofen den ganzen Tag über für Wärme; er erhitzte die Milch für die Kinder, kochte ihnen das Essen und wurde für sie Ungeheuer, ein Schloß oder ein Vulkan. Simon fand ihn schön und behandelte ihn mit Respekt; jeden Nachmittag fegte er ihn aus und legte nach, und alle paar Monate schwärzte er ihn wieder ein. Er hatte das Gefühl, der Ofen sei das wirkliche Gebäude; stark und würdig inmitten der fadenscheinigen,
leckenden Hülle der anderen. Der Ofen ließ zerfetzte Bücher und zerbrochenes Spielzeug erbarmungswürdiger erscheinen. Selbst als die orangefarbenen Zungen auf der anderen Seite des durchsichtigen Türchens flackerten, fühlte sich Simon alles andere als behaglich. Er wünschte sich, Christy möge kommen, am liebsten in ihrer herrschsüchtigsten Laune, und herumpoltern. Wenn er dort kniete und elend aussähe, nähme sie ihn vielleicht in die Arme. Wenn ihn nicht bald jemand küßte, dachte er, würde er sich in seine Bestandteile auflösen. Aber natürlich nahm sie niemals jemanden in den Arm, der älter als elf Jahre war, und die Vorstellung fiel schwer, sie habe viel körperlichen Kontakt mit ihrem Freund. Simon dachte, daß ihr, wie den meisten heroisch veranlagten Menschen, die Fähigkeit zum Privatleben fehlte. Im Kampf gegen Schmutz, Chaos, Kälte, Hunger, Kindertränen und die Apathie der Erwachsenen war Christy von einer Mauer aus Betriebsamkeit geschützt. Doch sah sie stets so aus, als könne sie die Mauer zu seinem unwürdigen kleinen Garten mit Unkräutern und Würmern überspringen. Ihre Turnschuhe schlappten den Betonfußboden des Korridors herab, und er hörte, wie sich ihr Schlüssel im einzigen nicht defekten Schloß des Gebäudes drehte. Mit der heiseren Stimme, in der eine Spur Enttäuschung mitschwang, sagte sie: »Simon? Oh, schön. Sie haben die Vorräte unten an der Straße angeliefert; wir gehen besser los und holen sie, ehe sie geklaut werden.« »Hast du einen Platz gefunden, wo die neuen Kinder letzte Nacht haben schlafen können?« »Was? O ja, sie sind in der Garage unter Edith Cavell.« »Ist’s da sicher?« »Ist’s irgendwo sicher? Einer der Rahmen des Schiebefensters beult nach außen. Ist mir gestern aufgefallen.«
»Ich werde nachher raufgehen und es mir ansehen.« Der Schlamm reichte ihm knöchelhoch an den Gummistiefeln herauf und erinnerte ihn erneut an die Maden. Christys Füße mußten immerzu feucht sein. Ich frage mich, warum sie sich nicht ein Paar geeigneter Stiefel besorgte. Ich schätze, ihre Freiwilligen-Marken reichen noch nicht mal zum Kleiderkaufen. Ich könnte allein mit ihnen nicht zurechtkommen, wenn ich nicht die Wohnung hätte und Bernard, der für mich die Rechnungen bezahlt. Er setzt mich wohl einfach von der Steuer ab. Christy marschierte voran, fast militärisch in ihrer Selbstdisziplin. Simon fiel auf, wie dünn sie unter ihrem Pullover war und wie fleckig und müde sie aussah. Er nahm an, daß sie in einem dieser Wohnwagen lebte, die allmählich jeder für sich im Schlamm versackten. Sie war zu lange hier gewesen, um noch immer in einem Zelt zu leben, und die korrodierten Wellblech-Baracken waren nur für Familien. Überall standen Eimer und Schüsseln herum, um den Regen aufzufangen, der in jenem Frühjahr seit Wochen fiel. Rings um das Waschhaus, wo die Eltern manchmal versuchten, Schulstunden für die älteren Kinder zu organisieren, tanzte auf Leine neben Leine traurig die zerlumpte Wäsche. Ein paar Leute liefen herum, insbesondere jene, die es eilig hatten und die Menschenmengen während der Rush-Hour abfangen wollten. Die sechsjährige Sarah, die jedoch nur selten Zeit hatte, zur Spielgruppe zu kommen, schob ihren beinlosen Großvater in einem selbstgefertigten Rollstuhl über den Schutt. Sie waren auf dem Weg nach Sloane Square, wo sie zur Musik seines Akkordeons tanzte, bis die Polizei sie vertrieb. Mick, der Clown, und Donald, der Schwertschlucker, waren in ihrem verdreckten Putz auf dem Weg zu ihrem üblichen Stand in Covent Garden. Ein halbes Dutzend Lumpensammler schoben lautstark ihre Schubkarren in Richtung Wandsworth Bridge.
Sie suchten Pappkartons, die sie am Abend an Neuankömmlinge auf den Straßen verkaufen würden. Ted traf mit seinem Lastwagen ein und errichtete auf dessen hinterem Teil den einzigen Laden von Smiles. Bargeld war illegal, aber die Regierung drückte bei kleineren Geschäften ein Auge zu. Da Ted Bargeld und Tauschwaren akzeptierte, waren die meisten Menschen von Smiles gezwungen, seine verschrumpelten Äpfel, zermatschten Tomaten und vor Trieben nur so strotzenden Kartoffeln zu akzeptieren. Seine zerbeulten Konservendosen hatten das Haltbarkeitsdatum längst überschritten, und er führte eine unappetitliche Auswahl von Unterwäsche und T-Shirts, die aus Hochwasserschäden stammten oder von sogar noch zweifelhafteren Lastwagen herabgefallen waren. Ted wußte, daß ihn die Menschen von Smiles haßten, und er weigerte sich, aus einer Mischung von Verachtung und Selbstschutz heraus, dort zu leben. Er schlief in dem Laster auf einem Haufen schmuddeliger Bettwäsche neben einem Ofen, auf dem er sich Fritten, Tee und Kaffee zubereitete, in einer düsteren Schneise tief in dem Wald aus Kartons und Kisten. Er war ein kleiner, bleicher, wieselhafter Mann mit sandfarbenem Haar und Wimpern, ziemlich jung, jedoch rasch alternd aufgrund schlafloser Nächte, während derer er in seinem mit einem Vorhängeschloß gesicherten Lastwagen lag. Sein Ehrgeiz bestand darin, genügend Geld zu sparen, daß er sich Eigentum und Anspruch auf eine Britcard kaufen konnte, und sei es auch nur eine grüne, so daß er nicht mehr länger Opfer der Schwarzgeld-Wirtschaft sein mußte, die er für sich ausnutzte. Er hatte den Versuch unternommen, sich bei der True Brit Information Agency auf der anderen Seite der Wandsworth Bridge einzuschmeicheln, indem er große Menge Neuropepsi in Kommission nahm und sie für ein paar Pence billiger als andere Getränke verkaufte. Die meisten Kinder trafen in Christys Spielgruppe mit leeren Bäuchen ein – oder
träge und rülpsend nach einer Dose Neuropepsi. Viele der Mütter glaubten, es helfe den Kindern beim Einschlafen, und es helfe am folgenden Morgen, sie ruhigzustellen. Die meisten Menschen klammerten sich verzweifelt an die kurzfristige nicht-kalte und nicht-feuchte Dunkelheit innerhalb der Zelte und Baracken. Simon hielt vor einem der Zelte inne und versuchte sich vorzustellen, wie es wäre, sich eine jede Nacht dort mit nur einer Plane aus Kunststoff zwischen sich und dem gefrorenen Schlamm einzurollen. Er würde das Unbehagen niemals verstehen, ehe er’s nicht erfahren hatte, und er würde es niemals erfahren, ehe es nicht sein mußte. Und wer wollte das schon? Die Leute, die in Smiles lebten, waren keine Märtyrer; sie hielten ihn für wahnsinnig, wenn er seine Zentralheizung und sein Federbett aufgäbe, um zu ihnen zu stoßen. Dennoch war ihm bewußt, daß ein jeder der Tage, die er hier verbrachte, unter anderem eine Sühne für Tausende von warmen, trockenen, satten Nächten war. In gewisser Hinsicht war Simon froh darum, daß sie ihm seine Britcard abgenommen hatten, nachdem er seinen Beruf aufgegeben und sich geweigert hatte, sich nach einem anderen Beruf umzusehen; dadurch fühlte er sich weniger abgeschnitten von den Menschen in Smiles. Christy stand an der Stelle, wo der Schlamm zur Hauptstraße hinabrutschte. Dort hatte der UN-Laster Mehl, Reis, Eipulver, Milchpulver und Orangensaft abgeladen. Auf der anderen Seite des Kreisverkehrs saßen ein Dutzend Gestalten zusammengekauert in einer Höhle aus Zeitungen, Pappkartons und Plastiktüten. »Halt dich nicht damit auf, die Einheimischen zu beobachten. Diese Schweine auf der Verkehrsinsel haben schon wieder eine Kiste Orangensaft stibitzt – ich hab dem Fahrer gesagt, er soll nicht so früh anliefern.«
»Wenn sie sie genommen haben, werden sie ihn brauchen, nehme ich an.« »Wir alle brauchen ihn, verdammt noch mal. Guck mal, jetzt trinken sie ihn. Schlabberiger Orangensaft statt NeuropepsiDosen…« »Das kannst du von hier aus doch überhaupt nicht erkennen.« »Ich habe Adleraugen. Im Hinterkopf und tief in der Magengrube kann ich was zu essen auf eine Meile Entfernung erkennen, insbesondere vorm Frühstück. Da!« Christy lachte, als eine leere Flasche einen vorüberfahrenden Lastwagen traf. Simon beobachtete sie bei einem ihrer seltenen Augenblicke des Triumphs, wie ihre Augen grün aufleuchteten aus Freude darüber, recht gehabt zu haben, und aus Feindseligkeit den Inselleuten gegenüber. In Unmengen genossen verwandelte das Allheilmittel der Regierung die Menschen in hirnlose, hingebungsvolle Idioten, willkürlichen Gewaltausbrüchen unterworfen (obgleich die True Brit Medical Research Institution das ableugnete und darauf beharrte, es sei möglich zu beweisen, daß, statistisch gesehen, mehr Glück nur desto besser sei). In ihren passiven Phasen saßen die Zonkies tagelang in ihren Hütten aus Abfall. Sie waren Opfer der eher aggressiveren Junkies, Alkoholiker und der verbitterten ehemaligen geisteskranken Patienten, die noch immer darauf warteten, daß sich die Gesellschaft um sie kümmerte. Während ihrer seltenen Ausbrüche von brutaler Euphorie prügelten sich die Zonkies oder plünderten Geschäfte. Vor einigen Wochen war eine Horde von dreißig Zonkies über Smiles hergefallen; sie hatten mehrere Zelte zerstört und zehn kostbare Dosen UN-Fertigsuppen gestohlen. Arme Christy, dachte Simon, sie will sich nicht gestatten, die Menschen von Smiles nicht zu mögen, und sie machte aus ihren Gefühlen Politikern gegenüber keinen Hehl, weil sie so weit entfernt waren. Es amüsierte Simon, daß Christy die
Inselleute aus den gleichen Gründen verachtete, aus denen heraus die schlimmsten Freiwilligen – jene, die nach ein paar Stunden verschwanden – Smiles verachteten: Dort gebe es nur Faulenzer, Zonkies, Diebe. Christy wandte sich wieder der schwierigen Arbeit zu, die Kisten und Säcke über den Schlamm zur Spielgruppe zu zerren, ehe die Kinder eintrafen. Simon half ihr dabei, und obgleich er an diesem Morgen unbestimmter denn je erschien, arbeiteten sie doch gemeinsam in schweigender Harmonie. Er wirkte so höflich und unkörperlich, aber auch so zuverlässig. Er hatte keinen Sinn für Formlosigkeit; als ihn im Januar die Grippe erwischt hatte und er eine Woche lang nicht erschienen war, hatte er eine Frau mit einer Nachricht hergeschickt. Mit einer Entschuldigung, weil er sich nach zwei Jahren wie ein ganz normaler Freiwilliger verhalten hatte. Die Frau stammte aus seiner wirklichen Welt und hatte die Augen hinter den dunklen Gläsern vor Überraschung weit geöffnet, während die kleinen grünen Lederpumps sich voll Schlamm sogen. Spaßig der Gedanke, daß er mit diesem aufwachen konnte und es vorzog, zu jenem zu kommen. In gewisser Hinsicht wollte Christy ihn dazu bringen, nicht mehr zu kommen, denn das hätte aus ihm das gemacht, was Sean stets von ihm behauptet hatte: einen Mittelklasse-Tugendbold, der auf eine gute Stelle wartete. Ohne feste Stellung brachte Simon einen aus der Fassung. Aber er war unentbehrlich, dachte Christy, während sie ihn dabei beobachtete, wie er das Frühstück für die Kinder zubereitete, aus dem Brot von gestern, in klumpiger Milch zermanscht. Sobald die Kinder einmal eingetroffen waren, sprachen sie und Simon kaum noch miteinander. Sie hatten so lange zusammengearbeitet, daß die täglichen Arbeiten peinlich genau zwischen ihnen aufgeteilt waren, und die Kinder nahmen das, was sie für sich brauchten, und teilten sie beide
auf wie Süßigkeiten. Dimelza kam halb schlafend herein, stolperte hinüber zu Simon, schlang die Arme um ihn und fiel erneut in Schlaf. Er fuhr damit fort, das altbackene Brot in leere Joghurtbecher zu bröseln, wobei er nur die Unterarme bewegte, um sie nicht zu stören. Manische Personen aller Art wurden von seiner Ruhe angezogen, die sie, wie er hoffte, fälschlicherweise als Stärke interpretierten. Die irischen Zwillinge trafen ein und versuchten, Christy einen Füller zu verkaufen, den sie in der Woche zuvor verloren hatte. »Woher habt ihr den?« »In ‘nem Geschäft gekauft.« »So ein Quatsch! Ihr habt ihn mir aus der Handtasche geklemmt, stimmt’s?« »Leck uns doch am Arsch.« »Ich würde eure Ärsche nicht mal mit der Kneifzange anfassen, ihr stinkenden kleinen Ratten. Gebt ihn zurück!« Sie ließen sich von ihr jagen, warfen ihn einander zu und fielen schließlich in einem Haufen aus Gekicher und Umarmungen übereinander. Den ganzen lieben langen Tag über peitschten sich die Zwillinge gegenseitig hoch, bis ihre Vitalität am späten Nachmittag Fieberhitze erreichte und man sie niederbrüllen mußte. Christy bewunderte sie, weil sie nicht unterzukriegen waren. Die weißen Kinder waren viel zu weiß, und die schwarzen litten unter Erkrankungen der Haut, aufgrund fehlenden Sonnenscheins und fehlender Vitamine. Sie verbrachten die erste Stunde damit, alle zu füttern, aufzuwärmen und bis hin zu jenem Punkt aufzupäppeln, da sie sich zu spielen getrauten. Organisierte Aktivitäten waren nahezu unmöglich, weil die Altersspanne von sechs Monaten bis hin zu elf Jahren reichte. Ursprünglich, als die Menschen noch in ihren Wohnungen lebten, war die Spielgruppe für Kinder zwischen zwei und fünf
Jahren eingerichtet worden. Als dann die Gebäude unbewohnbar geworden waren und die Menschen in Baracken und Zelte umzogen, verweigerten die Schulen den Kindern von Smiles oftmals freie Plätze, weil sie zerstörungswütig und unpassend gekleidet waren. Jene, die nicht zur Spielgruppe kamen, arbeiteten wie Sarah oder spielten bei Ebbe unten am Fluß. Ein paar einsichtige Eltern hatten versucht, im Waschhaus Schulklassen zu organisieren. Christy war außerstande, das Interesse an Kindern zu verlieren, die sie schon als Baby gekannt hatte, nur weil sie jetzt fünf Jahre alt waren, und sie ließ die Kinder kommen, so lange sie es wollten. Die meisten von ihnen verließen die Gruppe abrupt in der Zeit der Pubertät, die die Kinder von Smiles grausam traf; jäh blickten sie über ihre Kindheit hinaus auf die übrige Stadt, die sie ausschloß. Sobald ihnen aufging, daß sie niemals den Werten entsprechen würden, die in ihrer Umgebung galten, haßten sie alle Werte mit einer schrecklichen und klaren Intensität. Dann gingen sie fort und lebten in den TeenieCamps – in Smiles gab es kaum irgendwelche Heranwachsenden, lediglich Kinder und rasch alternde Erwachsene. An diesem Tag kam wegen des Regens mehr als sonst zusammen. Sie konnten nicht im Hinterhof spielen, also schwärmten sie über die beiden Räume aus, die Simon am frühen Morgen so höhlenartig vorgekommen waren. Er dachte, an Christys Räumlichkeiten sei etwas Nautisches – draußen all das Wasser, und drinnen all die hin- und hergestoßenen Kinder, umgeben vom Mief aus Körperwärme, Lärm, Gerüchen und schrillem Kreischen. Nur daß Simon kein Kapitän war, sondern eher ein Mast, der insektenhaften Menschen passiv gestattete, an ihm hinauf- und hinabzurutschen, ihn mit Dingen zu behängen, ihn umzustoßen und sich draufzusetzen. Er brachte es fertig, das Tun der
Zwillinge zu unterbinden, die die beiden kleinsten Babies kopfüber hielten. Dimelza war erwacht und verlangte nach Geschichten, die er herausbellte, während ihm ein kleines Mädchen Handschellen anlegte und ein Zweijähriger ihm an den Haaren zog. ›Die Schöne und das Tier‹, oder ›Die Schöne und das Ungeheuer‹, wie sie sie nannte, war Dimelzas Lieblingsgeschichte. Er hatte ihr gesagt, die Schöne sei schwarz, aber sie sah, daß das Buch sie als rosiges und goldhaariges Mädchen vom Rhein abbildete. »Siehsse! Ich hab dia’s gesagt, nich waah, Prinzessinnen sin niemals schwaaz.« »Warum glaubst du dem Buch, anstatt mir?« »Du weiß nix. Du erfinds das einfach, damit wia ruhich sin.« »Na ja, das gelingt mir aber nicht sehr gut, hm? Ich hab noch nie im Leben soviel Lärm gehört.« »In Afrika gibt’s schwarze Prinzessinnen«, sagte Lily. Sie war sechs Jahre alt, groß, und hatte Zöpfe, die wie kurze Stricke abstanden, und traurige Augen, die zum Bersten erfüllt waren von Visionen eines phantastischen Afrika. Sie lebte mit einer Tante in einem Zelt und wartete darauf, daß ihre Mutter nach ihr schickte. Lily war zu groß und zu traurig zum Spielen, aber sie liebte Geschichten und Dimelzas heftige, wahnsinnige Behendigkeit und Anmut. Jemand hatte ein Radio mitgebracht, das krächzend im Hintergrund plärrte. Dimelza begann zu tanzen und wirbelte herum und warf dabei Arme und Beine umher, als wolle sie aus ihrem Körper heraus. Lily stand stumm ihr gegenüber und schüttelte steif die Arme. Noch für Stunden wäre sie glücklich, denn sie hatte mit Dimelza getanzt. Simon spürte, daß er mehr mit Lily gemein hatte; tatsächlich wurde er, während er ihr zusah, unangenehm an seine sklavische Abhängigkeit von Jessica erinnert, als sie sehr jung war. Einige von uns werden einfach voller Hemmungen
geboren, dachte er und fuhr daraufhin herum, als sich ein einzelner Schrei über alle anderen erhob. Hamid, der nur mit Krücken gehen konnte, war die Treppe herabgefallen. Es sah so aus, als sei er vielleicht von Martha gestoßen worden, eines der älteren Mädchen, die oben auf dem Treppenabsatz saß und herabfunkelte. Andererseits jedoch sah sie stets verschlagen und mißmutig drein, also hätte sie möglicherweise doch nicht… Simon nahm den schluchzenden Jungen in die Arme, außerstande, sich einer Konfrontation zu stellen. Christy war der Ansicht, er gehe viel zu nachgiebig mit ihnen um. Sie führte oben ein straffer geordnetes Regiment, was vielleicht der Grund dafür war, daß die Kinder zu ihm hinab in das Pandämonium strömten. Mit einem Team von Helfern, die sie nach der Sauberkeit der Hände ausgewählt hatte, knetete sie gerade den Teig für das mittägliche Brot. Weder sie noch Simon waren besonders gut im Brotbacken (in ihrem lagen stets Salzklumpen, und seines ging niemals richtig auf), aber sie fuhren unbeirrt damit fort. »Ich hab’s gesehen«, sagte sie zu Martha. »Was?« »Er hätte sich das Rückgrat brechen können bei diesem Sturz!« »Er hat sich doch sowieso schon alles gebrochen.« Christy mußte die Hand in die zähe Mischung stecken, damit sie nicht auf dem Mädchen landete. »Raus! Zieh Leine! Raus in den Regen, wenn du nicht nett zu kleinen Kindern sein kannst! Du bist schon seit Wochen nicht mehr bei uns gewesen, du bist bloß hier, weil du Hunger hast. Wenn du zu alt zum Spielen bist, bist du wohl alt genug, dich nützlich zu machen, also heb deinen faulen Arsch!« Die ganze Zeit über, während sie diese Worte hinausschrie, starrte Christy Martha ins Gesicht, ein stumpfes Gesicht, jedoch
vertraut, ein Gesicht, das sie abgewischt und geküßt und gefüttert hatte. »Du brauchst dich nicht wie ein Flegel zu benehmen!« »Leicht, süß zu sein, wennste klein bis.« »Wart mal, bis du so alt bist wie ich! Du bist so sauer, daß dich niemand haben will, selbst wenn du mit ‘nem Sack Zucker ankommst. Also geh jetzt und wechsle Jack die Windeln, er stinkt!« Die anderen Kinder waren verstummt, sie warteten ab, welche Form ihr Ärger annehmen würde. Wenn sie Glück hatten, war er jetzt verschwunden, eine kurze vergossene Träne am Morgen. Andernfalls weitete er sich zu einem gähnenden Loch mit fadenscheinigen Kanten aus, und der Aufenthalt hier bei Christy wäre ebenso traurig wie zu Hause zu bleiben. Sie kämpfte mit sich, aber alle Ursachen für ihren Ärger kamen hoch und trafen sie zwischen den Augen, wo es bereits schmerzte: Marthas Boshaftigkeit, Simons absurde Nettigkeit, der Regen, der klumpige Teig, der verstopfte Abfluß und Seans Sucht nach Versammlungen. Eines Tages, dachte Christy, wird der schwarze Eiter meines Ärgers durch Hals und Nasenlöcher und Ohren geschossen kommen, und ich werde daran sterben, was eine Erleichterung sein wird. Zur Mittagszeit verteilten sie Brot und Orangensaft und kleine Plastiktuben mit Käse aus kondensierter Milch. »Alles so wäßrig.« »Sieht ekelhaft aus.« »Mein Brot is klitschig.« »Mag keine Kaatoffeln.« »Sind keine Kartoffeln, Dummerchen.« Aber sie aßen hungrig und stießen und drängelten, um an den Ofen zu kommen. Christy und Simon saßen oben auf dem Treppenabsatz, von wo aus sie wie Schiedsrichter die Katastrophen mit einigem Abstand beobachten konnten.
Dimelza sah immer wieder in der Runde, um sich zu vergewissern, daß Simon da war. »Wie geht’s deinem Kind? Das mit dem komischen Namen?« »Ganz gut. Glaube ich. Ich werde ihn heute abend sehen.« »Ich wette, er ist absolut höflich und sauber. Nicht so wie diese Bande hier.« »Nein.« »Du lebst nicht mit ihm zusammen, oder? Vermißt du ihn?« »Jeden wachen Augenblick.« Und weil er sich diesen Schmerz für den Abend aufheben und ein wenig davon Christy aufbürden wollte, die unverwundbar schien, fragte er: »Was ist mit dir? Hast du nicht irgendwann mal Kinder haben wollen?« Sie sah ihn ungläubig an. »Noch mehr Kinder?« Wir kennen einander zu lang, dachte er, um auf einmal Fragen über unser Privatleben zu stellen. »Was hast du mit Martha gemacht?« »Habe sie bloß angeschrien. Dennoch hätte ich sie beinahe geschlagen. Tief im Innern habe ich den Verdacht, ein Mörder zu sein.« »Sind wir alle.« Erneut diese unangenehme persönliche Note, die er nicht anklingen lassen wollte. »Nein, sind wir nicht. Du zum Beispiel nicht, um damit anzufangen. Ich kann mir nicht vorstellen, daß du jemanden schlägst, selbst wenn du provoziert wirst. Selbstmord wäre mehr deine Sache.« »Ich möchte nicht darüber reden…« »Nun, solltest du aber. Würde dir guttun.« Sie stand behende auf und ging hinab zum Fenster. Im Profil hatte ihr Gesicht etwas Schweinchenhaftes an sich, dachte er, diese dicke Nase, die wie eine Schnauze hervorsticht, und die breiten flachen Wangen. Das Schöne daran ist, daß die Nase stets nach oben zeigt, darum wirkt Christy niemals niedergeschlagen, obgleich sie die meiste Zeit über erschöpft
ist. Mit dem krausen Haar sieht sie aus wie ein Pharao mit Dauerwelle. »Es hat aufgehört!« rief Christy. Die Kinder hüpften hinüber zur Tür, und sie entriegelte sie und ließ die Kinder auf den Spielplatz hinaus. Ehe sie zu den Kindern lief, wandte sich Christy um und warf Simon einen letzten Blick zu. Sie hatte große, grünlich-braune Augen, trüb, wenn sie ruhig war. Jedesmal jedoch, wenn sie ärgerlich oder erregt war – die meiste Zeit über also –, leuchteten sie auf und öffneten sich unnatürlich weit. Alle Zäune, die die alten Gärten voneinander getrennt hatten, waren entfernt worden, so daß es sich jetzt um ein einziges großes Gelände handelte, einstmals grasbewachsen, jetzt jedoch ein matschiger Sumpf, von allen Seiten umgeben von den hohen düsteren Ruinen der alten Häuser. Ziegelsteine und Fensterrahmen waren auf den Spielplatz hinabgefallen, wenn auch bislang niemand getroffen worden war. Eines Morgens, vor Jahren, hatte Christy den Leichnam einer Frau über der Rutschbahn hängend vorgefunden. Sie war vielleicht vom Dach eines der alten Wohntürme gesprungen, aber die Polizei hatte keinerlei Nachforschungen über ihren Tod angestellt, da sie eine Kartenlose gewesen war. Christy und Simon führten laienhafte Reparaturen durch, um die offensichtlichsten Gefahren zu verhüten; sie stützten die bebenden Mietskasernen ab. Eines Tages, dachte Simon, werden sie schließlich zusammenstürzen, nach innen auf den Spielplatz und nach außen auf die Baracken und Zelte. Sie waren gleich von vornherein in Billigbauweise errichtet worden, nicht im geringsten für diese Welt gedacht, sondern für die reinere Welt maßstabsgetreuer Modelle, wo drahtige Bäume wie erbsengrüne Petersilie sprossen und es in Fußgängerzonen, auf die es niemals regnete und die niemals verwüstet wurden, von pedantischen Menschen nur so wimmelte. Die Hochhäuser
mochten jäh über einer riesigen Menge Menschen zusammenstürzen, wie der Wohnblock in World’s End, dachte Simon, oder noch jahrelang wanken und einzelne Teile herabschütteln. Wenn ich vom Bauen mehr verstünde, könnten wir sie nach und nach entkernen und das Material dazu benutzen, unsere eigene Barackenstadt neu zu errichten, wie es die Römer mit den Überbleibseln ihres Imperiums getan hatten. Während er zu den zernarbten roten Hochhäusern hinaufsah, suchte er nach dem gefährlichen Fenster, das Christy erwähnt hatte, und fand es in der neunten Etage des Baden-Powell-Blocks, dem am meisten altersschwachen Hochhaus, das in den Sechzigern hochgezogen worden war. Den Samuel-Smiles-Block, wo sich die Spielgruppe aufhielt, hatte man als letzten errichtet und verlassen. Simon holte sein Werkzeug und löste den Rahmen eines Fensters zu ebener Erde vom Betting Poll, gerade als die Kinder dessen Namen riefen. Betting Poll, Smelly, Eden Call und Liver Stone waren die vier Punkte, die sie während ihres Fangen-Spiels berühren mußten. Im Innern blühte die Feuchtigkeit auf den Schlackenstein-Wänden, und Lachen von Urin, Regen und Bier standen auf den Betonfußböden. Noch immer suchten die Leute in dem Gebäude Schutz, trotz der großen Warntafeln, mit denen die vernagelten Türen und Fenster überall gepflastert waren. Simon stieß die Tür mit dem zerbrochenen Glas auf und stieg die Beton-Wendeltreppe hinauf. Die Wände strotzten nur so von Graffiti – Obszönitäten, Schwärmereien, Daten für Rendezvous. Oberhalb der achten Kehre vereinfachte sich das Leben auf Treffen zwischen Wichsern und Liebespärchen. Anschließend führten weitere zerbrochene Glastüren zu einem zugigen Balkon und zwei klaffenden Eingängen, wo die Wohnungstüren herausgehebelt worden waren. In der Wohnung klebte noch immer eine Tapete mit orangefarbenem
und braunem Spiralmuster, im Wohnzimmer allmählich zerfleddernd, wo ein schwarzes Kunststoffsofa seine Schaumstoffeingeweide herausquellen ließ. Er stand an dem ausgebeulten Fenster und sah auf die Kinder herab, die in ihrem schlammigen Tal spielten, vor allem geschützt, nur nicht vor den Lawinen der Berge selbst. Der Alurahmen hatte sich an drei Seiten aus dem Beton gelöst. Simon schlug den Beton auf der vierten Seite ab, bis er den Rahmen herausnehmen konnte. Daraufhin, als habe sich die Tür auf dem Deck eines Schiffs geöffnet, strömte frische Luft in die Wohnung. Der Wind war belebend; er vertrieb die Gerüche einer verrotteten Häuslichkeit und rüttelte an den restlichen Türen und Fenstern. Den ganzen Weg hinauf zum vierzehnten Stockwerk drückte der Wind die Nase an die bebenden Wände und wartete darauf, sein Territorium wieder in Anspruch nehmen zu können. Als Simon wieder die ebene Erde erreichte, war er so durchgefroren, daß er hineingehen und sich an den Ofen setzen mußte. Lily war dort, mit Hamid und den drei Babies, die in Pappkartons schliefen. Lily blickte auf die rote Glut hinter den durchsichtigen Türen, die Augen groß beim Nachdenken über Geheimnisse, erleichtert, nicht mehr länger so zu tun, als sei sie noch ein Kind. Hamid genoß das Nichtstun gleichfalls, er saß besänftigt auf seinem Stuhl, und die Füße baumelten etwa zehn Zentimeter über dem Boden. Er hatte die Krücken neben sich stehen. Wenn das Kreischen der Kinder näherrückte, nahm sein schmales Gesicht einen wachsamen Ausdruck an, für den Fall, daß er sich verteidigen mußte. Bei Simons Eintritt war er enttäuscht und erwartete Vorschläge für irgendein sinnloses Unternehmen. Simon erinnerte sich daran, wie er und Rose, als sie etwa im gleichen Alter gewesen waren, vor den Spielen, die sie nach der Erwartung der anderen hätten spielen sollen, in ein Schweigen entflohen waren, das aus irgendwelchen Gründen geheimgehalten werden mußte.
»Erzähl mir eine Geschichte!« sagte Simon zu Lily. Ihr hämmerte das Herz. Das war das einzige, was sie mit Sicherheit tun könnte, wenn sie nur sprechen könnte. Sie schloß die Augen und quetschte hervor: »Einmal in Afrika, als meine Mama noch lebte, da war da ein großes Feuer. Wie das hier, nur viel, viel größer, groß wie das Haus hier, und es brannte jeden Tag in einem Berg. Wenn sie es warm haben wollten, öffneten all die Löwen und Elefanten und Schlangen und auch die Menschen eine Tür in dem Berg und gingen da rein und setzten sich hin. Und sie kochten sich ihr Essen darüber, ihr Brot und ihre Bananen, und an Sonntagen gab es Hähnchen. Aber in dem Feuer waren magische Gerüche…« »Sprüche…«, korrigierte sie Hamid. »Nein, Gerüche. Du konnts alles riechen, was du wolltest, wie es im Bett mit deiner Mama gerochen hat, als du noch klein wars, und teure Parfüms und Fritten. Und du konnts auch alles sehen, was du wolltest, in den Flammen drin. Hübsche Häuser und Spielzeug und Parties mit Leuten, die in wunderschönen Gärten am Tanzen waren, und Schokolade und große runde Monde.« »Dann is was passiert?« fragte Hamid. »Nix. Alle war’n glücklich, also sin sie da geblieben.« Simon sagte: »Jetzt Hamid.« Lily wollte unbedingt, daß er ihre Geschichte lobte, aber er tat’s nicht, weil er glaubte, es würde sie verlegen machen. Sie glaubte, sie habe ihm nicht gefallen. »Ich kann nich.« »Natürlich kannstes, jeder kann das, gibt Millionen von Geschichten«, sagte Lily geringschätzig. »Nein, kann ich nicht, ich bin nicht so gut wie du.« »Lily kann sehr gut erzählen«, sagte Simon, und ihre Augen füllten sich mit Tränen.
»Na, also gut. Es war einmal dieser Junge da mit Namen John, der sehr gut laufen und schwimmen und Fußball spielen konnte. Dann ging er eines Tages allein ins Schwimmbad, und er fiel rein und ertrank. Und seine Mama war sehr traurig. Das war ‘ne blöde Geschichte, nich?« »Ziemlich kurz«, sagte Simon. »Du hättstse nich so schnell erzähl’n soll’n«, wies ihn Lily an. Hamid wandte sich an Simon. »Müssen wir unbedingt reden?« Also saßen sie da und teilten das Schweigen, ein Luxus, den niemand von ihnen erwartet hatte. Die Tür schottete sie gegen den Lärm und den Wind ab, die Hitze des Ofens lag schwer in der Luft und legte sich ihnen wie ein Schal übers Gesicht. Die Babies schliefen, und Hamid sog die Hitze in sich ein; es war das letzte Mal an diesem Tag, daß er’s wirklich warm hatte. Später gab es nur die feuchten Decken und den Ölofen, der einem die Nase und Hände und Knie verbrannte und alles übrige von einem ausdörrte. Er durfte sich nicht darüber beklagen, weil sein Vater sonst sagte, er sei ein Schwächling, und er war bereits in so vielen Dingen ein Schwächling. Als er seiner Mutter gesagt hatte, ihm sei stets kalt und er habe stets Hunger, außer bei Christy, hatte sie geschluchzt, daß sie nach Karatschi zurückkehren sollten, wo es heiß genug sei, Fische auf dem Bürgersteig zu braten. Aber sie war ebenfalls nie dort gewesen; sie wußte das nur von ihren Eltern, die in Clapham ein großes Lebensmittelgeschäft gehabt hatten. Dort war Hamids Mutter dick geworden, sie hatte Datteln gegessen, als sie klein gewesen war. Die Regierung hatte ihnen das Geschäft weggenommen und sie nach Smiles verfrachtet, wo sich, wie seine Mutter sagte, der Abschaum herumtrieb. Lily saß mit geschlossenen Augen und fest verschränkten Armen da, als schmerzten ihr die Rippen. Sie ging ins Feuer
hinein, schritt durch die scharlachroten und goldenen Zungen, um mit Dimelza im Park zu spielen. Lily-im-Feuer war klein und flink, mit geschmeidigen Armen, wie Streichhölzer, und sie konnte die Leute zum Lachen bringen. Lily-der-Ballon trieb über die glitzernden roten Bäume dahin. Als Christy hereinkam mit den anderen, durchschaute sie sie einen Augenblick lang – drei Eidechsen. Sie hatte Simons Gesicht niemals so nackt gesehen, voller zerstörter Träume. Sie wandte sich ab und hob absichtlich die Stimme und lachte und weckte die Babies. Es war fast an der Zeit fürs Heimgehen; die meisten Kinder wollten nicht gehen. Christy freute sich auf die Zeit, da sie alle verschwunden waren, jedoch nicht auf den restlichen Abend in ihrem Wohnwagen – mit oder ohne Sean. Rita, die Mutter der Zwillinge, klapperte mit ihren rosa Wildlederpantoffeln die Treppe herab. »Und wie haben sie sich heute benommen, die kleinen Racker? Irgendwelche gebrochenen Knochen oder umgedrehte Hälse?« Die Zwillinge, ebenso ausgelassen und fröhlich veranlagt wie sie, liefen zu ihr hinüber. »Jesses, wen haben wir denn hier? Hast du den Laden wieder zurückgekauft, Beatrice?« Dimelza starrte in die Luft, als ihre Mutter wiegenden Schritts die Treppe herabkam, die Sirene von Smiles. Unten näherten sich die Kinder, um die Seide ihrer orangefarbenen Bluse zu befühlen und ihr wundervolles Parfüm einzuatmen, während Rita und Beatrice ihre tägliche Komödie spielten. »Biste auffem Weg zur Arbeit?« »Hab gedacht, ich müßte erst den Kindern ihren Tee kochen.« »Mach dir dabei deine Bluse nich dreckig. Die hab ich übrigens noch nich gesehn, is die neu?«
»Du solltest dir mal selbst was Neues kaufen, Rita, ‘n Trödelladen ist nicht der richtige Schönheitssalon für ‘ne Frau.« »Und wo soll ich das Geld herkriegen?« »Ich hab dir schon gesagt, in Brixton kannste ‘ne ganze Menge Kohle machen.« »Ich bin eine ehrbare Frau, Beatrice.« »Vielleicht machste ‘nen großen Fehler.« »Vielleicht hab ich meinen Stolz.« »Stolz ist was, wenn du alt und häßlich bist. Du hast noch immer schönes Haar, Rita. Ich werd mir schon recht bald eine Wohnung besorgen.« »Wo, Mami?« Dimelza blickte aufgeregt lächelnd zu ihr hoch und drückte ihr die eleganten Finger. »Du hast dir heute die Hände gewaschen?« »Wo?« fragte Rita und schluckte. »In der Nähe der Railton Road. Komm, Dimelza!« Jeder sah ihr zu, wie sie die Treppe hinaufstieg, denn Beatrice zuzusehen, war ein Vergnügen. Sie war schön, mit zarten Knochen unter rötlich-schwarzer Haut, und das Haar war zu vielen kleinen Zöpfen geflochten, wie die Pflanzen in einem Terrarium. Ihr Gehabe war eine Mischung aus Eleganz, Furchtlosigkeit und Gleichgültigkeit, wofür man sie bewunderte. Jeden Abend ließ sie Dimelza allein mit ihrer kleinen Schwester und dem älteren Bruder, Douane, und verschwand, um erst gegen vier oder fünf Uhr morgens wieder aufzutauchen. Als Gegenleistung kochten die Kinder für sie und neideten einander das Privileg, ihr die Kleider herauszulegen. Ihre Liebhaber tauchten oftmals mit Geschenken und nervös um sich blickend in Smiles auf. Sie hatte sie nach einer oder zwei Stunden fallengelassen, aber sie folgten ihr durch den Schlamm und boten ihr das Herz, wo sie doch nur ihr Geld wollte.
Nachdem sie Beatrice amüsiert betrachtet hatte, seufzte Christy, als sie verschwunden war. Angesichts von Beatrice fühlte sie sich selbst ernst und unbeholfen. Beatrice war für den Feminismus das, was Hitler für den Liberalismus gewesen war. Und es hatte keinen Zweck, ihr zu sagen, daß sie ausgebeutet wurde, da das sichtlich nicht zutraf: Beatrice war die Ausbeuterin und gedieh dabei. Christy sah, wie Simon sie mit soviel Mitgefühl betrachtete, daß sie zurücklächeln mußte.
KAPITEL 2
Der lange Tag und die Fahrt mit dem Rad quer durch London hatten Simon beruhigt. Er trug noch immer seine Arbeitskleidung, hatte sich jedoch als Tribut an den Geburtstag seiner Mutter gewaschen und ihr sogar ein Geschenk gekauft, ein Buch über Porzellan-Sammlungen in französischen Schlössern. Er bog an der St. John’s Wood High Street ab und strampelte hinein in Klaustrophobie und Unwirklichkeit. Die Hecken waren sauber geschnitten, die alleinstehenden Ziegelbauten so perfide georgianisch, die Wagen so neu. Von ein paar bewaffneten Wächtern und einigen Heliports auf den Dächern abgesehen, hatte sich seit seiner Kindheit nichts geändert. Draußen vor dem Haus seiner Eltern warnten ihn die zahllosen Wagen in der Auffahrt und die Lichter im Innern, daß eine Party im Gange war. Freeman Castle hatten es Rose und er stets genannt, und jetzt wurde es ihrem alten Witz gerecht. Simon wurde von psychosomatischen Schmerzen gepackt – er brüstete sich damit, die eigenen Neurosen zu kennen – und mußte seine Beine zur Eingangstür zwingen. Die wurde von einem Mann im weißen Anzug geöffnet. Entweder hatte seine Großmutter nun endgültig nicht mehr alle Tassen im Schrank, oder Madge erlaubte sich jene Extravaganzen, von denen sie stets geträumt hatte. Ja, die Anzeichen dafür waren überall sichtbar: Seit seinem letzten Besuch neue Teppiche, Champagnerflaschen und Platten mit Lachs, die von weiteren Fremden in weißen Anzügen ins Gesellschaftszimmer getragen wurden. Sein Vater, Bernard Freeman, trat heran, Jovialität und Aftershave verströmend. Sein Gesicht sah mit der Zeit immer
mehr wie poliert aus, brauner und knorriger, wie gut abgelagertes Holz. Jedesmal, wenn Bernard ihn sah, wirkte Simon schmaler, grauer; bald würde er sich in eine dämmrige Ansammlung senkrechter Linien auflösen. Der Junge aß nicht richtig, kleidete sich nicht angemessen, man mußte auf ihn achtgeben. Und dennoch sah er stets so gut aus, so ansehnlich und aufrecht. »Mein lieber Junge! Freu mich so, daß du kommen konntest! Mit dem Rad? Ausgezeichnetes Training. Genügend Geld?« fügte er laut flüsternd hinzu. »Ja ja.« Bernard legte zwei Finger auf Simons abgeschabten Ärmel und führte ihn in das goldfarben und blau gehaltene Gesellschaftszimmer. Geschäftsfreunde, die Bernard noch nicht lange kannten, glaubten, jemand käme, einen Abfluß zu reparieren. »Wie geht’s Merlin?« »Glänzend. Erfreulicher kleiner Bursche, wird bald runterkommen.« »Liebling!« Ihr Kuß klebte von Lippenstift. »Haben ‘ne Menge heißes Wasser, falls du baden willst«, flüsterte sie. »Rieche ich?« Seine Mutter und sein Vater tauschten ein schiefes Lächeln aus. Mein Gott, ich mache schon wieder einen auf rebellischen Sohn, dachte Simon. Sei charmant, sei ausgeglichen, sei zweiunddreißig. Irgendwie jedoch kamen stets dieselben Phrasen heraus, wenn er dort war, alles an ihnen war eine implizite Kritik seiner Lebensweise, und er war niemals alt genug, das einfach hinzunehmen. Er lächelte seine Mutter an und überreichte ihr das Geschenk. »Wie nett, daß du daran gedacht hast! Oh, all diese prachtvollen Orte an der Loire – vielen Dank, mein Lieber!« »Du wirst bald einen davon kaufen.«
»Ja, uns geht’s ganz gut.« Bernard strahlte in dem unbezweifelbaren Erfolg, der ihn endlich heimgesucht hatte. »Hast du’s ihm gesagt, mein Lieber?« »Was? Ach ja.« Er beugte sich mit seinem vertraulichen Flüstern vor. »Was sehr Aufregendes. Komm ins Erdgeschoß. Wir werden ein bißchen miteinander plaudern, wenn alle weg sind.« »Worüber?« Madge und Bernard waren jedoch in verschiedene Richtungen davonstolziert, wie die vergoldeten Figuren in barocken Uhren, die herauskommen und sich verbeugen, wenn ihre Stunde schlägt. »Sie sind der Architekt, nicht wahr?« Eine Frau mit kurzgeschorenem schwarzen Haar und einem sehr roten Gesicht stand vor ihm und grinste. »Nein. Das war ich mal«, fügte er etwas zugänglicher hinzu, als er sah, wie verzweifelt ihr Grinsen war. »Ich bin Thora Wainwright, ich arbeite im Freizeitministerium, wissen Sie. Wir sind völlig aus dem Häuschen wegen dem, was Ihr Vater für die Erwerbslosen tut.« »Tatsächlich?« »O ja! Die Idee, jenen Menschen eine Möglichkeit zur Entspannung zu bieten und sie dabei gleichzeitig zu erziehen, zeugt von soviel Phantasie.« »Warum suchen Sie nicht einfach Jobs für sie?« »Wenn das nur so einfach wäre! Was tun Sie jetzt, da Sie nicht mehr als Architekt arbeiten?« »Ich bin gleichfalls erwerbslos. Ich bin Freiwilliger in einer Spielgruppe in Wandsworth, einer der Gemeindesiedlungen, die zusammengebrochen sind, als sich die Gemeinde auflöste.« »Wie tapfer! Ich wüßte nicht, wie diese Stadt ohne Menschen wie Sie funktionieren könnte.«
»Sie funktioniert nicht. Weil es keine richtige Verwaltung und kein Geld gibt, übertünchen Menschen wie ich lediglich die Risse.« »Da muß es schrecklich verwahrlost sein.« »Kann man Wohl sagen.« Er schluckte, wollte ihr sagen, wie es in Smiles war. Es widerstrebte ihm jedoch, Christy und die übrigen ihren kühlen wißbegierigen Augen auszuliefern. »Dennoch, mit Ihren Qualifikationen«, sie blinzelte ihm verschwörerisch über den Rand ihrer Brille zu, »hätte Ihr Vater doch wohl etwas Besseres für Sie finden können, nehme ich mal an.« »Ich will nichts Besseres«, sagte Simon, ließ sie stehen, ging zu einem kleinen Sessel in Scharlachrot und Gold und fand dort heraus, daß er vor Ärger kochte. Hier, in seiner Ecke, wäre er imstande, auf Rose und Merlin zu warten, den beiden einzigen Menschen im Haus, die er tatsächlich sehen wollte. Er merkte, daß er sich über seine Mutter ärgerte, weil sie diese gräßliche Party gab; wenn er das gewußt hätte, wäre er an einem anderen Abend gekommen. Warum konnten sie nicht einmal zusammen über wirkliche Dinge sprechen? Arme Frau. Er beobachtete sie. An Madge war nichts arm, selbst als sie arm gewesen war, hatte sie die allergrößten Anstrengungen unternommen, die Armut zu übertünchen, und jetzt war sie endlich die Gastgeberin, die zu sein sie vor fünfunddreißig Jahren geträumt hatte, als sie Bernard geheiratet hatte. Es waren Träume von Großzügigkeit und Reichtum gewesen, und da sie ihnen so lange nachgehangen hatte, da sie all jene Biographien von Lady Cunard und Lady Londonderry gelesen hatte, fand sie sich jetzt darin ganz gut zurecht. Sie drehte die Runde und umarmte und hielt die Gläser gefüllt, sie lachte viel und wirkte aufrichtig erfreut, die Leute zu sehen, und schritt majestätisch in ihren Saphir-Rüschen einher, sah matronenhaft aus, jedoch nicht
betont traurig. Unter dem Make-up, das ihr Gesicht hart aussehen ließ, lag ein Ausdruck der Freude, eine mumifizierte Unschuld. Ebenso sein Vater; all die Niedergeschlagenheit der Jahre der fehlgeschlagenen Video- und Kabel-TVUnternehmen war verschwunden, und er war fester, größer daraus hervorgegangen, mit einer wohltönenderen Stimme. Meine Eltern machen sich, dachte Simon, sie verschmelzen allmählich mit den Gußformen, die sie vor so langer Zeit von sich hergestellt hatten. Er schnappte genügend Gesprächsfetzen auf, um davon überzeugt zu sein, daß dies hier diejenigen Leute waren, mit denen Madge und Bernard stets zu tun haben wollten. »Gewerkschaften endlich da, wo sie hingehören.« »In der Gosse.« (Gelächter) »Haben die Ökonomie wieder auf die Füße gestellt.« »Haben’s diesen Makkaronis mal gezeigt.« »Schrecklich, das mit Portugal.« »Was?« »Haben weiteres Öl gefunden. Haben uns vergangenes Jahr schon wieder mit ihrem Bruttosozialprodukt überholt.« »Sie glauben doch wohl nicht deren Statistiken, oder? Vergangene Woche sind wir in einem portugiesischen Restaurant gewesen, ekelhaftes Zeugs, können noch nicht mal kochen.« »Indisch ist das einzige ausländische Essen, das ich riskiere. Vorzügliche Köche, diese Inder, obwohl sie ein bißchen über die Stränge schlagen. Predigen von Abrüstung. Wir haben ihnen doch die einzige Zivilisation gegeben, die sie jemals hatten.« »Curry? Na ja, mir ist es lieber, wenn alles in einer blitzblanken und sauberen schweizer Küche zubereitet wird und ich die Zutaten sehen kann. Aber wenn’s von unseren
lieben Freunden, den Indern, gekocht ist, hab ich einfach kein Vertrauen dazu.« »Haben Sie ein paar von den Aktien erwerben können?« »Nur ein paar tausend. Hab sie in der folgenden Woche abgestoßen und einen ganz guten Schnitt dabei gemacht.« »Oh, wie schön!« Das sind Stimmen der Zuversicht, dachte Simon. Madge und Bernard singen in vollendeter Harmonie damit. Trillern ihren Patriotismus als Erweiterung ihrer Selbstliebe, improvisieren ganze Arien zum Lob des Profits. Sie stehen dort oben und nehmen Blumenstrauß nach Blumenstrauß in Empfang, Dividende nach Dividende, während ich – hinabkrieche in die Spinnweben unter der Bühne und dünn und kritisch und voller Zweifel verwelke. Wie in Harmonie mit seinen Gedanken tauchte Rose im Eingang auf, bemerkenswert schlank und abschätzend, jedoch cool und schick genug, um damit zurechtzukommen. Er rief sie beim Namen, und sie kam direkt zu ihm herüber. »Ich hab gedacht, du würd’st überhaupt nicht mehr kommen!« »Ist’s schrecklich?« »Eine Orgie aus alter Korruption und vornehmtuendem neuen Faschismus.« »Na ja, schließlich haben sie’s geschafft.« »Was?« »Was es auch immer gewesen sein mochte, da sie soviel Angst hatten, es nicht zu schaffen. Jetzt verströmen beide Zufriedenheit. Madge ruft mich nicht mehr an, nicht einmal an ihrem Hochzeitstag, um mich daran zu erinnern, was ich gerade vergessen habe.« »Bernard hat Pläne mit mir.« Er imitierte die Stimme seines Vaters. »Komm runter ins Erdgeschoß.«
»Meiner Ansicht nach könntest du’s mit ein wenig Vetternwirtschafterei wirklich schaffen.« »Was wolltest du damit sagen?« Sein Stolz war an einem der wenigen Punkte verletzt, wo er verletzbar war. »Machst du noch immer diese Freiwilligen-Arbeit?« »Ja.« »Aber das ist ein so deprimierender Ort.« »Nicht für mich. Der Job hat mich wirklich über Wasser gehalten, weißt du, nach Jessicas Tod. Diese Party deprimiert mich weit mehr.« Rose sagte nichts weiter, weil sie wußte, daß ihr Bruder von Grund auf wahrhaftig war, so merkwürdig manchmal einige seiner Wahrheiten auch waren. Sie blickte sich einen Hauch abschätzend im Raum um, nicht moralisierend, wie er’s getan hatte, sondern abwägend und einordnend. »Ich hatte gedacht, Sir Maverick Pearson hier zu finden. Ich bin schon seit Wochen hinter ihm her, versuche, einen Artikel über ihn zu bringen. Aber er bewegt sich anscheinend nicht in diesen Kreisen. Noch nicht.« »Weißt du, was Bernard vorhat?« »Aber ja. Er wird Millionen mit Brot und Spielen verdienen. Er wird eines der alten Fußballstadien in holographische Vergnügungsstätten verwandeln. Man stopft sich mit JunkFood und Neuropepsi voll (clever, das, nichts von wegen Vandalismus). Dann gewinnt man persönlich die Schlacht von Trafalgar oder irgendeinen anderen ausgewählten ruhmreichen Augenblick unserer Geschichte. Die Erwerbslosen werden freien Eintritt haben.« »Aber woher wird das Geld dafür kommen?« »Staatliche Subventionen. Sir Maverick ist einer der leidenschaftlichsten Befürworter, darum hoffte ich, ihn hier zu sehen.« »Gerissener alter Gauner.«
»Ja, ich muß zugeben, wir haben ihn unterschätzt.« Simon blickte seinen Vater mit jener Distanz an, die er stets gefühlt hatte. Er konnte sich nicht daran erinnern, daß es jemals irgendein stärkeres Gefühl als Zuneigung oder Abneigung auf beiden Seiten gegeben hatte. »Sie haben sich verändert, nicht wahr?« »Macht und Geld. Du wirst nie begreifen, was für Aphrodisiaka das sind.« Rose, offiziell seine jüngere Schwester, lächelte ihn an, wie ein alter Zuhälter eine Jungfrau anlächeln mochte. Aber er wußte sie auf seiner Seite. Madge jonglierte mit zwei Gesprächen gleichzeitig, während sie ihre sensibelste Antenne direkt auf ihre Kinder gerichtet hielt. Sie war so verärgert, daß es sich binnen kurzem zeigen mußte. Sie brauchte sie nicht zu hören; endlose Jahre ihres Heranwachsens hatte sie über das arrogante, überlegene, klugscheißernde Geschwätz der beiden hinweggehört. Nicht, daß sie etwa besser geworden wären; sie waren lediglich gegangen. Wenn sie zuließe, daß die beiden sie aus dem Gleichgewicht brachten, würden sie ihr die wunderschöne Party verderben, das glückliche Monument zerstören, an dessen Errichtung sie so hart gearbeitet hatte. Am Abend ihrer Tage. Wie hatte es sie geschmerzt, sie allesamt immer wieder zu drängen und zu zerren, insbesondere Bernard, schließlich jedoch hatte er etwas Wertvolles zustande gebracht. Erneut richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf die beiden, wie sie in ihrer geheimen Ecke hockten, blind gegenüber den allmählich steifer werdenden Rücken rings um sie her. Rose hatte aus ihrer Taktlosigkeit und Grobheit einen Beruf gemacht: wie es aussah, wurde sie dafür bezahlt, häßliche Dinge über die Leute zu schreiben. Genügend bezahlt, um sich diese eigenwilligen, unfemininen Kleider zu leisten und in einer Wohnung zu leben, die aussah wie ein interstellares Iglu, wohin sie einmal zu einem ungenießbaren Mahl eingeladen
worden waren. Eine Karrierefrau. Na ja, sie hatte zumindest ihren Job. Simon, einstmals ihr Liebling, hatte Madge am viel empfindlicheren Nerv getroffen. Seine Weise, sie fallenzulassen, war viel raffinierter gewesen, sie war darauf angelegt, ihr das Herz zu brechen. Ein solch brillanter netter Junge, voller Leben, der nichts anderes tun wollte als wunderbare Gebäude zu errichten, schon mit den Legosteinen. Die ersten Anzeichen von Schwierigkeiten hatte es gegeben, als er dieser dummen Gans verfiel, verfiel nicht auf die normale gesunde Weise, sondern Hals über Kopf, mit Leib und Seele. Simon verstrickte sich stets zu sehr in die Dinge. Selbst in die Architektur, obgleich da wenigstens Geld zu holen war. An jedem Weihnachten und zu jedem Geburtstag wollte er Bücher darüber; wenn sie in Ferien fuhren, hatte er lediglich Blick für alte Kirchen, und er verbrachte seine gesamte Freizeit mit diesen Modellen. Das war in Ordnung, der wahre Simon. Brillante Menschen waren stets besessen. Jessica war jedoch nicht das richtige Mädchen für ihn gewesen. Äußerst hübsch und charmant, wenn sie es sein wollte, ansonsten mit einer Macke und tatsächlich ziemlich durchgedreht. Jeder, der so etwas tat, mußte das sein. Sie kam mit dem Kind nicht zurecht: Einmal, als er zwei Jahre alt gewesen war, hatte Madge zufällig in ihrer trübseligen Wohnung vorbeigeschaut und hatte Merlin pudelnackt im Garten herumlaufend vorgefunden, über und über mit Schmutz bedeckt und kreischend vor Lachen. Und Jessica hatte Simon gegen sie aufgehetzt. Hatte ihm das Hirn vergiftet, hatte das Kind vernachlässigt und sich selbst zugrunde gerichtet. Durch und durch verantwortungslos. Schrecklich für das Kind und für Simon, aber sowas kommt halt vor, man muß sich halt bloß am Riemen reißen. Simon kam allmählich herunter; zunächst war’s nicht so offensichtlich gewesen, weil er so ruhig geworden war. Dann
jedoch hatte sie eines Tages mit einem Schinken und etwas Eiercreme bei ihnen vorbeigeschaut und ihn im abgedunkelten Schlafzimmer liegend vorgefunden, mit dem Kind, um drei Uhr nachmittags. Er hatte seinen Job aufgegeben und Merlin seit Wochen nicht mehr zur Schule geschickt. Daher hatte sie das Kind mit zu sich genommen; es machte ihr nichts aus, denn er war ein netter kleiner Junge, obgleich er wie Jessica aussah und ihre Unbestimmtheit an sich hatte, nicht im geringsten brillant war. Sie hatte Simon gesagt, er könne gleichfalls vorbeikommen, aber er hatte es vorgezogen, sich völlig von ihnen zu trennen. Sie hatte ihn kaum zu Gesicht bekommen, außer wenn er wegen des Kinds vorbeigekommen war, und er hatte ihnen niemals gesagt, was er tat. Nichts, hatte sie den Verdacht, außer diesem sogenannten Job in einem Zigeunerlager. Madge hatte jetzt aufgegeben so zu tun, als nehme sie an der Unterhaltung ringsum teil. Obgleich es weit wichtigere Leute dort gab, zog sie irgend etwas zu ihren Kindern. Blutsbande. Sie sahen bei ihrem Kommen auf, als würde sie ein Kriegsbeil schwingen. Von nahem gesehen waren sie noch weniger zufriedenstellend – Rose so aufgedonnert und aggressiv in ihren Stiefeln und den Wildlederhosen, Simons Gesicht viel zu fein für das eines Mannes. Für diese Kleidung hatte er wohl Mülltonnen durchwühlt. »Meine Lieben, ihr hockt da in einer Ecke zusammen wie Verschwörer! Wollt ihr nicht ein paar Leute treffen?« Dann, zu Simon, wie nebenbei: »Willst du nicht Merlin begrüßen?« Der saß in einer Ecke auf der entgegengesetzten Seite, sehr still auf einem mit Samt bespannten Sessel. Er sah nirgendwo hin, hielt die Hände fromm auf den langen grauen Hosen gefaltet, und er wartete, als sei das ein Dauerzustand, nicht, als warte er auf etwas Schönes. Wenn sich die Erwachsenen zu ihm herabbeugten, um ihn anzulächeln oder ihre Drinks über
ihm zu verschütten, blickte er ohne jedes Anzeichen von Neugier zu ihnen auf. Zu Simons Entsetzen sah ihn Merlin, als es ihm schließlich gelungen war, dessen Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, mit demselben verschleierten Blick an. Ehe er recht darüber hatte nachdenken können, erhob sich Simon und öffnete die Arme, wie er es getan hatte, als Merlin zwei Jahre alt gewesen war und auf ihn zugelaufen kam mit dem Ruf: »Ihich!« Jetzt war’s Simon, der sich seiner selbst vergewissern mußte, während er zwischen den gutgepolsterten wohlriechenden Körper durchstolperte und sich dann neben seinem Sohn niederhockte. Aus Augenhöhe gesehen war Merlins Gesicht erlesen in seinen Rundungen und Vertiefungen, frösteln machend in seiner Gleichmut. Simon konnte es einfach nur als Jessicas Gesicht sehen, umrahmt von den gleichen hellbraunen Wellen, geschnitzt aus dem gleichen verzierten Stück Alabaster und ohne jedes Anzeichen von Vitalität. Beide wußten noch nicht einmal, wie sie einander ansprechen sollten. »Ich habe dich nicht gesehen. Wann bist du gekommen?« »Ich weiß nicht.« Er hatte jetzt eine kleine Vorschulstimme, die zu seinem frischen weißen Hemd und der roten Krawatte paßte. »Ich habe ein Geschenk für dich.« Simon überreichte ihm eine Laserlampe, die kaleidoskopartige Muster in die Luft projizierte. Die Zwillinge waren jedesmal verrückt vor Verlangen danach, wenn sie sie in dem Schaufenster eines Geschäfts in Wandsworth liegen sahen. Merlin schüttelte sie und starrte die Regenbogenformen an, die das Gesicht seines Vaters verdunkelten, ehe er das Spielzeug auf den GoldbronzeTisch neben sich legte. »Vielen Dank für das Geschenk.« »Schon gut. Du hast noch keine, oder?«
»Ich hab die mit der Geschichte von der Schatzinsel, und man kann auch die Stimmen hören.« »Oh! Gefällt dir die Schule?« »Ganz gut.« »Würdest du gern wieder in deine alte Schule gehen?« »Ich glaube nicht. Es ist ein langer Weg dahin, und ich könnte müde werden.« »Ich bin auch in die Schule gegangen, wo du jetzt hingehst.« »Ich weiß.« »Haben sie noch immer türkisfarbene Blazer?« »Ja. Und man muß sechs Paar Schuhe haben. Soll ich dir sagen, wofür die sind? Eins für draußen, eins für drinnen, eins für Fußball, eins für Kricket, eins für Tennis und eins für Turnen.« »Ich habe nicht gern eine Uniform getragen.« »Ich ja. Ich finde sie hübsch. Großmama hat alles neu gekauft, alles im selben Geschäft zur selben Zeit. Wir hatten so viele Pakete, daß wir sie gar nicht alle tragen konnten, und so mußte man sie schicken.« Madge war niemals beeindruckender, als wenn sie durch ein Kaufhaus stromerte und auf Schnäppchenjagd ging. Simon erinnerte sich solcher Szenen aus der eigenen Kindheit, denen stets Vaters Wutausbrüche wegen der Rechnungen gefolgt waren. Jetzt, mit einer Platin-Britcard, war Madge ziemlich fürstlich in ihren Extravaganzen. »Erinnerst du dich daran, wie wir in den Second-Hand-Laden gegangen sind?« »Ich hasse Second-Hand-Läden. Alles ist schmutzig und stinkt, und man weiß nie, wo die Sachen herkommen. Hast du diese Hosen aus einem Second-Hand-Laden?« »Ja, habe ich. Ganz prosaisch.« »Hast du noch einen Job?«
Simon sah ihn ungläubig an. Gebt mir ein Kind die ersten sieben Jahre, hatten diese herumpfuschenden Jesuiten gesagt. Madge hatte aus seinem Kind, einem schmuddeligen kleinen Anarchisten, in lediglich zwei Jahren einen tadellosen Konformisten gemacht. Die Füllung aus ihm herausgeklopft. Aber diese Füllung war so liebenswert gewesen, und weil sie noch immer irgendwo sein mußte und darauf wartete, zurückgepackt zu werden, antwortete Simon milde: »Ich habe immer einen Job gehabt. Du meinst wohl, ob ich Lohn dafür erhalte?« »Und?« »Nein. Lediglich eine Freiwilligen-Beihilfe. Das würde für eine Schule und eine Uniform nicht reichen, falls du bei mir wohnen wolltest.« Merlins Gesicht furchte sich vor Konzentration, als habe er gerade ein Geräusch gehört, wonach er gehorcht hatte. Simon vermochte jedoch nicht zu sagen, ob er in Furcht oder Hoffnung gehorcht hatte. »Würdest du gern mitkommen und wieder bei mir wohnen?« »Möchtest du das?« »Ja. Ich vermisse dich, Merlin. Ich wünschte, ich hätte dich nicht gehen lassen, obwohl ich weiß, daß Großmutter und Großvater sehr nett zu dir gewesen sind. Aber wenn du mitkommst, wirst du dich wieder daran gewöhnen müssen, in eine gewöhnliche Schule zu gehen und keine neuen Sachen zu haben…« Simon flüsterte jetzt, denn er sah Madge auf sie zukommen, und er wußte, er war dabei, seinen Sohn zu bestechen. »Du kannst so viele Tiere haben, wie du möchtest, und wir werden Ferien mit dem Zelt machen und im Garten Würstchen über dem Feuer grillen.« »Kann ich einen Tropenfisch haben?« flüsterte Merlin zurück.
»Ja.« »Zeit für einen Kakao?« fragte Madge mit dem Glockengeklingel, das jedesmal dann in ihrer Stimme lag, wenn sie mit Kindern sprach. Sie war rot im Gesicht und strahlte, ein Ohrring war abgegangen, und der Reißverschluß an ihrem blauen Kleid hatte sich auf zwei Zentimeter Länge gelöst, und es zeigte sich jetzt rötliche Haut und rosa Nylon. »Gib Papi einen Gutenachtkuß!« Merlin wandte ihm passiv das Gesicht zu. Simon wurde klar, daß er ihn den ganzen Abend über nicht hatte lachen sehen, und er konnte sich auch nicht daran erinnern, wann das zuletzt der Fall gewesen war. Er umarmte den Jungen fest, vergrub die Lippen in dem weichen Haar und küßte ihn auf die Stirn, drückte ihn heftig, damit es ähnlich war wie bei den bärenhaften Umarmungen, als Merlin klein gewesen war. Aber der schmale Körper war eckig und widerstrebend. Simon stand also auf. »Sonntag in einer Woche gehen wir in den Zoo. Ich werde ihn um die Mittagszeit herum abholen.« »Wunderbar! Das wird dir doch Spaß machen, nicht, Merlin?« Aber er hatte den Raum verlassen, um sich dem Gutenachtkuß seiner Großmutter zu entziehen. Vol-au-vents, gefüllte Weinblätter und Erdbeeren mit Schlagsahne wurden für diejenigen hereingebracht, die noch nicht gegangen waren, und die Party bewegte sich auf die Mitte des Raums zu. Bernard sprach mit seinem alten Freund Sammy, einem Buchhalter, den er seit jenen theatralischen Tagen kannte, da er nicht sonderlich erfolgreiche Stücke im West End gesponsort hatte. Sammy bevorzugte eine Kombination aus soliden Finanzen und einem Hauch von Showbiz-Glamour; er liebte Schauspielerinnen und Kasinos und hatte eine Heidenangst davor, als langweilig zu gelten.
Während er Bernards laut geflüsterten Schätzungen über die Summe Geldes zuhörte, die er im ersten Jahr erwartete, blinzelte Sammy Simon zu, und Rose, die er bewunderte, seitdem sie zwölf Jahre alt gewesen war. Damit wollte er beiden zeigen, daß er kein vertrockneter alter Geldmensch sei. Madge saß mit Joan, Sammys Gattin, auf dem Sofa aus goldfarbenem Samt. Wie Bernard hatte Sammy eine Goy, eine Nicht-Jüdin, geheiratet, um sich völlig zu verweltlichen. Madge und Joan waren beide aufblühende Blondinen gewesen, und selbst jetzt vermittelten sie noch einen Hauch von rosaund orangefarbener Reife. Madge beklagte sich gerade über ihre Schwiegermutter. »Sie will mich nicht sehen. Natürlich ist sie auf jeden Fall senil, lächelt jedoch gelegentlich Bernard und den Jungen an. Wenn ich hinaufgehe, verkriecht sie sich in der Ecke und grinst höhnisch. Sie ist richtig bösartig. Und sie will nicht diese schrecklichen schwarzen Kleider wechseln. Dieser Gestank, meine Liebe!« »Sehr schwierig. Meine Schwiegermutter ist vergangenen Sommer gestorben, wissen Sie?« »Wirklich? Ach ja, in diesem Alter ist das für sie das Beste.« »Haben Sie versucht, sie in einem Heim unterzubringen?« »Bernard will das nicht zulassen. Denn, sehen Sie, das hier ist ihr Haus, sie hat es uns niemals überschrieben, obwohl sie das natürlich hätte tun sollen, schon vor Jahren. Und wie Bernard sagt, hört man heutzutage so viele schreckliche Dinge über Heime, selbst über die privaten Heime.« »Meiner Ansicht nach ist das die beste Lösung. Wenn sie über achtzig sind, haben sie nur noch so wenig vom Leben. Schließlich ist es eine Sache der Barmherzigkeit, sie nicht einfach so abkratzen zu lassen.« »Haben Sie sowas…?« »Na ja, wissen Sie, das Heim arrangiert alles.«
»Oh!« »Sie erhalten einen Steuernachlaß.« »Oh, wirklich?« Die beiden männlichen Staatsbeamten saßen ebenfalls auf dem Sofa und wünschten sich, sie wären heimgegangen, ehe die Party intimer wurde. Sie waren zu beiden Seiten der Frauen gestrandet, außerstande, sich um sie herum zu unterhalten. Auch war es nicht zu vermeiden, das Gespräch mit anzuhören. Sie aßen langsam ihre Erdbeeren und warfen einander verstohlene Blicke zu. Sie waren der Ansicht, vielleicht auf derselben Schule gewesen zu sein. Auf dem gegenüberliegenden Sofa versuchten ein Computerbonze und der geschäftsführende Direktor einer Hotelkette zu entscheiden, ob der Liefervertrag an Chichi Kebab oder Scrummy-Burger gehen sollte. Madge spülte ihre Erdbeeren mit einem Gläschen Kirschwasser hinunter und überdachte die merkwürdige Angemessenheit der Dinge. Man heiratete den falschen Mann, verschwendete seine Zuneigung an undankbare Kinder und arbeitete hart, anscheinend für nichts und wieder nichts, bis sich jäh die häßlichen grauen Klumpen der Enttäuschung zu einem verwirrenden Mosaik zusammenfügten. Und dann wurde man auf den Thron in der Mitte des Mosaiks gesetzt, und der eigene Glanz wurde schließlich sichtbar. Wie des Kaisers neue Kleider, nur andersherum. Simon und Rose blickten nervös auf, als Madge schwankend aufstand. »Ihr habt meinen kleinen Mann noch nicht gesehen. Ich will euch allen meinen kleinen Mann zeigen. Bernard schenkte ihn mir für ein glückliches neues Jahrtausend.« Für ein paar Sekunden verließ sie das Zimmer. Simon sah Rose an. »Meinst du, sie hat sich einen Miniatur-Liebhaber gekauft, und Bernard ist zu zerstreut gewesen, um’s zu bemerken?« flüsterte er.
Es folgte ein surrendes Geräusch, das Simon an die mechanische Affen-Band erinnerte, die er als Kind bekommen hatte. Ein Humanoide betrat das Zimmer; er war ungefähr einen Meter fünfzig groß, mit langen, ineinander verschränkten Armen, einem rechteckigen Körper und einem Gang, der zu steif war, um ihn insgesamt zu einem guten Gesellschafter machen zu können. Aber er war eine Präsenz, wie ein Kellner mit einem nervösen Tic, dachte Simon. Sie sahen zu, wie er die schmutzigen Teller auf den Geschirrwagen stapelte, die Aschenbecher leerte und Zigaretten und Süßigkeiten anbot. Madge stand hinter ihm und kreischte vor Lachen. »Ist er nicht prächtig? Er zieht morgens die Vorhänge zurück, läßt das Bad einlaufen und holt Milch und Zeitung herein. Er wird Heros Zehn genannt, schrecklich griechisch und romantisch. Man kann viel kleinere Modelle bekommen, die aussehen wie Elefantenkörper, aber ich finde es so süß, einen richtigen kleinen Mann zu haben – und er macht alles sauber. Laß dir mal von ihm über die Schuhe gehen, Simon!« Schweigend gestattete er, daß seine beiden Füße von einer Metallzange ergriffen wurden, die Schuhcreme auftrugen und heftig rieben. Er wartete darauf, daß die Schuhe, die schon von vornherein nicht neu gewesen waren, unter dem Zug auseinanderfielen. »Er macht wirklich alles. Tauscht Sicherungen aus, saugt Staub, poliert – Frau Thompson kommt jetzt nur noch an einem Morgen pro Woche. Im Garten ist er ein wenig unsensibel, er neigt dazu, die Pflanzen zu beschädigen. Und bei meinem Kristallgeschirr kann ich ihm auch nicht ganz über den Weg trauen.« »Wunderbar!« brummte Sammy in den allgemeinen Chor der Bewunderung.
»Wißt ihr, die Leute machen die moderne Technologie herunter, aber denkt doch nur mal an all die kleinen langweiligen Arbeiten, die wir nicht mehr zu tun haben.« »Er war ein bißchen teuer. Aber er ist sein Geld wert.« Madge lächelte dem Computerbonzen zu, und der lächelte zurück. Simon blickte auf seine glänzenden Schuhe hinab, während Heros Zehn die Mäntel holte.
KAPITEL 3
Nachdem die anderen verschwunden waren, ging Madge auf unsicheren Beinen hinauf ins Bett, und Bernard deutete Simon mit lautem Geflüster und heimlichtuerischen Gesten an, daß ihr kleines Geplauder beginnen sollte. Sie gingen in sein Arbeitszimmer, einen Raum, der viele Veränderungen gesehen hatte. Jahrelang war er schäbig gewesen, voller ungelesener und vergilbender Manuskripte und eingerollter Plakate, die für Stücke warben, die sein Vater gesponsort hatte, und Titel trugen wie ›Once More Unto the Breeches‹ und ›Popping the Question‹. Dann, Mitte der achtziger Jahre, hatte Bernard einen Sekretär eingestellt, der ihn mit elektronischen Medien bekannt gemacht hatte, und er, der sich stets seiner zwei linken Hände gebrüstet hatte, hatte entdeckt, daß er nicht nur einen Taschenrechner bemeistern konnte, sondern auch Videogeräte und Computer. Jetzt war der Raum in einem kühlen Blau gehalten und erinnerte an eine Kriegs-Kommandozentrale, mit Karten, worauf mögliche Grundstücke für Freizeitparks abgesteckt waren und die aufleuchteten, dem Arbeitsmodell eines holographischen Spiels und zahllosen Verwandten von Heros Zehn. Sein Vater wies ihm strahlend einen Sessel und setzte sich ihm gegenüber, die Hände unter dem Kinn zu einer Art Finanzgebet verschränkt. Simon wünschte sich inbrünstig, er wäre für den Charme seines Vaters empfänglich; alle anderen waren es, und solchermaßen ausgeschlossen, fühlte er sich unbehaglich. Es war so vertraut, dieses Gefühl, ein Argwohn, der weit in die frühe Kindheit zurückreichte – daß sein Vater
nämlich in einem kitschigen Propagandafilm lebte und versuchte, ihn dort mit hineinzuziehen. »Sieht alles ganz gut aus, nicht wahr? Wie mein alter Freund Joe Schneer zu sagen pflegte – es gibt keinen Grund, weshalb man nicht hier wieder gutmacht, was man dort verloren hat. Und weil wir gerade von der Unterhaltungsbranche sprechen: Wie gut weißt du in der Theater- und Kinoarchitektur Bescheid?« »Warum?« »Na ja, ich sag dir’s, weil du gefragt hast.« Bernard lachte. Das Unvermittelte seines Sohnes machte ihn stets nervös. »Wie du weißt, ist Sammy so etwas wie ein alter Theaterfan, und er ist auf die Idee gekommen, wir sollten jede historische Schlacht in ein Gebäude aus der entsprechenden Zeit versetzen. Gefühl für Geschichte undsoweiter, du weißt, wie sehr ich Geschichte auf der Schule geliebt habe. Also, du gehst zum Beispiel durch dieses Art-Deco-Foyer, und da ist Dünkirchen. Ich glaube, da ist was dran. Natürlich dürfen wir’s absolut nicht übertreiben, oder es wird uns ein Vermögen kosten. Meiner Ansicht nach jedoch können wir’s mit ein paar Plastiksäulen und so einem Kram festmachen. Na?« Bernards Stimme klang ein wenig aufgebracht, als warte er darauf, daß jemand, der schwer von Begriff war, ihn verstünde. Simon flüchtete sich, wie stets, in Unverbindlichkeiten. »Ja, hört sich an wie ‘ne gute Idee.« »Aber merkst du denn nichts? Ist gleich bei dir oben an der Straße. Du mußt lediglich ein paar von den Dingern entwerfen, einfach nur Hangars. Einer von den Plätzen ist gleich bei dir um die Ecke, der alte Chelsea Fußballplatz. Du kannst von Zuhause aus arbeiten, wenn du möchtest. Du wirst freie Hand haben, Unmengen von Geld und Publicity – nur ein Dummkopf würde hier ablehnen!« »Nein, danke, Bernard. Tut mir leid.«
»Warum nicht? Nicht intellektuell genug für dich?« »Ich bin kein Architekt mehr.« »Du hast, verdammt noch mal, die Qualifikationen dafür, oder? Wir haben genug ausgegeben, um dich auf dieses College zu schicken.« Simon bemerkte, wie sehr Bernard es schmerzte, daß ihm jeglicher Ehrgeiz abging, und wie sehr er dadurch vom eigenen Triumph abgelenkt wurde. Die Augen seines Vaters waren vor Ärger und Hilflosigkeit blutunterlaufen; er bot Simon keine Sinekure an, sondern er bat ihn, einen Gefallen anzunehmen. »Nein, ich möchte es wirklich nicht.« »Deine Mutter macht sich sehr um dich Sorgen.« »Das hat sie schon immer getan.« »Ihrer Meinung nach hast du die Nerven verloren. Du mußt an dich selbst glauben, Simon, wenn’s sonst niemand tun will. Laß dir das von mir gesagt sein! Sechs Jahre lang habe ich für diese Freizeitpark-Nummer getrommelt. Habe versucht, meine Bank zu überzeugen, die hohen Tiere zu überzeugen, habe die Idee verkauft, habe mich verkauft – wenn du lediglich herumsitzt und Grimassen schneidest, wirst du’s nie zu was bringen.« »Ich versuche nicht, es zu was zu bringen.« »Ich verstehe dich einfach nicht.« »Das weiß ich. Macht nichts. Ich verstehe dich«, fügte er hinzu, eher, um ihn aufzumuntern, als gönnerhaft. »Es freut mich wirklich, daß du soviel Geld machen wirst.« »Es ist nicht das Geld, Simon. Es ist die Vision, dieses kleine Stück Jerusalem im Hier und Jetzt, das ich helfe zu erschaffen. Ich möchte den Menschen Freude ins Leben bringen – ich mag von Computern umgeben sein, aber in Wirklichkeit bin ich ganz schön altmodisch. Hab ‘n bißchen was von einem Dichter. Daher hast du das. Nein, ich glaube kaum, daß du mich auch nur im geringsten verstehst.«
Sie sahen einander eigensinnig ins Gesicht, stolz darauf, mißverstanden zu werden. »Alles, was ich sagen will, ist, mach nur weiter und erschaffe viele… öh… Visionen und mach dir keine Sorgen um mich. Mir geht’s gut.« »Aber du bist mein Sohn. Es ist meine Aufgabe, mich um dich zu sorgen.« »Nun, wir können nicht alle Erfolg haben wie Rose.« »Sie ist ein Mädchen, das ist nicht dasselbe. Im übrigen verkörpert sie nicht gerade das, was ich mir unter Erfolg vorstelle. Ich mag Frauen mit etwas Charme. Rose ist viel zu halbgebildet, und sie trinkt zuviel. Kein Wunder, daß sie keinen Gatten bekommt.« »Sie will keinen.« »Ich hab schon immer gesagt, ihr beide solltet eure Geschlechter tauschen.« Simon erhob sich. »Vielleicht zahlst du für unsere Operation, wenn du dein Jerusalem errichtet hast.« »Jetzt lauf doch nicht weg! Laß mich zu Ende sprechen. Schön und gut, wenn man so überlegen ist, aber wer bezahlt den Preis dafür? Merlin ist damit nicht geholfen, oder? Ich meine, wie wird er sich fühlen, wenn ihm klar wird, daß er einen Vater ohne jede Karte hat? Was ist, wenn dir etwas zustößt? Soll ich dir nicht wenigstens eine grüne Karte besorgen?« »Nein. Geradeheraus gesagt, ich fühle mich ziemlich mies wegen Merlin. Ich hätte ihn nicht so lange im Stich lassen sollen. Ich versuchte wirklich, mir Klarheit zu verschaffen.« »Was willst du damit sagen? Schieb das Kind um Gottes willen nicht hin und her, wenn es gerade dabei ist, ein wenig Sicherheit und Ordnung ins Leben zu bekommen. Nein, ich beklage mich nicht. Ich weise lediglich darauf hin, daß es so etwas gibt wie ein Gefühl für Verantwortlichkeit. Entweder du
hast’s, oder du hast’s nicht. Ich persönlich war darin immer stark. Meine Frau, meine Kinder, alles für euch. Natürlich bist du zu sensibel und intellektuell für sowas. Ich frage mich manchmal, ob dir aufgefallen ist, daß du einen Sohn hast.« »Ich hoffe wirklich, daß er und ich, wenn er einmal erwachsen ist, mehr Respekt voreinander haben als du und ich gegenwärtig.« »Das wird nicht der Fall sein, mach dir keine Sorgen, das wird nicht der Fall sein.« In einem fürchterlichen Durcheinander aus Schuld und Zorn verließ er das Zimmer. Rose traf ihn in der Halle, und sie gingen in die leuchtend gelbe Küche. Da der Mond jetzt sein Licht streifenartig durch die Jalousien goß, hatte sich die grelle Farbe verändert. Sie saßen am Tisch, ohne die Neonlampe einzuschalten, die sie beide nicht mochten, und genossen das Gefühl, Einbrecher im Haus ihrer Eltern zu sein. Sie konnten das Ge sicht des anderen nicht sehen, lediglich in Zebrastreifen aus Hell und Dunkel; nichtsdestoweniger kannten sie das Gesicht des anderen in- und auswendig. Rose hielt einen Cognacschwenker, der in dem seltsamen Licht ebenso glitzerte und glänzte wie ihr stachelschweinartiger Schmuck. »Du siehst zerschlagen aus. Nimm einen Schluck!« »Ich werd mir gleich einen Kakao machen.« »Immer so abstinent!« »Ich brauche Ruhe, keine Stimulantien. Davon hatte ich genug.« »War er gehässig?« »Ja, aber natürlich übertüncht mit viel Lächeln. Er wollte, daß ich für seine gräßlichen Spiele Kitschkinos entwerfe. Zweitausend Jahre echte britische Träume.« »Das habe ich schon vor Monaten kommen sehen.« »Warum hast du mir nichts davon gesagt?«
»Ich sehe, was vor sich geht, weil ich ein fieses, kalkulierendes Hirn habe. Das hast du nicht, also hättest du mir eh nicht geglaubt – du hast ihm doch hoffentlich gesagt, wohin er seine Spiele stecken kann?« »Ich war nicht wirklich grob, bis er mit diesem Geschlechtertausch-Scheißdreck kam.« »Bei uns? Wie pathetisch! Diesen Witz erzählt er bereits ein Vierteljahrhundert lang.« Rose hatte ihren Namen aus der Selbstverständlichkeit heraus erhalten, daß sie, wie ihre Mutter, rosig und blond und taufrisch sein würde. Als sie noch sehr klein gewesen war, hatte diese andere Rose halbherzig in einer Vase in ihrem Kopf geblüht. Sie hatte sich ihrer zunehmenden Intelligenz widersetzt und sich, für und durch sie, mit einer Anzahl langweiliger, gehorsamer Kinder befreundet. Dann, in der frühen Pubertät, hatte sie sich wie eine Sommerschwalbe auf die Blume gestürzt, hatte sie zerrissen und zerfetzt und ihr einen letzten Stoß versetzt, um sicherzugehen, daß sie auch wirklich abgestorben war. Ihre Eltern hatten mit den sardonischen Bemerkungen über sie begonnen; sie hatte mit den sardonischen Bemerkungen über ihre Eltern begonnen. Sie hatte Examina bestanden, sich Frauengruppen angeschlossen, sie hatte sich betrunken und war ausfällig geworden, wenn sie auf den Parties ihrer Eltern hätte bescheiden und reizend sein sollen, und schließlich hatte sie ihr Elternhaus mit einem Dichter, der in den Fünfzigern war, verlassen, von dem Madge noch immer als ›jenem schmuddeligen alten Kerl‹ sprach. Rose hatte härter kämpfen müssen als Simon, und die Kämpfe wurden offener ausgetragen. Sie hatte nicht mit dem zweifelhaften Vorsprung eines Hätschelkinds angefangen, als der Junge, der alles hatte und den Ruhm der Familie vergrößern würde. Für ihre Eltern war völlig klar gewesen, daß
Rose lediglich clever und schwierig war, wo Simon brillant war. Obgleich sie gegeneinander ausgespielt worden waren, hatten die beiden stets zusammengehalten. Ehe Rose acht und ihr Bruder zehn Jahre alt war, hatten sie verstanden, daß in Madges Kosmos die Jungen hart und gut im Fußball waren und Türen für kichernde hübsche kleine Mädchen öffneten, und daß dieser Kosmos nichts mit ihnen gemein hatte. Roses Verdacht, ihre Mutter habe von nichts eine Ahnung, hatte sich verfestigt, als sie zu menstruieren begonnen und Madge sie zu Bett gebracht und ihr gesagt hatte, sie habe die Grippe; sie erzählte ihrem Bruder von jenem mysteriösen Virus, der keinerlei Einfluß auf ihre Nase habe, sondern einen blutigen Fluß dort hervorrief, was Madge ihr ›das da unten‹ nannte. Sie brüteten gemeinsam über der Encyclopedia Britannica, um herauszufinden, was mit ihrem Körper vonstatten ging. Sie kamen zu dem Schluß, daß das jeden Monat geschähe und bedeutete, sie könne ein Baby bekommen, wenn auch Rose niemals ein Baby hatte haben wollen, weder damals noch später. Sie halfen einander über die Pubertät hinweg, und als Jungen und Mädchen auf verschiedene Schulen aufgeteilt wurden, um sich lediglich auf Parties gehemmt und unsicher zu mischen, war ihnen das Gefühl verblieben, von der gleichen Art zu sein. Roses Feminismus war von der Vorstellung gemildert, Männer seien, so lange sie ihre Männlichkeit nicht zu sehr in den Vordergrund spielten, Freunde und Verbündete. Simon zog im allgemeinen die Gesellschaft von Frauen der Gesellschaft von Männern vor, obgleich ihn der leiseste Hinweis auf Madgeismus – ein übersteigertes Interesse an Essen oder Kleidung oder einer Tendenz, in Tränen auszubrechen – zum Verstummen bringen konnte. Gegenwärtig fanden ihre fruchtbarsten Begegnungen stets im Haus ihrer Eltern statt, ein- oder zweimal im Jahr, wenn
gemeinsame Wunden aufgedeckt, geleckt und überdacht werden konnten. Mit niemandem sonst vermochten sie ihre Kindheit und Pubertät zu bereden. Draußen begegneten sie einander steif, in diesem Haus jedoch mästeten sie sich freudig an der Vergangenheit, pickten Rosinen und fette Bissen heraus, die nur spät in der Nacht genießbar waren. »Erinnerst du dich noch daran, wie du Jessica zum erstenmal hierher zum Essen mitgebracht hast? Sie hatten sie schon seit Monaten eingeladen, und du hast stets Ausflüchte gesucht und schließlich nachgegeben. Sobald sie zum Klo ging und du ihr gefolgt bist, ist Madge über sie hergezogen. Sie sei ein bißchen übergeschnappt und nicht seriös genug für dich, und Bernard hat ängstlich die Stirn gerunzelt und gesagt, er wolle versuchen, etwas mit Rowena zu arrangieren.« »Was ist mit Rowena passiert?« »Sie hat den Sohn von Sammys Anwalt geheiratet.« »Perfekt. Nein, an diesen Abend erinnere ich mich nicht besonders.« »Ihr seid beide für eine halbe Stunde verschwunden, und Madge war stinksauer, weil das Essen kalt wurde, zumindest hat sie das gesagt. Was sie dachte, war vielleicht weit skurriler.« »Gott, ja, es muß dieser Abend gewesen sein. Ich kniete vor der Tür zum Bad, bis sie mich hineinließ und mir erlaubte, ihr die Beine zu streicheln. Jetzt ist anscheinend nichts mehr wirklich erotisch, nicht so wie damals. Alles war in Sex gebadet.« »Nicht für mich. Ich habe hübsche junge Männer niemals genügend leiden können, um mit ihnen zu schlafen, und Männer, mit denen ich mich gerne unterhielt, waren gewöhnlich fett und gräßlich, so daß ich’s für netter gehalten habe, ihre Körper nicht zur Kenntnis zu nehmen. Wie bei George.«
»Das habe ich nie verstanden.« »Ich habe nie was Junges und Zartes haben wollen, wie du und Jessica. Ich habe das für schmalzig gehalten. Ich wollte jemanden, der Bernard auf seinem eigenen Grund und Boden bekämpfte, und George hat das ganz gut gemacht.« »Sie haben einander gehaßt. Weißt du, daß ihm George eine Menge Geld abgeschwindelt hat? Er hat ‘ne Geschichte von einem Musical erfunden, das ein Freund von ihm geschrieben haben sollte, über König Artus, der wieder lebendig wurde und die Briten zu ihrem einstigen Ruhm zurückführte. ›Ring-aDing King‹ hatte es heißen sollen – ich erinnere mich daran, wie er Songs daraus gesungen hat und Bernards Fußspitzen sich dazu im Takt bewegten. Er hat ihm tatsächlich einen Scheck ausgestellt. Aber das solltest du nicht wissen, falls du ihn heiraten würdest.« »Ach, in Wirklichkeit hab ich alles gewußt. Ich habe ihm dabei geholfen, die Songs zu schreiben. Ich habe diese Seite an George gemocht. Es hat mir überhaupt nichts ausgemacht, daß er so skrupellos war, bis er damit bei mir angefangen hat. Ich habe ihn neulich gesehen.« »In einem Pub?« »Nein. Er kam gerade von einer dieser freakigen Sekten. Das Geheiligte Tabernakel des Milleniums, Ravenscourt Park, wurde sie genannt. In einer alten Kirche. Und George war da, in einer langen grünen Robe, umgeben von jungen Mädchen. Er ist sowas wie ein Hoher Priester – ich schätz mal, das gibt ihm Gelegenheit zu monologisieren, ohne daß ihn jemand unterbricht. Er hat praktisch alles aufgegeben, wie er behauptet: das Trinken, Tabak, Sex, den Versuch, veröffentlicht zu werden. Er hat mir einen Kaffee spendiert und mir dann eine Lektion darüber erteilt, wie schlecht er für mich sei. Wir haben uns gut unterhalten. Ich habe ihm
angeboten, einen Artikel über sie zu bringen, aber er hat ziemlich nervös gewirkt.« »Du hast aber auch eine ätzende Feder.« »Einen Word-Prozessor. Ich halte sie für übermütig, diese Sekten. Und ich bin mir nicht sicher, wie ernst George die Sache überhaupt nimmt, wirklich. Er hat sich die ganze Zeit darüber lustig gemacht, wie zerlumpt und zerfetzt er sei. Er sagte, wir alle müßten rein an Körper und Geist sein, um die nächsten tausend Jahre wert zu sein. Ich habe ihn gefragt, wie viele dafür qualifizierte Menschen es gebe, und er hat geantwortet, sechzehn. Der ganze übrige Rest von uns sei dazu prädestiniert, von Krieg und Krankheit vernichtet zu werden – was nur zu wahrscheinlich ist, wirklich –, dann bliebe nur noch dieser kleine Garten Eden in Ravenscourt Park, George und seine Mädchen. Was ist los?« »Alles saure Trauben. Ich habe nur gerade darüber nachgedacht, wie wundervoll es wäre, meine erste Liebe so zu treffen, mit ihr zu reden und freundlich zu sein und einfach wieder wegzugehen.« »Aber falls Jessica… hier… wäre, lebtest du mit ihr zusammen, also könntest du das sowieso nicht tun.« »Ich weiß nicht.« »Aber es war eine solch große Leidenschaft, völlig vereinnahmend und non-stop-romantisch. Nicht wie ich und George, wir waren Pyramus und Thisbe. Macht’s dir was aus, über Jessica zu reden?« »Mit dir nicht. Als sie starb, da mußte ich sowas wie eine Heilige aus ihr machen, weißt du. Es war die einzige Weise, wie ich damit zurechtkommen konnte. Kürzlich jedoch habe ich mich an all unsere Streitereien erinnert, und wie ungeduldig sie mit Merlin war – ich bin mir nicht im geringsten sicher, ob wir zusammengeblieben wären. Am meisten schmerzt der Gedanke, daß ich niemals mehr mit ihr
reden kann. Das hat in der Vorstellung von mir selbst dieses klaffende Loch zurückgelassen; zwölf Jahre, anscheinend stabil, sind zwiespältig und voller Fragen, die ich niemandem stellen kann. In dieser großen Leidenschaft war eine Menge Unsinn, und sie war vorüber, wirklich, lange bevor sie starb. Aber nichts anderes hat jemals soviel bedeutet.« »Was wird mit Merlin geschehen?« »Ja. Ja, das ist die Frage, nicht wahr? Er wird wohl zu mir kommen und bei mir leben.« »Oh, prima! Sollen wir ihn heute nacht entführen?« »Sei nicht so melodramatisch!« »Für mich war’s mehr eine Farce, wirklich. Er ist so ein netter kleiner Junge, obwohl ich die Wände hochgehen könnte beim Gedanken, wie an ihm herumgepfuscht wird. Du kannst einem Kind nicht einen solchen Namen aufbürden und es dann einfach vergessen.« »Ich hab ihn niemals vergessen, nicht einen Augenblick lang«, log Simon. »Aber die letzten paar Jahre war ich meiner selbst so wenig sicher, daß ich wirklich geglaubt habe, Madge käme besser mit ihm zurecht.« »Simon! Sieh doch, was sie uns angetan haben!« »Ich weiß, aber sie hat’s mit soviel Selbstvertrauen getan.« »Das ist die schlimmste Art von Beeinflussung. Du kannst ihr niemals gänzlich entrinnen – mir ist’s nie gelungen. Ich höre diese ewigen Kommentare von Madges Wertmaßstäben, die mir sagen, der Weg zum Herzen eines Mannes führe durch seinen Magen, und Männer mögen keine klugen Frauen, und Bernard, wie er sagt, es liege im Blut…« »Es sieht nicht so aus, als habest du dich von diesen Stimmen zurückhalten lassen.« »Dennoch ist’s ein beständiger Kampf, so eine Art wahnsinniger innerer Bürgerkrieg. Nein, Madge ist ein
Saboteur. Du hättest ihn für eine Weile zu mir schicken sollen.« »Was für ein widerlicher Vorschlag! Ihn allen deinen versoffenen schwulen Freunden und deinem schlampigen Haushalt auszusetzen!« »Siehst du! Dieselben Stimmen, du hörst sie auch!« Wie stets lächelten sie am Ende einander zu. Die Differenzen zwischen ihnen sorgten selten für Streit zwischen ihnen; es war eine solche Erleichterung, über alte Liebhaber und weggeworfenes Selbst reden zu können. Auf dem Treppenabsatz vor seinem Zimmer hörte Merlin ihnen zu. Er konnte die einzelnen Worte nicht verstehen, empfand jedoch die langen auf- und niederwogenden Sätze, von kurzen Ausbrüchen durchsetzt, beruhigend wie ein Tennisspiel. Er vertraute Simon und Rose, wenn er auch nicht von ihnen als Vater und Tante dachte. Seine Mutter war die einzige Person, an deren Verwandtschaft mit ihm selbst er völlig glaubte, und als sie gestorben war, hatte er sich dazu entschlossen, Waisenkind zu sein. Dabei fühlte er sich tapfer und romantisch. Es war etwas so Naheliegendes, zwei Elternteile zu haben oder sogar nur eines, und obgleich Simon viel ehrenwerter war als die meisten Erwachsenen, war er wirklich nicht herausragend genug, sein Vater zu sein. Merlin fühlte sich zwischen Stil und Charakter zerdrückt. Er wußte, daß man auf seine Großeltern nicht zählen konnte, aber er war zutiefst beeindruckt von deren Geld und Unabhängigkeit und Optimismus. In diesem Haus, das so viele Zimmer hatte, die überhaupt nicht benutzt wurden, kam er sich viel wichtiger vor als in der engen und schäbigen Wohnung, wo er bis zu seinem siebten Lebensjahr gelebt hatte. Hier fühlte er sich, als lebe er in einem Schloß, wie ein Prinz, umgeben von Festen und frisch duftender Kleidung und hübschen Streitereien um seine Erziehung. Gestritten wurde
die ganze Zeit über, darüber, was er zum Frühstück bekommen und was er jeden Tag tragen und wie er zur Schule gebracht und was er zur Teezeit haben sollte. Das verlieh ihm das Gefühl, von gewaltigem Interesse zu sein, und er absorbierte es durstig durch alle Poren, wie eine berühmte Schönheit teure Lotions in sich einsog. Er liebte sein großes Zimmer, das über den Garten blickte, mit den hellen Wänden und dem hellen Mobiliar, und daß sein Spielzeug und seine Bücher stets ordentlich aufgeräumt waren, wenn er von der Schule zurückkehrte, gleich, welches Chaos er hinterlassen hatte. Die alte Hexe oben war eine Versicherung, daß etwas Magisches in sein Leben getreten war; oftmals des Nachts hörte er sie im Zimmer über sich brummein, und vergangenen Sommer, als er erhöhte Temperatur gehabt hatte, hatte er sie in ihrem langen schwarzen Kleid im Flur gesehen, mit einem Gewehr, und sie hatte damit seine Großmutter erschießen wollen. So etwas konnte in einem Schloß vorkommen. Simons Haltung, nichts davon sei jemals wirklich geschehen, rückte entweder seinen Vater oder ihn selbst ins falsche Licht. Wieder bei Simon zu wohnen, bedeutete, einem außergewöhnlichen Ausblick den Rücken zu kehren, den er gerade erst entdeckt hatte, und zuzugeben, er sei nicht vorhanden. Nein, vielen Dank, heute möchte ich es nicht bequem oder schön haben, ich lebe einfach nur in meinem düsteren kleinen Loch und trage schreckliche Kleidung und esse braunen Reis. Das schien Simon die ganze Zeit über zu sagen, und Merlin war verwirrt. Simon tat stets so, als seien diese Fahrräder hübscher als große schnelle Wagen und als schmeckten angebrannte selbstgemachte Plätzchen besser als klebrig-süße gekaufte Kuchen und als sei billiges Spielzeug, so etwas, wie er ihm vorhin gegeben hatte, den großartigen Apparaten überlegen, die ihm seine Großmutter gekauft hatte. Dennoch konnte er Simon nicht der Lüge beschuldigen. Er
schwenkte die Wahrheit wie einen Flammenwerfer umher, verzerrend und zerstörend. Dieses Schloß wäre nicht annähernd so aufregend, wenn nicht Simon da wäre, dem es nicht gefiel. Merlin wußte, er hatte jetzt einen Pakt geschlossen, in die düstere Wohnung zurückzukehren, und er war erfreut und überrascht darüber, daß man ihn gefragt hatte. Aber er war sich nicht sicher, daß er ginge. Als letztes an diesem Abend, wenn er im Bett läge, erzählte er Simon die Ereignisse des Tages; seine Großeltern sollten eine zensierte Version davon erhalten, weil sie in Wirklichkeit nur Wachsfiguren waren, wenn auch sehr realistische. Er hörte Rose und Simon unten umhergehen, und er stand auf und wollte in sein Zimmer stürzen, ehe sie die Küchentür öffnen und ihn oben auf der Treppe erblicken würden. Dann hörte er die andere Tür, die Tür der Hexe, und stand wie erstarrt vor Furcht. Sie war keine böse Hexe, aber sie war häßlich und stank und verfolgte ihn die ganze Zeit über. Er glaubte, sie schnüffelte während seiner Abwesenheit in seinem Zimmer herum: manchmal konnte er ihr Alter und ihr Parfüm riechen, wenn er aus der Schule zurückkehrte. Er konnte sich darüber bei seinen Großeltern nicht beklagen, denn sie waren allen Geschehnissen im Schloß gegenüber taub, verstockt und blind, und außerdem haßte Madge die alte Frau, und Merlin wollte sie nicht in Schwierigkeiten bringen. Gefangen zwischen zweierlei nächtlichen Geräuschen wußte er, jemand würde ihn erwischen. Die Stufen über ihm knarrten, er schloß im Dunkeln die Augen und getraute sich nicht, sich umzuwenden. Jetzt konnte er sie riechen, lange bevor sie die spindeldürre Hand ausstreckte und ihn mit dieser heiseren, krächzenden Stimme ansprach.
»Mein Schatz? Kleiner? Würdest du deiner alten Vorfahrin einen Drink besorgen, ehe ich vor Langeweile sterbe? Ich kann nicht schlafen.« »Was für einen Drink?« »Brandy mit Soda.« »Rose und Simon sind da unten.« »Also lade sie ein, heraufzukommen. Wir wollen eine Party in meinem Zimmer geben, meine Totenwache∗ ein paar Monate früher feiern.« »Wie kannst du aufwachen*, wenn du nicht einschlafen kannst?« »Geh schon, hol mir einen Drink und stell keine Fragen!« Sie saß auf den Stufen über ihm und atmete schwer, ihr Atem war trocken und raschelte wie zusammengeknülltes Zeitungspapier, das aufs Feuer wartete. Sie hatte eine lustige, nasale Stimme, mit einer Spur jenes Cockney-Akzents, von dem Madge sagte, er habe ihn in seiner alten Schule aufgeschnappt. Jetzt, sagte sie, habe er eine hübsche kleine Stimme. Widerstrebend, sich dabei an der Wand festhaltend, huschte Merlin hinab ins Gesellschaftszimmer und tastete sich den Weg hinüber zum Tisch, wo die Drinks standen. Er mußte eine Stehlampe anknipsen, um die widerliche Ansammlung protziger Flaschen zu erleuchten. Es gab keine mit dem Etikett ›Brandy‹, nur eine hübsche rote Flasche, ›Cherry Brandy‹. Die Likörgläser standen in jenem mit Seide ausgeschlagenen Schränkchen mit der klemmenden Tür. Es widerte ihn an, was er jetzt tat, und er dachte darüber nach, wie blöde er aussähe, falls er ertappt würde. Merlin öffnete vorsichtig die Tür des Schränkchens, holte das Glas heraus, füllte es halb mit der wie ∗
Wortspiel: Wake – wake (Wachen, auch: Totenwache – aufwachen) – Anm.d. Übers.
Hustensaft aussehenden Flüssigkeit und fügte einen Schuß aus dem Sodasyphon hinzu. Er hörte Simon und Rose auf der anderen Seite der Halle. Er ließ die Lampe brennen, damit sie ihm den Weg zur Tür wiese, obgleich Bernard das am nächsten Morgen auffiele. Er beklagte sich noch immer über die Rechnungen. Auf dem Treppenabsatz ergriff Connie das Glas und spuckte. »Was ist ‘n das für ‘n Zeugs?« »Was du gesagt hast. Cherry Brandy.« »Mein Gott! Selbst das Kind versucht, mich zu vergiften.« »Ist das nicht richtig?« Aber sie verschwand über den Flur, und ihr Schmuck klickte, und das schimmernde schwarze Kleid, das sie stets trug, raschelte.
KAPITEL 4
Während sie ihre Party gaben, spielte Connie ihre alten Platten, und dabei war sie so unruhig geworden. Das Cover der einen Platte zeigte ein Photo von ihr, das Photo, welches sie im schönsten und lebendigsten Augenblick eingefangen hatte, ein Bild von einer Perfektion, die aufgeblitzt und sogleich gestorben war, nachdem die Kamera aufgehört hatte zu blinken. Stundenlang hatte sie sich in ihrem Sessel zu den Tangos, Black Bottoms, Congos, Rumbas und Cha-Cha-Chas gewiegt. Seit dem Cha-Cha-Cha war es mit ihrer Karriere bergab gegangen; sie war zu rätselhaft für jene kurzen heftigen Silben gewesen. Ihre Augen waren so groß und grün, mit wunderbarem Make-up, jede Wimper wie eine Feder, ihre Stimme heiser, jedoch melodiös. Bei den Songs für die Truppenbetreuung war ihre Stimme angeschwollen, um all jene Jungs mit ihren Teetassen und erhobenem Kinn zu bemuddeln. Ihre anderen Hits waren verlockend, verführerisch; obgleich sie in Hove geboren worden war, hatte sie ein instinktives Wissen um das Geheimnis. Darum waren die fünfziger Jahre, mit all diesem Mädchen-von-nebenan-Unsinn, eine schlechte Zeit für sie gewesen. Connie hatte oftmals in Betracht gezogen, einen ausländischen Akzent zu kultivieren, aber Bernards Vater war dagegen gewesen. Die Dietrich hatte es schrecklich übertrieben, mit diesen Beinen. Beim erneuten Blick auf dieses Gesicht überkam sie die Nostalgie, sie griff ihr ans Herz wie die Erinnerung an eine Liebe. Es war ihre Liebe, keiner ihrer Männer hatte sie auch nur halb soviel bewegt. Zarte Knochen, wie bei einem schneeweißen Vögelchen, das herzförmige Gesicht
durchbrochen von hohen Wangenknochen und umrahmt von den tiefroten Wellen ihres wunderbaren Haars. Eine atemberaubende Schönheit, jeder hatte das gesagt, nicht bloß nur hübsch oder attraktiv. Augenbrauen sorgfältigst gezupft, Apostrophe über ihren außergewöhnlichen Augen. Nicht diese riesigen Büsche, womit die Frauen jetzt herumliefen, über Nasen, die derart glänzten, daß man dachte, sie hätten sie sich poliert. Dieses Natürlich-Sein zu kultivieren war lächerlich; für Schönheit mußte man leiden, man mußte sie erschaffen, man mußte für sie leben und sie anschließend anbeten. Als junges Mädchen hatte sie Übungen vollführt, damit sich dieser lange geneigte Hals zu den weißen Schultern hinabschwang. Kein Anzeichen eines Doppelkinns hatte es gegeben, bis sie weit über fünfzig war. Und die Kleidung. Es hatte sie geschmerzt, als Bernard eine Frau geheiratet hatte, die Knitterstoffe und Kunststoffhandtaschen trug. Während des Kriegs waren Connies Stoffe und Parfüms ausgesprochen sinnlich gewesen. Sie pflegte mit der Hand über ihre Seide und ihren Satin und den harten kalten Flitter zu fahren, nachdem sie zuvor ein halbes Dutzend Kleider anprobiert hatte, ehe sie sich dafür entschied, welches sie am Abend tragen wollte. Einstmals hatte sie fünfzig Bühnenkostüme besessen, alle nach dem gleichen Schnittmuster, das ihr so sehr schmeichelte: Ärmellos, mit tiefem Rückenausschnitt, der Rock lang, raffiniert geschlitzt von jener kleinen Frau in der Nähe des Leicester Square. Das gleiche Kleid, in Seide und Spitze und Satin und Glitter, in Purpurrot und Grün und Schwarz. Die Frau auf dem Photo hielt eine türkische Zigarette in einer langen elfenbeinernen Spitze nebst einem Glas Brandy mit Soda. Es war sogar echter Brandy gewesen; sie war mit diesem Photographen ziemlich gut ausgekommen. Am meisten vermißte sie, nicht mehr von Leuten umgeben zu sein, die sich um sie bemühten – Schneiderinnen, Friseusen, Photographen,
Oberkellner, die sie zu ihrem Liebling machten. Bernards Vater Maurice hatte sich sehr gut um sie bemüht, wirklich, bis sie verheiratet gewesen waren, als seine Forderungen unvernünftig wurden. Das war der Anfang vom Ende gewesen. In der Stille zwischen den Platten hörte sie die Geräusche der Party von unten, einer Party, die, wie sie durch mehrere Wände hindurch wußte, quälend langweilig war. Alle waren sie aus geschäftlichen Gründen eingeladen, nicht ein einziger, weil er oder sie lustig oder schön oder talentiert war. Diese Madge versuchte, den Stil der Parties zu kopieren, die sie gegeben hatte, als Bernard ein Junge gewesen war, Parties, auf denen Madge normalerweise die trostloseste Person im ganzen Zimmer war. Schreckliche, schlaff herabhängende Kleider trug sie, mit Spangen aus Kunststoff im schlaffen gelben Haar und deutlich erkennbarer Qual im Gesicht, wann immer Bernard mit einer anderen Frau sprach. Das wirklich und wahrhaftige Mädchen von nebenan, nur daß sie in Wirklichkeit aus Epping stammte. Eine Unterhaltung mit ihr fiel Connie gewöhnlich so schwer, daß sie vorgab, vom Wald fasziniert zu sein, und ihr endlose Fragen über die Bäume, die angeblichen wilden Tiere, die Blumen stellte. Sie wollte das Mädchen nicht in Verlegenheit bringen, sie wollte sie lediglich durch einen Hauch von Romantik besser erscheinen lassen, die Tochter des Holzfällers statt der Nichte des Bürgermeisters. Das Haus damals, ehe die meisten der echten Antiquitäten verkauft wurden, um die Schulgebühren der Kinder zu bezahlen und Bernard durch die langen Phasen zu helfen, als es ihm an Glück und Urteilsvermögen mangelte. Connie erinnerte sich an ihre Wut, als sie eines Tages hinabgegangen war und ihre Louis-Quinze-Stühle und die florentinische Kommode mit den Einlegearbeiten gefehlt hatten. Die harsche Weise, wie Madge und Bernard vorgaben, nichts zu bemerken. Als ob die schäbigen Streichholzschachtel-Reproduktionen, die
sie gekauft hatten, ein echter Ersatz seien, als habe Connie zwanzig Jahre damit verbracht, sich glänzend einzurichten, nur um dann zu vergessen, was sie da hineingesteckt hatte. Sie hatten niemals verstanden, daß sie wegen des Hauses und der Kinder geblieben war, nicht wegen ihnen. Sobald Maurice gestorben war – sein Tod ebenso zurückhaltend wie sein Leben –, war das Haus für sie zu groß geworden. Es war jedoch überhaupt keine Frage, daß sie etwa umziehen oder daß Bernard in dem dürftigen Vorstadthaus leben würde, das alles war, was er sich hätte leisten können. Er war zu unfähig, um Maurices Kette von Wettläden zu übernehmen, also hatten er und seine Mutter einfach das Einkommen geteilt; über die Jahre hinweg immer weniger. Connie hatte ihnen sowohl Geld als auch Raum zur Verfügung gestellt, ihnen und ihren lärmenden Kindern, ihren geldgierigen Freunden, die niemals genügend Geld hatten, das zu tun, was sie tun wollten, und dem Königreich aus Plastik, das sie mit sich brachten: Geräte für die Küche, Spielzeug, schweißtreibende geblümte Gartenmöbel, Badezimmer-Installationen, Koffer, Mülleimer, Garderobenhaken, Bestecke und Steingutgeschirr. Madge mußte in ganz London eingekauft haben; wann immer sie etwas hatte haben wollen, das eigentlich aus Holz oder Metall oder Leder hätte sein sollen, mußte sie statt dessen nach Kunststoff verlangt haben. Bei heißem Wetter stank’s im ganzen Haus danach, ein kränklicher, Kopfschmerzen verursachender Geruch, der den Geruch nach Politur und Geißblatt überdeckte. Es war unzerbrechlich, erklärte Madge, so, als lägen alle übrigen Gegenstände im Haus zerbrochen herum. Als sie noch klein gewesen waren, hatten die Kinder tatsächlich eine beträchtliche Zerstörungswut entwickelt. Sie gehörten nicht der gleichen Spezies an wie der nette, umhegte Bernard, aber sie hatte sie weit mehr gemocht. Einige Jahre
lang erfreute sie sich an ihnen mehr als an allem anderen, mehr als an ihren noch lebenden Freunden, die gedankenlos alt und häßlich geworden waren. Freudig hatte sie ihren Haushalt um ihre leuchtenden unersättlichen kleinen Gesichter kreisen lassen, und sie hatte sie, zur eigenen Überraschung, kritiklos geliebt, wenn sie schmutzig und krank und schlechter Laune und gehässig gewesen waren. Sie hatte Madge für viel zu streng und besitzergreifend gehalten und hatte ihr das gesagt, was eine Menge Schwierigkeiten verursachte. Es war schier unglaublich, daß solch entzückende Wesen aus einer derartigen Wischi-Waschi-Heirat hervorgegangen sein sollten. Als sie Großmutter geworden war, hatte Connie zum erstenmal seit dem vernichtenden Zusammenstoß mit dem Cha-Cha-Cha wieder an sich geglaubt. Jetzt nannte sie niemand Großmutter. Simon und Rose kamen sie selten einmal besuchen, obgleich sie stets wußte, wann sie sich im Haus aufhielten. Dieser drollige Kleine unten fürchtete sich vor ihr. Es war ihre Sprache, sie sagte das Falsche, obgleich sie fix in Gedanken war, zu fix vielleicht, denn die Gedanken wirbelten in ihr wie Kugeln auf einem Billardtisch. Sie hatten ihr das Haus gestohlen, während sie Großmutter gespielt hatte. Sie aus diesem Zimmer gedrängt und so, immer wegen der Kinder, wo es doch in Wirklichkeit um sie selbst und ihre öden Freunde gegangen war. Sie hatten damit begonnen, mehr Parties zu geben; zunächst hatten sie sie eingeladen, aber nur so lange, bis sie die Gelegenheit ergriffen hatte, ihren Freunden zu sagen, was vor sich ging. Wie Madge sie aus der Küche fernhielt und ihr sagte, sie sei schmutzig, und wie sie ihre Photos aus dem Gesellschaftszimmer verschwinden ließ. Brandy und Soda waren nur zum Durchhalten dagewesen, dazu, in den Spiegel blicken zu können. Vor Jahren schon hatten sie ihre Trinkerei unterbunden, wegen dieses
Dingsbums da in ihrem Hals, Krebs, aber dafür hatten sie jetzt eine neue Bezeichnung. Die Dunkelheit war durchtränkt vom Aroma von Courvoisier, Zigarren, marinierten Walnüssen, den Geistern vergangener Genüsse. Das miese klebrige Zeugs, das Merlin ihr gebracht hatte, wäre vor wenigen Jahren noch ein Witz gewesen, sie hätte gelacht und hätte Sympathie empfunden für den Fehler des Kindes. Jetzt jedoch machte sie das Unerwartete wütend. Eine neue Toilettenpapier-Marke oder ein seltsamer Wagen draußen vor der Tür erinnerten sie daran, daß man sie nicht mehr länger zu fragen hatte. Die Lichter an den Zimmerwänden waren klein und unauffällig, unter dunkelroten, halbkreisförmigen Schirmen versteckt. Mit den Gesten einer sehr jungen Künstlerin, die sich für den Auftritt vorbereitet, überprüfte Connie ihr Makeup, ließ die Finger durch das schüttere Haar gleiten und berührte die ebene Stelle, wo ihre Haut auf den mit schwarzem Flitter besetzten Kragen ihres Kleides traf. Dann trug sie das Glas hinüber zu ihrem Publikum, dem großen, schwenkbaren Spiegel im Edward-Stil. Die Parodie auf ihre Photographie war vollständig. Nur ihre Farben, das Rot und Weiß und Schwarz, erinnerten an den Verlust ihrer Schönheit. Das Rot jedoch war das clowneske Orange zu vieler Hennabehandlungen ihres weißen Haars, das Weiß hatte den gelblichen Stich von Teig, und das Schwarz war überzogen von einem schwammartigen Grün; sie starrte auf ein Rechteck aus Abwasser, worin zerknülltes Papier trieb und worüber staubige Herbstgräser hingen. Die zerbrechlichen Knochen warteten jetzt lediglich darauf, zum Skelett zu werden, sie waren mit einer schäbigen Plane aus Haut überzogen. Mit ihren Augen war es die vergangenen Jahre schlimmer geworden, aber noch waren sie nicht kurzsichtig genug, den Schock abzumildern. Die kleinen Phrasen, die sie so lange Zeit aufgemuntert hatten – hübsche Figur, sieht viel
jünger aus, hätte sich nicht so früh zurückziehen sollen –, tönten ihr jetzt flach und unaufrichtig im Ohr. Niemals mehr wäre sie noch imstande, ihnen Glauben zu schenken. Sie stahl sich vom Spiegel weg, wollte nicht die ganze Nacht über bei diesem grotesken Bild sitzenbleiben. Als Simon drei Jahre alt gewesen war, hatte sein Lieblingsvorwurf in den Worten bestanden: Ekelhafte alte Bananenhaut. Connie brummte die Worte laut vor sich hin, eine Anrufung gegen die bösartige alte Hexe. Die Leute verstanden nicht, daß man um Jahre hinter seiner Haut leben konnte. Während sie dahinwelkte, errötete und zitterte die eigene Seele weiter. Kein Partylärm mehr, überhaupt keine Geräusche, sie wankte wieder allein durch die Nacht. Die Schwärze draußen vor dem Fenster war ebensosehr mit Ungeheuern bevölkert, wie sie’s damals als Kind empfunden hatte. Ihre hübschen Lampen drangen nicht durch die Schatten von Enttäuschung, Verlust und Verrat, die sie erfolgreich verbannt hatte, bis sie das eigene Fleisch betrog. Jemand anderer war noch wach, Simon, ihre letzte Liebe, der im Zimmer unten herumpolterte. Einen Augenblick lang hoffte Connie, er bumse dort unten eins von den Partyvögelchen. Schrecklich, wie sexlos er geworden war, nachdem dieses launische Mädchen (die Connie ziemlich gemocht hatte) gestorben war. Es war jedoch kein rhythmisches Wummern, nur das Gepolter und Geschiebe, womit die Möbel umgestellt wurden. Ein weiterer Zappelphilipp in der Nacht. Connie konnte sich nicht daran erinnern, wann sie sich zum letztenmal wirklich wohlgefühlt hatte.
KAPITEL 5
Dick lag die Vergangenheit in jener Nacht über dem Haus, bedeckte die frisch gestrichenen Wände mit dem Staub einer Zeit, die durchlebt, aber nicht absorbiert war. Simon, der törichterweise zum erstenmal seit Jahren in seinem alten Kinderzimmer schlief, wurde gleich nach dem Öffnen der Tür klar, daß er keine Chance hatte; das gierige Untier seines unvollendeten Werks war dort und flüsterte Verheißungen. Ein prähistorisches Untier, Prä-Jessica, Prä-Smiles, dessen Fänge unter dem bestickten Tuch verborgen waren, eine Art Altartuch, das seine Mutter über das Modell auf dem Tisch vor seinem Bett geworfen hatte. Seitdem er zuletzt daran gearbeitet hatte, mit achtzehn Jahren, war er außerstande gewesen, es näher in Augenschein zu nehmen. Als Fundament hatte es den größeren Teil einer Hartfaserplatte, die Madge zerschnitten und sich daraufhin entschlossen hatte, sie nicht zu benutzen. Simon war zu dieser Zeit zehn Jahre alt gewesen. Schon damals hatte er alles gehortet; er hatte die Platte in sein Zimmer hinaufgezerrt und sie als Basis für Plastilinfiguren benutzt. Schlangen, Elefanten, Bäume, eine Hexe, Dinosaurier, Riesen, Soldaten, eine Meerjungfrau und einen Clown, allesamt schmutzig gesprenkelt, weil er sie jede Nacht zu einem Ball zusammengeknetet hatte. Nachdem er sie fest auf die Platte gesetzt hatte, entsprossen Beziehungen zwischen ihnen – die Meerjungfrau wandte den Kopf einem der Soldaten zu, und die Bäume wuchsen rings um die Hexe, um die anderen vor ihr abzuschirmen. Als Simon damit begann, auf der glänzenden braunen Ebene, die sich zwischen seinen Wesen erstreckte, zu
bauen, wurde die Siedlung anspruchsvoller. Im Zentrum errichtete er eine Kathedralen-Moschee, wie diejenige, die er in Cordoba gesehen hatte, mit spitzen Türmchen aus Gold- und Silberpapier und einer Kuppel aus Murmeln. Damit die Basis das Gewicht des Daches tragen konnte, mußte sie aus Bausteinen bestehen, die Rose weggeworfen hatte. Für die Türen und Fenster hatte er Papierfüllungen ausgeschnitten und sie mit Onyx-Säulen und goldenen Altären bemalt, um einen echten Innenraum vorzutäuschen. Rings um den Marktplatz standen feste, dunkle Gebäude in allen Arten, die ihn jemals beeindruckt hatten; flache, gedeckte Rechtecke mit Stufen an der Außenseite und einem Innenhof, wo in seiner Vorstellung die jüdischen Ahnen seines Vaters mit ihren gestreiften Gewändern gelebt hatten, Strohhütten, um einen Dorfanger gruppiert, ein französisches Schloß mit tütenförmigen Einwegbechern oben drauf, eine mittelalterliche Burg mit einem Graben und einer höhlenartigen Klause mit Einsiedler. Sobald er damit begonnen hatte, die Stadt zu bevölkern, interessierte sich Rose dafür. Sie entschied kategorisch, Plastilin sei zu weich, man hinterließ überall Fingerabdrücke auf den Menschen, wenn man sie bewegte, also formten sie tönerne Einwohner. Es gab Bauern mit Sensen, eine Schloßherrin, Ungeheuer, Nonnen, Kobolde, die Jungfrau von Orleans, Elton John und Julius Cäsar. Nichts war überflüssig; alle Menschen hatten Namen und Charaktere, und sie bewegten sich zu ausgeklügelten Zwecken durch die zerbröselnden Straßen. Schmale Sträßchen wanden sich wie Gräben dahin, wo sie die Plastilinunterlage fest auf die Platte gedrückt hatten. Die ganze Zeit über schwebte die Stadt am Rande des Zusammenbruchs; sie wankte und drohte wie Wachs zu schmelzen, und dieser Zustand hatte in Simon einen angenehmen Sinn für Vergänglichkeit erweckt. Es kam ihm heute so vor, als habe er mehr Zuversicht verspürt, während er
die zerbrechlichen Figuren herumgeschoben hatte, als jemals danach. Rose hatte Geschichten und Theaterstücke über die Fehde zwischen den großnasigen Aristokraten im Schloß und dem Jungen und Mädchen in einer der Hütten geschrieben. Sie versuchten stets, die Sklaven zu befreien und der Jungfrau von Orleans dabei zu helfen, dem Scheiterhaufen zu entrinnen. Rose und Simon war ziemlich froh darüber, ihre Abenteuer delegieren zu können. Ihre eigene Kindheit war städtisch, seßhaft und voller Habgier. Die Stadt beanspruchte den größten Teil ihrer Freizeit und ihres Taschengeldes, ebenso, wie jene andere Stadt ihren Vater so sehr beanspruchte, der stets über rosa und mit Zahlenkolonnen bedecktem Papier seufzte. Drei Jahre lang war sie ihr Ventil, und selbst ihre Streitereien waren aus zweiter Hand, wilde Kämpfe zwischen dem Jungen und dem Mädchen in der Hütte. Über deren Köpfe hinweg funkelten Simon und Rose einander an. Während der Schulferien wurde ihre Saga lediglich von den Forderungen des Alltags, wie Milkshakes trinken, Zungenwurst- und Salat-Sandwiches und Großmutters Weihnachtskuchen essen, unterbrochen. Simon fragte sich, ob Rose all diese Geschichten aufbewahrt hatte, und er kam zu dem Schluß, daß es ihr die Mühe wohl nicht wert gewesen war. Nachdem sie beide ihr Geplauder um zwei Uhr morgens beendet hatten, hatte sie sich ein Taxi gerufen, das sie zurück in die Gegenwart bringen sollte. Rose verstand es besser als er, sich von etwas zu lösen. Bei ihr konnte es auch kaum anders sein. Wann immer Simon glaubte, er sei beladen mit einer harten, unleugbaren Wahrheit – unglückliche Kindheit, tragischer Tod der Frau –, drehte und wand sie sich und wurde vom Abgrund seiner Aufrichtigkeit verschlungen. Die erste Stadt war jetzt nichts mehr weiter als etwas verschmiertes Plastilin in einer Ecke der Platte, aber er konnte sich jedes einzelnen Details davon erinnern, und auch,
wie er sich dabei gefühlt hatte: seines Talents und eines unverbrüchlichen Versprechens sicher. Mit dieser Stadt hatte er lediglich für all die großartigen Gebäude geübt, die er außerhalb der Stadt errichten wollte. Schon damals war Madge eine größere Bedrohung gewesen als sonst jemand. Stets mußte man ihre Wutausbrüche fürchten, ihre Enttäuschungen meiden. Der ganze Haushalt drehte sich anscheinend darum. Dann jedoch war da ihr Essen, das man zu essen hatte, ihre Bewunderung, worin man sich suhlen konnte. Später hatte er den größten Teil des Unglücklichseins für wirklich genommen, als seine Eltern Jessica gedemütigt hatten, und dann erneut, als er spürte, er würde bei der Anstrengung explodieren, das Leben in Smiles mit dem Leben in St. John’s Wood zu versöhnen. Nur dann konnte er in beiden zugleich festen Boden unter den Füßen behalten, wenn er seinen Eltern deren Blasiertheit vorwarf, deren Einstellung, daß nämlich jeder, dem’s nicht so gut ging wie ihnen, daran nur selbst schuld war, und daß jeder, dem es besser ging, ein Schwindler war. Er hatte diese unglückliche Kindheit geformt und gestaltet, dachte jetzt jedoch schmerzerfüllt, daß sie viel geborgener und leichter als die Kindheit seines Sohnes gewesen war. Eines Tages, nach einem Blick in ein Buch mit Modellen vom alten Rom, hatte er die Plastilin-Stadt zerstört. Jahre eines inneren Lebens zu einem schmutzigen Klumpen geformt und geknetet und weggeworfen. Rose hatte wütend geheult, als sie sah, was er getan hatte. »Es war auch meine Stadt!« »Sie stand in meinem Zimmer.« »Ich hab all die Leute und die Geschichten gemacht – was hast du mit den Leuten getan?« »Ich hab sie für dich in einen Schuhkarton gelegt. Von der Jungfrau von Orleans ist was abgebröckelt, tut mir leid.«
»Du hättest sie in mein Zimmer stellen können, wenn du sie nicht mehr haben wolltest. Es war schrecklich, was du getan hast. Als hättest du eine Bombe fallen lassen. Du hättest mir was sagen können.« »Sie war schrecklich kindisch, Rose, plump und matschig. Ich werde eine viel bessere machen. Sieh mal her, ist das nicht wunderschön? Du kannst alle Türen und Fenster sehen, alle Einzelheiten sind vollkommen. Du kannst mir helfen. Wenn du magst, stellen wir die gleichen Gebäude hin, nur richtig aus Holz und Kunststoff und im richtigen Maßstab.« »Sie ist langweilig. Sieht aus wie sowas in ‘nem Museum. Und sie ist leer, und was für einen Zweck hat eine Stadt ohne Menschen?« »Du kannst kleine Figuren kaufen und sie hineinstellen, auch hübsche fedrige Bäume. Am Samstag nehm ich dich zu einem Modellgeschäft mit.« »Ich will keine verdammten Federn! Ich will meine Stadt zurück, und ich will keine winzig kleinen Häuser wie die da, ich möchte etwas, wo sich die Menschen drin bewegen können!« Fest hatte sie den Schuhkarton gepackt, und er erinnerte sich überrascht an ihren leidenschaftlichen Kummer. Rose war sehr klein für ihr Alter gewesen, mit einem bleichen, gelblichen Gesicht, das sie stets vorstreckte, wenn sie etwas verstehen wollte. Als Kind war ihr Haar gleichfalls langweilig, kurze sandfarbene Locken, und der einzige Farbtupfer in ihrem Gesicht waren die grünen Flecken in den braunen Augen, die ihn so bitter angesehen hatten, und ihre Tränen hatten die eine Ecke des Schuhkartons durchweicht. Sie war so oft wütend gewesen. Ihre Kindheit bestand darin, Boshaftigkeiten auszubrüten, und sie wartete darauf, daß sie endete, um sich endlich auf eigene Füße stellen zu können.
Wie um sich jetzt an ihr zu rächen, hatte die zweite Stadt ausgesehen wie eine ziemlich wertlose Ausstellung in einem Provinzmuseum. Nett, auf Biegen und Brechen modern, keine Anachronismen und keine Überraschungen; die Vision des Mannes, der später der Welt ein unterirdisches Parkhaus in Kuwait und eine öffentliche Toilette in Aberdeen schenken sollte. Auf brutale Weise illustrierten die beiden Städte jenen Punkt, der Simon stets getroffen hatte, wenn er Kunstausstellungen von Kindern besuchen ging. Die jüngeren Altersgruppen brachten Werke voller Vitalität und Mut hervor, sie brachen freudig jegliche Gesetze der Perspektive und benutzten schreiend bunte Farben, wie Rot und Grün und Gelb. Dann, etwa mit zwölf Jahren, entdeckten die Kinder, die ›gut in Kunst waren‹, die Tyrannei des Realismus und versuchten bewußt, das zu reproduzieren, was sie rings um sich her erblickten. Wände mit artigen, stummen, akkuraten Bildern von Weinflaschen und Bananen, sehr, sehr tote Natur, getötet vom Verlangen, die Erwachsenen nachzuahmen. Das machte ihn zu einem sehr gewöhnlichen Kind mit einer Vorstellungskraft gerade groß genug für eine Hartfaserplatte. Doch an Abenden mit größerem Selbstvertrauen – nicht am heutigen Abend – spürte Simon noch immer, wie in seinem Kopf Kirchturmspitzen und Marktplätze und eklektische 21.Jahrhundert-Boulevards herumschwirrten. Er deckte das Modell wieder zu, stellte den Tisch weiter weg, hinüber zum Fenster, knipste das Licht aus und tastete sich den Weg hinüber zum Bett. Sein Körper erinnerte sich noch immer an die Anordnung der Gegenstände im Zimmer. Sein Fuß mied den Stuhl, und seine Hand stellte das Glas Wasser, das er mit sich getragen hatte, auf den Nachttisch neben dem Bett. Sein Kopf war schwer und schmerzte von einem Zwanzig-Stunden-Tag und vom genossenen Alkohol. Er würde sich gestatten, auszuschlafen.
Die Laken waren kühl und frisch, wie es die eigenen niemals waren. Er legte sich auf den Rücken und ließ sich behaglich treiben. Simon träumte, er und Christy würden sich lieben. Auf einem kahlen, unpersönlichen Flur klammerten sie sich aneinander, küßten sich, streichelten sich, leckten, saugten, umarmten sich, fickten, fingerten, verschmolzen das Innerste miteinander. Das alles war so eindringlich gewesen, daß er sich später nicht mehr daran erinnern konnte, ob das Licht gebrannt hatte oder ob sie bekleidet oder nackt gewesen waren. Er hatte sie nicht sehen müssen, um zu wissen, daß es Christy gewesen war, Christy und er, selbstvergessen glücklich auf dem Fußboden eines Traumwürfels. Er wachte auf und war schockiert, daß die Bettlaken vollgesogen waren von Sperma und Schweiß, wie es vor zwanzig Jahren manchmal gewesen war. Irgend etwas mußte da fehlerhaft sein, ein Teil seines Bewußtseins versuchte, den anderen zu maßregeln, Christy und ich halten Abstand. Er war sogar stolz auf ihre funktionierende Freundschaft gewesen. Seit Jessicas Tod war er sexuell überhaupt nicht mehr aktiv gewesen, und das war gleichfalls eine Quelle des Stolzes: wie sauber wäre das Leben, wenn er unverheiratet bliebe und sich Smiles und Merlin hingäbe. Ein weltlicher, väterlicher Priester. Jetzt lag er in einer Lache aus kaltem Verlangen und brennender Neugier. Statt zu schrumpfen und zu vergehen, war seine sexuelle Kraft in ihm gereift und hatte diese unwahrscheinliche Konstellation aufgenommen und zur Blüte gebracht. Es war eine solch alte Gewohnheit, in diesem Bett zu liegen und sich wegen sexuellem Verlangen schuldig zu fühlen. Aber er fühlte sich nicht schuldig, war lediglich überrascht und dankbar. Der Traum schwebte über ihm, während er in dem luxuriösen Badezimmer in der Wanne lag und anschließend das
großzügige Freeman-Frühstück genoß. Erfreut darüber, ihn zu dieser Stunde zu sehen, traktierte ihn Madge mit Champignons und Rührei und getoasteten Wecken, während ihr kleiner Mann um den Tisch surrte. Christy war der Traum, und der Traum war Christy. Der Duft ihre Traumhaut haftete an ihm, und ihr amüsierter Blick beobachtete seinen dekadenten Morgen. Er wurde von dem versonnenen Starren Merlins ersetzt, der nichts sagte, sondern in erstarrter Erwartung dasaß. »Kommst du mit rauf zu Großmama?« fragte Simon mit gezwungener Jovialität. »Nein. Ich mag ihr Zimmer nicht, es riecht.« Madge lächelte zufrieden. »Wir alle riechen, wenn wir so alt sind wie sie. Komm für ein paar Minuten mit rauf, und dann wollen wir in den Park gehen.« »Ich komme mit, wenn du zum Mittagessen bleibst.« Connie vermochte kaum zu glauben, daß sie das Ende ihrer Nachtwache waren. Sie standen im Türrahmen und sahen so fesch und englisch aus, und sie war froh, daß ihre Nachkommen mehr wie Nazi-Offiziere aussahen als deren Opfer; man konnte ja nie wissen, wann das alles wieder von vorn anfing. Sie erinnerte sich daran, wie ihre Mutter kurz vor dem Krieg einen Brief bekommen und gejammert hatte: »Alle sind in ein Konzentrationslager gebracht worden.« Eine der wenigen Taten Bernards, die ihre volle Zustimmung genossen hatte, war die Änderung ihres Namens von Friedstein zu Freeman gewesen. Sie hatte ihn einmal in einem Buch über alte englische Familiennamen nachgeschlagen: »Herkunft von ›Freier Mann‹. In angelsächsischen Siedlungen ein üblicher Name.« »Meine kleinen britischen Prinzen«, sagte sie und barg beider rosige Hände in den eigenen trockenen gelben Händen.
Merlins Blick schweifte umher, wie stets, wenn ihn Erwachsene so verlegen werden ließen, daß er es nicht ertragen konnte, sie anzusehen. Aber es gefiel ihm, dort neben seinem Vater zu stehen, vor ihr, denn es war, als wären sie Brüder, die Kluft des Alters zwischen ihnen schloß sich vor jemand so Uraltem. Der Gestank alter Kleider, schalen Make-ups und verschrumpelter Haut war entsetzlich. Simon mußte ihm einen Stoß geben, ehe er ihr einen Kuß geben wollte. »Ich habe mir überlegt, daß du dir eine andere Freundin suchen solltest«, sagte sie zu Simon. Sie wollte an allen wichtigen Angelegenheiten beteiligt sein, weil sie ihn vielleicht niemals mehr sähe. »Das habe ich auch schon oft gedacht.« Er lächelte, hörte jedoch aus seiner Stimme jene aufgesetzte Fröhlichkeit heraus, die er für die außergewöhnliche Offenheit eines Irren oder Betrunkenen reserviert hatte, wenn er ihnen den Wind aus den Segeln nehmen wollte. »Deine Mutter versucht, mich loszuwerden.« »Oh! Ich bin mir sicher, du irrst dich da.« »Ja. Werfen mich weg wie ein benutztes Taschentuch, genau das tun sie.« »Ich glaube wirklich nicht…« »Doch. Keine Diskussionen, dafür ist keine Zeit. Aber ich möchte, daß du es bekommst, nicht sie. Mit all ihrem Plastik und ihrem fetten gierigen Gesicht möchte ich sie aus dem Haus jagen. Bring mich zu einem Notar!« »Was – jetzt? Es ist Sonntag!« »Bernards Vetter war sehr gut. Hieß Spencer. Lebt er noch?« Simon spürte, wie sich die Kraft ihres Willens, anständig zu sterben, über all die Gerüche im Zimmer hob. Mehr konnte ein Wille nicht sein, und warum sollte man ihr nicht ihren Willen lassen? Er wollte das Haus nicht, aber er verdiente es, oder
verdiente es auch nicht, ebensosehr wie seine Eltern. Vielleicht konnte er’s dazu benutzen, Merlin zu helfen. »Also gut. Bist du dir sicher, Großmama, daß du rausgehen kannst? Wie lang ist’s her, seitdem du dieses Zimmer verlassen hast?« »Ich werde meinen Nerz tragen, und mein aufreizendes Tangokleid. Ich werde dich nicht blamieren. Du bist ein guter Junge. Aber sie wollen mich nicht rauslassen.« »Ach, komm schon, sie schließen dich nicht ein, oder?« »Wie diese Frau in Jane Eyre.« Merlin glühte vor Aufregung. Plötzlich war sie erschöpft und mußte sich setzen. »Die haben schon längst die Schlüssel verkauft. Ich habe seit fünf Jahren nicht geschlafen, und niemandem fällt’s auf.« Die beiden standen noch immer über sie gebeugt, aber sie waberten und wichen zurück, und sie wußte nicht, ob es ihre Körper bewirkt hatten oder ihr Mitgefühl. »Jack Buchanan hat gesagt, ich hätte Filme machen sollen.« Sie war sich nicht sicher, ob sie noch immer da waren. Sie hielt die Augen weiterhin geschlossen, und in den Augenwinkeln zuckte es, und sie hatte wirklich keine Ahnung, was ihre Zunge sagen wollte. »Ich mache auf jeden Fall einen Termin, Großmama, und wir werden hingehen, wenn du nicht zu erschöpft bist.« »Er hätte diese Krankenschwester heiraten sollen.« Ihr Kopf war wie ein Spielzeug, das um einen Stock herumgeschleudert wurde. Er neigte sich in den unmöglichsten Winkeln, während ihre Gedanken aus dem Schlaf in waches Durcheinander schlingerten. Merlin hielt es für bösartig, so häßlich zu sein, und er zupfte Simon am Arm, um ihn nach unten zu bringen, wo die Leute wenigstens wußten, wie man den Kopf auf dem Hals hielt. »Auf Wiedersehen, Großmama. Komme bald wieder vorbei.« Zu Merlins Ekel küßte er sie.
Sie hörte sie nicht gehen. Sie war auf dem Dach des Gargoyle während des Blitzkriegs, überall Hitlers kleine Feuerwerker, und sie wirbelte zu den Klängen von Bunny Haskins und seiner Band umher und hielt nur inne, um sich die Nase vor ihrer Perlmuttdose zu pudern. Den ganzen Weg nach unten hielt Merlin den Arm seines Vaters fest im Griff, so daß sich Simon vorkam wie unter der Überwachung eines sehr kleinen Polizisten. Und die Spinnenfrau oben in ihrem Glitterkleid spann ihre Netze, sie alle darin zu fangen: wenn das Haus das seine wäre, wäre er irgendwie festgenagelt. Also trug er jetzt Handschellen, ein nettes hinterhältiges Netz aus Gefühlen der Familie gegenüber fesselte seinen Torso, und Christys Traumhände griffen nach ihm, um ihm Herz und Hoden zu streicheln. Als sie Madge, unten an der Treppe stehend, zum Essen rief, eine große, überreife Mangofrucht, ertappte sich Simon dabei, wie er das Leben genoß. Freude und Liebe, wogegen er so lange Zeit immun gewesen war, waren jäh wieder in greifbare Nähe gerückt. Sie überfluteten das Treppenhaus mit verführerischen Farben, und ihre Energien stiegen aus allen vier Ecken seines Wesens auf und ließen ihn vor Überraschung auflachen.
KAPITEL 6
Dreißig Menschen saßen in dem alten Container, Smiles’ Versammlungsraum. Es waren mehr Frauen als Männer, und alle trugen sie Mäntel – Pelzmäntel, Armeemäntel, schwere Tweed-Mäntel, die aussahen, als sei man darin einstmals über die schottischen Hochmoore gerobbt. Eine kleine schwarze Frau mit rasiertem Kopf trug eine Decke mit drei hineingeschnittenen Löchern und umklammerte einen Einkaufswagen voller sorgfältig verknoteter Lumpen. Die Aprilnacht war kalt, so daß der Atem der Sprechenden Dampfwolken in der Luft bildete. Heiße Luft, dachte Christy traurig, erschöpfter Dampf. Sie hatte ihren Bericht bereits abgeliefert, nervös und sich wegen des eigenen Pessimismus entschuldigend; nein, die Kinder lernten ganz und gar nichts, sie wurden lediglich ein paar Stunden am Tag aus der Gefahrenzone gehalten, und sie erhielten auch keine ausgewogene Kost, gerade eben genügend, daß die meisten von ihnen keine Rachitis bekamen. Jetzt sprach gerade die Frau aus der Ansiedlung in der alten County Hall in jener distanzierten, ausgewogenen Weise, die sich alle anzueignen versuchten. Ihre Stimme zitterte, als sie berichtete, vergangene Woche sei ein Kind ertrunken, als es bei Ebbe im Schlamm spielte. Die Polizei hatte gesagt, sie sollten besser auf die Kinder aufpassen. »Dort leben jetzt dreitausend Menschen, vielleicht mehr, ich weiß es nicht. Wenn ein Zimmer frei wird, geben wir’s einer Familie. Was sollten wir sonst tun? Mehr als die Hälfte sind Kinder, und die Schulen wollen sie nicht aufnehmen, also spielen sie natürlich am Fluß. In den Gärten gibt es jetzt wegen
der Zelte keinen Platz mehr zum Spielen. Ich unterrichte so viele, wie ich nur eben kann, aber eine Menge wollen nicht zu den Stunden kommen. Sobald sie elf oder zwölf sind, verschwinden sie und gehen in ein Teenie-Camp, vergangene Woche sagte meine Tochter, sie sähe keinen Sinn darin zu bleiben.« »In einem von diesen Kinder-Camps drüben in North Kensington hat es vergangene Nacht ein Feuer gegeben«, warf jemand ein. »Ordnung, nicht unterbrechen!« sagte Sean, als sich die Frau in Tränen aufgelöst hinsetzte. »Ordnung ist ‘ne lustige Bezeichnung für das, was wir hier haben.« »Gesetz und Ordnung, das haben sie uns versprochen.« »Mit diesem Mittelklassen-Gelaber werden wir weder das noch sonstwas kriegen. Wir sollten dort draußen auf den Barrikaden stehen und Pflastersteine ausgraben!« »Wir kämpfen bereits«, sagte Christy. »Nur nicht mit Gewalt.« Der Mann mit seiner Vorliebe für Pflastersteine kicherte. Sean hatte die ruhige Autorität eines Menschen, der mehr Zeit in Versammlungen verbrachte als für sich selbst. »Ich sagte Ordnung, nicht weil es da draußen welche gibt, sondern weil wir verhungerten, wenn wir hier drinnen nicht welche hätten. Wer ist der nächste?« Ein wahrer Schrank von einem Mann, schon etwas älter, stand auf. Christy, die ihn noch nie zuvor gesehen hatte, war überrascht von seiner Beredsamkeit, obwohl sein Mund aussah wie eine zerquetschte Pflaume. »Jim Stearne, vom ehemaligen St. John’s Hospital, in der Nähe von Clapham Junction. Und falls ihr euch das fragt – ich bin kein Arzt, sondern genauso ein Rausgeworfener wie ihr alle, nur daß ein paar von uns reden können und ein paar nicht
reden können. Ehe ich euch jetzt meinen Bericht abliefere, möchte ich etwas anderes sagen: Ich bin zum allererstenmal hier, und es macht mir nichts aus, euch zu sagen, daß ich so meine Zweifel hatte zu kommen. Reden ist gut und schön, und ich erledige mehr als meinen Anteil dabei, aber meiner Ansicht nach sind Diskussionsrunden nicht das, was wir gegenwärtig brauchen. Ich war Mitglied der alten Seefahrer-Gewerkschaft, ehe sie für illegal erklärt wurde, ebenso der Druckergewerkschaft, bevor die gleichfalls für illegal erklärt wurde, und wenn ich für jede Versammlung, wo ich dran teilgenommen hab, ‘n Hot Dog fressen würd, wär ich noch fetter, als ich sowieso schon bin. Sei’s, wie es sei, ich bin heute abend nicht gekommen, um euch fertigzumachen, und weil ich gerade die Gelegenheit habe, möchte ich euch sagen, wie sehr mir das gefällt, was ihr tut. Es ist nicht einfach, und es ist nicht dankbar, aber es dient uns allen, wenn wir einen Ort haben, wo wir hingehen und andere treffen können, die wie wir selbst am Boden zerstört sind, und zwar aufgrund politischer Entscheidung jenseits unseres Einflusses und auch jenseits des Einflusses von denen da, wenn ihr mich fragt. Es hat mich, Brüder und Schwestern, bestärkt, euch heute abend hier zu hören, und Mut ist etwas, das ich in diesen dunklen Zeiten nicht eben häufig habe.« Seine Zuhörer hatten sich vor Ungeduld gewunden. Sie alle waren müde, ihnen war kalt, und sie wollten heimgehen; auf dieser Versammlung immer weiter zu reden, war das schlimmstmögliche Verbrechen. Aber seine gewandte dröhnende Stimme beruhigte sie; es war wie bei einem Pianisten, von dem man wußte, er schlüge keinen falschen Ton an. »Um von vorne zu beginnen, die Dinge da, wo ich herkomme, standen schlecht, und sie waren rasch von schlechter zu noch schlechter geworden. Am Anfang – vor
etlichen Jahren, jetzt – waren da nichts weiter als Stacheldraht und Wachhunde. Das Konzentrationslager, wie man’s dort nannte. Nun dauerte es nicht lange, bis diejenigen ohne Zuhause sahen, daß es hinter all dem Stacheldraht ein gutes Zuhause gab, das nach Bewohnern förmlich schrie. Also zerschnitten wir den Stacheldraht und versorgten die Hunde mit Arsen – vernünftig, nicht brutal. Aber ich will verflucht sein, wenn ich einsehen sollte, warum Hunde in Luxus leben sollten, wo es Leute gab, die bei Regen und Schnee im Freien schliefen. Sobald wir einmal drin waren, blieben wir drin. Meine Erfahrung hat mir gezeigt, daß einem, sobald man das Gesetz einmal gebrochen hat, und öfter als nur einmal, das Gesetz piepegal wird. Und was will das Gesetz auch mit ‘nem verfluchten großen leerstehenden Krankenhaus? Also blieben wir da, und es war auch ganz angenehm, Abteilungen voller Betten und sauberem Bettzeug, frisch wie an dem Tag, als das nationale Gesundheitssystem endgültig den Bach hinunter ging. Da waren Küchen, groß wie Kathedralen, und Klos, wie für den König zum Scheißen gemacht, wenn ihr den Ausdruck entschuldigen wollt. Ich hab gesagt, das Gesetz war uns schnurz, aber das war, ehe wir Gas und Elektrizität in Schwung gesetzt hatten. Hat man ein paar hundert Leute und Gott weiß wie viele Kinder an einem Ort versammelt, ist das ‘n ziemlicher Mist, wenn alles unplombiert und unverbunden ist. Also haben wir uns selbst drangesetzt, wir haben’s gut gemacht und uns ruhig verhalten. Bis zu jenem Augenblick, da die Lichter angingen und das heiße und kalte Wasser floß, hätte man glauben können, wir existierten gar nicht. Dann sind auf einmal überall Burschen in Overalls rumgeschwärmt und haben alles abgedreht und irgendwas von Vorsichtsmaßnahmen erzählt. Also gut, haben wir gesagt, wir zahlen wie alle anderen auch. Ihr seid ‘ne Bande von Nassauern und Saufköppen, haben die gesagt, wie
wollt ihr denn zahlen? Das laßt unsere Sorge sein, haben wir gesagt, ihr sorgt für den Service und überlaßt uns die Rechnungen. Das Ende vom Lied war, wir blieben in dem Gebäude, aber die schnitten uns von allem Komfort ab, und über die letzten beiden Jahre ist es schrecklich verkommen. Gestank, Feuchtigkeit, undichte Dächer überall, zerbrochene Fensterscheiben, alte Kerle, die mitten in der Nacht wegen der Kälte abkratzen. Die Zonkies sickern jetzt bei uns ein, unten, und wir können sie nicht davon abhalten. Jede Nacht Schlägereien. Ich wüßte nicht, wo man mit ‘m Saubermachen anfangen sollte, und was Reparaturen betrifft, so müßte man das Ding im Grunde neu aufbauen. Meine Frau is im März gestorben, nur sechsundvierzig war sie. Sie hat schon immer Bronchitis gehabt, aber das hätte sie nicht umgebracht, wenn wir irgendwo im Warmen und Trockenen gewesen wären. Die ganze Zeit über, während ich sie gepflegt hab, hab ich gedacht, ich kann mir nich helfen, aber die Hurensöhne in Westminster bringen sie ebenso sicher um, als würden sie sie direkt mit ‘ner Axt verfolgen. Also, es is nich gerad das Hilton, da, wo wir wohnen. Issen Schweinestall, aber wir haben ‘n Dach überm Kopf, und wie ihr alle hier heute abend zugeben werdet, in einer arschkalten, verdammten, schlammigen Nacht, da ist das ein gewaltiger Unterschied. Als ich noch im Druckereigewerbe angestellt gewesen bin, da bin ich jeden Morgen über die Charing Cross Bridge gegangen, etwa fünfzehn Jahre lang. Ich hab diese armen Schlucker da mit ihren Pappkarton-Schachteln gesehen, und die verzweifelten Augen, damals hat’s noch nich so viele davon gegeben wie heutzutage, aber es war’n niemals weniger als ‘n paar hundert da. Und ich hab mir immer so gedacht, das muß verdammt furchtbar sein, so wie die da draußen zu schlafen. Ich hab mich gefragt, warum besorgen die sich nich
‘ne Arbeit, waren junge Kerls drunter, alles wär besser als das, was sie haben. Schrecklich, was Schnaps und Drogen mit den Leuten anstellen.« »Ich fürchte, ich muß dich hier unterbrechen«, sagte Sean. »Laß ihn weitermachen!« sagte Christy scharf. Jim blickte sich in der Gruppe um und sah die meisten Augen mit Mitgefühl auf sich gerichtet. »Heute wünsch ich mir, ich hätt sie mir was genauer angeguckt. Ich wünsch mir, ich hätt sie studiert, hätte herausgefunden, wie man menschlich, ganz zu schweigen von anständig, bleiben kann, wenn man in ‘nem Pappkarton von Brot und Tee lebt. Und ich sag euch, warum, weil ich nämlich zu denen stoßen werd. Am Montagmorgen hat uns ‘n fesch aussehender Kerl besucht und uns mitgeteilt, daß unsere Gegenwart nicht mehr länger erwünscht ist, nicht, daß sie’s je gewesen wär. Hat uns ‘nen amtlichen Schrieb gegeben, überall mit Unterschriften und Siegel, das uns darüber informiert hat, daß das Unternehmen Freiheit – schöner Name, nich? – unser Grundstück übernimmt und daß nächste Woche die Bulldozer kommen. Also werden ich und einige Hundert weitere in Pappkartons investieren. Einige von uns saufen, wenn sie an was rankommen, einige von uns nicht. Aber red mal in einem Jahr mit mir, und dann kommen mir vielleicht Neuropepsi und Drogen aus den Ohren. Ich bin nich jemand, der rasch verzweifelt, und ich bin auch keiner von euch Revoluzzern. Aber es is meine Meinung, daß eine Minderheit der Mehrheit der Menschen in diesem Land ihre Rechte klaut – und wenn die Mehrheit, und das sind wir, nicht ihren Arsch hochkriegt und aufpaßt, werden wir’s alle verpennen. Es geht nicht nur um die Annehmlichkeiten, obwohl Unannehmlichkeiten dem Gehirn schreckliche Dinge antun. Nehmt mich, vor sieben Jahren hatte ich ein billiges kleines
Häuschen unten in der Fulham Palace Road, mit einer guten Arbeit, und ich hab für die Rente geklebt, hab ich geglaubt. Dann haben sie sich rangemacht und die MietpreisBeschränkung aufgehoben, und ehe wir uns recht umgesehen haben, haben wir bei unserem Sohn und unserer Schwiegertochter gewohnt und was anderes gesucht. Nun, es gibt nichts anderes, es sei denn, man kauft es, und wer wird mir mit Neunundfünfzig noch so ‘ne verdammte hohe Hypothek geben? Wie aus heiterm Himmel bin ich alt und arm, und meine Frau is krank. Aber sie kann nich ins Krankenhaus, weil wir keine Britcard haben, dreißig Jahre haben wir geklebt, aber das zählt nich. Also ist es immer schlimmer mit ihr geworden, und Dave und Annie hatten von uns die Schnauze voll, was ich ihnen nich übelnehmen kann. Von Morgen zu Morgen fällt das Aufstehen schwerer, oder das Heimkommen, aber ich geh weiter zur Arbeit, weil das alles is, was da is, und es is nur noch ein Jahr hin, bis ich Rente kriege. Dann kommt das Gerücht auf, der KGB würde die Druckergewerkschaft infiltrieren, sie haben irgendein neues Gesetz auf uns angewendet, und wir haben auf der Straße gesessen und haben um zwanzig Mäuse die Woche verhandelt. Verhandelt, wohlgemerkt, weil wir als kommunistische Agitatoren unsere Ansprüche an die Rentenkasse verloren haben. Die Menschenrechte verlieren, darauf läuft’s am Ende hinaus, wenn man kein Eigentum und keine Arbeit hat. Zwei Jahre. So lang braucht’s, bis man nich mehr im Auto rumfährt und mal zum Essen ausgeht, sondern in Abfalleimern rumstochert. Stimmt. Ich hab mich vorgestellt, und ich darf wohl sagen, ich hab’s ein bißchen übertrieben. Ich werd mich jetzt hinsetzen, aber ich werd zurückkommen, und ich bedanke mich für eure Aufmerksamkeit.« Christy spürte das Elend in dem langen Schweigen, das auf Johns Rede folgte. Man traf sich einmal im Monat und redete,
genoß es in gewisser Hinsicht, obgleich man genau wußte, daß sich beim nächsten Treffen nichts geändert hatte, außer daß es mehr von seinesgleichen gab. Nach und nach gingen die Leute nach Hause. Die Teezeit war vorüber, und es regnete; die meisten hatten einen langen Fußmarsch vor sich, und an dessen Ende lag kein warmer oder trockener Ort zum Schlafen. Christy und Sean waren allein im Container zurückgeblieben und saßen sich in dem leeren Kreis von Metall- und Segeltuchstühlen gegenüber. Sie beobachtete ihn, wie er das Protokoll abschloß, und sie wußte, er hielte so lange wie möglich die Augen auf die Seite gerichtet, wiche ihrem Blick aus. Was jetzt zwischen ihnen vorging, war eher eine Sache des Verbergens der Gedanken, nicht des Austauschs. Sie wünschte sich, er wäre nicht so mager und ausgemergelt unter seinem Pullover und den Jeans. Mit dem kleinen Gesicht mit der weichen Haut, das zerfurcht war vor Angst, und seiner grau werdenden Mähne wirkte er eher wie eine alte Frau. Wir werden noch immer hier sein, wenn wir beide alte Frauen sind, dachte sie ärgerlich. Christy gähnte. »Willst du’s für den Prodigal Bum schreiben, oder soll ich’s tun?« »Ich werd’s tun.« Sean stellte sich stets als Freiwilliger für Aufgaben zur Verfügung und tat dann so, als habe er sich geopfert. »Es ist wirklich nicht viel zu sagen. Hast du den Cartoon in der letzten Ausgabe gesehen?« »Den über Neuropepsi?« »Ju. Meinst du, er stimmt?« »Vielleicht. Ich rühr das Zeugs nicht an, ich möchte es nicht in der Spielgruppe haben. Aber die Kinder kriegen’s die ganze Zeit über zu Hause. Gott, bin ich müde! Aber es hat keinen Zweck, jetzt in dem Regen nach Hause zu wetzen. Wenn ich jetzt naß werde, werd ich die ganze Nacht nicht wieder
trocken. Der Regen kommt schon wieder unter meiner Tür durch.« »Kommt auch durch meine Fenster. Nassester Mai seit 1837.« »Na ja, so lang es historisch bedeutsam ist.« »Schade, daß dieser Kerl die Versammlung so dominiert hat.« »Jim Stearne? Ich fand ihn wunderbar. Ich hoffe, er kommt wieder. Ich wünschte mir, die Leute täten das öfter, einfach aufstehen und über ihre eigenen Erfahrungen und Gefühle reden, statt so zu tun, als seien wir Bürokraten, die irgend jemanden vertreten.« »Aber wir sind Delegierte.« »Und delegieren was für wen? Das ist ein Zerrbild des alten Systems: ‘s ist traurig genug, wie wir an Anträgen und Tagesordnungen und Protokollen kleben.« »Jetzt zieh nicht schon wieder über mein armes altes Protokollheft her!« Es stimmte, sie ärgerte sich über das zerfledderte Protokollheft, als wäre es ein Mandarin in einem makellosen Gewand, der sie mit einem roten Faden strangulierte. Sie stand auf und setzte sich neben Sean, so daß sie mitlesen konnte, was er mit seiner kleinen, einem Mandarin nicht unähnlichen Handschrift niederschrieb. »Das ist genau das, was ich meine. Du hast das Leben dieses Mannes auf einen Satz reduziert: ‘Der Delegierte vom St. John’s Hospital in Clapham hat sich unendlich lang vorgestellt.« »Na ja, er hat endlos geredet.« »Und zehn Minuten lang hab ich vergessen, daß ich hier gewesen bin.« »Wir kommen nicht hierher, um uns in die Unterhaltung zu flüchten, Christy.«
»Warum nicht, um Gottes willen? Ist die einzige Abwechslung, die ich bekomme.« Sean sah zu ihr auf und lächelte. »Bet gibt heute Abend eine Party im Waschhaus. Sie sagt, sie geht wieder, wird bei ihrer Schwester in Sunderland leben, vielleicht wird sie’s tun. Würde dich das etwas aufheitern?« Selbstgebrannter Schnaps, Tanzen im Schlamm, Pärchen, die einander vor korrodierten Eisenwänden befummelten, Bets vierzig Jahre altes Gesicht, zahnlos und eingefallen. Sean und Christy hatten für Stimmung zu sorgen und Schlägereien vorzubeugen… »Nein, ich werde nach Hause gehen. Ich denke daran, bald meine Mutter zu besuchen. Wirst du eine oder zwei Wochen nach den Kindern sehen, während ich weg bin?« »Wenn’s sein muß, obwohl, ich sollte die Geschäfte und die Verwaltung nicht so lang im Stich lassen. Kann Simon nicht allein damit zurechtkommen?« »Ist zuviel für eine Person, und er ist Freiwilliger.« Sie verschlossen die Tür, obgleich fast jede Nacht im Container eingebrochen und dort geschlafen wurde, und wappneten sich gegen die Kälte; Kragen hoch, Köpfe gesenkt, Hände in den Taschen vergraben, während sie mit bleischweren Füßen durch den knöcheltiefen Matsch stapften. Noch ein paar Wochen Regen, überlegte Christy, und der Matsch wird tief genug sein, darin zu ertrinken, wie in Passchendaele, dann werden wir alle in Zelten oder Baracken leben. Geräusche hoben sich über das Geprassel des Regens und dem unter ihren Fußstapfen quietschenden Matsch. Ein Kind heulte, eine Frau kreischte, und ein Mann stieß einen Schwall Obszönitäten aus. Als sie ihre Wohnwagen erreichten, die mit einer Zeltplane verbunden waren, gaben sie einander in der Dunkelheit die kalten Hände, ehe sie sich ihren leckenden Schutzhütten
zuwandten. Es kam jetzt nur noch selten vor, daß sie des Nachts zu einem von ihnen gingen, sie hatten nur noch so wenig zu bereden, und es war einsamer, wenn auch wärmer, schweigend beieinander zu liegen. Christy zündete ihren Ölofen an, zog sich die nassen Sachen aus, legte sie auf einen Stuhl neben die übelriechenden flackernden blauen Flammen und schlüpfte rasch in den viel zu großen Pullover und die dicken Socken, in denen sie schlief. Sie wußte, es war gefährlich, den Ofen brennen zu lassen, während sie in einem geschlossenen Raum lag; jede Woche brach in Smiles ein Feuer aus. Die Dämpfe würden ihr Kopfschmerzen verursachen – aber die Schuhe mußten beim Erwachen trocken sein, selbst wenn sie nur für ein paar Minuten trocken blieben. Sie putzte sich mit ein wenig Wasser, das sie im Kessel übriggelassen hatte, die Zähne und ging zu Bett. Es war so schmal wie ein Sarg. Ihre Füße im Schlafsack hingen über das Ende hinaus, und über ihr prasselte der Regen aufs Dach, während sich der Wohnwagen in dem See aus Schlamm wiegte. Langsam erwärmte und entspannte sich ihr Körper, sie schloß die Augen und war dankbar, daß der Tag vorüber war. Christy erlebte ein Gefühl des Wohlbehagens, die Abwesenheit von Unannehmlichkeiten, und die Gewißheit, die Nacht für sich allein zu haben. Sie legte sich auf den Rücken, die Arme an den Seiten, wie eine steinerne Plastik, und die grobe Wolle des Pullovers und der Socken kratzte wie Sackleinen. Während sie jetzt in den Schlaf fiel, zuckte Christy konvulsivisch zusammen, woraufhin sie erneut einige hundert Meter hinabstürzte. Sie sah sich selbst als Leichnam, nicht aus Marmor, sondern aus ineinander verwickelten Venen und Muskeln und zerfetzter Haut, der in ein feuchtes Grab hinabgelassen wurde. Sie lag auf einer hölzernen, aus Holzabfällen zusammengenagelten Bahre, ein schlammiges
Braun in der nassen matschigen Landschaft. Niemand sah zu, während die Seile den zerbrechlichen Sarg in den Schlamm hinabließen. Die Seile schwankten im Wind, eine Holzlatte löste sich und katapultierte den Leichnam in den kalten Schlick. Glitschiger Dreck legte sich ihr über die Augen und Ohren und die Nasenlöcher… danach traute Christy dem Schlaf nicht mehr so recht über den Weg. Sie stand auf, obgleich sie die meisten Dinge in ihrem Wohnwagen vom Bett aus hätte berühren können, und bereitete sich eine Tasse Kaffee aus dem UN-Pulver, das weder Geruch noch Geschmack an sich hatte; Kaffeepulver, Milchpulver, pulverisierte Ochsenschwanzsuppe. Während sie ihre zitternde Hand dabei beobachtete, wie sie das Wasser aus dem Kessel eingoß, fragte sie sich, warum das Bild sie so schockiert hatte. Sie und Sean hatten sich oftmals über pompöse Hochzeits- und Beerdigungszeremonien lustig gemacht. Weil weder Mann noch Frau noch Kind zugesehen hatten. Christy kniete neben dem Ofen, mit dem Gesicht auf dem Bett, und sie schluchzte vor Einsamkeit. Nicht zu laut, weil Sean sie ansonsten hätte hören und noch hereinkommen können, und das war wirklich das letzte, was sie wollte. Mit noch immer verschwollenem und mürrischem Gesicht blickte sie auf den Streifen nackter Haut zwischen dem Pullover und den Socken. Zwei dünne, harte Linien, malvenfarben in dem wabernden Öllicht. Sie hätten ebensogut Tischbeine sein können, soviel Verbindung spürte sie zu ihnen. Sie hatte in dem Wohnwagen keinen Spiegel und hatte seit Monaten das eigene Spiegelbild nicht mehr gesehen. Christy berührte das schwarze Schamhaar, das noch immer hoffnungsvoll sproß, obgleich man hätte glauben sollen, es habe aufgegeben und fiele aus, und befühlte das taube Gummikügelchen ihrer Klitoris. Sie hatte in ihrem Körper keinerlei Lustgefühle mehr verspürt, seitdem sie sich im
vergangenen September der Schlange am Vasektomobil angeschlossen hatte. Wie die meisten anderen war sie nicht wegen des Freßkorbs hingegangen (Baked Beans, eine Dose Kekse, ein Glas Marmelade und ein Lymeswold-Käse). Sie hatte sicherstellen wollen, nicht ein weiteres ungewolltes, ungeliebtes Kind zu produzieren. Als professionelle Hüterin – Seans Ausdruck, nicht der ihre – fühlte sie sich dazu berechtigt zu wählen, wen sie hüten wollte. Und die Möglichkeit, einer ihrer halbherzigen Anfälle von Kopulationsbereitschaft könne in einem zitternden unterernährten Smiles-Baby resultieren, war unerträglich. Die Schlange war lang und ausgelassen. Die Männer witzelten von Kastration, Impotenz sowie darüber, nun Gummis sparen zu können, während sich die Frauen über ihre Schwangerschaften und Kinder beklagten und den Gedanken genossen, daß es nun vorüber war. Beatrice war dort; sie stolzierte am anderen Ende hinaus und strahlte und ging direkt zur Arbeit! Dimelza sah, wie ihre Mutter die Hüften noch zuversichtlicher als sonst wiegte, und sie fragte sich, gemeinsam mit den anderen Kindern, was in dem großen Wohnwagen vor sich ging, wo sie den Erwachsenen Geschenke gaben. »Keine weiteren blöden Kinder mehr«, hatte ihre Mutter auf die Frage geknurrt. Daraufhin glaubten die Kinder, man wolle sie mit den geisterhaften, weißbekittelten Nahrungsspendern fortschicken, und flohen über den Schlamm. Christy war froh darum, daß die Kinder gingen, denn Kinder in Dimelzas Alter waren ihre Schwäche. Sie schämte sich nicht, sie zu lieben, aber sie spürte, es wäre Verschwendung, ein eigenes Kind zu lieben, wenn es so viele andere gab, die einen brauchten. In ihrer Schlange war sie die einzige Frau, die nicht bereits wenigstens ein Kind gehabt hatte, und sie wurde immer nervöser bei den Geschichten von Fehlgeburten und
Abtreibungen und vom Ausschlafen in Winternächten mit winzigkleinen Babies. Erinnerungen, die sie niemals hätte, grausame Erinnerungen vielleicht, aber Christy spürte, wie sich ihre Erfahrungen nun auf die weiße, undurchsichtige Tür verengten. Sie hatte Sean nicht gesagt, daß sie es sich ›machen‹ ließe, ein Wort, wie sie sich erinnerte, das ihre Mutter vor Jahren benutzt hatte, als sie ihre Katze zum Tierarzt gebracht hatte. Sterilisierung war ein häßliches Konzept, das Euphemismen und Ausflüchte benötigte – wie dem auch sei, Sean und sie waren übereingekommen, sie wollten keine Kinder. Gerade bevor sie an der Reihe war, ging die Frau vor ihr abrupt davon. Christy erinnerte sich an bittere Scherze bei den Delegiertenversammlungen über Gaskammern und durchlebte einen Augenblick der Panik, ehe sie die Tür öffnete. Dahinter war, natürlich, ein neutraler weißer freundlicher Ort, tadellos sauber und schmerzfrei. Machen. Reißen ihr mit sympathischen Gesichtern das Leben heraus und überreichten ihr ein Blättchen, Notwendigkeiten einsehen. Es brüstete sich damit, die Regierung habe drei Jahre hintereinander ihr Bevölkerungsziel erreicht. ›Unser Inselkuchen ist groß genug für alle, so lange es nicht zu viele von uns gibt‹, begann es. Christy zerknüllte es, warf es in den Dreck und stolperte weinend über die Fahrrinnen, den Müll und den Schutt, die ihr Stückchen vom Kuchen erstarren ließen. Sie hatte den Kindern einen Vormittag frei gegeben, weil sie ihnen nicht ins Gesicht sehen konnte, also ging sie direkt zu ihrem Wohnwagen und starrte traurig auf den Freßkorb. »Ich hoffe, es hat nicht weh getan?« fragte Sean, als er sie dort fand. »Nicht körperlich.« Er setzte sich neben sie auf das Bett und hielt ihr entschuldigend die Hand. »Meiner Ansicht nach hast du völlig richtig gehandelt.«
»Warum hast du’s dann nicht getan?« »Hatte heute morgen zuviel zu tun. Ich geh das nächste Mal, wenn sie kommen.« Sie funkelte ihn an, und der Gedanke machte sie fuchtig, er könne ein Kind zeugen, bis er senil wäre. An einem besseren Ort und zu einer besseren Zeit mit… »Oh, sie werden zurückkehren. Sie können doch nicht zulassen, daß sich so ‘n Abschaum wie wir vermehrt.« »Du bist viel zu wertvoll, um in einem Morast aus Babies zu verschwinden.« »Das wären deine Babies gewesen, Sean.« »Ja, doch sieh mal, wie sie die Frauen aussaugen! Sieh Ellen an! Bis zur Geburt des Kindes war sie aktiv wie wir alle, fuhr Versorgungslaster und reparierte Dächer und koordinierte alle Lager in Süd-London – eine wirklich praktische Frau. Jetzt sitzt sie nur mit diesem schreienden Kind herum, und sie kann noch nicht mal die Löcher im eigenen Zelt reparieren.« »Der Kleine ist immerzu krank, darum schreit er, ihm ist immerzu kalt, er ist immerzu hungrig, und sie auch, schätze ich.« »Wie dem auch sei, du willst doch nicht so sein, oder?« »Nein. Darum hab ich’s getan.« Sean bezweifelte niemals, daß eine rational bewiesene Sache eine bewiesene Sache war. Christy war, wie er bewundernd beobachtet hatte, einer rationalen Argumentation fähig. Insgeheim jedoch hatte sie die rationale Argumentation oftmals verabscheut. So war’s mit dem Verlust ihrer Fruchtbarkeit; sie nahm ihn hin, aber eine jede Nacht, acht Monate lang, hatte sie darum getrauert. Sie hatte die Berührung zum Körper verloren und zu irgendeinem inneren Garten, wo ein Eimer Unkrautvertilger, lächelnd ausgeschüttet, dreißig Jahre des Wachstums vernichtet hatte. Sie arbeitete
hart, wurde dünner und fürchtete sich vor dem Alleinsein des Nachts. Diese Nacht jetzt war besonders lang. Die dicke schwermütige Atmosphäre war wie der Druck eines öligen Fingers hinter den Augen und Nasenlöchern. Sie schaltete den Ofen ab, kroch zurück ins Bett, unter einen Haufen Decken, und wartete darauf, daß die Kälte sie traf. Wenn sie jetzt nicht einschliefe, spürte sie, wie die klamme Aprilnacht durch die fadenscheinigen Wände in sie einsickerte, hörte sie den Regen, wie er traurig in den Eimer im Waschbecken tröpfelte, hörte den verschwommenen Lärm des Verkehrs von der Autobahn und das Kreischen und Rufen der Menschen, die von einem nächtlichen Ausgang zurückkehrten. Aber wenn sie nicht schliefe, wäre sie außerstande, morgen zu arbeiten, zumindest nicht ohne unkontrollierte Wutausbrüche. Manchmal war’s eine Erleichterung, sich von ihrem Spleen überwältigen zu lassen, aber der Preis, den sie dafür zu zahlen hatte, war zu hoch; ihre eigenen Schuldgefühle, die Enttäuschung der Kinder, Simons furchtbare Toleranz. Nun, er und Sean könnten einander einige Wochen lang tolerieren und sehen, wie ihnen das gefiele. Ich bin schlecht drauf, sagte sie sich und versuchte, im Kopf eine Liste aufzustellen: Kann nicht schlafen Kann mich nicht konzentrieren Kann mich nicht entspannen Kann die Kinder oder sonstwen nicht lieben Kann meine Kopfschmerzen nicht loswerden Ich brauche… Ich bin mir nicht wirklich sicher, aber meine Mutter wird helfen. Das tut sie immer.
KAPITEL 7
Rachel goß Ziegenmilch über ihren Porridge und aß ihn neben dem Feuer, das sie gerade entzündet hatte. Ihre morgendlichen Rituale füllten zumindest die ersten beiden Stunden des Tages. Es behagte ihr, wie die Zeit langsam und stetig verstrich, allein so vermochte sie ihre Einsamkeit zu adeln. Rachel wußte um ihre Gabe, ihren Lebensstil vor sich selbst zu rechtfertigen, gleich, welchen Lebensstil sie führte, denn sie war hier ebenso glücklich gewesen, als das Haus noch eine FischfarmKooperative gewesen war, und, vor langer Zeit, als Martin und Christy sie noch umgaben. Ihr charakteristischster Zug war eine beharrliche Weigerung, sich zu beklagen oder bitter zu werden, und sie wußte, warum ebendies die Menschen zugrunde richtete. Rachel sammelte die sechs Eier ihrer Hennen ein, erntete ein wenig Salbei, Petersilie, Karotten und Kartoffeln für ihre Mittagssuppe und ging zum Forellenteich. Die letzte Forelle war schon vor Jahren eingegangen, sie war, aufgedunsen von einer schrecklichen Fischkrankheit, an die Oberfläche getrieben. Sie hatten zuviel gefüttert, oder zu wenig oder das falsche Zeug, keiner von ihnen verstand wirklich, was schiefgelaufen war, und da die Fischkooperative einige Monate vor dem Tod des Fischs auseinandergebrochen war, waren die Leute nach und nach zur Küste abgewandert. Sie waren alle jünger als sie gewesen, Pärchen; sie hatte beobachtet, wie sicher sich die anderen ihres jeweiligen Partners gefühlt hatten, während sie zusammenlebten und – arbeiteten. In gewisser Hinsicht war es leichter, sie nicht mehr beobachten zu müssen oder die Kinder dort spielen zu hören, wo Christy gewöhnlich
gespielt hatte. Rachel wünschte sich, sie hätte mehr Freundschaften geschlossen, aber jetzt war’s zu spät, jetzt hatte sie kein Transportmittel oder Geld, und es ermüdete sie, mehr als einige wenige Meilen zu Fuß zu gehen. Die Leute konnten zu ihr kommen, aber das taten sie nicht. Die Atmosphäre um das isoliert stehende, schäbige Gebäude war nicht düster, sondern freundlich. Christy fing sie sogleich auf, als sie in Sichtweite des Hauses kam, das hingeduckt auf seinem Hügelchen lag und auf das Dartmoor-Wetter wartete, von dem es gepeinigt wurde. Rachel hatte den Laster über den Weg rumpeln hören; in der Stille hatte sie sogar vernommen, wie der Motor abgestellt wurde und die Tür zuschlug. Sie hatte angenommen, er würde Vorräte zu einer abgelegenen Farm bringen. Als sie ihre Tochter auf sich zumarschieren sah, versteckt unter einem Hut und bauschiger Kleidung, aber unmißverständlich als Christy erkennbar an ihrem eckigen Gang und der schnauzenähnlichen Nase, da hatte ihre Mutter einen Freudenschrei ausgestoßen und war auf sie zugelaufen. So rasch sie nur konnten, liefen beide über die Furchen und Löcher, die noch vor einem Monat von Schnee bedeckt gewesen waren. Sie trafen sich, umarmten einander und starrten sich voller Erstaunen an. Die Überraschung für Christy bestand darin, daß sich ihre Mutter niemals veränderte, und für Rachel darin, daß es sich bei ihrer Tochter um so viele Menschen hätte handeln können. Jetzt wirkte sie müde und blaß. »Hast du mir geschrieben, daß du kommst? Heutzutage tragen sie nicht mehr oft Post aus.« »Nein. Ich habe mich erst vorgestern abend zum Kommen entschlossen. Ich habe mich gestern nachmittag auf den Weg gemacht – eine ziemlich reibungslose Fahrt, wirklich.« »Du bist den ganzen Weg per Anhalter gekommen?«
»O Rachel! Du bist selbst per Anhalter gefahren. Du bist meine Mutter, und nur deshalb hast du das Gefühl, so etwas mißbilligen zu müssen.« »Scheinheiligkeit gehört zum Kinder-Haben. Das wirst du noch herausfinden.« »Werde ich nicht. Es ist so sauber hier oben, selbst der Schlamm sieht nicht so dreckig aus wie unser Schlamm.« »Rein und leer. Du wirst dabei helfen, ihn zu füllen. Bist du auf dem Weg irgendwohin?« »Ich wollte dich einfach sehen. Kannst du mich für ein paar Wochen ertragen?« »Ich glaube schon. Wenn du eine Diät aus Eiern und Karotten ertragen kannst.« Ihre Worte waren leicht und rasch im frühmorgendlichen Sonnenschein, sie hielten die Arme fest umeinander geschlungen, während sie weitergingen, warm und energiegeladen, beide spürten, um wie vieles es leichter war, füreinander da zu sein. Zwei große starke Frauen, eine mit verwuseltem dunklen Haar, und die andere mit einem straffen grauen Knoten, der ihr die Gesichtshaut nach hinten zog. Sie gingen durch die Hintertür in die Küche, hungrig nach einem Gespräch. Während Rachel Tee und Toast zubereitete, schaute sie sich ständig um, nur um sicherzugehen, daß Christy noch immer vorhanden war, und die grünlich-braunen Augen der Tochter folgten allen geschickten Bewegungen der Mutter. Der Ofen mit Holzbefeuerung war vor einer Stunde entzündet worden und hatte den kleinen Raum mit der niedrigen Decke erwärmt. Das Mobiliar bestand einzig in dem hölzernen Tisch, woran sie saßen, einem großen Küchenschrank und einer durchgesessenen Couch, angekratzt und besabbert von seit langer Zeit toten Katzen und Hunden. Schwere Decken hingen über der Tür und dem Fenster, um Zugluft abzuhalten, so daß selbst am Morgen die Luft im Zimmer muffig und nächtlich
war. Christy zog Schuhe und Socken aus und legte sie auf den Ofen. »Manchmal glaube ich, alles hat sich gegen mich verschworen, so daß meine Füße immerzu naß bleiben.« »Ich erinnere mich, daß in Greenham nichts jemals richtig trocken wurde. Gummistiefel mit dicken Socken sind die einzige Antwort. Ich werde dir welche kaufen. Und jetzt lebst du also in einem Zelt.« »Wohnwagen. Warum kommst du mich niemals besuchen?« »Ich halt’s in London nicht mehr aus. Dieser ganze Verfall und diese Armut – mir bricht es das Herz, und ich fühle mich schuldig, weil ich nichts dagegen unternehme. Abgesehen davon, wie könnte ich hinkommen? Meine Rente reicht knapp, die Raten zu bezahlen und Holz zu kaufen.« »Komm per Anhalter, wie ich. Dann kann ich mir Sorgen um dich machen.« Rachel entschloß sich, ein wenig an der Oberfläche jener Krise zu kratzen, die sie im Leben ihrer Tochter spürte. »Wirst du in Smiles bleiben?« »Ich glaube, ja. Ich kann nirgendwo sonst hin, und ich weiß auch nicht, wie ich fortgehen könnte. Es ist kein gewöhnlicher Job, es ist mehr so, als hätte ich ein paar Dutzend Kinder adoptiert.« »Bezahlen sie dich dafür?« »Ich habe freies Wohnen – ein löcheriger Wohnwagen – und Essens- und Kleidermarken. Ich spare ein paar davon. Ich weiß nicht, wofür. Du hast dafür gesorgt, daß ich mir das Sparen angewöhnt habe. Ich schätz mal, Sean und ich sind die reichsten Leute dort.« »Wie ist er so?« Christy war vor drei Jahren einmal mit ihm hier aufgetaucht, und Rachel erinnerte sich an einen trockenen, puritanischen Mann, in jeder Hinsicht kleiner als ihre Tochter.
»Er ist schon in Ordnung. Er und Simon kümmern sich während meiner Abwesenheit um die Spielgruppe.« »Wer ist Simon?« »Er ist ein erstaunlicher Bursche. Du würdest ihn mögen. Er ist jetzt seit zwei Jahren Freiwilliger, er hilft mir bei den Kindern – ich könnte ohne ihn nicht zurechtkommen. Er ist sehr traurig und tut geheimnisvoll mit seinem Leben. Ich glaube, er ist verheiratet, spricht jedoch niemals über seine Frau, und er hat einen Sohn, der nicht bei ihm lebt, und er war mal Architekt. Mehr weiß ich über ihn nicht, wirklich. Das Wundervolle ist, er taucht immer auf, und er wird niemals ungeduldig. Anders als ich. Sean kann ihn nicht ausstehen.« Ihre Augen waren so grün und durchscheinend wie zwei ovale Glasstücke, die von der See gewaschen waren, bemerkte Rachel, und ihre Wangen glühten vor Wärme und Interesse. Christy mußte sich immer wieder ins Gedächtnis zurückrufen, daß es ringsumher Zeit und Platz gab. Sie kam sich vor wie ein räudiges Tier, das aus einem dunklen Käfig in einem sonnendurchfluteten Wald freigelassen worden war. Nach dem Essen gingen sie spazieren, direkt hinauf ins Moor, wo es lediglich sandfarbene Ponies, Schafe und wilde Blumen zu sehen gab. Für Christys städtischen Blick war nicht so sehr die Schönheit der Landschaft spektakulär, sondern die Leere, das Fehlen von Menschen, Schmutz und Lärm. Sie hatte die Zeit zwischen ihrem zehnten und achtzehnten Lebensjahr hier verbracht und sich dabei zumeist gewünscht, an einem weniger unbequemen Ort zu leben. Jetzt jedoch vermochte sie die Großartigkeit ihrer Mutter zu sehen, die wie ein großer Vogel über all dieser grünen Zartheit schwebte. Nachdem sie ins Haus zurückgekehrt waren, setzte sich Christy ans Fenster ihres Schlafzimmers und starrte hinaus, während ihre Mutter unten las. Stunden ohne auf die Uhr zu sehen oder diese angstvolle Spannung im Herzen zu spüren,
weil sie eigentlich etwas anderes zu tun hatte. Nach Einbruch der Dunkelheit würden sie wieder miteinander plaudern, und dann gäbe es Milch und Honig in einem geräumigen Bett nebst dem außerordentlichen Vergnügen ungestörten Schlafs und eines Aufwachens in der Stille. Ich möchte wie sie sein, wenn ich alt bin, dachte Christy, aber bis dahin sind’s noch dreißig Jahre voller Turbulenzen und Häßlichkeit. Beim Gedanken daran, daß ihre Mutter tot wäre, wenn sie selbst so alt war, umklammerte sie die Furcht. Und wer würde sie dann liebhaben? Nach dem Abendessen sanken sie auf das zerfetzte Sofa mit den zerbrochenen Sprungfedern. »Ein so gemütlicher Raum«, murmelte Christy, schläfrig vom Gewicht des selbstgemachten Brots und Pfirsichlikörs. »Im Winter lebe ich die ganze Zeit über hier. Ich bin gerade erst in mein Schlafzimmer zurückgezogen. Der Schnee hat mich von Januar bis vor wenigen Wochen abgeschnitten – zu Ostern habe ich Stühle verbrannt.« »Und du hast die ganze Zeit über niemanden gesehen?« »Niemand hätte ohne einen Schneepflug hierher kommen können, und es war sowieso niemand da, der hätte kommen können.« »Das hätte ich wissen müssen.« »Ich war nicht unglücklich dabei. Ich habe zu Weihnachten auf einem Flohmarkt Dutzende von Büchern erstanden, und ich hatte meine Bänder und das Radio. Ich habe eine Menge Gedichte geschrieben – es war wieder wie als Heranwachsende, jene nachsichtige, luxuriöse Einsamkeit. Ich hatte genug zu essen, und ich nährte mich auch von Erinnerungen. Ich muß wohl jedes wichtige Ereignis meines Lebens wieder durchlebt haben. Oh, und ich habe dir eine Menge Briefe geschrieben. Ich habe sie nicht abgeschickt,
natürlich, weil ich nicht zur Post durchkam, und als ich sie hinterher gelesen habe, erschienen sie mir zu… schwer.« »Ich würde sie jetzt gerne sehen. Darf ich?« »Wenn du magst.« Rachel holte einige Umschläge aus einer Schublade im Küchenschrank. »Und hier ist dein Geburtstagsgruß von Martin.« »Will zeigen, daß er sich sorgt.« »Das tut er, auf seine Weise.« »Wo ist er jetzt?« »Der letzte Brief, den ich erhielt, kam aus Indien. Schrecklich mystisch. Ich habe den Eindruck, er hat wieder geheiratet, aber er hat nicht den Nerv, das offen auszusprechen.« »Spielt mit orientalischer Religion, nehm ich mal an. Wie vorhersagbar. Ich komme mir stets älter vor als er.« »Er ist im ursprünglichen Sinne alterslos, darum beneide ich ihn ziemlich. Er hat uns beide für ziemlich lange Zeit geliebt, weißt du. Ich glaube, er liebt dich noch immer.« »Ist so verdammt einfach, jemanden zu lieben, wenn man Tausende von Meilen weg ist und die Betreffende niemals siehst.« »Hasse ihn nicht, mach mich nicht zur Märtyrerin. Das ist eine beschämende Rolle für mich, und außerdem denke ich oft, ich habe ihn davongetrieben.« »Wie?« »Weil ich ihn nicht genügend brauchte. Lies meine Briefe, da steht ziemlich viel drin über mich und Martin!« »Na ja, ich habe ihn gebraucht.« Während sie mit ihrer Mutter so dasaß, erinnerte sich Christy der Abende, nachdem Martin sie verlassen hatte. Sie war damals zwölf Jahre alt gewesen. Eines stürmischen Herbsttages war er aus dem Haus gerannt und hatte die Tür hinter sich zugeschlagen, nachdem man sie zu oben zu Bett
gebracht hatte. Sie hatte ihrem Streit zugehört. Rachel wie immer ruhig und von oben herab, Martin mit lärmender Dramatik. Jedesmal, wenn eine Tür oder ein Fenster bebte, hatte sie Angst, daß sie mit Sachen um sich warfen, wie sie’s manchmal taten. Christy war auf keiner Seite, sie wollte lediglich hören, wie beider Schritte die Treppe heraufkamen, so daß sie wußte, beide waren da, und sie war von beiden in diesem Haus beschützt. Sie hörte folgendes: Laufen, Türenschlagen, jemand polterte die Stufen wieder hinab, mit etwas Schwerem. Am nächsten Morgen sagte ihre Mutter: »Martin und ich sind zu dem Schluß gekommen, daß wir nicht mehr länger zusammenleben können. Aber wir haben dich noch immer lieb.« Sechs Jahre lang, bis sie selbst ihr Zuhause verlassen hatte, hatte Christy jeden Abend aus dem Küchenfenster gesehen und auf sein knorriges schwarzes und weißes und scharlachrotes Gesicht gewartet. Als seien seine absurden Reisen lediglich Phantastereien, und er wartete in Wirklichkeit noch immer auf der anderen Seite der Tür, durch die er hinausgegangen war. »Lies mir Die Schneekönigin vor!« sagte Christy. Sie hatte sich neben ihrer Mutter zusammengerollt. Die Augen traten ihr aus den Höhlen, und sie waren rot, weil ihre zwölf Jahre alten Gefühle an ihr zerrten. Sie war so erleichtert, in Wirklichkeit nicht mehr zwölf Jahre alt zu sein. Rachel holte das Buch mit dem Seidenpapier zwischen dicken cremefarbenen Seiten und durchscheinenden sentimentalen Illustrationen von Menschen, wie in einem Buntglasfenster. Alle waren sie wunderschön, Gerda hatte Haar wie ein goldenes Kettengeflecht und ein kantiges elfenhaftes Gesicht. Kai war ein marmorner Page, und die Schneekönigin in ihren heidnischen Pelzen auf phantastische Weise elegant. Oftmals während der langen stillen Abende, wenn sie eingeschneit waren, hatte Christy gehofft, die
Schneekönigin käme zu ihr, weil ein magisches Schloß in den nördlichen Eiswüsten weit lustiger wäre als ihr hingeducktes Nirgendwo-Haus. Und die Schneekönigin wäre bezaubernd schön, wohingegen Christy, in ihrem intolerant urteilenden Alter, ihre Mutter schäbig und fett in ihren muffigen Kleidern fand. Sie war Kai gewesen, verführt von Eis und Feuer, und dann, eher als nachträglicher Einfall, war sie ebenfalls Gerda gewesen, weil sie ein Mädchen war und man die Guten zu mögen hatte. Ganz für sich jedoch hielt Christy Gerda für hündisch ergeben und traurig, wie sie Kai folgte, der doch offensichtlich nichts von ihr wissen wollte, und ihn von jener faszinierenden Garboesken Hexe wegzerrte. Jetzt erweckte die Geschichte einen anderen Widerhall in ihr; sie wußte, daß einem Eissplitter in Auge und Herz dringen konnten, ohne daß es irgendwelche Hexen gab, die das eigene Sehvermögen sogar steigerten. Rachel betrachtete über den oberen Rand des Buchs hinweg ihr melancholisches Gesicht. Sie wußte die Geschichte noch immer in- und auswendig und fand Kai noch immer verachtenswert. Es war lange her, daß sie zuletzt mit ihrer Tochter mit so wenig Spannung in diesem Zimmer gesessen hatte. Christy wollte nicht mehr länger fliehen, und Rachel war froh, da sie nie Gefängnisaufseherin hatte sein wollen und sie mit achtzehn praktisch hinausgeworfen hatte, nur damit sie aufhörte, sich über das Haus zu beklagen. Zehn Jahre danach war Christy verkrampft zurückgekehrt, was wohl besagte, daß ihr die Flügel gestutzt worden waren und daß es sie danach verlangte, sie wieder zu schlagen, irgendwann. Rachel wußte, dieser Besuch war kein Pflichtbesuch. Christy wollte wirklich bei ihr sein und würde nur widerstrebend wieder gehen. Rachel triumphierte im Innern, aber sie fürchtete um das Leben ihrer Tochter dort draußen.
In jener Nacht hielt Christy im Bett die Briefe in Händen. Sie wollte sie jetzt noch nicht lesen, sie wollte sie aufheben, und wenn sie nach Smiles zurückkehrte, würden sie in jene Schachtel mit Seans ersten Worten an sie wandern, Martins neunzehn Geburtstagskarten, Gedichten, die ihre Mutter für sie geschrieben hatte, als sie ein Kind gewesen war, und die Zeichnungen, die ihr die Kinder geschenkt hatten. Sie redete sich ein, sie täte dies, weil sie keinen Raum habe, Besitztümer zu horten. Warm, trocken, auf der sinnlich wahrnehmbaren Vorstellung von der Schneekönigin treibend, fiel Christy in Schlaf. Aber sie erwachte, und das Zimmer war noch immer dunkel. Der Gedanke an Martin, oder vielleicht ein Traum von ihm, hatte sie aus dem Schlaf gerissen, und ihre Gedanken sprudelten. Sie setzte sich auf, schaltete die Nachttischlampe ein und öffnete seinen Umschlag. Eine Karte mit Blümchen und Teddybären; er fand sie überall auf der Welt und würde ihr vermutlich noch solche Karten schicken, wenn sie fünfzig war. Weil sie für ihn stets zwölf Jahre alt war, genau, wie er für sie stets jung und kräftig war. Sie stellte sich vor, wie er quer durch Asien mit seinem Rucksack voller saccharinsüßer Karten reiste. Meine liebe Christina, Du schreibst mir nicht. Weil Du mich haßt, oder weil Du meine Anschrift nicht weißt? Ich werde tatsächlich einige Jahre in Delhi seßhaft bleiben. Vielleicht möchtest Du kommen? Rachel sagte mir, Du seist Sozialarbeiterin, also nehme ich an, daß Du es mit noch lahmeren Enten zu tun haben wirst, als ich eine bin. Im März werde ich in London sein und einen Film für das indische Fernsehen drehen. Ich werde vom siebten bis zwölften in St. James’ Towers sein, und ich würde Dich
gerne sehen. Aber nur, wenn Du es willst. Nach all dieser Zeit erwarte ich keine Freudenausbrüche. Ich habe Dich stets lieb gehabt, obwohl allein Gott weiß, wo Du bist. Dein Dich liebender und unvollkommener Vater Martin Er war vor sechs Wochen gekommen und wieder gefahren. Und was tat er in einem solchen Hotel, war er reich? Die Möglichkeit, ihr verantwortungsloser Vater habe etwas erreicht – gemessen an den Werten, über die sie, wie ihre Eltern sie gelehrt hatten, lachen sollte –, machte Christy wütend. Wut beim Anblick einer dieser Karten war jedenfalls eine fast reflexartige Reaktion. Daraufhin, wegen der Unterhaltung mit ihrer Mutter, stellte sie den Ärger in Frage. Was sollte er denn ansonsten sein? Ein Schwall Worte strömte hervor: beschützend, interessiert, ermutigend… dann schottete sie den Schwall ab, weil die Worte gleich so herausströmten. Na ja, er hätte zumindest da sein sollen. Doch so viele Väter, die sie kannte, waren nichts in der Richtung, und sie konnte Rachel und ihm nicht wirklich dafür die Schuld geben, sich getrennt zu haben, wenn sie nicht mehr länger miteinander leben konnten. Urplötzlich identifizierte sie sich mit ihnen statt mit sich selbst. Wie tödlich wäre es, in diesem abgelegenen Haus mit jemandem festzuhängen, den man so wenig liebte, wie sie Sean und ein Kind liebte, das dabei war, so abscheulich zu werden, wie sie selbst es mit zwölf Jahren gewesen war. Man konnte nicht Jahre in Smiles verbringen und glauben, harmonische Familien seien die Norm. Harmonische Familien waren die Auswüchse der menschlichen Natur, fast immer bloß temporär, und für die ersten zwölf Jahre ihres Lebens hatte sie das unglaubliche Glück gehabt, in einem geschützten
Bereich zu leben. Sie wünschte sich, sie hätte Martin in London besucht. Statt der selbstmitleidigen Unterhaltung, worauf sie sich stets eingerichtet hatte, vernahm sie ein freundschaftliches Geplauder. Im Geiste entwarf Christy den Brief, den sie ihm schriebe, falls er wirklich eine Adresse hätte: Lieber Martin, Deinen Brief habe ich erst gestern erhalten. Wenn ich ihn rechtzeitig gelesen hätte, wäre ich Dich besuchen gekommen. Ich hasse Dich nicht mehr länger, allerdings könnte ich auch nicht sagen, daß ich Dich liebe, aber Du stellst einen großen Teil meiner Kindheit dar. Ich schätz mal, ich sehe Dich als eine romantische Gestalt, jemand, der in die Nacht verschwunden ist. Vielleicht möchtest Du so gesehen werden. Rachel finde ich nicht romantisch, allerdings kenne ich sie wiederum. Sozialarbeiterin ist ein bißchen großkotzig für das, was ich tue: Ich lebe und arbeite in einer Barackensiedlung in Wandsworth, kümmere mich um die Kinder. Ich kann wohl sagen, daß Du eine derartige Armut in Indien gesehen hast. Für gewöhnlich glauben die Leute, sie bliebe dort. Ich bin gerade per Anhalter Rachel besuchen gefahren, also wird’s wohl kaum wahrscheinlich sein, daß ich in der Lage wäre, nach Delhi zu fliegen und Dich zu besuchen. Vielleicht schickst du mir ein Flugticket? Oder vielleicht kommst Du wieder nach London? Rachel sendet – ich bin mir nicht sicher, was. Ich wäre Dir wirklich gerne ein Freund, falls Du mir die Möglichkeit dazu gibst. Sie war zufrieden mit diesem Entwurf und kritzelte ihn nieder, für den Fall, daß er am Morgen noch immer gut aussähe. Er
wirkte beherrscht und bitter, ohne kleinlich zu sein. Christy sah nicht ein, weshalb sie um ihren so lange verschollenen Vater zuviel Aufhebens machen sollte. Er wollte verschollen sein, und sie war in Wirklichkeit die Verliererin gewesen. Seitdem hatte sie keinem Mann mehr vertraut. Zum ersten mal gab sich Christy die tieferliegende Furcht zu, Martins Verschwinden habe ihr einen Geschmack an Männern gegeben, die schwer faßbar waren, und daß darum Simon sie soviel mehr beschäftigte als Sean. Es fiel leichter, ehrlicher den Eltern gegenüber zu sein als dem Kuddelmuddel ihres eigenen Gefühlslebens. Christy wandte sich den Briefen ihrer Mutter zu.
KAPITEL 8
Es waren ein Dutzend Briefe, auf liniertem Papier geschrieben, das aus einem billigen Notizbuch gerissen und zusammengefaltet in braune Umschläge gesteckt worden war. Rachels runde geschwungene Handschrift bedeckte jeden Zentimeter von beiden Seiten, um kein Papier zu verschwenden. Die Briefe berührten Christy, noch ehe sie sie las, weil sie aussahen wie das geheime Tagebuch eines sehr jungen Mädchens. Sie stellte sich ihre Mutter vor, wie sie, die ganze Zeit über allein, unten neben einem unzureichenden Feuer saß und versuchte, aufrichtig ihrer Tochter gegenüber zu sein. Vieles von dem Geschriebenen war Konversation, Bemerkungen, die hätten ausgetauscht werden können, wenn man in einem Zimmer beisammen gesessen hätte; wie kalt es war, was sie gerade las, daß es sowohl gemütlich als auch zum Verzweifeln war, so vom Schnee abgeschnitten zu sein, und wie sehr sie Kartoffeln und Linsen überhatte. Ihre Mutter hatte jede Woche einen langen Brief geschrieben, mit täglichen Einträgen. Sie hatte sich Christy den ganzen langen Winter als eine mitfühlende Gefährtin vorgestellt, während Christy ihrerseits kaum an sie gedacht hatte. Im allgemeinen war der Tonfall der Briefe freudig, in einigen Passagen jedoch mußte Rachel Schwächen zugeben, von denen sie nicht hatte sprechen können. Obgleich ihr die Mutter die Briefe übergeben hatte, spürte Christy doch, daß sie eine Art heimlicher Lauscherin war. Sie mußte sich dazu zwingen, dieses neue intime Verhältnis anzunehmen.
»… oftmals lese ich diese Briefe laut, oder sage Gedichte auf, oder singe, nur um das Schweigen zu brechen. Ein absichtliches Lärmen, weniger absurd, als mit sich selbst zu reden. In Wirklichkeit könnte ich natürlich kreischen und schreien und vierundzwanzig Stunden am Tag auf Mülleimerdeckel schlagen, niemand wüßte oder kümmerte es. Aber ich bin unheilbar gesund, ich war niemals in der Lage, mich gehen zu lassen, selbst als ich jung war und einiges intus hatte. Ich bewundere deinen Vater, weil er so gut darin war, lustig und dumm und leichtfertig zu sein. Er wußte wohl kaum, daß ich ihn bewunderte, ich hab’s ihm niemals gesagt, und ich starrte ihn sogar mißbilligend an, wenn er betrunken war oder ständig kicherte. Dann wiederum, wenn wir uns liebten, waren wir imstande, einer den anderen zu betreten, allerdings nur sehr selten. Ich übernahm etwas von seiner Fröhlichkeit, und er wurde ernst, wie ich ihn mir so verzweifelt wünschte. Dann waren wir glücklich…« »… ich werd Dir etwas sagen. Ich fühlte mich erst dann nicht mehr schuldig, weil ich Dir keinen Vater gegeben hatte (oder nur für kurze Zeit), als ich sah, daß Du gleichfalls Probleme mit Männern hattest. Jetzt kann ich Dir wohl endlich sagen, was geschehen war, und Du wirst mich nicht zu hart beurteilen, oder auch ihn. Sie war nicht zufällig oder jäh, unsere Trennung, obgleich es Dir so vorgekommen sein muß. Wir haben siebzehn Jahre zusammen gelebt – fünf vor deiner Geburt –, und wir hatten geglaubt, alles Umwälzende hinter uns zu haben. Weißt Du, wer wir gewesen waren, als wir einander begegneten? Ich frage mich, ob Du uns erkannt hättest. Ich war ein wenig jünger, als Du es jetzt bist. Ich war Bibliothekarin an einer Universität in Surrey, die eben gegründet worden war. Sie hat schon vor Jahren dichtgemacht, weil ihr das Geld ausgegangen
war. Martin saß gerade an einer Doktorarbeit über die Rolle der Frau bei Dostojewski, und wir führten in der Kneipe große Diskussionen. Ich beschuldigte ihn, die Frauen zu passiv zu machen. Er hatte sich seit Jahren mit diesem Thema beschäftigt und hatte keine Absicht, es zu beenden, er kam mit dem bißchen Geld seiner Eltern und aus ein paar Nachhilfestunden aus. Oftmals glaube ich, wir wären völlig glücklich gewesen, wenn es uns gelungen wäre, so wie bisher weiter zumachen; nahe beieinander zu leben, jedoch nicht zu nah, zu arbeiten, jedoch nicht zu hart, ohne langfristige Pläne oder Verantwortung. Tut mir leid, das ist nicht sehr schmeichelhaft für Dich. Zu jener Zeit sah Martin selbst ein bißchen wie Dostojewski aus, mit brennenden schwarzen Augen, mit gelocktem schwarzen Haar und einem Bart, und dazu diese sehr dramatisch weiße Haut mit den roten Lippen. Er hatte eine lustige Nase, die zu weit hervorstach; wenn ich jetzt daran denke, dann hast Du sie auch. Selbst mit neunzig wird diese Nase noch immer so aussehen, als stäche sie aus dem Gesicht eines Kindes hervor. Wenn er diskutierte, war’s wie der Kampf eines Epileptikers, er raste und stampfte mit den Füßen und beharrte auf seinem Standpunkt, und es war schrecklich aufregend, zurückzuschreien und gegen ihn die Stellung zu halten. Das war, ehe die Leute dem Sex gegenüber aufgeschlossener wurden. Er war noch immer ein Geheimnis, das wir gegen den Willen unserer Eltern entdeckten. Und ich war damals attraktiv, wenn Du Dir das vorstellen kannst. Ich bin mir nicht sicher, daß ich’s noch kann. Ich war aktive Gewerkschaftlerin, was damals legal war, und wir gingen auf Protestmärsche und Kundgebungen gegen nukleare Bewaffnung und Vietnam und Apartheid. Wir verachteten die Ehe, und ich wollte niemals ein Kind haben, weil ich kein Recht dazu hatte, eines in eine Welt zu setzen,
wo es einen nuklearen Holocaust geben mochte. Meine lebhaftesten Erinnerungen an jene drei ersten Jahre unserer Bekanntschaft rühren von einem Marsch zum Trafalgar Square mit umeinander gelegten Armen her. Ein Gefühl von Wärme und Großartigkeit. Dann zwangen sie ihn dazu, Farbe zu bekennen, und er mußte sein Thema beenden, das sehr exzentrisch und Martin sehr ähnlich war, voller Bezüge zum Manichäismus und Marxismus und den albigenser Häretikern – ich glaube, er hat fast jede religiöse und politische Idee seit Plato hineinverwurstet. Diejenigen Vorzüge, die ihn einen solch charmanten Redner sein ließen, machten aus ihm einen launischen Akademiker, obgleich seine Vorlesungen stets Spaß machten. Wie dem auch sei, schließlich erhielt er einen Lehrauftrag – davon gab’s damals noch massenhaft – an einem Polytechnikum in der Nähe von Coventry. Ich erhielt eine Stelle als Bibliothekarin in derselben Stadt, und wir zogen schließlich formal zusammen. Meine Eltern betrachtete das noch immer als einen ziemlichen Skandal; sie waren Methodisten aus Yorkshire. Sie machten fast alles herunter, was ich tat, und sie sind, glaube ich, der Grund dafür, daß ich Dir das alles schreibe: Ich möchte Dich alles über sie wissen lassen, was ich über sie nicht wußte. Wir wohnten in einem ziemlich häßlichen neuen Haus und nahmen an Gewicht zu. In der Straße gab’s eine Menge Kinder, und ich entdeckte meine Liebe zu ihnen. Der Holocaust schien doch noch nicht so unmittelbar bevorzustehen, also heirateten wir, heimlich, und Du wurdest geboren. Du warst die große Liebe meines Lebens, und Martin war sehr eifersüchtig auf Dich. Wir beide stritten uns wegen Dir, bewunderten Dich, konnten weder Augen noch Hände von Dir lassen. Du bist wohl das am meisten photographierte und auf Band aufgenommene Baby der Geschichte. Doch war da
stets dieser versteckte Vorbehalt auf seiten Martins, ich mußte Dich anscheinend immerzu verteidigen, wenn er behauptete, Du seist verdorben oder eine Drahtzieherin oder selbstsüchtig. Er sah Dich nicht als kleines Baby, sondern als gleichgestellt und Rivalin. Wir waren offenbar niemals imstande, eine Familie zu werden, vielleicht, weil wir vor deiner Geburt soviel Zeit damit verbracht hatten, Familien im NuklearZeitalter zu kritisieren. Damals hörte ich auf zu arbeiten, wodurch ich ruhelos wurde. Ich gewöhnte mir an, die Wohnzimmerfenster derjenigen Leute anzustarren, die ich für Omo-Familien hielt, und mich dabei zu fragen, wie die das wohl hinkriegten. Wir alle liebten einander, aber irgendwie war das nicht synchron zu bekommen…« »… als Kind hattest Du schreckliche Launen, Du hast gekreischt und geschrien und mich getreten. Ich hielt Dich an den Armen fest, bis Du Dich beruhigt hattest, damit Du Dich nicht verletztest. Martin jedoch verlor die Geduld mit Dir, weil Du diese fürchterlichen Wutanfälle hattest. Ich habe ihm gesagt, er sei nicht erwachsen genug, um Vater zu sein, und er brüllte vor Wut und sagte, wie arrogant es von den Frauen sei zu behaupten, sie seien die einzigen erwachsenen Menschen im Universum. Dann verliebte er sich in eine seiner Studentinnen. Und ich bin gleichfalls mit jemandem losgezogen, einem seiner Kollegen, wirklich nur aus einer Laune heraus. Wir waren erschreckend offen, wir erzählten einander alles, und es hat Zeiten gegeben, da waren wir so beschäftigt damit, uns gegenseitig zu zerstören, daß wir Dich kaum bemerkten. Du bist daraufhin eine Weile bei meinen Eltern geblieben. Damals mußt Du etwa drei Jahre alt gewesen sein. Erinnerst Du Dich an irgend etwas davon?
Irgendwie haben wir einander nicht zerstört, auch nicht verlassen, wir kamen uns, wenn überhaupt etwas, dann noch näher. Jetzt kommt’s mir so vor, als seien wir stets der Gnade des Geistes unseres jeweiligen Zeitalters ausgeliefert: Man absorbiert ihn aus der Luft um einen herum; wenn man dafür empfänglich ist, pustet er einen richtig durch und verändert die Konturen dessen, was man für seine Persönlichkeit gehalten hat. Ich glaube, das war mit uns passiert, als die heißen Winde von Drogen und Sex in den späten Sechzigern Richtung Coventry bliesen. Jäh gab es Spätvorstellungen im Kino und nächtliche Parties an einem Ort, wo bislang als einziges das Steakhouse noch bis Mitternacht geöffnet hatte. Es war lustig. Schwierig war einzig und allein Dein Vorhandensein, eine ständige Mahnung daran, daß wir nicht mehr so jung waren, auch war ich niemals besonders gut im Fröhlichsein. Ich arbeitete schwer daran, trug Miniröcke und betrank mich und machte Trips, aber je frivoler ich zu sein versuchte, desto ernster wurde ich. Ich grübelte, und mein Grübeln wurde zum Feminismus, ein Protest Martins Haltung mir gegenüber und gegen die Haltung der meisten mir bekannten Männer ihren Frauen und Freundinnen gegenüber. Ich wurde immer aggressiver, schloß Freundschaften auf eigene Faust und kehrte zur Arbeit zurück. Wieder eine verdammte Bibliothek. Ich glaube, ich habe Dich absichtlich gegen Martin aufgebracht, und das war falsch von mir. Ich rutschte in ein Verhältnis zu ihm hinein, das beschämend für uns beide war: Ich schmollte, wenn er um vier Uhr morgens nach Hause kam, stellte jedoch keine Fragen. Ich haßte ihn dermaßen, daß ich mich Dir anvertraute, ich wollte, daß er zu uns zurückkehrte, diesem Gruppenbild von Dir und mir, wie wir uns aneinander klammerten. Damals schlief ich oft bei Dir, statt mit ihm…«
»Er trank und schluckte Pillen wie ein Neunzehnjähriger, und sein Körper machte da natürlich nicht mit. Er wurde fett und schwammig, die Farbe seiner Haut wandelte sich von elfenbeinern zu der Farbe von altem Zeitungspapier, und er bekam ein Magengeschwür. Er kam zu spät zu den Vorlesungen und nahm sich eine Menge Freizeit. Nach und nach, über mehrere Jahre hinweg, wurde er ziemlich schäbig und lächerlich, ein leichtes Ziel für Hohn und Verachtung. Ich wollte ihn verachten. Ich benahm mich ihm gegenüber viel schlimmer, als er sich mir gegenüber benommen hatte. Ich drohte ihm, ihn zu verlassen und Dich mitzunehmen, und er war von all unseren Unternehmungen ausgeschlossen. Doch gab es noch immer Nächte, da wir uns am Ende alle gemeinsam als Haufen in einem Bett wiederfanden, erschrocken einander umarmend – zumindest waren Martin und ich erschrocken. Die Anspannung, das Gefühl, daß das Feuer ausgebrochen war, wir jedoch den Rauch nicht riechen oder die prasselnde Hitze aufspüren konnten, wurde so unerträglich, daß ich froh darum war, als er hinausgeworfen wurde. Das verhieß eine Bewegung, ein sichtbares, deutliches Zeichen statt all der schmerzlichen Veränderungen, von denen wir so getan hatten, als bemerkten wir sie nicht. Martins Reaktion war so charakteristisch: Da er die Akademie dazu gezwungen hatte, ihn zurückzuweisen, wies er sie nun heftigst zurück, samt aller Jobs, aller Hypotheken, samt allem städtischen oder vorstädtischen Leben. Dieser rührselige romantische Zug, den er stets an sich gehabt hatte, er wurde deutlicher. Natürlich wurde er auch wieder attraktiver, und er und ich waren glücklicher, als wir’s seit Jahren gewesen waren. Wir bekamen Geschmack daran, gemeinsam Schiffbrüchige zu sein. Ich gab eine Menge häßlicher Wahrheiten vor mir zu, die ich seit deiner Geburt unterdrückt hatte: mir war unser häßliches,
fadenscheiniges Haus zuwider, die Stadt dahinter, mein Job, vieles dessen, was Martin geworden war, die Geschäfte, in die wir gingen, die Parties, die wir gaben. Das war alles so falsch, so gezwungen und unbehaglich. Aber ich hätte mit einem vagen Gefühl der Unzufriedenheit weitermachen können, jener stillen erbärmlichen Neurose, womit es den meisten unserer Freunde zu leben gelang, wenn Martin nicht einfach über Bord gesprungen wäre. Ich folgte ihm noch immer, widerstrebend. Ich machte mich daran, eine verlassene Gegend zu finden. Du hattest gesagt, Du wolltest auf dem Land leben und reiten. Mir waren die Midlands ein Greuel, und ich hatte trübe Erinnerungen an den Norden, wo ich aufgewachsen war. Aber ich verspürte ein Verlangen nach den Wanderungen, die ich als Kind in den Mooren unternommen hatte, ein Gefühl unbegrenzter Weite und Möglichkeiten, das ich Dich erfahren lassen wollte. Jenen Sommer verbrachten wir einen Monat damit, in Devon umherzufahren, und wir erstanden diesen Ort billig auf einer Versteigerung. Du mußt Dich an diesen Urlaub erinnern, wir waren euphorisch. Wir hatten wirklich das Gefühl, das Leben wieder unter Kontrolle zu haben, da wir aus einer schmutzigen Welt in eine reinere Welt entflohen, die wir uns selbst erschaffen würden. Vielleicht gibt’s keine verlockendere Vorstellung. Das Dumme dabei ist, die Verlockung beruht darauf, beachtet zu werden. Bald nachdem wir hierher gezogen waren, war’s klar, daß uns niemand beachtete; ein paar wenige Freunde drohten, im nächsten Sommer herzukommen und hierzubleiben, aber die meisten schrieben einfach witzige Briefe über das einfache Leben. Bald schrumpfte meine Korrespondenzliste zusammen. Der erste Sommer machte dennoch Spaß. Wir zelteten hier draußen, während wir Sachen anpflanzten, und renovierten fast das ganze Haus. Wie sich herausstellte, hatte ich eine unerwartete Begabung für
Zimmermannsund Installateursarbeiten. Ich genoß es wirklich, Arbeiten zu erledigen, die von unmittelbarem Nutzen waren. Du hast geholfen, bist umhergerannt und hast ein ganz schönes Stück gesünder ausgesehen, obgleich Du einsam gewesen sein mußtest. Aber der arme Martin, der seine Zukunft aufs Spiel gesetzt hatte, um ein Sohn der harten Arbeit zu werden, langweilte sich zu Tode. Er konnte sich nicht genügend konzentrieren, um die Arbeit richtig zu machen, er schlug die Nägel krumm und fütterte die Hühnchen mit einer Überdosis an Vitaminen, wodurch sie fast krepiert wären, und hätte sich fast den Daumen mit einer Kreissäge abgeschnitten. Wir haben natürlich gelacht, er jedoch war gekränkt. Er hat stets erwartet, alles zu können. Ich habe ihm stets gesagt, es sei noch soviel Zeit zu lernen, aber er wollte nicht wirklich lernen, nicht auf eine solch schweißtreibende, unangenehme Weise, er hatte das Gefühl, derlei Aufgaben seien eine Verschwendung seiner Intelligenz. Und es blieb nicht viel Zeit. Ab September wurde es des Nachts allmählich kalt, und das Dach war noch immer nicht dicht. Ich arbeitete den ganzen Tag über daran, das Haus für den Winter wetterfest zu bekommen, aber ich wußte wirklich nicht, was ich da tat. Wir konnten es uns nicht leisten, einen Helfer zu bezahlen. Doch Du warst immer noch glücklich, erinnerst Du Dich? Du hattest Ställe gefunden, wo man Dich jeden Morgen reiten ließ, wenn Du als Gegenleistung halfst, und am Nachmittag hattest Du mir geholfen, Du reichtest mir die Werkzeuge, und Du hattest ein grünes Händchen beim Pflanzenzüchten. Martin hing gewöhnlich herum, also mußten Du und ich mal wieder wie ein Team von Verschwörern gewirkt haben. Als Deine Schule begann, fuhr er Dich hin und zurück, was eine Menge Zeit des Tages füllte. Wir entschieden uns dafür, den Jeep nicht zu verkaufen, obgleich wir das Geld gebraucht hätten. Wir waren zuvor noch
niemals arm gewesen, und Martin hatte es noch niemals richtig kalt gehabt. Mir erscheinen die Winter hier milder als diejenigen, an die ich mich als Kind in Yorkshire erinnere. Der Schnee wirkt wärmer und sanfter, die Luft weniger grimmig, selbst wenn ich jetzt allein bin. Aber Martin war in London aufgewachsen, für ihn war der Winter eine Zeit, da stellte man die Zentralheizung an, trug ein paar Pullover mehr und verbrachte mehr Zeit im Pub. Was unsere wunderbare Abgeschiedenheit für uns bedeutete, erfuhren wir erst mit dem ersten Schnee. Mir wurde klar, wie sehr wir das Polster mit Jobs und Freunden gebraucht hatten, wie sehr wir es gebraucht hatten zu sagen: ›Ich hab soviel zu tun!‹, wann immer wir uns trafen. Von Angesicht zu Angesicht, monatelang in diesem Haus gefangen, gab es keine Illusionen und keine Trivialitäten mehr. In jenem ersten Winter breiteten wir uns beide in den zeitlosen Raum um uns herum aus. Kleine Launen warfen monströse Schatten auf die Wände, und kleine Meinungsverschiedenheiten wurden zu Schismen. Du hast das gleichfalls gespürt, an vielen Tagen lag der Schnee zu hoch, als daß Du hättest zur Schule fahren können, und Martin unterrichtete Dich zu Hause. Er genoß das, er hatte ein Händchen dafür, und es gab ihm etwas zu tun, Du jedoch spürtest den Druck im Haus und wurdest hysterisch. Ich verbrachte ganze Tage eingeschlossen in einem Zimmer, lesend und schreibend, jedes Geräusch vor der Tür zurückweisend. Martin war wie erstarrt. Er konnte nicht nach draußen und jemanden treffen, und all die Jahre, während derer er Literatur gelehrt hatte, hatten ihn offensichtlich vom Lesen abgebracht. Wir freuten uns auf den Frühling, ganz pathetisch, als brächte uns der Anblick von Gras und Blumen das Vertrauen zueinander wirklich zurück. Ein halbes Dutzend Mal in jenem Winter wäre Martin fast aus dem Haus ausgebrochen. Wir wußten beide, er würde nicht zurückkehren, wenn er
ginge. Ich glaube, darum warst Du so bestürzt, als er schließlich doch ging. Es war nichts, das jählings an einem Abend geschehen wäre, schon seit Jahren war es unausweichlich gewesen, glaube ich. Aber wie erklärt man das einer Zwölfjährigen?« »… ich frage mich jetzt, warum mir niemals der Gedanke gekommen ist, ich könne diejenige sein, die ginge. Ich hätte Dich mitgenommen, wir hätten zu meinen Eltern gehen können, die damals noch am Leben waren, und sie wären erfreut darüber gewesen, daß meine Ehe in die Brüche gegangen war. Mein Vater war ein großer Pessimist, den es lediglich aufheiterte, wenn alles schief ging und er somit recht behalten hatte. Sie haben mir niemals verziehen, daß ich in den Süden gegangen war. Ich hatte auch andere Freunde, mehr als Martin, der Freundschaften zu leichtfertig schloß und brach. Ich glaube, ich war bereits soweit, daß ich dieses Haus liebte, und ich wußte, ich hätte hier zusammen mit Dir glücklich sein können. Martin war das Hindernis, und er benahm sich auch allmählich wie eines: eine halsstarrige, ungehobelte, schmollende Gegenwart am Küchentisch, der sich am hausgemachten essigsauren Wein besoff. Dann kam das Tauwetter, und es wurde besser. Es war wundervoll zu sehen, wie das Land wieder lebendig wurde. Für Dich und Martin war das alles neu, ihr gingt umher und hieltet den Atem an beim Anblick von Lämmern und Schneeglöckchen und Regenbögen, Dingen, von denen ihr bislang nur gelesen hattet. Meiner Meinung nach sah Martin in ihnen lieber literarische Symbole, er fand die Realität banal und durchsichtig. Wir verdienten ein wenig Geld damit, daß wir das Feld an Camper vermieteten, wir schlossen einige Freundschaften in der Stadt, fühlten uns allmählich wieder angenommen. Aber nicht voneinander.
Leute kamen und blieben. Wir fuhren an die See, und Du kümmertest Dich wieder um Deine Pferde. Wir erzählten einander die Geschichte dieses schrecklichen Winters so viele Male im Sonnenlicht, daß sie fast zur harmlosen Anekdote wurde. Daraufhin folgte der zweite Winter, und er war schlimmer als der erste, länger und kälter, mit mehr Gelegenheiten zu Streitereien…« »… vor jener Nacht, da Martin so betrunken war, daß er unempfindlich gegenüber der Kälte wurde, war es monatelang eine ausgemachte Sache gewesen, daß er ginge. Wir hatten darüber diskutiert, hatten Listen darüber geführt, hatten einander Hunderte von Malen gesagt, daß wir Aspekte des anderen noch immer liebten und daß wir immer Freunde bleiben würden. Es war allmählich wie am Bahnsteig bei einem Zug, der nicht abfahren wollte, obgleich man sich verabschiedet hatte und endlich in Ferien fahren wollte. Es waren Ferien voneinander, all der Haß wäre verschwunden, sobald er, Martin, aus dem Haus wäre, und ich würde ihn sogar vermissen. Ich vermisse ihn noch immer – auf angenehme Weise.« »… erst dann, in meinen Vierzigern, entdeckte ich ein ausgesprochenes Vergnügen an der Einsamkeit. Kein negatives, steriles Gefühl, obwohl es von außen vielleicht so aussehen mag, könnte ich mir denken. Das Schlimmste an jenen Jahren waren meine Schuldgefühle Dir gegenüber, weil ich nicht dafür gesorgt habe, daß Du an einem Ort ein normales Leben führen konntest, wo Deine einzige Möglichkeit eines sozialen Lebens im Kontakt mit sehr normalen Leuten bestanden hätte. Eines halte ich Dir zugute: Obgleich Du Pferde liebtest, wolltest Du doch niemals eines
dieser schrecklichen kleinen Jagd- und Gymkhana∗ -Mädchen werden. Deine Sympathien lagen auf Seiten der Pferde, nicht deren Besitzer, und das gefiel mir. Ich mochte Dich so, wie Du warst, ich war stets mehr oder weniger unkritisch Dir gegenüber. Es kommt mir so vor, als hätten wir bereits über alles geredet – nur nicht über Martin, das Wichtigste von allem. Es war meine Schuld, daß er sich in Deiner Vorstellung als finstere und mysteriöse Macht aufgebaut hat, wo er doch in Wirklichkeit nichts dergleichen war, eine weit offenere Natur als ich selbst. Wenn Du jetzt also noch weitere Fragen hast, dann stelle sie bitte…« »… eines der schlimmsten Dinge an diesen Wintern ist das Gefühl, als ob mein Bewußtsein schrumpfte. Da bin ich, nur schwach verbunden über die dürren Äste der Erinnerung und des Gefühls Dir gegenüber, gegenüber Martin, gegenüber bestimmten Büchern und Musikstücken, gegenüber einigen wenigen Freunden, die ich ein- oder zweimal im Jahr sehe. Der ganze übrige Rest ist Schnee, erbärmliches Feuer und Essen, das mir zum Hals heraushängt. Ich denke viel an Greenham, das einzige Mal, da ich mich im Zentrum des Geschehens gefühlt habe. Ich vermisse dieses Gefühl des Dabei-Seins und der Kameradschaft wirklich, den Glauben, ich könne einen Einfluß auf das Weltgeschehen nehmen. Das mag eine Illusion gewesen sein, aber es war eine großartige Illusion. Die wenigen Freundschaften, die ich noch immer aufrechterhalte, die mit Liza und Marie und Stephen, schloß ich alle während dieses Jahres. Ich frage mich stets, warum ich dorthin gegangen und warum ich wieder weggegangen bin. Keine der beiden Handlungen hat offenbar irgend etwas mit meinem sonstigen Leben zu tun. Ich bin wohl wegen Dir hingegangen. Nachdem ich Dich ∗
Gymkhana: Geschicklichkeitswettbewerb für Reiter – Anm. d. Übers.
schließlich hinausgeworfen hatte, vermißte ich Dich schrecklich und wünschte mir, sechs Kinder zu haben. Ich bewunderte Dich, weil Du direkt ins Herz des Geschehens gegangen warst, ich verstand nicht, woher Du eine derart klare Vision haben konntest. Du verließest dieses Haus hier mitten im Nirgendwo, wie ihr beide, Du und Martin, stets geklagt habt, und gingst direkt mitten hinein nach London, um den Menschen zu helfen. Du hast dafür gesorgt, daß mir klar wurde, es gibt nur zwei Dinge, die wirklich zählen: Menschen sterben vor Hunger und Kälte (und das bereits hier in England, obgleich es die Regierung nicht gern zugibt). Und wir verwenden den größten Teil unserer Intelligenz, unseres Geldes und unserer Ressourcen dazu, unser Universum zu zerstören, und wir haben dafür offenbar auch noch eine gute Hand. Zuvor hatte ich dieses Universum niemals als ›mein‹ Universum betrachtet; es war ›ihres‹ gewesen, von Mächten besessen und beherrscht, die weit jenseits meines Zugriffs lagen. Ich hatte das Gefühl, meinen Anteil erledigt zu haben, als ich vor Deiner Geburt an den merkwürdigen Märschen teilnahm. Aber weil Du dort draußen warst, öffneten sich jäh die Stränge der Kommunikation zwischen mir und den Menschen, die auf Londons Straßen vor Kälte zitterten, und den Massenvernichtungsmitteln, dazu geschaffen, das ganze Land wegzuwischen. Sogar mich. Ich begann damit, zweimal die Woche per Anhalter nach Bodmin zu fahren und die dortigen Versammlungen des CND∗ zu besuchen. Ich stellte mich freiwillig für Aufgaben zur Verfügung – ich hatte mehr Zeit und Raum als sonst jemand. Das war jedoch nicht genug; Ich fühlte mich jämmerlich, während ich wie meine Mutter beim Fraueninstitut auf dem jährlichen Trödelmarkt für den ∗
CND: Campaign for Nuclear Disarmament – Bewegung für nukleare Abrüstung – Anm. d. Übers.
Frieden stand. Als daher jemand bei einer Versammlung vorschlug, wir sollten nach Greenham gehen, ging ich für ein Wochenende hin und blieb für ein ganzes Jahr. Das war die einzige Zeit meines Lebens, daß ich das Gefühl hatte, Teil einer großen Macht zu sein. Darum wohl waren Kälte und Widrigkeiten so leicht hinzunehmen, zunächst jedenfalls. Die meiste Zeit meines Lebens hatte ich es erbärmlich kalt gehabt und war einsam gewesen, auf verschiedene Weise. Jetzt kam ich mir nützlich vor, mutig, umgeben von Kameraden. Wir waren selbstgerecht, schätz ich mal, aber damals hatten wir recht. Meine Vorstellungen vom Feminismus, die bislang sehr vage gewesen waren, verfestigten sich, als ich sah, wie großmütig dort die Frauen handelten. Wir teilten alles und halfen einander und kamen ohne Anführer zurecht. Dann polarisierten sich die Standpunkte wegen der schrecklichen Beispiele von Männlichkeit, die wir erlebten: Die höhnisch grinsenden, sich über uns lustig machenden brutalisierten Soldaten auf der anderen Seite der Barrikade, die dämlichen Bullen, die uns an den Haaren durch den Schlamm zerrten, die gereizten Richter, die uns weder sehen noch hören konnten und Gefängnisstrafen wie Almosen verteilten. Es fiel leicht, sie zu verachten, und vielleicht beruhen alle großen Bewegungen auf der Annahme, deine Gegner seien blöd oder verrückt oder beides. Sicherlich berauschte mich der starke Wein des Heroismus, mit seinem bitteren Bodensatz, daß nichts, was man tut, je ausreichen wird. Mehr und mehr brauchte ich Ermutigung. Als sie mich in das komische kleine Gefängnis in Kent brachten – sie versuchten, uns voneinander zu trennen, damit wir nicht zu viele Besucher und Unterstützer anzögen –, bemerkte ich, wie müde ich war. Ich schlief zwölf Stunden am Tag in meiner Zelle, wachte auf und lag mit einer zufriedenen Benommenheit da, trocken und warm unter meiner Decke. Nachdem ich
meiner Zellengenossin, einer Prostituierten, einige GreenhamSongs beigebracht hatte (sie lehrte mich einige schmutzige Limericks), brachten sie mich in eine Einzelzelle. Das war prächtig. Es gelang mir, an Papier und Feder und Bücher zu kommen, dort ging es ziemlich lasch zu. Alle paar Stunden gab es was zu essen, und die Hitze war geradezu tropisch. Nach einigen Tagen fiel mir auf, daß ich mein altes Leben von daheim wieder aufgenommen hatte, und ich fühlte mich vollkommen glücklich und gesund. Zum erstenmal in diesem Jahr hatte ich keine Erkältung, und meine Gelenke knirschten nicht mehr. Natürlich fühlte ich mich mies bei diesem Gefühl des Wohlbehagens, und vielleicht erinnerst Du Dich an Deinen Besuch bei mir, wie ich mich höchst gläubig benommen und die Fäuste geballt habe. Bald darauf verließ ich das Lager und ging heim, mit einem schrecklichen Gefühl eines Anti-Höhepunkts. Einige von uns wären erfreut darüber gewesen, wenn der Staat, dem sie den Rücken gekehrt hatten, sie härter behandelt hätte. Absolute Standpunkte sind etwas Feines. Statt dessen waren wir zehn Minuten lang berühmt und wurden anschließend ignoriert, alle außer den Stärksten (nicht ich) waren von den Widrigkeiten und dem Gezänk am Boden zerstört. Es war, als habe der Zeitgeist mich wie ein riesiges warmes, vielköpfiges Untier ins Maul genommen, mich kräftig durchgeschüttelt und dann wieder fallengelassen. Seitdem habe ich mich niemals mehr so lebendig und kraftvoll gefühlt. Nicht, daß ich das Interesse an Abrüstung verloren hätte. Aber meine Interessen nahmen wieder kleinere, partiellere Formen an; ich ging zu Versammlungen und organisierte Filmvorführungen und schrieb Pamphlete. Die Hälfte der Überschüsse aus der Fischfarm sollten an die CND gehen – nur daß es keine Überschüsse gab.«
»… ich habe eine Art Stolz auf die Einsamkeit entdeckt, darauf, diese langen schweigenden Winter durchzuhalten. Ich könnte es nicht, wenn nicht Du da wärst, und Liza, die im Mai kommt, und Martin in Indien, der eines Tages mit neuer Frau und Kindern auftauchen wird, wie ich erwarte. Ein bißchen ist es so, als sei man tot, hielte jedoch schwach Verbindung zu den Menschen von drüben. Natürlich hatte ich jetzt die Nase voll, ich hätte mich hinausgeschaufelt, wenn ich nur irgendwo hätte hingehen können. Wenn es noch immer ein Lager in Greenham gäbe, wäre ich dorthin gegangen. Aber es gibt nur noch Lager wie Deines, und ich halte mich nicht für geduldig oder asketisch genug, um dort irgendwie von Nutzen zu sein. Gehen diese Dinge im geheimen vor sich, hörst Du irgend etwas? Ich hatte Gerüchte gehört, nachdem sie die CND für illegal erklärt hatten, seitdem jedoch nichts mehr. Ich denke oft an jene Geschichten, die wir über Rußland gelesen haben, all diese armen Leute, denen man nicht gestattete, Gewerkschaften zu gründen oder zu streiken, all diese verfolgten Intellektuellen. Nun, die Wahrheit lautet ganz einfach, es gibt niemals sehr viele Intellektuelle, und sie lavieren sich entweder so durch oder verschwinden still und heimlich, wie James und Catherine, die noch immer wegen Volksverhetzung im Gefängnis sitzen. Wir anderen wissen gar nicht so recht, daß wir unterdrückt werden, wir passen uns einfach an und machen aus unserer Isolation eine Tugend, wir zerreißen die Sachen, die wir schreiben, weil sie niemals jemand lesen oder veröffentlichen wird… Ich tagträume eine Menge. Mein ganzes Leben über habe ich die Finger von Schundromanen gelassen, weil es soviel zu lesen gab. Meine Tagträume jedoch sind äußerst banal, Vicki Baum und Barbara Cartland, Du wirst Dich nicht an sie erinnern. Soll ich Dir einen Tagtraum erzählen? Eines Morgens sehe ich aus dem Fenster, und ein Lastwagen kommt
den Feldweg herauf, beladen mit Kisten und Kästen. Du lenkst ihn, mit einem gesichtslosen Mann neben Dir und kleinen Kindern, die über die Kisten krabbeln. Du bist mit diesem Mann glücklich, gleich, wer er sein mag. Du hältst vor dem Haus an, hebst die Kinder herunter, und sie laufen auf mich zu. Schrecklich, nicht wahr? Du wirst aufjaulen, wenn Du das liest. Aber der Drang nach Enkeln ist fast so stark, wie der Drang gewesen war, Dich zu haben. Du hast mich in meiner Rolle als Erwachsene bestätigt, und jetzt brauche ich diese Enkel, um mich in meiner Rolle als alte Frau zu bestätigen. Manchmal gehe ich bei den Parkers babysitten, er holt mich mit dem Wagen ab, und einen ganzen Abend lang berühre ich diese Kinder, rieche sie und rede mit ihnen. Ich bin ziemlich verlegen, weil ich so eifrig etwas tun möchte, das als einfache Hausarbeit angesehen wird. Dieses Baby zu baden und dem Älteren seine Gute-Nacht-Geschichte zu erzählen, sind die Höhepunkte meiner Monate! Aber ich schätze, die Gefühle, die ich in Dich hineingelegt habe, sind von Deiner Arbeit aufgebraucht worden. Du mußt fünfzig Kinder statt eines einzigen lieben, und der Vorrat wird endlos sein. Ich bin lediglich ein bourgeoises Relikt (Martins Lieblingsvorwurf) mit einer Besessenheit für meine Tochter und meinen Enkel. Doch sind sie sehr mächtig, diese Gefühle. Ich frage mich, ob Du sie überhaupt hast? Jetzt muß ich aufhören, sonst denkst Du, ich werde weich oder wolle mich einmischen, was schlimmer wäre.«
KAPITEL 9
Als Christy den letzten Brief gelesen hatte, blickte sie auf und blinzelte überrascht, weil das Tageslicht ins Zimmer strömte. Sie hatte noch immer Tränen in den Augenwinkeln, wegen der Enkel, die sie niemals hervorbringen würde. Es war ein Schock, als der lange Monolog abbrach, sie wollte mehr, wollte etwas von sich selbst zurückgeben, wollte sich vergewissern und Fragen stellen. Aber sie war jetzt wieder allein. Beim Anblick des kahlen Zimmers, vor langen Jahren weiß getüncht, jetzt gräulich, mit den staubigen nackten Dielenbrettern, die strahlenförmig vom Bett ausgingen, fühlte sie sich im Stich gelassen. Ihre Decken lagen versteckt unter den blauen und weißen Blättern; als sie mühsam aufstand, schwebten und tanzten sie im Schein der frühen Morgensonne, der durch die dünnen weißen Stores fiel. Christy zog sich die Schuhe an und ging ganz leise auf Zehenspitzen, über die quietschenden Dielen zum Schlafzimmer ihrer Mutter. »Bist du’s?« »Darf ich hereinkommen?« »Natürlich.« Rachel trug, wie ihre Tochter, im Bett einen Pullover. Das graue Haar, das ihr um die Schultern hing, ließ sie älter aussehen, wie eine Hexe in ihrem großen Bett unter einer Flickendecke. Christy setzte sich aufs Bett und drückte sich unter die Decke, um sich vor dem kalten Wind zu schützen, der durch das Haus und über Dartmoor hinwegfegte. »Ich habe deine Briefe gelesen. Ich habe die ganze Nacht darüber gesessen.« »Ich bin froh, daß ich dabei nicht dein Gesicht sehen mußte.«
»Sie sind wundervoll. Ich freue mich so darüber, daß ich sie lesen durfte. Die ganze Zeit über habe ich gedacht, das hier sind Papiere von der Sorte, wie man sie gewöhnlich nach jemandes Tod findet, wenn’s zu spät zum Reden ist. Ich bin so froh, daß du hier bist und lebst.« »Sie haben dich nicht in Verlegenheit gebracht?« »Manchmal ist’s gut, wenn man in Verlegenheit gebracht wird. Wenn man all seine Gedanken für sich behält, frieren sie ein und setzen sich in einem fest. Ich bin so froh, mehr von Martin zu wissen.« »Das ist alles, was ich dir sagen kann. Mir ist während des Schreibens klargeworden, daß es nicht so ist, daß wir lügen, sondern daß uns vielmehr die Wahrheit stets entschlüpft. Ich habe nie sehr viel von ihm gewußt, wirklich. Du mußt ihn eines Tages nach mir fragen.« »Vielleicht. Er hat mir letzten März geschrieben, ich solle mich mit ihm in London treffen.« »Wärst du hingegangen?« »Möglich. Aus Neugier heraus. Aber mir ist’s lieber, ihn zu treffen, nachdem ich gelesen habe, was du über ihn und dich zu sagen hattest.« »Ich nehme an, ich hätte seinen Brief nachsenden sollen. Er hat mir gleichfalls geschrieben, aber ich habe ihm zurückgeschrieben und gesagt, ich sehe nicht ein, weshalb ich die ganze Fahrerei auf mich nehmen sollte, wo ihm doch Autos und Flugzeuge zur Verfügung standen.« »Na ja, warum solltest du?« »Er ist offenbar sehr beschäftigt und distinguiert geworden. Oder er konnte es vielleicht auch nicht ertragen, sich in diesem Haus zu treffen, wollte sich auf neutralem Boden treffen. Wie dem auch sei, so nahe sind wir uns seit zwanzig Jahren nicht mehr gekommen.« »Du weißt, was du über Enkel gesagt hast?«
»Jeden Augenblick, seitdem ich dir jene Briefe übergeben habe, habe ich mir gewünscht, diese Passagen zu vernichten. Das geht mich nichts an.« »Es geht dich was an. Ich habe keine Lust mehr auf diese schreckliche Zurückhaltung. Ich möchte zur Abwechslung mal jemanden was angehen. Ich hab’s nur Sean erzählt, und er sah dabei aus, als sei das die langweiligste Nachricht, die er seit Monaten gehört hatte – na ja, vergangenen September wurde ich sterilisiert. Es wird also keine Enkel geben.« Sie saßen Seite an Seite im Bett, berührten einander nur beinahe, sahen einander mit ausgesprochener Vorsicht an, fürchteten, sie könnten den falschen Ton anschlagen und in ihre alte Formalität zurückfallen. »Nun, es ist natürlich dein Körper«, sagte Rachel behutsam, erstaunt über den Schmerz, den sie verspürte. »Mein Körper entsprang deinem.« »Das ist lange her.« »Du bist mir nicht böse?« »Christy, was gibt es denn da zu entschuldigen! Niemand außer dir kann darunter leiden.« »Darum war’s so schwer. Das Gefühl, daß mir keine mögliche Verbindung zu jemand anderem bliebe. Darum wollte ich dich wohl hineinziehen.« »Ich bin froh darüber, daß du mir’s gesagt hast, aber ich kann kein Urteil abgeben. Ich hab ‘ne Menge Zeter und Mordio geschrien, weil ich dich hatte, und das war in einer viel stabileren Welt. Ich glaube, in deiner Lage hätte ich vielleicht dasselbe getan.« »Oh, schön.« »Dann liebst du Sean nicht?« »Jetzt nicht mehr. Meinst du, ich müsse unbedingt ein Kind mit ihm haben wollen, falls ich’s täte, ihn lieben?«
»Ich glaube nicht. Nur ein weiteres meiner bourgeoisen Relikte. Ich verstehe nicht sehr viel von deinem Leben – wohnst du mit ihm zusammen?« »In benachbarten Wohnwagen.« »Das ist komisch. Martin pflegte zu sagen, wir hätten ganz gütlich miteinander in benachbarten Wohnungen leben können.« »Gütlich ist ein bißchen viel gesagt.« »Wem bist du dann nah?« »Den Kindern. Dir, obgleich wir so wenig voneinander haben. Und Simon, mit dem ich zusammenarbeite – weißt du, wenn ich an Smiles denke, ist er der einzige Erwachsene, den ich wirklich vermisse.« Rachel wartete. »Hast du dich jemals jemandem nahe gefühlt, den du überhaupt nicht richtig gekannt hast?« »Aber ja. Ich hatte mich halb bis dreiviertel in Martin verliebt, während ich ihm an seinem Schreibtisch in der Bibliothek beim Arbeiten zugesehen habe. Er hatte eine solch auffallende Art, sich bescheiden im Hintergrund zu halten, und er hat immer diesen endlosen Vorrat an Marsriegeln und Bananen aus seiner Tasche geholt. Mir war die Stille des Ortes zuwider geworden, also genoß ich seine Geräusche.« »Sie sind so blöd, diese Dinge, die dich an jemandem anziehen. Simon ist sehr ruhig und ziemlich langsam, nicht beschränkt, überhaupt nicht, aber du hast niemals das Gefühl, er wäre als Ganzes zusammen mit dir im Zimmer. Als lebte er im Kopf in einem Trappistenkloster und lauschte immerzu auf die Glocke, die ihn von seinem Gelübde erlöste. Er wird lediglich dann richtig lebendig, wenn er mit den Kindern spielt – ich, schätze ich mal, auch –, wir ertappen uns gegenseitig dabei, hören auf und sind erneut gehemmt.«
»Hört sich sehr interessant an. Vielleicht bringst du ihn mal hierher?« »Ich habe ihn niemals außerhalb von Smiles gesehen, kaum einmal außerhalb der Spielgruppe. Ich weiß nicht, was er mir bedeutet. Die vergangenen paar Wochen war ich mir seiner derart bewußt, daß ich kaum zu atmen vermochte, dennoch arbeitete ich einfach weiter. Ich wußte nicht, was ich tun sollte, also tat ich gar nichts.« »Na, dann geh jetzt zurück und tu etwas! Es gibt nicht so viele Leute, die dich dermaßen anziehen, Blut zu Blut, und ich halte es für Blasphemie, sowas einfach wegzuwerfen. Enthaltsamkeit ist was anderes, aber warum solltest du dich seiner enthalten? Hört sich nicht so an, als schuldetest du Sean sehr viel. Ist er verheiratet?« »Simon? Ich glaube, ja.« »Find’s heraus! Warum ekeln dich deine eigenen Gefühle so sehr an? Tu dir doch zur Abwechslung mal was Gutes!« »Ich fühle mich nicht dazu berechtigt, ein kompliziertes Privatleben zu führen. Sean ist schon in Ordnung, er ist halböffentlich.« Rachel lachte und legte die Arme um ihre Tochter, was sie schon die ganze Zeit über, seit deren Eintritt, hatte tun wollen. Christy lehnte den Kopf gegen die rauhe Wolle über dem noch immer hervorspringenden Busen ihrer Mutter und verharrte dort. So nahe hatte sie sich schon seit langer Zeit keiner Person mehr gefühlt, und so mußte sie auch nicht die Ironie in Rachels Augen sehen. »Ich lache nicht deshalb, weil du deine Arbeit so ernst nimmst. Ich glaube, du hast recht. Was dich jedoch für Smiles so wertvoll macht, ist deine Energie, und damit du mehr davon kriegst, gibt’s nichts Besseres als eine glückliche Liebe. Im Augenblick hast du offenbar nicht viel Energie. Laß dich nicht
aus irgendeinem Sinn für Pflicht heraus ausdörren, das könnte ich nicht ertragen!« »Meinst du, wir werden weiterhin so wie jetzt reden und einander schreiben?« »Nichts kann uns daran hindern, solange jeder von uns beiden an einem Ort lebt, wo man die Post regelmäßig zustellt.« »Das ist das erste richtige Gespräch seit Monaten.« »Auch für mich.« »Geh nicht weg.« »Laß uns hinuntergehen und frühstücken.« Rachel bereitete Brötchen aus Hafermehl und Zimt und Rosinen, ein absichtlicher Versuch, gewisse Gerüche aus Christys Kindheit wiederzuerwecken. In der warmen duftenden Küche fühlte sich Christy wie eine Kranke, die sich auf die Genesung freut. Sie war müde, jedoch sehr erleichtert zu spüren, daß sie wieder ein Zentrum hatte. Sie dachte, ich kann die Häßlichkeit von Smiles nur mit dem Wissen ertragen, daß es Rachel gibt, zu der ich fliehen kann. Und Sean kann sich die soziologischen Implikationen in den… aber der Gedanke an Seans Hintern war lediglich eine langweilige Fagottnote in ihrem Flötenduett dieses Morgens. »Ich werde bald zurückgehen. Nächste Woche.« »Vielleicht werde ich dich mal besuchen. Würd’s dir was ausmachen? Ist doch absurd, daß ich nur so wenig darüber weiß, was du tust!« »Du kannst kommen, wenn du magst, aber ich käme lieber hierher zurück.« Sie aßen die heißen, krümeligen Brötchen. »Kochst du immer noch gern?« »In meinem Wohnwagen habe ich sowas wie einen Bunsenbrenner. Vielleicht solltest du mal kommen, nur um einen Blick drauf zu werfen.«
Sie unternahmen einen Spaziergang durch die rauhe hügelige Landschaft, über die Christy während ihrer Pferdezeit hinweggaloppiert war. Schrillgelbe Büschel von Stechginster drangen wie die Köpfe gelbsüchtiger Ungeheuer aus dem schütteren, blaßgrünen Gras. Zwei Ponies mit einem Fell von der Beschaffenheit des Grases, woran sie knabberten, sahen sie an, und Christy umarmte sie, atmete ihren stechenden, heftigen, freundlichen Geruch ein. Als sie noch allein hier geritten war, hatte sie sich vor den Gefangenen gefürchtet. Wildäugige, kahlgeschorene bärtige Männer, die Kettensägen schwangen, hatten in ihren Phantasien eine größere Rolle gespielt. Und wann immer sie eine Warnung erhielten, ein Mann sei entkommen, war Christy gewöhnlich mit dem Totschläger ihres Großvaters unterm Bett schlafen gegangen. Jetzt, dachte sie, kenne ich vielleicht ein paar von den armen Kerlen, die da drüben eingesperrt sind. Wenn ich einen treffe, werde ich ihm helfen, ihn verstecken und mit mir nach Smiles zurücknehmen. »Sieht alles anders aus?« »Nein, es hat sich nichts verändert, obwohl ich mich vermutlich verändert habe. Sollen wir nach Princetown hinübergehen?« »Ist ein langer Weg.« »Na und?« Der Himmel schwamm vor Regen, schluckte ihn dann jedoch hinunter wie ein Kind die Tränen. Die Sonne kam heraus und blinzelte schwach. Ein paar größere Tropfen fielen, dann jagten zerrissene weiße Wolken zur Küste, um dort die ersten Touristen durchzuweichen. Christy und Rachel schritten rasch über die Landschaft, die abwechselnd bedrohlich und bunt gesprenkelt aussah.
»Gott, wie ich mich an dieses Wetter erinnere! Die Warterei an der Bushaltestelle, wenn man es dazu bringen wollte, daß es nicht regnete, ehe der Bus eintraf!« »Du hast diese Tour gehaßt, stimmt’s?« »Jedesmal anderthalb Stunden, das reichte aus, um jedem die Schule madig zu machen.« »Ich habe immer geglaubt, ich könnte einmal genügend von der Miete sparen, die die Camper im Sommer zahlten, um einen Lieferwagen kaufen zu können. Es hat nie gereicht.« »Busse hasse ich noch immer. Ich nehme nie einen, wenn es sich eben vermeiden läßt.« Beim Weitergehen halfen sie einander über schwierige Stellen und lachten, als es schließlich doch regnete. Rachel war glücklich, sie dachte an all die Male, da sie allein hier heraufgegangen war und über ihre schlechte Beziehung zu Martin und Christy gegrübelt hatte. Jetzt kam sie sich nicht mehr länger wie eine verrückte alte Frau vor, Königin Lear, die in den Wind heult. Sie faßte Christy am Arm, als sie in die hübsche, wohlhabende, schmucke kleine Stadt kamen. »Sind wir nicht zu schmutzig, um da reinzugehen?« fragte Christy ängstlich auf dem Bürgersteig vor dem Tea Room. »Ist schon gut. Sie nehmen Bargeld.« Sie boten den vergoldeten Pferden und den karierten Tischtüchern mutig die Stirn und traten ein. »Alles so üppig«, flüsterte Christy heiser über ihr Ingwerbrot hinweg. »Ich habe vergessen, wieviel Geld es außerhalb Londons noch immer gibt.« »Dieses kleine ländliche Ghetto liegt im Zentrum. Aber natürlich fürchten sie sich vor den Menschen draußen, in den Wohnblöcken, die man in den sechziger Jahren errichtet hat. Dort haben sie 75 Prozent Arbeitslosigkeit, und dort liegt auch eine Zeltsiedlung. Der Farmer, dem das Feld gehört, ist ständig hinter ihnen her, kann sie jedoch nicht loswerden.«
»Selbst hier! Tja, warum freut es mich so, das zu hören?« »Weil es heutzutage eine Schande ist, in seinem kleinen umfriedeten Bereich zu leben und nicht wahrzuhaben, was draußen vor sich geht.« »Ein Teil von mir will am Fenster sitzen und Sahnetorten auf all diese Range Rover und Reithosen schmeißen. Der Rest will den Earl Grey-Tee samt dem georgianischen Haus gegenüber genießen.« »Wie ich annehme, spenden sie alle für die hungernden Kinder in Afrika.« »Verhungernde Kinder in England sind so geschmacklos, nicht wahr? Vergangenen Winter ist erneut die Rachitis ausgebrochen.« »Oh, sieh mal! Da ist Steven!« Er bestellte Hunderte von Hektar in der Nähe des Hauses ihrer Mutter, ein massiger, freundlicher Mann in teurer, praktischer Kleidung. Er winkte und trat zu ihnen an den Tisch. Sean hätte ihn aus Prinzip gehaßt, Christy war von ihm jedoch einfach bezaubert. Er war damit einverstanden, sie am kommenden Dienstag zur Autobahn mitzunehmen. Am Morgen ihres Aufbruchs kam Christy herab und fand ihre Mutter dabei, wie sie das Frühstück bereitete. Sie sah bewundernd, daß der Stapel Bücher und die Notizblöcke auf dem Tisch neben der Teekanne bereitlagen; sobald sie verschwunden wäre, nähme Rachel die eigene Lebensweise wieder auf. Sie waren beide ein wenig schüchtern, wußten nicht so recht, wie sie ihre altneue Freundschaft besiegeln sollten. Christy folgte ihrer Mutter auf Schritt und Tritt und half, wo es nichts zu helfen gab. »Setz dich doch hin, um Gottes willen!« Ehe sie das tat, blickte Christy sie an, und Rachel starrte zurück. Aus ein paar Zentimetern Entfernung sah Christy die Linien und Runzeln und das gekräuselte graue Haar, das auf
sie zukäme, und die Ungeduld, die, mit etwas Glück, gleichfalls auf sie zukäme. Rachel erblickte sich selbst zum Zeitpunkt gerade nach der Geburt ihrer Tochter, hart und ernst und nach einer Rückversicherung verlangend, die ihr niemand gab. »Du kommst bald zurück, nicht wahr?« »Sehr bald. Und du schickst ein paar von diesen Briefen?« »Alle.«
KAPITEL 10
Wie so viele Winkel Londons erweckte auch der Friedhof in Simon Erinnerungen an verschiedene Abschnitte seines Lebens. Und weil es ihm gefiel, von Geistern heimgesucht zu werden, suchte er ihn heim. Oftmals radelte er nach der Arbeit hindurch, und an den Wochenenden verstärkte er seine Einsamkeit mit einsamen Spaziergängen dort; halb mit den Gedanken in der Vergangenheit, halb in der Gegenwart, wo sich die Schwulen trafen, Zonkies und Säufer auf den Bänken saßen und vor sich hinstarrten, und Leute aus den Katakomben gekrochen kamen, den solidesten und makabersten Lagern, die ihm bislang zu Gesicht bekommen waren. Er wußte, daß sich seine Fähigkeit zu sorgen, wie Rose sie sarkastisch nannte, am Freitagabend abrupt abschaltete und er imstande war, Armut und Elend bis Montag nicht wahrzunehmen. Simon lenkte die Schritte vom Hauptweg ab, der nur zum Teil überwuchert war, und wandte sich zielstrebig ins Innere mit seinem üppigen Gestrüpp, wo Rosenbüsche, Butterblumen, dürre Blätter, hüfthohes Gras und stachelige Bäume auf zusammengebrochenen Gräbern zu einem reichen Kompost verrotteten. Der Geruch des frühen Sommers und des viktorianischen Todes drang ihm ins Bewußtsein. Hierhin pflegte er mit Jessica zu gehen, vor zwölf Jahren, wenn ihre Mitbewohnerin am Wochenende das einzige Schlafzimmer mit ihrem Freund beschlagnahmte. Wie dem auch sei, sie beide hatten die Liebe unter den alten Knochen romantisch gefunden. Damals waren auf dem Friedhof noch Wächter und Polizisten patrouilliert. Auf einigen der Gräber hatten Blumen gestanden, Gerüchten zufolge lebten Füchse in den
Katakomben, die heutzutage von menschlichen Wesen so geschätzt wurden, und über dem Ort hatte so etwas wie eine dahingegangene Aura des neunzehnten Jahrhunderts gelegen. Jetzt, da der Niedergang so vollkommen war, berauschte er Simon weit mehr. Der Wald von Dornen war rings um die Prinzessin gewachsen, nur daß die Prinzessin nicht schlief, sondern tot war. In Wirklichkeit lag Jessica nicht hier begraben. Man hatte sie wie einen Kuchen oder wie Ton gebacken, ihre Asche in eine Urne geschüttet und die Urne hoch oben in eine wabenartig durchlöcherte Wand gestellt, wo überall die lieben Verstorbenen standen. Jener andere Friedhof wurde sorgfältig gepflegt, kilometerweit erstreckten sich Rasen und Blumenbeete in irgendeiner südlichen Vorstadt, Mortlake oder Morden oder Mortown. Seit ihrer Beerdigung war er nicht wieder dort gewesen, und der Ort erweckte in ihm keinerlei Assoziationen. Wie er wußte, hätte Jessicas scharfer Geist einen so geschmacklosen Aufbewahrungsort mit Hohn und Spott bedacht und wäre zielstrebig zurück zu ihrem Friedhof getrieben. Simon war sich völlig darüber im klaren, daß er seinen Kummer als Ersatz fürs Nachdenken benutzte. Über zwei Jahre lang hatte das gut funktioniert. Es war die rechte Zeit, jene verlorene, schwerfällige Stunde nach dem sonntäglichen Mittagessen, und die Hitze verschmolz die Vegetation zu einem dicken Kloß, der ihm das Gehirn verstopfte. Irgendwo da drin, dachte er, hatten unsere Körper eine Grube geformt, mein Sperma hinterließ eine Spur, auf der die Würmer noch immer entlangrutschen. Sie hatte jene weißen Baumwollhosen mit einem leuchtend roten T-Shirt getragen, sie trug stets weit grellere Farben, als sie vom Wesen her war. Und sie schloß die Augen, als ich sie küßte, ebenso wie ich, an einer versteckten, kratzigen Stelle sanken wir zusammen zu Boden, und dort roch es nach Feuchtigkeit und Haar und Brombeeren. Äußerst
ungewöhnlich, so eingequetscht zwischen den Gräbern. Während er mit erneut geschlossenen Augen dort kniete, versuchte Simon, sie wiederum zu besitzen, wie er es an anderen Sommernachmittagen getan hatte. Dies war sein Heiliger Schrein. Aber Jessica war verschwunden; er dachte lediglich die Worte seiner Erinnerung und sah ihrer beider Gestalten auf dem Gras, nicht hier neben sich, sondern weit entfernt und klein und dumm. Simon öffnete die Augen, zitterte, erhob sich und trat in das Gewirr aus Steinen und Blättern. Die Dinge ringsumher nahmen eine stumpfe Härte an, und der Friedhof selbst wurde hart, war nicht länger mehr ein Aufbewahrungsort für seine Nostalgie. Unten, zwischen überwucherten Wegen, erblickte er die verfallenen, enthaupteten Engel und Löwen, Kreuze lagen im Gras, Grafittis auf all den kleinen Tempeln und Pyramiden, die für die Ewigkeit errichtet worden waren und sich so bald in Miniaturslums verwandelten. Simon schritt durch einen der grünen Tunnel, bückte sich und las die Inschriften, die ebenso exotisch waren wie Hieroglyphen einer anderen Zivilisation: ›Jo hua Whi Esp‹; ›De ly be ved ife‹, ›Sq re f Ke in on‹; ›Ga f is li Ki & co ry‹. Laute Stimmen von Menschen, fest verankert, sogar in ihren stakkatohaften gedämpften Stimmen zuversichtlicher, als er selbst es je gewesen war. Jessicas Stimme jedoch, tief, monoton und ein wenig nasal, war verschwunden. Rechts von sich vernahm Simon ein Rischein und Rascheln und hielt es für eines der Kaninchen oder Biber, die in so viele Londoner Parks zurückgekehrt waren, weil sie jetzt so überwuchert waren. Simon näherte sich dem Geräusch, leise, wie er hoffte, obgleich unter seinen schweren städtischen Schritten Blätter und Zweige brachen wie unter einem Bulldozer. Hinter einem Vorhang aus Gesträuch erblickte er zwei menschliche Torsi unbestimmten Geschlechts, die
inmitten eines Haufens Kleider, deren Geruch sogar den Geruch der Vegetation überdeckte, heftig fickend gegeneinander stießen. Simon zog sich zurück, schockiert davon, daß die Materialisation seiner Erinnerung so herb war. Er lief den Weg hinab, der zur entgegengesetzten Seite des Friedhofs führte, vorüber am flüchtigen Ausblick auf einen Kreuzgang und ein rundes, kuppelgedecktes Gebäude, wo verschiedene Familien wohnten. Hinter einer Wand ertönte aggressiver Baulärm, obgleich es Sonntag war. ›Unternehmen Freiheit‹ machte Überstunden zur Verwirklichung der Träume seines Vaters, die robuster und lukrativer waren als die eigenen. Über eine Wand hinweg sah er Pagoden, Minarette und zinnenartige Ornamente, die sich neben der Haupttribüne erhoben, wo die Menge früher Beifall geklatscht und getrampelt und sich zusammengerottet und getötet hatte. Diese zukünftigen Menschenmassen würden vermutlich passiver sein, obgleich er den Grund dafür nicht einsah, handelte es sich doch um die gleichen Menschen. Er fragte sich, ob es zutraf, daß das so heftig von der Regierung propagierte Neuropepsi einen Tranquilizer enthielt, der den Drang nach Gewalttätigkeiten unterdrückte, nebst allem übrigen, was an Drang vorhanden war. Diese Kinder da auf den Bänken mit den Stapeln von roten und schwarzen Dosen neben sich sahen aus, als hätten sie seit Jahren nicht gelebt, so, wie sie grinsten, schweigend, begeisterungsfähig für nichts. Er starrte sie an und beobachtete daraufhin einen Kran, der eine große Kuppel an ihren Platz hievte. Ein Bohrer trieb ein Loch in den Boden, um die Geldbäume seines Vaters einzupflanzen. Dutzende von Stimmen gaben Befehle, pfiffen, murmelten, fluchten, tratschten, höhnten, sangen; Hände sägten, hämmerten, nagelten, gruben, leimten, malten, pflasterten, verdrahteten und hoben Teebecher. Er
hörte fast seine Eltern am anderen Ende der Stadt, wie sie sich über den britischen Arbeiter beklagten, der sich gegen sie verschwor, um sie in den Ruin zu treiben. Der große FreemanZirkus erhob sich in ein paar Metern Entfernung, und er war zwischen Verlegenheit, Widerstreben und Familienstolz hinund hergerissen. Heute in einhundert Jahren wäre Bernards Dummheit ein architektonischer Schatz wie die Albert Hall. Oftmals hatte er Befriedigung darin gefunden, ein- oder zweihundert Jahre in die Zukunft oder in die Vergangenheit zu wandern. Er fragte sich, was Christy dächte, wüßte sie, daß er der Sohn eines Freizeit-Unternehmers war. Sie sollte ihn für einen Rebellen halten, der tapfer alle Brücken zur Familie abgebrochen hatte. Selbst die Illusionen meiner selbst sind zehn Jahre veraltet, dachte er bitter. Eher nähme sie an, ich wolle sie beschützen, sicherlich sagt ihr Sean das, oder ich wolle für meinen Vater spionieren, um herauszufinden, was die Massen wollten… je weniger er Christy sah, desto mehr sorgte er sich darum, was sie von ihm dachte. Als er eines Morgens zur Arbeit gekommen war und sie nicht angetroffen hatte, war er voller Panik umhergestolpert, und die Panik war angestiegen, als ihm aufgegangen war, daß er sie zu verbergen hatte. Sean hatte sie bestimmt bemerkt. Er war allen Fragen Simons einsilbig und mit funkelnden Blicken begegnet. Die Kinder hatten die Spannung zwischen den beiden erfaßt, und sogar den Grund dafür, wenn man den fünf Millionen Mal nach urteilen sollte, da sie fragten, wo denn Christy sei und wann sie zurückkehrte. ›Zu Hause‹ und ›bald‹ waren die einzigen Antworten, die aus Sean herauszuholen waren, und am Freitag waren nur noch halb so viele Kinder erschienen. Eine Katastrophe, dachte Simon mit echtem Schmerz. Er fühlte sich wie ein entlarvter Verbrecher. Die ganze Woche über hatten Sean und er einander bekämpft, wortlos eine leidenschaftliche Eifersucht ausgetragen. Trotz allen
Verdrängens kamen die Dinge doch offen zutage. Simon war sich jetzt sicher, daß Sean sie liebte, obwohl das aus Christys Benehmen niemals sicher zu schließen gewesen war. Und seine eigenen Gefühle, die Simon oftmals als zu nebulös zurückgewiesen hatte, verwirrten ihn in ihrer Intensität. Smiles ohne Christy war so grausam und eintönig, und er mußte sich selbst zugeben, daß er ohne sie nicht zwei Jahre lang dort gearbeitet hätte. Er mußte sich noch immer von diesem Schlag gegen seine Eitelkeit erholen: Die ganze Zeit über hatte er geglaubt, er gehe nach Smiles, weil er helfen müsse. Vielleicht war’s zu Anfang so gewesen. Am Freitag, nach der Spielgruppe, hatte er herumgehangen, bis Sean die Türen verschlossen und Simon, mit endlich offener Grobheit, sein Fahrrad in die Hand gedrückt hatte. Die letzten paar Tage hatte sich Simon lediglich noch ausgesprochen erbärmlich gefühlt, eine Karikatur von Seans schlimmstem Bild von ihm. Er hätte das ganze Wochenende vor der verschlossenen Tür sitzen und sabbern wollen: »Tut mir leid, tut mir ja leid, aber bitte, bitte sag mir, wo sie ist!« Er tat’s nicht, natürlich. Es fiel ihm so schwer, sich schlecht zu benehmen. Statt dessen sah er Sean direkt an, der seinem Blick auswich, und fragte: »Weißt du, ob Christy am Montag zurück ist?« »Keine Ahnung.« »Hast du was von ihr gehört?« »Nein. Tschüs. Ich treff mich mit jemandem.« Er verließ Simon auf dem schlammigen Hügel, an der Mündung der Zeltstraßen, die hinab zur Hauptstraße verliefen. Hier, genau vor einer Woche, hatte er sich von ihr auf lächerlich unangemessene Weise verabschiedet. »Schönes Wochenende, Simon!« »Tschüs, und auf dein Wohl!«
Er wand sich jetzt bei dem albernen Echo dieses Ausdrucks. Er hatte ihn stets gehaßt, tönten in ihm doch Cocktail-Parties und falsche Fröhlichkeit nach; warum hatte er ihn gebraucht? Was wäre, wenn das die unwiderruflich letzte Gelegenheit gewesen wäre, mit ihr zu reden? Das ist Liebe, dachte er, man leidet, weil man das falsche Wort benutzt hat. Das ist Liebe, und peinlich ist sie auch noch. Für so etwas bin ich zu alt. Noch immer gegen das Rad gelehnt, hatte Simon dagestanden und war nicht in der Lage gewesen, ihr Revier zu verlassen. Hier spürte er zumindest ein Echo und das Versprechen ihrer starken, warmen, ehrlichen Persönlichkeit. Was jedoch, wenn es kein Versprechen gäbe, wenn sie die Nase voll hatte von der Schufterei und dem finsteren Wohnwagen-Mitbewohner, oder was er auch immer sein mochte? Als ihm bewußt wurde, wie wenig er von ihrem Leben wußte, lösten sich Simons Eingeweide zu heißem Wasser auf, das ihm in die Kehle stieg. Er hatte niemals gefragt, sich niemals drum gekümmert; zwei Jahre lang hatte er jede Gelegenheit versäumt, sie besser kennenzulernen. Während er dort mit dem Rad stand, überkam es ihn, daß er auf sie wartete, auch wenn er wußte, daß sie natürlich nicht kommen konnte. Sein Blick war dabei, jede in Sichtweite kommende Gestalt zu jemand Dünnem mit zuviel schwarzem gewellten Haar umzuformen. Er sagte sich, ich kann nicht heimkehren, ehe ich sie nicht gesehen habe. Wahnsinn, fügte er hinzu und wiederholte das Wort, um sicher zu gehen. Es muß andere Leute geben, die wissen, wo sie sich aufhält. Ellen. Wenn ich es wüßte, könnte ich wenigstens hingehen oder ihr schreiben. Ich war so vorsichtig wie ein Eichhörnchen gewesen, habe meine Eicheln der Leidenschaft gehortet. Ich wette, ihr Freund ist ihr niemals irgendwohin nachgelaufen. So bestärkt schloß Simon sein Rad an einen Laternenpfahl und machte sich über den Schlamm auf den Weg. Als er
zwischen den Zelten dahinging, wurde Simon klar, daß ihn Smiles ohne Christy ängstigte. Stets war er direkt zu ihr und den Kindern gegangen und ebenso direkt wieder heim. Während er also selbstzufrieden geglaubt hatte, er sei ein notwendiger Teil ihrer Gemeinschaft, kannten ihn die meisten Menschen des Lagers kaum besser, als er sie kannte. Die ersten drei Leute, die er nach Ellen fragte, blickten ihn schweigend an. Er ging einen Trampelpfad von etwa einem halben Meter Breite entlang, der sich zwischen ungleichmäßigen Zeltreihen, Wohnwagen und korrodierten Wellblechhütten dahinwand. Die Oberfläche des Schlamms, dort, wo er zu gehen versuchte, war trocken, aber obwohl es eine Woche lang nicht geregnet hatte, quietschte der Matsch in den kleinen Tälern der Fahrrinnen. Aus dem Geruch schloß er, daß es sich um eine Mischung aus Scheiße, Pisse und Müll handelte. Im Waschhaus und in den verlassenen Wohntürmen gab es Toiletten, aber die meisten davon waren die meiste Zeit über verstopft. Mindestens einmal am Tag mußten Christy und er gewöhnlich die Toilette der Spielgruppe wieder freibekommen. Welch ein romantisches Liebeswerben; Simon lächelte und weigerte sich, sich vom Gestank und der Feindseligkeit entmutigen zu lassen. Sie hatte damit gelebt; es täte ihm nicht weh, auch einmal eine halbe Stunde darin zu verbringen. Er wußte, er würde vor Einbruch der Dunkelheit gehen. Eine Menge Leute saßen draußen im warmen Sonnenschein des Nachmittags, aber keiner davon sah ihn an, bis er an ihnen vorüber war, zumindest glaubte er das. Er sah sich selbst mit ihren Augen von hinten, das lose herabhängende Chinahemd und die neuen braunen Baumwollhosen, die an einem Hintern klebten, der lediglich saubere, funktionierende Toiletten gekannt hatte. Die Toiletten in St. John’s Wood mit der Ablage, worauf kleine verpackte Handtücher lagen, Luftverbesserer und eine musikalische
Klopapierrolle mit dem Union Jack darauf. Der hielt den Kopf wie ein Pelikan in die Luft und schnüffelte angeekelt. Ja, er würde ihn gleichfalls hassen. Lilys Kopf erschien in einer der Zeltöffnungen. »Mein Lehrer, Tante!« »Wirklich? Was woll’n Se? Woll’n Se was Tee?« Die Frau, das Kind und der kochende Kessel füllten das Zelt offenbar vollständig aus, also hockte sich Simon draußen hin, dankbar dafür, daß ihn jemand erkannt hatte. »War se ‘n böses Mädchen inner Schule? Müsse Se se den Hintern versohlen. Oder schicken Se se zu mir. Ich versohl ihr den Hintern.« »Lily ist niemals böse, sie ist eine große Hilfe. Sie erzählt uns Geschichten und kümmert sich um die Kleinen. Wenn sie jemals nach Afrika geht, werden wir sie vermissen.« »Was soll dieser Afrika-Scheißdreck? Du has schon wieder diese Lügen da von Afrika erzählt?« Da er befürchtete, Lily in Schwierigkeiten gebracht zu haben, überhäufte Simon sie mit weiterem Lob. In dem dunklen Zelt glänzten die schwarzen Teiche der Augen des Kindes vor Freude. »Also die Lily macht wirklich keine Schwierigkeiten?« beharrte die Tante. Sie war gerade etwa dreißig, jedoch vernarbt und verwüstet. »Nein. Niemals. Vielen Dank für den Tee. Wir sehen uns am Montag, Lily.« Simon ging auf, daß er, wohin er auch immer ging, eine Gestalt von Autorität war. Er kam sich dabei vor wie ein Heuchler. Während er noch immer Ausschau nach Ellen hielt, ging er die Hauptstraße hinab bis in die Nähe der Zonkie-Insel. Unter ihm hatten sich eine Menge Leute um Teds Lastwagen geschart. Er vernahm Geschrei und das Geräusch zerbrechenden Glases und erkannte einige der Mütter von
Kindern aus der Spielgruppe wieder, Beatrice und Rita eingeschlossen. Zunächst dachte Simon, sie protestierten, wie üblich, wegen der Länge der Schlange, die nach Teds muffigem, überteuertem Brot anstand. Dann sah er, wie Beatrice und eine der anderen Mütter auf den Wagen sprangen und damit begannen, Kisten herabzuwerfen. Teds Gesicht erschien im Profil, er fuhr wie ein Kasper mit dem Stock herum und schrie hysterisch, während die Frauen lachten und ihn verhöhnten. Simon wandte sich um und erblickte Ellen, die er von der Spielgruppe her kannte, wo sie manchmal aushalf. Sie stand genau hinter ihm, das Baby eng an sich gedrückt, und beobachtete die Szene. Sie war eine kleine nette Frau, vorzeitig gealtert, wie jeder in diesem Lager. Ihr Gesicht war voller Runzeln, unter den Augen lagen Tränensäcke, und sie drückte ihren sechs Monate alten Sohn Jack an sich, als sei er ihr einziger Schild. Sie kämpfte so heftig um ihn, wie sie stets für sich selbst gekämpft hatte. Dennoch war das Baby immerzu krank; es hatte sie die ganze Nacht über mit Fieber und Durchfall wachgehalten. Ellen grinste Simon an, und er grinste zurück, wobei er dachte, wie anziehend unverwüstlich sie war. Er versuchte, sich die Freundschaft zwischen ihr und Christy vorzustellen. »Tag, ich habe Sie gesucht. Worum geht’s denn da unten?« »Das war schon lange vorauszusehen. Ich würd mich ja beteiligen, wenn ich Jack irgendwo lassen könnt. Sie haben versucht, Ted zu veranlassen, seine gesamten NeuropepsiVorräte in den Fluß zu schmeißen, und er wollte das nicht, also schlagen sie sie kaputt.« »Aber warum? Ich habe es für ihr Lieblingsgetränk gehalten!« »Es is das billigste Getränk gewesen, was er verkauft hat. Und ich geb zu, daß es einige Frauen dazu benutzt haben, die
Kinder ruhigzustellen. Beatrice hat das selbst jahrelang getan. Aber da hat’s neulich zu viele Gerüchte gegeben, dann war da so ‘n Artikel im Prodigal Bum…« »Worum ging’s da?« »Haben gesagt, die Kinder entwickeln sich nich richtig, die Zähne wer’n faul, und es wirkt sowas wie ein Beruhigungsmittel, weil es Millionen von Gehirnzellen tot macht. Haben Tests mit Ratten gemacht oder sowas. Ich weiß nich, ich trink das Zeug nie, und ich geb’s auch nie Jack. In den vergangenen paar Wochen haben sich die meisten Leute geweigert, es zu trinken. Ted is ins Flattern geraten, also hat er die Preise wieder gesenkt, und das hat sie noch mißtrauischer gemacht. Was tun Sie übrigens hier?« »Bin auf der Suche nach Christy.« »Sie is ihre Mutter besuchen, nich wahr?« »Ich weiß es nicht. Ich versuche, es herauszufinden.« »Da müssen Sie Sean fragen. Er wohnt…« »Ich weiß, wo er wohnt. Er will mir nicht sagen, wo sie ist.« »Oh!« Sie sah neugierig und amüsiert drein. »Sie sin Simon?« »Ja. Warum?« »Hab mich nur gerad gefragt. Egal, ich schätz mal, sie is bei ihrer Mutter.« »Haben Sie die Adresse?« »Nein. Devon oder Cornwall, irgendsowas. Sie wird wohl Montag wieder zurücksein. Machen Sie sich keine Sorgen.« »Werden Sie mich anrufen, wenn sie wieder auftaucht?« Er schrieb ihr seine Telefonnummer auf einen Fetzen Papier. Sie lachte. »Also gut. Ich hoff dennoch, Sie wissen, um was Sie mich da bitten. Is ‘ne halbe Meile bis zum nächsten Telefon, isses glatt.«
Simon scherte sich nicht darum, daß sie ihm seine Verzweiflung ansah. Er mochte sie, und jetzt, da er sich dazu entschlossen hatte, ein Liebender zu sein, versenkte er sich, mit einiger Erleichterung, ganz in diese Rolle. Später, während er über die Wandsworth Bridge radelte, hörte Simon innerlich die Worte einer Diskussion um Unterkunft, die er mit seinen Eltern vor Monaten geführt hatte: MADGE: Ich sehe nicht ein, warum sie an solch schrecklichen Orten leben müssen, mein Lieber. Jeder mit nur einem Fünkchen Initiative kann sich ein hübsches Haus kaufen, zum Beispiel hier in der Gegend, oder irgendwo weiter draußen in den Vorstädten. SIMON: Initiative wozu? Zu einem Bankraub? BERNARD: Sie könnten sich, verdammt noch mal, das Geld leihen. Und arbeiten gehen, um’s wieder abzuzahlen. Zu viele Leute meinen, der Staat schulde ihnen den Unterhalt. MADGE: Wenn die Leute in diesen schrecklichen Lagern leben müssen, warum kümmert man sich dann nicht richtig um sie? Sogar Rose war von dem Zustand des Orts schockiert, wo du arbeitest. SIMON: Das ist keine Frage davon, wo die Leute wohnen wollen, der springende Punkt ist der, daß es nicht genügend Wohnraum gibt. Und es wird keiner gebaut. MADGE: Also wirklich, mein Lieber, jetzt übertreibst du aber. Da ist dieses hübsche Gebäude, das sie in Heath bauen, wo die Dobsons hinziehen werden, und die Finchley Road ist voll von Baugrundstücken. SIMON: Ich rede von armen Menschen, um Gottes willen! Menschen, die keine Jobs oder Kapitalanlagen oder freundliche Bankmanager oder überhaupt nur irgend etwas haben. Wo, zum Teufel, sollen die nachts schlafen?
MADGE: ES besteht kein Grund dazu, so zu sprechen wie der Abschaum der Menschheit, nur weil du es vorziehst, soviel Zeit unter denen zu verbringen. BERNARD: Wie mein lieber alter Vater zu sagen pflegte: Die Armen sind stets unter uns, wir können lediglich versuchen, sie uns vom Halse zu halten. Und er mußte es wissen. Hat mit neun Pence die Woche als Zeitungsjunge angefangen, die Schule mit zehn verlassen. Wenn du in jenen Tagen nicht ganz schön hart gearbeitet hast, bist du verhungert. SIMON: ES gibt heutzutage auch Leute, die verhungern, das wird dich freuen zu hören. Kinder, die an Unterernährung und Kälte sterben, nur ein paar Meter von Harrods entfernt. In den Parks. MADGE: Unsinn, mein Lieber. Du bist so leichtgläubig. Diese Leute erhalten Unterstützung in Form von Marken und Gutscheinen und was weiß ich nicht noch alles. Darüber habe ich neulich im Morning Glory gelesen.
Simon erinnerte sich an die Unterhaltung mit Rose in jener Nacht, in der Küche seiner Eltern. Ja, es stimmte, ihre Stimmen waren stets in seinem Kopf. Den gesamten Freitagabend und den ganzen Samstag hatte Simon auf Ellens Anruf gewartet. Es war, als wäre er außerstande, etwas anderes zu tun, nachdem er sich dazu entschlossen und sich gestattet hatte, Christy zu lieben. An jenem Nachmittag hatte er sich aus dem Netz von Einsamkeit freikämpfen müssen, um zum Friedhof zu gehen, und jetzt, da er hier war, hämmerte Christy noch immer in seinem Kopf. Wenn er zur Wohnung zurückginge, lägen noch sieben Stunden vor dem Schlafengehen, fünfzehn, ehe er sie möglicherweise sehen könnte… Simon verließ den Friedhof und trieb sich in der Nähe der Telefonzellen draußen vor den
Toren herum, in der Fulham Road. Wen könnte er anrufen? Rose. Chris, seinen einzigen verbliebenen Schulfreund. Daniel, seinen Ex-Kollegen. Das wären die einzigen drei Menschen, die, da war er sicher, erfreut wären, von ihm zu hören. Wiederum vernahm er Madge: Das Problem ist, du läßt dich viel zu weit hineinverstricken. Es stimmte, er liebte zu wenig Menschen zu sehr. Beide Apparate waren aus der Rückwand gerissen worden, also war ihm die Entscheidung aus den Händen genommen. Er würde sich auf den Weg machen und Daniel und Frankie besuchen, die innerhalb von Fußreichweite wohnten. Beider Wohnung lag in dem denkmalgeschützten Gebiet in der Nähe der Boltons, zwei große, sonnige Etagen oben in einem weißen stuckverzierten mittelviktorianischen Haus. Die Gärten vor und hinter dem Haus waren riesig, und Äste stießen an beiden Seiten des Wohnzimmers gegen die Fenster und warfen spitze Schatten auf den hellen Teppichboden. Die Wohnung war Daniels und Franks Lebenswerk, sie hatten sie umgebaut und dekoriert und hielten sie mit Geldspritzen aus ihrer beider Full-Time-Jobs in Schuß. Stolz saßen sie darin, Teil des sorgfältig geplanten Dekors. Daniel war groß und dunkel, mit einem großen spitzen Gesicht, das von wallendem Haar umrahmt wurde, und Frankie sah ihm bemerkenswert ähnlich. Simon hatte das stets als Zeichen dafür angesehen, daß beide miteinander zufrieden waren. Sie liehen sich gegenseitig die Kleidung und vollendeten die Sätze des anderen. Sie lebten ihr gemeinsames Leben mit einer Intelligenz und Fähigkeit, angesichts derer sich Simon völlig unzulänglich vorkam. Doch er liebte es, die fremdartige Atmosphäre dieses Hauses einzuatmen. Unten im Garten spielten ruhig und besonnen ihre Kinder. Daniel und Frankie saßen auf einem scharlachroten Sofa unter dem Fenster, und ihre Köpfe umgab ein Halo aus
Verträglichkeit. Simon saß ihnen gegenüber auf der Kante eines Lehnstuhls, und zu den Büchern, Zeitungen und Spielzeugen auf dem niedrigen Tisch mit der Marmorplatte war eine Flasche Weißwein hinzugekommen. Simon schluckte den Wein hinab und bereitete sich auf die Fragen vor, die sie stets stellten. »George hat mich gefragt, was du am Freitag getan hast. Ich weiß nie, was ich sagen soll.« Daniel lächelte verteidigend. »Das weiß ich auch nicht.« »Wie ich annehme, gehst du eines Tages zurück zur Architektur?« fragte Frankie, für die die Welt außerhalb ihres Berufslebens nichts weiter war als ein widerlicher verwischter Fleck. »Nein. Ich sehe einfach keinen Sinn in jenen Gebäuden, die ich zu bauen hatte, und diejenigen Gebäude, an die ich glaube, würden jetzt niemals gebaut werden.« »Hast du noch immer deine Modelle?« fragte Daniel. »Ein paar. Was ist mit eurer Arbeit?« Simon sah nicht ein, warum stets er derjenige sein sollte, der ins Kreuzverhör genommen wurde. Daniel entwarf gerade ein Hotel in Tokio, und Frankie machte Werbung für ein Buch über Spielzeugsoldaten. Sie zeigte ihm einen Artikel aus dem Sunday Hope-Magazin. Bald jedoch kehrten sie zu Simon zurück: Er hatte keine Arbeit und war daher öffentliches Eigentum. »Aber was ist mit Merlin?« fragte Frankie. Da erst bemerkte Simon, daß er das ganze Wochenende über nicht an ihn gedacht hatte. Sein Schuldgefühl zeigte sich auf seinem Gesicht, und seine Freunde stürzten sich sofort darauf. »Oh, er ist noch immer bei meinen Eltern.« »Wie konntest du ihn einfach so fallen lassen? Ich meine, anfangs konnte ich das ja verstehen, so direkt nach Jessicas… aber das ist Jahre her. Und es ist ja nicht so, als verstehst du
dich gut mit deinen Eltern. Wer weiß, was die ihm so erzählen… ich weiß, wenn Daniels Mutter Lisa und Toby in die Finger bekäme, dann ließe sie einige Katzen aus dem Sack.« Daniel wollte sie zum Schweigen bringen, aber Simon begrüßte ihre brutale Offenheit. »Ich möchte ja, daß er wieder zu mir kommt. Aber ich hab’s halt so lange hinausgezögert, bis meine Angelegenheiten wieder in Ordnung wären, und irgendwie ist das niemals dazu gekommen.« »Das wird auch nie dazu kommen. Mittlerweile ist er sich bewußter, kreidet dir alles an, gibt dir die Schuld – wie kannst du das ertragen, Simon?« »Weil ich nicht viel von ihm zu Gesicht bekomme. Bis jetzt habe ich ehrlich geglaubt, er sei oben im Castle besser aufgehoben.« »Vermißt du ihn nicht?« »Sehr.« »Bringst du ihn wenigstens mal zum Spielen mit den Kindern mit?« »Werde ich. Nächsten Sonntag?« »Schön! Und du wirst zum Abendessen bleiben?« Sie spürte, daß sie vielleicht zu tief gebohrt hatte, wollte jedoch noch weiterbohren. Während Frankie unten mit den Kindern spielte, unterhielten sich Daniel und Simon zivilisiert und neutral über Gaudi∗ und Lutyens∗∗. Dann setzte sich Frankie zu ihm, während Daniel kochte, und eröffnete sofort das Feuer.
∗
Antonio Gaudi y Cornet, span. Architekt, 1852 – 1926;
∗∗
Sir Edwin L. Lutyens, engl. Architekt, 1869 – 1967. – Anm. d. Übers.
»Neulich nachts habe ich von Jessica geträumt. Sie sah echt sauer und gehässig aus, und sie sagte unentwegt, wir würden sie betrügen.« Warum kann ich, fragte sich Simon, nur mit Frauen über mich selbst reden? »Hast du wirklich diesen Traum gehabt, oder hast du ihn erfunden?« »Ja, ich habe ihn wirklich geträumt. Ich träume oft von ihr, und stets mit einem Schuldgefühl. Ist merkwürdig, denn als sie noch lebte, hatte ich das Gefühl, sie wickelte uns alle um den kleinen Finger.« »Das ist nur ihre Art, es von… wo auch immer her… zu tun.« »Simon! Wie zynisch! Und das von dir, dem Witwer mit dem gebrochenen Herzen!« »Man kann nicht ewig mit gebrochenem Herzen herumlaufen, oder man könnte ebensogut tot sein.« »Kein wahreres Wort! Oh, das freut mich! Wollen wir noch was trinken?« Dann, als sie das Glas vollgoß: »Weißt du, daß mich Daniel die vergangenen beiden Jahre immer wieder daran hindern mußte, dich zum Abendessen einzuladen, damit du diverse Frauen triffst?« »Es hätte nicht funktioniert. Obwohl – gegen das Abendessen hätte ich nichts gehabt.« »Oh, schön zu hören, daß du auch Witze machen kannst. Ich hatte schon geglaubt, du würdest niemals mehr lächeln. Wirst du sie mal mitbringen?« »Frankie, sei nicht so unverblümt!« dröhnte Daniel aus der Küche. »Bin ich nicht, das ist einfach nur Neugier. Wie heißt sie denn?« »Christy. Aber das ist noch nicht wirklich…« »Wenn du mit ihr zusammenziehst – wirst du Merlin dann wieder deinen Eltern wegschnappen?«
»Das ist eine unmögliche Frage!« Daniel kam mit einer Anrichte voller Nudeln und einer Schüssel Salat herein. »Du stellst nichts als unmögliche Fragen, Frankie.« Er fragte sich, warum beide so entspannt wirkten.
KAPITEL 11
Halb betrunken, mit vollem Magen und wohlig erwärmt von der erneuten Befestigung ihrer Freundschaft, schloß Simon spät in dieser Nacht seine Wohnung auf. Das Schweigen war weniger bedrückend, wenn man gerade von einem Gelächter kam. Er ging über den Linoleumboden im Flur, ein schmutziges Schachbrettmuster, und legte Faurés Requiem auf Band auf. Daraufhin schaltete er im Wohnzimmer alle Lichter an, zog die Vorhänge vor (Jessica hatte die Gewohnheit, sich in einen Zweig zu verwandeln und am Fenster zu kratzen) und legte sich aufs Sofa. Er wußte, ehe er völlig von ihr loskäme, müßte er umziehen. Dies hier war weniger eine Wohnung als vielmehr ein Museum des Aberglaubens und der Nostalgie. Jessicas Kleider und Bücher, Merlins Spielzeug und die eigenen Modellbauten – alle so wenig aufregend wie diejenigen im Haus seiner Eltern – füllten die Zimmer. Jeder Schritt, den er hier tat, jede Geste, die er vollführte, war ein Echo auf Handlungen seiner Vergangenheit. Als er zwanzig und Rose achtzehn Jahre alt gewesen waren, hatte ihr Vater jedem von ihnen eine Wohnung in diesem Haus gekauft, und zwar mit Geld, das ihnen ihr Großvater zu treuen Händen hinterlassen hatte. Alle hatten sie eingesehen, Madge und Bernard stillschweigend, die Kinder geräuschvoll, daß sie nicht mehr länger beisammen bleiben konnten. Rose hatte bald genügend verdient, um sich eine andere, schönere Wohnung zu kaufen, aber Simon war geblieben, hatte sich seiner zunehmend schäbigeren Erwachsenen-Hülle angepaßt, zu arm
und, in gewisser Hinsicht, zu ehrlich, um sich entwurzeln zu lassen. Abgesehen davon liebte er das Zimmer, in dem er sich jetzt gerade aufhielt. Es war länglich, grün gehalten und öffnete sich wie eine Unterwasserhöhle zum Ende des schmuddeligen Flurs hin. Auf der gegenüberliegenden Seite des Sofas, worauf er saß, führte eine Tür zu den Steinstufen, die, allmählich zerbröckelnd, in den von Gras überwucherten Garten führten. Daneben war ein großes Fenster sowie ein kleineres, einem Kirchenfenster ähnliches, eingelassen. Zu seiner Rechten befand sich ein offener Kamin, den er noch immer einschwärzte und polierte und benutzte. Das Zimmer war stets ein Refugium gewesen; sobald er es betrat, atmete er eine so vertraute Luft, so abgestanden und schwer, daß sich die Tore der Furcht hinter ihm schlossen. Auf dem Sofa liegend streckte er Arme und Beine und spürte die Größe und Kraft seines noch immer jungen Körpers. Verlangen mochte etwas Lästiges sein, war jedoch gleichfalls ein überzeugender Beweis für Vitalität. Seine Hände schlüpften zum Hosenschlitz hinab, zogen seinen harten Schwanz heraus, und er starrte ihn an. Es war kein vertrauter Anblick. Aber unter dem Griff seiner Hände überflutete das Gefühl seine innere Gleichgültigkeit, Erleichterung und Freude, als seine Nervosität herausbrach und sich auflöste. Oh, Materie über Bewußtsein, Fleisch zu Fleisch, Simon zu Christy! Keuchend schloß er die Augen, sein Gesicht zeigte Qual, als sein Vergnügen explodierte, wieder rief er sie beim Namen. Und in der darauffolgenden kalten und schleimigen Erschlaffung bemerkte er, daß er gerade eine Art Exorzismus und Vollzug der Ehe durchgeführt hatte. Simon entzündete mit den Lumpen und Zeitungen, die er in einem Papierkorb in der Ecke aufbewahrte, ein Feuer. Daraufhin holte er, immer wieder hin- und hergehend, Jessicas
Besitztümer aus dem Schlafzimmer und häufte sie auf den Teppich vor das Feuer. Das Schlafzimmer war ein trostloser Ort, ein wahrhaftigeres Monument für Simon und Jessica als das liebenswerte Hinterzimmer. Dort lagen die zugeschnittenen Regale, die er halb zusammengebaut hatte, ehe er das Interesse daran verloren hatte, der hohe Spiegel, worin sich Jessica mit wachsender Unzufriedenheit betrachtet hatte, und der Ankleidetisch, der unter den Flaschen mit Schlaftabletten und Beruhigungsmitteln förmlich verschwunden war. Jedesmal, wenn Simon das Zimmer betrat, erblickte er Jessica an jenem Morgen, wie sie dalag, das weiße Nachthemd spannte sich um die Oberschenkel, das lange braune Haar hing ihr, verklebt vom Erbrochenen, im Gesicht. Er war von einer Party bei seinen Eltern zurückgekehrt. Er hatte Jessica angerufen, um ihr zu sagen, wo er war, aber sie hatte ihm nicht geglaubt, sie hatte ihm niemals geglaubt, sie hatte einen unersättlichen Leidenshunger gehabt – und jetzt wischte jenes Bild alle anderen erotischen, zarten, ärgerlichen oder glücklichen Erinnerungen beiseite, die er an jenes Zimmer gehabt haben mochte. Für immer lag sie tot auf dem Bett, und die erbärmliche Vergeudung, die ihr Tod darstellte, hatte alles vergiftet, was er an ihr geliebt hatte, als sie noch lebendig gewesen war. Im Krankenwagen war er verlegen geworden, weil sie keinen Slip getragen hatte. Merlin war ihm ins Schlafzimmer gefolgt. »Ist Mutti betrunken?« »Sie muß ins Krankenhaus!« »Im Krankenwagen? Werden sie mit Tatü-Tata kommen? Kann ich mitfahren?« »Ja, du kannst mitfahren.« Simon hatte gewußt, daß sie tot war, obgleich er’s nicht hatte aussprechen können, nicht einmal sich selbst gegenüber. Zum
erstenmal hatte er’s am folgenden Tag Merlin gegenüber ausgesprochen, weil er die üblichen Euphemismen wie ›von uns gegangen‹ nicht ausstehen konnte. Madge war anwesend; sie war vorbeigekommen, sobald sie die Neuigkeit gehört hatte. »Wie kannst du so brutal sein?« Sie schluchzte und drückte Merlin an sich. »Spuck mich nicht an, Oma!« »Mein armer kleiner Junge! Er weiß noch nicht einmal, wie man weint.« »Kann ich jetzt zur Schule gehen, Simon?« »Ich bring dich hin, wenn du willst.« Simon dachte an Merlin, als er ihre schönsten Kleider mitnahm, diejenigen, die er so an ihr geliebt hatte und die er nicht hatte weggeben können, tränkte sie mit Petroleum und warf sie ins Feuer. Der Rauch verursachte ihm Kopfschmerzen, machte seine Augen tränen; er öffnete die Hintertür und setzte sich oben auf die Steinstufen und blickte hinaus über die dunklen Gärten. Konzentrier dich auf Merlin! Ich habe seitdem nicht wirklich über ihn nachgedacht. Jessica war wie ein Schleier zwischen uns gewesen, als habe es meine Tragödie sein sollen, nicht die seine. An dem Tag, da ich ihm sagte, sie sei tot, habe ich ihn zum letztenmal richtig gesehen, gespürt. Ich habe ihn ins Castle geschickt, um dem Blick seiner Augen zu entgehen, weil er wußte, wie gemischt meine Gefühle waren. Als hätte ich gewünscht, beide sollten tot sein, als hätte ich seine Wahrnehmungen in der fettigen Luft von St. John’s Wood ersticken wollen. Nichts wird in Ordnung sein, ehe er nicht wieder hier ist. Ruf ihn an, dann wär’s so einfach. Nicht um eins in der Nacht. Simon hatte Merlins Zimmer unberührt gelassen, den Raum in der Mitte, zwischen ihrem Schlafzimmer und dem Bad. Gott
mochte wissen, was durch die dünnen Wände gedrungen war. Aber an den Wänden hing eine lustige Tapete, Pu der Bär, der in seinem Ballon davonfliegt, und das kleine Zimmer war voll mit verstaubten Legokartons, einem Schaukelpferd, einem Tischfußballspiel… Merlin hatte nicht viel Spielzeug mitnehmen müssen, weil Madge ihm so viel geschenkt hatte. Sie hatte ihn nicht auf seinen Geburtstag oder auf Weihnachten warten lassen, sondern hatte ihn einfach mitgenommen und mit ihrer Britcard behext. Kein Wunder, daß Merlins Gefühle wegen seiner Rückkehr ebenso komplex waren wie Simons Gefühle, ihn wieder hier zu haben. Während der beiden vergangenen Jahre hatte Simon oftmals überlegt, das zweite Schlafzimmer zu vermieten, was sein Einkommen erhöht hätte. Es hätte jedoch auch bedeutet zuzugeben, daß Merlin nicht zurückkehrte. Abgesehen davon hätte es niemanden gegeben, mit dem Simon hätte zusammenleben können; es war sogar Monate her, da er einen Freund in die Wohnung eingeladen hatte. So lange war sie seine ureigenste Warze gewesen, hatte seine Gerüche und Geister angesammelt und neue, eher lederne Schichten von Haut sprießen lassen. Ein Messer zu nehmen und sie herauszuschneiden, wäre so grob, so vieles andere würde verderben. Er konnte sie nicht entfernen; er konnte lediglich seine Vergangenheit verbrennen. Vielleicht kehrte Christy morgen zurück. Simon hatte zu Bett gehen wollen, aber beim Gedanken daran, sie am Morgen sehen zu können, sie zum erstenmal offen zu lieben, blieb er zusammengerollt am Feuer liegen. Das Feuer schickte jetzt weniger Rauch aus, nährte sich ruhig von der Asche aus Jessicas Büchern. Er hatte ihre Kinderbücher für Merlin zurückbehalten, hatte jedoch ohne Reue die Gedichte und Romane verbrannt, die Bücher über Astrologie und Kräuter und Katzen und große Gebäude der Welt. Zu sehr waren es
ihre Bücher gewesen, viele davon Geschenke von ihm, mit Widmungen auf dem Deckblatt. Er erinnerte sich der leicht gönnerhaften Stimmung, worin er sie gekauft hatte. Er hatte gut anzuschauende Bücher ausgesucht, weil Jessica nicht wirklich las, sondern Bilder betrachtete. Sie war nicht imstande, einen ernsthaften Gedanken zu fassen, sondern absorbierte Ideen irgendwie. Eine davon war ein fast blinder Respekt vor Kunst gewesen. Sie hatte ihn zunächst als Künstler geliebt und hatte jeden bewundernd und mit großen Augen angestarrt, den sie in einem Pub oder auf einer Party getroffen hatte und der verkündete, er oder sie schriebe oder malte. Sie war überzeugt davon, daß es viel bewundernswerter sei, ein unveröffentlichtes Gedicht zu produzieren als einen Autoverleih zu organisieren (ihr Job bis Merlins Geburt). Ihr Traum war’s gewesen, von einem ›großen Künstler‹ gemalt oder gezeichnet zu werden, denn sie wußte, ihr Gesicht war bemerkenswert, eine Prä-Raffaelitische Maus hatte Simon sie einmal genannt. Er hatte sie enttäuscht, weil er ihr nicht zur Unsterblichkeit verholfen hatte, und sie hatte, in mehr oder minder bekleidetem Zustand, für ziemlich viele EndzeitGenies posiert. Er hatte ihre Anbetung der Kunst oftmals belacht; vielleicht jedoch hatte dies seinen Ehrgeiz genährt, der geschwunden war, fast unmittelbar nachdem sie… wie war sie ins Zimmer zurückgekehrt? In gewisser Hinsicht war’s Jessicas unkritische Hinnahme des sogenannten Artistischen gewesen, das sie umgebracht hatte. Sie waren nahe daran gewesen, sich zu trennen, und so hatte sie einen opernhaften Tod gewählt. Nur daß es statt anschwellender Stimmen und wunderbaren Bühnenbildern lediglich einen kalten weißen Leichnam gegeben hatte, der unanständig dalag, eine häßliche Fahrt in einem Krankenwagen, ein Krankenhaus, wo Selbstmorde durch die Flure geschoben wurden wie Autos auf einem Fließband.
Es sind die Lebenden, die zählen. Merlin, o Merlin, erfülle den Raum, worin sie sich so gierig ausgedehnt hat! Langsam materialisierte sich das Kind im Schein des Feuers, vorsichtig zunächst, der blasse, schmale, überhöfliche Junge von Madges Party. Dann rief sich Simon seine Gegenwart zurück, als er glücklich gewesen war, ehe ihn die schmutzigen Tragödien der Erwachsenen paralysiert hatten. Merlin lachte, rief, rannte, spielte im Garten, planschte in der Wanne und zog sich in seinem Zimmer an. Sein Vater taute auf, lächelte. Und Christy käme auch hierher, bald, wenn die dummen Barrieren zwischen ihnen gefallen waren. Dann wäre das Zimmer wieder warm und stark; endlich wäre er gegen seine Vergangenheit gewappnet. Es tat so gut, einen Traum zu haben. Im schwindenden Feuerschein legte sich Simon unter eine Decke auf das Sofa, ihn zu träumen.
KAPITEL 12
Als Rose die Landstraßen von Somerset zu Sir Maverick entlang fuhr, war sie nervös, obgleich Gerry neben ihr auf dem Beifahrersitz niemals etwas bemerkt hätte. Rose war sich im klaren, daß sie als Bernards Tochter dorthin ginge, eine Identität, die sie verabscheute, und daß sie sich als arbeitslos betrachten könne, wenn sie Sir Maverick mißfiele. Er hatte Einfluß auf die beiden Zeitungen, für die sie arbeitete, und darüber hinaus gab’s nur eine weitere. Roses Instinkt, mächtige Männer zu verärgern, war so stark und lag so sehr außerhalb ihrer Selbstkontrolle, daß sie es aufgab, sich eine weitere Zigarette anzuzünden, weil ihre Hände beim Fahren zu sehr zitterten. »Du willst doch gar nicht bei diesen Großkopfeten vorbei. Das sind Mähdrescher, die dich ummähen, sobald sie dich sehen – schon wieder verfahren?« Roses Blick irrte über das Meßtischblatt, über das wenig hilfreiche Gewirr aus arthurischen Namen: Mount Guinevere, Knight’s Bridge, Morganswood. Irgendwo hier in der Gegend mußte es ein Denkmal des armen kleinen Merlin geben. »Eigentlich solltest du das machen. Du bist der Beifahrer.« »Tut mir leid, meine Liebe. Wenn ich nüchtern bin, habe ich kein Gefühl für Richtungen. Im letzten Ort sind wir an ‘nem Pub vorbeigekommen…« »Da drüben, da, durch die Bäume, sehe ich ein paar Türmchen. Wollen mir doch mal einen Blick drauf werfen.« Hinter einem georgianischen Pförtnerhaus voller unmalerisch bewaffneter Wächter erstreckte sich ein Park zu einem Haus, das einzigartig und sehr berühmt war, obgleich es erst sechs
Monate alt war. Ein kleines mittelalterliches Schloß mit Graben wurde zur Rechten von einem neoklassizistischen Herrschaftshaus und zur Linken von einem Tudorhaus flankiert. »Ausweise?« fragte einer der Wächter und überprüfte ihre Britcards. »Macht ‘ne hübsche Show draus. Ich werd drinnen ‘n paar Photos schießen, wenn du nichts dagegen hast anzuhalten.« »Wenn sie uns reinlassen. Ich find’s entsetzlich, wie ‘ne Filmkulisse.« »Aber das ist echt, Mensch.« »Haben ein Disney-Land draus gemacht.« Nach einem Anruf winkte sie der Wächter weiter. Gerry sprang mit der Kamera heraus, kniete sich hin und robbte mit jenem Gehabe eines Schauspielers weiter, das ihm das halbe Honorar einbrachte. In Wirklichkeit sollte das hier kein Interview werden, sondern eine Hochglanz-Beilage über den unkonventionellen, kontroversen, geschmackvollen, exzentrischen (der Morning Glory hatte all diese Adjektive schon bis zum Erbrechen benutzt, sie würde ein neues finden müssen: extravaganten) Sir Maverick. Da er es müde geworden war, sich zwischen fünf Häusern hin- und herzubewegen, hatte er sich dazu entschlossen, drei davon zu vereinen, also hatte er Jermyn House in Berkshire und Tendall End in Suffolk ausgebuddelt und beide auf den Landsitz von Lancelot’s Keep transportiert. Bei den Denkmalschützern hatte es einen Aufschrei gegeben, im Oberhaus waren Fragen gestellt und glatt von ihm beantwortet worden, eine Fernsehdokumentation hatte jedes Stadium des Abbruchs und Wiederaufbaus festgehalten, und Millionen von Lesern würden sich, wie Rose wußte, begeistern über Gerrys Bilder mit den angenehm prickelnden Unterschriften: Nash’s Nordflügel jetzt wieder sicher am Ort.
Kosten: 3 Millionen Pfund. Jeder Kommentar, der ihr unterliefe und nicht bewundernd wäre, würde herausgestrichen. Der Morning Glory hatte keine Zeit für Mehrdeutigkeiten; Sir Maverick war in leitender Position, Direktor von Zeitungs- und Fernsehgesellschaften und ein Patron der Künste. Man hatte Rose gestattet, ihm einen Spiegel vorzuhalten, worin er glänzen konnte, der jedoch auf keinerlei Weise sein großartiges Spiegelbild trüben durfte. Wie gewöhnlich würde sie zwei Artikel schreiben, einen im Kopf und einen mit den Fingern. Dieses Zwiedenken war ihr so sehr zur Gewohnheit geworden, daß es ihr nur noch sehr wenig Unbehagen bereitete. Während der Fahrt durch den ergrünenden Park überwältigte mich der Mumm und die Entschlossenheit dieses Mannes, der nicht damit zufrieden war, ein prächtiges Heim sein eigen zu nennen, sondern Himmel und Erde und die Nationalstiftung in Bewegung gesetzt hatte, um deren drei zu bekommen. Sir Maverick, der in seiner braunen Mönchskutte – Erinnerung an seinen kürzlich erfolgten Übertritt zur katholischen Kirche – größer wirkte, schritt über die Zugbrücke aus dem zwölften Jahrhundert auf uns zu. Die Pfauen kreischten… Er beugte sich zum Wagenfenster herab und küßte sie. »Rosie? Ich habe gerade mit Ihrem Vater gesprochen. Bin so froh, daß Sie uns gefunden haben. Sie können Ihren Wagen im Kreuzgang abstellen.« Gerry hüpfte wie ein Spatz umher, der mit seiner Kamera nach Sir Mavericks menschlichem Interesse pickte. Rose ließ den Wagen auf dem Rasen in den Ruinen des romanischen Kreuzgangs stehen und kehrte zu den beiden zurück, wobei sie sich wie eine Vandalin vorkam. Sir Maverick war
stehengeblieben, so daß er sich in voller eleganter brauner Größe im Burggraben spiegelte. Rose roch mit der Haut den Duft, den Charme und die Grausamkeit, die er verströmte. Ein heißes, blühendes Gesicht, das rasch rot vor Ärger werden konnte. Seine Frau Pandora saß in einem niedrigen, sonnigen Zimmer auf einem Stuhl am Fenster. Sie trug ein grünes Leinengewand. Sie ist so schön, dachte Rose, daß sie jede andere Frau meilenweit im Umkreis aussticht. »Ich glaube, hier ist’s. Wissen Sie, ich verirre mich noch immer, weil wir jetzt nach Süden statt nach Westen blicken – hier sind wir, Pandy! Dies hier ist Rose, Bernards Tochter.« Rose erhielt erneut einen Kuß. Gerry, der viermal soviel verdiente wie sie, wurde als ihr Anhängsel betrachtet. Sie hatten seine Eltern nicht getroffen. Pandora Clough Whittyng gab eine erfolgreiche Karriere als Photomodell auf, um jenen Mann zu heiraten, der im Jahre 1979 lediglich der flotte Tory-Kandidat für West Thorgmonton war. Jetzt ist sie eine strahlende Schloßherrin und politische Gastgeberin, fröhliche Mutter von fünf Kindern und eine vollendete Köchin. Wir ließen uns ihre Wildpastete und Himbeercreme schmecken und spülten beides mit Samuel Beckford’s Lieblingswein hinab… Aus der Nähe betrachtet wirkte Pandoras milchweiße Haut straff. Sie hatte dunkelblondes gewelltes Haar, eine reizend geformte Nase, hohe Wangenknochen, einen Schlafzimmerblick und einen Körper wie ein Windhund. Falls Oberklassen-Schönheiten jemals geklont werden, dachte Rose, wird sie das Modell werden. Zu Edwards Zeiten wäre sie als Lady des Hauses noch glücklicher gewesen, dann hätte sie völlig unnütz sein und den ganzen Tag über Blumen
arrangieren können. Die Jahre des Flirtens mit der Kamera und des Gebrauchs der Ellbogen, um Maverick nach oben zu bringen, hatten sie erschöpft, hart gemacht, als wäre ein wunderbarer Schwan darauf trainiert worden, wie ein Papagei Limericks zu kreischen. Was ist denn los mit mir, dachte Rose verärgert, während ihr der Alkohol durch den Kopf kreiste, auf die meisten Leute wirke ich ebenso unnahbar und verwöhnt wie sie. Nur weil ich mit Mädchen wie Pandora zur Schule gegangen bin, kann ich sie so klar durchschauen – Rose konzentrierte sich auf das, was Sir Maverick über seinem zweiten Glas Portwein sagte. »… den Menschen das Gefühl des Stolzes zurückgeben. Es ist das Natürlichste auf der Welt, das eigene Land zu lieben, sich besser vorzukommen als der Rest der Welt, das ist nichts, wessen man sich schämen müßte. Ich war während der Zeit in Oxford, die ich das liberale moderne Zeitalter nenne – währte nicht lang, Gott sei’s gedankt, weil sie viel zu verdammt liberal waren, um sich behaupten zu können, haha.« Pandora kicherte. »Ich hatte mir eine Union Jack-Weste anfertigen lassen, trug sie überall. Sie würden nicht für möglich halten, mit welchen Anschuldigungen ich klarkommen mußten Faschist war noch das geringste. Jetzt hat sich das alles geändert. Wir haben gesagt, wir würden Großbritannien seine Größe zurückgeben, und das haben wir getan. Die Ideen Ihres Vaters, zum Beispiel, sind großartig, das wird den Menschen ein Gefühl für ihre Wurzeln und Traditionen zurückgeben. Eine Menge dieser schwarzen Kinder wissen nicht, woher sie kommen, darum hatten wir all diese Rassenkrawalle. Da sie nun einmal hier sind, sollten wir sie willkommen heißen, Blenheim und die Schlacht um England mit uns teilen lassen, sie Lieder darüber schreiben lassen, statt all dieser Feindseligkeit und dieses Hasses.«
»Ich halte Haß für etwas Furchtbares, nicht wahr, Rose?« sagte Pandora ernst. »Man hat Sie oftmals des Rassismus beschuldigt. Würden Sie sich als Rassisten betrachten?« »Natürlich nicht. Wenn mein Urgroßvater nicht eine Zuckererbin mit sehr dunklem Teint geheiratet hätte, säßen wir jetzt nicht hier. Vielleicht in Battersea oder sonstwo. Und ich habe nichts als Bewunderung für die Juden übrig, wie für Ihre Familie, meine Liebe, die vor Generationen hierher kam, hart gearbeitet, ihre Kinder erzogen und es zu ihrer Aufgabe gemacht hat, sich zu integrieren.« Vor sechzig Jahren hättest du mich nicht zum Essen eingeladen, dachte Rose, während sie ihn anstarrte. »Das braucht jedoch alles Zeit, kluge Köpfe, und, frei herausgesagt, Geld. Dieses Land ist von Menschen unterschiedlichster Rassen überschwemmt worden – am armen alten Enoch ist schon was dran, wissen Sie –, und nicht alle davon sind mit den von mir erwähnten Tugenden ausgestattet. Also müssen wir ihnen helfen, ihnen ein Gefühl dafür verleihen, einer großen Zivilisation anzugehören. Alle paar Jahre eine kleine Kampagne starten, so daß sich ihre Gemüter in die richtige Richtung erheben. Je mehr man den Feind draußen hält, desto behaglicher ist’s drinnen – bin ich indiskret?« »Ja«, sagte Pandora, auf einmal nicht mehr lächelnd. »Nichts für ungut. Wer ist gegenwärtig Ihr Chefredakteur, Rosie?« »Johnny West.« »Was ist mit Duncan geschehen? Jemand hat mir gesagt…« »Er ist vergangene Woche an die Luft gesetzt worden.« »Ich werde… öh… Johnny nachher anrufen. Der Morning Glory ist in Ordnung.«
Gerry kniete vor Pandora und erwischte sie im zerbrechlichsten Augenblick, hinter ihr Weiden und der Burggraben. Sie lächelte wieder; es gefiel ihr, Männer vor sich auf Knien zu sehen. Maverick saß in seinem Queen Anne-Sessel am einen Ende des langen polierten Tischs, trommelte mit den Fingern darauf, die grauen Tunnelblick-Augen schossen ungeduldig von einer Idee zur nächsten. Alles Ego und Energie, dachte Rose, eine Kraft, die darauf wartet, losgelassen zu werden. Sie saß sehr aufrecht da, war nicht mehr nüchtern, hatte Gedanken und Worte jedoch völlig unter Kontrolle. »Eine Menge Menschen haben die Regierung für ihren Bericht über die Wohnsituation kritisiert. Einer Schätzung zufolge schlafen in London jede Nacht fünfzigtausend Menschen auf der Straße.« Als sie später das Band abhörte, war Rose vom Ärger in ihrer Stimme selbst überrascht. »Wirklich? Von wem? Es stimmt schon, wir müssen unsere öffentlichen Ausgaben beschneiden. Aus meiner Sicht heraus ist das ein notwendiger Schritt auf dem Weg zur Entwicklung eines großen Volkes. Der gewöhnliche Mann muß im gegenwärtigen Vater Staat nichts für sich selbst tun: Er wird kostenfrei im Krankenhaus geboren, lebt in einem Gemeindehaus, geht kostenfrei zur Schule. Dann besteht er entweder das Examen, erhält eine Stelle und wird Mitglied einer Gewerkschaft, die das Land dazu zwingt, sich von ihr loszukaufen, und die ihre Mitglieder erpreßt und betrügt, oder er liegt für den Rest seines Lebens auf der faulen Haut, während er riesige Summen vom Steuerzahler einstreicht. Ist das etwa ein Leben? Ich glaube kaum. Das ist nicht meine Vorstellung eines Engländers. Die Menschen müssen eben ein wenig kämpfen, sie müssen sich selbst weiterhelfen, und sie erhalten, was sie hineinstecken. In einigen Fällen nichts. In anderen Fällen die Befriedigung zu wissen, daß ihr gesamter
Besitz die Frucht der eigenen Anstrengung ist. Die Menschen müssen ihren Stolz zurückbekommen, und sie können jetzt nicht mehr zu Vater Staat laufen, weil er nicht mehr für sie da ist!« Maverick füllte Rose das Glas und dann sich selbst und trank sich selbst zu. Rose trank nicht. Sie erinnerte sich gerade jenes Morgens, da sie das Lager besuchte, wo Simon arbeitete. Es drängte sie, ihm von Kälte und Hunger und Schmutz zu erzählen, seine parteipolitische Propaganda in ein Gespräch zu verwandeln. »Haben Sie je eine der Barackenstädte besucht, die die Heimatlosen errichtet haben? Leute, die ohne Elektrizität oder sanitäre Anlagen in Zelten leben, die meiste Zeit des Jahres knietief im Dreck?« »Natürlich habe ich vor der letzten Wahl eines besucht, in den Außenbezirken von Birmingham. Ja, es war erbärmlich. Die Menschen finden ihr eigenes Niveau. Aber mein Gott, was für Gesichter habe ich da gesehen! Glänzende, echt englische Gesichter, wie etwas von Hogarth!« »Zahnlos und betrunken, meinen Sie?« »Ich spreche vom Geist, Rosie, dem Willen zu kämpfen und zu überleben. Einer der alten Knaben trat an mich heran und schüttelte mir die Hand und sagte: ›Is ‘ne bittere Medizin, Sir, aber es is die richtige, und das Land weiß es.‹« »Hat man sie nicht angegriffen?« fragte Rose ungläubig. »An einer Stelle hatten wir ein wenig Ärger mit einer Bande Halbstarker, aber die Polizei hat sie herausgeholt. Nein, im großen und ganzen ist den Leuten jetzt klar, daß wir die einzige Alternative sind.« Rose seufzte. Es fiel so leicht, sich vorzustellen, wie er fröhlich durch ein Sperrfeuer aus Eiern, Tomaten, Steinen und Dreck schritt. Er hielte das alles für Opfergaben von Bewunderern oder irgendeinen merkwürdigen englischen Brauch, der wiederbelebt worden war.
»Vielleicht sind sie aufgrund der Diät aus Neuropepsi und Fritten zu sehr verblödet, um sich gegen Sie erheben zu können. Wissen Sie, viele Menschen glauben, Neuropepsi enthalte ein Beruhigungsmittel, und die Regierung hielte den Preis absichtlich niedrig. Warum haben Sie sich dazu entschlossen, es in den Freizeitparks umsonst abzugeben?« »Es ist ein sehr angenehmes Getränk. Bei jungen Leuten sehr populär.« »Sie selbst trinken es nicht, oder, Sir Maverick?« »Nein, persönlich gebe ich einer hübschen Flasche Château Lafitte den Vorzug.« »Und bevorzugen geistige Klarheit?« »Das ist eine sehr schwerwiegende Behauptung, die Sie da aufstellen. Und zugleich eine paranoide. Insbesondere, wenn Sie daran denken, daß Ihr eigener Vater diese Freizeitparks vom Stapel läßt. Ich hoffe, Sie werden nichts von diesem Unsinn über Neuropepsi bringen? Alles in Ordnung da drüben, Pandy?« »O ja, wir kommen furchtbar gut miteinander zurecht. Ich werde Gerry das übrige Haus zeigen, Liebling, er möchte noch ein paar Photos schießen.« Pandora blitzte ihnen ihr allgegenwärtiges Lächeln zu und rauschte hinaus, gefolgt von Gerry, der aussah wie ein Hund mit der Zeitung im Maul. Rose wußte, wie erfolgreich Gerrys Mischung aus Schmeichelei und Lust bei Frauen sein konnte, und sie war erstaunt. Mavericks Augen jedoch glänzten noch immer im Licht zukünftiger Welten, und er zeigte keine Bedenken. In gewisser Hinsicht, dachte Rose, steht er über solchen Dingen, überhaupt über menschlichen Beziehungen. Oder, anders ausgedrückt, er war blind und taub, jedoch nicht dumm.
Sir Mavericks Lebensstil ist nicht modern. Vielleicht verkörpert er, wie er selbst sagte, viele Perioden unseres nationalen Erbes; er ist ein mittelalterlicher Mönch, der in seinem Kloster sinnt, ein Ritter, der sich seiner Dame ergeben hat, ein Herr in einem Roman von Peacock, der gutes Essen und guten Wein und ein gutes Gespräch genießt. Was ist mit der Zukunft? Sir Maverick sieht sie als eine Blume, die den kräftigen Wurzeln unserer gemeinsamen Vergangenheit entsprießt. Er glaubt, sein geliebtes England wird der Welt einmal mehr zeigen, was Größe ist und aus welchem Stoff wir gebildet sind: hartem Stoff, starkem Stoff, großem Stoff. Erschöpft schaltete Rose erneut das Bandgerät an. Mavericks Aussprache war jetzt eindeutig verschliffen, und sie selbst hätte sich freudig auf den Fußboden zum Schlafen gelegt. Er stolperte von seinem Sessel zu einer großen hölzernen Truhe, legte sich bäuchlings darauf und begann mit Liegestützen. »Durchhaltevermögen, Rosie, darum geht’s. Man darf nicht schlaff oder konfus oder weich werden. Fünfzehn Minuten, und ich werde bereit sein, heute abend das Haus niederzureißen. Ein sogenannter Sozialist wäre dazu nicht in der Lage.« Die Worten kamen zwischen einzelnem Keuchen, in stakkatoartigen Ausbrüchen, aber sie kamen. »Haben Sie von der letzten Oppositionspartei gehört, die sie gegründet haben? Die Anti Powerty Front∗. APF. Jetzt frage ich Sie: Wer wird denn für einen Zungenbrecher wie so etwas stimmen? Es ist nicht so, als habe die Opposition keine Chance gehabt. Wir hatten einige Jahre lang eine Koalition mit ihnen, und was haben wir erreicht? Die Arbeitslosigkeit blieb auf dem gleichen Stand, und die Inflationsrate schoß in die Höhe. Wir haben sie für sich werben lassen und haben den öffentlichen ∗
Anti-Armut-Front
Dienst dezentralisiert, und was ist geschehen? Ein Sieg auf der ganzen Linie im ganzen Land. Politik bedeutet das Überleben des Leistungsstärksten, meine liebe Rosie, und die Überlebenden sind zu uns gestoßen. Wie alle müssen sie an ihre Karriere denken, und was ist das für eine Karriere, wenn man jahrelang auf der falschen Seite des Hauses steckenbleibt und Leute bejammert, die noch nicht einmal das Wahlrecht haben? Darum ist das eine solche Wischi-Waschi-Bande. Fünfzehn Parteien, und noch nicht einmal ein einziger überzeugender Führer darunter.« »Eine Menge ihrer Anführer sitzen im Gefängnis.« »Sie haben das Gesetz gebrochen.« »Sie machen die Gesetze. Und Sie haben den Kartenlosen das Wahlrecht genommen, nachdem Sie ihnen alles andere genommen haben.« »Ich hoffe, Sie werden nicht irgend etwas Dummes schreiben, Rosie.« »Ich werde dafür bezahlt, dummes Zeug zu schreiben.« Sofort wünschte sie sich, nicht so offen gewesen zu sein. Das brachte eine falsche Note ins Spiel. Er jedoch sah zufrieden aus. »Alle Jobs beruhen auf ein wenig Gewäsch.« »Selbst Ihrer?« Er keuchte vor Lachen, gab den Versuch auf, so zu tun, als trainierte er, setzte sich auf den Rand der Truhe und lachte erneut. Sein Blut brannte heiß unter der Haut des Gesichts mit den schweren Hängebacken, und sein Bauch wabbelte unter der Robe. Rose entschied, daß er ihr auf einer Tribüne stehend lieber war, und kehrte ernst zum Geschäft zurück. »Einige Beobachter haben den Eindruck, Sie hätten uns durch Ihre britische Abschottungspolitik von zu vielen Dingen abgeschnitten. Unsere Exporte sind um 50 Prozent gesunken,
und es ist oftmals zu hören, daß uns einzig die Regierung der Vereinigten Staaten noch wohlgesonnen ist.« »Ich verstehe nichts von den Yankees. Persönlich halte ich sie für eine Nation liebenswürdiger Barbaren, da lobe ich mir doch die Russen. Die sind zumindest gebildet und halbwegs stabil, zu stabil, natürlich. Andererseits: Wenn man einen der Knaben in diesem Jahr trifft, kann man sich ziemlich sicher sein, daß man es zehn Jahre später mit demselben Burschen zu tun hat. Bedenken Sie, daß es hier bei uns ähnlich zugeht, wie mich freut zu sagen. Und was die Wirtschaftsgemeinschaft betrifft, so wird sie von einer Anzahl Franzmännern dominiert, die mit ihrem Einfluß und ihrem Wein um sich werfen. Sehen Sie doch, was die mit unseren Äpfeln gemacht haben! Blicken Sie einmal aus dem Fenster dort, dann sehen Sie eine Plantage mit Pippinäpfeln. Dort, jenseits der Mauer da! Der beste Apfel der Welt. Ich gebe Ihnen ein paar mit nach Hause. Diese Scheußlichkeiten, die uns die Franzosen andrehen wollen, sind nichts weiter als Baumwolle, umhüllt von giftgrünem Plastik. Nein, glauben Sie mir, all das Gerede, Europa sei eine Nation, ist dummes Zeug. Wir haben unsere nationalen Unterschiede, und wir sollten stolz darauf sein, sollten sie hegen und pflegen. Die Deutschen waren schon immer eine humorlose Bande von fressenden Kulturbanausen, sie können nichts dafür, und sie wollen’s auch nicht ändern. Ich bin dafür, die Leute in Ruhe zu lassen und sie als Individuen zu akzeptieren. Ich war niemals ein Vereinsmeier. Ich betrachte diese Insel als Schiff, als hübsches kleines sicheres Schiff. Wir waren ein größeres Schiff, und wir sind über stürmischere Meere gesegelt, fürs erste jedoch machen wir uns ganz gut in unserem eigenen Hafen.« Bei den letzten beiden Worten hob sich seine Stimme in jenem triumphierenden, zuversichtlichen Ton, den sie von seinen Besuchen im Unterhaus her wiedererkannte. Er hat
seine Ansprache gehalten, und er möchte mich loswerden, dachte sie, und sie spürte augenblicklich, daß sie ihre Zeit vergeudet hatte. Ein Dutzend Fragen lagen ihr gleichzeitig auf der Zunge. »Wie bringen Sie Ihren Kampf fürs private Unternehmertum mit den letzten Steuererhöhungen in Einklang?« »Sieben Millionen Menschen in diesem Land können oder wollen nicht arbeiten. Für die muß jemand bezahlen.« »Aber das tun Sie nicht, Sir Maverick. Während der vergangenen zehn Jahre ist die Arbeitslosenunterstützung gekappt worden, während die Zahl der Arbeitslosen um…« »Rosie, vergeben Sie mir, aber ich muß in drei Stunden im Oberhaus sein. Ich muß mich waschen und umziehen. Die Engländer mögen vielleicht einen Lord lieben, aber sie werden niemals einen Mönch lieben.« »Man hat in den italienischen Zeitungen berichtet, Ihrem Übertritt zur römisch-katholischen Kirche sei eine riesige Investition in ein vatikanisches Telekommunikationsunternehmen gefolgt, das Verbindungen zur Mafia…« »Wenn Sie mehr über meinen Glauben wissen wollen, lesen Sie das Buch, das ich darüber schreiben werde. Es wird kommende Ostern in einem neuen kleinen Verlag erscheinen, den ich gründen werde, Bulldogg Press.« Ein breites Gähnen durchbrach die Glätte seines Gesichts und zeigte eine gräulich-rosige Höhle mit gelblicher Umzäunung. Er war ziemlich alt und sehr müde. Er drückte sich zur Tür, aber Rose folgte. Sie starrten sich an; er war nervös, als sie sich auf einmal in all ihrer Entschlossenheit, ihrer Harte und Kälte zeigte. Frauen wie sie waren ihm ein Greuel. Sie überlegte, ob er wohl den Rausschmeißer/Butler riefe. »Als Irland im vergangenen Jahr das Vereinigte Königreich verließ, berichtete man, Sie hätten gesagt, dies sei die einzige Möglichkeit, nach fünfhundert Jahren unser Problem mit den
Iren zu lösen. Empfinden Sie irgendein Bedauern darüber, daß in dem darauf folgenden Bürgerkrieg sechstausend Menschen getötet wurden?« »Tut mir so leid, muß mich beeilen. Schön, Sie gesehen zu haben. Grüßen Sie Bernard ganz herzlich!« Er warf die Tür fast zu, und sie hörte seine Sandalen den Marmorkorridor entlangschlappen. Rose setzte sich in die Fensternische, wo Pandora um so vieles dekorativer posiert hatte, und suchte krampfhaft, die wunderschöne Aussicht zu meiden. Wie sie genau wußte, fände Sir Maverick die Zeit, ihren Herausgeber anzurufen, ehe er nach London führe. Oder würde er warten, bis er den Artikel gelesen hatte, der so höflich und einschmeichelnd sein würde? Rose spürte, sie hatte seinen guten Willen verspielt, ohne die eigene Integrität zu schützen. Virago intactus. Kaum, sie hatte ihm nur halbherzig die Zähne gezeigt, und sie würde ihm in den Arsch kriechen. Wenn’s ihr nur andersherum gelungen wäre! Verstört, mit verwundetem Profi-Stolz, wartete Rose auf Gerry. Als er die Tür öffnete, sah er gleichfalls wie ein geprügelter Hund aus. Sie lächelte schwach und schwieg; mit bemerkenswert wenigen Küssen und Aufforderungen, wiederzukommen, gingen sie zum Wagen. »Gastlicher alter Furzknoten«, sagte Gerry auf halbem Weg die Auffahrt hinab. »Äußerst.« »Eins muß man ihnen lassen – sie wissen zu leben. Mobiliar, Kleidung, Wein – das nenne ich Stil.« »Ich würd’s Geld nennen.« »Gute alte Rose. Bist ihm an die Kehle gesprungen. Wirst du sie aufreißen?« »Ich glaube, eher wird er mir die Kehle aufreißen.«
»Mein Gott, der Portwein hatte es in sich. Bin ich froh, daß ich nicht fahren muß. Ich hab ‘n paar gute Schnappschüsse gemacht.« »Von ihr?« »Phantastischer Körper! Und das Gesicht! Dennoch sind sie schon komisch, weißt du, diese Frauen aus der Oberklasse, irgendwie sind die Signale nicht die gleichen.« »Hast du sie auch gevögelt?« »Unpassender Ausdruck.« »Während wir durch die liebliche Landschaft davonfuhren, die Sir Mavericks Familie generationenlang liebevoll gepflegt hatte, wußten wir, daß wir mehr als nur ein architektonisches Monument verließen. Der Mann selbst ist ein Monument, ein Monument der Geschichte, der Zukunft, des Stolzes und der Exzentrik. Meiner Ansicht nach hat er für die meisten von uns gesprochen, als er in seiner wallenden Robe an seinem mittelalterlichen Handschriftenpult saß und jungenhaft lächelnd sagte: ›Ich bin kein Vereinsmeier.‹« »Ein monumentaler Langweiler. Kein Wunder, daß er so erfolgreich ist.« »Ist er wirklich ein Freund deines Vaters?« »Im Augenblick scheffeln sie ‘ne Menge Geld voneinander.« »Kommst du mit deiner Familie nicht zurecht?« »Nur mit meinem Bruder.« Wurzel und treibende Kraft ihres Ehrgeizes war das Verlangen, nicht deren Tochter zu sein. Da Bernard nach jahrzehntelangen Fehlschlägen jener distinguierte Mann geworden war, der zu sein er stets vorgegeben hatte, war Roses Stellung jetzt kompliziert geworden. Als Journalistin war es ihr Job, sich über seinen Ruhm auf dem laufenden zu halten, als Tochter jedoch fand sie ihn peinlicher denn je. Dennoch
spräche sie außer mit Simon von ihm nicht mit Verachtung, ebenso wie Bernard seine Kinder nur ihnen selbst oder Madge gegenüber kritisierte. Freeman’sche Loyalitäten waren merkwürdig, aber stark. »Hast du’s eilig, Gerry?« »Was hast du denn zu bieten?« »Hier in der Gegend gibt’s einige hübsche Straßen. Ich war in der Nähe von Wells auf der Schule – hast du etwas dagegen, wenn wir sie statt der Autobahn nehmen?« »Okay. Haben versucht, aus dir ‘ne junge Lady zu machen, stimmt’s?« »Sie haben’s versucht.« Von einer Leidenschaft für nicht mehr so ganz aktuelle Schulgeschichten verführt, hatte Rose verlangt, in ein Internat zu gehen, als sie elf Jahre alt gewesen war. Man hatte sie hingeschickt, weil sie zäh genug war, um es durchzustehen, und weil Madge gehofft hatte, die Disziplin, womit sich die Prospekte brüsteten, könnte Roses Zunge die Schärfe nehmen. Sie spürte, daß ihre Tochter dafür bestraft werden müßte, sarkastische, beleidigende Dinge zu sagen, hatte jedoch keinerlei Vorstellung davon, wie sie es anstellten sollte. Irgendwer, gewöhnlich Simon oder Großmutter, lachte stets. Der sensible Simon war auf seiner Londoner Tagesschule geblieben, und Rose bemerkte voller Eifersucht, daß der Haushalt ohne sie glatter ablief. Ihre Schule hatte keinerlei Ähnlichkeit mit den Schulen in ihren Geschichten. Sie war klein, nicht streng, mit Zentralheizung in allen Räumen und ohne Uniform. Rose wurde nicht zur Schnecke gemacht, wie es Bernard vage angedroht hatte. Sie dominierte rasch die Schulzeitung und mehrere weniger entschiedene Freundinnen; als ihre Eltern am Tag der Offenen Tür gekommen waren, war ihnen zum
erstenmal aufgegangen, daß andere Leute unerklärlicherweise von ihr beeindruckt waren. Rose kurbelte das Fenster herab, so daß sie die ausgedörrte Vegetation riechen konnte. Heiße Erde. Üppige Bäume und Blumen drängten sich am Rand der schmalen Straße, Äste und Blätter wölbten sich darüber. Wie diese üppigen grünen Tunnel sie an ihre Schulzeit erinnerten! Und an ihre zwiespältige Haltung zum Land, als sie dort gelebt hatte. Auf den Spaziergängen vermochte sie sich niemals an die Namen der Pflanzen zu erinnern und schrieb ›blaue Blume‹ oder ›gelbe, grasähnliche Blume mit kleinen weißen bepelzten Bommeln‹ in ihr Naturkundeheft, das sie führen sollten. Pferde ängstigten sie, und wenn sie Volleyball oder Tennis spielte, war es ihr erster Impuls, den Ball zu fliehen. Die einzigen Aktivitäten, die sie im Freien genoß, waren Spaziergänge, Schwimmen und Sonnenbaden. In der Schule fraß sie die Bücher in sich hinein. Durch ihre Unfähigkeit, das gesunde, kräftigende Leben im Freien zu führen, wozu die Schule ermutigte, fühlte sie sich wie eine Fremde. Es herrschte kein Antisemitismus dort, denn die Mädchen aus reichen jüdischen, katholischen und protestantischen Familien fanden, daß Geld eine große Verbindung war. Aber die Mädchen sollten eine gewisse Färbung annehmen, eine robuste, vergnügte Leichtigkeit, die es ihnen ermöglichte, ein Leben in großen Häusern, auf Ausflügen zu Pferd und auf Bällen zu genießen. Und zwischen den sozialen Begegnungen einen kleinen Job in einer Kunstgalerie anzunehmen, wo sich interessante Leute versammelten. Für alles das war Rose zu städtisch, sarkastisch und redselig. Als sie die Schule verließ, war Bernard sichtlich enttäuscht davon, daß sie die Brüder ihrer Schulfreundinnen nicht mehr mochte als die sie. Er hatte sein Auge auf eine exklusive
Enklave des englischen Lebens geworfen, die für ihn stets außer Reichweite gelegen hatte, und er war davon ausgegangen, daß die unverschämt hohen Schulgelder das Eintrittsgeld in diese Welt gewesen waren. Sie jedoch wollte nicht dort hinein. Sie war nicht häßlich oder linkisch, aber sie redete über Feminismus und Proudhon und kehrte mit dem Taxi von Bällen zurück, allein und nüchtern und unendlich gelangweilt. Einige Jahre lang war Rose eine Außenseiterin geblieben, die jene Mädchen verachtete und beneidete, die damit besser zurechtkamen als sie. Wie sie wußte, warteten ihre Eltern darauf, daß sie ihnen einen strahlenden jungen Sunny-Boy mitbrächte. Sie hatte stets – selbst jetzt noch – einen Drang verspürt, ihnen zu gefallen sowie einen Gegendrang, ihnen soviel Ärger wie möglich zu bereiten. George hatte unweigerlich zu letzterem gepaßt. Er war ein alter Frosch gewesen, der sich gerne im Schlamm wälzte und keinerlei Absichten hegte, zu einem Prinzen zu werden. Er hatte ihr die Augen dafür geöffnet, wie fade Prinzen waren. An seinen schwimmhäutigen schleimigen Fingern haftend, war Rose auf eine Universität gesprungen. Bernard und Madge hatten Frauen, die zur Universität gingen, noch immer Blaustrümpfe genannt, und die meisten der Mädchen, mit denen sie zur Schule gegangen war, hatten zu Privatschulen für junge Mädchen zum Erlernen der feinen Lebensart gewechselt oder Kurse im Kochen oder dem Verständnis des Chinesischen besucht. Also war der Besuch der Universität seltsamerweise ein Akt der Rebellion. Dann war George, der bei Lesungen seine schreckliche Lyrik betrunken herausbrüllte, allmählich immer weniger liebenswert geworden. Rose hatte sich jüngeren und appetitlicheren Männern zugewandt, obgleich keiner davon in ihr soviel Leidenschaft hatte erregen können wie jene betrügerische,
schurkische alte Kröte. Vielleicht hatte Bernard in ihr den Geschmack an alternden Scharlatanen erweckt. »Hast du die Story am Dienstag fertig, Rose?« »Ich werd sie noch heute abend schreiben, wenn wir jetzt direkt durchfahren.« »Gehst du nicht zu Bills Party?« »Vielleicht schau ich später noch vorbei, falls ich sie fertigkriege. Obwohl mein Bedarf an Leuten für heute gedeckt ist.« »Tschüs, alte Passionsblume«, sagte Gerry später, als sie ihn bei Hammersmith herausließ.
KAPITEL 13
In der Nacht vor der Eröffnung träumte Madge, sie sei wieder ein kleines Mädchen, eine blonde Porzellanpuppe in rosafarbenem gerüschten Kleid, die jeder streichelte und zwickte, was sie in der Tat gewesen war. Der Traum wurde vom Gefühl der Wärme und des Triumphs erhellt, von der Sicherheit, daß sie hübsch und bewundernswert war. Es war so lange her, seit man um sie den ihr zustehenden Wirbel veranstaltet hatte, daß sie weinend erwachte, als habe sie von einem toten Geliebten geträumt. Bernard sah sie, schloß jedoch rasch die Augen und drehte sich um. Sie weinte zuviel. Dies sollte ein Tag ohne Klagen und Vorwürfe sein; er würde vollkommen werden, weil er nichts Unvollkommenes zuließe. Bernard hörte den dumpfen Schlag von oben, als ihr gezähmtes Ungeheuer Großmutter das Tablett vor die Tür stellte. Sie wollte diesen verkrüppelten Zombie, wie sie ihn nannte, nicht ins Zimmer lassen. Heros Zehn klapperte die Treppe hinab und klopfte metallisch an der Tür. Bernard war ihm einmal auf der Treppe begegnet, wie er drei Tabletts übereinander balancierte, und die Parodie auf die menschlichen Bewegungen hatte ihn angewidert, als Heros Zehn ruckartig aus dem Weg hüpfte. Dennoch war er um so vieles verläßlicher als jeder menschliche Diener. Der Tisch unter dem Fenster erbebte, als das Tablett darauf plumpste, die Vorhänge bauschten sich, die Wasserhähne im Bad rauschten mit einem fröhlichen Strom. Man mußte sich noch nicht einmal bedanken; die Morgen verliefen mit einer wundervollen Geschmeidigkeit. Madge pflegte zu sagen, man benötige einen gewissen ›human touch‹, weil es zu unheimlich wäre, wenn
sich die Dinge von selbst an- und abstellten. Bernard genoß den Duft von Kaffee, frischer Farbe und sauberer Bettwäsche, ehe er ein Croissant vom Tisch nahm und in sein wohlriechendes Bad stieg. Merlin klopfte an die Tür, weit weniger sicher als Heros Zehn. Er starrte das aufgedunsene Gesicht seiner Großmutter an und fragte sich, ob es den Erwachsenen jemals gelänge, daß er sich nicht verlegen vorkam. Erst dann, wenn ich selbst erwachsen bin und andere Kinder verlegen mache. »Liebling! Auf dem Weg zur Schule?« »Kann ich nicht mitkommen?« »Das würde der Schule aber gar nicht gefallen, fürchte ich. Es wäre viel zu offensichtlich. Unsere Photos werden in allen Zeitungen zu sehen sein.« Madge setzte sich auf und übte strahlendes Aussehen für die Photographen. Ja, sie wurde unterschätzt und war ungeliebt, aber das Leben ging weiter, und sie würde das italienische Kleid mit dem verführerischen Rückenausschnitt tragen. »Aber ich möchte all diese neuen Spiele sehen. Und Papi wird auch da sein, ich habe ihn seit Wochen nicht gesehen.« »Wir werden am Wochenende zusammen hingehen. Auch Simon, wir werden alle zusammen hingehen, und du kannst alle Spiele ausprobieren. Hast du dein Müsli gegessen?« »Ja. Du könntest eine Entschuldigung schreiben und sagen, daß es eine nationale Veranstaltung ist. Wir haben den ganzen Nachmittag sowieso nur Tennis und Schwimmen.« »Sei jetzt ein guter Junge. Und gib mir einen Kuß, um mir zu zeigen, daß du mich lieb hast.« In Wirklichkeit hatte er sie nicht lieb, obgleich sie jetzt fester wirkte, weniger wabbelig. Er küßte sie zaghaft und ging die Treppe hinab zum wartenden Wagen. Merlin war nicht überrascht von seinem Fehlschlag, seine Großmutter zu überreden. Er trug sowieso schon die Uniform, weil er wußte,
er würde zur Schule gehen. Die hübsche, dunkelgrüne Geometrie der Uniform schnitt seinen schmalen Körper zu Kreisen, Quadraten, Würfeln und Rechtecken, die draußen im Sonnenlicht tanzten. Er scheint zu treiben, dachte Connie, während sie ihn vom Fenster aus beobachtete, er ist zu leichtgewichtig. Gegen zehn wurden Madge und Bernard eingekleidet, um der Öffentlichkeit zum Fraß vorgeworfen zu werden. Madge trug einen pinkfarbenen Seidenmantel über einem orangefarbenen Anzug mit Kaskaden von Rüschen um den Hals. Ihr weißer Hut hing geheimnisvoll über einem Auge, und diese neue Creme, die sie gekauft hatte, hatte ihr die vielsagenden Falten mit liebender Hand geglättet. Oder täte es zumindest, so lange sie nicht lächelte, und sie hatte nicht die Absicht, zuviel zu lächeln. Sie übte sich darin, huldvoll zu erscheinen, triumphierend, jedoch nicht herrisch. Einen weichen Zug um die Augen, vielleicht, jedoch nicht soviel, daß die Tränensäcke sichtbar wurden. Sie wäre der Schwan gegenüber der zerrupften alten Gans oben. »Ich sag Großmutter eben auf Wiedersehen, Liebling. Sie möchte diesen Augenblick mit uns teilen.« Bernard hatte da seine Zweifel, folgte ihr jedoch nervös. Madge klopfte an, die langen roten Nägel kratzten an der Tür. Alte Musik, und bald würde dieser schreckliche Gestank sie umwerfen. »Großmutter! Connie, Liebes! Können wir reinkommen?« »Wer ist da?« »Ich bin’s, Liebes, Madge. Mit Bernard.« »Er hat das Tablett bereits heraufgebracht.« »Wir möchten dich sehen!« »Wozu? Tut doch sonst keiner.« »Sei nicht kindisch, Mutti.«
»Du bist niemals kindisch genug gewesen, das war dein Problem.« »Wir müssen gleich gehen. Dies ist ein sehr wichtiger Tag für Bernard. Willst du ihm nicht gratulieren?« »Wozu? Verläßt er dich?« Ihre Bösartigkeit drang hörbar verletzend durch die Tür. Madge trat einen Schritt zurück und spürte, wie ihr der Ärger heiß und feucht das makellose Gesicht herablief. Ihre Absätze stachen in den Läufer auf der Treppe, als sie in den Ankleideraum hinabging, um sich das Gesicht wieder herzurichten. Bernard folgte brummend. »Weiß nicht immer so genau, was sie sagt.« »Die weiß genau, was sie sagt. Darum halten wir auch immer Abstand zu ihr. Ich hätte nur angenommen, daß sie am heutigen Tag…« »Wir haben so hart gearbeitet…« »Ein Meilenstein für dich…« »Manche Mutter wäre stolz…« »Ich wünschte, ich hätte einen Sohn, der ebensoviel erreicht hätte wie du.« »Wird er dort sein?« »Nehme ich an. Ist doch gleich um die Ecke, und er hat sonst nichts zu tun. Und Rose hat gesagt, sie käme ebenfalls.« »Vielleicht können wir alle zusammen auf die Tribüne gehen. Wie diese amerikanischen Politiker…« »Das wäre sehr schön, mein Lieber. Nützlich. Wir werden etwas wegen Großmutter unternehmen müssen.« »Ich fürchte, es wird jetzt nicht mehr sehr einfach sein, sie im Haus zu haben.« »Nein. Sie wird in ein Heim müssen. Joan kennt ein gutes.«
»Wie mein alter Freund Binkie Topham zu sagen pflegte: ›Gott gab uns unsere Verwandten, danken wir Ihm dafür, daß wir uns unsere Freunde aussuchen können.‹« »Sie hätte wirklich ein bißchen sensibler sein können. Besonders heute.« »Laß dich von ihr nicht aus dem Gleichgewicht bringen. Nicht heute.« Connie kroch in das Erkerfenster zurück, um ihnen zuzusehen, wie sie Arm in Arm zu dem offiziell aussehenden Wagen gingen. Fett, pink, zu protzig gekleidet, nicht einmal mehr jung. Und Bernard verdiente sie; er war so ölig glatt wie ein in Vaseline getauchtes Marmorei. Im Wagen, in einem Nebel aus Parfüm, Aftershave und Aufregung, lehnten sie sich aneinander. Madge reichte ihm die juwelengeschmückte Hand, und er hielt sie vorsichtig. Sie glitten durch London, und die Stadt war warm und strahlte; sie war reif für ihn. Die Fulham Road glänzte mit Hüten, geblümten Kleidern, kleinen roten und silbrigen Wagen, rosafarben und grün gepuderten Perücken, orangefarbenen Togen, türkisfarbenen Blusen, dreißig Zentimeter hohen Zylinderhüten und PseudoKronen. Die Farben wurden verstärkt durch das majestätische Schwarz der Limousinen und die schwarz-weiß gestreiften Embonpoints der Bürokraten. Es gab Schwarzhändler, und zu kaufen gab es Souvenir-Ballons, Poster, Abzeichen, Krüge und Puppen, während Dutzende von Kameras die Menge verschlangen. Eine französische Fernsehgesellschaft filmte die Ankömmlinge, und eine Persönlichkeit des englischen Fernsehens interviewte einen amerikanischen Nachrichtensprecher. Im Innern hopsten kreischende Kinder auf einem aufblasbaren Londoner Tower herum, und MorrisTänzer hüpften und keuchten.
Oberhalb des breiten Eingangs stand in goldenen Lettern, die im Sonnenschein ein wenig verblaßten, geschrieben: GREAT TIME FUN PALACE. Und darunter auf einer riesigen schwarz-weißen Fahne: HEUTE ERÖFFNUNG. EINTRITT FREI. Bernard stellte sich verzückt vor, wie diese Lettern in der Nacht blitzen und funkeln und den Sehnerv betrügen und die Leuten hineinziehen würden; das hatte irgend etwas mit Lasern zu tun, hatte ihm dieser Ingenieur gesagt. Ihr Wagen kam nicht durch die Menge, sie steckten zehn Minuten lang im Tor fest, während Kinder, die jene Dosen umklammerten, auf die Maverick so scharf war, grinsende Gesichter ans Wagenfenster drückten, vor ihrem Wagen umhersprangen und mitten auf der Straße tanzten. »Sie stehen doch nicht unter Drogen?« fragte Madge und wich vor den gepuderten, geschlechtslosen Gesichtern mit den glitzernden Ringen in Ohren und Nasenlöchern und dem Flitterkram auf den Augenlidern zurück. »Sind einfach glücklich, Liebes. Sie werden sich bald beruhigen. Wir werden diesen jungen Menschen zeigen, wie schön das Leben sein kann.« »Wie schön.« Aber Madge starrte noch immer die weißen, lüsternen, unnatürlichen Gesichter an. Sie hatte gelesen, daß die Selbstmordrate unter ihnen erschreckend hoch war, sie konnte sich niemals an die Statistiken erinnern, sie waren jedoch furchterregend. Sie überlegte, wie man wissen konnte, daß sie tot waren, sahen sie doch jetzt schon wie Leichen aus, während sie da in ihrem Danse macabre herumwirbelten. Sie hatte den Blick noch nicht abgewendet, als einige von ihnen abrupt aufhörten, umherzuspringen, sie setzten oder legten sich mit glasigen Blicken dort hin, wo sie gerade waren. Beruhigt, wie Bernard gesagt hatte, nur daß das nicht im geringsten etwas mit Ruhe zu tun hatte. Na ja, wenigstens würden sie nicht
Bernards hübschen Vergnügungspark verwüsten. Rose und Simon waren in diesem Alter ebenfalls unmöglich gewesen, doch hatten sie, Gott sei’s gedankt, nicht so ausgesehen. Wie jemand im Zirkus, jedoch ständig, nicht nur zu Weihnachten; sie mußten jeden Tag Stunden vor dem Spiegel damit verbringen, sich selbst diese außergewöhnlichen Dinge anzutun. Na ja, der Zirkus machte die Leute glücklich, und das war alles, was Bernard wollte, die Mission seines Lebens. »So was muß es halt auch geben«, sagte er nachdenklich, sie gleichfalls anstarrend. Er hatte sie noch nie zuvor aus unmittelbarer Nähe gesehen. Die Polizei, in großer Zahl anwesend lediglich für den Fall der Fälle, räumte den Weg frei für die wartenden Wagen. Sie fuhren am römischen Pavillon, dem Turnierplatz, der Bonk der Eroberer-Arkade und dem Chaucer-Zimmer vorüber. »Es ist so riesig! Ich hatte mich an diese lustigen kleinen Modelle gewöhnt, die wie Spielzeuge aussahen.« »Und unser nächstes in Brixton wird sogar noch größer sein. Es wird die Zeitspanne vom Neandertaler bis zu den Briten auf dem Mars umfassen.« Sie gingen über einen roten Läufer, der zu einer Tribüne führte, die zwischen der Nelson-Nische und der On the Beaches Shooting-Galerie errichtet worden war. »Überall Narzissen! Wie hübsch, Liebster!« »Ich habe sie angewiesen, alles ganz einfach zu halten.« Im Schatten des ziemlich abgerissenen und schäbigen Hinterbühnenbereichs schüttelten sie Hände und nahmen Drinks entgegen. Sir Maverick war anwesend, darüber hinaus eine Schauspielerin, ein populärer Historiker, ein Popstar und ein typischer jugendlicher Erwerbsloser, der vom Freizeitministerium unterstützt wurde. Sie mußten warten, bis sich eine entsprechend große Menschenmenge versammelt hatte und alle Kameraleute eingetroffen waren. Madge konnte
den Blick nicht von Hieronymus Gunk abwenden, dem Gründer von Scraphead Rock, der aussah wie die Kinder an den Toren, jedoch mindestens vierzig Jahre alt war, in tadelloser Aufmachung. Er verbrachte seine Zeit damit, überall sein Autogramm auf die nackten Arme und Beine der ausgewählten Jugendlichen zu stempeln. Sir Mavericks Sekretär flüsterte ängstlich, daß eine weitere Frau auf der Tribüne sein sollte; sie hätten eine weibliche Arbeitslose heranschaffen sollen, aber es war jetzt zu spät, ihn noch mal loszuschicken. Bernard und der populäre Historiker fanden heraus, daß sie ihre Söhne in dieselbe Vorschule geschickt hatten. Madge versuchte, sich daran zu erinnern, wo sie die Schauspielerin schon einmal gesehen hatte, und die Schauspielerin versuchte, sich daran zu erinnern, wo sie Madge schon einmal gesehen hatte. Als das Zeichen kam, daß die letzte Fernsehkamera in Position war, knipste Sir Maverick auf seinem Gesicht einen freundlichen, mitleidigen Ausdruck an, betrat die Tribüne und zerschnitt die symbolischen roten, weißen und blauen Bänder. Sie konnten seine Stimme kaum hören, da sie in der mächtigen Verstärkung fast unterging. Bernard wollte die übrigen Reden nicht hören. Er war als dritter an der Reihe und benötigte verzweifelt diese letzten paar Minuten, um sich die Worte seiner Rede ins Gedächtnis einzuprägen. Er wollte keine Notizen benutzen, weil er, obgleich kein erfahrener Redner, das Gefühl hatte, in seinem Alter sollte er einer sein. Madge sah ihm seine Panik an und fühlte Mitleid mit ihm. »Gib mir deine Notizen. Ich werde dir einsagen, falls du etwas vergißt.« »Tust du das? Ich kann mir nicht vorstellen, warum ich… nur ein paar Minuten… und da hört doch sowieso keiner zu.« Er
schwitzte aus allen Poren, und die Augen traten ihm aus den Höhlen. Sie nahm ihn bei der Hand. In Wirklichkeit liebte sie seine Schwäche, auch wenn sie vorgeben mußte, er sei ein starker Mann. »Das ist deine schönste Stunde«, flüsterte sie. »Wie Churchill. Wir sind alle so stolz auf dich.« »Wo sind sie?« Er sah sich nach seinen Kindern um. »Sie haben gesagt, sie wollten uns hier treffen. Du weißt doch, wie sie sind. Du bist jetzt an der Reihe. Hinauf also, und viel Glück!« Sie gab ihm einen Stoß, und er stieg zitternd die Stufen hinauf. Sie war froh darum, daß die Kinder nicht hier waren und herumalberten und sich lustig machten. Ganz hinten in der Menge, bereit zur Flucht, waren Rose und Simon tief in eine im Flüsterton geführte Unterhaltung verstrickt. Die Leute um sie herum, von der Störung irritiert, wichen zurück, bis die beiden isoliert zusammenstanden. Simon sagte gerade: »… also geht man durch diese malvenfarbenen fliegenden Plastikstreben, und Laserstrahlen hüllen einen in Kettenhemden. Daraufhin galoppieren viele Männer auf Pferden zu einem herab. Wenn man den richtigen Knopf drückt, weichen sie zurück, und wenn man’s nicht tut, erscheint diese aufblasbare Axt und schlägt einem auf den Kopf.« »Ich bin auf einem Karussell gewesen, das in raschem Tempo ›The British Grenadiers‹ spielte. Man saß auf Löwen und Einhörnern, und während man herumkreiste, sah man eine holographische Karte der Welt, die gegen die Mitte zu nach und nach pinkfarben wurde. Dann brach die Musik ab, und Stanley, Clive und Rhodes standen auf und hielten kleine Ansprachen. Es hat mir ganz gut gefallen.« »Ja, es hat so ein gewisses Kitsch-Appeal an sich. Ich bin mir sicher, es wird ein großer Erfolg werden. Ich war ein bißchen
verlegen, weil ich weit und breit die einzige Person über zwanzig Jahren war.« »Die ganze Idee besteht darin, die Kinder glücklich zu machen, damit es keinen Aufruhr gibt. Sie können jeden Tag umsonst hinein, wenn sie wollen, sie müssen lediglich ihre Lebensmittelkarten vorzeigen.« »Warum trinken sie alle Neuropepsi? Ist das ungefährlich? Es hat offensichtlich einen merkwürdigen Effekt auf sie.« »Ich weiß, aber das ist völlig legal, es wird in der Tat im ganzen Land umsonst verteilt.« »Jetzt ist er dran!« Simon verspürte die übliche Verlegenheit in Gegenwart seines Vaters. Selbst auf diese Entfernung hin verströmte er anscheinend Unaufrichtigkeit. Nicht mehr als jeder andere Mann auf der Tribüne, ermahnte er sich selbst, als die Menge applaudierte und Hochrufe ausstieß. Bernard war als der Mann vorgestellt worden, ›der das freie Unternehmertum zurückgebracht hatte‹. »Psst. Ich will hören, was er sagt«, sagte Rose fest. Innerhalb weniger Minuten jedoch wandten sie sich einander mit einem Lächeln des geheimen Einverständnisses und der Scham zu. Das Geflüster begann erneut. »Er ist auf einen Ritterschlag aus«, flüsterte Rose. »Jedermann würde glauben, er habe die Belgano mit einer Hand versenkt.« »Ich meine, einen von Madges Hüten dort im Hintergrund herumhüpfen zu sehen.« »Ich schätze mal, wir sollten zu ihnen gehen. Merlin könnte da sein, ich habe ihn seit einer Ewigkeit nicht gesehen.« »Nun, warum denn nicht, zum Teufel noch mal?« Plötzlich ärgerte sich Rose auch über ihn und wandte sich ab. »Ich kann sie heute morgen einfach nicht sehen. Ich werd zum Pressezelt gehen und einen trinken. Kommste mit?«
Er folgte ihr, wünschte jedoch fast sofort, er hätte es nicht getan. Roses Kollegen überraschten ihn immer wieder mit ihrer unnötigen Brutalität, ihrem Alkoholkonsum und ihrer Unflätigkeit. Es gefiel ihm gar nicht, wie gut sie mit ihnen zurechtkam. Aber er lächelte, gab Antworten und leerte Weingläser. Ich werde wieder aggressiver, bemerkte er erleichtert. Während Rose die Einzelheiten ihres VaterTochter-Stücks besprach, stand Simon im Zelteingang und beobachtete die Menge. Abgesehen von einem gelegentlichen Helfer in Zivil oder einem Geschäftsmann waren sie alle sehr jung, mit den runden glatten Gesichtern von Kindern, jedoch ohne deren Offenheit. Viele von ihnen hatten schreckliche Pickel, Pustel und andere entzündliche Hautausschläge, die durch das dicke Make-up sichtbar waren und, möglicherweise, davon hervorgerufen wurden. Ihre Kleidung war anrührend in ihrer barocken Protzigkeit. Dies war die Altersgruppe, die er in Smiles niemals sah: Die Kinder gingen mit elf oder zwölf in die Teenie-Camps, die er sich jetzt als lange Reihen von Spiegeln im Schlamm vorstellte, wo unterernährte, pickelige Kinder malten und wischten und drückten und versuchten, ihr Spiegelbild zu mögen. Sie mußten Lumpen sammeln für die leuchtenden Stoffe und daraufhin Stunden mit Zuschneiden, Abstecken und Nähen ihrer tapferen pathetischen Verkleidungen zubringen. Eltern, die versuchten, ihre Kinder in diesen Lagern zu besuchen, kehrten schockiert zurück und erzählten Geschichten von Banden und Ritualen, von Drogen und Gewalt. Smiles hielt sich für ein respektables, gutgeführtes Lager mit einer niedrigen Kriminalitätsrate. Simon glaubte den Horrorgeschichten über die Jungen nicht recht, denn er ergriff von vornherein Partei gegen die Eltern, weil er es nicht akzeptiert hatte, selbst Vater zu sein. Er starrte sie weiterhin an, bis ein Mädchen in Merlins Alter auf ihn zukam, ihm die
Arme um die Schultern legte, zu denen sie kaum hinaufreichen konnte, und ihn fragte, ob er sie nicht zu sich mit nach Hause nehmen wolle. Simon kehrte ins Zeltinnere zurück, wo Rose noch immer redete, eindringlich und gereizt, denn sie hatte nicht die Absicht, neun Millionen Lesern mitzuteilen, was sie wirklich von ihrem Vater dachte. Ihr Artikel sollte die Form eines wechselseitigen Interviews haben, aber die Fragen, die sie und Bernard einander stellten, mußten mit dem Chefredakteur abgesprochen werden. »Gerade hat ein neunjähriges Mädchen versucht, mich anzumachen.« »Kinderprostitution ist nichts Neues, vor zwei Jahren haben wir einen zweiseitigen Artikel darüber gebracht. Also, Rose, hättest du etwas dagegen, wenn dein Vater dich fragte, ob du dich von seinem Erfolg überwältigt fühlst?« »Er ist lediglich erst etwa fünf Minuten lang erfolgreich.« Rose lächelte Simon zu. »Doch ist er stets wohlhabend gewesen, du mußt davon beeinflußt worden sein.« Rose war verwirrt. »Du hättest hören sollen, wie er sich übers Geld beklagt hat. Jedesmal, wenn eine Rechnung kam, herrschte Panik.« »Wirklich? Können wir das benutzen?« »Ja. Mach schon, Rose, hau ihm eine rein, während er oben schwebt. Erzähl ihnen was über deine Schuluniform!« »Halt’s Maul, Simon!« Der Chefredakteur bot Simon einen weiteren Drink an.
KAPITEL 14
Martha und ihre Freundin Dawn trafen erst nach den Ansprachen ein. Sie kamen zu spät, weil Martha Stunden dazu brauchte, die Schichten von schwarz-weißem Make-up und weißen Lippenstift aufzutragen und grüne falsche Augenwimpern, silberne Sterne und glitzernde Nasenringe anzubringen. Ihr juckte die Kopfhaut unter der Perücke mit den langen purpurfarbenen Haaren, und die Perücke juckte unter dem grünen Samtturban, obgleich eine Perücke, dachte sie, eigentlich nicht jucken konnte. Ihr Gesicht brannte unter dem Fett, als habe jemand eine Kerze darunter entzündet. Aber Martha sah großartig aus, ebenso wie Dawn, die ähnlich aussah, sich jedoch wohler fühlte. Martha brannten die Augen, weil ihr etwas Klebstoff hineingelaufen war; sie hoffte, sie wären nicht gerötet, weil sie dann noch kleiner aussahen. Sie war sich schmerzlich bewußt, daß ihre Augen zu klein und alles andere an ihr zu groß war. Sie machte nur kleine Schritte, damit die engen gelben Brokathosen nicht platzten, die sie am Abend zuvor geschneidert hatte. Die Hosen hätten eigentlich bauschig und von orientalischem Schnitt sein sollen, irgendwie jedoch bauschte niemals etwas bei ihr, gleich, wieviel Stoff sie auch benutzte. Dawn ging voraus, schlank und hübsch und durchtrieben. Martha folgte ängstlich, wie stets, seitdem sie Smiles vor zwei Wochen verlassen hatte. Sie war zu nervös, um etwas von ihrer Umgebung aufzunehmen, sie hielt einfach die Augen auf Dawns kleines, festes, selbstsicheres Hinterteil gerichtet. Dawns bauschige Hosen waren großartig geworden. Ein Mann reichte jeder von ihnen ein Dosengetränk, und sie
lächelten, erleichtert darüber, daß jemand Notiz von ihnen genommen hatte. Martha trank ihres sehr rasch und spürte, wie das kalte, saccharinsüße Gas ihr den Magen aufblähte. Sie hatten zum Trinken innegehalten, und Martha sah sich zum erstenmal um. Es war so etwas wie ein Rummelplatz, voller Exhibis wie sie selbst; sie erblickte kaum welche von diesen Grufties oder Schlampies. Martha sah sich nach Hieronymus Gunk um; wie sie gehört hatte, sollte er anwesend sein. Sie hatte erwartet, er hielte sich auf einer Drehbühne hoch über allen anderen auf. Sie senkte den Blick, zusammen mit der Höhe ihrer Erwartungen, und sah Simon, der draußen vor einem Zelt auf der anderen Seite des Menschenmeeres stand. Er blickte zurück, ohne jegliches Anzeichen, daß er sie erkannte, und sie spürte eine merkwürdige Einsamkeit, weil sie nicht mehr die Martha war, der er Geschichten erzählte, die von Christy angebrüllt wurde, die in dieser blöden Spielgruppe herumgehangen hatte, bis sie viel zu alt zum Spielen geworden war, und das nur, weil sie und ihre Mama sich im Zelt auf die Nerven gegangen waren. Sie würden nicht nach ihr suchen, weil Kinder dieses Alters ständig verschwanden, außer diesem Stümper wie Peter, der bei diesem ekelhaften alten Mann blieb und noch nicht einmal gehen konnte. Vielleicht ändere ich meinen Namen, viele Kinder im Lager hatten das getan, und mir hat Martha niemals gefallen. Klingt schwer und lahm. Jackie, Linda. Ein zierlicher Name. Dann, zum erstenmal seit Monaten, hörte Martha auf, sich Sorgen zu machen. Sie war Dawn in eine Art Zelt gefolgt, an dessen Wänden überall Bilder von großen Schiffen hingen, die an einem Ufer landeten, und viele Soldaten strömten heraus. In dem flackernden Licht sah sie, daß Dawn eine schmutziggrüne Uniform trug, und als sie an sich selbst hinabsah, bemerkte Martha, daß sie gleichfalls eine Uniform trug. Das war
urkomisch, und sie fing an zu lachen, und sie konnte sich nicht mehr halten, und sie vernahm ihr schrilles Gelächter über das Geräusch der Wogen und der Gewehre und der Möwen hinweg. Sie mußten auf Knöpfe drücken, um sich die Soldaten vom Leib zu halten, aber die Soldaten strömten unablässig heran, und Martha lachte weiter. Dawn stieß sie an, sie sollte sich anschnallen, grinste und kicherte jedoch selbst dabei. Zwei Typen starrten sie an, in Scrapheap-Kleidung. Sie trugen Wikingerhelme und hatte überall auf Gesicht, Armen und Beinen Spiegel. Martha fragte sich, wie sie die Spiegel befestigt hatten. Durch ihre grünen Uniformen sah man die langen bleichen mageren Gliedmaßen funkeln. Im Sonnenlicht mußten sie großartig aussehen, echte Exhibis. Sie stellten sich neben Dawn und Martha und fingen an, dieselben Knöpfe zu drücken, dann verließen alle zusammen das Zelt und gingen in ein anderes, wo Männer auf galoppierenden Pferden saßen. Martha sah, daß sie und Dwan und die beiden Jungen Rüstungen trugen. Sie tranken weitere prickelnde Getränke, und Martha war richtig glücklich, sie lächelte den beiden Typen und Dawn zu. Freunde, jetzt hatte sie Freunde. Einer der Typen sah phantastisch aus, mit blauen Augen und einer hübschen Nase und einem kleinen Mund, wie sie sich’s schon immer gewünscht hatte. Er sah sie unentwegt an, und als sie einmal zu einem anderen Zelt gingen, küßte er sie auf den Nacken. Das gefiel ihr. Es gefiel ihr, wie er seine Spiegel angesteckt hatte, sorgfältig. Er bohrte sich nicht die ganze Zeit über in der Nase oder kratzte sich die Eier, wie eine Menge Burschen im Lager. Seit die beiden Jungen zu ihnen gestoßen waren, war noch kein Wort zwischen ihnen gefallen. In einem kurzen Augenblick des Tageslichts lächelten Martha und Dawn einander im Wissen zu, daß sie beide die Typen mochten. Sie würden für einige Tage ins Lager zurückkehren. Sie tauschten
die Namen aus, die beiden Typen hießen Ron und Dave, und Martha sagte, ihr Name sei Jeanette. Vielleicht wären sie ja nett, dachte Martha, wie dieser reiche alte Kauz, der sie vergangene Woche zu sich ins Haus genommen, ihnen zu essen gegeben und Filme gezeigt hatte. Die meiste Zeit über hatten eine Frau und einige kleine Kinder im Haus gelebt. Während er schlief, waren sie und Dawn umhergegangen und hatten alle Türen geöffnet. Ein Zimmer war übersät von Spielzeug, wie ein Spielzeugladen, und in einem anderen Zimmer standen ein goldenes Bett und pinkfarbene Schränke voller Kleider in Plastiktüten. Zerknitterte Kleider, aber wirklich teuer, und auch etwa tausend Paar Schuhe. Dawn hatte sie anprobieren wollen, aber Martha hatte zuviel Angst gehabt, es fröstelte sie in dem Haus. Es war so groß und sauber und still; sie wollte es sowieso nicht mehr mit diesem Kerl machen, er war fett und behaart und ließ sie widerliche Dinge tun. Selbst nach einer Stunde in seinem türkisfarbenen Bad fühlte sie sich noch nicht sauber. Also nahmen sie zwei Flaschen Parfüm und eine Schachtel Schokoladenkekse und verließen das Haus. Ron und Dave hatten bestimmt nicht so ein Haus oder gutes Essen, sie lebten sicherlich wie sie in einem Zelt. Aber sie waren wenigstens jung und schlank, und Dave hatte wunderschöne Augen. Sie fragte sich, ob er die Spiegel abnähme, wenn er ins Bett ging. Es gefiel ihr nicht, was er mit ihr täte, wenn sie die Kleider auszog. Dawn behauptete, diese Sache da mit dem Sex gefiele ihr, aber Martha glaubte ihr nicht. Ihre Mama hatte immer über die Männer gebrummelt, hatte Martha jedoch nicht wirklich etwas gesagt, vielleicht wußte sie’s auch nicht. Dawn sagte, es wäre alles in Ordnung, wenn man die Männer das machen ließe, so lange man zu einem dieser Lastwagen ginge und sich innen drin alles regeln lasse, so daß man keine Babies bekäme. Dieses Mädchen
neben Dawns Zelt hatte ein Baby, es schrie die ganze Zeit über, und sie konnte nicht ausgehen, mußte wie ein Dildo herumsitzen, und keiner der Kerle gab was um sie. Martha entschloß sich, bei Dave zu bleiben, bis er sie hinauswerfen würde, dann wollte sie zu einem dieser Lastwagen gehen. Rose und Bernard saßen über Erdbeeren, Gin und Tonic im Chaucer-Zimmer und machten sich Notizen für das Interview. Madge saß daneben und hörte zu, bereit, als Schiedsrichter zu agieren, während Simon versuchte, nicht zuzuhören. Bernard studierte mißtrauisch Roses Notizen. »Was soll das heißen? ›Schuluniform‹?« »Ich war mir nicht sicher, ob ich’s erwähnen sollte oder nicht. Aber ich werd’s wohl tun. Als ich das erste Mal nach Hedgley ging, hast du dir die Uniformliste angesehen und gesagt, das sei Unsinn, eine einzige Geldverschwendung. Du hast gesagt, ich benötige nicht die Hälfte von dem Zeug. Also hatte ich niemals die richtige Kleidung, ich mußte beim Turnen und beim Volleyball meine Tenniskleider tragen, und ich mußte meine Winteruniform tragen, bis ich kochte, weil ich nur ein Sommerkleid hatte.« »Mir blutet das Herz«, meinte Bernard ätzend. Madge spürte, wie ihr der Ärger in Ohren und Stirn hochstieg, ein angenehmes Gefühl, als sei man leicht angeheitert. »Meinst du wirklich, daß Millionen von Leuten die trivialen Details dessen wissen wollen, was du getragen oder nicht getragen hast, als du dreizehn warst?« »Ja. Das ist genau das, worüber die Leute gerne etwas lesen.« »Sie wollen überhaupt nichts von dir wissen, mein Mädchen. Dein Vater hat sich herausgemacht, nicht du.« »Nun, sie werden’s erfahren, weil ich’s gerade aufgenommen habe. Und den Artikel schreibe ich.« Bernard blickte nervös auf ihre Tasche.
»Wie ich annehme, möchten sie auch gerne etwas über deine Extravaganzen lesen.« Madge sah ihre kühle smarte Tochter voller Widerwillen an. »Ich habe nichts zu verbergen. Außerdem bin ich so extravagant wie eine tote Klapperschlange.« »Und etwa ebenso warmblütig«, sagte Madge hitzig. »Und weil wir gerade beim Thema ›Schuluniform‹ sind – wir mußten gerade ein Vermögen für eine andere hinauswerfen. Ich habe nichts davon mitbekommen, daß der in Merlin vernarrte Vater oder die Tante etwas dazu beisteuern wollten.« Alle sahen sie Simon erwartungsvoll an, der jedoch weigerte sich, mitten im Sommer in dieses Weihnachts-Drama hineingezogen zu werden. »Ich muß zurück an die Arbeit. Ich freue mich auf deinen Artikel.« Er grinste Rose an, die nicht zurücklächelte. Sie dachte, er vergißt stets, auf wessen Seite er steht. »Tschüs! Ich werd mich bald wegen Merlin melden. Gut gemacht, Bernard!« Sie alle seufzten, als er sich davonmachte, kurzfristig vereint in ihrer Abneigung gegen seine Unbestimmtheit. Simon spürte eine nagende, schreckliche Einsamkeit, die ihn von Bernards Vergewaltigung der Zeit zurück zum Friedhof führt. Als er jedoch auf der Bank vor dem zerbröselnden steinernen Säulengängen saß, die sich durch einen Wald aus Gras, Unkräutern und eingesunkenen Gräbern wanden, ging ihm auf, daß der Friede, den er für gewöhnlich dort fand, auf immer zerschmettert war. Über die Mauer winselte eine elektronische Orgel Militärmärsche herüber, tönten Rufe und Kichern und ein aufgeregtes Kreischen, untermalt von einem surrenden maschinenhaften Geräusch im Hintergrund. Im Raum oberhalb der Mauerkrone, ehemals so angenehm kahl, erblickte er wehende Fahnen in Rot, Weiß und Blau, die
Spitzen pinkfarbener und gelber Türme, Kirchturmspitzen und blitzende Neonlichter. Simon zwang Augen und Ohren nach innen. Er hatte zur Arbeit gehen wollen, wie er’s gesagt hatte. Aber jetzt war’s dafür zu spät, es wäre Zeit zum Mittagessen, ehe er dort einträfe. Montag und Dienstag waren so demütigend gewesen, er hatte auf Christy gewartet. Ebenso demütigend war die anschließende Heimkehr und die Warterei auf Ellens Anruf gewesen. Müde, sagte er sich, ja, meine Eingeweide sind buchstäblich erfroren, ineinander gekrallt vor Verlangen. Auf ihre Ankunft warten und darauf, daß sie mich auftaut. Eher jedoch wird sie mich anbrüllen, weil es den Kindern ohne uns beide so mies gegangen war. Sean ist für sie kaum die reine Freude, er stapft lediglich herum und sieht beschäftigt aus. Jetzt wird sie wohl kaum vor Montag zurücksein, denke ich. Vier und ein halber Tag. Ich wünschte mir, ich hätte mehr getrunken, als es nichts kostete, dann hätte ich vielleicht den restlichen Tag verschlafen können. O Gott! Warum lerne ich nichts dazu? Jessica hat mich darauf reduziert, auf diesen zitternden Wackelpudding von Liebe. Als ich dann gesehen habe, wie widerlich sie das fand, habe ich mich verfestigt, verhärtet, wurde am Ende tatsächlich ziemlich hart. Mein allergrößter Ehrgeiz ist’s zu lieben, und von Christy wiedergeliebt zu werden. Liebe ist einfach nicht als Vollzeitbeschäftigung gedacht. Nicht für einen Mann, würde Madge sagten. Und sicherlich nicht für eine Frau wie Rose. Doch bei mir ist’s irgendwie wie eine Besessenheit. Bis ich mich ihrer sicher fühle, kann ich überhaupt nichts tun.
Später an diesem Abend klingelte das Telefon. Eine atemlose Frauenstimme, eine Party oder ein Pub im Hintergrund. »Simon?«
»Wer ist da?« »Ich bin’s, Ellen. Sie ist zurück. Willst du sie sprechen?« »Nein. Ich meine, wo ist sie?« »Hier, bei mir. Wir sind einen trinken.« »Du hast ihr nicht gesagt…?« »Sei nicht so schüchtern. Bist du dir sicher, daß du sie nicht sprechen willst?« »Nein. Ja, ich möchte sie sprechen.« »Hallo? Wie geht’s, Simon?« »Ganz gut. Wirst du morgen zur Arbeit kommen?« »Ja. Ich habe dich vermißt.« »Wirklich? Tatsächlich? Nun, ich habe dich auch vermißt.« »Bis morgen dann.« »Ja. Tschüs!.« Später, im Bett, während das Gespräch zum zwanzigsten Mal in ihm widerhallte, dachte Simon, das war wohl der flachste Höhepunkt einer wochenlang unterdrückten Leidenschaft. Dennoch fühlte er sich aufregend glücklich.
KAPITEL 15
In der Morgendämmerung kämpfte sich Martha unter Dave hervor, zog die klammen gelben Brokathosen und die roten Clogs an und schlich durch den zerrissenen Zelteingang hinaus an die frische Luft. Selbst hier draußen stank es, aber nicht so schlimm wie im Zeltinnern, wo sich alle vier im eigenen Schmutz umherwälzten, ekelhaft, wirklich. Kalt und klamm und hungrig stürzte Martha blindlings aus dem Lager. Sie wollte nicht zurückkehren, nicht einmal wegen Dawn, die ihre Freundin sein wollte, sich bei Kerlen jedoch wie ein Tier benahm und es sich von ihnen machen ließ, wann immer sie dazu Gelegenheit hatte. Martha fühlte sich so elend, daß sie sogar dachte, sie könnte nach Smiles zurückkehren, zu Mama; aber dort war es ebenfalls widerlich, und einsam. Ich wünschte, ich wäre bei diesem reichen Kauz geblieben, sagte sie sich, ein richtiger Platin-Typ. Sie war in South Kensington, war den ganzen Weg von Daves Lager in Fulham gerannt. Muß schön sein, das Leben hier. Sahnefarbene Häuser, wie wundervolle Kuchen voller Steaks, Wein, Schmuck, Parfüm, Heißwasser, Schokolade, Zentralheizungen. Die Wagen draußen alle blitzblank poliert und glatt. Martha begann zu weinen, weil das Leben hier so glänzend war. Ihr war die Perücke heruntergefallen, ihr Kopf fühlte sich schmierig an, und ihre Augen waren von verdorbenem Make-up verklebt. Vielleicht, wenn ich mich auf eine ihrer Türschwellen setze und warte, bis sie die Tür öffnen, dann nehmen sie mich mit der Milch rein. Ich hab mal ‘ne Geschichte von ‘nem Mädchen gehört, die das getan hat, in einem von den Häusern hier leben konnte, natürlich als Dienstmädchen, aber man wacht doch
immer noch jeden Morgen hier auf, kriegt saubere Kleider und satt zu essen. Natürlich keinen Lohn, weil man legal keine Kartenlosen beschäftigen konnte. Martha schmerzten von der ganzen Rennerei die Beine. Vorsichtig setzte sie sich auf die Türschwelle eines hellen Hauses in einem wundervoll gepflasterten halbmondförmigen Straßenzug. Aber sie hatte Angst, ein Polizist oder ein Wachmann könnte sie ergreifen, also sprang sie nach ein paar Minuten wieder auf. Sie starrte die aufgereihten Milchflaschen an. Ich bin so hungrig. Aber man kann eingesperrt werden, wenn man Milch klaut, nun ja, vielleicht wäre das gar nicht so schlecht. Dann erblickte Martha ein schwarzes Rechteck zwischen den Rädern eines der wundervollen Wagen. Sie blickte sich erneut um, um sicherzustellen, daß sie niemand beobachtete, bückte sich, packte es und sprang wieder auf, wobei sie sich nicht getraute, einen Blick darauf zu werfen. Es mußte eine Brieftasche sein, und sie war hart, also war etwas darin. Hysterisch kichernd steckte Martha sie in die Hosentasche und sah sich nach einem Ort um, wo sie sie untersuchen konnte. Sie überquerte die Straße, ging zu einem feinen Kaffeegeschäft, das noch immer geschlossen hatte – hier oben schlief niemand in den Eingängen –, wandte der Straße den Rücken zu und sah nach. In der schwarzen Lederbrieftasche befand sich ein goldenes Plastikrechteck. Und die Geheimzahl? Martha stülpte die Brieftasche um, schüttelte sie, und ein Papierfetzen mit einer darauf gekritzelten Zahl fiel heraus: 62007542. Bis zu 20K, sobald die Geschäfte öffneten. Essen, Kleider, ein Wagen, eine Wohnung in einem dieser Häuser. Sie stopfte die Brieftasche in die Hosentasche zurück und rannte eine Seitenstraße hinab, muß in Bewegung bleiben, ist erst sieben. Leute wie die hier stehen nicht so früh auf. Ich könnte in ein Hotel gehen, aber so, wie ich jetzt aussehe, würden die mich nicht reinlassen. Ich
muß zum Friseur, sobald die aufmachen, brauche eine Gesichtspflege, eine Maniküre, neues Make-up, Kleider, aber erst Frühstück, was nur reingeht. Vielleicht kaufe ich meiner Mama Geschenke, fahre mit dem Taxi hinüber, sehe aus wie eine Scrapheap-Prinzessin. Nee, dann werden sie’s ahnen. Besser, überhaupt nichts mit Smiles oder mit Dawn oder mit irgendwas da zu tun haben. Ich hab schon immer gewußt, daß ich was Besonderes bin, darum hab ich niemals dazugehört. Jetzt werde ich Freunde finden. Platin-Typen, sie werden alle hinter mir her sein. Martha getraute sich nicht, die Britcard zu zeigen, bis sie nicht selbst auch entsprechend glänzend aussah. Zwischen acht und neun schlich sie um Hotels, Brasserien und Cafes umher, und ihr lief das Wasser im Mund zusammen beim Duft von Toast, Schinken und Kaffee. Sie unternahm einen Spaziergang im Hyde Park, wo sie voller Verachtung auf die verschrumpelten schmutzigen Bündel blickte, die auf den Bänken schliefen, und voller Bewunderung auf die Männer in schnittigen Anzügen und die Frauen in hübschen Kleidern, die durch den Park schlenderten. Sie wußte, sie konnten sie nicht sehen, sie existierte noch nicht, sie wartete darauf, geboren zu werden. Sobald die Boutique in Knightsbridge öffnete, ging Martha hinein. Sie glauben, ich seh mich bloß um, sie haben Angst, mich etwas anprobieren zu lassen, weil ich vielleicht Flöhe hab. Hab ich vielleicht, aber jetzt werd ich sie loswerden. Das ist echt Exhibi, und so weich, muß Seide sein, ich weiß nich, was ich für ‘ne Größe hab. Ich hab noch nie zuvor neue Kleider gekauft. Ich hätt noch nich mal was dagegen, ihren Job zu haben: Hübsche Kleider, jeden Tag hierher kommen, wo nichts schmutzig ist und niemand stinkt. Martha beobachtete eine andere Kundin. Leicht. Man reicht einfach die Karte rüber und tippt die Nummer ein. Sie kaufte
sechs Kleider, vier Pullover, zwei Blusen, zwei Röcke, einen Gürtel, eine Handtasche und drei Paar Schuhe. Immer und immer wieder probierte Martha die Sachen an, sie tanzte dabei vor dem Spiegel. Verdorben wurde ihr das Ganze bloß durch ihr schmutziges Gesicht und das Haar, das und die sauren Mienen der Verkäuferinnen. »Soll ich die Kleider in eine Tüte packen?« »Nee, verbrennen Sie sie!« Sie hatte alles ausgezogen, war völlig nackt unter ihrem grün getupften, im Rücken tief ausgeschnittenen Mini-Fummel. Das Mädchen, nur wenige Jahre älter als Martha, fragte ausdruckslos: »Kann ich bitte Ihre Karte haben?« Martha zog sie schwungvoll aus ihrer neuen schwarzen Samttasche. Einen Augenblick lang, beim Eintippen der Nummer, war ihr hundeelend. Was, wenn es lediglich eine Telefonnummer wäre? Aber die Karte wurde akzeptiert, sie nahm ihre Pakete und ging aus dem Geschäft direkt in ein benachbartes Cafe, wo sie Kaffee, Rührei, Toast und Marmelade, Pfannkuchen mit Ahornsirup und Schokoladenkuchen bestellte. »Wie ich sehe, haben Sie keine Sorge um Ihre Figur«, sagte der Kellner, ein affektiert grinsender magerer Junge, der ihr ziemlich gefiel. Martha grinste ihn zwischen einigen Bissen an, streckte die Beine und hielt in dem grünen Kleid, das über den Hüften zu sehr spannte, den Atem an. Sie wünschte sich, sie hätte eine Wohnung, um ihn dorthin einzuladen. Aber sie wollte die Morgensonne auf dem nackten Rücken spüren: Sie war verschwunden und hatte den Schokoladenkuchen zurückgelassen, um zu zeigen, daß sie’s sich leisten konnte. Sie hatte so viele Tüten, daß sie kaum gehen konnte – warum jedoch sich beklagen? Sie hatte alte Tippelbrüder gekannt, mit Hunderten von Plastiktüten, und in keiner was drin. Sie hätte so enden können.
Der Schönheitssalon war der herrlichste Ort der Welt. Er war, wie Sex sein sollte, jedoch nicht war, oder vielleicht war, wenn man reich war. Weiche Hände liebkosten, massierten, wachsten, wuschen, färbten, zupften, drückten, kämmten, glätteten, verteilten, sprühten und malten ihr die Schönheit auf. Sie saß zurückgelehnt auf einem der Stühle, die in abgedunkelten Nischen nebeneinander standen, während die Hände ihr opferten und sie bedienten. Martha suhlte sich in ihrer Halbnacktheit, fragte sich, ob sie bemerkt hatten, daß sie keinen Slip trug. Doch sowas zählte jetzt nicht mehr, ich kann tun, was mir gefällt. Der ganze Schmutz war aus ihr herausgelockt worden, niemals mehr würde sie stinken. Die Gesichter über den Händen waren freundlich, respektvoll. Sie sagten, sie habe hübsche Haut und schönes Haar. Sie sagte, sie habe eine Wohnung unten an der Straße und einen Freund in Scrapheap Rock. Am Ende ihrer rituellen Reinigung starrte sich Martha eine volle Minute lang im Spiegel an, ehe sie zahlte. Ihre Haar war sehr kurz, stufig geschnitten und wie ein Art Fontäne, im Nacken einen Schatten von purpur- bis malvenfarben, Brauen und Wimpern orangefarben, und sie hatte eine Bräunungsbehandlung bekommen. Es zeigte sich viel braune Haut, zuviel. Sie fragte sich, ob sie in einen anderen Schönheitssalon gehen könnte, wo die Hände sie schlank machen würden. Sie legte die goldene Karte erneut wie ein Kind nieder, das Schnippschnapp spielt, und tippte die Geheimnummer ein. Die Nummer blitzte auf dem Bildschirm auf, und die Karte sprang aus dem Schlitz zu ihr zurück. Martha wollte allen ein Trinkgeld geben, hatte jedoch kein Bargeld. Sie lächelte sie in der Runde an; ihre Hände mühten sich jetzt bei anderen jungen Frauen. Sie wollte sich bedanken, wollte sagen, ihr habt mich gemacht, ihr habt mir gegeben, was ich stets gewollt und niemals geglaubt hatte zu bekommen.
Aber es war wohl das beste, nicht zu sprechen, außer wenn es sein mußte. Ihre Stimme verriet sie. Statt dessen lächelte sie erneut. Ihre Zähne verrieten sie gleichfalls, ganz gelb und verrottet, wie sie waren. Sie übte das Lächeln mit geschlossenem Mund. Martha stolperte, schwebte, trieb über die Straße hinüber in ein Hotel. Ein alter Knabe in Uniform begrüßte sie, in einer Tür wie ein Karussell wäre sie fast mit ihren Tüten steckengeblieben, eine Marmorhalle, mit Blumen übersät, empfing sie. Eine Passage von Luxusgeschäften verlor sich im Hintergrund, ein wundervoller Ausblick auf Parfüms und tolle Kleider. Sie konnte es kaum erwarten, sie zu betreten; zunächst jedoch mußte sie ihre Tüten loswerden. Ein Mann beugte sich über den Tresen zu ihr herüber, und sie starrte zurück, nicht mehr länger voller Furcht. »Ich möchte ein Zimmer.« »Für wie viele Nächte?« »Eine Woche.« »Darf ich bitte Ihre Britcard haben, Miss…?« »Smiles.« Sie reichte ihm die Karte hinüber, und eine Reihe von Kicheranfällen packte sie. Sie legte sich die Hand über den Mund, konnte die Wogen von Gelächter jedoch nicht unterdrücken. Sie hatte Miss Kensington sagen oder sogar den Namen Peabody, ihrer Mutter Namen, benutzen wollen. Martha versuchte, das Gekicher in einem Husten zu ersticken, aber es brach als heftiger Schluckauf erneut aus ihr hervor. Der Mann hinter dem Tresen schenkte ihrem Anfall keine Beachtung, gab ihr die Karte zurück und reichte einem Jungen in ihrem Alter einen Schlüssel, und der Junge trug ihre Tüten zu einem Aufzug. Martha hatte ihre Würde zurückgewonnen; sie biß sich auf die Zunge, um sich zu bestrafen, sah direkt durch den Pagen hindurch und drängte hinter ihm ins Zimmer. Es war riesig, weiß, hatte eine Kuppel wie das Innere einer
Eierschale. Sobald der Page verschwunden war, wirbelte sie im Zimmer umher und ließ sich immer wieder auf das runde weiße Bett fallen, bis sie sich fast den Kopf an der PlexiglasNachttischlampe gestoßen hätte. Sie verteilte ihre Kleidungsstücke in der Garderobe und in den Schubladen und atmete dabei die teuren Düfte neuen sauberen Leders, von Baumwolle, Seide und Wolle ein. In dem schwarzen Marmorbad fand sie Seife, Schaumbad, eine Zahnbürste und Handtücher vor. Als habe man gewußt, daß sie ohne Gepäck einträfe. Im Kühlschrank, der wie ein Safe in die Wand eingelassen war, fand Martha Champagner, Käse, Salami und Fruchtsaft. Sie konnte den Champagner nicht öffnen, wanderte jedoch nackt im Zimmer umher und mampfte das Essen. Das alles für eine Person, für mich, für immer. Ich brauche keine Wohnung, hier macht es mehr Spaß. Wenn ich den Knopf da neben dem Bett drücke, kann ich Videos sehen, soviel ich mag. Ich könnte den ganzen Tag über im Bett liegen und zuschauen, essen, soviel ich mag, und niemals hinausgehen. Dann fahre ich eines Tages mit einem Taxi rüber und hole Mama, bringe sie nur für eine Nacht hierher, verwöhne sie. Nee, sie würde bloß anfangen herumzunörgeln, mich eine Diebin, eine Hure und sowas nennen. Sie würden sie sowieso nicht zur Tür hereinlassen. Selbst die Mädchen auf dem Flur sehen adretter aus als sie, sie sind sauber, haben gepflegtes Haar. Dies Leben da ist ekelhaft, ich hasse es. Ich will niemals zurück. Es ist blöde, so wie da zu leben, wie Tiere im Dreck, wenn es das alles hier für diejenigen gibt, die clever genug sind, es sich zu schnappen. Es brauchte sie eine Weile herauszufinden, wie die Wanne funktionierte. Daraufhin stand sie im Bad und sah zu, wie das Wasser auf den weißen wogenden Schaum stürzte. Sechs Bäder am Tag, wenn man wollte. In Smiles einmal die Woche, wir gingen mit einem feuchten Handtuch und einem
schmierigen Stück Seife hinüber zum Waschhaus, standen zitternd unter ein paar kalten schäbigen Wasserfäden. Der Geschmack vom Knoblauch aus der Salami mischte sich mit dem Duft des heißen Pinienschaumbads. Martha stellte die Hähne ab, befingerte erstaunt das Gold. Mit dem Fuß durchbrach sie den Schaum, wie Schnee, aber so warm, und ließ sich in die Wanne, bis die weichen Bläschen sie im Nacken kitzelten und das Wasser ihren Körper sanft umhüllte, alle Flecken und Gerüche wegspülte. Es spülte gleichfalls ihr Make-up davon, das wunderbare Bräunungsmittel; sie sah, wie der Schaum in Inselgruppen aufbrach und sich dann im Wasser auflöste, das jetzt leicht bräunlich war. Sie getraute sich nicht, sich zurückzulegen, hatte Angst zu ertrinken, saß statt dessen kerzengerade aufrecht, das Gesicht wieder weiß, die kleinen braunen Augen wie hypnotisiert vor Behagen. Alle paar Minuten ließ sie etwas Wasser ab- und heißes Wasser zulaufen. Sie starrte die Toilette an, schwarz und golden, wie der Hut eines Zauberers. Ein Bad für Leute, die niemals schmutzig wurden. Als sie eine Hand hob, sah sie die Furchen auf ihren Fingern und setzte sich eilig auf; vielleicht hatte Mama doch recht gehabt, es ist nicht gut, sich zu häufig zu waschen. Ich trockne aus, schmelze. Sie griff nach dem weichen weißen Handtuch. Kleine Fetzen von Grau und Braun fielen von Armen und Beinen ab, als sie sie abrieb. Ich hab mich selbst weggewaschen. Noch zehn Minuten länger da drin, und große Teile wären von mir abgefallen. Ich frag mich, was man vom Fenster aus sehen kann. Bäume, Springbrunnen, Blumen, Gras. Zieh mich besser an, falls es eine richtige Prinzessin da draußen gibt, sie wird mich bestimmt nicht nackt sehen wollen. Ich hab immer noch keinen Slip. Dieses rote Kleid ist Klasse, ich könnte der Prinzessin zuwinken, und sie würden den Unterschied niemals bemerken.
Verfluchte Scheiße, diese Rollos, Mist, so geht’s nicht, o Gott… Das Zimmer wurde vom nachmittäglichen Sonnenlicht überflutet, als eine Kordel riß und das Rollo zur Decke hochsauste. Drei Stockwerke tiefer kreiste der Verkehr in einem Schleier von Hitze, und gutgekleidete Menschen schlenderten an wunderschönen Geschäften vorüber. Gegenüber erblickte sie das Cafe, wo sie gefrühstückt hatte, die Boutique und den Schönheitssalon. Ich muß davor keine Angst mehr haben, ich kann jederzeit hinuntergehen und sie betreten, so, als gehörten sie mir. Martha kniete am Fenster und atmete die Schönheit ihrer sauberen Haut ein, ihres neuen Kleids, ihrer neuen Welt. Unten an der Rezeption begann der Mikrochipalarm von P. E. Marshalls Britcard zu biepen. Das Biepen wurde sofort von der South Kensington True Brit Information Agency aufgefangen, und zehn Minuten später hielt ein gepanzerter Wagen voller Männer in Sturmausrüstung mit kreischenden Bremsen vor dem Hotel. Sie eilten, drohend die Schilde und Tränengasgranaten schwingend, hinauf zu Zimmer 205 und brachen die Tür auf, die gar nicht abgeschlossen war.
KAPITEL 16
Der letzte Wagen hatte Christy bis zur Putney Bridge Road mitgenommen. Es war früher Abend, Mittwoch; wie sie sich erinnerte, war es der Abend, an dem Ellen, Beatrice und die anderen ihr wöchentliches Besäufnis in einem Pub nahe Smiles hatten. Sie hatte keine Lust, direkt zu ihrem Wohnwagen zurückzugehen und Sean oder der Wand gegenüberzusitzen, und entschied sich daher, direkt zum Pub zu gehen. Sie war einige Monate lang nicht mehr dort gewesen, und er war in der Zwischenzeit aufgemöbelt worden: Ein neuer Raum mit holographischen Spielen und ein Disco-Barbecue-Bereich im Hintergrund. Der Kellner hinter der Theke funkelte sie an, als bedeuteten ihr Rucksack und die verdreckten Jeans eine Bedrohung für die hellen Sommerkleider und die leichten Jacketts seiner Klientel. »Wir wollen euch Pack nicht mehr hier haben.« »Was meinen Sie damit? Was für Pack?« »Nehmen kein Bargeld mehr. Zuviel Ärger.« Gedemütigt schlich Christy hinaus. Aller Schwung der Ferien war verpufft, der Abend fühlte sich öde und sauer an. Während sie auf die Themse zuging, warf die späte Abendsonne betörende Schönheit über den Fluß, Streifen von Gold und Flamingorot. Ärgerlich rief sie sich ins Gedächtnis zurück, daß diese Schönheit nichts als Illusion war; der Fluß war ein ebenso häßliches Symbol der Teilung, wie es Stacheldrahtzäune waren. Nördlich lag das Ghetto der Reichen, mit nur wenigen Ecken für Kartenlose. Hier jedoch, im südlichen London, verlängerte sich die Kette der Lager stetig – Putney Common, Smiles, Clapham Common, County Hall Gardens, Southwark
Park, Ruskin Park, Blackheath. Sie berührten einander fast, sie wuchsen rasch, und dies ängstigte die Leute, die dazwischen Grund und Boden erworben hatten und darum kämpften, in die Oberschicht zu kommen. Die Bürgerinitiativen der Anwohner unterzeichneten Petitionen, um die Lager loszuwerden, die Schulen wiesen ihre ›gestörten Kinder‹ zurück, und die Pubs und Geschäfte verweigerten die Annahme von Bargeld. Man braucht keine Gesetze, um Gesetzlose zu schaffen, dachte Christy bitter. Dann grinste sie erleichtert, als sie Ellen, Beatrice und Rita Arm in Arm auf sich zukommen sah, mit Ellen in der Mitte. Sie sah selbstbewußt drein, denn einmal wenigstens war sie Jack los. Wie Rita, die sie überragte, trug Ellen Hosen ohne jede Form und eines von Teds AusverkaufsT-Shirts. Beatrice wirkte elegant in ihrem weißen, rückenfreien Seidenkleid. Die übrigen drei Frauen sahen aus – und fühlten sich auch so – wie gekochte Kartoffeln neben einer exotischen, sich wiegenden Blume. Beatricens Glanz wäre unverzeihlich gewesen, wenn das Feuer, das ihre Sinnlichkeit entflammte, nicht zugleich einen glühend roten Ärger über die Bedingungen geschürt hätte, unter denen sie alle lebten. Aber sie wußten – und Beatrice wußte es auch –, daß sie Smiles verlassen und seine Existenz vergessen würde, sobald sie die Gelegenheit dazu bekäme. Und sie erhielte die Gelegenheit dazu, dachte Christy, während sie die zarten Knochen ihres Rückgrats unter der rötlich-schwarzen Haut beobachtete, wir jedoch nicht. Sie hörte halb hin, wie sich Rita und Beatrice stritten. »Fürs Geschäft angezogen, wie ich sehe.« »Wofür genau bist du angezogen, Rita? Zum Gepriesen seist du, Maria-Beten? So wie du aussiehst, wird dich sonst niemand preisen.« »Ich hab gehört, du gibst deinen Kindern kein Neuropepsi mehr. Stimmt das?«
»Dieses Gesöff ist ein Teil dieser ganzen verwichsten Verschwörung gegen uns. Wenn du’s weitertrinkst, hast du die Absicht, hundert weitere Jahre zu pennen. Hoffe, dein Prinz kommt bald.« »Ohne das Neuropepsi komm ich mit den Zwillingen einfach nicht zu Rande. Und sie mögen’s wirklich, weißt du? Es beruhigt sie anscheinend.« »‘türlich beruhigt’s sie, so wollen sie uns doch haben, oder? Mit meinen Kindern war’s genauso. Jetzt is Douane regelrecht hyper, hat überall in den Geschäften was mitgehen lassen. Sie werden ihn wieder in Verwahrung nehmen. Christy, ich wollt dich fragen, ob du mir dabei hilfst, ihn rauszuholen?« »Ich werde sehen, was ich tun kann. Morgen früh.« Sie ging mit Ellen hinterher. »Wo dürfen wir dann noch trinken?« »Wir gehen zu diesem Pub da in Battersea. Ist ‘n langer Marsch, is aber der einzige, wo man uns noch reinläßt. Wie waren deine Ferien?« »Gut. Scheint lange herzusein.« »Da hat ‘n Typ nach dir gefragt.« »Wer?« »Simon. Ist das der, von dem du mir erzählt hast?« »Wahrscheinlich.« »Er is wirklich nett. Ein Gentleman von Natur aus, ‘n bißchen weich, aber es gibt Schlimmeres. Hier is seine Nummer. Is was durchgeweicht, hab sie seit Tagen mit mir rumgetragen.« Christy entrollte den kaum lesbaren Papierfetzen und merkte sich die Nummer. London, das so abweisend gewirkt hatte, erschien auf einmal wärmer und realer, wie eine Photographie, die sich vor ihren Augen entwickelte. Zwei Stunden später saßen die vier Frauen auf Bänken in einem Pub so bar jeder Behaglichkeit, daß er wirkte wie ein ausgebombter Wartesaal. Der Wirt, außerstande, die Mittel zur
Renovierung aufzubringen, verdiente sich nebenbei einiges auf dem Schwarzgeld-Markt. Zonkies, kleine Gauner und Prostituierte trafen sich dort, Junkies verpaßten sich einen Schuß auf den Toiletten, die ebenso scheußlich stanken wie die Toiletten in Smiles. Alle paar Monate kam es hier zu wilden und oftmals tödlichen Schlägereien, die mit zerbrochenen Gläsern, mit Flaschen und Messern ausgetragen wurden und über die der Morning Glory voller Ekel berichtete. Gelegentlich verkehrten hier auch Journalisten und Touristen, die einen Blick auf die ›wahren Menschen‹ erhaschen wollten. Christy fühlte sich angenehm beduselt, ihre Wangen brannten, und ihre Blase schwoll an von lauwarmem Bier. Sie hatten sich mit ein paar Soleiern versorgt, die wie anämische Kaninchenkötel in einem riesigen Glas auf der Theke umhertrieben. Proteine, dachte Christy hoffnungsvoll, als sie in das wabbelige saure Zeugs biß. Sie tratschen über Marthas Verhaftung, und Beatrice erzählte ihr eine neue, ausgeschmückte Version des Kampfes gegen Teds Neuropepsi-Vorräte. »Es war vorauszusehen gewesen, bei diesem kleinen Scheißkerl. Nächstes Mal schnappen wir uns den ganzen Laster, ihn selbst und sonst alles, und fahren ihn direkt in den Fluß. Haben genug davon, herumgestoßen zu werden.« Beatricens Augen waren erbarmungslos, geladen vor Zorn. Christy sah sich um und erblickte bei Rita und Ellen den gleichen Haß, der sich in ihren weniger ausdrucksvollen Gesichtern widerspiegelte. Es war nicht nötig, die Stimmen zu senken, alle hier waren Kartenlose. Selbst der Wirt war so etwas wie ein Außenseiter, der Kopien des Prodigal Bum auf allen Tischen liegen ließ und dem ärgerlichen Gesumm mit einem grimmigen Lächeln zuhörte. An jenem Abend waren keine Voyeure zu Besuch, sie wurden von einer besonders
heftigen Schlägerei, von der in der vergangenen Woche berichtet worden war, vom Kommen abgehalten. In einer Ecke des Pubs stand ein altmodisches, kastenförmiges Farb-TV-Gerät, das noch immer funktionierte. Jemand schaltete es für die Nachrichten ein, und alle hörten ein paar Minuten lang auf zu reden, sie lachten höhnisch und spuckten, als Felicitas, der computerisierte Liebling der Nation, durch einen Vorhang von orangefarbenen Haaren und Wimpern verkündete, im Zoo sei ein Schimpansenbaby geboren worden. Die Bilder zeigten Felicitas, wie sie das kleine Wesen streichelte, das von ihrer elektronischen Zärtlichkeit völlig entnervt war. »Aaah! Ist er nicht prächtig? Morgen kehre ich in den Zoo zurück, um zu sehen, wie sich Clarence, das Kamel, herausmacht. Und wie es aussieht, werden wir morgen wieder so schönes Wetter haben wie heute, ist das nicht toll? Ich fürchte jedoch, wir haben einige etwas weniger schöne Nachrichten. Hier ist Bill, der euch mehr davon berichten wird.« Felicitas winkte ein affektiertes ›auf Wiedersehen‹ und William, eine Gereifte-Vaterfigur-Computersimulation mit wohltönender Baritonstimme, richtete die freundlichen Glubschaugen auf die Kamera. »Ja, Felicitas hat recht. Jene von euch daheim, die Mütter und Väter sind, werden wissen, daß Kinder nicht immer das tun können, was ihnen gefällt. Nun ja, das Vereinigte Königreich mag nicht so vereinigt sein, wie es einst gewesen war, aber wir halten es alle für eine einzige glückliche Familie. Erkennt ihr diesen Ort?« Auf dem Bildschirm erschien ein Bild der Isle of Man. »Wie ich annehme, haben viele von euch dort glückliche Ferien verbracht. Ich bin traurig darüber, sagen zu müssen, daß sie ihre Unabhängigkeit erklärt haben. Hier ist ein Meinungsbild aus dem Unterhaus…«
Das Keifen und das Gebrüll von Parlamentsmitgliedern hob sich über das Miauen und das kreischende Gelächter im Pub. Christy konnte das Folgende kaum verstehen, und bald schaltete der Wirt den Fernseher ab. »Muß bald gehen«, sagte Beatrice. »Haste mal wieder jemanden auf dem Klo aufgegabelt, was?« höhnte Rita. »Möchte noch nich mal als Leiche mit dem Pack zusammen gesehen werden. Ich hab unten in Brixton ein Date mit einem Typen, wirklich erste Sahne, stinkreich. Er wird mir ein Essen bezahlen, Wein, Steaks – wollt ihr mitkommen?« »Du wärst weniger widerlich, wenn du nicht so tun würdest, als würdest du’s genießen. Erniedrigend, das ist dein Leben.« »Rita, manchmal frag ich mich, wie deine beiden Zwillinge geboren werden konnten. War das ‘ne unbefleckte Empfängnis oder sowas? ‘natürlich genieß ich’s, und ich sag dir noch was, ich genieß es verteufelt noch mal viel mehr, seitdem ich aufgehört hab, dieses Neuropepsi zu trinken.« Lachend verließ Beatrice den Pub, und die anderen drei kamen sich langweilig und alt vor. Christy dachte bitter, sie ist die einzige, die herausfindet, ob Sex mit oder ohne Neuropepsi besser ist. »Ruf ihn an!« sagte Ellen und blickte sie mit zusammengekniffenen Augen an. Und am Ende war’s Ellen, die Simons Nummer wählte, während sie draußen neben Christy in dem klammen, stinkenden Flur vor den Toiletten stand. Draußen vor dem Pub hatte eine Schlägerei angefangen. Als ein Ziegelstein durchs Fenster flog, nahmen die drei Frauen das als Signal zu gehen. Sie schoben sich durch die Menge und um die streitenden Männer und Frauen herum und gingen nach Smiles zurück, wo Ellen ihr schlafendes Kind aus Ritas Zelt
mitnahm. Die Zwillinge, Dimelza und Beatricens Baby waren wie junge Hunde zu einem Knäuel zusammengerollt. Christy starrte neidisch auf das weiche, warme Bündel und wünschte sich, sie hätte nur etwas halb so Behagliches, woran sie sich des Nachts festhalten könnte. Die drei Frauen küßten einander, noch immer aufgedreht und angeheitert von ihrem Abend draußen. Christy wandte sich um und ging über den Schlamm nach Hause, wobei sie versuchte, auf die harten Stellen zu treten, die von der Sonne des Tages zusammengebacken worden waren. Die matschigen Furchen waren noch immer faulige Gräben voller Müll, Seifenwasser, Urin und Scheiße, worin die Ratten schwärmten. Bei ihrer Mutter war Christy kurzzeitig von dem Durchfall erlöst gewesen, eine der Belohnungen für das Leben in Smiles. Die Lichter des Pubs und das Verlangen in Simons Stimme schwanden rasch dahin, als das Lager sie wieder verschluckte. Eine Party in der Nähe des Waschhauses endete mit einer Schlägerei; sie vernahm Gekreisch, als Flaschen zerbrachen, und eine Frau schluchzte. Die Zelte rumpelten von Husten, Wimmern, Gegrummel, Seufzer, raspelndem Atem, Flüchen, sogar im Schlaf weinenden Kinder. Wenige Menschen schliefen gut oder gleichmäßig. Die zerbrechlichen Wohnwagen schaukelten, wenn sich die Menschen darin wanden, um es sich auf dem unebenen Boden ein wenig gemütlicher zu machen, wenn sich Paare für einige wenige Sekunden des Vergessens liebten und die Kinder voller Anspannung auf die fremdartigen Grunzer und Pruster der Erwachsenen lauschten. Weil elektrisches Licht fehlte, waren die Nächte über Smiles dunkler, überhaupt kein Londoner Himmel. Christy sah auf und erblickte den glatten, selbstzufriedenen Knopf des vollen Mondes, der ihrer beider wachsende Leidenschaft regulierte.
In ihrem Wohnwagen war es hell, obgleich sie ihn abgeschlossen hatte. Entweder hatte ein Freund das Licht als Begrüßung für sie angelassen, was gefährlich war, oder Sean wartete auf sie. Sie hatte keine Angst. Ihr Gesicht trug bereits die Maske einer städtischen Abgebrühtheit, hinter der sie allein durch unbeleuchtete Straßen gehen, auf tote Ratten treten und sich ihren Weg durch eine betrunkene Menge bahnen konnte. Christy bewegte die Schultern, um den Rucksack abzustreifen, und schwang ihn gegen die Tür, um sie zu öffnen. Seans Gesicht war verschlossen, mürrisch und elend, ein Ausdruck, der sie einmal sehr bewegt hatte. »Hallo! Danke, daß du das Licht angemacht hast«, wehte ihre Stimme gegen seine steinernen Ruinen. »Du bist lange geblieben.« Sie setzte sich auf den Boden, so weit von ihm entfernt, wie es an diesem winzigen Ort nur möglich war. »Es war wundervoll, ich fühle mich wirklich so, als hätte ich Ferien gehabt. Wunderbare Spaziergänge und lange Gespräche mit meiner Mutter – möchtest du einen Apfel?« Sie reichte ihm einen kleinen verschrumpelten Winterapfel, einen von denen, die er mochte, die nach einem Winter außerhalb des Hauses prächtig dufteten. Es war alles, was sie ihm geben konnte. Er glaubte das ebenfalls, während er den Apfel mit fünf Bissen aufaß und wartete. »Nun, was ist hier losgewesen?« »Die Spielgruppe ist ohne dich auseinandergefallen, es wird dich also freuen zu hören, daß du unersetzlich bist. Die meisten Kinder haben unten am Fluß gespielt, und dein Freund Simon ist seit Tagen nicht aufgetaucht.« »Wirklich? Was ist los mit ihm?« »Ihm ist seine Vorliebe für Philantropie und Elendsviertel abhanden gekommen. Ich nehme an, er wird jetzt zurückkehren.«
Sie sah zu Boden, weg von seinem verbitterten Gesicht. Es war klar, daß er so über mich herfallen würde, dachte sie, mir Schuldgefühle wegen der Kinder einpflanzen würde, ohne irgendwelche Gefühle zu erwähnen, die er mir gegenüber vielleicht hat. Er würde niemals sagen, ich vermißte dich. Sie begann sehr rasch zu sprechen, über alles andere, nur nicht über Simon. »Ich habe im Pub in den Nachrichten was Lächerliches gehört. Die Isle of Man hat ihre Unabhängigkeit erklärt! Zunächst habe ich gedacht, das wär ein Jux, aber dann haben sie all diese Auszüge aus Reden im Unterhaus gebracht, weißt du, der Feind im Innern und der Verräter vor den Toren, obwohl, wie jemand beides sein kann, versteh ich nicht. Und dann ein wunderbarer Mann, der sich gegen etwas mit Namen Tynwald ereiferte, es ging um Tyrannei und den Kampf um ihre angestammten Rechte… Sean? Find’st du das nicht auch komisch?« »Es macht dir nichts aus, daß ich reingekommen bin?« »Natürlich nicht. Es war ziemlich nett, daß das Licht gebrannt hat.« »Du hast niemand anderen erwartet?« »Wen?« »Ellen. Oder Simon.« Der Name schwirrte wie ein Moskito in seinem Kopf. Und die einzige Möglichkeit, wie er die juckenden, roten, häßlichen Stöße abmildern konnte, bestand darin, über ihn nachzudenken, zu brüten. Sean hatte nicht die Absicht gehabt, ihn zu erwähnen, aber der Moskito hatte ihm gerade frisches Gift injiziert. »Natürlich habe ich geglaubt, daß du es bist.« Er legte die Hand auf ihre knochigen braunen Finger. Jede Nacht, seitdem sie gegangen war, hatte er von ihr geträumt. Sie sah ihn fest an, ermunterte ihn jedoch nicht. Auf dem Rückweg
von Devon hatte sie sich entschlossen, daß es kein Verrat wäre, wenn sie mit Simon schliefe, so lange sie nicht mit Sean schliefe. Ihr Körper hatte diesen Vertrag bereits abgeschlossen und versteifte sich in nervöser Abwehr. Sean fühlte sich zur entferntesten Ecke des schmalen Betts zurückgeschleudert, jenes Bett, in das sie so viele Male mitten in der Nacht gefallen waren. Nicht nur der Verlust ihres sexuellen Interesses an ihm schmerzte, das war eine alte Geschichte. Sondern daß sie diesen unfähigen, diesen schlaffen Mittelklassen-Windhund haben wollte – eines baldigen Tages würde sich ihr Wohnwagen unter ihrer beider Lust wiegen, und er würde allein dort drüben liegen und ihnen zuhören… Sean dachte an die Kämpfe zwischen Männern und Frauen, die er seit Jahren jede Nacht gesehen und gehört hatte. Manchmal war er dazwischengetreten, seit längerem jedoch nicht mehr, nicht, seitdem das Gekreisch vor Wut und Enttäuschung etwas im eigenen Herzen heraufrief. Er wußte, er sollte heimgehen, konnte jedoch keinen Finger rühren. Christy beobachtete die verwaschene Wand seines Gesichts. Sie fühlte sich roh, zur Abwechslung einmal begierig, froh darüber, daß er nur so geringe Fähigkeit hatte, seine Gefühle auszudrücken. Im Vakuum seiner Gefühle blühten die ihren; sie wollte in großen Räumen umherstreifen und die ganze Nacht über reden. Erneut hatte sie die Fäuste geballt, die Furchen hatten sich wie von selbst wieder in ihre Stirn gegraben, und sie zog unentwegt die Lippen zwischen die Zähne und ließ sie wieder los. O ja, sie war zurück. »Sean?« »Christy?« »Ich bin so müde. Laß mich bitte schlafen!« Früher haben wir bis vier Uhr morgens geredet, dachte er, als sie ihm zum Trost eine Tüte mit Äpfeln reichte.
Eingeschnappt, aber nicht das Herz gebrochen, dachte Christy erleichtert, als sie unter die Decken schlüpfte, vollkommen bekleidet und ungewaschen. Der nächste Morgen war blau und golden vor Optimismus. Kristallenes Sonnenlicht wärmte und umschmeichelte die Straßen, die unter Simons Fahrrad dahinschnurrten. Blasse Gesichter spürten, wie die Sonne das Blut unter der Haut erweckte, und wandten sich wie Blumen dem gütigen Himmel zu. Vom Markt der North Road roch Simon den süßen Duft, den ganze Wagenladungen von Erdbeeren ausbluteten. Fenster glitzerten, und der Fluß war durchschossen von Silber und flüssigem Türkis. Möwen kreischten und lachten spöttisch, zynische Stadtvögel, die auf den eiligen Strom von Müll und toten Fischen niederstürzten. Der Fluß starb, obgleich er im richtigen Licht noch immer gut aussah. Simons Füße tanzten auf den Pedalen, seine blauen Augen strahlten, und er verspürte ein festes Hämmern in der Brust, das ihm so unvertraut war, daß er sich fragte, ob er einen Herzanfall bekäme. Nein, dachte er, ich werde dem Glück begegnen, ich werde Christy sehen und ihr sagen, daß ich sie liebe. Seine plötzlich jungenhaften Augen stöberten jede Einzelheit dieser Szene auf, um das Bild der Hoffnung aufzuzeichnen. Selbst in diesem Licht glänzte Smiles nicht, obwohl der Schlamm, das korrodierte Blech und die grauen Zeltbahnen ein paar Stufen heller aussahen, und die zerlumpte Wäsche auf den Leinen zwischen den Zelten ein bißchen wie Flaggen. Er radelte direkt zur Spielgruppe und ließ die vier Kinder ein, die draußen gewartet hatten. Die Säcke der UN hatte jemand bereits zur Tür gezogen, was er als Anzeichen dafür ansah, daß Christy hier war. Er mischte das Milchpulver in dem großen roten Plastikkrug, und die Kinder sahen ihm dabei zu. Simons Blick war schärfer geworden, entweder aus Liebe, Hunger oder aufgrund seiner mehrtägigen Abwesenheit. Er
sah, wie unangemessen die Kinder bekleidet waren, sie trugen eingelaufene T-Shirts und Unterhosen voller Löcher. Nur Lilys Füße waren bedeckt, von weichen gelben Hausschuhen, die aussahen wie Kähne. Die übrigen gingen barfuß durch den Schlamm, der gespickt war von Glasscherben und Nägeln. Von allen Kindern war lediglich Dimelza, die noch nicht eingetroffen war, normalerweise sorgfältig in schreiend bunte Nylonsachen gekleidet. Auf den vier kleinen Gesichtern rund um den Tisch klebten noch immer die Überreste der letzten Mahlzeit vor dem Zubettgehen, und die Augen waren bedeckt vom Staub des Schlafs, ihre Haare ein einziges Wirrwarr. Als ihn Lily anlächelte, fielen Simon zwei verrottete Zähne auf. Man würde die Kinder bald entlausen müssen. Der Raum, der den Kindern im Vergleich zu ihren Zelten wie ein Palast erschien, wirkte auf Simon im grellen Sonnenlicht verfallen. Zeichnungen und Gemälde der Kinder bedeckten die Hälfte der riesigen feuchten Flecken auf den Wänden, und der verrottete Linoleumboden war verkrustet von Farbe, Essensresten, Erbrochenem und Urin, obgleich er täglich mit einem Desinfektionsmittel geschrubbt wurde. Der Verfall war wie ein unersättlicher Schwamm. Jedes einzelne Möbelstück und jedes improvisierte Spielzeug war zerbrochen, zwischen den Pappen und dem Klebeband vor den zerbrochenen Scheiben klafften Lücken, und die offenen Stufen waren eine Todesfalle für die kleineren Kinder. Christy kam herein, während er sich noch immer im Zustand erhöhter Aufmerksamkeit befand, und ihr Gesicht war das Lebendigste von allem. Ihre Haut war glatt und klar von ihren Ferien, und ihre grünlichen Augen waren unendlich freundlich, als sie seinem Blick begegnete. Dann umringten sie die Kinder, und sie war nur noch von der Hüfte aufwärts sichtbar. Sie verteilte Brot und Streicheleinheiten und Befehle. Noch
lange, nachdem sie weggesehen hatte, hielt er den Blick auf sie gerichtet. Es gab eine Zeit, da hätte der warme Blick, als sie eintrat, ausgereicht, daß er tagelang nicht mehr erschienen wäre. Jetzt verlangte es ihn nach weit mehr, er war bereit, ihr den ganzen Morgen über zu folgen, genau wie die Kinder, zwar ruhiger, doch nicht weniger beharrlich. Simon wand sich aus dem winzigen Holzstuhl und ging zu ihr hinüber. Er wollte das Vergnügen genießen, ihr nahe genug zu sein, daß er ihr Haar riechen, ihre Nasenlöcher und die dunklen Wimpern sehen konnte. Sie wirkte amüsiert, trat daraufhin einen Schritt zurück. Sie war ebenso groß wie er. So nah waren sie sich noch nie gewesen, stets hatte eine Schicht von Kindern zwischen ihnen gelegen. Christy war verlegen. Sie wußte, er starrte sie die ganze Zeit über an, und sie versuchte zu vermeiden, ihn ihrerseits anzublicken. Sie spannte den Körper an, als sie an ihm vorüberging, doch immer lag der Blick seiner blauen Augen unverwandt auf ihr, und er lächelte. Er sah jünger, runder, glücklicher aus. Sein Gesicht war wie ein Planet, der Licht ausstrahlte, das Energiezentrum ihres Raums, ihre begierigen Augen wurden immer und immer wieder zu ihm zurückgezogen. Simon öffnete die Tür unten, und die Kinder, dreißig an der Zahl, jetzt, nachdem sich herumgesprochen hatte, daß Christy zurückgekehrt war, strömten wie ein kreischender Wirbelsturm hinaus. Das große Rechteck inmitten der Wohntürme war eine einzige zusammengebackene Schlammfläche, mit gelblichen Grassprößlingen, die in den Schlamm getreten worden waren. Es sah aus wie ein Kopf, der vorgab, nicht kahl zu sein, dachte Christy, während sie auf einem Betonbrocken saß, der von einem der Gebäude herabgefallen war. Sie rückte beiseite, um Platz für ihn zu machen, denn sie wußte, daß er käme.
Seite an Seite saßen sie da und beobachteten die Kinder und, verstohlen, einander. Sie hielten die Beine ausgestreckt, vier schäbige blaue parallele Baumwollinien. Es war seltsam, so dazusitzen, in Berührungsnähe zu einer Frau, die er einmal für unnahbar gehalten hatte. Um das zu überprüfen, nahm Simon ihre dünne braune Hand und spreizte sie in der eigenen schwereren Hand, um die viereckigen Fingerspitzen mit den schmutzigen Nägeln zu untersuchen. Sie lehnte sich zurück und beobachtete ihre Hand, als handele es sich dabei um ein Spielzeug, das er gerade reparierte. Sie wollte ihm nicht hier in aller Öffentlichkeit ihre Zuneigung zeigen, vor den Kindern und den unbekannten Augen in den leeren Fenstern. Ihn zu berühren, war jedoch so natürlich, daß sie einen Arm um ihn legte und durch das Hemd spürte, wie sein muskulöser Rücken schwitzte. »Wie ich am Telefon gesagt habe, ich habe dich wirklich vermißt.« »Ich habe eine Menge über dich nachgedacht, während ich weg war.« »Wo bist du gewesen?« »Meine Mutter besuchen, in Devon. Hat Sean dir nichts gesagt?« »Er hatte offenbar keine Lust, und Ellen hatte deine Adresse nicht. Ich hatte soviel Angst, du könntest nicht zurückkehren.« »Es fällt gar nicht so leicht, von Smiles wegzugehen.« »Möchtest du’s?« »Nicht wirklich. Ich wüßte nicht, wo ich sonst hingehen sollte. Bei meiner Mutter war’s idyllisch, ein paar Tage lang, aber dann entdeckte ich, daß ich die ganze Zeit über diesen Ort hier nachdachte. Über dich. Also habe ich mir gedacht, ich könnte ebensogut zurückkommen.« »Ich möchte mehr von dir sehen, Christy, nicht nur deine Mutter Erde-Seite.«
»Das wohl kaum. Eher die alte Mutter Hubbard.« »Ist ja auch egal. Ohne die Kinder um dich rum.« »Darüber habe ich auch nachgedacht, aber ich weiß nicht, wo wir hingehen können. Wir können nicht in meinen Wohnwagen, weil Sean nebenan alles mithören wird, was wir tun – durch diese dünnen Wände kannst du alles hören. Und ich kann nicht zu dir nach Hause mitkommen.« »Na ja, müssen wir eben halt – ausgehen.« Ferne Erinnerungen rührten sich, von Frauen, die man mit ins Kino oder ins Restaurant nahm. Er konnte sich Christy in keinem von beiden vorstellen. »Überhaupt, warum können wir nicht in meine Wohnung gehen?« »Wegen deiner Frau, natürlich. Und deinem Sohn – er lebt doch bestimmt manchmal bei dir?« Sie glaubte, er führe vielleicht eine dieser legendären, qualvollen offenen Ehen. Diese Frau mit der kleinen runden Brille, die sie in ein hübsches Schlafzimmer bäte. »Aber meine Frau ist tot, und Merlin lebt noch immer bei meinen Eltern.« »Wann ist sie gestorben? Sie ist doch vergangenes Jahr hergekommen.« Noch immer war Simon genügend von Jessicas Fähigkeit beeindruckt, die Hand niederfallen zu lassen und zuzudrücken. »Oh! Du meinst Rose, meine Schwester. Ich habe sie gebeten, hierher zu kommen und zu sagen, daß ich krank bin.« »Schrecklich schick und mit scharfem Blick?« »Das ist sie.« »Also besteht kein Grund für Zurückhaltung, und man muß auch nicht die ganze Zeit über deine Schultern sehen und sich schuldig fühlen?« »Na ja, da ist Sean.« »Oh, ihm gegenüber fühle ich mich nicht schuldig.«
Christy küßte ihn voller Begeisterung und hielt dabei die Augen geöffnet, um zu sehen, wie er’s aufnähme. Ein lautes Wolfsgeheul ertönte aus einem der verlassenen Gebäude. »Ich könnte nicht behaupten, daß ich mich hier völlig wohl fühle.« Aber er ließ sie nicht los. Dimelza kam zu ihnen. Das Schreckliche bei ihr ist, dachte Christy oftmals, daß sie mit drei vielleicht schon alles gesehen hat. »Is das jetz dain Froiind? Wird er jetz die Hosen runterziehen?« Simon seufzte, als Dimelza auf seine Knie kletterte und er und Christy sich wieder in ihre eigenen Körper zurückzogen. »Was ist denn los?« Dimelza weinte, heiße salzige Tränen tropften ihr das Kinn herab auf die Brust. »Sie haben Douane wieder mitgenommen.« »Oh. Hat er wieder was aus einem Geschäft mitgehen lassen?« »Nur Bonbons. Sie haben ihn ins Gefängnis gesteckt.« »Nein, das ist kein Gefängnis. Es ist wie ein großes Haus mit vielen Spielsachen und Kindern. Ich werde dich zu ihm mitnehmen.« »Sie werden ihn windelweich prügeln, sagt meine Mami.« »Nein. Sie werden sehr nett zu ihm sein, er ist erst sieben.« »Jaa? Sie ham ‘ne Menge Spielsachen da?« »Millionen.« »Sie schicken mich dahin, wenn ich das nächste Mal Bonbons klaue?« »Du kannst nicht weggehen, wir würden dich vermissen. Aber ich nehme dich in ein paar Tagen zu Douane mit.«
Sie rannte davon. Christy runzelte die Stirn. »Ein reiches Kind könnte die halbe Spielwarenabteilung von Harrod’s ausräumen, ohne in Gewahrsam genommen zu werden.« »Ich weiß.« »Seine Mutti und sein Papi würden einfach für ‘ne Analyse zahlen.« »Ja«, sagte Simon und erinnerte sich daran, wie Madge Rose fast dazu gezwungen hatte, zu einem Psychiater zu gehen, als sie zwölf Jahre alt gewesen war und ihrer Mutter ständig gesagt hatte, sie könne sie nicht ausstehen. »Ist ‘ne Ausrede, um Kinder von Müttern wie Beatrice wegzubekommen.« »Sie ist nicht so schlimm. Sie schlägt sie nicht viel, und sie ernährt sie und hält sie ziemlich sauber, wenn sie da ist.« »Was nachts niemals der Fall ist.« »Wenn sie eine Oberklassen-Hure mit einem Appartement in Chelsea wäre, würde das die Behörden nicht im geringsten scheren.« »Wir sind die Behörde. Ich rufe Jill an, sehe zu, was ich tun kann. Sage, es ist besser, wenn die drei Kinder beisammen sind.« »Dann werden sie sie alle drei einbuchten. Kinderheime sind im Augenblick die einzige wachsende Industrie. Ich habe vergangenen Monat einen Bericht darüber gelesen; die Regierung fürchtet, in den Lagern wird eine Generation von Kriminellen und Subversiven ausgebrütet, also pferchen sie die Kinder in Heimen zusammen, um ihnen die traditionellen Werte einzutrichtern, was das auch immer sein mag.« »Es würde viel helfen, wenn man sie einfach in die Schule ließe.« »Können nicht zulassen, daß sie Herz und Hirn der wahren kleinen Briten infizieren. Wie geht’s übrigens deinem Sohn?« »Das war aber eine ganz fiese Assoziation, Christy!«
»Kann ich nichts dafür. Wenn ich mir diese Bande ansehe, beginne ich mich stets über die zukünftige Elite zu wundern, privilegierte kleine Fiffis wie er.« »Er ist’s, und er ist’s nicht. Privilegiert.« »Ich schätze mal, er kann es sich leisten, emotionale Probleme zu haben.« Sie saßen schweigend da, weiter voneinander entfernt als zuvor. Christy verspürte Bitterkeit, und Simon war erschöpft bei der Aussicht, wofür er sich ihr gegenüber alles rechtfertigen müßte. In gewisser Hinsicht wollte er sich vor ihr niederlegen und sie über sich richten lassen. Aber das fiele so schwer… er spürte erneut ihre Hand auf der seinen und umklammerte sie. »Ich wappne mich gerade gegen dein Mißfallen.« »Weswegen?« »Oh, fast alles, was ich bin.« »Ich kenne dich noch nicht einmal. Wann wollen wir uns richtig treffen?« »Komm doch heute nachmittag mit zu mir nach Hause.« »Ich habe um vier Uhr Versammlung. Wegen dieser lächerlichen Antiquitäten da auf der Isle of Man, jeder ist echt sauer darüber.« »Was geht da eigentlich genau vor sich? Ich hab’s nicht weiter verfolgt.« »Ich habe heute morgen zum erstenmal seit Monaten den Morning Glory gekauft. Du weißt, die Insel ist Kronbesitz, hat jedoch ein eigenes Parlament und hat stets ihre eigenen Gesetze gemacht und die eigenen Steuern erhoben. Nun, die Regierung hat ihre Rechte rückgängig gemacht und versucht, deren Parlament zu schließen, das Tynwald. Sind schrecklich reich, da. Wenn sie die üblichen Steuern zahlen müßten, wäre für die Regierung einiges zu holen. Wie dem auch sei, vor einigen Tagen hielten sie im Tynwald eine große Zeremonie ab
und erklärten ihre Unabhängigkeit. Sie hatten da ein Bild von all den ehrwürdigen Männern, wie Druiden, die draußen vor einem Zelt auf einem Hügel saßen. Sie haben die Schiffahrtsstraßen von Peel und Douglas vermint und den Flughafen Ronaldsway geschlossen, alle Ferienbuchungen storniert und den Gouverneur und alle Nicht-Einheimischen deportiert. Sie haben Vollbeschäftigung und eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen in Europa, also, sagen sie, wer braucht da Britannien?« »Großartig«, sagte Simon und ließ vage Zustimmung erkennen. »Nur daß es vielleicht einen Krieg geben wird. Die Regierung droht mit Entsendung der Flotte.« »Du machst Witze!« »Na ja, in Wahrheit besitzt die Navy bloß noch zwei Schiffe, aber man redet davon, beide hinzuschicken, mit ein paar netten Lenkwaffen, die sie für ihr Leben gern ausprobieren möchten.« »Ich komme mit dir zur Versammlung«, sagte Simon eilig, als sie Schmerzensschreie vernahmen. Einer der Zwillinge war auf einen häßlichen Nagel getreten, und Simon mußte den Erste-Hilfe-Kasten holen.
KAPITEL 17
Als er sie zusammen, als Pärchen, den Container betreten sah, zuckte Sean zusammen und blickte Christy so vorwurfsvoll an, daß sie sich wünschte, sie hätte sich nicht dazu entschlossen, die Sache bis auf die Spitze zu treiben. Aber natürlich war er Versammlungsleiter, und er war viel zu sehr ein professioneller Redner, um sich auch nur mehr als einen Augenblick durcheinanderbringen zu lassen. Er hatte das, was Martin – der’s gleichfalls gehabt hatte –, ein flottes Mundwerk nannte, dachte Christy, während sie jenes elastische und ausdrucksvolle Gehabe beobachtete. »… schaut euch diese Schlagzeile hier vom heutigen Evening Hope an: X-BEINER: WIR X-EN EUCH AUS, IHR SCHWEINE!. Und ein Bild von ein paar Leuten, die alte Gewehre und Stöcke und Brotmesser in Händen halten. Dann, hier, auf Seite fünf, schreiben sie einen Wettbewerb aus. Man bekommt ein ›Britannia Rules The Tynwald‹∗-T-Shirt, wenn sie deinen Witz über die Mangy Manxies abdrucken, wie sie sie beharrlich nennen. Wißt ihr, wieviel ihre KanonenbootPolitik kosten wird? Selbst wenn sie keine Invasion starten oder sie mit Atombomben angreifen, wie es manche Leute außerhalb des Unterhauses beim Mittagessen verlangen? Genug, um uns allen wieder ein Dach über dem Kopf zu verschaffen und uns für den Rest unseres Lebens zu ernähren…« ∗
Anspielung auf die Hymne: Britannia Rules the Waves (Britannien beherrscht die Meere) – Anm. d. Übers.
Simon war von dem Zorn überrascht, den er rings um sich her sah und spürte. Die Apathie in Smiles hatte ihn stets bekümmert. Wenn die Menschen imstande waren, solche Bedingungen hinzunehmen, geschwächt, nicht jedoch wirklich an Körper und Geist zerbrochen – wie sollten die Dinge dann jemals besser werden? Aber heute lag ein Brand in der Luft, er roch es erleichtert und starrte den Mann an, der ihn entfacht hatte. Die Rivalität einmal beiseitegeschoben, hätte er von Sean, der privat so sauertöpfisch war, niemals erwartet, daß er ein derart machtvoller Redner sein konnte. Am Fenster waren Gesichter aufgetaucht, und weitere Menschen versammelten sich vor dem Eingang. Aller Augen waren weit geöffnet, in jener fiebrigen Vitalität, die Menschen überkommt, wenn ihnen jäh aufgeht, daß es etwas gibt, das sie tun können. Als er sah, wie viele Menschen dort waren, bat Sean sie mit gekonnter Schauspielermanier nach draußen, wo er sich auf einen Tisch stellte und sich von ihnen umringen ließ. Er war erregt, er fühlte sich leicht, in Hochstimmung aus Freude darüber, daß er zurecht entrüstet sein konnte. Er sah, wie er sie beeinflußte, selbst jene beiden, die sich heimlich umschlungen hielten. Die Worte pochten rasch und rhythmisch in seinem Kopf, wie Hufschläge. »… ich sehe neue Gesichter um mich her. Ihr seid aufgewacht, stimmt’s? Nun, werdet ihr euch wieder schlafen legen, werdet ihr wieder schnarchend im Bett liegen, wenn euch die Regierung erneut einen Tritt versetzt und Millionen dafür vergeudet, ein paar Menschen auf einer winzigen Insel in Angst und Schrecken zu versetzen?« »Nein!« »Sollen wir dann also zum Unterhaus gehen und denen sagen, was wir denken? Überall in London wird marschiert, von Squattery und Eel Brook Common und Tent City. Sie halten den Verkehr auf und blockieren die Straßen, sie erinnern
diese fetten Politiker daran, wie die Armut aussieht. Erinnern sie daran, daß auch wir eine Meinung haben und daß wir nicht deshalb mit Schmutz und Ratten und leeren Bäuchen leben, weil es uns so gefällt, und wenn das Geld, das für uns ausgegeben werden sollte, für einen dummen, sinnlosen, hysterischen Krieg ausgegeben wird, wissen wir, was wir da zu tun haben. Sollen wir ihnen das zeigen?« »Ja!« Während sie mit den übrigen zusammen brüllte, dachte Ellen, wir hören uns an wie kleine Kinder im Theater. Wir sind so daran gewöhnt, daß man mit uns spielt, daß wir jeden Anführer akzeptieren, mochte es Sean sein oder irgendein Kriecher aus dem Freizeitministerium, der mit Neuropepsi und Mitleid um sich wirft. Ellen sprang auf, ermuntert von Christy, Beatrice und Rita. Sie wirkte sehr klein und verloren. Während sie sprach, drückte sie Jack an sich und spielte mit seinen Fingern. »Ich halte es für keine gute Idee zu marschieren. Es ist denen egal, was wir denken, diesen Platinscheißern da im Unterhaus, jedem einzelnen von ihnen. Wir können nicht wählen, wir haben keine Karte, wir haben keine Rechte. Bis wir Britcards bekommen, bis wir wieder Menschen sind, können wir sie nicht bekämpfen. Das hat man zuvor schon versucht, ich hab’s gesehen, ich bin länger hier als jeder einzelne von euch, seit ich zehn war. Als es mit den Lagern losging, in den späten Achtzigern, hat es die ganze Zeit über Märsche und Brände und Aufruhr gegeben. Mein Vater ist in einem davon umgekommen. Daraufhin haben sie Rationen und Neuropepsi und Britcards eingeführt, und wir alle sind ganz still geworden.« »Was sollen wir also tun? Weiterhin hier rumsitzen wie die Idioten?« Sean spürte, wie ihre Energien und ihr Ärger wieder diffuser wurde; einige Leute wanderten bereits ab, er wollte sie zurückzerren und in ihnen den Funken für Tat und Gewalt
entzünden, nach denen es seine Seele verlangte. Sein rascher Verstand und sein Zorn standen in völligem Gegensatz zu Ellens langsamer Zähigkeit. »Nein. Aber diesmal sollten wir clever sein und genau wissen, was wir wollen. Ich halte diesen Krieg für ein Ablenkungsmanöver, sie würden das Geld sowieso nicht für uns ausgeben. Wenn wir jetzt nach Westminster marschieren, wird’s Straßenkämpfe geben, Gefängnis, morgen werden wir wieder hier zurück sein, und sie werden uns völlig vergessen haben. Meiner Ansicht nach sollten wir das Lager dorthin versetzen.« »Was?« fragte Sean ungläubig. Ein paar Leute lachten, andere traten näher heran, um zu hören, was sie zu sagen hatte. »Anders werden sie’s niemals mitbekommen, wie das so ist, oder? Wir sollten unsere Zelte, Kinder, Krüppel und Babies mitnehmen.« Sie drückte Jack an sich und lächelte über ihre Idee, von der sie ebenso überrascht war wie alle anderen. »Baut sowas wie ein zweites Smiles! Direkt vor dem Parlamentsgebäude, was ist mit diesen Gärten am Fluß? Geht still und heimlich dorthin, immer nur ein paar auf einmal, so daß sie nicht zu mißtrauisch werden.« »Benutzt Teds Lastwagen, um die Zelte und Babies und die alten Knacker hinzubringen, die nicht laufen können«, rief Beatrice übermütig. Sie hatte die Nase voll von Ted, nachdem sie jahrelang sein verfaultes Gemüse und Obst gegessen hatte, und sie führte ein halbes Dutzend Frauen über den Schutt zu seinem Laster. Ted hatte das ungewohnte Geschrei und die Aufregung vernommen; er hatte Angst, seitdem sie seine Neuropepsi-Vorräte vernichtet hatten, und als er sie jetzt auf sich zueilen sah, versuchte er, davonzufahren. Einige waren jedoch bereits hinten in den Laster eingebrochen. Er sah im Rückspiegel, wie sie plünderten und zerstörten. Sie waren offenbar mehr an seinem Wagen als an ihm selbst interessiert,
und obgleich der Laster die einzige Quelle seines Lebensunterhalts war, wußte er, daß er Glück hatte, wenn er entkommen konnte. Die sind hart, diese Frauen von Smiles, dachte er, als er aus der Fahrerkabine sprang und davonrannte. Kastrieren dich mir nichts, dir nichts. Und er lief auf die Brücke zu und überhörte dabei das Hohngelächter der Frauen. Er wollte die True Brit Information Agency am Fulham Broadway warnen, daß im Lager unter den Kartenlosen subversive Dinge vor sich gingen. Sie würden ihm den Lastwagen zurückholen und ihm Entschädigung wegen Plünderung zahlen. Hemmungslos lachend warfen die Frauen Teds verrottete Waren hinaus und füllten die Ladefläche mit Zelten, Schlafsäcken und Leuten, die zu alt oder zu jung zum Gehen waren. Beatrice schmierte mit einem Filzschreiber ›Huren gegen den Krieg‹ an die Seite des Lastwagens. Sie schrien alle vor Lachen und Triumph, weil sie dabei waren, sich an ihren Feinden zu rächen, sie hatten sich endlich in Bewegung gesetzt, sie würden’s ihnen zeigen. Als Sean sah, wie die Dinge liefen, hob er die Schultern und stellte sich zu einer Gruppe, die um ein Radio herumstand, das ein Ex-Ingenieur zusammengebastelt hatte. Sie hatten sich darum versammelt, um Ausschnitte aus einer Manx-Debatte im Unterhaus zu verfolgen, die immer wieder von Bekanntmachungen unterbrochen wurden, es habe Verhaftungen und Verkehrsstaus gegeben. Obgleich man von einer Debatte sprach, gab es offensichtlich keine Meinungsverschiedenheiten zwischen der Regierung und der Opposition. Beider Stimmen hoben sich gemeinsam zu einem Crescendo von Chauvinismus. »… Die Lords von Man waren englisch gewesen, seitdem Edward der Dritte die Insel im Jahre 1333 erobert hatte…« »Kronbesitz…«
»… unsere Bekannten und Freunde wenden sich gegen uns…« »… unverfrorene und unbegründete Forderungen…« »… im Interesse der nationalen Sicherheit…« »… haben ihre eigene schäbige Diktatur über fünfundsechzigtausend Menschen eingerichtet…« »… haben Hitler damit auch nicht durchkommen lassen…« »Wir unterbrechen die Live-Debatte, um Ihnen mitzuteilen, daß die Victoria Street und Whitehall noch immer unpassierbar sind. Und nun zurück ins Unterhaus, wo der Ehrenwerte Abgeordnete von Chalk Farm East dem Haus von seinen Erfahrung als Tank-Fahrer in Tobruk berichten wird.« »Ruhe bitte! Bitte Ruhe!« »… und da nun die Flotte von Llandudno in See sticht, sollen unsere Herzen mit ihr fahren…« »… vergessen wenigstens die Differenzen zwischen unseren Parteien…« »… eine Nation…« »… Verräter…« »… Defätismus…« »… wir benötigen keine Nachhilfestunden in Patriotismus…« »… Britanniens Entschlossenheit.« Irgendein mutiges Unterhausmitglied (Sean konnte weder seinen Namen noch seine Parteizugehörigkeit verstehen) appellierte mit gebrochener Stimme, Ruhe zu bewahren. »Ich bin kein Unilaterist oder Defätist oder irgend so etwas, aber wir sollten meiner Ansicht nach wegen einer solchen Lappalie nicht gleich einen Krieg führen. Es ist doch nicht so, als sei das nationale Überleben gefährdet. Töten ist falsch, und es werden Menschen sterben, wenn diese Schiffe auf der Insel landen.« Ein Bellen und Knurren und Stampfen, als habe ein Rudel Jagdhunde Blut gerochen, drang aus dem Lautsprecher. »… verbreiten Angst und Zaghaftigkeit…«
»… leichtgewichtige liberale Intellektuelle…« »… kein Krocket-Spiel!« (Und, alles andere übertönend:) »Sie sind eine Schande für Ihre Schule, Ihr Regiment und Ihr Land!« Einige weitere Stimmen erhoben sich gegen die Invasion. Die Debatte wurde zu einem unverständlichen Tumult, gelegentlich durchsetzt von einer Stimme, die nach Ordnung rief. Jemand schaltete das Radio ab, und Sean fand sich aus den Korridoren der Macht in den Brunnen der Eifersucht versetzt. Er sah ihnen dabei zu, wie sie sich vorgeblich um etwas zankten, nur um diese Karikatur eines Streites dazu zu benutzen, einander zu berühren und zu lachen. Als er das nächste Mal hinsah, hatten sie die Arme umeinander gelegt. Sie waren von ihm abgeschnitten, als befänden sie sich in einer hellerleuchteten Blase. So hat sie mit mir niemals geflirtet. Das Problem mit dem Verlangen liegt darin, daß es wunderbar für die Teilnehmer, jedoch brutal und häßlich für die Zuschauer ist. Das Problem als Zuschauer besteht darin, daß man zuviel sieht, man ist stets im Weg, während man auf den scharfen, rutschigen Felsen von verletzter Würde und Selbstmitleid zappelt. Sean wandte sich ab und stolperte davon. Nach dem nassen Frühjahr war es wochenlang trocken und sonnig gewesen; Blumen und schmucke Wildkräuter sprossen in Smiles an allen Ecken und Enden, und die Menschen hielten sich weit öfter als sonst im Freien auf. Simon dachte, diese Stimmung hat sie befallen, seitdem die vom Neuropepsi verursachte Schläfrigkeit wie ein Fluch von ihnen genommen worden ist, seitdem die Sonne herausgekommen ist. Die Blumen und die lebhaften Gesichter gaben Smiles einen neapolitanischen Anstrich. Obgleich ich mir nicht vorstellen kann, warum ein Slum im südlichen Italien attraktiver sein
sollte als ein Slum im südlichen London. Er hielt Christy mit den Armen umschlungen, und Christy glaubte noch immer, sie seien diskret gewesen. Sie war sich Sean bewußt, der nur ein paar Meter von ihnen entfernt über dem Radio hockte, und irgend etwas in ihr triumphierte angesichts seiner Niederlage. Sie war froh darum, daß die Menschen des Lagers schließlich selbständig handelten, froh für sie und auch froh deshalb, weil Seans Pseudo-Bürokratie lange genug geherrscht hatte. Er blickte zu ihr auf, sah die Melancholie in ihrem Gesicht, zuckte zurück und nahm rasch wieder Zuflucht beim Radio. Christy war erleichtert, als er weglief und aufhörte, sie zu beobachten, sie zu richten wie Gott. Viele Menschen waren bereits über die Wandsworth Bridge gegangen. Kinder mit Plastiktüten voller Kleider und zerbrochenem Spielzeug liefen herum, als gingen sie in Ferien. Dimelza und Lily waren vom Lastwagen gesprungen, als er sich dem Fluß näherte, und folgten jetzt Mick, der sein ClownKostüm trug und eine melancholische Melodie auf der Trompete blies. Sarah stand hinter ihrem Großvater, der in seinem schwerfälligen Rollstuhl saß. Sie war erschöpft, hatte sie ihn doch bereits zum Sloane Square geschoben, und jetzt nörgelte er, sie solle ihn in die Gegend nördlich des Flusses zurückbringen, das habe etwas zu tun mit der Regierung. Sarah wußte nicht, und es kümmerte sie auch nicht, wovon er redete, wünschte sich jedoch innigst, er hätte den Gebrauch der Stimme statt des Gebrauchs der Beine verloren. Dann sah sie den Laster, der erneut angehalten hatte, und lief hinüber und bat, den Großvater mitzunehmen. Hände griffen von der Ladefläche zu und hoben den erstaunten Großvater in seinem Rollstuhl hoch. Er war eine weitere Wunde, die man vor Westminster zur Schau stellen konnte. Sarahs erstarrtes kleines Gesicht taute auf, als sie ihn verschwinden sah, sie drehte sich
um und lief hinüber zu Dimelza und Lily, tanzte mit beiden zusammen über die Brücke. In der anarchischen, karnevalistischen Ausgelassenheit befangen, wanderten Christy und Simon gleichfalls zur Brücke. Rings um sie her tanzten die Menschen, liefen, gingen, wogten in Richtung aufs Zentrum. Christy dachte, es ist, als seien wir, wie Sean gesagt hat, tatsächlich aufgewacht, nur um uns sofort einem weiteren Traumschlaf zu überlassen, einem spontaneren und aktiveren Traumschlaf. Auf jeden Fall ist es so unwirklich, so mit Simon zusammen zu gehen. Die Arme umeinander geschlungen; ich kann den einen Traum nicht vom anderen unterscheiden. Es ist gefährlich dort oben, es muß gefährlich sein, Polizei und Straßenkämpfe. Ich fürchte mich vor Gewalt, ich bin mir sicher, in irgendeine Falle zu gehen. Aber die Stadt ist in Bewegung, es ist meine Stadt, ich muß hingehen. Auf der Brücke wandte sie sich um und blickte auf das jetzt leere Smiles, das im späten Sommernachmittag erglänzte. Sogar die Zonkies hatten ihre Insel verlassen. Auf der anderen Seite der Brücke kamen sie an Teds Laster vorüber, der wiederum angehalten hatte. Beatrice winkte Christy zu und bot ihr an, sie mitzunehmen, aber Christy schüttelte den Kopf. Nach einer langen Diskussion darüber, wie man den Laster fahren mußte, welchen Weg man benutzen und was man tun sollte, wenn man angekommen war, hatten sich die Entführer dazu entschlossen, durch das südliche London zu fahren und so nah wie möglich an der Lambeth Bridge anzuhalten. Rita, die Fahrerin, vollführte eine wüste Wendung und fuhr schlingernd zurück über die Brücke. Alle Geschäfte in der Wandsworth Bridge Road hatten früh geschlossen, und aus den Wohnungen der Mittelschicht in den oberen Stockwerken spähten erschrockene Gesichter herab. Autos waren mitten auf der Straße verlassen worden, als ihre Besitzer im Radio die Nachrichten von den Horden von
Dieben, Zonkies und Kartenlosen gehört hatten; die in die Londoner Innenstadt einfielen. Simon fragte sich, ob es zum Ende des römischen Imperiums, als die Franken und Westgoten die letzten imperialen Villen und dekadenten Städte bedroht und zerstört hatten, Menschen gegeben hatte, deren Sympathien geteilt gewesen waren: Vielleicht die Sprößlinge römischer Matronen, die von fränkischen Kriegern vergewaltigt worden waren. Menschen, die die ausrangierten Relikte einer erschöpften Zivilisation verachteten, gleichfalls jedoch die destruktiven Kräfte des neuen Bluts fürchteten. Menschen wie er, die sich eigentlich unter den erbarmungslosen Wogen der Geschichte wegducken wollten, statt dessen jedoch in die offene See geschwemmt und dort von verborgenen Klippen zerschmettert wurden. Simon ertappte sich bei der Überlegung, ob seine Fensterscheiben wohl von dieser Menge eingeworfen werden würden, deren Teil er war. Genau vor ihm ging Arm in Arm eine Gruppe von Männern, die er aus Smiles her kannte, und sang: »Auf wessen Seite steht ihr, Jungs, auf wessen Seite steht ihr?« Die rohen, spöttischen Stimmen erinnerten Simon daran, daß es an diesem Nachmittag nur zwei Seiten gab. Der Marsch verlief unorganisiert, und man rief auch keine Parolen, und, was das merkwürdigste war, es tauchte auch keine Polizei auf, obwohl sie in der Ferne Sirenen hörten. Sie bogen in die New King’s Road und trafen dort auf einen weiteren menschlichen Fluß Richtung Osten. Als sie Eel Brook Common erreichten, eilten die Menschen aus ihren Zelten und Hütten, um sich ihnen anzuschließen, und auch hier waren die Geschäfte und Häuser verschlossen, verbarrikadiert gegen eine Macht, die bislang noch niemals losgelassen worden war. Alle
diese Menschen bewegten sich in ruhiger Eile, die Gesichter von einem Zorn entpersönlicht, dessen sie sich noch nicht einmal bewußt waren. Viele trugen Eisenstangen, Flaschen und Stöcke bei sich. Christy dachte, wenn jetzt jemand stolpert, wird er sofort niedergetrampelt, und niemand von uns würde die zerquetschte Masse unter den Füßen bemerken. Nichts kann uns jetzt mehr aufhalten. Ein Polizeihubschrauber schwebte über ihren Köpfen; Infrarotkameras überwachten die lange Schlange, die sich von der Putney Bridge nach Westminster wand, und photographierten die von Furcht und Haß verzerrten Gesichter, die zu ihnen hinaufblickten. Die Straßen waren leer, schließlich besaßen sie die Straßen. Ein Jeep kam mit hoher Geschwindigkeit auf sie zu, er hupte unentwegt die ersten vier Noten von ›Rule Britannia‹. Er strotzte nur so vor Union Jacks und wütenden Männern, die auf den Sitzen standen, mit den Armen winkten und irgend etwas durch Megaphone brüllten. Die ihnen im Weg stehenden Menschen bemerkten gerade noch rechtzeitig, daß der Jeep nicht ausweichen würde, und rannten kreischend auf die Bürgersteige. Als der Jeep auf sie zukam, hörte Christy die schrille Stimme eines Mannes rufen: »Abschaum! Verräter! Wir spucken auf euch! Wir scheißen auf euch! Geht in die Gosse zurück, aus der ihr kommt! Vermehrt euch wie Ratten in euren schmutzigen Slums…« Der Jeep der Patrioten riß ein Loch in die Menge, er fuhr so rasch direkt durch sie hindurch, daß keine Zeit dazu blieb, etwas anderes zu tun, als ihm aus dem Weg zu gehen. Daraufhin folgte ein allgemeines Gerenne und Durcheinanderrufen, um sicherzustellen, daß niemand verletzt war. Später erschien Christy dieser Vorfall der einzige glückliche zu sein; das Blutbad hätte leicht da beginne